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BLACK CATS _ Im Netz des Todes

 

Für Lauren

Du wolltest, dass ich einen Bösewicht aus dir mache …
Freust du dich stattdessen auch über eine Widmung?

Ich liebe dich, mein Schatz.

Prolog

Absender: Malik Waffi [mailto: mwaffi@hotmail.com]

Empfänger: Todd, Jason

Betreff: Brauche dringend Ihre Hilfe

Hallo. Ich bin der ehemalige Finanzminister einer einst bedeutenden Nation. Ich schreibe Ihnen wegen eines Problems von größter Dringlichkeit.

Jüngste Unruhen in meinem Land machen es mir unmöglich, Gelder wiederzuerlangen, die meine Regierung versteckt hat. Ich schreibe Ihnen, um Sie um Ihre Unterstützung anzuflehen. Ich brauche einen Partner, der mir hilft, an das Geld heranzukommen. Ich kann das Kapital aufspüren, aber um meiner eigenen Sicherheit und der Sicherheit meiner Familie willen muss ich über einen Dritten agieren.

Als Gegenleistung für Ihre Unterstützung erhalten Sie die Hälfte der Summe, die gerettet wird, oder zehn Millionen Dollar. Bitte antworten Sie mir, damit ich die Überweisung ausstellen kann.

Ihr Freund

Dr. Malik Waffi

»Ich kann immer noch nicht fassen, dass du auf diesen Schwachsinn hereingefallen bist

Ohne seinem Beifahrer zu antworten, umklammerte Jason Todd das Lenkrad des Buicks seines Vaters und bemühte sich, den Wagen auf der dunklen, rutschigen Straße zu halten. Das Herz klopfte ihm wie wild, während er versuchte, durch die verschneite Windschutzscheibe etwas zu erkennen. Sein keuchender Atem verriet, wie aufgeregt er war.

»Wir hätten auf ’ne Party gehen können«, fuhr Ryan vom Beifahrersitz aus fort, wo er kauerte, seit sie vor einer Stunde aufgebrochen waren. »Stattdessen stecken wir in einem Schneesturm, nur um von irgend so ’nem Typen übers Ohr gehauen zu werden

»Niemand hat dich gezwungen mitzukommen

»Halt die Klappe, du Depp. Du weißt genau, dass ich dich niemals alleine hätte gehen lassen

Nein, das hätte er niemals getan. Seit der ersten Klasse waren sie beste Freunde, und Jason wusste nicht, ob er den Mumm gehabt hätte, das hier durchzuziehen, wenn Ryan ihm nicht beigestanden hätte.

»Dieser beschissene Schnee. Ich kann nicht das Geringste sehen Mit einer schmierigen Serviette aus einem Fast-Food-Restaurant versuchte Ryan, die beschlagene Windschutzscheibe freizuwischen.

Der feine Schnee, der bei Sonnenuntergang eingesetzt hatte, fiel seit einer Stunde unbarmherzig auf sie herab. Die Reifen drohten ständig die Bodenhaftung zu verlieren. Die Strecke auf der Landstraße von Wilmington hatten sie mühelos hinter sich gebracht, doch diese Seitenstraßen waren völlig unbefahren. Der Winter hatte zwar erst spät begonnen zu Weihnachten vor ein paar Wochen waren es noch knapp zehn Grad gewesen, aber dafür kam er jetzt umso heftiger.

»Wann hat dein Dad das letzte Mal die Scheibenwischblätter ausgetauscht

»Woher soll ich das wissen? Fragen kann ich ihn schlecht, schließlich ist er gerade in Florida Wenn Jasons Eltern aus dem Urlaub zurückkamen, wollte Jason schon längst in seinem eigenen Auto sitzen. In einem schönen Auto, nicht so einem fahrenden Schrotthaufen.

»Dir ist schon klar, dass das ein Riesenschwindel ist, oder? Internetbetrug der simpelsten Sorte

Mann, er ließ einfach nicht locker. »Du hast den Scheck doch selbst gesehen

Ryan nickte. Er war genauso verdattert gewesen wie Jason, als ein Scheck über einen ganzen Tausender in Jasons Briefkasten gelandet war ein Vorschuss, wie dieser Waffi es genannt hatte. »Ja, ja, das Geld«, räumte Ryan ein. »Aber ich bleibe dabei: Der Scheck kann immer noch platzen

»Er ist gedeckt. Also kann er nicht platzen

»Kann er doch, wenn er gefälscht ist«, brummte Ryan, der stärker an seinen Zweifeln festhielt als damals an seinem Glauben an den Weihnachtsmann.

»Er ist nicht gefälscht. Komm schon, Alter, gib einfach zu, dass du unrecht hast. Niemand würde sich von einem Riesen trennen, um jemanden per E-Mail zu betrügen. Das würde sogar deine virtuelle Cyber-Schnecke einsehen

Ryans schiefes Grinsen ließ ihn noch jünger aussehen, als er mit seinen sechzehn Jahren war. »Du kannst mich mal. Du weißt genau, dass sie eine tolle Frau ist. Du bist nur neidisch, weil sie dir noch nie eine persönliche Nachricht geschrieben hat

Jason war überglücklich, dass ihn jemand per E-Mail kontaktiert hatte, der einen Millionär aus ihm machen wollte. Aber er musste zugeben, dass Sam the Spaminator nach dem Bild auf ihrer Website zu urteilen verdammt gut aussah.

»Wir hätten ihre Antwort abwarten sollen«, fuhr Ryan fort. »Sie würde garantiert sagen, dass das alles nur ein fauler Trick ist. Über genau diese Masche hat sie schon ganze Artikel geschrieben

»Die Koh-le«, gab Jason in singendem Tonfall zurück.

Der Scheck in seiner Jackentasche reichte Jason völlig, um all seine Bedenken zu zerstreuen. Waffi hatte ihm das Dokument geschickt, ohne irgendwelche Bedingungen daran zu knüpfen. Er wollte ihm beweisen, dass er es ehrlich meinte. Jason hätte den Scheck einlösen und sich nie wieder bei ihm melden können. Allein das zeigte schon, dass Dr. Waffi ihn nicht hereinlegen wollte. Aber wenn er den Scheck heute Abend zu dem persönlichen Treffen mit dem Doktor mitbrachte, würde er ihn gegen einen anderen Scheck eintauschen können, der sehr viel mehr Nullen aufwies. Schon morgen würde er so reich sein, dass er alles machen konnte, was er wollte.

Während er diesem Gedanken noch nachhing, wäre er fast an der Schotterstraße vorbeigefahren, von der Dr. Waffi ihm erzählt hatte. Wirres Gestrüpp überwucherte die Abzweigung, und selbst bei gutem Wetter wäre sie schwer zu entdecken gewesen. Als Jason abbog, schlingerte das Auto ein wenig, aber er behielt es unter Kontrolle.

Er war keine hundertfünfzig Meter gefahren, da schrie Ryan: »Pass auf

Plötzlich sah auch Jason den riesigen Lkw, der quer auf der Fahrbahn stand, und riss das Steuer herum. Sie gerieten ins Schleudern, der Wagen drehte sich mehrfach um sich selbst und schlitterte auf die Bäume zu. Schotter und Schnee flogen durch die Luft, spitze Äste schlugen aufs Dach wie Messer, die auf Knochen einhackten. Ryan wurde aus dem Sitz geworfen und stieß unsanft mit Jason zusammen, der so heftig gegen das Seitenfenster knallte, dass er seinen Wangenknochen splittern hörte.

Schließlich kam der Buick einige Meter vor einer Böschung, die zu einem zugefrorenen Weiher abfiel, zum Stehen. Jason spürte, wie ihm etwas Feuchtes, Klebriges von der Stirn tropfte. Sein Gesicht glühte; seine Lippen waren mit einer salzigen Flüssigkeit überzogen. Die Lider wurden ihm schwer; alles wirkte verschwommen. Aber kurz bevor er in Ohnmacht fiel, sah er einen Schatten auf das Auto zukommen. Dort war jemand. »Halb so wild, Kumpel«, murmelte er. »Rettung naht

Das waren die letzten Worte, die er über die Lippen brachte, bevor er in Dunkelheit versank.

Und es waren die ersten, die ihm durch den Kopf gingen, als er wieder zu sich kam. Rettung naht.

Er war einige Minuten lang ohnmächtig gewesen. Oder einige Stunden. Genau konnte er das nicht sagen, während er langsam das Vergessen hinter sich ließ und sein Bewusstsein wiedererlangte. Er wusste nur eins: Er fror. Von der Wärme, die die Standheizung des Autos verbreitet hatte, war nichts mehr zu spüren. Die kalte Luft stach ihm wie Nadeln ins Gesicht und den Körper. Er versuchte die trüben Wolken aus seinem Hirn zu vertreiben und bemühte sich angestrengt, sich daran zu erinnern, was passiert war und wo er sich befand.

Das dauerte nicht lange. Sie hatten einen Unfall gehabt. Einen schlimmen Unfall.

Aber Rettung naht. Oder?

»Halt still, Jason

Die Stimme klang kräftig und bestimmt, aber nicht gerade beruhigend. Eine eiserne Entschlossenheit schwang darin mit, die keinen Ungehorsam duldete.

Doch diese Worte waren nicht das Einzige, was ihm ans Ohr drang. Ganz in der Nähe hörte er ein lautes Knacken, als würde jemand einen riesigen Schaukelstuhl anstoßen. »Wer

»Ruhe

Er fragte sich, ob er vielleicht im Krankenhaus lag und ein übermäßig strenger Arzt sich um ihn kümmerte. Vielleicht waren seine Eltern dann auch hier. Sie würden sauer auf ihn sein, weil er einen Unfall gebaut hatte. Aber vor lauter Erleichterung darüber, dass er unversehrt geblieben war, würden sie es ihm verzeihen. Und Jason würde ihnen sagen, dass es ihm leidtat. Sehr leid.

Obwohl das eine tröstliche Vorstellung war, öffnete er die Augen nicht. Zum einen hatte er starke Schmerzen. Und zum anderen ahnte er bereits, dass seine Eltern nicht da waren. Das war nur ein Kindertraum. Der fast erwachsene Jason wusste, dass er nicht im Krankenhaus lag. Schließlich war es dunkel, und es schneite immer noch. Die winzigen Flocken, die auf seiner Haut landeten und sofort zu Eis gefroren, verrieten das. Außerdem hatte er Blut auf den Lippen. Und jeder einzelne Zentimeter seines Körpers schmerzte.

»Jason, du solltest doch allein herkommen

»Wer ist da, flüsterte er.

Plötzlich flammte ein helles Licht auf und erleuchtete die pechschwarze Nacht. Wie tausend Nadeln stach es ihm durch die dünne Haut der Augenlider in die Pupillen. Jason wandte sich ab und versuchte instinktiv, dem Licht zu entkommen. Der Kopf war jedoch das einzige Körperteil, das er bewegen konnte. Er zwang sich zur Selbstbeherrschung und senkte den Blick, bevor er langsam die Lider hob und seine Augen nach und nach dem Licht aussetzte.

Er befand sich eindeutig draußen. Sein Oberkörper war nackt. Die Teile seiner Haut, die er unter dem vereisten Schnee sehen konnte, waren grau vor Kälte, vielleicht sogar erfroren. Auch seine Beine schimmerten grau in dem schneeglitzernden Mondlicht. Und seltsamerweise saß er aufrecht auf einem Stuhl.

»Jason Jetzt klang die Stimme noch strenger.

Er schaute nicht auf, um noch ein wenig Zeit zu gewinnen, während er versuchte, sein Gehirn in Gang zu bringen. Gefrorener Schnee, rosa gefärbt von Blut, lag auf seinen nackten Oberschenkeln. Er bemerkte einen kompakten Silberstreifen, der quer über seine Beine verlief, und einen weiteren an seiner Hüfte und begriff, warum er sich nicht bewegen konnte. Klebeband. Verdammte Scheiße, was geht hier vor?

»Was ist los? Wo ist Ryan

»Direkt hinter dir

Er riss den Kopf herum. Dumpf knallte er gegen einen Widerstand und erntete ein Ächzen. Ryan lebte, zumindest vorerst. Rücken an Rücken waren sie irgendwie aneinandergefesselt.

Jasons Blick irrte fieberhaft umher. Blinzelnd schaute er in das grelle Licht. Scheinwerfer. »Was soll das Wieder knackte es ganz in der Nähe. Panik stieg in ihm auf. Irgendwie kannte er dieses Geräusch und wusste, woher es kam.

»Du hättest allein herkommen sollen Der Tonfall war immer noch unnachgiebig, aber trotzdem geduldig, als sei Jason ein kleines Kind, das eine Lektion wiederholen musste.

Plötzlich hatte er einen Verdacht. »Dr. Waffi

»Aaah, wir machen Fortschritte. Also, was habe ich dir gesagt

»Dass ich allein herkommen soll«, gab er zu.

»Du warst ungehorsam. Man könnte Eigensinn dahinter vermuten. Aber ich weiß genug über dich, um davon ausgehen zu können, dass es einfach nur pure Dummheit war

Tränen rannen Jason aus den Augen. Sie liefen ihm einige Zentimeter über die Wangen, dann froren sie fest. »Bitte lassen Sie mich gehen

»Wohin soll ich dich gehen lassen? Was willst du denn machen

»Ich will nach Hause zu meinen Eltern Oh, wie er sich wünschte, sie wären niemals weggefahren und er hätte nicht auf diese E-Mail geantwortet!

»Deine Eltern hätten dich nie in die Welt setzen sollen

Jason fing an zu weinen wie ein Baby. Wie konnte das nur geschehen? Er war erst siebzehn. Er stand gerade am Anfang seines Lebens. Er hatte noch nicht einmal mit einem Mädchen geschlafen, auch wenn er vor den Jungs in der Umkleidekabine immer etwas anderes behauptete.

»Wer ist der andere? Ist er genauso dumm wie du

»Ryan Smith Jason hörte ein Stöhnen und bereute all die dummen Geschichten, in die er seinen besten Freund mit hineingezogen hatte. »Er hat gewusst, dass alles nur ein Schwindel ist

»So, so, dann ist er also zumindest kein Dummkopf. Aber für Freunde hat er kein gutes Händchen Die grausamen Worte des Mannes wurden von einem weiteren unerträglichen Knacken untermalt. Diesmal war es lauter. Und lang gezogener. »Jetzt wird er dafür bezahlen

»Sind Sie verrückt, schrie Jason. »Lassen Sie uns gehen

Wieder ein Knacken. Nun konnte Jason spüren, wie etwas unter seinen eisigen Füßen knirschte. Der Boden fühlte sich uneben an, steinhart und dennoch instabil. So verdammt kalt.

Von Entsetzen gepackt, erkannte Jason plötzlich, woher die Geräusche kamen. Und was gleich geschehen würde. Er zuckte zusammen, kämpfte mit dem Klebeband, obwohl er wusste, dass er lieber stillhalten sollte. »Nein, tun Sie uns das nicht an

Schließlich starrte er direkt ins Licht es war das Fernlicht vom verbeulten Buick seines Vaters. Der Wagen stand in einigen Metern Entfernung oben auf einer kleinen Böschung, die Motorhaube zeigte zu ihm. Während er hinübersah, erklomm eine dunkle, schemenhafte Gestalt, nur schwer erkennbar in der verschneiten Nacht, die Steigung und näherte sich dem Auto.

Einen kurzen Moment lang befand sie sich genau vor den Scheinwerfern. Ihr Schatten schien mehrere Kilometer lang zu sein und hüllte Jason in Schwärze. Dann ging die Gestalt weiter zur offenen Fahrertür.

Jason begriff, was der Mann vorhatte, noch bevor er sich ins Auto beugte und die Schweinwerfer ausschaltete. Die jähe Dunkelheit blendete ihn fast ebenso sehr wie das Licht, doch sie löste unendlich mehr Panik in ihm aus. Denn Jason brauchte nicht zu sehen, wie der Mann in den Leerlauf schaltete; er brauchte auch nicht zu hören, wie er die Handbremse löste er wusste genau, was geschah. »Oh Gott, bitte nicht

Langsam rollte der Wagen die Böschung hinunter, kam dem vereisten Weiher, auf dem Jason und Ryan gefangen waren, immer näher. »Warum tun Sie das, rief Jason und zerrte am Klebeband, während die Vorderreifen auf dem zugefrorenen Ufer aufsetzten.

Hinter sich spürte er eine Bewegung. Ryan kam langsam wieder zu sich.

»Leb wohl, Jason«, rief die Stimme. »Ohne dich ist die Welt besser dran. Schade um deinen Freund. Du hättest wirklich allein kommen sollen

Die schemenhafte Gestalt setzte sich in Bewegung und verschwand im Schneegestöber. Im nächsten Moment heulte ein Motor auf. Dann entfernte sich das Geräusch. Jason hörte es kaum, während das Auto immer näher kam und über das schneeglatte Eis schlitterte. Ein riesiger Haufen Metall mit mehreren Tonnen Gewicht.

Knack.

Wie tief ist das Wasser? Wie dick wird das Eis wohl sein? Werden wir erfrieren oder ertrinken?

»Jase

»Ryan, es tut mir leid, dass ich dich in diese Sache mit reingezogen habe«, schluchzte er.

Ryan bewegte den Kopf, sein gefrorenes Haar kratzte über Jasons Rücken. »Schon okay. Der treue Freund steht dem Helden immer zur Seite

»Es tut mir so leid, heulte Jason. Er versuchte, ruhig zu sitzen, obwohl er sich am liebsten losgerissen hätte. Aber bevor er irgendetwas unternehmen konnte, bevor er sich auch nur von seinem besten Freund verabschieden konnte, knackte es noch einmal, und die Eisdecke brach unter ihnen ein. Eiskaltes Wasser spülte ihm über Füße und Knöchel, erweckte sie wieder zum Leben, nur damit sie diesen Schmerz spürten.

Jason und Ryan stürzten abwärts, bis Schwärze ihre Köpfe bedeckte und ihnen das Eis die Lungen verbrannte. Und während das Wasser die Welt über ihm in ein frostiges Grab verwandelte, konnte Jason nur noch an seine Eltern denken.

Gott, wie sehr wünschte er sich, er wäre mit ihnen nach Florida gefahren.

1

Neun Tage später

Von außen sah das J. Edgar Hoover Building genauso aus wie alle anderen Regierungsgebäude in Washington, D.C., die in den Sechzigern gebaut worden waren. Eckig und kastenförmig, die Betonmauern hellgrau wie Kalkstein nicht zu vergleichen mit der frischen weißen Pracht der Bauten, die weiter unten an der Pennsylvania Avenue standen oder die National Mall umgaben.

Für Alec Lamberts müde Augen wirkte das Gebäude sogar fast wie ein Gefängnis.

Da er sich an diesem kalten Wintermorgen eher wie ein Häftling vorkam als ein Special Agent, war dieser Vergleich nicht ganz unpassend. Denn als er am ersten Tag in seiner neuen Dienststelle über die Schwelle des FBI-Hauptquartiers trat, hatte er das Gefühl, eine Strafe für ein abscheuliches Verbrechen absitzen zu müssen.

Genau. Ein abscheuliches Verbrechen: Er hatte der falschen Frau vertraut. Und war obendrein noch angeschossen worden.

Das war eine schmerzhafte Lektion gewesen, aber er hatte eindeutig daraus gelernt. Denn seine Fehleinschätzung hatte nicht nur dafür gesorgt, dass er mit einigen Kugeln im Körper im Krankenhaus gelandet war; sie hatte noch einen weitaus höheren Preis gefordert.

Das Leben eines anderen Agenten.

Der Vorfall in Atlanta hatte ihn körperlich verwundet und emotional zerstört. Lambert hatte dadurch die Chance verpasst, dieses Schwein von einem Serienmörder dranzukriegen, das er seit drei Jahren schnappen wollte denn der Zwischenfall hatte ihn auch seinen Posten bei der Behavioral Analysis Unit gekostet. Und einen Freund: Dave Ferguson, mit dem er schon zusammen auf der Polizeiakademie gewesen war.

Das war es, was ihm nachts den Schlaf raubte.

Eigentlich hätten sie ihn hochkant aus dem FBI rauswerfen müssen. Aber vielleicht hatten irgendwelche hohen Tiere sich überlegt, dass es besser wäre, ihn in der Nähe zu behalten, damit ihn sein Arbeitsumfeld ständig an seine Tat erinnerte und er sich umso mehr quälte. Buße nonstop.

Und vielleicht hatte er sich auch deswegen so sehr um diesen Job bemüht.

»Deine letzte Chance. Vermassel sie nicht«, ermahnte er sich immer wieder, während er sich seinen Weg durch die Sicherheitskontrollen bahnte. Schließlich erreichte er den vierten Stock. Es war an der Zeit, sich bei seinem neuen Chef zu melden bei dem Mann, der ihn davor bewahrt hatte, als Wachdienst in einem Kaufhaus arbeiten zu müssen. Wyatt Blackstone.

»Special Agent Alec Lambert«, stellte er sich vor, als er das Vorzimmer des neuesten Cyber Action Teams des FBI betrat irgendjemand mit Mangel an Fantasie hatte die Abkürzung CAT in Umlauf gebracht. Nachdem die Presse im letzten Sommer unglaublich viel Wirbel um einen ihrer Fälle gemacht hatte, waren die Journalisten noch einen Schritt weitergegangen: Sie hatten den internen Spitznamen aufgeschnappt und begonnen, Blackstones Team als die Black CATs zu bezeichnen. Großartig!

Die Empfangsdame, eine mürrische Frau mittleren Alters mit grauen Strähnen im braunen Haar und aufgemalten Augenbrauen, musterte seine Dienstmarke. »Sie werden erwartet

Dann stand sie von ihrem Schreibtisch auf ein Standard-Metalltisch für Regierungsangestellte und bedeutete ihm mitzukommen. Alec folgte ihr durch einen engen Korridor, der von ächzenden Bücherregalen und verbeulten Aktenschränken gesäumt war. In der schwachen Beleuchtung konnte er auch einige gerahmte Schwarz-Weiß-Bilder aus der ruhmreichen Hoover-Ära erkennen. Sie waren völlig eingestaubt, einige hingen schief. Alles zusammen schuf eine bedrückende Atmosphäre, die den Leuten, die hier täglich arbeiteten, wahrscheinlich gar nicht mehr auffiel. Aber Neuankömmlinge bekamen den Eindruck, sie wären in eine Zeitmaschine gestiegen und im Jahre 1970 gelandet.

Jedes Mal, wenn die Absätze der Empfangsdame klackernd auf die schmuddeligen Fliesen trafen, spürte Alec einen Stich im Hinterkopf wie die akustische Untermalung für den Niedergang seiner Karriere. Er war kein Spitzenagent bei der Behavioral Analysis Unit mehr, der Abteilung, die den Stoff für zahlreiche Filme und Fernsehserien lieferte jetzt war er ein schwarzes Schaf. Weit davon entfernt, sich als respektierten, erfahrenen Analytiker in der Strafverfolgung betrachten zu dürfen. Jetzt war er der Neuling in einem eingespielten Team, dessen Mitglieder höchstwahrscheinlich schon alles über ihn wussten.

Nun ja, alles außer der Wahrheit.

Alec ermahnte sich innerlich zur Konzentration. Sein Blick fiel auf die kleinen, aneinandergereihten Büros, an denen sie vorbeiliefen. In jedem Büro stand einer dieser alten Metallschreibtische, auf denen sich Akten und Papiere stapelten. Allerdings stand auf jedem Tisch auch ein topmoderner Computer ein sehr viel besserer als der alte Kasten, mit der er sich in den letzten Jahren bei der BAU abgemüht hatte.

Wahrscheinlich war das der Vorteil, wenn man in der Cyber Division arbeitete. Die Black CATs hockten zwar in Büros, die seit der Amtszeit von Jimmy Carter nicht mehr renoviert worden waren, aber ihnen stand eine ziemlich teure Computerausrüstung zur Verfügung. Auch wenn das Team neu war und sich noch bewähren musste. Ein bisschen wie er selbst.

»Das ist Ihr Büro«, sagte die Empfangsdame, ohne ihre Schritte zu verlangsamen, und deutete auf ein düsteres, leeres Zimmer. Vielleicht handelte es sich auch um einen Wandschrank. Ganz sicher war Alec sich nicht.

»Toll«, brummte er.

Sie musste den Unterton in seiner Stimme gehört haben, denn sie fügte hinzu: »Wenn sich die Dinge gut entwickeln, bekommen wir wahrscheinlich bessere Räumlichkeiten

Während des Einstellungsgesprächs in Quantico hatte Wyatt Blackstone Alec kurz über ihre Lage berichtet. Alec war sich sehr wohl bewusst, dass die Zukunft von Blackstones Team ungewiss war genau wie seine eigene. Offenbar hatte Special Agent Blackstone den falschen Leuten ans Bein gepinkelt. Sehr viel mehr wusste Alec über die Sache allerdings nicht.

»Und, wie sieht es bisher damit aus, fragte er.

Sie schenkte ihm ein verkniffenes, distanziertes Lächeln. »Wir finden immer was zu tun

Alec hätte gerne gewusst, was sie in dieser Abteilung überhaupt genau taten. Dieses spezielle Team unterschied sich von den anderen CATs beim FBI. Es beschäftigte sich mit einer neuen Art von Verbrechen mit Internetbezug. Anstatt schwächliche, pickelgesichtige Studenten aufzustöbern, die die Computer der ganzen Welt mit Viren verseuchen wollten, oder Perverslinge dranzukriegen, die abscheuliche Bilder von kleinen Kindern in Chatrooms für Pädophile austauschten, ermittelte dieses Team in Mordfällen. Morde mit Internetbezug.

Das klang nach einem ziemlich begrenzten Einsatzgebiet. Außerdem mussten sie sich wahrscheinlich bei den meisten Fällen mit der BAU und dem ViCAP dem Violent Criminal Apprehension Program austauschen. Einige derer Mitglieder ließen sich bekanntermaßen nicht sonderlich gern in die Akten schauen. Genau wie Alec selbst noch vor wenigen Monaten.

Er war engagiert und zielstrebig gewesen, hatte siebzig Stunden die Woche gearbeitet und sich nicht oft vorwerfen lassen müssen, seine Kollegen zu freundlich zu behandeln. Während er seine Arbeit mit vollem Einsatz erledigte weswegen allerdings sein Privatleben viel zu kurz kam, wie die meisten seiner Exfreundinnen bezeugen konnten, hatte er sich bemüht, so viel wie möglich über Profiling zu lernen. Der nächste heiß begehrte Teamleiterposten, der frei wurde, wäre ihm garantiert sicher gewesen.

Bis die Sache in Atlanta passiert war. Das Desaster, die Schießerei. Danach war sein Name nur noch auf einem Stapel Krankenberichte und auf Dokumenten zu Disziplinarverfahren aufgetaucht. Und in einer Abschieds-E-Mail von seiner Freundin, die der Meinung gewesen war, dass eine Beziehung mit einem FBI-Agenten ziemlich schnell an Glanz verlor, sobald Kugeln durch die Luft flogen.

Alecs Chancen, Abteilungsleiter in der BAU zu werden, waren vertan. Das bedeutete jedoch nicht, dass er seine Profilingkenntnisse nie wieder zum Einsatz bringen konnte. Denn er vermutete, dass man ihn genau wegen dieser Kenntnisse vor der Kündigung bewahrt und in die Höhle der Black CATs geworfen hatte. Computerfreaks besaß Blackstone offenbar zur Genüge. Er brauchte einen Verhaltensanalytiker, seinen eigenen inoffiziellen Privatprofiler. Und Alec entsprach den Anforderungen selbst wenn er gebrandmarkt war.

Er beschwerte sich nicht. Das war immer noch besser als ein Leben als Zivilist oder als Rechtsanwalt, wofür er das Juraexamen wieder hervorkramen müsste, das er noch vor seiner Karriere beim FBI abgelegt hatte.

»Entschuldigen Sie, Sir Die Empfangsdame klopfte an eine halb offene Tür. »Special Agent Lambert ist da

Alec trat ein und stellte fest, dass Blackstones komplettes Team anwesend war. Das erklärte die leeren Büros, an denen er vorbeigegangen war. Nach dem Stirnrunzeln zu urteilen, das die meisten von ihnen zur Schau stellten, war es eine ziemlich anstrengende Besprechung.

Zu ihrem Glück brachte er nun ein wenig Ablenkung. Er selbst war darüber allerdings nicht so glücklich. Denn sobald die Empfangsdame sich mit einem Nicken zurückgezogen hatte, erstarben die Gespräche, die Köpfe drehten sich herum, und die sechs Leute am Tisch richteten ihre ganze Aufmerksamkeit auf Alec.

Er behielt seine aufrechte, reservierte Haltung bei. Einem Agenten, den er aus den Presseberichten zu dem Sensenmann-Fall im letzten Sommer wiedererkannte, nickte er zu. Dann wandte er sich dem Teamleiter zu, der mit ausgestreckter Hand hinterm Tisch hervortrat. »Schön, dass Sie da sind, Lambert. Sie kommen genau zum richtigen Zeitpunkt angesichts des Anlasses für unsere Besprechung heute Morgen«, sagte er mit ruhiger, fester Stimme.

Diese Ruhe hatte Alec schon während des Vorstellungsgesprächs beeindruckt. Blackstone schien ein sehr gelassener, ausgeglichener Mann zu sein. Und ausgesprochen professionell.

Alec schüttelte ihm die Hand. »Besprechung

»Dazu kommen wir gleich. Erst einmal möchte ich Sie mit den anderen Mitarbeitern bekannt machen

Blackstone wandte sich zum Konferenztisch um, der den kleinen Raum beherrschte, deutete nacheinander auf die einzelnen Teammitglieder und stellte sie rasch vor. Während er zu jedem noch einige Details nannte, versuchte Alec, sich ihre Namen und Gesichter einzuprägen.

»Dean Taggert«, sagte Blackstone und zeigte auf den Agenten, den Alec wiedererkannt hatte, weil er mitgeholfen hatte, den Sensenmann zu schnappen. Er erinnerte sich an die Vorgeschichte des Mannes ein abgebrühter ehemaliger Drogenfahnder, der noch vor Kurzem beim ViCAP die brutalsten Verbrechen bekämpft hatte. Taggert war aufbrausend und knallhart. Entschied oft aus dem Bauch heraus.

»Brandon Cole

Ein blonder Kerl mit Irokesenschnitt so eine Frisur hätten sie ihm in keiner anderen Abteilung des FBI durchgehen lassen. Er war jung und gut aussehend. Eigentlich fehlte nur noch ein großes Neonleuchtschild über seinem Kopf mit der Aufschrift: Vorsicht, Rebell mit Hirnschmalz! Alec war nicht im Mindesten überrascht, als er hörte, dass Cole als Teenager ein Hacker gewesen war wahrscheinlich lag das noch keine fünf Jahre zurück.

»Lily Fletcher

Fletcher war eine Programmiererin mit blondem Haar und heller Haut, die Blackstone der Abteilung für Cyberverbrechen abgeworben hatte. Von ihr hatte Alec auch schon gehört. In ihrer Familie hatte sich irgendeine Tragödie ereignet, aber an die Einzelheiten konnte er sich nicht mehr erinnern. Sie war wahrscheinlich Ende zwanzig, wirkte ruhig und still. Alec würde darauf wetten, dass sie noch keinerlei Erfahrung im Außendienst hatte aber das Leuchten in ihren Augen verriet, wie eifrig sie bei der Sache war.

»Kyle Mulrooney

Mulrooney war ein kräftiger Mann mittleren Alters ein Agent durch und durch. Mit dem Seitenscheitel in den pomadigen Haaren, dem locker sitzenden Anzug und der zu eng gebundenen Krawatte sah er aus, als würde er diesen Job schon seit einigen Jahrzehnten machen. Ein Polizeibeamter der alten Schule und wahrscheinlich zäh wie Leder.

»Jackie Stokes

Auch sie kam ursprünglich aus der Abteilung für Cyberverbrechen. Die attraktive Afroamerikanerin wirkte tougher, gewiefter als ihre blonde Kollegin. Vermutlich ungefähr Anfang vierzig, um die zehn Jahre älter als Alec selbst. Sie arbeitete seit fünfzehn Jahren beim FBI. Und sie war eine der Ersten, die Blackstone ins Team geholt hatte. Offenbar wollte er Agenten mit Erfahrung, die offen für Neues waren.

So wie Alec.

Allerdings war er überzeugt, dass Jackie Stokes im Gegensatz zu ihm nicht deswegen hier gelandet war, weil sie sich zwischen Blackstone und dem Arbeitsamt hatte entscheiden müssen.

»Bitte nehmen Sie Platz, Alec. Wir haben gerade erst angefangen Blackstone kehrte zu seinem Stuhl am Kopfende des Tisches zurück und drückte einige Tasten auf einem Laptop. Auf einer Leinwand hinter ihm wurden zwei Fotos sichtbar, die aussahen, als hätte sie jemand aus einem Jahrbuch ausgeschnitten.

»Das sind die beiden Jungen, fragte Lily Fletcher, schüttelte leicht den Kopf und verzog den Mund. Der blonden jungen Frau standen ihre Gefühle ins Gesicht geschrieben. Keine gute Eigenschaft, wenn man mit Gewaltverbrechen zu tun hatte.

»Ja«, antwortete Blackstone.

Genau wie die anderen starrte Alec auf die strahlenden Gesichter der beiden typisch amerikanischen Teenager, die sie von der Leinwand herab anlächelten. Ihr unauffälliges Aussehen gab keinerlei Aufschluss darüber, ob sie Opfer oder Verdächtige waren. Alec wusste aus Erfahrung, dass beides möglich war, und wartete auf weitere Hinweise.

»Die Ärmsten«, murmelte Fletcher.

Opfer. Aber noch wusste er nicht, wem oder was sie zum Opfer gefallen waren.

Blackstone drehte sich auf seinem Stuhl zur Leinwand um. »Jason Todd, siebzehn Jahre alt; Ryan Smith, sechzehn Jahre. Beide kommen aus Wilmington im Bundesstaat Delaware

Die Bilder verschwanden, und eine Collage aus verschiedenen Fotos erschien. Der Großteil zeigte die Jungen, wie sie Seite an Seite für die Kamera posierten. Auf einigen Aufnahmen hielt der Größere der beiden, der blonde Jason Todd, seinen hageren Freund im Schwitzkasten, die Fingerknöchel gegen dessen Schädel gedrückt.

Alec fing an, die Einzelheiten zu analysieren, und hatte bereits ein Bild von der Beziehung der beiden Jungs vor Augen. Zweifellos war Jason der Anführer, Ryan sein Mitläufer. War der treue Freund seinem Kumpel auch diesmal wieder in eine gefährliche Situation gefolgt?

»Sie waren in der Mittelstufe, beide gute Schüler, spielten Lacrosse; seit der Kindheit beste Freunde Mit ruhiger, unaufgeregter Stimme zählte Blackstone diese Einzelheiten auf, ohne irgendwelche Gefühle zu offenbaren. »Vor neun Tagen sind sie verschwunden

Alec würde sich hüten, Blackstone zu unterbrechen, damit er nur für ihn die bereits bekannten Fakten noch einmal durchging. Ihm selbst waren Zuspätkommer auch immer auf die Nerven gegangen. Also beschloss er, das zu tun, was er immer tat die Initiative ergreifen. Er zog es vor, Teil der Handlung zu sein, statt hinter den Kulissen zu warten.

Monatelang hatte er sich im Hintergrund gehalten und versucht, all das wiederzuerlangen, was ihm auf einen Schlag zwischen den Fingern zerronnen war: seine Gesundheit, sein Job, sein Leben ja, auch sein Verstand. Sei vorsichtig, mach langsam, geh auf Nummer sicher das hatten ihm alle geraten, einschließlich seines Arztes, seines vom FBI zugewiesenen Therapeuten und seiner Freunde. Aber dann hatte er erkannt: Je länger er auf Nummer sicher ging, desto tiefer sank sein Selbstvertrauen. Für jemanden, der es gewohnt war, alles zu erreichen, was er sich zum Ziel gesetzt hatte, waren Selbstzweifel einfach inakzeptabel. Basta.

Er räusperte sich und fragte nach dem Nächstliegenden. »Wurden sie entführt

Das war eine plausible Annahme. Vielleicht hatte die örtliche Polizeibehörde das FBI verständigt. Möglicherweise war Blackstones Team in die Ermittlung miteinbezogen worden, weil die Lösegeldforderung auf elektronischem Wege gestellt worden war. Natürlich bedeutete Blackstones Mitarbeit an dem Fall höchstwahrscheinlich, dass die beiden Jungs bereits tot waren. Ein Jammer.

Blackstone schüttelte den Kopf. Dann drückte er wieder auf eine Taste, ohne seine Antwort weiter auszuführen. Offensichtlich war er der Meinung, dass Alec genug wusste, um folgen zu können. Also hatte Blackstone dem Rest des Teams noch nicht viel mehr als die grundlegenden Fakten genannt nämlich, dass die beiden Jungen auf der Leinwand tot waren.

Die nächsten Bilder bestätigten diese Annahme.

»Großer Gott!«, stieß Taggert aus.

Dann starrten sie alle stumm auf die Fotos und versuchten, den furchtbaren Anblick zu begreifen.

Die beiden Jungen hatten sich in eine einzige kristallene Statue verwandelt. Der eine saß, anscheinend mit Klebeband gefesselt, auf einem Stuhl, der andere kniete hinter ihm. Rücken an Rücken waren sie aufrecht aneinandergefroren. Offenbar waren sie nackt; vom Scheitel bis zur Sohle schimmerte ihre Haut bläulich weiß. Alec schloss aus der Umgebung, die man unscharf im Hintergrund erkennen konnte ein mit Schneematsch bedecktes Ufer, auf dem vereinzelt knorrige Bäume und totes Gestrüpp standen, dass man die Opfer aus einem See geborgen hatte. Aus einem verdammt kalten See.

Und angesichts ihrer offenen Münder und dem Ausdruck des Entsetzens auf ihren Gesichtern waren sie bei lebendigem Leibe hineingeworfen worden.

In sachlichem Tonfall bestätigte Blackstone Alecs Vermutungen. »Der Autopsiebericht liegt mir noch nicht vor, aber der Gerichtsmediziner meint, dass sie durch Ertrinken gestorben sind

Offensichtlich waren sie so dem Kältetod nur knapp entronnen. Alec wusste nicht, was schlimmer war.

»Ein Farmer hat das gesunkene Auto vor zwei Tagen in einem Teich auf seinem Grundstück entdeckt, als das Wetter ein bisschen wärmer wurde und das Eis zum Teil geschmolzen ist. Die Leichen wurden gestern geborgen

»Sind die beiden an einem anderen Ort gefangen gehalten und dann zu dem See gefahren und umgebracht worden, fragte Stokes. Ihre gerunzelte Stirn und die fest zusammengepressten Lippen verrieten, dass sie nicht so leidenschaftslos auf diese Bilder reagierte wie ihr Chef.

»Aufgrund der Beweise, die wir bisher haben, glauben wir, dass die Jungen in derselben Nacht getötet wurden, in der sie verschwunden sind. Wir wissen, dass sie an diesen Ort gelockt wurden. Wir können wohl davon ausgehen, dass sie nicht von einer anderen Person dorthin gebracht wurden, sondern aus freien Stücken gekommen sind

Der Laptop warf immer noch umfassende und detailreiche Aufnahmen an die Wand, die das gesamte Team aufmerksam betrachtete. Es herrschte Stille, nur ab und zu sah jemand auf seine Unterlagen und notierte sich etwas.

Alec notierte sich nichts. Er richtete seine Aufmerksamkeit ganz allein auf die Fotos und wartete darauf, dass irgendetwas auf ihnen zu ihm sprach. Er hatte drei Jahre lang als Profile Coordinator in der Außenstelle in Richmond gearbeitet, bevor er letztes Jahr nach Quantico versetzt worden war. Eines der Dinge, die er dort gelernt hatte, war, dass jeder Tatort eine Geschichte in sich barg. Sobald Alec den richtigen Einstieg in diese Geschichte gefunden hatte, entspann sie sich oft mit erstaunlicher Klarheit in seinem Kopf.

Heute war das Fahrzeug der Opfer der Auslöser. Eine erste Aufnahme zeigte das Auto, als es gerade aus dem See geborgen wurde; auf einer weiteren stand es am Ufer. Irgendetwas war mit diesem Wagen. Irgendetwas Ungewöhnliches.

»Ich vermute, wir haben es mit einem Einzeltäter zu tun, der auf eigene Faust handelt«, murmelte Alec, dem endlich klar geworden war, was ihn gestört hatte.

Sechs Augenpaare richteten sich auf ihn.

»Finden Sie nicht, dass das ziemlich weit hergeholt ist? Sie haben ja nichts weiter als ein paar Fotos vom Tatort gesehen«, entgegnete Stokes und zog skeptisch eine Augenbraue in die Höhe.

»Jemand hat die Jungen zum Tatort gelockt und fast unmittelbar danach getötet

»Und

»Also war sich der Täter nicht sicher, ob er zwei starke, Lacrosse spielende Jungs überwältigen und längere Zeit in Schach halten könnte

»Wir denken, dass er nur mit einem der beiden Jungen gerechnet hatte. Der zweite stellte möglicherweise eine unerwartete Komplikation dar«, antwortete Blackstone. »Aber fahren Sie bitte fort, Alec. Jason Todd war tatsächlich ein großer, kräftiger junger Mann. Ihre Annahmen könnten also trotzdem zutreffen

Mit steigender Zuversicht fuhr Alec fort: »Dann ist es umso wahrscheinlicher. Unser Täter hat einen Unfall provoziert, um Jason, sein eigentliches Opfer, zu überraschen oder außer Gefecht zu setzen. Das weist ebenfalls darauf hin, dass er nicht wusste, ob er auch nur einen einzelnen Jungen länger unter Kontrolle halten könnte und wahrscheinlich keine Mittäter hatte

»Ein Unfall Stokes ließ nicht locker. »Wie kommen Sie darauf? Auf den Aufnahmen vom Auto sehen Sie, dass kein Airbag ausgelöst worden ist. Soweit wir wissen, haben die Jungs geparkt, sind ausgestiegen und jemandem begegnet, der eine Waffe hatte und später das Auto in den See geschoben hat

Alec schüttelte den Kopf. »Schauen Sie sich die Dellen an. Das Auto ist seitlich aufgeprallt Er kniff die Augen zusammen und sah noch genauer hin. »Das ist ein Buick Riviera. Die werden seit hm, ich glaube, seit 1999 nicht mehr hergestellt. Die haben keine Seitenairbags

»Ein Kfz-Spezialist ist er jetzt auch noch«, brummelte Stokes.

Alec beachtete sie nicht weiter. Wahrscheinlich musste er als Neuling einfach ein bisschen leiden. »Der Täter könnte ihnen den Weg versperrt haben, sodass der Fahrer das Lenkrad herumreißen musste, um nicht gegen das Hindernis zu prallen. Dann ist der Wagen wahrscheinlich seitwärts gegen einen der Bäume am Ufer geschlittert

»Vielleicht hatte unser Täter überhaupt nichts mit dem Unfall zu tun«, wandte Mulrooney ein. Dann lehnte er sich zurück und schmunzelte. »Vielleicht hat er sie zufällig gefunden, so getan, als hätte er den Unfall beobachtet, und dann zack

»Und dann ›zack‹? Willst du behaupten, dass irgendein beliebiger Psychopath zufällig auf zwei hilflose, verwundete Unfallopfer gestoßen ist und sie dann ermordet hat, weil er an dem Abend nichts Besseres vorhatte, gab Taggert zurück. Verärgert rollte er mit den Augen. »Sind wir vielleicht hinter Freddy Krueger her? So ein Schwachsinn kommt doch nur in Slasher-Filmen für Teenies und Gruselmärchen am Lagerfeuer vor

Mulrooney kicherte. In dem Moment durchschaute Alec die Beziehung zwischen den beiden Agenten. Der ältere hatte ein großes Mundwerk und brachte seine Mitmenschen offensichtlich gerne auf die Palme. Diesmal hatte Dean Taggert ihm den Gefallen getan, sich von ihm reizen zu lassen.

»Wenn wir dann weitermachen könnten«, meldete sich Blackstone gelassen wieder zu Wort. Alle wurden still. Wenn Alecs Argumentation sie vielleicht auch nicht überzeugt hatte, so brachten sie nun immerhin keine Einwände mehr vor. Eines fiel Alec auf: Niemand stellte infrage, ob seine Behauptungen überhaupt relevant waren. Denn ihnen allen war klar, dass er durchaus einen wichtigen Aspekt angesprochen hatte. Ob sie es mit einem Einzeltäter oder einer ganzen Gruppe zu tun hatten, konnte schließlich darüber entscheiden, ob die Ermittlungen eine Woche oder womöglich ein halbes Jahr dauern würden.

Erstaunlicherweise waren die Fälle mit einem einzelnen Täter diejenigen, die sich in die Länge ziehen konnten. Mittäter neigten dazu, sich irgendwem mitzuteilen. Daher waren Pärchen oder Gruppen einfacher zu erwischen.

»Ich glaube, dass Special Agent Lambert recht haben könnte«, sagte der Teamleiter. »Einige Farbreste, die an einem Baum in der Nähe des Sees gefunden wurden, deuten darauf hin, dass das Auto möglicherweise dagegengeprallt ist

Auch wenn ihn diese Information nicht überraschte, war Alec erleichtert, dass er sich nach diesen letzten Monaten der Untätigkeit immer noch auf seine guten Instinkte verlassen konnte. Außerdem fragte er sich, warum Blackstone ihn hatte Spekulationen aufstellen lassen, obwohl er die ganze Zeit gewusst hatte, dass die Jungen in einen Unfall verwickelt gewesen waren. Aber schließlich wurde diesem Kerl ein fast übernatürliches Wahrnehmungsvermögen nachgesagt. Vielleicht hatte er einfach begriffen, dass Alec wieder Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten fassen musste.

»Und ja, wir haben es mit einem Einzeltäter zu tun, der typischerweise auf eigene Faust agiert

Die Spannung im Raum stieg. Alle begriffen, dass Blackstone noch mehr zu erzählen hatte.

»Wir kennen den Täter bereits, fragte Brandon Cole, der bisher kein Wort gesagt hatte.

Blackstone nickte und drückte wieder auf einige Tasten, woraufhin ein Bildschirmfoto von einer eng beschriebenen Textseite auf der Leinwand erschien. Es war eine E-Mail. Rasch las Alec die wenigen Absätze durch. So ein Internetschwindel war doch schon tausendmal in seinem Posteingang gelandet was konnte das mit ihrem Fall zu tun haben?

Als Blackstone sicher war, dass jeder den Text gelesen hatte, tippte er wieder etwas ein, und neue Bilder tauchten auf. Jetzt waren mehrere E-Mails zu sehen, viele von ihnen waren mit »Jason« unterschrieben; einige andere auch mit »Ihr Freund, Dr. Waffi«. Letzterer ermahnte seinen Freund, allein zu ihrem Treffen zu kommen.

Daher also die unerwartete Komplikation Ryan Smith.

Schließlich war es die Unterschrift »Ihr Freund, Dr. Waffi«, die einen Nerv bei Alec traf. Er setzte sich auf, beugte sich vor und legte die Unterarme auf den riesigen, abgewetzten Eichentisch, in dessen Oberfläche sich die Abdrücke von handschriftlichen Notizen aus mehreren Jahrzehnten gegraben hatten. Es wollte ihm nicht gelingen, die Gedanken zu fassen, die ihm ziellos durch den Kopf schossen.

»Diese E-Mails wurden von Jason Todds Computer gesichert, noch bevor die Leichen entdeckt wurden. Die Polizei vor Ort war zunächst davon ausgegangen, dass sie es mit zwei jugendlichen Ausreißern zu tun hatte. Deswegen hat sich auch die Presse noch nicht über den Fall hergemacht

Zwei entführte Teenager hätten im ganzen Land in den Zeitungen gestanden. Zwei Ausreißer waren nicht mal eine kleine Meldung wert.

»Nachdem Jasons Eltern diese Nachrichten entdeckt hatten, hat die Polizei das Verschwinden der beiden Jungen ernster genommen. Liest man die E-Mails der Reihe nach durch, merkt man, dass Jason jemandem auf den Leim gegangen ist, der behauptete, ihn über Nacht steinreich machen zu können

Offenbar hatte Jason Todd tatsächlich geglaubt, dass irgendein ausländischer Diplomat ihm mehrere Millionen Dollar schenken würde, wenn er ihm half, an irgendwelche versteckten Bankkonten heranzukommen. Guter Gott, es fiel Alec schwer zu glauben, dass überhaupt noch jemand wenn auch ein Teenager diesem uralten Internet-Schwindel aufsaß.

»Die E-Mails stehen also in direktem Zusammenhang mit dem Mord«, folgerte Lily. »Und da kommen wir ins Spiel, richtig

Blackstone nickte. »Ja. Durch diese Mails wurden Jason und sein Freund Ryan Smith in den Tod gelockt. Das fällt genau in unser Spezialgebiet. Ich habe bereits Kontakt mit der örtlichen Polizeibehörde aufgenommen. Sie wären für unsere Unterstützung dankbar Mit einem Blick in Alecs Richtung fügte er hinzu: »Die beiden Jungen sind nicht seine ersten Opfer. Ich bin der Meinung, dass derselbe Täter vor fünf Wochen eine junge Frau über eine Stellenanzeige im Internet ins Verderben geführt hat

Diese Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Offensichtlich hatte niemand aus dem Team etwas davon gewusst, denn plötzlich fingen alle gleichzeitig an zu reden, Fragen in den Raum zu werfen und Theorien aufzustellen.

»Noch sind wir nicht offiziell an dieser anderen Ermittlung beteiligt«, erläuterte Wyatt. »Allerdings habe ich mit den Ermittlungsleitern gesprochen. Ich hatte da so eine Vermutung und habe das Geschehen schon länger beobachtet Seine Augen funkelten. »Sagen wir einfach, der Mord an Jason und Ryan hat mich noch argwöhnischer gemacht

Wieder erhob sich aufgeregtes Gemurmel. Nur Alec schwieg. Er spürte die ganze Aufmerksamkeit seines Chefs auf sich ruhen. Noch immer flogen ihm diese Gedankenfetzen durch den Kopf. Stück für Stück setzten sie sich zu einem Ganzen zusammen, und nun war noch ein Puzzleteil hinzugekommen.

Es war genau fünf Wochen her die Ärzte hatten Alec noch gar nicht erlaubt, wieder zu arbeiten, dass Blackstone auf ihn zugekommen war und ihm vorgeschlagen hatte, sich seinem Team anzuschließen.

Blackstone hob die Hand, und die Gespräche verstummten. »Den überregionalen Medien ist noch nicht zu Ohren gekommen, dass die Leichen gefunden wurden. Aber gestern Abend stand die Geschichte in der Zeitung von Wilmington. Kurz darauf ist eine E-Mail in Jasons Posteingang gelandet. Offensichtlich wusste der Absender, dass die Nachricht abgefangen werden würde, denn sie war an Jasons Eltern gerichtet. Und ans FBI.«

Bis auf das Surren des Computers herrschte Stille im Konferenzzimmer. Wieder erschien ein Bildschirmfoto auf der Leinwand. Die Botschaft des Textes war simpel. Was für ein dummer Junge! Sie können mir dankbar sein, dass ich ihm die Chance gegeben habe, seine Existenzberechtigung unter Beweis zu stellen. Zu seinem Pech ist er kläglich gescheitert. Für alle anderen, muss ich hinzufügen, ist das eher ein Glücksfall schließlich sind wir ohnehin von viel zu vielen Trotteln umgeben. Hochachtungsvoll, Ihr Freund.

Und mit einem Mal ging Alec ein Licht auf. Er begriff, warum Blackstone ihn aufgesucht hatte, warum er Alecs unvermeidliche Kündigung verhindert und ihn in sein Team aufgenommen hatte. Warum Alec nicht hochkant beim FBI rausgeflogen war.

Warum sie ihn so dringend brauchten.

»Mieses Arschloch«, flüsterte er, und jede Zelle seines Körpers stand unter Hochspannung.

Bereits zu dem Zeitpunkt, als diese junge Frau über die Online-Stellenanzeige ermordet worden war, hatte Blackstone vermutet, wer dahintersteckte, und alles Nötige in die Wege geleitet, um Alec ins Boot zu holen. Jetzt, an Alecs allererstem Arbeitstag, machte sich Blackstones Feingespür bezahlt.

Alec schlug das Herz bis zum Hals. Adrenalin jagte ihm durch den Körper wie immer, wenn die Jagd eröffnet war. »Das ist er

Blackstone nickte, aber Alec benötigte seine Bestätigung nicht. Den Tonfall und die Arroganz der letzten E-Mail würde er immer und überall wiedererkennen. Die Unterschrift »Ihr Freund« war schon bei einem der früheren Morde, die Alec diesem Täter zuschrieb, auf einem Brief aufgetaucht. Aber Alec hatte sich so auf den irreführenden Namen »Dr. Waffi« konzentriert, dass ihm das nicht gleich aufgefallen war.

Schon einige andere Details hätten ihm als Hinweis dienen müssen. Der ungewöhnliche Tatort sagte eigentlich bereits alles, genau wie der Psychoterror, den die Opfer hatten erleiden müssen. Jason und Ryan waren bei vollem Bewusstsein aufs Eis gesetzt worden, damit die letzten Augenblicke ihres Lebens von panischer Angst beherrscht waren während sie darauf warten mussten, dass die Eisdecke unter ihnen einbrach.

Der Täter hatte die beiden Jungen in eine wohldurchdachte, überaus grausame Falle gelockt. Er hatte sie ermordet, ohne auch nur ein einziges Mal die eigene Hand gegen sie zu erheben. Das allein verriet eine Menge über die Psyche des Menschen, mit dem sie es hier zu tun hatten. Oh ja! Es passte alles zusammen.

»Wer denn Stokes klang leicht gereizt, weil sie nicht eingeweiht war. »Wovon redet er

Alec konnte immer noch nicht glauben, dass er eine weitere Chance bekommen sollte, den Verbrecher zu schnappen, der ihn in seinen schlimmsten Albträumen heimsuchte. Fassungslos lehnte er sich zurück.

»Also, fragte Taggert. Er schien genauso ungehalten darüber, dass der Neue der Einzige war, der im Bilde war, und blickte zwischen seinem Chef und Alec hin und her.

»Alec, forderte Blackstone ihn zum Sprechen auf.

Ohne noch ganz zu begreifen, was ihm gleich über die Lippen kommen würde, fing Alec an zu lächeln ein entschlossenes, bedrohliches Lächeln, das jeden Humors entbehrte. Dann sagte er: »Wir sind hinter dem Professor her

InXile: können wir uns unterhalten?

Wndygrl1: ja. ich hab gehofft, dass du online kommst. muss gleich zur arbeit.

InXile: ich wünschte, ich könnte dich besuchen. aber ich muss aufpassen. sie beobachten mich.

Wndygrl1: geh zur polizei! die können dich beschützen.

InXile: die polizei in meinem eigenen land konnte das nicht.

Wndygrl1: es ist einfach ungerecht, dass du deine heimat verlassen musstest. kann ich dir irgendwie helfen?

InXile: deine freundschaft hilft mir.

Wndygrl1: das genügt mir nicht. was kann ich noch tun?

InXile: übers internet darf ich nicht offen sprechen. kann abgehört werden.

Wndygrl1: was willst du damit sagen?

InXile: wenn wir uns treffen könnten

InXile: hallo? liebes?

InXile: bist du noch da?

InXile: schon gut. das ist ziemlich viel verlangt einem fremden zu helfen.

Wndygrl1: nein, gar nicht! ich habe das gefühl, dass ich dich schon mein ganzes leben lang kenne. aber wir haben uns noch nie persönlich getroffen.

InXile: alles klar. du glaubst, ich will dir dein geld abknöpfen?

Wndygrl1: natürlich nicht!!!!

InXile: gut. ich würde dich niemals um geld bitten. ich habe selbst genug. ich kann nur nicht rausgehen und es ausgeben, weil ich racheakte fürchten muss.

Wndygrl1: das tut mir so leid!

InXile: ich würde dich so gerne sehen, dich mit geschenken überhäufen.

Wndygrl1: du brauchst mir überhaupt nichts zu schenken.

InXile: eines tages nehme ich dich mit auf eine shoppingtour. aber erst mal sollten wir uns an einem sicheren ort treffen, an den mir niemand folgen kann.

Wndygrl1: hm

InXile: was ist?

Wndygrl1: na ja die leute sagen, dass man sich mit jemandem, den man im internet kennengelernt hat, nicht treffen soll.

InXile: die leute?

Wndygrl1: du weißt schon. die experten.

InXile: stimmt. das ist klug von dir. traue keinem fremden. es tut mir leid, dass ich dich belästigt habe.

Wndygrl1: warte! du belästigst mich nicht.

InXile: aber trotzdem habe ich dich verärgert?

Wndygrl1: überhaupt nicht. es tut mir so leid. du hast nichts getan, was mich verärgert oder belästigt hätte.

Wndygrl1: manchmal habe ich das gefühl, dass du der einzige bist, der mich wirklich kennt.

InXile: darüber bin ich froh. also bleibt unsere freundschaft so, wie sie ist. auf dem bildschirm, über kabel. in diesen düsteren tagen bist du der einzige lichtstrahl in meinem leben.

Wndygrl1: du sagst so liebe sachen.

Wndygrl1: vielleicht finden wir doch einen weg.

InXile: nein. kommt nicht infrage. ich will nicht, dass du dich unwohl fühlst.

Wndygrl1: das tue ich nicht.

InXile: dann denken wir erst mal nur darüber nach. geht das wie sagt ihr, geht das klar?

Wndygrl1: LOL! ja, wir denken darüber nach. das geht total klar.

2

»Erzählen Sie mir noch mal genau, was Sie über diesen Professor wissen. Die ganzen Infos, die Sie uns gestern in der Besprechung gegeben haben und alles andere, was Sie für sich behalten haben

Alec warf einen Blick zu Jackie Stokes, seiner neuen Partnerin. Seit sie vor einer halben Stunde das Büro verlassen hatten, gab er sich Mühe, den Kopf gesenkt zu halten und sich auf die Akte zu konzentrieren, die auf seinem Schoß lag. Irgendwie war es leichter, abstoßende Fotos vom Tatort zu betrachten, als zuzusehen, wie sie die schwarze Limousine durch den nachmittäglichen Hauptstadtverkehr manövrierte und dabei die anderen Autos ständig nur um Haaresbreite verfehlte. Und die Fußgänger. Und einen Pudel, den sein Herrchen durch einen festen Ruck an der Leine gerade noch davor bewahren konnte, von einem Regierungswagen überfahren zu werden.

Alec hoffte, dass Stokes nicht bemerkt hatte, wie er mehrmals verstohlen nachgesehen hatte, ob er wirklich angeschnallt war. Erst seit Kurzem musste er nicht mehr zur Physiotherapie für den Arm und die Schulter, die bei der Schießerei verletzt worden waren. Jetzt war er nicht unbedingt scharf darauf, sich bei einem Autounfall irgendwelche Gliedmaßen zu brechen oder das Genick. »Trainieren Sie für ein Motorsportrennen oder so was, brummte er leise.

Sie ignorierte seine Bemerkung. »Warum habe ich bisher noch nie etwas von ihm gehört

»Er hat sich ziemlich zurückgehalten

»Ein zurückhaltender Serienmörder also, ja

Falls es so etwas gab.

»Er ist äußerst wählerisch gewesen und immer sehr gezielt vorgegangen. In drei Jahren hat er sechs Menschen ermordet

»Einschließlich der letzten beiden und der Frau von der Stellenanzeige

»Mit denen sind es neun. Offensichtlich zieht er das Tempo an

Möglicherweise hatte er erkannt, wie leicht es war, seine Opfer übers Internet zu verführen.

»Neun«, murmelte Jackie und schüttelte den Kopf.

Diese neun Leben hatten den Opfern und ihren Angehörigen mit Sicherheit viel bedeutet. Aber im Vergleich zu den Opfern eines Jeffrey Dahmer, eines Theodore Bundy oder eines John Wayne Gacy war das keine besonders bestürzende Zahl. Die Morde selbst waren allerdings entsetzlich. Dieser Professor war ein krankes, bösartiges Arschloch.

»Neun Morde, und er hat nie auch nur eine Spur hinterlassen

»Er hat sich nie an die Presse gewendet und versucht, sich einen Ruf zu schaffen. Er zieht einfach sein Ding durch, schreibt hin und wieder eine spöttische Botschaft an das FBI, immer in diesem herablassenden, arroganten Tonfall und dann ist er wieder weg. Manchmal liegt mehr als ein Jahr zwischen den Mordfällen, manchmal sind es nur wenige Wochen

»Beschränkt er sich auf irgendein bestimmtes Gebiet

»Bisher hat sich alles im Mittelatlantikraum abgespielt

»Und das Geschlecht der Opfer

»Unterschiedlich Bevor sie nachfragen konnte, setzte er hinzu: »Und ja, das ist ungewöhnlich. Wir wissen ziemlich viel über ihn, aber es ist uns bisher nicht gelungen, ein konkretes Opferprofil zu erstellen. Der Kerl bringt die Leute ziemlich wahllos um die Ecke. Sie unterscheiden sich im Alter, in der Herkunft, dem Geschlecht, dem finanziellen Hintergrund. Das Schwein glaubt an Chancengleichheit

»Warum heißt er der Professor

Alec ahnte, dass Stokes nicht lockerlassen würde, bis sie alle Antworten bekommen hatte, die sie wollte. Er klappte die Akte zu. Typisch, dass ihm ausgerechnet die neugierige Plaudertasche als neue Partnerin zugewiesen werden musste.

Alec wollte sich nicht unterhalten. Er wollte nachdenken, wollte tief in sein eigenes Hirn, in die unerforschten Gebiete seines Geistes vordringen, wo all die Bruchstücke an Informationen über den Professor, die er je erhalten hatte, Wurzeln geschlagen und Keime getrieben hatten. Er wollte herausbekommen, wie der Täter tickte genau wie damals, bevor diese verdammte Frau und die verfluchten Kugeln ihn außer Gefecht gesetzt hatten.

»Lambert, drängelte Stokes. »Was soll dieser Spitzname

Er seufzte. »Ganz am Anfang, bei einem der ersten Fälle, hat ein Ermittler ihn so genannt nach einer Figur aus der alten Fernsehserie Gilligans Insel, weil der Kerl seine Opfer immer in vertrackte Situationen bringt, um sie zu töten. Er hat sich darauf spezialisiert, sie in eine Falle zu locken, sodass sie sich selbst umbringen er sorgt einfach nur dafür, dass sie unmöglich entkommen können

»So wie die beiden Jungen

»Genau. Er hat sie nicht unter Wasser festgehalten, damit sie ertrinken er hat sie aufs Eis gesetzt und einfach abgewartet, dass es von selbst passiert. Ein anderes Opfer wurde von seinem eigenen Garagentor enthauptet. Und dieser Fall, von dem Wyatt uns berichtet hat, mit der Frau, die auf die Online-Stellenausschreibung reagiert hat Sie haben ja gehört, was er ihr angetan hat

»Ja. Total krank. Und vorher hat er nie das Internet benutzt, um seine Opfer in die Falle zu locken

Alec schüttelte den Kopf. »Kein einziges Mal. Wenn Ihr Chef wirklich schon vor einem Monat geahnt hat, wer dahintersteckt, ist das ziemlich beeindruckend. Ich« Gerade lag ihm auf der Zunge, dass er krankgeschrieben gewesen war doch das Thema wollte er ihrer Wissbegier noch nicht aussetzen. »Ich war zu dem Zeitpunkt nicht im Büro, aber wenn die BAU gewusst hätte, dass es einen neuen Fall um den Professor gibt, hätte ich davon erfahren

Und zwar auf der Stelle.

»Unser Chef«, erklärte Stokes, »ist der beste Agent, mit dem ich je zusammengearbeitet habe. Und der beste, mit dem Sie je gearbeitet haben In ihrer Stimme lag keinerlei sklavische Ergebenheit, keine Verteidigungshaltung. Lediglich festes Vertrauen. »Und dass der Professor jetzt seine Vorgehensweise geändert hat hat das was zu bedeuten

»Ich denke schon«, räumte Alec ein. »Jede Veränderung im gewohnten Muster kann ihn anfällig für Fehler machen, die er in der Vergangenheit mit Vorsicht vermieden hat

Es war ein glücklicher Zufall, dass diese Veränderung gerade jetzt eingetreten war. Der Mörder hatte ungefähr zum selben Zeitpunkt angefangen, seine Opfer übers Web zu ködern, als Alec gerade ein Disziplinarverfahren bevorstand und er unter Umständen sogar seinen Job verloren hätte. Da er mehr über den Professor wusste als irgendjemand sonst beim FBI, wirkte es wie ein Glückstreffer, dass er ausgerechnet in Blackstones Team gelandet war trotz der Einschusslöcher in seinem Körper. Aber Alec ahnte bereits, dass dabei kein Glück im Spiel gewesen war. Wyatt Blackstone hatte gewusst, mit wem er es zu tun hatte, bevor es irgendwem anders aufgegangen war. Wie ein Schachmeister, der seinen Springer verrückt, hatte er Alec in Position gebracht.

Das faszinierte Alec, und er nahm ihm diese Manipulation nicht übel. Er wollte beim FBI bleiben. Er wollte den Professor schnappen. Daher war ganz im Gegenteil sein Respekt vor seinem neuen Chef noch ein Stück gewachsen, als er das ganze Manöver schließlich durchschaut hatte.

»Glauben Sie, dass der Professor sich die Hände nicht schmutzig machen will? Oder dass er denkt, er sei eigentlich gar kein Mörder, weil er nicht selbst den Abzug drückt oder mit dem Messer zusticht

Alec dachte darüber nach. Über diese Frage hatte er sich schon so oft das Hirn zermartert. Langsam schüttelte er den Kopf. »Ich glaube nicht. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass er zu beweisen versucht, wie viel schlauer er ist als alle anderen. Er will zeigen, dass es ihm leichtfällt, jemanden zu töten, weil er so intelligent ist. Und mit jedem Mord lacht er uns höhnisch ins Gesicht, weil ihm der Beweis mal wieder gelungen ist

»Klar, es ist wirklich intelligent, jemanden umzubringen Stokes runzelte die Stirn. »Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sich der Professor aus Gilligans Insel irgendwelche komplizierten Fallen hat einfallen lassen. Vielleicht hättet ihr ihn lieber MacGyver taufen sollen

»Ich habe ihn überhaupt nicht getauft«, stellte Alec richtig. »Außerdem gab es noch einen anderen Grund für diesen Namen. Meistens schreibt er der Familie seiner Opfer nach der Tat einen Brief. Sein Tonfall ist unglaublich herablassend und arrogant, und er drückt sich immer ziemlich gewählt aus. Er hat stets das gleiche Briefpapier verwendet ziemlich teuer, aber trotzdem nicht leicht zurückzuverfolgen

Bis er plötzlich auf E-Mails umgestiegen war.

»Was wissen Sie noch über ihn

Da Alec an dem Täterprofil gearbeitet hatte, als er nach dem Mord in Richmond in den Fall einbezogen wurde, kannte er den Großteil auswendig und zählte rasch die Einzelheiten auf. »Er plant sein Vorgehen sehr genau. Er ist überdurchschnittlich intelligent. Zurzeit führt er wahrscheinlich keine Beziehung, aber in der Vergangenheit mag das der Fall gewesen sein. Vermutlich ist er hoch qualifiziert ein Ingenieur, ein Rechtsanwalt oder vielleicht ein Arzt

Stokes schnaubte. »Genau. Weiß, männlich, Mitte dreißig, und seine Mami hat ihn verlassen? Ich hatte gefragt, was Sie über ihn wissen

Durch halb gesenkte Lider schaute er sie von der Seite an. »Sie halten wohl nicht besonders viel von Profiling

Stokes zuckte mit den Schultern. »Ich finde, dass Profiler ziemlich viel Ähnlichkeit mit diesen Hellsehern haben, die in den Fernsehserien Verbrechen aufklären. Die schauen zurück und achten nur auf das, womit sie recht hatten wie zum Beispiel: ›Die vermisste Person wird am Wasser auftauchen‹, und dann jubeln sie, wenn das Opfer eine Straße von einem Feuerhydranten entfernt gefunden wird

Gegen seinen Willen musste Alec lachen. Stokes hatte offensichtlich Haare auf den Zähnen. Wahrscheinlich war ihr Gemeckere in der Besprechung gestern, als sie sich das erste Mal begegnet waren, eher auf ihren Charakter zurückzuführen als darauf, dass sie irgendwelche Gerüchte über ihn aufgeschnappt hatte. Er lehnte sich zurück. Langsam kam ihm der Verdacht, dass er sie vielleicht tatsächlich mögen könnte wenn sie nur aufhören würde, so viel zu reden. Und ihn nicht mit ihren Fahrkünsten ums Leben brachte.

»Zahlen und Berechnungen sind mir tausendmal lieber als Mutmaßungen und Hypothesen

Mit dieser Auffassung war sie nicht allein. Sowohl inner- als auch außerhalb des FBI gab es viele Leute, die das, was in der BAU geschah, misstrauisch beäugten. Normalerweise lag das daran, dass sie irgendwelche Krimis gelesen oder Filme über Serienmörder gesehen hatten, die die Arbeit der Profiler so schillernd darstellten, dass es mit der Realität nicht mehr viel gemein hatte. Als wären sie Hellseher, die Verbrechen aufklärten wie Stokes es so verächtlich formuliert hatte.

»Menschen verhalten sich oft nach einem bestimmten Muster, genau wie Computerprogramme«, antwortete er. »Wenn wir Täterprofile erstellen, spüren wir diese Muster auf und nutzen sie zu unserem eigenen Vorteil. Da steckt keine Zauberei dahinter. Keine übersinnlichen Fähigkeiten. Eigentlich ist das schon fast Mathematik, glauben Sie mir. Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung

»Und ein Haufen Psychogeschwafel. Aber mit Mathe und Computern kann ich was anfangen Stokes’ Stirn glättete sich. »Deshalb sollte vielleicht auch lieber ich mit dieser Ms Dalton reden. So von einer Computerexpertin zur anderen

Sie hatten gerade die Stadt verlassen und fuhren auf den Autobahnring Richtung Baltimore, um eine gewisse Samantha Dalton zu befragen. Als die IT-Spezialisten gestern einen PC untersucht hatten, der einem der beiden Opfer gehört hatte, waren sie auf E-Mails gestoßen, die zwischen Ms Dalton und Ryan Smith hin- und hergegangen waren und zwar nur wenige Stunden, bevor der Junge gestorben war. Lambert und Stokes hatten den Auftrag bekommen, die Dame zu befragen, die offensichtlich eine Art Internet-Spezialistin war.

Es lag auf der Hand, warum Stokes dorthin fuhr schließlich hatte sie in der Abteilung für Cyberverbrechen gearbeitet. Aber warum Alec mitkommen sollte, war nicht richtig nachvollziehbar. Er hätte sich wesentlich nützlicher machen können, wenn er nach Wilmington gefahren wäre und den Tatort besichtigt hätte. Aber zurzeit war er vor allem darauf bedacht, sich den Anweisungen zu fügen. Auch wenn er sich fast die Zunge hatte abbeißen müssen, um deswegen keinen Streit mit seinem neuen Chef vom Zaun zu brechen. Es gab mit Sicherheit bessere Dinge, als an seinem zweiten Arbeitstag gefeuert zu werden.

»Warum improvisieren wir nicht einfach

Schon wieder legte sich Stokes’ Stirn in Falten.

»Ich meine ja nur«, erklärte Alec mit ruhiger Stimme, während er die Akte wieder aufklappte und hineinsah, »dass wir sie erst kennenlernen sollten, bevor wir entscheiden, wie wir vorgehen

»So, wie Sie aussehen, spielen Sie bei den Damen wohl lieber den netten Bullen Wenn Worte ein Gesicht hätten, dann hätte dieser Kommentar höhnisch gegrinst.

Alec schaute nicht hoch. Seine Hand blieb flach auf dem Autopsiebericht in seinem Schoß liegen. Das einzige Anzeichen dafür, wie gut ihr Seitenhieb gesessen hatte, waren seine leicht verkrampften Finger, deren Spitzen weiß anliefen. »Haben Sie ein Problem mit mir

»Ich sag’s mal so: Hübsche Jungs in teuren Anzügen machen mich nervös

Ein hübscher Junge. Er war schon schlimmer beschimpft worden. Reicher Schnösel. Lackaffe. Eigenbrötler.

Egoistischer Adrenalinjunkie. Das hatte seine Exfreundin ihm entgegengeschleudert, als er sich nach der Schießerei geweigert hatte, beim FBI aufzuhören.

Egal. Solange Stokes nicht auf die Sache in Atlanta abzielte und er vermutete, dass das nicht der Fall war, konnte seine neue Partnerin von ihm halten, was immer sie wollte.

»Tja, Autofahrer, die es nicht schaffen, mit allen vier Reifen auf der Straße zu bleiben, machen mich auch nervös Er hielt sich am Armaturenbrett fest, während Stokes mit siebzig Sachen über die völlig verstopfte Stadtautobahn raste und gerade einen Sattelschlepper überholte. »Wie wäre es, wenn der, der diese Fahrt überlebt, entscheidet, wie wir die Befragung durchführen

Zum ersten Mal, seit er sie kennengelernt hatte, erschien ein echtes Lächeln auf Stokes’ Gesicht. »Schnippisch, was? Vielleicht steckt in Ihnen ja doch mehr als nur ein hübscher Junge Sie trat das Pedal durch, sodass sie mit nahezu Lichtgeschwindigkeit in die Ausfahrt 295 sausten. »Eventuell halten Sie sogar länger durch als die eine Woche, die ich Ihnen gegeben habe

»Wenn Sie weiterhin diesen Fahrstil an den Tag legen«, murmelte Alec, ohne beleidigt zu sein, »dann bin ich froh, wenn ich das Ende dieses Tages erlebe

Hinterm Ohr klemmte ihr ein Bleistift, auf der Nasenspitze saß eine Lesebrille, und ihre Finger flogen so schnell über die Tastatur, dass sie sie fast nicht mehr berührten. Das Letzte, worauf Samantha Dalton jetzt Lust hatte, war, die Wohnungstür zu öffnen, an die gerade jemand geklopft hatte. Endlich war sie richtig in Fahrt. Der Schatten einer Idee war auf den Zunder ihrer eigenen Kreativität getroffen, woraufhin ein Inferno aus Worten entflammt war, das aus ihr hervorbrechen musste sonst wäre es für immer verloren. Ziemlich schwülstige Symbolik, aber wie immer, wenn sie Termindruck hatte, nahm sie, was sie kriegen konnte wenn sie nur endlich etwas zu Papier brachte.

Klopf, klopf. Jetzt etwas lauter.

Sie schenkte dem Störenfried weiterhin keinerlei Beachtung und ließ sich von dem kreativen Strom mitreißen, auf den sie immer setzte, wenn sie an den Kolumnen und Artikeln arbeitete, die sie für ihre Website www.SamtheSpaminator.com schrieb. Besonders dann, wenn es um diese Kolumne ging Sams Wutausbruch, die wöchentlich erschien und morgen am späten Abend veröffentlicht werden würde. Der Wutausbruch am Mittwochabend war der Beitrag, den die Leute am liebsten mochten. Und den zu verfassen ihr am schwersten fiel. Sich etwas von der Seele zu reden und gleichzeitig ihre professionelle Glaubwürdigkeit aufrechtzuerhalten gestaltete sich immer wieder zu einer Gratwanderung. Jedes Wort wählte sie mit Bedacht, und trotz der Überschrift fing sie nie tatsächlich an zu wüten. Auch wenn ihr jetzt gerade der Sinn danach stand das Klopfen an der Tür war wirklich nervig.

Nach ihrer Scheidung war sie zu einer Einsiedlerin geworden zumindest nannte ihre Mutter sie so, und sie hatte sich angewöhnt, den gelegentlichen Vertreter oder den neugierigen Nachbarn zu ignorieren, der es wagte, die Warnung an ihrer Wohnungstür zu missachten. Aber als nun das Klopfen nicht aufhören wollte, hob sie den Blick vom Bildschirm. Leise brummte sie: »Kannst du nicht lesen

Gegen Mittag hatte sie das Bitte nicht stören-Schild rausgehängt. Sie war zuversichtlich gewesen, dass sie den ganzen Nachmittag über tatsächlich würde produktiv sein können. Vielleicht würde sie sogar so kühn sein, richtige Klamotten anzuziehen.

Das war nicht geschehen. Stattdessen hatte sie den ganzen Tag im Netz rumgesurft und trug immer noch die Jogginghose, in die sie nach dem Duschen geschlüpft war. Das Internet hatte mehrere Stunden ihrer Lebenszeit geschluckt, wie so oft in letzter Zeit.

Seit dem Augenblick, in dem ein Richter mit ausdruckslosem Blick das Blatt Papier unterschrieben hatte, das die vierjährige Achterbahnfahrt ihrer Ehe für beendet erklärte, war irgendwie all ihre Unternehmungslust verpufft. Nachdem dieses Abenteuer nicht gerade glimpflich ausgegangen war, gab sie sich inzwischen vollauf damit zufrieden, zurückgezogen in ihrer Höhle zu leben und sich nicht vom Fleck zu bewegen.

Zum Glück war dieser Tag nicht völlig vertan. Sie hatte eine Inspirationsquelle für die Mittwochskolumne gefunden. Aber während ihrer Recherche hatte sie auch ein paar Blogs überflogen, ein paar Runden na gut, zehn Runden Spider Solitär gespielt und war hier und da über einzelne Geschichten und Details gestolpert, die ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten.

Dennoch hatte sie schließlich mit dem Beitrag losgelegt, und sie kam gut voran. Jedenfalls bis zu dem Augenblick, als jemand an der Wohnungstür aufgetaucht war. Und ihr jetzt auch noch mit seinem Rufen auf den Geist ging.

»Ma’am, bitte machen Sie auf

Aber sicher doch. Sie musste noch ihre wöchentliche Hitliste der Top-Ten-Spam-Mails auf den neuesten Stand bringen. Außerdem wartete auf sie die Recherchearbeit über eine neue Phishing-Taktik, die auf Facebook-Nutzer abzielte. Für einen Technik-Blog musste sie ein Interview geben. Und in ihrem Posteingang lagen ungefähr drei Dutzend unbeantwortete E-Mails. Da blieb nicht viel Zeit für einen Plausch. Geschweige denn für ein richtiges Leben.

Und dennoch hatte sie den Großteil ihres Arbeitstages im Internet verplempert.

»Dumme Nuss«, brummte sie.

»Miss Dalton? Wir müssen mit Ihnen reden«, rief die Stimme.

Wenn sie ein richtiges Büro gehabt hätte und nicht vom Wohnzimmer ihres Apartments in Baltimore aus arbeiten würde, hätte sie den Eindringling vielleicht weiterhin ignorieren können. Aber wie die Dinge lagen, gab es kein Entkommen. Also speicherte Sam ihren Text und trottete zur Tür.

Als sie durch einen Spalt in der Gardine spähte und einen Mann im Anzug entdeckte, machte sie sich darauf gefasst, dass gleich jemand versuchen würde, ihre Seele zu retten oder ihr irgendetwas Teures aufzuschwatzen. Oder beides. Sie riss die Tür auf und fauchte: »Worum geht’s

Die Hand des Mannes schwebte in der Luft, als hätte er gerade noch einmal klopfen wollen. Ihr erster Gedanke war, dass er riesige Hände hatte. Kräftige Finger. Ihr zweiter Gedanke war, dass sehr viel mehr Frauen für Staubsauger und Zeitschriftenabonnements Schlange stehen würden, wenn die Hausierer heutzutage so aussahen. Wahrscheinlich würden Käuferinnen auf der ganzen Welt nach der nächsten Lieferung schreien.

Sam allerdings nicht. Sie kaufte nichts. Insbesondere nicht von Männern wie diesem.

»Entschuldigen Sie die Störung«, sagte der Mann. »Es ist wirklich wichtig

Er hatte ein anziehendes Gesicht eckiges Kinn, markante Züge, lange Wimpern und hohe Wangenknochen. Anziehend genug, um bei Sam die Alarmglocken schrillen zu lassen. Sie vertraute keinem gut aussehenden Mann nicht nach der Sache mit Samuel Dalton Jr. Ihr Exmann hatte das umwerfende Äußere eines Filmstars gehabt.

Sam und Sam. Himmel, warum hatte niemand sie an den Schultern gepackt und geschüttelt, als sie seinen Antrag angenommen hatte?

Der Mann trat einen Schritt auf sie zu, und Sam musste den Kopf in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht zu blicken. Er war groß, übertraf ihre ein Meter siebzig mühelos um gute zehn Zentimeter. Seine breiten Schultern schienen den Türrahmen vollständig auszufüllen. Das hellbraune Haar war vom Wind ein bisschen zerwühlt, und in den blassgrünen Augen lag ein freundlicher Schimmer. Diese Freundlichkeit reichte jedoch nicht hinunter zu seinem schön geformten Mund. Von einem Lächeln keine Spur. Sein Gesichtsausdruck war höflich, aber vollkommen neutral.

Das einzige Detail, das nicht zu dieser Neutralität passte, war sein Blick, der einen halben Herzschlag zu lange auf ihrem Mund ruhte. Woraufhin sie gleich den Wunsch verspürte, sich über die Lippen zu lecken und sich im selben Moment innerlich dafür verfluchte.

»Sind Sie Miss Dalton? Samantha Dalton

»Mrs Dalton«, berichtigte sie ihn, aus reiner Gewohnheit. Eigentlich war sie nicht mehr Mrs Dalton nicht, seit ihr Mister Dalton eine Miss Schlampe gefunden hatte, mit der er nun in wilder Ehe lebte. Sam und Ashley. Schon viel besser. Aber diese Anrede war ganz nützlich, wenn sie die immer wieder mal auftauchenden Internet-Stalker abwimmeln musste, und inzwischen kam sie ihr wie selbstverständlich über die Lippen.

»Sie sind Sam Dalton von der Sam the Spaminator-Homepage

Sam, die sich immer noch ein bisschen unbehaglich fühlte, weil sie in Jogginghose und Pantoffeln an die Tür gegangen war, nickte heftig. In dem Moment rutschte ihr die Brille von der Nasenspitze. Sie fing sie gerade noch auf und verschmierte mit ihren steifen Fingern die Gläser.

Dann rief sie sich in Erinnerung, dass es ihr egal war, was der heiße Typ mit dem hübschen Kinn und dem stählernen Körper von ihrem Aussehen hielt, und fragte: »Muss ich irgendwas unterschreiben

Er hob die Brieftasche ein wenig höher, die er schon die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, ohne dass es ihr überhaupt aufgefallen war. Eine Dienstmarke steckte darin. Sofort machte sich Anspannung in Sam breit.

»Ich bin Special Agent Lambert vom FBI. Das hier ist Special Agent Stokes. Dürfen wir reinkommen

Die Frau hatte sie gar nicht gesehen. Sam nickte ihr zu. Sie trug denselben ungerührten Gesichtsausdruck zur Schau wie ihr Kollege. Dann verarbeitete Sam den Rest der Information, die sie gerade erhalten hatte.

Das dauerte nicht allzu lange. »Sagten Sie FBI?«, fuhr sie auf.

»Ja. Wir würden gerne mit Ihnen reden

Guter Gott, nicht schon wieder! »Hören Sie, ich erzähle den Leuten, wie man sich vor Betrügern schützt ich betrüge sie nicht selbst Missmutig fuhr sie sich durchs Haar und blieb mit den Fingern in ihrem lockeren Pferdeschwanz hängen, woraufhin ihr einige lange blonde Strähnen ins Gesicht fielen. »Ich bin kein Hacker. Weder meine Homepage noch mein Buch sind irgendwelche geheimen Handbücher für Kriminelle, die nach neuen Methoden suchen, um den Leuten ihr Geld abzuknöpfen

Das hatte sie sich schon so oft anhören müssen, seit sie angefangen hatte zu bloggen und ihr Buch veröffentlich hatte Stolpersteine auf dem Datenhighway. Die grausame Realität der virtuellen Welt. Einige Ordnungshüter schienen zu glauben, dass sie der Verbrecherwelt eher half, als ihr zu schaden. »Habt ihr FBI-Nerds nicht schon genug damit zu tun, echte Cyberverbrechen aufzuklären, ohne mich zu schikanieren

Die straffen Schultern des Mannes entspannten sich ein bisschen, aber seine Partnerin wirkte nicht im Geringsten belustigt.

»Sie sind in keinerlei Schwierigkeiten, Ma’am«, beruhigte er sie. »Genau genommen wollen wir Sie um Ihre Unterstützung bitten. Wir ermitteln in einem Fall und haben Grund zu der Annahme, dass Sie in Kontakt mit einem der Betroffenen standen. Wir hoffen, dass Sie uns helfen können herauszufinden, was passiert ist

Sam zögerte. Sie mochte es nicht, wenn Leute in ihr Leben eindrangen besonders nicht, wenn diese Leute sie »Ma’am« nannten. Wenn sie Kontakt mit der Außenwelt wollte, dann suchte sie ihn selbst. Manchmal. Sie lud niemanden zu sich ein, der unangekündigt vor ihrer Tür auftauchte und eigentlich nahm sie auch keine ungebetenen Einladungen an.

Schon gar nicht von Männern. Solche Einladungen hatte sie bekommen unter anderem von ihrem eigenen Scheidungsanwalt, der ihr deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass er als Erster drankommen wollte, wenn sie sich irgendwann wieder nach Männern umsah.

Na klar! Als ob irgendeine Frau mit dem Mann ausgehen würde, der sie am Tiefpunkt ihres Lebens gesehen hatte.

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