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Bittere Tränen – strahlendes Glück

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1. KAPITEL

Anna Nowell starrte auf den Telefonhörer, den sie gerade aufgelegt hatte. „Na gut, jetzt bloß keine Panik“, sagte sie sich. „Das ist nur ein kleines Problem. Kein Grund zur Aufregung.“

Doch noch während sie die Worte flüsterte, wusste sie, dass sie allen Grund hatte, sich Sorgen zu machen.

Seit zwei Jahren kümmerte sie sich um Morning View Manor, Donovan Barretts Villa am Lake Geneva in Wisconsin. Und in der ganzen Zeit hatte ihr reicher Arbeitgeber sein wunderschönes, direkt am Ufer gelegenes Anwesen kein einziges Mal betreten. Abgesehen von den Gärtnern, die regelmäßig kamen, um das makellose Anwesen zu pflegen, lebte Anna allein hier und spielte die Dame des Hauses.

Jetzt aber hatte Donovan Barrett sein Kommen angekündigt. Was hatte das zu bedeuten?

Anna schluckte. Sie wusste genau, was es bedeutete: dass sie nicht mehr gebraucht wurde und ihren Job verlieren würde.

Sie strich mit der Hand über die glänzende Platte eines Eichentischs und das taubenblaue Polster eines Sessels. Vorbei waren die Tage, an denen sie so tun konnte, als würde sie hierhergehören, als wäre sie mit einem Silberlöffel im Mund geboren worden. Aber dass sie sich nicht mehr einbilden konnte, dass dieses Traumhaus am See ihr gehörte, war im Moment ihre geringste Sorge.

Weil sie die ganze Zeit hier wohnen konnte, ohne Miete zu zahlen, hatte sie einen großen Teil ihres Gehalts sparen können – und sie verdiente mehr, als sie in den meisten anderen Jobs bekommen hätte, die für eine Frau ohne Universitätsabschluss infrage kamen. Die Arbeit hatte ihr nicht nur erlaubt, ihre Fantasie auszuleben, sondern Anna war auch ihrem Ziel, ein Kind zu adoptieren, ein großes Stück nähergekommen.

Näher, aber leider nicht nahe genug. Zwar hatte sie etwas Geld zurückgelegt, aber es reichte noch immer nicht für zwei, jedenfalls nicht über einen längeren Zeitraum. Auf keinen Fall würde sie einem unschuldigen Baby die Armut zumuten, in der sie aufgewachsen war. Eine Armut, in der ihr Vater seine Familie zurückgelassen hatte, die Anna eine schmerzhafte und einsame Kindheit beschert hatte. Nein, zu einem solchen Leben würde sie keinen anderen Menschen verurteilen. Niemals.

Ihr wurde weh ums Herz, denn sie hatte so lange darauf gewartet, einem Kind die Liebe zu schenken, die sie selbst nie gekannt hatte. Die Wahrheit war bitter, ließ sich jedoch nicht ändern, und Anna war es gewohnt, der Realität tapfer ins Auge zu schauen, wenn sie sich nicht ändern ließ.

Anna schluckte mühsam. „Finde dich damit ab. Die Situation hat sich verändert“, murmelte sie. Was blieb ihr auch anderes übrig?

Die Anruferin war Donovan Barretts Assistentin in Chicago gewesen. Morgen früh würde Mr Barrett aus einer Stadtwohnung in die Villa am Lake Geneva ziehen. Mit dem Auto würde er keine zwei Stunden brauchen, aber die kurze Fahrt würde ihr Leben in mehr als nur einer Hinsicht auf den Kopf stellen.

Anna holte tief Luft. Sie war hier, um einen Job zu erledigen, und das hatte sie auch getan. Donovan Barrett hatte jemanden gebraucht, der sich um sein Haus kümmerte, solange er es nicht bewohnte. Jetzt brauchte er niemanden mehr. Der Mann konnte nichts dafür, dass es ihr lieber wäre, wenn er in Chicago bliebe. Sie musste alles für seine Ankunft vorbereiten. Noch war sie nicht arbeitslos.

„Und ich bin auch noch nicht am Ende“, sagte sie und wehrte sich gegen die Angst. Abgesehen von dem, was seine Assistentin ihr widerwillig erzählt und was die Klatschtanten der Gegend im Internet über ihn herausgefunden und nur zu gern verbreitet hatten, wusste sie herzlich wenig über den Mann. Er war in eine reiche Familie hineingeboren und ein renommierter Arzt gewesen – bis zum tragischen Unfalltod seines jüngsten Sohns. Danach hatte Dr. Barrett seine Praxis geschlossen und war zum Einsiedler geworden. In achtzehn Monaten war aus ihm ein schwieriger Mensch geworden, der vollkommen zurückgezogen lebte, die Nähe anderer Menschen scheute und Dunkelheit und Stille jeder Gesellschaft vorzog.

Anna dagegen liebte das Licht, obwohl – oder gerade weil – sie auf der Schattenseite des Lebens aufgewachsen war. Sie war gesellig und liebte Gespräche und Musik, denn davon hatte es in ihrer Kindheit viel zu wenig gegeben.

Kein Zweifel, sie gehörte zu dem Menschenschlag, den Mr Barrett verabscheute, aber trotzdem …

„Er wird Personal brauchen“, sagte sie sich. „Eine Köchin vielleicht?“

Wäre sie in der Stimmung dazu gewesen, hätte sie gelacht, bis ihr die Tränen kamen. Sie war eine miserable Köchin.

„Na gut, dann ein Dienstmädchen.“ Eine Villa mit zehn Schlafzimmern, sechs Bädern und einer Küche von der Größe eines Speisesaals musste oft sauber gemacht werden.

Konnte sie ihre Träume mit dem Lohn eines Dienstmädchens verwirklichen?

Anna runzelte die Stirn. Sich darüber den Kopf zu zerbrechen brachte sie nicht weiter. Der größte Teil des Hauses war seit zwei Jahren unbewohnt und verschlossen, jetzt musste alles für Mr Barretts Einzug vorbereitet werden. Und zwar in weniger als vierundzwanzig Stunden. Wenn nicht alles perfekt war, wenn nicht alles den zweifellos hohen Ansprüchen eines Mannes wie Donovan Barrett genügte, würde er sie für unfähig halten. Dann konnte sie den neuen Job bei ihm vergessen. Sie wäre nicht nur arbeitslos, sondern auch ohne Wohnung. Bis sie eine andere Stelle fand, würde sie von ihren mageren Ersparnissen leben müssen, und ihre Hoffnung, Mutter zu werden …

Trübsinnig schloss Anna die Augen. Bloß jetzt kein Selbstmitleid. Das führte zu nichts.

„Reiß dich zusammen“, befahl sie sich und straffte die Schultern. „Geh an die Arbeit.“

Wenn sie es schaffte, aus der Villa ein gemütliches, einladendes Zuhause zu machen, würde Donovan Barrett ihr vielleicht einen neuen Job geben. Als was auch immer.

„Manchmal geschehen Wunder“, flüsterte sie und machte sich daran, in den Räumen, in denen sie sich nur selten aufgehalten hatte, die schützenden Laken von den Möbeln zu entfernen. Sie musste alles tun, um dem Mann zu imponieren, der ihr Schicksal und das ihres unbekannten Kindes in den Händen hielt.

Sie war auf seine Großzügigkeit angewiesen, aber nach allem, was seine Assistentin angedeutet hatte, war Donovan Barrett niemand, der anderen Menschen bereitwillig einen Gefallen tat.

Donovan Barrett interessierte sich nicht besonders für das, was ihn an seinem neuen Wohnort erwartete. Aber er hatte seine Gründe, nach Lake Geneva zu ziehen, und er wollte dort bleiben.

Wenigstens vorläufig.

Er war erst ein einziges Mal in dem malerischen Ort zwischen den Ballungsgebieten von Chicago und Milwaukee gewesen und erinnerte sich kaum daran. Er wusste, dass seit dem Bürgerkrieg viele wohlhabende Familien aus der Großstadt dort den Sommer verbrachten. Es war seine Exfrau Cecily gewesen, die das Haus ausgesucht hatte. Wahrscheinlich hatte sie ihn lange genug von der Praxis fortlocken wollen, um ihn für seine Familie zu interessieren, aber es hatte nicht funktioniert. Er war kurz in Lake Geneva aufgetaucht, hatte den Kaufvertrag für die Villa unterschrieben und war sofort wieder zu seinen Patienten zurückgekehrt. Danach war er nie wieder hingefahren.

Auf dem Weg durch die kleine Einkaufsstraße kam er an einem langen, flachen Gebäude vorbei, dessen Baustil an den des berühmten Architekten Frank Lloyd Wright erinnerte. Es war die Bibliothek mit Blick auf einen grünen Park, einen Strand und das östliche Ende des Sees. Auf dem Wasser schwammen kleine Motorboote, Jachten mit Segeln in den Farben des Regenbogens und ein altmodischer Raddampfer mit einem Sonnendeck voller Passagiere. Einen Moment lang stellte Donovan sich vor, wie gern Ben damit einen Ausflug unternommen hätte.

Hätte er seinen Sohn doch nur hergebracht. Nur ein einziges Mal. Ben war erst vier gewesen, als er ums Leben kam.

Donovan packte das Lenkrad fester, und auf dem Weg zum Morning View Manor verfluchte er sich dafür, dass er Bens Leben nicht hatte retten können, obwohl er Arzt war. Wut überkam ihn, und plötzlich fiel ihm ein, warum er hergekommen war.

Um nicht zu vergessen.

„Das werde ich niemals tun“, schwor er sich, als er die kurvenreiche Straße zu seinem Anwesen entlangfuhr.

Seinen Sohn würde er nicht vergessen, aber er musste ein anderer Mensch werden. Hier würde er sein altes Leben hinter sich lassen. Das Jahr nach Bens Tod hatte er wie im Nebel verbracht, doch seit sechs Monaten drängten ihn Freunde und Kollegen dazu, einen Neuanfang zu wagen. Erst sanft und behutsam, dann hatten sie es ihm immer eindringlicher geraten. Sie verstanden einfach nicht, warum er seine erfolgreiche Karriere als Arzt nicht wieder aufnehmen konnte, warum er nicht mehr dauernd daran erinnert werden wollte, was er alles verloren hatte.

Er wollte sie weder verletzen noch enttäuschen, aber er brachte nicht fertig, was sie von ihm erwarteten.

Donovan wehrte sich gegen die Verzweiflung, die ihn zu übermannen drohte. Er konnte nicht mehr als Arzt arbeiten, er würde es nie können. Es würde keine langsame Überwindung des Schmerzes geben, keine gemächliche Wiederannäherung an Menschen, die ihm etwas bedeuteten. Er war schuld am Tod seines Sohnes, in mehr als nur einer Hinsicht. Damit musste er leben, aber er würde es auf seine Weise tun.

Nie wieder würde er das Risiko eingehen, jemanden im Stich zu lassen. Hier, wo die Leute dem harten Alltag für ein kurzes Wochenende entflohen, wo niemand ihn kannte, würde er sich ablenken, würde er den mitleidigen, hoffnungsvollen Blicken seiner alten Freunde entgehen können.

„Hier kann ich so tun, als hätte ich die Worte ‚Hippokratischer Eid‘ nie gehört, und kein Mensch wird sich daran stören, dass ich einmal geschworen habe, kranken Menschen zu helfen, es jedoch nicht mehr kann“, murmelte Donovan. Doch kaum hatte er die Worte ausgesprochen, tauchte das Haus vor ihm auf. Eine weiße Villa mit hohen Bogenfenstern und einem Springbrunnen als Blickfang im Hof, mit Zwillingstürmen und fünf Schornsteinen kam in Sicht. Und mit zehn Schlafzimmern, wenn er sich an den Text der Verkaufsanzeige erinnerte. Hätte er hier mit Ben und Cecily Urlaub gemacht, wären sie vielleicht glücklich gewesen. Vielleicht wären sie sogar noch verheiratet. Ben wäre nicht ausgerechnet in dem Moment über die Straße gelaufen, in dem der Wagen entlanggerast war.

Donovan biss die Zähne zusammen, hielt mit quietschenden Reifen vor der imposanten Fassade und zwang sich zum Aussteigen.

Beweg dich. Denk nicht nach. Das war das Mantra, das ihm ermöglicht hatte, so manchen schweren Tag zu überstehen. Er ging zur breiten Flügeltür, holte den Schlüssel heraus, schob ihn langsam ins Schloss und betrat das Haus, in dem er nie gewohnt hatte. Als er die Eingangshalle durchquerte, stieß er fast mit einer Frau zusammen, die auf einer alten Holzleiter stand. Auf einer ungewöhnlich hohen Leiter.

Die Leiter schwankte leicht, und unwillkürlich streckte er die Hand danach aus. Die Frau lehnte sich zur anderen Seite, um nicht umzufallen, während er eine Sprosse unterhalb ihrer Füße packte.

„Was zum Teufel tun Sie da?“, fuhr Donovan sie wütend an.

Er sah in zwei große graue Augen, die ihn verwirrt anblickten.

„Oh, jetzt habe ich Sie verärgert. Das wollte ich nicht. Kein guter Anfang, was? Ich musste nur … Das Licht funktionierte nicht.“ Sie hielt eine Glühbirne hoch. Ihr Gesicht war blass, und Donovan wurde bewusst, wie finster er sie ansah. Er war noch in seine trüben Gedanken vertieft gewesen, und der Schreck hatte ihn wütender klingen lassen, als er beabsichtigt hatte.

Als hätte er nicht schon genug Menschen wehgetan.

Hastig machte er einen Schritt zurück. „Ich bin nicht ärgerlich“, sagte er und zügelte sich. Das beherrschte er inzwischen ganz gut. Er hatte es lernen müssen, um seine Freunde nicht vor den Kopf zu stoßen, wenn sie ihn überraschend besuchten. Aber er hatte gehofft, hier in Morning View darauf verzichten zu können.

Wahrscheinlich hätte er damit rechnen sollen, jemandem zu begegnen. Er hatte seinen Vermögensverwalter beauftragt, sich um das Haus zu kümmern, solange es unbewohnt war, und ihm freie Hand gelassen. Leider hatte er vergessen, den Mann zu fragen, ob er jemanden eingestellt hatte oder was ihn hier erwartete.

Jetzt war es zu spät, sich danach zu erkundigen. Die Frau stieg die Leiter herab, und unwillkürlich starrte er auf ihre langen Beine und ihren Po. Sie blieb auf einer Sprosse stehen, als sie mit ihm auf Augenhöhe war, und ein tapferes Lächeln erhellte ihr Gesicht. „Sie sind wütend“, sagte sie. „Warum auch nicht? Ich wette, Sie haben nicht damit gerechnet, direkt hinter der Haustür jemanden zu treffen. Aber nun bin ich einmal hier.“

Donovan betrachtete sie. Ihr Gesicht war voll und etwas rund, das braune Haar streifte die Wangen, umspielte die Wangen und endete unterhalb des Kinns. Sie sah nicht besonders bemerkenswert aus, nur die grauen Augen fielen auf, weil sie für seinen Geschmack etwas zu forschend blickten, ein bisschen zu viel sahen.

Schlagartig wurde Donovan bewusst, dass er ein Mann war – und sie eine attraktive Frau. Was für ein unpassender Gedanke. Ein bedeutungsloser. Es war einfach nur zu lange her, dass er einer Frau in die Augen geblickt hatte. Sie konnte nicht das Geringste dafür, dass er so heftig auf sie reagierte. Keines seiner Probleme war ihre Schuld.

„Wer sind Sie?“, fragte er, und dieses Mal klang er etwas sanfter.

Ihr Lächeln wurde breiter, ließ makellose Zähne erkennen. Und die Andeutung eines Grübchens in der rechten Wange. Sie streckte eine Hand aus, und er fühlte ihre Wärme an dem Arm, der noch immer auf einer Leitersprosse lag.

„Anna Nowell, Ihre Haushälterin“, sagte sie.

Er zog eine Braue hoch. „Ich habe eine Haushälterin?“

Sie lachte leise. „Wussten Sie das nicht?“

„Leider nein. Dieses Haus hat mich nie sonderlich interessiert. Mein Vermögensverwalter kümmert sich um die Rechnungen. Ich überlasse alles ihm.“

„Aber jetzt werden Sie hier wohnen. Es wird Sie interessieren müssen. Sie werden zusätzliches Personal brauchen. Außer mir, meine ich.“

„Außer Ihnen?“ Sie hatte gesagt, dass sie die Haushälterin war, aber jetzt, da er hier war, musste niemand für ihn das Haus hüten.

Ihre Wangen verfärbten sich leicht. Ein dezenter Hauch von Rosa. „Außer mir und Clyde“, fügte sie hinzu. Ihre Stimme war leise, aber melodisch. Angenehm.

„Wer ist Clyde?“

„Ihr Gärtner.“

Er nickte. „Gibt es noch jemanden, von dem ich wissen sollte?“

Anna schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Aber Sie werden noch eine Köchin und ein Dienstmädchen brauchen. Mindestens.“

Noch mehr Leute. Er wollte allein sein. In seinem Penthouse in Chicago hatte er sich mit einer Reinigungsfirma begnügt.

„Ich möchte nicht mehr Personal als unbedingt nötig. Ich bin es nicht gewohnt, viele Menschen um mich zu haben“, sagte er.

Ihr Lächeln schwand. Donovan war nicht sicher, wie er es deuten sollte, doch plötzlich sah sie verletzlich aus. Langsam stieg sie die Leiter herab, legte die kaputte Glühbirne auf eine Sprosse und sah ihm ins Gesicht.

„Ich kenne fast jeden hier und werde Ihnen helfen, jemanden zu finden.“

Nur mit Mühe unterdrückte Donovan ein frustriertes Aufstöhnen. Er wollte nichts und niemanden finden.

„Sicher hat Sie mein Auftauchen überrascht“, begann er, und plötzlich wurde ihm klar, dass eine Haushälterin vermutlich nicht besonders viel verdiente. Wahrscheinlich brauchte sie das Geld. „Ich gebe Ihnen zwei Wochen, um sich eine neue Stelle zu suchen. Und natürlich können Sie mit einer großzügigen Abfindung rechnen.“

Ihr Blick war so betrübt, dass Donovan zur Seite sah, aber er durfte nicht nachgeben. Die Vorstellung, dieser Frau jeden Tag über den Weg zu laufen, war …

„Unmöglich“, flüsterte er.

„Wie bitte?“ Sie klang angespannt.

„Lassen Sie die Leiter stehen“, befahl er. „Ich stelle sie selbst weg. Und steigen Sie nicht wieder hinauf, solange Sie noch hier sind. Ich will nicht, dass Sie sich den Hals brechen.“

Ich will nur, dass Sie verschwinden. Doch das sprach er nicht aus, als er an ihr vorbei ins Haus ging.

Zwei Wochen. Anna blieben nur zwei Wochen, um sich unentbehrlich zu machen – für einen Mann, der einfach bloß allein gelassen werden wollte.

„Dann werde ich eben eine unsichtbare Superfrau werden müssen“, flüsterte sie, während sie sich die Schuhe zuband. Sie schnappte sich ein Klemmbrett und verließ ihr Zimmer.

Zwei Jahre lang hatte sie sich um Morning View gekümmert und sich mit diversen Nebenjobs etwas dazuverdient. Aber in der ganzen Zeit war sie die einzige Bewohnerin gewesen, und da sie selbst kaum etwas brauchte, hatte sie kein sehr aufwendiges Leben geführt.

Doch Donovan Barrett dagegen war ein reicher Mann und Besseres gewöhnt. Er war der prominenteste Mensch, dem sie bisher begegnet war, und so würde sie ihr Bestes geben müssen.

Sie würde ihm Frühstück machen. Das gehörte zwar nicht zu ihrem eigentlichen Aufgabenbereich, aber noch gab es keine Köchin. Anna war zwar keine Meisterin am Herd, doch sie würde schon etwas halbwegs Genießbares zustande bringen.

So leise wie möglich eilte sie nach unten, um ihren neuen Chef nicht zu stören, falls er noch schlief. Erst als sie Geräusche hörte, ging sie schneller, huschte in die Küche und öffnete einen Schrank.

Etwa eine halbe Sekunde lang dachte sie daran, dass Donovan Barrett und sie die Nacht unter einem Dach verbracht hatten. Zwar in verschiedenen Flügeln der Villa, aber im Grunde waren sie beide allein im Haus gewesen. Ohne es zu wollen, sah sie sein dunkles Haar auf einem weißen Kissen.

Sie rutschte aus und stieß mit der Pfanne in ihrer Hand gegen den Herd.

„Hör sofort auf damit!“, befahl sie sich scharf. Der Mann war mindestens eine Nummer zu groß für sie. Er stammte aus einer vollkommen anderen Welt, war reich, gebildet und kam aus sogenannten besseren Kreisen, und … außerdem würde sie sich nie wieder mit Männern einlassen. Sie war naiv genug gewesen, Dreien ihr Herz anzuvertrauen, einschließlich ihres Vaters. Und jeder Einzelne hatte sie im Stich gelassen, ihr wehgetan und ihr die Selbstachtung genommen. Konnte es da etwas Dümmeres geben, als von einem Mann zu träumen, der in keiner Hinsicht zu ihr passte?

„Mach einfach nur Kaffee, Toast und Eier“, sagte sie. „Schenk den Orangensaft ein.“ Und das tat sie.

Einige Minuten später ließ sie das Omelett auf einen edlen Tiffany-Teller gleiten, stellte alles auf ein Tablett und ging los, um Donovan zu suchen.

Sie fand ihn im Wintergarten, wo er gedankenverloren den grünen Rasen und den See dahinter betrachtete.

Anna räusperte sich.

Als er sich umdrehte, versuchte sie zu ignorieren, wie attraktiv er war. Im schwarzen Haar zeigte sich ein erstes Grau, in den braunen Augen ein Anflug von Trauer.

Lass es, du Dummkopf, dachte sie streng. Sieh nicht hin. Du musst dich auf das Wesentliche konzentrieren. Darauf, dass du hier bleiben kannst. Dass du dir Mühe gibst, keine Fehler machst und so viel Geld, wie möglich zurücklegst. Das allein ist wichtig. Versuch nicht, Donovan Barrett zu analysieren, sondern bring ihn einfach dazu, dich weiterzubeschäftigen.

„Das Frühstück ist fertig“, verkündete sie und stellte das Tablett auf einen kleinen Tisch, an dem weiße Rattansessel standen.

Er zog eine aristokratische Braue hoch. „Ich dachte, Sie kümmern sich nur um das Haus und kochen nicht noch zusätzlich.“

„Als Haushälterin habe ich auch gekocht, jedenfalls für mich selbst.“

„Aber nicht für mich.“ Er warf ihr einen langen, forschenden Blick zu, und Anna fühlte sich durchschaut. Sie war heilfroh, dass sie nicht zum Erröten neigte.

„Sie haben mir zwei Wochen gegeben, aber mein Job bestand darin, sämtliche Türen und Fenster geschlossen zu halten und aufzupassen, dass die Wasserleitungen bei Frost nicht einfrieren und platzen. Jetzt, da Sie hier sind, habe ich praktisch nichts mehr zu tun. Deshalb beschäftige ich mich irgendwie. Ich kann das Frühstück auch wieder wegbringen.“

„Nein.“ Er machte eine abwehrende Handbewegung. „Sie haben sich die Mühe gemacht. Da werde ich es auch essen, aber in Zukunft möchte ich für meine Mahlzeiten eine andere Lösung finden.“

Verlegen betrachtete Anna das Omelett. „Es sieht vielleicht nicht so appetitlich aus, wie Sie es gewohnt sind, aber ich schwöre, ich habe es nicht vergiftet.“

Sie hob den Kopf, und ihr war, als wäre gerade der Hauch eines Lächeln über Donovans ernstes Gesicht gehuscht. „Ich glaube Ihnen“, erwiderte er. „Daher werde ich es riskieren, aber ich habe Sie nicht als Köchin eingestellt.“

Sie wollte ihm versichern, dass sie trotzdem kochen konnte, aber er würde bald feststellen, dass sie es nicht konnte.

„Ich werde eine Köchin für Sie finden“, versprach sie und klang leiser, als ihr lieb war. Warum war sie enttäuscht? Sie hatte von Anfang an gewusst, dass sie nicht für ihn kochen konnte, aber wenn er eine ausgebildete Köchin einstellte, waren ihre Aussichten auf einen Job noch geringer als jetzt schon.

Ich werde eine finden“, widersprach er. „Genauer gesagt, meine Assistentin in Chicago wird es tun. Sie brauchen keine zusätzlichen Aufgaben zu übernehmen.“ Er starrte sie an, und zwischen seinen Augen bildete sich eine Falte.

Anna wurde bewusst, dass sie sich nervös die Hände rieb.

„Hören Sie auf damit“, sagte er lauter als nötig. „Sie brauchen keine Angst vor mir zu haben. Ich werde Ihnen nichts tun.“ Er klang fast beschwörend.

Anna holte tief Luft und hob das Kinn. „Das habe ich nicht gedacht.“

Noch immer runzelte er die Stirn. „Sie brauchen nicht zu bleiben, wenn Sie nicht möchten. Ich kann Ihnen die zwei Wochen auch so bezahlen.“

Nein! Auf keinen Fall! Ich darf noch nicht gehen, denn wenn ich das tue, kann ich mich nicht unentbehrlich machen.

Sie sah ihn an. „Ich erwarte keine Almosen, Mr Barrett. Davon habe ich in meinem Leben genug bekommen. Ich bin nicht reich, aber ich bin auch nicht hilflos und verzweifelt. Sie haben gesagt, dass ich noch zwei Wochen für Sie arbeiten kann, und das habe ich auch vor.“

„Es wäre kein Almosen, sondern … ein Bonus für eine gute Leistung.“

„Da bin ich anderer Meinung.“ War sie zu selbstgerecht? Er wollte ihr doch nur einen Gefallen tun. „Ich bleibe gern und erledige alle Arbeiten, die im Haushalt anfallen. Es macht mir wirklich nichts aus. Ich werde Ihre Assistentin anrufen und ihr helfen, eine Köchin zu finden.“

„Ach ja, Sie kennen sich im Ort aus.“

„Das stimmt. Und ich fühle mich in Lake Geneva sehr wohl.“ Sicher, auch hier hatte sie schmerzhafte Zeiten durchlebt, aber sie hatte auch Anerkennung und Freundschaften gefunden und Wurzeln geschlagen. „An den Wochenenden wimmelt es in Lake Geneva von Touristen, aber es gibt nur etwa siebentausend Menschen, die das ganze Jahr hindurch hier wohnen, und die sind fast alle sehr nett. Ich kenne nahezu jeden und kann Ihnen versprechen, dass ich jemanden finden werde, der für den Job geeignet ist.“

„Ich brauche nicht viel. Wahrscheinlich werde ich nicht sehr oft zu Hause sein.“

Einmal mehr wurde Anna daran erinnert, dass Donovan Barrett aus einer vollkommen anderen Welt stammte. Er war auf Partys zu Hause, wo sich Frauen mit teurem Schmuck und eleganten Abendkleidern tummelten, Männer mit dem Duft von Geld und der Aura derjenigen, die sich alles leisten konnten, was sie wollten.

Sogar Babys.

Der Gedanke kam unerwartet. Anna ließ sich ihre getrübte Stimmung nicht anmerken, sondern behielt ihre ausdruckslose Miene bei. Schließlich war es nicht Donovans Schuld, dass sie keine eigenen Kinder bekommen konnte und noch nicht genug Geld hatte, um eines zu adoptieren.

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