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Blackout

Impressum

ISBN 978-3-8412-0752-4

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Mai 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2014 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung morgen, Kai Dieterich

unter Verwendung eines Motivs von © Lee Avison /

Trevillion Images und © istockphoto/angelhell

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

1

Valencia, Spanien

Dienstag, 3. Juni 2014

»Ich habe ein Loch in Ihren Schädel gebohrt. Verstehen Sie mich, Juana?«

»Ja.«

»Haben Sie Schmerzen?«

»Nein.«

»Das Loch ist klein, Juana. Wir haben es nicht mal einen Zentimeter groß gemacht. Haben Sie Angst?«

Sie zögerte. »Nein, glaube nicht.«

»Angst müssen Sie nicht haben, meine Liebe. Ich schiebe Ihnen jetzt eine Elektrode ins Gehirn, Juana. Sie haben eine Lokalanästhesie, das heißt: Sie werden weiterhin keine Schmerzen haben. Die beiden Elektroden werden Sie gesund machen.«

Ohne seinen Kopf zu bewegen, richteten sich seine Augen nach links, zum Monitor mit dem Echtzeitbild. Die Sonde folgte dem Weg, den die Computer berechnet hatten.

»Sie sind ein Arzt, oder?«, erkundigte sich die Frau.

Er lächelte und bemühte sich, seine Stimme so sonor wie möglich klingen zu lassen. »Ja, richtig, Juana, ich bin Arzt. Sie sind in der neurochirurgischen Abteilung. Erinnern Sie sich an meinen Namen?«

»Sicher. Juana Ramírez.«

»Genau, das sind Sie. Und mein Name ist Professor …?«

Sie atmete hörbar ein.

»Juana? Verstehen Sie mich?«

»Ja, Doktor.«

»Gut. Welches Datum haben wir heute?«

»Welches Datum? Ja, wissen Sie das nicht?«

»Juana, ich muss darauf achten, dass die Elektrode, die durch Ihren Kopf gleitet, keine Läsionen, keine Schäden hinterlässt. Deshalb stelle ich Ihnen einige harmlose Fragen. Zum Beispiel: Welchen Tag haben wir heute?«

»Na, Frühling!«

»Gut. Ja, wir haben sozusagen Frühling.«

»Doktor?«

»Ja?«

»Was ist ein Nucleus basalis Meynert

Professor Abdellatif Yacine hob eine Braue und sah zum jungen Doktor Pita, bevor er antwortete. »Der Nucleus basalis Meynert ist ein Kern in Form einer Scheibe in Ihrem Gehirn, liebe Juana. Dieser Kern stellt in Ihrem Fall zu wenig von einem bestimmten Stoff her, den Sie benötigen, um sich zuverlässig an alles zu erinnern. Ich setze Ihnen ein Gerät ein, mit dessen Hilfe der Nucleus basalis dieses Acetylcholin wieder richtig produziert. Dann werden Sie weniger vergessen.«

»Ja, ich vergesse manchmal Kleinigkeiten. Aber alles Wichtige weiß ich. – Und Sie? Sind Sie Arzt?«

Pita verdrehte die Augen.

Professor Yacine wies ihn mit einem scharfen Blick zurecht. Dann wandte er sich wieder dem Monitor zu, dem zufolge sich die Sonde durch das Gewölk der Hirnmasse arbeitete.

Yacine stockte.

Doktor Mario Pita sah zu seinem Chef hinüber, der erst den Monitor anstarrte und dann seine Hände.

Warum zögert er?, fragte sich Pita. Es war nicht üblich, dass außer Yacine ein anderer Arzt während der Operation sprach, es sei denn, er wurde von Yacine gefragt.

Auf Professor Yacines Stirn entstanden Falten.

Er wird mich anfauchen, wenn ich ihn frage. Egal. »Bei mir sind alle Werte in Ordnung«, sagte Pita und bemühte sich, es nach Routine klingen zu lassen.

Abdellatif Yacine schreckte hoch. Fast so, als habe er mit Pitas Anwesenheit nicht mehr gerechnet. Er fauchte ihn nicht an. Er starrte unbeweglich.

»Vorsicht, Professor, der Katheter …«

Sein Chef nahm langsam die Hände von der Steuerung. »Ist das ein Kopf?«

Was meint er denn, Herrgott? »Professor Yacine … alles in Ordnung mit Ihnen?«

»Das ist doch ein Mensch, ja? Was stelle ich da mit seinem Kopf an?«

»Das ist Juana Ramírez«, sagte Pita verunsichert. »Wir bereiten die tiefe Hirnstimulation bei der Patientin vor.«

Yacines Augen weiteten sich panisch. »Das weiß ich, Sie Blindschleiche. Ich weiß schließlich, wer ich bin und was ich tue. Machen Sie hier weiter!«

»Ich? Aber ich … Das habe ich nie gemacht. Ich meine, es ist nicht mein Gebiet …«

Yacine riss sich den Mundschutz vom Gesicht und stürzte aus dem Operationsraum.

Was war das denn?, fragte sich Pita und kontrollierte die Messwerte. »Maribel!«, rief er in die Sprechanlage. »Was ist mit Professor Yacine?«

»An mir vorbeigerannt, Doktor Pita. Sind Sie jetzt schon fertig mit der OP?«

»Nein. Holen Sie ihn zurück! Sofort! Wir sind mittendrin. Er kann nicht einfach verschwinden.«

Yacine fuhr die Avenida Vicente Blasco Ibáñez hinunter und versuchte, an etwas anderes zu denken als an die anderen Autos um sich herum. So oft war er durch die Gassen des Viertels Cabanyal-Canyamelar gekommen, dass sein Wagen sich nach der Avenida nahezu automatisch den Weg bahnte. Die letzten hundert Meter ging er zu Fuß. Er stand im Sand und schaute über das Mittelmeer, das an diesem heißen Tag vergessen zu haben schien, sich zu bewegen. Kein Wind, keine Welle. Unbeweglich die Kräne im Süden, am alten Hafen.

Kann es sein, dass ich Arzt bin?, fragte er sich. Ein Chirurg, der etwas in die Gehirne von Menschen hineinschiebt?

2

Barcelona, Katalonien

Donnerstag, 5. Juni 2014

Sie stand in der 75 Meter hohen Apsis der Basilika und krönte sich mit dem weißen Bauhelm. Sofort richteten sich alle Blicke auf sie. Die der Männer. Die der Frauen. Nun legte sich Mireia Bascou die gelbgrüne Leuchtweste um, raffte die blonden Haare und ließ sie über ihren Rücken fallen. Die Touristen im Temple Expiatori de la Sagrada Familia wussten, wohin sie zu schauen hatten.

Den Rucksack in der linken, die Papiere in der rechten Hand, steuerte sie den Slalom durch die Besuchergruppen. Sobald sie die Leuchtweste trug, das wusste sie, war sie der personifizierte Informationsschalter. Deshalb achtete sie darauf, nicht zu langsam zu laufen, ohne jedoch die gaffenden Touristen anzurempeln.

Ein kleiner japanischer Junge brachte sie mit einer schüchternen Frage nach den Toiletten zum Stehen. Sie lächelte und deutete auf das kaum zu übersehende Piktogramm mit dem Männchen. Sogleich witterte der Leitwolf einer Männergruppe seine Chance, mit Mireia zu fachsimpeln und damit bei den Sangesbrüdern aus dem Taunus aufzutrumpfen.

Das sind die Schlimmsten, dachte sie. Wenn sie nicht bloß ihre Machosprüche ablassen, sondern so tun, als wollten sie sich über Rotationshyperboloide und Helikoide in Gaudís Architektur unterhalten. Um gleichzeitig in dein Dekolleté zu fallen.

»Miri!« Eine Frauenstimme, gleich neben dem Taunus-Bariton.

»Laia!«, sagte Mireia verdutzt. »Was für eine Überraschung!«

Küsschen.

Die Frau hätte ihre Schwester sein können, nur waren ihre Haare kastanienbraun. Sie war exakt zwischen 40 und 60 Jahre alt. »Du siehst phantastisch aus, Miri, Süße! Großartig, keinen Tag älter als dreißig. Wie machst du das bloß? Arbeitest du hier?«

Sie gab das Kompliment zurück und erinnerte die Freundin, dass sie schon vor vier Jahren in den Verein zur Rettung der Sagrada Familia eingetreten war. Damals hatten sie sich beide wochenlang über nichts anderes unterhalten, und Mireia schätzte an Laia Pereda, dass sie sich mit ihr nicht nur über Männer, Vibratoren und Lippenstifte unterhalten konnte.

»Du musst mir verraten, welches Gloss du nimmst, Süße«, sagte die lange verschollene Freundin. »Reichlich dunkel, aber du kannst es tragen, Schöne. Sammelst du heute Spenden für den Verein?«

Boshafte Gedanken über das Austrocknen von Haut und Hirn kamen Mireia in den Sinn, aber sie deutete nach oben, in das stilisierte Blattwerk der baumförmigen weißen Säulen: »Nein, ich klettere hoch und lese unsere Seismometer ab. Wegen der Erschütterungen.«

»Ach ja, Miri, stimmt ja. Dein Ehrenamt hier wegen dieser Tunnel-Geschichte! Siehst du, man bekommt Alzheimer, wenn man da draußen wie ich mit meinem Mann in Tarragona den Tag über in der Sonne brät und nichts tut.« Sie lachte und wirbelte ihre Haare auf.

Männerblicke in der Sühnekirche der Heiligen Familie.

»Haben sie denn jetzt diesen fürchterlichen Tunnel unter der Sagrada gebaut? Damals haben sie sich doch sogar von beiden Seiten gleichzeitig vorgearbeitet, war es nicht so?«

»Unser Protest gegen den Tunnel hat kaum genützt«, erklärte Mireia Bascou. »Man kommt gegen die AVE nicht an. Hochgeschwindigkeitszüge wollen eben alle. Am Ende hat uns die Kirche wenigstens erlaubt, unsere eigenen Messgeräte aufzustellen. Wir wollten uns nicht abhängig machen von den Aussagen der Tiefbau-Experten. Und auch nicht von der Kirche. Es sind nur ein paar völlig veraltete Seismografen, keine modernen Seismometer, die wir zusammengesammelt haben, aber immerhin.«

Die dunkelhaarige Freundin schien nicht genau zuzuhören. »Jedenfalls nicht auszudenken, Liebes, wenn dieses wunderschöne Bauwerk noch vor der Fertigstellung Risse bekommt und womöglich einstürzt, wie damals in Carmel«, sagte Laia Pereda und war gebannt vom Anblick des Gotteshauses und von ihrer Katastrophenphantasie. »Ging es da nicht auch um einen Bahntunnel?«

»U-Bahn, ja. Inzwischen macht mir hier die Luftfeuchtigkeit noch mehr zu schaffen als die Erschütterungen«, erklärte Mireia. »Sie sammelt sich an besonders kritischen Stellen, und dann besteht die Gefahr …« Sie sah, wie Laia ihren Blick schweifen ließ.

»Du, als ich das letzte Mal hier war«, sprach Laia andächtig, »da standen noch überall Gerüste. Davon ist ja nichts mehr zu sehen. Herrlich und farbenfroh ist es geworden. Und schau, diese goldenen Blüten! Ach Quatsch, das muss ich dir ja nicht zeigen. Du kennst ja jeden Zentimeter. Zum Schluss ist es unglaublich schnell gegangen, hm?«

»Ja, ich denke, 2030 könnte die Hütte fertig werden. Nach 140 Jahren. Da sind wir schneller als die Deutschen mit ihren Flughäfen.«

Sie verabredeten sich für den Abend zum Essen bei Lluis.

»Miri!«, rief die Freundin ihr nach.

»Ja?«

»Dein Rucksack!«

»Ach, danke. Ich hab einen Kopf wie ein Sieb in letzter Zeit.« Sie halfterte den Rucksack und winkte Laia nach, die noch rasch ein Foto aus der Entfernung vom weißen Bauhelm in der Menschenmenge machte.

Seit Jahren sind die Gerüste weg, dachte sie, während sie kletterte. Und immer noch wundern sich die Leute darüber. Inzwischen werden bald schon wieder neue Gerüste aufgebaut werden müssen, wenn es mit den Wasser- und Materialschäden so weitergeht.

Wäre lustig, Laia mit nach oben zu nehmen, dachte sie. Streng verboten, aber die würde staunen. Im Gerüst ist es ja wirklich, als ob man wie ein Äffchen in den Baumkronen hängt und auf den Boden des Dschungels herabblickt. Unten traben die Elefanten …

Sie dachte weiter über Laias Umzug nach Tarragona nach. Auch die anderen aus der Gruppe hatte sie lange nicht gesehen. Was war mit Digna? Meldet sich nicht mehr, das untreue Huhn!

In der Zwischenzeit öffnete sie routiniert den Hygrografen, zog den Schreibarm zurück und tauschte die Trommel aus. Dann schloss sie den Feuchtigkeitsmesser wieder und wandte sich dem Seismografen zu.

Früher haben wir uns jede Woche gesehen, alle. Da geht zu viel Lebensqualität den Bach runter, wenn wir …

Ihr Gehirn hatte für sie den Plan, aus der Hocke hochzukommen, mit dem linken Arm die Säule zu fassen und den rechten Fuß vorzusetzen, dann im Schwung nach dem Geländer des Baugerüsts zu greifen. Das hatte sie hunderte Male so gemacht, ihr Körper beherrschte das.

Ich werde Laia fragen, ob wir alle fünf mal wieder …

Sie wollte das Geländer greifen. Aber da war nur leerer Raum. Der Blick in die Tiefe.

Wer hat plötzlich das gesamte Gerüst weggenommen? Es war ihre letzte Frage. Sie strauchelte über den Rucksack, an den sie nicht mehr gedacht hatte.

Der kleine Junge aus Japan kam stolz von der Toilette zurück. Er hatte alles allein gefunden und alles allein geschafft. Da fiel ein Engel aus dem Altarraum herab. Goldenes Haar wirbelte im Kirchenschiff. Ein Feuerwerk aus weißen Papieren ging auf die Menschen nieder. Es war wunderschön. Der kleine Junge stand mit offenem Mund da.

Es war still, bis jemand schrie.

3

Toulon, Südfrankreich

Sonntag, 8. Juni 2014

Admiral Jean-Pierre Echenoz verbiss sich ein Gähnen.

»Siehst du«, zischte Madame Echenoz. »Du findest es genauso erbärmlich langweilig wie ich.«

»Ich habe schlecht geschlafen. Erwähnte ich bereits.«

Geneviève Echenoz, mit 69 Jahren deutlich jünger als ihr Gatte, legte das Fernglas an, wandte sich damit aber demonstrativ vom Geschehen im Hafen ab und schaute in die einzige Richtung auf dem Meer, in der keine Kriegsschiffe kreuzten.

»Das ist die Dixmude«, sagte Jean-Pierre, der längst die Segel gestrichen hatte. »L9015, Mistral-Klasse. Sie kann ein Bataillon mit 40 Leclercs transportieren.«

»Sind das diese großen, fetten Panzer?«

»Ja, Engel, das sind die großen, fetten Panzer. – In ihrem Welldeck kommen vier Landungsboote unter.«

»Kein schönes Schiff«, urteilte sie, mit dem Fernglas den Himmel nach einem Motiv absuchend.

»Sie hat sechs Helikopter-Landeplätze auf Deck und führt sechzehn Hubschrauber mit.«

Madame Echenoz schwenkte gütig auf die Dixmude. »Ich sehe keinen einzigen Hubschrauber. Ein Hubschrauberträger ohne Hubschrauber. Putzig.«

»Es ist eine amphibische Verladeübung, da brauchen wir keine Hubschrauber«, sagte er geduldig.

Sie betrachtete noch einmal das zweihundert Meter lange Schiff. Sie sah die Minensuchboote, die Pontons im Hafenbecken, die Landungsboote, leichtes und schweres Gerät an Land – und überall Soldaten. »Das ist wie eines dieser Wimmelbilder«, sagte sie. »Erinnere mich dran, wenn wir wieder in Paris sind, dass wir für die Kleinen Bilderbücher kaufen.«

»Ah, da hinten kommt Marcel! Admiral Thierry, Engel.«

»Schneidig«, bemerkte sie, weiterhin durchs Glas blickend. »Ist das der mit dem Anwesen in Sanary-sur-Mer und mit dieser Minderjährigen?«

»Sie ist vierzig. Und sein Sohn ist in Mali gefallen.«

Eine schwarze Rauchwolke stieg über einem der Leclercs auf. Bis hierher war zu hören, wie der 8-Zylinder-Dieselmotor des Panzers aufdrehte. Er nahm Tempo auf, jagte über den Kai und brachte eine Gruppe Marineinfanteristen durcheinander.

Admiral Marcel Thierry drehte sich um. Er sah den Panzer, der einen engen Bogen nach links einschlug und sich auf der Stelle drehte wie ein auf dem Rücken liegender Käfer.

Jean-Pierre Echenoz nahm das Fernglas seiner Frau. »Nicht gut«, zischte er.

Thierry eilte auf die Szene zu.

Einige Soldaten rannten zum Panzer, der Kommandant gestikulierte aus dem Turm und wurde dann fast herausgeschleudert, als sich die 1500 PS ruckartig erneut in Bewegung setzten.

Echenoz suchte die Umgebung des Kais ab. »Die Tanklager«, flüsterte er. Und wusste, dass er nichts ausrichten konnte. Das Gefühl kannte er aus den letzten Jahren des Ruhestands nur zu gut.

Ein zweiter Leclerc schob sich dem anderen in den Weg. Der Geschützturm richtete sich auf den durchgedrehten Panzer, und er stoppte so schnell, dass seine schwere Masse auf den Ketten wippte. Doch der Amokpanzer bremste nicht, er behielt die rasante, unentschlossene Fahrt bei, schrammte das Hindernis, rammte einen leichten Schützenpanzer und schob ihn vor sich her.

Funken stoben. Sirenen, Schreie, Rufe. Der zweite Leclerc führte seinen Geschützturm nach und hätte schießen können.

Der ins Visier genommene Panzer jagte mitsamt dem vor ihm hergeschobenen Schützenpanzer in eine Gruppe Baucontainer. Strommaste knickten, eine Stichflamme züngelte aus dem rollenden Schuttberg.

Kleine Detonation: wahrscheinlich eine Gasflasche. Mit verminderter Geschwindigkeit schob der Aggro-Leclerc zwei Container und den leichten Panzer ins Hafenbecken. Wasserfontänen. Mit dem Quietschen eines Außerirdischen hing der schwere Leclerc noch kurz in der Luft, dann stürzte auch er und versank ohne Klagelied im Wasser.

»Vergiss nicht die Bilderbücher in Paris, für die Kleinen«, wisperte Madame Echenoz abwesend und lächelte wie eine Sterbende.

Nach zehn Minuten kam Admiral Thierry zu Admiral Echenoz und grüßte, als sei er noch dessen Adjutant.

»Ein Anschlag, Marcel?«

Der schüttelte den Kopf. »Auszuschließen. Ein Amokfahrer scheint es auch nicht zu sein.«

»Was dann?«

»Wir haben nur unzureichende Informationen.«

»Schaden?«, erkundigte sich Echenoz mit zusammengebissenen Zähnen.

»Ein Kamerad überrollt. Die Beine. Vielleicht ist er zu retten. Acht Verletzte, ob schwer oder leicht, ist noch nicht kategorisiert. Der Kommandant hat sich beim Sturz ins Wasser gerettet, den Fahrer haben wir noch nicht aus der Wanne bekommen. Ein gewisser Philip Josselin, ein Sergeant. Die Luke war offen, da habe ich kaum Hoffnung. Und den Sachschaden siehst du selbst.«

»Kein Amok?«

»Ich habe ein Déjà-vu, Jean-Pierre«, raunte Thierry. »Wir hatten dasselbe schon einmal, beim letzten Einsatz in Côte d’Ivoire: Offizier donnert unkontrolliert im Panzer umher. Fünf tote Franzosen, drei Ivorer. Auch da dachten wir zunächst an Terrorismus. An Innentäter. Tatsächlich jedoch hatte der Fahrer vergessen, wie man einen Schützenpanzer fährt. Hat es mit der Angst zu tun bekommen in der Enge. Seine Leute nahmen ihm dieses Verhalten nicht ab und haben ihn angebrüllt. Daraufhin zog er panisch alle Hebel gleichzeitig. Wir haben es nicht veröffentlicht.«

»Wird eine posttraumatische Störung gewesen sein.«

»Nein, PTBS kann nicht sein, Jean-Pierre. Der Offizier war gerade frisch in Westafrika eingetroffen. Und hier scheint es genauso zu sein. Dieser Josselin ist noch nie im Krieg gewesen.« Er beugte sich vor, näher ans Ohr des pensionierten Admirals: »Ich fürchte, Madame Echenoz hat einen Schock.«

4

Luftraum in der Nähe von Nizza, Südfrankreich

Dienstag, 10. Juni 2014

Bea nippte an ihrem Tomatensaft, Alexander am Orangensaft. Sie saßen unbeweglich und schwiegen seit den Ligurischen Alpen. Unter den Klapptischen liebten sich seine rechte und ihre linke Hand.

Aus dem Fingersex wurde unkonzentriertes Streicheln.

»Was ist?«, fragte Bea lächelnd. »Nachdenklich?«

»Im Ministerium, beim Bewerbungsgespräch, haben sie mich gefragt, weshalb wir keine Kinder haben.«

Sie lachte. »Was? Ist ja unglaublich.«

»Ich wollte das Übliche sagen: Meine Frau hat als Ärztin viel mit Kindern zu tun, da will sie sich nicht noch Arbeit mit nach Hause nehmen. – Ich habe aber eine Nuance in dieser Geschichte verändert und dich zur Kinderärztin gemacht.«

»Na und?«

»Allein, weil der Gag so besser funktioniert. Ich baue folglich meinen Job als Pressesprecher auf einer Lüge auf.«

»Darauf lass uns anstoßen«, schlug sie vor. »Gewissensbisse?«

Er stellte den Becher ab und schaute ernster drein: »Du, ich will dich etwas fragen und damit nicht bis nach unserem Urlaub warten …«

Ein lautes Sägegeräusch kam aus dem Bauch des Flugzeugs.

»Klingt nach dem Gepäckband im Frachtraum«, sagte Alexander Mehrow.

»Mir machst du keine Angst«, entgegnete Bea.

»Das Thema Kinder …«

Ihr Lächeln bekam eine angestrengte Note. »Ja, was Neues auf dem Gebiet?«

»Wir haben verabredet, dass wir unsere Entscheidung von Zeit zu Zeit überprüfen. Jetzt haben wir ein paar Jahre nicht mehr darüber gesprochen.«

»Und bald wäre es medizinisch nicht mehr vertretbar?«, fragte Dr. Bea Mehrow.

»Das meine ich nicht …«

Wieder das Sägegeräusch, diesmal kürzer.

»Ich freue mich, dass du mich fragst, Schatz«, sagte sie. »Viele Männer versinken irgendwann in Schweigen, was solche Themen angeht. Ich bin – weiterhin – äußerst zufrieden mit meinem und unserem Leben. Ohne Kinder. An die dummen Fragen und die vorwurfsvollen Blicke hab ich mich gewöhnt. – Und wie ist’s bei dir? Neuer Job, neue Lebensansicht?«

»Nein. Unverändert.«

Sie saßen in Reihe zwei. Die Cockpittür öffnete sich. Der Pilot kam heraus und gab der Flugbegleiterin ein Zeichen. Beide liefen den Gang hinunter zum Rumpfende der Maschine.

Als Bea sich wieder zu ihm umdrehte, sagte Alexander: »Wir leben beide für unseren Beruf und für unser Zusammensein. Wenn du weiter damit glücklich bist und dir nicht doch insgeheim Kinder wünschst, dann …«

»Ach, eine Frau kann sich da nie gänzlich sicher sein. – Herrje, ich klinge wie eine Frauenzeitschrift.«

Das Flugzeug machte einen leichten Satz in der Luft, und es hörte sich an, als werde das Fahrwerk ausgefahren. Das Gleiche noch einmal.

Sie hielt ihren Becher auf dem Klapptisch fest. »Gut, ich bin glücklich, und du auch. Also kann der Urlaub beginnen? Jedenfalls, wenn wir hier lebend rauskommen.«

Aufs Stichwort fiel die Maschine so weit durch, dass ein Seufzen durch den Passagierraum ging.

Die Anschnallzeichen leuchteten nicht.

»Da ist die Küste«, stellte Alexander fest.

Der Pilot mühte sich zurück durch den Gang. Sobald er die Tür hinter sich verriegelt hatte, hörte Alexander einen lauten Wortwechsel im Cockpit, aber er konnte kein Wort verstehen. Er trank den letzten Schluck Orangensaft und klappte seinen Tisch hoch. »Der Service ist nicht grandios.«

Ein Schlag von innen gegen die Cockpittür. Alexander hörte ihn nicht nur, er sah, wie die Tür samt Rahmen und Wand einmal vibrierte.

Jemand hinter ihnen drückte die Service-Taste.

Von unten war wieder das Scharren und Surren des Landewerks zu hören. Das Flugzeug neigte sich wie zu einer Landung, aber es gab keine Durchsagen.

»Die Stewardessen sind verschwunden«, sagte Bea, die mehrfach den Gang hinunterschaute.

»Schließ die Augen und denk an Antibes, Süße.«

Er schaute hinaus und glaubte, das Cap Ferrat vor Nizza zu erkennen. »Da sind Schiffe«, sagte er. »Man kann sogar einzelne Wellen erkennen.«

»Du hast mir befohlen, die Augen zu schließen«, alberte sie. Dann öffnete sie sie wieder, aber nur, um an die Decke zu starren: »Sag mal, wer erbt eigentlich unsere Reichtümer? Ich meine: keine Kinder, keine Eltern …«

»Du bist abgesichert, wenn mir was passiert.«

»Und wenn wir beide zusammen abstürzen, Schatz?«

»Der Staat wahrscheinlich.«

Eine Flugbegleiterin steckte aus dem Nichts ihren Kopf in ihre Reihe: »Würden Sie jetzt bitte den Tisch hochklappen?«, zischte sie Bea an.

Bea hielt ihr die beiden leeren Becher hin, aber die Frau reagierte nicht.

»Cabin Crew … prepare … land …«, krächzten die Lautsprecher.

Alexander lächelte mutwillig der Flugbegleiterin zu. »Gab es ein kleines technisches Problem?«

Die Frau lächelte zurück. »Nein, alles in Ordnung, der Herr.« Sie war entspannt. Wie ein Trampolin bei den Weltjugendspielen.

5

Antibes, Südfrankreich

Donnerstag, 12. Juni 2014

Alexander erwachte. Bea lag mit der Wange auf dem Boden. Über das Gesicht strähnten ihre schwarzen bleistiftlangen Haare. Alexander sah blinzelnd ihre abgewinkelten Arme. Er fühlte sich ausgetrocknet. Seine Hand war eingeschlafen. Als er sie ausstreckte, um wie eine sich vortastende Schlange Bea zu berühren, merkte er, dass sie zu weit entfernt war. Er erreichte sie nicht.

Ihr Körper ist braun, wunderte er sich. Wovon eigentlich?

Sein Blinzeln kämpfte gegen einen Lichtstrahl. Alexander versuchte, sich zu erinnern. Das Licht kam von einem Stück Chrom, in dem die Sonne brannte. Das Teil aus Chrom gehörte zu einer Leiter. Plötzlich war das Bild da, sein Gehirn zauberte eine Skizze, als schwebe er zehn Meter über sich und seiner Frau:

Das Azur-Meer. Die weiße La Retraite. Und auf dem Deck die unbekleideten Körper von Bea und Alexander, dem Urlauberpärchen aus Berlin. Die leere Flasche Champagner und zwei schon wieder ausgetrocknete Kehlen.

Er erhob sich, nahm kühles Wasser aus der Minibar neben dem Ruderstand und genoss den Blick auf die Bucht von St. Hélène. Hinter dem fernen Nizza erhoben sich mit geweißelten Spitzen die Meeralpen. Im Mai war es noch einmal ungewöhnlich kalt geworden. Gegenüber lag der alte Vauban-Hafen samt blitzender Yachten – eine von ihnen mit Hubschrauber. Die Stadtmauer von Antibes; der massive, quadratische Turm des Château Grimaldi; der Strand mit dem typischen Bild von Kindern, Duschen und Promenadenbänken.

Alexander zog die Badehose an und gegen die Mittagssonne den Bademantel. Er wollte auch Bea bedecken, besann sich aber, denn der Anblick seiner Frau auf dem weißen Tuch war ihm nicht unangenehm. Das Wasser erfrischte ihn, und ihm fiel die Formulierung ein, die sie vorhin gefeiert hatten: Wir erinnern uns unserer Ehe. Etwas anderes verlangte er gar nicht von diesem Urlaub. Aber es war doch mehr. Er schaute einem Katamaran zu, der ohne Segel in einiger Entfernung kreuzte. Ein Dingi schaukelte auf den Wellen, in Respektsentfernung ankerten andere Yachten, die meisten deutlich größer als die Retraite.

Er entschloss sich nun doch, Bea mildtätig zu bemänteln, und kniete mit der Wasserflasche vor ihr.

Sie blinzelte und schob den Bademantel von ihren Schultern. »Mir is’ nich’ kalt!«, protestierte sie.

»Du bekommst einen Sonnenstich, Bienchen.«

»Was is’ denn los?«

»Nichts. Leg dich lieber unter Deck, die Sonne ist zu stark.«

Folgsam richtete sie sich auf, die Haare zerzaust, stand mühelos auf wie eine Vierzehnjährige und tappte die Stufen hinunter, um sich auf die U-förmige weiße Ledercouch zu legen.

»Haben wir noch Champagner?«, flötete sie müde.

Alexander auf dem Deck grinste und schüttelte den Kopf. Er sah dem Katamaran zu, der mit Motorkraft die Mittelmeerbucht durchkreuzte und knapp an dem Dingi vorbeischoss.

Wir könnten den Segelschein machen, dachte er. Eigentlich ist ein Segelboot schöner als so eine wuchtige Motoryacht. Mit den neuen Segelschiffen lässt es sich mühelos auf Motor umschalten, wenn man zum Segeln keine Lust mehr hat oder die notwendige Mannschaft nicht zusammenbekommt. Andererseits sind die besten Katamarane zu groß für zwei. Muss mich mal erkundigen. Vielleicht können wir so ein Ding besichtigen.

Der Katamaran hielt Kurs auf den Strand.

Der muss gleich eine sportliche Kehre hinlegen, dachte Alexander, wenn er nicht auf Grund laufen will. Soll ich eine zweite Flasche öffnen? Ihr ein gekühltes, neues Glas bringen? Diese Lederbank ist gemütlich, nehme ich an …

Der Katamaran machte keine Anstalten zu wenden. Er lief so ungebremst auf die Sandbank vor dem Strand, dass sich das Heck hob und der riesige Katamaran sich beinahe überschlug. Stattdessen kippte er zur Seite. Er zerbrach. Weiße Balken und Fetzen flogen in die Luft. Menschen rannten am Strand fort. Alexander hörte Schreie gegen den Wind.

6

Das Großraumflugzeug trudelte, Alexander sah das Ufer näher kommen. Wir werden auf dem Spielplatz am Strand zerschellen, schoss es ihm durch den Kopf. Er löste seinen Gurt und fiel nach vorn auf die Cockpittür, stieß sie auf und sah, dass Pilot und Copilot in ihren Uniformen ausgetrocknet waren. Mumifiziert. Panisch suchte er nach dem Steuerhebel, aber es gab nicht einmal einen Joystick. Stattdessen ragte aus den Armaturen der Piloten eine Monstranz. Er zog an ihr, so heftig er konnte, aber das Flugzeug schlug an der Wasserlinie des Strandes auf und zerbarst in Myriaden von Kleinteilen. Er fühlte nichts. Um Alexander herum lagen Kinder. Den Kopf eines Jungen, der scheinbar überlebt hatte, hob er an, aber da hatte er ihn schon in der Hand, abgetrennt vom Körper.

Er fuhr zusammen und sah den Fernseher des Hotels vor sich, einen drei Meter breiten Bildschirm mit französischen Werbespots. Seine Hand war in den Haaren von Bea, er hatte sie gekrault, bevor er eingenickt war. Sie hatte ihren Kopf auf seinem Schoß und schlief wieder ein, nachdem er zusammengezuckt und aufgewacht war.

Bea trug ihren himmelblauen Rollkragenpullover und Socken, weil sie die Klimaanlage auf das Symbol der drei dunkelblauen Sterne gestellt hatten. Sie wollten an diesem Abend nicht an Sonne und Meer – und damit an Strand, Schiffe und Schiffstrümmer – erinnert werden. Deshalb das Hotel anstelle der Nacht auf der Retraite.

Alexander schüttelte den Kopf über seinen Alptraum und hatte Mühe, die Bilder von denen der wahren Erlebnisse am Strand zu trennen. Hatte er wirklich einen Mann unter einem Mast hervorgezogen, einen Mann, dessen Genick ganz offensichtlich gebrochen war?

Er sah noch einmal Bea, wie sie im smaragdgrünen Badeanzug dasteht und sich umschaut, schreiende Kinder ignoriert, eine Frau am Boden rasch beruhigt und dann weiter nach Schwerverletzten sucht.

Oder die Küstenwache mit ihren Ferngläsern. Unbeweglich gaffende Uniformierte, die nicht fassen können, was sie sehen.

Schließlich der Rettungshubschrauber, der alles durch die Luft wirbelt – Luftmatratzen, Strandmatten, abgelegte Kleider, Mülltüten, Mützen, Takelage, Sand und Angst.

Bea hatte eine ältere Dame durch Herzmassage gerettet und sie dem Notarzt übergeben. Einige Menschen, bei denen nur eine Schiene anzulegen war oder die nur einen Verband brauchten, bat sie, selbst zu einem Arzt zu gehen. Zwischendurch forderte sie die Polizisten auf, konsequenter gegen die Schaulustigen vorzugehen, von denen einige anfingen, im Wrack nach brauchbaren Sachen zu wühlen, während andere unter Schock dasaßen und vor sich hin starrten.

Irgendwann hatte jemand von der Küstenwache einen Polizisten gefragt, wer die Frau im grünen Badeanzug sei, und die Bemerkung, sie sei eine Zeugin, hatte zu Verwirrung geführt.

Alexander war aufgefallen, dass niemand in dem Chaos eine geordnete Befragung durchführte. Nur einmal erkundigte sich jemand, der offiziell wirkte, aber keine Uniform trug, ob Alexander etwas Ungewöhnliches gesehen hatte. Etwas Ungewöhnliches am Katamaran.

»Er ist mit vollem Tempo auf das Ufer zugerast«, hatte Alexander geantwortet. »Das war ungewöhnlich genug. Vielleicht wollte er sich das Leben nehmen.«

Das offizielle französische Gesicht hatte verneint. »Wir haben so etwas ähnliches wie Mayday-Meldungen bekommen.«

»So etwas ähnliches?«

»Hilfeschreie. ›Wie soll ich das Boot anhalten?‹ So in der Art. Kein Selbstmörder ruft so etwas.«

Bea hatte kühl gerechnet, als sie zur Retraite zurückgeschwommen waren und geduscht hatten. »Ein Toter, drei Schwerverletzte, achtzehn leichte Fälle. Das ist halbwegs glimpflich ausgegangen. – Ich hab Lust auf Champagner, aber ich glaube, ich bin zu müde, ihn zu trinken.«

Dann näherte sich die Küstenwache querab der Retraite und bat zur weiteren Zeugenbefragung. Fortsetzung auf der Polizeiwache in Antibes, nachdem die gemietete Yacht festgemacht war. Einmal gab es sogar einen weißhaarigen Beamten, der ihnen beiden die Hand schüttelte und sich bedankte.

Am Abend, während sie sich über den weinrot eingefärbten Asphalt des Bürgersteiges schleppten, kam der Entschluss, ein Zimmer zu nehmen. Die meisten Hotels am Boulevard Maréchal Leclerc waren ausgebucht, aber im modernen Royal Antibes hatten sie, weil ein Kongress abgesagt worden war, die Wahl zwischen verschiedenen Suiten. »Hauptsache, es hat ein Bett«, sagte Bea. Die schöne Empfangsdame lachte, aber Bea meinte es ernst.

Alexander streichelte ihre Stirn und zappte mit der anderen Hand durch die Kanäle, eigentlich auf der Suche nach Lokalnachrichten, die über die Katastrophe berichteten. Allerdings fand er neben französischen Nachrichten nur amerikanische, russische und chinesische.

»Wieso kann ein Kapitän sein Schiff nicht mehr anhalten?« Das hatte er bei der Küstenwache gefragt und erhielt nur ein Achselzucken als Reaktion. »Ich meine, war er Amateur? Hat er den Katamaran gemietet, ohne ihn zu beherrschen?«

»Nein, Monsieur. Er ist seit drei Jahren der Eigner des Schiffes gewesen. Mit mehreren Patenten. Insofern muss man wohl von einem technischen Problem ausgehen. Als Kapitän vergisst man schließlich nicht, wie man sein Schiff steuert.«

Aber passen die Hilfeschreie zu einem erfahrenen Kapitän?, fragte sich Alexander vor dem Fernseher. Können Ruder und Gas gleichzeitig blockiert sein? Das klingt doch eher nach Sabotage.

Und weshalb springt der Mann nicht von Bord, wenn er doch merkt, was unausweichlich geschieht? Stattdessen bleibt er, funkt um Hilfe und bricht sich im überschlagenden Katamaran das Genick.

Hatte der Kapitän eigentlich das Warnhorn betätigt? Weshalb kann ich mich daran nicht erinnern?

Alexander war inzwischen bei den Nachtnachrichten des Schweizer Fernsehens gelandet. Er ließ sich berieseln von den Dialekten, von denen einige untertitelt wurden. Fernsehen brachte ihn meist schnell von seinen Gedanken ab – seien es wichtige, auf die er sich konzentrieren wollte, oder trübe, denen er zu entfliehen hoffte. Soweit er es mitbekam, ging es um einen Skandal, bei dem Gelder geflossen waren. Wiederholt war vom Bundesrat die Rede. Damit meinen sie einen Minister, fiel ihm ein. Schon kreisten seine Gedanken um die sprachlichen Unterschiede. Ein klar wirkendes Wort wie Bundesrat bedeutet in dem einen Land dies, in dem anderen etwas ganz anderes. Gibt es solche Divergenzen auch im Englischen – zwischen Iren, Kanadiern und Neuseeländern?

Er hatte immer gern Schweizer Nachrichten gesehen. Wahrscheinlich lag es am Schweizerdeutsch. Er würde es nie einem Schweizer sagen, aber für ihn klang es heimelig, warm, zuweilen sogar niedlich. Und das war doch eigentlich schön: dass ein Nachbarland nett wirkte.

Einmal hatte Alexander einen Leitartikel über kleine Nachbarstaaten verfasst. Der Text gipfelte in der These: Für uns Deutsche seien Staaten wie Belgien, Estland, Österreich, Irland, Portugal, Schweden oder die Schweiz deshalb interessant, weil wir bessere Welten sehen mögen. Dass Schweden ein Astrid-Lindgren-Land sei – mit gleichberechtigten Frauen und Kindern. Dass die Schweiz mehr direkte Demokratie in die Europäische Union einbringt. Deshalb, schrieb er, seien wir enttäuscht, wenn diese Länder und Menschen uns in der Realität so ähnlich sind.

Der Artikel war nicht durchgekommen. Und zwar nicht wegen eines Grundes, mit dem Alexander gerechnet hatte. Etwa dass der Text naiv sei. Oder dass die Schwedische Botschaft sich verwahren könnte, Schweden sei kein kleines Land. »Alex, das ist mir zu viel Politik.«

»Zu viel Politik? Ich dachte, wir sind der politischen Aufklärung verpflichtet, Jochen?«

»Das sind wir. Aber die Leute wollen unterhalten werden. Politik muss nicht unterhaltsam sein, aber wir müssen sie unterhaltsam rüberbringen.«

Es war höchste Zeit, die Zeitung zu verlassen.

»Aber jetzt stehst du auf der anderen Seite«, hatte Bea gesagt, mit ihrem unvergleichlichen Lächeln.

Stellvertretender Sprecher eines Bundesministeriums. Ist das die andere Seite?

Auf dem Bildschirm wand sich ein Bundesrat. Er kämpfte mit einer Frage. Oder mit der Wahrheit. Schnitt zurück ins Studio.

Der Nachrichtensprecher sah in die Kamera, sprach jedoch nicht.

Alexanders Gedanken waren drauf und dran, zu einer neuerlichen Platzrunde zu starten. Sie nahmen bereits Anlauf, und er betrachtete den Mann im Fernsehstudio schon wieder nur als Kulisse.

Startabbruch.

Was ist los?

Der Nachrichtensprecher starrte seit Sekunden in die Kamera. Sein Blick richtete sich in den Raum neben der Kamera. Keine Einspielmusik. Kein Abspann. Wartete er auf einen Filmbeitrag?

Alexander stellte den Apparat lauter.

Live-Nachrichten.

Der Mann saß hinter seinem Schreibtisch und starrte. Ein Nachrichtensprecher, der wie ein Studiobesucher wirkte, dem man gerade die Aufgabe gestellt hatte, ein Millionenpublikum zu fesseln. Alle Professionalität war aus dem Mann entwichen.

Warum schaltet die Regie nicht um?

Alexander erinnerte sich an die Nacht vor vielen, vielen Jahren, da saß er als Jugendlicher vor der Tagesschau. Die Sprecherin sprach versehentlich vom WC-Tennisturnier und bekam einen Lachkrampf. Daraus wurde sein erster Artikel. Spitze Frage: Warum erlöste sie keine Redakteurin, kein Regisseur aus ihrer Lage? Ließ sie noch bei den Lottozahlen losprusten. Der Artikel schloss versöhnlich: In der Nacht seien wir alle – von Flensburg bis Garmisch – eine verschworene Gemeinschaft, die um ein Lagerfeuer herum wacht. Die Menschlichkeit des Fernsehens.

Aber der starre Blick des Schweizer Moderators in die Kamera war nicht menschlich. Er erhob sich und tastete sich vom Schreibtisch aus fort. Die Studiomikrofone nahmen ihn nur noch halb wahr: »Was soll das?«, fragte er. »Was machen Sie mit mir?«

Endlich erlöste ihn ein Schnitt auf einen Redakteur, der Neuigkeiten vom Sport ankündigte, aber offensichtlich eben erst in das nächstbeste Jackett gesteckt und sportlich vor die Kamera geschubst worden war. Der Neue warf einen Blick zur Seite, wo wahrscheinlich noch immer der Moderator herumtappte.

Wettervorschau.

»Unglaublich«, flüsterte Alexander. Fast im Reflex schaltete er den Bildschirm auf Internetfunktion um und suchte nach Spuren einer Reaktion.

Unter dem Sendernamen war zunächst nur die Website des Senders zu finden. Die Suchmaschine bot monatealte Texte an. Aber bei den Kurznachrichtendiensten brannte die Luft.



»Die spinnen, die Schweizer.«

»Wer so zynisch ist wie der Carlo Glasmacher, muss mit Häme leben.«

»Er wusste noch nie, was er tat.«

»Was hat der Typ geraucht?«

»Gebührenverschwendung bringt alle um den Verstand.«

»Glasmacher ist in seiner eigenen Intransparenz ersoffen.«

»Amnesie in den Kantonen angekommen.«

Wie immer, dachte Alexander. Kommentare, aber keine Fakten. Automatisch gab er den Namen Antibes ein und sah nach zwei Klicks Bilder vom Strandunfall. Warum habe ich das nicht längst gesichtet? Verdrängung wahrscheinlich.

Handy-Fotos im Internet. Es sah schlimmer aus, als Alexander es in Erinnerung hatte. Blutende Gesichter. Die Dame, die Bea mit der Herzmassage gerettet hatte, war an Bord des Hubschraubers gestorben.

Bea war wach. »Was ist?«

Er schaltete aufs Fernsehen um. »Alles in Ordnung, Schatz«, sagte er und zappte. Bis er den Moderator wieder sah, starrend an seinem Schreibtisch. Das Bild hatte diesmal einen rotgoldenen Rahmen, und ein Sprecher kommentierte die Szene auf Spanisch. »Guck dir das an«, sagte Alexander laut.

Bea mühte sich und wandte sich dem Bildschirm zu.

»Der Typ ist völlig desorientiert«, sagte er. »Das war vor nicht mal drei Minuten, schon bringen es die Spanier!«

Bea stöhnte. »Weiß er nicht mehr, wer er ist? Wie der Kapitän vom Katamaran?«

»Quatsch«, sagte Alexander und drückte auf off. Der Bildschirm war schwarz. »Komm, ich bringe dich ins Bett.«

»So leicht bin ich nicht zu haben, mein Herr«, säuselte sie und schlief wieder ein.

Teil II

7

Maselakekanal, Berlin-Spandau

Montag, 14. Juli 2014

Bea lachte. Sie stand auf, während Alexander auf dem Rücken liegen blieb.

»Was denn jetzt?«, fragte er verdutzt.

»So geht das nicht«, japste sie und zog sich ihr T-Shirt über. »Sobald wir zur Sache kommen, schaukelt das Ding. Das ist mir peinlich. Wenn das einer sieht! Wie im schlechten Slapstick-Film.«

»Aber du wolltest es einweihen«, protestierte er grinsend.

»Da habe ich nicht gewusst, dass man mit dem Teil kentert, sobald man es auch nur ein wenig heftiger miteinander treibt.«

Ihr kleines Hausboot war an der Kaimauer des Maselakekanals festgemacht.

»Stell dir vor«, kicherte sie, »du läufst am Ufer entlang und siehst, wie so ein Gefährt in verdächtigem Rhythmus schaukelt.«

»Du kommst sofort zurück ins Bett!«

»Was für ein Bett? Pritsche nenn ich das.«

»Wenn du nicht sofort zurückkommst«, drohte er, »gibt’s ein Jahr lang keinen Sex!«

»Versprochen?«

»Wir hätten es vorher testen sollen!«

Sie lachte. »Ja, bei diesem verkniffenen Bootsverkäufer, der hätte den Schock seines Lebens bekommen.« Sie setzte sich auf die Pritsche zu ihm. »Ich liebe dich.«

»Dann zeig’s mir«, forderte er.

»Hat dieses Gefährt einen Stöpsel?«, fragte sie. »Den ziehe ich und dann rette ich dich aus den Fluten dieses unsäglichen Kanals.«

»Stöpsel! Und die Frau hat einen Bootsführerschein! Stöpsel!«

Das Hausboot hatte noch keinen Namen. Der Hersteller hatte Garten Eden 3000 als eine Art Namen vorgesehen, aber Beas erste Handlung nach dem Kauf hatte darin bestanden, den Aufkleber mit diesem Titel vom Nussbaumholz zu lösen, das in Wahrheit bedrucktes Aluminium war.

»Floß«, hatte sie vorgeschlagen. Der Quader auf der Plattform, an Bug und Heck leicht angeschrägt, hatte tatsächlich die simple Grundform eines Floßes, und es war auch nicht groß.

»Was ist mit Pequod?«, hatte er sich in der zweiten Aprilhälfte erkundigt, als sie Wasser und Lebensmittel auf das Hausboot brachten.

»Und du bist Ahab, oder was? Nenn sie doch gleich nach einem Flugzeugträger!«

»Genau! U. S. S. Intrepid. Oder Enterprise!«

»Die Wasserschutzpolizei wird dich kielholen, Alexander! Geht’s nicht ein bisschen kleiner?«

»Discovery? – Bounty? – Was denn? – Orca? – Du, Orca ist doch … Oder?«

»Ich mach uns einen Wein auf.«

»Aber Orca ist …« Er überlegte. »Titanic?Costa Concordia?«

Sie musste kichern, damals im April.

»Poseidon?«

Sie ging zum Gegenangriff über: »Alte Liebe. – Windsbraut.Nixe. – Oder einfach und zugleich wunderschön: Bea!«

»Bea ist gut. Aber da denken alle, es ist ein Flugzeug. – Was ist mit Nostromo? – Black Pearl?«

»Havelqueen.«

Da musste er lachen.

Doch bis heute hatten sie keinen Namen für die schwimmende Laube. Angemeldet war sie behördlich weiterhin als Garten Eden 3000.

Dieser Juliabend war der erste Tag nach ihrem Urlaub, den sie gemeinsam verbringen konnten. In Beas Hausarztpraxis schien die gesamte Patientenschaft nur darauf gewartet zu haben, sie gleich nach ihrer Rückkehr aus Frankreich einem Stresstest zu unterziehen. Alle kamen, die gesamte Patientendatei, und das in der Urlaubszeit! Alexander wurde im Ministerium nicht sofort unter Druck gesetzt, das besorgte er selbst. Er hatte sich vorgenommen, allen Referatsleiterinnen und Referatsleitern einen Antrittsbesuch abzustatten. Er hielt das normal für einen – wenn auch nur stellvertretenden – Pressesprecher. Die meisten Führungskräfte jedoch waren leicht erstaunt bis euphorisch erfreut, weil endlich mal jemand sie nach ihrer fachlichen Meinung fragte. Nach Jahren, wie einige von ihnen hinzusetzten. Er betonte, eine Art Mittler nicht nur zwischen den Bürgern und der Ministerin sein zu wollen, sondern auch zwischen der politischen Leitung und den Fachreferaten. Den meisten Gesichtern sah er in den Einzelgesprächen an, dass sie ihm nicht glaubten. Vielleicht waren sie klüger als er. Pressesprecher kommen und gehen alle zwei bis vier Jahre.

»Wo hab ich den blöden Lippenstift?« Bea forschte in ihrer Handtasche.

»Wozu brauchst du hier …« Er schenkte sich den Rest der Frage lieber.

»Ach …!« Sie zog zusammengefaltete A4-Seiten aus der Tasche und wedelte damit. »Schau, vielleicht interessiert es dich.«

Er betrachtete sie. Es waren die Zehntelsekunden. Wie sie sich bewegte mit dem Papier in der Hand, wie sie lächelte, wie sie die Haare hinters Ohr klemmte und wie sie gleich wieder hervorschnalzten. Alexander hielt diesen Blick noch einen Moment. Diese Zehntelsekunden waren es, die ihm das warme Gefühl gaben: Du weißt, warum du sie liebst und warum du sie geheiratet hast. Wenn wir von einer Minute zur anderen nicht mehr scharf aufeinander wären – ganz egal, wenn sie nur nicht diese kleinen Bewegungen einstellt. Dieses blitzkurze wissende Lächeln, die Vorfreude, ihm etwas zu zeigen, an dem sie Spaß hatte. Die Bewegungen der Lippen in den Mundwinkeln. Der Übergang vom Ohr zum Gesicht, dieses Wischen mit dem Zeigefinger über die Kinnspitze.

Das erste Mal hatte er es in dem Reinickendorfer Café gesehen. Sie las Zeitschriften, fast ausdruckslos. Aber eben nur fast. Er bestellte den Weißwein, den sie trank, und ließ ihr ein neues Glas davon bringen. Das Zucken ihrer Braue, als die Kellnerin es ihr erklärte. Wie er hinüberging und sich entschuldigte, sie zu stören. Und ihr sagte, dass sie diese kleine Bewegung mit dem Zeigefinger gemacht hatte, die ihm gefiel. Acht Wochen später war im Grunde klar, dass sie heiraten würden, auch wenn sie noch zweieinhalb Jahre lang ein Ritual daraus machten, sich nicht zu entscheiden.

Wird sie die Geste draufhaben, wenn sie 60, 70 und 80 ist? Werde ich es dann noch registrieren?

Ihm war plötzlich kalt, aber er bekam etwas zu tun, er konnte nach den Ausdrucken greifen, die Bea ihm hinhielt.

»Was ist das?«

»Ein Interview mit Carlo Glasmacher.«

Er brauchte einen Augenblick, um sich an den Schweizer Nachrichtensprecher zu erinnern.

»Sie haben ihn gefeuert.«

»Das hätte ich vielleicht auch getan«, sagte er.

Sie zog das Papier an sich. »Was? Das ist nicht dein Ernst, Alexander. Ohne zu wissen, was mit ihm ist?«

»Im Fernsehen muss man nun mal präsent sein«, sagte er und hatte schon die Ahnung, etwas zu hart zu wirken. »Wenn ein Anchorman nicht weiß, dass er in einer Fernsehsendung sitzt und Nachrichten moderiert, sollte er … von mir aus Redakteur im Background werden. Wie alt ist er?«

»62, glaube ich, gelesen zu haben.«

»Erstaunlich, dass sie ihm so lange die Sendung belassen haben. Findest du nicht? Sagt er, was an dem Tag mit ihm los war?«

»Nein, es ist eigentlich klar.« Sie suchte ein Zitat, das sie angestrichen hatte. »Hier: Er spricht von erheblichem Stress, den er an dem Tag gehabt habe. Außerdem sei alles komplizierter geworden, heutzutage. Die Globalisierung, die Technik, die Konkurrenz von Internet und Fernsehen. Da habe er wohl ein Blackout gehabt, zum ersten Mal in seinem Berufsleben. Er habe sich an den Namen eines somalischen Stammesführers nicht erinnert und gleichzeitig überlegt, wie der Staatssekretär im französischen Außenministerium heißt. Das Ergebnis sei ein Knoten in seinem Kopf gewesen, eine Leere, die ihm peinlich ist.«

»Verständlich.«

»Aber überzeugt es dich?«

Er stutzte. »Was meinst du?«

»Für mich klingt das nach Ausrede«, sagte Bea. »Auf der einen Seite versucht er, die Sympathien der Leser zu bekommen. Wer weiß schon, wie ein somalischer Stammesführer heißt. Allzu menschlich, werden die Leute sagen. Andererseits spricht er von allgemeinen Phänomenen wie der Globalisierung oder der Technik, mit der er offenbar nicht zurechtkommt. Unspezifisch. Ich weiß, man soll vorsichtig sein mit vorschnellen Diagnosen aus der Ferne. Aber das war kein normales Blackout. Das ist eine an den Haaren herbeigezogene Entschuldigung. Außerdem sagt er, dass er sich an die Szene erst richtig erinnern konnte, als er sie in der Aufzeichnung gesehen hat.«

»Und was heißt das?«

»Es ähnelt einem Verhalten, das Menschen an den Tag legen, bei denen sich Demenz ankündigt.«

Er griff nach den Seiten und blätterte, war aber nicht mit ganzer Aufmerksamkeit bei dem Schweizer Nachrichtenmann. »In den letzten Tagen hieß es, er hätte eine kurzzeitige Amnesie, wie nach einem Schock.«

»Spekulation.«

»Ja, ja, aber selbst im Ministerium hat es Wellen geschlagen«, sagte er geheimnisvoll.

Sie setzte sich neben ihn und strich ihm durch die Haare, mit leichtem Spott. »Ja? Das Gesundheitsministerium kümmert sich um das Blackout eines Schweizer Journalisten?«

»Nicht offiziell, nein. Aber einer der Referatsleiter, ein Typ namens Burggraf, der übrigens gar nicht so aussieht wie ein Graf, hat mir seine Theorie aufgetischt.«

»Wie sieht er denn aus?«

»Spitzmaus?«

Sie lachte und strich sich mit der Hand durchs Haar.

»Seine Theorie habe ich nicht verstanden. Medizinisches Fachgesimpel.«

Bea streichelte seine Stirn. »Der stellvertretende Pressesprecher des Bundesgesundheitsministeriums wundert sich also, dass es in seiner Gesundheitsbehörde um medizinische Termini geht …«

»Das sind Medizinalräte, die brauchen nicht noch einen von ihrer Art vor den Mikrofonen, sondern einen erfahrenen Journalisten. Finde ich.«

»Einen dekorativen«, stichelte sie.

»Dekorativ? Was meinst du damit …? Hey, ich habe Fachkompetenz … Ich habe zwei große internationale Konferenzen für die moderiert, Lady!«

»Ja … Weil du dekorativ bist«, sagte sie und küsste ihn, wobei ihre Leidenschaft etwas irgendwie Symbolisches hatte und wohl auch haben sollte.

»Sie sind eine Sexistin, Frau Doktor«, sagte er.

Sie bestätigte das, indem sie ihm eine Sauerei ins Ohr flüsterte.

Er küsste sie. »Leg mich flach oder hör mir zu«, entgegnete er.

»Das Zweite, bitte. Das andere ist mir momentan zu anstrengend, außerdem will ich nicht ertrinken.«

»Also, dieser Burggraf meint …«

»Die Spitzmaus Burggraf?!«

»Burggraf Spitzmaus ist der Ansicht, dass sich eine Amnesiewelle epidemiologisch ausbreitet.«

Sie zuckte zurück, als habe er Mundgeruch. »Mit diesem Begriff muss man vorsichtig sein, Alex. Epidemie, das ist ein großes Wort. Gerade, wenn man in einem Ministerium arbeitet. Du musst jetzt jedes Wort auf die Goldwaage legen.«

»Was er meint … Es breitet sich aus.«

»Das ist ein Unterschied. Eine Krankheit mag sich ausbreiten. Sie wird einen Höhepunkt haben, aber sie klingt ab. Eine Epidemie explodiert. Und wenn sie abklingt, und das wird sie, dann stellt sich die Frage: Hallo, lebt noch jemand? Denk an die Pest.«

»Gut, mein Schatz. Burggraf sagt unter vier Augen, er habe die Berichte verfolgt. Im Ergebnis geht er davon aus, dass es einen Krankheitserreger gibt, der von Nordafrika kommend nach Südeuropa gesprungen ist und über Frankreich schließlich die Schweiz erreicht hat.«

»Aha. Wie gefährliche Erreger das ja nun mal tun. Sie kommen immer aus Afrika und überfallen das zivilisierte und wehrlose Europa. – Was soll das für ein Erreger sein? Haben in Afrika alle Nachrichtensprecher vergessen, dass sie live in einem Studio sitzen und reden sollen?«

»Du nimmst das nicht ernst«, stellte er fest.

»Ein Erreger, der Amnesie auslöst? Ein Blackout, das über das Mittelmeer springt?«

Er zuckte mit den Schultern. »Wie genau das gelaufen sein könnte, weiß ich nicht. Ich bin ja kein Fachmann.«

»Und dein Kumpel, dieser Referatsmeister Spitzmaus? Wofür ist der zuständig?«

»Unwichtig.«

»Also?«

»Du bist widerlich.«

»Wofür ist er zuständig?«

»Sporterziehung, glaube ich. Aber das muss nichts heißen.«

Sie triumphierte: »Der Sporterziehungsexperte des Bundesgesundheitsministeriums spricht über Afrikanische Amnesie bei Schweizer Moderatoren!«

»Widerlich«, neckte er sie und packte sie an der Hüfte.

Sie juchzte, griff ihm in den Schritt und küsste ihn. Dann stemmte sie sich auf, erhob sich und ordnete ihre Haare. »Vielleicht sollte ich dir das eine oder andere über Epidemiologie erzählen. Damit du keinen Unsinn erzählst in einer Pressekonferenz von Burggraf Sportmaus.«

»Gut, Frau Hausärztin, gib mir ’ne Expertise.«

Sie funkelte ihn streng an.

»Der böse Blick funktioniert bei mir nicht«, sagte er kühl. »Burggraf ist Mediziner, der darf seine Fachmeinung haben, egal, in welches Zuständigkeitskästchen man ihn pfercht. Also, was muss ich wissen über Epidemien?«

»Okay. Ich mache es kurz«, sagte sie in dem Ernst, den er an ihr so liebte wie ihre Albernheit. »Fangen wir damit an: Weshalb kommt die Welle aus Nordafrika? Warum nicht aus China über Australien und Südafrika nach Nordafrika? Weil niemand es weiß! Und weil es wahrscheinlich zu wenige Fälle gibt. Man hat Einzelfälle irgendeiner Krankheit in Nordafrika festgestellt, danach in Europa. Also ist sie – angeblich – von Kontinent zu Kontinent gesprungen. Aber vielleicht ist sie einfach nur zu verschiedenen Zeitpunkten entdeckt worden, so dass die Herkunft aus Afrika ein Trugschluss ist.«

»Hm. Kann sein. Ist mir aber zu allgemein.«

»Gut. Ein anderer Punkt: Es gibt keine Amnesie-Krankheit. Es gibt Demenzen. Die sind eine Alterserscheinung. Weißt du ja. Sie beginnen in der Regel mit 65, häufen sich bei 90-Jährigen und sind in noch höherem Alter fast schon tägliche Begleiterscheinungen. Aber: In Afrika ist die Lebenserwartung geringer als bei uns. Wenn da ein sogenannter Verrückter auffällt und aktenkundig wird, ist das eine Seltenheit. Aus mehreren Gründen. In Europa werden wir immer älter. Wenn du willst, ist es die Lebenserwartungskurve, die fast schon epidemiologische Züge angenommen hat – absolut unwissenschaftlich gesagt. Nehmen wir an, in Afrika und Europa würden zur selben Zeit alle Hochbetagten dement werden. Dann sähe es so aus, als verlaufe die Entwicklung in Afrika schleichend, in Europa aber katastrophal, und als vollziehe sich eine Bewegung nach Europa hin, was aber nicht stimmt.«

»Okay, verstanden.« Er nickte.

»Wichtiger noch: Amnesie ist nicht infektiös, Demenz auch nicht. Es gibt keine Ansteckungswellen wie bei der Grippe oder der Pest.«

»Im Internet habe ich einen Text gefunden. Demnach wäre Alzheimer ansteckend. Allerdings gibt es zahlreiche Dementis«, gab er zu.

»Im Internet findest du alles«, sagte sie. »Ich habe das von dem angeblich ansteckenden Alzheimer mitbekommen. Vermutlich entstehen solche Fehlinterpretationen ähnlich wie die über die Epidemien: Eheleute, die ihre dementen Lebenspartner pflegen, werden schließlich genauso älter wie diejenigen, die sie pflegen. Wenn nun der pflegende Teil dement wird, ist es leicht zu sagen: der hat sich angesteckt. Da genügt ein einziger Fall, schon kochen die Gerüchte hoch.«

»Du sagst jedenfalls: Alzheimer ist definitiv nicht ansteckend?«

»Es wird nicht auf dem Weg der Infektion übertragen.«

»Sondern?«

Sie wand sich. »Alzheimer ist nur eine Form von Demenz. Eine von 50 Grundtypen. Über die Auslöser ist wenig bekannt. Die häufigste Übertragungsform ist die Vererbung.«

»Wenn meine Eltern Alzheimer … oder Demenz hatten?«

»Wenn es dominante Gene in der Familie gibt. Die Anlage für einige Demenzformen scheint vererbt zu werden. Der zweite wesentliche Risikofaktor ist das Alter.«

»Und was passiert bei Demenz? Die Leute verkalken?«

»Nein. Aus unbekannten Gründen bilden sich in den Gehirnen der Betroffenen Plaques. Das sind Plättchen aus Peptiden, die sich vermehrt ablagern und als eine Art Nervengift fungieren.«

»Lassen sie sich beseitigen, diese Plaques?«

»Medikamentös, zum Teil. Das Sonderbare ist, dass bei Patienten, die ihre Plaques verlieren, die Demenz danach meistens bleibt. Und merkwürdig auch, dass es Menschen gibt, die starken Plaque-Befall haben, ohne dass sie Demenzerscheinungen aufweisen.«

»Dann ist die eigentliche Ursache der Demenz eine andere?«

Schulterzucken. »Das ist eines der großen Geheimnisse unserer Zeit.«

»Jedenfalls ist wohl auszuschließen, dass der Typ vom Katamaran einen Gedächtnisverlust hatte. Sagten die Polizisten nicht, er sei erst 60 gewesen?«

»Für Alzheimer wäre das zu früh. Für andere, seltenere Formen hingegen nicht.«

»Vielleicht … Wie sieht die Diagnose aus? Ab wann weiß man, dass jemand dement ist?«

»Also, ich spreche mit den Leuten. Ich stelle bestimmte Fragen.«

»Nein, ich meine medizinisch.«

»Das ist medizinisch! Wenn du Labortests meinst, Kernspintomografie und so weiter … Solche Untersuchungen werden gemacht, aber sie sind in diesem Fall nicht zuverlässig. Es gibt nur einen Weg, der sicher ist: Das Gehirn aufschneiden und nachsehen. Dann sieht man mit bloßem Auge Deformationen.«

»Aufschneiden … Dann ist der Patient aber bereits tot?«

»Ja, das wäre … besser für ihn.«

8

Eine Theaterbühne in Berlin-Pankow

Montag, 14. Juli 2014

Alle Sitze waren leer, kein Publikum im Saal. Dennoch tigerte Jenissej in der Garderobe auf und ab, als stünde eine Premiere bevor. Er hatte sie alle einbestellt: die Schauspieler und die Komparsen, die Techniker, die Frauen, Männer und Kinder der Tanztruppe, die Requisiteure, das Orchester und den Chor, sogar den Service – die Kasse, die Platzanweiser, die Leute von Garderobe und Imbiss … Also gerade mal 308 Personen.

Schon lange wollte er Ignoranz inszenieren. 2011 hatte er wochenlang um das Thema herumgetanzt. Und das buchstäblich, denn so fand er seine Ideen und so baute er sie aus. »Woher kommt es, dass die Menschen auf der Straße rempeln, dass sie auf Bürgersteigen parken?«, hatte er gefragt. »Sie wollen die ersten in einem Waggon sein, und sie schreien am Ende ihren Sitznachbarn in die Ohren. Was ist das für eine Aggression? Die kann doch gar nicht persönlich gemeint sein, und dennoch schlägt sie ständig zu.« Er hatte solche Fragen gesammelt, fand aber keinen Namen für das Phänomen.

Dann half ihm der Zufall: Eine Freundin seiner Tochter tauchte plötzlich im Theater auf, und kaum hatte sie von seinen unfertigen Gedanken gehört, brachte es diese Melina von Lüttich auf den Begriff: Ignoranz.

Nun galt es, das Thema in seinen Dimensionen zu begreifen und es darzustellen. Das fiel ihm leicht, wenn er sich auf der Bühne bewegte und spielte, vor sich hin faselte oder tanzte, mal allein und ohne Technik, mal mit Projektoren und Laptops. Jenissej war nicht nur Intendant seines eigenen Theaters, er war Medienchoreograph. Er wollte Ignoranz durch das Zusammenspiel von Filmsequenzen, Lichteffekten, Ton-Collagen, Computeranimation und Tanz durchdringen und damit sein Publikum erschüttern.

Als Synästhetiker hatte Jenissej die Gabe und die Last, dass ihm bei der Berührung von Gegenständen, aber auch beim körperlichen Kontakt mit Menschen, Geruchsempfindungen ins Gehirn funkten, so wie andere Synästhetiker ohne ihren Willen Farben wahrnehmen, wenn sie Töne hören. Man mochte das für eine Fehlleistung des Gehirns halten. Jenissej versuchte, es kreativ zu nutzen. Falls sich mal keine Idee einstellte, berührte er beim Tanzen den Boden oder nahm zurechtgelegte Gegenstände in die Hand.

Mancher Geruch war ihm gänzlich neu. Andere schufen ein Wurmloch in seine Kindheit. Der Geruchssinn ist schließlich die intensivste Verbindung zum Archiv der menschlichen Kindheitserinnerungen.

Dann kam alles dazwischen. Zuerst der unerwartete Erfolg einer Film-Dokumentation über den Schauspieler und Regisseur Theo Lingen. Daraus wurde eine Serie über Filmkünstler, die sich auch international hervorragend verkaufte.

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