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Bittersüßer Cappuccino

Dorien Kelly

Bittersüßer Cappuccino

1. KAPITEL

Zwei Dinge beherrschte Lisa Kincaid meisterlich: Scones backen und mit wenig Schlaf auskommen. Beides gehörte untrennbar zum Leben einer Frau, die eine Bäckerei mit einem Café betrieb und alleine ein Kind großzog.

„Bist du fertig?“, rief sie zu Jamie hinüber. Der vierjährige Junge frühstückte an einem der Tische im Shortbread Cottage Café. „Miss Courtney wird denken, wir hätten verschlafen.“

„Fertig!“, rief Jamie zurück.

Lisa kam hinter dem Glastresen hervor und warf einen Blick in Jamies halbleeren Becher. „Fast fertig“, verbesserte sie ihn.

Er nahm den Becher in beide Hände und trank den Rest Saft in einem Zug. Dann wischte er sich mit dem Handrücken über den Mund und grinste zufrieden. Die gelbe Papierserviette blieb unberührt neben seinem Teller liegen.

„Wo bleiben deine Manieren, junger Mann?“

Jamie war mit seinen Gedanken schon im Kindergarten, als er vom Tisch aufstand. „Heute bauen wir wieder ein Schloss!“

Lisa zeigte zur Küchentür. „Du weißt, wo das Geschirr hinkommt.“

Aber da mischte sich Suzanne Jacobs ein. Sie war Lisas einzige Mitarbeiterin und eine Retterin in vielen Lebenslagen. „Ich mach das schon“, bot sie an.

Grundsätzlich legte Lisa großen Wert darauf, dass ihr Sohn sich im Haushalt nützlich machte. Er sollte wenigstens lernen, einen Geschirrspüler zu benutzen. Das war sie den Frauen der Welt schuldig, wie sie fand. Heute allerdings gab sie ausnahmsweise nach.

„Danke, Suz, das ist nett.“ Sie nahm Jamie an die Hand. „Ich bin gleich wieder da.“

Der Grund für ihre Eile hatte einen Namen: Kevin Decker. Er kam jeden Morgen etwa um diese Zeit auf einen Kaffee und einen Scone vorbei.

Kevin war einer ihrer besten Kunden. Ein kluger Mann, humorvoll, fleißig, kinderlieb … die ganze Palette guter Eigenschaften. Jede Frau hätte tausend Gründe finden können, seine Nähe zu suchen, doch Lisa ging ihm in letzter Zeit lieber aus dem Weg. Er machte sie irgendwie nervös. Das war nicht seine Schuld, Kevin benahm sich wie immer. Nein, es war allein ihr Problem. Auf jeden Fall brauchte sie jetzt erst einmal frische Luft, bevor sie ihm begegnen konnte.

Sie verließen das verschachtelte Schindelhaus, in dem ihre Wohnung, die Bäckerei und das Café untergebracht waren.

„Komm, Mommy.“ Jamie zog an ihrem Arm. Er schien es noch eiliger zu haben als sie.

Sie lächelte, als sie ihn beobachtete. Ihr Sohn erinnerte sie von Tag zu Tag mehr an James, ihren verstorbenen Mann. Jamie war noch nicht ganz ein Jahr alt gewesen, als sein Vater tragisch verunglückte. Aber jetzt, drei Jahre später, hatte er dasselbe hellbraune Haar, die helle, sommersprossige Haut und ansatzweise auch schon denselben stämmigen Körperbau wie sein schottischer Vater. Den Tatendrang, mit dem er Lisa jetzt hinter sich herzog, den allerdings hatte er von ihr geerbt.

Unter der Woche war Jamie vormittags im Kindergarten. Außerdem ging er dreimal in der Woche nachmittags zur Vorschule der vornehmen Hillside Academy. Es war ein Geschenk ihrer Eltern, das Lisa nicht ablehnen konnte, auch wenn sie sich in ihrem Stolz gekränkt fühlte. Als Mutter durfte sie bei ihren Entscheidung nicht nur an sich denken, sondern musste das Wohl ihres Sohnes im Auge haben.

Lisa war erst einundzwanzig, als sie schwanger wurde. Es war für sie ein Schock gewesen. Doch heute konnte sie sich ein Leben ohne Jamie nicht mehr vorstellen. Und sie konnte sich auch nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben als in Davenport. Sie liebte dieses Fleckchen Erde in Iowa am Ufer des Mississippi. Seltsam, wie die Dinge sich manchmal änderten. Damals, auf der Highschool, hatte sie nur einen Wunsch gehabt: weg von diesem Ort. Inzwischen hatte sie erkannt, dass Idylle nicht zwangsläufig langweilig sein musste.

Jamie ließ ihre Hand los und hopste vor ihr her. Es war ein herrlicher Tag. Für Ende September war es immer noch recht warm, genau das richtige Wetter, um den Tag vielleicht in einem Park am Fluss zu verbringen, die Schiffe zu beobachten und die Sonne zu genießen. Aber davon konnte Lisa leider nur träumen. Auf sie wartete heute neben allen anderen Verpflichtungen auch noch ein riesiger Berg Wäsche.

„Warte, Jamie!“, rief sie ihren Sohn zurück, bevor er um die Ecke biegen konnte.

Er gehorchte, wenn auch ungeduldig.

Lisa nahm ihn wieder an die Hand. „Heute wollt ihr also ein Schloss bauen“, sagte sie.

Er nickte. „Mr Kevin bringt ganz viele, große Kartons. Und damit bauen wir das Schloss.“

Unwillkürlich verlangsamte Lisa ihr Tempo. Womöglich begegnete sie Kevin nun doch früher, als ihr lieb war. Kevin Decker war nämlich der älteste Bruder ihrer besten Freundin Courtney. Und die leitete den Kindergarten. Kevin führte eine Baufirma und hatte eine von der Urgroßmutter ererbte Viktorianische Villa nach Courtneys Vorstellungen so umgebaut, dass im Erdgeschoss ein idealer Kindergarten entstanden war. Und zu diesem waren Lisa und Jamie gerade unterwegs.

„Das klingt gut“, meinte sie. Im Stillen hoffte sie, dass das Bauprojekt erst für den späteren Vormittag geplant war, damit ihr Kevin nicht jetzt schon über den Weg lief.

Das Glück war nicht auf ihrer Seite. Kevins leuchtend roter Pick-up stand schon vorm Eingang, als Lisa und Jamie ankamen. Die Ladefläche war allerdings leer und Kevin nirgends zu sehen. Wenn sie sich beeilte, konnte sie vielleicht unbemerkt zum Shortbread Cottage zurückgehen.

Jamie lief die Treppe zur überdachten Veranda hinauf und verschwand im Innern des Hauses, ohne sich noch einmal zu seiner Mutter umzudrehen. Lisa folgte ihm in den Eingangssaal. Dort begrüßte Courtney die Kinder und schickte sie dann ins Spielzimmer zu ihrer Mitarbeiterin. Jamie brachte gerade noch ein flüchtiges „Tschüss, Mommy“ in Lisas Richtung zustande. Dann lief er zu den Kindern nach nebenan.

Courtney lächelte Lisa gut gelaunt an. „Was ist los mit euch beiden? Ihr zwei seid immer die Letzten.“

„Ich habe schon überlegt, ob ich meinen Zeitplan mal ändere. Das Leben wird auf die Dauer zu langweilig.“

Courtney schüttelte ihre blonden Korkenzieherlocken und lachte. „Das meinst du womöglich ernst. Und du hast recht. Jeden Tag denselben Trott, das hält auf die Dauer keiner aus.“

„Naja, Trott klingt sehr negativ. Sagen wir, es ist eine lieb gewordene Routine. Aber von Zeit zu Zeit muss man mal was ändern.“ Es war Lisa bewusst, dass sie für sich selbst kaum Zeit hatte, doch das störte sie nicht. Jamie und das Geschäft gingen vor.

„Nenn es, wie du willst. Du musst endlich mal wieder an dich denken. Ich habe auch schon eine Idee.“

Jetzt klang Courtney genau wie Lisas Mutter, wenn sie mal wieder ein Date für Lisa arrangieren wollte.

„Ideen sind immer gut“, erwiderte sie diplomatisch. In diesem Moment kam eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter herein und Lisa witterte ihre Chance, sich aus dem Staub zu machen.

Doch Courtney ließ nicht zu, dass sie sich verabschiedete. „Warte kurz, wir reden gleich weiter.“ Courtney nahm ihren neuen Schützling in Empfang und wartete, bis die Mutter gegangen war. Dann wandte sie sich mit einem vielsagenden Leuchten in den Augen an Lisa. „Heute Abend sind Kevin, Scott und ich …“

Lisa hob abwehrend die Hand und lachte. „Drei Deckers auf einem Haufen. Das ist ein Spiel mit dem Feuer.“

„Unsinn, wir sind völlig harmlos.“

Einer von euch ist alles andere als harmlos, dachte Lisa. Laut sagte sie: „Na schön, aber du musst zugeben, dass ihr auf jeden Fall ein bisschen verrückt seid.“

Courtney zuckte die Achseln. „Wenn du das sagst … Trotzdem kannst du mich ausreden lassen.“

„Wenn es nicht heute wäre, hätte ich nichts dagegen“, schwindelte Lisa. „Aber mittwochs ist bei uns Verhörtag. Das bedeutet, ich bin zum Abendessen bei meinen Eltern.“

„Was für eine schreckliche Familientradition“, hörte Lisa eine tiefe Stimme hinter sich sagen. „Und was ist donnerstags? Beichttag?“

Lisa verdrängte das heftige Herzklopfen, das Kevin in ihr auslöste. Sie drehte sich zu ihm um.

„Hallo, Kevin.“

„Schön, dich zu sehen, Lisa.“

„Ja, ich freue mich auch.“ Was in gewisser Weise sogar stimmte, denn Kevin war eine ausgesprochene Augenweide. Er war groß, hatte einen gut gebauten, durchtrainierten Körper und ein kantiges Gesicht, das aber nicht hart wirkte. Ein Grübchen im Kinn vertiefte sich, wenn er lächelte.

Und das tat er in diesem Moment. Allerdings passte das Lächeln nicht recht zu seinem skeptischen Blick. Er schien zu ahnen, dass sie ihm lieber aus dem Weg gegangen wäre. Seltsamerweise hatte sie bei ihm immer den Eindruck, ihre Gedanken und Gefühle wären entblößt und vor ihm ausgebreitet.

Entblößt …

Allein dieses Wort ließ sie erröten und an alles Mögliche denken, was mit Nacktheit zu tun hatte. Es wurde Zeit, dass sie die Flucht ergriff.

Sie sah auf ihre Uhr. „Ich muss wieder an die Arbeit“, sagte sie.

„Ich könnte meinen Morgenkaffee gebrauchen. Wenn du ein bisschen wartest, komme ich mit“, bot er an.

„Danke, aber ich muss mich wirklich beeilen.“

„Vielleicht können wir uns am Freitag alle mal treffen“, schlug Courtney vor.

Lisa ging gerade an Kevin vorbei und blieb nun so dicht bei ihm stehen, dass sie seinen frischen Duft einatmete und seine Wärme spürte. Sie musste zugeben, dass sie sich nicht selten danach sehnte, in den Armen eines starken Mannes zu liegen, aber der Preis für diese Annehmlichkeit war ihr zu hoch.

„Ehrlich, Court, ich habe zu viel zu tun“, sagte sie zu ihrer Freundin. „Amüsiert euch für mich mit, okay?“

Damit ließ sie die beiden stehen, bevor ihr womöglich noch Einzelheiten zu einer ganz bestimmten Art von Vergnügen einfielen.

Als Lisa außer Hörweite war, sah Kevin seine Schwester warnend an. „Ich möchte jetzt nichts über sie hören.“

Courtney setzte ihre Unschuldsmiene auf, von der Kevin sich allerdings schon seit ihrer Jugend nicht mehr beeindrucken ließ. Damals hatte sie sich sein Auto „kurz ausgeliehen“ und war mit ihren Freundinnen nach Chicago zu einem Konzert gefahren. Als ältestes der vier Decker-Kinder hatte er es für seine Pflicht gehalten, ihr die Ersatzschlüssel zu überlassen, weil er der Meinung war, es handle sich um einen Notfall.

„Warum sollte ich über sie reden?“, fragte Courtney. „Nur, weil du sie magst?“

Über seine Gefühle für Lisa wollte er mit seiner Schwester sicher nicht sprechen. „Natürlich mag ich Lisa. Jeder in der Stadt mag sie.“

„Nein, ich meine mögen … im Sinne von gernhaben. Du weißt schon, Kevin und Lisa sitzen auf einem Baum und küssen sich.“

Er musste lachen, obwohl ihm nicht danach zumute war. „Du bist zu viel mit kleinen Kindern zusammen.“

Sie streckte ihm die Zunge heraus. „Das musst du gerade sagen.“

„Sehr komisch. Aber was ich dir jetzt sage, meine ich absolut ernst. Misch dich da nicht ein, ja? Ich bin durchaus in der Lage, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen.“

„Du wärst vielleicht dazu in der Lage, wenn du dir nicht einreden würdest, du müsstest dich um mich und um Scott kümmern. Und natürlich um Mike, dabei ist der kaum zwei Jahre jünger als du. Wenn du dein Leben selbst in die Hand nehmen könntest, dann wärst du mit Lisa längst mal essen gegangen, statt sie an ihrem Kaffeetresen anzubeten.“

„Anbeten? Ich frühstücke dort.“

Statt zu antworten, ließ Courtney ihn stehen. Sie warf einen Blick ins Spielzimmer und zählte ihre Schützlinge durch. Dann ging sie wieder zu Kevin in die Eingangshalle zurück.

„Sicher, jeden Tag im selben Café frühstücken. Und das seit Jahren“, bemerkte sie.

„Sie ist eine Freundin. Das ist alles. Außerdem habe ich an Frauen wirklich keinen Mangel.“

Das war nicht gelogen. Er verabredete sich, wann immer er Lust dazu verspürte. Was war schon dabei, wenn er vor ein paar Wochen beschlossen hatte, ein eventuelles erstes Date mit Lisa ein wenig aufzuschieben. Oder war dieser Entschluss schon ein paar Monate her? Aber das spielte eigentlich keine Rolle, und vor allem ging es seine kleine Schwester nichts an.

„Kümmere dich lieber um deine eigenen Beziehungen“, schlug er vor.

Kaum waren die Worte ausgesprochen, hätte er sie am liebsten zurückgenommen. Es war keine sechs Monate her, dass Courtney sich von ihrem Verlobten getrennt hatte, weil er sie betrogen hatte. Ihre Brüder hatten ihr damals angeboten, den Kerl in eine Kiste zu sperren und als Frachtgut in die Wüste zu schicken. Die Wüste hätte sie selbst aussuchen dürfen, aber sie hatte dankend abgelehnt.

Courtney erwiderte nichts. Er sah ihr an, dass er sie verletzt hatte.

„Hey, es tut mir leid.“ Kevin nahm seine kleine Schwester in die Arme. „Ich habe mal wieder drauflos geplappert und nicht nachgedacht.“

Sie seufzte. „Das ist anscheinend ein Familienfluch. Das und der Hang, das Unerreichbare zu wollen.“

Er trat einen Schritt zurück und legte die Hand auf ihre Schulter. „Da habe ich aber einen ganz anderen Eindruck. Wenn die Deckers sich etwas in den Kopf gesetzt haben, dann lassen sie doch nicht mehr locker. Am Ende bekommen sie es auch.“ Er sah sich demonstrativ in der Halle der Villa um. Um dieses Projekt hatte Courtney wie eine Löwin gekämpft, obwohl ihre Eltern sich nicht mit der Idee anfreunden konnten. Sie wünschten sich Enkelkinder und hatten kein Verständnis dafür, dass ihre einzige Tochter das Haus der Urgroßmutter zu einem Kindergarten umbaute, um dort auf fremde Kinder aufzupassen.

Jetzt strahlten ihre Augen wieder. „Ja, wir können manchmal auch hartnäckig sein!“

Als die Tür aufging und der nächste Schützling hereinkam, verabschiedete sich Kevin. „Ich werde jetzt mal das Schloss aufbauen. Bis später.“

Er ging zum Wagen, um das Werkzeug zu holen. Ihm knurrte der Magen. Um diese Zeit saß er normalerweise im Shortbread Cottage, aß einen von Lisas leckeren Scones und trank dazu schwarzen Kaffee. Es war ein Ritual, das er tatsächlich schon jahrelang pflegte. Doch nachdem Lisa vorhin regelrecht vor ihm geflüchtet war, war ihm der Appetit auf Scones vergangen.

Auf dem Weg zum Garten hinter der Villa schaute er auf dem Handy nach, welche Anrufe er inzwischen verpasst hatte. Viermal hatte Scott, sein jüngster Bruder und Geschäftspartner angerufen. Scott war heute auf einer Baustelle in Clinton, ein Stückchen weiter flussabwärts, wo er den Trockenbau beaufsichtigen sollte, weil die Arbeit dort im Verzug war.

Einen Teil der Arbeit an Subunternehmen zu vergeben, stellte immer ein gewisses Risiko dar. Und da es mit den Fremdfirmen tatsächlich oft Ärger gab, wollte Kevin in Zukunft mehr eigene Mitarbeiter einstellen. Aber diesen Winter wollte er noch abwarten … wegen finanzieller Unsicherheiten und um die Erinnerung an ein paar düstere Ereignisse noch weiter verblassen zu lassen …

Um diese Tageszeit war der Spielplatz im Garten der Villa verwaist. Die Kinder kamen erst am späten Vormittag nach draußen. Kevin stapelte die Kartons übereinander und schnitt mit seinem Taschenmesser Fenster und Türen in die Pappe. Anfangs hatte er Courtney für diese Idee ausgelacht. Verpackungsmaterial als Kinderspielzeug? Dann hatte er sich erinnert, dass sie selbst als Kinder gern mit allem gespielt hatten, was in der Baufirma seines Vaters nicht mehr gebraucht wurde.

Jedes Mal, wenn er den Schlossbau für die Kinder vorbereitete, fühlte er sich in seine eigene Kindheit zurückversetzt. Fast wünschte er sich, das Leben könnte wieder so einfach sein wie damals. In seiner heutigen Welt aber war ein Karton eben ein Karton und ein Schloss ein Schloss. Wann der Zauber verschwunden war, wusste er nicht genau. Wahrscheinlich als sein Vater sich bei einem Unfall auf der Baustelle beide Beine gebrochen hatte. Damals war Kevin acht und wollte sofort von der Schule abgehen und Dads Arbeit übernehmen. Natürlich konnte der ihm das nicht erlauben. Doch immerhin übernahm er die Firma am Tag nach seinem Highschool-Abschluss.

Das war nun schon sechzehn Jahre her. In den ersten acht Jahren hatte sein Vater noch im Büro mitgearbeitet und sich dann langsam ganz zurückgezogen. Scott war nach dem College in die Firma eingetreten. Es ging ihnen wirtschaftlich ausgesprochen gut. Das konnte er ohne Übertreibung behaupten.

Kevin glaubte allerdings daran, dass alles im Leben nach Gleichgewicht strebte. So musste er sich eingestehen, dass diesem beruflichen Erfolg ein weniger glanzvolles Privatleben gegenüberstand. Im Laufe der Jahre hatte er einige Rückschläge einstecken müssen, von denen manche allerdings nur schwer zu verarbeiten waren.

Er trat einen Schritt von dem Kartonstapel zurück und betrachtete sein Werk. „Das kann schon fast so bleiben“, sagte er zu sich selbst. Nun musste er nur noch sicherstellen, dass keine scharfen Kanten stehen geblieben waren, an denen sich die Kinder verletzen konnten. Als er bei diesem Gedanken unwillkürlich zum Spielzimmer schaute, fing er Jamies sehnsüchtigen Blick auf. Anscheinend hatte der Junge ihn schon eine Weile durchs Fenster beobachtet. Kevin winkte ihm zu. Er mochte den Kleinen. Leider hatte Jamies Mutter keine derartigen Gefühle für Kevin übrig.

Er hätte es verstanden, wenn sie vor drei Jahren angefangen hätte, ihm aus dem Weg zu gehen. Damals hätte sie ihm zu Recht vorwerfen können, er habe ihr Leben zerstört. Aber Lisa wich ihm erst seit ein paar Wochen aus. Und was war Anlass für ihren Rückzug? Dass er sie gefragt hatte, ob es ihr gut ging! Es war wirklich unglaublich.

Er konnte unmöglich der einzige Mensch in East Davenport sein, der ihre Veränderung bemerkt hatte. Courtney und den anderen musste es doch auch auffallen. Vielleicht hatte er eine Grenze überschritten.

Kevin jedenfalls wollte nicht aufgeben. Auch er hatte sich verändert. Er sah in Lisa nicht mehr nur die Geschäftsfrau und Freundin. Er sah sie als Frau.

Er stellte sich vor, ihr glattes, rotbraunes Haar durch seine Finger gleiten zu lassen. Wenn er ihr bei der Arbeit zuschaute, fragte er sich, wie es sich anfühlen würde, sie zu umarmen. Und vor allem fragte er sich, ob ihre Haut vom vielen Backen nach Zucker schmecken würde. Aber das alles waren reine Fantasien, die zu nichts führten.

Er packte sein Werkzeug zusammen. Als er zum Wagen zurückging, überlegte er, ob er beim Shortbread Cottage vorbeifahren und sich einen Kaffee für unterwegs holen sollte. Nein, heute nicht, entschied er. Frühestens am Freitag. Vielleicht entwickelte Lisa etwas mehr Zuneigung zu ihm, wenn er sich rar machte. Vorausgesetzt, sie bemerkte seine Abwesenheit überhaupt.

Damit schob er die Gedanken an Lisa beiseite und steckte sein Taschenmesser in die Lasche seiner ledernen Arbeitsschürze. Im selben Moment zuckte er zusammen. Er hatte vergessen, das Messer zuzuklappen.

Zum Glück hatte die Schürze eine Verletzung verhindert, aber wenn er weiter an Lisa Kincaid dachte, anstatt sich auf die Arbeit zu konzentrieren, würde diese Frau ihn am Ende noch umbringen …

2. KAPITEL

„Heute musst du dich besonders gut benehmen. Oma und Opa haben Besuch“, sagte Lisa zu ihrem Sohn. Sie fuhr in die Einfahrt zum Haus ihrer Eltern.

Draußen auf der Straße parkten zwei fremde Autos. Ein alter Kleinwagen mit allen möglichen Aufklebern von Rock Bands über Cheerleader-Teams bis zu Volleyball-Clubs. Das typische Babysitter-Auto. Und dahinter ein schnittiger Sportwagen, dessen Besitzer mit ziemlicher Sicherheit von ihren Eltern als Date-Kandidat für Lisa eingeladen war.

Als sie an dem Sportwagen vorbeifuhr, verrenkte Jamie sich von seinem erhöhten Kindersitz aus den Kopf danach.

„Schön“, meinte er ehrfürchtig.

„Verlieb dich nicht gleich in das Auto“, murmelte Lisa vor sich hin. Sie stellte ihr sechs Jahre altes und weniger schönes dafür aber abgezahltes Auto in der Einfahrt ab und stieg aus.

Als sie Jamie aus seinem Sitz half, sah sie aus dem Augenwinkel ihre Mutter am Bibliotheksfenster stehen. Offensichtlich hatte sie auf Lisas Ankunft gewartet. Und sie trug ein elegantes Kleid. Kein Zweifel, sie führte etwas im Schilde. Lisa blickte kurz auf ihre verwaschene Jeans, zu der sie ein weißes T-Shirt trug. Bei diesem Abendessen würden zwei sehr unterschiedliche Stilrichtungen aufeinanderprallen.

Sie waren noch nicht ganz am Haus angekommen, als auch schon die Tür aufging. Neben ihrer Mutter stand ein selbstbewusstes, junges Mädchen.

„Ihr kommt ein bisschen spät, Liebling.“ Nach dieser Begrüßung wandte Lisas Mutter sich zu Jamie. „Jamie, das ist Amber. Ihr beide macht heute eine kleine Pizza-Party im Dschungelzimmer. Ist das nicht super?“

Es war alles arrangiert. Der Junge sollte mit der Babysitterin im Wintergarten essen, sodass er die Erwachsenen nicht störte und als Ausrede für Lisa ausfiel.

„Wem gehört der Sportwagen?“, fragte Lisa, als Jamie mit Amber verschwunden war.

„Wir sind im Wohnzimmer“, erwiderte ihre Mutter.

„Ist das eine Antwort auf meine Frage?“

Ihre Mutter strich sich das ohnehin schon unnatürlich glatte hellblaue Leinenkleid noch glatter. „Komm mit ins Wohnzimmer, dann lernst du den Besitzer des Wagens kennen.“

Lisa rührte sich nicht von der Stelle. „Mom, du hast mir letztes Mal versprochen, es nie wieder zu tun.“

„Das stimmt nicht. Und du weißt, ich überlege mir immer genau, was ich sage.“

Was keine Übertreibung war. Ihre Mutter hatte dreißig Jahre lang als Anwältin in einem großen Unternehmen gearbeitet und sich erst kürzlich zur Ruhe gesetzt. Sie war ein Genie in Strategie und Taktik. In Lisas Augen war Amanda Peters, alias Mom, eine Heldin. Sie hatte in ihrem Leben alles unter einen Hut gebracht: die berufliche Karriere, die Ehe mit einem Arzt, der genauso viel arbeitete wie sie, und ein Kind, für das sie jederzeit da war. Dazu noch das große Haus. Es war perfekt eingerichtet und sah eigentlich immer so aus, als wären dort gerade eben die Fotos für ein Wohnmagazin gemacht worden. Aber trotz der Bewunderung für ihre Mutter, fügte sich Lisa ihren Plänen nicht widerspruchslos.

„Kann ich bitte auch eine Pizza im Wintergarten essen?“

Amanda schüttelte ungeduldig den Kopf. „Ehrlich, Lisa, es schadet dir nicht, wenn du dich mal ein bisschen unterhältst.“

„Was glaubst du, was ich den ganzen Tag bei der Arbeit mache?“

„Das ist etwas anderes. Komm jetzt.“

Ihrer Mutter zuliebe setzte Lisa schließlich ein Lächeln auf und stellte sich wieder einmal auf einen unangenehmen Abend ein.

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