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Bizarritäten

Bizarritäten

Bizarritäten

 

29 Kurzgeschichten

 

von

 

ALFRED J. SCHINDLER

 

INHALTSVERZEICHNIS

  1. Aufstand der Lettern

  2. Die Seele

  3. Die Augen

  4. Die alte Karre

  5. Der Euro

  6. Die Nase

  7. Die Ohren

  8. Lebenserfahrung

  9. Das besondere Bild

  10. Die Wesen

  11. In der Tiefgarage

  12. Das Gefühl

  13. Der Mund

  14. Der alte Mann und sein Benz

  15. Sein Vorbild

  16. Die Tür

  17. Selbstüberschätzung

  18. Wellenreiten

  19. Berufserfahrung

  20. Die Armbanduhr

  21. Außergewöhnlich !

  22. Der Tod höchstpersönlich

  23. Der Baum

  24. Der flache, grüne Hund

  25. „ER“

  26. Erdlinge

  27. Das kleine Tief

  28. Der Seele Irrtum

  29. Selbstverteidigung

01 Aufstand der Lettern

  Ein Buch - schweinsledern gebunden und ca. vier­zig Jahre alt - existierte in einer noch älteren Bibliothek. Es stand in einem hohen Holzregal, weit abseits von all den Bestsellern aus neueren Zeiten. Man hatte es seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr ausgeliehen, geschweige denn gele­sen... Es fühlte sich sehr einsam und total ver­nachlässigt.

Eines Tages begann in diesem speziellen Buch eine große Revolte der Buchstaben. Es hatte mit den Lettern auf der Rückseite begonnen, die den ge­nauen Inhalt des Buches beschrieben. Diese be­gannen nun - professionell organisiert - einen Aufstand in der Hinsicht, dass sie den eigentli­chen Inhalt - die vielen Zehntausende und Hun­derttausende von Lettern - nacheinander gezielt aufhetzten. Eine Seite gab es an die andere wei­ter. Sie - die Lettern - wollten aus dem alten, vergilbten Buch ausbrechen und eigene, neue We­ge gehen. Viele träumten davon, in andere Worte, Sätze und Kapitel geformt, in einem neuen, schö­nen und aktuellen Buch zu stehen. Der Größte al­ler Träume war natürlich der, auf einer Titelseite zu sein. Ja, das wünschte sich jede Letter. In diesem alten Schmöker, in dem sie sich seit vielen Jahren be­fanden, wollten sie beim besten Willen nicht mehr herumhängen. Das war eigentlich doch ganz ver­ständlich...

Viele der Seiten, die schon sehr bräunlich und faltig waren, stimmten den Lettern zu. Sie waren für eine Revolte. Jedoch gab es da auch Seiten, die damit nicht einverstanden waren. Sie wollten nicht als leere Seiten in dem alten Buch zurückbleiben. Es würde zwar ein Albtraum werden, so ohne Let­tern, aber sie waren nicht bereit, sich der Mehr­heit anzupassen.

So entstand die zweite Revolte, die Revolte der Seiten. Man wurde und wurde sich einfach nicht einig, wie man sich entschließen sollte. Die ande­re Frage war natürlich die, ob man die Buchstaben so einfach ziehen lassen sollte, na ja...

Letztendlich hatte man den Einband des Buches, die Hülle des Ganzen, noch gar nicht nach seiner Meinung gefragt. Dieser lehnte, nachdem er von der Revolte der Buchstaben und der darauf folgen­den Revolte der Seiten gehört hatte, eine Verän­derung prinzipiell und kategorisch ab. Der Einband fühlte sich wohl, eben so, wie er sich immer ge­fühlt hatte.

So kam es, nachdem die Buchstaben und die Sei­ten ihre inzwischen gemeinsame Revolte als ge­scheitert betrachtet sahen, dass sie gemeinsam ein Komplott gegen den Einband schmiedeten. Die Seiten begannen in einer gemeinsamen Aktion, sich gegeneinander zu pressen und zu drücken, und das Buch wurde dadurch immer dicker.

Es schwoll zusehends an!

Verzweifelt versuchte der immer noch recht kräfti­ge Einband (der schweinslederne) sich dagegen zu wehren, jedoch war diese schwache Gegenwehr völlig sinnlos. Und so kam es, dass sich der Ein­band vom Buch löste. Hunderte von eng aneinan­der gepresste Seiten - voll gedruckt mit alten Buchstaben (es waren auch ein paar Zahlen dar­unter, aber die hatten nichts zu sagen), rieselten und flatterten zu Boden. Als die Seiten auf dem Boden ankamen, zerfiel das ganze Buch.

Hey, war das ein Durcheinander!

Ein Geschrei von den Buchstaben entstand, denn die Seiten fielen, wie gesagt, lose durcheinander, und der gesamte Inhalt des Buches geriet in ein fürchterliches Chaos. Keiner wusste mehr, wo er hingehörte und es war eine einzige Katastrophe...

Nun bereute man den gemeinsamen, verhängnis­vollen Entschluss, dass jeder seine eigenen Wege hatte gehen wollen, und man sehnte sich nach der Einheit zurück, die vorher bestanden hatte.

Dieser absoluten Einheit!

Aber wie sollte das geschehen?

Als der alte, zittrige Bibliothekar dieses Chaos - die völlige Hilflosigkeit des ehemaligen Buches, sah, nahm er sich ein Herz und legte wieder Seite auf Seite - von Seite 1 bis Seite 556 - bis hin zum Ende der Geschichte, aufeinander. Am glücklichs­ten war der schweinslederne Einband, denn ihm war in keiner Weise klar gewesen, was mit ihm geschehen wäre - so ohne Inhalt.

Das Buch steht heute wieder an seinem alten Platz in der noch älteren Bibliothek, und es ist recht froh und glücklich, wieder in diesem so ruhigen, etwas verstaubten Regal stehen zu dürfen. Beim nächsten Mal wird es sich wohl genau überlegen, ob es eine weitere, eine zweite, gemeinschaftliche Revolte heraufbeschwören wird, denn es ist nicht gesagt, ob der Bibliothekar sich noch einmal die Mühe machen wird, das Buch neu zu binden. Für eine weitere Revolte ist das Buch - gerade dieses Buch - nicht mehr offen, sprich bereit.

Nein, danke, sagte es sich.

02 Die Seele

 

Jeder Mensch besitzt - wie allgemein bekannt sein dürfte - eine sogenannte Seele. Manche besitzen sogar zwei oder drei davon, aber diese Mitmen­schen betrachtet man freiweg als krank. Ob sie es auch wirklich sind? Vielleicht sind all die anderen krank, die nur eine einzige Seele besitzen...

Wer weiß das schon...

Bei manchen Menschen könnte man fast annehmen, dass sie keine Seele besitzen, so hartherzig und böse, wie sie sind. Jedoch haben auch diese Men­schen eine Seele, die mehr im Verborgenen, im Inneren ruht, und meist nur durch eine überra­schende Kehrtwendung im Gefühlsbereich dieses Menschen zum Vorschein kommt. Also, nur falls.

Vorhanden ist sie auf jeden Fall.

Es stellt sich nun eine weitere, unausweichliche Frage: Haben auch Tiere eine Seele? Gibt es menschliche und tierische Seelen? Eventuell sogar auch pflanzliche? Oder gibt es für Menschen, Tiere und Pflanzen Einheitsseelen? Sozusagen genormte Seelen? - Dies aber nur so nebenbei...

Jeder Hundebesitzer behauptet mit Überzeugung, dass sein „Zamperl“ eine Seele hat. Genauso ver­hält es sich bei den lieben Hauskatzen. Kann man behaupten, dass diese beiden Arten von Tieren Seelen haben? Haben dann logischerweise auch Goldfische, Stinktiere, Mistkäfer, Wanzen, Ratten und Krokodile Seelen?

Eine weitere, sehr wichtige Frage ist: Woher kommt diese Seele? Wird sie beim Tod eines Men­schen auf ein Neugeborenes übertragen? Gibt es eine Seelen-wanderung? (Es ist ja so gut wie er­wiesen, dass es eine solche gibt - viele Millionen von Menschen nehmen es jedenfalls an, soweit mir bekannt ist.)

Wann endet nun die Reise der Seele? Endet sie überhaupt? Denn jede Reise geht doch irgendwann zu Ende! Jedenfalls bei uns Menschen. Gilt dies bei Seelen auch? Ist die „Läuterung“ das Ende bzw. die Perfektion - die Vollendung? Ist die See­le mit den Gefühlen, die die einzelne Kreatur be­sitzt bzw. zeigt, mit diesen gleichzusetzen? Oder ist es der Charakter eines Individuums, der die so genannte Seele ausmacht? Hätte die Kreatur, wenn sie keinen Charakter hätte, auch keine Seele?

Oder umgekehrt?

Die Seele eines Menschen - wie wir es ausdrücken - ist doch die eigentliche Basis, übergeordnet den Gedanken und Gefühlen, evtl. resultierend aus den Genen des Individuums. Wenn man bedenkt, dass es auf der Erde, dieser klitzekleinen Erde, im wahrscheinlich unendlichen großen Weltraum ZUR ZEIT etwa sieben Milliarden Menschen gibt, und somit also auch sieben Milliarden Seelen, muss man sich ernsthaft fragen, woher die „neuen“ Seelen kommen, wenn innerhalb eines halben Jahrhun­derts ein paar Milliarden Menschen mehr auf dem Globus leben, als zuvor ...

Oder gibt es gar keine Seelen? Das Gehirn steuert doch den Menschen in seinen Gedanken und Taten. Und daraus entwickelt sich der Charakter. Oder ist dieser sogenannte Charakter des Ungeborenen schon im Mutterleib vorhanden?

Sprich - fertig?

Zurück zu unseren Seelen: Werden sie frisch pro­duziert, diese Seelen? Aber wo? Und wie? In einer übergeordneten Seelenfabrik? Sind Seelen irgend­wo gelagert? Abrufbereit zur Abholung? Fragen, Fragen, Fragen - Fragen ohne Ende, die wir klitze­kleinen Menschen niemals - auch nicht in tausend oder einer Million Jahren erklären oder beantwor­ten können, egal, wie weit sich die Evolution des Menschen auch vorwärts bewegen wird. Es wird keine definitiven Antworten geben.

Und das ist gut so, oder?“

03 Die Augen

Es war einmal ein Mann, der zwei Augen hatte, die sich nicht ausstehen konnten. Normalerweise ver­tragen sich ja zwei Augen, die in einem mensch­lichen Gesicht sind, jedoch bei diesem unglück­lichen Mann war das ganz anders. Das rechte Auge war auf das linke eifersüchtig. Es behauptete, das andere Auge sei näher am Gehirn als es selbst, und das linke dachte, der Mann möge das rechte lieber, weil er es angeblich öfter „rieb“, als es selbst. So entbrannte also ein regelrechter Dauer­streit zwischen den beiden.

Dieser Streit gipfelte eines schönen Tages darin, als das rechte Auge behauptete, dass es schöner sei als das linke. (Dies sollte angeblich eine junge Frau, die mit dem Mann beim Tanzen geflirtet hat­te, behauptet haben, was aber nicht stimmte!) Natürlich war diese Behauptung, wie gesagt, völ­lig aus der Luft gegriffen, jedoch war dies eben der ausschlaggebende Punkt für diesen weiteren Dauerstreit.

Heute erklärte das linke Auge dem Konkurrenten, dass es besser sehen könne als das Rechte. Und morgen erklärte das rechte Auge dem linken Auge, dass es in der Brillenstärke eine niedrigere Diop­trie hätte, als das linke (was jedoch auch nicht stimmte - der Mann hatte links und rechts völlig gleiche Dioptrien!).

„Hast du das gerade gesehen?“ Schrie das linke Auge zu dem rechten hinüber.

„Was gesehen?“ Fragte das rechte Auge. „Ich habe gerade gezwinkert, wenn du gestattest!“

Empört fragte das linke Auge das rechte, warum es gerade dann zwinkern müsse, wenn es so etwas Interessantes zu sehen gäbe, wie es die Situation gerade hergegeben habe.

„Ist mir egal, was du so alles siehst, ich zwinkere, wann ich will“, bemerkte das rechte Auge. „Und außerdem hat es mich gerade gejuckt, da musste ich ja zwinkern!“

„Alles nur faule Ausreden“, sagte das linke Auge. „Du bist nur zu faul zum Schauen! Und außerdem steckst du mich damit an, wenn es juckt!“ Fuhr es weiter fort.

„Wenn ich könnte“, warf das rechte Auge ein, „würde ich dir jetzt eins auf dich geben.“

„Das würde dir so passen, meine braune Farbe in blau zu verwandeln!“ Sagte das linke Auge. „Und außerdem sind wir beide nicht braun, sondern dunkelbraun, du kleines Dummerchen!“, Stichelte das linke Auge weiter.

„Dunkelbraun hin, dunkelbraun her, du gehst mir schon lange auf die Nerven!“ Schrie das rechte Auge aufgebracht. „Heute Abend, wenn unser Mensch müde ist, mache ich mich nicht zu und dann musst du auch offen bleiben, denn anders geht das ja wohl nicht!“

„Das wollen wir doch mal sehen, wer sich von uns bei­den schneller schließen wird!“, unkte das linke Auge. Du bist doch von mir genauso abhän­gig wie ich von dir!“

„Abhängigkeit hin, Abhängigkeit her, wir wollen doch mal sehen, mit wem von uns beiden unser Mensch zwinkert, wenn er ein hübsches Mädchen sieht!“ Rief das rechte Auge.

„Machen wir eine Wette? Wer von ihm beim Zwinkern geschlossen wird, hat gewonnen“, sagte das linke Auge.

„Einverstanden!“ Entgegnete das rechte Auge.

Im selben Moment fuhr ein starker Windstoß um die Ecke und er wirbelte eine Menge Sand empor, genau in Richtung des Mannes. Unwillkürlich schloss er beide Augen, um diese zu schützen.

„Da haben wir aber Schwein gehabt, dass unser Mensch so schnell reagiert hat, was?“ Wimmerte das linke Auge erschrocken.

„Ja, das muss ich dir ausnahmsweise mal recht geben“, erwiderte das rechte Auge zitternd.

In diesem Moment wurde ihnen bewusst, wie stark sie voneinander abhängig waren. Jedem wurde klar, dass beim Verlust eines Auges das andere die doppelte Belastung hätte. Außerdem würde es so alleine sicherlich recht langweilig werden ohne den jeweiligen Partner...“

Und sie einigten sich.

04 Die alte Karre

 

 Ein Mann besaß einen sehr alten Wagen. Es han­delte sich um einen zerkratzten, verbeulten HYUN­DAI, der schon bessere Zeiten gesehen hatte. Er fuhr diesen Wagen schon über fünfundzwanzig Jahre unfallfrei und mit einer bemerkenswerten Liebe und Ausdauer. Außerdem war der Wagen fast immer zuverlässig. Er hatte den Wagen in den sechziger Jahren von Südkorea importiert, d.h. auf dem Schiff mitgenommen, weil ihm genau die­ser Wagen, den er absolut ins Herz geschlossen hatte, bei seinen Abenteuerreisen in der Wüste große Dienste erwiesen hatte. Seine Freunde je­doch lachten laut, wenn sie ihn um die Kurve kom­men sahen. Sie fuhren BMW, AUDI, MERCEDES und PORSCHE, einer von ihnen fuhr sogar einen neuen JAGUAR. Sie alle waren sehr stolz auf ihre fahr­baren Untersätze und machten sich heimlich über ihren Freund, den HYUNDAI Fahrer, lustig.

„Seht mal, wer da kommt!“

„Wie er um die Kurve sticht!“

„Einfach köstlich!“

„Kann er, oder will er sich kein vernünftiges Auto kaufen?“

„Die Karre sieht ja ganz fürchterlich aus!“

Diese Lästereien hörte natürlich auch der alte Wagen. Er ärgerte sich sehr über diese abfälligen Bemerkungen und musste mit ansehen, wie sein Fahrer von all seinen Freunden hinterrücks ausge­lacht wurde. Wegen mir lachen sie ihn aus, dachte er sich. Welch eine Schmach. Nur weil ich schon so alt und gebrechlich bin, jammerte der HYUNDAI. Sein Blechkleid war, wie gesagt, von etlichen Beulen übersät, er hatte starke Roststellen, und der Lack war ab. Es war jedoch nicht genug mit den Läste­reien der anderen Autobesitzer, nein, auch die anderen tollen Fabrikate, die da immer links und rechts von ihm standen, machten sich unverhohlen über ihn lustig.

„Ob er den nächsten TÜV wohl noch überlebt?“ Lachte der BMW.

„Sieh dir mal diese Fassade an“, lästerte der MERCEDES.

„Und diese schmalen Reifen, die obendrein auch noch abgefahren sind“, brüllte der AUDI.

„Ha, und überhaupt diese unmögliche Karosserie!“ Keuchte der PORSCHE.

„Der Auspuff hängt ihm auch schon herunter“, al­berte der JAGUAR.

„Und wie der innen aussieht, ganz einfach zum Schreien“, motzte der BMW weiter.

So gingen diese gehässigen und abwertenden Sprüche hin und her und der alte HYUNDAI stand mitten in dieser bösartigen Reihe von glänzenden Nobelkarossen. Langsam machte sich bei ihm eine gewisse Depression breit:

„Ich kann auch nichts dafür, dass ich so alt, ver­beult und fertig bin“, verteidigte sich der HYUN­DAI gegenüber den anderen. „Ich bin ja immerhin schon mehr als zwanzig Jahre älter als ihr.“ Plötz­lich überkam ihn die kalte Wut und er schmetterte hin: „Und außerdem habe ich - im Gegensatz zu euch - schon die ganze Welt gesehen. Ihr steht doch nur sinnlos in der Garage herum, werdet lau­fend geputzt und gewienert, was ich persönlich ja gar nicht so mag, und ab und zu dürft ihr mal über ein paar Landstraßen und über einen Autobahn­abschnitt rasen. Mein Fahrer liebt mich auf seine Art, aber ihr werdet ja nur vorgezeigt. Ihr seid doch nur armselige Statussymbole. Ich würde mal gerne sehen, wenn einer von euch einen Blech­schaden hätte. Würde er dann von seinem Besitzer nicht sehr schnell abgestoßen werden?“

Nun waren sie alle ruhig und der eine oder andere kochte innerlich, d.h. motormäßig, bezüglich der Frechheit und Aufmüpfigkeit dieser alten Kar­re.

„Freunde“, so sprach der MERCEDES für alle, „der Koreaner-Verschnitt ist doch nur neidisch!“

Jedoch - der Pfeil saß.

Ab diesem Tag hatten die Fahrer des BMW, des MERCEDES, des AUDI, des PORSCHE und auch des JAGUARS nichts mehr zu lachen. Die Superautos ärgerten die einzelnen Besitzer dahingehend, dass sie entweder nicht ansprangen oder der Motor grundlos stotterte, die Reifen plötzlich qualmten, die Motorhauben während der Fahrt aufgingen, oder aber die Türen klemmten. Manchmal geschah dies alles zugleich, wenn derjenige Wagen gerade an den alten HYUNDAI und dessen Ausführungen dachte.

Die Wagen wollten gefahren werden. Sonst nichts. Und sie wollten etwas sehen von dieser Welt. Eben so wie dieser alte, mickrige HYUNDAI.

Schließlich passierte dann die Krönung des Gan­zen: Der Inhaber des alten HYUNDAI fuhr zu einer Oldtimer-Ausstellung. Nach einer vorhergegange­nen, kompletten Generalüberholung ging der Wa­gen für eine hohe Summe als Oldtimer weg.

Sammlerwert.

Die anderen Wagen waren sprachlos, als sie dieses Geschehnis von ihren Fahrern erfuhren, die sich natürlich untereinander sehr angetan - und selbstverständlich abfällig und negativ - darüber unterhielten. Als der neue Besitzer des uralten, aufpolierten HYUNDAI dann eines Tages zufällig genau dort parkte, wo sich all die Freunde mit ihren teuren Karossen immer trafen und dort auch parkten, waren der BMW, der MERCEDES, der AU­DI, der PORSCHE und auch der JAGUAR sehr ruhig. Sie begrüßten den alten HYUNDAI anerkennend, verbeugten sich tief und äußerst freundlich, und sie zeigten eine gewisse Unterwürfigkeit, indem sie gemeinsam leise hupten. Die Besitzer der Nobelka­rossen waren ganz einfach sprachlos.

So schnell und unerwartet kann sich eine Situati­on verändern...

05 Der EURO

Ein altes, gebrechliches Mütterchen hatte zwar von der neuen Währung Euro gehört, jedoch hatte sie die gesamte Abwicklung der bevorstehenden Umstellung nicht so recht verstanden. Was sie jedoch sehr wohl bemerkt hatte, war die Tatsache, dass es eine gewisse Übergangsregelung für die DM gab. Sie dachte ja gar nicht daran, ihre Tausender bei einer Bank in Euro umwechseln zu lassen! Zu sehr hing sie an den alten, handfesten DM-Scheinen und den unverwechselbaren, wertvoll wirkenden Münzen.

 

„Mir gefällt der Euro nicht“, murrte sie vor sich hin. „Die Scheine sehen ja fast wie Lire-Scheine aus! Genau genommen sieht das neue Geld tat­sächlich wie Spielgeld aus - ich denke dabei unwillkürlich an Monopoly!“

Und sie knurrte weiter: „Da wollen wir doch mal sehen, ob diese Einzelhändler meine Hundert-DM-Scheine noch annehmen werden, oder nicht!“

 

Sie ging in ihr spezielles Lebensmittelgeschäft und packte 1 Joghurt, 1 Pfund Butter, 1 Glas Mar­melade und 1 Pfund Brot in ihren Einkaufswagen. Es herrschte reger Betrieb in dem gepflegten La­den. Die nette Kassiererin begrüßte sie höflich, wie immer, wie folgt:

 

„Ja, grüß Gott, liebe Frau Meier, ich wünsche Ihnen ein Gesundes Neues Jahr 2002!“

„Ja, das wünsche ich Ihnen auch, liebe Frau Mül­ler“, entgegnete die alte Oma freundlich. Sagen Sie mal, Sie nehmen doch noch unsere geliebte DM an, oder?“

„Frau Meier, wir haben von der Geschäftsleitung strikte Anweisung, keine DM mehr anzunehmen. Es tut mir Leid. Aber unter uns: Haben Sie kleine Scheine? Dann kann ich Ihnen vielleicht mit mei­nen restlichen DM, die ich selbst noch habe, wei­terhelfen. Andererseits würde ich aber gerne in Euro herausgeben.“

„Nein, ich habe nur Hundert-DM-Scheine“, sagte Frau Meier, „tut mir echt Leid.“

„Ja, dann müssen Sie tatsächlich in die Bank gegenüber gehen, und einen Hunderter in Euro umwechseln. Lassen Sie doch die Ware inzwi­schen hier bei mir liegen.“

„Liebe Frau Müller, ich kaufe in Ihrem Geschäft nun schon seit über dreißig Jahren ein, nämlich wöchentlich für ca. DM 100- Somit haben Sie mit mir insgesamt einen Umsatz von ca. DM 150.000- gemacht. Nur mit mir alleine! Also, bitte, nehmen Sie den Hundert-DM-Schein und geben Sie mir den Rest in Gottes Namen in Euro heraus.“

„Also, gut, Frau Meier, ich mache bei Ihnen eine große Ausnahme. Aber nur, weil Sie eine solch liebe und gute Kundschaft sind“, antwortete die Kassie-rerin entgegenkommenderweise. Des Weite­ren fuhr sie fort: „Aber bitte tauschen Sie doch um Himmelswillen Ihre DM in der Bank gegenüber um, damit es bei diesem heutigen Einzelfall bleibt.“

 

Sie nahm den Hundert-DM-Schein, legte ihn ab­seits in die Kasse und gab der alten Frau in EURO heraus. Die alte Dame lächelte still und ging. Sie knurrte noch vor sich hin: „Das muss sie schon mir überlassen, ob ich in der Bank tausche, oder nicht. Wollen wir doch morgen mal sehen, was sie sagt, wenn ich ihr den nächsten Hundert-DM-Schein hinlege.“

 

Nach Beendigung der Diskussion stand ein alter, gebeugter Herr an der Kasse, der 1 Flasche Bier und 1 Schachtel Zigaretten zu bezahlen hatte. Wortlos legte er der Kassiererin einen Zweihundert-DM-Schein auf die Theke, und lächel­te sie freundlich an:

 

„Wenn Sie meiner verehrten Nachbarin den Hundert-DM-Schein gewechselt ha­ben, so machen Sie dies bei mir sicherlich auch. Ich mag diese neue Währung nicht. Sie verstehen das doch sicherlich. Als alter Mensch trennt man sich nicht gerne von gewohnten, lieben Dingen, die einem ans Herz gewachsen sind und die sich bewährt haben - was ich vom Euro stark bezweif­le.“

 

Die Kassiererin kam langsam ins Schwitzen. „Herr Huber, ich muss Ihnen fast mein gesamtes Euro-Wechselgeld herausgeben, wenn Sie mit diesem Zweihundert-DM-Schein bezahlen wollen. In DM kann ich sowieso nicht herausgeben, weil ich kei­ne mehr habe. Könnten Sie nicht so freundlich sein, und in der Bank gegenüber wechseln las­sen?“

„Liebe Frau Müller, auch ich kaufe seit mehr als dreißig Jahren bei Ihnen ein, und der Umsatz, den Sie mit mir gemacht haben, übertrifft den von Frau Meier bei weitem. Also bitte, nehmen Sie den Zweihundert-DM-Schein und geben Sie mir aus­nahmsweise in Euro heraus. Natürlich wäre es mir noch lieber, wenn Sie mir in DM herausgeben wür­den, aber das können Sie ja nicht - oder wollen Sie ganz einfach nicht?“ Fragte der Herr ver­schmitzt.

 

Die Kassiererin knirschte innerlich mit den Zähnen und gab Herrn Huber auf seinen großen DM-Schein mit Euro heraus.

 

„Herr Huber, ich bitte Sie aber, morgen nicht wie­der mit DM bezahlen zu wollen. Wir nehmen keine DM mehr an. So schreibt es die Geschäftsleitung vor!“

 

Herr Huber packte seine Ware in den Korb und knurrte vor sich hin: „Das muss sie schon mir überlassen. Ich habe noch einige tausend DM zu Hause, mit denen ich auch bezahlen werde.“

 

Frau Müller, die Kassiererin, war am Rande eines Nervenzusammenbruchs, als sie den nächsten Kun­den, wieder einen alten, sehr gepflegten Herrn, bediente.

 

Dieser kaufte eine kleine Seife und legte einen neuen Tausend-DM-Schein auf die Theke.

 

Beim Anblick dessen bekam Frau Müller einen Schreikrampf. Sie trampelte mit den Füßen auf dem Boden herum und klagte, schrie und weinte.

 

„Liebe Frau“, sagte der alte Mann, „jetzt beruhi­gen Sie sich doch mal etwas. Dies hier ist ein wunder-schöner Tausend-DM-Schein, wie Sie sehen, von dem ich mich eigentlich recht ungern trenne. Aber sagen Sie mal: Wer hat Ihnen denn in Gottes Namen befohlen, dass Sie nur noch Euro annehmen dürfen? Etwa der Geschäftsführer, dem das Wech­seln offensichtlich zu viel Arbeit macht? Genau gegenüber befindet sich doch eine Bank, die die alte DM problemlos gegen Euro umtauscht?“ Er fuhr fort: „Warum wälzt der Geschäftsführer die­ses Ladens das Umtauschen auf seine Kunden ab, die doch jahrzehntelang treu in diesem Geschäft eingekauft haben, nie über die Preise gemurrt und immer in bar bezahlt haben?“

„Ich kann doch auch nichts dafür, dass dies so geregelt wurde, aber ich muss mich an die Anwei­sungen halten“, schluchzte die Kassiererin völlig aufgelöst.

„Dann holen Sie mir mal sofort diese Pflaume von Geschäftsführer her, aber schnell, wenn ich bitten darf!“ Rief nun der alte, gepflegte Herr etwas un­gehalten.

 

Über das Mikrophon rief die Kassiererin den Ge-schäftsführer herbei, der sich jedoch etwas Zeit ließ. Sehr viel Zeit. Dann stand er endlich - amü­siert lächelnd - vor dem alten Herrn:

 

„Wie kann ich Ihnen helfen?“ Fragte er süf­fisant.

„Sagen Sie sofort Ihrer Kassiererin, dass diese Anweisung, die offensichtlich von Ihnen kommt, keine DM mehr anzunehmen, hinfällig ist. Die DM ist noch bis Ende Februar Zahlungsmittel und da­ran halten Sie sich gefälligst, wie die anderen Geschäftsführer dieser Ladenkette auch. Verstan­den?“

„Das müssen Sie schon mir überlassen, mein Herr. Und nun bezahlen Sie Ihre Seife mit Euro, oder legen Sie sie wieder ins Regal zurück!“ Sagte der Geschäftsführer überheblich und unfreundlich.

„Sie verzichten also auf diesen, wenn auch gerin­gen Umsatz? Gut. Dann ver­zichte ich auch auf Sie bzw. ihre Mitarbeit! Ge­statten, mein Name ist Kurz, ich bin...

 

... der EIGENTÜMER dieser Ladenkette!“

 

 

06 Die Nase

 

 

Ein Mann hatte eine etwas eigenwillige Nase, die mehr und mehr aufmüpfig und unzufriedener mit sich bzw. ihrem Besitzer wurde. Sie sprach zu ihm:

 

„Dafür, dass du nur eine Nase hast, behan­delst du mich schon ziemlich schlecht. Du ver­nachlässigst mich mehr und mehr. Früher, als du noch jung warst, hast du mich täglich sauber ge­waschen, mich geputzt und mich so behandelt, wie man das mit einer netten Nase tut. Jedoch seit deiner letzten Schlägerei im Gasthaus bin ich oft verstopft, weil du mich nicht mehr richtig putzt, und auch meine Scheidenwände sind von dem Schlag, den du dir eingehandelt hast, verengt. Ich kann gar nicht mehr richtig durchatmen. Außerdem glänze ich immer wie eine reife Tomate, da du mich auch außen nicht so wäschst, wie es angebracht wäre. Es ist schon eine Schande, mit dir gemeinsam in einem Körper leben zu müssen, das kann ich dir aber sagen!“

„Halt die Klappe, du doofe Nase, gleich haue ich dir eins drauf, und dann wirst du schon sehen, wie du hinterher aussiehst“, antwortete der Mann.

„Dass ich nicht lache“, entgegnete die Nase, „er­stens kann ich kaum noch schlimmer aussehen als jetzt, und zweitens wirst du dich hüten, dich selbst zu schlagen!“

„Eigentlich bist du ja völlig überflüssig“, sagte der Mann, „wofür brauche ich dich eigentlich?“

„Welch eine blöde Frage“, sagte die Nase, „wenn du mich nicht hättest, würdest du fürchterlich albern aussehen. Wenn ich mir dieses Bild vor­stelle: ein großes rundes Loch inmitten in deines Gesichts, in das es hineinregnet und hineinzieht - einfach köstlich! Und außerdem könntest du ohne mich ja gar nicht mehr richtig atmen.“

„Haha, du Naseweis, jetzt halte ich dich mal zu!

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