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Blackhearts

Über den Autor

Chuck Wendig schreibt Romane, Drehbücher, Kurzgeschichten und Essays. Mit seinem Kollegen Lance Weiler hat er das Drehbuch zum Kurzfilm Pandemic verfasst, der auf dem Sundance Film Festival gezeigt wurde. Für das Projekt Collapsus wurden beide für den Digital Emmy nominiert. Wendig lebt mit seiner Familie in Pennsylvania. Er ist sehr aktiv auf seiner Website www.terribleminds.com.

CHUCK WENDIG

BLACKHEARTS

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Axel Franken

BASTEI ENTERTAINMENT

TEIL EINS

DAS MÄDCHEN, DAS MAN AN DEN KÄFIG GEWÖHNT HATTE

Sie ist bloß ein Vogel im goldenen Käfig,

Ein wunderschöner Anblick.

Ihr glaubt vielleicht, sie ist glücklich und sorgenfrei,

Doch der Schein trügt.

Traurig ist’s, denkt man an ihr vergeudetes Leben,

Denn Jugend fügt sich nicht zu Alter,

Und ihre Schönheit ward für’s Gold eines alten Mannes verkauft.

Sie ist ein Vogel im goldenen Käfig.

Bird in a Gilded Cage,
ARTHUR J. LAMB,
HARRY VON TILZER

EINS

Ship Bottom

Biep. Sonnenmilch.

Biep. Sandkekse mit Pekannüssen.

Biep. Tampons, Strandtuch, Ansichtskarten und – mysteriöserweise – eine Dose grüne Bohnen.

Miriam fasst jeden Artikel mit einer schwarz behandschuhten Hand an und zieht ihn über den Scanner. Ab und zu guckt sie nach unten und starrt in den blinkenden Laser. Eigentlich sollte sie das nicht machen. Aber sie tut es trotzdem, ein jämmerlicher Akt der Rebellion in ihrem brandneuen Leben. Vielleicht, denkt sie, wird der rubinrote Strahl den Teil ihres Gehirns wegbrennen, der sie zu der macht, die sie ist. Sie in eine vom Hafer gestochene Irre verwandeln, die sich zufrieden in ihrem Plexiglasgehäuse der Unwissenheit verkriechen kann.

»Miss?«

Das Wort reißt sie aus ihren Gedanken.

»Herrgott, was ist?«, fragt sie.

»Na ja, haben Sie vor, die noch zu scannen?«

Miriam schaut nach unten. Sieht, dass sie immer noch die Dose grüner Bohnen in der Hand hält. Del Monte. Träge zieht sie in Betracht, der Frau den Schädel einzuschlagen, die da in ihrem sandigen Muumuu steht, einem hawaiianischen Strandkleid, dessen verblasstes Hibiskusblütenmuster kaum den schwammigen Busen bedeckt, der halb hummerrot und halb engerlingweiß ist. Zwei Hälften, getrennt vom Rubikon eines schrecklichen Bikinistreifens.

Stattdessen zieht Miriam die Dose mit einem zuckersüßen Lächeln über den Scanner.

Biep.

»Stimmt irgendwas nicht mit Ihren Händen?«, fragt die Frau. Sie klingt besorgt.

Miriam wackelt mit einem Finger – ein hüpfender Raupentanz. Das schwarze Leder knarrt und quietscht.

»Ach, die hier? Die muss ich anziehen. Sie wissen schon, so wie Frauen in Restaurants Haarnetze tragen müssen. Zum Schutz der öffentlichen Gesundheit. Ich muss das befolgen, wenn ich hier arbeiten will. Regeln und Vorschriften. Das Letzte, was ich möchte, ist einen Hepatitisausbruch verursachen, verstehen Sie? Ich habe Hep A, B, C und die ganz besonders schlimme Variante X.«

Dann, nur um den Witz zu feiern, hält Miriam die Hand zum Abklatschen hoch.

Die Frau ergreift die Gelegenheit nicht.

Vielmehr wird sie käseweiß im Gesicht, selbst ihre sonnenverbrannte Haut wird leichenblass.

Miriam fragt sich, was wohl passieren würde, wenn sie die Wahrheit erzählte: Ach, das ist keine große Sache, aber wenn ich die Leute berühre, läuft dieser übersinnliche Film in meinem Kopf ab und ich erlebe mit, wie und wann sie sterben werden. Deshalb trage ich diese Handschuhe, damit ich so einen verrückten Scheiß nicht länger sehen muss.

Oder die tiefere Wahrheit, die dahinter liegt: Ich trage sie, weil Louis will, dass ich sie trage.

Nicht, dass die Handschuhe perfekten Schutz vor den Visionen böten. Aber niemand außer Louis berührte sie irgendwo sonst. Miriam hielt sich bedeckt. Selbst bei dieser Hitze.

Hinter der Frau hat sich inzwischen eine Schlange von sieben oder acht Menschen gebildet. Sie hören alle, was Miriam sagt. Sie hat nicht gerade leise gesprochen. Zwei der Kunden – ein teigiger Herr in einem mit quietschbunten Papageien bedruckten Hemd und ein junges Mädchen mit schlecht verhüllten Titten, die falsch aussehen, so als habe sie Softbälle unter das Top gestopft – scheren aus der Schlange aus und lassen ihre Waren an der leeren Kasse zwei Reihen weiter zurück.

Die Frau jedoch bleibt. Mit säuerlicher Miene fördert sie aus dem Nichts eine Kreditkarte zutage – Miriam vermutet, dass sie sie aus ihrer sandverkrusteten Vagina zieht – und wirft sie ihr hin, als wäre sie eine heiße Kartoffel.

Miriam will sie gerade nehmen und scannen, als sich eine Hand auf ihre Schulter legt.

Sie weiß schon, wem die Hand gehört.

Sie wirbelt zu Peggy herum, der Geschäftsführerin des Ship Bottom Allerlei in Long Beach Island, New Jersey. Peggy, deren Nase mächtige Anziehungskraft besitzen muss, so wie ihr restliches Gesicht sich zu ihr hingezogen fühlt. Peggy, deren riesige Sonnenbrille an die Augen einer Gottesanbeterin erinnert. Peggy mit ihren orange gefärbten grauen Haaren, einem krausen, ungeschickt toupierten Durcheinander.

Die verdammte Peggy.

»Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir zu verraten, was Sie da tun?« Auf die Art beginnt Peggy scheinbar jede Unterhaltung. Und das auch noch in ihrem leiernden Akzent, den die Leute hier sprechen. Keine Betonung, nur gedehnte Vokale.

»Dieser feinen Bürgerin helfen, unser feines Geschäft zu verlassen.« Was Miriam in Gedanken hinzufügt, aber nicht sagt: Das Ship Bottom Allerlei, wo Sie eine Packung Hotdogs, ein Päckchen Billigtampons oder eine Handvoll sich windender Einsiedlerkrebse für Ihre schreienden Drecksgören kaufen können.

»Klingt, als würden Sie Ärger machen.«

Miriam schenkt ihr ein bemühtes Lächeln. »Tatsächlich? War nicht meine Absicht.«

Absolut ihre Absicht.

»Sie wissen, dass ich Sie aus Gefälligkeit eingestellt habe.«

»Ja, das weiß ich. Sie erinnern mich regelmäßig daran.«

»Nun, weil es so ist.«

»Ja. Das haben wir bereits festgestellt.«

Peggys hervortretende Augen verengen sich zu fleischigen Schlitzen. »Sie haben ein freches Mundwerk!«

»Bin heute wohl noch nicht draufgefallen.«

Die Schlange wird inzwischen länger. Die Frau im Blumenmuumuu drückt die grünen Bohnen an ihre Brust, als wollte sie sie vor den Misslichkeiten beschützen, die dieser Tag plötzlich mit sich brachte. Die anderen Kunden verfolgen das Ganze mit großen Augen und unbehaglichen Mienen.

»Sie finden sich wohl komisch?«, fragt Peggy.

Miriam zögert nicht. »Das tu’ ich wirklich!«

»Tja, ich nicht.«

»Einigen wir uns darauf, dass wir uns uneinig sind?«

Peggys Gesicht verzieht sich wie ein Lappen, der ausgewrungen wird. Es dauert einen Moment, bis Miriam klar wird, dass dies ihr glückliches Gesicht ist.

»Sie sind gefeuert!«, sagt Peggy. Die Mundwinkel seltsam nach oben gezerrt wie in der Persiflage eines menschlichen Lächelns.

»Ach, fick dich!«, erwidert Miriam. »Du wirst mich nicht feuern!« Zu spät kommt ihr in den Sinn, dass Fick dich zu sagen nicht der beste Weg war, seinen Job zu behalten, aber um ehrlich zu sein – dieses Kind war schon längst in den Brunnen gefallen.

»Mich ficken?«, fragt Peggy. »Fick dich! Du bringst mir nichts als Ärger! Kommst Tag für Tag hier rein und läufst mit einer Miene rum, als ob dir einer in die Wheaties gepisst hätte …«

»Essen die Leute überhaupt noch Wheaties? Ich meine, jetzt mal im Ernst.«

»… aber ich kann keine angefressene kleine Schlampe wie dich in meinem Laden gebrauchen! Nach diesem Wochenende ist die Saison ohnehin vorbei und du bist Geschichte. Futsch. Pack deinen Dreck zusammen und scher dich raus! Deinen letzten Gehaltsscheck schicke ich dir.«

Die meint’s ernst, denkt Miriam.

Sie ist gerade entlassen worden.

Gefeuert.

Rausgeschmissen.

Eigentlich sollte sie sich freuen.

Eigentlich sollte ihr Herz ein geöffneter Käfig voller Tauben sein, und die befreiten Vögel sollten hoch und über alle Berge davonfliegen. Dies sollte ein echter Musical-Finale-im-Sonnenuntergang-Moment sein, wie in Meine Lieder – meine Träume, mit wirbelnden Röcken und wehenden Haaren. Aber alles, was sie empfindet, ist das Batteriesäurebrennen von Wut und Zorn in ihrer Kehle, gemischt mit Ungläubigkeit. Eine aufsteigende Flut von Schlangengift.

Louis sagt ihr immer, sie müsse sich zusammennehmen.

Sie hat es satt, sich zusammenzunehmen.

Miriam reißt sich das Namensschild von der Brust – ein Namensschild, auf dem »Maryann« steht, weil sie Scheiße gebaut haben und es nicht neu drucken wollten – und wirft es über die Schulter. Die Muumuulady weicht ihm aus.

Miriam nimmt sich noch die Zeit für eine stilvolle Verabschiedung – den Mittelfinger hochreißen und Peggy vors ausgequetschte Zitronengesicht strecken – und stürmt dann nach draußen.

Sie hält an. Steht auf dem Parkplatz. Mit zitternden Händen.

Die Brise vom Meer frischt auf. Die Luft führt den Geruch von Salzwasser und Fisch und einer Spur Kokosöl mit sich. Linien aus Sand wehen über den rissigen Asphalt des Parkplatzes.

Ein paar Seemöwen zanken sich um Brotstückchen. Nehmen Reißaus und stoßen wieder herab. Schreien und kreischen. Siegestrunken angesichts von Brotkrusten und Erfolg.

Es ist heiß. Die Brise ändert daran wenig.

Überall Menschen. Das Flap-flap-flap von Flipflops. Das erbärmliche Schluchzen von irgendjemandes Kind. Gemurmel und Geschnatter unzähliger Feriengäste, die eine sich dem Ende zuneigende Saison wittern. Ein wummernder Bass dröhnt aus einem Auto, das durch den langsamen Verkehr des Long Beach Boulevards gleitet, und Miriam drängt sich der Gedanke auf, dass sich der klopfende Beat anhört wie ein Echo ihres Herzschlags, der hämmernd die Innenseite ihres Brustbeins bearbeitet. Und Walt, der Einkaufswagenjunge – der eigentlich kein Junge ist, sondern vielmehr ein geistig behinderter fünfzigjähriger Mann –, winkt ihr zu, und sie winkt zurück und denkt: Er ist der Einzige hier, der je nett zu mir war. Und wahrscheinlich auch der Einzige, zu dem sie je nett war.

Scheiß drauf!

Sie zieht einen ihrer Handschuhe aus.

Dann den anderen.

Miriam wirft beide über die Schulter. Ihre Hände sind sonderbar blass, blasser als ihr übriger Körper, die Fingerspitzen verschrumpelt, als hätte sie ein ausgedehntes Bad genommen.

Wenn Louis wirklich wollte, dass sie sich zusammenreißt, dann wäre er hier. Und das war er nicht.

Miriam lässt die Fingerknöchel knacken und geht zurück in den Laden.

ZWEI

Die Befreiung der Miriam Black

Peggy hat an der vorletzten Kasse für Miriam übernommen. Miriam marschiert geradewegs zu ihr hin, tippt ihr auf die Schulter und bietet ihr die Hand an – ach ja, der unehrliche Händedruck, ihr guter alter Trick, um die Leute dazu zu bringen, sie zu berühren. Nur für diesen kurzen Moment Haut an Haut, der nötig ist, um die übersinnlichen Todesvisionen in ihr auszulösen. Es juckt Miriam in den Fingern, zu erfahren, wie diese Frau den Löffel abgibt. Sie giert danach. Verzweifelt wie ein Junkie.

Sie hofft auf irgendeinen Arschkrebs.

»Ich wollte nur danke sagen«, lügt Miriam durch zusammengebissene Zähne hindurch. Danke mit Arschkrebs. »Wollte es auf ehrenhafte Art tun und dir die Hand schütteln.«

Peggy kauft ihr das nicht ab. Sie blickt auf Miriams Hand herab, als wär es keine Hand, sondern vielmehr eine große, stinkende Tarantula.

Nimm meine Hand, Lady.

Ich brauche das.

Ich muss es sehen.

Es ist schon so lange her. Ihre Hände kribbeln förmlich.

Früher hasste sie ihren Fluch.

Das tut sie immer noch. Aber das ändert nichts an ihrem Verlangen.

Schüttle meine beschissene Hand!

»Schwirr ab!«, sagt Peggy.

Das vernichtet die Gier.

Peggy dreht ihr den Rücken zu. Fertigt weiter Leute ab. Biep, biep, biep.

»Komm schon«, drängt Miriam nun, zitternd. »Lass uns diese Sache professionell beenden.«

Peggy ignoriert sie weiter. Die Kunden starren sie an.

Biep, biep, biep.

»Hey. Hallo! Ich rede mit dir. Schüttle meine verdammte Hand!«

Peggy macht sich nicht mal die Mühe, sich umzudrehen. »Ich hab gesagt, schwirr ab!«

Miriams Hände schmerzen regelrecht. Sie kommt sich vor wie ein Hund, der einem Mann beim Essen eines Steaks zusieht – das Verlangen, der Hunger, spürbar in ihrem Kiefer, die Anspannung vor dem Speichelfluss. Nichts will sie mehr, als diesen Korken knallen zu lassen. »Na schön, du unausstehliche Fotze, dann muss ich das hier eben auf die harte Tour machen.«

Die Füße fest im Boden verankert, an dem Punkt, von dem es kein Zurück mehr gibt, packt Miriam Peggy, wirbelt sie herum und schlägt sie –

Peggy schreit. Sie rennt, stolpert über eine Leiche, die mit dem Gesicht nach unten auf den sandigen Bodenfliesen des Ship Bottom Allerlei liegt. Der Tote ist Walt, der Einkaufswagentyp. Blut sammelt sich unter Peggys Händen, Blut, das nicht ihr eigenes ist, und aus ihrer Kehle dringt ein Schrei, der sich wie das Blöken eines Tieres anhört, kurz bevor das Messer über seinen Hals gezogen wird. Aber Peggys Schrei ertönt nicht allein; der ganze Laden ist voller schreiender Leute, die geduckt durch die Gänge rennen und versuchen, die Tür zu erreichen. Und dann teilt ein dünner Mann die Menge – er gehört nicht dazu, mit seiner dunklen Sonnenbrille und dem schwarzen T-Shirt mit V-Ausschnitt und der mit Essen oder Motorenöl oder wer weiß was bekleckerten Khakihose. Er hebt eine Pistole, eine klobige Glock, und es knallt. Die Kugel reißt Peggy ein Stück ihrer orangehaarigen Kopfhaut vom Schädel, und dann rast eine weitere Kugel wie ein Zug durch ihre Lunge, und sie holt ein letztes Mal flackernd Luft.

– mit dem Handrücken, und Peggys Kopf schnellt nach hinten. Aber nicht sie ist es, die nach der Ohrfeige benommen zurückbleibt. Miriam kann hören, wie das Blut durch ihre Ohren braust, ihr wird schwindelig. Die Welt schwankt, und sie kann nicht glauben, dass es tatsächlich wahr sein kann. Dass das, was sie gesehen hat, wirklich geschehen wird.

Peggy hat noch drei Minuten zu leben.

Drei Minuten.

Hier. Jetzt. Heute.

O Gott!

Die Tür geht auf und Walt rackert sich ab, um eine ungebärdige Herde Einkaufswagen hereinzubringen, nichtsdestotrotz pfeift er eine fröhliche Melodie.

Peggy gafft sie an. »Ich rufe die Polizei!«

Miriam hört sie, aber die Worte sind wie ein fernes Echo, so als würden sie von jemand unter Wasser gesprochen. Statt zu antworten schweift ihr Blick ans Ende der Schlange, in die sich just in diesem Moment ein Mann einreiht. Ein Mann mit einer Ray-Ban-Sonnenbrille. Einem T-Shirt mit V-Ausschnitt. Und dreckiger Khakihose.

Der Schütze.

Zweieinhalb Minuten.

Miriam nimmt eine Bewegung über sich wahr. Eine Krähe in den Deckensparren, die von einem Fuß auf den anderen tritt. Die Krähe hat nur ein Auge. Wo das zweite sein sollte, ist eine zerklüftete, federlose Falte.

Der Vogel klappert mit dem Schnabel. In ihrem Kopf hört Miriam eine Stimme: Willkommen zurück, Miss Black.

Sie blinzelt, und der Vogel ist fort.

Peggy versucht, sie festzuhalten, will sie am Handgelenk packen, aber Miriam hat keine Zeit. Sie stößt die Frau gegen die Kassenschublade zurück, es gibt ein klingelndes Geräusch.

Miriam hat keine Ahnung, was sie da tut. Sie fühlt sich verloren. Losgelöst. Und doch fühlt sich diese wilde und wacklige Ungewissheit irgendwie heimelig an.

Sie hastet an der Schlange vorbei nach hinten. Als wäre sie auf Autopilot. Angeschnallt für eine Fahrt, die sie nicht verhindern kann. Peggy schreit sie an. Doch Miriam kann kaum etwas hören.

Die Anstehenden begaffen sie. Sie weichen vor ihr zurück, als sie an ihnen vorbeikommt. Sie wollen ihren Platz in der Reihe nicht aufgeben, aber sie wollen auch nicht in ihrer Nähe sein.

Zwei Minuten noch. Vielleicht weniger.

Sie schleicht sich von hinten an den Schützen heran. Er bewegt sich nicht. Zuckt nicht mit der Wimper. Kümmert sich nicht um sie.

Peggy steht da und sieht fassungslos zu. Sie ruft nach jemandem, der die Polizei verständigen soll. Murmelt etwas von Körperverletzung. Sie bittet die Kunden um Hilfe. Sie sollen helfen, Miriam mit Gewalt festzuhalten. Niemand bietet sich an. Sie wollen bloß ihren Scheiß kaufen und sich vom Acker machen.

Ein paar legen ihr Zeug hin und suchen das Weite. Zu heikel für meinen Geschmack, denken sie wahrscheinlich. Miriam denkt an nichts außer den Schützen, die Pistole und den Tod.

»Sie haben eine Waffe«, sagt sie zu dem Mann vor sich. Ihre Stimme krächzt beim Sprechen, ihre Zunge ist so trocken, dass sie am Gaumen kleben bleibt.

Der Mann dreht sich halb um und legt den Kopf schief wie ein verwirrter Hund, so als könnte er unmöglich gehört haben, was er gerade gehört hat.

Vorne im Geschäft sieht Walt sie wieder. Und winkt.

Miriam winkt zurück.

Der Mann registriert nun, was sie gesagt hat.

»Sie wollen, dass ich alle töte?«

»Wer sind sie

»Die Stimmen.«

»Das dürfen Sie nicht«, sagt Miriam, ein leerer Appell. Eineinhalb Minuten noch. Sie weiß, dass betteln nicht helfen wird. Nichts, was sie sagt, wird eine Rolle spielen. Auf diese Weise funktioniert es nicht. Sie kennt die Regeln, seit sie vor über einem Jahr beim Old-Barney-Leuchtturm einem großen Tier aus dem Drogenhandel eine Kugel verpasst hat. »Tun Sie’s nicht. Bitte!«

Was das Schicksal will, bekommt das Schicksal auch.

Es sei denn. Es sei denn.

Es sei denn, sie bezahlt den Preis. Einen Blutpreis. Auge um Auge, Zahn um Zahn, ein Leben für ein anderes. Nur eine solche Handlung würde das Schicksal beeinflussen. Um den Lauf eines reißenden Flusses zu ändern, braucht man einen verdammt großen Stein.

»Haben die Stimmen Sie auch geschickt?«, fragt er.

Miriam schüttelt den Kopf. »Nein.« Sie weiß nicht, von wem er spricht, aber sie sieht, wie seine Lippen Worte formen, die er nicht laut ausspricht, sieht, wie seine Finger in der Luft zappeln als wären es die Beine eines umgekippten Käfers, kann den Gestank von Schweiß und Waffenöl riechen. Es ist zu offensichtlich: Der Kerl ist verrückt, irre, ein wahrhaftiger beschissener Geistesgestörter.

Und ein Geistesgestörter auf einer schrecklichen Mission.

Bevor sie weiß, was los ist, hat er die Pistole gezogen. Die Glock.

Seine Hand bewegt sich schnell, er schlägt ihr mit dem Waffengriff auf den Kopf. Sie sieht grellweiße Sterne vor ihren Augen explodieren, während sie zurücktaumelt und aufs Steißbein fällt.

Die Chance zu tun, was getan werden muss, entgleitet ihr. Sie bleibt benommen auf dem Fußboden sitzen.

Alles scheint langsamer zu werden. Sie ist ein schwirrender Moskito, der plötzlich in einem Klecks Baumharz gefangen ist.

Ein Blutrinnsal läuft ihren Nasenflügel hinab.

Sie schafft es kaum, auf die Füße zu kommen.

Der Mann hält die Pistole senkrecht in die Luft und feuert.

Schreie. Bewegung. Chaos.

Er zielt. Noch ein Schuss. Die Eingangstür geht in Scherben.

Mit hämmerndem Schädel steht Miriam auf, während bunte Lichtblitze durch ihr Blickfeld zucken. Sie ist immer noch hinter ihm, schaut über den Arm des Mannes zur Visiereinrichtung der Pistole, die nun auf Walt hinter seiner Einkaufswagenreihe zielt.

Jetzt oder nie.

Wird das Schicksal bekommen, was das Schicksal will?

Sie kennt diesen Laden. Sie hat schon vor Beginn der Strandsaison hier gearbeitet. Wer hat sich noch nie an seinem Arbeitsplatz umgeschaut und das Was-hier-könnte-eine-Waffe-sein-Spiel gespielt? Vielleicht nur sie. Miriam Black ist nicht wie die meisten Leute. Nicht mehr.

Sie dreht sich um. Schnappt sich was aus einem Regal am Kopfende des Gangs.

Eine lange, zweizinkige Gabel aus Edelstahl.

Zum Grillen.

Sie stößt sie dem Mann von der Seite in den Hals. Die Waffe feuert.

Walt schreit und fällt. Ein Einkaufswagen rollt weg.

Blut plätschert aus der Wunde des Schützen wie Wasser aus einem Trinkbrunnen. Es fließt über seinen Hals und durchtränkt seinen T-Shirt-Kragen.

Der Killer wirbelt zu Miriam herum, eine unkoordinierte Pirouette. Die aus seinem Hals ragende Gabel sieht aus wie ein Hebel, an dem man ziehen könnte, um ihn abzuschalten.

Sie stellt fest, dass sie plötzlich in den Lauf der Glock blickt.

»Du bist die, die sich immer einmischt«, sagt er mit Lippen, die nass von Blut sind. Die Worte sind nicht wütend. Wehmütig vielleicht. Traurig. Eindeutig traurig.

Ein Aufblitzen der Mündung. Sie hört es nicht einmal.

Aber sie spürt es. Ihr Kopf schlingert – eine brennende Empfindung in der Tiefe ihres Schädels wie der sengende Blick von Satan persönlich.

Der Mann bricht zusammen und fällt seitwärts in ein Regal mit Muschelschmuck, Piratenschnickschnack und Strandschneekugeln, die nicht mit Schneeflocken, sondern Sand gefüllt sind. Sie zersplittern, als sie auf dem Boden aufkommen.

Miriam will etwas sagen.

Doch anscheinend ist ihr Mund nicht mehr länger mit ihrem Gehirn verbunden.

Für die Welt mag das ein Segen sein.

Aber für sie birgt das einen gewissen Schrecken.

Eine tiefe und elende Dunkelheit greift nach ihr und lässt nicht mehr los.

ZWISCHENSPIEL

Der Unbefugte

Miriam sitzt am Strand, ihr Hintern ruht auf einem billigen weißen Plastikstuhl, die Hände zusammengelegt auf einem Terrassentisch aus demselben Material, die Zehen eingegraben im kalten Sand als wären sie eine Reihe Straußenköpfe.

Ihr gegenüber sitzt ihr erster Freund, Ben Hodges, dem die Schrotflinte, die er sich vor so langer Zeit in den Mund gesteckt hat, den Hinterkopf wegsprengte. Damals, als sie beide dumme, geile Teenager auf der Highschool waren. Sie fickten. Sie wurde schwanger. Er brachte sich um. Und seine Mutter ließ ihre Einsame-Mutter-Wut mit einer roten Schneeschippe an Miriam aus.

Jener Tag. Der Tag, an dem Miriam wirklich geboren wurde. Die Jetzt-Miriam. Die Miriam mit diesem Fluch, dieser Gabe, dieser Sache, die sie auslöst.

Ben räuspert sich.

Zwei Vögel mit dunklen Flügeln – Krähen, jede mit einem zehncentstückgroßen roten Spritzer auf jedem Flügel – picken an seinem freiliegenden Gehirn, als würden sie nach Würmern suchen.

Das Meer rollt heran, das Meer rollt hinaus, das unabänderliche Rauschen der Gezeiten.

»Ich wusste, du würdest nicht lange fortbleiben können«, sagt Ben.

Doch Miriam weiß, dass das nicht Ben ist. Früher hätte sie gesagt, er sei ein Gebilde ihrer Fantasie, ein von ihr selbst kreierter, gestaltwandelnder Folterknecht, und vielleicht trifft das auch zu. Aber sicher ist sie sich inzwischen nicht mehr. Sicher war sie sich eigentlich nie.

»Ich bin, wer ich bin.«

»Genau darauf verlassen wir uns.«

Sie nimmt die Hände auseinander und beugt sich vor. »Wir. Dieses Wort hast du jetzt schon öfter benutzt.«

»Wir sind Legion. Die Dämonen in deinem Kopf.«

»Dann ist das alles also nur eine Halluzination? Du bist bloß irgendein Arschloch, das ich mir ausgedacht habe?«

Ben schweigt. Seine Augen funkeln boshaft.

In diesem Moment reißt eine der Krähen den Kopf hoch, in ihrem Schnabel ist etwas, das wie eine zähe Sehne aussieht. Bens linker Arm schnellt hoch. Als der Vogel die Sehne fallen lässt, plumpst der Arm wieder an die Seite zurück.

Die Vögel steuern ihn wie eine Marionette.

Putzig.

Und dann zieht ein Schatten über Miriam hinweg. Sie schaut nach oben, sieht einen Folienballon am Himmel schweben und vor der blassen Scheibe vorbeiziehen, die hier als Sonne gilt. Als sie Ben wieder ansieht, ist er nicht mehr Ben. Stattdessen ist er der Schütze. Der aus dem Geschäft. Komplett mit blutigem Mund und einer Grillgabel, die aus seinem Hals ragt.

»Und? Wie fühlt es sich an?«

»Wie fühlt sich was an?«, fragt sie, obwohl sie weiß, was er wissen will.

»Weich nicht aus. Dein zweiter Mord.« Wieder funkelt Bosheit in seinen Augen. »Oder der dritte, falls du dein totes Baby mitzählen willst.«

Das trifft sie wie eine Faust. Sie versucht, sich nichts anmerken zu lassen, lehnt sich in ihrem Stuhl zurück und schaut weg, starrt hinaus über den grauen Ozean, über die schaumgekrönten Wellen.

Der Schütze zuckt mit den Schultern. »Ich nehme mal an, das Baby zählen wir nicht mit.«

»Du brauchst einen Namen«, sagt sie, um das Thema zu wechseln. »Vielleicht hast du kein Gesicht, aber ich will, dass du einen Namen hast.«

»Werde ich Ben sein? Louis? Mama?«

»Ich nenn dich nicht Mama, du beschissener Perverser!«

»Ach nein? Wann hast du sie eigentlich zum letzten Mal gesehen?«

Sie macht sich nicht die Mühe, etwas zu sagen. Er – oder sie oder es – kennt die Antwort.

»Ich sollte dich den Unbefugten nennen«, sagt sie schließlich. »Denn das ist es, was du machst. Du dringst unbefugt ein. Ich sollte vor meinem Tod durch die Dunkelheit treiben, alles scheißfriedlich – und dann kommst du daher. Betrittst unbefugt mein geistiges Grundstück. Gefällt mir eigentlich: der Unbefugte. Na bitte!«

»Tu nicht so, als würdest du mich nicht hereinbitten.«

»Ich mache nichts dergleichen.«

Der Schütze lächelt. Eine Krähe landet auf der im Hals steckenden Grillgabel.

»Außerdem«, fährt der Unbefugte fort, nur dass es jetzt nicht mehr der Schütze ist, der spricht, sondern die Krähe, die auf dem Gabelgriff hockt. Immer noch mit Bens Stimme. »Du bist nicht tot. Du hast nur einen Schock.«

»Ich bin nicht tot?«

»Noch nicht. Vielleicht bald. Vorher wartet noch Arbeit auf dich. Wir können dich nicht so einfach vom Haken lassen, kleines Fischlein. Dieses Treffen ist nur unsere bescheidene Art dir mitzuteilen, dass wir froh sind, dich wiederzuhaben.«

»Ihr hättet Kuchen mitbringen sollen«, sagt sie.

»Nächstes Mal vielleicht.«

DREI

Nur eine Fleischwunde

Sie muss ihre Aussage bei drei verschiedenen Polizisten machen, und jeder davon drängt sie, doch endlich in den gottverdammten Rettungswagen zu steigen.

Während sie auf dem Bordstein sitzt und qualmt wie eine Lungenkrebsfabrik, erzählen die Polizisten ihr, dass sie möglicherweise eine Gehirnerschütterung hat. Und dass der Streifschuss an der Seite ihres Kopfes – eine haarlose Linie geteilten Fleischs, eine brennende Furche, die die Kugel durch ihre Kopfhaut gezogen hat – sich entzünden könnte.

Miriam sagt ihnen, dass sie nicht in den Rettungswagen steigen wird.

Sie werde nicht ins Krankenhaus fahren.

Es gehe ihr prima.

Sie hat keine Krankenversicherung, und sie hat nicht das Geld, das Fehlen einer solchen auszugleichen. Das letzte Mal, als sie im Krankenhaus war, wurde sie von einer Rechnung erschlagen, die so viele Nullen hatte, dass sie glaubte, in Pearl Harbour zu sein. (Diese Rechnung – und all die andern, die ihr folgten – landete im Müll.)

Die Aussage, die sie macht, ist gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt. Eigentlich erzählt sie ihnen alles – sogar den Teil, als sie Peggy geohrfeigt hat –, nur nicht den Schlamassel mit den übersinnlichen Visionen. Es ist nicht so, dass es Miriam zuwider wäre, Leuten das mitzuteilen. Aber sie hatte es schon in der Vergangenheit versucht, und es stellte sich heraus, dass Cops sich nicht viel aus der Ich-hatte-eine-übersinnliche-Vision-Verteidigung machen.

Es gab keinen Grund, Wespennester durch die Gegend zu treten.

Stattdessen erzählt sie ihnen, dass sie die Ausbeulung der Waffe in der Hose gesehen hat und sah, wie der Mann die Glock zog. Nichts von dem, was passiert war, widerspricht ihrer Geschichte.

Peggy will keine Anzeige erstatten, will nicht mal mit ihr reden oder sie sehen. Das ist für Miriam okay.

Sie versucht, mehr über den Schützen zu erfahren. Aber niemand weiß irgendetwas. Oder sie reden nicht. So oder so, sie fühlt sich, als sei sie in Ignorant City. Bevölkerung: Miriam.

Stunden später ist sie endlich frei. Sie geben ihr die alte Ermahnung mit auf den Weg: »Verlassen Sie den Bundesstaat nicht, für den Fall, dass wir noch Fragen haben.«

Miriam hört sie. Aber sie hört nicht wirklich hin.

Sie braucht noch eine Zigarette.

Sie will nach Hause.

Wenn sie nur wüsste, was das überhaupt ist.

VIER

Wieder daheim, wieder daheim verdammter Mist

Die LBI-Dammstraße ist ein Albtraum, so wie sie es immer ist, denn die Insel mästet sich unaufhörlich mit Feriengästen und führt sie wieder ab. Im Sommer ist die Dammstraße – eine weiße, gewölbte Brücke über dem grauen und braunen Schaum der Manahawkin Bay – zu wie eine mit Plaque verstopfte Arterie.

Es ist die einzige Straße zwischen Insel und Festland.

Aber Miriam sitzt nicht hinter einem Steuer. Und das bedeutet, sie kann sich bewegen. Das Schwinn-Fahrrad mit 10-Gang-Schaltung, dessen Rahmen pockennarbig von syphilitischem, meergeborenem Rost ist, trägt sie an den Autos vorbei – ein Dahinsausen von Farben, ein Dopplereffekt von Radiosendern und Unterhaltungen.

Die Räder drehen sich mit Fliegenflügelsummen.

Ihre Kopfverletzung brennt in der Salzluft.

Sie raucht beim Fahren; die Krebsfahne verliert sich hinter ihr.

Vor einem Jahr hatte sie zum ersten Mal die Dammstraße überquert und kam auf die Insel, um Louis vor einem Schicksal zu retten, das sie ihm unbeabsichtigt zugeteilt hatte. Er war an einen Stuhl gefesselt, oben auf einem Leuchtturm. Gefoltert von einem Monster. Sie rettete ihn, bevor er auch noch sein zweites Auge verlor – und damit sämtliche Hirnfunktionen –, und sie erfuhr von jener einen speziellen Ausnahme.

Die einzige Möglichkeit, den Tod abzuwenden, ist ihm ein anderes Leben zu geben.

So wie sie es heute mit dem Schützen gemacht hat. Spieß ihn auf, den Spießer!, denkt sie, und der Witz klickert in ihrem Schädel herum wie eine Flipperkugel. Aber er wird durch die vielen Echos nicht komischer. Stattdessen fühlt sie sich schlechter, merkwürdiger, labiler.

Es wartet Arbeit auf dich.

Trotz der Hitze zittert sie.

Endlich: das Ende der Dammstraße. Die Bay Avenue macht der Barnegat Road Platz. Kiefern ragen aus sandigen Hügeln hervor. Miriam war noch nie der Meinung, dass Kiefern an den Strand gehören, aber da standen sie. Natürlich glaubte sie auch nicht, dass medizinische Abfälle an den Strand gehören, aber das war eben New Jersey.

Geduckt fährt sie durch die Green Street, vorbei an dem kleinen Surfladen, vorbei an dem winzigen Laden mit Fischködern, nur um den Kreisverkehr zu vermeiden. Das war noch so eine New-Jersey-Sache: die Kreisverkehre. Hier gab es einfach keine normale Kreuzung. O nein! Es ging immer rundherum. Verkehrskarusselle der Hölle, bei denen Dante in einem Haufen seines eigenen Erbrochenen hinschlagen würde.

Man könnte ewig in einem dieser Kreisel fahren, denkt sie.

Wie um einen Abfluss herum.

So fühlt sie sich auf dem Weg nach Hause. Als wäre das alles, was sie hier tut: Wassertreten, wie ein Hund umherpaddeln, darauf wartend, dass die Haie kommen, ihre Arme den Dienst versagen oder ein Schiff sie in seine Schiffsschraube saugt.

Zu Hause. Daheim. Pah!

Ihr Zuhause ist momentan ein 1967er Airstream-Tradewind-Wohnwagen, der in der Bayview-Wohnwagensiedlung kurz vor Tuckerton steht. Der Name der Siedlung war nicht ganz zutreffend, auch wenn Miriam irgendwann herausgefunden hatte, dass er keine totale Lüge war. Wenn man einem der Wohnwagen aufs Dach steigt und dann einen angrenzenden Telefonmast hochkraxelt, kann man mit Gewissheit die trüben Gonorrhögezeiten der Bucht sehen.

Die Wohnwagensiedlung bietet das Standardsortiment an Schurken und Exzentrikern. Dort drüben ein nettes älteres Paar mit einem Fetisch für altmodische Hawaiihemden, hier ein Paar der geschwätzigsten Klatschtanten, die Miriam je das Missvergnügen hatte kennenzulernen. Neben ihnen ein Duo von Studienabbrechern, die wild gewachsenes Marihuana an andere Studienabbrecher verkaufen. Am anderen Ende der Siedlung befindet sich die zwielichtige Fraktion: ein Kerl, der entweder Meth oder Bomben herstellt (oder vielleicht beides), ein Sammelwütiger, der kein Zeugs sammelt, sondern Jack-Russell-Terrier (dieses Bellen!), und ein geschiedener Typ mittleren Alters, der immer Flanellhemden trägt, selbst bei dieser Hitze – und bei dem Miriam sich ziemlich sicher ist, dass er ein eingefleischter Kinderschänder ist.

Ein wahrhaft sympathisches Völkchen.

Ein Völkchen, dem sie angehört. Das weiß sie. Es gefällt ihr nicht, aber so ist es eben.

Miriam winkt dem netten älteren Paar – den Moons – zu, hält aber nicht an, denn sie will nicht in einem interaktiven Gravitationsloch landen, aus dem es kein Entrinnen gibt –, außer sie hackt sich mit der nächstbesten Pflanzkelle den Arm ab.

Sie fasst sich in den Schritt, als sie bei den zwei Potdealern vorbeikommt: Scudder und Nils, der erste die schlaksige Strandgammlerversion eines Ichabod Crane, der zweite vom Typ bierbäuchiges Muttersöhnchen mit Rauschebart und schwarzgerahmter Brille. Beide winken mit einem breiten und dämlichen Grinsen zurück. Wie sie es immer tun.

Dann: Daheim.

»Daheim.«

Was auch immer.

Draußen vor dem Eingang befinden sich abgestorbene Ringelblumen in einem Übertopf aus krummen Ziegeln. Daneben steht ein Keramikgartenzwerg mit einem gezackten Loch in der Stirn – einem Loch, das Miriam ihm mit einem rostigen Minigolfschläger verpasst hat, den sie hinterm Wohnwagen gefunden hatte. Ein Schläger, den sie seitdem für verschiedene Zwecke benutzt: um Kiesel vom Dach des Airstreams zu schlagen, um sich den Rücken zu kratzen oder um Methjunkies und Kakerlaken gleichermaßen zu bedrohen.

Der Schläger liegt ganz in der Nähe, in hohem Gras und Unkraut.

Die Schwelle dieses Wohnwagens zu überschreiten führt jedes Mal dazu, dass sich Miriams Magen zusammenzieht und fest verknotet.

»Schotten dicht!«, sagt sie.

Hinein in den Bauch des silbernen Wals.

Metallwände. Küstendekor – Pastell und Holzverkleidung und 1980er-Einbaumöbel. Sie hat alles unberührt gelassen. Das Einzige, was Miriam an Dekorationsarbeiten gemacht hat, ist ein Vogelskelett über die Spüle zu hängen. Sie nimmt an, dass es von einer Krähe stammt. Sie hatte den Kadaver vor ungefähr drei Monaten gefunden, der Großteil des Fleisches war bereits von Ameisen gefressen worden, an den Knochen klebten noch ein paar Federn.

Mehr zu tun als dieses eine Ding aufzuhängen würde sich anfühlen, als gehörte ihr der Wohnwagen. Als würde sie tatsächlich hier leben.

Was sie natürlich tat. Aber Realismus war noch nie ihre starke Seite.

»Ei, ei, Vögelchen!«, sagt sie in ihrer besten Babysprache. Sie tippt das Krähenskelett an, das sie mit Angelleine und Bindedraht an ein paar Eisstiele gekreuzigt hat. Der tote Vogel dreht sich träge im Nachmittagslicht.

Louis hat versucht sie davon zu überzeugen, dass das Vogelskelett widerlich ist und dass es nicht in den Wohnwagen gehört, schon gar nicht in die Spüle, wo sie abwaschen.

Sie hat ihm geantwortet, dass es das Einzige ist, was sie hier haben will, das Einzige, was ihr hier wirklich gehört, und dass, sollte er es entfernen, sie sich auf seine Brust setzen würde, während er schliefe, und ihm den Schwanz mit einem Latthammer breitklopfen würde. Ferner hat Miriam ihm versichert, dass diese Anwendung dem Hammer seinen Namen überhaupt erst eingebracht habe, weil er nämlich hervorragend dafür geeignet sei, Latten breitzuklopfen. Wenn er also je wieder eine solche haben wollte, sollte er sich vorsehen.

Sie waren nicht miteinander ausgekommen.

Sie sind ein Liebespaar gewesen. Er war behutsam und süß und überredete sie, in Jersey zu bleiben. Er nahm etwas von seinem angesparten Geld, um eine Bleibe zu kaufen, sagte, sie könnten dort leben. Er sagte, es würde gut laufen, denn durch seine langen Fahrten die Ostküste hoch und runter wäre er ja nicht allzu oft hier. Und hey, sie könnte sich doch einen Job besorgen und anfangen, sesshaft zu werden. Blablabla, die schöne Normalität …

Miriam will gar nicht daran denken.

Die Schusswunde an ihrem Kopf pocht. Sie berührt sie mit einem Finger. Klebrig. Schmierig wie feuchtes Mehl. Rosa Flüssigkeit, nicht rote, befeuchtet ihre Fingerspitze.

Sie kann es sich nicht verkneifen, an der Wunde herumzukratzen.

Für eine Weile gab es die zarte Hoffnung, dass sie und Louis aus der Sache wirklich etwas machen könnten. Doch aus der Hoffnung wurde Verbitterung, und es dauerte nicht lange, bis der Airstream sich weniger wie ein Ort zum sesshaft werden anfühlte, sondern eher wie ein Blechkistengrab.

Jetzt sind sie Zimmergenossen. Freunde. Und Feinde. Ab und zu überkommt sie immer noch das Verlangen, und sie steigt auf ihn wie ein kleines Mädchen in einen großen Sattel und sie haben einen Gnadenfick. Vielleicht ist die Gnade für ihn. Vielleicht auch für sie.

Wer weiß. Wen kümmert’s.

Louis ist zwei von drei Wochen weg.

Dies ist eine solche Woche, aber sie endet jetzt. Er könnte jederzeit heimkommen. Sie schnuppert. Kein Old Spice – das alte Old Spice, nicht das neue, das für sie so riecht wie der Klostein einer ukrainischen Badeanstalt.

Je länger er wegbleibt, desto schwächer wird dieser Geruch in der Luft.

Genau dann, wenn er ganz verschwunden ist, weiß Miriam, dass es Zeit für seine Rückkehr ist.

Sie geht nach draußen, um eine zu rauchen.

Kein Rauchen im Haus, hatte Louis ihr gesagt.

Das ist kein Haus, hatte sie geantwortet.

Aber es ist ein Zuhause, war seine Erwiderung.

Ihre Antwort darauf war ein würgendes Geräusch und ein tief in den Hals gesteckter Finger.

FÜNF

Kleiner Schlagabtausch

Miriam sitzt neben den toten Ringelblumen, raucht eine Zigarette nach der andern und hofft, dass jede weitere sie etwas mehr von der Enge in ihrer Brust befreit und ihr helfen wird, ein bisschen leichter zu atmen. Sie schnippt Asche in den kaputten Kopf des Gartenzwergs.

Stunden vergehen.

Der Abend kommt. Das Licht lässt sie aus. Grillen lösen die Zikaden ab. Eine Brise trocknet ihren Schweiß.

Es dauert nicht lange, bis der erste Aasfresser – ein hässlicher menschlicher Dingo, ein räudiger Kojotenmann – herumschnüffeln kommt. Es ist einer ihrer Nachbarn. Einer, den sie noch nicht kennengelernt hat.

Er ist hager, langgliedrig und hat einen komischen schrägen Hüpfgang, so als würde er Musik hören, die sonst niemand hört. Seine langen braunen Haare sind strammgezogen und oben mit einem Gummiband festgebunden.

Sie sieht die Narben an seinen Armen, wo er sich gekratzt hat, betrachtet seine Zähne. Es fehlen zwar keine, aber der Farbe und Beschaffenheit nach zu urteilen, wird es nicht mehr lange dauern, bis sie anfangen abzubrechen wie Eiszapfen.

Auch der Geruch von Katzenpisse lässt sich schwer ignorieren.

Er ist einer von den Methjunkies. Sie kennt ihn nicht, aber das ist nicht verwunderlich – dort drüben gehen sie im ständigen Wechsel ein und aus.

»Was geht?«, fragt er, während er zu ihr rüberschlurft.

Vermutlich denkt er, er kann hier eine billige Wohnwagensiedlungs-Pussy abgreifen. Entweder haben die anderen ihm von ihr erzählt und er glaubt, er kann die nicht zu Erobernde erobern, oder sie haben ihn verarscht und behauptet, sie sei leicht zu haben. Wahrscheinlich beobachten sie ihn gerade und hocken unter den Bäumen. Scherzkekse.

»Ahoi«, sagt sie.

»Du siehst nett aus.« So was zu sagen ist fast schon goldig. Aber dann bemerkt sie sein Tausend-Meter-Starren, das glatt durch sie hindurchgeht.

»Und du siehst aus wie ein menschenförmiger Haufen Schorf.«

»So was zu sagen ist aber nicht sehr nett.«

»Schon wieder dieses Wort: nett. Du kennst mich wohl nicht besonders gut.«

Er kommt näher. Finger reiben sich aneinander. »Würd ich aber gern.«

»Kumpel, ich hatte heute einen miesen Abend«, sagt sie. »Ich weiß nicht, was deine Crackfreunde dir erzählt haben, aber die Beine dieses Mädchens bleiben für deinesgleichen geschlossen.«

»Fick dich, du Schlampe!« Seine Augen blitzen vor Wut.

Jetzt kommt er auf sie zu, seine Hände zu zuckenden Fäusten geballt.

Anscheinend soll es wohl so sein, denkt sie.

Er stürzt sich auf sie.

Mit Spinnenfingern greift er nach ihren Handgelenken –

Die Nadel senkt sich in einen Arm, der aussieht wie der eines alten Mannes, genau in die Mitte einer Spinnennetztätowierung, deren Geflecht bereits ein kraterübersätes Chaos von Einstichstellen ist, eine Haut wie die Oberfläche des Mondes. Er lässt die Nadel dort hängen, unterhalb des hochgeschobenen, leuchtend orangefarbenen Ärmels seines Gefängnisoveralls. Sein Kopf baumelt nach hinten, sodass die grauen Haare ihm über die Schultern hängen, der zahnlose Unterkiefer klappt mit einem Knacken nach unten, ein langsames und glückliches Keuchen dringt aus den Tiefen seines Halses. Das Heroin rast durch seine Arterien, vorbei am Herzen und direkt in sein Gehirn, wo die wilde Drogenbestie seine grauen Zellen plattstampft. Eine letzte Zuckung, ein Klecks ekligen Mundschaums, ein endgültiges Herabsinken des Kopfes, und er stirbt, wo er sitzt.

– aber es fällt ihr nicht schwer, sich seinem Griff zu entwinden und einen Schritt zur Seite zu machen.

Er schlägt noch einmal nach ihr, aber sie duckt sich und weicht aus.

»Eine wahre Geschichte: Du stirbst im Gefängnis«, sagt sie, bereits schnaufend. Scheiße, sie war nicht in Form. »Du stirbst, während du dir was von diesem süßen mexikanischen Stoff in die Adern pumpst.«

Er tritt nach ihr, aber es wirkt nicht gerade wie eine gelungene Kung-Fu-Aktion, eher wie eine Dickes-Kind-macht-Pirouette-Bewegung.

»Ich werde was, verdammt?« Er gibt ein grunzendes Geräusch von sich. »Ich setze mir keine Schüsse!«

»Noch nicht. Aber in der Zukunft tust du es.«

Er schlägt ungeschickt mit der Faust nach ihr, doch sie fängt sie ab, dreht sie um und klemmt ihm den Arm ins Kreuz. Der Methjunkie schreit auf, mehr aus Frust als vor Schmerz.

»Das Komische ist, wenn du stirbst, siehst du aus wie etwa sechzig, fünfundsechzig. Aber es passiert schon in fünfzehn Jahren. Meth ist keine Milch, Kumpel. Es tut dem Körper nicht gerade gut.«

Sie unterschätzt ihn und sonnt sich offen gestanden im Glanz ihres eigenen Amüsements. Das gibt dem Junkie eine Gelegenheit, die er ergreift. Der Wichser ist wendig wie eine Schlange – eine Schlange, die von starkem Methamphetamin aufgeputscht wurde – und stößt einen Ellbogen nach hinten. Er trifft sie zufällig genau dort, wo die Kugel einen schmalen Graben an der Seite ihres Kopfes hinterlassen hat.

Frisches Blut läuft ihr direkt ins Auge.

Der Methfreak schubst sie – heftig – und schickt sie zu Boden.

Sand an ihren Ellbogen. Gras, das sie am Hals kitzelt. Blut im Auge. Der Junkie lacht jetzt. Er versucht, sie anzuspucken, aber es tropft ihm nur übers Kinn und bleibt da hängen. Er tritt Erde nach ihr.

Schorfy greift nach ihren Fußgelenken. Miriam macht sich nicht die Mühe ihn zu treten. Ein Teil von ihr denkt: Das könnte er sein, das hier könnte mein letzter Tag sein. Schließlich ist es nicht so, als wüsste sie es. Sie kann herausfinden, wie alle anderen sterben werden, aber ihr eigenes Ende bleibt für sie ein Geheimnis. Ein Geheimnis, das an ihren Fingerspitzen nagt.

Vor ein paar Stunden dachte sie, der Typ mit der Pistole würde sie erledigen. Jetzt irgendein Methjunkie.

Das einzige Problem: Sie will so nicht abdanken.

»Ich habe heute einen Mann umgebracht!«, faucht sie ihn an.

Das lässt den Methfreak stutzen. Miriams Hand schließt sich um etwas im Gras, nicht weit von den toten Ringelblumen entfernt, gleich neben dem durchlöcherten Zwerg.

»Du bist keine Mörderin«, sagt er grinsend.

Sie packt den Golfschläger und haut zu. Die Waffe kracht hart auf seinen Unterarm. Der Junkie brüllt und lässt Miriam los. Doch sie ist noch nicht fertig mit ihm. Sie springt auf, holt aus und lässt den Schläger noch einmal auf seine Unterarme herabsausen. Jetzt schreit er nicht mal mehr. Es ist bloß noch ein Wimmern, wie bei einem flennenden Kind, das vor einem Schwarm gereizter Wespen vor Angst erstarrt. Der Fuß des Suchtkranken bleibt an einem Hügel im unebenen Boden hängen – hier draußen bei Sand und Baumwurzeln ist alles unebener Boden.

Jetzt ist er an der Reihe und fällt hin.

»Halt dich fern von mir!«, sagt er, immer noch einfältig lächelnd.

»›Du bist keine Mörderin‹«, äfft sie ihn nach. »Wer weiß schon, was ich bin? Du sicher nicht!«

Sie hebt den Schläger über den Kopf. Miriam ist die Hand des Schicksals. Sie hat seinen Tod gesehen: Heroinüberdosis. Aber nun liegt es in ihren Händen, das zu ändern. Seinen Arsch aus seiner sterblichen Hülle zu befördern würde bedeuten, es gibt einen Junkie-Vergewaltiger weniger auf der Welt. Sie würde allen einen Gefallen tun.

Er schreit auf. Blubbert eine große Rotzblase hervor.

Der Schläger fällt aus ihren Händen.

»Zieh Leine«, murmelt sie und stupst ihn mit dem Fuß an.

Anscheinend erkennt er eine Begnadigung nicht, wenn er eine sieht.

Sie tritt ihm Sand ins Ohr. »Ich sagte, zieh verdammt noch mal Leine!«

Der Fixer jault auf, bewegt sich im Krebsgang von ihr fort, bis es ihm gelingt, aufzustehen. Er verdrückt sich zwischen zwei extragroßen Wohnwagen hindurch.

Miriam geht rein. Sie zündet sich noch eine Zigarette an, hört Louis’ Stimme in ihrem Kopf schimpfen, weil sie hier drin nicht rauchen soll. Aber im Augenblick ist ihr das egal. Wie sehr sie sich auch bemüht, es kümmert sie einfach nicht.

Sie findet sich im Bad wieder – beziehungsweise in dem, was dafür durchgeht. Es ist so beengt, dass man sich kaum umdrehen kann. Die Tür ist nicht mal eine Tür, nur ein Faltstoff, den man zuzieht. Unter ihr: ein Teppich in Durchfallfarbe. Wenn man sein Bad mit Teppich auslegen will, ist die Entscheidung für einen Scheißfarbton wohl die naheliegende Wahl.

Das Blut an Miriams Stirn ist klebrig. Wie eine scharrende Katze dreht sie an der Klopapierrolle, bis ein Haufen Zellstoff auf dem Boden liegt. Ratsch. Sie tupft sich den Kopf damit ab und betrachtet die schwarzrote Furche, die quer durch ihr Haar geht.

Haar, das früher einmal je nach Wochentag eine andere Farbe hatte. Blau, violett, blond, grün, völlig egal. Schwarzdrosselschwarz. Vampirrot.

Nun ist es einfach kastanienbraun. Ihre natürliche Farbe.

An der Seite zurechtgestutzt durch die Furche der Kugel.

Auf einmal kommt es ihr so vor, als seien die Wände näher gerückt. Näher als sonst. Sie kriegt kaum noch Luft und drückt die Zigarette im Waschbecken aus.

»Scheiß drauf!«, sagt sie zu niemandem außer dem toten Vogel. Ihre Stimme zittert, klingt bleiern wie Regen auf einer Blechplatte. Feuchte Hände. Übelkeit. »Ich bin hier fertig.«

Sie geht und packt eine Tasche.

SECHS

Hier lang zum großen Abmarsch

Ein langes Stück Jersey-Highway vor Augen – Highway 72, Barnegat Road. Hitzedämpfe steigen vom grauen Schotterbelag auf, und die gelb gestrichelte Linie zwischen den Spuren sieht aus wie schmelzende Butterstückchen.

Es ist eine zweispurige Straße. Autos fahren vorbei. Auf dem Weg zur Küste. Oder kommen von der Küste. Familien in Kleinbusse gepackt. Studentenverbindungsproleten, die aus offenen Jeeps hupen, aus denen schlechte Musik dröhnt. Jemand auf einem Fahrrad, gekleidet in eng anliegendes Elastan, das lückenlos mit Firmenlogos geschmückt ist, als wäre er ein gesponserter Rennfahrer und nicht bloß eins dieser Arschlöcher mit Geltungsbedürfnis.

Verdammt, ich hätte mein Fahrrad nehmen sollen. Aber dann denkt sie, nein, das war nicht der Plan. Der Plan war, zurück auf den alten Weg zu kommen. Den normalen Weg. Den Miriam-Black-Weg.

Alles, was sie braucht, sind ihr Anhalterdaumen und ihre Fluchtstelzen.

Es war Zeit, Auf Wiedersehen zu sagen. Den Anker loszuwerden, den Louis und dieses Leben ihr anhängten, und erneut ein freies Radikal zu werden, das durch die arteriellen Seitenwege der kreislaufartigen Highways der Vereinigten Staaten von Amerika rast. Wie ein krebserregender Staubpartikel.

Doch aus irgendeinem Grund streckt sie den Daumen nicht aus.

Sie geht einfach weiter.

»Ich werd’ mir irgendwo weiter vorn eine Mitfahrgelegenheit suchen«, sagt sie, wobei sie sich an niemanden wendet außer an die schwarzen Truthahngeier, die über ihr in der heißen Luft kreisen, die von der Straße aufsteigt. Bei Miriams Anblick denken sie wahrscheinlich, dass sie gleich tot umfallen wird, und dann können sie ihre Knochen abnagen.

Miriam hat nicht vor, ihnen diesen Gefallen zu tun. Hässliche Vögel. Obenrum kahl, damit sie ohne Schwierigkeiten ihre verschrumpelten, dolchartigen Köpfe in das schleimig-eklige Fleisch eines verwesenden Tiers bohren können. Du warst auch einmal ein Geier, denkt sie. Du wirst wieder einer sein.

Schweiß verklebt ihre Stirn. Läuft ihr in die Augen. Brennt.

Links und rechts: Bäume. Hauptsächlich Kiefern mit dünnen, dürren Nadeln.

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