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Blankes Entsetzen

Über die Autorin

Hilary Norman ist die Autorin von dreizehn internationalen Bestsellern, die in siebzehn Sprachen übersetzt wurden. Sie lebt mit ihrem Mann in London

Hilary Norman

BLANKES
ENTSETZEN

Aus dem Englischen von
Bianca Güth

BASTEI ENTERTAINMENT

Wie immer gilt mein Dank all jenen, die Zeit und Mühe aufgewendet haben, um mir zu helfen.

Mein besonderer Dank geht an:

Sarah Abel, Koula Antoniou, Howard Barmad, Jennifer Bloch, Ros Chinosky, Sara Fisher, Gillian Green, Peter Johnston, Jonathan Kern, Aleksandar Lazarevic, Herta Norman, Judy Piatkus, Helen Rose, Ann Ryan, die Bibliothek South Chingford sowie Dr. Jonathan Tarlow.

Für Bernhard Grünwald

 

Fall Nr. 5/040573
BOLSOVER, L. F.

Kenntnisnahme/Prüfung

Schwebend

In Arbeit

Abgeschlossen   

1.

Die ganze letzte Februarwoche hindurch lag die Leiche unter einem Stapel Säcke am Boden eines verlassenen Schuppens in einem Schrebergarten bei Claris Green im Londoner Stadtteil Barnet. Kaum ein Jahr zuvor waren auf diesem winzigen Stück Land noch Pflaumen, Tomaten, Erdbeeren und die unterschiedlichsten Blumen gediehen, doch dann verstarb der Besitzer des Gartens, und während des langen Wartens auf einen neuen Pächter waren die Pflanzen verwelkt, unter Unkraut erstickt oder von Spinnweben überzogen worden, und Vandalen hatten sich einen Spaß daraus gemacht, eine Wand des Schuppens einzuschlagen.

Da Spätwinter war und kein neuer Pächter in Sicht, war die Leiche bereits acht Tage unentdeckt geblieben. Nur ein großer, glatter, gesprenkelter Kieselstein, den ein gelangweilter Rowdy durch die zerbrochenen Holzplanken in den Schuppen geschleudert hatte, lag jetzt auf dem Sack direkt über dem linken Schenkel der toten Frau.

Als man sie dann endlich fand, löste der Anblick der Toten bei jedem, der das Pech hatte, sie zu sehen, Ekel und Entsetzen aus. Trotz der fortgeschrittenen Verwesung der Leiche zu diesem Zeitpunkt konnte die Identifizierung rasch erfolgen, denn Lynne Frances Bolsover war sieben Tage zuvor von ihrem Mann als vermisst gemeldet worden. Da man sie seither weder gesehen hatte noch ihre VISA-Karte benutzt worden war, war die Sorge um sie ständig gewachsen. Darüber hinaus wurde zwar Mrs Bolsovers schwarze Ledertasche nie gefunden (ihr Mörder hatte sie kaum eine Meile von dem Schrebergarten entfernt, in der Franklin Road, in einen Müllcontainer geworfen), doch sie trug immer noch ihren roten Pullover und die Bluejeans mit dem Flicken in Gestalt einer Siamkatze auf der rechten Hintertasche. Neben den zahnärztlichen Unterlagen der als vermisst gemeldeten Frau würden diese Kleidungsstücke der Polizei die Sache erleichtern.

Der Familie Bolsover dagegen natürlich nicht.

Der Pathologe würde zu gegebener Zeit feststellen, dass die neunundzwanzigjährige Ehefrau John Bolsovers und Mutter der sechsjährigen Kylie und des vierjährigen Alex an einer massiven Gehirnblutung gestorben war, nachdem man ihr den Schädel mit drei Schlägen auf den Kopf zertrümmert hatte. Die Morduntersuchung, die das Ermittlungsteam der Polizei – das Area Major Investigation Team, kurz AMIT – bereits in die Wege geleitet hatte, würde mit Volldampf abgewickelt und aller Wahrscheinlichkeit nach schnell abgeschlossen werden. Denn die AMIT-Beamten würden rasch herausfinden, dass Mrs Bolsovers Hausärztin Dr. Deirdre Miller ihr vor kurzem Prozac verschrieben hatte, um Lynnes Depressionen zu lindern, unter denen sie seit einer Abtreibung ein Jahr zuvor litt; dass eine Apotheke unweit des Reihenhauses, in dem die Bolsovers lebten, die Verstorbene regelmäßig mit Arnikasalbe für ihre blauen Flecken beliefert hatte; dass laut Pam Wakefield (Lynnes Schwester) und Valerie Golding (ihrer Nachbarin) Lynne regelmäßig tyrannisiert, angeschrien und fast mit Sicherheit auch geschlagen worden war, und zwar von John Bolsover, ihrem Mann; und dass es – diese Information kam von ihrer Schwester Pam – ebenfalls John gewesen war, der auf dem Schwangerschaftsabbruch bestanden hatte, der wiederum Auslöser für Lynnes Depressionen gewesen war.

Bolsover würde mehrere Male verhört, dann verhaftet und wegen des Mordes an seiner Frau angeklagt werden.

Allerdings würde er nie ein Geständnis ablegen.

Weil er unschuldig war.

2.

Die meisten Leute sahen sich zu der Feststellung veranlasst, dass Lizzie Piper Wade eine beneidenswert glückliche Frau war.

»Außer der Sache mit dem armen Jack natürlich«, fügten diejenigen hinzu, die von der Muskeldystrophie ihres mittleren Kindes wussten. »Obwohl selbst das leichter für sie sein muss als für andere Frauen.«

»Andere Frauen« waren diejenigen, die das Pech hatten, nicht mit dem Arzt und Chirurgen Christopher Wade verheiratet zu sein.

Das Leben hatte Lizzie gelehrt, ihr Glück zu schätzen und trotz Jacks schrecklicher Krankheit für viele Dinge dankbar zu sein. Sie war dankbar für Jacks Mut und seinen Humor, seine Intelligenz und Selbstachtung und – vielleicht das Wichtigste – für sein unerschütterliches Vertrauen in die bedingungslose Liebe seiner Familie. Sie war dankbar, dass der zwölfjährige Edward so gesund war wie Sophie, die im März sieben würde; allerdings würden die Zukunft – und verschiedene medizinische Untersuchungen im Teenageralter – erst noch zeigen, ob Sophie ebenfalls den genetischen Defekt aufwies, der für die Krankheit des zehnjährigen Jack verantwortlich war.

Dennoch, Lizzie war dankbar für ihr Leben.

Und für ihre Arbeit.

»Welchen Stellenwert«, hatte ein Journalist, der sie für eine Samstagsbeilage interviewte, sie vor einem Jahr gefragt, »räumen Sie Ihrer Karriere in Ihrem Leben ein?«

»Ich freue mich darüber«, hatte Lizzie geantwortet. »Ich habe das Glück, kochen, essen und trinken zu dürfen, darüber zu schreiben und noch dafür bezahlt zu werden.«

Doch die Antwort, die in ihren Gedanken ganz oben stand – die ehrlichste Antwort –, hatte sie dem Journalisten nicht gegeben.

Meine Arbeit bewahrt mich davor, den Verstand zu verlieren.

Der Journalist wusste von Jacks Krankheit und hätte wahrscheinlich angenommen, dass Lizzie sich darauf bezog. Doch sie sprach die Wahrheit nicht aus – weder dem Journalisten noch irgendeinem anderen Menschen gegenüber. Sie sagte es nicht einmal ihrer Mutter, Angela Piper, und auch nicht Gilly Spence, die ihr bei der Hausarbeit half (weshalb Gilly der Liste der Glücksfälle in ihrem Leben hinzuzufügen war).

Meine Arbeit bewahrt mich davor, den Verstand zu verlieren.

Niemand hätte wirklich verstanden, was sie meinte. Alle hätten gedacht, falls Lizzies emotionale Stärke hier und da ein wenig ins Schwanken geriete, müsse es wegen Jack sein – und wegen der ständigen Herausforderung, ihre Prioritäten ins Gleichgewicht zu bringen. Doch selbst unter Berücksichtigung ihrer Probleme wären viele Menschen der Meinung, dass Lizzie es trotzdem leichter hatte als die meisten anderen.

Weil ihre ganze Familie, ihre Freunde und Kollegen und jeder, der in Frauenzeitschriften oder in der Boulevardpresse über sie gelesen hatte, sich einig waren, was den wichtigsten Aspekt in Lizzies Lebens betraf: Ihr größtes Glück bestand darin, Christopher zum Ehemann zu haben.

Vor allem, dachten manche insgeheim, weil die Blondine mit den blauen Augen zwar recht hübsch, aber keinesfalls eine Schönheit war.

Dafür aber war sie mit Christopher Edward Julian Wade verheiratet, dem berühmten und attraktiven Schönheitschirurgen, der seine Fähigkeiten regelmäßig in die Dienste bedürftiger Menschen in verschiedenen Ländern Europas und der Dritten Welt stellte und darüber hinaus Gründer und Rückgrat von HANDS war, einer karitativen Organisation, die sich der ärztlichen und psychologischen Hilfe für entstellte Männer, Frauen und Kinder widmete.

Diverse Boulevardzeitungen titulierten Wade regelmäßig als »heiligen Christophorus«.

Das Familienleben der Wades war zwischen einer großen, frühviktorianischen Villa an der Themse, unweit von Marlow in Buckinghamshire, sowie einer Gartenwohnung im Londoner Holland Park aufgeteilt; sie hatten beide Domizile vor einigen Jahren praktisch komplett ausweiden und neu bauen lassen, um Jacks krankheitsbedingten Bedürfnissen gerecht zu werden – Rampen, ein Treppenlift, verbreiterte Türen, umgestaltete Badezimmer. Diese Bedürfnisse wuchsen im Laufe der Zeit, da seine Kraft und seine Fähigkeiten allmählich nachließen. Beide Wohnungen waren überdies mit Arbeitsküchen für Lizzie und Büros für Christopher und sie ausgestattet.

Das Glück des Wohlstands war Lizzie also ebenfalls vergönnt.

Sie hatte vor langer Zeit den Überblick verloren, wie viele Fans ihr schon geschrieben hatten, um ihr zu sagen, wie sehr sie sie beneideten – nicht so sehr wegen ihrer Bestseller und der regelmäßigen Fernsehauftritte auf dem Koch-Sendeplatz von Heute Morgen oder im Essen-und-Trinken-Kanal, sondern vor allem wegen ihres Lebens mit dem fabelhaften Christopher.

Weil niemand die Wahrheit über Christopher kannte.

Alle Welt wusste nur, was Lizzie sie wissen lassen wollte. Es wäre niemandem geholfen, wenn mehr bekannt würde. Ganz gleich, was geschah, sie wollte nicht – und konnte nicht – daran denken, Christopher zu verlassen. Wegen ihrer Kinder. Wegen Jack. Weil ihr Mann, trotz all seiner Fehler, der liebevollste Vater war, den man sich vorstellen konnte.

Und weil Jack seinen Vater vergötterte.

Also würde Lizzie es niemandem erzählen, zumindest nicht, solange Jack lebte. Obwohl sie die Statistiken kannte und wusste, dass ihr Sohn – trotz aller Hoffnungen auf Gen- und sonstige Therapien der Zukunft – von Glück reden konnte, wenn er die Teenagerjahre oder frühen Zwanziger noch erlebte, dachte sie selten über seinen Tod nach. Sie würde ihrer Familie und dem Rest der Welt den innigen Glauben an den Mythos des heiligen Christopher Wade lassen.

Für Jack.

3.

Einigen Menschen fiel es schwer, Robin Allbeury zu vertrauen.

Er war ein wohlhabender, erfolgreicher Rechtsanwalt – Inhaber einer eigenen Kanzlei in Bedford Row und eines luxuriösen Penthouse im Shad Tower, einem schimmernden Hochhaus südöstlich der Tower Bridge – und im Großen und Ganzen ein glücklicher Mann.

Allbeury war ein eleganter Junggeselle von zweiundvierzig Jahren, nicht direkt gut aussehend, aber unbestreitbar attraktiv, mit dunklem, von Silberfäden durchsetztem Haar und warmen braunen Augen. Er war ein Förderer der Kunst, doch in seinem persönlichen Geschmack rangierte das Kino höher als das Theater, ein Thriller über der »gehobenen« Literatur, Jazz über der Oper. Und Stille über dem Jazz. Ruhige Abendessen über Partys. Freundschaften zu Frauen über denen zu Männern. Und sein Single-Leben über der Ehe.

»Du weißt nicht, was du verpasst«, hatte David Lerman, einer seiner Partner in der Kanzlei, der mit seiner zweiten Frau eine glückliche Ehe führte, mehr als einmal zu ihm gesagt. »Julia hat mein Leben verändert.«

»Julia ist wundervoll«, stimmte Allbeury zu, »aber du warst ein Häufchen Elend, bevor du ihr begegnet bist. Ich hingegen bin ein glücklicher Junggeselle.«

»Behauptest du.« Lerman war nicht überzeugt.

»Ja, behaupte ich.« Allbeury lächelte.

Sein juristisches Fachgebiet war die Ehe, obwohl er als Chef seiner eigenen Kanzlei inzwischen wählerisch war, welche Fälle er selbst übernahm. Den Großteil der ehelichen Rechtsstreitigkeiten überließ er entweder Lerman oder einem seiner anderen Kanzleipartner, während er selbst die Zügel in der Hand hielt und sich Zeit für seine »andere Arbeit« nahm: In seiner freien Zeit traf er sich mit Frauen, die sich in unglücklichen Ehen gefangen fühlten, um ihnen zu helfen. Frauen, die aus finanziellen oder anderen Gründen keinen Ausweg sahen. Dabei kamen sie selten selbst auf ihn zu – in der Regel war es Allbeury, der auf diesem oder jenem Weg von ihren Lebensumständen erfuhr und ihnen seine Dienste anbot.

Er hatte sich im Lauf der Jahre ein Netzwerk vertrauenswürdiger Informanten aufgebaut – eine bunt gemischte Truppe, die sich über den gesamten Großraum London verteilte: ein Telefonist in einer Notrufzentrale, ein desillusionierter Sozialarbeiter, ein Bewährungshelfer, ein Polizist, eine Krankenschwester, ein Gastwirt, ein Pfarrer aus West-London.

»Wenn herauskommt, dass ich das an dich weitergegeben habe«, lamentierte der Sozialarbeiter bei einem der ersten Treffen mit Allbeury, »bin ich am Arsch.«

»Von mir erfährt es keiner«, versicherte Allbeury.

In besagtem Fall ging es um eine Frau, die unter der extremen seelischen Grausamkeit ihres Mannes litt. Die Nachbarn hatten wegen ihrer Schreie und ihrem Flehen, ihrem Weinen und Schluchzen den Sozialdienst gerufen, doch sie wies keine sichtbaren Blutergüsse oder Wunden auf, die auf Misshandlungen hindeuteten, und angesichts ihrer Weigerung, eine offizielle Meldung zu machen, hatte der Sozialarbeiter keine andere Wahl gehabt, als sich zurückzuziehen.

»Ich habe das Gefühl, eine zutiefst verzweifelte Frau im Stich gelassen zu haben.«

»Keine Chance, dass sie ihn verlässt?«, fragte Allbeury.

»Sie ist längst viel zu mutlos, um es überhaupt zu versuchen«, sagte der junge Mann. »Ihr Mann lässt sie ohne seine Unterschrift nicht mal einen Scheck einlösen, gibt ihr keine Karte für den Geldautomaten, ja, er schreibt ihr vor, wen sie sehen darf und wen nicht.«

»Glaubst du, es besteht Selbstmordgefahr?«, fragte Allbeury.

»Ich würde sagen, es ist zumindest nicht ganz auszuschließen.«

Allbeury blieb einen Moment stumm.

»Erzähl mir alles, was du weißt.«

Auf diese Art arbeitete er meistens: Er ließ sich von seinem Informanten alles berichten; dann setzte er seine eigenen Methoden ein, um die Lebensumstände der Frauen zu verifizieren. Falls er dann das Gefühl hatte, er könne möglicherweise helfen, nahm er über eine dritte Person Kontakt zu der Betreffenden auf, um ein erstes Treffen zu arrangieren – in der Regel an einem öffentlichen Ort, außerhalb ihres eigenen Umfelds. Einige Frauen schraken ängstlich zurück, doch häufig waren sie neugierig und verzweifelt genug, um zumindest diesen ersten Schritt zu wagen.

Im Allgemeinen mochten und vertrauten sie Allbeury, der ein einfühlsamer und diplomatischer Fragesteller war; es kam jedoch auch vor, dass die Frauen misstrauisch waren, vor allem, wenn er ihnen sagte, sie müssten sich keinerlei Gedanken über eine Bezahlung machen.

»Ich kann Sie aber auch nicht in anderer Form bezahlen«, hatte er schon von mehr als einer Frau gehört.

»Das erwarte ich auch nicht.«

Er böte ihnen lediglich einen Ausweg an, sagte er stets. Eine Flucht. Das Ende ihrer Ehe, wenn es das war, wofür sie sich letztlich entschieden. Das Ende der Bedrohung, des Leidens oder der panischen Angst.

»Aber warum?«, hatte eine misstrauische Ehefrau ihn gefragt. »Wenn Sie sagen, Sie wollen kein Geld – und ich kann es nicht riskieren, Rechtsbeistand zu beantragen –, warum, um alles in der Welt, wollen Sie mir dann helfen?«

Er hatte gelächelt. »Nennen Sie es einen Missionars-Komplex.«

»Missionare wollen Menschen konvertieren.«

»Ja. Und das Einzige, zu dem ich Sie konvertieren möchte«, hatte Robin Allbeury entgegnet, »ist die Freiheit.«

4.

Mike Novak, Privatdetektiv und Inhaber einer ums Überleben kämpfenden Detektei mit Sitz in einem heruntergekommenen ehemaligen Lagerhaus in New Smithfield – in einer schmutzigen Sackgasse seitlich der Dock Street, nahe der alten Königlich-Britischen Münzanstalt –, hatte vor fünf Jahren zum ersten Mal mit Robin Allbeury zusammengearbeitet. Allen Keith, zu dieser Zeit Juniorpartner in der Kanzlei Bedford Row, hatte Novak damals engagiert, um die angeblichen Seitensprünge der Frau eines wohlhabenden Klienten zu beweisen. Novak fand heraus, dass es in Wahrheit genau andersherum war, und schrieb einen entsprechenden Bericht. Der Klient wurde wütend und ordnete an, Novak zu feuern und ihm die Bezahlung zu verweigern. Doch zwei Tage später kam der Seniorpartner der Kanzlei, Robin Allbeury, in Novaks Detektei, um sich zu entschuldigen.

»Mein Honorar wäre mir lieber«, erklärte Novak.

Der Anwalt mit dem eleganten Haarschnitt und dem teuren Anzug und der jüngere Mann mit dem zerzausten blonden Haar, dem schmalen Mund und den stechend blickenden blauen Augen musterten einander forschend.

»Ihr Honorar plus einen Bonus«, sagte Allbeury dann lächelnd und schrieb auf der Stelle den Scheck aus. »Und meinen Dank für einen ordentlich erledigten Auftrag.«

»Ihr Klient würde Ihnen da aber nicht zustimmen«, sagte Novak.

Als Novak einige Monate später im Mirror las, dass die Scheidung dieses Klienten mit auffallender Fairness gegenüber der Frau über die Bühne gegangen war, fragte er sich, ob sein Bericht – und vielleicht Robin Allbeury selbst – bei dieser Übereinkunft eine Rolle gespielt hatten.

Am Tag darauf tauchten zwei Schlägertypen vor Novaks Wohnung auf, erklärten, er solle seine Berichte künftig im Sinne derer verfassen, die auch seine Rechnung bezahlten, und verabreichten ihm eine Tracht Prügel, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. Als er später bei einem Drink seine Wunden versorgte, beschloss er, den aalglatten, charmanten Robin Allbeury darauf aufmerksam zu machen, mit welcher Sorte Menschen er es zu tun hatte. Novak rief ihn an. Ein paar Stunden später stand der Anwalt vor seiner Tür.

»Du lieber Himmel!«, sagte Allbeury, entsetzt über den Anblick von Novaks Gesicht.

»Sie hätten ja nicht zu kommen brauchen.«

Der andere Mann ignorierte die Unhöflichkeit. »Darf ich hereinkommen?« In der linken Hand hielt er eine Flasche Jameson’s. »Besser als Aspirin.«

Nach kurzem Zögern ließ Novak ihn herein und holte Gläser.

»Ich komme gleich zur Sache«, sagte Allbeury und schenkte ihnen beiden ein. »Okay?«

»Warum nicht?«

»Ich gebe Ihnen mein Wort«, sagte Allbeury, »dass meine Kanzlei von morgen an jegliche Verbindung zu besagtem Klienten abbrechen wird. Und ich hoffe, zu gegebener Zeit werden Sie sehen, dass mein Wort etwas wert ist.«

»Nach seinen Kumpels zu urteilen«, Novak betastete vorsichtig seine Rippen, »dürfte ihm das nicht gefallen.«

»Pech«, sagte Allbeury.

»Was ist mit Allen Keith?«

»Wenn Mr Keith mit meiner Entscheidung ein Problem hat, kann er sich nach einer anderen Kanzlei umsehen.«

Novak runzelte die Stirn. »Sie meinen es offenbar ernst.«

»Ich sage niemals etwas, das ich nicht auch so meine«, sagte Allbeury.

Die Schläger hatten ungewollt dazu beigetragen, den Beginn einer langfristigen Zusammenarbeit Novaks mit Robin Allbeury herbeizuführen; außerdem hatte Mike Novak bei dieser Gelegenheit die Liebe seines Lebens kennen gelernt.

Die Krankenschwester Clare Killin hatte Dienst in der Notaufnahme, als Novak am Nachmittag der Schlägerei dort hineinhumpelte, um die schlimmste seiner Platzwunden auf der Stirn nähen zu lassen. Es sei eine Sache, gestand Novak ihr, sich gelegentlich einer Faust oder sogar einem Stiefel zu stellen, aber Nadeln seien eine völlig andere Geschichte.

»Ich tue mein Bestes«, versicherte sie ihm. Ihre Stimme war sanft, und sie sprach mit leichtem Edinburgher Akzent.

»Wollen Sie sich denn nicht über mich lustig machen?«, fragte er.

»Würde Ihnen das helfen?«

»Kein bisschen.«

»Das dachte ich mir.« Sie drehte sich um. »Möchten Sie die Augen schließen?«

Novak betrachtete ihr hübsches Gesicht, die ruhigen braunen Augen, den schönen Mund und das rote lockige Haar, das sie zu einem Zopf zusammengebunden trug, aus dem ein paar einzelne Strähnen entkommen waren. »Ich glaube, ich lasse die Augen lieber auf«, sagte er. »Wenn Sie nichts dagegen haben.«

Zwei Wochen nach ihrem ersten gemeinsamen Abendessen zog Clare in seine Wohnung, und drei Monate später heirateten sie in aller Stille. Keiner von beiden hatte Verwandte in der Nähe; Novak hatte seinen tschechischstämmigen Vater und seine englische Mutter vor sieben Jahren bei einem Flugzeugabsturz verloren, und Clares verwitweter Vater, Malcolm Killin, lebte in Schottland. Aber beide hatten ohnehin keinerlei Bedürfnis nach Familie oder jemand anderem verspürt.

In diesen glücklichen Anfangstagen war ein gelegentlicher schwieriger Klient oder die ständige Herausforderung, mit der Detektei den Lebensunterhalt zu bestreiten, die einzige Belastung in Novaks Leben. Clare hingegen erlebte eine ganz andere Dimension von Stress, da sie fast jeden Tag mit so viel Schmerz und Kummer konfrontiert wurde, wie Novak es sich nicht einmal ausmalen wollte. Als sie schließlich völlig ausgebrannt war – nach Einschätzung einer Kollegin war Clare einfach zu mitfühlend, um den Arbeitsalltag in der Notaufnahme über Jahre hinweg ertragen zu können –, fürchtete er, sie auf irgendeine Weise im Stich gelassen zu haben.

Fest entschlossen, Clare wieder zu ihrer früheren Stärke zu verhelfen, verbannte Novak die Detektei auf Platz zwei in seinem Leben – und das Geschäft litt entsprechend darunter. Clare kehrte allerdings nie mehr in die Notaufnahme zurück, und Novak unterstützte ihre Entscheidung. Das Krankenhaus war sehr hilfsbereit und schlug den Wechsel in eine andere Abteilung vor, während Novak den Vorschlag machte, sie solle sich als private Pflegerin versuchen, doch Clare lehnte beides ab.

»Für mich gibt es nur den Job in der Notaufnahme, sonst nichts«, sagte sie. »Was mir dort zu schaffen gemacht hat, ist gleichzeitig genau das, was ich an der Arbeit dort liebe.« Sie blickte Novak an – mit einem seltsamen, forschenden Blick.

»Was ist?«, fragte er beunruhigt.

»Jetzt bist du sicher enttäuscht von mir.« Es war eine Feststellung.

»Wie kommst du denn auf die Idee?«

»Du hast eine Krankenschwester geheiratet. Noch dazu eine, die an diesem Beruf hängt.«

»Ich habe dich geheiratet, Clare. Eine sensible, fürsorgliche Frau.«

»Dann liebst du mich immer noch?«

»Mehr denn je«, antwortete er beinahe heftig. »Mehr als alles andere auf der Welt.«

Kurze Zeit später fragte er Clare, ob sie sich vorstellen könne, ihn in der Detektei zu unterstützen, und war überrascht und hocherfreut zugleich von ihrer lebhaften Zustimmung – und bald schon beeindruckt von dem, was sie leistete. Clare entpuppte sich als großes Organisationstalent, und sie war unschlagbar darin, Mängel aufzuspüren. Nach nicht einmal zwei Wochen hatte sie genug Selbstvertrauen, um den größten Teil der administrativen und buchhalterischen Aufgaben zu übernehmen, was Novak die Freiheit ließ, wenigstens einige seiner früheren Stammklienten – zwei Scheidungsanwälte, eine große Zeitarbeitsfirma und Robin Allbeury – davon zu überzeugen, dass er wieder im Geschäft sei.

Clare schrieb sich an einer Abendschule ein und belegte Buchhaltungs- und Betriebswirtschaftskurse. Sie lernte gern und genoss es, ihre neu erworbenen Fähigkeiten bei der Reorganisation der Detektei einzusetzen, wobei es ihr gleichzeitig gelang, die laufenden Kosten zu senken. So hatte sie, zu Novaks Erleichterung und Dankbarkeit, maßgeblichen Anteil daran, dass die Detektei zum ersten Mal kostendeckend arbeitete und sich kurz darauf in die Gewinnzone bewegte. Mit anhaltendem Eifer drängte sie ihren Mann dazu, Fortbildungskurse zu absolvieren, sodass er Mitglied des Britischen Detektivverbandes werden konnte.

»Das bringt Prestige und neue Kontakte«, sagte sie. »Und beides kann nicht schaden.«

»Das sagt Robin auch«, bemerkte Novak.

»Oh«, sagte Clare ein wenig spöttisch. »Wenn Robin es sagt!«

Sie war nie sicher gewesen, was sie von Robin Allbeury halten sollte, nie ganz überzeugt von seinen ungewöhnlichen und scheinbar selbstlosen Aktivitäten. Sie hatte das Gefühl, er verheimliche seine wahren Motive. Darauf angesprochen, sagte Novak zu Clare, er habe bisher nicht herausgefunden, wie Allbeurys Motive aussahen – und er wisse auch nicht, ob er etwas darüber erfahren wollte, solange Allbeury weiterhin den Menschen half.

»Den Frauen«, sagte Clare.

»Ja. Und uns beiden hilft er, unsere Rechnungen zu bezahlen«, bemerkte Novak.

Dagegen hatte Clare kein Argument.

»Er hält dich für einen bemerkenswerten Menschen.«

»Wie kommt er darauf?«

»Weil er ein kluger Mann ist«, sagte Novak.

Zwei Jahre später kehrte der Kummer zu ihnen zurück, als ihr ersehntes erstes Kind bei der Geburt starb. Clare, die allein zu Hause war und ein Bad nahm, als es passierte, verlor das Bewusstsein, bevor sie Hilfe herbeirufen konnte, und ihr neugeborener Sohn überlebte nicht. Sein Tod traf die Novaks wie ein Hammerschlag. Nach Clares Entlassung aus dem Krankenhaus igelten sie sich eine ganze Woche lang in ihrer Wohnung ein und aßen und schliefen kaum. Robin Allbeury – der in Sorge war, weil seine Nachrichten unbeantwortet blieben – kam schließlich zu ihnen und übernahm mehr oder weniger das Ruder: Er kaufte ein, kochte, informierte Clares Vater über die Tragödie (obwohl Malcolm Killin damals selbst mit Lungenentzündung im Bett lag und nicht helfen konnte) und half Novak, das traurige Begräbnis zu organisieren.

Nach der qualvollen gerichtlichen Untersuchung des Todesfalles nahmen Clare und Novak nur mit schrecklicher Langsamkeit ihr gewohntes Leben wieder auf; irgendwann zwangen sie sich, eine Trauerberatung aufzusuchen, fanden sie aber kaum hilfreich. Wie zu erwarten, erwiesen die Arbeit und die Zeit sich als die beste Medizin.

Monate verstrichen. Die beiden steckten all ihre Energie in die Detektei und bauten sie wieder auf. Aber nichts war mehr wie früher. Alles schien durch Trauer, Selbstvorwürfe oder Angst vergiftet. Wenn etwas sie zum Lachen brachte, fühlten sie sich schuldig, weil ihr Kind im Grab lag. Wenn sie sich liebten, klammerten sie sich aneinander wie zwei Schwimmer kurz vor dem Ertrinken. Wenn sie ein Baby in einem Kinderwagen sahen, raubten ihnen die Trauer und der Neid den Atem.

Doch auch das ging vorbei.

»Würde es dir etwas ausmachen«, fragte Clare eines Morgens, fast ein Jahr nach dem Tod des Jungen, »wenn ich einen Teilzeitjob als Krankenschwester annähme? Nur zwei oder drei Abende die Woche.«

Novak erschrak. »Ich wusste gar nicht, dass du mit dem Gedanken gespielt hast, in deinen Beruf zurückzukehren.«

»Das hatte ich auch nicht vor, bis Maureen mich letzte Woche anrief.«

Maureen Donnelly, eine ehemalige Kollegin, hatte vor zwei Jahren ins Waltham General Hospital in Essex gewechselt, um näher bei ihrem Vater zu sein, der unter Parkinson litt. In der Vergangenheit hatte Maureen stets darauf geachtet, nicht ins Fachsimpeln zu geraten, wenn sie sich mit Clare traf, doch in letzter Zeit war ihr aufgefallen, dass die Freundin zunehmend Interesse daran zeigte, Neuigkeiten aus der Notaufnahme zu hören, und Maureen tat Clare nur zu gern den Gefallen, sie über einige interessantere Fälle in der Abteilung auf dem Laufenden zu halten.

Nick Parry war einer dieser Fälle, ein achtundzwanzigjähriger Mann mit doppelseitiger Lähmung. Er war im vergangenen Monat ins Krankenhaus gekommen, nachdem er mit seinem getunten Wagen einen schweren Unfall gehabt hatte. Der Lebensmut und der Humor des jungen Mannes hatten Maureen beeindruckt, und als sie hörte, dass die Ausländerbehörde einen von Parrys Teilzeitpflegern zurück nach Neuseeland schicken wollte, versprach Maureen ihm, sich nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin umzusehen.

»Maureen glaubt, wir würden uns gut verstehen«, erzählte Clare, »also bin ich ihn besuchen gegangen.«

»Warum hast du mir nichts davon erzählt?«, fragte Novak.

»Weil ich dachte, dass du dich entweder für mich freust und dich dann ärgerst, wenn es nicht klappt – oder dir Sorgen machst und dich ärgerst, wenn es klappt.«

»Anscheinend hat es geklappt«, sagte Novak und sah sie eine Zeit lang an. »Kennst du mich denn immer noch so wenig? Ich würde dich nie von etwas abhalten, das du möchtest.« Dann stellte er die Frage, die in seinen Gedanken plötzlich ganz oben stand: »Und die Arbeit in der Detektei willst du aufgeben?«

»Nein«, antwortete Clare entschieden. »Niemals. Die Detektei hat mich geheilt.« Sie hielt kurz inne. »Und du natürlich.«

»Du hast dich selbst geheilt«, sagte Novak.

Clare gab ihm einen Kuss, schmiegte sich ganz dicht an ihn und legte sanft ihre Lippen auf seinen Mund. »Du bist der Beste, Mike«, sagte sie. »Weißt du das?«

»Ich liebe dich bloß«, sagte er.

5.

»Was hältst du davon, Lizzie?«

Es war der zweite Montag im März – zwei Tage nach der Party zu Sophies siebtem Geburtstag –, und Andrew France, Lizzies Agent, hatte sie gerade zu Hause in Marlow angerufen, um ihr mitzuteilen, dass ihr Verlag, Vicuna Press, ihm ein sehr attraktives Angebot unterbreitet hatte. Wenn sie annahm, würde sie für ein neues Lizzie-Piper-Buch mit dazugehöriger Fernsehserie auf eine Art Europatournee gehen und unterwegs für das Buch neue Rezepte kosten und kreieren.

»Das hört sich wundervoll an.« Lizzie lehnte sich in dem ledernen Drehsessel in ihrem Arbeitszimmer zurück. »Ich kann es gar nicht glauben!«

»Es ist ein fantastisches Angebot.« Andrew schien sich über ihre Reaktion zu freuen.

»Du hast noch nicht Ja gesagt?«

»Nein, ich kann ja nicht für dich sprechen.« Jetzt lag ein klein wenig Misstrauen in der Stimme ihres Agenten. »Aber ich muss zugeben, ich habe die Frage sozusagen als rhetorisch betrachtet.« Er hielt inne. »Du nimmst das Angebot doch an, Lizzie? Christopher schien sich ganz sicher zu sein, dass du vor Freude in die Luft springst.«

Lizzie war einen Moment still. »Wann hast du mit Christopher gesprochen?«, fragte sie dann.

»Vor kaum zwei Stunden – du warst noch unterwegs, um die Kinder in die Schule zu fahren. Ich weiß, ich habe ihn gebeten, dir die Nachricht selbst überbringen zu dürfen, aber ich war sicher, er würde nicht widerstehen können, zumindest eine Andeutung zu machen.« Lizzie hörte das Erstaunen in Andrews Stimme.

»Christopher wurde nach London gerufen, bevor ich zurückkam«, sagte sie beiläufig. »Wahrscheinlich hat er mir irgendwo einen Zettel hingelegt.«

»So wird es sein«, sagte Andrew.

»Was genau hat Christopher denn zu dem Angebot gesagt?«

»Nicht viel«, antwortete Andrew. »Nur dass er sich sehr für dich freut. Was bei dir aber offenbar nicht der Fall ist, wenn mein Eindruck mich nicht täuscht, Lizzie.«

»Doch, doch, ich freue mich.« Lizzie versuchte, auch so zu klingen. »Natürlich freue ich mich.«

»Also kann ich Vicuna anrufen und alles perfekt machen?«

Sie zögerte. »Gib mir noch ein klein wenig Zeit, Andrew. Ich kann zu einer so großen und zeitaufwändigen Sache nicht einfach Ja sagen, ohne mit der ganzen Familie gesprochen zu haben.« Sie schwieg kurz. »Könntest du ein paar mehr Einzelheiten erfragen? Zum Beispiel, wann die Sache startet, wie lange sie läuft, und in welchen Ländern?«

»Ja, sicher«, sagte Andrew. »Aber über diese Dinge lässt sich ohnehin noch reden. Niemand erwartet von dir, alles stehen und liegen zu lassen, um ins Flugzeug zu springen, Lizzie.«

»Das kann ich auch nicht«, sagte sie.

»Ich weiß«, sagte Andrew. »Und Howard weiß es auch.«

Lizzie wusste, dass Andrew Recht hatte, was ihren Verleger Howard Dunn betraf, aber sie war nicht sicher, ob die Leute vom Fernsehen ebenso verständnisvoll und entgegenkommend sein würden.

»Du hast vollkommen Recht, vorsichtig zu sein, Liebling«, sagte Christopher später an diesem Abend, als er aus London zurückgekehrt war und sie im Wohnzimmer einen Schlummertrunk nahmen. »Obwohl ich davon ausgehe, dass sie flexibel sind. Schließlich wollen sie ja ganz offensichtlich, dass du zufrieden bist.«

Die Kinder lagen schon im Bett. Lizzie war ziemlich sicher, dass sowohl Edward als auch Sophie fest schliefen; es war allerdings eher unwahrscheinlich, dass dies auch für Jack galt. Er schlief häufig schlecht, kam aber mit seiner Schlaflosigkeit ziemlich gut zurecht, indem er sich abends immer zwei Walkmen neben sein Bett legte – den einen mit einer Musikkassette, den anderen mit einem Hörbuch –, sodass er nichts weiter tun musste, als die Kopfhörer aufsetzen und einen Knopf drücken.

Was Jack aber gar nicht schätzte, waren zu viele nächtliche Besuche seiner Eltern, wenn sie nach ihm sehen wollten.

»Wenn ich ein Problem habe«, erklärte er ihnen, »lasse ich es euch schon wissen.«

»Vicuna will sicher, dass ich zufrieden bin«, beantwortete Lizzie Christophers Frage. »Aber Fernsehleute haben strenge Zeitpläne und Gewerkschaftsvorschriften und müssen Wetterbedingungen und anderes berücksichtigen. Ich bin sicher, dass sie von mir erwarten, mich in alles einzufinden.«

»Was du mit Sicherheit schaffen wirst, wie du immer alles schaffst – mit Bravour.«

Christopher war sehr charmant. Das war er schon immer gewesen, und er hatte Lizzie und ihre Talente stets unterstützt, wofür sie ihm fast immer dankbar gewesen war.

Dankbarkeit hatte sogar eine entscheidende Rolle gespielt, als sie ihm zum ersten Mal begegnete und sich in ihn verliebte. Nach einem Autounfall mit Anfang dreißig waren Angela Pipers linke Brust und ihr Bauch von einer hässlichen Narbe verunstaltet gewesen. Nach dem Unfall war es erst einmal darauf angekommen, Angela das Leben zu retten; später hatte offenbar niemand richtig begriffen, wie verzweifelt die hübsche Brünette über ihre Entstellung war – nicht einmal Maurice Piper, ihr Mann, dem es viel wichtiger gewesen war, dass seine Frau ihm und der neunjährigen Lizzie erhalten geblieben war. Angela jedoch hatte mit ihrer – wie sie es empfand – abgrundtiefen Hässlichkeit nicht umgehen können; gleichzeitig hatte sie sich für ihre Undankbarkeit und Oberflächlichkeit zutiefst geschämt, und so war sie in eine schwere klinische Depression gestolpert, aus der sie lange nicht herauskommen sollte. Lizzie entwickelte sich in dieser Zeit zu einem in sich gekehrten Teenager, der es kaum erwarten konnte, zur Universität zu entfliehen.

Zehn Jahre später erlitt Maurice einen tödlichen Herzinfarkt. Angela stürzte im freien Fall in den Abgrund, und Lizzie, die in Sussex Englisch studierte und ihre Freiheit genoss, sah sich gezwungen, nach Hause zurückzukehren. Wie ein dichter Nebel lag die Trostlosigkeit ihres Zuhauses vor ihr – das Ende, so empfand sie es, des Lernens und ihrer Freundschaften. Doch Stuart Bride, Angelas Psychologe, war der Ansicht, dass menschliche Nähe die Wunden, unter denen seine Patientin offenbar immer noch litt, vermutlich besser heilen würde als eine jahrelange Therapie.

Und dann fegte Christopher Wade – eine große, eindrucksvolle Erscheinung mit struppigem blondem Haar und stechenden grauen Augen hinter einer runden Metallbrille – wie ein freundlicher Windstoß in das Leben der Pipers und sorgte im Laufe der Zeit zumindest für ein gewisses Maß an Heilung. Lizzie, die dreizehn Jahre jünger war als er, erlebte das alles aus nächster Nähe mit: seine Sanftheit, seinen gesunden Menschenverstand, sein Können und seinen Charme. Als der Chirurg sie kurz nach der zweiten erfolgreichen Operation ihrer Mutter zum ersten Mal zum Mittagessen einlud, nahm sie erfreut an.

»Sei vorsichtig«, sagte Angela, als Lizzie es ihr erzählte.

»Es ist doch bloß ein Mittagessen«, sagte Lizzie.

»So etwas gibt es nicht zwischen einem attraktiven älteren Mann und einem schönen, unschuldigen Mädchen.«

»Nicht ganz so unschuldig, Mom, und schön wohl kaum.« Lizzie war zwar einigermaßen zufrieden mit ihren blauen Augen und ihrem blonden Haar, doch sie fand ihre Nase zu spitz und ihre Beine zu kurz. »Und erst recht nicht, wenn man bedenkt, an was er gewöhnt sein muss.«

»Beschädigte Ware«, sagte Angela mit freundlicher Selbstironie. »Daran ist er gewöhnt.«

Lizzie und Christopher heirateten im darauf folgenden Jahr, die Braut nahm ihr Studium wieder auf – jetzt an der London University –, und der stolze, glückliche Bräutigam führte seine junge Frau aus der St. Paul’s Church in Knightsbridge in ihr neues Leben in seiner großen Wohnung in Holland Park. Es folgte beinahe ungetrübtes Eheglück, das andauerte, bis ihr erster Sohn Edward drei und das Baby Jack ein Jahr alt waren und sie sich gerade ein Haus gekauft hatte. Edwards Hunde- und Katzenallergie war das Einzige in Lizzies Welt, das einem Makel nahe kam.

Die andere, viel weniger attraktive Seite ihres Mannes, die Lizzie im Laufe der Zeit nur allzu gut kennen lernen sollte, zeigte sich zum ersten Mal in Gestalt einer schattenhaften Vorahnung, wie ein kleiner, beunruhigender Tropfen Bremsflüssigkeit unter einem Auto, ein Alarmsignal, das auf künftigen Ärger hindeutet.

Es geschah im Sommer 1993, an dem Abend, nachdem sie gefeiert hatten, dass nach Jahren des Schreibens von Zeitschriftenartikeln die Vicuna Press nun Lizzies erstes Buch Viel Spaß in der Küche verlegen würde.

Christopher war aus London nach Hause gekommen. Obwohl ausgelaugt nach vielen Stunden in den Operationssälen der Beauchamp-Klinik (an der er außerdem einen der Direktorenposten bekleidete) und des St. Clare’s Hospital hielt er einen Strauß weißer Rosen in der Hand und sagte Lizzie, wie klug sie sei und wie stolz er auf sie sei und was für eine brillante Karriere sie vor sich habe. Und er bestand trotz seiner Müdigkeit darauf, sie zum Abendessen nach Bray auszuführen.

Alles war wundervoll.

Bis gegen drei Uhr morgens, als er Lizzie weckte, indem er seine Nachttischlampe einschaltete, ihr Nachthemd hochzog und sie entschlossen zwischen den Beinen streichelte, bis er sicher sein konnte, dass sie halbwegs bei Bewusstsein war.

»Ich schlafe noch halb.« Sie lächelte zu ihm hoch, schob seine Hand jedoch weg.

»Das macht mir nichts«, sagte er und drückte die Hand wieder zurück.

Sein Kuss war das Erste, das sie erschreckte, weil er so grob war. Doch er vertrieb ihre Schläfrigkeit binnen weniger Sekunden und erregte sie so, dass sie ihn mit gleicher Leidenschaft erwiderte.

»Oh, Lizzie«, sagte er und begann sofort, sie zu lieben – auch das auf ungewohnt grobe Weise.

»Sei vorsichtig, Schatz«, bat sie ihn nach ein paar Augenblicken.

»Halt den Mund«, sagte er grob und machte weiter.

Hinterher sagte Lizzie sich, es sei ja nicht viel passiert – nur ein leiser Misston, etwas, das sie so schnell wie möglich vergessen sollte. Schließlich war nichts Schlimmes geschehen. Nur dieser Hauch von Grobheit.

Und diese Worte.

»Halt den Mund.«

Christopher redete sonst nie so mit ihr.

Am nächsten Morgen beim Frühstück sprach sie es an.

»Das war ungewöhnlich«, sagte sie. »Letzte Nacht, meine ich.«

»Ungewöhnlich?«

»Ich meine damit nicht, dass wir uns geliebt haben«, sagte sie. »Das war schön.«

»Das fand ich auch.«

»Aber …«

»Aber was?«, fragte Christopher.

»Du warst ein bisschen grob«, sagte sie.

»Tut mir Leid«, entgegnete er. »Tut mir wirklich Leid, Lizzie.«

»Ist schon in Ordnung«, sagte sie. »Ich war nur überrascht.«

In diesem Augenblick regte sich etwas in Christophers Gesicht. Ein Hauch von Enttäuschung, schien es Lizzie.

»Ich hatte gehofft …«, sagte er, verstummte dann aber.

»Was hattest du gehofft?«, fragte Lizzie neugierig.

»Nichts«, sagte er. »Ist nicht wichtig.«

Sechs Bücher und ein weiteres Kind später versuchte Lizzie immer noch, alles auf die Reihe zu bekommen, um das Angebot annehmen zu können, das Andrew France ihr überbracht hatte, denn es widerstrebte ihr, ihre Kinder längere Zeit allein zu lassen.

Dann machte ausgerechnet Christopher es nicht nur möglich, sondern fast unvermeidlich, das Angebot zu akzeptieren.

»Ich komme mit nach Europa«, verkündete er, »mit den Kindern und mit Gilly.«

»Wie willst du das denn anstellen?« Lizzie dachte an seine täglichen Anforderungen im Krankenhaus.

»Es ist schon so gut wie organisiert.« Er sah ihr Gesicht. »Selbstverständlich nur in der Theorie. Und vorausgesetzt natürlich, du machst keine Einwände.«

Es war angenehm warm für März, und sie saßen in dicke Wollpullover eingemummelt auf der Terrasse im Garten und tranken Kaffee.

»Erstens«, sagte Christopher, »weißt du, dass niemand dich hinsichtlich spezieller Bedürfnisse nervt, wenn ich dabei bin.«

Damit hatte er so Recht, dass ihr keine passende Antwort einfiel.

»Zweitens könnten wir viel für unsere gute Sache bewirken.« Christopher warf Lizzie einen herausfordernden Blick über den Rand seiner Brille zu. »Besonders, falls du dich entschließen solltest, einen Teil deiner Honorare zu spenden.«

»Oh.« Lizzie war verblüfft.

»Es würde dir doch nichts ausmachen, oder, Liebling? Dalia war hin und weg, als ich ihr von der Idee erzählte.«

Falls es einen Weg gab, Geld aus einem Stein zu pressen, war Dalia Weinberg von der HANDS-Hauptgeschäftsstelle in der Regent Street die Richtige. Sie war mittlerweile über sechzig, doch ihr Enthusiasmus und ihre Tatkraft stellten so manchen in den Schatten, der halb so alt war.

»Du hast schon mit Dalia gesprochen? Eher als ich?«, fragte Lizzie.

»Tut mir Leid, ja. Ich hab mich hinreißen lassen. Du musst zu der Spende nicht Ja sagen. Es war nur eine Idee.«

»Es wäre ziemlich unhöflich von mir, jetzt noch abzulehnen, nicht wahr?«

»Ganz und gar nicht.«

»Hm.« Lizzie beobachtete ein Spatzenpaar, das einige Meter entfernt in Sophies Vogeltränke badete.

»Aber mal abgesehen von HANDS«, sagte Christopher, »hätte es noch einen weiteren großen Vorteil, wenn du zustimmst.«

»Der da wäre?«

»Wir«, sagte er.

Lizzie sagte nichts, doch die Bedeutung hinter diesem einzelnen Wort ließ sie erschaudern. Denn so aufrichtig Christophers bekundete Motive sicherlich waren – eine Gelegenheit für eine Reise mit der ganzen Familie, von der auch HANDS profitieren würde: Sie fühlte sich dennoch betrogen. Es Dalia zu sagen, bevor er mit ihr gesprochen hatte, ihr jeden Fluchtweg abzuschneiden …

Denn wahrscheinlich hätte sie sich genau dafür entschieden: Sie hätte Andrew gebeten, sie bei Howard Dunn und den Essen-und-Trinken-Fernsehleuten zu entschuldigen und ihnen zu sagen, dass sie es einfach nicht schaffte.

Doch dafür war es jetzt zu spät. Lizzie wäre nicht einmal überrascht gewesen, hätte Christopher Dalia bereits erlaubt, das Vorhaben der Presse gegenüber bekannt zu geben; das war genau sein Stil, wenn er etwas unbedingt wollte. Auf diese Weise war er zu einem so unglaublich erfolgreichen Menschen geworden, voller Entschlossenheit und – verborgen unter Charme und Höflichkeit – einem gewissen Maß an Rücksichtslosigkeit.

Jetzt würden nicht nur Dalia, sondern auch die Vicuna Press und die Leute vom Fernsehen besonders erfreut sein, dass sie, Lizzie, einen Teil ihrer Honorare spendete, denn das bedeutete mehr positive Presse und zusätzliche Medienaufmerksamkeit.

Und bald würden auch die Kinder und Gilly Luftsprünge machen, und vielleicht würde Angela – seit kurzem verlobt mit William Archer, einem Börsenmakler im Ruhestand – an irgendeinem Punkt der Reise zu ihnen stoßen wollen, und Andrew würde wahrscheinlich versuchen, ihnen einen Tisch im The Ivy oder The Caprice zu besorgen, um die Neuigkeit zu feiern.

Doch statt sich auf die Reise und die kreative Herausforderung zu freuen und das Kompliment zu genießen, das ihr sowohl Vicuna als auch der Essen-und-Trinken-Fernsehkanal gemacht hatten, konnte Lizzie an nichts anderes denken als an die Aussicht, mit ihrem Ehemann in allen möglichen Hotelzimmern zu sitzen wie eine Gefangene, umgeben von ihrer Familie und unter den Blicken von Kollegen.

Ja, das ließ sie erschaudern.

Es war lange her, dass sie sich so sehr in der Falle gefühlt hatte.

6.

An einem sonnigen Aprilnachmittag Ende der Neunziger holten Joanne Patston, bis vor kurzem Kundendienstmitarbeiterin der Chingforder Filiale einer Baugenossenschaft, und ihr Ehemann Tony – Mechaniker mit eigener Einmannwerkstatt in der Nähe von Walthamstow – zum ersten Mal ihr Baby nach Hause, in ihr Reihenhaus in Chingford Hatch.

Das Kind hieß Irina, eine drei Monate alte rumänische Waise, und ihre Heimkehr wurde von ihren verzückten Adoptiveltern, den Nachbarn Paul und Nicola Georgiou und Irinas überglücklicher, frischgebackener Großmutter Sandra Finch gefeiert.

»Ist sie nicht das schönste Baby, das du je gesehen hast?«, gurrte Sandra über die Schulter ihrer Tochter, während Joanne das kleine Mädchen in den Armen hielt. »Ihre Augen sehen aus wie schwarze Kirschen!«

»Sie sind sogar noch dunkler als meine«, sagte Paul Georgiou zu seiner Frau.

»Es sind kluge Augen«, sagte Tony.

»Und ihre Hände sind so winzig«, staunte Joanne.

»So zarte Finger«, sagte Tony.

Irina strampelte mit ihren bestiefelten Füßchen.

»Vielleicht wird sie mal Ballerina«, sagte ihr neuer Vater.

»Oder Fußballerin!« Paul lachte.

Tony warf seinem Nachbarn einen leicht mürrischen Blick zu, kippte den Rest seines Champagners herunter und ging sich eine Dose Foster’s von der Ikea-Anrichte holen.

»Mir ist es egal, was Irina später einmal tut«, sagte Joanne, »solange sie nur gesund und glücklich ist.«

»Genau«, stimmte Nicola zu.

»Ich kann es noch gar nicht glauben«, sagte Sandra. »Mein erstes Enkelkind.« Sie beugte sich vor, um Irinas dunkle Haare zu streicheln. »Ich freue mich so sehr für dich, Joanne.«

»Und was ist mit mir?«, fragte Tony. »Ich meine, ich hatte schließlich auch damit zu tun.«

»Natürlich«, sagte seine Schwiegermutter. »Ich freue mich für euch beide.«

»Wie wäre es mit einem Trinkspruch?«, schlug Paul vor und hob sein Lagerbier.

»Tony?« Joanne sah ihren Mann an.

»Gib sie mir.« Tony stellte sein Bier ab und bückte sich, um das Baby hochzuheben.

»Stütz ihren Kopf«, sagte Nicola.

»Er weiß das«, sagte Joanne.

»Natürlich weiß ich das«, erklärte Tony. »Ich übe schließlich schon lange genug.«

»Der Trinkspruch«, erinnerte Paul ihn.

Tony räusperte sich. »Auf unsere Tochter.«

»Ist das alles?«, fragte Paul.

Tony ignorierte ihn. »Es hat viel Zeit und viele Mühen gekostet«, fuhr er fort. »Wobei Mühen eigentlich nicht ganz das richtige Wort ist, stimmt’s, Jo?«

Joanne schüttelte den Kopf. Tränen traten ihr in die Augen.

»Weil uns nichts zu viel gewesen wäre, um diesen Moment zu erleben. Um dieses kleine Würmchen nach Hause zu bringen, wo es hingehört.« Tony hielt inne. »Unsere Irina.«

Sie hatten die Gesetze sowohl in ihrem eigenen Land als auch in Irinas Heimat gebrochen – und soweit sie wussten auch alle möglichen internationalen Gesetze –, aber das interessierte Tony und Joanne schon lange nicht mehr. Ihnen war nur wichtig, dass man ihnen nicht auf die Schliche kam und dass sie Irina wie eine eigene Tochter bei sich behalten und großziehen könnten. Zur Hölle mit dem Gesetz.

Joannes Motive waren schlicht und einfach gewesen. Seit Jahren sehnte sie sich nach einem Kind – ein Wunsch, den die Unfruchtbarkeit ihres Mannes durchkreuzt hatte. Schließlich war sie so sehr daran verzweifelt, dass sie fast alles getan hätte, um Mutter zu werden. Tonys Motive waren nicht so klar umrissen. Er litt unter seinem Versagen, denn als solches empfand er ihre Kinderlosigkeit. Und egal wie oft Joanne das Gegenteil beteuerte, betrachtete er ihren Kummer inzwischen als stillen Vorwurf. Die Vorstellung, einen Samenspender heranzuziehen, kränkte ihn, und als er nach einem langen Gewissenskampf zugestimmt hatte, ein Baby zu adoptieren, hatte ihn die intensive und äußerst persönliche Befragung durch die Behörden rasch abgeschreckt.

»Die lassen uns niemals ein Kind adoptieren«, sagte er unverblümt zu Joanne, nachdem er einen der ersten Termine wahrgenommen hatte. »Nicht, sobald sie mein Strafregister in die Hände bekommen.«

»Aber das ist doch schon lange her«, sagte seine Frau.

»Ich war Trinker und habe andere Menschen geschlagen«, sagte Tony in ungewohnt nüchterner Selbsteinschätzung.

»Mich hast du nie geschlagen«, sagte Joanne.

»Und ich wäre ein verdammt guter Vater«, fügte Tony hinzu. »Aber trotzdem bin ich vorbestraft.«

»Und was, wenn wir einfach selbst damit herausrücken, es ihnen gleich sagen?«, schlug Joanne vor. »Bevor sie es herausfinden. Wir könnten sagen, dass du seit Jahren keinen Alkohol angerührt hast.«

»Das wäre eine Lüge.«

»Na und? Das macht mir nichts.«

»Mir auch nicht«, sagte Tony. »Aber ich muss nichts weiter tun als rüber ins Crown and Anchor gehen, und schon wissen die Behörden, was läuft.«

Sie hatten fast schon aufgegeben, doch dann sahen sie eines Abends, ein paar Monate nach diesem Gespräch, die Wiederholung einer Fernsehsendung über rumänische Waisen in der Nach-Ceausescu-Ära. Schon während sie zuschauten, war Joanne überrascht, dass Tony – der Dokumentationen hasste – weder umgeschaltet hatte noch aufgestanden war, um sich ein Bier zu holen.

Erst hinterher, als die Sendung zu Ende war, öffnete er eine Dose und leerte sie bis auf den letzten Tropfen. Dann setzte er sich wieder neben Joanne aufs Sofa und nahm ihre Hand.

»Warum nicht wir?«, fragte er.

»Was?«

»Das.« Er nickte in Richtung Fernseher. »Das könnte es doch sein. Vielleicht bekommst du auf diesem Weg, was du dir mehr als alles andere wünschst. Und ich auch.«

»Aber all die Bewertungsverfahren und diese Dinge«, erinnerte Joanne ihn. »Du hast das alles doch so schrecklich gefunden.«

»Das hier läuft vielleicht anders. Schließlich würden wir einem dieser armen kleinen Babys helfen, oder nicht? Wir würden es aus einem dieser verdammten Löcher holen. Vielleicht stellen die Leute dort sich nicht so an.«

»Ich weiß nicht, Tony.«

»Denk darüber nach, Schatz«, sagte er. »Ein eigenes Baby. Und wir würden einem Kind helfen.« Er hielt inne. »Vielleicht würde ich mich sogar wieder wie ein richtiger Mann fühlen.«

»Du warst immer ein richtiger Mann«, sagte Joanne leise.

Schon in ihrer nächsten Mittagspause nahm sie die Recherchen auf. Sie ging in die Bibliothek unweit ihres Baugenossenschaftsbüros und fand – so mühelos, dass Tony später sagte, es sei Schicksal gewesen, dass sie diese Sendung gesehen hatten – die Beratungsstelle für Auslandsadoptionen.

»Pass aber auf, was du ihnen erzählst«, ermahnte Tony sie. »Sag ihnen, dass du dich zunächst mal nur erkundigen willst.« Er verstummte, als er ihren Gesichtsausdruck sah. »Was ist?«

»Nichts«, sagte Joanne. »Nur dass du ›du‹ gesagt hast, und nicht ›wir‹.«

Tony lächelte leutselig. »Du kümmerst dich darum, Jo. Im Augenblick jedenfalls.« Er hielt inne. »Es ist dir doch nicht zu viel, oder?«

»Natürlich nicht«, sagte Joanne schnell.

Sie nahm ihn beim Wort, begann Fragen zu stellen und erhielt mehr Antworten und Unterstützung, als sie es je für möglich gehalten hätte – auch wenn jedes Steinchen Hilfe sich unter einem gigantischen Berg von Informationen zu verbergen schien.

»Es ist sehr viel zu lesen«, sagte sie an einem Wochenende zu Tony.

Er blickte auf die Stapel Broschüren, Fotokopien und Computerausdrucke aus dem Internetcafé, das Joanne in der Mittagspause inzwischen regelmäßig aufsuchte.

»Ich kann mit diesem ganzen Mist nichts anfangen«, sagte er.

»Das ist kein Mist. Da steckt unsere Chance drin, Eltern zu werden.«

Er lachte und sagte, sie höre sich an, als hätte sie eins der Bücher heruntergeschluckt, die sie gelesen hatte. »Das Ergebnis, Joanne«, sagte er. »Alles andere interessiert mich nicht.«

Also machte Joanne weiter, bis alle ihre anfänglichen Fragen beantwortet waren, bis ihr Kopf gefüllt war mit Hunderten von Fakten über die praktischen und ethischen Aspekte »zwischenstaatlicher« Adoptionen – Tausende von Fakten, Warnungen vor Konflikten und Fallen, die es zu meiden galt, Entscheidungen, die getroffen werden mussten, Formulare, die auszufüllen waren.

»Nein!« Tony sprach mit allem Nachdruck. »Das machen wir nicht noch einmal durch.«

»Wir müssen, Tony.« Ihre Erleichterung war bereits verschwunden. »Das ist doch klar.«

»Für mich ist nur eins klar. Dass wir großartige Eltern wären.«

»Aber davon müssen wir erst noch die Behörden überzeugen«, argumentierte Joanne.

»Und die werden von meinen Vorstrafen erfahren, und dann sind wir wieder genau da, wo wir angefangen haben.« Tonys Gesicht rötete sich. »Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt, Jo. Wir sind bereit, einem kleinen hoffnungslosen Kind aus irgendeinem gottverlassenen Land zu helfen, und das war’s.«

»Aber so einfach ist es nun mal nicht.« Joanne kämpfte gegen die Tränen.

»Das muss es aber sein«, sagte ihr Mann. »Oder wir können die Sache vergessen.« Er stand auf; sein Gesicht war röter, die Augen härter. »Du willst es doch! Also findest du auch einen Weg.« Er war bereits auf halbem Weg zurück zur Küchentür. »Geh wieder ins Internet. Such jemanden, der versteht, was wir wollen.« Er hielt inne. »Wenn du willst, dann sag, dass wir dafür bezahlen.«

»Bezahlen?«, fragte sie erschrocken. »Für ein Baby? Das ist doch furchtbar.«

»Nicht wenn’s funktioniert.«

»Wir haben nicht genug Geld.« Joanne konnte kaum glauben, dass sie das gesagt hatte.

»Finde heraus, wie viel es kosten würde.« Tony öffnete die Tür. »Wenn es nicht zu viel ist, zahle ich. Ich bin nicht geizig, Joanne.«

»Das weiß ich, aber …«

»Finde es heraus, Joanne. Oder wir lassen das Ganze.«

Sie wollte schon aufgeben, als sie auf die Website eines Adoptions-»Fachmanns« stieß, der behauptete, legitime Verbindungen zu Agenturen auf drei Kontinenten zu haben, und der sich auf Paare spezialisiert hatte, die sich vom »System« verlassen fühlten – wegen ihres Alters, ihres sozialen Status oder anderer irrelevanter und oft kleinlicher Umstände.

Das wäre zu einfach, dachte Joanne und versuchte, ihre Aufregung unter Kontrolle zu halten, als sie die E-Mail-Adresse auf der Website anklickte – sie tat schließlich nicht mehr, sagte sie sich, als ihre Zehen ins Wasser zu stecken.

Und das war warm und sehr angenehm, wie sich herausstellte, und trat ihr in Gestalt einer skandinavischen Ärztin namens Marie Jenssen gegenüber. Eine Dame mittleren Alters, die Joanne erklärte, sie sei im Auftrag der internationalen Operation für die britischen »Zugänge« zuständig. Sie schien nichts anderes zu wollen als Tony und Joanne zu helfen, sich ihren Herzenswunsch zu erfüllen und einem notleidenden Kind ein neues Leben zu ermöglichen.

Bei Dr. Jenssen gab es keine langen Gespräche, und es war nur ein Minimum an Formularen auszufüllen; lediglich ein Treffen im Café eines Hotels am Russell Square, einen Vertrag und Geld, das sie auftreiben mussten – so viele Bündel Geld, dass Joanne fürchtete, Tony würde die Sache doch noch abblasen.

Aber dann wurde ihr Baby gefunden.

Irina Camelia Karolyi. Fünf Wochen alt, elternlos und in einem Waisenhaus in Bukarest untergebracht. Keine Verwandten. Keine Zukunft. Keine Hoffnung.

»Sie ist sehr hübsch«, sagte Joanne leise und starrte auf das Foto, das Dr. Jenssen geschickt hatte: ein winziges Mädchen mit riesigen dunklen Augen, das tatsächlich aussah, als lächele es aus seiner Wiege heraus.

»Sie ist süß«, sagte Tony. »Ich könnte sie wirklich lieben, Joanne.«

Von diesem Augenblick an war er ebenso wenig zu bremsen wie Joanne. Während sie bei Sandra, den Nachbarn, ein paar Freunden und der Baugenossenschaft den Weg ebnete und ihre Umwelt auf die Ankunft ihres Adoptivkindes vorbereitete – wobei sie die Wahrheit jedoch vor allen verborgen hielt –, arbeitete Tony wie ein Besessener in seiner Werkstatt, um das nötige Geld zu beschaffen, auch wenn ihm immer schleierhafter wurde, wofür und wen er eigentlich bezahlte.

»Du hättest sie um eine Kostenaufstellung bitten sollen«, sagte Joanne, nachdem Tony wieder einmal fünfhundert Pfund an Marie Jenssen gezahlt hatte.

»Du weißt, dass sie das nicht getan hätte«, sagte Tony. »Dir ist doch inzwischen klar, wie der Hase läuft.«

Allerdings – und das ängstigte sie mittlerweile noch mehr als die erschreckenden Ausgaben. Der Hase, wie Tony es ausgedrückt hatte, war die illegale Adoption, und das Geld, fürchtete Joanne, floss in die illegale Beschaffung von Visa und die Bestechung von Beamten in Gott weiß wie vielen Ländern. Sie hatte von illegalem Babyhandel gelesen, und die Vorstellung, dass jemand so gewissenlos sein konnte, ein Kind zu verkaufen – geschweige denn, eins zu kaufen –, hatte sie abgestoßen.

»Findest du, wir sind gewissenlos?«, fragte sie Tony eines Abends. »Weil wir das hier tun?«

»Nein, verdammt. Das finde ich nicht.« Die bloße Erwähnung machte ihn wütend. »Wir retten dieses Baby, Jo. Wir helfen Irina.«

Sollten dennoch Zweifel geblieben sein, so waren sie in der Sekunde, als sie Irina sahen, spurlos verschwunden: Am letzten Freitag im darauf folgenden April kam Marie Jenssen an der King’s Cross Station auf die beiden zu, in ihren Armen das Baby. Joanne durchlebte in diesem Augenblick einen letzten Anflug von Panik, als sie sich ausmalte, wie eine Meute Polizisten auf sie losstürmte, sobald Marie ihnen das Baby überreichte.

Es kam keine Polizei.

Nur ein kleines Mädchen, damals gerade drei Monate alt. Mit riesigen dunklen Augen, die eindringlich zu ihren neuen Eltern aufschauten.

»Hallo, Prinzessin«, sagte Tony leise.

Joanne, unfähig zu sprechen, hielt den Atem an.

Und Irina lächelte.

»Glücklich, Joanne?«, fragte Marie sanft.

»Glücklich ist nicht das richtige Wort.« Joannes Stimme klang erstickt.

»Tony?« Marie sah ihn an.

»Genauso.« Tony schüttelte den Kopf. »Ich kann es nicht glauben.«

»Es ist wahr«, sagte Marie.

Sie verabschiedete sich Augenblicke später, was Joanne erneut in Panik versetzte.

»Ich muss mehr wissen«, sagte sie. »Ich muss mehr über sie erfahren!«

»Sie wissen alles, was Sie je wissen werden«, antwortete Marie. »Das war Ihnen doch klar, Joanne. So laufen diese Adoptionen. Es ist besser für Sie alle.«

»Marie hat Recht, Liebling«, unterstützte Tony die Ärztin. »Irina gehört jetzt uns. Das ist alles, was wir wissen müssen.«

»Und wenn sie krank wird?« Das Baby wand sich in ihren Armen. »Wir müssen doch in der Lage sein, ihre Familiengeschichte zu recherchieren.« Sie kannte die Antwort bereits, denn sie hatte das Thema schon früher angeschnitten.

»Irina ist ein gesundes kleines Mädchen, Joanne«, versicherte Marie ihr. »Sie ist jetzt Ihr Kind, wie Tony schon sagte.«

»Hör auf, dir Sorgen zu machen, Jo.« Tony streichelte dem Baby über die Wange. »Genieß es einfach.«

Joanne senkte den Kopf, schloss die Augen und sog den Geruch ihrer kleinen Tochter ein.

Als sie den Kopf wieder hob, war Marie Jenssen fort.

7.

Eine knappe Stunde nach dem Fund der Leiche im Schrebergarten warf Helen Shipley – eine dreiunddreißigjährige, zurzeit leicht verkaterte Kriminalinspektorin des AMIT-Teams – gemeinsam mit ihrem Vorgesetzten, Chief Trevor Kirby, einen ersten, Übelkeit erregenden Blick in das weiße Tatort-Zelt. Kurz darauf stieß auch Stephanie Patel zu ihnen, die Dienst habende Pathologin.

Kaum drei Stunden später half ihnen John Bolsover, stellvertretender Geschäftsführer eines Supermarkts, der seine Frau vor mehr als einer Woche vermisst gemeldet hatte, bei der Identifizierung. Zwar wirkte er verstört und aufrichtig besorgt um seine Kinder, doch als sowohl Lynnes Schwester als auch ihre Nachbarin ihn als Haustyrann erster Güte identifizierten, avancierte Bolsover rasch zum Hauptverdächtigen. Ihre Schwester mochte zwar unter Depressionen gelitten und unter der Fuchtel ihres Mannes gestanden haben, sagte Pam Wakefield, doch hin und wieder habe sie die Kraft aufgebracht, sich gegen ihn zu wehren – bis zu dem Punkt, an dem er sie anbrüllte und häufig auch schlug.

»Was genau wollen Sie mir damit sagen, Pam?«, fragte Helen im Wohnzimmer der völlig verstörten Frau.

»Ist das nicht offensichtlich?«

»Ich muss es in Ihren eigenen Worten von Ihnen hören«, meinte Helen.

»Was ich damit sagen will … Ich glaube, diesmal ist er zu weit gegangen.« Pam Wakefield starrte die Polizistin mit den grauen Augen und dem Stoppelhaarschnitt mit tränennasser Offenheit an. »Ich will damit sagen, dass es wahrscheinlich John Bolsover war«, sie sprach seinen Namen aus, als wären die Worte Gift in ihrem Mund, »der meiner Schwester den Kopf eingeschlagen, sie dort hingeschafft und Säcke auf sie geworfen hat.«

Wahrscheinlich. Da lag der Haken.

»Du solltest ihn möglichst schnell festnageln«, sagte Chief Kirby, ein stämmiger, grauhaariger Junggeselle aus Wolverhampton später zu Helen.

Leichter gesagt als getan, dachte sie, denn nach drei langen Verhören im provisorischen AMIT-Quartier – einem trostlosen Backsteinbau knapp zwei Kilometer vor Claris Green, der ebenso provisorisch war wie die AMIT-Einheit selbst – zeigte Bolsover nicht das geringste Anzeichen, dass er schlappmachen, geschweige denn ein Geständnis ablegen würde. Sein Anwalt beharrte nachdrücklich darauf, dass man seinen Mandanten entweder offiziell beschuldigen oder nach Hause gehen und mit seiner Familie trauern lassen solle.

»Wir sind immer noch keinen Schritt weiter«, sagte Helen Shipley zu ihrem Team, das sie fünf Tage nach Beginn der Ermittlungen im lokalen Einsatzzentrum der Polizei zusammengerufen hatte. »Mir liegt ein Schriftsatz vor, der besagt, dass ich entweder scheißen oder vom Klo verschwinden muss, und ich habe keinen Fitzel eines echten Beweises. Keinen Zeugen, keine belastenden gerichtsmedizinischen Analysen, keine Mordwaffe, kein verdammtes gar nichts.«

Der tödliche Angriff war mit drei brutalen Schlägen erfolgt, doch Dr. Patel hatte Helen erklärt, dass bereits der erste Schlag ausgereicht hatte, um den Tod herbeizuführen. Das deutete darauf hin, dass die nachfolgenden Schläge dem Opfer möglicherweise in Wut oder Raserei zugefügt worden waren. Die Mordwaffe, glaubte die Pathologin, war vermutlich ein Stein aus einem Garten oder Park in der Gegend von London Clay, vielleicht nicht allzu weit von der Stelle entfernt, an der man das Opfer gefunden hatte. Die Suche nach Fingerabdrücken in dem Schuppen hatte nichts ergeben, außer einer Hand voll zerbrochener Bierflaschen mit ein paar verschmierten Abdrücken, einem Haufen zertretener Cola- und Limodosen, ein paar alten Spritzen und keinem einzigen brauchbaren Schuh- oder Stiefelabdruck.

Das war alles. So verdächtig Bolsover auch war – zu dem Zeitpunkt, als Helen und ihr Team mit ihm sprechen konnten, waren die Chancen, an seinem Körper oder an der Kleidung einen möglicherweise belastenden Hinweis zu finden, längst fast null, so viel Zeit war zwischen Lynnes Tod und dem Fund ihrer Leiche vergangen. Außerdem waren die Durchsuchungen von Bolsovers Haus, seines Hondas sowie seines Schreibtisches und Schließfachs auf der Arbeit ergebnislos geblieben.

»Die Befragung der Nachbarschaft hat bisher nichts ergeben«, sagte Sergeant Geoff Gregory jetzt.

»Wir haben auch noch niemanden, der widerlegt, dass Bolsover zu Hause war«, sagte Constable Ally King, eine hübsche Schwarze, die das Team von der örtlichen Kriminalpolizei ausgeliehen hatte.

Lynnes Mann behauptete, zum Zeitpunkt des Mordes – einem Dienstag, als die Kinder in der Schule waren – zu Hause vor dem Fernseher ein Nickerchen gemacht zu haben, da er wegen eines Rückenleidens nicht arbeiten gegangen war. Und Valerie Golding gestand zwar, dass sie nichts lieber getan hätte, als die Geschichte ihres Nachbarn unglaubwürdig klingen zu lassen, doch sie hatte sich den größten Teil des Tages draußen in Bent Cross aufgehalten.

Helen seufzte und starrte wohl zum hundertsten Mal auf die Schreibtafel, auf der partout kein anderer Verdächtiger erscheinen wollte. Keine Liebhaber – weder von John noch von Lynne – waren aufgetaucht. Niemand, der irgendeinen Groll gegen Lynne hegte. Keine Kabbeleien mit anderen Eltern an der Schule der Kinder, kein Hinweis darauf, dass sie sich verfolgt gefühlt hatte, keine Einbrüche in ihr Haus. Es gab nicht einmal einen Zeugen, der am fraglichen Tag einen Streit zwischen Mann und Frau gehört hätte.

Andererseits: Selbst wenn die Nachbarn sie schreien gehört hätten, wäre auch das noch längst kein Beweis, dass John Bolsover seine Frau getötet hatte.

Lynnes Gesicht lächelte Helen von einem Foto an.

Daneben ein anderes Gesicht, eine schreckliche, blutige Maske des Todes.

Lynne Frances Bolsover. Neunundzwanzig Jahre alt. Mutter zweier kleiner Kinder.

Ausgelöscht von einem oder mehreren Unbekannten.

»Wir wissen aber, dass er es war, oder?«, fragte Constable King.

»Wir wissen einen Dreck, Ally«, sagte Helen.

Sergeant Gregory, ein übergewichtiger Mann mittleren Alters, stand auf. »Dann sollten wir uns wieder auf die Socken machen und etwas auftreiben, mit dem wir den Bastard festnageln können.«

»Je eher, desto besser«, sagte Helen.

8.

Im ersten Monat, nachdem ihre Eltern sie nach Hause geholt hatten, lächelte Irina sehr oft und weinte fast nie. Dann aber – als hätte sie ihre Macht, etwas vom Leben zu fordern, vorher nicht begriffen – begann das kleine Mädchen nicht bloß zu weinen, sondern mit durchdringender Stimme zu schreien, wann immer sie Milch oder eine saubere Windel, auf den Arm genommen oder wieder hingelegt werden wollte.

»Kannst du nicht dafür sorgen, dass sie das sein lässt?«, fragte Tony seine Frau.

»Natürlich nicht«, erwiderte Joanne abwesend. »Wenn ich es könnte, würde sie ja nicht mehr weinen, oder?« Sie musterte Irinas leuchtend rote Wangen. »Ich mache mir allmählich Sorgen um sie, Tony. Wir müssen mit ihr zum Arzt.«

»Ich dachte, damit wollten wir noch warten.«

Sie waren übereingekommen, dass sie – mit Ausnahme der normalen Kontrolluntersuchungen und Impfungen bei ihrem Hausarzt – lieber zu einem privaten Kinderarzt gehen wollten, als zu riskieren, den staatlichen Gesundheitsdienst in ...

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