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Bitte heute Nacht nicht stören!

1. KAPITEL

“Es tut mir leid, Alexa, dass ich dich an deinem freien Tag stören muss, aber wir brauchen dich dringend”, entschuldigte Philip Ross sich. Er war der Seniorpartner der Tierarztpraxis, in der Alexa Evans arbeitete, seit sie vor sechs Monaten ihre Ausbildung als Tierärztin beendet hatte.

“Ich hatte nichts Besonderes vor”, erwiderte sie, obwohl sie angefangen hatte, die Wände ihrer Wohnung zu streichen. Doch als das Telefon geläutet und man sie gebeten hatte zu kommen, war sie froh gewesen über die Unterbrechung.

“Es geht um die Stute auf der Barton Farm. Sie hat Komplikationen beim Fohlen”, erklärte Philip Ross. “Gary ist bei ihr, aber ich befürchte, wir müssen operieren. Ich bin auf dem Sprung, hinzufahren. Jenny übernimmt meine Operationstermine, und Helen vertritt Gary in der Sprechstunde. Du müsstest für die Notfälle da sein, und wenn du auch noch den Hundetrainingskurs heute Morgen übernehmen könntest …”

Noch während er sprach, eilte Philip aus dem Raum. Da Alexa klar war, wie ernst die Situation war, stellte sie keine Fragen. Als er schließlich weg war, ging sie zur Rezeption der Tierarztpraxis und machte sich erst einmal eine Tasse Kaffee, ehe sie die Post durchsah. Dabei unterhielt sie sich mit ihren beiden Kolleginnen.

“Hoffentlich haben wir heute keine Notfälle”, sagte sie zu Jenny. “Ich bin mir nicht sicher …”

“An deiner Stelle würde ich mir mehr Gedanken um den Hundetrainingskurs als um eventuelle Notfälle machen”, meinte Jenny und verzog das Gesicht. “Ben ist heute dabei …”

“Mrs Lathams Hund?”, vergewisserte Alexa sich und stöhnte auf, als Jenny nickte. “Oh nein.”

Ben, ein English Setter, war ein schönes Tier. Er war nicht aggressiv, sondern freundlich und liebenswert, aber leider sehr ungehorsam. Mrs Latham hatte Ben davor bewahrt, im Tierheim untergebracht zu werden. Alexa erinnerte sich noch gut daran, wie alles abgelaufen war.

Damals hatte sie noch keine vier Wochen in der Praxis gearbeitet, als eine überforderte junge Frau mit dem gerade ein Jahr alten lebhaften Hund hereingekommen war. Die junge Frau erklärte Alexa, dass sie mit ihrem pflegebedürftigen Vater, ihrem Mann und zwei kleinen Kindern so überlastet sei, dass sie sich nicht auch noch um den temperamentvollen großen Hund kümmern könne.

Ben hatte Alexa so vertrauensvoll angesehen, dass ihr das Herz schwer geworden war. Er war gesund und kräftig, und die Besitzer hatten bestimmt viel für ihn bezahlt. Dennoch beharrte die Frau darauf, ihn nicht behalten zu wollen.

In dem Moment kam Mrs Latham herein, und Alexa wurde noch mutloser. Mrs Latham betreute einen rötlichgelben Kater, der ihr zugelaufen war, nachdem sie ihn aus lauter Gutmütigkeit gefüttert hatte. Er war eine Kämpfernatur, und auf seinen nächtlichen Streifzügen geriet er so oft mit den Katzen aus der Nachbarschaft aneinander, dass Mrs Latham ihn immer wieder wegen irgendwelcher Verletzungen in die Praxis bringen musste.

Alexa versicherte Mrs Latham, dass der Kater den kleinen Eingriff gut überstanden habe, und ging aus dem Wartezimmer, um ihn zu holen.

Als sie zurückkam, war Bens Besitzerin weg, der Hund war jedoch noch da. Leicht irritiert, verkündete Mrs Latham, Ben gehöre jetzt ihr. Vergebens versuchte Alexa, es ihr auszureden, indem sie auf die Problematik hinwies, in dem relativ kleinen Stadthaus einen so großen Hund zu halten. Mrs Latham hatte die Argumente nicht gelten lassen, und seitdem gehörte Ben ihr.

Trotz Mrs Lathams Versuche, ihn zu erziehen, brachte Ben jedes Mal den Hundetrainingskurs durcheinander, der einmal in der Woche stattfand und den man seitens der Tierarztpraxis den Hundebesitzern anbot.

“Mrs Latham ist einfach nicht streng genug, sie müsste ihm zeigen, wer der Herr im Haus ist”, hatte Jenny sich beschwert, nachdem Ben sich wieder einmal jedem Erziehungsversuch widersetzt und alle anderen Hunde gestört hatte.

“Er ist ein liebenswerter Hund, braucht jedoch eine feste Hand, viel Auslauf und einen Besitzer, der genau weiß, wie man mit ihm umgeht. Mrs Latham liebt das Tier natürlich. Sie ist jedoch schon zweiundsechzig und hat, ehe Ben zu ihr kam, hauptsächlich für ihre Bridgepartien gelebt.” Helen lachte.

“Ich finde es schade, er ist wirklich ein großartiger Hund”, erwiderte Alexa und seufzte.

“Mal sehen, was du sagst, wenn du ihn im Trainingskurs erlebt hast”, antwortete Helen.

“Die Erfahrung habe ich schon gemacht”, erklärte Alexa. “Ich weiß, was du meinst, aber er ist überhaupt nicht bösartig, sondern nur …”

“Für Mrs Latham ist er einfach nicht der richtige Hund”, unterbrach Helen sie.

Das stimmte. Die ältere Frau lebte mitten in der kleinen Stadt. Obwohl wenig Verkehr herrschte, war es nicht der richtige Ort für einen großen Hund, der viel Auslauf und eine feste Hand brauchte.

In den ersten Tagen hatten Alexa und die anderen Tierärzte Mrs Latham vorgeschlagen, einen neuen Besitzer für Ben zu suchen, doch die Frau hatte sich geweigert, ihn wieder herzugeben.

“Er ist doch schon einmal verlassen worden”, hatte sie erklärt. “Das muss traumatisch sein für den armen Kerl. Zuerst hatte er solche Angst, alleingelassen zu werden, dass er die ganze Zeit neben mir auf dem Sofa sitzen wollte. Er ist so lieb …”

Daran erinnerte Alexa sich jetzt, als sie ihre Briefe in die Hand nahm. Schon als kleines Mädchen – sie war ein hübsches Kind gewesen mit den roten Locken, den veilchenblauen Augen und dem feinen schmalen Gesicht – hatte sie Tierärztin werden wollen.

Es gab keinen Mann in ihrem Leben. Während des Studiums hatte sie keine Zeit gehabt für eine dauerhafte Beziehung. Sie hatte natürlich Freundinnen und gute Freunde und ging gern aus. Irgendwann würde sie den Richtigen kennenlernen, sich verlieben, sich binden und Kinder haben, aber damit eilte es ihr nicht. Da sie ausgesprochen attraktiv und eine sehr warmherzige Frau war, hatte sie genug Verehrer. Doch momentan war ihr die Karriere noch wichtiger als alles andere.

Obwohl sie Tiere sehr liebte, hatte Alexa vor allem deshalb kein eigenes Haustier, weil sie tagsüber nicht zu Hause war und weil in ihrer Wohnung Tierhaltung nicht erlaubt war.

Sie sah auf die Uhr. Noch zehn Minuten, dann würden die Hundebesitzer mit ihren Vierbeinern zum Trainingskurs kommen.

Diesen Extraservice bot man in der Praxis zugleich mit der Möglichkeit einer tierpsychologischen Beratung an, falls die Besitzer es wünschten. Die Tierärzte oder -ärztinnen, die diesen Hundetrainingskurs leiteten, mussten über die erforderlichen Kenntnisse verfügen. Es gab zwei Kurse, einen für ältere Hunde und einen für Welpen und junge Hunde. Normalerweise trainierte Alexa die Welpen und jungen Hunde, was ihr viel Spaß machte.

Die Praxis, die vor vielen Jahren von dem Großvater des jetzigen Seniorpartners gegründet worden war, verfügte hinter dem stilvollen alten Haus über ein großes Grundstück. Das Haus selbst war zu Büros, Behandlungsräumen und einem Operationszimmer umgebaut worden. Außerdem gab es Boxen und Zwinger und einen großen Übungsraum, in dem an diesem Morgen der Trainingskurs stattfinden sollte. Alexa griff nach der Dose mit Hundekuchen, die zur Belohnung verteilt wurden, und machte sich auf den Weg.

Piers Hathersage verzog das Gesicht, als er den Rücksitz seines sonst so sauberen Autos betrachtete. Überall lagen Hundehaare und Papierschnitzel herum, Reste der Zeitschrift, die er versehentlich hatte liegen lassen.

“Du bist ein ungezogener Hund”, schimpfte er mit dem Übeltäter.

Ben bellte kurz und setzte sich auf die Hinterbeine. Er war ein kräftiges Tier, und Piers fragte sich zum hundertsten Mal, was seine Patentante sich wohl dabei gedacht hatte, den Hund bei sich aufzunehmen.

Es stimmte, er war ein schöner Hund, hatte ein glänzendes Fell, ein lebhaftes Temperament, war humorvoll und intelligent und hatte lauter Unsinn im Kopf. Jetzt zog er ungeduldig an der Leine und wollte unbedingt in die entgegengesetzte Richtung laufen.

Auf der Rückfahrt von seinen Eltern war Piers am Abend zuvor bei seiner Patentante angekommen. Es hatte ein kurzer Besuch werden sollen. Doch dann erfuhr er, dass sie über ihren Hund gestolpert war und sich den Knöchel verstaucht hatte. Ihre größte Sorge war jedoch, dass sie mit Ben nicht am Trainingskurs teilnehmen konnte. Deshalb hatte Piers sich verpflichtet gefühlt, ihr seine Hilfe anzubieten.

“Würdest du wirklich für mich hingehen, Piers?”, vergewisserte sie sich erleichtert. “Hast du das gehört, Ben? Onkel Piers nimmt dich heute mit”, fügte sie an den Hund gewandt hinzu.

Onkel Piers, dachte ihr Patensohn und biss die Zähne zusammen. Vor fünf Monaten hatten ihm seine Eltern voller Sorge erzählt, dass Emily sich den großen Hund zugelegt hatte.

“Warum hat sie das gemacht?”, hatte Piers gefragt.

“Das hat sie uns nicht verraten”, antwortete sein Vater. “Sie hat ihn wohl über den Tierarzt bekommen, zu dem sie immer mit dem schrecklichen Kater geht.”

Piers’ Eltern hatten kurz nach ihrer Hochzeit Emily Latham, die etwas älter war als sie, kennengelernt und waren seitdem mit ihr befreundet. Vor zehn Jahren, kurz nach Piers’ Rückkehr aus dem Ausland, war Emilys Mann gestorben. Piers erinnerte sich noch gut daran, wie lieb und nett sie zu ihm während seiner Kindheit gewesen war und was für eine großzügige Patentante. Daher war es für ihn selbstverständlich, sie so oft wie möglich zu besuchen.

Emily hatte keine Kinder, und Piers vermutete, dass sie deshalb Tiere so sehr liebte. Nach dem, was seine Eltern ihm erzählt hatten, hatte offenbar eine der jungen Tierärztinnen Emily und Ben zusammengebracht. Piers fand es schlichtweg verantwortungslos, eine ältere Frau zu ermutigen, einen großen und noch dazu schwer erziehbaren Hund zu übernehmen. Obwohl er Emily mit guten Argumenten hatte überzeugen wollen, das Tier wieder abzugeben, war sie standhaft geblieben. Für sie war Ben ein Opfer, ein armer missverstandener Hund, der vor allem Liebe, Zärtlichkeit und Nachsicht brauchte. Genau das bezweifelte Piers.

Sein Besuch bei Emily hatte aber noch einen ganz anderen Grund. Piers war Unternehmer und entwickelte Softwareprogramme. Wegen der steigenden Nachfrage musste er sich vergrößern und brauchte deshalb neue Räume. Er hatte sich entschlossen, aus der City, wo er momentan lebte und sein Büro hatte, wegzuziehen und auf dem Land ein für seine Zwecke geeignetes Haus zu kaufen, weil hier die Grundstückspreise wesentlich günstiger waren.

Er war mit seinen siebenunddreißig Jahren in einem Alter, in dem man die hektische Großstadt verlassen und sich mehr Ruhe gönnen sollte, wie er fand. Außerdem war er bereit, das Singledasein, das ihm bisher gefallen hatte, aufzugeben und sich für eine andere Lebensform zu entscheiden. Vielleicht für eine Frau und Kinder? Er hatte nichts gegen die Ehe, aber bis jetzt hatte er noch nicht die richtige Frau kennengelernt.

“Wie viele Stunden hat er schon gehabt?”, fragte Piers, während Emily sich damit abmühte, dem Hund das Halsband anzulegen, was ihm offenbar nicht behagte.

“Das weiß ich nicht mehr genau. Zwei, glaube ich. Beim ersten Mal hat er sich so sehr über einen anderen Hund aufgeregt, den er nicht mochte, dass die Kursleiterin vorgeschlagen hat, wir sollten eine Zeit lang nicht kommen. Ben war ja so enttäuscht und wirkte richtig deprimiert, als die anderen gelobt wurden.”

“Ah ja”, antwortete Piers spöttisch und betrachtete den Unruhestifter gleichgültig.

“Er ist sehr sensibel”, fuhr Emily liebevoll fort. “Und ausgesprochen intelligent. Er spürt schon im Voraus, wenn mich jemand anruft, und teilt es mir auf seine Art mit.”

Piers erinnerte sich daran, dass Ben das Telefonkabel durchgebissen hatte. Aber er hatte es lieber nicht erwähnt.

Jetzt befahl er dem Hund streng, sich hinzusetzen, und fluchte leise, während er die Papierfetzen vom Rücksitz und Boden seines Autos aufsammelte. Er ärgerte sich, denn er hatte die Zeitschrift wegen eines bestimmten Artikels aufbewahrt.

Auf dem Parkplatz vor der Tierarztpraxis standen alle möglichen Wagen, von einem neuen Mercedes der Luxusklasse über einen lustig aussehenden Citroën in Rot und Hellgelb bis hin zu einem zerbeulten Landrover. Ein Auto lässt Rückschlüsse zu auf die Persönlichkeit des Besitzers, überlegte Piers und gestand sich ein, dass sein Jaguar, ein kastanienbrauner Sportwagen, ein Luxusauto war. Er hatte es ganz spontan gekauft, was sonst nicht seine Art war.

“Was ist mit dem umweltfreundlichen Kombiwagen, den du dir zulegen wolltest?”, hatte Jason Sawyer, sein Geschäftspartner, gefragt. Jason beklagte sich oft darüber, dass er den kleinen Zweitwagen fahren musste, während er seiner Frau das große Auto überließ, in das die vier Kinder passten.

“Das weiß ich noch nicht”, gab Piers zu.

“Genieß es, solange du kannst”, hatte Jason ihm geraten. “Belinda redet immer wieder davon, ein Wohnmobil zu kaufen. Sie meint, es sei ideal für Urlaub mit Kindern.”

Vor dem Eingang zur Praxis entdeckte Piers das Hinweisschild Zum Trainingskurs ums Haus herumgehen und folgte der angegebenen Richtung.

Dann sah er die vielen Nebengebäude, die offenbar umgebaut worden waren und jetzt verschiedenen Zwecken dienten. Vor einem standen Hunde mit ihren Besitzern um eine zierliche rothaarige junge Frau herum, die ein weißes T-Shirt trug, das ihre vollen Brüste verführerisch betonte, und Jeans, die genauso verführerisch ihren Po zur Geltung brachten.

Ausgesprochen sexy, kein Wunder, dass sich vor allem die männlichen Hundebesitzer um sie scharen, dachte Piers.

Offenbar war sie die Leiterin des Kurses. Piers hielt sich jedoch absichtlich im Hintergrund, denn er wollte sich lieber erst einen Überblick verschaffen, ehe er sich auf etwas einließ. Es konnte nie schaden, vorsichtig zu sein. Aber Ben sah die Sache anders: Die wenigen Sekunden, die Piers sich hatte ablenken lassen, genügten dem Hund, seine eigenen Ideen durchzusetzen.

Alexa hatte Ben schon bemerkt, als er mit dem ihr unbekannten Mann um die Ecke bog. Aber sie war damit beschäftigt gewesen, die anderen Teilnehmer zu begrüßen, und hatte deshalb die beiden Neuankömmlinge ignoriert. Ihr fiel sogleich auf, wie gut Bens Begleiter aussah. Er war groß, breitschultrig, und man konnte unter dem T-Shirt, das in der leichten Brise eng an seinem Körper anlag, erkennen, wie muskulös er war. Sein dichtes dunkles Haar war relativ kurz, er hatte braune Augen, und seine Miene wirkte irgendwie grimmig. Um seinen Mund lag ein entschlossener Zug, doch insgesamt war er ungemein attraktiv. Kein Mann hat das Recht, in Jeans und T-Shirt so gut auszusehen, schoss es ihr durch den Kopf.

Unterdessen hatte Ben den Menschen entdeckt, der seiner Meinung nach dafür verantwortlich war, dass er jetzt bei Mrs Latham so ein herrliches Leben hatte. Er verband Alexas kurzes Auftauchen damals im Wartezimmer der Tierarztpraxis mit seinem neuen Zuhause. Und da er von Natur aus ein liebevoller Hund war, wollte er seine Zuneigung auch zeigen.

Glücklicherweise hatte er seine Besitzerin überzeugen können, dass ein zu enges Halsband ihn strangulieren und umbringen würde. Deshalb schlüpfte er jetzt, nachdem er Alexa entdeckt hatte, so mühelos und geschickt aus dem Halsband, als hätte er es jahrelang geübt. Mit großen Sätzen sprang er über den Hof auf sie zu. Vor Schreck liefen die anderen Hunde und ihre Besitzer nach allen Seiten auseinander, während Ben sich auf Alexa stürzte und sie vor lauter Freude beinah umwarf.

“Ben, sitz!”, befahl sie ihm streng.

Statt zu gehorchen, ließ er die Zunge heraushängen und wedelte freundlich mit dem Schwanz.

“Ben, sitz!”, wiederholte sie energisch.

Aber der Hund fuhr ihr nur liebevoll mit der Schnauze über die Hand.

Piers lächelte ironisch, während er seinen Schützling im Nacken am Fell packte und von Alexa wegzog. Gefährlich ruhig forderte er ihn auf: “Sitz!”

Ben wusste genau, wann ein bisschen Diplomatie angesagt war, und setzte sich brav auf Piers’ Füße. Dann lehnte er sich an seine Beine und sah ihn mit seinen braunen Augen unschuldig an.

Piers beachtete den rührenden Blick nicht, sondern legte ihm das Halsband wieder um. Er machte es natürlich enger als zuvor.

Sekundenlang konnte Alexa keinen klaren Gedanken fassen, so fasziniert war sie von Piers’ breiter und kräftiger Brust, seinem flachen Bauch und seinen muskulösen Armen, mit denen er Ben festhielt, der ungestüm an der Leine zog und unglücklich bellte.

“Ich weiß nicht, wer meiner Patentante diesen unmöglichen Hund angedreht hat”, stieß Piers zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. “Aber wenn ich den Schuldigen finde …”

Demnach ist er Mrs Lathams Patensohn, dachte Alexa und mahnte sich, so professionell zu reagieren, wie sie es sonst auch immer tat. Sie musste sich auf die anderen Kursteilnehmer konzentrieren und nicht auf diesen ungemein attraktiven Mann, der da vor ihr stand und ihre Hormone verrücktspielen ließ. Rasch holte sie aus der Dose neben sich einen Hundekuchen und hielt ihn Ben hin.

“Sitz, Ben, sei ein braver Hund”, redete sie ihm gut zu.

“Nein, das …”, begann Piers streng. Doch dann schwieg er, denn Ben verwandelte sich plötzlich wirklich in einen braven Hund. Er sah Alexa hingebungsvoll an, ehe er die Belohnung annahm.

“Kommen Sie mit”, forderte sie dann die anderen auf. “Lassen Sie uns anfangen.”

In dem großen, leeren Raum wurde Piers schnell klar, dass Ben, was den Gehorsam betraf, eine Klasse für sich war, während die meisten anderen Hunde gut mitarbeiteten und rasch lernten.

Nachdem er den Kurs zum fünften Mal gestört hatte, stand Piers’ Meinung über Ben fest. Es gab keinen Zweifel, Ben war Meister im Manipulieren und bestimmt kein Hund für seine Patentante. Sie war hoffnungslos mit ihm überfordert.

Alexa versuchte verzweifelt, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Die anderen Hunde ließen sich immer wieder von Bens Temperament ablenken, und sie bemerkte Piers’ spöttischen Blick, als die Tiere unruhig wurden.

Bens Problem ist, er ist zu intelligent, überlegte sie. Außerdem war er zu temperamentvoll und hatte zu viel Energie. Das ruhige Leben bei Mrs Latham war nichts für ihn. Setter waren von Natur aus Jagdhunde. Sie brauchten viel Auslauf und vor allem eine feste Hand.

Am Ende der Übungsstunde streichelte Alexa jeden Hund, wie immer. Ben kam zuletzt an die Reihe. Aber natürlich nur, weil sie gern wissen wollte, warum Mrs Latham nicht selbst mit ihm gekommen war, wie Alexa sich rasch versicherte.

“Meine Tante hat sich den Knöchel verstaucht”, erklärte Piers kurz angebunden, nachdem sie sich vorgestellt und sich nach Mrs Latham erkundigt hatte.

Aus der Nähe wirkte Piers noch männlicher und aufregender als aus der Entfernung. Normalerweise fühlte sie sich nicht zu Männern hingezogen, die so streng und ernst waren wie er. Humor war ihr wichtiger als gutes Aussehen. Aber irgendetwas an diesem Mann ließ ihre Haut prickeln und brachte sie aus dem seelischen Gleichgewicht.

“Wenn ich mir das heutige Ergebnis Ihres Kurses betrachte, ist es kein Wunder, dass Ben noch nichts gelernt hat. Sind Sie überhaupt qualifiziert für den Job?”, fragte er kühl.

“Ich bin Tierärztin”, erwiderte sie und gestand sich wehmütig ein, dass er von ihr offenbar überhaupt nicht beeindruckt war. “Außerdem bin ich ausgebildete Hundetrainerin.”

“Das mag ja sein, aber Ben lässt sich trotzdem nicht erziehen. Er ist für meine Tante zu wild und …”

Während Alexa ihm zuhörte, sank ihr Mut. Es stimmte natürlich, was er sagte. Doch in seinem noch kurzen Leben hatte Ben schon zwei Besitzer gehabt, und obwohl er sich allen Erziehungsversuchen widersetzte, war er auf seine Art Mrs Latham treu ergeben. Was sollte aus dem Hund werden, wenn Mrs Latham sich überreden ließ, sich von ihm zu trennen?

“Setter sind anfangs etwas wild. Mit der Zeit werden sie jedoch viel ruhiger”, erklärte Alexa nicht ganz wahrheitsgemäß.

“Sicher”, stimmte Piers ihr zu und blickte sie finster an, “vorausgesetzt, sie leben in der richtigen Umgebung. Das ist bei Ben nicht der Fall.”

“Er hat schon einmal den Besitzer wechseln müssen”, wandte sie ein. “Es ist für einen Hund eine traumatische Erfahrung, von den Menschen getrennt zu werden, an die er gewöhnt ist.”

“Trotzdem werden Sie mir zustimmen, dass es für meine Tante auch eine traumatische Erfahrung wäre, wenn Ben, wie er es heute bei mir gemacht hat, aus dem Halsband schlüpfte und auf die Straße liefe. Das könnte fatale Folgen haben, auch für ihn.”

Alexa biss sich auf die Lippe. Er hatte natürlich recht.

“Sobald Ben gelernt hat, brav an der Leine zu laufen, passiert so etwas nicht mehr”, verteidigte sie den Hund.

“Ich bezweifle sehr, dass er es jemals lernt”, antwortete Piers.

Er blickte den Hund streng an, aber Ben schien ihn anzulächeln. Und dann entdeckte er plötzlich die Katze, die um die Ecke des Gebäudes schlich. Er sprang unvermittelt auf und zog so kräftig an der Leine, dass Piers nahe daran war, das Gleichgewicht zu verlieren. Und da Alexa genau wusste, wie stark der Hund war, hielt sie Piers vorsichtshalber am Arm fest, damit er nicht hinfiel.

Es wurde jedoch alles noch viel schlimmer. Ben gelang es, sich samt der Leine zu befreien. Dass Piers sekundenlang nicht aufgepasst hatte, lag nur an Alexas vollen Brüsten, die er an seinem Körper spürte, an dem dezenten Duft ihres Parfüms und ihrem seidenweichen Haar, das seinen Arm streifte, wie er sich später sagte. Immerhin war sie eine ungemein attraktive Frau. Fasziniert hatte Piers während des Kurses beobachtet, wie ihre vollen Brüste unter dem T-Shirt bei jeder ihrer Bewegungen mitschwangen. Das konnte er einfach nicht vergessen.

Als Ben hinter der Katze herjagte, riefen Alexa und Piers hinter ihm her. Aber erst Philip, der gerade um die Ecke bog, gelang es, den Hund aufzuhalten, der geradewegs in ihn hineinstürmte.

Alexa eilte herbei und griff nach Bens Leine, ehe sie sich bei ihrem Chef entschuldigte.

“Wie geht es der Stute?”, fragte sie dann besorgt.

“Gut, dem Fohlen auch, obwohl es eine Zeit lang ziemlich kritisch war.” Philip runzelte die Stirn und sah erst Alexa und dann Piers an. “Ist das nicht Piers Hathersage?” Als Piers nickte, fügte Philip hinzu: “Wir sind zusammen zur Schule gegangen. Erinnerst du dich? Was machst du so?”

Alexa zog sich zurück, während die beiden Männer ihre Bekanntschaft erneuerten. Sie nahm sich vor, Philip zu bitten, bei Piers ein gutes Wort für Ben einzulegen.

“Ben ist kein schlechter Hund”, sagte sie später zu Helen, als sie ihr erzählte, was passiert war.

“Nein, bestimmt nicht. Aber du musst zugeben, dass Mrs Latham mit ihm überfordert ist.”

“Ja”, stimmte Alexa zu. “Eigentlich schade, denn sie mag ihn sehr, und Ben hängt an ihr.”

“Ich glaube, du hast dich auch irgendwie in den Hund verliebt. Oder gibt es da sonst noch jemanden, für den du dich interessierst?”, neckte Helen sie.

Alexa ignorierte die Bemerkung und blickte auf die Uhr. “Was? Schon so spät? Ich muss mich beeilen”, rief sie betont entsetzt aus und verschwand.

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