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Bitte liebe mich

1. KAPITEL

“Jack, hörst du mir überhaupt zu?”

Jack Stillman versuchte, sich auf die Stimme seines Bruders am anderen Ende der Telefonleitung zu konzentrieren. “Klar, Derek.”

“Ich verlasse mich ganz auf dich”, sagte Derek im Ton des überlegenen älteren Bruders, der Jack jedes Mal zur Weißglut brachte.

Er lehnte sich in seinem Bürosessel zurück und legte die Füße auf den Schreibtisch. “Mach dir keine Sorgen. Ich bin in der Lage, den Laden am Laufen zu halten, solange du weg bist.”

“Dass du dazu in der Lage bist, weiß ich”, antwortete Derek trocken. “Ich zweifle nur an deinem Enthusiasmus. Es bereitet mir schlaflose Nächte.”

“Deine frischgebackene Ehefrau sollte das Einzige sein, was dir schlaflose Nächte bereitet.”

Derek lachte, und seine Stimme verriet Jack, dass sein Bruder nicht jede Minute seiner Hochzeitsreise damit verbrachte, an die Arbeit zu denken. “Du bist dir doch darüber im Klaren, was auf uns zukommt, Jack?”

“Und ob. Das Mäuschen von der Finanzbehörde taucht heute Nachmittag hier auf, die Telefonrechnung muss bezahlt werden, und morgen früh um zehn Uhr habe ich einen Termin bei Al Tremont. Alles unter Kontrolle, Bruderherz.”

“Da wir auf die Betriebsprüferin einen guten Eindruck machen wollen, solltest du sie nicht Mäuschen nennen.”

Jack seufzte.

“Sieht das Büro ordentlich aus?” erkundigte sich Derek.

Jack warf einen Blick auf die Pizzaschachtel, die seit gestern auf dem Schreibtisch lag. Daneben stapelte sich die leere Verpackung, die vorgestern chinesisches Essen enthalten hatte. Gegenüber den beiden Schreibtischen – Jack teilte das Büro mit Derek – sollte eigentlich ein Regal an der Wand stehen, doch es war zusammengebrochen; die Aktenordner und Bücher lagen auf dem Boden. Jack fragte sich, ob der kleine Basketballkorb, den er am Regal angebracht hatte und den er häufig benutzte, mit schuld an dem Unglück war. Die Post lag seit zwei Wochen ungeöffnet herum. Jack hob vorsichtig den Deckel der Pizzaschachtel an, entdeckte ein übrig gebliebenes Pizzastück und biss hinein. “Alles aufgeräumt”, sagte Jack ins Telefon, während er auf der zähen Pizza kaute.

“Gut. Bist du anständig angezogen?”

“Hm.” Jack blickte an sich hinunter. Das bunt geblümte Hemd hatte er während seines ausgedehnten Aufenthalts in Florida erstanden. Er zog die oberste Schreibtischschublade auf und griff aufs Geratewohl in die Krawattensammlung, die er dort für Notfälle hortete. Er förderte ein schwarzweiß gestreiftes Exemplar zu Tage und band es um.

“Warst du beim Friseur?”

Er fuhr sich durch sein widerspenstiges und zu langes schwarzes Haar und murmelte etwas Beruhigendes.

Derek atmete erleichtert auf. “Gibt es gute Entwürfe für Tremont?”

Ein Blick auf seinen Zeichenblock bewies Jack, dass dort nichts war, was man als Entwurf bezeichnen konnte. Er schnippte ein Stück Peperoni vom Papier. “Ich habe mich selbst übertroffen”, antwortete er.

“Prima. Was sind deine Ideen?”

“Hm … ich rufe dich an, sobald die Sachen vom Drucker zurück sind”, lenkte Jack ab.

“Gut. Du bist der Künstler”, erwiderte Derek und lachte. “Die Sache mit der Betriebsprüfung macht mich nervös, aber ich bin überzeugt, dass deine Entwürfe Tremont überzeugen werden. Wenn wir den Auftrag kriegen, gehören wir bald zu den ganz Großen im Geschäft.”

Jack fühlte sich schuldig. Das kalte Stück Pizza lag ihm wie ein Stein im Magen. “Ich weiß, Derek. Ich werde mein Bestes tun.” Er schaute auf die Uhr, die auf Dereks Schreibtisch stand, weil er seine Armbanduhr neulich beim Pokern verspielt hatte. Das Mäuschen vom Finanzamt würde in knapp einer Stunde hereinrauschen. “Hör zu, Bruderherz, ich muss was tun.”

“Ruf mich auf dem Handy an, falls die Betriebsprüferin irgendwelche Fragen hat, die du nicht beantworten kannst.”

“Mach ich. Gib Janine einen Kuss von mir, ja?” Jack legte auf, ehe Derek etwas erwidern konnte. Dann biss er noch einmal in das kalte Pizzastück und beförderte den Rest samt Schachtel schwungvoll in den überquellenden Abfalleimer. Er wischte seine Hände an seinen ausgefransten Jeansshorts ab und stand seufzend auf. Es war Zeit, mit der Arbeit anzufangen.

Er gähnte und tappte barfuß hinüber in die Abstellkammer. Um in die Leinenschuhe zu schlüpfen, blieb später noch genug Zeit. Jack schüttelte den Kopf, als er sah, wie akkurat alle Dinge in der Kammer geordnet waren. Derek hatte den Ordnungssinn der Mutter geerbt, während Jack mehr dem Vater nachgeraten war.

Jack dachte voller Liebe an seinen verstorbenen Vater. Noch jetzt wirkte sich sein Einfluss aus. Paul Stillman, immer gut gelaunt und großherzig, hatte einst einen Anhalter mitgenommen – und der war niemand anderes als Alexander Tremont, Inhaber einer bekannten Kaufhauskette. Während der gemeinsamen Fahrt war zwischen beiden Männern eine spontane Sympathie entstanden, und Tremont versprach Paul Stillman, an ihn und seine kleine Werbeagentur zu denken, sobald der Kontrakt mit der jetzigen Agentur auslief.

Vergangene Woche war Jack tatsächlich von Al Tremonts Sekretärin angerufen worden. Al bedauerte den Tod Paul Stillmans zutiefst, war aber trotzdem bereit, sein Versprechen einzulösen und vereinbarte einen Termin, um Vorschläge für eine neue Werbekampagne zu diskutieren. Derek, von Jack sofort informiert, war begeistert. Er wollte sogar seine Hochzeitsreise abbrechen, doch Jack konnte ihn davon abhalten, indem er ihm versicherte, er würde das Ding schon schaukeln.

Er wusste, dass er etwas Geniales präsentieren musste, um den Auftrag zu bekommen. Die Frage war nur, ob er die Energie dafür aufbrachte. Er hatte bereits ein wenig Vorarbeit geleistet und einige Bekannte über das Sortiment der tremontschen Kaufhäuser ausgefragt. Außerdem – waren es nicht immerhin noch vierundzwanzig Stunden bis zum Termin? Die besten Ideen kamen ihm ohnehin meist um drei Uhr morgens. Wozu also sich aufregen?

Jack legte einen Werkzeuggürtel um, und machte sich daran, das umgekippte Regal zu reparieren. Es war wesentlich wackliger, als er angenommen hatte, doch schließlich stand es wieder. Nun mussten die Ordner, Zeitschriften und Bücher einsortiert werden. Nach wenigen Minuten jedoch stieß Jack auf einen alten Bekannten – eine Ausgabe des Playboy mit einer Reportage über die besten Colleges im Süden der USA. Ein Eselsohr brachte ihn sofort zur Seite mit dem Artikel über die Universität von Kentucky, die er besucht hatte.

Schau einer an, dachte er. Da ist doch die Blondine, die ich bei irgendeinem Footballspiel kennen gelernt habe. Wie hieß sie noch? Sissy? Wir hatten eine nette Zeit …

“Verzeihung”, sagte eine weibliche Stimme.

Jack fuhr herum und schlug die Zeitschrift zu. In der Tür stand die faszinierendste Frau, die er jemals gesehen hatte. Bewundernd starrte er sie an. Sie war groß, schlank, mit klassischen Gesichtszügen und glattem schwarzem Haar, das zu einem eleganten Nackenknoten zusammengenommen war. Sie trug ein figurbetontes hellblaues Kostüm und musterte Jack kritisch mit ihren kühlen blauen Augen. In der rechten Hand hielt sie eine schwarze Aktentasche.

Wow! dachte Jack. Das Finanzamtsmäuschen ist eine Schönheit!

“Ja, bitte?” sagte er so charmant wie möglich. In Gedanken sah er sich mit ihr bereits im Restaurant, danach im Bett …

“Ich suche Mr. Stillman”, erklärte sie mit rauchiger Stimme.

“Sie haben ihn gefunden”, erwiderte Jack, warf die Zeitschrift auf einen Stapel und kam herüber.

“Sie sind Derek Stillman?”

“Nein, sein Bruder Jack. Ich sehe besser aus, aber Derek kann besser mit Zahlen umgehen. Er ist nicht da. Ich habe Sie erwartet.”

“Tatsächlich?” Sie blickte sich in dem unordentlichen Büro um. “Dann wissen Sie also, wer ich bin?”

“Klar. Derek und ich haben am Telefon gerade über das Meeting gesprochen.”

In diesem Moment kam ihm deutlich zu Bewusstsein, wie armselig das Büro zurzeit wirkte. Wahrscheinlich war das eher von Vorteil, denn so kam die Finanzamtsmaus nicht auf die Idee, dass Stillman & Sons womöglich Steuern hinterzogen. Wo kein Geld war, konnte man keins verstecken. “Wie Sie sehen, gehören wir nicht gerade zu den Topagenturen”, sagte Jack und grinste reuevoll. “Vor einem Monat wären wir beinahe bankrott gegangen. Im Moment halten wir uns gerade so über Wasser. Sie werden also nicht lange brauchen.”

“Das ist richtig”, entgegnete sie schneidend. “Was ich sehe, reicht mir.” Sie wandte sich zum Gehen.

“Was ist mit dem Termin?”

“Abgesagt.”

Erleichtert atmete Jack auf. Derek würde sich freuen, dass die Betriebsprüfung so glimpflich abgelaufen war. Allerdings hatte Jack nicht vor, seine Bekanntschaft mit dieser außergewöhnlichen Lady so rasch wieder zu beenden.

“Haben Sie’s wirklich so eilig?” fragte er und kam näher. “Es gibt immerhin einen Silberstreif am Horizont.” Sie drehte sich um. Jack gönnte ihr ein gewinnendes Lächeln. “Wie wär’s mit einem Dinner zu zweit?”

Sie hob eine Augenbraue. “Mit Ihnen?”

Er zwinkerte ihr zu. “Ich grille die besten Steaks.”

“Ich bin Vegetarierin.”

“Hm. Dann sagen wir, ich grille Ihnen ein paar Auberginen. Einverstanden?”

Sie verzog keine Miene. “Keinesfalls. Adieu, Mr. Stillman.”

“Warten Sie”, rief er und kam ihr barfuß hinterher. Im Vorraum befanden sich ein unbenutzter Schreibtisch, ein Telefon und ein ausgeschalteter Computer – der Arbeitsplatz der Empfangssekretärin, die es nicht gab.

Jacks Besucherin wandte sich erneut um. Ihre Miene war eisig.

Er streckte eine Hand aus. “Lassen Sie mir wenigstens Ihre Visitenkarte da, damit ich meinem Bruder beweisen kann, dass Sie hier waren.” Natürlich hatte er vor, sie anzurufen. Er würde sie herumkriegen, so wie er jede Frau um den Finger wickelte.

Die schwarzhaarige Schönheit zögerte, doch dann nahm sie ein vergoldetes Etui aus der Aktentasche, zog eine Visitenkarte heraus und legte sie mit spitzen Fingern auf den Schreibtisch neben die ungeöffnete Post, die sich dort stapelte. Daraufhin verließ sie das Büro. Jack blieb in der Tür stehen und sah ihr nach, wie sie mit langen Schritten davonging.

Er pfiff leise durch die Zähne. “Knackiger Po.” In bester Laune blickte er nach oben, wo das Firmenschild sozusagen nur noch am seidenen Faden hing und im Wind schaukelte. Es war Zeit, es endlich richtig zu befestigen – jetzt, nachdem die Betriebsprüfung vorbei war.

Außerdem war es Zeit, sich ein paar Gedanken über die Werbekampagne für Tremont zu machen. Jack ging davon aus, dass er den Auftrag quasi in der Tasche hatte. Daneben blieb genug Zeit, sich intensiv um eine nähere Bekanntschaft mit der kühlen Schönheit von vorhin zu bemühen. Er summte eine fröhliche Melodie und nahm im Vorbeigehen die Visitenkarte vom Tisch.

Als er den Namen las, stockte ihm der Atem: Alexandria Tremont, Leiterin der Werbeabteilung, Tremont Enterprises.

Während Alexa zu ihrem weißen Cabrio ging, schüttelte sie fassungslos den Kopf über Jack Stillmans Unverschämtheit. Schwungvoll riss sie die Fahrertür auf, stieg ein und ließ den Motor an.

Was fällt dem Typ eigentlich ein? dachte sie. Der Parkplatz, über den sie nun zur Straße holperte, war schäbig, genau wie die Bürogebäude in dieser Gegend. Alexa sah ein ungeputztes schwarzes Motorrad, das der Besitzer so schräg geparkt hatte, dass kaum jemand daran vorbeikam. Es hätte zu Jack Stillman gepasst.

Sie zögerte einen Moment, weil es herrlich gewesen wäre, an diesem schönen Herbsttag das Verdeck ihres Wagens aufzumachen, doch dann ließ sie es bleiben. Sie hatte keine Lust, im Büro erst wieder ihr Haar aufstecken zu müssen. Schade eigentlich, dass sie, seit sie den Sportwagen in einem Anfall von Übermut gekauft hatte, nur so selten mit offenem Verdeck fuhr.

Alexa wich einem Schlagloch aus und reihte sich in den Verkehr ein. Als sie an Jack Stillmans unmögliches Benehmen dachte, trat sie automatisch fester aufs Gaspedal. Der Mann sah gut aus, aber das erlaubte ihm noch lange nicht, sie anzumachen! Sie errötete, als sie an seinen prüfenden, anerkennenden Blick dachte. So eine Frechheit!

Der Typ hatte sich nicht einmal bemüht, auf einen potenziellen wichtigen Kunden einen guten Eindruck zu machen. Barfuß! In Shorts! Wenn Alexa etwas hasste, war es lässige Arroganz, die sich auf nichts gründete. Offensichtlich nahm Jack Stillman an, sie fiele auf seinen Charme herein. Da konnte er bei ihr lange warten.

Ihr Vater hatte zu Recht darauf bestanden, dass sie das Unternehmen von der Pieke auf kennen lernte. In den vergangenen fünfzehn Jahren hatte sie verdammt hart gearbeitet, um die Kollegen vergessen zu machen, dass sie die Tochter des Chefs war. Bereits als sie die Universität verließ, kannte sie die Firma in- und auswendig. Vor zwei Jahren war sie Leiterin der Werbeabteilung geworden, und nun bewarb sie sich um den frei gewordenen Posten des Marketingdirektors. Es gab noch andere Bewerber, doch sie wusste, dass sie aufgrund ihrer Leistungen gute Karten hatte. Ihr Vater würde stolz auf sie sein, falls sie von den anderen Direktoren gewählt wurde.

Dann würde vermutlich auch Schluss sein mit den ständigen Einmischungen ihres Vaters in ihre Entscheidungen. Die Sache mit Stillman & Sons war das perfekte Beispiel. Ihr, Alexa, oblag es, sich um einen neuen Kontrakt mit einer angesehenen Werbeagentur zu kümmern. Doch ihr Vater hatte entschieden, zuerst zu prüfen, ob man mit der wenig bekannten Agentur Stillman & Sons einig werden konnte – nur weil Al vor Jahren einmal ein Versprechen abgegeben hatte. Der alte Stillman war mittlerweile gestorben, doch Al beharrte stur auf seinem Wort.

Alexa blieb also nichts übrig, als sich mit einer Firma abzugeben, deren Inhaber während der Arbeitszeit den Playboy las und sich einbildete, auf Frauen zu wirken.

Aus der mittleren Armlehne nahm sie ihr Handy und tippte die Privatnummer ihres Vaters ein.

Er antwortete schon nach dem ersten Klingeln. “Hier ist Al.”

“Und hier ist Alexa”, antwortete sie. “Störe ich?”

“Natürlich nicht. Was gibt’s, meine Liebe?”

“Ich war gerade bei Stillman & Sons.”

“Wollte die Agentur nicht morgen um zehn jemanden schicken?”

Alexa wünschte bereits, sie hätte nicht angerufen. “Ich dachte, es sei nett, ihnen einen Höflichkeitsbesuch zu machen.”

“Und?”

“Die Agentur kannst du vergessen, Dad.”

“Wie kommst du zu diesem Schluss?”

“Der Laden ist heruntergekommen, und Jack Stillman macht keinen guten Eindruck. Der Mann hatte sogar den Nerv, mich anzumachen.”

Al Tremont lachte. “Er hat offenbar einen guten Geschmack.”

Alexa verdrehte die Augen. “Stillman & Sons sind außerdem nicht gut im Geschäft.”

“Hast du Referenzen gesehen?”

“Es schien mir die Sache nicht wert, danach zu fragen.”

“Ich habe aus vertrauenswürdiger Quelle gehört, dass die Agentur zwar klein ist, aber gute Arbeit leistet. Ich möchte sehen, was sie uns zu bieten haben. Außerdem, Alexa, haben wir auch mal klein angefangen.”

“Na schön”, lenkte sie ein. “Der Termin bleibt bestehen. Wir sehen uns morgen früh um zehn.”

“Einen schönen Tag, Sweetheart. Übrigens: Gloria möchte, dass du bald mal zum Dinner zu uns kommst.”

Alexa rümpfte die Nase. Die zweite Frau ihres Vaters war nicht ihr Fall. Sie gab eine vage Erwiderung, die Al als Zustimmung auffassen konnte, und verabschiedete sich. Als sie das Handy weglegte, fühlte sie sich wie immer hin- und hergerissen zwischen der Zuneigung zu ihrem Vater und dem Bedürfnis, als Führungskraft ernst genommen zu werden.

Allerdings, dachte sie, wird Jack Stillman schon selbst dafür sorgen, dass ich meinen Willen kriege und die Agentur in St. Louis beauftragen kann, die ich ausgesucht habe. Sie lachte. Wenn Al diesen Spielertyp kennen lernt, wird er zugeben, dass ich Recht hatte. Gute Chancen also für meine Wahl zur Marketingdirektorin.

Eigentlich musste sie Jack Stillman dankbar sein. Anscheinend hatte ihre Mutter doch Recht gehabt, wenn sie behauptete, nichts geschehe ohne Grund.

2. KAPITEL

“Derek bringt mich um”, sagte Jack laut und presste die Hände auf die Schläfen. In seinem Kopf wirbelten die Gedanken, und ihm war übel. “Er wird mich erschlagen.”

“Dann hoffe ich, dass Sie genug Bargeld bei sich haben.”

Jack sah auf. In der Tür stand eine füllige schwarze Frau um die Fünfzig. Sie trug eine weiße Hose und ein weißes T-Shirt, dazu eine Papiermütze mit der Aufschrift Tony’s. “Ist das Stromboli-Sandwich mit extra Käse für Sie?” wollte sie wissen.

Er nickte.

“Sechs Dollar vierzig.” Die Frau legte die Tüte mit dem Sandwich auf den Tisch und streckte ihre Hand nach dem Geld aus. Ihre Fingernägel waren mindestens zwei Zentimeter lang und grellgelb lackiert.

Jack seufzte, stand auf und holte seine Geldbörse. Dann blätterte er ihr acht Eindollarscheine hin und fügte einen neunten hinzu, als sie ihn mit hochgezogener Augenbraue ansah.

“Sind Sie hier das Mädchen für alles?” wollte sie wissen und wies auf den Werkzeuggürtel, den Jack um die Hüften trug.

“Mehr oder weniger”, murmelte er. “Die Firma gehört mir und meinem Bruder.”

“Dem Mörder?”

“Wie bitte?”

“Der Typ, der Sie umbringen wird – ist das Ihr Bruder?”

“Oh. Ja.”

“Und warum wird er Sie umbringen?”

Jack war irritiert, weil die Frau so neugierig war. “Das ist eine lange Geschichte.”

“Fangen Sie an. Sie haben Glück, denn das hier war meine letzte Lieferung für heute.” Sie lächelte, und Jack sah bemerkenswert weiße Zähne und nette Grübchen.

Sie hatte etwas vertrauenerweckend Mütterliches. Wahrscheinlich wollte sie nur freundlich sein. Jack hatte plötzlich Lust, sich seinen Kummer von der Seele zu reden. “Ich soll mich um die Firma kümmern, solange mein Bruder verreist ist. Aber ich habe Mist gebaut.”

“Inwiefern?”

“Ich erwarte eine Betriebsprüferin vom Finanzamt. Vorhin kam eine Besucherin, und ich nahm an, dass sie das sein müsste.”

“Und?”

“Es war aber eine potenzielle Kundin. Morgen früh hätte ich in ihrem Büro einen Termin gehabt, um eine neue Werbekampagne zu präsentieren. Es geht um Tremont’s, die Kaufhauskette.”

“Und?”

“Sagen wir, ich habe ihr den Eindruck vermittelt, dass unser Laden hier das Letzte ist.”

“Wer war die Frau?”

“Alexandria Tremont. Sie muss mit dem Besitzer der Kaufhauskette verwandt sein.”

“Sie ist seine Tochter.”

“Kennen Sie sie?”

Die Frau fuhr mit dem Zeigefinger über den Schreibtisch und blies den Staub, der daran haften blieb, fort. “Ich habe von ihr gehört. Mein Sohn arbeitet in der Herrenabteilung des Kaufhauses in der Webster Avenue. Er erzählt, die Lady mache einen guten Job.”

“Sie ist ein Eisblock”, murmelte Jack.

“Und sie soll todschick sein.”

“Mir ist sie zu dünn.”

“Außerdem ist sie ledig, berichtet mein Sohn.”

“Kein Wunder. Sie ist kalt wie eine Hundeschnauze.”

Die Frau taxierte den verwaisten Arbeitsplatz der Sekretärin. Ein Kalender wies immer noch April aus, der Computerbildschirm war dunkel, und der Tischlampe fehlte die Glühbirne. “Und dazu ist sie wahrscheinlich noch reich”, fuhr sie fort, “und kultiviert.”

Er erinnerte sich daran, dass Prinzessin Tremont ihn beim Lesen des Playboy überrascht hatte. “Auf mich hat sie keinen besonderen Eindruck gemacht”, behauptete er.

“Und was für einen Eindruck haben Sie auf Miss Tremont gemacht?” Die Frau warf einen Blick auf Jacks Shorts und seine bloßen Füße.

“Ich bemühe mich normalerweise nicht darum, den Leuten zu gefallen.”

Sie verschränkte die Arme über ihren üppigen Brüsten. “Sind Sie verheiratet?”

“Nein.”

“Das überrascht mich nicht.”

“Mein Bruder hat gerade geheiratet”, erwiderte Jack, als könne Derek dieses Manko ausbügeln. “Er ist in den Flitterwochen.”

“Wann erwarten Sie ihn zurück?”

“In zwei Wochen.” Jack rieb sich die Schläfen. “Derek wird mich umbringen, wenn er erfährt, dass ich das Geschäft mit Tremont verpatzt habe.”

Die Frau sichtete kurz den Poststapel. “Zuerst muss er Sie in all der Unordnung mal finden. Wo ist Ihre Sekretärin?”

“Wir haben keine.”

“Ich mache es”, sagte sie entschieden, nahm ihre Papiermütze ab und warf sie in den Abfalleimer.

Jack blinzelte. “Was machen Sie?”

“Den Job. Sie gehen zurück an Ihre Arbeit – übrigens könnten Sie gleich noch das Schild über dem Eingang befestigen –, und ich kümmere mich um den Kram hier.” Sie wies auf den vernachlässigten Schreibtisch und das Telefon, das gerade klingelte.

“Aber es gibt gar keinen Job”, wandte Jack ein.

Doch die Frau hatte bereits den Telefonhörer abgehoben. “Stillman & Sons”, meldete sie sich. “Was kann ich für Sie tun?”

Energisch ist sie, dachte Jack. Und sie hat eine angenehme Telefonstimme.

“Die unbezahlte Rechnung von der Druckerei Lamberley?”

Sie warf Jack einen fragenden Blick zu, und er schüttelte abwehrend den Kopf. Die Agentur hatte zurzeit einfach kein Geld.

“Wir schicken Ihnen heute Nachmittag einen Scheck”, flötete sie ins Telefon.

Nachdem sie aufgelegt hatte, herrschte Jack sie an: “Wir können es uns nicht leisten, diese Rechnung zu bezahlen!”

“Habe ich gesagt, über wie viel der Scheck ausgestellt wird?” fragte sie grinsend.

Jack grinste ebenfalls.

Sie drückte ihm die Sandwichtüte in die Hand. “Essen Sie das Zeug endlich.” Damit wandte sie sich dem Poststapel zu und begann Werbesendungen in den Müll zu befördern.

Jack starrte sie an. “Wer zum Teufel sind Sie?”

Sie blickte kurz auf. “Tuesday Humphrey, Ihre neue Sekretärin.”

Er fragte sich, ob sie vielleicht verrückt war. Allerdings blickten ihre Augen klar und ruhig. Was sie anpackte, tat sie kundig und gelassen. “Wir haben aber keine Stelle frei.”

“Weiß ich”, gab sie zurück. “Die Stelle wurde nämlich gerade besetzt.”

Das Telefon klingelte erneut. Sie nahm ab. “Stillman & Sons, was kann ich für Sie tun?” Mit ihrer freundlichsten Stimme sagte sie: “Mr. Stillman ist gerade in einer Besprechung mit einem Kunden, aber ich schaue, was ich für Sie tun kann. Einen Moment bitte.” Sie hielt die Sprechmuschel zu. “Das ist die Sekretärin von Alexandria Tremont”, flüsterte sie. “Sie bestätigt den Termin morgen früh um zehn.”

“Aber sie hat ihn doch gerade abgesagt.”

Tuesday nahm die Hand von der Sprechmuschel. “Mr. Stillman hat Miss Tremont dahin gehend verstanden, dass das Meeting abgesagt wurde. Nein? Bitte bleiben Sie am Apparat. Ich schaue nach, ob dieser Termin noch frei ist.”

Sie hielt die Sprechmuschel wieder zu. “Der Termin steht noch”, sagte sie zu Jack. “Nehmen Sie ihn wahr?”

Er nickte erleichtert.

“Ja, Ma’am”, wandte sie sich wieder an die Sekretärin. “Bitte teilen Sie Miss Tremont mit, dass sich Mr. Stillman auf ein ergebnisreiches Meeting freut. Vielen Dank für Ihren Anruf.” Sie legte auf und sortierte weiter Post. “Anscheinend bekommen Sie eine zweite Chance, die Tremonts zu beeindrucken.”

“Sieht so aus.”

“Worauf warten Sie?” forderte Tuesday ihn auf. “Wir haben beide eine Menge zu tun.”

Jack zögerte. “Eine Betriebsprüfung steht uns auch noch ins Haus.”

“Das haben Sie mir bereits gesagt.” Sie beförderte einen Katalog mit Sportkleidung in den Abfall.

Instinktiv streckte Jack die Hand danach aus. Er konnte einen neuen Wasserskianzug brauchen. Doch Tuesdays Gesichtsausdruck hielt ihn davon ab.

Na schön, dachte er. Sie kann hier nicht mehr Unheil anrichten als ich.

“Machen Sie, was Sie wollen”, sagte er deshalb. “Aber ich kann Sie nicht bezahlen.”

Daraufhin ging er nach draußen, um das Firmenschild zu befestigen. Es dauerte nicht lange, und das von seinem Vater gemalte Holzschild hing wieder ordentlich an seinem Platz.

Nostalgische, aber auch traurige Gefühle überkamen ihn, als er an seinen hochbegabten Vater dachte, der seiner Frau und seinen Kindern zuliebe die Malerei aufgegeben hatte, um als Werbegrafiker Geld zu verdienen.

Stillman & Sons hatten sich in Lexington bald einen Namen gemacht. Es war ein echtes Familienunternehmen. Die Mutter leitete das Büro, Derek kümmerte sich um die Finanzen, und selbst Jack übernahm hin und wieder kreative Aufträge, obwohl er die Firma immer abgelehnt hatte, weil sie seinen Vater seiner Meinung daran hinderte, seiner wahren Berufung nachzugehen.

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