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Night Moves: Blackout – Verbotene Spiele

J. Kenner

Blackout – Verbotene Spiele

Aus dem Amerikanischen von und Brigitte Marliani-Hörnlein

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder
auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Als ich ihre Schenkel berührte, kam ein leises „Oh“ über ihre Lippen, und sie legte ihre Hände auf meine, um mich aufzuhalten. Es war nicht die verschämte Reaktion einer prüden Frau. Auch nicht die eines Mädchens, das zum ersten Mal die Hände eines Mannes auf seinem Körper spürt. Es war der Reflex einer Frau, die an fremde Hände nicht gewöhnt war …

Die Worte aus My Secret Life beflügelten Ellas Fantasie und erregten sie so sehr, dass sich ihr Pulsschlag erhöhte und ihr das Atmen schwerfiel.

Seit drei Wochen nahm sie schon an der Vorlesung teil. Trotzdem wurde ihr immer noch ganz heiß, wenn sie die Texte las, und sie träumte davon, ähnlich wilde Nächte mit einem Liebhaber zu verbringen.

Nie hätte sie damit gerechnet, dass Worte sie so sehr stimulieren könnten. Obwohl sie zugeben musste, dass sie die Vorlesung nicht nur belegt hatte, weil die Dozentin Veronica Archer eine hervorragende Professorin war und einen herausragenden Ruf als Expertin für Erotikromane genoss … sondern auch weil sie endlich einmal wieder etwas Verrücktes hatte tun wollen.

Das hatte sie Tony allerdings verschwiegen. Nein, sie hatte ihrem Freund gesagt, dass sie die Vorlesung besuchte, weil sie für ihr Masterstudium tiefgehende Kenntnisse über erotische Literatur benötigte. Außerdem kannte sie Veronica „Ronnie“ Archer seit Jahren, und sie waren befreundet.

Eine vernünftige Erklärung, die Tony sofort akzeptiert hatte. Allerdings entsprach sie nicht ganz der Wahrheit …

Der Hauptgrund war, dass sie hier etwas bekam, das sie an die Vergangenheit erinnerte. Früher war sie schnelle Autos gefahren und mit wilden Männern ausgegangen. Sie war mit ihrem besten Freund Shane auf dem Motorrad durch die Landschaft gebraust und sogar mit einem Fallschirm gesprungen, nur weil er sie herausgefordert hatte.

In letzter Zeit jedoch war ihr Leben ruhiger geworden. Sie selbst war ruhiger geworden. Ihr gefiel es, sie wollte es so. Aber das bedeutete nicht, dass sie die Vergangenheit vergessen hatte – oder dass es nicht doch noch diese Momente gab, in denen sie sich nach dem Nervenkitzel von damals sehnte.

Sie lächelte, als sie an Tony dachte. Ein attraktiver, gepflegter Banker, der keinen Sinn für ihre ausgefallenen Vorlieben hatte. Seine Schwestern waren anders. Und wenn Tony auf Reisen war oder arbeitete, tanzten Ella und die Mädchen manchmal die ganze Nacht durch, oder sie gingen klettern oder fuhren zur Rennbahn und liehen sich Autos.

Ella genoss diese Stunden, doch sie waren nicht mehr ihr Leben. Sie war jetzt mit Tony zusammen, und im Gegensatz zu seinen Schwestern bevorzugte er ein ruhiges, geordnetes Leben. Er wollte eine Familie, ein Haus mit Gartenzaun und allem, was dazugehörte.

Und sie wollte dieses Leben mit ihm teilen, auch wenn es manchmal etwas langweilig und spießig war. Auch in Sachen Sex.

Zweimal hatte sie bereits versucht, ihm besonders schlüpfrige Passagen aus ihren Unterrichtsmaterialien vorzulesen, doch er hatte die erotische Stimmung nicht genutzt, sondern sehr schnell vom Thema abgelenkt. Über Sex zu sprechen oder gar im Bett mal etwas Neues auszuprobieren – das war nicht Tonys Welt.

Nicht, dass er Sex generell nicht mochte. Das war nicht das Problem. Er war auch alles andere als schlecht im Bett, nur eben ein bisschen fantasielos.

Trotzdem: Sie liebte ihn, und das machte alles andere wieder wett. Tony entsprach genau Ellas Vorstellungen von einem perfekten Partner. Und wenn sie die Zeichen richtig deutete, dann würde er ihr schon bald einen Heiratsantrag machen, den sie ohne zu zögern annehmen würde.

Gedankenverloren blätterte sie die Seiten um und dachte daran, wie glücklich sie sich schätzen konnte, einen Mann wie Tony zu haben.

Mühsam fand sie wieder in die Realität zurück. Doch jetzt musste sie weiterarbeiten. Also verdrängte sie die Gedanken an ihren Freund und konzentrierte sich auf das vor ihr liegende Buch. Schon nach wenigen heißen Zeilen versank sie wieder in sinnlichen Fantasien.

Puh …

Erregt griff sie zu ihrem Schnellhefter, um sich Luft zuzufächeln. Normalerweise war es in der Bibliothek eher kühl. Heute jedoch schien die Luft vor Hitze zu flirren.

Ich hatte sie ganz eng an mich gezogen, streichelte mit einer Hand sanft ihren Po, während ich mit den Fingern der anderen Hand in sie eintauchte und …

Wow!

Wie konnte man sich diesen Passagen mit wissenschaftlichem Abstand nähern und sie nüchtern analysieren? Ella schaffte es nicht, zumindest nicht heute. Ziemlich frustrierend, denn sie hatte sich eigentlich in der Bibliothek der New York University ausgebreitet, um an ihrer Semesterarbeit zu arbeiten – oder um sich zumindest für das endgültige Thema ihrer Arbeit zu entscheiden. Sie wollte historische Erotikliteratur den Werken der Gegenwart gegenüberstellen. Doch das Thema war zu breit gefasst, und bisher war es ihr nicht gelungen, einen speziellen Aufhänger zu finden. Nicht gut, da sie Ronnie am Montag treffen würde, um mit ihr die Thesen und die Gliederung zu besprechen.

Normalerweise hatte sie kein Problem, sich zu konzentrieren, doch heute schweiften ihre Gedanken ständig ab. Vielleicht, weil es so ein schwüler Samstag war. Vielleicht aber auch, weil sie sich in diesem Semester wieder einmal unglaublich viel Arbeit aufgehalst hatte.

Nein, widersprach die vertraute Stimme in ihrem Kopf. Sie war nicht überlastet. Termindruck brachte sie erst richtig auf Touren. Sie brauchte den Adrenalinrausch.

So ungern sie es zugab, ihre Unkonzentriertheit hatte nichts mit ihrem Studium zu tun. Der einfache und doch so komplizierte Grund, weshalb sie nicht bei der Sache war … hieß Shane.

Seit Jahren war er ihr bester Freund, und jetzt verließ er sie und zog von Manhattan zurück nach Texas. Solange sie sich erinnern konnte, gehörte er zu ihrem Leben. Sie hatten dieselben Schulen besucht, hatten sich die Kosten für einen Umzugswagen geteilt, als sie als Studienanfänger nach New York gekommen waren, beide glücklich, ihren schrecklichen Familien entkommen zu sein. Damals hatten sie sich geschworen, jeden Stein, den die Stadt ihnen in den Weg legen könnte, gemeinsam zu beseitigen.

Shane hatte mittlerweile sein Jurastudium beendet und arbeitete bei der Bundesstaatsanwaltschaft. Obwohl auch Ella sehr ehrgeizig war, ließ sie es etwas langsamer angehen. Sie hatte bereits ihren Bachelor in Kunstgeschichte und stand kurz vor ihrem Masterabschluss. Sie war fest entschlossen, die beste wissenschaftliche Qualifikation zu erreichen, um ihren Traum von einem Job im angesehenen Metropolitan Museum of Modern Art oder sogar im Pariser Louvre zu verwirklichen. Sie und Shane hatten zwar verschiedene Wege eingeschlagen, aber sie waren sie stets zusammen gegangen.

Und jetzt sollten sich ihre Wege trennen. Bei dem Gedanken empfand Ella Schmerz, Wut und Enttäuschung. Es war fast wie ein Vertrauensbruch. Sie hatten sich versprochen, immer füreinander da zu sein. Trotzdem ließ er sie nun im Stich.

Besonders schlimm war, dass sie ganz sicher mit einem Heiratsantrag von Tony rechnete. Wie sollte sie eine Hochzeit ohne die moralische Unterstützung ihres Freundes planen? Obwohl sie einräumen musste, dass Shane vor dieser speziellen Aufgabe zurückschrecken könnte. Ab und zu konnte sie ihn zwar überreden, mit ihr in eine Parfümerie zu gehen, aber Shane war ein echter Kerl. Eine Hochzeit zu planen war ihm vermutlich zu albern.

Dennoch, sie wollte ihn in ihrer Nähe haben. Und sie konnte sich nicht damit abfinden, dass er in zwei Tagen fort sein würde. Der Gedanke, die Freundschaft über eine Distanz von tausendfünfhundert Meilen hinweg fortsetzen zu müssen, gefiel ihr überhaupt nicht.

Aber sie konnte nichts mehr dagegen tun. Sie hatte schon alles versucht.

Einerseits wünschte sie, der Tag der Abreise würde niemals kommen, und andererseits, sie hätten den Abschied schon hinter sich. Dann hätte sie den Kopf frei und könnte sich wieder auf ihre Arbeit konzentrieren.

Richtig. Ihre Arbeit.

Sie las den nächsten Absatz, und die provokante Sprache beanspruchte wieder ihre Aufmerksamkeit.

Ella schloss die Augen. Ihre eigenen Fantasien ersetzten die Worte. Sie redete sich ein, rein wissenschaftlich zu arbeiten und an den Werken nur wegen ihrer literaturwissenschaftlichen Bedeutung interessiert zu sein.

Es wäre hübsch, sich das einzureden, aber es entsprach nicht der Wahrheit.

Stattdessen erregten die Worte sie. Wäre sie doch nur in der Abgeschiedenheit ihres eigenen Apartments geblieben, statt sich in die Universitätsbibliothek zu setzen, wo jeder ihren Gesichtsausdruck sehen und sich ausmalen konnte, woran sie gerade dachte.

In dem Text wurde das Äußere des Mannes nicht beschrieben. In ihrer Fantasie jedoch hatte er dunkle, fast schwarze Haare. Tonys Haare natürlich. Welcher Mann sollte sonst diese Gedanken heraufbeschwören? Doch es war ein stürmischer Tony mit zerzausten Haaren und leidenschaftlichem Blick, wie er nur in ihrer Einbildung existierte.

Seine Hände waren rau, als würde er gelegentlich hart damit arbeiten, aber nicht schwielig. Sie waren stark, und als sie den Kopf zurücklehnte, packte er fest zu und knetete mit eben diesen Händen ihre Brüste. Aufreizend langsam rieb er die aufgerichteten Knospen zwischen Daumen und Zeigefinger.

In ihrem Tagtraum wölbte sie den Rücken, und heißes Verlangen schoss von ihren Brüsten hinunter zu ihrer empfindlichsten Stelle. Er senkte seinen Kopf zwischen ihre Schenkel, und seine Bartstoppeln kratzten über ihre empfindliche Haut, als er sie mit seiner Zunge geschickt verwöhnte. Ein aufregend zarter Gegenpol zu seinen rauen Händen auf ihrer Brust.

Sie konnte das Gesicht ihres Liebhabers nicht sehen. Nur die dunklen Haare auf seinem Kopf zwischen ihren Beinen. Und die breiten Schultern, die Muskeln unter seinem T-Shirt, die sich spannten, als er mit beiden Händen über ihren Bauch strich und sich der Stelle näherte, der er mit seinem Mund so wundervolle Aufmerksamkeit widmete.

Sie konnte Tony vielleicht nicht sehen, aber sie kannte seine Berührungen. Stark, selbstbewusst. Wie der Mann selbst.

Jetzt reizte er sie nicht nur mit der Zunge, sondern auch mit dem Daumen, und das brachte sie fast zum Höhepunkt. Die andere Hand lag auf ihrem Bauch, beruhigte sie und versprach mehr sinnlichen Genuss, wenn sie geduldig war.

Oh ja. Sie konnte geduldig sein …

Sie rutschte auf ihrem Stuhl herum. Glücklicherweise hatte sie noch nicht völlig vergessen, dass sie in der Bibliothek saß. Sie durfte sich nicht anmerken lassen, welch sündige Gedanken sie grade hatte.

Der Teufel zwischen ihren Beinen bewegte sich ebenfalls, und seine Liebkosungen wurden wilder, schneller, leidenschaftlicher. Flammen schienen zwischen ihren Schenkeln hervorzuzüngeln. Sie hätte fast laut aufgestöhnt, doch ihr stockte der Atem, als er genau in diesem Moment den Kopf hob und sie seine Augen sehen konnte – sie waren nicht so dunkel wie Tonys Augen.

Die Augen waren grün und ihr nur zu vertraut.

Nein.

Das konnte nicht sein. Auf keinen Fall tobte sie sich in ihren Fantasien mit ihm aus.

Doch dann konnte sie das Gesicht sehen, das verführerische Grinsen, das markante Kinn. Sie kannte den Mann. Den Mann, der mit seiner Zunge und seine Fingern die heiße Glut in ihr zu neuem Feuer entfacht hatte.

Ja, sie kannte ihn gut.

Shane!

Ihr bester Freund. Ein Mann, der in ihren Träumen nichts zu suchen hatte.

Was also, dachte sie, tat er dort?

Das Apartment war nur fünfunddreißig Quadratmeter groß, und auf so kleinem Raum musste ihm durch die Dämpfe schwindelig werden. Das zumindest redete Shane Walker sich ein, als er die letzten Schranktüren abschraubte, um sie auf der Feuertreppe, die auch als Balkon diente, abzuschleifen und abzubeizen.

Die Chemikalien in der Beize machten ihm zu schaffen. Eine andere Erklärung gab es nicht. Auch wenn alle Fenster geöffnet waren, alle Ventilatoren auf höchster Stufe liefen und nur ein Hauch von Chemikalien in dem winzigen Apartment zu riechen war.

Ihm musste davon schwindelig sein. Welchen Grund hätte er sonst, eine Pause einzulegen und sich mitten in Ellas Wohnung auf den Fußboden zu setzen und in einem Karton mit alten Fotos und Briefen zu wühlen, den er auf dem obersten Küchenregal gefunden hatte?

Denn das hatte er vor zehn Minuten getan, und er hatte deshalb ein schlechtes Gewissen. Sicher, die Fotos waren harmlos. Es waren Fotos von ihm, von Ella, von ihnen beiden zusammen. Beim Rudern, beim Radfahren, beim Trampen von Houston nach Mexiko, auf der Strandpromenade von Atlantic City. Souvenirs von dem Spaß, den sie zusammen gehabt hatten. Es waren keine Fotos von der Familie dabei. Was ihn nicht überraschte. Aber viele Fotos von ihren gemeinsamen Freunden. Alles keine große Sache.

Trotzdem gehörte es sich nicht, in ihren Sachen zu kramen.

Er tröstete sich damit, dass Ella ihm den Karton sicher gern freiwillig gezeigt hätte. Er wusste es. Seit der zweiten Klasse waren sie die besten Freunde, und es gab nichts, was sie ihm verweigern würde. Und sie hatte auch keine Geheimnisse vor ihm.

Er wusste, dass sie immer noch unter Albträumen wegen der schlechten Beziehung zu ihrer Mutter litt.

Er wusste auch, dass sie vor vielen Jahren den Motorradführerschein gemacht hatte, weil sie damals festgestellt hatte, dass das Vibrieren zwischen den Beinen sie erregt hatte, als einer ihrer Exfreunde sie auf seiner Ducati nach Hause fuhr.

Und er wusste, dass sie Ronnies Vorlesung über erotische Dichtung nicht nur aus rein fachlichem Interesse besuchte, sondern auch, weil es sie antörnte …

Wir wissen praktisch alles von dem anderen, dachte er. Nur eines hatte er vor ihr geheim gehalten, weil er fürchtete, es könnte ihre Freundschaft zerstören. Das Risiko wollte Shane nicht eingehen.

Die Wahrheit war gefährlich.

Und sie war gleichzeitig schmerzlich und wundervoll.

Er liebte Ella Davenport.

Im Nachhinein war er überzeugt davon, dass er sie liebte, seit er sie das erste Mal gesehen hatte. Damals auf dem Schulhof der Sam Houston Elementary School. Sie waren beide sieben Jahre alt gewesen. Er war gestolpert und hingefallen, und dabei war ihm sein schmieriger Schokoladenriegel aus der Hand geflogen und direkt gegen ihr hübsches, pinkfarbenes Kleid geklatscht. Die meisten Mädchen hätten entsetzt aufgeschrien, Ella dagegen hatte nur gelacht, die Schokolade abgewischt – wodurch der Fleck noch größer wurde – und angeboten, ihr Eis mit ihm zu teilen.

Von dem Tag an war Ella seine beste Freundin gewesen, seine engste Vertraute. Doch nie hatte er in ihr etwas anderes gesehen als eine Freundin. Nicht einmal in all den Jahren.

Das war erst vor sechs Monaten passiert, als er von einem besonders langweiligen Date nach Hause gekommen war und Ella angerufen hatte, um seinen Frust über die aufgebrezelte Tussi loszuwerden, die er zum Dinner eingeladen hatte. Sie war nur an ihm interessiert, um ihrer Karriere auf die Sprünge zu helfen.

An jenem Abend war ihm etwas klar geworden: Ella war die richtige Frau für ihn. Hundertprozentig.

Doch er war nicht in der Lage gewesen, es ihr zu sagen. Sein Problem bestand darin, dass er Ella einfach zu gut kannte und nur zu vertraut mit ihren Eigenarten in Beziehungen war. Wenn ein Exfreund sagte, dass er wirklich nur ihr Freund sein wollte, kein Problem. Aber wenn der arme Kerl scharf auf sie war – und das auch noch aussprach –, dann war wirklich und endgültig Schluss mit ihm. Sie ging sogar so weit, seine kompletten Kontaktdaten aus ihrem Handy zu löschen.

„Billy Crystal hat nur teilweise recht“, hatte sie in Bezug auf den Film Harry und Sally erklärt. „Männer und Frauen können Freunde sein. Aber nur, solange Sex und eine romantische Beziehung nicht zur Debatte stehen. Wenn das der Fall ist …“ Sie sprach nicht weiter, doch er wusste, was sie meinte.

Ellas Leben war nicht einfach gewesen, doch sie hatte alle Schwierigkeiten dank ihres angeborenen Optimismus gemeistert. Ihr Lebensmotto war, dass nach jedem Regen wieder die Sonne herauskam. Vielleicht hielt sie deshalb auch an Abenteuern wie Fallschirmspringen und Klettertouren fest – sie glaubte fest daran, dass nichts passieren konnte, dass zum Schluss immer alles gut werden würde.

„Stell dir vor, wir hätten jemals miteinander geschlafen. Es wäre das Ende unserer Freundschaft gewesen. Wie hätte ich all die Jahre ohne dich überstehen sollen?“

Das war eine rein rhetorische Frage gewesen, auf die er keine Antwort geben musste. Während ihrer Schulzeit und auch am College hatten sie nie ein romantisches Date gehabt. Sie waren vielleicht mal zu viert ausgegangen, und häufig war es dann passiert, dass sie auf der Bowlingbahn oder der Tanzfläche gelandet waren und sich über ihre misslungenen Dates austauschten, während ihre jeweiligen Partner sich volllaufen ließen oder mit jemand anderem flirteten.

In all den Jahren hatte er viele Dates gehabt, und Sex war selbstverständlich gewesen. Gelegentlich, wenn Ella und er einen über den Durst getrunken hatten, hatten sie auch im Scherz erwogen, miteinander ins Bett zu gehen, doch es war nie ernst gemeint gewesen. Sie kannten sich jetzt seit Jahren – Jahren –, warum also sah er sie plötzlich in einem anderen Licht? War es Verzweiflung, weil er bisher keine Frau kennengelernt hatte, die ihn so wie sie zum Lachen bringen konnte? Keine Frau, mit der er nachts stundenlang Episoden von Monty Python sehen konnte?

Nein, es war mehr. Ella war nicht die letzte Möglichkeit, sie war die einzige Möglichkeit. Er hatte nur unglaublich viele Jahre gebraucht, um das zu erkennen.

Und er hatte diese Woche noch etwas erkannt: Er musste es ihr sagen. Er musste alles riskieren und seiner besten Freundin gestehen, dass er sie liebte.

Natürlich hoffte er insgeheim, dass seine Liebe nicht unerwidert blieb. Doch selbst wenn es so war, würde er sich immer noch von den anderen Männern in ihrem Leben unterscheiden. Ihn würde sie nicht aus ihrem Handy löschen.

Zumindest konnte er es sich nicht vorstellen. Und wenn doch? Täglich passierten Dinge, mit denen man nicht im Traum rechnete. Wie zum Beispiel seine Rückkehr nach Texas. Wer hätte gedacht, dass er freiwillig wieder dorthin ziehen würde, wo er als Kind die Hölle auf Erden erlebt hatte?

Tatsache war, dass er in zwei Tagen New York verlassen und nach Houston ziehen würde, um dort im Justizministerium an einem Projekt zu arbeiten. Der Job war ein großer Vertrauensbeweis für einen jungen Anwalt, vor allem, da er an das Versprechen gekoppelt war, dass er nach Washington versetzt würde, wenn er seine Arbeit gut machte.

Ein Job in der Bundesstaatsanwaltschaft. Die Aussicht war es wert, übergangsweise wieder in Texas zu leben. Er wäre ein Idiot, wenn er das Angebot nicht angenommen hätte. Und was seine Karriere betraf, war Shane kein Idiot.

Bei Ella jedoch … nun, da sah die Sache etwas anders aus. Da war er ein Idiot gewesen, besonders in letzter Zeit. Doch ein Idiot mit einem Plan.

In den letzten zwei Jahren hatte er dazu beigetragen, die schlimmsten Verbrecher vor Gericht zu bringen. Er konnte planen, recherchieren, Beweise sammeln, Zeugen ins Kreuzverhör nehmen. Er war vielleicht noch unerfahren, doch er wurde mit jedem Tag besser, verfeinerte seine Fähigkeiten.

Jetzt würde er diese Begabung auch im privaten Bereich anwenden. Er würde es ihr sagen.

Heute.

Und er würde ihr beweisen, dass er der richtige Mann für sie war, dass sie ihm gehörte, ihm schon immer gehört hatte, auch wenn sie es nicht gemerkt hatten. Er hatte sechs Monate lang gezögert, doch jetzt war es fünf vor zwölf.

In zwei Tagen würde er nach Texas ziehen. Er konnte nicht länger warten.

Aber nicht nur seine Abreise gab den Ausschlag. Es kamen noch andere Faktoren ins Spiel. Ellas Worten hatte er entnommen, dass Tony ihr schon bald einen Antrag machen würde. Und Shane wollte sie nicht auf diese Weise verlieren … nicht, weil ein anderer Mann schneller gewesen war.

Zumal Tony der falsche Mann für sie war. Daran hatte Shane keine Zweifel. Ella war verliebt, sicher. Aber sie versuchte zu sehr, sich Tony anzupassen und so zu werden, wie er sie haben wollte.

Wenn sie sich trotzdem für Tony entschied, okay, dann hatte er verloren. Aber sie musste die Fakten kennen.

Und Fakt war, dass Shane sie liebte. Sie begehrte.

Ella und er passten zusammen, ohne dass einer von ihnen seine Persönlichkeit aufgeben musste.

Er wusste, dass Ella gegen diese einfache Wahrheit ankämpfen würde. Sie hatte ihre Gründe, weshalb sie Tony wollte, und er verstand diese Gründe. Aber genau das brachte ihm auch einen Vorteil, einen, den er zu nutzen gedachte.

Er warf einen Blick in Richtung Küche, in der er seine Aktentasche abgestellt hatte. Bei dem Gedanken, was in der Tasche steckte, musste er lächeln. Keine Unterlagen zu einer Rechtssache, keine Notizen oder Vereinbarungen, trotzdem etwas, in dessen Erstellung er sein ganzes Geschick gelegt hatte. Es war eine Art schlüssige Sachlage, in dem Fall Shane gegen Tony, mit Ella als vorsitzender Richterin.

Natürlich wusste er, dass er ihre Freundschaft aufs Spiel setzte. Doch das Risiko musste er eingehen. Er würde Ella nicht kampflos aufgeben.

Er würde sie für sich gewinnen. Heute Abend.

Denn in dieser verzwickten Situation hatte Shane nicht die Absicht, fair zu spielen.

2. KAPITEL

Ella presste die Beine fest zusammen, entschlossen, sich von ihren erotischen Träumen nicht überwältigen zu lassen. Wäre Tony der Held ihrer Vision – oder generell irgendjemand –, würde sie sich vielleicht mitreißen lassen. Wahrscheinlich würde sie sogar nach Hause gehen, ein heißes Bad nehmen, sich anschließend nackt auf ihr Bett legen und …

Aber in ihren Fantasien spielte Shane die Hauptrolle … und der hatte dort absolut nichts zu suchen. Er war ihr bester Freund, nicht ihr Lover, und diese wilden Hirngespinste waren nichts weiter als ein Produkt ihrer regen Vorstellungskraft.

Fast übermenschliche Anstrengung war notwendig – und eine Cola light aus dem Getränkeautomaten im Erdgeschoss –, um Shane aus ihren Gedanken zu vertreiben. Besser gesagt, das Bild eines heißblütigen, leidenschaftlichen Shane, der unglaublich verruchte Dinge mit ihr tat.

Ihr Shane war nicht gefährlich. Dieser imaginäre Shane jedoch …

Ella stieß ungewollt einen Seufzer aus, überspielte dies aber, indem sie den letzten Schluck aus ihrer Dose trank und sie anschließend in den Müll warf. Sie kehrte an ihren Arbeitsplatz zurück, und sofort wanderten ihre Gedanken wieder zu ihrem Freund, trotz des Versuchs, an etwas weniger Gefährliches wie zum Beispiel eine Nuklearkatastrophe zu denken.

Es gelang ihr nicht. Shane wollte ihr einfach nicht aus dem Kopf gehen.

Eigentlich kein Problem. Er war ihr Freund, sie dachte ständig an ihn. Aber es waren freundschaftliche Gedanken, keine, die sie antörnten. Keine, in denen sie ihn nackt, sexy und leidenschaftlich sah … als einen Mann, der sie berührte und streichelte …

Sie schüttelte den Kopf. Dieser Shane gehörte nicht in ihre Gedanken. Und sie konnte sich auch nicht erklären, wie er plötzlich dorthin kam. Er war ihr Kumpel. Zwischen ihnen hatte es nie etwas anderes als eine rein platonische Freundschaft gegeben.

Sie kannten sich in- und auswendig, und nie war etwas passiert.

Als sie noch das College besuchten, hatten sie in der Studentenbude des anderen übernachtet und sich ein Hotelzimmer geteilt, wenn sie nach Texas reisten. Häufig waren sie auf engstem Raum zusammen gewesen, doch nie hatte sie davon geträumt, mit ihm zu schlafen.

Bis heute.

Nein, korrigierte sie sich. Sie wollte nicht mit ihm schlafen. Und selbst wenn sie es wollte – nur ein ganz kleines bisschen –, war sie nicht so dumm, diesem Wunsch nachzugeben. Shane war ihr viel zu wichtig. Und natürlich auch Tony.

Frustriert schob Ella das Buch zur Seite und rieb sich die Schläfen. Dies war einfach nicht ihr Tag.

„Ich habe Kopfschmerztabletten in der Tasche, wenn du welche brauchst.“

Ella zuckte zusammen, als sie die ruhige Stimme hinter sich vernahm. Veronica Archer, ihrer Professorin für den Kurs „Erotische Literatur und die viktorianische Gesellschaft“. Und ihre Freundin.

Ella wirbelte herum und sah in Ronnies lächelndes Gesicht. Veronica Archer war eine atemberaubend schöne und äußerst selbstsichere Frau, die aber trotzdem nicht unnahbar wirkte.

„Was machst du an einem Samstagnachmittag hier?“, fragte Ella.

„Dich suchen. Ich habe bei dir angerufen, und Shane hat mir verraten, dass du in der Bibliothek über der Semesterarbeit brütest.“

„Du hast mit Shane gesprochen?“, fragte Ella leicht nervös.

„Ja.“

„Oh.“

Ronnie blickte über Ellas Schulter auf das aufgeschlagene Buch und lächelte breit. „Nun, das erklärt, weshalb du eben so abgelenkt warst.“

Ella schlug das Buch zu. „Mach dich nicht über mich lustig. Ich habe ein rein wissenschaftliches Interesse an diesen Texten.“

„Ich meine es total ernst. Du bist schließlich diejenige, die mir erzählt hat, dass Tony kurz davor ist, dir die Frage aller Fragen zu stellen. Da muss man nicht groß überlegen, in welche Richtung deine Gedanken gehen, wenn du so etwas liest.“

„Oh. Richtig. Tony. Ja.“ Sie holte tief Luft und ermahnte sich, den Mund zu halten.

„Du hast nicht … oh.“

Ella schloss die Augen und zählte bis fünf. „Da gibt es kein Oh“, sagte sie schließlich. „Meine Gedanken sind nur ein bisschen auf Wanderschaft gegangen. Das ist alles.“

„Zu Shane“, sagte Ronnie. Sie nickte vielsagend. „Interessant.“

„Entschuldige. Wovon sprichst du?“

„Gib’s doch zu, du hast an Shane gedacht, als ich kam. Das erklärt auch diese leichte Nervosität in deiner Stimme.“

„Ich bin nicht …“

Ronnie brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen.

„Okay. Ich habe an Shane gedacht“, gestand Ella.

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