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Blackmail

Über den Autor

Greg Iles wurde 1960 in Deutschland geboren, wo sein Vater die Klinik der Amerikanischen Botschaft leitete. Aufgewachsen ist er in Natchez, Mississippi, wo er auch heute lebt. Nach seinem Studienabschluss an der University of Mississippi spielte er als Musiker in der Band »Frankly Scarlet«, bevor er die Gruppe verließ, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Greg Iles ist der Autor von bisher zehn Bestsellern. Sein Roman 24 Stunden wurde von Sony Pictures unter dem Titel 24 Stunden Angst (Trapped) verfilmt. Greg Iles’ Bücher wurden in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt und in über zwanzig Ländern veröffentlicht.

BASTEI ENTERTAINMENT

Die Gesellschaft ist ein künstliches Gebilde,
ein Schutz gegen die Macht der Natur.

Camille Paglia

Prolog

Der Regen fiel unablässig, und der kleine Fluss schwoll an, bis seine schlammigen Fluten das halbnackte Mädchen erfassten. Er riss sie mit sich durch die Stadt, ohne dass jemand es sah, an grünen Hügeln vorbei, wo dreihundert Jahre zuvor Indianer zur Sonne gebetet hatten. Das Mädchen tanzte in der Strömung unter der Brücke des Highway 61 und wurde von den Fluten davongetragen, die sich durch die Wälder in Richtung der Papiermühle wälzten und in einem Mahlstrom brauner Wellen in den Mississippi mündeten. Doch bald schon würde das Mädchen dafür sorgen, dass die Stadt in eine völlig andere Art von Mahlstrom geriet – einen Mahlstrom, der sogar den reißenden Fluss ruhig erscheinen ließ.

Sie hatte nie Ärger machen wollen. Sie war ein liebes Ding, klug und voller Leben. Wenn sie lachte, steckte sie andere an. Wenn sie weinte, verbarg sie ihre Tränen. Sie war mit vielen Gaben gesegnet und nahm keine davon als selbstverständlich. Mit siebzehn hatte sie der Stadt bereits Ehre gemacht. Niemand hätte ihr dieses Ende vorhergesagt.

Andererseits hat niemand sie wirklich gekannt.

Außer mir.

1

Manche Geschichten benötigen Zeit, bis man sie erzählen kann.

Jeder Schriftsteller, der etwas taugt, weiß das. Manchmal wartet man darauf, dass Ereignisse ins Unterbewusste sickern, bis eine tiefere Wahrheit daraus entspringt; zu anderen Zeiten wartet man einfach darauf, dass die Hauptpersonen sterben. Manchmal wartet man auf beides.

Dies ist so eine Geschichte.

Ein Mann wandelt sein Leben lang auf dem Pfad der Tugend, befolgt die Regeln, bleibt innerhalb der Grenzen – und dann, eines Tages, begeht er einen Fehltritt. Er überquert eine Linie und setzt eine Kette von Ereignissen in Gang, die ihm alles nehmen, was er besitzt, und die ihn in den Augen der Menschen, die ihn lieben, für immer verdammen.

Wir alle spüren diese unsichtbare Demarkationslinie, doch in unserer Natur ist etwas Wildes und Triebhaftes, das in uns den Wunsch erweckt, diese Linie zu übertreten, und das uns mit der lautlosen Beharrlichkeit des evolutionären Imperativs nötigt, alles zu riskieren für einen glitzernden Schatten. Die meisten von uns unterdrücken diesen Zwang. Die Angst hält uns häufiger auf als die Klugheit. Doch einige von uns tun diesen Schritt und betreten damit einen Pfad, von dem sie nur schwer – manchmal gar nicht mehr – zurückkehren können.

Dr. Andrew Elliott ist so ein Mann.

Ich kenne Drew, seit er drei Jahre alt war, lange bevor er Stipendiat an der Rhodes wurde und zur medizinischen Hochschule ging, ehe er in unsere Heimatstadt mit ihren zwanzigtausend Seelen zurückkehrte, um sich als Internist niederzulassen. Unsere Bindung ist enger als die der meisten Freunde aus Kindertagen. Als ich vierzehn war, rettete der elfjährige Drew Elliott mir das Leben, wobei er selbst beinahe gestorben wäre. Wir blieben enge Freunde, bis er seinen Abschluss an der medizinischen Hochschule gemacht hatte. Dann sahen wir uns lange Zeit – zwanzig Jahre, schätze ich – praktisch gar nicht. Den größten Teil dieser Zeit verbrachte ich damit, als Assistent des Bezirksstaatsanwalts in Houston, Texas, die Verurteilung von Mördern zu bewirken. Die restliche Zeit schrieb ich Romane, die sich auf außergewöhnliche Kriminalfälle stützen, die ich im Beruf erlebt hatte, was mir eine neue Perspektive verschaffte und außerdem Zeit, die ich mit meiner Familie verbringen konnte.

Drew und ich erneuerten unsere Freundschaft vor fünf Jahren, als meine Frau gestorben war und ich mit meiner kleinen Tochter nach Natchez zurückkehrte in dem Versuch, mein Leben wieder in Ordnung zu bringen. Die ersten Wochen meiner Rückkehr gingen in einem spektakulären Mordfall unter, doch nachdem die Aufregung verklungen war, kam Drew als Erster meiner alten Freunde zu mir und versuchte, mich wieder in die Gemeinschaft einzugliedern. Er brachte mich in den Elternbeirat unserer alten Schule und in den Country Club und überredete mich, einen Heißluftballon und eine Sängerin von der Metropolitan Opera für die jährlichen Festivals von Natchez zu finanzieren. Er bemühte sich nach Kräften, diesen Witwer zurück ins Leben zu führen, und mit viel Hilfe von Caitlin Masters, meiner Freundin während der letzten Jahre, gelang es ihm schließlich auch.

Das alles erscheint mir nun wie eine ferne Erinnerung. Gestern noch war Drew Elliott eine Säule der Gemeinschaft, von vielen verehrt und von allen als leuchtendes Beispiel hingestellt, doch heute schon wird er verachtet von denen, die ihn so geschätzt haben, und sein Leben steht auf Messers Schneide. Drew war unser Goldjunge, ein Vorbild für alles, was das kleinstädtische Amerika für ehrbar und erstrebenswert hält, doch wie nach einem ungeschriebenen Gesetz wird die Stadt ihn nun mit einem Hass verfolgen, der ihrer betrogenen Liebe in nichts nachsteht.

Wie konnte Drew sich vom Helden in ein Ungeheuer verwandeln? Er sehnte sich nach Liebe, und indem er dieser Sehnsucht nachgab, brachte er eine ganze Stadt gegen sich auf. Gestern Abend noch war seine Legende intakt. Er saß neben mir an einem Tisch im Sitzungssaal der St. Stephen’s School, noch immer unglaublich attraktiv mit seinen vierzig Jahren, dunkelhaarig, athletisch, ein wenig grau zwar an den Schläfen, doch mit der eindrucksvollen Ausstrahlung eines Arztes in der Blüte seiner Jahre. Ich sehe diesen Augenblick ganz deutlich vor mir, denn es war jene Sekunde vor der Enthüllung, jener erstarrte Moment, in dem die alte Welt in sich ruhend am Rand der Zerstörung verharrt wie eine Porzellantasse an der Tischkante, um im nächsten Moment in tausend Scherben zu zerspringen. Doch für diesen einen Augenblick noch bleibt die alte Welt intakt, und Rettung scheint möglich.

Die Fenster des Sitzungssaals sind dunkel, und der silberne Regen, der bereits den ganzen Tag herabgerieselt ist, prasselt nun eisig gegen die Fenster. Wir drängen uns mit elf Leuten um den Tisch aus brasilianischem Rosenholz – sechs Männer und fünf Frauen –, und die Luft im Raum ist stickig. Drews klarer Blick ist auf Holden Smith gerichtet, den Vorsitzenden des Elternbeirats der St. Stephen’s, während wir über die Anschaffung neuer Computer für die Junior High School diskutieren. Wie Holden und mehrere andere Mitglieder des Beirats haben auch Drew und ich unsere Abschlüsse vor ungefähr zwei Jahrzehnten an der St. Stephen’s gemacht, und heute besuchen unsere Kinder die Schule. Wir sind Teil einer ganzen Reihe von Alumnen, die während des wirtschaftlichen Niedergangs der Stadt eingesprungen sind, um jene Schule wieder aufzubauen, der wir unsere bemerkenswerte Ausbildung verdanken. Im Unterschied zu den meisten anderen Privatschulen in Mississippi, die im Zuge der erzwungenen Integration von 1968 entstanden, wurde die St. Stephen’s 1946 als Gemeindeschule gegründet. Der erste afroamerikanische Schüler wurde erst 1982 zugelassen, doch die Bereitwilligkeit dazu gab es bereits Jahre zuvor. Hohe Schulgebühren und die Angst, das einzige farbige Kind in einer ansonsten rein weißen Schule zu sein, verzögerten diesen Wendepunkt in der Geschichte der Schule für einige Jahre. Heute besuchen einundzwanzig schwarze Kinder die St. Stephen’s, und es wären sicher mehr, gäbe es nicht den Kostenfaktor. Nicht viele schwarze Familien in Natchez können sich fünftausend Dollar im Jahr pro Kind für Erziehung und Ausbildung leisten, wenn es kostenlose öffentliche Schulen gibt. Genau genommen gibt es auch nicht viele weiße Familien, die so viel Geld übrig haben, und sie werden im Lauf der Jahre immer weniger. Das ist die ewige Herausforderung des Elternbeirats: Finanzierung.

Derzeit ist Holden Smith dabei, Computer von Apple zu evangelisieren, obwohl der Rest des schulischen Netzwerks problemlos auf billigeren Windows-Rechnern läuft. Wenn er irgendwann innehält, um Luft zu holen, werde ich ihm sagen, dass ich zwar selbst ein Apple Powerbook benutze, aber dass wir um der Kosten willen praktisch denken müssen. Doch bevor ich dazu komme, öffnet die Schulsekretärin die Tür und hebt die Hand zu einem kraftlosen Winken. Ihr Gesicht ist so blass, dass ich fürchte, sie könnte jeden Moment einen Herzanfall erleiden.

Holden wirft ihr einen verärgerten Blick zu. »Was gibt es denn, Theresa? Wir brauchen noch eine halbe Stunde.«

Wie die meisten Angestellten der St. Stephen’s ist auch Theresa Cook die Mutter eines Schülers. »Ich habe schreckliche Neuigkeiten«, sagt sie mit bebender Stimme. »Kate Townsend ist in der Notaufnahme des St. Catherine’s Hospital. Sie ist … angeblich ist sie tot. Ertrunken. Kate Townsend. Das kann doch nicht sein?«

Holden Smith verzieht die dünnen Lippen zu einer Grimasse, die ein Lächeln sein soll, während er überlegt, ob das vielleicht ein abartiger Witz ist. Kate Townsend ist der Star der St. Stephen’s School. Sie ist die designierte Abschiedsrednerin, ist Staatsmeisterin im Tennis und im Schwimmen und hat ein Vollstipendium für Harvard im nächsten Herbst. Sie ist buchstäblich ein Aushängeschild für die St. Stephen’s. Einmal hat sie sogar in einem Fernsehwerbespot für die Schule mitgewirkt.

»Nein«, sagt Holden schließlich. »Unmöglich! Ich habe Kate erst um zwei Uhr heute Nachmittag auf dem Tennisplatz gesehen.«

Ich schaue auf die Armbanduhr. Inzwischen ist es kurz vor acht.

Holden öffnet erneut den Mund, bringt jedoch keinen Laut mehr hervor. Ich betrachte die Gesichter ringsum am Tisch, und mir wird bewusst, dass eine eigenartige Taubheit uns alle erfasst hat, wie sie entsteht, wenn man erfährt, dass das Kind des Nachbarn bei einem Jagdunfall im Morgengrauen niedergeschossen wurde oder am Abend auf der Nachhausefahrt bei einem Verkehrsunfall gestorben ist. Ich denke daran, dass wir Anfang April haben, und obwohl der erste Hauch von Frühling in der Luft liegt, ist es noch zu kalt zum Schwimmen, selbst hier in Mississippi. Wenn eine Schülerin der letzten Klasse an einem Tag wie diesem ertrunken ist, dürfte ein Unfall die wahrscheinlichste Erklärung sein.

»Was genau haben Sie gehört, Theresa, und wann?«, erkundigt sich Holden. Als würden Details unser Entsetzen mildern.

»Ann Geter hat aus dem Krankenhaus bei mir zu Hause angerufen.« Ann Geter ist eine Schwester in der Notfallambulanz des St. Catherine’s Hospital und hat ebenfalls eine Tochter an der St. Stephen’s. Weil die Schule lediglich fünfhundert Kinder aufnimmt, kennt jeder jeden. »Mein Mann hat Ann gesagt, ich wäre wegen der Sitzung noch hier. Also hat sie im Sekretariat angerufen und erzählt, dass Angler Kate gefunden hätten, eingeklemmt in einer Baumgabel, in der Nähe der Stelle, wo der St. Catherine’s Creek in den Mississippi mündet. Sie dachten zuerst, Kate wäre noch am Leben, also haben sie das Mädchen in ihr Boot gelegt und ins Krankenhaus gebracht. Sie war nackig vom Bauchnabel abwärts, hat Ann gesagt.«

Theresa sagt »nackig«, doch ihr Wort hat die beabsichtigte Wirkung. Schock lässt die Gesichter ringsum am Tisch leer werden. War es gar kein Unfall? »Kate war übel zugerichtet, hat Ann erzählt. Als wäre sie mit irgendeinem Gegenstand geschlagen worden.«

»Mein Gott«, flüstert Clara Jenkins. »Es kann nicht Kate sein! Es muss jemand anders sein!«

Theresas Unterlippe beginnt zu zittern. Die Sekretärin hat immer schon ein gutes Verhältnis zu den älteren Schülern gehabt, besonders zu den Mädchen. »Ann hat erzählt, Kate hätte eine Tätowierung auf dem Oberschenkel. Ich wusste nichts davon, aber ihre Mutter wird es wohl wissen. Jenny Townsend hat Kates Leichnam vor wenigen Minuten identifiziert.«

Eine Frau am Tisch fängt an zu schluchzen, während ich plötzlich das Gefühl habe, als würde flüssiger Stickstoff durch meine Adern strömen. Meine Tochter ist zwar erst neun, doch ich habe sie bereits zweimal beinahe verloren. Ich habe eine vage Vorstellung von dem Alptraum, den Jenny Townsend jetzt durchlebt.

Holden Smith erhebt sich von seinem Platz. Er sieht aus, als wollte er in den Krieg ziehen. »Am besten, ich fahre zum Krankenhaus. Ist Jenny noch dort?«

»Ich glaub schon«, murmelt Theresa. »Ich kann es nicht fassen. Jeder andere, aber doch nicht Kate!«

»Verdammt noch mal!«, stößt Bill Sims hervor, ein einheimischer Geologe. »Das ist nicht fair!«

»Stimmt, es ist nicht fair«, pflichtet Theresa ihm bei, als hätte Fairness irgendetwas damit zu tun, wer in jungen Jahren stirbt und wer mit fünfundneunzig. Dann aber wird mir bewusst, dass sie nicht ganz unrecht hat. Die Townsends haben vor ein paar Jahren ein Kind durch Lungenentzündung verloren, und ihre Ehe ist daran zerbrochen.

Holden nimmt ein Handy aus seiner Manteltasche und wählt eine Nummer. Wahrscheinlich ruft er seine Frau an. Die anderen Mitglieder des Beirats sitzen schweigend da und denken sicherlich an ihre eigenen Kinder. Wie viele von ihnen wohl Gott danken für das Glück, heute Abend nicht Jenny Townsend zu sein?

Ein Handy summt unter dem Tisch. Es gehört Drew Elliott. Er meldete sich mit: »Dr. Elliott?« Dann lauscht er eine Zeit lang, während alle Blicke auf ihn gerichtet sind. Plötzlich erstarrt er wie jemand, der die Nachricht von einer Familientragödie entgegennimmt. »Das ist richtig«, sagt er. »Ich bin der Hausarzt, aber der Fall gehört jetzt in die Zuständigkeit eines Leichenbeschauers. Ich komme vorbei und spreche mit der Familie. Zu Hause? In Ordnung. Danke.«

Drew beendet das Gespräch und blickt in den Kreis erwartungsvoller Gesichter. Drew ist kreidebleich. »Es ist kein Irrtum«, sagt er. »Kate war bereits tot, als sie in der Notfallambulanz eingeliefert wurde. Jenny Townsend ist auf dem Weg nach Hause.« Drews Blick fällt auf mich. »Dein Vater fährt sie, Penn. Tom hatte gerade einen Patienten besucht, als Kate hereingebracht wurde. Ein paar Familienangehörige und Freunde fahren hin. Der Vater wurde bereits unterrichtet.«

Kates Vater, ein britischer Staatsangehöriger, lebt seit fünf Jahren in England.

»Ich vertage die Sitzung«, sagt Holden und sammelt die Werbeprospekte von Apple Computer ein. »Das kann bis zum nächsten Monat warten.«

Als er zur Tür geht, ruft Jan Chancellor, die Schulleiterin: »Einen Augenblick noch, Holden. Es gibt da etwas, das nicht bis nächsten Monat warten kann!«

Holden bemüht sich gar nicht erst, seine Verärgerung zu verbergen, als er sich umdreht. »Und das wäre?«

»Der Zwischenfall mit Marko Bakic.«

»Verdammt«, sagt Bill Sims. »Was hat der Junge denn jetzt schon wieder angestellt?«

Marko Bakic ist ein kroatischer Austauschschüler, der seit seiner Ankunft im letzten September nichts als Scherereien gemacht hat. Wie er es ins Austauschprogramm geschafft hat, ist uns allen ein Rätsel. Markos Unterlagen zeigen, dass er bei IQ-Tests phänomenal abgeschnitten hat, doch er scheint all seine Intelligenz lediglich für seine anarchistischen Umtriebe einzusetzen. Die Nachsichtigen unter uns vertreten die Meinung, dass dieses unglückliche Kind der Balkankriege Aufruhr an die St. Stephen’s gebracht hat und ein Austauschprogramm besudelt, das uns in der Vergangenheit Lob und Ehre eingebracht hat. Die Strengen sind der Ansicht, dass Marko Bakic die Maske des Witzbolds nur benutzt, um sein unheilvolles Treiben zu verschleiern, beispielsweise den Verkauf von Ecstasy an die Schülerschaft und von steroiden Anabolika ans Footballteam. Der Lehrkörper hat sich bereits Hilfe suchend an mich gewandt, den früheren Staatsanwalt, wie man das Drogenproblem angehen soll. Ich habe ihnen gesagt, dass wir nichts tun können, solange wir Marko nicht auf frischer Tat ertappen oder uns jemand bereitwillig Informationen über illegale Aktivitäten zukommen lässt. Bill Sims schlug vor, stichprobenartige Drogentests vorzunehmen, doch seine Idee wurde verworfen, nachdem der Lehrkörper erkannte, dass positive Tests wahrscheinlich publik werden und auf diese Weise nicht nur unsere Öffentlichkeitsarbeit sabotieren, sondern auch den Lehrkörper der Katholischen Schule vom Unbefleckten Herzen auf der anderen Seite der Stadt in helles Entzücken versetzen würden. Die einheimischen Gesetzesbehörden haben bereits ein Auge auf Marko geworfen, doch auch sie haben bisher nichts in den Händen. Falls Marko mit Drogen handelt, redet niemand darüber. Nicht vor Dritten jedenfalls.

»Marko hat sich gestern in der Halle mit Ben Ritchie geprügelt«, sagt Jan vorsichtig. »Er hat Bens Freundin eine Nutte genannt.«

»Das war nicht besonders klug«, murmelt Bill Sims.

Marko Bakic ist einen Meter neunundachtzig groß und dünn wie eine Bohnenstange; Ben Ritchie ist eins siebzig und gebaut wie ein schmiedeeiserner Ofen, genau wie sein Vater, der vor mehr als zwanzig Jahren zusammen mit Drew und mir Football gespielt hat.

»Ben hat Marko gegen die Wand gestoßen und von ihm verlangt, dass er sich entschuldigen soll«, berichtet Jan. »Marko hat geantwortet, dass Ben ihn am Arsch lecken soll.«

»Und was ist dann passiert?«, fragt Sims mit leuchtenden Augen. Diese Geschichte ist ein ganzes Stück interessanter als die üblichen Angelegenheiten, mit denen der Elternbeirat zu tun hat.

Unübersehbar angewidert von der jugendlichen Begeisterung in Bills Gesicht berichtet Jan weiter: »Ben hat Mark in einen Würgegriff genommen und seinen Kopf so lange auf den Boden geschlagen, bis er sich entschuldigt hat. Er hat Marko vor einer Menge Leute gedemütigt.«

»Hört sich ganz so an, als hätte unser kroatischer Hippie endlich mal bekommen, was er verdient.«

»Das mag sein«, entgegnet Jan eisig, »aber nachdem Ben Marko endlich losgelassen hat, sagte Marko, er würde Ben umbringen. Zwei andere Schüler haben es gehört.«

»Macho-Gehabe«, sagt Sims. »Bakic hat versucht, das Gesicht zu wahren.«

»Meinen Sie?«, entgegnet Jan. »Als Ben gefragt hat, wie Marko das anstellen will, sagte Marko, er hätte eine Pistole im Wagen.«

Sims lächelt breit. »Hat er? Eine Pistole?«

»Das weiß keiner. Ich habe von diesem Zwischenfall erst nach der Schule erfahren. Offen gestanden – ich glaube, die anderen Schüler hatten zu viel Angst, mich darüber zu informieren.«

»Zu viel Angst vor dem, was Sie unternehmen würden?«

»Nein. Zu viel Angst vor Marko. Mehrere Schüler haben gesagt, dass er hin und wieder eine Pistole bei sich trägt. Aber auf dem Schulgelände will ihn bisher niemand damit gesehen haben.«

»Haben Sie mit den Wilsons gesprochen?«, fragt Holden Smith von der Tür her.

Bill Sims schnaubt verächtlich. »Wozu denn?«

Die Wilsons sind die Familie, die sich einverstanden erklärt hat, Marko für zwei Semester bei sich aufzunehmen. Jack Wilson ist ein Akademiker im Ruhestand, und Marko scheint ihn um den Finger gewickelt zu haben.

Jan Chancellor mustert Holden erwartungsvoll. Sie ist eine gute Schulleiterin, auch wenn sie direkte Konfrontationen nicht mag, was sich in ihrem Beruf aber nicht vermeiden lässt. Ihr Gesicht sieht blass aus unter dem schwarzen Pagenschnitt, und ihre Nerven scheinen bis zum Zerreißen gespannt.

»Ich schlage vor, wir gehen in eine geschlossene Beratung«, sagt sie, was bedeutet, dass von diesem Moment an kein Protokoll mehr geführt wird.

»Einverstanden«, stimme ich zu.

Jan sieht mich dankbar an. »Wie Sie alle wissen, ist dieser Vorfall lediglich der jüngste in einer langen Reihe störender Zwischenfälle. Es ist ein eindeutiges Muster zu erkennen, und ich mache mir Sorgen, dass irgendwann etwas passiert, das nicht wiedergutzumachen ist. Falls es so weit kommt, werden die St. Stephen’s und jedes Mitglied des Lehr- und Verwaltungskörpers mit einer Flut von Klagen überschüttet.«

Holden seufzt müde von der Tür. »Jan, das war zweifellos ein schwerer Zwischenfall, und die Sache zu klären wird ein mühseliges Unterfangen werden. Doch der Tod von Kate Townsend ist ein schlimmer Schock für jeden Schüler und alle Familien dieser Schule. Ich kann später in der Woche eine Konferenz einberufen, die sich mit Marko befasst, doch im Augenblick hat Kate Priorität.«

»Werden Sie diese Konferenz auch wirklich anberaumen?«, drängt Jan. »Weil dieses Problem sich nicht von alleine lösen wird.«

»Die Konferenz wird stattfinden. Und jetzt fahre ich erst mal zu Jenny Townsend. Theresa, schließen Sie bitte ab, sobald alle gegangen sind?«

Die Sekretärin nickt, froh, dass man ihr etwas zu tun gegeben hat. Während die restlichen Mitglieder der Versammlung weiterhin ihrem Unglauben Ausdruck verleihen, summt mein Handy. Die angezeigte Nummer ist die von zu Hause, was mich zögern lässt, ob ich den Anruf entgegennehmen soll. Meine Tochter Annie ist durchaus imstande, mir am Telefon den letzten Nerv zu rauben, wenn ihr danach ist. Doch angesichts der noch frischen Nachricht von Kates Tod gehe ich ins Büro der Sekretärin und nehme den Anruf entgegen.

»Annie?«

»Nein«, antwortet eine ältere Frauenstimme. »Ich bin es, Mia.«

Mia Burke ist die Babysitterin meiner Tochter und eine Klassenkameradin von Kate Townsend.

»Es tut mir leid, wenn ich deine Sitzung störe, aber ich weiß mir nicht anders zu helfen.«

»Schon in Ordnung, Mia. Was ist denn los?«

»Ich weiß es nicht genau. Drei Leute haben angerufen und erzählt, dass irgendwas mit Kate Townsend ist. Sie sagen, Kate wäre ertrunken.«

Ich zögere, das Gerücht zu bestätigen. Andererseits, falls die Wahrheit sich nicht bereits wie ein Lauffeuer durch die gesamte Stadt ausgebreitet hat, kann es sich nur noch um Minuten handeln. »Du hast richtig gehört, Mia. Kate wurde tot im St. Catherine’s Creek gefunden.«

»O Gott!«

»Ich weiß, es ist eine schreckliche Nachricht, und du würdest im Moment lieber mit deinen Freundinnen zusammen sein, aber ich brauche dich jetzt, um auf Annie aufzupassen, bis ich zu Hause bin. Ich bin in zehn Minuten da.«

»Ich würde Annie niemals alleine lassen. Ich wüsste ja nicht mal, was ich tun soll. Wenn Kate tot ist, kann ich ihr ja eh nicht mehr helfen. Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst. Ich bleibe lieber hier bei Annie, als dass ich jetzt fahre.«

Ich danke Jan Chancellor im Stillen dafür, dass sie mir eines der wenigen vernünftigen Mädchen der Schule als Babysitterin empfohlen hat. »Danke, Mia. Wie geht es Annie?«

»Sie ist vor dem Fernseher eingeschlafen, bei einer Dokumentation über Zugvögel im Discovery Channel.«

»Das ist gut.«

»Hey«, sagt Mia mit verlegener Stimme. »Danke, dass du mir die Wahrheit über Kate gesagt hast.«

»Danke, dass du nicht ausgeflippt bist und das Haus verlassen hast. Wir sehen uns in ein paar Minuten, okay?«

»Okay. Bye.«

Ich beende die Verbindung und blicke durch die Tür auf den Konferenztisch. Drew Elliott sitzt dort und spricht in sein Handy, doch die anderen Mitglieder des Komitees gehen bereits durch die Haupttür nach draußen. Während ich ihnen hinterhersehe, kommt mir ein Bild aus unserem Fernsehwerbespot mit Kate in den Sinn. Sie betritt in klassisch weißem Dress den Tennisplatz, und ihre kühlen blauen Augen sehen geradewegs durch die Kamera hindurch. Sie ist groß, gut eins achtzig, mit nordisch blonden Haaren, die bis halb zu ihrer Taille reichen. Kate war eher beeindruckend als schön und sah mehr nach einer Collegestudentin als nach einer Schülerin an der Highschool aus; das war auch der Grund, weshalb wir sie für den Fernsehspot ausgewählt hatten. Sie war das perfekte Werbesymbol für unsere private College-Vorbereitungsschule.

Als ich nach dem Türknopf des Büros greifen will, erstarre ich. Drew Elliott starrt vor sich auf die Tischplatte; Tränen rinnen ihm über die Wangen. Ich zögere, lasse ihm Zeit, sich zu sammeln. Was braucht es, damit ein Arzt weint? Mein eigener Vater hat seine Patienten vierzig Jahre lang sterben sehen, und heute fallen sie wie Getreideähren vor einer Sense. Ich weiß, dass er trauert, doch ich kann mich nicht erinnern, ihn schon mal weinen gesehen zu haben. Die einzige Ausnahme war meine Frau, doch das ist eine andere Geschichte. Vielleicht denkt Drew, dass er allein im Zimmer ist, dass ich zusammen mit allen anderen nach draußen geschlüpft bin. Da die Tränen immer weiter strömen, gehe ich nach draußen in den Konferenzraum und lege ihm die Hand auf seine muskelbepackte Schulter.

»Alles klar, Mann?«

Er antwortet nicht, doch ich spüre, wie er erschauert.

»Drew? Hey!«

Er wischt sich mit dem Hemdsärmel die Tränen weg und erhebt sich. »Ich glaube, wir lassen Theresa besser abschließen.«

»Ja. Ich komme mit dir nach draußen.«

Seite an Seite durchqueren wir das vordere Atrium der St. Stephen’s, wie wir es Tausende Male getan haben, als wir selbst diese Schule in den Sechzigern und Siebzigern besucht haben. Ein großer Trophäenschrank steht an der Wand zu meiner Linken. Darin, hinter einem Baseballschläger – Louisville Slugger mit dreizehn Autogrammen in buntem Filzstift –, hängt ein großes Foto von Drew Elliott während des einen entscheidenden Moments dieser Institution. Gerade vierzehn Jahre alt steht Drew unter den Flutlichtern des Smith-Wills-Stadions in Jackson am Schlagmal und schlägt, was sich als der siegreiche Home-Run der Baseballmeisterschaft des Jahres 1977 herausstellen sollte. Ganz gleich, wie bemerkenswert unsere akademischen Errungenschaften sind – und davon gibt es viele –, es ist diese Meisterschaft, die unsere winzige Schule auf die Landkarte gebracht hat. In Mississippi steht der Sport über allem anderen, genau wie im restlichen Süden.

»Lange her«, sagt er. »Eine Ewigkeit.«

Wir gehen durch den Eingang und bleiben unter dem Vordach stehen, während wir uns auf einen Sprint zu unseren Wagen vorbereiten.

»Kate war Babysitterin für deine Jungs, nicht wahr?«

»Ja«, sagt er. »Die letzten beiden Sommer. Allerdings jetzt nicht mehr. Sie macht in sechs Wochen … sie hätte in sechs Wochen ihren Abschluss gemacht. Sie hatte zu viel zu tun, um nebenbei als Babysitter zu jobben.«

»Sie schien ein großartiges Mädchen zu sein.«

Drew nickt. »War sie. Selbst heutzutage, wo viele Schüler Überflieger sind, war sie etwas Besonderes.«

Ich könnte jetzt sagen, dass es häufig die Besten und Hellsten sind, die zu früh gehen, während wir anderen weitermachen, doch das weiß Drew selbst. Er hat mehr Menschen sterben sehen, als mir je über den Weg laufen werden.

Sein Volvo parkt vielleicht dreißig Meter entfernt, hinter meinem Saab. Ich klopfe ihm auf den Rücken wie in Highschool-Tagen, dann nehme ich eine Sprinterhaltung ein. »Willst du es wagen?«

Statt mitzuspielen, sieht er mir voll ins Gesicht und sagt mit einer Stimme, die ich seit vielen Jahren nicht mehr bei ihm gehört habe. »Kann ich einen Augenblick mit dir reden?«

»Selbstverständlich.«

»Steigen wir ein.«

»Sicher.«

Er drückt auf einen Knopf an seiner Schlüsselkette, und die Blinker seines Volvos leuchten auf. Wie vom Knall einer Startpistole hochgejagt sprinten wir durch den kalten Regen und klettern in die Ledersitze des S80. Drew wirft die Tür zu und lässt den Motor an; dann schüttelt er heftig den Kopf.

»Ich kann es einfach nicht glauben! Es ist wirklich unfassbar! Hast du sie gekannt, Penn? Hast du Kate überhaupt gekannt?«

»Wir haben uns ein paarmal unterhalten. Sie hat mich nach meinen Büchern gefragt. Aber es ging nie tiefer unter die Oberfläche. Mia hat viel über sie geredet.«

Seine Augen suchen in den Schatten nach meinen. »Du und ich, wir sind in den vergangenen fünf Jahren auch nicht unter die Oberfläche gekommen. Es ist mehr mein Fehler als deiner, ich weiß. Ich behalte viel für mich.«

»Das tun wir alle«, sage ich verlegen, während ich mich frage, wohin das führen soll.

»Wer kennt den anderen schon genau. Zwölf Jahre gemeinsam auf der Schule, als Jungs die besten Freunde … Du weißt eine Menge über mich, und auch wieder gar nichts. Du kennst nur die Oberfläche, wie alle anderen.«

»Ich hoffe, dass ich daruntersehe, Drew.«

»Wenn jemand unter die Oberfläche sieht, dann du. Das ist auch der Grund, weshalb ich jetzt mit dir rede.«

»Okay, hier bin ich. Reden wir.«

Er nickt, als hätte seine private Einschätzung sich bestätigt. »Ich möchte dich engagieren.«

»Mich engagieren?«

»Als Anwalt.«

Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. »Du weißt, dass ich nicht mehr praktiziere.«

»Du hast den Payton-Fall übernommen, diese alte Bürgerrechtsgeschichte.«

»Das war etwas anderes. Und es ist schon fünf Jahre her.«

Drew starrt mich im Dämmerlicht der Armaturenbeleuchtung an. »Das hier ist auch was anderes.«

Für den Mandanten ist es immer etwas anderes. »Sicher, Drew. Aber ich bin eigentlich kein Anwalt mehr. Ich bin Schriftsteller. Wenn du einen Anwalt brauchst, kann ich dir mehrere gute Leute empfehlen. Ist es ein Kunstfehler?«

Drew blinzelt erstaunt. »Ein Kunstfehler? Glaubst du, ich würde deine Zeit mit derartigem Mist verschwenden?«

»Drew … ich weiß nicht, worum es geht. Warum erzählst du mir nicht, was das Problem ist?«

»Ich möchte ja, aber … Penn, was ist, wenn du krank wärst? Sagen wir, du hättest Aids. Und du würdest zu mir kommen und sagen: Drew, bitte hilf mir. Als Freund. Ich möchte, dass du mich behandelst und mit niemandem darüber redest. Was, wenn ich antworten würde: Ich möchte ja gerne, Penn, aber das ist nicht mein Fachgebiet. Du musst zu einem Spezialisten.«

»Drew, komm schon …«

»Lass mich ausreden. Wenn du sagen würdest: Drew, als Freund, bitte tu mir den Gefallen. Bitte hilf mir. Weißt du was? Ich würde nicht eine Sekunde überlegen. Ich würde tun, was du möchtest. Dich ohne Aufzeichnungen behandeln, egal was.«

Das würde er, ich kann es nicht abstreiten. Doch hinter seinen Worten steckt mehr. Drew hat viele Dinge unerwähnt gelassen. Die Wahrheit ist, dass ich ohne Drew Elliott heute nicht mehr am Leben wäre. Als ich vierzehn Jahre alt war, wanderten Drew und ich in Arkansas vom Buffalo River weg und verirrten uns in den Ozark Mountains. Als die Dunkelheit hereinbrach, stürzte ich in eine Schlucht und brach mir den Oberschenkel. Drew war erst elf, doch er kletterte hinunter in die Schlucht, schiente mein Bein mit einem Ast, baute eine improvisierte Trage und schleppte mich durch die Nacht. Er zog mich vier Meilen weit durch die Berge, wobei er sich die Hand und zweimal fast den Hals brach. Kurz nach Sonnenaufgang kamen wir zu einer Gruppe von Zelten, wo jemand ein CB-Funkgerät hatte. Doch hat Drew ein Wort darüber erwähnt? Nein. Es ist mein Job, mich zu erinnern.

»Warum möchtest du mich engagieren, Drew?«

»Damit du mich berätst. Unter dem Schutz der Vertraulichkeit.«

»Dazu musst du mich nicht engagieren.«

Er zieht seine Geldbörse aus der Hosentasche, nimmt eine Zwanzigdollarnote heraus und schiebt sie mir zu. »Das weiß ich auch. Aber wenn du später im Zeugenstand befragt wirst – als Freund –, müsstest du lügen, um mich zu schützen. Wenn du mein Anwalt bist, wird unsere Unterhaltung durch das Vertraulichkeitsverhältnis zwischen Anwalt und Mandant geschützt.« Er hält mir die Banknote immer noch hin. »Nimm schon, Penn.«

»Das ist verrückt.«

»Bitte, Mann!«

Ich falte die Note zusammen und stecke sie ein. »Okay. Was hat das zu bedeuten?«

Er sinkt in seinen Sitz zurück und reibt sich die Schläfen wie jemand, der eine Migräne bekommt. »Ich kannte Kate viel besser, als irgendjemand ahnt.«

Schon wieder Kate Townsend? Das Gefühl der Erschütterung, das ich im Konferenzzimmer gespürt habe, ist nichts im Vergleich zu dem, was ich jetzt empfinde. Erneut sehe ich Drew vor mir, wie er weinend am Tisch sitzt, als wäre ein Familienangehöriger gestorben. Noch während ich meine nächste Frage stelle, bete ich, dass ich mich irre.

»Willst du mir sagen, du bist mit dem Mädchen intim gewesen?«

Drew blinzelt nicht einmal, als er antwortet. »Wir haben uns geliebt.«

2

Mein Herz hämmert wie bei den allzu seltenen Gelegenheiten, wenn ich einen Trainingslauf mache. Ich sitze vor der St. Stephen’s, zusammen mit einem der bedeutendsten Alumnen, der diese Schule je besucht hat, und er erzählt mir, dass er eine Schülerin gevögelt hat. Eine Schülerin, die jetzt tot ist. Dieser Mann ist mein Freund, solange ich denken kann, und doch sind die ersten Worte, die über meine Lippen kommen, nicht die eines Freundes, sondern eines Anwalts. »Sag mir, dass sie achtzehn war, Drew.«

»Sie hätte in zwei Wochen Geburtstag gehabt.«

Ich sauge die Luft ein und schließe die Augen. »Es hätte genauso gut in zwei Jahren sein können. Das ist in Mississippi Unzucht mit Minderjährigen. Erst recht bei dem Altersunterschied zwischen euch. Wie groß ist er, zwanzig Jahre?«

»Fast dreiundzwanzig.«

Ich schüttele ungläubig den Kopf.

Er nimmt meinen Arm und zieht ihn zu sich, zwingt mich, ihm in die Augen zu sehen. »Ich bin nicht verrückt, Penn. Ich weiß, du denkst jetzt, ich hätte den Verstand verloren, aber ich habe dieses Mädchen geliebt wie noch nie eine Frau in meinem Leben.«

Ich schaue zur Seite, konzentriere mich auf den Schulhof, wo das Wasser sich in Pfützen beim Karussell versammelt hat. Was soll ich sagen? Hier geht es nicht um einen geilen Assistenztrainer, der sich einer Cheerleaderin im Umkleideraum zu weit genähert hat. Hier geht es um einen gebildeten und erfolgreichen Mann in den Klauen einer ausgewachsenen Wahnvorstellung.

»Ich habe in Houston eine Menge Kerle wegen Kindesmissbrauchs verurteilt, Drew. Ich erinnere mich an einen Burschen, der regelmäßig ein elfjähriges Mädchen missbraucht hat. Kannst du dir denken, was er zu seiner Verteidigung vorgebracht hat?«

»Was?«

»Sie hätten sich geliebt.«

Er schnaubt verächtlich. »Du weißt, dass es nicht so etwas ist.«

»Weiß ich das? Herrgott im Himmel, Drew!«

»Penn … solange du nicht selbst in einer solchen Situation bist, kannst du es nicht begreifen. Ich war damals der Erste, der diesen Trainer verdammt hat, weil er sich drüben in der öffentlichen Schule über diese Schülerin hergemacht hat. Ich konnte es damals nicht verstehen. Aber jetzt … jetzt habe ich es selbst erlebt.«

»Du hast dein Leben weggeworfen, Drew! Ist dir das eigentlich klar? Du könntest für zwanzig Jahre ins Gefängnis geschickt werden. Ich kann nicht einmal …« Meine Stimme versagt, weil mir plötzlich dämmert, dass ich das Schlimmste von dem, was er mir an diesem Abend in seinem Wagen enthüllen wird, vielleicht noch gar nicht gehört habe. »Du hast sie nicht umgebracht, oder?«

Alles Blut weicht aus seinem Gesicht. »Hast du den Verstand verloren?«

»Was hast du denn für eine Frage von mir erwartet?«

»Nicht diese. Und in deinem Tonfall ist etwas verdammt Kaltes

»Wenn dir mein Tonfall nicht passt, dann warte, bis du den Bezirksstaatsanwalt hörst. Du und Kate Townsend? Heilige Scheiße!«

»Ich habe sie nicht umgebracht, Penn.«

Ich atme ein weiteres Mal tief ein und stoße die Luft langsam aus. »Nein. Natürlich nicht. Glaubst du, sie könnte Selbstmord begangen haben?«

»Unmöglich!«

»Wieso?«

»Weil wir von hier weggehen wollten. Kate war ganz aufgeregt deswegen. Sie war kein bisschen niedergeschlagen.«

»Ihr wolltet zusammen davonlaufen?«

»Nicht davonlaufen. Zusammen sein.«

»Sie war ein Kind, Drew!«

»In gewisser Hinsicht, ja. Aber Kate ist anders aufgewachsen als die meisten. Sie hat viel durchgemacht und viel daraus gelernt. Sie war sehr erwachsen für ihr Alter, körperlich und seelisch. Und das heißt eine Menge heutzutage. Diese Kids sind nicht so, wie wir es waren, Penn. Du hast keine Ahnung. Mit fünfzehn haben die bereits Dinge getan, die du oder ich frühestens mit zwanzig erlebt haben. Manche von denen sind mit achtzehn bereits völlig abgestumpft.«

»Das bedeutet noch lange nicht, dass sie begreifen, was sie tun. Aber ich werde daran denken, der Jury dieses Argument vorzutragen.«

Drews Augen flackern. »Willst du damit sagen, du wirst mich vertreten?«

»Das war ein Scherz. Wer weiß sonst noch von eurer Beziehung?«

»Niemand.«

»Sei nicht albern. Irgendjemand weiß immer was.«

Er schiebt den Unterkiefer vor und schüttelt den Kopf. »Du hast Kate nicht gekannt. Niemand weiß etwas von uns.«

Die Naivität menschlicher Wesen ist wirklich atemberaubend. »Ach ja?«

Drew legt die großen Hände aufs Lenkrad und drückt es wie ein Mann, der isometrische Übungen macht. In dem kleinen Innenraum des Wagens wirkt seine Größe einschüchternd. Ich bin einen Meter fünfundachtzig und wiege neunzig Kilo. Drew hat fünf Zentimeter und zehn Kilo Muskeln mehr als ich, und er hat sich nicht viel gehen lassen seit den Tagen, als er für Vanderbilt als Stürmer gespielt hat. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass Kate Townsend sich von ihm angezogen gefühlt hat.

»Es läuft alles darauf hinaus …«, sagt Drew mit gefasster Stimme. »Die Polizei wird Kates Leben durchleuchten. Und wenn sie tief genug schürft, findet sie vielleicht etwas, das sie mit mir in Verbindung bringt.«

»Zum Beispiel?«

»Ich weiß nicht. Ein Tagebuch? Fotos?«

»Ihr habt Fotos gemacht?« Warum frage ich das? Natürlich haben sie Fotos gemacht. Jeder macht heutzutage Fotos. »Habt ihr euch auch gefilmt?«

»Kate hat uns gefilmt. Aber sie hat das Band vernichtet.«

Ich bin nicht sicher, ob ich das glaube, aber das ist im Moment nicht der entscheidende Punkt. »Was ist mit Ellen?«, frage ich. Ellen ist seine Frau.

Seine Augen bleiben trocken. »Unsere Ehe ist seit zehn Jahren tot.«

»Davon habe ich nichts gemerkt.«

»Wie auch. Du und alle anderen in der Stadt – keiner von euch hat etwas gemerkt. Ellen und ich haben Tag für Tag großes Theater gespielt, alles nur um Tims willen.«

Tim ist Drews neunjähriger Sohn, selbst bereits so etwas wie ein Goldjunge in der Grundschule. Annie ist schwer in ihn verknallt, auch wenn sie das niemals zugeben würde. »Was ist mit Tim? Wolltest du ihn zurücklassen?«

»Natürlich nicht! Aber ich musste mich zuerst von Ellen lösen. Diese Ehe macht mich kaputt.«

Das sagen sie immer, bevor es zur Scheidung kommt. Jede Erklärung ist ihnen recht, wenn sie nur aus dieser Ehe rauskommen.

»Ich möchte nichts Negatives über Ellen sagen«, fährt Drew leise fort. »Aber die Situation ist schon seit langer Zeit schwierig. Ellen ist hydrocodonsüchtig. Seit sechs Jahren schon.«

Ellen Elliott ist Anwältin, die sich mit Mitte dreißig dem Immobiliengeschäft zugewandt hat, ein richtiger Dynamo, spezialisiert auf die gehobenen Vor-Bürgerkriegs-Herrenhäuser in der Stadt. Sie stammt aus Savannah und scheint das seltene Kunststück geschafft zu haben, sich Einlass in die feine Gesellschaft von Natchez zu verschaffen, was Außenseitern so gut wie nie gelingt. Ich kenne Ellen nicht besonders gut, doch die Vorstellung, dass sie drogensüchtig ist, kann ich nur schwer schlucken. Mein mentaler Schnappschuss von ihr ist der einer schlanken, sehr gepflegten Blondine, die zum Vergnügen Marathons läuft.

»Das ist schwer zu glauben, Drew.«

»Du kannst dir nicht vorstellen, dass Ellen sich Lorcet Plus einwirft wie andere M&Ms? So ist es aber, Mann. Ich habe jahrelang versucht, ihr zu helfen. Habe sie zu Suchtspezialisten geschleppt und viermal in den vergangenen drei Jahren Entziehungskuren bezahlt. Nichts hat geholfen.«

»Ist sie klinisch depressiv?«

»Ich glaube nicht. Du hast sie gesehen. Sie ist sehr extrovertiert. Aber unter dieser Energie lauert etwas Dunkles. Alles, was sie unternimmt, geschieht aus Streben nach Geld oder sozialem Status. Vor zwei Jahren hat sie während eines Tennisturniers mit einem Typen aus Jackson geschlafen. Ich kann nicht glauben, dass sie die Frau ist, die ich geheiratet habe.«

»War sie anders, als ihr geheiratet habt? Was Geld und sozialen Status angeht, meine ich?«

»Ich nehme an, die Veranlagung war damals schon vorhanden. Nur sah es damals aus wie gesunder Ehrgeiz. Trotzdem, ich hätte es erkennen müssen. Ihre Mutter ist genauso.«

Ich kann nicht anders, ich muss Ellen verteidigen. »Wir alle werden irgendwann wie unsere Eltern, Drew. Ich bin sicher, auch du hast dich verändert.«

Er nickt. »Schuldig im Sinne der Anklage. Aber ich versuche der beste Mensch zu sein, der ich sein kann.«

Und das hat dich in die Arme eines siebzehnjährigen Mädchens geführt? Ich habe noch mehr Fragen, aber die Wahrheit ist, ich will die schmutzigen Details von Drews Liebesleben überhaupt nicht wissen. Ich habe zu viele betrunkene Freunde gehört, die darüber gejammert haben, wie ihre Träume sich nicht verwirklicht haben, und es war immer ein weinerlicher Monolog. Das Eigenartige daran ist nur, dass Drew Elliott, gemessen an den Maßstäben anderer, ein traumhaftes Leben geführt hat. Doch wie meine Mutter immer sagte: Du weißt nie, was im Topf von jemand anderem kocht. Und eines ist sicher: Was immer als Ergebnis von Kates Tod geschehen mag – Drews sagenhaft erfolgreicher Lauf durch das Leben ist unvermittelt zu Ende gegangen.

»Ich muss nach Hause zu Annie, Drew«, sage ich. »Mia muss weg.«

Er nickt verständnisvoll. »Was ist jetzt, Penn? Wirst du mir helfen?«

»Ich tue, was ich kann, aber ich bin nicht sicher, ob das viel ist. Warten wir ab, was der morgige Tag bringt.«

Er nickt und blickt in den Schoß, unübersehbar enttäuscht. »Ich schätze, mehr kann ich nicht erwarten.«

Ich will aus dem Wagen steigen, als Drews Handy summt. Er blickt auf das Display und zuckt zusammen. »Jenny Townsend«, sagt er.

Meine Brust verengt sich.

»Wahrscheinlich will sie, dass ich vorbeikomme.«

»Wirst du hinfahren?«

»Natürlich. Ich muss.«

Ich schüttele erstaunt den Kopf. »Wie kannst du das nur? Wie kannst du Jenny heute Abend in die Augen sehen?«

Drew beobachtet das Display, bis das Telefon zu summen aufhört; dann begegnet er meinem Blick mit der Ernsthaftigkeit eines Mönchs. »Ich habe ein reines Gewissen, Penn. Ich habe Kate mehr geliebt als irgendjemand sonst auf der Welt, außer vielleicht ihre Mutter. Und jeder, der Kate geliebt hat, ist heute Abend in ihrem Haus willkommen.«

Drew hat recht und unrecht zugleich. Er ist heute Abend willkommen im Haus der Townsends, ja, er wird von allen Besuchern wahrscheinlich der größte Trost für Jenny Townsend sein. Doch was wäre, wenn Jenny wüsste, dass ihr Hausarzt Sex mit ihrer minderjährigen Tochter gehabt hat? Dass er im Begriff stand, seine Familie aufzugeben und Kates perfekt geplante Zukunft in tausend Stücke zu zerschlagen?

»Ich rufe dich morgen an«, sage ich leise.

Drew packt mich am Unterarm, als ich aus dem Auto steige, und einmal mehr bin ich gezwungen, in seine tiefblauen Augen zu blicken. »Ich habe nicht den Verstand verloren, Penn. Es war keine Midlife-Crisis, die mich zu Kate geführt hat. Ich habe mich seit langer Zeit nach Liebe gesehnt, und trotzdem habe ich mehr Frauen in dieser Stadt einen Korb gegeben, als du dir vorstellen kannst, verheirateten und alleinstehenden. Als ich mir letzten Sommer bei dem Autounfall das Knie verletzt habe, war ich sechs Wochen lang zu Hause. Kate war jeden Tag da, um auf Tim aufzupassen. Wir fingen an, uns miteinander zu unterhalten. Ich konnte nicht glauben, über welche Themen sie redete, welche Bücher sie las. Wir schickten uns nachts E-Mails und Instant Messages, und es war, als würde ich mich mit einer fünfunddreißigjährigen Frau unterhalten. Als ich wieder gehen konnte, organisierte ich eine medizinische Hilfsmission nach Honduras. Kate wollte mit und meldete sich freiwillig. Es war Ellen, die den Vorschlag machte, auf ihren Wunsch einzugehen. Damals ist es dann passiert. Bevor wir in die Staaten zurückkehrten, wusste ich, dass ich mit ihr zusammenleben wollte.«

»Sie war erst siebzehn, Mann. Was für ein Leben hättest du mit ihr führen können?«

»Ein wahrhaftiges Leben. Sie wäre in zwei Wochen achtzehn geworden, Penn, und sie wäre im Herbst nach Harvard gegangen. Ich habe bereits die medizinischen Staatsexamen von Massachusetts absolviert. Ich war unter den besten fünf Prozent. Und ich habe bereits eine Anzahlung auf ein Haus in Cambridge geleistet.«

Ich bin sprachlos.

»Und jetzt wird nichts von alledem jemals geschehen«, sagt Drew, und sein Gesicht ist starr vor Wut und Verwirrung. »Weil jemand Kate ermordet hat.«

»Du weißt nicht, ob es Mord war.«

Seine Augen verengen sich. »Und ob ich das weiß! Es war Mord!«

Behutsam löse ich meinen Arm aus seinem Griff. »Es tut mir leid, Mann. Ehrlich. Aber wenn herauskommt, dass du ein Verhältnis mit Kate gehabt hast, werden sie dich kreuzigen. Du fängst besser schon mal an …«

»Es ist mir egal, was aus mir wird! Ich mache mir Gedanken um Tim. Was kann ich für ihn tun? Was ist das Beste für ihn?«

Ich schüttele den Kopf und öffne die Tür in den Regen. »Um ein Wunder beten.«

Mia Burke sitzt auf der Veranda meines Hauses an der Washington Street, neben sich einen prallvollen grünen Rucksack. Ich parke am Straßenrand, während ich nach Annies kleinerer Gestalt suche. Dann sehe ich, dass die Vordertür leicht geöffnet ist; also schläft Annie noch, und Mia lauscht auf sie. Mia erhebt sich, als ich den Wagen abschließe, und im Licht der Straßenlaterne erkenne ich, dass sie genau wie Drew geweint hat.

»Alles in Ordnung mit dir?«, frage ich, während ich den Bürgersteig überquere.

Sie nickt und wischt sich über die Wangen. »Ich weiß überhaupt nicht, warum ich so viel weine. Kate und ich waren keine wirklich guten Freundinnen.«

Mia Burke ist das äußerliche Gegenteil von Kate Townsend. Dunkelhaarig und braunhäutig, knapp eins sechzig groß mit der Muskulatur und Gestalt einer Sprinterin. Sie hat große dunkle Augen, eine Stupsnase und volle Lippen, die wahrscheinlich die Fantasie von hundert heranwachsenden Jugendlichen befeuert haben. Sie trägt Jeans und ein Lifehouse-T-Shirt, und in den Händen hält sie ein Buch von Paul Bowles, The Sheltering Sky. Mia hat einen überraschend eklektischen Geschmack, und das verwirrt wahrscheinlich die gleichen Jungs, die von ihren sonstigen Attributen träumen.

»Hat sie Selbstmord begangen, Penn?«

Ich muss daran denken, dass manche Leute es wohl für unangemessen halten, dass Mia mich mit meinem Vornamen anspricht. Zwischen uns herrschte von Anfang an eine natürliche Zwanglosigkeit, doch angesichts dessen, was ich über Drew und Kate erfahren musste, erscheint mir nichts mehr unschuldig und natürlich. »Ich weiß es nicht. War Kate der Typ, der sich umgebracht hätte?«

Mia schlägt die Arme vor die Brust und lässt sich Zeit, bevor sie antwortet. »Nein. Sie hat sich oft abgesondert, besonders im letzten Jahr, aber ich glaube nicht, dass sie unter Depressionen litt. Ihr Freund hat ihr allerdings eine Menge Ärger gemacht.«

»Kate hatte einen Freund?«

»Na ja, eigentlich einen Ex. Steve Sayers.«

Steve Sayers, der Quarterback des Footballteams. Wie nicht anders zu erwarten.

»Ich weiß wirklich nicht, was mit den beiden war. Sie waren fast zwei Jahre zusammen. Ende letzten Sommers schien Kate dann plötzlich vergessen zu haben, dass Steve existiert.«

Dank Drew Elliott, M. D. …

»Das Merkwürdige daran ist, sie hat nicht Schluss gemacht mit Steve. Sie hat sich weiter mit ihm getroffen, ist mit ihm zusammen ausgegangen, obwohl sie ihn offensichtlich nicht mehr geliebt hat. Aber sie hatte keinen Sex mehr mit ihm. Und das hat ihn verrückt gemacht.«

Mias Offenheit über Sex kommt nicht von ungefähr. Wir haben zahlreiche ungezwungene Unterhaltungen über die Dinge geführt, die an der St. Stephen’s unter der Oberfläche vor sich gehen. Wäre nicht Mias Offenheit, ich hätte genauso wenig eine Vorstellung von der Wirklichkeit einer modernen Highschool wie alle anderen Eltern und wäre im Beirat kaum von Nutzen.

»Hat Kate selbst dir erzählt, dass sie keinen Sex mehr mit Steve hatte?«, frage ich.

»Nein. Aber Steve hat es ein paar von seinen Freunden erzählt, und es hat sich herumgesprochen. Er meinte, dass sie vielleicht einen anderen hat, mit dem sie’s treibt. Jemand von einer anderen Schule möglicherweise.«

»Was glaubst du?«

Mia beißt sich auf die Unterlippe. »Wie ich bereits sagte, Kate war ziemlich verschlossen. Sie hatte eine charmante Maske, die sie nach Belieben aufsetzen konnte, und die meisten Leute fielen darauf herein. Aber das war nur die Maske, mit der sie durchs Leben gegangen ist. Tief im Innern war sie jemand ganz anderes.«

»Wer war sie?«

»Ich weiß es nicht genau. Ich weiß nur, dass sie viel zu anspruchsvoll war für Steve.«

Ich blicke Mia forschend in die Augen, sehe aber keine versteckte Andeutung darin. »Was hat sie so anspruchsvoll gemacht?«

»Ihre Zeit in England vielleicht. Nachdem ihre Eltern geschieden waren, ging sie nach London und lebte eine Zeit lang bei ihrem Dad. Sie hat dort mehr als drei Jahre lang eine exklusive Schule besucht, konnte am Ende aber nicht bleiben. Trotzdem, als sie hierher zurückkam, war sie uns anderen weit voraus. Sie war ziemlich einschüchternd mit ihrem englischen Akzent.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass du dich einschüchtern lässt.«

»Oh doch. Aber letztes Jahr hab ich dann aufgeholt. Und dieses Jahr habe ich sie in jedem Fach überflügelt. Es ist nicht schön, das jetzt zu sagen, aber das hat mir ein verdammt gutes Gefühl gegeben.«

Einige von Drews Worten kommen mir in den Sinn. »Du spielst Tennis, nicht wahr?«

»Ich bin im Team, ja. Ich bin nicht so gut wie Kate, noch nicht. Sie hat letztes Jahr die Staatsmeisterschaften gewonnen und war auf dem besten Weg, auch dieses Jahr den Titel zu holen.«

»Hat Kate nicht mit Ellen Elliott zusammen Leistungstennis gespielt?«

»Ja. Die beiden haben die Landesmeisterschaft gewonnen.«

»Was hältst du von Ellen?«

Mias Augen flackern interessiert. »Fragst du mich nach meiner offiziellen Meinung oder willst du wissen, was ich wirklich denke?«

»Was du wirklich denkst.«

»Sie ist ein knallhartes Miststück.«

»Tatsächlich?«

»Tatsächlich. Eiskalt und berechnend. Wie sie einen behandelt, hängt ganz davon ab, welche Eltern man hat.«

»Wie hat sie Kate behandelt?«

»Machst du Witze? Kate war ihr persönlicher Protegé. Ellen war die Nummer eins in Georgia, als sie noch Tennis gespielt hat. Ich denke, sie durchlebt mit Kates Hilfe ihre Jugend noch einmal.«

»Wie hat Kate Ellen behandelt?«

Mia zuckt die Schultern. »Ganz gut. Sie war freundlich zu ihr, aber …«

»Was?«

»Ich glaube nicht, dass Kate sie respektiert hat. Ich habe gehört, wie sie hinter Ellens Rücken Dinge über sie gesagt hat. Aber das tut ja jeder.«

»Was willst du damit sagen?«

»Die Frauen, mit denen Ellen für ihre Marathons trainiert, reden allen möglichen Scheiß über sie, wenn sie nicht dabei ist. Sie erzählen, Ellen würde einem ohne zu überlegen einen Dolch in den Rücken stoßen.«

»Und warum geben sie sich dann mit Ellen ab?«

»Angst. Neid. Ellen Elliott ist heiß, reich und mit Dr. Perfekt verheiratet. Sie ist der Arbiter Elegantiarum dieser Stadt, zumindest bei den unter Vierzigjährigen. Sie führt ein Leben, wie alle es führen wollen.«

»Das glauben sie.«

Mia sieht mich an, doch ich führe meine Worte nicht weiter aus.

»Ich kann mir vorstellen, was du meinst«, sagt sie schließlich. »Ich hab keine Ahnung, wieso Dr. Elliott mit ihr verheiratet ist. Niemand weiß es. Er ist ein netter Typ und verdammt heiß, und sie ist so … ich weiß nicht. Vielleicht hat sie ihm auch etwas vorgemacht.«

»Vielleicht.« Mia ist zu klug, als dass ich dieses Fragespiel noch lange fortführen könnte; nicht mehr lange, und sie kann eins und eins zusammenzählen. »Du musst wahrscheinlich los, oder?«

Sie nickt wenig begeistert. »Ja. Ich fühle mich irgendwie eigenartig.«

»Wegen Kate?«

»Ja. Aber nicht so, wie du vielleicht denkst. Ihr Tod ändert an der Schule sehr viel für mich. Zum Beispiel halte ich jetzt die Abschlussrede, und das wollte ich immer schon. Es gibt da ein paar Dinge, die ich unserer Klasse und den Eltern sagen möchte. Jetzt hab ich die Gelegenheit. Trotzdem, ich wollte nicht, dass es so kommt.«

»Du hast es dir bestimmt verdient. Um wie viele Punkte hatte Kate dich geschlagen?«

»Nur um einen sechzehntel Punkt im Gesamtergebnis.« Mia grinst ironisch. »Sie war längst nicht so klug, wie die meisten Leute glauben. Sie hat so getan, als würde sie nie lernen, aber sie hat gebüffelt wie eine Irre. Ich weiß nicht, warum ich dir das alles sage. Ich hab wohl irgendwie Wut auf sie. Aber ich weiß nicht warum.«

»Wirklich nicht?«

Mia seufzt und blickt zum Bürgersteig. »Kate wusste ganz genau, was sie tun musste, damit man sich wie ein Stück Scheiße fühlt. Sie konnte einem mit ein paar Worten das Herz aus der Brust reißen und dann so tun, als wäre alles nur eine unschuldige Bemerkung. Sie wurde Star Student, weil sie mich beim College Test um einen einzigen Punkt geschlagen hat, und sie hat dafür gesorgt, dass es jeder wusste. Ich hab sie beim Hochschuleignungstest um vierzig Punkte geschlagen, aber glaubst du, sie hätte auch nur ein einziges Wort darüber verloren?«

»Welches Ergebnis hast du erzielt?«

»Tausendfünfhundertvierzig.«

»Donnerwetter! Also wart ihr im Grunde genommen Rivalinnen, keine Freundinnen.«

Mia nickt nachdenklich. »Ich bin ehrgeiziger, als ich vielleicht sein sollte, aber für Kate war das Siegen eine Besessenheit. Wir waren immer die beiden ersten Kandidatinnen, bei allem.« Ein merkwürdiger Ausdruck huscht über Mias Gesicht. »Ich schätze, einige Leute werden sagen, dass ich ein Motiv hatte, sie zu ermorden.«

»Ich glaube nicht, dass du dir deswegen Sorgen machen musst. Ich habe noch nie jemanden ein schlechtes Wort über dich reden hören.«

Ein ironisches Lachen huscht über ihre Lippen. »Oh, die Leute reden eine Menge über mich. Aber das ist eine andere Geschichte. Und versteh mich nicht falsch wegen Kate. Sie hatte eine schwere Kindheit. Ihr Vater war ein richtiges Arschloch. Wenn sie einem ihre verwundbare Seite gezeigt hat, fiel es einem schwer, kein Mitgefühl für sie zu empfinden. Mir ganz besonders. Aber ich musste mich mit dem gleichen Mist rumschlagen, und ich gebrauche meine Intelligenz nicht dazu, anderen Leuten weh zu tun.«

Mia starrt die Washington Street hinunter, eine der schönsten Straßen in der Stadt, und schüttelt den Kopf, als wollte sie einen unsinnigen Gedanken vertreiben. Mias Vater hatte die Familie verlassen, als Mia gerade zwei Jahre alt gewesen war, und er hat seine Tochter seither kaum jemals gesehen. Finanzielle Unterstützung war das Minimum, das ihm von den Gerichten auferlegt worden war, und selbst die war nur sporadisch gekommen.

»Was Kates Tod angeht«, sagt Mia, »kann ich es immer noch nicht glauben. Es ist so … so willkürlich.«

»Schüler sterben bei Unfällen genauso wie jeder andere.«

»Ich weiß. Aber das hier ist etwas anderes.«

»Wieso?«

»Nachdem ich dich angerufen hatte, bekam ich noch eine Reihe weiterer Anrufe. Die Leute erzählen sich, dass es kein Unfall gewesen sei. Sie sagen, jemand hätte Kate umgebracht. Wusstest du das?«

Könnte Drew recht gehabt haben?

»Einige der Krankenschwestern haben erzählt, dass es ausgesehen hätte, als wäre Kate gewürgt und auf den Kopf geschlagen worden.«

Trotz meiner Freundschaft mit Drew erfüllt ein Bild meine Gedanken: Ich sehe vor dem geistigen Auge, wie er Kate würgt, und erschauere. »Du kennst Natchez und weißt, wie die Leute sich die Mäuler zerreißen, Mia. Mit Kates Leichnam könnte alles Mögliche passiert sein, als sie diesen Wildbach hinuntergetrieben ist.«

»Aber warum war sie dann halbnackt? Und warum von der Taille abwärts? Vermutlich könnte sie nackt gebadet haben, aber mit wem? Sie war nicht mit Steve zusammen – zumindest behauptet er das. Ich frage mich, ob Steve nicht vielleicht doch recht hat.«

In der Hinsicht wissen Kates Klassenkameradinnen wahrscheinlich doppelt so viel über ihren Tod wie die Polizei. »Wie meinst du das? Inwiefern könnte Steve recht haben?«

»Dass Kate einen anderen Freund hatte. Jemanden, von dem keiner von uns wusste. Jemanden, der verrückt genug oder wütend genug war, sie zu töten.«

»Kannst du dir vorstellen, dass Kate jemanden so wütend macht?«

»Oh ja. Wenn Kate sich auf ihr hohes Ross geschwungen hat, konnte sie einen fix und fertig machen. Und was das Verrücktmachen von Jungen angeht – sie war sehr sinnlich. Wir haben ein paarmal darüber gesprochen. Sie hat ernsthaft geglaubt, dass sie vielleicht Nymphomanin wäre.«

»Dieser Begriff wird heutzutage nicht mehr benutzt, Mia. Viele Mädchen, die zum ersten Mal mit Sex experimentieren, fühlen sich wahrscheinlich so.«

Sie sieht mich wissend an. »Ich rede nicht von Experimentieren. Ich bin keine Heilige. Aber Kate wusste Dinge, von denen ich noch nie gehört habe. Sie war der leidenschaftlichste Mensch, dem ich je begegnet bin, und sie liebte es, sich selbst Vergnügen zu verschaffen. Sie … äh, das ist jetzt peinlich, aber sie hat mir mal ein paar von ihren Spielsachen gezeigt, und ich war schockiert. Ich weiß, dass sie Steve erschreckt hat mit einigen der Dinge, die er für sie tun sollte, und das ist über ein Jahr her.«

Sexspielzeuge? Drews Worte kommen mir mit neuer Vehemenz ins Gedächtnis zurück. Diese Kinder sind nicht so, wie wir es waren, Penn. Du hast keine Ahnung …

»Ich weiß, dass du rein willst und nach Annie sehen möchtest«, sagt Mia, nimmt ihren Rucksack hoch und schlingt ihn sich über die Schulter. »Ich mache, dass ich dir aus den Füßen komme. ’tschuldigung, wenn ich über diese Dinge zu offen geredet habe.«

Ich mache einen Schritt nach links und lasse ihr Platz, an mir vorbeizugehen. »Keine Bange. Ich hab zu meiner Zeit fast alles kennen gelernt.«

Sie betrachtet mich mit einem durchtriebenen Blick, der über ihr Alter hinwegtäuscht. »Tatsächlich? Ich dachte eigentlich immer, du wärst ein solider Typ. Ich hab meine Mom nach dir gefragt, weißt du, aber sie will mir nichts erzählen. Sie mag dich offensichtlich, aber sie wird immer ganz … eigenartig, wenn ich über dich reden will.«

Ich spüre, wie ich erröte. »Fahr vorsichtig, Mia. Du bist mit den Gedanken nicht bei der Straße.«

Mia nimmt ihr Handy aus der Tasche und hält es ans Ohr. Es muss auf Vibrationsalarm geschaltet sein. »Ehrlich? … Niemals! … Das ist wirklich unheimlich … Mach ich. Bis später.« Sie schiebt das Telefon in die Tasche zurück und starrt erneut mit leerem Blick die Straße entlang.

»Was ist?«, frage ich.

Mias Augen verraten eine Verwirrung, wie ich sie noch nie zuvor gesehen habe. »Das war Laura Andrews. Ihre Mom gehört zu den Krankenschwestern, die sich bei der Einlieferung um Kate gekümmert haben. Sie hat Laura soeben erzählt, dass Kate vor ihrem Tod vergewaltigt worden ist.«

»Was?«

»Sie sagt, Kate hätte eine Menge Verletzungen … da unten, weißt du?«

Meine Gedanken kehren zu Drew zurück. Wenn Kate vergewaltigt wurde, dann hoffe ich, dass er es niemals erfahren muss. Doch er wird es natürlich erfahren, genau wie jeder andere in Natchez. Plötzlich dämmert mir, dass ich in meiner Hoffnung, Drew vor dieser Information zu schützen, von seiner Unschuld ausgehe. Das ist eine gefährlich voreilige Schlussfolgerung für einen Anwalt, doch ich bin bereits an diesem Punkt angelangt. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Drew Elliott eine Frau vergewaltigt, ganz zu schweigen von einer Schülerin.

»Hoffen wir, dass es nicht stimmt«, sage ich leise und rufe mir die psychisch zerstörten Vergewaltigungsopfer ins Gedächtnis zurück, die ich als Ankläger während meiner Zeit in Houston zu rächen versucht habe.

»Ja, hoffen wir«, echot Mia. »Der Gedanke ist zu grauenhaft.«

»Dann denk nicht daran. Konzentrier dich aufs Fahren.«

Mia zwingt sich zu einem Lächeln. »Keine Sorge. Brauchst du mich morgen?«

»Könnte sein, ja. Falls du Zeit hast.« Ich denke an Drew und seine Bitte, ihm zu helfen.

»Ruf mich einfach auf dem Handy an.«

Sie geht zu ihrem Wagen, einem blauen Honda Accord, und steigt ein. Ich warte, bis sie weg ist; dann steige ich die Treppe zu meinem Haus hinauf. Als ich die Tür hinter mir schließe, läutet das Telefon in meinem Büro. Ich gehe zu meinem Schreibtisch und werfe einen Blick auf das Display. Andrew Elliott, M. D. steht da zu lesen.

»Drew?«, frage ich in den Hörer.

»Kannst du reden?« Seine Stimme bebt vor Angst.

»Klar. Was gibt’s denn?«

»Ich bin bei Kate zu Hause. Ich hab gerade einen Anruf auf dem Handy erhalten.«

»Von wem?«

»Ich weiß es nicht. Aber er hat gesagt, ich soll eine Sporttasche mit zwanzigtausend Dollar an der Fünfzig-Yard-Linie des Footballfelds der St. Stephen’s abstellen. Er hat gesagt, wenn ich es nicht tue, geht er zur Polizei und erzählt, dass ich ein Verhältnis mit Kate hatte.«

Scheiße! »Du hast gesagt, niemand hätte von eurer Affäre gewusst.«

»So ist es auch. Ich hab keine Ahnung, wer der Anrufer sein könnte.«

Mein Verstand ist voller Erinnerungen an ähnliche Situationen aus meiner Zeit beim Bezirksstaatsanwalt in Houston. »Wann will er das Geld haben?«

»In einer Stunde.«

3

Penn?«, fragt Drew und atmet flach. »Bist du noch da?«

Die Worte meines alten Freundes haben mich im Arbeitszimmer meines Hauses erstarren lassen. »Zwanzigtausend Dollar in bar in einer Stunde? Um neun Uhr abends? Das ist verrückt! Das ist völlig unmöglich!«

»Nein, ist es nicht. Ich hab das Geld. Wir haben einen Safe hier im Haus, sogar drei. Einen für Dokumente, einen für Waffen und einen für Bargeld und Schmuck.«

Ich hätte es mir denken können. Drew Elliott wohnt in einem atemberaubenden viktorianischen Palast, einem Herrenhaus mit jeder nur denkbaren technologischen Spielerei auf einem zwanzigtausend Quadratmeter großen Grundstück in einem der noblen Stadtteile in der Nähe der St. Stephen’s. »Meinst du, der Erpresser wusste das?«

»Er sagte, er wüsste, dass ich das Geld habe.«

»Hast du die Stimme erkannt?«

»Nein, aber es klang nach einem schwarzen Jugendlichen.«

»Ein schwarzer Jugendlicher? Bist du sicher?«

»Ziemlich sicher. Außerdem hat er Drogen verlangt.«

»Drogen?«

»Verschreibungspflichtige Medikamente. Schmerzmittel. Alles, was ich habe. Er sagte, ich solle es als Anzahlung verstehen. Ein Zeichen meines guten Willens. Das waren seine Worte.«

»Ich höre da etwas in deiner Stimme, Drew, das mir gar nicht gefällt …«

»Ich weiß, was du sagen willst, aber …«

»Du wirst dieses Geld nicht abliefern, Bruder. Du hast zwei Möglichkeiten. Entweder ignorierst du den Anruf, oder du meldest dich bei der Polizei und erzählst deine Geschichte, und zwar sofort.«

Drew schweigt zu lange. »Es gibt noch eine dritte Möglichkeit«, sagt er.

»Drew, hör zu! Es macht keinen Sinn, dieses Geld zu bezahlen! Im Gegenteil, dein Auftauchen allein ist schon ein halbes Schuldeingeständnis. Du könntest außerdem dein Leben aufs Spiel setzen.«

»Weil der Anrufer Kates Mörder sein könnte? Das meinst du doch damit?«

Er hat mich durchschaut. »Ich nehme es an.«

»Ich auch.«

»Dann solltest du erst recht die Cops rufen. Drew, selbst Gottes persönliches Eingreifen könnte nicht mehr verhindern, dass deine Affäre mit Kate an die Öffentlichkeit gelangt. Du musst jetzt an Schadensbegrenzung denken. Es ist hundertmal besser, wenn die Polizei aus deinem Mund die Geschichte erfährt, als wenn sie es von irgendjemand anderem hört. Auch für deine Familie. Denk an Tim.«

»Mir bleibt noch Zeit bis morgen, um diese Entscheidung zu treffen.«

»Darauf solltest du dich nicht verlassen.«

»Penn, der Kerl, der mich angerufen hat, ist aller Wahrscheinlichkeit nach der Mörder von Kate. Ich will sein Gesicht sehen! Ich will …«

»Ich weiß, was du willst, Drew. Vergiss es. Geh nach Hause, mix dir einen starken Drink und denk darüber nach, was für deinen Sohn das Beste ist. Das sollte dich auf andere Gedanken bringen.«

Drew saugt die Luft ein, als hätte ich ihm einen Tiefschlag versetzt. »Ich weiß, dass Tim mich braucht.«

»Dann verhalte dich auch so. Tim wäre ohne dich verloren. Und falls du wirklich glaubst, dass Ellen kein guter Mensch ist, musst du doppelt aufpassen, dass man dich nicht ins Gefängnis steckt.«

Wieder Schweigen. Dann: »Du hast recht. Verdammt, ich muss irgendwas wegen Kate unternehmen!«

»Du kannst aber nichts unternehmen, Drew. Sieh es endlich ein und trag es wie ein Mann. Du kannst Kate nicht mehr helfen. Sie ist tot. Du kannst nur versuchen, deine Familie zusammenzuhalten.«

»Daddy?«, fragt in diesem Moment eine helle Stimme.

Ich drehe mich zur Eingangshalle um und sehe meine Tochter, die den Kopf durch die Küchentür streckt. Annie ist körperlich ein Spiegelbild ihrer Mutter, eine blonde Schönheit mit Augen, denen nichts entgeht. Es ist Fluch und Segen zugleich, weil ich auf diese Weise ständig mit etwas konfrontiert bin, das mir vorkommt wie der Geist meiner toten Frau.

»Annie ruft nach mir, Drew. Ich muss Schluss machen. Du fährst nach Hause und beruhigst dich erst mal. Ich ruf dich nachher noch einmal an, und wir überlegen gemeinsam, was du als Nächstes tust.«

Stille.

»Drew?«

»Mach ich.«

»Wie nimmt Jenny es auf?«

»Sie ist am Boden zerstört. Ich musste ihr ein Beruhigungsmittel geben. Sie müsste bald einschlafen.«

»Wir reden später weiter.«

Als ich auflege, steht Annie bereits vor mir und drückt die Wange in meinen Bauch. Das eine Auge, das ich sehen kann, ist völlig verschlafen. Sie gähnt, bevor sie fragt: »Wo ist Mia?«

»Mia musste nach Hause, Boo.«

»Schade. Mia ist lustig.«

»Ich weiß. Wahrscheinlich kommt sie morgen wieder. Sie hat gesagt, du wärst beim Film eingeschlafen.«

»Bin ich auch. Ich wusste, wie er ausgeht. Rufst du heute Abend Caitlin an?«

»Wahrscheinlich.«

»Jetzt gleich?«

»Bringen wir dich zuerst ins Bett, okay? Dann kann sie dir Gute Nacht sagen.«

Annie lächelt; dann zerrt sie mich zu den Stufen. Ich folge ihr, doch sie bleibt am Fuß der Treppe stehen. »Trägst du mich, Daddy?«

»Mit neun Jahren? Du bist ziemlich schwer, um heute noch getragen zu werden.«

»Du kannst das.«

Ja, ich kann das, sage ich stumm zu mir und muss aus irgendeinem Grund an Annies Mutter denken. Sarah wird ihr Kind niemals wieder eine Treppe hinauftragen. Ein Schmerz zuckt durch meine Brust, wie von einer alten Wunde; dann nehme ich Annie auf die Arme und steige mit ihr die Treppe hinauf zu den Schlafzimmern im ersten Stock. Die alten Viktorianer von Natchez haben ihre Treppen offensichtlich gebaut, um Profisportler in Topform zu halten. Ich biege in Annies Zimmer ab, beuge die knirschenden Knie weit genug, um die Bettdecke zurückzuschlagen, und schiebe meine Tochter darunter. Sie lacht und zieht sich die Decke bis zum Hals.

»Und jetzt ruf Caitlin an!«, quengelt sie.

Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und drücke auf die Kurzwahltaste von Caitlins Handy. Sie arbeitet an einem Auftrag in Boston, als Reporterin für den Herald. Ich habe Caitlin kennen gelernt, als ihr Vater, ein Zeitungsmagnat, der den Natchez Examiner und zehn weitere Blätter im Süden besitzt, seine Tochter hergeschickt hat, um den Examiner wieder auf Vordermann zu bringen. Ich beschäftigte mich damals mit einem Jahrzehnte zurückliegenden Mord wegen einer Bürgerrechtsgeschichte. Während der Gerichtsverhandlung kamen wir uns nahe. Caitlin lernte Natchez lieben – und mich. Doch nachdem die Aufregung der Gerichtsverhandlung verklungen und der Glanz des Pulitzerpreises verblasst war, den sie für ihre Berichterstattung erhalten hat, dämmerte ihr offenbar, dass Natchez nicht der aufregendste Ort war, um seine Tage zu verbringen, erst recht, wenn man noch keine dreißig war und hungrig nach Herausforderungen.

Nach einem Jahr Tür an Tür mit Annie und mir begann Caitlin, Aufträge in anderen Städten anzunehmen, hauptsächlich Enthüllungsstorys für andere Zeitungen im Konzern ihres Vaters. Wir sind trotzdem zusammengeblieben und halten an unserem Plan fest, eines Tages zu heiraten. Doch diesen Plan in die Tat umzusetzen würde Veränderungen mit sich bringen, zu denen Caitlin noch nicht bereit ist. Annie würde Caitlin mehr als Mutter sehen und von ihr erwarten, dass sie häufiger da wäre. Caitlin hat mich gebeten, mit ihr in eine größere Stadt zu ziehen – schließlich habe ich fünfzehn Jahre lang in Houston gelebt –, doch zu meinem Erstaunen fällt es mir schwer, die Stadt zu verlassen, in der ich aufgewachsen bin.

Caitlins Mailbox meldet sich. »Hier sind Penn und Annie«, sage ich. »Wir wollten uns einen Gutenachtkuss aus der Ferne abholen. Ruf uns zurück, wenn du kannst.«

»Mailbox«, sage ich zu Annie und versuche, unbekümmert zu klingen. »Sie scheint noch zu arbeiten.«

Als der Herald Caitlin den Traumjob angeboten hat, weitere Fälle von sexuellem Missbrauch in der Erzdiözese Boston zu untersuchen, hätte sie beinahe abgelehnt. Der Auftrag bedeutete wenigstens zwei Monate Abwesenheit von Natchez, und obwohl wir darüber gesprochen haben, an den Wochenenden in ein Flugzeug zu steigen und uns zu besuchen, wussten wir, dass es wahrscheinlich nicht so kommen würde. Doch das Angebot kam von einem namhaften Redakteur, für den Caitlin während ihrer Zeit an der Radcliffe bereits als Assistentin gearbeitet hatte, und ich spürte, dass sie es irgendwann bereuen würde, wenn sie ablehnte. Ich bin froh, dass sie den Auftrag angenommen hat, doch unsere Befürchtungen, was die gegenseitigen Besuche angeht, haben sich als berechtigt erwiesen. Unsere jüngsten Kontakte? Ich bin einmal nach Boston geflogen, und sie kam einmal nach Baton Rouge, um ein Wochenende mit Annie und mir zu verbringen.

»Sie arbeitet so spät noch?«, fragt Annie.

In letzter Zeit ist es immer schwieriger geworden, Caitlin abends zu erreichen. »Für Erwachsene ist es noch nicht so spät. Vielleicht arbeitet sie verdeckt.«

»Ja, das macht sie manchmal«, sagt Annie nachdenklich. »Wie eine Spionin.«

»Genau. Und jetzt mach die Augen zu.«

Annie reißt die Augen auf, so weit es geht, dann kichert sie wie eine Zweijährige.

Ich knuffe sie in die Seite. »Du bist eine richtige Plage.«

Noch mehr Kichern. Ich gebe ihr einen letzten Kuss, dann gehe ich nach draußen in den Korridor und steige die Treppe hinunter. »Ich seh dich morgen früh!«, rufe ich über die Schulter.

»Nicht, wenn ich dich zuerst sehe!«, ruft Annie zurück.

In der Küche plündere ich den Kühlschrank und mache mir ein riesiges Truthahn-Sandwich. Vor der Sitzung des Elternbeirats hatte ich nur einen Salat gegessen, und ich bin am Verhungern. Um mich von Drew und seinen Problemen abzulenken, schalte ich CNN ein, doch es gibt kein Entrinnen. CNN lässt mich an Caitlin denken, und diese Gedanken bringen mich wieder zu Drew.

Das eigentliche Problem, das Caitlin und mich am Heiraten gehindert hat, ist der Altersunterschied zwischen uns. Mit dreiunddreißig ist sie noch voll und ganz dabei, sich in dem von ihr erwählten Beruf zu beweisen, und das erfordert, dass sie häufig von Natchez weg ist. Mit dreiundvierzig habe ich bereits in zwei verschiedenen Berufen Erfolg gehabt und muss nur noch eins beweisen: dass ich meine Tochter vernünftig aufziehen kann. Nachdem ich all die Probleme über mich ergehen lassen musste, die ein Altersunterschied von zehn Jahren mit sich bringt, kann ich nicht anders, als Drews Traum von einem Leben mit Kate als absurd zu betrachten. Hat er allen Ernstes vorgehabt, sich von Ellen scheiden zu lassen und mit dem Flugzeug zwischen Natchez und Boston zu pendeln, um Tim zu sehen? Er hätte in Natchez nicht mehr praktizieren können. Die einheimischen Frauen hätten sich erhoben, seine Praxis boykottiert und den einstigen Liebling der St. Stephen’s geächtet. Und wie hätte er Kate seinen ärztlichen Kollegen in Boston vorgestellt? Das ist meine Frau. Sie hat eben ihren Abschluss gemacht – an der Highschool. Natürlich gehörte Drew nicht zu den Männern, die sich mit solch profanen Dingen belasteten. Er liebte Kate, und der Rest der Welt konnte sich zum Teufel scheren.

Doch jetzt würde die Welt es ihm womöglich zeigen. Während der Nachrichtensprecher von cnn eine Litanei globaler Krisen vorliest, erstelle ich eine Liste der Anklagen, mit denen Drew rechnen muss. Erstens, Unzucht mit Minderjährigen. Angesichts des Altersunterschieds zwischen ihm und Kate könnte ihm allein das zwanzig Jahre im Parchman-Gefängnis einbringen. Und weil Kate auch seine Patientin war, könnte er seine ärztliche Zulassung verlieren. Selbst wenn es nicht so weit kommt, reichen die bloßen Gerüchte über eine solche Affäre, um seine Praxis in Natchez zu erledigen. Falls Kate vergewaltigt wurde, und falls sich physische Beweise finden, die Drew mit ihrem Leichnam in Zusammenhang bringen, konnte er des Mordes in Tateinheit mit einem weiteren Kapitalverbrechen angeklagt werden. In Mississippi wegen Mordes verurteilt zu werden zieht das sehr reale Risiko der Todesstrafe durch Giftinjektion nach sich.

Falls Kate tatsächlich ermordet wurde, liegt ein verdammt schwieriger Job vor der Polizei. Indem die Angler ihren Leichnam in die Notaufnahme gebracht haben, anstatt ihn an Ort und Stelle liegen zu lassen, haben sie die Ermittler jeder Chance beraubt, die Tote in situ zu untersuchen. Möglicherweise sind kritische Beweise vernichtet worden oder verloren gegangen. Und da Kate bei Hochwasser eingeklemmt in der Astgabel eines Baumes gefunden wurde, liegt der eigentliche Tatort wahrscheinlich irgendwo stromaufwärts am St. Catherine’s Creek. Nach dem starken Regen des heutigen Tages findet die Polizei die Stelle, wo Kate ermordet wurde, vielleicht nie.

Im Augenblick konzentrieren die Ermittler sich wahrscheinlich auf die »hilfreichen« Angler, denn diese Samariter können Kate durchaus selbst vergewaltigt und ermordet haben, bevor sie sie zum Krankenhaus gebracht haben. Der St. Catherine’s Creek war nie wegen seines Fischreichtums bekannt, und während starker Regenfälle ist er für Boote ziemlich gefährlich. Nachdem die Polizei die Angler verhört hat, wird sie sich Kates Mutter zuwenden, ihrem Freund und sämtlichen engen Freundinnen und Freunden, die Informationen über Kates letzte Stunden besitzen könnten. Diese Aufgabe wird den größten Teil der Nacht und wahrscheinlich den morgigen Tag in Anspruch nehmen. Falls der Erpresser nicht existiert – und falls Drew recht hat, dass Kate mit niemandem über ihre Affäre gesprochen hat –, wäre es gut möglich, dass Drew in Sicherheit ist.

Doch den Erpresser gibt es, und meine Erfahrung als Staatsanwalt sagt mir, dass Drew sehr wahrscheinlich mit dem Fall in Verbindung gebracht wird. Falls Kate in den letzten zweiundsiebzig Stunden Sex mit ihm hatte, gibt es möglicherweise noch Spermaspuren. Jedes Beweisstück, das Drew auf unangemessene Weise mit Kate in Verbindung bringt, wird dazu führen, dass die Polizei eine dna-Probe von ihm fordert. Damit wäre das Desaster in drei oder vier Wochen da – die Zeitspanne, die eine dna-Analyse in einem dringenden Fall wie diesem üblicherweise in Anspruch nimmt. Und wenn die Polizei anfängt, flussaufwärts den St. Catherine’s Creek entlang nach dem Tatort zu suchen, wird sie irgendwann die Biegung erreichen, wo die beiden exklusivsten Stadtbezirke von Natchez aneinandergrenzen. In einem dieser Bezirke – Pinehaven – hat Kate Townsend gelebt. Der andere – gleich auf der anderen Seite des Flüsschens und ein Stück durch die Wälder – ist Sherwood Estates, wo Drew Elliotts viktorianische Villa steht. In Abwesenheit anderer Beweise besagt dieses Nebeneinander vielleicht überhaupt nichts, doch wenn der Erpresser die Gerüchteküche anheizt …

Die Uhr des Mikrowellenherds verrät mir, dass es vierzig Minuten her ist, seit ich mit Drew gesprochen habe. Ein wenig nervös nehme ich den Hörer des Küchentelefons ab und wähle Drews Handynummer. Er antwortet nicht. Ich warte ungefähr eine Minute; dann versuche ich es erneut. Nichts. In Anbetracht all dessen, was ich heute über Drews Ehe erfahren habe, hasse ich den Gedanken, seine Frau anzurufen. Doch ich muss wissen, ob Drew sicher und betrunken zu Hause ist und nicht mit einer Tasche voll Bargeld irgendwo auf dem Weg zum Footballfeld der St. Stephen’s.

»Hallo?«, meldet sich eine erschöpfte weibliche Stimme.

»Ellen? Ich bin es, Penn Cage.«

»Penn? Was ist los? Ist Drew bei dir?«

Ich wusste es! »Nein, ich wollte eigentlich mit ihm sprechen.«

»Nun ja …« Lautes Schniefen, Rascheln von Stoff. »Ich glaube, ich habe ihn vor einer Weile draußen vorfahren hören, aber er ist nicht ins Haus gekommen. Vielleicht ist er in seiner Werkstatt. Er geht manchmal dorthin, wenn er missmutig ist.«

»Gibt es eine Möglichkeit, das zu überprüfen, ohne dass du aufstehen musst?«

»Die Gegensprechanlage. Warte einen Moment, ja?« Ein statisches Rauschen. »Drew? Drew, bist du da draußen?«

Neuerliches Rauschen. »Er antwortet nicht. Er hat vor einer Weile hier angerufen und gesagt, dass er das Haus der Townsends jetzt verlassen würde. Vielleicht hat man ihn auf dem Heimweg ins Krankenhaus gerufen. Ich nehme an, er macht eine Nachtschicht.«

»Ja, wahrscheinlich. Leg dich wieder schlafen, Ellen.«

»Schlaf … Gott. Ich musste eine Pille nehmen, um wenigstens ein bisschen Schlaf zu finden. Kate und ich waren uns sehr nahe, weißt du?«

»Ich wusste nur, dass ihr zusammen Tennis spielt.«

»Das Mädchen war begabt, Penn. Sie hätte es bis ins Team von Harvard geschafft. Mein Gott, das wäre was gewesen!«

»Ja, Ellen. Es tut mir leid.«

Ich höre ein Geräusch, das ich nicht identifizieren kann. »Wir ziehen unsere Kinder auf«, höre ich sie murmeln, »wir investieren alles in sie, all unsere Hoffnungen und Träume, und dann passiert so etwas. Ich weiß nicht, ob ich damit fertig werden könnte, wenn ich an Jenny Townsends Stelle wäre. Ich würde vielleicht etwas Verrücktes tun. Es ist so furchtbar.«

»Ich hoffe, Jenny findet die Kraft, damit fertig zu werden, Ellen.«

»Es tut gut, mit dir zu reden, Penn. Du kommst viel zu selten zu uns. Du solltest auf einen Drink vorbeischauen. Dein letztes Buch hat mir wirklich gut gefallen. Ich würde gerne über einige Charaktere mit dir reden. Ich glaube, ich habe einige wiedererkannt.«

Ich lache pflichtschuldig und verabschiede mich von Ellen. Wo ist Drew? Ich fürchte, ich kenne die Antwort bereits. Ich überlege, ob ich die Nummer meiner Eltern wählen soll, doch es ist zu spät, um meine Mutter zu bitten, jetzt noch rüberzukommen. Stattdessen wähle ich die Nummer von Mias Handy. Sie antwortet nach zweimaligem Läuten.

»Penn?«

»Ich fürchte ja. Wäre es möglich, dass du noch mal für eine Stunde vorbeikommst? Annie schläft, aber ich muss dringend weg.«

»Ja, das geht. Ist es wichtig? Natürlich ist es wichtig. Sonst würdest du ja nicht anrufen.«

»Bist du bei deinen Freundinnen?«

»Sofern es welche sind. Alle sind ziemlich fertig. Aber ich bin nicht weit weg von dir. Ich kann in fünf Minuten da sein.«

»Danke, Mia. Ich zahle dir die Stunde doppelt.«

»Das musst du nicht, Penn. Ich bin schon unterwegs.«

Ich lege auf und gehe nach hinten in mein Schlafzimmer, das einzige im Erdgeschoss. Oben in meinem Kleiderschrank liegt eine Springfield XD-9, Kaliber neun Millimeter, mit fünfzehnschüssigem Magazin. In Houston habe ich einen 38er Revolver getragen, doch jüngste Erfahrungen haben mich die Vorteile eines größeren Magazins gelehrt. Ich habe die Waffe stets in der Nähe, jedoch mit einem Abzugschloss gesichert, um Annie zu schützen. Ich entriegle das Schloss, schiebe den Lauf der Pistole in meine Jeanstasche und zerre eine wasserdichte Windjacke aus dem Schrank.

Während ich auf den vorderen Stufen auf Mia warte, wähle ich erneut Drews Handy an. Als er wieder nicht antwortet, überlege ich, ob ich die Polizei zu Hilfe rufen soll – doch nur für einen Moment. Das Risiko für Drew wäre zu groß. Als Mia am Bordstein hält, winke ich ihr zu und gehe zu meinem Saab in der Hoffnung, Erklärungen zu vermeiden.

»Ist alles in Ordnung?«, ruft sie mir hinterher.

Ich drehe mich zu ihr um. »Alles bestens. Annie schläft immer noch in ihrem Bett. Ich muss nur eine kurze Besorgung machen.«

Mia nickt, doch ich sehe Misstrauen in ihren Augen aufleuchten. Ich habe sie noch nie so kurzfristig kommen lassen.

»Was haben die anderen Schüler erzählt?«, frage ich.

»Alles Mögliche. Aber das Meiste ist Unsinn. Du weißt ja, wie die Leute sind. Genau wie du gesagt hast … Natchez.«

»Ich bin in weniger als einer Stunde zurück, aber falls nicht, kannst du auch länger bleiben, oder?«

»Ich bleibe hier, bis du zurück bist, Penn.«

Ich gehe rückwärts zu meinem Wagen. »Ich weiß es wirklich zu schätzen, Mia.«

»Hey, ist das etwa eine Kanone in deiner Hose?«

Ich schaue an mir hinunter. Der Griff der Springfield ragt vorn unter meiner Windjacke hervor.

Mia starrt nicht die Pistole an, sondern mich. In ihren Augen stehen Fragen. Ich setze zu einer Erklärung an, doch nichts würde einen Sinn ergeben. So beiläufig, wie ich kann, ziehe ich die Jacke über die Pistole.

»Penn, ist alles okay?«

»Ja. Mia, du …«

»Ich hab nichts gesehen. Ich bin sicher, du weißt, was du tust, Penn.«

Wenn es doch so wäre. »Pass gut auf Annie auf.«

»Mach ich. Bye.« Sie wendet sich ab und eilt ins Haus.

Ich steige in meinen Saab und lasse den Motor an, während ich mich frage, welcher Wahnsinn mich in der St. Stephen’s erwartet.

4

Das Buck Stadium hieß bei uns nur »die Schüssel«, als ich Schüler an der St. Stephen’s war, und der Grund dafür war offensichtlich. Damals war das Stadion bloß ein ovales Loch im Boden gewesen, umgeben von Kiefern und Laubbäumen. Die Zuschauer saßen auf den grasbewachsenen Hängen und feuerten ihre Mannschaft an, bis genügend Geld gesammelt worden war, um einfache Tribünen zu errichten. Heute stehen drei neue Schulgebäude auf der Südseite der Schüssel, und breite Betonstufen führen hinunter bis zum Spielfeld. Die Tribünen sind massive Fertigbauteile wie bei allen College-Footballstadien, und gewaltige Flutlichtmasten verwandeln auf ein bloßes Umlegen eines Schalters hin die Nacht zum Tag. Schicke Umkleideräume und ein Trainingszentrum stehen auf einer Terrasse auf halber Höhe, und eine blaue Tartanbahn umgibt das Footballfeld. In dem Jahr, als wir uns bis zur Staatsmeisterschaft im Football kämpften, übten Drew und ich auf einer Kuhweide voller Löcher und spielten unter dem trüben Licht gewöhnlicher Sicherheitslaternen, ähnlich denen auf den Parkplätzen der Supermärkte.

Trotz aller Verbesserungen gibt es auch heute noch nur eine einzige schmale Zufahrtsstraße zum Boden der Schüssel, dem Spielfeld – wahrscheinlich der Grund, warum der Erpresser das Footballfeld ausgewählt hat, um seine Bezahlung abzuholen. Das Herannahen von Polizeifahrzeugen ist leicht auszumachen, und der umgebende Wald bietet unendlich viele Fluchtmöglichkeiten, sobald erst der hohe Maschendrahtzaun überwunden ist, der die Tartanbahn umgibt.

Ich schalte die Scheinwerfer aus, als ich die Hauptzufahrt zum Campus hinauffahre und an der Südseite der Grundschule parke, um unsichtbar für fremde Augen in der Schüssel zu bleiben. Mit dem schweren Gewicht der Springfield in meiner rechten Vordertasche husche ich leise an der Seite des Gebäudes entlang zur Schüssel.

In den Schatten neben dem Gebäude parkt ein Honda atv, in dieser Gegend gemeinhin Fourwheeler genannt. Das Muster der Tarnfarbe, der Vanderbilt-Aufkleber auf der Stoßstange und der Gewehrschuh am Lenker verraten mir, dass dieser Fourwheeler der von Drew Elliott ist. Wie die meisten Männer in und um Natchez herum ist Drew ein leidenschaftlicher Jäger. Die einzige gute Nachricht ist, dass in dem Gewehrschuh ein Remington-Jagdgewehr steckt, was bedeutet, dass Drew wohl nicht bewaffnet losgezogen ist, um sein Erpressungsgeld unten an der Fünfzig-Yard-Linie abzuliefern.

Zwanzig Meter hinter der Grundschule fällt der Boden jäh zur Schüssel hinunter ab. Dort verläuft das Asphaltband, das in Kurven hinunter in die Schüssel führt. Ich halte mich in den Schatten bei Drews Fourwheeler, während ich ein letztes Mal versuche, ihn auf seinem Handy zu erreichen.

Niemand antwortet, doch für einen Moment meine ich, irgendwo das Summen eines Handys zu hören. Ich ducke mich und husche zum Rand der Böschung, um nach unten in die Schüssel zu spähen. Es ist wie ein bodenloser schwarzer See. Das Licht der Lampen an der Pressekabine des Stadions reicht nur wenige Meter weit. Was immer dort unten am Grund der Schüssel geschieht, ich kann es nicht sehen.

Während ich in die Schwärze starre, steigt von unten das Aufheulen eines kleinen Motors herauf. Es scheint in meine Richtung zu kommen. Dann ein einzelner Scheinwerfer, der einen hellen Lichtkegel entlang dem Footballfeld wirft. Mitten auf dem Spielfeld steht eine kleine Sporttasche.

Wo steckt Drew, verdammt?

Plötzlich erklingt von unten aus der Schüssel ein Geräusch, das verblüffende Ähnlichkeit mit Hufschlag hat, gefolgt von schnell gehendem Atem. Ich greife nach meiner Springfield, als Drews Gesicht vor mir in der Dunkelheit erscheint. Er sieht mich und bleibt erschrocken stehen.

»Penn? Los, komm mit!«

Er rennt an mir vorbei zu seinem Fourwheeler. Weit unten stoppt das kleine Motorrad neben der Sporttasche.

»Was machst du hier?«, ruft Drew mir über die Schulter zu.

»Ich versuche, deinen Hintern aus Schwierigkeiten herauszuhalten!«, antworte ich und teile meine Aufmerksamkeit zwischen dem Motorrad unten in der Schüssel und Drew.

Der Motor des Fourwheelers erwacht rumpelnd zum Leben, und Drew legt einen Gang ein. »Du kannst mir entweder helfen, oder du steckst dir den Daumen in den Hintern und bleibst hier stehen!«, sagt er. »Du hast drei Sekunden, um dich zu entscheiden.«

Ein hohes Aufheulen unten aus der Schüssel, und dann entfernt sich das Scheinwerferlicht wieder, zurück in die Richtung, aus der es gekommen ist. In der Gewissheit, dass nichts und niemand Drew von der Verfolgung abbringen kann, schwinge ich das Bein über den Sattel und schlinge die Arme um Drews Leib. Er gibt Gas, und die Honda fliegt über den Rand der Schüssel und jagt wie im freien Fall nach unten.

»Das ist Wahnsinn!«, rufe ich Drew ins Ohr. »Und das weißt du!«

Er zerrt irgendwas aus der Tasche und hält es über die Schulter, bis ich es nehme. Es sieht aus wie ein kleines Kaleidoskop.

»Was ist das?«

»Ein Nachtsichtgerät! Wenn er den Scheinwerfer ausmacht, halte das Ding auf ihn gerichtet!«

Ein Nachtsichtgerät? Wieso bin ich überrascht? Es ist genau die Sorte von nutzlosem Spielzeug, die ein wohlhabender Jagdfan des Staates Mississippi besitzt. »Hast du den Kerl auf dem Motorrad erkannt?«

»Er trägt einen Helm mit schwarzem Visier und Handschuhe, deshalb kann ich nicht sagen, ob er ein Schwarzer oder ein Weißer war.«

Wir landen mit einem markerschütternden Aufprall am Boden der Schüssel und jagen über die Tartanbahn aufs Footballfeld. Hundert Meter voraus verringert der Motorradfahrer die Geschwindigkeit, bis er sich nur noch im Schritttempo bewegt. Er scheint eine Öffnung im Zaun zu passieren. Drew gibt Gas, und das atv jagt mit fünfundsiebzig Stundenkilometern übers Spielfeld.

»Was hast du vor, wenn du ihn geschnappt hast?«

»Ein paar Fragen stellen!«, brüllt Drew und gibt noch mehr Gas. »Herausfinden, was er weiß!«

Drews restliche Worte verlieren sich im Rauschen des Fahrtwinds, während wir uns der anderen Seite der Schüssel nähern.

»Da!«, ruft er und deutet auf den Scheinwerfer des fremden Motorrads, der sich kaum noch bewegt. »Wir haben ihn!«

Die kleine Maschine heult auf wie eine Kettensäge; dann bewegt der Scheinwerfer sich ruckartig den Hang hinauf.

»Scheiße!«, brüllt Drew.

Plötzlich ist die gesamte Schüssel in grelles weißes Licht getaucht, als hätte Gott persönlich den schwarzen Schleier der Nacht beiseitegerissen und eine verborgene Sonne dahinter sichtbar gemacht. In dem blendenden Licht erkenne ich einen schmalen Schlitz, der in den Zaun geschnitten wurde. Drew steuert darauf zu.

»Das schaffst du nicht!«, schreie ich, als mir klar wird, dass das Loch für ein Motorrad geschnitten wurde. »Tu das nicht!«

Drew rast wie besessen über die Tartanbahn. Als ihm dann klar wird, dass er die Gesetze der Physik nicht durchbrechen kann, steigt er in die Bremse, und der Honda gerät ins Schleudern. Die Zeit dehnt sich mit einem Mal wie in einem Alptraum. Das hintere Ende des Fourwheelers rutscht herum, und plötzlich bin ich es, der mit größter Wahrscheinlichkeit in den Zaun krachen wird. Doch das Gras ist rutschig vom Regen, und wir drehen uns weiter, bis schließlich die vordere Stoßstange des atv den losen Draht des Zauns so eben berührt, als wir endlich stehen.

»Komm schon, Baby!« Drew bemüht sich verzweifelt, den Motor wieder zu starten, der ausgegangen ist.

»Gib’s auf, Mann. Lass den Kerl.«

Während der Lärm des Motorrads verklingt, singt der eiserne Zaunpfahl neben mir plötzlich, als wäre er von einem Hammer getroffen worden. Nahezu im gleichen Moment geht dieses Geräusch in einem ohrenbetäubenden Krachen unter, das durch die Schüssel hallt wie ein Kanonenschlag. Erst dann wird mir bewusst, dass ich den Überschallknall der Gewehrkugel völlig überhört habe. Für einen Moment frage ich mich, ob Drew – entgegen dem, was meine Augen mir sagen – das Jagdgewehr gezogen und auf den flüchtenden Motorradfahrer gefeuert hat. Doch das hat er nicht.

»Jemand schießt auf uns!«, brülle ich und schlage Drew auf die Schulter.

»Scheiße!«, stößt er hervor, und endlich springt der Motor des Honda wieder an. »Steig ab und zieh den Zaun zurück!«

Als ich absteige, hallt der Knall eines weiteren Schusses durch die Schüssel. Drew reißt das Jagdgewehr aus dem Futteral und drückt es mir in die Hände. »Du weißt, wo der Schalter ist? Für die Stadionbeleuchtung?«

Ich nicke verdutzt.

»Schieß zurück! Früher oder später trifft dieses Arschloch einen von uns!«

Ich zwänge mich durch das Loch im Zaun und trete zur Seite, dann schiebe ich das Gewehr durch eine der rautenförmigen Maschen des Zauns und ziele auf die Treppe am Fuß der Pressekabine. Der Schalterkasten ist unmittelbar darüber an der Wand montiert. Ich kann niemanden dort erkennen, und ich bin erleichtert. Ich bin nicht sicher, ob der andere Schütze uns töten will, aber ich will niemanden umbringen, ganz gleich, welches Motiv der andere hat.

Während Drew versucht, seinen Honda durch das Loch im Zaun zu bugsieren, ziele ich auf den Metallkasten, in dem die Lichtschalter untergebracht sind. Die Remington bockt dreimal an meiner Schulter, bevor das grelle Licht verlöscht.

»Los, steig auf!«, brüllt Drew, als der Fourwheeler plötzlich in der Dunkelheit neben mir auftaucht.

Ich schiebe sein Gewehr zurück in das Futteral und klettere auf den Sozius, schockiert von meinem Hochgefühl, weil ich die Gefahr von oben neutralisiert habe. Doch die größte Gefahr für meine Sicherheit rührt wahrscheinlich nicht von dem fremden Schützen im Stadion her, sondern von dem Mann, an dem ich mich in der Dunkelheit festklammere.

Es gibt keinen Pfad, der zwischen den Bäumen vor uns hindurchführt, doch das schreckt Drew nicht ab. Er beschleunigt den Hang hinauf wie ein vom Whiskey benebelter Bauerntrampel in einem Schlammfahrwettbewerb und weicht Baumstämmen und Dornengestrüpp nur um Zentimeter aus. Als wir den Kamm des ersten Hügels überqueren, spüre ich, wie die Vorderräder vom Boden abheben, und für einen Moment bin ich sicher, dass der Honda jetzt nach hinten kippt und uns unter sich begräbt – eine Todesart, die in Mississippi nur allzu verbreitet ist. Doch Drew richtet sich auf und beugt sich über den Lenker, wodurch wir genügend Gleichgewicht erhalten, um über den Kamm zu springen und in einem Stück auf dem Hang dahinter zu landen.

Zu meinem Erstaunen bremst er, bis wir stehen, und schaltet den Scheinwerfer aus. Wir sind von einer so tiefen Dunkelheit umgeben, dass die Schüssel im Vergleich dazu geradezu freundlich wirkt. Es ist die Dunkelheit eines Urwalds.

»Du kriegst ihn nie«, sage ich leise.

»Pssst!« Drew stellt den Motor ab. »Hör doch!«

Und tatsächlich, irgendwo unter uns und zur Linken höre ich das leise protestierende Heulen einer kleinen Maschine, die rücksichtslos angetrieben wird.

»Er fährt am Bach entlang!«

Drew hat wahrscheinlich recht, doch das hilft uns nicht weiter. »Er könnte an einem Dutzend verschiedener Stellen abbiegen«, entgegne ich. »Wir kriegen ihn nie!«

»Pass auf«, sagt Drew und startet den Honda erneut.

Ich umklammere Drews Oberkörper und presse die Oberschenkel an den Sitz, als er den Scheinwerfer einschaltet und den Hügel hinunterrast. Er scheint schon häufiger in diesen Wäldern gejagt zu haben, sonst würde er nicht mit so wahnwitziger Geschwindigkeit durch die Dunkelheit fahren. Wir fliegen einen Kamm entlang, als wäre der Teufel persönlich hinter uns her, dann eine nahezu senkrechte Böschung hinunter, bis wir in schnell fließendem Wasser landen.

Nachdem der Honda sich ein Dutzend Meter weit durch das Bachbett gewühlt hat, erreichen wir eine kiesbedeckte Sandbank und jagen am Bachgrund entlang. Ich kann zu diesem Zeitpunkt nichts weiter tun, als mich an Drew festklammern und beten, dass er weiß, wohin er fährt.

Noch zweimal werde ich vom Bachwasser geduscht, dann höre ich einen triumphierenden Aufschrei, als Drew ein einzelnes Scheinwerferlicht voraus erspäht. Irgendwie – ich kann nur vermuten, dass seine überlegenen Kenntnisse des Geländes der Grund sind – verringert Drew die Lücke zwischen uns und dem Motorrad. Der Ton der Maschine wird noch höher, als Drew das atv bis an seine Grenzen beschleunigt.

»Langsam!«, rufe ich. »Du hast ihn gleich!«

»Er hat uns gesehen! Er gibt wieder Gas! Wenn ich ihn hetze, baut er vielleicht einen Unfall!«

»Vielleicht bauen wir einen Unfall!«

Innerhalb der nächsten dreißig rasenden Sekunden verringert Drew den Abstand zum Motorrad auf fünfundzwanzig Meter. Das Rücklicht verschwindet, als der Fahrer um eine Biegung jagt, doch drei Sekunden später sind auch wir an der Stelle angelangt, und ich kann das Licht wieder sehen.

Plötzlich weicht die Dunkelheit zurück und gibt den Blick frei auf eine Ebene aus weißem Sand, die im Mondlicht leuchtet. Der Bach ist eine schwarze Schlange, die sich über die Fläche windet, und irgendwie hat der Motorradfahrer die gegenüberliegende Seite dieser Schlange erreicht. Drew steuert den Honda auf die schmalste Stelle des kleinen Stroms zu. Mein Instinkt sagt mir, dass es ein Fehler ist, weil breite Stellen flach sind, während schmale Stellen in der Regel auf ausgewaschene Rinnen hindeuten. Vielleicht liege ich falsch – das hier ist Drews Jagdrevier, nicht meins. Während das Motorrad über den Sand davonjagt, gibt er Gas, und wir erreichen die Engstelle mit mehr als fünfzig Sachen.

Es ist, als würden wir in eine Leitplanke krachen. Das hintere Ende des Honda fliegt über meine Schultern – und dann weiß ich nur noch, dass ich Wasser schlucke und meine Hände in den Schlamm kralle. Um der Gefahr zu entgehen, dass der versinkende Fourwheeler mich am Grund des Wasserlaufs einklemmt, wühle ich mich das schlammige Bachbett entlang, bis ich wieder an der Luft bin.

Ich kann nirgendwo eine Spur von Drew oder dem Fourwheeler erkennen, nur eine Dampfwolke, die hinter mir aus dem Wasser aufsteigt. Ich tauche wieder unter und taste mich zu dem umgekippten Fahrzeug vor, wobei ich mir den Unterarm am Auspuffrohr verbrenne. Dann ertaste ich eine muskulöse Wade. Drew ist unter dem atv eingeklemmt.

Ich kämpfe mich zur stromaufwärts gelegenen Seite des Honda und stemme beide Füße fest gegen den Boden; dann gehe ich in die Hocke und packe den Lenker. In der Hoffnung, dass die Strömung mir den nötigen zweiten Mann ersetzen wird, hebe ich das atv mit aller Kraft an, um es stromabwärts zu stoßen.

Das atv hebt sich ungefähr dreißig Zentimeter, dann ist Schluss.

Ich verdoppele meine Bemühungen, doch das Gewicht der Maschine ist zu groß, und mein Rücken will nicht mehr. Dann aber hebt die Strömung den Fourwheeler aus meinen Händen und trägt ihn mehrere Meter stromabwärts. Ich stürze und treibe sekundenlang hinter der Maschine her. Dann bekomme ich Halt unter den Füßen und drehe mich um in der Erwartung, dass Drew an die Oberfläche platzt und nach Luft schnappt.

Doch das tut er nicht.

»Drew!«

Nichts, nur das Rauschen des Wassers.

Ich kenne jemanden, der sich bei einem Unfall mit einem Fourwheeler beide Oberschenkel gebrochen hat. Und Drew hat den größten Teil der Wucht des Aufpralls abbekommen, als wir ins Wasser eingetaucht sind. Das Wasser ist nicht tiefer als einen Meter zwanzig, doch die Strömung ist stark. Wenn Drew das Bewusstsein verloren hat, kann er schon dreißig Meter weit abgetrieben sein.

Ich nehme einen tiefen Atemzug, tauche unter und lasse mich von der Strömung tragen. Weniger als zehn Sekunden später pralle ich erneut gegen das atv. Es wird vom Wasser langsam den Bach hinuntergetragen. Ich taste mich um die Maschine herum, als eine kräftige Hand mein Hemd packt und mich an die Oberfläche zerrt.

Drew mustert mich mit wildem Blick, die Augen weiß vor Angst. »Himmel noch mal! Ich dachte, du hättest dich schwer verletzt!«

»Ich hab nach dir gesucht!«

Sein Gesicht ist blutig. Das meiste Blut stammt aus einem Schnitt über dem Auge. Auf seiner Brust ist ebenfalls Blut.

»Alles in Ordnung?«

Er nickt, und sein Blick schweift zu den Wäldern. »Der Bastard ist entkommen.«

Genau wie bei Annie, wenn sie ungehorsam ist und etwas Gefährliches tut, verwandelt sich meine Angst in Wut, da ich nun weiß, dass Drew nichts Schlimmes passiert ist. »Was für ein pubertierender Schwachsinn war das denn? Du benimmst dich, als wärst du noch auf der Highschool. Auf der Junior High!«

Drew hält den Kopf geneigt, als würde er noch immer auf das Motorrad lauschen.

»Er ist weg, du Arsch!«, fluche ich weiter. »Und dein Geld ebenfalls! Und du hättest uns beinahe beide umgebracht!«

Drew sieht mich wieder an, und in seinen Augen glitzert es dunkel. »Das ist mir egal.«

»Egal? Wieso?«

»Weil dieser Schweinehund Kate ermordet hat. Ich weiß es.«

Ich will widersprechen, doch irgendetwas lässt mich zögern. Vielleicht ist es das eigenartige Funkeln in seinen Augen. Oder es ist die Erkenntnis, dass er allen Ernstes unser beider Leben riskiert hat, um den Kerl auf dem Motorrad zu erwischen – was der Drew Elliott, den ich kenne, niemals getan hätte. Er war nie ein Hitzkopf. Er ist ein nüchtern denkender, intelligenter Mann.

»Woher willst du wissen, dass der Erpresser auch der Mörder ist, Drew?«

»Weil er dort war, als Kate starb. Deswegen weiß er über uns Bescheid.«

In seiner Stimme liegt eine solche Gewissheit, dass sich wieder Stille auf mich herabsenkt. »Woher willst du wissen, dass er dort war?«

Endlich wendet Drew sich zu mir um. Seine Augen sind in der Dunkelheit wie Schlitze, die Lippen zusammengepresst. Er sieht aus wie ein Mann, der überlegt, ob er einem Priester das finsterste Geheimnis seines Lebens verraten soll.

»Weil ich derjenige bin, der Kates Leichnam gefunden hat.«

5

Bevor er mir erzählt, wie er Kate gefunden hat, lässt Drew mich warten, bis wir seinen Fourwheeler aus dem Wasser gezerrt und das Ding halb zerlegt haben. Drew kann mit Schlüssel und Schraubenzieher umgehen, und er nähert sich Maschinen mit der gleichen Vertrautheit wie den Körpern seiner Patienten. Jetzt steht er neben dem dampfenden ATV, während er darauf wartet, dass der Luftfilter leerläuft und der Vergaser trocknet. Ich sitze in der Nähe auf einem verrotteten Baumstamm und versuche, wieder zu Atem zu kommen.

»Also schön, erzähl«, sage ich.

Er geht ein paar Schritte weg und starrt zu dem Hügel hinauf, hinter dem das Motorrad verschwunden ist. Mit dem Gewehr, das er am Riemen über der Schulter trägt, sieht er aus wie ein Marine, der in irgendeinem gottvergessenen Dschungel auf Posten steht. Meine Springfield ist verschwunden; sie muss mir während unserer Jagd durch die Wälder aus der Tasche gefallen sein. Drew hat versprochen, dass er sie entweder finden oder ersetzen wird, doch in diesem Moment ist eine verlorene Pistole nicht meine größte Sorge. Ich will wissen, was er mir früher an diesem Abend verschwiegen hat.

»Es war heute Nachmittag«, sagt er und starrt immer noch unverwandt in die Dunkelheit. »Was immer zu Kates Tod geführt hat, es fing heute Nachmittag an.«

Ich schweige und überlasse ihm die Entscheidung, wann er weiterredet. Ich hoffe, dass er nicht zu lange braucht. Es ist vielleicht zehn Grad warm, doch der Wind in meiner nassen Kleidung sorgt dafür, dass es sich anfühlt wie im tiefsten Winter.

»Kates Periode war ausgeblieben«, sagt Drew leise. »Sie war erst fünf Tage drüber, doch sie war normalerweise so regelmäßig wie eine Uhr. Sie war nervös.«

Also hat Drew wenigstens mehrere Monate lang mit Kate geschlafen.

»Ich hab ihr gesagt, dass sie einen Schwangerschaftstest kaufen soll, aber sie wollte nicht. Ich glaube, sie hat insgeheim gehofft, dass sie schwanger ist.«

»Warum?«

Er wendet sich zu mir um. Sein Gesichtsausdruck ist im Mondlicht kaum zu erkennen. »Weil das endlich eine Entscheidung herbeigeführt hätte. Wäre sie schwanger gewesen, wäre alles klar gewesen. Sie hätte nicht abgetrieben. Ich hätte Ellen um die Scheidung gebeten, und …«

»Hätte Ellen eingewilligt?«

»Ich glaube schon. Es hätte mich eine Stange Geld gekostet, aber es wäre die Sache wert gewesen.«

»Erzähl weiter.«

»Ich wollte mich heute Abend mit Kate treffen, nachdem Ellen schlafen gegangen war. Das haben wir unter der Woche immer so gemacht. Sie kam über den Bach, und wir haben uns in meiner Werkstatt getroffen.«

»Ganz schön riskant.«

»Es war eigentlich ziemlich sicher. Ellen kommt nie raus in die Werkstatt. Sie ruft über die Gegensprechanlage an. Jedenfalls, aus irgendeinem Grund konnte Kate nicht bis heute Abend warten.«

»Vielleicht hat sie letztendlich doch den Schwangerschaftstest gemacht.«

Er nickt nachdenklich. »Vielleicht.«

»Was hat sie heute Nachmittag gemacht?«

»Sie hat mir eine Textnachricht aufs Handy geschickt. ›Ich muss dich dringend sehen. Der Bach oder der Friedhof.‹«

»Der Friedhof?«

»Der Stadtfriedhof war unser zweiter Treffpunkt. Mit Bach ist der St. Catherine’s Creek gemeint. Zu Anfang haben wir uns oft dort getroffen, an der Biegung zwischen Sherwood Estates und Pinehaven.«

»Habt ihr Handys benutzt, um euch zu verabreden?«

»Nie direkt. Sie hat mir die Nachrichten von einem Computer aus geschickt – wahrscheinlich einem Rechner an der St. Stephen’s. Es gab also keine Spur, die man zu ihrem Handy hätte zurückverfolgen können.«

Sherwood Estates und Pinehaven, die beiden teuersten Wohnviertel innerhalb der Stadtgrenzen. Beide endeten in bewaldeten Steilufern, die sich hinunter zu den schlammigen, schilfrohrbewachsenen Untiefen senkten, die den St. Catherine’s Creek säumen. Bei starken Regenfällen steigt der Fluss binnen weniger Stunden stark an und verwandelt sich in einen fünfzehn Meter breiten, reißenden Strom voller entwurzelter Bäume und anderem Treibgut.

»Kate ging mit ihrem Hund dorthin, als wollte sie ihn ausführen«, sagt Drew. »Ich bin zu Fuß hingejoggt. Es war eine gute Stelle, wenn wir tagsüber reden mussten.«

»Tagsüber? Du bist wahnsinnig! Warum hast du ihr nicht einfach ein Handy auf deinen Namen besorgt?«

Drew schüttelt den Kopf. »Das wäre zu gefährlich gewesen. In den vergangenen paar Monaten hatte ich immer wieder das Gefühl, als würde Ellen mir folgen. Es ist nicht schwierig, Handys zu belauschen, und man kann ihre gps-Position lokalisieren, indem man eine dieser Firmen hinzuzieht, die sich darauf spezialisiert haben. Dazu braucht man keine richterliche Verfügung.«

»Okay. Erzähl weiter.«

»Ich weiß nicht, wie lange Kate unten am Bach gewartet hat. Ich bekam ihre Textnachricht in der Praxis. Sie war um dreizehn Uhr vierundfünfzig abgeschickt worden. Zu diesem Zeitpunkt war sie ziemlich sicher noch in der Schule. Sie hat die Schule wahrscheinlich gegen drei verlassen. Ich bin um halb vier aus der Praxis verschwunden. Ich brauche zehn, zwölf Minuten bis zu der Stelle am Bach. Ich habe nicht zu Hause geparkt, weil ich ungeduldig war. Ich habe den Wagen hinten auf einem leeren Grundstück in Pinehaven abgestellt und bin von Süden her zum Treffpunkt gekommen.«

»Hat dich jemand gesehen?«

»Ich glaube nicht.«

»Aber es könnte sein. Die Erpresser beispielsweise. Sie könnten deinen Wagen gesehen haben und dir gefolgt sein.«

»Vielleicht. Aber das kann ich mir nicht vorstellen. Man kann die Stelle nicht von der Straße einsehen, wo ich den Wagen geparkt hatte.«

Drews Stimme wird leiser, und ich habe Mühe, ihn zu verstehen. »Ich habe sie aus dreißig Metern Entfernung gesehen. Sie lag am Ufer, den Kopf im Wasser. Ich sagte mir, dass es nicht Kate sein konnte. Mein Verstand wollte nicht akzeptieren, was meine Augen sahen. Doch irgendwie wusste ich es trotzdem. Ich rannte zu ihr und sah auf sie herunter, und ich … ich … Sie hatte ihre Tennissachen an. Das Hemd und der Sport-BH waren bis zum Hals nach oben geschoben, und sie war von der Hüfte abwärts nackt. An ihrer Schläfe war frisches Blut … Kapillarblutungen rings um die Augen. Ich wiegte ihren Kopf und …«

Drew schlägt sich die Hand vor den Mund, als seine Stimme versagt. Er schluchzt unterdrückt. Dann spricht er monoton weiter. »Ihre Augen waren weit offen, die Pupillen starr und geweitet. Ich war sicher, dass sie tot war, versuchte aber trotzdem, sie wiederzubeleben. Ich habe zehn Minuten ihren Herzmuskel massiert, konnte sie aber nicht reanimieren.«

»Hast du nicht den Notarzt gerufen?«

»Ich hatte mein Handy im Wagen gelassen.«

Ich frage mich, ob das die Wahrheit ist. »Hättest du Hilfe herbeigerufen, wenn du es bei dir gehabt hättest?«

»Verdammt, ja!«

»War sie noch warm?«

Drew wird ganz still. »Ja. Sie war noch warm.«

»Okay. Also wusstest du, dass sie tot war. Was geschah dann?«

»Ich bin durchgedreht … Alles, was ich seit Monaten in mir zurückgehalten hatte, brach mit einem Mal aus mir heraus. Ich weinte, redete mit mir selbst und schrie den Himmel an wie Captain Ahab

»Und dann hast du gesehen, dass jemand anders da war?«

»Gesehen habe ich niemanden. Aber da war jemand.«

»Woher willst du das wissen, wenn du nichts gesehen hast?«

Drew ballt die rechte Hand zur Faust und öffnet sie wieder. »Ich habe ihn gespürt

»Und wie?«

»Wie es in den Horrorfilmen gezeigt wird. Deine Kopfhaut juckt, und dir bricht der Schweiß aus. Man kann spüren, wenn man von jemandem beobachtet wird.«

Das ist ein weit verbreiteter Glaube, hat aber nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Umfangreiche Experimente haben diese Art von »Intuition« als falsch widerlegt. »Das war bloß Verfolgungswahn.«

Drew schüttelt den Kopf. »Ich gehe seit Jahrzehnten zur Jagd. Im Gehölz war jemand, der sich vor mir versteckt hat. Er war ganz nah, und er wusste, wie man eine Deckung ausnutzt, sonst hätte ich ihn bestimmt gesehen.«

Endlich stelle ich die offensichtliche Frage. »Wenn es sich wirklich so abgespielt hat – wieso warst nicht du es, der Kates Tod gemeldet hat?«

Drew blickt mich an, als würde ihn das selbst verwirren. »Beinahe hätte ich es getan. Mein erster Impuls war, sie in die Arme zu nehmen wie ein Baby und nach oben zu meinem Wagen zu tragen. Ich wollte sie nach Hause zu ihrer Mutter bringen und alles beichten.«

So verwegen es sich anhören mag, ich spüre, dass er die Wahrheit sagt. Als Staatsanwalt habe ich viele Geständnisse gehört, in denen Mörder genau diesen inneren Drang geschildert haben. Einige haben ihm sogar nachgegeben.

»Hast du sie in die Arme genommen?«

»Nein. Ich wollte flüchten, tat es dann aber doch nicht. Nur ein Feigling würde abhauen, sagte ich mir. Ich musste mich den Dingen stellen. Doch als ich dasaß und in ihre leeren Augen schaute – Augen, in die ich noch am Abend zuvor gesehen hatte, als wir uns liebten, Augen, die so lebendig waren, das du es dir nicht vorstellen kannst –, fing ich an, die Situation von außen zu sehen. Was würde ich damit erreichen, wenn ich die Affäre beichtete? Kate war tot. Würde ich beichten, dann würde ich meine Zulassung als Arzt verlieren und wahrscheinlich ins Gefängnis wandern. Vielleicht würde man mich sogar verdächtigen, sie ermordet zu haben. Ehrlich, in diesem Augenblick gab ich einen Dreck auf mich selbst, aber was sollte aus meiner Familie werden?

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