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Bitte keine Nieten mehr

BETH ORSOFF

Bitte keine Nieten mehr

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Michaela Link

Zu diesem Buch

Die Anwältin Julie Burns hat es satt, darauf zu warten, dass der Mann fürs Leben irgendwann einmal vor ihrer Haustür auftaucht. Nach einer besonders schlechten Erfahrung fasst sie den Entschluss, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Schließlich müssten die allgemein anerkannten Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung doch auch für die Liebe gelten, oder? Je mehr Männer man kennenlernt, desto wahrscheinlicher ist es, dass »der Eine« unter ihnen ist. Julie lässt daraufhin nichts unversucht, möglichst viele Dates zu ergattern. Doch dass das vielleicht nicht die beste Idee ist, wird ihr nach dem ersten Katastrophen-Abend schnell klar. Bald muss sie sich eingestehen, dass es im Leben manche Dinge gibt, die sich nicht errechnen lassen … und dass die Liebe einen meistens genau dann findet, wenn man es am wenigsten erwartet.

Kapitel 1

Hochzeit des Schreckens

»Heirate mich«, sagte er.

Ich sah ihm in die wässrigen, braunen Augen. »Du bist betrunken.«

»Nein, bin ich nicht«, war alles, was er herausbekam, bevor er erneut rülpste und die Luft mit dem sauren Geruch von schalem Bier erfüllte. »Wenn du mir einen Korb gibst, wirst du es bereuen, vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber bald. Und dann für den Rest deines Lebens!«

Ich brauchte einige Sekunden, bis mir einfiel, wo ich diese Worte schon einmal gehört hatte. »Du kannst mir doch keinen Antrag mit Worten machen, die du aus Casablanca gestohlen hast. Und außerdem ist das die Ansprache, die Humphrey Bogart Ingrid Bergmann hält, um sie davon zu überzeugen, ihn nicht zu heiraten.«

»Oh«, sagte er nur, bevor er die Augen schloss und den Kopf wieder auf den Tisch legte, seinen Ruheplatz der vergangenen halben Stunde.

Der Empfang meiner Cousine Sharon war typisch für eine große jüdische Hochzeit. Eine formelle Angelegenheit mit mehr als zweihundert Gästen, die alle bald betrunken waren und bei der die über Vierzigjährigen überall im Raum Samba tanzten. Ich war eine von neun Brautjungfern. Die einzige, die kein Date mitgebracht hatte. Deshalb saß ich am Ende neben Peter, dem vierzehnjährigen Bruder des Bräutigams. Er hatte auch kein Date. Aber zumindest hatte er eine gute Ausrede. Er war noch nicht alt genug, um seine Freundin zu der Hochzeit zu fahren.

Trotz der vielen Leute verbrachte ich den Großteil des Abends damit, mich an meinem Tisch zu verstecken. Es war der einzige Platz, an dem jemand, der so gekleidet war wie ich, nicht auffiel. Ich trug ein blaugrünes Polyesterkleid mit Schulterpolstern – groß genug für einen Footballspieler – und mit mehr Tüll, als man für ein Tutu brauchte. Als der Vierzehnjährige jedoch so aussah, als könnte er sich jeden Moment übergeben, beschloss ich, mein Glück woanders zu versuchen. Selbst Verhöre durch meine Verwandten waren besser, als vollgekotzt zu werden.

Ich war erst drei Meter weit gekommen, als jemand quer über die Tanzfläche meinen Namen rief. Automatisch drehte ich mich um. Rose, die Tante meiner Mutter, winkte mir zu. Es war zu spät, um noch in die andere Richtung zu laufen. Wir hatten bereits Blickkontakt hergestellt.

Tante Roses weißblondes Haar funkelte im Licht des Kronleuchters, als sie sich in ihrem mit schwarzen Pailletten bedeckten Cocktailkleid durch den Raum schob, meinen Onkel Ed im Schlepptau. »Julie, Liebes«, sagte sie und ergriff meine Hände, »wo bist du gewesen? Wir haben den ganzen Abend nach dir gesucht.«

Auf der Flucht vor meiner Familie. »Ich bin nur zwischen den anderen blaugrünen Ballerinen untergegangen«, antwortete ich.

»Mach dich nicht lächerlich, Liebes, diese Kleider sind wunderschön. Findest du nicht auch, Ed?«

»Wunderschön«, bestätigte Ed, der sich mit seinem Taschentuch das gerötete Gesicht abtupfte.

»Also, erzähl uns, wie es dir geht, Liebes«, bat Tante Rose. »Ich glaube nicht, dass wir dich seit der letzten Hochzeit gesehen haben. Wessen Hochzeit war das noch mal?«

»Madelines.«

»Richtig.« Sie ließ meine Hände los, um mit ihren den Worten mehr Nachdruck zu verleihen. »Dein armer Onkel Jerry – zwei Hochzeiten gleich nacheinander stemmen zu müssen.«

Ich nickte mitfühlend. Insgeheim hatte ich gehofft, dass Sharon wenigstens so lange warten würde, bis ich jemanden gefunden hatte, den ich zu ihrer Hochzeit hätte mitnehmen können.

»Natürlich ist Joan begeistert, dass ihre beiden Töchter jetzt unter der Haube sind. Und beide noch unter dreißig. Wie alt bist du jetzt, Liebes?«

»Zweiunddreißig«, sagte ich und zwang mich zu einem Lächeln.

»Keine Sorge, Liebes. Deine Zeit wird kommen.«

»Julies Zeit sollte besser bald kommen, sonst geht sie hinterher leer aus.« Ich erkannte diese höhnische Stimme, noch bevor ich auf meinen ebenfalls blaugrünen Schuhen herumwirbelte und mich meiner Schwester Deborah gegenübersah. Irgendwie hatte sie es geschafft, sich von hinten anzuschleichen. Keine leichte Aufgabe für jemanden mit einem Hüftumfang von mehr als hundertzwanzig Zentimetern.

»Wovon redest du?«, gab ich zurück. »Frauen können noch mit Anfang vierzig Kinder bekommen. Meine Uhr ist noch lange nicht abgelaufen.« Ich hatte mir diese Statistik im vergangenen Jahr so oft selbst vorgebetet, dass ich tatsächlich daran zu glauben begann.

»Nur wenn du allein ein Kind kriegen willst«, sagte Deborah und grinste hämisch. »Wenn du vorher auch heiraten willst, musst du das tun, bevor du fünfunddreißig bist.«

»Woher willst du das denn wissen?«

Deborah hatte direkt nach dem College geheiratet und seither ein Baby nach dem anderen produziert. Sie war nur vier Jahre älter als ich, aber sie hatte bereits drei Kinder.

»Ich habe Modern Woman gelesen«, entgegnete sie, ging aber schnell wieder in den Angriffsmodus über. »Diesen Monat haben sie einen großen Artikel über all die ledigen Frauen über fünfunddreißig rausgebracht, die keinen Ehemann finden. Hast du gewusst, dass es zehn Millionen mehr ledige Frauen über fünfunddreißig gibt als ledige Männer?« Deborah drehte sich zu Tante Rose um. »Offensichtlich denken die wenigen verbliebenen ledigen Männer, dass Frauen, wenn sie erst mal fünfunddreißig sind, nur noch heiraten und Kinder kriegen wollen. Sie gehen nicht einmal mehr mit ihnen aus.«

»Das hast du dir bloß ausgedacht.« Zumindest hoffte ich das.

»Es ist wahr, kleine Anwältin. Lies es nach.«

Bevor ich Deborah sagen konnte, sie wäre lediglich eifersüchtig, weil ich schlank war und eine Karriere hatte, sie hingegen fett war und keine hatte, stimmte der Bandleader eine gefühlvolle Version von »You Light Up My Life« an, und Deborah machte sich auf die Suche nach ihrem Mann. Es war schließlich ihr Hochzeitssong.

»Ignorier sie einfach, Liebes«, bemerkte Tante Rose, als Deborah außer Hörweite war. »Männer lieben Frauen, die Karriere machen.« Sie beugte sich zu mir vor. »Sie denken, wenn eine Frau selber Geld hat, dann wird sie nicht das ganze Geld ihres Mannes ausgeben.«

Ich schaute zu meinem Tisch hinüber und sah, dass der Vierzehnjährige jetzt der Länge nach über seinem und meinem Stuhl lag. Wenn ich nicht mit noch weiteren Verwandten reden wollte – und das wollte ich nicht –, fiel mir nur ein einziger Ort ein, an den ich gehen konnte. Ich verabschiedete mich von Tante Rose und Onkel Ed und machte mich auf den Weg zur Damentoilette.

Ich hatte es noch nicht einmal ganz an der Polonaise vorbeigeschafft, als Onkel Jerry mich entdeckte und in meine Richtung stolperte. Seine Fliege hing lose herunter, aber jedes seiner perfekt frisierten grauen Haare klebte noch an seinem Platz, dank der Hilfe seiner Schwägerin Maureen. Onkel Jerry war der Gastgeber, daher fühlte ich mich verpflichtet, stehen zu bleiben.

»Hallo, Schätzchen«, sagte Maureen mit der für sie typischen unaufrichtigen Nettigkeit. »Amüsierst du dich?«

»Wehe, wenn nicht«, lallte Onkel Jerry. »Weißt du, was diese Hochzeit mich kostet?«

»Sie ist großartig, Onkel Jerry. Sharon sieht wunderschön aus.« Dreißig Sekunden Geplauder, und ich würde meiner Wege gehen.

»Ich weiß«, erwiderte er und verlagerte den Arm von Maureens Schulter auf meine. »Ich kann nicht glauben, dass mein Baby nun verheiratet ist. Weißt du, nach Madelines Hochzeit dachten wir alle, du würdest die Nächste sein. Ich habe sogar auf dich gewettet.«

Klasse, jetzt war ich so etwas wie ein Rennpferd.

»Nein, Jerry«, korrigierte Maureen ihn. »Das war vor zwei Hochzeiten. Seit ihr Freund sie verlassen hat, ist Julie aus dem Rennen.«

Nach ähnlich aufbauenden Gesprächen mit einer weiteren Großtante und zwei entfernten Cousinen schaffte ich es endlich in die Damentoilette. Ich setzte mich in der kalten Marmorkabine hin und zwang mich, nicht zu weinen – sonst würde meine Mascara verlaufen, und alle würden wissen, dass ich geweint hatte. Das wäre noch schlimmer, als all meine Verwandten sagen zu hören, sie könnten einfach nicht glauben, dass ein kluges, attraktives Mädchen wie ich keinen Mann zu finden vermochte.

Mit Ausnahme von Tante Rose betrachtete die ältere Generation den Umstand, dass ich Anwältin war, eher als Belastung denn als Gewinn. Es bedeutete, dass ich zu viel Zeit in meine Karriere investierte und nicht genug in die vorrangige Aufgabe, nach einem Ehemann Ausschau zu halten.

Nach zehn Minuten tiefer, reinigender Atemzüge stand ich auf, um die Toilettenkabine zu verlassen, als ich Maureens unechtes Lachen und eine weitere Stimme hörte, die ich nicht erkannte. Ich zog mein Kleid wieder hoch und setzte mich wieder. Ein kalter Toilettensitz war immer noch besser als ein weiteres Gespräch mit Maureen.

»Wer war die Frau, mit der du und Jerry eben gesprochen habt?«, fragte die andere Stimme.

»Welche?«, antwortete Maureen. »Jerry war überall.«

»Die Brautjungfer«, sagte die andere Stimme. »Die Kleine mit dem dunklen Haar und dem großen Vorbau.«

»Das war Julie, Jerrys Nichte. Sheilas und Phils Tochter. Ich werde Jerry fragen müssen, ob sie sich eine Brustvergrößerung hat machen lassen. Die Dinger sind definitiv nicht echt.«

Brustvergrößerung. Hatte noch nie jemand von einem Push-up-BH gehört?

»Ist sie mit jemandem hier?«, fragte die andere Stimme weiter.

»Nein«, erwiderte Maureen. »Warum?«

»Ich dachte, dass sie für meinen Bruder perfekt wäre. Er hat gerade mit seiner Freundin Schluss gemacht, und er steht auf diese niedlichen Frauentypen.«

Warum werden kleine Frauen immer als niedlich beschrieben? Warum sind wir niemals schön? Dann schaute ich auf mein blaugrünes Kleid hinunter und begriff, dass ich in diesem Outfit für jedes Kompliment dankbar sein sollte.

»Ich denke nicht, dass dein …« Irgendjemand wählte gerade diesen ungünstigen Moment, um die Toilette zu spülen, was mich vorübergehend daran hinderte, zu lauschen. Als das Rauschen vorüber war, hörte ich Maureen sagen: »Ihr Ex schreibt für diese Fernsehserie, Legal Love

»Welche ist das?«

»Die am Freitagabend über die Anwältinnen, die ihre Jobs lieben, aber keinen anständigen Mann finden können.«

»Die Serie habe ich einmal gesehen. Ich fand sie gut.«

»Das ist sie auch.« Maureen senkte die Stimme, aber sie sprach immer noch laut genug, dass ich sie hören konnte. »Angeblich ist Julie das Vorbild für die Figur der Ilene, die von ihrem Freund betrogen wird und es nicht mitkriegt.«

Jetzt reichte es. Ich stürmte aus der Kabine und mitten in den Raum hinein. »Ich bin nicht Ilene, ich bin Susan. Die, die mit all den scharfen Männern ausgeht und ihnen den Laufpass gibt, sobald sie sich in sie verlieben.«

Maureen stand wie erstarrt da, den Mund geöffnet, den Lippenstift fünf Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt. Die andere Stimme, eine blasse, unscheinbare Frau, schnappte nach Luft. Die beiden anderen Frauen im Raum, die ich glücklicherweise nicht kannte, glotzten mich nur an.

Ich rannte zur Tür hinaus, bevor irgendjemand sich hinreichend erholt hatte, um zu reagieren.

Kapitel 2

Dann eben Wodka

Es dauerte nur wenige Sekunden, bis mein Zorn sich in Tränen verwandelte. Trotz allem, was ich Maureen gesagt hatte, lag sie richtig. Ich war tatsächlich diejenige, die von ihrem Freund betrogen worden war und es nicht gewusst hatte. Zwar konnte ich die Geschichte nicht umschreiben, aber ich konnte meinen Verwandten aus dem Weg gehen, und ich wusste mit Sicherheit ein Mittel, um meinen Schmerz zu betäuben.

Die Hotelbar war perfekt – dunkel, still und fast leer. Die einzigen anderen Gäste waren ein Pärchen an einem Tisch am Fenster und ein Mann mittleren Alters, der an der Ecke vom Tresen saß. Ich ging ans andere Ende und setzte mich.

Der hochgewachsene, dunkelhaarige Barkeeper legte seine Zeitschrift beiseite und kam auf mich zu. »Kann ich Ihnen helfen?«

»Einen Cranberry-Martini, bitte.«

»Ist alles okay?«, fragte er und beobachtete mich, als ich versuchte, meine Tränen mit dem Ärmel meines Kleides abzutupfen.

»Alles bestens.«

»Sind Sie sicher?«

»Ja«, antwortete ich. »Danke.«

»Sie wissen, dass die Drinks auf der Hochzeit kostenlos sind, oder? Für die hier müssen Sie bezahlen.«

»Bringen Sie mir einfach den Martini, okay?«

Er verstand den Fingerzeig und kehrte zwei Minuten später mit einem hohen Glas mit pinkfarbener Flüssigkeit darin zurück, das er vor mich hinstellte. »Zehn fünfzig.«

Erst als ich meine Handtasche öffnete, wurde mir klar, dass ich kein Geld dabei hatte. Nur einen Lippenstift, ein benutztes Papiertaschentuch und meine Schlüsselkarte. »Kann ich es auf das Zimmer schreiben lassen?«

»Sicher.« Er reichte mir eine Quittung. »Notieren Sie einfach Ihre Zimmernummer und unterschreiben Sie hier.«

Mit meinem Drink ging ich an einen freien Tisch in der Nähe der Tür. Der Mann in mittleren Jahren dachte offenbar, ich wollte damit signalisieren, dass ich mir Gesellschaft wünschte.

»Darf ich?«, fragte er mit einem starken texanischen Akzent. Seine Hand hatte er auf den Stuhl mir gegenüber gelegt. Das war der Moment, in dem ich die Cowboystiefel bemerkte und die silberne Gürtelschnalle in Pferdeform.

Was musste ein Mensch tun, um ein wenig Zeit für sich allein zu haben? »Mir wäre es wirklich lieber, wenn Sie das nicht täten.«

Er setzte sich trotzdem. »Bill Engel.« Er streckte die Hand aus.

Ich schüttelte sie lahm. »Hören Sie, Bill, nichts für ungut, Sie sind bestimmt ein netter Typ, aber ich wäre jetzt lieber allein.«

»Kommen Sie schon, Missy. Sie können jederzeit allein sein. Dies ist Ihre einmalige Gelegenheit, mich kennenzulernen. Was denken Sie, wie viele Cowboys es in New Jersey gibt?«

»Nicht allzu viele, schätze ich, aber ich bin wirklich nicht interessiert.« Ich wollte nicht unhöflich sein, aber von Geselligkeiten hatte ich genug für einen Abend. Ich griff nach meinem Drink und kehrte zu meinem Barhocker in der Ecke zurück.

Cowboy Bill folgte mir.

Ich leerte mein Martiniglas mit zwei großen Schlucken und bat den Barkeeper um einen weiteren. Als er die Quittung auf die Theke legte, schnappte Cowboy Bill sie sich.

»Ich übernehme das«, erklärte er.

»Nein.« Ich riss ihm die Quittung wieder aus der Hand. »Ich kann meinen Drink schon selbst bezahlen, danke.« Dieser Bursche sollte nicht denken, dass ich ihm etwas schuldete; das war das Letzte, was ich wollte.

»Warum stellen Sie sich denn so an?«

Der Alkohol wirkte noch nicht, und Ärger brodelte in mir hoch. »Wenn Sie mich nicht in Ruhe lassen, rufe ich die Polizei.«

»Was glauben Sie, was die Polizei tun wird? Ich habe Sie nicht mal angerührt.« Wie von Zauberhand war der Akzent verschwunden.

»Dann verklage ich Sie wegen Belästigung.«

»Was sind Sie, eine dieser zickigen New Yorker Anwältinnen?«

»Nein, ich bin eine dieser zickigen Anwältinnen aus L.A.«

Der Barkeeper unterbrach uns. »Wie wäre es, wenn ich Ihnen ein Taxi rufen würde, Mr. Engel?«

»Ich brauche kein Taxi«, sagte Cowboy Bill. »Ich kann einiges vertragen.« Dann kippte er den Rest seines Biers hinunter, ließ das Glas auf den Tresen krachen und stapfte hinaus.

»Danke«, sagte ich zu dem Barkeeper.

»Kein Problem, kleine Lady«, sagte er mit seinem eigenen Südweststaaten-Tonfall.

Ich musste lachen. »Was war denn mit dem Akzent dieses Typen los? Mir ist noch nie jemand aus Texas begegnet, der ihn einfach so an- und abstellen konnte.«

»Er kommt nicht aus Texas«, erwiderte der Barkeeper. »Er kommt aus Trenton. Er spielt einfach gern den Cowboy.«

»Warum?«

Der Barkeeper zuckte die Achseln. »Zu viele Wiederholungen von Tombstone im Fernsehen?«

»Val Kilmer war großartig in diesem Film.«

»I’m your huckleberry«, sagte er und tippte sich an einen imaginären Cowboyhut, und wir lachten beide.

Ich hatte bereits ein schlechtes Gewissen. »Tut mir leid wegen vorhin. Der Abend läuft einfach mies für mich.«

»Dachte ich mir. Keiner mit so einem Lächeln wie Ihrem kann durch und durch schlecht sein.«

»Danke«, murmelte ich in meinen Drink, während ich gegen ein weiteres Grinsen ankämpfte. Als ich mein zerfleddertes Papiertaschentuch aus der Handtasche zog und es noch einmal zum Naseputzen verwenden wollte, griff der Barkeeper unter die Theke und reichte mir einen Stapel Cocktailservietten.

»Danke«, sagte ich noch einmal und versuchte verzweifelt, mir einen witzigen Nachsatz auszudenken. Nach zehn Sekunden des Schweigens gab ich es auf und fragte: »Und woher wissen Sie, dass ich zu der Hochzeit gehöre?«

»Das Kleid.« Er deutete mit dem Kinn auf mein Gewand. »Ich kenne keine Frau auf der Welt, die eins dieser Dinger freiwillig tragen würde.«

Ein Mann mit Sinn für Mode. Er musste schwul sein.

»Und nein«, fügte er hinzu, »ich bin nicht schwul.«

»Das habe ich auch nicht gedacht«, log ich.

»Aber die meisten Frauen würden das denken. Ich habe keine Ahnung von Damenmode, aber ich weiß, dass jede Frau, der ich je begegnet bin, Brautjungfernkleider hasst.«

»Darauf trinke ich«, erklärte ich und leerte meinen zweiten Martini. Er schenkte mir noch einen ein. Dieser schmeckte hauptsächlich nach Wodka. Ich begann, das angenehme warme Glühen zu spüren, und wollte nicht, dass es aufhörte.

Kapitel 3

Nach Hause

Das Nächste, woran ich mich erinnerte, war der Weckanruf des Hotels um neun Uhr morgens. Der Brunch war für zehn Uhr angesetzt. Im Moment konnte ich gut ohne Essen leben. Ich rollte mich auf die Seite und schlief wieder ein.

Um zehn Uhr fünfzehn klingelte das Telefon erneut.

»Wo bist du?«, donnerte die Stimme meiner Mutter durch den Hörer. »Alle fragen nach dir.«

»Sag ihnen, dass ich mich nicht gut fühle und nicht kommen werde.«

»Jeder wird dann denken, du wärst verkatert«, entgegnete meine Mutter in eindeutig anklagender Absicht.

»Dann sag ihnen, ich sei verkatert und käme nicht.«

»Na schön«, antwortete sie. »Ich überlege mir eine Entschuldigung. Aber dein Vater will um zwölf zum Flughafen aufbrechen, also sorg dafür, dass du bis dahin fertig bist.« Klick. Sie hatte einfach aufgelegt.

Mit pochendem Schädel lag ich auf dem Bett und versuchte, die Einzelteile zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Ich war allein, lag auf der Bettdecke und steckte immer noch in meinem Brautjungfernkleid. Das war ein gutes Zeichen. Keine Strumpfhose, aber ich erinnerte mich undeutlich daran, das Ding früher am Abend im Badezimmer ausgezogen zu haben.

Ich hatte noch meinen Slip an, aber mein BH fehlte. Das war eigenartig. Ich musste ihn im Laufe der Nacht ausgezogen haben. Das Letzte, woran ich mich erinnerte, war das Gespräch mit dem süßen Barkeeper. Ich hoffte, dass ich mich einfach betrunken hatte, nach oben gegangen und eingeschlafen war. Wenn irgendetwas anderes passiert war, würde ich früher oder später davon hören. Das war immer so.

Nach zwei Aspirin und drei kleinen Flaschen Wasser fühlte ich mich wohl genug, um zu duschen und mich anzuziehen. Gegen Mittag war ich fertig, aber ich hatte noch nicht gepackt. Also warf ich alles aus Kommode und Schrank einfach unordentlich in meinen Koffer. Ich würde mich darum kümmern, wenn ich nach Hause kam.

Schlag zwölf (meine Eltern sind zumindest pünktlich) klopfte mein Dad an die Tür meines Hotelzimmers. Meine Mom hatte ihn nach oben geschickt, um mich zu holen, während sie unten in der Lobby blieb und sich von allen verabschiedete, von denen sie sich verabschieden musste. Wenn man verheiratet ist, kann anscheinend ein Partner alle gesellschaftlichen Verpflichtungen im Namen beider Partner erledigen und damit den anderen für die banaleren Angelegenheiten freistellen. Kein Wunder, dass ledige Menschen so beschäftigt sind. Wir müssen alles allein regeln.

Sobald der Mann vom Parkservice die Autotür hinter meiner Mom geschlossen hatte, richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf mich.

»Wo bist du gestern Nacht gewesen?«

»Mit dir und Dad auf der Hochzeit«, antwortete ich. »Erinnerst du dich?«

»Sei nicht so oberschlau«, sagte mein Dad, lächelte mich aber im Rückspiegel an.

»Wir haben nach dir gesucht«, fuhr meine Mom fort. »Du hast eine richtige Szene versäumt. Peter, der jüngere Bruder des Bräutigams, hat den ganzen Abend lang Bier geklaut und ist unterm Tisch ohnmächtig geworden. Niemand hat überhaupt bemerkt, dass er fehlte, bis er aufgewacht ist, als die Torte gerade angeschnitten wurde. Er hat sich über den ganzen Tisch erbrochen. Die Trauzeugen des Bräutigams mussten ihn mit einem Eiskübel unterm Kinn hinaustragen.«

Ich war gerade rechtzeitig entflohen.

Meine Mom redete weiter: »Natürlich war das seinen Eltern tödlich peinlich. Sharon sagte, sie hätte gedacht, du würdest auf ihn aufpassen, aber du warst nirgends zu finden.«

»Ich bin doch nicht sein Babysitter. Ich habe lediglich am Tisch neben ihm gesessen.«

»Wo warst du, als die Torte angeschnitten wurde?«

»Ich muss wohl gerade den Raum verlassen haben. Ich war müde, daher bin ich ein wenig früher nach oben gegangen.«

»Deine Schwester hat gesagt, du bist wütend auf sie geworden, als sie versuchte, mit dir zu reden. Sie hat mir erzählt, du hättest auch Maureen angeschrien.«

Sechsunddreißig Jahre alt, und noch immer verpetzte mich Deborah bei Mom. »Mom, können wir bitte ein andermal darüber reden?« Ich mochte mein Liebesleben (oder dessen Fehlen) nicht einmal unverkatert mit meiner Mutter besprechen.

»In Ordnung«, antwortete sie. »Ich wollte nur sagen, dass du nicht jedes Mal so verstimmt sein kannst, wenn du auf eine Hochzeit gehst.«

»Ich bin nicht jedes Mal verstimmt, wenn ich auf eine Hochzeit gehe«, widersprach ich und scheiterte bei dem Versuch, ruhig zu bleiben. »Ich bin verstimmt, wenn alle mich drangsalieren, dass ich heiraten soll.«

»Nun, du weißt, Liebes« – jetzt kam es – »du wirst nicht jünger …« Lautlos sprach ich ihre Worte mit.

An diesem Punkt machte mein Dad zum zweiten Mal in dieser Stunde den Mund auf. »Du weißt, was die Alternative zum Altern ist, nicht wahr?«

Die rhetorische Lieblingsfrage meines Dads. Ich schaute zum Fenster hinaus und sah das erste Schild für den Newark Airport. Nur noch drei Kilometer. Gott sei Dank.

Kapitel 4

Und so begann es

Ich war einfach nur froh, endlich im Flugzeug zu sitzen. Die Fluglinie könnte sogar mein Gepäck verlieren, und es würde mir egal sein. Mein Wochenende der Demütigung war vorüber, und ich hatte fünf Stunden Zeit, um den neuen Roman von Jennifer Weiner zu lesen, den ich auf dem Hinflug angefangen hatte. Diesmal hatte ich einen Gangplatz, und die Frau neben mir hörte Musik auf ihrem iPod, also konnte mir nichts passieren.

Als ich gerade in der Schlange vor der Toilette stand, hörte ich, wie jemand sagte: »Mann, ist dieses Flugzeug aber voll.« Ich drehte mich um und sah einen mageren Typen mit ziemlich hohen Geheimratsecken zu mir herunterlächeln.

»Es ist Sommer«, antwortete ich und wandte mich wieder ab, um auf dem Videomonitor das Ende einer Wiederholung von Das Büro zu schauen.

»Haben Sie die Folge schon gesehen?«, fragte der magere Typ.

»Ja«, antwortete ich, »aber sie ist mit Ton noch witziger.«

Er nickte. »Ich bin übrigens John.«

Ich stellte mich vor, und wir setzten das bedeutungslose Flugzeuggeplauder fort, bis die Toilettentür geöffnet wurde.

John war nicht in Sicht, als ich zu meinem Sitz zurückkehrte und mich glücklich wieder an die Lektüre meines Buches machte.

Fünf Minuten später hörte ich: »Und, wohnen Sie in L.A.?«

John stand neben mir im Gang. Ich steckte einen Finger zwischen die Seiten in meinem Buch. »Ja«, sagte ich. »Und Sie?«

»Ich bin gerade dort hingezogen.«

Ich nickte und wandte mich wieder meinem Buch zu. Eins garantiere ich: Hätte ich diesen Mann auch nur im Mindesten interessant gefunden, dann hätte er nicht mit mir geredet. Es war mein kosmisches Karma. Glück bei der Parkplatzsuche, Pech in der Liebe.

»Sind Sie dort aufgewachsen?«, beharrte er.

»Nein«, erwiderte ich. »Ich stamme ursprünglich aus New Jersey. Vor zehn Jahren bin ich nach L.A. gezogen.« Vielleicht würde er, wenn ich ihm keine Gegenfragen stellte, dahinterkommen, dass ich nicht interessiert war.

»Ich selbst komme aus New York«, sagte er.

Ich nickte. War es zu unhöflich, wenn ich weiterlas, während er redete? Ich grübelte immer noch über diese Frage nach, als John sich mitten im Gang hinsetzte. Die Leute in der Nähe starrten ihn nur an, wie ich auch. Sicherlich verstieß dieses Verhalten gegen irgendeine Fluglinienvorschrift.

Ich sah zu dem Mann hinüber, der auf der anderen Seite des Gangs saß. Ich war mir beinahe sicher, dass er jedes Wort mithörte, aber er hielt den Blick auf sein Kreuzworträtsel gerichtet. Die Frau zu meiner Rechten nahm ihr Headset ab. Als ich sie ansah, lächelte sie nur und zog eine Zeitschrift aus der Sitztasche vor ihr.

»Und was machen Sie in L.A. denn so am liebsten?«, fragte John.

Wollte dieser Typ mich ernsthaft zu einem Date einladen? War ihm nicht klar, dass all die Leute hier zuhörten? Anscheinend war mein Wochenende der Demütigung doch noch nicht ganz vorüber.

»Oh, die üblichen Dinge. Filme, Strand, Rumhängen mit meinen Freunden.« Such dir einfach eines davon aus und bring es hinter dich!

»Ich mag Filme«, entgegnete er. »Ich könnte Sie irgendwann mal anrufen, und dann sehen wir uns zusammen einen Film an.«

»Sicher.« Ich war immer noch nicht interessiert, aber ich konnte den Mann nicht einfach vor versammeltem Publikum zurückweisen. Das wäre zu grausam. Ich würde ihm später einen Korb geben, unter vier Augen.

»Wie wäre es, wenn Sie mir Ihre Nummer geben?«, fragte er.

»Ich habe keinen Stift«, antwortete ich und hoffte, dass er auch keinen hätte.

Bevor er reagieren konnte, riss der Mann auf der anderen Seite des Gangs die Ecke von seinem Kreuzworträtsel ab und reichte sie John zusammen mit seinem Stift.

Und ob er zugehört hatte.

Am Gepäckkarussell wartete ich auf meinen Koffer und auf meine Freundin Kaitlyn, die versprochen hatte, mich abzuholen. Kaitlyn würde leichter zu entdecken sein als mein schwarzer Koffer. Mit ihrer wallenden roten Mähne und ihren mindestens zehn Zentimeter hohen Absätzen fiel sie in jeder Menschenmenge auf.

»Na, wie war das Wochenende?«, fragte Kaitlyn nach einer schwer parfümierten Umarmung. »Ich wette, es war nicht so schlimm, wie du erwartet hast.«

»Nein, es war noch schlimmer.« Dann entdeckte ich John auf der anderen Seite des Gepäckkarussells. Er hielt seine Tasche schon in der Hand und ließ den Blick über die Menge wandern. Ich schob Kaitlyn vor mich und sagte: »Und es ist noch nicht vorüber.«

»Vor wem versteckst du dich?«, fragte sie und taxierte die Menschen um uns herum.

»Braunes Haar, blaue Jacke, dunkelgrüne Kleidertasche.«

»Den sehe ich nicht«, sagte sie, immer noch suchend.

»Gut, vielleicht ist er weggegangen.« Ich entdeckte meinen Koffer, als er aus der Rutsche fiel, und trat hinter Kaitlyn hervor, um ihn mir zu nehmen, gerade als John das Karussell von der anderen Seite umrundete. Er rollte seinen Koffer zu uns herüber und scherte sich nicht darum, dass er dadurch mehreren Personen den Zugang zum Karussell versperrte und diese sich nun um ihn herumschieben mussten.

»Ich habe nach Ihnen gesucht«, sagte er.

»Warum?«, fragte ich.

»Ich dachte, ich könnte Sie vielleicht nach Hause fahren.«

»Tatsächlich werde ich bereits abgeholt.« Ich machte John mit Kaitlyn bekannt.

Er wirkte für einen Moment betrübt, erholte sich aber schnell wieder. »Dann rufe ich Sie diese Woche an. Ich dachte, wir könnten Freitagabend etwas unternehmen.«

Diesmal hörte außer Kaitlyn niemand zu, deshalb brauchte ich kein schlechtes Gewissen zu haben. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich es Freitagabend schaffen kann.«

»Wie wäre es dann mit Samstag?«

»Ich weiß, dass ich nächstes Wochenende an einem der Abende etwas vor habe«, erklärte ich ihm. »Ich weiß einfach nicht mehr, an welchem.«

»Kein Problem«, entgegnete er. »Ich nehme den Abend, an dem sie freihaben.«

Manche Menschen verstehen einfach keinen Wink mit dem Zaunpfahl.

John begleitete uns zum Ausgang, dann ging er davon, um den Shuttlebus zu den Dauerparkplätzen zu nehmen. Ich folgte Kaitlyn zu ihrem Wagen auf dem Kurzzeitparkplatz. Nachdem wir uns in ihrem Mustang Cabrio angeschnallt hatten, setzte ich sie über die Hochzeit ins Bild und darüber, wie ich John kennengelernt hatte.

»Ich finde nicht, dass er schlecht aussieht«, bemerkte Kaitlyn, während sie den Freeway 405 entlangraste. Aber Kaitlyn mochte kahle Männer. »Zumindest hast du für nächstes Wochenende ein Date.«

»Ich gehe nicht mit ihm aus.«

»Warum nicht?«

»Abgesehen von der Tatsache, dass ich mich nicht zu ihm hingezogen fühle, ist er aufdringlich und nervig.«

»Er mag dich«, sagte sie.

Eine von Kaitlyns lästigsten Eigenschaften. Sie bestand darauf, in jedem Menschen das Gute zu sehen. »Aber ich mag ihn nicht.«

»Du hast bloß Angst.«

»Nein, habe ich nicht.«

»Du bist mit keinem einzigen Mann ausgegangen, seit du und der Drecksack Schluss gemacht habt.«

»Stimmt nicht. Ich habe letzten Monat mit diesem Automakler zu Mittag gegessen.«

»Das war kein Date. Er hat versucht, dir einen Wagen zu verkaufen.«

Kaitlyn hatte recht. Sobald ich ihm gesagt hatte, dass ich noch ein Jahr lang meinen Acura abzahlen müsste, hatte er die Kellnerin um die Rechnung gebeten und seitdem nie wieder angerufen.

»Es ist über ein Jahr her, Julie. Es wird Zeit.«

»Es sind nur elf Monate, und du weißt, dass ich die meiste Zeit mit dem Prozess beschäftigt war. Ich hatte nicht einmal Zeit zu schlafen, geschweige denn, mir ein Date zu gönnen.«

»Ich weiß, ich weiß.« Bestimmt verdrehte sie hinter ihrer Sonnenbrille die Augen. »Ich sage ja nur, dass du da wieder raus musst.«

»Du hättest mit auf die Hochzeit gehen sollen.«

Kapitel 5

Montagmorgen-Depression

Selbst nach einem schlimmen Wochenende bekam ich manchmal eine Montagmorgen-Depression. Es fing für gewöhnlich mit einem beklommenen Gefühl am Sonntagabend an, das sich am nächsten Morgen, wenn der Wecker klingelte, in ein mildes Unglücklichsein verwandelte, um dann in dem Moment, in dem ich in die Bürogarage einbog, zu einer ausgewachsenen Depression zu erblühen. Mein einziger Trost war die Gewissheit, dass alle meine Kollegen mit derselben Krankheit geschlagen waren.

Um neun Uhr fünfundzwanzig kam ich im Büro an, zu meiner gewohnten Zeit. Als ich vor sechs Jahren frisch vom Jurastudium bei Rosenthal & Leventhal angefangen hatte, war ich immer um neun Uhr morgens da gewesen. Aber ich hatte schnell gelernt, dass jegliche Zeit, die man vor neun Uhr dreißig im Büro verbrachte, verschwendet war. Der Rosenthal von Rosenthal & Leventhal erschien nie vor neun Uhr dreißig.

Einige der älteren Anwälte der Kanzlei kamen um neun Uhr neunundzwanzig, aber sie hatten es bereits zum Partner gebracht, daher konnten sie sich diese Kühnheit leisten. Gelegentlich schlich sich meine Freundin Simone, die in dem Büro neben meinem untergebracht war, um neun Uhr fünfundvierzig herein. Aber sie rief ihre Assistentin immer im Voraus an und bat sie, die Lichter und den Computer einzuschalten, bevor Rosenthal eintraf. Er sollte denken, sie wäre nur schnell zur Damentoilette gegangen, wenn er seine Morgenrunde durch die Büros machte, um seine Leute durchzuzählen. Lucy, meine Assistentin, war nicht nur vollkommen inkompetent, sie war auch Rosenthals Stieftochter, daher konnte ich mir dergleichen nicht leisten.

Ich schloss meine Bürotür auf, knipste die Lampen an und holte meine Post ab (es war einer von Lucys mysteriösen Montagen, an denen sie sich krank meldete) und folgte anschließend meiner gewohnten morgendlichen Routine. Ich schaltete meinen Computer ein und klickte meine Mailbox an, während ich darauf wartete, dass der Rechner hochfuhr. Dann checkte ich meine E-Mails sowie die Post und überflog Variety, das Branchenblatt der Film- und Unterhaltungsindustrie, während ich gelegentlich durch mein Bürofenster im einunddreißigsten Stock die Aussicht auf die Santa Monica Mountains bewunderte. Als ich mit der Morgenroutine fertig war, stand die Uhr auf zehn. Da Rosenthal jeden Montagmorgen das Büro zu seinem wöchentlichen Elf-Uhr-Termin mit seinem Psychofritzen zwei Stockwerke unter uns verließ, musste ich nur noch eine Stunde arbeiten, bevor ich eine Pause bekam.

Simone kam prompt zwei Minuten nach elf zu unserer montagmorgendliche Sitzung zur Depressionslinderung / zum Lästern über unsere Jobs / zum Update über das letzte Wochenende in mein Büro. Sie musste zuvor einen Termin vor Gericht gehabt haben, denn an diesem Morgen trug sie ein (für ihre Verhältnisse) konservatives Outfit: ein sommerliches Armani-Jackett aus leichtem, schwarzem Wollstoff mit passendem Rock, der zehn Zentimeter über ihren Knien endete, dazu zehn Zentimeter hohe Pumps, die sie auf volle eins achtzig brachten. Ihr langes, kastanienbraunes Haar hatte sie sich mit einem Clip zurückgebunden.

»Mir fallen eine Million Orte ein, an denen ich heute lieber wäre als hier«, sagte Simone und ließ sich auf meinen Gästestuhl fallen.

»Mir auch, aber Jersey wäre keiner davon.«

Sie richtete sich auf. »Das hätte ich fast vergessen. Wie war die Hochzeit?«

Ich erzählte ihr von den Highlights.

»Versteh das nicht falsch«, bemerkte Simone, als ich fertig war, »aber ich denke, deine Mutter könnte recht haben.«

Zuerst Kaitlyn und jetzt Simone. War das hier eine Verschwörung? »Betrachte dich als meine Exfreundin.«

»Lass mich erst mal ausreden«, bat sie. »Deine Schwester hat die Wahrheit gesagt, was den Artikel betraf. Ich habe ihn selbst gelesen.«

Bevor ich Einwände gegen die meiner Meinung nach augenfälligen Fehler in der Analyse erheben konnte, hob sie die Hand, um mich zu bremsen. »Nimm nur mal als Gedankenspiel an, dass der Artikel recht hat. Das bedeutet, dass du verheiratet sein musst, bevor du fünfunddreißig wirst.«

»Du gehst davon aus, dass ich heiraten und Kinder bekommen will.«

»Du weißt, dass du das willst, also spar dir die Mühe, es abzustreiten.«

»Stimmt nicht.« Simone lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und schürzte die Lippen. »In Ordnung«, sagte ich. »Wenn du schwörst, es niemals meiner Mutter zu erzählen, gebe ich zu, dass ich wirklich gern eines Tages heiraten würde. Aber was die Kinder betrifft, bin ich immer noch unentschlossen.«

»Einverstanden«, antwortete Simone. »Aber da du noch nicht abschließend beschlossen hast, keine Kinder zu haben, wirst du dir alle Möglichkeiten offenhalten wollen. Daher musst du dich verloben, bis du vierunddreißig bist, damit du eine hübsche Hochzeit planen kannst, oder in deinem Fall, damit deine Mutter eine hübsche Hochzeit planen kann. Und du wirst den Mann vorher mindestens ein Jahr lang kennen wollen, was bedeutet, dass du deinen zukünftigen Ehemann spätestens mit dreiunddreißig kennenlernen musst.«

»Ich bin schon zweiunddreißig.«

»Jede Menge Zeit, einen Ehemann zu finden«, erklärte sie.

»Du hast leicht reden. Du bist verlobt.«

Sie streckte ihre langen, wohlgeformten Beine aus. »Ja, aber nur weil ich zuerst jede Menge Dates hatte. Es ist wirklich nur ein Zahlenspiel. Du hast einfach noch nicht genug Männer kennengelernt.«

»Männer kennenzulernen«, zumindest solche, an denen ich interessiert war, »ist für mich nicht so einfach wie für dich. Ich sehe nicht wie ein Model aus.«

Greg, der auch seit sechs Jahren in der Kanzlei arbeitete und der einzige naturblonde Mann war, den ich kannte, lehnte sich gegen den Rahmen meiner Bürotür. »Was habe ich da über Models gehört?«, fragte er.

»Du hast draußen vor der Tür gestanden und gelauscht, nicht wahr?«, fragte Simone.

»Natürlich nicht«, antwortete Greg. »Ich lief nur gerade vorbei, als ich jemanden von Models reden hörte. Ich wollte nur meine Dienste anbieten – falls sie einen Begleiter oder so etwas bräuchten.«

Simone stand auf. »Ich weiß nicht, wie deine Frau dich erträgt.«

»Ich bin mir sicher, dass sie sich als eine sehr glückliche Frau betrachtet«, sagte Greg zu Simones Rücken, als diese hinausging. Simone schlug daraufhin ihre Bürotür zu.

Eines Tages würde ich noch herausfinden, warum die beiden so leicht aneinandergerieten.

Greg setzte sich auf den Gästestuhl, auf dem kurz zuvor Simone gesessen hatte, und legte die Füße auf die Ecke meines Schreibtisches. Wie gut, dass ich nicht vorgehabt hatte, heute Morgen mit meiner Arbeit weiterzukommen.

»Was gibt’s, Greg?«

»Nichts Besonderes«, antwortete er. »Ich wollte dir nur sagen, dass du dich nicht unter Wert verkaufen sollst. Wenn ich ledig wäre, würde ich mit dir ausgehen.«

»Du hast also gelauscht.«

»Ja«, bestätigte er, »aber du verstehst nicht, worum es mir geht.«

»Und das wäre?«

»Dass es tatsächlich leichter für Frauen ist, die so aussehen wie du, als für Frauen, die so aussehen wie Simone.«

Jetzt wurde es spannend. »Wie kommst du denn darauf?«

»Weil du erreichbar bist. Viele Männer bitten schöne Frauen nicht um ein Date, weil sie Angst vor einer Abfuhr haben.«

Okay, mir war selbst klar, dass ich keine Schönheitskönigin war, aber das musste ich mir nicht von Greg noch bestätigen lassen. »Also, was willst du damit sagen? Männer bitten hässliche Frauen um ein Date, weil sie denken, die Hässlichen wären so verzweifelt, dass sie ihnen keinen Korb geben würden?«

»Nein«, widersprach er. »Ich will damit sagen, dass ein Mann viel eher ein süßes Mädchen – wie dich zum Beispiel – einlädt, als eines, das umwerfend schön ist, weil er denkt, bei der Süßen hätte er tatsächlich eine Chance.«

Ich war mir nicht sicher, was schlimmer war, Gregs Theorie oder mein verzweifelter Wunsch, daran zu glauben, dass seine These der Wahrheit entsprach. »Ist das dein Ernst?«

»Voll und ganz. Ich bin mir sicher, wenn du da rausgehst, wirst du keine Probleme haben, Dates zu bekommen. Du musst einfach mehr unter Leute gehen.«

Ich war immer noch skeptisch.

»Vertrau mir«, fügte er hinzu und ließ ein echsenhaftes Lächeln aufblitzen.

Bevor mir eine schnippische Antwort einfiel, sprang das Erinnerungsfenster auf meinem Computer an. Es war elf Uhr fünfzig. Rosenthals Fünfzig-Minuten-Stunde mit seinem Psychofritzen war vorüber, was bedeutete, dass es für uns andere Zeit wurde, wieder an die Arbeit zu gehen.

Kapitel 6

Das glanzvolle Leben als Single

Da ich fast den ganzen Morgen vertrödelt hatte, fühlte ich mich schuldig und tat Buße, indem ich den gesamten Nachmittag auf die denkbar langweiligste Aufgabe verwandte: Akten durchgehen. Abends um sechs Uhr hatte ich sieben Archivboxen durchsucht, mehr als zehntausend Seiten Papier, doch das Corpus Delicti hatte ich immer noch nicht gefunden. Wahrscheinlich weil keines da war. Es war nie eines da, außer natürlich im Kino und im Fernsehen. Aber ich war trotzdem verpflichtet, nachzusehen.

Gerade rechnete ich mir die Chancen aus, erwischt zu werden, wenn ich mich früher aus dem Büro schliche (weniger als fünfzig Prozent, da Lucy nicht da war, um meine Ausrede zu verpatzen), als mein Computer Laut gab und eine E-Mail-Benachrichtigung auf dem Bildschirm erschien. Die Nachricht war von Rosenthal. Alle anderen Prozessanwälte und ich wurden um neunzehn Uhr im Konferenzsaal erwartet.

Simone und ich stöhnten gleichzeitig auf. Der lange, schmale Konferenztisch war mit Tabletts voller Sandwiches und Salatschalen bedeckt. Dass Rosenthal uns allen ein Abendessen spendierte, bedeutete, dass er eine lange Nacht plante.

Simone, Greg und die anderen drei Prozessanwälte der Kanzlei kehrten alle in ihre jeweiligen Büros zurück, um ihre besseren Hälften anzurufen. Sie sollten sich keine Sorgen machen, falls sie nicht zur gewohnten Zeit zu Hause erschienen.

Nur ich blieb allein im Konferenzsaal zurück. Ich vermisste den Drecksack nicht, er war ein Lügner und Betrüger gewesen, aber ich vermisste es, jemanden zu haben, den ich anrufen konnte. Das war das Schlimmste am Singledasein. Niemand macht sich Sorgen um dich, wenn du nicht nach Hause kommst.

Wir aßen alle Pastrami-Sandwiches auf, verzehrten die Hälfte der Truthahn- und Roastbeef-Sandwiches und machten dem Großteil des Caesar Salad den Garaus. Rosenthal tauchte zwanzig Minuten später mit einem eigens für ihn zubereiteten proteinhaltigen, fettarmen, gegrillten Lachs-Gebilde auf, und wir mussten alle die Knoblauchdämpfe einatmen, während er zehn Minuten lang daran aß.

Nachdem er bei Tisch in seinen Zähnen herumgestochert und sein Haar im Spiegelbild der leeren Aluschachtel überprüft hatte, war Rosenthal bereit zu beginnen. »Ich habe dieses Meeting anberaumt, um Ihnen allen von dem Brainwarming zu erzählen, das ich heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit gemacht habe.«

Simone, die mir gegenüber saß, zeichnete unauffällig die Zahl Eins in die Luft. Rosenthals erste versehentliche Wörterverwechslung der Woche. Sein Rekord lag bei fünf, aber wir waren sicher, dass er diesen Rekord schlagen konnte.

»Was wir brauchen«, fuhr er fort, »ist eine Mandantenparty.«

Das sollte ein Brainstorming sein?

»Wir könnten die Mandanten zur Weihnachtsfeier einladen«, schlug Parker vor, der dienstälteste Anwalt und designierte Sündenbock der Kanzlei.

»Nein«, sagte Rosenthal und presste die Lippen aufeinander, bevor ihm die Worte »Sie Idiot« entfleuchen konnten. »Wir brauchen jetzt sofort eine Feier. Etwas Großes und Glanzvolles. Wir müssen sie daran erinnern, dass es uns gibt, dass wir talentiert sind und für ihre Angelegenheiten bereitstehen …«

Rosenthal schwafelte noch mindestens eine halbe Stunde lang weiter, bevor Parker sich entschuldigte, um zur Toilette zu gehen. Fünf Minute später folgte ihm ein grünlicher Greg, dann eine extrem bleiche Simone, dann ich.

Zusammen begaben wir uns in die Notaufnahme des Cedar-Sinai-Hospitals, wo wir gemeinsam im Wartezimmer Platz nahmen. Wir brauchten nicht lange, um dahinterzukommen, dass wir eine Lebensmittelvergiftung hatten. Alle außer Rosenthal. Er war der Einzige, der nichts von dem verdorbenen Fleisch aus dem Feinkostladen gegessen hatte.

Keiner von uns wollte in die Notaufnahme gehen, aber Rosenthal bestand darauf. Er wollte medizinische Unterlagen für den Prozess gegen das Restaurant in der Hand haben. Er kündigte an, dass wir jegliches Schmerzensgeld, das er für unser Leiden herausschlagen würde, behalten könnten. Da er uns aber bei Krankheit weiterbezahlte, würde er die Summe für die verlorenen Löhne einbehalten. Wir waren nicht in der Verfassung, mit ihm zu streiten.

Nachdem ich gefühlte Stunden auf der Liege in Untersuchungsraum zwei gelegen hatte, kam mein Ritter in weißem Laborkittel herein. »Na, wie fühlen Sie sich heute Abend, Ms Burns?«

Ich hob den Kopf von der Liege und blickte in seine dunkelbraunen Augen. Er war mittelgroß, hatte hellbraunes Haar und entzückende Grübchen in beiden Wangen. Ich wünschte wirklich, ich hätte nicht nach Erbrochenem gerochen.

»Es ging mir schon mal besser«, antwortete ich und versuchte, ihn nicht anzuatmen.

Ich las sein Namensschild, während er mich untersuchte. D. COHEN, M.D.

»Wofür steht das D?«

»David.«

David Cohen. Er musste Jude sein. Gerade wollte ich nach einem Ring bei ihm Ausschau halten, als ich spürte, wie mir die Galle hochkam. Er erkannte die Zeichen wohl, denn er reichte mir schnell eine silberne Schale und sagte mir, dass die Schwester gleich kommen würde.

Ich lutschte zerkleinerte Eiswürfel, bevor ich ging, nur für den Fall, dass ich Doktor David noch einmal über den Weg liefe. Aber als ich entlassen wurde, war er fort. Ebenso wie all meine Kollegen. Sie waren allesamt von ihren Freunden, Ehemännern und Ehefrauen abgeholt worden. Wenn es nicht nach elf Uhr abends gewesen wäre, hätte ich vielleicht Kaitlyn angerufen, damit sie mich fuhr. Stattdessen rief ich mir ein Taxi, holte meinen Wagen vom Büro ab und fuhr mich selbst nach Hause.

Ich kehrte in meine dunkle Wohnung zurück und schaltete alle Lampen ein. Dann checkte ich meinen Anrufbeantworter – keine Nachrichten. Ich warf mich aufs Sofa und kitzelte die Elmo-Puppe, die darauf normalerweise mit Lachen reagierte. Sie lebte jetzt bei mir statt bei meiner Nichte Ashley. Keine Reaktion. Ihre Batterien waren leer. Anscheinend hatte ich Elmo in letzter Zeit so viel gekitzelt, dass ich ihn erschöpft hatte. Ich schaute zu der Pflanze in der Ecke des Wohnzimmers hinüber, dem letzten Überbleibsel von dem Drecksack. Die einst prächtig gedeihende Palme war braun und verwelkt. Ich war das einzige lebende Wesen im Haus.

Das war der Moment, in dem ich meinen Entschluss fasste. Zum Teufel mit dem kosmischen Karma.

Kapitel 7

Ein ganz neues Ich

Die Spritze, die man mir in der Nacht zuvor im Krankenhaus gegeben hatte, wirkte. Als ich am nächsten Morgen erwachte, fühlte ich mich gut, aber das hieß nicht, dass ich einen geschenkten Krankentag nicht ausnutzen konnte. Außerdem brauchte ich ein wenig Freizeit, um neue Batterien für Elmo zu kaufen, mir eine neue Pflanze zu besorgen und die Liebe meines Lebens zu finden.

Im Büro hinterließ ich eine Nachricht, schaltete den Wecker aus und schlief wieder ein. Meine Mutter weckte mich eine Stunde später.

»Geht es dir gut?« Sie klang aufrichtig besorgt.

»Natürlich, Mom. Was ist los?«

»Deine Assistentin hat uns heute Morgen angerufen und uns mitgeteilt, dass du letzte Nacht ins Krankenhaus musstest.«

Ich würde Lucy umbringen. Die nächsten zehn Minuten verbrachte ich damit, meiner Mutter zu beteuern, dass ich in absehbarer Zukunft nicht an einer Lebensmittelvergiftung sterben würde, und ich versprach, mich selbst zu verarzten, was immer das bedeuten sollte. Dann rief ich Lucy an.

Ich ließ sie mit ihrer munteren Stimme nicht einmal »Julie Burns’ Büro« zu Ende sagen, sondern unterbrach sie mit einem »Warum haben Sie meine Mutter angerufen und ihr gesagt, ich sei im Krankenhaus?«.

»Weil sie Ihr Notfallkontakt ist.«

Ich stellte mir ihr unschuldiges, sommersprossiges Gesicht vor und hatte sofort ein schlechtes Gewissen, weil ich sie erwürgen wollte, obwohl ich sie trotzdem weiterhin erwürgen wollte. »Aber das war kein Notfall. Und woher wussten Sie das überhaupt?«

»Greg hat es mir heute Morgen erzählt.«

»Greg ist im Büro?«

»Natürlich.«

»Was ist mit Simone?«

»Die ist ebenfalls hier. Sie und Parker sind wohl die Einzigen, die fehlen.«

Nicht gut, mit ihm in einem Atemzug genannt zu werden. Parker mochte ich zwar, aber ich wollte im nächsten Jahr Partnerin werden, nicht der neue Sündenbock der Kanzlei.

»Ich bin um elf da.«

»Ich dachte, Sie wären krank?«

»Ich fühle mich schon besser«, erwiderte ich und legte auf. Gott weiß, was sie Rosenthal erzählen würde. Wenn sie nicht seine Stieftochter wäre, hätte ich sie schon vor einer Ewigkeit durch jemand anderen ersetzt, aber ich konnte sie nicht einmal zu einem anderen Anwalt versetzen lassen. Ich hatte es versucht, aber Rosenthal wollte es nicht erlauben. Er hatte mir erklärt, sie sei ein Schmuckstück, das ich tragen müsse.

Auf dem Weg zur Arbeit rief ich Kaitlyn an. Ich hoffte, dass sie sich mit mir zum Abendessen und zu einer Liebe-meines-Lebens-Suchstrategie-Sitzung treffen würde. Ihre Assistentin teilte mir mit, dass sie sich krank gemeldet habe. Da es einer dieser seltenen, smogfreien Sommertage in Los Angeles war, versuchte ich es auf ihrem Handy, bevor ich sie endlich zu Hause erreichte. Sie begrüßte mich damit, mir ins Ohr zu husten.

»Das heißt wohl, dass du nicht simulierst«, sagte ich.

»Nein.« Sie hustete wieder. »Du weißt, dass ich das nie tun würde.«

Damit stand sie wohl allein da. »Was hast du denn?«

»Sommergrippe. Sie macht gerade im Büro die Runde.«

»Brauchst du irgendetwas? Essen? Medikamente? Unterhaltung?«

»Nein. Ich bleibe einfach hier liegen und bete für einen frühen Tod.«

»Wann hast du das letzte Mal etwas gegessen?«

Nach einem lautstarken Naseputzen antwortete sie: »Keine Ahnung. Vielleicht gestern Abend, ziemlich spät.«

»Ich bin um acht da.«

Nach der Arbeit fuhr ich beim Supermarkt vorbei, um Orangensaft und eine Packung Ben & Jerry’s »Chunky Monkey« zu kaufen, dann weiter zu Jerry’s Feinkostladen für eine Portion Hühnernudelsuppe, und zu guter Letzt zum Best Buy, um eine Ausgabe von Out of Africa zu kaufen, Kaitlyns Lieblingsfilm. So hatte ich mir den Abend zwar nicht vorgestellt, aber Kaitlyn brauchte etwas liebevolle Pflege.

Sie öffnete die Tür in ihrem kurzärmeligen Wolkenpyjama. Ihr rotes Haar war auf der einen Seite platt gelegen und stand auf der anderen etwa acht Zentimeter ab. Sie legte sich auf das Sofa im Wohnzimmer, während ich unsere Teller auf den Couchtisch stellte. Kaitlyn besaß zwar einen Küchentisch, aber in den zehn Jahren, die ich sie kannte, hatte er nie eine andere Funktion als die einer Abstellfläche gehabt.

»Halleluja«, sagte sie und warf ihre schlaksigen Arme hoch, als ich ihr von meiner Entscheidung erzählt hatte.

»Ganz ruhig, ich habe ihn noch nicht gefunden.« Ich versuchte, die Suppe, die sie verkleckert hatte, aufzutupfen, bevor sie den Perserteppich erreichte. »Ich habe mich bloß dafür entschieden, zu suchen. Das Problem ist, ich weiß nicht, wo.«

»Single-Bars«, schlug sie vor.

»Nur jemand, der seit vier Jahren kein Date mehr hatte, kommt auf die Idee, dass man in einer Single-Bar die Liebe seines Lebens finden kann.« Kaitlyn war direkt von ihrer College-Liebe zu ihrer Liebe aus dem Jurastudium zu Billy übergegangen, ihrem ersten und einzigen Blind Date. Seither waren sie zusammen, obwohl es während der letzten neun Monate eine Fernbeziehung gewesen war.

»Ich hab’s«, sagte sie und warf fast ihren Löffel nach mir. »Der Mann aus dem Flugzeug.«

»Bist du von Sinnen!«

»Ich sage nicht, dass er zwangsläufig der Richtige für dich ist. Aber du solltest ihn zumindest kennenlernen, bevor du ihn ausschließt.«

»Erstens, er hat mich nicht einmal angerufen, und …«

»Noch nicht«, unterbrach sie mich. »Hast du heute schon deine Nachrichten abgehört?«

»Nein, aber …«

»Kein Aber, check deinen Anrufbeantworter. Und hol mir das Eis, wenn du schon stehst.«

Ich tat wie geheißen und fand eine Nachricht von dem Flugzeugtypen, der mich bat, ihn zurückzurufen. Ich hasste es, wenn Kaitlyn recht hatte.

»Ruf ihn zurück und sag ihm, dass du Freitagabend mit ihm ausgehst.«

»Aber er kann nicht der Richtige sein«, jammerte ich.

»Hat deine Mutter dir nie gesagt, dass der Märchenprinz vielleicht nicht in der Verpackung kommt, die du erwartest?«

»Nein, und selbst wenn sie es getan hätte, du weißt, dass ich nie auf meine Mutter höre.«

»Dann hör auf meine.« Kaitlyns Mutter war Psychologin und hatte dreimal geheiratet, zuletzt mit sechzig Jahren. Ich musste der Frau einiges zugutehalten. Sie hatte in einer Zeit Karriere gemacht, als die meisten Frauen noch keine machten, und sie wusste, wie man einen anständigen Mann fand.

»Ich weiß nicht mal, was das eigentlich heißen soll.«

»Es heißt, dass man offen bleiben soll.«

»Ich bin offen.«

»Nein, bist du nicht. Seit der Trennung vom Drecksack führst du eine geistige Checkliste, und jeder Mann, den du kennenlernst, wird danach bewertet. Wenn er in irgendeiner Kategorie durchfällt, egal wie unwichtig sie ist, dann fliegt er sofort raus.«

»Das stimmt nicht.«

»Warum hast du dann seit fast einem Jahr kein Date mehr gehabt?«

»Weil ich eher tolle Parklücken finde statt toller Männer. Es ist mein Karma. Ich muss eine Möglichkeit finden, das umzukehren. Vielleicht sollte ich anfangen, beim Parkservice zu arbeiten.«

Sie verdrehte die Augen. »Die Suche nach der Liebe deines Lebens hat nichts mit Parkplätzen zu tun. Nur mit deiner Haltung.«

»Was hast du gegen meine Haltung?«

»Warum willst du nicht mit dem Typ aus dem Flugzeug ausgehen?«

»Weil er nervig ist.«

»Siehst du?« (Ich sah es nicht.) »Du hast ganze fünf Minuten mit ihm geredet und ihn schon abgehakt.«

»Was willst du damit sagen? Der Märchenprinz tarnt sich als nerviger, magerer Typ mit Halbglatze?«

»Ich will sagen, dass du ihm wenigstens eine Chance geben sollst, bevor du ihn abschreibst.«

Ich wollte gerade Nein sagen, als mir klar wurde, dass Kaitlyn vielleicht recht hatte. Vielleicht war der Flugzeugtyp ja mein Märchenprinz, eingewickelt in nerviges Papier, und ich musste das Päckchen nur öffnen, um das herauszufinden. Und falls er doch, wie ich vermutete, ein Frosch war, dann konnte ich Kaitlyn beweisen, dass sie sich geirrt hatte. Es war eine Konstellation, bei der wir beide nur gewinnen konnten.

»Na schön«, erklärte ich, »aber wenn es ein schreckliches Date wird, hast du das auf dem Gewissen.«

Sie nahm den Löffel aus dem Mund und schenkte mir ihr breitestes, selbstzufriedenstes Grinsen. »Damit kann ich leben.«

Kapitel 8

Der Märchenprinz

Mein neues, offenes Ich stimmte widerstrebend zu, am Freitagabend mit John auszugehen. Donnerstagabend rief er mich an, um die Einzelheiten zu besprechen.

»Also, was wollen Sie morgen machen?«, fragte er.

»Keine Ahnung«, antwortete ich. »Wie wäre es mit Abendessen?«

»Abendessen? Das ist so langweilig.«

»Wie wäre es dann mit einem Film?«

Nach einigen Sekunden des Schweigens erwiderte er: »Nein, mir ist nicht nach einem Film.«

»Okay. Wonach ist Ihnen denn dann?«

»Ich weiß es nicht, ich bin gerade erst hierhergezogen. Sie müssen mich herumführen.«

Der Märchenprinz stellte meine Geduld auf eine harte Probe. »Na schön, aber Sie müssen mir einen Anhaltspunkt geben, wonach Sie suchen.«

»Vergessen Sie es. Ich werde mir etwas ausdenken und Sie überraschen. Ich hole Sie dann um acht ab.«

Am Freitagabend schlich ich mich früher von der Arbeit weg, damit ich Zeit haben würde zu duschen, mich anzuziehen und zu Abend zu essen, bevor John kam. Ich würde nicht den ganzen Abend Hunger haben, nur weil er Essen gehen langweilig fand. Als ich ihn um zehn Minuten vor acht mit dem Türsummer hereinließ, hatte ich erst vor, ihn dafür zu tadeln, dass er zu früh war – bis ich meine Wohnungstür öffnete.

»Was haben Sie denn da an?«, fragte ich, obwohl es ziemlich offensichtlich war, dass er unter seinem Regenmantel Jogginghosen und ein verschlissenes T-Shirt trug.

»Meine Trainingsklamotten«, antwortete er und hielt mir als Beweis seine Sporttasche hin.

»Warum?«, war alles, was ich herausbringen konnte.

Er spazierte ins Wohnzimmer, setzte sich auf das Sofa und legte seine Füße mitsamt den Sneakers auf meinen gläsernen Couchtisch. »Ich habe mich am Montag in einem Fitnessstudio angemeldet, und die haben mir einen kostenlosen Gästepass geschickt. Ich dachte, wir könnten zusammen trainieren gehen und uns dann einen Kaffee besorgen.«

Vielleicht war ich schon zu lange aus der Übung – aber seit wann war Fitnesstraining eine akzeptable Aktivität für ein erstes Date?

»Das Studio ist auf der Robertson«, fuhr John fort. »Nur ein paar Häuserblocks von hier entfernt.«

»Das kenne ich«, entgegnete ich. »Ich war dort früher Mitglied.«

»Früher?« Er nahm die Füße vom Couchtisch und richtete sich auf. »Ist was nicht in Ordnung mit dem Laden?«

»Nein, ich hatte nur beruflich wirklich viel zu tun und habe meine Mitgliedschaft auslaufen lassen.«

Er lehnte sich entspannt wieder auf dem Sofa zurück. »Gut, dann können Sie sich heute Abend wieder anmelden. Wenn ich Sie anwerbe, bekomme ich eine Prämie. Ich glaube, es ist ein Gutschein für ein Essen in einem Naturkost-Restaurant. Wir können dort anschließend zum Abendessen hingehen.«

An diesem Punkt hätte ihm die weniger offene Julie erklärt, er solle zum Teufel gehen und nie wieder anrufen. Aber als die neue, aufgeschlossene Julie sagte ich nur: »Ich hatte nicht vor, meine Mitgliedschaft zu erneuern.«

»Warum nicht?«

»Ich habe mich entschieden, einem anderen Fitnessstudio in der Nähe meines Büros beizutreten.«

Das war keine totale Lüge. Vor einigen Wochen war ich an dem Fitnessstudio bei meinem Büro vorbeigefahren und hatte einen Moment lang mit dem Gedanken gespielt, mich dort anzumelden. Ich hatte nur seither nicht wieder darüber nachgedacht. Nicht, dass ich es nicht nötig gehabt hätte – ich hatte es nötig. Ich hatte sechs Pfund zugenommen, seit der Drecksack mich verlassen hatte, obwohl ich nur drei auf die Trennung schieben konnte. Die anderen drei ließen sich direkt zum letzten Weihnachtskeks-Exzess zurückverfolgen.

»Nun, wir müssen nicht zu Abend essen, aber Sie können trotzdem meinen Gästepass benutzen.«

Ich Glückspilz.

Ich ließ John im Wohnzimmer zurück, während ich ins Schlafzimmer ging, um mich umzuziehen. Ich brauchte geschlagene zehn Minuten, nur um meine Sneakers aufzuspüren. Ich fand sie ganz hinten in meinem Schrank vergraben, unter einem Gewirr von Kleiderbügeln und einer alten, schwarzen Lederhandtasche, die ich seit Jahren nicht mehr benutzt hatte, von der ich mich aber nicht trennen konnte.

Als ich mich aus meinen schwarzen Jeans (dem einzigen Paar in meinem Besitz, in dem ich nicht fett aussah) geschält und meine ausgebeulte Jogginghose angezogen hatte, dachte ich, dass dies vielleicht doch keine so schlechte Idee gewesen war. John war definitiv ein Geizhals, aber wenn wir nur ins Fitnessstudio gingen, würde es ein kurzer Abend werden, und zumindest war ich jetzt bequem angezogen.

»Wo steht Ihr Wagen?«, fragte ich John, als wir unter dem Vordach des Haustors darauf warteten, dass der Regen nachließ.

»Da lang«, antwortete er und zeigte zum Ende der Straße, »aber ich dachte, wir würden zu Fuß gehen.«

»Bei dem Regen?« Es war offensichtlich, dass John neu in Los Angeles war. Die Bewohner von Los Angeles gingen nicht zu Fuß. Nirgendwohin. Niemals. Vor allem nicht bei Regen.

Er zog seine Autoschlüssel aus der Tasche und sagte: »Kommen Sie, ich habe einen Regenschirm im Kofferraum.«

»Haben Sie zwei?«, fragte ich.

»Es ist ein großer Regenschirm«, sagte er. »Wir passen beide darunter. Es wird romantisch sein.«

Ich stellte mir vor, durch einen unerwarteten tropischen Regenschauer zu gehen, Hand in Hand mit einem hinreißenden Mann. Mein Haar würde zerzaust sein, aber mein Make-up wäre trotzdem perfekt, und mein geblümtes Sommerkleid würde an den richtigen Stellen an mir kleben. Der Mann trüge nur Bermudashorts. Sein muskulöser Oberkörper würde von einer Mischung aus Schweiß und Regentropfen glänzen. Er würde in einem vergeblichen, doch kavaliersmäßigen Versuch, uns vor dem Regen zu schützen, sein durchnässtes T-Shirt über unsere Köpfe halten. Das wäre romantisch. Mit John, dem nervigen Geizhals, durch einen kalten Regenguss sechs Häuserblocks weit zum Fitnessstudio zu gehen, würde nicht romantisch sein.

John hielt den Regenschirm schräg in der linken Hand. Das verhinderte, dass der Wind uns den Regen direkt ins Gesicht wehte, aber es bedeutete auch, dass er tatsächlich der Einzige war, der sich unter dem Regenschirm befand. Als wir das Fitnessstudio erreichten, waren meine Finger taub, und die rechte Hälfte meines Körpers war vollkommen durchnässt. Bis auf einige feuchte Stellen unten an seiner Jogginghose war John vollkommen trocken geblieben.

Glücklicherweise erinnerte sich die Frau an der Rezeption noch an mich, als ich vor Jahren hier Stammgast gewesen war. Ich durfte mir Shorts und ein T-Shirt aus der Kiste mit Fundsachen borgen, während sie meine Kleider in den Trockner steckte.

Nachdem ich mich umgezogen hatte, fand ich John oben auf einem Laufband. Er hatte bereits begonnen, langsam zu joggen.

Ich stieg auf das Laufband neben ihm. »Ich habe das Studio noch nie so leer gesehen. Als ich früher hierherkam, waren immer mindestens fünf Leute vor mir auf der Warteliste, und heute Abend muss man nicht einmal Schlange stehen.«

»Ist das nicht toll?«, fragte er. »Ich trainiere wahnsinnig gern Freitagabends.«

Ich nickte nur. Bei den seltenen Gelegenheiten, als ich es auch nur in Erwägung gezogen hatte, an einem Freitagabend zu trainieren, hatte der Drecksack es mir immer ausgeredet. Er hatte mir erklärt, dass nur Loser ohne Freunde am Freitagabend ins Fitnessstudio gingen. Ich beschloss, nett zu sein und diese Meinung für mich zu behalten. Stattdessen fragte ich John, wie seine Woche gewesen wäre, und er begann, mir von seinem Marketingjob für ein petrochemisches Unternehmen zu erzählen. Pflichtschuldig nickte ich und stellte Fragen, auf die unwahrscheinliche Chance hin, dass mein anfänglicher Eindruck von ihm falsch gewesen und er tatsächlich ein guter Fang wäre.

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