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Café Luna: Bittersüsse Küsse

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Molly kniff die Augen zusammen und lächelte den Bildschirm mit dem geöffneten Chatfenster an, als könnte sie den Mann sehen, der in diesem Moment irgendwo in der Stadt ebenfalls vor seinem Monitor saß und wahrscheinlich gerade die Worte las, die sie ihm eine Sekunde zuvor per Mausklick geschickt hatte.

Allerdings war sich Molly gar nicht sicher, ob sie ihn tatsächlich sehen wollte. Wahrscheinlich war er eins fünfzig groß und ebenso breit wie hoch. Dies war nicht das erste Mal, dass Molly im Internet mit einem Mann chattete, und da sie auch einige ihrer Chatbekanntschaften getroffen hatte, wusste sie durchaus, was im WWW alles an Merkwürdigkeiten unterwegs war. Was nicht hieß, dass sie die Hoffnung vollständig aufgegeben hatte, denn sonst hätte sie sich an diesem Abend nicht schon wieder bei der Singlebörse eingeloggt, um dort vielleicht auf “DrDolittle” zu treffen.

Dass ihr Herz ein bisschen schneller als sonst klopfte, während sie ihr Passwort eingab, hatte sie nach Kräften ignoriert und vor sich selber ganz cool getan. Es wäre ja noch schöner, wenn sie wegen eines virtuellen Flirts nervös würde! Der Schluckauf, der sie befiel, als sie DrDolittle in der Liste der Chatter erspähte und er sie gleich darauf mit dem ihm eigenen Humor begrüßte, kam bestimmt daher, dass sie vorhin ein bisschen zu hastig gegessen hatte.

Wie immer waren die “PinkLady23”, wie Molly sich im Internet nannte, und DrDolittle innerhalb weniger Minuten mitten in einer angeregten schriftlichen Unterhaltung. Molly nippte ab und zu an dem Kaffee, den sie neben sich stehen hatte, und tippte, was das Zeug hielt. Lustig und locker ging es zwischen Dolittle und ihr zu. Sie hatten schriftlich viel zu lachen. Doch dann stellte er ihr plötzlich eine Frage, die sie innehalten ließ.

Ihre Finger schwebten tatenlos über der Tastatur. Was sollte sie ihm auf seine Frage nach ihrem Beruf antworten? Einmal hatte ein Typ, dem sie im Chat verraten hatte, dass sie Friseurin war, sämtliche Friseursalons der Stadt – das mussten Hunderte sein! – abgeklappert und überall nach “PinkLady23” gefragt. Sie war vor Schreck fast in Ohnmacht gefallen, als der Zwerg mit Glatze und Bauch auch an ihrem Arbeitsplatz aufgetaucht war. Natürlich hatte sie nicht im Traum daran gedacht, sich zu erkennen zu geben, und “AlexanderderGroße” war wieder abgezogen, um es bei “Hairmonie” am Ende der Straße zu versuchen. Obwohl sie damals mit dem Schrecken davongekommen war, verspürte sie nicht die geringste Lust, ein solches Erlebnis zu wiederholen. Zwar hatte sie das Gefühl, dass DrDolittle etwas Besonderes war, ein Mann, der es eigentlich gar nicht nötig hatte, im Chat Frauen kennenzulernen, aber dieses Gefühl hatte sie schon öfter gehabt – und bisher hatte es sich leider immer als Irrtum herausgestellt.

Ich bin im kreativen Bereich tätig, tippte sie nach kurzem Zögern in das Chatfenster. Das war nicht gelogen, und trotzdem musste sie nicht befürchten, dass ein durchgeknallter Internet-Casanova während ihrer Arbeitszeit den Salon stürmte.

Pling!, machte ihr Computer, als DrDolittles Antwort eintraf. Ich wette, Du machst etwas mit den Händen, hatte er geschrieben.

Kunststück! Das war nicht schwer zu erraten gewesen. Die meisten Künstler machten schließlich etwas mit ihren Händen. Woraus schließt du das?, fragte sie dennoch zurück.

Weil du so schnell tippen kannst. Du hast also einen hellen Kopf und flinke Finger.

Wieder lächelte Molly den Monitor an. Das war immerhin mal ein originelleres Kompliment als die ewig gleichen Schwülstigkeiten, die die Männer sonst immer schrieben.

Und was machst du beruflich?, ließ sie ihn ihre flinken Finger fragen.

In diesem Moment klingelte es an Mollys Wohnungstür Sturm. Mist! Gerade wurde es spannend! Wenn das vor ihrer Tür ein Staubsaugervertreter war oder ihr jemand ein Abo für eine Zeitschrift andrehen wollte, konnte derjenige was erleben!

Molly rannte durch ihren kleinen Flur und riss schwungvoll die Tür auf. Sie hatte schon den Mund geöffnet, um loszuschimpfen, als sie sah, dass sie es gar nicht mit einem Vertreter zu tun hatte. Stattdessen sank ihr aufschluchzend ihre beste Freundin Luisa in die Arme.

“Ich habe ihm eine geknallt”, murmelte Luisa an Mollys Schulter, und ihre Tränen durchnässten in Sekundenschnelle Mollys bunt bedruckte Lieblingsbluse.

“Wem? Konstantin?” Beruhigend strich Molly ihrer Freundin über den Rücken.

“Wem sonst?” Luisa schluchzte noch lauter.

“Daniel zum Beispiel”, rechtfertigte sich Molly. “Der könnte auch die eine oder andere Ohrfeige vertragen.”

“Konstantin hat die Frechheit besessen, mir zu sagen, dass er mich liebt. Und zwar fünf Minuten nachdem seine Mutter stolz verkündet hatte, dass er in sechs Wochen Maren heiraten wird. Das war einfach zu viel für mich! Er hätte mich warnen müssen. Stattdessen lässt er mich einfach ins offene Messer laufen. Das war so verletzend. Und dann sagt er zu mir, all das habe nichts zu bedeuten, er würde mich immer lieben …” Der Rest des Satzes ging in weiteren heftigen Schluchzern unter.

“Ach, Kaffeeböhnchen.” Mit einem Seufzer schloss Molly die Wohnungstür, zog Luisa mit sich ins Wohnzimmer und drückte die Weinende sanft auf die Couch.

“Das mit dem Kind ist ja offensichtlich passiert, bevor Konstantin dich kennengelernt hat. Und nur wegen des Kindes wird er Maren heiraten. Das hat vielleicht gar nichts mit seinen Gefühlen zu tun.” Molly war selber erstaunt, wie milde sie Konstantin gegenüber gestimmt war. Ihr Blick ging hinüber zu ihrem Computer. Wahrscheinlich wunderte sich DrDolittle, wo sie plötzlich geblieben war. Da es aber äußerst herzlos gewesen wäre, sich angesichts ihrer am Boden zerstörten Freundin auch nur eine Minute um eine unwichtige Chatbekanntschaft zu kümmern, verdrängte sie den charmanten Dolittle aus ihren Gedanken.

“Er ist trotzdem verantwortlich dafür, dass Maren schwanger ist. Und ich nehme einem Kind nicht den Vater weg. Also war es einfach nur überflüssig und … herzlos, mir zu sagen, dass er mich liebt.”

“Du hast recht. Vergiss ihn einfach”, stimmte Molly ihr eifrig zu, obwohl sie natürlich wusste, dass ihre Freundin diesen Mann nicht so leicht vergessen würde.

“Ich habe ihn schon längst ausradiert. Aus meinem Herzen und aus meinem Kopf”, behauptete Luisa mit trotzigem Blick und schluchzte gleich darauf herzzerreißend auf.

“Gut so! Immerhin gibt es einen höchst attraktiven Mann, der bis über beide Ohren in dich verliebt ist und der offensichtlich auch keine schwangere Verlobte hat.” Molly reichte Luisa ein weiteres Papiertaschentuch.

“Meinst du Ben?” Fahrig wischte sich Luisa mit dem Papiertuch übers Gesicht.

“Wieso? Hast du noch mehr Verehrer in der Hinterhand?”

Die Freundinnen sahen sich an, und über Luisas Gesicht huschte ein winziges Lächeln, bevor weitere Tränen aus ihren Augen quollen.

“Ben hat mich für übermorgen Abend eingeladen. Er sagt, er kennt eine besonders schöne Stelle am Elbstrand und möchte dort mit mir ein Picknick machen.” Luisas Stimme klang, als hätte jemand sie aufgefordert, ihn zu einem Ausflug in verminte Krisengebiete zu begleiten. Doch plötzlich glitt ein zaghaftes Lächeln über ihr Gesicht. “Vorhin, während der Feier, als ich gerade so richtig down war, hat er mir eine total süße SMS geschickt. Dass er für übermorgen Vollmond bestellt hat und mindestens ein Dutzend Sternschnuppen, damit ich eine Menge Wünsche frei habe.”

“Wie schön! Der Mann ist gut für dich, der bringt dich auf andere Gedanken, Kaffeeböhnchen! Mit Ben ist alles viel unkomplizierter. Eigentlich fängt man sowieso nichts mit Kollegen an, und mit Konstantin musst du schließlich ziemlich eng zusammenarbeiten. Außerdem ist er der Sohn des härtesten Konkurrenten von Hansen Kaffee, wenn er jetzt auch für Hansen arbeitet, weil ihm angeblich die Geschäftsgebaren seiner eigenen Familie nicht passen”, versuchte Molly eifrig, Luisa klarzumachen, welche Vorteile Ben gegenüber Konstantin hatte.

“Ja – Konstantin gehört zu den von Heidenthals und ich zu den Hansens, wenn ich das auch noch nicht allzu lange weiß.” Erst nach dem Tod des Seniorchefs von Hansen Kaffee hatte Luisa erfahren, dass sie seine uneheliche Tochter und laut Testament ebenso erbberechtigt war wie sein ehelicher Sohn Daniel. “Das ist so ähnlich wie bei Romeo und Julia, und bei denen ist es auch schiefgegangen. Wenn auch natürlich – es war eine große Liebe.” Übergangslos brach Luisa wieder in lautes Weinen aus.

Wortlos zog Molly die Freundin in die Arme und strich ihr immer wieder tröstend über den Rücken. Es würde sicher lange dauern, bis Luisa über Konstantin hinweg war, aber Molly war entschlossen zu tun, was sie konnte, um Luisa dabei zu helfen. Dafür zu sorgen, dass Luisa möglichst häufig Ben traf, war sicher ein guter Weg.

“Und außerdem mache ich mir auch so furchtbare Sorgen um die Firma”, fiel Luisa in diesem Moment zu allem Überfluss auch noch ein. “Nachdem in diesem Jahr Comtess Coffee den Auftrag der Reederei bekommen hat, der Hansen Kaffee viele Jahre einen guten Gewinn gebracht hat, sieht es schlecht um die Finanzen aus. Am allerschlimmsten fände ich es aber, wenn tatsächlich Konstantin derjenige gewesen ist, der die Einzelheiten über die Verträge und die Lieferungen an seine Mutter verraten hat. Ich glaube das zwar immer noch nicht, aber es gibt diese E-Mail, die ein Beweis zu sein scheint, und er sagt einfach nichts dazu, außer, dass es absurd ist, ihn zu verdächtigen.”

“Was für ein Schlamassel”, murmelte Molly hilflos, denn sie wusste wirklich nicht, wie sie ihre Freundin noch trösten sollte. Also nahm sie Luisa einfach fest in den Arm und wartete geduldig, dass sie sich beruhigte.

Während die beiden Freundinnen eng umschlungen auf der Couch saßen, zeigte ein leises “Pling” am anderen Ende des Zimmers an, dass der User “DrDolittle” den Chatroom verlassen hatte. Molly hörte das Geräusch nicht einmal. Sie hatte momentan andere Sorgen.

Als hätte der Himmel extra für ihr Wiedersehen alle verfügbaren Lichter angezündet, funkelte über Christine und Claus ein wunderschöner, klarer Sternenhimmel. Christine war direkt vom Flughafen zu Claus’ Geburtstagsfeier gekommen, aber sie hatten während des Festes, mit all den Menschen um sich herum, kaum Gelegenheit gehabt, miteinander zu sprechen. Häufig waren sich ihre Blicke begegnet, beredte, fragende Blicke, doch meistens hatte Christine rasch wieder weggeschaut, oft in Valeries Richtung, denn immerhin war Claus verheiratet. Mit Valerie, der Frau, für die er sich entschieden hatte, nachdem Christine Maximilian den Vorzug gegeben hatte. Nun war Maximilian tot, doch das änderte nichts an der Tatsache, dass Claus zu Valerie gehörte und mit ihr gemeinsam Comtess Coffee führte, die Firma, die am heimischen Markt die härteste Konkurrenz für Hansen Kaffee darstellte.

Als Christine sich verabschiedete, hatte Claus es sich nicht nehmen lassen, sie nach draußen zu begleiten. Nun standen sie verlegen schweigend da und schauten abwechselnd die Auffahrt hinunter, wo gleich das bestellte Taxi auftauchen musste, hinauf in den funkelnden Sternenhimmel und – immer nur für einen winzigen Moment – einander in die Augen.

“Es ist schön, dass du wieder da bist”, sagte Claus schließlich leise.

Christine nickte. “Ich habe die Zeit in Australien gebraucht, um wieder zu mir zu finden. Meine Schwester hat mir sehr geholfen. Wir haben viel über die Vergangenheit und über die Zukunft gesprochen. Die fremde Umgebung hat mir auch gutgetan. Maximilians Tod kam so plötzlich und völlig unerwartet. Und gleich darauf habe ich erfahren, dass er mich während unserer Ehe nicht nur betrogen hat, sondern dass aus dieser Affäre auch ein Kind hervorgegangen ist. Er hatte eine erwachsene Tochter, die sogar in unserer Firma arbeitete, obwohl sie selber nicht ahnte, dass Maximilian ihr Vater ist. Aber er wusste es.” Noch jetzt, Wochen nachdem sie von Luisas Existenz erfahren hatte, brach Christines Stimme, als sie an den Treuebruch ihres Mannes dachte.

Tröstend berührte Claus Christines Arm, sagte aber nichts, sondern wartete, dass sie fortfuhr.

“Ich bin furchtbar verletzt, aber trotzdem … Ich habe ihm verziehen. Maximilian und ich waren so eng verbunden, besonders während der letzten Jahre unserer Ehe. Als er tot war, hatte ich das Gefühl, als wäre ein großer Teil von mir mit ihm gestorben. Als könnte ich das Leben ohne ihn nicht ertragen. Nun weiß ich, dass ich lernen muss und lernen kann, meine Zukunft auch ohne ihn zu meistern. Obwohl ich ihn natürlich nie vergessen werde. Ich möchte sogar seine Tochter kennenlernen. Vielleicht noch nicht sofort, aber bald.”

Vorsichtig, weil er kaum wagte, diese zarte, wunderschöne Frau zu berühren, legte Claus ihr die Hand auf die Schulter. “Wenn ich irgendetwas für dich tun kann, egal was, lass es mich wissen.”

Christine hob den Kopf und sah ihn zum ersten Mal, seit sie hier draußen standen, direkt an. In ihren Augen schimmerten Tränen. “Danke. Es wäre schön, wenn wir uns ab und zu sehen könnten. Deine Briefe … es hat mir gutgetan, von dir zu hören und dir zu schreiben. Vielleicht können wir das jetzt einfach als Gespräch fortführen. Du bist so … verständnisvoll. Schon immer warst du so ein guter Freund. Obwohl ich dir damals so wehgetan habe.”

Am liebsten hätte Claus laut aufgeschrien und ihr erklärt, dass er für sie viel mehr als ein guter Freund sein wollte. Aber er wusste, dass er sich vorerst mit dieser Rolle zufriedengeben musste. Und wenn sie nie mehr in ihm sehen würde, war ihre Freundschaft immer noch besser, als sie völlig zu verlieren. Aber er war entschlossen, um sie zu kämpfen. Zuerst musste er seine Beziehung, vielmehr Nicht-Beziehung mit Valerie klären, aber dann wollte er Christine sagen, dass er sich immer noch nichts sehnlicher wünschte als ein Leben an ihrer Seite.

Als das Taxi die Auffahrt entlangkam, griff er nach Christines Hand und hielt sie fest, während er ihren Blick suchte. “Ich wünsche dir einen ruhigen Schlaf und schöne Träume.”

“Das wünsche ich dir auch”, flüsterte sie.

“Darf ich dich morgen anrufen und mich erkundigen, wie es dir geht?” Nur zögernd ließ er ihre Finger los und öffnete die Wagentür für sie.

“Natürlich.” Nur ganz leicht zog sie die Mundwinkel hoch. Er spürte, wie sein Herz einen kleinen Hüpfer machte, und dachte, dass er nie ein schöneres Lächeln gesehen hatte.

Als Luisa am nächsten Morgen das Gebäude von Hansen Kaffee betrat, schlug ihr Herz so wild, dass ihr das Blut wie ein Wasserfall in den Ohren rauschte. Im Gegensatz zu all den Tagen, an denen es in ihrer Brust vor Liebe und Sehnsucht gepocht hatte, war es an diesem Morgen Angst, die ihr Herz zum Rasen brachte und zusätzlich ihre Kehle zuschnürte. Wie sollte sie es nach dem gestrigen Abend schaffen, Konstantin in die Augen zu sehen! Geschweige denn mit ihm zu sprechen und mit ihm zusammenzuarbeiten, ohne in Tränen auszubrechen oder ihm vor lauter Verzweiflung und Schmerz um den Hals zu fallen oder beides gleichzeitig?

Fest stand, dass sie es nicht würde vermeiden können, mit Konstantin zu reden. Natürlich nicht über ihn und sich und seine schwangere Verlobte. Dazu gab es nichts mehr zu sagen. Umso dringender musste sie mit ihm über das Kaffeehaus sprechen. Wie sie ihre Großmutter kennengelernt hatte, würde sie nun, da sie aus der Reha-Klinik entlassen worden war, bald wieder ins Büro kommen und eine Entscheidung darüber treffen, ob das Kaffeehaus geschlossen oder nach Luisas Plänen weitergeführt werden würde. Bisher war das Kaffeehaus lediglich ein Kostenfaktor gewesen und hatte maßgeblich zu der schlechten finanziellen Lage der Firma beigetragen. Luisa war aber überzeugt, dass das Café mit einer neuen, einladenden Inneneinrichtung, freundlichem Personal und einem besseren Angebot an Kaffeespezialitäten und süßen Leckereien eine Goldgrube werden konnte.

Bei dem Gedanken, vielleicht schon bald ein Café zu führen, hellte sich Luisas Stimmung etwas auf. Obwohl sie mit Leidenschaft Kaffeerösterin gewesen war, war es schon seit Jahren ihr größter Traum, in einem eigenen, kleinen Café ihre selbst erfundenen süßen Kreationen anzubieten, zu denen ihr die Ideen oft sogar im Traum kamen. Und nun bot sich durch die unverhoffte Erbschaft eines Teils der Firma ihres leiblichen Vaters Maximilian Hansen die Möglichkeit, diesen Traum wahr zu machen. Natürlich würde ihr das Café nicht allein gehören, aber ihre Großmutter Eleonore hatte ihr freie Hand bei ihren Vorschlägen gelassen und ihr Konstantin als Berater an die Seite gestellt. Und weil Konstantin nun einmal für das Marketing verantwortlich war, musste sie ihm heute ihr Renovierungskonzept vorstellen.

Luisa ging als Erstes in die Kaffeeküche, um sich mit einer Tasse Kaffee für das bevorstehende Gespräch mit Konstantin zu stärken – und um den schwierigen Moment noch ein wenig hinauszuzögern.

Sie war ein wenig später dran als sonst, weil sie jeden Morgen vor der Arbeit ihren Hund bei ihrer Mutter ablieferte, die einen kleinen Kolonialwarenladen führte. Und Luisas Mutter Anna war ein äußerst aufmerksamer Mensch, besonders, was ihre Tochter betraf. Also hatte sie sofort bemerkt, dass es Luisa nicht gut ging, und es hatte Luisa einige Zeit gekostet, ihre besorgte Mutter zu beruhigen. Zwischen Tür und Angel konnte sie ihr einfach nicht von dem schrecklichen gestrigen Abend erzählen. Als Luisa endlich in der Firma eintraf, war die Kaffeeküche leer, weil ihre Kollegen schon alle bei der Arbeit waren.

Sie nahm sich eine Tasse samt Untertasse aus dem Schrank, und in ihren zitternden Händen klirrte das Porzellan leise.

Während sie sich Kaffee einschenkte, öffnete sich hinter ihr die Tür. Über Luisas Gesicht zog ein Lächeln. Auch wenn sie selber schon fast zu spät war, konnte sie sich doch darauf verlassen, dass Nicole stets die Letzte war. Was normalerweise Anlass für allerlei Spott gab, doch an diesem Morgen war Luisa froh über Nicoles Unpünktlichkeit, weil sie als kleine Ablenkung gut einen Schwatz mit ihrer Kollegin gebrauchen konnte.

“Komm rein, es ist noch jede Menge Kaffee da”, sagte sie, ohne sich umzudrehen, und langte in den Hängeschrank, um eine Tasse für Nicole herauszunehmen.

“Danke.”

Die leise Männerstimme ließ sie zusammenzucken. Luisa fuhr herum und starrte in zwei graue Augen, die an diesem Morgen fast schwarz wirkten.

“Ich dachte … du bist Nicole.”

“Ich nehme trotzdem einen Kaffee.” Sein Lächeln erreichte seine Augen nicht.

“Natürlich.” Sie gab ihm die gefüllte Tasse mit einer so hektischen Bewegung, dass die nachtschwarze Flüssigkeit auf den Unterteller überschwappte.

Stumm standen sie nebeneinander und nippten an ihrem Kaffee. Luisas Tasse war noch nicht einmal halb leer, als sie sie ins Spülbecken stellte und zur Tür eilte, während sie etwas von furchtbar viel Arbeit und sowieso schon zu spät dran murmelte.

“Ich wollte dich nicht verjagen. Wenn du willst, kann ich meinen Kaffee auch woanders trinken.”

Die Hand schon auf der Klinke zögerte sie. Schließlich hatte sie sich vorgenommen, sich möglichst normal zu verhalten. Im Grunde hatte sie keine andere Wahl, wenn sie weiterhin mit ihm zusammenarbeiten wollte.

“Nein, nein. Ich habe nur einfach genug … Ich meine, zu viel Kaffee ist ungesund, nicht wahr?”

“Da hast du auch wieder recht.” Mit einer müden Bewegung leerte er seine Tasse in den Ausguss. Dabei sah er sie mit einem so schmerzlichen Blick an, dass es ihr wie ein Messer ins Herz fuhr.

“Es tut mir leid”, hörte sie sich sagen. “Ich wollte das nicht. Ich meine, die Ohrfeige gestern Abend.”

Er zuckte die Achseln. “Wenn du willst, gib mir ruhig noch eine. Ich habe es verdient.”

“Nein! Du hast es ja nicht mit Absicht getan. Ich mache dir keinen Vorwurf daraus, dass du zu deiner Verantwortung stehst. Dafür, dass du so bist, wie du bist, liebe ich … habe ich dich schließlich geliebt.” Nervös knetete sie die Hände vor ihrem Bauch.

“Dass ich dich verliere, schmerzt mich viel mehr, als mir tausend Ohrfeigen wehtun könnten”, murmelte er vor sich hin.

Wieder schien sich blanker Stahl in ihr Herz zu bohren. Hastig senkte sie den Blick auf ihre verflochtenen Finger. Es fiel ihr schwer zu atmen, sodass sie die Worte hektisch murmelte: “Ich muss nachher etwas wegen des Kaffeehauses mit dir besprechen. Es geht um die Innenrenovierung. Ich habe Angebote eingeholt. Wenn wir alles in Mokka und Dunkelrot halten, die Wände entsprechend streichen lassen und farblich passende Tischdecken kaufen, kostet das gar nicht viel. Die Stühle können bleiben, und …”

“Wir sollten uns so bald wie möglich gemeinsam die Kostenvoranschläge ansehen”, unterbrach er sie. Das wirkte nicht unhöflich, sondern eher so, als wollte er sie retten, denn mit jedem Wort war es ihr schwerer gefallen fortzufahren.

“Natürlich. Wann passt es dir?”

“Ich habe heute leider einen Auswärtstermin, der sich wohl bis gegen Abend hinziehen wird. Und vorher muss ich noch einige Telefongespräche erledigen.”

“Oh.” Einerseits war sie erleichtert, dass er den größten Teil des Tages nicht im Büro sein würde, andererseits hätte sie die erste geschäftliche Besprechung nach dem gestrigen Zusammenstoß gerne so rasch wie möglich hinter sich gebracht, um sich selbst zu beweisen, dass sie Berufliches und Privates auseinanderhalten konnte. “Dann eben morgen”, fügte sie rasch hinzu und wich seinem forschenden Blick aus.

“Gegen neun Uhr?”, fragte er.

Sie nickte. “Ich komme mit den Unterlagen in dein Büro.”

Als diese Verabredung getroffen war, hatte Luisa das Gefühl, einerseits eine schwierige Aufgabe gemeistert zu haben, andererseits aber gerade erst vor einem fast unüberwindlich hohen Berg angekommen zu sein, den sie irgendwie überwinden musste. Ohne ein weiteres Wort stürzte sie aus der Kaffeeküche, lief den Flur hinunter und atmete erst auf, als sie die Tür zu ihrem eigenen Büro hinter sich ins Schloss geworfen hatte.

Mit gerunzelter Stirn betrachtete Eleonore das Bild in dem Kochbuch, welches aufgeschlagen vor ihr auf dem Küchentisch lag. Vielleicht war es doch etwas voreilig gewesen, Johann Rieger zum Essen einzuladen. Zu einem eigenhändig von ihr gekochten Essen wohlgemerkt! Sie hatte es auf Claus von Heidenthals Geburtstagsfest sehr genossen, Johann an ihrer Seite zu haben. Obwohl ihr natürlich das allgemeine Getuschel nicht entgangen war. Viel wichtiger war ihr jedoch gewesen, wie wunderbar Johann reagiert hatte. Höflich und sicher hatte er sich unter den Menschen bewegt, die ihm zum größten Teil fremd waren und ihn mit abschätzigen Blicken maßen. Genau wie sie hatte er getan, als würde er die Irritation nicht bemerken, die es unter den anderen Gästen hervorrief, dass er, der Pförtner von Hansen Kaffee, an diesem Abend Eleonore Hansens Begleiter war. Ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle. Und wie gut er in seinem dunklen Anzug ausgesehen hatte!

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