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Black Sun

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. PROLOG
  8. TEIL EINS
    1. KAPITEL EINS
    2. KAPITEL ZWEI
    3. KAPITEL DREI
    4. KAPITEL VIER
  9. TEIL ZWEI
    1. KAPITEL FÜNF
    2. KAPITEL SECHS
    3. KAPITEL SIEBEN
  10. TEIL DREI
    1. KAPITEL ACHT
    2. KAPITEL NEUN
  11. TEIL VIER
    1. KAPITEL ZEHN
    2. KAPITEL ELF
    3. KAPITEL ZWÖLF
  12. ANMERKUNGEN DES AUTORS
  13. DANKSAGUNG

Über dieses Buch

Sowjetunion, 1961: Major Alexander Vasin, Agent des KGB, wird mit einem Spezialauftrag in die isolierte Stadt Arsamas-16 geschickt. Er soll dort den mysteriösen Tod des jungen Physikers Fyodor Petrov untersuchen. In Arsamas-16 herrscht höchste Geheimhaltungsstufe, denn dort wird gerade die Testzündung der größten Wasserstoffbombe der Welt vorbereitet. Bei seinen Ermittlungen stößt Vasin auf eine Wand des Schweigens. Was versuchen die Forscher zu verbergen?

Über den Autor

Owen Matthews ist Historiker, der auf osteuropäische und russische Geschichte und Politik spezialisiert ist. Darüber hinaus hat er als Korrespondent für diverse Zeitungen gearbeitet, darunter für The Sunday Times, The Daily Telegraph, The Guardian, The Observer, The Independent und The Spectator. Zwischen 2006 und 2012 war er der Leiter des Auslandsbüros in Moskau für The Newsweek.

Sein erster Roman Stalin’s Children (2008) war für mehrere renommierte Buchpreise nominiert und wurde in 28 Sprachen übersetzt. Er erschien 2014 unter dem Titel Winterkinder im List Verlag, ein russisches Familiendrama zur Zeit des Kalten Krieges. Mit Moskau Babylon erschien 2017 bei Ullstein sein zweiter Roman, ein Drama über die Erlebnisse eines Engländers im Moskau der 90er Jahre. Mit Black Sun hat er nun das Genre gewechselt und seinen ersten Thriller vorgelegt.

P R O L O G

Im Morgengrauen ertönte der Fliegeralarm. Lautsprecher an Laternenmasten verbreiteten das an- und abschwellende Sirenengeheul durch die schlafende Stadt, in die Gänge von Wohnheimen und Kasernen, in die Eingangshallen von Laboren und Werkstätten. Es hallte vom verlassenen Glockenturm der Kirche am Lenin-Platz und scheuchte Tauben auf, die erschrocken in den grauen Himmel des Oktobermorgens aufstoben. Die Vögel flogen über die Dächer der Altstadt, über die neuen Parks und Wohngebäude, über die Wachtürme und die drei konzentrischen Ringe aus Stacheldraht. Schließlich flatterten sie über den dunklen Wald, der die geheime Stadt Arsamas-16 wie ein Meer umgab.

In der Maschinenhaupthalle klang der schrille Lärm der Drehbänke zu einem Surren ab. Reihen von Neonleuchten an der Decke erloschen, und die Arbeiter blinzelten im durch das Glasdach einfallenden Morgenlicht. In der Fallschirmwerkstatt kamen die Nadeln der Nähmaschinen klickend zwischen den gespreizten Fingern der Näherinnen zum Stillstand. Steif richteten sich die Frauen auf, dankbar für die wöchentliche Luftangriffsübung und das vorzeitige Ende ihrer Nachtschicht. Im Konstruktionsraum räumten abgekämpfte junge Ingenieure Lineale und Geodreiecke von ihren ­Zeichentischen, rollten Pläne zusammen, die sie in langen Asbeströhren verstauten, und stiegen mit polternden Schritten die Stufen zu einigen feuersicheren Panzerverschlägen hinab.

Fünfzig Meter unter ihren Füßen rannte ein Trupp Soldaten schlaftrunken zu den Gefechtsstationen vor der Hauptsprengkopfkammer. Männer in weißen Kitteln kamen plaudernd aus dem Bunker und tasteten ihre Taschen nach Streichhölzern und Zigaretten ab. Hinter sich ließen sie geordnete Reihen von Bleikanistern zurück, die sich in Arbeitsnischen stapelten, eine große Halbkugel aus Stahl, aus der Drähte ragten, und Gefäße aus stumpfem Metall so groß wie Badewannen. Sobald der letzte Wissenschaftler herausgekommen war, schlossen Soldaten die explosionsbeständige Stahltür hinter ihnen. Der befehlshabende Offizier schob mit einem leisen Klirren die Bolzenriegel vor.

Tief in den Eingeweiden des Unionsforschungsinstituts für Experimentalphysik befand sich die als RDS-220 bezeichnete Bombe in dem geheimen Gewölbe allein und still in der Dunkelheit.

Fjodor Petrow rührte sich auf seinen blutdurchtränkten Laken nicht. Er nahm das anschwellende Geheul der Sirene nur am äußersten Rand des Bewusstseins wahr. Die ganze Nacht lang war er auf einem von Übelkeit angetriebenen Floß durch ein Meer von Schmerzen geschwommen. Flüssiges Feuer verzehrte seinen Körper.

Nun sah Petrow ein Licht. Ihm fiel ein, dass Licht eine Masse besitzt und Druck ausübt. Einen physischen Druck, winzig, aber messbar. Er glaubte zu spüren, wie die Partikel auf seine Gesichtshaut fielen, wie sie ihm von der Oberfläche der Sonne entgegenströmten. Petrow versuchte, sich zum Licht aufzurichten, doch sein junger Körper versagte ihm den Dienst. Mit einiger Willensanstrengung setzte er eine Hand in Bewegung. Sie zuckte spastisch, als sie seinen Rumpf entlang nach oben kroch. Sein Gesicht klebte am Kissen fest. Seine Finger kratzten an der klebrigen Masse unter seiner Wange und hoben einen Partikel vor seine Augen. Mit verschwommenem Blick betrachtete er ihn – sein eigenes blondes Haar, während der Nacht ausgefallen. Verkrustet von Blut und Erbrochenem.

»Aber ich darf nicht sterben«, hörte Petrow seine Stimme argumentieren. »Wenn ich sterbe, werde ich es nie erfahren.«

Er ließ die Hand sinken. Betäubende Dunkelheit empfing ihn.

Er träumte von Feuer, das die Welt gleich einem unaufhaltsamen Tornado verschlang. Er sah, wie die stolzen Türme des Kreml aus ihren Grundmauern gerissen wurden und sich in Trümmer und Staub auflösten. Er sah kochende Meere und sich neigende, in Flammen aufgehende Wälder. Die gesamte Erde brannte auf seinen Befehl.

Die Gesichter seiner Lehrer, Freunde und Genossen stiegen vor ihm auf. Sie diskutierten untereinander, aber er konnte nicht verstehen, was sie sagten. Tief in sich selbst gefangen spürte Petrow, wie sich die Außenwelt verflüchtigte. Das Fleisch, das ihn die ganze Nacht lang so qualvoll zurückgehalten hatte, fiel endlich von ihm ab. Er wurde zu einem Geist, der mit einem kalten, über sein Gesicht strömenden Wind schwindelerregend hoch aufstieg. Letztlich ging er in unendlichen Frieden ein, als Milliarden Sterne in seinem Kopf zu einem gleißenden Licht erstrahlten.

Die Sirene verstummte. Und mit ihrem Geheul verstummte der Takt von Fjodor Petrows schwachem menschlichem Herz.

T E I L  E I N S

DIE STADT, DIE NICHT EXISTIERT

Was meinen wir damit, wenn wir sagen, dass wir etwas »verstehen«? Wir können uns dieses komplexe Gebilde beweglicher Dinge, die zusammen »die Welt« ergeben, als eine Art großes Schachspiel der Götter vorstellen, bei dem wir nur Beobachter sind. Wir kennen die Regeln des Spiels nicht, uns ist nur gestattet, dabei zuzusehen.

RICHARD FEYNMAN

K A P I T E L  E I N S

Samstag, 21. Oktober 1961
Neun Tage vor dem Test

I

Der Zug kam mit einem Ruck zum Stehen, der den zusammengesunkenen Alexander Wassin aus seinem Halbschlaf riss. In der gegenüberliegenden Ecke des Abteils schnarchte der Parteifunktionär mit dem teigigen Gesicht, der aus Moskau mit ihm gereist war, mit vor der Brust verschränkten Armen leise vor sich hin.

Draußen herrschte eine ruhige, mondlose Herbstnacht. Der Zug hatte im Niemandsland angehalten, das von zwei langen Absperrungen aus Stacheldraht gesäumt und von elektrischen Laternen beleuchtet wurde. Ein frisch geharkter Sandstreifen erstreckte sich in die Dunkelheit. Von irgendwo weiter vorn hörte Wassin das Bellen von Wachhunden.

Als sie verstummten, atmete er den Geruch der Stille ein. Noch nie zuvor war er in einem Zug wie diesem gereist. Das Abteil entsprach dem Neuesten der Klasse gehobener Schienenfahrzeuge. Die Ausstattung roch nach Zukunft: Kunst­leder, Resopal und Silikon. Ein automatischer Ventilator blies warme Luft um seine Fußgelenke. Vorsichtig stieg Wassin über die ausgestreckten Beine des Apparatschiks hinweg und zog die Schiebetür auf.

Die Züge seiner Kindheit hatten an mobile Dörfer erinnert, erfüllt von Geplapper, Geschrei und Gezänk. Schaukelnde Theater der Menschlichkeit, vollgestopft mit Gepäck und undichten Schlafsäcken. Dieser Zug hingegen war still, laufruhig und hermetisch verschlossen wie ein Raumschiff. Nur durch den Windfang am Ende des Waggons drang die frostige Nachtluft mit dem vertrauten Eisenbahngeruch von Kohlenrauch und nassem Gras herein. Wassin schauderte und knöpfte seine kratzige neue Uniformjacke zu, bevor er ein Päckchen Zigaretten der Marke Orbita aus der Tasche zog. Orbita: angesagt, schwer zu beschaffen, stark. Die Zigarette eines Apparatschiks. Besser als die Marke, an die er sich gewöhnt hatte.

In der Spiegelung der Glastür strich Wassin seine Uniform glatt. Er hatte die hohe Stirn seines Vaters geerbt. Die dunkelblonden Haare begannen allmählich zurückzuweichen. Er steckte seine neue Brille in die oberste Tasche, betrachtete sich erneut mit zusammengekniffenen Augen, brachte sein Haar in Ordnung und spannte die Schultern an, um die Jacke auszufüllen. Am Kragen prangten Rangabzeichen, an der rechten Brust befand sich ein Emblem in Form eines Schwerts und eines Schilds. Major Wassin, KGB.

Durch den Gang drang leises Stimmengemurmel aus einem anderen Abteil. Gedämpfte Tanzmusik setzte mitten in einem Lied aus einem Radio im Kabuff der Schaffnerin ein. Das Zischen von entweichendem Dampf und das Kreischen sich drehender Räder folgten, als sich der Zug wieder in Bewegung setzte. Er rollte durch einen von Flutlicht erhellten Kontrollpunkt in einen langen, von Stacheldraht umgebenen Käfig, der von einem Holzrahmen gestützt wurde. Zwei Deutsche Schäferhunde würgten sich an ihren Leinen, als sie sich kläffend auf die Hinterpfoten stellten und die Hundeführer fast von den Beinen rissen.

In der Ferne erschienen die Lichter der Stadt und die kantigen, urbanen Zinnen von Turmblöcken. Eine Station mit nur einem Bahnsteig kam in Sicht.

Wassin eilte zurück in sein Abteil und störte seinen Reisegefährten mitten in einem mächtigen Gähnen. Er wartete an der Tür, bis der ältere Mann einen dicken Regenmantel angezogen und einen Kunststoffkoffer aus der Ablage geholt hatte. Zum Abschied nickte er knapp, als der Zug langsam zum Stehen kam.

Entlang des Gangs wurden Abteiltüren aufgeschoben. Wassin zerrte seinen großen Bakelit-Koffer aus der Vorkriegszeit heraus, ein geschätztes Familienerbstück. Er ließ seine Mitreisenden vorbei und vor ihm aussteigen, bevor er das gute Stück auf den Bahnsteig schleppte. Die junge Schaffnerin stand lächelnd an der Tür. Sie wirkte hübsch in ihrer Uniformjacke und mit dem flotten Schiffchen auf dem hochgesteckten blondierten Haar.

Nach einem Pfiff des Bahnhofsvorstehers setzte die Lokomotive rückwärts aus der Station zurück. Der rote Stern vorn auf dem Kessel verschwand in der Dunkelheit der Nacht. Kurzzeitig wurden die Neuankömmlinge in eine Wolke aus heißem, nach Öl riechendem Dampf gehüllt.

Die Wachleute salutierten vor jedem Passagier, bevor sie die Reisenden zu zwei Beamten scheuchten, die unter einer hellen Lampe saßen, um die Ausweise zu überprüfen und abzustempeln. Zu Wassins Überraschung wurde keinerlei Gepäck durchsucht.

Im nahezu verwaisten Warteraum saß ein stämmiger, bärtiger Mann gekrümmt auf einer Bank und hielt sich ein Buch dicht vors Gesicht. Er trug einen verknitterten Filzhut und halbherzig zugeschnürte, unpolierte Winterstiefel. Wassin stellte sich etwas verblüfft schweigend vor ihn.

»Ah! Genosse Major Wassin?« Rasch stand der Mann auf, klappte das Buch zu und stopfte es in seine Jackentasche. »Ich grüße Sie. Wadim Kusnezow. Major. Staatssicherheitsdienst Arsamas.«

Obwohl er einen Kopf kleiner als Wassin war, brachte er das Kunststück zustande, mit zusammengekniffenen Augen hinter einer schwarz umrandeten Brille die lange Nase entlang auf ihn herabzublicken. Das Hemd trug er bis zum dicken Hals fest zugeknöpft, der Spitzbart ragte vom Kinn ab.

»Willkommen in Arsamas-16. Der Stadt, die nicht existiert.«

Vor dem Bahnhof bestiegen gerade die letzten von Wassins Mitreisenden einen kleinen Bus. Als einziges weiteres Fahrzeug parkte auf dem Vorplatz ein militärischer UAZ-Jeep.

»Das ist unserer.«

Kusnezow öffnete mit einem Ruck die Autotür und warf Wassins Koffer achtlos auf den Rücksitz.

»Springen Sie rein.«

»Sie haben das Auto nicht abgesperrt?«

»Ha! In Arsamas gibt es keine Diebe! Das ist die ehrlichste Stadt der Sowjetunion.«

Kusnezow schwang sich federnd auf den Fahrersitz, pumpte das Gaspedal durch und hob einen Finger, eine Geste, mit der er ehrfürchtiges Schweigen verlangte. Stotternd erwachte der Motor zum Leben.

»Ein Wunder!«

Knirschend legte er den ersten Gang ein.

»Der Wagen ist noch nicht eingefahren. Sie wissen schon. Neue Autos.«

Wassin bedachte seinen Gefährten mit einem scharfen Blick, suchte nach Anzeichen auf Spott. Aber Kusnezow schenkte ihm keine Beachtung, sondern kämpfte mit dem Ganghebel des UAZ. Offensichtlich lebte er in einer Welt, in der neue Autos ein alltägliches Ärgernis darstellten. Sie fuhren los und beschleunigten erschreckend schnell eine breite, frisch asphaltierte Allee entlang.

»Unsere wunderschöne Stadt.« Kusnezow schwenkte aus­ladend eine Hand, während er über eine Kreuzung raste, ohne abzubremsen oder auf Querverkehr zu achten. »Die Besichtigungsrundfahrt machen wir morgen.«

Sie sahen keine anderen Menschen oder Autos. Um den Bahnhof herum ging die Stadt von den Stuckfassaden aus der Zeit vor der Revolution in einheitliche Reihen moderner, fünfstöckiger Plattenbauen über, die man als Chruschtschowka bezeichnete.

»Da sind wir. Sie übernachten während Ihres Besuchs bei mir.«

Röchelnd verstummte der Motor. Abgesehen vom Quaken einiger Frösche beherrschte Stille die Nacht. Von einer Reihe junger Apfelbäume ging ein durchdringender Geruch nach faulendem Obst aus.

Kusnezows Wohnung erwies sich als groß und leer. Ein breiter Korridor endete an einem tiefen Regal, das einige wenige, willkürlich angeordnete Bücher enthielt. Rechts befanden sich zwei geräumige Zimmer, links ein Wohnzimmer und dahinter eine Küche und ein Bad.

»Ich schlafe hier. Sie sind nebenan.«

Kusnezow deutete beiläufig in das erste der Schlafzimmer, wo Hemden und Kleiderbügel über das Bett auf dem Boden verteilt lagen, während Notizen und bedrucktes Papier einen kleinen Schreibtisch bedeckten.

Im Wohnzimmer nahmen polierte Schränke mit verglasten Fronten eine gesamte Wand ein. Es sah wie bei der Ausstellung Haus der Zukunft aus, die Wassin mit seinem Sohn Nikita zu Beginn der Sommerferien besucht hatte: kastenförmige Lehnsessel und ein kantiges, mit bunt gestreiftem Stoff bezogenes Polstersofa. Kein Bettsofa, sondern ein kompakter Zweisitzer, den man nicht zum Schlafen benutzen konnte. Etwas Vergleichbares hatte Wassin nie zuvor gesehen.

Vor seiner Ehe hatten seine Mutter und er in zwei angrenzenden Zimmern einer großflächigen Kommunalka mit hoher Decke in der Nähe der Metrostrojewskaja-Straße in Moskau gewohnt. Sie hatten sich mit zwei anderen Familien, insgesamt sieben Personen, die Küche und das Badezimmer geteilt. Mit seiner Versetzung zum KGB war Wassin mit Vera und ihrem gemeinsamen Sohn in eine eigene Zwei-Zimmer-Wohnung in der Nähe des Gorki-Parks gezogen, ein geradezu schwindelerregender Luxus.

Und hier stand er in einem Raum, den überhaupt niemand bewohnte. Einem Raum nur zum Sitzen. In der Ecke befanden sich ein großes Radio und ein Plattenspieler, das neueste Modell von Rigonda in einem Gehäuse aus Eichenholz. Und auf dem Regal: eine meterlange Reihe Schallplatten.

»Aus der Tschechoslowakei«, rief Kusnezow aus der Küche. »Die Möbel, meine ich. Letztes Jahr wurde eine Zugladung hergebracht. Schön, oder?«

Wassins Zustimmung wurde von klappernden Pfannen übertönt.

»Ich habe Essen aus der Kantine da. Borschtsch. Frikadellen. Kartoffelbrei.«

In der Küche schnurrte in der Ecke ein neuer Kühlschrank, kein laut brummendes Monster aus dem Stalin-Werk. Kusnezow warf heeresübliches Feldgeschirr auf die Resopalplatte des Küchentischs.

»Genehmigen wir uns alles? Ich bin auch hungrig.«

Kusnezow stellte emaillierte Töpfe auf den Elektroherd und öffnete die Deckel des Feldgeschirrs.

»Gehen Sie sich ruhig waschen, wenn Sie wollen. Ich bin ein hervorragender Koch. Sehen Sie nur!«

Er ergriff mit jeder Hand ein Teil des Feldgeschirrs und leerte die Inhalte patschend in die Töpfe.

Als Wassin aus der Dusche zurückkehrte, saß Kusnezow über den Tisch gebeugt und schlürfte Suppe. Eine Portion für Wassin dampfte in einer großen Keramikschale.

»Also. Hat Sie schon jemand darüber informiert, was passiert ist?« Kusnezows Blick richtete sich fragend auf seinen neuen Mitbewohner.

»In der Zusammenfassung des Falls steht, dass Fjodor Petrow vergiftet wurde. Versehentlich.«

»Richtig. Ein intelligenter junger Physiker. Traurige Angelegenheit.«

»Es steht eine Menge darin, was passiert ist. Aber nichts darüber, warum.«

Kusnezow schob seine inzwischen leere Schale von sich, stand auf, um das Fenster einen Spalt zu öffnen, und zündete sich eine Zigarette an.

»Richtig, das Warum. Das ist die große Frage, Genosse Wassin.« Er spielte mit einem stählernen Aschenbecher auf dem Tisch. »Wir sind hier in Arsamas nicht sonderlich an Außenstehende gewöhnt. Welchem Umstand verdanken wir das Vergnügen?«

Wassin tauchte langsam den Löffel in die Suppe und kostete sie schweigend. Dann: »Gute Suppe.«

»Wir wollen schließlich nicht, dass Sie verhungern, Genosse.«

Wassin aß schweigend weiter.

»Gibt es einen Grund, warum ich nicht hätte herkommen sollen, Genosse Kusnezow?«

»Verzeihen Sie. Die Personalabteilung hat uns mitgeteilt, dass Sie erst kürzlich zur Staatssicherheit gewechselt sind, und zwar von …«

»Von der Moskauer Kriminalpolizei. Mordkommission. Das ist richtig.«

»Mord?«

»Beunruhigt Sie das, Genosse?«

»Nun ja. Sie wissen über Arsamas Bescheid. Etwas an dem Wort ›Mord‹ macht uns hier nervös. Und für gewöhnlich überlässt es die Lubjanka uns selbst, uns um unsere Angelegenheiten zu kümmern.«

»Eigentlich weiß ich über Arsamas nicht Bescheid.«

»Man hat Ihnen in Moskau nichts erzählt?«

»Gehen Sie davon aus.«

Kusnezow atmete Rauch aus.

»Betrachten Sie Arsamas als eigenen Planeten. Einige der klügsten Köpfe der Sowjetunion halten sich hier auf und leisten entscheidende Arbeit für die Verteidigung des Vaterlands. Jeder Einzelne von ihnen ist in den Augen einiger unserer Kollegen ein gesellschaftlicher Außenseiter.« Kusnezow beugte sich vor. Sein Atem wehte Wassin kräftig ins Gesicht. »Aber der springende Punkt ist: Niemanden interessiert, was sie tun. Was sie denken. Was sie lesen. Mit wem sie schlafen. Solange sie die Aufgabe erfüllen, für die sie hier sind, ist alles andere egal. Fügen Sie also allen Ihnen bekannten Regeln eine weitere hinzu, die über den anderen steht: Nichts darf das Projekt beeinträchtigen.«

»Welches Projekt?«

Kusnezow schnaubte und stellte seine Schale mit einem lauten Klappern ins Spülbecken.

»Kusnezow.« Wassin bemühte sich um einen milderen Ton. »Ich meine es ernst. Welches Projekt?«

»Nichts darf RDS-220 beeinträchtigen.«

Wassin verarbeitete die Aussage einen Moment lang.

»Ist das eine Art Bombe?«

Bei dem Wort zuckte Kusnezow zusammen.

»Es ist eine Sprengvorrichtung. Eine neue Sprengvorrichtung.«

»Wird das nicht generell hier gemacht? Ist das nicht der Grund, warum es eine geheime Stadt ist? Um neue Sprengvorrichtungen zu erschaffen?«

»Normalerweise keine wie diese. Sie ist größer. Viel größer. Und dringend. Befehl von höchster Ebene aus dem Politbüro.«

»Unsere sowjetische Mentalität. Immer das Größte. Immer das Beste.«

Kusnezows Mund bildete eine schmale Linie. Seine Nasenflügel blähten sich, als schnupperte er nach Anzeichen von Spott. Wassin spürte, dass er auf eine unnachgiebige Seite des bisher so liebenswürdigen Genossen gestoßen war. Kusnezow ließ einen langen Moment verstreichen, bevor er antwortete. Sein Blick wanderte dabei über Wassins Züge.

»Werden wir schon bald herausfinden.«

»Wie herausfinden?«

»Es wird einen Test geben. Und bevor Sie fragen, mit Test meine ich die Detonation der Sprengvorrichtung.«

»Hier?«

»Nicht hier, Sie Esel.« Angesichts der Unsinnigkeit von Wassins Frage ließ die Anspannung in Kusnezows Kieferpartie nach. »Die Bomben werden oben in der Arktis getestet. Erzählt man Ihnen in Moskau denn gar nichts?«

Kusnezow steckte sich eine weitere Zigarette in den Mund und schlug gereizt ein Streichholz an.

»Und der Verstorbene …«

»Fjodor Petrow war ein wichtiges Mitglied des RDS-220-Teams.«

»Ah.«

»Ja. Ah. Sogar ein Assistent von Professor Adamow.«

»Des Direktors?«

»Des Direktors. Des Zaren und Gottes von Arsamas. Des Vaters der RDS-220.«

»Und was genau ist Ihrer Meinung nach mit Petrow passiert?«

»Sie haben die Akte doch gelesen.«

»Ich will Ihre Version hören.«

Kusnezow atmete durch die Nasenlöcher Rauch aus wie ein Dämon in einem Zeichentrickfilm.

»Ich habe keine Version, Wassin. Der Boss, Generalmajor Saizew, wird Ihnen die Einzelheiten hieb- und stichfest bereitstellen. Ist ein einsilbiger Mann, unser Saizew. Morgen um neun Uhr in der Kontora

Kontora. Wörtlich »das Büro« oder »die Firma« und somit eine der respektvolleren umgangssprachlichen Bezeichnungen für den KGB. Wassin hatte schon etliche andere gehört.

»Sehr gut. Und was hat man Sie ersucht, für mich bereitzustellen, Kusnezow?«

»Ach, Sie wissen schon. Bettwäsche. Handtücher.«

Kusnezow setzte ein Lächeln auf und sah Wassin in die Augen.

»Sie sind lustig.«

»Das höre ich ständig.«

»Aber im Ernst.«

»Ernst? Das ist ein gutes Wort. Die Scheiße hier ist ernst, Wassin. Deshalb ertappe ich mich unwillkürlich beim Gedanken, dass ich mich nicht in meinem natürlichen Umfeld bewege. Was ich Ihnen bereitstellen kann, ist Folgendes: Wir wollen nicht, dass Fjodor Petrows Kollegen über Gebühr abgelenkt werden.«

»Weil nichts das Projekt beeinträchtigen darf. Ich verstehe. Danke für die Aufklärung.«

»Gern geschehen. Dafür bin ich ja da. Um Sie aufzuklären.«

»Und Petrows Leiche?«

»Ganz der ehemalige Ermittler. Im klinischen Zentralkrankenhaus, vermute ich. Fragen Sie morgen den General.«

»Wohnadresse des Verstorbenen?«

»Keine Ahnung. Saizew schwingt das Zepter.«

Wahrscheinlich eine Lüge. Wassin lächelte dennoch. Die Adresse stand irgendwo in dem zusammenfassenden Bericht, den er aus Moskau mitgebracht hatte.

»Ich halte Sie vom Schlafen ab, Kusnezow. Es muss allmählich spät werden.«

»In Moskau vielleicht. Nicht für die emsigen Bienen in Arsamas. Wir gehen aus.«

»Aus?«

»Zu einem Vortrag im Unionsforschungsinstitut für Experimentalphysik. Auch bekannt als die Zitadelle.«

Wassin sah auf die Armbanduhr.

»Zu einem Vortrag? Um elf Uhr abends?«

»Die Wissenschaft schläft nie, Genosse. Professor Adamow hat den versammelten Geistesgrößen von Arsamas etwas mitzuteilen. Worunter wir beide wahrscheinlich nicht fallen. Entschuldigung. Ich meine zumindest mich. Aber wir gehen trotzdem hin. Auf jetzt, sonst kommen wir noch zu spät.«

II

Es dauerte keine fünf Minuten, durch die verwaisten Straßen von Arsamas zu fahren und den weitläufigen Kurtschatow-Platz zu erreichen. Ein eisiger Nebel zog gerade auf. Das Hauptgebäude der Zitadelle zeichnete sich wie ein Kreuzfahrtschiff in den sich verdichtenden Schwaden ab, durch die Licht aus den Fenstern die Nacht erhellte. Eine Reihe schmuckloser Betonsäulen stützte ein vorstehendes Dach. Wassin erinnerte die Konstruktion an einen Kopfbahnhof.

Einige Drehkreuze teilten die hohe Halle in zwei Hälften, eine etwas solidere Version des Eingangs einer Moskauer ­­U-Bahn-Station. Kusnezow zeigte dem diensthabenden Unter­­offizier flüchtig sein rotes KGB-Abzeichen, und Wassin folgte seinem Beispiel.

Der Hörsaal war berstend voll. Lediglich auf der erhöhten Bühne erhellte eine einzige Lampe ein Podium. Mit gemurmelten Entschuldigungen bahnte sich Kusnezow den Weg durch das Halbdunkel. Einige junge uniformierte Männer rückten beiseite, um auf der mit Teppich ausgelegten Treppe Platz für ihn und Wassin zu schaffen. Für Wassin sahen Professor Adamows von unten beleuchtete, abgehärmte Züge wie ein sprechender Totenschädel aus. Der Mann trug eine bis zum Kragen zugeknöpfte, altmodische schwarze Parteiuniform mit drei goldenen Sternen der Auszeichnung Held der Sowjetunion auf der Brust.

»Höchste Priorität hat selbstverständlich, dass wir vorsichtig sind. Ich habe dem Generalsekretär versprochen, dass …« Adamow verstummte kurz und schnaubte ein wenig, als bereite er sich auf eine Pointe vor. »… dass wir die Welt nicht zerbrechen wie ein Ei!«

Der Professor schaute von seinen Notizen auf und betrachtete mit zusammengekniffenen Augen durch eine kleine Brille die aufmerksamen Gesichter, die ihn umgaben wie Jünger. Seine schmalen Lippen verzogen sich zu etwas, das wohl ein Lächeln sein sollte. Damit erteilte er gleichsam die Genehmigung für ein Lachen, das sich pflichtbewusst über die rund hundert Köpfe in dem überhitzten Saal ausbreitete.

Das Lächeln des Professors wurde breiter und zugleich ein wenig entrückt. Nach und nach kehrte wieder Stille ein. Wassin beschlich der Eindruck, Adamow wäre plötzlich zu beschäftigt mit seinen Gedanken, um die Außenwelt überhaupt noch wahrzunehmen. Jede andere Körperfunktion außer dem Atmen schien eingestellt zu werden, während das Gehirn auf Hochtouren arbeitete. Wassin schaute nach links und nach rechts, doch Adamows Pause schien für das Publikum keine Überraschung zu sein. Wurde die Stille etwa mit rasenden inneren Berechnungen ausgefüllt? Oder war Adamows Schweigen nicht mehr als das – nur Schweigen?

Dann kehrte das Leben so jäh in Adamows Augen zurück, wie es zuvor entschwunden war. Er ließ den Blick durch den Saal wandern und musterte seine Studenten und Kollegen nacheinander. Die Gesichter wirkten beflissen und aufgeschlossen, aus den Augen strahlte Intelligenz. Einige versuchten, seinem stechenden Blick standzuhalten, zumindest kurz. Manche wirkten tapfer, andere hoffnungsvoll, die meisten verängstigt. Und schließlich senkten sie alle den Blick.

»Jeder Einzelne hier wurde auserwählt.« Adamow sprach so leise, dass man ihn kaum hören konnte, beinahe so, als redete er mit sich selbst. »Wegen irgendeines Aspekts Ihres Verstands, den das Vaterland für nützlich hält. Oder für interessant. Oder auch nur für nutzlos ungewöhnlich. In der Physik darf man nie die nutzlosen Ergebnisse außer Acht lassen.«

Ein weiterer trockener Scherz? Falls ja, lachte diesmal niemand darüber. Adamow trat auf ein sperriges, kastenartiges Gerät zu, das am vorderen Rand der Bühne stand, und betätigte einen Schalter. Ein Quadrat aus weißem Licht erschien auf einer großen Leinwand. Ein Overheadprojektor, der erste, den Wassin je zu Gesicht bekommen hatte.

»Jeden Tag treffen Neuankömmlinge ein, um bei der Endmontage von RDS-220 mitzuwirken. Sie heiße ich herzlich willkommen. Und ich habe eine Bekanntmachung für Sie alle. Nachdem mir die Berichte aller Laborleiter vorliegen, habe ich beschlossen, dass alles vorhanden ist, um ein Datum für den Test festzulegen, dem wir alle so erwartungsvoll entgegenfiebern. Dieses Datum ist der 30. Oktober. Wir sind in der letzten Phase der Vorbereitungen angekommen. In neun Tagen wird die Welt die Macht, den Ruhm und das Genie friedfertiger sowjetischer Wissenschaft erleben.«

Leises Gemurmel ging durch den Saal. Adamow brachte es mit einem eisigen Blick zum Verstummen.

»Was ich sagen wollte: Für die Neuankömmlinge und für uns alle als eine Erinnerung an unsere grundlegenden Fragen. Diese Sprengvorrichtung weist einige … neue Eigenschaften auf. Die Folgen des Tests sind schwer vorherzusagen.«

Adamow begann, mit einem violetten Stift Formeln auf eine transparente Folie auf der Glasfläche des Projektors zu schreiben, und tippte zur Betonung mit der Spitze des Stifts darauf. »Es … ist … unsere … patriotische … Pflicht … sie … zu … berechnen … Allerdings gibt es dabei bedeutende unbekannte Faktoren, die wir erst noch verstehen müssen. Denken Sie an die Arbeit von Dr. Smirnow zur Verschmelzung von Wasserstoffkernen mit ihren schweren Isotopen Tritium und Deuterium. Das Verhalten von superheißem Plasma, Gasen, die heißer als das Herz der Sonne sind, in den Millisekunden nach der Kernexplosion. Die Folgen, wenn man erprobte, bewährte thermonukleare Reaktionen in einem bisher unbekannten Ausmaß höherschraubt. Was geschieht, wenn wir Bisheriges verdoppeln? Es verzehnfachen? Vertausendfachen? In diesen Dimensionen, meine Herren, stoßen wir auf neue Parameter: die Festigkeit der Erdkruste. Das Verhalten der Atmosphäre in verschiedenen Temperatursprungschichten. Der Punkt, an dem wir unter Umständen eine Kettenreaktion in atmosphärischem Wasser auslösen. Und das ist der Punkt, mit dem wir uns heute befassen. Aber zuerst rufen wir uns für die Neuankömmlinge noch etwas Geschichte in Erinnerung. Unsere alte Freundin RDS-100. Damals, 1951.«

Ein Quietschen ertönte, als das Podiumslicht gedimmt wurde. Ein Filmprojektor erwachte ratternd zum Leben. Auf der Leinwand erschien ein grellweißes Rechteck, in dem Zahlen heruntergezählt wurden.

»Also, Kollegen.« Wenn Adamow lauter sprach, schwoll auch seine Tonhöhe an. »Wir werden uns an die schrecklichen Kräfte erinnern, die wir zu beherrschen glauben. Wir beobachten. Und wir üben uns in Demut. Sie werden den Film vierundzwanzigfach verlangsamt Bild für Bild sehen, damit wir die Detonationsphasen dieser Sprengvorrichtung vor zehn Jahren visuell nachvollziehen können.«

In Adamows Brust setzte ein Grollen ein, das wie der Beginn eines schleimigen Raucherhustens klang. Der Professor kramte in den Taschen seiner Uniformjacke, holte ein zerknittertes Päckchen Zigaretten heraus und schlug ein Streichholz an.

Flimmernd erschien auf der Leinwand die Aussicht durch die geöffnete Luke eines Flugzeugs. Am Rand geriet ein Seitenleitwerk ins Bild. Unten: eine weiße Landschaft. Packeis, die Umrisse einer weitläufigen Bucht mit undeutlichen Formen am Horizont. Eine sperrige schwarze Form stürzte erdwärts. Nach einigen Sekunden freien Falls öffnete sich ein Fallschirm, und das Objekt pendelte sich ein, schwebte sanft nach unten. Fast eine Minute lang folgte nur das gleichmäßige Surren des Projektors. Dann ein greller Blitz, der die Leinwand mehrere Sekunden lang fast vollkommen weiß werden ließ.

»Jetzt. Langsam, bitte.«

Als der Lichtblitz auf der Leinwand verblasste, wallte Rauch zentrifugal nach außen. Ein vergleichsweise kleiner Trümmerhaufen wie von einem konventionellen Sprengkörper schoss senkrecht nach oben. Dann folgten eine zweite und eine dritte horizontale Druckwelle. Jede hob eine breite Scholle aus Erdreich und Schnee an und peitschte sie quer über die Landschaft. Eine Rauchsäule kräuselte empor und verdichtete sich, verhüllte den Explosionspunkt. Lichter blitzten in der aufsteigenden Säule. Schließlich folgte eine weitere Detonation, diesmal in der Wolke und hoch über dem Einschlagsort, wodurch sich der aufsteigende Rauch jäh nach außen bauschte. Ein Bild nach dem anderen zog vorüber. Die Druckwelle erreichte das Flugzeug und brachte es mehrere Sekunden lang zum Schlingern, bevor es sich einpendelte. Mittlerweile hatte die Wolke die Höhe der Maschine erreicht und stieg weiter auf, breitete sich aus. Der Kameramann fokussierte das Objektiv so, dass es einen gewaltigen Rauchpilz voll Trümmern erfasste, der sich über dem Himmel ausbreitete.

Wassin fehlten die Worte für die Bilder, die vor ihm abliefen. Er drehte sich Kusnezow zu, doch die Aufmerksamkeit seines Begleiters galt nach wie vor dem letzten, mittlerweile auf der Leinwand eingefrorenen Bild, auf das er gebannt starrte wie ein Kind, das sich einen Horrorfilm ansieht.

Die Lichter im Hörsaal, die zum Ende des Vortrags angingen, beraubten Wassin der Anonymität der Dunkelheit. Viele der Anwesenden trugen Uniform, überwiegend mit den Insignien gekreuzter Hämmer der Militäringenieure. Wassins KGB-Abzeichen mit Schwert und Schild brandmarkte ihn auf Anhieb als Eindringling.

Die Menge auf der Treppe wogte beiseite, um Adamow durchzulassen. Wassin spürte, wie sich die Augen des Professors auf seine verräterische Uniform hefteten, auf die Offiziersstreifen an seinem Kragen, auf seine Miene. Einen Moment lang verzog sich das blasse Gesicht des alten Mannes voll Abscheu.

Der Professor setzte den Weg die Treppe hinauf fort. Wassin folgte in der Schneise hinter ihm. Er hörte, wie ihm Kusnezow etwas nachrief und ignorierte es. Mit einem Geschick, das sich Wassin in der Moskauer ­U-Bahn angeeignet hatte, drängte er sich durch das Meer der Menschen, die sich durch die Türen zwängten, und schaffte es in den Gang. Dort rannte er hinter dem entschwindenden Professor und dessen Entourage von Assistenten her.

»Professor Adamow? Einen Moment bitte.«

Wassin erhob die Stimme laut genug, um Adamow innehalten zu lassen, und sei es nur, weil es eindeutig beispiellos war, dass jemand den Namen des Professors in den heiligen Hallen des Instituts brüllte. Als er zu Adamow aufschloss, bekam er die volle Wucht des empörten, finsteren Blicks des Mannes zu spüren.

»Major Alexander Wassin. Staatssicherheit.«

Adamow erwiderte nichts, stand nur regungslos da und wartete darauf, dass einer seiner Gefolgsleute sein Schweigen interpretierte. Ein junger Mann in weißem Laborkittel sah auf ein Klemmbrett.

»Professor, heute Morgen ist ein Brief von der Kommandatura eingetroffen. Major Wassin ist hier, um Dr. Petrows Unfall zu untersuchen.«

Wassin salutierte.

»Ich entschuldige mich für die Störung, Professor. Aber ich hoffe, Sie verstehen …«

Adamow hob eine langfingrige Hand vor Wassins Gesicht, als wollte er auf einer Kreuzung den Verkehr regeln. Eine gebieterische Geste.

»Eine entsetzliche Tragödie. Aber ich habe bereits mit jemandem von Ihnen gesprochen. Major … Jefremow? Alles erledigt. Danke. Auf Wiedersehen.«

Damit wandte sich Adamow zum Gehen, die Hand immer noch unhöflich vor Wassins Gesicht erhoben.

»Genosse?« Wassin schleuderte Adamow das Wort hart genug hinterher, um den Mann erneut unvermittelt innehalten zu lassen. »Ich fürchte, es müssen noch einige Fragen gestellt werden. Ich bin auf persönlichen Befehl von General Orlow aus Moskau hergeschickt worden, um eine unabhängige Beurteilung des Falls vorzunehmen.«

Langsam drehte sich Adamow um.

»General Orlow.« Aus nächster Nähe wirkte Adamows Gesicht abgehärmt wie das einer Leiche. Er sprach langsam, und in seiner Stimme schwang Bedrohung mit. »Wenn wir nur so viele Stunden hätten, wie wir Generäle haben. Und was genau braucht Ihr General von mir?«

»Danke, Professor. Erweisen Sie mir die Ehre, unter vier Augen mit Ihnen zu sprechen?«

Ein unschickliches Zischen drang über die trockenen Lippen des Professors.

»Was wird mich weniger kosten? Mit Ihren Generälen diskutieren oder mir die Zeit nehmen, mit Ihnen zu reden?«

»Professor, Sie haben sich die Antwort beinah schon selbst gegeben. Mit mir zu reden, sollte so gut wie keine Zeit in Anspruch nehmen.«

Der Mund des Professors schnappte zu wie eine Falle. Zorn trat in die hellblauen Augen.

Mein Gott, ging Wassin durch den Kopf, während er einen ausgedehnten Moment lang Adamows wutentbranntem Starren begegnete. Das ist ein Mann, der weiß, wie man hasst.

»Vielleicht. Nach dem Test.«

Damit kehrte der Professor Wassin den Rücken zu und stapfte weiter.

Wassin spürte eine starke Hand seinen Oberarm umklammern. Kusnezow zog ihn mit genug Nachdruck an den Rand des Korridors, um keinen Protest zuzulassen. Junge Wissenschaftler und Ingenieure strömten angeregt plaudernd an ihnen vorbei. Kusnezows Stimme zischte in Wassins Ohr.

»Was zum Teufel sollte das?«

Wassin befreite den Arm und drehte sich seinem Gastgeber zu. Seinem Aufpasser.

»Ich wollte einen Termin vereinbaren. Ist das ein Problem?«

»Einen Termin mit Professor Akademiemitglied Juri Adamow? Ja, das ist ein Problem.«

»Gilt er nicht als Zeuge im Fall Petrow?«

»Wassin. Sie sind eine große Nummer aus irgendeinem streng geheimen Kämmerchen in der Führungsetage der Kontora. Befehle von ganz oben. Das verstehe ich. Aber Adamow …«

Die aus dem Hörsaal strömende Menge drängte sie kurz auseinander, bevor Kusnezow fortfahren konnte.

»… Adamow ist Arsamas. Das Programm ist seines. Er …«

»Steht über dem Gesetz?«

»Er ist tabu für Sie. Für jeden.«

»Für Sie, Kusnezow. Vielleicht ist er tabu für Sie

Wassin sah Zornesröte, die von Kusnezows engem Kragen aufstieg. Aber der Mann drängte die Wut zurück wie ein Kind, das tapfer gegen einen Tobsuchtsanfall ankämpft. Er atmete zweimal tief durch. Als er wieder das Wort ergriff, klang seine Stimme beeindruckend ruhig.

»Wassin. Alexander. Oder darf ich Sascha sagen? Sascha, hören Sie mir zu. Dieser Ort hier ist nicht wie andere Orte. Er ist wie kein Ort, an dem Sie je gewesen sind.«

»Sie wissen nicht, an welchen Orten ich schon gewesen bin.«

»Nirgendwo in unserer großen, ruhmreichen Union ist es wie in Arsamas. Hier gelten andere Regeln.«

»Das glaube ich Ihnen. Aber wären Sie überrascht zu erfahren, dass ich das schon öfter gehört habe?«

Kusnezow verdrehte die Augen gen Himmel, um Verzweiflung anzudeuten.

»Ich gebe auf. Sie müssen unbedingt mit Saizew sprechen.«

»Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich dabei etwas mitzureden habe.«

Die zwei Männer starrten sich gegenseitig an. Der Korridor hatte sich endlich geleert. Zu hören waren nur das entfernte Klappern eines Fernschreibers und das leiser werdende Geplapper der Menschen, die sich zerstreuten.

Wassin durchbrach die angespannte Stille als Erster.

»Der Film war …«

Kusnezow warf ihm einen verhaltenen Blick zu.

»Beängstigend? Ja.«

»Hatten Sie ihn zuvor schon gesehen?«

»Es ist Professor Adamows Lieblingsfilm. Deshalb habe ich Sie mitgenommen.«

»Und die Bombe, die er gerade baut. Sie ist …«

»Größer. Hundert Mal größer. Wissen Sie, ich wollte Sie darüber informieren, was hier gemacht wird. Hier werden Maschinen gebaut, um den Planeten auszulöschen.«

K A P I T E L  Z W E I

Sonntag, 22. Oktober 1961
Acht Tage vor dem Test

I

Früh am nächsten Morgen stellte Wassin den Mantelkragen auf, um sich gegen den Regen und den Nebel zu schützen, der durch die breite Allee vor Kusnezows Wohngebäude trieb. Dichte, langsam dahinziehende, niedrige Wolken bedeckten den Himmel. Das träge Wetter des tiefsten Russlands, wo die Jahreszeiten behäbig, aber unaufhaltsam wie ein Tross Dampfwalzen aufeinanderfolgten. Der Herbst war eine triefende Zeit, in der es süßlich nach Verfall roch und man an versteckten Orten die Geräusche von plätscherndem oder rinnendem Wasser hörte.

Mit einem widerwilligen Röcheln erwachte der Geländewagen zum Leben. Kusnezow ließ den Motor aufjaulen, um Wassins Aufmerksamkeit zu erlangen.

»Kommen Sie, alter Freund. Hohe Tiere warten auf Sie.«

Kusnezow setzte ihn vor dem KGB-Hauptquartier von Arsamas ab, einem klobigen, modernen Gebäudeblock, den eine Tannenreihe von der Straße abschirmte. Auf dem Vorhof stand eine Büste von Feliks Dzierżyński, dem Gründer der sowjetischen Geheimpolizei. Das Bronzegesicht glänzte im Regen.

In der Eingangshalle trugen Sekretärinnen mit auf dem Marmorboden klickenden Absätzen Akten hin und her. Die Kontora arbeitete Tag und Nacht, sogar an Sonn- und Feiertagen. Ein Wachmann vermerkte Wassins Namen penibel in einem Register. Dieser Ort roch genau wie sein Moskauer Büro, durchdringend nach Bodenpolitur und nassen Mänteln. Irgendwo klackten emsig, aber vollkommen asynchron zwei Schreibmaschinen. Ein Telefon klingelte endlos.

General Saizews Sekretärin besaß butterblond gefärbtes Haar und ein Gesicht, das aussah, als hätten ständige Lügen es entstellt.

»Der General wurde aufgehalten«, erklärte sie ihm aalglatt. »Sie werden warten müssen.«

»Sehr gut. Bitte teilen Sie dem Genossen General mit, dass ich die Gelegenheit für einen Besuch in der Kantine nutze. Ist bestimmt unten, richtig?«

Missbilligende Fältchen zogen Furchen in das Make-up der Sekretärin.

»Ah! Und die neueste Ausgabe von Krokodil! Darf ich?«

Ohne auf eine Antwort zu warten, griff sich Wassin die beliebteste satirische Zeitschrift der Sowjetunion von einem niedrigen Tisch. Er streifte seinen nassen Regenmantel ab und hängte ihn triefend auf den Kleiderständer des Generals. Anschließend begab er sich auf die Suche nach Kaffee.

Da die Frühstückszeit dem Ende zuging, war die Kantine im Untergeschoss fast menschenleer. Wassin kaufte sich ein Stück Gebäck und eine Tasse hervorragenden, frisch gemahlenen kubanischen Kaffee. Er ließ sich damit an einem Tisch nieder und begann, die Zeitschrift durchzublättern. Der übliche Unsinn: Karikaturen betrunkener Arbeiter, komische Gedichte über nörgelnde Schwiegermütter, prosaische Zeichnungen über die Reize und Absurditäten des Landlebens. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie ein großer Offizier in makellos gebügelter Uniform und mit Adjutantenabzeichen den Speisesaal betrat. Der Mann sah sich um, sah ihn und stakste durch den Raum wie ein Aufziehspielzeug.

»Genosse Major Wassin.«

Es war keine Frage. Schwerfällig ließ sich der Offizier ihm gegenüber nieder.

»Ich bin Major Oleg Jefremow, General Saizews Adjutant.«

Der eindringliche Blick des Offiziers wanderte langsam über Wassins Gesicht. Aufmerksam betrachtete er die Brille, die weichen Hände und zuletzt Wassins Augen, die dieser Musterung unverfroren standhielten.

»Der General erwartet Sie. Wenn Sie mir bitte folgen.«

In seiner knappen Uniformjacke sah General Saizew aus wie ein Landarbeiter aus der Zeit vor der Revolution, der sich in seinen unbequemen Sonntagsanzug gezwängt hatte. Sein Hals war breiter als sein Gesicht. Mit narbigen, auf dem Tisch zu Fäusten geballten Pranken saß er da wie ein Oger, drauf und dran, einen Eindringling zu verschlingen, der sich in sein Königreich verirrt hatte. Zum Beispiel einen dieser an der Universität ausgebildeten Warmduscher, die seit Stalins Tod in den Dienst eingetreten waren. Wassin kannte Saizews Typ. Ein Staatssicherheitsoffizier der alten Schule, der sich seine Sterne in blutverschmierten Hinrichtungskellern verdient hatte. Ein Mann, der den Geruch frischen Todes eingeatmet hatte.

»Der Kontrolleur der Regierung ist gekommen, um uns zu überprüfen.«

Saizew sprach mit einem behäbigen Provinzakzent und schien mit seiner Äußerung Wassin reizen zu wollen wie ein trotziges Kind.

»Nein, Genosse. Ich habe keinen Grund zu der Annahme, dass Ihre Arbeit nicht von höchster Qualität ist.«

»Man hat mir erzählt, dass Sie gestern am späten Abend persönlich an Professor Adamow herangetreten sind. Nur hatten Sie da Ihre Ausweispapiere den örtlichen Behörden noch nicht vorgelegt. Also mir.«

Bedächtig nickte Wassin. Er betrachtete Saizews Gesicht eines Fleischers, die Hände, die mit den Fingerknöcheln knackten.

»Dafür entschuldige ich mich, General. Meine Ausweis­papiere habe ich dabei.«

Wassin zog einen Packen Papier aus seiner Uniformtasche hervor und streckte die Dokumente dem General hin. Saizew nahm sie nicht entgegen.

»Hören Sie mir gut zu. In dieser Stadt herrscht ein spezielles Regime. Es gibt Verfahren, die …«

»General«, fiel Wassin ihm ins Wort. »Bei allem Respekt, meine Befehle sind äußerst klar und deutlich.«

Saizews Gesicht lief dunkelrot an.

»Meine Ermittler sind bereits zu einem Ergebnis gekommen.« Die Stimme des Generals klang ungefähr so einfühlsam wie ein Gummiknüppel. »Die Beweise zeigen unmissverständlich, dass sich Fjodor Petrow selbst getötet hat. Die Ermittlungen sind beendet. Wir reichen den Bericht so ein, wie er ist. Sie kommen zu spät.«

Wassin mimte geschickt den Unterwürfigen.

»Ja, Genosse General.« Das hatte er alles schon erlebt. Dem Rang nach war er diesem Mann untergeben. Aber aufgrund der Behörde, die er repräsentierte, stand er … außerhalb. Etwas, worauf man mit Feingefühl hinweisen musste. Anfangs zumindest. »Aber ich bin von den zuständigen Behörden damit beauftragt worden, eine unabhängige Prüfung der Beweise vorzunehmen. Und Sie möchten natürlich nicht, dass ich meine Befehle missachte. Wie Sie wissen, pflegt der Vater des Verstorbenen enge persönliche Beziehungen mit etlichen Mitgliedern des Politbüros.«

Saizew gab ein Schweinsgrunzen von sich.

»Prüfen Sie ruhig, wenn es sein muss. Wir haben eindeutige Beweise zusammengetragen. Aber es ist Ihnen nicht gestattet, an die Hauptzeugen heranzutreten oder sie zu belästigen. Sie wurden bereits zu meiner Zufriedenheit befragt. Ist das klar?«

»Eindeutige Beweise, Genosse General?«

»Ja, eindeutige. Petrow ist an einer Thallium-Vergiftung gestorben. Das ist ein radioaktives Schwermetall. Er hat Thallium in seinem Labor benutzt. Und für jedes entnommene Milligramm unterschrieben. Aber er hat nicht jedes entnommene Milligramm bei der Arbeit benutzt. Die Aufzeichnungen belegen es. Eine beträchtliche Menge Thallium fehlt. Rund zweitausend Milligramm sind unauffindbar. Ist das eindeutig genug für Sie, Major?«

»Darf ich mir die Aufzeichnungen ansehen, General?«

Saizews ohnehin bereits finstere Miene wurde noch galliger. Er wandte sich an seinen Adjutanten.

»Jefremow? Der Mann aus Moskau glaubt mir nicht. Bringen Sie mir unsere Abschrift der Laborakten.«

Jefremow rümpfte die Nase, als hätte er einen üblen Geruch wahrgenommen, dann gehorchte er. Während er damit beschäftigt war, einen großen Stahltresor im hinteren Bereich von Saizews Büro zu öffnen, griff sich der General einen Papierstapel aus dem Posteingangskorb, fing an, die Schriftstücke zu lesen, und ignorierte Wassin demonstrativ.

»Genosse General? Der Bericht, den Sie wollten.«

Saizew griff sich den grauen Aktenordner aus der zierlichen Hand seines Assistenten. Dabei knickte der Kartoneinband unter den dicken Fingern des hochrangigen Militärs.

»Richtig. Wassin. Hier. Sehen Sie sich alles an. Jede Thallium-Probe, für die Petrow im vergangenen Monat unterschrieben hat. Links ist jedes Gramm verzeichnet, das er für seine Tests benutzt hat. Die unauffindbare Menge ist rot hervorgehoben. Ein Team von fünf Mann hat drei Tage lang sämtliche Akten durchforstet, um diese Informationen zusammenzutragen. Begonnen wurde damit unmittelbar nach dem Obduktionsbericht, fertiggestellt wurde die Arbeit vergangene Nacht.«

Wassin überflog die Spalten mit Zahlen, Daten, Beträgen. Die Angaben sagten ihm nichts. Was Saizew gewusst hatte.

»Darf ich das behalten?«

»Dürfen Sie nicht. Wie Sie sehen, ist das Dokument mit ›Streng geheim‹ gekennzeichnet.«

»Und die Abschriften der Zeugenbefragungen?«

»Die werden zu gegebener Zeit in der Registratur archiviert. Die Fallakte wird gerade erst zusammengestellt. Ganz nach unseren Verfahren. Sobald sie fertig ist, können Sie die Akte lesen. Und dem Bericht zustimmen.«

»Und die Leiche?«

Saizew schnaubte.

»Sicher verwahrt in einer Leichenhalle.«

»Wann kann ich sie sehen?«

»Nie. Zu radioaktiv. Die Strahlung löst Gewebe wie Zucker in Tee auf. Hat man mir zumindest gesagt.«

»Und Petrows Wohnung?«

»Dasselbe. Versiegelt.«

Stirnrunzelnd schaute Wassin zu Boden.

»Also wenn ich das richtig verstanden habe, General, kann ich gar nichts unternehmen? Dann bleibt mir wohl nur, ein Telegramm nach Moskau zu schicken und mitzuteilen, dass ich davon abgehalten werde, die Anweisungen des Politbüros auszuführen. Auch gut. Ich wünsche noch einen schönen Tag, Genossen. Ich vermute, Moskau wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen.«

Damit legte Wassin seine Legitimationsdokumente auf Saizews Schreibtisch ab, salutierte zackig und machte auf dem Absatz kehrt, ohne darauf zu warten, dass er entlassen wurde.

»Warten Sie!«

Die Stimme des Generals war zu einem tiefen Knurren gesunken.

»Major. Erledigen Sie einfach Ihre Arbeit und verschwinden Sie von hier. Jefremow, Sie können unseren Gast zur Leichenhalle bringen. Er hätte gern eine Kostprobe von unserer Arsamas-Strahlung. Begleiten Sie ihn am besten sofort hin.«

Jefremow salutierte seinerseits und stakste aus dem Raum. Im Vorbeigehen bedachte er Wassin mit einem verächtlichen Blick. Wassin und Saizew blieben allein zurück.

»Danke, Genosse General. Ich werde meine Arbeit erledigen.«

»Sie haben zwei Tage, Wassin. Zwei

Oder was?

Wassin war so klug, die Frage nicht zu stellen.

II

Wassin und Jefremow marschierten die Engels-Allee hinunter, ohne miteinander zu sprechen. Ein feiner Nieselregen hüllte die Stadt in einen Schleier aus umhertreibendem Grau. Sie gelangten auf den nach Lenin benannten Hauptplatz. An eine Seite grenzte ein steiles Flussufer. In einiger Entfernung befand sich eine bewaldete Insel, von der ein hoher Glockenturm und Zwiebelkuppeln eines ehemaligen Klosters aufragten, das bisher noch nicht abgerissen worden war. Links davon erhob sich der arrogant-moderne Block des Kinos Moskau, dessen Fassade aus einer weit geschwungenen verspiegelten Glasfläche bestand. In der Vorhalle des Kinos kämpfte schummriges Licht von Kronleuchtern gegen das morgendliche Zwielicht. Die einzigen Farben auf dem Platz stammten aus den Schaufenstern des Kaufhauses Univermag. Im Vorbeigehen begutachtete Wassin beiläufig die ausgestellten Waren. Tschechische Schuhe und deutsche Mäntel. Ein großer Stapel Königskrabben in Dosen. In Moskau hätte ein solches Angebot eine Menschenmenge angelockt. Hier hingegen wirkten die Bürger gleichgültig gegenüber den fantastischen Luxusgütern, die sich in den Schaufenstern türmten.

Und die Menschen selbst: Wie sie sich bewegten, hatte etwas Beunruhigendes an sich. Auf diesem außergewöhnlichen Planeten namens Arsamas gab es keine Aufläufe mürrischer Hausfrauen, die sich rempelnd zu Objekten ihrer Begierde drängten, sei es zu einer abfahrenden Straßenbahn oder zu einem frischen Hühnchen. Die Menschen in der Stadt schlenderten vielmehr umher wie Statisten in einem Film. Zudem waren sie auch so gut gekleidet wie Schauspieler, sogar die Arbeiter mit ihren gestreiften Matrosenunterhemden und Blaumännern. Eine Modellstadt voller Modellbürger.

An einer Straßenkreuzung stand ein Verkehrspolizist und schien auf Verkehr zu hoffen, den er regeln könnte. Es kam keiner. Jefremow bog in die Kurtschatow-Straße. Sie passierten ein Restaurant mit roten Veloursvorhängen, einen Frisiersalon, aus dem der penetrante Veilchenduft von Haarspray wehte, und Lebensmittelläden mit ihren staatlichen Sowjetschildern: FLEISCH. FISCH. Eine elektrische Straßenbahn, das neue polnische Modell, das erst unlängst in Moskau Einzug gehalten hatte, rumpelte auf frisch verlegten Schienen vorüber. Das Zentralkrankenhaus von Arsamas stand etwas von der Straße zurückversetzt, ein langer, grauer Klotz.

Am Eingang zum Krankenhaus blieb Wassin stehen, um sich eine Orbita anzuzünden. Jefremow wartete, zündete sich jedoch selbst keine Zigarette an. Wassin wusste, wie ratsam es war, die Nasenhöhlen zu betäuben. Er kannte den widerlichen Mief in den Leichenschauhäusern zu Beginn der meisten seiner Fälle nur allzu gut. Er erinnerte sich zum Beispiel an einen stinkenden Keller in Taschkent, aus dem irgendein Parteibonze die Kühlanlage für seine Datscha abtransportieren lassen hatte. Oder an ein Beinhaus in Rostow am Don, wo sich die Leichen in grotesken Haufen wie die bizarre Parodie einer Orgie getürmt hatten. Aber als Jefremow und er die Treppe ins Untergeschoss des Krankenhauses hinabstiegen, füllten sich Wassins Nasenlöcher nur mit dem sauberen, sterilen Geruch von Formaldehyd und Desinfektionsmittel. Ein Arzt in einem gestärkten Laborkittel trat rückwärts in den Gang. Beim Anblick der beiden Offiziere blieb er unvermittelt stehen.

»Guten Morgen … Genossen.«

Ihre Uniformen. Schwarze Offiziersstiefel, blaue Hose, Gürtel und Schulterstücke, die verräterischen grünen KGB-Paspeln an den Mützen und Schulterklappen. Damals, als Wassin noch in seiner alten, dunkelblauen, zerknitterten und abgewetzten Polizeiuniform gearbeitet hatte, da hatten die Menschen bei seinem Anblick die Augen verdreht. Die meisten Sowjetbürger betrachteten gewöhnliche Polizeibeamte als Stümper, als mit Gürteln zugeschnürte Drecksäcke. Der verbreitetste Spitzname für die Polizei lautete Musor, »Müll«. Seit seinem Wechsel zum KGB schraken die Menschen bei seinem Anblick vor ihm zurück. Genoss er das? Wassin musterte den Arzt von oben bis unten. Ein Teil von ihm schon. Um einen Offizier der Staatssicherheit krümmte sich die Welt. Es schien wie ein physikalisches Gesetz zu sein, wie Radiowellen, die sich in einem Magnetfeld verbiegen. Die Welt krümmte sich also – nur in der Regel nicht in die Richtung der Wahrheit.

»Genosse Doktor Andrejew.«

»Major …«

»Jefremow. Ich habe einen gewissen Major Wassin von der Staatssicherheit dabei, Abteilung für Sonderfälle in Moskau. Er ist hier, um über den tragischen Unfall von Fjodor Petrow zu diskutieren.«

»Ah.« Dr. Andrejews Züge entspannten sich ein wenig. »Natürlich.«

Die Menschen fürchteten die Uniform immer noch. Zeig mir den Mann, und ich zeige dir das Verbrechen, hatte das Motto der alten KGB-Garde aus der Stalin-Generation gelautet. Sicher, das Land hatte mittlerweile ein anderes Oberhaupt und steuerte in eine andere Zukunft. Offiziell hatte man die alten Tage des Staatsterrors, der willkürlichen Verhaftungslisten und der Regionalquoten für Hinrichtungen über Bord geworfen. Zumindest wollte Wassin das glauben. Ungeachtet dessen hielt sich der Angstreflex hartnäckig wie der Schmerz einer alten Narbe.

»Möchten Sie, dass Ihr Besucher den Pathologiebericht zu sehen bekommt, Major?«

Wassin ergriff das Wort.

»Und den Leichnam.«

Andrejew zögerte.

»Sind Ihnen die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen … und das Risiko bekannt?«

Wassin nickte verkniffen. Niemals Unwissenheit zugeben. Andrejew schaute nervös zu Jefremow, der mit gequälter Grimasse zustimmte.

»Bitte, machen Sie ruhig. Unser Besucher aus Moskau scheint sehr übereifrig zu sein. Aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, warte ich draußen.«

»Also gut. Ich rufe mein Personal.«

»Ist das Risiko … ungewöhnlich hoch?«

»Ja, Genosse Major. Sie werden es im Pathologiebericht sehen. Tests haben gezeigt, dass der junge Petrow genug Thallium im Körper hat, um eine ganze Stadt zu vergiften.«

Die raue Baumwolle des zu großen Overalls scheuerte in Wassins Schritt und ließ ihn o-beinig gehen. Vor seinem Gesicht trug er eine gewölbte Maske, die von innen mit Atemluft beschlug. Andrejew ging steifbeinig in einen glänzend weiß gefliesten Raum voraus, den eine gleißend helle Operationslampe erleuchtete. Zwei ebenfalls wie Kosmonauten gekleidete Sanitäter rollten einen tristen Metallsarg auf einer Transportliege herein. Sie hatten Mühe, den Deckel anzuheben, der sich Stück für Stück öffnete.

»Blei«, rief Andrejew, um sich durch das gummierte Segeltuchmaterial seiner Maske Gehör zu verschaffen. »Blei! Absorbiert Strahlung.«

Im Sarg lag ein Ertrunkener. Zumindest war das Wassins erster Eindruck. Das Gesicht war aufgedunsen, die Haut blass und fleckig. Sowohl die Augen als auch der Mund standen weit offen. Petrows Haar war büschelweise ausgefallen, auch im Sarg hatte er noch etliche Strähnen verloren. Die Zähne des jungen Mannes wirkten ebenfalls locker und waren von geronnenem Blut überzogen. An Petrows Schultern und Brust zeichneten sich Kratzspuren wie von Fingernägeln ab. Wassin zeigte mit einer behandschuhten Hand fragend darauf. Der Arzt deutete daraufhin an, sich den Overall vom Leib zu reißen.

»Selbst zugefügt. Er hat seine Kleidung zerfetzt.«

Der Tote hatte mit dem attraktiven jungen Mann auf dem Foto in Petrows Akte nichts mehr gemeinsam. Das Opfer im Sarg sah aus wie … Wassin suchte nach dem richtigen Wort für eine Beschreibung. Explodiert. Petrows Körper schien aufgeplatzt zu sein wie eine zu lang gekochte Wurst.

Ungewöhnlich fand er, dass der Rumpf unversehrt zu sein schien. Wassin deutete über dem Bauch mit Gesten ein Aufschneiden und Zunähen an. Andrejew schwenkte verneinend einen Finger.

»Keine Autopsie, Major. Zu gefährlich«, ertönten seine gedämpften Worte.

Die Toten erwiesen sich oft als Wassins beste Informanten. Die meisten seiner Ermittlerkollegen bevorzugten lebende Zeugen, die sie einschüchtern und terrorisieren konnten. Aber Wassin wusste, dass Tote sehr wohl Geschichten erzählen konnten. Und im Gegensatz zu den Lebenden logen sie selten. Petrows Leichnam jedoch würde seine Geheimnisse mit ins Grab nehmen.

»Zumachen.« Wassin wedelte mit den Händen. »Zumachen.«

Der Pathologe senkte ein schwarzes Bakelit-Gerät an die Stelle neben dem Kopf des Leichnams – anscheinend ein Geigerzähler zur Messung der Strahlung. Die Nadel sprang jäh auf maximalen Anschlag und verharrte dort. Andrejew drehte einige Regler, wodurch sich die Anzeigenadel letztlich senkte. Er las den endgültigen Wert ab. Dann tauchten die Sanitäter wieder auf, versiegelten den Sarg mit raschen Bewegungen und beraubten Petrows hellblaue Augen zum letzten Mal des Lichts.

Wassin und Andrejew verließen den Raum nacheinander durch eine andere Tür als jene, durch die sie eingetreten waren. Drei mit Raumfahreranzügen vermummte Gestalten erwarteten sie, gerüstet mit Hochdrucksprühpistolen. Sie bearbeiteten Andrejew und Wassin kurzerhand aus jeder Richtung mit heißem Wasser. Zwei sprühten, während der dritte sie kräftig mit einem langstieligen Besen abschrubbte. Dann halfen die weißen Gestalten Wassin und Andrejew, ihre Schutzkleidung abzulegen, und verwiesen sie, als sie triefend in Unterwäsche vor ihnen standen, in einen Duschraum. Obwohl um ihre Körper heißer Wasserdampf aufstieg, stellte Wassin fest, dass er zitterte.

»Ich hoffe, Sie finden unsere Verfahren gründlich.«

»Und ich hoffe, Sie haben das nicht nur meinetwegen veranstaltet, Doktor.«

»Wir nehmen Strahlung in Arsamas äußerst ernst.«

»Es besteht kein Zweifel an der Todesursache?«

»Keiner. Die Symptome sind überaus deutlich. Petrow hat irgendwann vergangenen Montag eine hochgradig radioaktive Substanz zu sich genommen. Eine einfache Analyse seines Erbrochenen hat das Vorhandensein von Thallium bestätigt. Gewebeproben haben gezeigt, dass er ungefähr zweitausend Milligramm konsumiert hat. Zwei Gramm. Schon rund ein Viertel Milligramm wäre tödlich. Er hat also genug zu sich genommen, um achttausend Menschen zu töten. Bestimmt verstehen Sie jetzt, warum wir ihn nicht aufschneiden wollen.«

»Und der Ursprung des Thalliums? Wer hat Zugriff darauf?«

Andrejew wandte sich dem Ermittler zu.

»Hunderte Menschen. Die ganze Stadt ist rund um radioaktives Material errichtet. Und um dessen Verwendung.«

Der Arzt zog seinen Hosenträger hoch und schlüpfte in seinen weißen Laborkittel.

»Hatte Petrow Zugriff?«

»Natürlich. Er hat im Institut gearbeitet. Aber nach Einzelheiten müssten Sie seine Laborgehilfen fragen. Ich könnte mir denken, dass im Labor ein Protokoll geführt wird.«

»Und Sie, Doktor: Was für ein Gefühl haben Sie bei der Todesursache?«

»Ich habe keine Gefühle anzubieten, Genosse Major. Nur Beobachtungen und Feststellungen. Eine solche Feststellung ist, dass Männer, die mit chemischen Stoffen wie Thallium arbeiten, Profis sind. Sie alle wissen um die Gefahren.«

Im Augenblick bedauerte Wassin die Uniform. Pathologen hatten oft gute Ahnungen, die sie in der Regel wie zärtliche Worte nach dem Beischlaf bei einer gemeinsamen Zigarette nach einer Autopsiebesprechung preisgaben. Hier jedoch, in der hell erleuchteten Sterilität des Untergeschosses dieses Krankenhauses, gab es keine düsteren Winkel, in denen Vertrauen entstehen konnte.

»Sieht es für Sie wie ein Selbstmord aus?«

Andrejew bedachte Wassin mit einem langen Blick.

»Genosse. Die Wissenschaftler hier leben in einer Wolke. Aber die Wolke ist klein und schwebt sehr hoch. Und manchmal ist die Wolke überfüllt. Dann fallen Leute hinunter.«

»Oder springen?«

»Das herauszufinden, Genosse, fällt in Ihre Zuständigkeit, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten.«

Andrejew schüttelte Wassin die Hand und ließ ihn im Umkleideraum stehen. An einer Glasscheibe in der Labortür erschien Jefremows Gesicht, der ungeduldig hereinspähte, um herauszufinden, was Wassin so lange aufhielt.

III

Vor dem Krankenhaus sog Wassin gierig an einer weiteren Zigarette.

»Warum haben Sie sich die Leiche nicht mit uns angesehen, Jefremow? Sie kommen mir nicht wie der zimperliche Typ vor.«

Der Adjutant, der die Hände tief in den Taschen seines Regenmantels vergraben hatte, nickte nur.

»Wie lange wollen Sie noch den harten Schweigsamen mimen, Jefremow?«

Sein Begleiter lächelte frostig.

»Langweilt Sie Arsamas bereits, Major? Brauchen Sie Unterhaltung?«

»Ich brauche Informationen.«

»Zum Beispiel?«

»Zum Beispiel, wie Petrow gestorben ist.«

»Das …«

»Steht in der Akte. Natürlich. Aber mein Gedächtnis ist fürchterlich. Helfen Sie mir auf die Sprünge.«

»Petrow wurde tot in seiner Wohnung gefunden. Gestorben an einer Thallium-Vergiftung.«

»Und was hat er in den letzten Stunden seines Lebens gemacht?«

»Gesehen wurde Petrow zuletzt beim Abendessen mit Kollegen.«

»Welchen Kollegen?«

»Er hat mit Professor Adamow und dessen Frau bei ihnen zu Hause gegessen. Sie haben berichtet, Petrow habe müde gewirkt, davon abgesehen jedoch normal.«

»War sonst noch jemand bei dem Essen dabei?«

»Ein Oberst aus dem technischen Bereich. Pawel Korin.«

»Und wie lange hat das Thallium gebraucht, um Petrow umzubringen? Irgendeine Ahnung, wann er es zu sich genommen hat? Oder wie?«

»Es wird ein paar Stunden gedauert haben. Er hat es selbst eingenommen.«

»Vermuten Sie. Hat ihn nach dem Abendessen jemand in seiner Wohnung besucht?«

»Nein.«

»Gibt es in seinem Gebäude einen Pförtner? Einen Wachmann?«

»Der hat geschlafen. Steht in seiner Zeugenaussage.«

»Also besteht keine Möglichkeit herauszufinden, ob in jener Nacht jemand gekommen oder gegangen ist?«

Jefremow seufzte müde.

»Petrow hat sich selbst das Leben genommen, Wassin. Das machen die Menschen in der Regel allein.«

»Hat er einen Abschiedsbrief hinterlassen? Können wir in seine Wohnung?«

»Ihr Gedächtnis ist wirklich fürchterlich, Major. General Saizew hat Ihnen bereits gesagt, dass es unmöglich ist. Zu radioaktiv.«

»Dasselbe hat er über die Leiche gesagt. Und hier sind wir jetzt.«

»Sie können sich gern die Ermittlungsfotos ansehen.«

»Das werde ich. Aber haben Sie die Wohnung selbst gesehen?«

Über Jefremows frostige Züge huschte ein Anflug von Emotion.

»Zufällig habe ich das.«

»Und was genau haben Sie gesehen?«

»Blut und radioaktive …« Jefremow schien nach einem feineren Wort zu suchen, jedoch letztlich seinem ersten Impuls zu folgen. »Radioaktive Kotze. Überall.«

»Und wo war Petrow?«

Kurz rang Jefremow mit sich, hin- und hergerissen zwischen Misstrauen und dem Verlangen zu reden.

»Kommen Sie, alter Freund. Wir stehen doch auf derselben Seite.«

»Petrow war in seine Laken verheddert. Er hatte sie in Fetzen gerissen. Und das Kissen hatte er mit den Zähnen in seine Einzelteile zerlegt. Sogar an der Wand war Blut.«

»Klingt nach einer ziemlich grausigen Art zu sterben.«

Unwillkürlich schauderte Jefremow, und er schwieg eine Weile.

»Vielleicht hat er es so verdient.«

»Es verdient?«

Jefremow beschwor ein weiteres frostiges Lächeln herauf.

»Richtig. Genug geplaudert.« Der Ton des Adjutanten wurde zackig und dienstlich. Er zupfte seine Uniformjacke zurecht und sah auf die Armbanduhr. »Inzwischen sollte man in der Registratur für Sie bereit sein. Begraben wir Sie in Papierkram.«

»Bevor Sie mich begraben …«

Argwöhnisch verengte Jefremow die Augen.

»Ich muss ein Telegramm schicken. Intern und sicher. An meinen Vorgesetzten.«

Sicher bedeutete natürlich, dass es Saizew unverzüglich zu Gesicht bekommen würde.

»Ein Telegramm?«

»Es ist an der Zeit, sich in Moskau zu melden. Standardverfahren. Mein Vorgesetzter bleibt gern zeitnah auf dem Laufenden. Außer natürlich, Sie haben etwas dagegen.«

»Natürlich nicht.«

Wassin wusste, dass wahrscheinlich nur fünf schlichte Worte ausreichen würden. ERBITTE UMGEHENDES GESPRÄCH MIT ADAMOW. Wenn er in seinem Jahr bei der Abteilung für Sonderfälle etwas gelernt hatte, dann, dass General Orlow die schier übernatürliche Gabe besaß, einige der mächtigsten Männer der UdSSR nach seiner Pfeife tanzen zu lassen. Der Teufel sollte General Saizew holen. Wassin vermutete, dass innerhalb weniger Stunden eine befehlsgewohnte Stimme den Professor telefonisch anweisen würde, sich Zeit zu nehmen. Unverzüglich.

IV

Petrows Akte lag schwer auf Wassins Schoß. Beim Foto des toten Wissenschaftlers handelte es sich um ein professionelles Studioportrait. Das Gesicht lag in dramatischen Halbschatten wie bei einem Star von MosFilm. Petrow stellte sein gutes Aussehen ungezwungen mit einem verhaltenen Lächeln auf den Lippen zur Schau. Ein Gesicht wie aus einer Zeitschrift: gewelltes helles Haar, große blaue Augen, fein geschnittene Kieferpartie. Ein Gesicht, das mit Sicherheit niemand geschlagen hatte. Die Augen wirkten bereit, sich jederzeit zu einem Ausdruck aufrichtiger Hingabe zusammenzukneifen. Das Gesicht eines Liebhabers.

Saizew und seine Männer hatten gründlich gearbeitet. Die Akte enthielt Petrows vollständige persönliche Daten: vierzig Seiten mit Referenzen und regelmäßigen Überprüfungen in jedem der sechs Jahre, die er in Arsamas verbracht hatte. Parteiversammlungen, an denen er teilgenommen hatte, bezahlte Gebühren, formelle Berichte von Parteireferenten. Und aus der Zeit davor die Aufzeichnungen des Kommunistischen Jugendverbands über ihn, sowie ein Haufen Empfehlungsschreiben von seinen Betreuern an Hochschulen. Die Briefköpfe strotzten nur so vor roten Sternen und Lorbeerkränzen.

Wassins geübtem Auge entging nicht, was fehlte. In der Akte gab es keine Denunziationen von Kollegen oder warnende Anmerkungen von Vorgesetzten, keine abgehörten Anrufe, keine abgefangene Post. Nichts von den üblichen Bruchstücken des Büroklatschs oder unbedeutenden Ressentiments, die normalerweise ihren Weg zur Kontora fanden. Anscheinend besaß der KGB in den höheren Kreisen der Zitadelle keine Augen und Ohren. Aus der Sicht der Kontora befand sich das Institut hermetisch abgeriegelt hinter einer hohen, durchgehenden Mauer des Schweigens.

Die meisten Befragungen von Petrows Kollegen in den Tagen nach seinem Tod hatte Major Jefremow geleitet. Die Abschriften lasen sich wie der vertraute Beamtenjargon und waren überwiegend eine Ansammlung von Belanglosigkeiten. Ein Zeuge jedoch stach heraus: Dr. Wladimir Axelrod, Petrows Laborkollege und laut eigener Aussage persönlicher Freund.

JEFREMOW O. P. (MAJOR, GUGB/AZ16): Genosse Doktor Axelrod, bitte geben Sie Ihre Einschätzung des Geisteszustands des Verstorbenen in seinen letzten Tagen zu Protokoll.

AXELROD W. M.: Meiner Einschätzung nach hat Dr. PETROW keine Verhaltensweisen gezeigt, die man als ungewöhnlich beschreiben könnte.

F: Wie oft haben es die Umstände zugelassen, dass Sie sich ein Bild von der Stimmung und den Verhaltensweisen des Verstorbenen machen konnten?

AXELROD W. M.: Wir haben uns täglich gesehen, wenn wir am selben Projekt gearbeitet haben. In den letzten Tagen seines Lebens war das der Fall. Außerdem hatten wir regelmäßig gesellschaftlichen Umgang mit anderen Genossen vom Institut.

Wassin rieb sich die Augen und fluchte innerlich. Die Förmlichkeit solcher Aufzeichnungen trieb ihn regelmäßig zur Weißglut, weil sie einerseits jedes Leben aus den Worten quetschte und andererseits jeden Befragten in eine vorgezeichnete Rolle drängte, entweder die des reuigen Verbrechers oder die des hilfsbereiten Bürgers.

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