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Bittermonds Bucht

Gerade dort, wo der Urwald zum Strand wurde, wo große Palmwedel Schatten auf den Sand warfen, genau dort stand Jukkas kleine Hütte. Auf der Grenze zwischen dem dunklen grünen Wald und dem langen weißen Strand, geschützt vor Wellen und Wind.

Jukka hatte die Hütte aus knorrigen Ästen, großen Palmblättern und in der Bucht angespülten Obstkisten selbst gebaut. Im Inneren gab es nur einen Raum. Hier schlief Jukka. Und wenn er nachts aufwachte, dann konnte er durch die Ritzen im Dach die Sterne funkeln sehen.

Morgens schob sich die Sonne über den Horizont und strich mit ihren warmen Strahlen über den Strand, bis sie die Perlvorhänge vor dem Eingang der Hütte erreichten, hineinleuchteten und Jukka an den Fußsohlen kitzelten.

Dann richtete er sich auf, streckte und reckte seine Glieder, kroch nach draußen und stürzte sich kopfüber in die Wellen des blauen, blauen Meeres. Es war so blau, dass man es kaum vom Himmel unterscheiden konnte.

Und so begann Jukkas Tag.

So begannen Jukkas Tage eigentlich immer. Nur dass er an diesem einen Tag im Frühjahr, an dem die Geschichte beginnt, morgens keine Lust hatte, ins Meer zu springen.

Als er sich auf seiner Bastmatte reckte, berührten seine Fingerspitzen die Hinterwand der Hütte, und seine Zehen erreichten fast den Eingang.

Die kleine Hütte ist zu klein, dachte Jukka. Es wird Zeit, eine neue zu bauen.

Aber auch dazu hatte er heute keine Lust. Er hatte keine Lust, sich den Schlaf aus dem Gesicht zu waschen, und er hatte keine Lust, den kleinen bunten Fischen zuzuschauen, die erschrocken auseinanderstoben, wenn jemand ins Wasser tauchte.

Stattdessen blieb er, nachdem er aus der Hütte gekrochen war, am Strand sitzen und ließ den Sand durch seine Finger rieseln.

Ein Stück weiter lag ein stattliches Schiff in der flachen Brandung. Der schwere Anker war tief im Sand eingegraben. Am Mast hing ein eingerolltes Segel, und im Ausguck wucherte eine Kletterpflanze. Darüber flatterte eine schwarze Flagge, zerfranst und ausgeblichen vom Wind, der immer wieder daran zerrte. Das Schiff war schon viele Jahre nicht mehr zur See gefahren.

Hinauf auf das Schiff führte eine wacklige Strickleiter. Soeben öffnete sich die rote Tür, durch die man in den Bauch des Schiffes gelangte, und heraus trat ein großer bärtiger Mann. Er rieb sich die breite Brust, während er seinen scharfen Seemannsblick übers Meer gleiten ließ. Dann stutzte er für einen Moment, weil er im Wasser keinen dunklen Schopf entdecken konnte, und hob seinen Arm, als er Jukka stattdessen am Strand ausmachte.

„Guten Morgen, mein Junge!“, brüllte er in den Wind.

„Guten Morgen, Käpt’n Bittermond“, brummte Jukka zurück. Es war ihm egal, dass der Käpt’n ihn nicht hören konnte.

Käpt’n Bittermond hatte das Seemannsleben vor langer Zeit aufgegeben – fast ebenso lange, wie Jukka auf der Welt war. Doch von seinem Schiff mochte er sich nicht trennen.

„In einem Haus könnte ich gar nicht schlafen“, behauptete er gern. „Mich wiegt nichts besser in den Schlaf als Wellen, die abends sanft gegen den Bug schlagen.“

Und so lag das Schiff nun am Strand und wurde bei Flut von seichtem Wasser umspült. Käpt’n Bittermond wohnte darin, und auch Jukka hatte dort gewohnt, bis es ihm zu eng geworden und er in die Hütte unter den Palmen gezogen war.

Nun verschwand Bittermond in der Kombüse, die früher einmal das Steuerhäuschen gewesen war, um Frühstück zu machen. Er steckte den Kopf durch die Tür. „Bring uns doch Eier!“, rief er Jukka zu. „Dann gibt’s Bananenomelette.“

„Pfff“, machte Jukka und streckte sich im Sand aus.

In einer der hohen Palmen hinter seiner Hütte gab es ein Nest, und Jukka wusste, dass vier blau gesprenkelte Eier darin lagen. Davon hätte er zwei nehmen und die anderen beiden den Vogeleltern überlassen können, damit Küken aus ihnen schlüpften. Aber Jukka hatte keine Lust, den glatten Stamm hinaufzuklettern. Er hatte zu überhaupt nichts Lust.

Und vielleicht wäre er einfach im Sand liegen geblieben und vor Langeweile gestorben, wenn sein Magen ihm nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Denn als vom Schiff der Duft von frischem Fladenbrot herüberwehte, begann sein Magen heftig zu knurren. So heftig, dass Jukka sich schließlich aufrappelte, zum Schiff stapfte und die Strickleiter hinaufkletterte.

„Keine Eier?“, fragte Bittermond und legte Jukka zur Begrüßung einen Arm um die Schulter.

„Nö“, grummelte Jukka.

Der Käpt’n rieb sich nachdenklich das Gesicht. Erst über die eine Wange, die stachlig und rau war, und dann über die andere, wo sich die Haut narbig und feuerrot über seine Wangenknochen spannte.

„Tut die Narbe weh?“, hatte Jukka ihn schon einige Male gefragt.

„Nein“, antwortete Bittermond dann und seufzte tief.

Jetzt seufzte er wieder, allerdings aus einem anderen Grund. „Dann essen wir die Bananen eben ohne Omelette“, sagte Bittermond. „Deckst du den Tisch?“

Doch nur weil Jukka einen Bärenhunger hatte und fast ein bisschen bereute, die Eier nicht mitgebracht zu haben, kletterte er auf der schmalen Stiege vom Deck auf das flache Dach des Bootes über dem ehemaligen Steuerhäuschen. Dort platzierte er Teller, Becher und Besteck auf dem Tisch, der hier stand, weil es im Schiff keine richtige Küche und erst recht kein Esszimmer gab.

Bittermond und Jukka aßen ihr Frühstück auf dem Dach, wo der Wind an ihren Haaren zerrte und die Sonne die Farbe der Planken ausblich.

Dort oben stand auch ein gemütlicher Schaukelstuhl – das war Käpt’n Bittermonds Lieblingsplatz. Von hier bot sich ein prächtiger Ausblick über die gesamte Bucht: über die Felsen und den Sand und das Meer, auf dem ab und zu viele, viele Meilen entfernt ein anderes Schiff vorbeisegelte. Über die Kronen des Palmenwäldchens, wo Affen durchs Blätterdach turnten und Papageien laut kreischend aufstoben, wenn Jukka durch das Unterholz streifte. Und über die große weite Wüste, die jenseits des Waldes lag. Dahinter, in weiter Ferne, konnte Jukka an manchen, ungewöhnlich klaren Tagen sogar die Weißen Berge ausmachen.

Käpt’n Bittermond machte jeden Morgen einen Kontrollspaziergang von einem Ende der Bucht ans andere, um überall nach dem Rechten zu schauen. Und jeden Abend joggte er von den Felsen an der Nordseite zu den Schilfgewächsen im Süden, um fit zu bleiben. Den Rest des Tages liebte er es, auf dem Dach zu sitzen, sich vom Wind schaukeln zu lassen, Sonnenblumenkernschalen zu knacken und einfach nur die Welt zu betrachten. Dabei trug er stets eine Mütze mit breitem Schirm, denn wenn die Sonne zu sehr auf die verbrannte Haut auf seiner linken Wange schien, schmerzte es.

Jetzt polterte Bittermond die Stiege hinauf, unter einen Arm ein frisches Brot geklemmt, am anderen einen Korb mit Hibiskusmarmelade, einer Wasserkaraffe, Vanillehonig, Bananen und kleinen Schokoladentörtchen.

Bittermond stellte den Korb auf dem Tisch ab und hob prüfend eine Hand. „Steife Brise heute“, bemerkte er. „Nicht, dass du mir noch vom Dach geweht wirst!“ Er kniff Jukka lachend in die Wange. „Das wäre mein größtes Unglück! Was bringt mir der schönste Strand und das beste Boot, wenn du weggeweht wirst?“

Jukka ließ sich auf seinen Stuhl plumpsen. „Ich bin zu schwer, um weggeweht zu werden“, knurrte er unfreundlich.

Bittermond musterte ihn. „Was ist denn mit dir los?“ Er legte Jukka eine Hand auf die Stirn. „Geht es dir nicht gut? Hast du Fieber?“

„Nein“, brummte Jukka. „Mir geht es ausgezeichnet.“ Doch in seinem Körper grummelte etwas Unruhiges und Fahriges, das er sich selbst nicht erklären konnte.

Während des Frühstücks versuchte der Käpt’n, Jukka in ein Gespräch zu verwickeln: „Was hast du heute vor? Gehst du zwischen den Klippen nach Muscheln tauchen?“

„Hab ich gestern gemacht.“

„Dann schwimm doch zur Sandbank.“

„Da war ich schon tausendmal.“

„Oder such in den Felsen nach Krebsen.“

„Keine Lust.“ Jukka schob seinen Teller von sich, obwohl noch eine halbe Banane darauf lag.

„Ich könnte dir ein Mittagessen für ein Picknick einpacken“, schlug Bittermond vor. „Seeluft macht bekanntlich hungrig.“

Jukka murrte bloß und sagte gar nichts.

„Tja, also so was …“, murmelte der Käpt’n. „Was fehlt dir denn?“

Jukka schwieg. Etwas fehlte ihm tatsächlich, aber er konnte nicht sagen, was. Heute war eigentlich ein Tag wie jeder andere. Sofern er sich erinnerte, war es immer schon so gewesen: Bittermonds Bucht mit Jukka, dem Käpt’n – und einer Handvoll Tieren. Dass andere Kinder auch eine Mutter und Geschwister und Tanten und Onkel und Freunde haben, das wusste Jukka überhaupt nicht.

Nach dem Frühstück fütterte Jukka die beiden Ziegen, die in einem Gehege am Rande der Bucht im Schatten der Palmen schon auf ihn warteten.

Auf dem Weg dorthin zählte er – genau vierhundertdrei Schritte. Bis ans andere Ende der Bucht brauchte er eintausenddreihunderteinundzwanzig Schritte. Exakt fünfzehn weniger als noch im Vorjahr. Was daran lag, dass seine Beine immer länger wurden. Oder der Strand immer kleiner.

Jukka kickte gegen einen grauen Stein im Sand. Wahrscheinlich derselbe, den er gestern schon einmal über den Strand getreten hatte. Er ließ sich auf einem großen Stück Treibholz nieder und lehnte das Kinn in seine Hand. Drüben auf dem Boot saß Bittermond in seinem Schaukelstuhl und passte auf.

Worauf eigentlich?, fragte sich Jukka. Wenn einem nicht gerade eine Kokosnuss auf den Kopf fiel oder man von einer giftigen Qualle gestochen wurde, konnte einem in der Bucht nicht viel passieren.

„Ich habe eben gern ein Auge auf alles“, pflegte der Käpt’n zu sagen. Er schaute zu, wie Jukka auf hohe Bäume kletterte, in tiefen Grotten verschwand und von der Sandbank aus die Haifischflossen beobachtete, die ab und zu durch die Wellen glitten. Er hatte das alles im Auge, aber Sorgen machte er sich keine.

Solange, ja, solange Jukka nicht die eine Sache ansprach.

Jukka richtete sich auf. Genau diese eine Sache interessierte ihn aber. Und heute, wo er auf absolut nichts Lust hatte, interessierte sie ihn besonders.

Entschlossen stapfte er zurück zum Schiff, kletterte die Strickleiter und dann die Stiege hinauf und machte dabei so viel Lärm, dass Bittermond von seinem Nickerchen hochschreckte. „Ist es etwa schon Zeit zum Mittagessen?“

„Nein“, sagte Jukka. Er kniff die Augen zusammen und spähte über die Wipfel der großen Palmen. Dorthin, wo aus saftigem Grün karges Gelb wurde. „Die Wüste …“, begann er grüblerisch.

Bittermond hustete. „Sieh mal dort, Jukka, Delfine!“, rief er heiser und zeigte hinaus aufs Meer.

Jukka hatte schon viele Delfine gesehen. Statt sich umzudrehen, verschränkte er die Arme. „Ich habe eine Idee, was ich heute machen könnte.“

Käpt’n Bittermond sprang so schnell aus seinem Schaukelstuhl, dass der fast vom Dach fiel. „Auf keinen Fall!“

Jukka legte den Kopf zur Seite. „Ich will wissen, was es in der Wüste gibt.“

„Ich kann dir sagen, was es in der Wüste gibt“, schnaubte der Käpt’n. „Skorpione und Sandflöhe.“

„Dann spricht ja nichts dagegen, dass ich mir die mal angucke.“

„Oho!“, machte Bittermond und schwang einen Zeigefinger durch die Luft. „Das kannst du nur sagen, weil du die Skorpione noch nie gesehen hast. Ein Stich – und du bist mausetot!“

Jukka runzelte wütend die Stirn. Er zog die kleine Astgabel aus seinem Gürtel, die er vor einigen Tagen zu einer Schleuder geschnitzt und mit einem Gummi versehen hatte. „Ich kann mich verteidigen.“

Da wurde Käpt’n Bittermonds Blick dunkel, und seine Stimme zitterte ein wenig: „Gefällt dir denn unser schöner Strand nicht mehr?“

„Doch“, brummte Jukka. „Aber ein kleiner Ausflug in die Wüste …“

„Was bringt mir der schönste Strand und das beste Boot, wenn du von einem Skorpion totgestochen wirst?“, unterbrach ihn der Käpt’n. Über seine blauen Augen legte sich ein feuchter Schleier.

Jukka wirkte nachdenklich. Eigentlich hätte Jukka Bittermond jetzt trösten müssen, aber dazu hatte er keine Lust.

Der Käpt’n wischte sich über die Augen. „Abgesehen davon, brauche ich dich heute hier. Du musst das Schiff bewachen. Gut, dass du bewaffnet bist.“

Jukka spürte einen Stich im Magen. „Ist es schon wieder Zeit?“, fragte er. Plötzlich wollte er gar nicht mehr in die Wüste. Er wollte nur noch, dass Bittermond ruhig in seinem Schaukelstuhl saß und aufpasste.

Der Käpt’n nickte. „Ja, Zucker und Mehl gehen zu Ende. Und deine Hemden sind dir schon wieder zu klein. Es ist Zeit, ich muss los.“

Jukkas Kehle zog sich zusammen. „Kann ich mitkommen?“

Bittermond seufzte und zog Jukka in seinen Arm. „Und wer bewacht dann die Bucht? Wer bringt die Ziegen in den Stall, falls es stürmt? Wer räumt das Dach ab, falls es regnet? Wer passt auf, dass die Affen uns nichts stehlen?“, fragte Käpt’n Bittermond. „Das verstehst du doch? Ich brauche dich hier. Und ich bin auch schnell wieder zurück.“

Am Abend schnürte Käpt’n Bittermond sein Bündel und warf sich den Reisemantel über. „Du schläfst heute im Schiff?“, versicherte er sich. „Du passt auf das Schiff auf und das Schiff auf dich.“

Jukka saß schweigend auf Bittermonds großem Bett, das seine Kabine fast gänzlich ausfüllte. Er nickte.

„Sei froh, dass du hierbleiben kannst“, sagte Bittermond, als er die dicke weiche Decke lüpfte, um Jukka darunterkriechen zu lassen. „Da draußen begegnet man unweigerlich Halunken und Banditen. Halunken, die über dich lachen und auf dich zeigen. Und Banditen, die dir die Strümpfe von den Füßen rauben. Das willst du dir doch nicht antun, oder?“

Vielleicht wollte Jukka sich das doch antun, und er wusste auch nicht, warum irgendjemand lachen und auf ihn zeigen sollte. Aber er ahnte, wie dunkel und traurig Bittermonds Blick werden würde, wenn er ihm das sagen würde. Also schwieg er weiter und nickte abermals.

Bittermond stopfte die Decke um Jukka fest.

Außer dem Bett befanden sich nur eine Holztruhe und ein Regal mit Wechselwäsche und einigen zerfledderten Büchern in der engen Kajüte. Neben dem Bett stand ein Nachttisch. Auf dem Nachttisch lag ein Samtkissen, und auf das Kissen war das Gläserne Herz gebettet.

Jukka stützte sich auf seinen Ellbogen, um den faustgroßen Kristall aus glatt poliertem Glas besser betrachten zu können. Im Schein der Öllampe schillerte das Gläserne Herz in tausend Farben, die die ganze Kabine in einen Regenbogen aus Licht tauchten.

Der Käpt’n schulterte sein Bündel und wischte, bevor er sich verabschiedete, noch einmal mit einem Tuch über das kühle Glas. „Ich lasse mein Herz bei dir“, sagte er feierlich. „Pass gut darauf auf!“

Schon klappte die Tür zu, und die Planken knarrten, als Bittermond hinab zum Strand stieg und im Palmenwald verschwand.

Jukka konnte nicht einschlafen. Der Wind blies stärker als sonst und rüttelte an der Tür, sodass Jukka ein ums andere Mal hochschreckte und in die Dunkelheit lauschte. Er hörte der Brandung zu, die an den Strand schlug und in dieser Nacht ganz und gar fremd klang.

„Was wäre, wenn ich losgegangen und Bittermond hiergeblieben wäre?“, fragte er laut in die Stille hinein. Würde die Einsamkeit dann genauso in seine Knochen kriechen? Jukka ballte die Fäuste unter der Bettdecke. Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden.

Jukka lag lange wach und horchte auf Käpt’n Bittermonds Fußstapfen, die irgendwann wieder aus dem Wald treten mussten, um über den Strand zurück zum Boot zu kommen.

Als fahles Morgenlicht in die Kajüte drang, waren Jukkas Augen doch zugefallen. Er wachte auf, weil vom Deck ein Poltern zu hören war und die Tür aufschwang. Bittermond bemühte sich zwar, leise zu sein, aber es gelang ihm nicht wirklich.

Jukka nahm schläfrig wahr, dass der Käpt’n einen prüfenden Blick auf das Gläserne Herz warf. Dann spürte er, wie das Bett schwankte und der Käpt’n sich neben ihn wälzte.

„Ich bin wieder da“, brummte Bittermond leise und schnarchte los, bevor Jukka noch etwas erwidern konnte.

Jukka zog die Decke bis zum Kinn. Bald werde ich mir die Wüste anschauen, dachte er. Aber nicht heute. Heute war er froh, dass Bittermond heil zurückgekehrt war, ganz ohne Spuren von Skorpionstichen oder Halunkenschlägen.

Die beiden schliefen bis in den späten Vormittag hinein.

Nach dem Aufstehen hatte Käpt’n Bittermond ausgesprochen gute Laune. „Mehl und Zucker“, verkündete er vergnügt, als er seine schwere Tasche auspackte. „Und für dich zwei Hemden, aus denen du hoffentlich nicht in drei Wochen wieder rausgewachsen bist. Außerdem das hier.“ Er ließ ein kleines Netz mit sieben bunten Murmeln in Jukkas Hand gleiten. „Nachher zeige ich dir, wie wir damit auf Deck Abschießen spielen. Es gibt nämlich überhaupt keinen Grund, sich in unserer schönen Bucht zu langweilen.“

Der Käpt’n brachte von seinen nächtlichen Streifzügen immer etwas Interessantes oder Nützliches mit. Mal waren es Angelhaken für Jukka, manchmal ein Paar neue Schuhe, frisches Obst, das nicht an ihrem Strand oder im Wald wuchs, oder Werkzeuge, die sie noch nicht besaßen. Als Letztes holte Käpt’n Bittermond gewöhnlicherweise etwas aus seinem großen Rucksack, das seine Augen besonders funkeln ließ. „Ein kleines Geschenk für den guten Bittermond“, brummte er dann selbstgefällig. Der Käpt’n polierte sein Mitbringsel leise summend, Gold oder Edelsteine oder eine wertvolle Kette vielleicht, betrachtete es noch einmal von allen Seiten und hob es schließlich vorsichtig in die schwere Truhe neben der Tür.

Diesmal holte Käpt’n Bittermond ein großes, schwarz glänzendes Ei aus dem Rucksack. Jukka kniete neben ihm und spähte in das Dunkle der Eichenkiste, in der es funkelte und glitzerte.

Der Käpt’n blies vorsichtig über das Ei, wickelte es zum Schutz in ein weiches Tuch und bettete es zu den anderen Gegenständen in der Truhe. Einen Moment saß er wie erstarrt da und betrachtete verzückt seine gesammelten Schätze.

„Bittermond“, platzte es aus Jukka heraus. „Woher …?“

Bumm! Krachend fiel der Deckel der Truhe zu.

„Hach!“, schimpfte der Käpt’n. „Jetzt hättest du dir beinahe die Finger zerquetscht!“ Er erhob sich schnaufend. „Komm, ich hab mächtig Kohldampf.“ Als er Jukka nach draußen schob, begann er zu jammern: „Was bin ich froh, wieder hier zu sein. Wenn du wüsstest, was für Gestalten und Kreaturen einem da draußen begegnen!“ Er schüttelte sich. „Wenn ich nur immer an unserem Strand bleiben könnte! Aber wir brauchen ja Mehl und Zucker, nicht wahr?“ Der Käpt’n suchte Jukkas Blick und seine Zustimmung.

Jukka verzog nur den Mund. Aber Bittermond hatte wohl recht. Sie brauchten nun mal Zucker und Mehl. Er trat vor dem Käpt’n an Deck. „Hauptsache, du bist wieder da.“

Und der Käpt’n strahlte und sagte: „Hauptsache, ich bin wieder da!“

Hauptsache, den beiden ging es gut! Sie hatten ihren wunderschönen Strand und die Sonne, die jeden Tag schien. Sie hatten die warme Brise, die durch die Palmen strich, und das Platschen der Wellen, die träge an die Klippen schlugen. Sie hatten die bunten Fische im Wasser und die kreischenden Papageien im Wald. Sie hatten ihre köstlichen Kokospfannkuchen und den süßen Honigtee.

Jukka hatte Höhlen zum Erforschen und Bäume zu Erklimmen – und Käpt’n Bittermond hatte sein Gläsernes Herz, das immerzu in seiner Kajüte glänzte und das er manchmal Stunde um Stunde anblickte.

„Wie schön es hier ist“, sagte Käpt’n Bittermond mit einem wohligen Seufzer.

Jukka seufzte ebenfalls, während er eine seiner Murmeln in die Luft warf und sie wieder auffing.

„Irgendwie habe ich die Nase voll von dem ganzen schönen Zeug“, murmelte er so leise, dass Bittermond es nicht hören konnte. „Es wird Zeit für einen kleinen Ausflug.“

Einige Tage später war das Meer aufgepeitscht und der Himmel voller dunkler Wolken.

„Der Schaukelstuhl wackelt so sehr, dass man seekrank wird“, beschwerte sich Bittermond und zog sich für sein Mittagsschläfchen in den Bauch des Schiffes zurück.

Auf diese Gelegenheit hatte Jukka gewartet: ein kleiner Ausflug in die Wüste, nichts weiter! Ein Blick auf die Skorpione, eine Lunge voll Wüstenluft. Bittermond würde gar nicht merken, dass er weggewesen war.

Jukka bahnte sich seinen Weg durch das Palmenwäldchen, sprang über Wurzeln und Äste. Zu seinen Füßen huschte eine Maus durchs Unterholz. An einem Baum wand sich faul eine dicke Schlange um den Stamm. Irgendwo hörte er das Fauchen der Wildkatze, die Jukka schon öfter durch den Wald hatte schleichen sehen. Die Blätter raschelten, und dort, wo der Boden sandig wurde, wehte ihm ein heißer Wind entgegen. Jukka zögerte kurz, bevor er vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzte. Die Palmen standen hier weniger dicht, und zwischen den schlanken Stämmen hindurch war nun eine weite gleißende Ebene zu erkennen.

Noch einige Schritte weiter – und Jukka hatte den Wald durchquert. Er stand auf einer sandigen Straße. Vor ihm breitete sich die Wüste aus. Die schwarzen Wolken, die sich über dem Meer auftürmten, verwandelten sich hier in weiße Wattebällchen auf gleißendem Blau. Die heiße Luft vibrierte über dem Sand.

„Dann wollen wir doch mal sehen“, murmelte Jukka. „Wo sind diese Skorpione?“

Doch bevor Jukka einen einzigen Skorpion oder Sandfloh oder anderen Wüstenbewohner entdeckte, zerriss ein spitzer Schrei die Stille. Jukka fuhr herum. Er hörte, wie Zweige brachen und Äste krachten. Ohne zu überlegen, stürzte er zurück in den Wald. Ein Fauchen und ein weiterer Schrei. Und dann sah er das Schreckliche: ein riesiger Greifvogel, der sich mit seinen enormen Schwingen aus einer Lichtung emporschraubte, über die Wipfel erhob und in den Himmel aufstieg! In seinen mächtigen Klauen hielt er ein großes zappelndes Tier.

„Das ist also der natürliche Lauf der Dinge“, flüsterte Jukka. Aber sein Herz schlug laut und wild. „Die einen fressen die anderen.“

Ein Schauer lief ihm über den Rücken, während er zusah, wie der Vogel mit seinem Opfer zwischen den Wolken verschwand.

Im Wald war es still. Die Mäuse hatten sich unter die Büsche verkrochen, die Affen hielten den Atem an, als könne der Greifvogel jeden Augenblick zurückkehren. Selbst die Insekten schienen verstummt zu sein.

Jukka blieb regungslos stehen. Die Lust darauf, die Wüste zu erforschen, war ihm plötzlich vergangen.

„Aber ich habe es mir vorgenommen“, wisperte er.

Doch dann hörte er in all der Stille ein Geräusch. Was war das? Irgendwo aus dem Unterholz klang ein dünnes, aber durchdringendes Fiepen.

Jukka lauschte.

„Fiiiiiiep!“

Der Laut hörte sich so kläglich und verzweifelt an, dass Jukka eine Gänsehaut über die Arme schoss. Er drehte sich langsam im Kreis, um das Geräusch zu orten. Dann ging er vorsichtig in die Knie und spähte unter die Büsche. Dorthin, wo das Klagen seinen Ursprung zu haben schien. Dichte Äste, Blätter, Dornen und da – er entdeckte ein Paar kleiner grüner Augen.

Jukka kroch ein Stück weiter in die Büsche. In einer Kuhle unter einem umgekippten Baumstamm saß ein kleines dünnes Wildkätzchen, das herzzerreißende Töne von sich gab. Das tat es, bis es Jukka entdeckte. Als der seine Hand nach ihm ausstreckte, stellten sich die Nackenhaare des Tierchens auf, und es begann mit gesträubtem Fell zu fauchen.

Jukkas Hand verharrte in der Luft. „Was bist du denn für ein kleines Kerlchen?“ Die kleine Wildkatze zog ihren Kopf ein. „Wo ist deine Mutter?“

Im selben Moment fröstelte Jukka. Der Raubvogel! Plötzlich wusste er, welches Tier der geschlagen hatte. Das Kätzchen hatte keine Mutter mehr!

„Keine Angst“, flüsterte Jukka mit rauer Stimme. „Ich tue dir nichts.“

Das Kätzchen starrte ihn mit großen Augen an und drückte sich flach auf die Erde. Jukka wartete noch einen Moment, dann senkte er die Hand und griff nach dem flauschigen kleinen Körper.

Das Kätzchen zeigte zischend seine winzigen Zähnchen und bohrte seine Krallen in Jukkas Arm. Doch Jukka packte zu. Die kleine Kreatur drehte und wand sich, biss und kratzte, aber Jukka zog sie unerbittlich aus dem Unterholz.

„Du kannst doch hier nicht allein bleiben“, beschwichtigte er das Kätzchen.

Er nahm das kämpfende Tierchen hoch, richtete sich auf und presste es an seine Brust. Plötzlich wurde die Katze ganz ruhig. Jukka rieb seine Nase über ihr weiches Köpfchen. Die Katze miaute leise, und ihre rosa Schnauze zitterte.

Jukka lief, so schnell er konnte, zurück zum Strand und hinüber zum Boot. „Käpt’n!“, brüllte er. „Käpt’n!“

Bittermond, der eben von seinem Mittagsschlaf aufgewacht war, trat an Deck und ließ rasch die Strickleiter hinab, als er Jukka sah. „Was ist denn?“, fragte er besorgt.

„Nimm das!“, rief Jukka und reichte Bittermond das Kätzchen nach oben.

Der Käpt’n griff überrascht nach dem kleinen Tier. Jukka kletterte über die Reling. Bittermond schüttelte den Kopf:

„Die Katze ist noch ganz jung, Jukka. Die musst du doch bei ihrer Mutter lassen.“

„Ich wünschte, ich könnte“, krächzte Jukka. „Aber sie hat keine Mutter mehr!“

Käpt’n Bittermond betrachtete die Wildkatze, die in seinen großen Händen noch winziger aussah.

„Oje“, murmelte er. „Das ist manchmal der Lauf der Dinge.“

„Und was machen wir jetzt?“, fragte Jukka, der plötzlich vor Wut über den Lauf der Dinge die Fäuste ballen musste. „Ich lasse sie nicht einfach im Wald zurück!“

Käpt’n Bittermond wiegte den Kopf hin und her. „Wo keine Mutter mehr ist, braucht man eine Ersatzmutter.“ Er hob den Zeigefinger. „Warte hier.“

Bittermond verschwand im Inneren des Bootes. Kurze Zeit später kam er wieder und zeigte Jukka ein kleines Röhrchen. „Das ist eine Pipette“, erklärte er. „Manchmal findet man im Medizinkoffer doch etwas Nützliches.“

Bittermond hatte auch einen Krug Ziegenmilch mit an Deck gebracht. Er bat Jukka, sich mit dem Kätzchen auf dem Schoß hinzusetzen, und ließ sich selbst dann schnaufend im Schneidersitz vor den beiden nieder. Bittermond zog ein bisschen Milch in die Pipette, die er dem Kätzchen vor das Schnäuzchen hielt. Die Wildkatze zappelte in Jukkas Händen, doch als die ersten Tropfen auf ihre Schnurrhaare perlten, hielt sie inne, und Jukka sah, wie eine winzige rosa Zunge aus ihrem Maul schoss. Die Katze schleckte gierig die Milch.

„Glaubst du wirklich, wir können sie ohne Mutter aufziehen?“, fragte Jukka skeptisch.

Bittermond lächelte. „Warum nicht?“

Später richteten sie dem Kätzchen, das ein kleiner Kater war, einen Korb her. Darin konnte es neben Jukka schlafen.

Als die Sonne unterging, begann es zu regnen.

„Ich wollte noch Palmblätter sammeln, um mein Dach abzudichten!“, rief Jukka. Das hatte er bei den vielen Gedanken über die Wüste und das Katzenkind ganz vergessen. Bittermond spannte einen Schirm auf dem Deck auf. „Macht doch nichts. Dann schlaft ihr heute Nacht eben bei mir.“

Vor dem Schlafengehen fütterte Jukka den Kater wieder mit Ziegenmilch. Bittermond zwirbelte seinen Bart, während er ihm dabei zusah. Der Regen prasselte leise auf den Schirm, unter dem sie auf den bloßen Planken im Bug saßen. Da bemerkte der Käpt’n die tiefen Kratzspuren an Jukkas Händen und seinem Arm. „Was ist dir denn passiert?“, wollte er wissen.

„Das war Miko“, erklärte Jukka. Er hatte dem Katzenkind inzwischen einen Namen gegeben. „Miko hat sich aus Leibeskräften gewehrt, als ich ihn aus seinem Versteck gezogen hab.“

Bittermond gluckste leise. „Kräftiges kleines Kerlchen.“ Der Käpt’n strich sich lächelnd durch den Bart. „Ersatzmutter zu sein, ist nicht immer leicht. Ich kann ein Liedchen davon singen.“

„Wieso?“, fragte Jukka, während er die Milch auf Mikos Schnäuzchen träufelte, das schon ganz weiß und nass war. „Was weißt du denn vom Ersatzmuttersein?“

Da verfärbten sich Bittermonds Ohren rot, und er begann zu stottern: „Na ja … so … genau so habe ich dich auch gefüttert, als du ein Baby warst.“

Jukka sah überrascht auf. „Mit einer Pipette?“

Bittermond lachte und kratzte sich am Ohr. „Nein, mit einer Flasche.“

Jukka drehte sich zu Bittermond um, obwohl das Kätzchen immer noch gierig an der Pipette leckte. „Du hast mich mit einer Flasche gefüttert?“, vergewisserte er sich. Eine tiefe Falte bildete sich auf seiner Stirn.

Käpt’n Bittermond rieb sich über die Oberarme. „Kalt geworden, oder? Lass uns besser reingehen.“

Er wollte sich gerade erheben, da starrte Jukka ihn so wild an, dass er erschrocken sitzen blieb.

„Warum musstest du mich so füttern?“, fragte Jukka.

Bittermond konnte ihm nicht in die Augen blicken. „Weil du keine Mutter hattest“, grummelte er.

Der Kater miaute vorwurfsvoll und schnüffelte an der leeren Pipette.

Jukka rührte sich nicht.

„Ich hatte eine Mutter?“, fragte er flüsternd.

„Ich sagte ja, du hattest keine Mutter.“

Jukka tauchte das Glasrohr in die Milch, vergaß aber die Flüssigkeit aufzuziehen. „Natürlich hatte ich eine Mutter“, wisperte er. „Die jungen Vögel in den Nestern haben eine Mutter. Die Zicklein haben eine Mutter. Alle haben eine Mutter!“

„Komm schlafen“, murmelte der Käpt’n. Er gähnte laut.

Jukka flößte Miko weiter langsam Milch ein. Dicke Regentropfen platschten neben ihnen aufs Deck.

„Wir werden hier nass“, bemerkte Bittermond.

„Käpt’n?“, flüsterte Jukka schließlich. „Was ist denn mit meiner Mutter geschehen?“

Bittermond blieb einen Moment lang regungslos sitzen. Dann stand er auf und kratzte sich die Wange. „Ich weiß es nicht, mein Junge“, murmelte er. „So wenig, wie wir wissen, was mit der Katzenmutter geschehen ist.“ Er seufzte, wandte sich ab und verschwand in der Kajüte.

Jukka verharrte mit dem Katzenkind im Schoß. Sein ganzer Körper bebte. Denn Jukka wusste genau, was mit der Katzenmutter geschehen war.

Am nächsten Morgen war der Sand nass und grau. Es hatte die ganze Nacht lang geregnet.

„Gehst du heute Morgen nicht schwimmen?“, wollte Käpt’n Bittermond von Jukka wissen, als er verschlafen aus der Kajüte an Deck kam.

Jukka saß mit Miko am Bug. Er warf ihm kleine Papierkügelchen zu – Mika schnappte danach. „Ist zu kalt“, brummte Jukka.

„Tatsächlich?“, fragte Bittermond. „Dann mach ich uns mal Frühstück.“

An diesem Morgen half Jukka nicht, den Tisch zu decken. Als der Käpt’n eine Schüssel mit dampfendem Grießbrei aus der Kombüse brachte, stand er nur widerwillig auf und ließ sich mit finsterem Gesichtsausdruck auf seinen Stuhl plumpsen. Er aß zwei Löffel, dann schob er seine Schüssel zur Seite. „Hab keinen Hunger.“

Käpt’n Bittermond betrachtete ihn eingehend. Jukka verschränkte die Arme vor der Brust.

„Was ist los?“, fragte Bittermond.

„Nichts“, brummte Jukka. Dann sah er auf – und plötzlich traten ihm wütende Tränen in die Augen. „Wieso weißt du nicht, was mit meiner Mutter passiert ist? Wo komme ich denn überhaupt her?“

Bittermond ließ seinen Löffel sinken. Seine Mundwinkel zogen sich tief nach unten. „Ich … ich weiß nicht“, stotterte er.

Jukka sprang auf. „Was soll das heißen? Du musst doch wissen, wo du mich herhast! Hast du mich unter einem Busch gefunden wie die kleine Wildkatze, oder was?“

Käpt’n Bittermond rührte langsam in seinem Brei. Seine Miene hellte sich plötzlich auf. „Ja, genau“, sagte er.

„Wirklich unter einem Busch?“, vergewisserte sich Jukka.

„Äh, nein“, antwortete der Käpt’n. „Am Strand.“

Jukka kniff die Augen zusammen. „Du hast mich am Strand gefunden?“

Der Käpt’n schaute kurz zur Seite, dann nickte er heftig. Er wies ans Ende der Bucht. „Genau dort, bei den Klippen, da bin ich am Strand spazieren gegangen. Und dann habe ich etwas gehört, das klang wie Babyschreien, und dann habe ich dich gesehen. Und es war tatsächlich Babyschreien.“

„Und wie bin ich dahin gekommen?“, fragte Jukka skeptisch.

„Na ja, du lagst in so einem … Korb … und der wurde angespült“, erklärte der Käpt’n eifrig.

„Und war ich nicht nass?“

„Nass?“, fragte der Käpt’n. Er hielt für einen Moment inne. „Dann habe ich dich eben abgetrocknet. – Ach, Jukka“, sagte Käpt’n Bittermond plötzlich mit weicher Stimme. „So ein winzig kleines Baby warst du.“ Er zeigte es mit seinen Händen. „Und auf dem Kopf hattest du nur ein paar schwarze Haare. Ich habe dich gefüttert, so wie das Kätzchen. Und wenn du geschrien hast, dann habe ich dich stundenlang übers Deck getragen. Und dann hast du wieder gelächelt – das weiß ich noch ganz genau.“

Jukka verzog den Mund. „Wieso hast du mir das nie erzählt?“

Bittermond blickte ihn stumm und traurig an, sodass er Jukka fast ein bisschen leidtat. Aber nur fast.

„Du hast nie gefragt“, murmelte der Käpt’n. Er starrte in seinen Grießbrei und wisperte: „Das war der glücklichste Tag in meinem Leben, als ich dich … als du hier angespült wurdest.“

Jukka seufzte. Dann schaute er auf den grauen Strand, der verlassen und menschenleer dalag. „Vielleicht wird hier bald noch mal jemand angespült. Ein bisschen Abwechslung wäre doch nicht schlecht.“

„Vielleicht“, grummelte Bittermond.

Angespült wurde niemand in Bittermonds Bucht. Doch Jukka hatte einen neuen Freund. Er fütterte Miko jeden Tag mit Milch und später mit kleinen Brocken zerdrücktem Fisch. Das Katzenkind wuchs schnell. Jukka brachte es in den Wald, damit es lernte, was Katzenkinder lernen müssen. Und nach einigen Wochen fing Miko seine erste Waldmaus.

An die Wüste dachte Jukka nicht mehr. Er musste Miko füttern. Er musste mit Miko spielen. Und er ließ ihn nachts unter seine Bettdecke kriechen, damit sie einander wärmen konnten.

Im Sommer jedoch begann Miko, sich auf seinen Streifzügen immer weiter vom Schiff zu entfernen. Manchmal blieb der Kater sogar in der Nacht verschwunden.

„Er wird schnell erwachsen“, sagte Bittermond düster. „Sollen wir ihn suchen?“

Jukka schüttelte den Kopf. „Lass ihn, der Wald ist sein Zuhause. Er wird schon kommen, wenn er uns braucht.“

Und der Käpt’n brummte.

Da dachte Jukka doch wieder an die Wüste und dass sie wohl einen Besuch wert wäre. Er überlegte, Bittermond darauf anzusprechen. Aber der saß so gedankenverloren in seinem Schaukelstuhl, dass Jukka lieber darauf verzichtete. Stattdessen stieg er hinab zum Strand und ließ sich eine Weile im seichten Wasser treiben.

Ab und zu blinzelte er hinüber zum Boot, wo der Käpt’n Sonnenblumenkernschalen über die Reling spuckte. Sollte er abwarten, bis Bittermond einschlief, um einen neuen Ausflug in die Wüste zu wagen? Er würde ein bisschen im Wald herumstreifen und nach Miko Ausschau halten. Und wenn der nicht zu finden war, würde er noch ein Stückchen weiter …

Jukka gähnte und streckte sich ausgiebig. Vielleicht war dieser Tag doch zu heiß für einen Ausflug. Vielleicht sollte er lieber morgen …

Jukka blickte wieder hinüber zum Boot – Käpt’n Bittermond war verschwunden!

Der Schaukelstuhl wippte zwar noch leicht hin und her, doch der Käpt’n befand sich nicht mehr auf dem Dach des Bootes. Jukka richtete sich auf. Er erspähte Bittermond weder im Bug noch im Heck. Und auch die Kombüse war leer.

Fehlen denn schon wieder Vorräte?, überlegte Jukka. Aber selbst wenn es so wäre – Bittermond verschwand doch nicht am helllichten Tag, ohne sich zu verabschieden. Und schon gar nicht in der Mittagshitze. Schon gar nicht, wenn es gerade Zeit für sein Schläfchen war!

Jukka stand auf und machte sich auf den Weg zum Boot. Der Käpt’n verließ seinen gemütlichen Schaukelstuhl mit Sicherheit nicht ohne Grund!

Als Jukka gerade begann, sich Sorgen zu machen, schwang die rote Tür des Schiffes mit einem Krachen auf, und Bittermonds breiter Rücken erschien an Deck. Er zerrte einen sperrigen großen Gegenstand hinter sich her. Jetzt trabte Jukka ein Stück schneller den Strand hinunter. Der Gegenstand, den Käpt’n Bittermond da aus dem Bauch des Schiffes schleppte, war das riesige alte Fernrohr, das seit Jahren unberührt und verstaubt in der Rumpelkammer des Schiffes herumstand.

Als Jukka das Boot erreicht hatte und die Strickleiter hinaufkletterte, hatte Bittermond das schwere Fernrohr bereits aufs Dach gewuchtet und auf seinen drei langen Metallbeinen in Position gebracht. Nun war er damit beschäftigt, an den kleinen Rädern zu drehen und die Sehschärfe einzustellen, während er angespannt durch das dicke Rohr spähte. „Kann denn das die Möglichkeit sein?“, flüsterte er heiser.

Jukka blickte über den Palmenwald und die Wüste. Nach was suchte der Käpt’n? „Was machst du da?“, fragte Jukka.

Käpt’n Bittermond schrak heftig hoch, schubste dabei versehentlich das Fernrohr mit der Hand, sodass es mit einem Ruck herumfuhr und Jukka gegen den Kopf knallte.

„Ich, ich …“, stotterte der Käpt’n. „Ich habe dich gar nicht bemerkt.“

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