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Blackbirds

Über den Autor

Chuck Wendig schreibt Romane, Drehbücher, Kurzgeschichten und Essays. Mit seinem Kollegen Lance Weiler hat er das Drehbuch zum Kurzfilm Pandemic verfasst, der auf dem Sundance Film Festival gezeigt wurde. Für das Projekt Collapsus wurden beide für den Digital Emmy nominiert. Wendig lebt mit seiner Familie in Pennsylvania. Er ist sehr aktiv auf seiner Webseite www.terribleminds.com.

CHUCK WENDIG

BLACKBIRDS

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Axel Franken

BASTEI ENTERTAINMENT

TEIL EINS

Abbildung

EINS
Der Tod von Del Amico

Das Licht der Autoscheinwerfer tastet sich durch kaputte Moteljalousien.

Als es hereinfällt, betrachtet sich Miriam im schmutzigen Spiegel.

Ich sehe aus wie jemand, der von einem staubigen Highway hereingeweht wurde, denkt sie. Dreckige, zerrissene Jeans. Knappes, weißes T-Shirt. Wasserstoffblonde Haare, deren Ansatz dunkel nachwächst, dunkle und erdfarbene Haarwurzeln.

Sie stemmt die Hände in die Hüften und wiegt sie erst in diese, dann in jene Richtung. Mit dem Handrücken wischt sie verschmierten Lippenstift weg, dort, wo Del sie geküsst hat.

»Die Lichter müssen an sein.« Die Worte sind an niemanden gerichtet; sie prophezeien nur, was geschehen wird.

Miriam schaltet die Lampe am Bett an. Fahlgelbes Licht erhellt das schäbige Zimmer.

Mitten auf dem Boden sitzt reglos eine Kakerlake.

»Husch!«, sagt sie. »Hau ab! Du darfst gehen.«

Die Kakerlake tut wie geheißen. Erleichtert flitzt sie unter das Schrankbett.

Also, zurück zum Spiegel.

»Man hat immer schon gesagt, du hättest eine alte Seele«, murmelt sie. Heute Abend fühlt sie sich auch so.

Im Bad prasselt die Dusche. Es ist jetzt fast Zeit. Miriam setzt sich auf die Bettkante und reibt sich die Augen. Sie gähnt.

Sie hört das Quietschen der Drehknöpfe an der Dusche. Die Leitungsrohre in den Wänden ächzen und rattern, als würde ein Zug vorbeifahren. Sie krümmt ihre langen, schmalen Affenzehen und streckt sie wieder aus. Die Zehenknöchel knacken.

Im Bad summt Del vor sich hin. Irgendeine Hintertupfingen-Flachwichser-Countrymelodie. Miriam hasst Country. Diese Musik ist der dumpfe, pulsierende Herzschlag des Kernlands. Augenblick mal. Das hier ist North Carolina, richtig? Ist North Carolina das Kernland? Egal.

Das Kernland. Die Konföderation. Das weite flache Nirgendwo. Ist das überhaupt von Bedeutung?

Die Tür zum Bad geht auf, und Del Amico kommt heraus, in geisterhafte Dampfschwaden gehüllt.

Möglicherweise ist er einmal attraktiv gewesen. In diesem Licht könnte man sagen, er ist es noch. Er ist in den mittleren Jahren, mager wie ein Strohhalm. Arme wie Seile, harte Waden. Billige, gewöhnliche Retro-Pants sitzen straff auf knochigen Hüften.

Er hat einen guten Kiefer, ein nettes Kinn, denkt sie, und die Stoppeln schaden nicht.

Er lächelt sie groß und breit an und leckt sich die Zähne – strahlende Beißer, über die sich mit einem Quietschen die Zunge schlängelt.

Sie riecht Minze.

»Mundwasser«, sagt er, spitzt die Lippen und bläst seinen heißen, frischen Atem in ihre Richtung. Er reibt sich mit einem verschlissenen Handtuch über den Kopf. »Hab was davon unterm Waschbecken gefunden.«

»Super«, sagt sie. »Hey, ich habe eine neue Idee für eine Buntstiftfarbe: Kakerlakenbraun.«

Del guckt unter der Kapuze, die sein Handtuch formt, hervor. »Was? Buntstift? Wovon zum Teufel redest du?«

»Crayola macht alle möglichen verrückten Farben, kennst du doch. Gebrannte Umbra. Gebrannte Siena. Blanchierte Mandel. Säuglingskackegelb. Und so weiter und so fort. Ich will nur sagen, Kakerlaken haben ihre eigene Farbe. Sie ist individuell. Crayola sollte da einsteigen. Die Kinder werden es lieben.«

Del lacht, aber er ist offensichtlich ein bisschen verwirrt. Er trocknet sich weiter ab und hört auf einmal auf. Er blinzelt und sieht sie an, als versuchte er, den Delfin in einem dieser Magic-Eye-Bilder zu sehen.

Er schaut an ihr hoch und runter.

»Ich dachte, du hättest gesagt, du würdest dich hier drin … ein bisschen locker machen«, sagt er.

Miriam zuckt die Schultern. »Ooch. Nein. Um die Wahrheit zu sagen, ich bin nie so richtig locker. Tut mir leid.«

»Aber …« Seine Stimme verliert sich. Sein Mund formt die Worte, bevor er sie ausspricht und sagt schließlich: »Du bist nicht nackt!«

»Gut erkannt«, sagt sie und gibt ihm ein Daumen-hoch und ein Augenzwinkern. »Ich hab’ schlechte Neuigkeiten, Del. Ich bin eigentlich gar keine Truck-Stop-Prostituierte, und außerdem werden wir an diesem schönen Abend nicht ficken. Oder diesem Morgen. Ich denke doch, es ist Morgen? So oder so, kein Ficken. Ohne Moos nichts los.«

Die starken Kiefer mahlen. »Aber du hast es angeboten. Du schuldest mir das.«

»In Anbetracht dessen, dass du mich genau genommen noch nicht bezahlt hast, und außerdem in Anbetracht dessen, dass Prostitution in diesem Staat nicht legal ist – obwohl es mir fernliegt, sittliches Verhalten in Gesetze zu pressen; offen gesagt finde ich, was die Leute machen, ist ihre Sache  –, denke ich, dass ich dir einen feuchten Dreck schulde, Del.«

»Verdammt!«, sagt er. »Du hörst dir gern beim Reden zu, stimmt’s?«

»Stimmt.« Das tut sie.

»Du bist eine Lügnerin. Eine Lügnerin mit einem dreckigen kleinen Mundwerk!«

»Meine Mutter hat immer gesagt, ich hätte ein Mundwerk wie ein Seemann. Nicht in einem Hey-Kumpel-Sinn, sondern in einem Fick-das-und-Scheiß-auf-jenes-Sinn. Und ja, ich bin eine ziemlich große Lügnerin. Buhu, du hast mich erwischt.«

Es ist, als wüsste er nicht, was er tun soll. Sie sieht es; sie hat ihn wirklich auf die Palme gebracht. Seine Nasenlöcher weiten sich, als ob er ein Stier kurz vorm Losstürmen wäre.

»Eine Lady sollte respektvoll sein«, ist alles, was er durch zusammengebissene Zähne hervorquetschen kann. Er wirft das Handtuch in die Ecke.

Miriam schnaubt verächtlich. »Ich bin sowas von einer Lady. My Fair verfickte Lady

Del holt tief Luft, geht zur Kommode rüber, dann schiebt er sich eine abgeranzte, wertlose Timex übers knochige Handgelenk. Es dauert nicht lang, bis er sieht, was sie neben seiner Uhr für ihn ausgebreitet hat.

»Was zum …?«

Er nimmt den Packen Fotos, hält sie hoch, blättert sie durch. Eine Frau und zwei kleine Mädchen auf einer Spezialfotoserie von Sears. Die Kinder auf dem Spielplatz. Die Frau auf irgendeiner Hochzeit.

»Die habe ich in deinem Auto gefunden«, erklärt Miriam. »Deine Familie, stimmt’s? Ich fand es irgendwie interessant, dass du eine Prostituierte – äh, vermeintliche Prostituierte – in ein Motelzimmer mitnimmst. Scheint mir nicht das zu sein, was ein guter Ehemann oder Vater tun würde, aber was weiß ich schon? Andererseits ist das vielleicht der Grund, weshalb du sie ganz hinten in deinem Handschuhfach versteckst. Es ist, als trenne euch ein Spiegel – wenn du sie nicht sehen kannst, können sie dich nicht sehen.«

Del wirbelt auf dem Absatz herum, bleibt auf den Zehen stehen, die Brieftaschenfotos in der zitternden Hand.

»Wer bist du, darüber zu urteilen?« Er kocht vor Wut.

Sie winkt ab. »Ach, sei still, ich urteile nicht. Ich warte bloß. Und wo wir schon warten, sollte ich dir wahrscheinlich auch erzählen, dass ich dich jetzt schon seit ein paar Wochen verfolge.«

Seine Augen verengen sich wieder, und er sieht sie an, als ob er sie vielleicht erkennt oder es zumindest versucht.

Sie redet weiter. »Ich weiß, dass du Schlampen magst. Professionelle, Nutten, Huren. Alle anderen auch. Du bist der Typ Kerl, der von jeder Pralinenschachtel nascht. Abwechslung ist das Salz des Lebens und so. Das ist schön für dich. Zufällig weiß ich auch, dass du gern, außerhalb gewisser relativ langweiliger sexueller Neigungen, Frauen schlägst. Vier Prostituierte. Zwei mit blauen Augen, eine mit einer Platzwunde am Kinn, die vierte mit einer kaputten Unterlippe …«

Del bewegt sich schnell.

Peng. Eine fest geballte Faust landet auf Miriams rechtem Auge und schleudert sie zurück aufs Bett. Kapillaren platzen. Feuerwerk auf einem schwarzen Hintergrund. Keuchend krabbelt sie rückwärts, denn sie denkt, dass er sich auf sie stürzen und versuchen wird, sie zu prügeln oder zu würgen; aber als sie sich zusammengekauert hat und bereit ist, zu treten, zu beißen oder ihm mit dem Unterarm den Kehlkopf zu brechen, sieht sie, dass er sich keinen Zentimeter bewegt hat.

Er steht einfach nur da. Zitternd. Wütend, traurig, verwirrt, sie kann es nicht sagen.

Sie wartet, bis es vorbei ist. Er bewegt sich nicht auf sie zu. Inzwischen sieht er sie nicht einmal mehr an – Del starrt jetzt auf einen Punkt im Nirgendwo tausend Meilen weg von hier.

Behutsam greift Miriam zum Nachttischchen und dreht den Wecker zu sich, sodass sie die Uhrzeit ablesen kann. Es ist ein Steinzeitwecker, die Sorte mit Ziffertafeln, die umschlagen, als ob die Tante im Fernsehen, die vom Glücksrad, sie herumklappen würde. Immer mit einem Klick.

»12.40 Uhr«, sagt sie. »Das heißt, du hast drei Minuten.«

»Drei Minuten?« Seine Augen werden zu Schlitzen, als er versucht zu durchschauen, was sie vorhat.

»Das ist richtig, Del, drei Minuten. Jetzt ist der Zeitpunkt, dich zu fragen: Gibt es irgendwelche Gedanken, die du teilen willst? Omas Maisbrotrezept? Das Versteck eines vergrabenen Piratenschatzes? Irgendwelche poetischen letzten Worte? Du weißt schon: Entweder die Tapete verschwindet oder ich?« Sie winkt ab. »Ich weiß, ein Oscar-Wilde-Verweis. Das war zu weit hergeholt. Mein Fehler.«

Del bewegt sich nicht, spannt sich aber an. Jeder Muskel liegt straff am Knochen an.

»Du denkst, du wirst mich gleich umbringen?«, fragt er. »Denkst du das?«

Sie schnalzt mit der Zunge. »Nein, Sir, das denke ich nicht. Ich bin nicht der Killer-Typ. Ich bin eher passiv-aggressiv als aggressiv. Ich bin eine Abwarten-und-Teetrinken-Art von Mädchen. Mehr Geier als Falke.«

Sie starren einander an. Miriam fühlt sich verängstigt und krank – und ein bisschen erregt.

Klick. Die 0 klappt zur 1 um.

»Du willst mich wieder schlagen«, sagt sie.

»Könnt’ schon sein.«

»Du denkst: Ich werde sie wieder schlagen, und dann werde ich sie durchficken, wie sie es verdient – natürlich vorausgesetzt, dass du Klein-Dale ins Rennen schicken kannst. Ich hab die Schwanzpillen in deinem Handschuhfach gesehen. Neben dem Oxycodon.«

»Halt verdammt noch mal die Klappe!«

Sie hält einen Finger hoch. »Lass mich dir trotzdem eine Frage stellen. Du schlägst deine Frau und deine Töchter?«

Er zögert.

Sie ist sich nicht sicher, was das bedeutet. Heißt es, dass er sich deswegen schuldig fühlt? Oder dass er nie daran denken würde, ihnen ein Haar auf ihren hübschen kleinen Köpfen zu krümmen, und vor Scham sterben würde, falls sie von seinem Lebenswandel wüssten?

»An diesem Punkt ist es nicht so, als ob es eine Rolle spielen würde«, sagt sie. »In erster Linie bin ich einfach neugierig. Du knallst Nutten und schlägst sie ins Gesicht, also haben wir bereits bewiesen, dass du nicht den Vater-des-Jahres-Preis gewinnen wirst. Ich versuche bloß, die Tiefe deines Charakters zu ergründen.«

Er gibt ein frustriertes Keuchen von sich und schlägt nach ihr – ein unbeholfenes, weites Ausholen, klar und geradezu laut angekündigt, als benutze sein Körper ein Megafon. Miriam lehnt sich nach hinten. Die Faust erwischt die Luft vor ihrer Nase, wusch.

Sie fährt einen Absatz aus und erwischt ihn in den Eiern.

Er taumelt zurück, knallt mit dem Steißbein gegen die Wand, stöhnt und hält sich verkrampft die schmerzende Stelle.

»Bei mir kriegst du nur einen Versuch umsonst«, zischt sie. »Knapp vorbei ist auch daneben, Arschloch!«

Klick.

Es ist jetzt 12.42 Uhr.

»Eine Minute«, sagt sie und steht vorsichtig vom Bett auf.

Er kapiert’s immer noch nicht. Sie kapieren’s nie.

»Halt die Klappe!«, wimmert er. »Du verfluchte Hure!«

»Es wird folgendermaßen ablaufen. Jeden Moment werden wir ein Auto draußen auf dem Parkplatz hupen hören …«

Draußen hupt ein Auto. Einmal, dann zweimal, dann ein drittes Mal, als der Fahrer sich auf die Hupe legt, nur damit die Botschaft rüberkommt.

Del schaut von Miriam zum Fenster, dann wieder zurück. Sie hat diesen Blick früher schon gesehen. Es ist der Blick eines eingesperrten Tiers. Er weiß nicht, wo er hinsoll, wohin er laufen soll, aber die Wahrheit ist, er kann nirgends hinlaufen. Er sitzt in der Falle. Was er nicht verstehen kann, ist wie oder wieso.

»Was als Nächstes kommt, fragst du?« Sie schnippt mit den Fingern. »Irgendwo draußen fängt jemand an zu schreien. Vielleicht ist es der Typ, den der Fahrer angehupt hat. Wen kümmert’s? Denn …«

Sie lässt ihre Worte ausklingen, nur um sie von jemandem ersetzen zu lassen, der draußen auf dem Parkplatz schreit. Die Worte sind nicht zu verstehen, nur ein gedämpfter Wortschwall wie der eines Neandertalers.

Dels Augen werden groß.

Miriam formt mit Daumen und Zeigefinger eine Pistole und richtet sie auf den Wecker. Sie lässt den Hahn – ihren Daumen – fallen.

»Bumm!«, sagt sie, und …

Klick.

Es ist jetzt 12.43 Uhr.

»Du hast Epilepsie, Del?«

An seiner Reaktion auf diese Frage erkennt sie, dass sie – wieder einmal – recht hat. Es erklärt, was gleich passieren wird. Für einen Moment wird er ganz ruhig, eine Art gelassener Verwirrung, und dann …

Sein Körper spannt sich an.

»Und da ist es!«, sagt Miriam. »Der Clou, der Matchball, das Ziel.«

Der Anfall trifft ihn wie ein Tsunami.

Del Amicos Körper wird starr. Er kippt nach hinten, wobei er mit dem Kopf knapp die Motelkommode verpasst. Er gibt ein ersticktes Geräusch von sich. Zuerst kniet er noch aufrecht, aber dann krümmt sich sein Rücken, und seine Schulterblätter drücken sich fest auf den verfilzten Berber.

Miriam reibt sich die Augen.

»Ich weiß, was du denkst«, sagt sie, während Dels Augen anfangen, aus seinem Kopf hervorzutreten wie Champagnerkorken, die jeden Moment aus der Flasche schießen. »Mensch, warum steckt mir diese Tussi nicht eine Brieftasche unter die Zunge? Könnte sie mir nicht den einen Gefallen tun? Oder vielleicht denkst du auch, hey, ich hab schon öfter Anfälle gehabt, und keiner davon hat mich umgebracht. Ein Kerl kann ja wohl nicht wirklich die eigene Zunge verschlucken, oder? Das ist doch nur ein Mythos? Oder vielleicht, nur vielleicht, denkst du, ich bin irgendeine Art von völlig bekloppter Highwayhexe mit magischen Kräften.«

Er gurgelt. Seine Wangen verfärben sich rot. Dann lila.

Miriam zuckt mit den Schultern und zieht eine Grimasse, als sie mit grimmiger Faszination beobachtet, wie sich der Anfall entwickelt. Sie sieht diese Szene nicht zum ersten Mal.

»Dem ist nicht so, mein lieber Nutten-Verprügler aus der freundlichen Nachbarschaft. Es ist dein Schicksal, an deines eigenen Mundes Fleisch zu ersticken, hier in diesem gottverfickten Motel am Arsch der Welt. Ich würde ja etwas tun, wenn ich könnte, aber ich kann nicht. Würde ich dir die Brieftasche unter die Zunge schieben, würde ich die Zunge wahrscheinlich nur tiefer reindrücken. Weißt du, meine Mutter hat immer gesagt: ›Miriam, es ist, wie es ist.‹ Und so, Del Amico, ist es.«

Schaum blubbert über Dels aschfarbene Lippen. Die Blutgefäße in seinen Augen platzen.

Genau wie sie es in Erinnerung hat.

Sein starrer Körper wird schlaff. Sein Kampfgeist verlässt ihn. Sein drahtiger Körperbau gibt nach, der Kopf neigt sich in einem üblen Winkel, die Wange knallt auf den Boden.

Dann, als sei es noch nicht genug, kommt die Kakerlake unterm Bett hervorgeflitzt. Sie benutzt Dels verzerrte Oberlippe als Trittleiter und zwängt ihren fetten kleinen Körper in sein Nasenloch, bevor sie verschwindet.

Miriam holt tief Luft und schaudert.

Sie versucht zu sprechen, versucht zu sagen, dass es ihr leidtut, aber …

Sie kann es nicht aufhalten. Sie rennt ins Bad und kotzt ins Klo.

Miriam kniet eine Weile da, den Kopf an die Unterseite des Waschbeckens gelehnt. Das Porzellan fühlt sich kühl an, beruhigend. Sie riecht Minze. Der saubere Duft von billigem Mundwasser.

So erwischt es sie oft. Als ob irgendein Teil von ihr mit ihnen stürbe, irgendein Teil, den sie hervorwürgen und auskotzen und dann fortspülen muss.

Und wie immer weiß sie, dass es ihr danach echt besser gehen wird.

Sie kriecht aus dem Bad, steigt über Dels erkaltenden Körper und holt ihre Kuriertasche von der anderen Seite des Betts. Sie kramt darin herum, findet, wonach sie sucht, und zieht ein zerknittertes Päckchen Marlboro Lights heraus. Sie klopft eine raus, steckt sie sich zwischen die Lippen und zündet sie an.

Miriam atmet Rauch aus, einen Strahl aus jedem Nasenloch. Wie Dampf aus der Nase eines Drachen.

Der Brechreiz lässt nach; eine septische Flut schwemmt das Gift zurück ins Meer.

»Schon viel besser«, sagt sie zu wem auch immer. Dels Geist vielleicht. Oder der Kakerlake.

Dann wühlt sie wieder in der Tasche, um Gegenstand Nummer zwei zu suchen: ein schwarzes Notizbuch mit einem roten Schreiber, der in der Spirale steckt. Das Notizbuch ist fast vollgeschrieben. Nur noch zehn Seiten übrig. Zehn leere Seiten, eine große Leere von entsetzlichem Potenzial: eine ungeschriebene Zukunft, die doch schon festgelegt ist.

»Hey, Augenblick mal!«, sagt sie. »Allmählich werde ich bei der Sache nachlässig. Ich darf das hier nicht vergessen.«

Miriam steht auf, nimmt Dels Hose und sucht nach seiner Brieftasche. Darin findet sie knapp fünfzig Mäuse und eine Mastercard. Genug, um ihren Bauch zu füllen, sie wieder auf die Straße und in die nächste Stadt zu bringen.

»Danke für die Spende, Del.«

Miriam stapelt ein paar Kissen ans Kopfende des Betts und lehnt sich zurück. Sie klappt das Notizbuch auf und schreibt:

Liebes Tagebuch:

Ich hab’s schon wieder getan.

ZWEI
Von Aasfressern und Raubtieren

Interstate 40. Viertel nach eins am Morgen.

Es hat gerade aufgehört zu regnen. Der Highway glänzt.

Die Luft riecht nach nassem Asphalt – ein Duft, den Miriam mit fetten Regenwürmern verbindet, die sich auf feuchtem Schotter dahinschlängeln.

Autoreifen rauschen vorbei. Es zischt. Alles ist eine Schmiere von Scheinwerfern in die eine und Bremslichtern in die andere Richtung.

Miriam ist inzwischen seit zwanzig Minuten hier draußen, und sie fragt sich, warum es nicht einfacher ist. Hier ist sie: knappes, weißes T-Shirt – ein knappes, weißes, nasses T-Shirt und kein BH in Sicht – und der Daumen draußen zum Trampen. Ein Premiumflittchen, eine Güteklasse-A-Straßenschlampe, denkt sie. Und trotzdem hält keiner an.

Ein Lexus rast vorbei.

»Du bist ein Arschloch«, sagt sie.

Ein weißer SUV rumpelt vorbei.

»Und du bist ein Superarschloch.«

Ein Rostlauben-Pick-up kommt näher, und sie denkt: Der ist es. Wer immer diesen Mülleimer fährt, glaubt sicher, dass er diese dürre Straßenschwalbe klarmachen kann.

Der Lieferwagen wird langsamer; der Fahrer will mal einen Blick riskieren. Aber dann beschleunigt er wieder. Die Hupe hupt. Ein leerer Fast-Food-Getränke-Becher wirbelt nahezu elegant durch die Luft und verfehlt nur knapp ihren Kopf. Hinterwäldlerisches Gewieher tönt an ihr vorbei.

Miriam macht aus ihrem Anhalterdaumen einen Mittelfinger und brüllt: »Schwanzlutscher! Fall doch tot um, Fickfresse!«

Sie rechnet damit, dass sie weiterfahren.

Aber: rotes Aufleuchten. Bremslichter. Der Pick-up stoppt plötzlich, dann fährt er auf den Seitenstreifen.

»Scheiße!«, sagt Miriam. Genau das, was ihr gefehlt hat. Halb erwartet sie, den eineiigen Zwilling des werten, unlängst verschiedenen Del Amico aus dem Laster steigen zu sehen, der sich durchs Asi-Shirt den Bauch kratzt. Was sie stattdessen kriegt, sind zwei Studententypen.

Sie grinsen.

Der eine hat den Körperbau eines Feuerwehrmanns und ein Paar stechender, gemeiner Augen unter einer blonden Mähne. Der andere ist kleiner – richtig gedrungen. Dicke, sommersprossige Wangen. Eine Tarheels-Kappe über zwei hervortretenden Arschlochaugen. Saubere Weißer-Junge-Vorstadtkleidung.

Miriam nickt. »Netter Pick-up. Der Tetanus-Express?«

»Gehört meinem Paps«, sagt Blondie und kommt direkt auf sie zu, während weitere Autos an ihnen vorbeifahren. Mr Plump – so nennt sie den andern – schleicht sich von hinten an.

»Ist ’ne echt hübsche Mitfahrgelegenheit«, sagt sie.

»Brauchst du denn eine Mitfahrgelegenheit?«, fragt Mr Plump hinter ihr. Sein Tonfall ist nicht freundlich.

»Nee«, sagt sie. »Ich bin nur hier draußen und mach den Stinkefinger, um mir die Zeit zu vertreiben.«

»Du bist eine Yankee«, sagt Blondie. Ironisch, denn er hat nicht viel vom südlichen Schneid in der Stimme. Diese eiskalten Augen wandern über ihren ganzen Körper. »Eine ziemlich freche Yankee.«

Miriam massiert sich die Schläfen. Sie denkt kurz darüber nach, diesen beiden Vollpfosten von Studenten ein bisschen intelligentes Straßenrandgeplänkel zu gönnen, aber die Wahrheit ist: Ihr ist kalt, sie ist müde, und das blaue Auge fängt an, echt wehzutun.

»Hört zu. Ich weiß, wie das hier abläuft. Ihr Jungs denkt, für euch wird was abfallen. Vielleicht ein flotter Dreier, vielleicht schubst ihr mich auch nur ein bisschen rum, vielleicht seht ihr nach, ob ich Geld habe. Ich hab’s gerafft. Wie jeder gute Aasfresser erkenne ich Raubtiere, wenn ich welche sehe. Aber wisst ihr was? Ich hab einfach nicht die Zeit dafür. Ich bin verdammt müde, echt. Also. Verzieht euch wieder in eure Wundstarrkrampfklapperkiste und zurück auf den Highway, wo ihr hergekommen seid!«

Blondie macht einen Schritt auf sie zu. Er fasst sie nicht an, ist jetzt aber Nase an Nase.

»Ich mag eine große Klappe – sehr vielversprechend«, sagt er und grinst anzüglich.

»Letzte Warnung!«, erwidert sie. »Du siehst das blaue Auge, und du denkst, die hat’s echt mal nötig, aber manchmal lässt ein Mädchen sich aus allen möglichen komplizierten Gründen schlagen. Heute Nacht wird mir das nicht noch mal passieren. Schnallt ihr, was ich euch sage?«

Offenbar nicht, denn Mr Plump legt seine Wurstfinger auf ihre Hüften.

Miriam reagiert.

Ihr Kopf schnellt zurück und bricht Mr Plumps Nase …

Mr Plump ist jetzt in den Fünfzigern, fetter denn je, die Nase eine einzige große Ginblüte, und schreit gerade irgendeine Frau in einem gelben Kleid an, und Schweißperlen stehen ihm auf der Stirn, und Spucketropfen fliegen ihm aus dem Mund – und plötzlich legt er seine dicke Hand auf die Küchenarbeitsplatte, als der Herzanfall ihm die linke Körperhälfte zusammenschnürt und all seine Nervenenden in eine Straßenkarte der Schmerzen verwandelt.

… und er heult auf, und Miriam denkt daran, die Lautstärke aufzudrehen, indem sie nach hinten greift und seine Genitalien mit der Todeskralle packt. Blondie ist verdattert, aber sie weiß, dass ihr nicht viel Zeit bleibt. Sie spuckt ihm ins Auge, was ihr eine weitere Sekunde verschafft, also boxt sie ihm mit der freien Hand einmal, dann ein zweites Mal auf die Gurgel …

Der Krebs frisst ihn auf, der Tumor zerquetscht seine Gedärme zu einem einzigen Durcheinander, aber er ist alt, mindestens Ende siebzig, und er liegt da, umgeben vom Biep und Piep und Blink von Krankenhausapparaturen, und er hat seine Familie bei sich. Ein kleiner Junge ergreift seine Hand. Eine alte Frau beugt sich herab, um ihm einen Kuss auf die Stirn zu geben. Eine Frau in den Vierzigern mit straff nach hinten gezogenen blonden Haaren und einem friedlichen Gesichtsausdruck tätschelt ihm einmal, dann zweimal die Brust, und das war’s – der alte Mann schreit auf, scheißt Blut und stirbt.

… Mr Plump versucht nach ihr zu schlagen, eine tolpatschige Grizzlybärbewegung, aber sie weicht aus, und seine fleischige Handfläche saust nur durch die Luft. Miriams Ellbogen erwischt ihn hart auf die schon ruinierte, bereits blutende Nase, und Mr Plump geht zu Boden.

Blondie, Gesicht rot, immer noch am Würgen, stürzt sich mit der ganzen Gewandtheit eines taumelnden Felsbrockens auf sie. Sie zieht den Oberkörper zurück, um ihm auszuweichen, lässt aber das Knie vorstehen und verpasst ihm eine direkt ins Brotkörbchen. Blondie grunzt, ein hartes Uff aus Luft, und rutscht auf etwas Schotter aus. Er geht zu Boden.

»Denkt ihr, ich komme hier raus und weiß nicht, wie ich mich wehren kann?«, schreit sie sie an. Sie hebt eine Handvoll Schotter auf und wirft ihn nach Blondie, der stöhnt und seinen Kopf schützt. Miriam hustet noch einen Spuckeklumpen aus und spuckt ihn ihm in die Haare. Als Zugabe reißt sie Mr Plump die Tarheel-Kappe runter und schleudert sie auf den Highway. »Arschlöcher!«

Dann: grelles Weiß. Scheinwerfer. Großer brummender Schatten.

Das Zischen hydraulischer Bremsen.

Ein Sattelschlepper – die Zugmaschine ohne Auflieger – kommt auf dem Seitenstreifen zum Stehen, so dass der Schotter unter seinen massiven Reifen kracht.

Miriam schirmt die Augen ab, sieht die Silhouette des Fahrers. Jesus, denkt sie, das ist ein gottverdammter Frankenstein. Wo sind die Fackeln und Mistgabeln, wenn man sie braucht?

Der Frankenstein hält ein Brecheisen in der Hand.

»Alles okay hier?«, fragt Frankenstein. Die Stimme dröhnt, sogar über das Leerlaufrumpeln des Lasters hinweg.

»Wir haben nur ein kleines freundschaftliches Gerangel!«, überschreit Miriam den Motor des Sattelschleppers.

Sie kann sein Gesicht nicht sehen, aber sie sieht, dass Frankenstein seinen Betonziegelkopf dreht und Mr Plump und Blondie beäugt. Er zuckt die Schultern. »Brauchst du eine Mitfahrgelegenheit?«

»Meinst du mich oder eins der beiden stöhnenden Arschlöcher?«

»Dich.«

»Warum nicht«, murmelt Miriam und geht rüber zum Führerhaus, um einzusteigen.

ZWISCHENSPIEL
Das Interview

Miriam nimmt einen Schluck aus ihrer Wasserflasche. Nö, immer noch kein Wodka, denkt sie.

Über ihrem Kopf rascheln Spatzen im Dachstuhl des Lagerhauses mit den Flügeln – dunkle, unruhige Umrisse.

Sie zündet sich noch eine Marlboro an. Schnippt den Aschenbecher hin und her, so wie eine Katze vielleicht mit einer Maus spielen würde. Bläst Rauchkringel. Trommelt mit den Fingern, sodass die Nägel – manche abgekaut bis zur Nagelhaut, manche lang geblieben – auf der Oberfläche des Spieltischs klacken.

Endlich öffnet sich die Tür.

Der Kleine kommt rein, ein Notebook und ein paar lose Seiten unter den Arm geklemmt, eine Laptoptasche an einem Riemen über der Schulter, ein digitales Aufzeichnungsgerät baumelt an einer Schnur um seinen Hals. Seine Haare sind ein einziges Durcheinander. Er zieht sich einen Stuhl ran.

»’tschuldigung«, sagt er.

Miriam zuckt die Schultern. »Egal. Paul, richtig?«

»Paul. Ja.« Er streckt ihr die Hand hin.

Sie starrt die Hand an, als ob ein Schwanz und Eier daran hingen. Zuerst rafft er es nicht, aber dann dämmert es ihm. »Oh. Ah. Richtig.«

»Willst du es wirklich wissen?«, fragt sie.

Paul zieht die Hand zurück und schüttelt leicht den Kopf – nein. Er setzt sich, ohne noch ein Wort zu sagen. Er holt das Notebook unterm Arm hervor, ein paar Exemplare seines Magazins (Schlagzeilen wie Erpresserbriefe, gedruckt auf Seiten von fluoreszierendem Pink, stechendem Zitronengelb, Nuklear-Neongrün) und stellt das digitale Aufzeichnungsgerät vorsichtig auf die Tischmitte.

»Danke für das Interview«, sagt er. Der Kleine klingt nervös.

»Na klar.« Sie zieht an der Zigarette. Nach einem Rauchstoß in seine Richtung fügt sie hinzu: »Ich habe nichts dagegen, darüber zu reden. Es ist kein Geheimnis. Es ist nur so, dass niemand zuhört.«

»Ich höre zu.«

»Ich weiß. Hast du mir mitgebracht, was ich haben wollte?«

Er zieht eine zerknitterte braune Tüte heraus und stellt sie mit einem Klonk vor sie hin.

Sie schnippt mit den Fingern. »Es wird sich nicht von selbst auspacken, oder?«

Hastig nimmt Paul die Flasche Scotch – Johnny Walker Red Label – aus der Tüte.

»Für mich?«, fragt sie und winkt ab. »Das wäre doch nicht nötig gewesen.«

Sie schraubt den Deckel ab und nimmt einen ordentlichen Schluck.

»Unser Blatt – es heißt Rebel Base – erreicht so zirka hundert Leser oder so. Und bald werden wir im Internet sein!«

»Willkommen in der Zukunft, was?« Sie fummelt am feuchten Rand der Scotchflasche herum. »Es interessiert mich übrigens nicht wirklich. Ich bin nur froh, wenn ich reden kann. Ich rede gern.«

»Okay.«

Sie sitzen da und starren einander an.

»Interviews hast du ja nicht so gut drauf«, sagt sie.

»Tut mir leid. Sie sind bloß nicht die, die ich erwartet habe.«

»Und wen hast du erwartet?«

Er zögert. Betrachtet sie von oben bis unten. Zuerst fragt sich Miriam, ob er vielleicht scharf auf sie ist, sie vielleicht bespringen will. Aber das ist es nicht. Auf seinem Gesicht liegt derselbe Ausdruck, den man möglicherweise hat, wenn man ein zweiköpfiges Lamm bestaunt oder ein Bild der Jungfrau Maria, das sich in eine Scheibe Toast gebrannt hat.

»Mein Onkel Joe sagt, Sie sind die einzig Wahre«, erklärt er.

»Dein Onkel Joe. Ich würde ja fragen, wie es ihm geht, aber …«

»Es ist gekommen, wie Sie gesagt haben.«

Miriam ist nicht überrascht.

»Bisher habe ich mich noch nie geirrt. Fürs Protokoll, ich habe Joe gemocht. Ich habe ihn in einer Kneipe kennengelernt. Ich war betrunken, er rempelte mich an, und ich sah den Schlaganfall, der ihn umbringen würde. Scheiß drauf, dachte ich und hab es ihm erzählt. Jedes Detail – da steckt der Teufel drin, weißt du, genau dort in den verdammten Details. Ich sagte, Joe, du wirst draußen beim Angeln sein. Es wird in einem Jahr von heute an passieren – na ja, eigentlich in 377 Tagen, und ich musste ein bisschen auf einer Serviette herumrechnen, um die Zahl und das Datum rauszukriegen. Ich sagte, du wirst da draußen in deiner Watthose sein, du wirst einen Großen fangen. Nicht den größten Fisch, nicht den besten, aber einen großen. Ich wusste nicht, was für eine Art, weil, scheiße, ich bin kein Fischologe …«

»Ich glaube, es heißt Ichthyologe.«

»Ich bin doch kein Wissenschaftler, und mir liegt auch nichts dran, einer zu werden. Er meinte, es würde wahrscheinlich eine Forelle sein. Eine Regenbogenforelle. Oder ein Forellenbarsch. Er fragte mich, was für einen Köder er an der Schnur hätte, und ich sagte, er sähe aus wie ein glänzender Penny, einer, den ein Zug platt gemacht hat, sodass er ein zerquetschtes Oval ergibt. Er nannte es einen Spinner, sagte, dass er die benutzt, um Forellen zu angeln. Nochmal, ich bin kein Ick… ähh, Ithky… kein Fischologe eben.«

Sie drückt die Zigarette in den Aschenbecher und zerquetscht sie.

»Ich sagte, Joe, du wirst da stehen mit diesem Fisch in der Hand, und du wirst lächeln und pfeifen, obwohl niemand in der Nähe ist, und ihn hochhalten, damit Gott und all die andern Fische ihn sehen können, und das ist der Moment, in dem es dich erwischen wird. Ein Blutgerinnsel wird sich lösen und durch deine Arterien schießen wie eine Kugel durch einen gezogenen Lauf. Peng! Direkt ins Gehirn. Du wirst die kognitiven Funktionen verlieren, sagte ich. Du wirst ins Wasser fallen. Niemand wird für dich da sein. Du wirst sterben, und der Fisch schwimmt weiter.«

Paul ist still. Er kaut mit den zu weißen Zähnen eines Teenagers auf seiner Lippe herum.

»Genau so haben sie ihn gefunden«, sagt Paul. »Rute in der Hand.«

Miriam kichert. »Rute in der Hand!«

Paul blinzelt.

»Schnallst du es? Rute? In der Hand? Weißt schon, wie sein Schwanz.« Sie winkt ab und nimmt sich noch eine Marlboro raus. »Ach, zum Teufel. Joe hätte es gefallen. Joe wusste eine feine Zweideutigkeit zu schätzen.«

»Haben Sie mit ihm geschlafen?«, fragt Paul.

Miriam täuscht Schockiertsein vor. Sie fächelt sich Luft zu wie eine beleidigte Südstaatendebütantin.

»Aber Paul, was denkst du von mir? Ich bin der Inbegriff der Keuschheit!«

Er kauft es ihr nicht ab.

Sie zündet sich die Zigarette an und winkt ab. »Alter, den Schlüssel zu meinem Keuschheitsgürtel hab ich schon vor langer Zeit ausrangiert – aufgeschlossen und ab in den Fluss damit, jawohl. Abgesehen davon – nein, Paul, ich habe nicht mit deinem Onkel gefickt. Wir haben nur zusammen getrunken. Bis die Bedienung uns rausgekehrt hat. Und dann ging er seines und ich meines Weges. Ich war mir nicht sicher, ob er mir wirklich glaubte, bis du mich gefunden hast.«

»Er hat mir, ungefähr einen Monat bevor er starb, davon erzählt«, sagt Paul und fährt sich mit den Fingern durchs ungekämmte Haar. Paul starrt auf irgendeinen Punkt in der Ferne, während er sich erinnert. »Er hat es restlos geglaubt. Ich sagte zu ihm, geh einfach nicht angeln an dem Tag. Und er zuckte die Schultern und sagte bloß, er wolle aber unbedingt angeln gehen, und wenn das die Art sei, wie er sterben solle, dann sollte es eben so sein. Es hat ihm einen Kick gegeben, glaube ich.«

Paul greift hinüber und schaltet das Gerät ein. Er beobachtet sie aufmerksam. Sucht er nach ihrer Zustimmung? Meint er, sie stürzt sich auf ihn und beißt ihn?

»Also«, sagt er. »Wie funktioniert es?«

Miriam holt tief Luft. »Dieses Dingsda, das ich habe?«

»Ja. Genau. Das.«

»Nun, Paul, dieses Dingsda … Es hat Regeln.«

DREI
Louis

Langer Highway. Alles andere ist schwarz, weggezogen in die Schatten. Alles, was existiert, ist das, was die Scheinwerfer enthüllen – der leuchtende Mittelstreifen, die Mittelleitplanke, eine Kiefer oder ein Ausfahrtsschild, wenn sie aus der Dunkelheit auftauchen und wieder darin verschwinden.

Der große Trucker ist so, wie sein Schatten andeutete: Dosenschinkenhände, Schultern wie Granitbrocken, ein Brustkorb wie ein Packen zusammengeschnürter Fässer. Aber er ist glatt rasiert, mit einem weichen Gesicht und freundlichen Augen, die Haare haben die Farbe von Strandsand.

Vermutlich ein Vergewaltiger, denkt Miriam.

Das Führerhaus des Lasters ist ebenfalls sauber. Fast schon zu sauber, kein Körnchen Staub oder Straßenschmutz. Ein Kontrollfreak, ein Sauberkeitsfreak, Serienvergewaltiger-trägt-die-Kleider-von-Frauen-Freak, denkt Miriam. Radio und das Funkgerät sind auf einer Chromplatte montiert. Die Sitze sind aus braunem Leder (vermutlich Menschenleder). Ein Paar Würfel – hohles Aluminium, die Augen ausgestanzt – hängt am Rückspiegel und dreht sich träge.

»Das ganze Leben ist ein Würfelspiel«, sagt sie.

Frankenstein betrachtet Miriam, als ob sie ihn verwirrt.

»Wo soll’s hingeh’n?«, fragt er, während er sie mustert.

»Nirgendwohin«, antwortet sie. »Irgendwohin.«

»Es ist dir egal?«

»Völlig. Bring mich nur von diesem Motel und diesen beiden Trotteln weg.«

»Was ist, wenn ich zu einem anderen Motel unterwegs bin?«

»Solange es nicht dieses Motel ist, ist alles prima.«

Frankenstein sieht nachdenklich aus. Seine großen Hände legen sich fest ums Lenkrad. Seine Stirn furcht sich.

Sie fragt sich, ob er wohl an die Sachen denkt, die er ihr antun wird. Oder was er vielleicht aus ihrem gebleichten Schädel machen wird. Eine Bonbonschale wäre nett, findet sie. Oder eine Lampe. Sie war in Mexiko – wann noch mal, vor zwei Jahren? Während der Feierlichkeiten am Tag der Toten. All die farbenfrohen ofrendas – die Bananen, das pan-de-muerto-Brot, die Ringelblumen, die Mangos, die roten und gelben Bänder. Aber was wirklich Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, waren die Zuckerschädel: gehärtete Baiser-Memento-mori, mit bunten Zuckerstreuseln gesprenkelt, jeder mit weit aufgerissenen Augen und grinsend, glückselig in seinem köstlichen Totsein. Vielleicht ist dieser Typ ja cool genug, um so was mit ihrem Schädel zu machen. Ihn mit Zucker zu lackieren. Lecker.

»Ich bin Louis«, sagt Frankenstein und unterbricht ihre Fantasien.

»Alter«, sagt sie. »Ich will mich nicht mit dir anfreunden. Ich will bloß weg.«

Das wird ihn zum Schweigen bringen, denkt sie. Und das tut es auch.

Aber es macht ihn auch nachdenklicher. Frankenstein – Louis – nagt an seiner Lippe. Er tippt leicht aufs Lenkrad. Ist er verrückt? Traurig? Bereit, sie vorzeitig zu vergewaltigen? Sie kann es nicht sagen.

»Na schön!«, platzt sie heraus. »Du willst also reden, fabelhaft. Klar. Ja. Lass uns reden!«

Er ist überrascht. Er sagt nichts.

Miriam beschließt, dass sie das Heft in die Hand nehmen muss.

»Willst du was über das Veilchen wissen?«, fragt sie.

»Das was?«

»Den Bluterguss. Das blaue Auge. Du hast es doch sofort gesehen, als ich in diesen Truck gestiegen bin, lüg nicht.« Sie räuspert sich. »Übrigens ein sehr netter Truck. So leuchtend wie mein Veilchen.« Sie denkt. Wahrscheinlich polierst du ihn mit den Haaren, die du vom Skalpieren hübscher Mädchen hast, wie ich eins bin. Miriam braucht einen Moment, um sich selbst zu loben. Normalerweise würde sie so etwas laut sagen, was wahrscheinlich dazu führen würde, dass sie auf den regennassen Highway rausgeworfen würde.

»Nein«, sagt er. »Ich meine, ja, ich habe es gesehen. Aber du brauchst mir nicht zu erzählen …«

Miriam öffnet ihre Tasche und fängt an, darin herumzustöbern. »Du wirkst perplex.«

»Perplex?«

»Ja. Perplex. Das ist ein gutes Wort, nicht wahr? Es klingt wie ein erfundenes Wort, wie vielleicht ein Wort, das ein Dreijähriger anstelle eines anderen Wortes benutzen würde. Du weißt schon, wie: Mami, mein Perplex tut weh, ich glaube, ich habe zu viel Pasghetti gegesst.«

»Ich … so habe ich das noch nie betrachtet.«

Sie schraubt sich eine Zigarette zwischen die Lippen und macht Anstalten, das Feuerzeug anzuknipsen.

»Hast du was dagegen, wenn ich rauche?«

»Habe ich. Du darfst hier drin nicht rauchen.«

Sie runzelt die Stirn. Sie könnte echt eine Kippe vertragen. Mit finsterer Miene steckt sie das Feuerzeug weg, lässt aber die Zigarette zwischen ihren Lippen baumeln.

»Meinetwegen. Dein Truck. Also. Das blaue Auge, darüber willst du doch reden.«

»Hat es dir einer dieser Jungen verpasst? Wir könnten die Polizei rufen.«

Sie schnaubt verächtlich. »Sieht es so aus, als ob einer dieser Studentenhackfressen mir ein blaues Auge verpasst hätte? Nein, dieses Veilchen kommt von meinem Freund, wie sich’s gehört.«

»Dein Freund schlägt dich?«

»Nicht mehr. Mit solchem Abschaum bin ich fertig. Deshalb will ich ja auch nicht zurück ins Motel, verstehst du? Weil dieser Scheißkerl dort ist.«

»Du hast ihn verlassen.«

»Ich hab gewissermaßen die Scheiße aus ihm rausgelassen. Hör zu. Er liegt da auf dem Bett, selbstgefällig und zufrieden, nachdem er mir eine aufs Auge geballert und sich dann die Fernbedienung gegriffen hat – immerhin hat er mir die nicht auch noch aufs andere Auge geknallt, was? –, und der blöde Saftsack schläft ein. Autsch. Echt mieser Stil. Er fängt an zu schnarchen wie ein betrunkener Bär mit Schlafapnoe, und ich denke, jetzt ist Schluss. Ich hab’s satt, herumgeschubst zu werden. Ich hab die Brandwunden von den Zigaretten, den Gürtel, die Footballschuhe mit den Stollen und den ganzen Scheiß satt.«

Louis starrt geradeaus, als wüsste er nicht so recht, was er von ihrer Geschichte halten soll. Sie redet weiter.

»Also schnappe ich mir ein Paar Handschellen – entschuldige die schmutzigen Details, aber der Wichser wird gern pervers und hat einen echten Machtfetisch. Ich nehme die Handschellen, und behutsam, damit ich ihn nicht wecke, fessle ich ihn mit einem Handgelenk an den Bettpfosten.« Miriam nimmt die Zigarette aus dem Mund und dreht sie zwischen Daumen und Zeigefinger wie einen Tambourstab. »Ich nehme den Schlüssel, und ich gehe los, um ihn ins Klo zu schmeißen, und dann pinkle ich sicherheitshalber noch obendrauf. Aber das ist noch nicht alles – oder wie es im Fernsehen heißt: Aber halt, es gibt noch mehr!«

Miriam, das muss gesagt werden, lügt sehr gern. Sie ist sehr gut darin.

»Ich nahm einen dieser kleinen Plastikbären, die, die mit Honig gefüllt sind. Schon wieder perverse Details, ich weiß, aber der Kerl mochte Essensspiele. Schlagsahne auf meinen Titten, einen Lutscher in meinem Mund, einen Brokkolistrunk in seinem Arsch, was auch immer. Ich nehme also den Honigbären und träufele das klebrige goldene Zeugs über seinen ganzen …«

Sie macht mit dem Zeigefinger eine wirbelnde Bewegung über ihrem Genitalbereich. Für zusätzlichen Nachdruck pfeift sie.

»Herrgott!«, sagt Louis.

»Hey, ich bin noch nicht fertig. Als ich mich verdünnisierte, ließ ich die Tür weit offenstehen. Die Fenster auch. Ich denke mir, was für ein Tier auch reinkommen will und von seinen Honey Nut Cheerios naschen will, soll es ruhig tun. Mücken, Bienen – ein streunender Hund.«

»Herrgott!«, sagt Louis noch einmal durch zusammengebissene Zähne.

»Hat irgendeinen Pu-Bären sehr glücklich gemacht, hoffe ich.« Sie räuspert sich, dann steckt sie die Zigarette zurück zwischen ihre Lippen. »Oder irgendeinen Obdachlosen.«

Die erste Minute lang sagt Louis nichts. Der Lastwagenfahrer sitzt einfach da und regt sich auf. Seine Schultern spannen sich an. Er wirkt angepisst. Weiß er, dass sie gerade gelogen hat? Ist das der Moment, in dem er in die Eisen steigt, sie durch die Windschutzscheibe fliegen lässt, weil sie ihren Sicherheitsgurt nicht angelegt hat, und dann ihren kaputten Körper auf dem durchnässten Schotter schändet?

Bamm! Er schlägt mit der Hand gegen das Lenkrad.

Miriam hat nichts Oberkluges parat. Eine langsame Erkenntnis beschleicht sie: Mit diesem Typen kann sie nicht fertigwerden. Er wird sie wie eine Wanze zerquetschen.

»Verdammte Arschlöcher!«, sagt er.

Sie verengt die Augen. »Was? Wer?«

»Männer.«

»Du bist schwul?« Es ist die Art, wie er es sagt.

Er dreht den Kopf herum und richtet seinen Blick auf sie. »Schwul? Was? Nein!«

»Ich dachte nur …«

»Männer wissen nicht, wie gut sie es haben. Männer sind im Grunde … Kinder. Schweine.«

»Schweinekinder«, bietet Miriam an, ein dezenter Nachtrag.

»Wir sehen nie, was direkt vor uns steht. Die Frauen, die so gütig sind, in unserem Leben zu sein, die behandeln wir einfach wie Abfall. Es ist scheiße. Schlichtweg scheiße. Und Männer, die Frauen schlagen? Die sie ausnutzen? Die es nicht nur nicht schaffen, zu schätzen, was sie haben, sondern einfach nur … missbrauchen, was ihnen gegeben wurde? Meine Frau – als sie mich verließ … Ich wusste nicht zu schätzen …«

Wieder schlägt er das Lenkrad.

Das ist der Punkt, an dem Miriam beschließt, dass sie diesen Mann mag.

Es ist das erste Mal seit … Jahren, dass sie sich auch nur das winzigste bisschen zu jemandem hingezogen fühlt. Er hat etwas an sich: süß, traurig, angeschlagen. Sie weiß, an wen er sie erinnert (Ben, er erinnert dich an Ben), aber daran will sie nicht denken, und sie verdrängt diese Erinnerung in die dunkelsten Winkel ihres Gehirns.

Und dann kann sie nicht anders. Sie muss es wissen. Sie muss es sehen. Es ist ein Zwang. Eine Sucht. Sie bietet ihm die Hand an.

»Ich heiße Miriam.«

Aber er ist immer noch wütend. Er nimmt die angebotene Hand nicht.

Scheiße, denkt sie. Mach schon! Nimm sie! Schüttle sie! Ich muss es sehen!

»Miriam ist ein hübscher Name«, sagt er.

Zögernd zieht sie die Hand zurück. »Freut mich, dich kennenzulernen, Lou.«

»Louis, nicht Lou.«

Sie zuckt die Schultern. »Dein Truck, dein Name.«

»Tut mir leid«, kommt er ihr entgegen. »Ich will nicht nörgeln. Es ist nur …« Er winkt ab. »Sind ein paar lange Wochen gewesen. Komme gerade von einer Fuhre nach Cincinnati zurück und muss jetzt nach Charlotte, um eine andere Ladung aufzunehmen.«

Er holt durch die Nase tief Luft, als ob er versucht, seinen Mut zusammenzunehmen.

»Die Sache ist die, ich habe ein paar Tage da unten, bevor ich mir die nächste Fuhre schnappe. Ich krieg nicht allzu viele Tage frei, normalerweise fahr ich schnurstracks durch, aber … ich hab mir überlegt … Vielleicht bist du ja dort unten in der Gegend. Es ist nur eine Stunde südlich von hier. Und vielleicht, wenn du dort in der Gegend bist, und du hast einen freien Abend – na ja. Wir könnten essen gehen. Uns einen Film ansehen.«

Sie streckt die Hand aus. »Abgemacht!«

Er nimmt sie nicht, und Miriam fragt sich, wie dreist sie noch sein muss. Hochlangen und ihm ins Ohr kneifen? Sie braucht nur Haut an Haut, um es zu sehen.

Doch dann lächelt er und nimmt ihre Hand in seine, und …

Der Raum in dem Leuchtturm ist komplett verglast. Eine Fensterscheibe ist herausgebrochen, und der Wind heult wie verrückt durch das Loch. Donner grollt in der Ferne. Graues Licht wird durch die schmutzigen Fenster hereingefiltert und erhellt Louis’ Gesicht – ein Gesicht, das mit getrocknetem Blut verkrustet ist.

Irgendwo: das Geräusch des Ozeans.

Louis ist an einen Holzstuhl vor dem Leuchtturmscheinwerfer gefesselt. Eine verwirrende Vielfalt von Lämpchen befindet sich über seinem Kopf. Seine Handgelenke sind mit braunen Verlängerungskabeln an den Stuhllehnen befestigt, und andere Kabel fesseln seine Füße an die Stuhlbeine. Sein Kopf wird von schwarzem Isolierband festgehalten, das um seine Stirn geklebt ist, sodass sein Schädel am Sockel des Leuchtfeuers fixiert ist.

Ein großer, dünner Mann nähert sich. Er ist vollkommen haarlos. Keine Augenbrauen. Nicht einmal Wimpern.

In einer seiner gelenkigen, spinnenhaften Hände hält er ein langes Filetiermesser.

Der Mann bewundert die Klinge einen Moment lang, obwohl sie mit Rostflecken übersät ist und ganz schön nach Fischinnereien stinkt.

»Gehen Sie weg von mir!«, stammelt Louis. »Wer sind Sie? Wer seid ihr alle überhaupt? Ich habe nicht, was Sie wollen!«

»Das spielt jetzt keine Rolle mehr«, sagt der Mann. Er hat einen Akzent. Schwer erkennbar. Europäisch.

Der Mann bewegt sich außerordentlich schnell. Er sticht Louis mit dem Messer ins linke Auge. Es dringt nicht bis zum Gehirn ein; es zerstört nur das Auge: eine Entscheidung, die der haarlose Mann getroffen hat. Louis brüllt.

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