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Bittersüßer Schmerz der Sehnsucht

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1. KAPITEL

Ich müsste in diesem Sarg liegen, nicht mein unverwüstlicher, bester Freund …

Giacomo Corretti stand im Schatten einer großen Pinie und verfolgte mit brennendem Blick, wie der Sarg, nur wenige Meter von seinem Versteck entfernt, in die Erde hinuntergelassen wurde. Sein Herz lag wie ein Eisklumpen in seiner Brust. Mit jeder Sekunde, die verstrich, breitete sich die Kälte in seinem ganzen Körper aus, bis er völlig taub war.

Für ihn ein willkommenes Gefühl, auch wenn er sich einen Feigling schimpfte.

Die kleine Gruppe von Menschen rückte noch näher zusammen, während der Priester die Aussegnungsworte sprach. Gepeinigt schaute Gio zum strahlend blauen Himmel empor. Es dürfte nicht so warm und sonnig sein, schoss es ihm durch den Kopf. Und die See sollte nicht in der Frühlingssonne schillern und glänzen.

Verzweifelt sehnte er sich einen Sturm apokalyptischen Ausmaßes herbei, mit schwarzen Wolken, die den Himmel verdunkelten, grollendem Donner und vernichtenden Blitzen, die ihn treffen und ins Jenseits befördern würden.

Das leise Schluchzen von Marios Mutter, die sich schwer auf den Arm ihres betagten Mannes stützte, zerriss ihm das Herz. Um ihn würde niemand so verzweifelt trauern, wurde Gio plötzlich bewusst. Es war eine schmerzhafte Erkenntnis, aber ohne einen Funken von Selbstmitleid.

Neben dem Elternpaar stand mit gesenktem Kopf und gekrümmtem Rücken ihre Tochter Valentina. Ein schlaksiger Teenager von siebzehn. Das schlecht sitzende schwarze Kostüm ließ erahnen, dass sie sich zu einer aufregenden Schönheit mausern würde. Ihr langes, kastanienbraunes Haar war unter einem schwarzen Schal verborgen.

Er musste ihr Gesicht nicht sehen, um sich an ihre zarten Züge zu erinnern, er hatte sie immer vor Augen. Die samtene, olivfarbene Haut, den weichen Mund und die ungewöhnlichen goldbraunen Augen. Es waren die Augen einer Wildkatze. In ihnen tanzten goldene Fünkchen, wenn sie fröhlich war. Sie konnten allerdings auch gelbe Blitze in seine Richtung schießen, wenn er und ihr geliebter älterer Bruder sich auf waghalsige Unternehmen einließen, die ihr Angst einjagten.

Als hätte sie seinen brennenden Blick gespürt, drehte Valentina Ferranti den Kopf und fixierte die Stelle, wo Gio stand. Es war zu spät, um sich ungesehen zurückzuziehen. Langsam wandte sie sich ihm ganz zu. Das Gesicht totenbleich und vom Weinen geschwollen. Die wundervollen mandelförmigen Augen waren von Schmerz und Trauer umschattet.

Und er hatte ihr das angetan.

In seinem Kopf hallten die sorglosen Worte wider, die er ihr an jenem Abend lachend hingeworfen hatte: „Keine Angst, ich werde ihn noch vor Mitternacht zurück zu seinen Büchern schicken, wie Cinderella …“

Er spürte ihren Schmerz und ihre Verzweiflung geradezu körperlich, als sie langsam und mit steifen Schritten auf ihn zukam, die herabhängenden Hände zu Fäusten geballt. Kalte Verachtung lag in ihrem Blick. Kurz vor ihm blieb sie stehen, so dicht, dass ihn ihr vertrauter, frischer Duft einhüllte – ein bittersüßer Moment, der nicht zu dieser traurigen Situation passte.

„Du bist hier nicht willkommen, Corretti.“ Ihre Stimme war rau und spröde.

Gio spürte einen Druck in der Brust, der ihm das Atmen nahezu unmöglich machte. „Ich …“ Er brach ab, sobald er die gefürchteten Anzeichen spürte, doch dann überwand er sich und sprach einfach weiter. „Ich … weiß.“

Die Tatsache, dass er die beiden Worte hervorgebracht hatte, ohne zu stottern, war ihm ein kleiner Trost in dieser schweren Stunde. Es war ihr Bruder Mario gewesen, der ihm geduldig geholfen hatte, diese chronische Schwäche zu überwinden, die seine Kindheit und Teenagerzeit überschattet hatte.

Selbst mit zweiundzwanzig spürte er die Jahre voller Demütigungen immer noch wie eine Brandnarbe, die irgendwann verblassen, aber nie ganz verschwinden würde. In diesem Moment verlangte es ihn sogar nach dem Schmerz und der Scham der Vergangenheit, um Valentina die Genugtuung zu geben, über ihn zu lachen oder ihn verspotten zu können.

Allerdings … sie würde es nicht tun, hatte es nie getan. Sie war immer süß und freundlich zu ihm gewesen und hatte sein Stottern nie zum Anlass genommen, ihn zu demütigen oder zu verletzen, wie fast jeder andere es getan hatte. Besonders seine Familie.

Unverhofft holte Valentina aus und stieß mit der Faust gegen seine Brust. Das kam so überraschend, dass Gio zurücktaumelte. „Er war alles für uns, und du bist schuld, dass er nicht mehr da ist!“ Ihre Stimme bebte vor Kummer. „Im nächsten Jahr wollte er sein Studium beenden. Und du?“ Ihre Stimme drohte vor Erregung zu kippen. „Was kannst du für uns tun? Nichts! Verschwinde von hier! Du vergiftest diesen Ort mit deiner Anwesenheit. Wenn du ihn in jener Nacht nicht ermuntert hättest rauszugehen …“ Sie brach ab und biss sich auf die Lippe.

Gio war aschfahl geworden. „Es tut mir leid … unendlich leid.“

Das anklagende Funkeln in ihren Augen erlosch, sie sah schrecklich verloren aus. „Ich hasse dich, Corretti … dafür, dass du lebst und er nicht.“

Der Schmerz war so scharf, dass er ihm den Atem raubte. Marios kleine Schwester sah ihn an, als hätte sie ihn am liebsten über die nächste Klippe gestoßen.

„Komm, Valentina, es ist Zeit zu gehen.“ Die dünne, matte Stimme ihres Vaters riss sie beide aus dem schwarzen Kokon ihrer Verzweiflung. Sanft legte er eine Hand auf den Arm seiner Tochter. „Dies ist weder der passende Ort noch die Zeit …“

Stumm, und ohne Gio noch einmal anzusehen, ließ sie sich von ihm wegführen. Nach einigen Metern schaute Marios Vater noch einmal zurück. In seinem Blick lag ein namenloser Schmerz, als er traurig den Kopf schüttelte. Die wenigen Tage seit dem Tod seines einzigen Sohnes hatten ihn um Jahre altern lassen.

Für Gio war es schlimmer, als hätte er ihm vor die Füße gespien oder ihn körperlich angegriffen – wie Valentina.

Die schreckliche Wahrheit war nicht zu leugnen. Wären Mario und er, trotz aller Unterschiede, nicht so enge Freunde gewesen, und hätte er ihn an jenem Abend nicht bedrängt, mit ihm rauszugehen, wäre all dies nicht geschehen. Und diese Tatsache war so schwer zu ertragen, dass Gio nur noch sterben wollte.

Alles, was er liebte und was ihm etwas bedeutete, war für immer verloren. Was hoffnungsvoll und vielversprechend gewesen war … zerbrochen und zerstört.

Doch Selbstmord wäre feige und viel zu einfach. Schwerer war es, jeden Tag mit dem unendlichen Schmerz zu leben, eine ganze Familie ins Unglück gestürzt zu haben. Das war die Last, die er für den Rest seines Lebens würde tragen müssen.

Sieben Jahre später …

Es war die Hochzeit des Jahrzehnts. Zwei der mächtigsten Familien Siziliens, vereint im heiligen Bund der Ehe. Valentina schürzte verächtlich die Lippen. Wo doch jeder wusste, dass es keine Liebesheirat war zwischen Alessandro Corretti und Alessia Battaglia! Es hatte etwas von einem Hasardeurspiel oder – besser – einem ultimativen Kraftakt, um auch den kommenden Generationen des Corretti-Clans einen Platz an der Sonne zu sichern. Und wenn das bedeutete, eine Union mit ihren erbitterten Rivalen einzugehen, dann sollte es eben so sein.

Für einen Moment unterbrach Valentina ihre Arbeit und presste eine Hand auf die Brust. Allein der Name Corretti verursachte ihr akute Gallenbeschwerden. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sie momentan für diese Leute arbeitete!

So gern sie Carmela Corretti, der Mutter des Bräutigams, ins Gesicht gesagt hätte, sie solle sich den angebotenen Job sonst wohin schieben, konnte sie sich einen derartigen Luxus bedauerlicherweise nicht leisten. Als Besitzerin einer kleinen Catering-Agentur, die noch in der Aufbauphase war und die sie mit einem Minimum an Fremdkräften führte, rang sie ständig ums Überleben. Leider war es die einzige Einnahmequelle, mit der Valentina ihre alten, kränklichen Eltern unterstützen konnte.

Trotz des sagenumwobenen Reichtums der Correttis haftete Carmela der Ruf eines Pfennigfuchsers an, was natürlich auch der Grund war, warum sie eine so kleine, unbekannte Catering-Firma gebucht hatte, die mit günstigen Preisen warb. Im Klartest: lächerlich billig war. Da machte sich Valentina nichts vor.

Worauf sie hoffte, waren das Renommee und die damit verbundenen Folgeaufträge, die ein derartig exklusives Event nach sich zog. Wenn alles so klappte, wie sie es geplant hatte!

Während Valentina die letzten Kanapees mit Belugakaviar auf einer edlen Platte arrangierte, erinnerte sie sich daran, wie herablassend Carmela sie vor wenigen Wochen über ihre klassische Patriziernase hinweg gemustert hatte. „Es ist das Event des Jahrzehnts. Was die benötigten Lebensmittel betrifft, ist dem Budget kein Limit gesetzt. Aber sollte Ihre Präsentation nicht zu meiner Zufriedenheit ausfallen, Signorina Ferranti, dann haben Sie auf dieser Insel keine Zukunft, verstanden?“

Damals war es ihr schwergefallen, nicht so geschockt auszusehen, wie sie sich gefühlt hatte. Die Vorstellung, Sizilien und damit ihre hilfsbedürftigen Eltern verlassen zu müssen, war unvorstellbar. Doch Carmela hatte nicht unrecht. Wenn sie hier versagte, konnte sie froh sein, einen Job als Bedienung in einer neapolitanischen Pizzeria zu bekommen.

„Ich bin mir dessen bewusst, Signora Corretti“, versicherte sie kleinlaut, nachdem sie ihre erste Panik überwunden hatte. Und so waren ihr Team und sie für einen Spottpreis engagiert worden, um die teuersten Horsd’œuvres der Welt zu kreieren.

Carmela hatte auf einer Probeverkostung bestanden, die sich für Valentina als die nervenaufreibendste Stunde in ihrer jungen Catering-Karriere erwiesen hatte. Und dann hatte sie die ausgesuchten Köstlichkeiten nur mit der Spitze eines perfekt manikürten Fingernagels von links nach rechts geschoben, ohne eine Miene zu verziehen.

Valentina stand da wie paralysiert, bis ihre Kundin rief: „Und? Worauf warten Sie? Ich denke, Sie haben eine Menge zu tun.“

Sobald der Auftrag auf diese etwas bizarre Weise erfolgt war, ließ sie den königlichen Lachs-Kaviar aus Schottland einfliegen, zusammen mit geräuchertem Lachs. Das Fleisch fürs Hauptmenü kam aus Irland, und der Beluga-Kaviar natürlich aus Russland. Der Champagner, der allein dem Inner Circle vorbehalten war, datierte aus dem Jahr 1907, geborgen aus einem berühmt berüchtigten Schiffswrack. Doch der Preis war so astronomisch hoch, dass Valentina ihn gleich wieder aus ihrem Bewusstsein verdrängte. Die anderen Gäste bekamen Bollinger Champagner serviert.

Nein, Geld war kein Kriterium, wenn es darum ging, den Reichtum der Corretti-Dynastie zu demonstrieren, wobei es sie nicht störte, sich bezüglich der Dienstleistungen im Hintergrund knauserig zu zeigen.

Valentina blies eine Haarsträhne aus der erhitzten Stirn und trat einen Schritt zurück. Ihre beiden Mitarbeiter gesellten sich zu ihr. „Das ist ein echtes Kunstwerk geworden, Val“, sagte Franco ehrfürchtig. „Diesmal hast du dich selbst übertroffen.“

Seine Chefin lächelte zurückhaltend. „So sehr mir daran liegt, genau diesen Effekt zu erzielen, als Erfolg werten können wir es erst dann, wenn es auch gegessen wird.“ Trotzdem musste sie zugeben, dass die saftig orange Farbe des Lachskaviars zum frischen Dill als Krönung der mit Limonenfrischkäse gefüllten Räucherlachsröllchen sehr verlockend wirkte. Ihr Magen meldete sich und Valentina schaute auf die Uhr. Mit einer lautlosen Verwünschung legte sie die Schürze ab, schnappte sich ihre Tasche mit der Servieruniform und gab letzte Kommandos.

„Franco, sieh zu, dass sich die Köche fürs Hauptmenü bereithalten, Sarah, du kümmerst dich darum, dass die Servierhilfen korrekt gekleidet sind und die Tabletts rechtzeitig rausbringen. In zehn Minuten können dann auch die restlichen Kanapees aus dem Kühlraum geholt werden. Und schick Tomaso nach oben, um zu kontrollieren, ob auch wirklich alle Champagnerflaschen auf Eis liegen.“

Valentina war dankbar, dass der festliche Empfang im Flagship Corretti Hotel stattfinden sollte, gleich gegenüber der mittelalterlichen Basilika, in der das Hochzeitspaar getraut wurde. So konnte sie auf Personal und Equipment der Luxusherberge zurückgreifen. Das hoteleigene Restaurant stand im Guide Michelin … was wollte sie also mehr?

Nachdem sie im Personalbereich einen Raum gefunden hatte, wo sie sich umziehen konnte, tauschte sie Jeans und T-Shirt gegen schwarzen Rock und weiße Bluse und wappnete sich innerlich gegen alles, was noch auf sie zukommen könnte. Dass Carmela Corretti viel zu smart und egozentrisch war, um sich auch nur für die kleinste Panne verantwortlich zu zeigen, sondern alle Schuld auf den engagierten Partyservice abwälzen würde, daran hegte sie keinen Zweifel. Obwohl auch ein Wagnis, war dieses Event dennoch die Chance ihres Lebens, um den Traum von einer erfolgreichen Catering-Agentur voranzutreiben. Sie durfte nur keinen Fehler machen!

Kurz darauf stand sie in Strümpfen vor dem Spiegel und musterte kritisch ihr erhitztes Gesicht und die dunklen Schatten unter den Augen, die nach einem deckenden Make-up schrien. Mit zitternden Händen griff sie nach ihrem Kosmetiktäschchen und tat ihr Bestes, um die Spuren mehrerer schlafloser Nächte zu tilgen.

Es waren Nächte voller Albträume von Gästen gewesen, die sich an ihren Kanapees verschluckten oder eine Lebensmittelvergiftung bekamen. Allein der Gedanke, gleich mit zwei berüchtigten Familienclans Siziliens konfrontiert zu werden, reichte schon, um Panik in ihr hochsteigen zu lassen. Valentina schnitt ihrem Konterfei eine Grimasse und steckte ihr langes, glänzendes Haar zu einem strengen Knoten hoch, damit es nicht im Weg war.

Kein Schmuck und nur wenig Make-up. Alles, um zu gewährleisten, dass sie nicht auffiel, sondern quasi mit dem Hintergrund verschmolz.

Erst beim Verlassen des Personaltrakts gestattete sie sich den verstörenden Gedanken, der ihr Unterbewusstsein unentwegt quälte: Was, wenn er hier ist?

Das wird nicht passieren, versuchte Valentina, sich selbst zu beruhigen. Warum sollte er auch, wenn doch jeder wusste, dass Gio sein Zuhause bereits mit sechzehn verlassen und sich völlig unabhängig von seiner Familie gemacht hatte? Dass es ihm gelungen war, aus eigener Kraft eine glanzvolle Karriere als Züchter und Trainer von weltweit erfolgreichen Rennpferden aufzubauen, hatte ihn den unterschiedlichen Geschäftszweigen des Corretti-Familienkonglomerats nur noch mehr entfremdet.

Er wird nicht kommen, versicherte sich Valentina ein ums andere Mal, während sie zurück an ihre Arbeit ging. So grausam konnte das Schicksal doch nicht sein, sie ausgerechnet an dem Tag, wo sie der Hautevolee Siziliens die Leistungsfähigkeit ihres noch jungen Unternehmens präsentieren wollte, mit den Dämonen der Vergangenheit zu konfrontieren. Wenn es eine Gerechtigkeit gab, müsste sie ihn allein durch die Kraft ihrer Wut und ihres Hasses von hier weghalten können, oder nicht?

Gio schob zwei Finger zwischen Hals und Kragen des steifen Smokinghemds und versuchte den Druck zu mildern, der ihm die Luft zum Atmen nahm, gab es aber schließlich mit einem unterdrückten Fluch auf. Denn es war der Aufruhr in seinem Innern, der ihm den Hals zuschnürte und nicht das ungewohnte Outfit. Verzweifelt wünschte er sich auf die andere Seite der Insel, zurück in die gewohnte Jeans, in Reitstiefel und auf den Rücken seines Lieblingshengstes.

Immer mehr Menschen fanden sich außerhalb des Gebäudes zwischen der Kirche, in der das Paar heiraten wollte, und dem Luxushotel ein, das seiner Familie gehörte. Offenbar war die Trauung inzwischen vollzogen, der festliche Empfang aber leider noch nicht vorbei.

Maledizione! Dabei hatte er so gehofft, für beide Events zu spät zu kommen. Er war ohnehin nur hier, weil seine Mutter ihn dazu überredet hatte. „Gio, du hast weder deine Brüder noch sonst jemanden von der Familie seit Ewigkeiten zu Gesicht bekommen. Du darfst dich nicht völlig von allem ausschließen. Komm bitte!“

Also hatte er seinen Frust und Schmerz runtergeschluckt und auch die Bemerkung, die ihm auf der Zunge lag: Warum, zur Hölle, sollte ich das tun? Stattdessen entschloss er sich, die mehr als lose Bindung zu seiner Mutter wenigstens für einen Tag wiederzubeleben.

Während seiner Kindheit und Jugend hatte es ihn gequält, mit ansehen zu müssen, wie sie sich unter der Gleichgültigkeit und Kälte seines Vaters immer mehr in ein hilfloses Bündel Mensch voller Komplexe verwandelt hatte. Ihren einzigen Lebenszweck hatte Simona Corretti darin gesehen, um die Aufmerksamkeit und Liebe des untreuen Ehemanns zu buhlen.

Unglücklicherweise fielen ihre depressiven Verstimmungen mit schwierigen Phasen in Gios eigenem Leben zusammen, weshalb ihn wenig zu der Frau hinzog, die ihn geboren hatte.

Doch inzwischen war er erwachsen und selbst für sich verantwortlich. Der Vergangenheit nachzuhängen war wenig konstruktiv, und wenn seine Mutter darauf hoffte, ihn und seine Brüder anlässlich der Hochzeit eines Cousins, der ihm absolut nichts bedeutete, wenigstens unter einem Dach zu versammeln, wollte er kein Spielverderber sein. Deshalb stand er hier, im Foyer des Hotels, und beobachtete durch die riesigen Fenster grimmig das bunte Treiben draußen vor dem Eingang.

Seit er denken konnte, hatte er sich wie das unbeachtete Schlusslicht der berühmten Corretti-Dynastie gefühlt. Als Jüngster in der eigenen Familie, dominiert von zwei Brüdern, die vor Selbstbewusstsein und Temperament nur so strotzten. Und geschlagen mit einem Vater, der alle drei Söhne mit eiserner Knute erzog und sich besonders auf den jüngsten einschoss, der mit einem Handicap zu kämpfen hatte, das für einen Corretti absolut inakzeptabel war.

Gio versuchte, die schmerzhaften Erinnerungen zu verbannen und den eisigen Schutzwall wieder aufzurichten, hinter dem er seit vielen Jahren seine wahren Gefühle verbarg. Ungeduldig fuhr er sich mit den Fingern durch das dunkle Haar und übers Gesicht, wobei ihm auffiel, dass er sich vielleicht doch nicht so gründlich rasiert hatte, wie es einem derartigen Anlass entsprach. Dann fluchte er noch einmal herzhaft und machte sich auf den Weg, um sich der Herausforderung zu stellen.

Wie betäubt starrte Valentina auf die Laufmasche an ihrem linken Bein, nachdem Alessandro Corretti sie einfach umgerannt hatte.

Anstatt sich den wartenden Gästen und Schaulustigen als glücklich verheiratetes Brautpaar zu präsentieren, war nur der Bräutigam aus der Kirche gestürzt und wie ein Tornado ins familieneigene Hotel gestürmt, in dem der anschließende Empfang stattfinden sollte.

Valentina und ein Tablett mit delikaten Horsd’œuvres waren dabei zu Boden gegangen, was der Verursacher der Katastrophe jedoch nicht einmal zu registrieren schien. Während sie sich bemühte, den Schaden zu beheben, ehe noch jemand das Desaster mitbekam, tauchte ihre Assistentin Sarah mit kugelrunden Augen neben ihr auf.

„Die Hochzeit ist abgesagt!“, zischte sie ihrer Chefin leise zu. „Die Braut hat den Bräutigam einfach stehen lassen, direkt vor dem Altar.“

Valentina spürte Übelkeit in sich aufsteigen. Dann hörte sie plötzlich unterdrücktes Stimmengewirr näherkommen. Die Gäste waren offenbar auf dem Weg zu dem geplanten Empfang.

Noch bevor sie Gelegenheit hatte, sich auszumalen, was die schockierende Nachricht für sie bedeutete, rauschte Carmela Corretti wie Nemesis persönlich ins Hotel, gefolgt von ihrem mittleren Sohn, mit einem Gesicht so finster wie eine Gewitterwolke. Sobald sie Valentina sah, griff sie nach ihrem Arm und zerrte sie förmlich vom Boden hoch.

„Die Hochzeit mag geplatzt sein, aber Sie werden jeden Gast, der trotzdem zum Empfang kommt, aufs Vorzüglichste bedienen, verstanden?“ Und ehe Valentina antworten oder auch nur nicken konnte, fuhr sie schon fort. „Da wir kaum mit der angenommenen Kopfzahl rechnen können, kann ich Sie natürlich auch nicht für Dienste bezahlen, die Sie nicht leisten.“

Es dauerte einen Moment, bis Valentina begriff, was das für sie bedeutete, doch dann machte sie ihrer Empörung Luft. „Aber das ist doch …“

„Keine überflüssigen Diskussionen“, schnitt Carmela ihr rüde das Wort ab. „Instruieren Sie lieber Ihr Personal, sich um die eintreffenden Gäste zu kümmern.“

Damit war sie verschwunden, und Valentina tat wie geheißen, da der Einfluss dieser widerwärtigen Frau ihr keine andere Chance ließ, wenn sie nicht alles verlieren wollte. Trotzdem bebte sie am ganzen Körper vor Entrüstung.

Weil sie es sich nicht leisten konnte, womöglich noch teuren Champagner über das Haute-Couture-Outfit eines Gasts zu verschütten, zog sie sich kurz in eine ruhige Ecke zurück, um alles zu verdauen und sich ein wenig zu fassen. Wobei die Laufmasche wirklich ihr kleinstes Problem bedeutete.

Viel schlimmer war, dass ihre Auftraggeberin nicht das vereinbarte Geld zahlen wollte. Und wie sollte sie mit einem Event für sich werben, das als Hochzeits-Skandal des Jahres in die Geschichte Siziliens eingehen würde?

Gio akzeptierte noch ein weiteres Glas Champagner, das ihm eine der Kellnerinnen anbot. Er hatte längst aufgehört zu zählen, wie viele es inzwischen waren, doch der Alkohol hatte eine angenehm betäubende Wirkung.

Nicht zu fassen, dass er mitten in ein unerwartetes Hochzeits­debakel hineingeschlittert war! Dabei hatte er erwartet, die Familie seines Cousins über die neugewonnene Machtposition jubeln zu sehen, die ihnen die geplante Verbindung hatte bringen sollen. Stattdessen fand er sich in einem reduzierten Pulk verstörter Gäste wieder, die hinter vorgehaltener Hand über die treulose Braut tuschelten, die ihren Zukünftigen kaltblütig vor dem Altar hatte stehen lassen.

Ihm war der Skandal gleichgültig, aber wenigstens lenkte er Gio von dem Frust ab, dass er sich von seiner Mutter zu dieser albernen Familienzusammenführung hatte überreden lassen. Im Vorbeigehen erhaschte er einen flüchtigen Blick auf seine Halbschwester Lia. Nach dem Tod ihrer Mutter – der ersten Frau seines Vaters – war sie ins Haus seiner Großeltern umgesiedelt und dort aufgewachsen. Da er nicht wusste, worüber er mit der ernsten, hochgewachsenen Frau reden sollte, hielt er sich lieber im Hintergrund.

Mit dem Gefühl, dass er angesichts der prekären Situation mehr als seine Schuldigkeit getan hatte, stürzte Gio das Glas Champagner herunter und stellte es auf einem Tablett ab. Als er anschließend zielsicher die Empfangshalle durchquerte, kam er an einem Nebenraum vorbei, in dem die Hochzeitskapelle einen Soundcheck machte. Gio schüttelte den Kopf. Entweder hatten die Musiker noch nichts von der Katastrophe mitbekommen, oder seine Furcht einflößende Tante Carmela wollte sich in ihrem Schlachtplan auch von einer durchgebrannten Braut nicht irritieren lassen.

Danach stoppte eine unerwartete Vision seinen zielstrebigen Kurs in Richtung Ausgang. Aus den Augenwinkeln sah er eine Frau einsam und allein zwischen aufgestapelten Stühlen und Unmengen von Kartons auf einem Hocker sitzen. Den Kopf hielt sie gesenkt, das glänzende kastanienbraune Haar trug sie zu einem strengen Knoten hochgesteckt.

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