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Bisswunden

Über den Autor

Greg Iles wurde 1960 in Deutschland geboren, wo sein Vater die Klinik der Amerikanischen Botschaft leitete. Aufgewachsen ist er in Natchez, Mississippi, wo er auch heute lebt. Nach seinem Studienabschluss an der University of Mississippi spielte er als Musiker in der Band »Frankly Scarlet«, bevor er die Gruppe verließ, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Seine Bücher wurden in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt und in über zwanzig Ländern veröffentlicht.

BASTEI ENTERTAINMENT

Dieser Roman ist den Frauen gewidmet, die irgendwann mitten in der Nacht erkennen, dass etwas nicht stimmt, und das schon sehr lange nicht. Mehr als die meisten anderen Menschen wissen diese Frauen um die Wahrheit der Worte William Faulkners: »Es gibt kein War, nur ein Ist. Würde es ein War geben, gäbe es keine Trauer und keine Sorgen.«

Ihr seid nicht allein.

Erinnerung ist der Wächter aller Dinge.

Cicero

Wenn das Böse die Wurzel aller Geheimnisse ist,
dann ist Schmerz die Wurzel allen Wissens.

Erasmus

1

Wo fängt Mord an?

Mit dem Betätigen eines Abzugs? Mit der Entstehung eines Motivs? Oder fängt er schon viel früher an, wenn ein Kind mehr Schmerz herunterschluckt als Liebe und sich für immer verändert?

Vielleicht spielt es keine Rolle.

Oder es ist wichtiger als alles andere.

Wir urteilen und strafen auf der Grundlage von Tatsachen, doch Tatsachen sind nicht die Wahrheit. Sie sind wie ein vergrabenes Skelett, das lange nach dem Tod exhumiert wird. Die Wahrheit ist fließend. Die Wahrheit ist lebendig. Die Wahrheit zu kennen erfordert Verständnis, die schwierigste aller menschlichen Künste. Die Wahrheit zu verstehen macht es nötig, alle Dinge zugleich zu sehen, zugleich nach vorn und nach hinten zu blicken, so wie Gott.

Nach vorn und nach hinten …

Also fangen wir in der Mitte an, mit einem läutenden Telefon in einem dunklen Schlafzimmer an der Küste des Lake Pontchartrain in New Orleans, Louisiana. Eine Frau liegt auf dem Bett, den Mund offen im tiefen, bewusstlosen Schlaf. Sie scheint das Telefon nicht zu hören. Schließlich aber dringt das Schrillen zu ihr durch wie der Stromschlag von Defibrillatoren, mit denen man versucht, einen komatösen Patienten zu wecken. Die Hand der Frau zuckt unter der Bettdecke hervor und tastet nach dem Hörer, ohne ihn zu finden. Sie schnappt nach Luft, stützt sich auf einen Ellbogen. Dann stöhnt sie leise und nimmt den Hörer vom Telefon auf dem Nachttisch.

Die Frau bin ich.

»Dr. Ferry«, krächze ich.

»Hast du geschlafen?« Die Stimme ist männlich und klingt gepresst vor Zorn.

»Nein.« Ich leugne ganz von selbst, doch mein Mund ist trocken wie ein Baumwollbausch, und mein Wecker zeigt 8 Uhr 20.

Ich war neun Stunden wie bewusstlos. Der erste tiefe Schlaf seit Tagen.

»Er hat wieder zugeschlagen.«

Irgendetwas regt sich in meinem schläfrigen Hirn. »Was?«

»Es ist jetzt das vierte Mal, dass ich in der letzten halben Stunde angerufen habe, Cat.«

Die Stimme lässt Zorn, Verlangen und Schuldgefühle in mir aufwallen. Sie gehört dem Police Detective, mit dem ich in den vergangenen achtzehn Monaten geschlafen habe. Sean Regan. Ein verständnisvoller, faszinierender Mann mit Frau und drei Kindern.

»Was hast du davor gesagt?«, frage ich, bereit, Sean den Kopf abzubeißen, falls er mich zu fragen wagt, ob wir uns irgendwo treffen können.

»Ich sagte, er hat wieder zugeschlagen.«

Ich blinzle und versuche mich in der Dunkelheit zu orientieren. Es ist Anfang August, und der purpurne Schein der Abenddämmerung dringt schwach durch die Vorhänge. Gott, wie trocken mein Mund ist. »Wo?«

»Im Garden District. Der Besitzer einer Druckerei. Männlich, weiß.«

»Bisswunden?«

»Schlimmer als die anderen.«

»Wie alt?«

»Neunundsechzig.«

»Mein Gott. Er ist es.« Ich schwinge mich aus dem Bett. »Das alles ergibt überhaupt keinen Sinn.«

»Stimmt.«

»Sexualtäter töten Frauen oder Kinder, Sean. Aber keine alten Männer.«

»Wir hatten diese Unterhaltung schon. Wie schnell kannst du hier sein? Piazza sitzt mir im Nacken, und möglicherweise kommt der Chief persönlich vorbei, um sich die Sache anzusehen.«

Ich nehme die Jeans von gestern vom Stuhl und ziehe sie über mein Höschen. Victoria’s Secret, Seans Lieblingswäsche, doch er wird sie heute Nacht nicht zu sehen bekommen. Vielleicht für lange Zeit nicht mehr. Vielleicht nie wieder. »Irgendein homosexueller Aspekt bei diesem Opfer? Hat er sich mit männlichen Prostituierten getroffen? Etwas in der Richtung?«

»Nicht der kleinste Hinweis«, antwortet Sean. »Er ist auf den ersten Blick genauso sauber wie die anderen.«

»Wenn er einen Computer zu Hause hat, lass ihn sicherstellen. Er könnte …«

»Ich kenne meinen Job, Cat.«

»Ich weiß, aber …«

»Cat.« Die einzelne Silbe ist wie ein tastender Finger. »Bist du nüchtern?«

Heiß steigt es mir das Rückgrat hoch. Ich habe seit fast achtundvierzig Stunden keinen Tropfen Wodka mehr getrunken, doch ich werde Sean nicht die Befriedigung geben, auf sein Verhör zu antworten. »Wie heißt das Opfer?«

»Arthur LeGendre.« Er senkt die Stimme. »Bist du nüchtern, Süße?«

Das Verlangen ist bereits wach in meinem Blut, wie kleine Zähne, die an den Wänden meiner Adern nagen. Ich brauche das anästhesierende Brennen eines Schusses Grey Goose. Aber das darf ich nicht mehr. Ich habe Valium genommen, um die körperlichen Entzugserscheinungen zu bekämpfen. Doch nichts kann den Alkohol richtig ersetzen, der mich so lange hat funktionieren lassen.

Ich verlagere den Hörer von einer Schulter zur anderen und ziehe eine Seidenbluse aus meinem Schrank. »Wo befinden sich die Bisswunden?«

»Rumpf, Brustwarzen, Penis und Gesicht.«

Ich erstarre. »Gesicht? Wie tief sind sie?«

»Tief genug, dass du deine Abdrücke nehmen kannst.«

Die plötzliche Erregung dämpft die schlimmsten Aufwallungen meines Verlangens nach Alkohol. »Ich bin unterwegs.«

»Hast du deine Medikamente genommen?«

Sean kennt mich zu gut. Niemand sonst in New Orleans ahnt auch nur, dass ich etwas nehme. Lexapro gegen Depressionen, Depakote zur Impulskontrolle. Ich habe vor drei Tagen aufgehört, die Medikamente zu nehmen, doch ich will nicht mit Sean darüber reden.

»Hör auf, dir wegen mir Sorgen zu machen, ja? Ist das fbi da?«

»Die halbe Sonderkommission ist vor Ort, und sie wollen wissen, was du von diesen Bisswunden hältst. Der Typ vom Bureau fotografiert alles, aber du hast die Ultraviolett-Ausrüstung. Außerdem bist du der Fachmann, wenn es um Zähne geht.«

Seans anerkennende, wenngleich absichtlich falsche Darstellung meines Geschlechts ist typischer Cop-Slang, und es verrät mir, dass er Zuhörer hat. »Wie ist die Adresse?«

»Siebenundzwanzig-siebenundzwanzig Prytania.«

»Hört sich nach einer Adresse mit Alarmanlage an.«

»Die ist abgestellt.«

»Genau wie beim Ersten. Moreland.« Unser erstes Opfer – vor einem Monat – war ein Army-Colonel im Ruhestand, ein in Vietnam hoch dekorierter Offizier.

»Ganz genau.« Seans Stimme sinkt zu einem Flüstern herab. »Schaff deinen hübschen Hintern hierher, okay?«

Heute erweckt seine irische Vertraulichkeit in mir den Wunsch, ihm eine zu langen. »Kein ›Ich liebe dich‹?«, frage ich mit vorgetäuschter Liebenswürdigkeit.

Seine Antwort ist fast unhörbar leise. »Du weißt, dass ich nicht allein bin.«

Wie üblich. »Ja. Ich bin in fünfzehn Minuten bei dir.«

Die Nacht senkt sich herab, während ich mit meinem Audi von meinem Haus am Lake Pontchartrain zum Garden District fahre, dem duftenden Herzen von New Orleans. Ich habe zwei Minuten im Badezimmer verbracht in dem Bemühen, mich vorzeigbar zu machen, doch mein Gesicht ist noch immer verschwollen vom Schlaf. Ich brauche Koffein. In fünf Minuten werde ich umgeben sein von Cops, FBI-Agenten, forensischen Technikern, dem Chef des Morddezernats und möglicherweise dem Chef des New Orleans Police Department, kurz NOPD. Ich bin an derartige Aufmerksamkeit gewöhnt, doch vor sieben Tagen – das letzte Mal, als dieses Raubtier zugeschlagen hat – hatte ich ein Problem am Tatort. Nichts allzu Ernstes. Eine Panikattacke aus heiterem Himmel, nach den Worten des Rettungssanitäters, der mich anschließend untersucht hat. Doch Panikattacken wecken in den harten Männern und Frauen, die mit der Untersuchung von Serienmorden beauftragt sind, nicht gerade Vertrauen. Ein beratender Experte, der sich nicht zusammenreißen kann, ist das Letzte, was sie gebrauchen können.

Die Nachricht von meiner kleinen »Episode« hat sich selbstverständlich verbreitet wie ein Lauffeuer. Sean hat es mir erzählt. Niemand wollte es glauben. Wieso verliert die Frau, die man beim Morddezernat die »Ice Queen« nennt, plötzlich am Schauplatz eines gar nicht allzu grässlichen Mordes die Fassung? Das wüsste ich selbst gerne. Ich habe eine Theorie, doch die Analyse der eigenen mentalen Verfassung ist ein Geschäft, das bekannt ist für seine Unzuverlässigkeit. Was den Spitznamen angeht: Ich bin keine Eiskönigin, doch in der Macho-Welt der Gesetzeshüter ist diese Rolle das Einzige, das mir Sicherheit verschafft – vor Männern und vor meinen eigenen unkontrollierten Impulsen. Bis auf die Tatsache, dass Sean diese kleine Strategie Lügen straft.

Vier Opfer inzwischen, rufe ich mir ins Gedächtnis, indem ich mich auf den Fall konzentriere. Vier Männer im Alter von zweiundvierzig bis neunundsechzig, alle ermordet im Abstand von einer Woche. In einer Zeitspanne von dreißig Tagen, um genau zu sein. Die Abfolge der Morde ist beispiellos, und wären die Opfer Frauen – die Stadt wäre von Entsetzen gepackt. Doch weil die Opfer Männer im mittleren Alter oder darüber sind, hat sich in New Orleans eine Art faszinierter Neugier breit gemacht. Jedes Opfer wurde ins Rückgrat geschossen, mit Bissen verstümmelt und schließlich mit einem Gnadenschuss in den Kopf erlöst. Die Bisse haben von Opfer zu Opfer an Brutalität zugenommen, und sie liefern außerdem die stärksten Beweise gegen jeden zukünftigen Verdächtigen – mitochondrische dna aus dem Speichel des Killers.

Die Bisswunden sind der Grund dafür, dass ich an dem Fall mitarbeite. Ich bin forensische Odontologin, Expertin für menschliche Zähne und die Schäden, die sie anzurichten imstande sind. Ich habe meine Kenntnisse im Verlauf von vier langweiligen Jahren an der Universität und fünf faszinierenden Jahren der Feldforschung erworben. Wenn Leute mich fragen, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene, dann erzähle ich ihnen, ich wäre Zahnärztin, was der Wahrheit mehr oder weniger entspricht und alles ist, was sie erfahren müssen. Odontologin sagt niemandem etwas, doch im Amerika nach c. s. i. lockt das Beiwort forensisch so viele Fragen hervor, dass ich mit den Antworten nicht mehr hinterherkomme. Während also die meisten Bekannten mich als Zahnärztin kennen, die zu viel zu tun hat, um neue Patienten anzunehmen, gibt es eine Reihe von Regierungsbehörden – einschließlich fbi und der Kommission zur Bekämpfung und Aufklärung von Kriegsverbrechen der Vereinten Nationen –, für die ich als eine der weltweit führenden forensischen Odontologinnen beschäftigt bin. Was ziemlich angenehm ist. Ich kann mich damit identifizieren.

Die Sonderkommission möchte heute Abend meine Expertise in Sachen Bisswunden, doch Sean Regan will mehr. Als er vor zwei Jahren meine Hilfe bei einem Mordfall in Anspruch nahm, fand er bald heraus, dass ich mich nicht nur mit Zähnen auskenne. Ich habe zwei Jahre Medizin studiert, bevor ich gewechselt habe, und das hat mir eine gute Basis für das Selbststudium der Forensik verschafft. Anatomie, Hämatologie, Histologie, Biochemie – was immer ein Fall erfordert. Ich kann doppelt so viele Informationen aus einem Autopsiebericht herausholen wie jeder Detective, und doppelt so schnell. Nachdem Sean und ich uns näher gekommen waren, als die Regeln es erlauben, benutzte er mich öfter inoffiziell bei der Lösung schwieriger Fälle. Benutzen ist das richtige Wort: Sean lebt dafür, Killer zur Strecke zu bringen, und er benutzt alles und jedes, das ihm dabei helfen kann.

Doch Sean benutzt mich nicht nur. Er ist mein Waffenkamerad, mein Rabbi und mein Förderer. Er verurteilt mich nicht. Er kennt mich so, wie ich bin, und er gibt mir, was ich brauche. Ich bin wie Sean – eine geborene Jägerin. Ich jage allerdings keine Tiere. Ich habe Tiere gejagt, und ich hasse es. Tiere sind unschuldige Wesen, Menschen nicht. Ich bin eine geborene Menschenjägerin. Doch im Gegensatz zu Sean besitze ich keine Lizenz dazu. Nicht wirklich, heißt das. Die forensische Odontologie führt nur zu peripherer Berührung mit Mordfällen – es ist meine Beziehung zu Sean, die mich mitten in die blutigen Details bringt. Indem er mir Zutritt verschafft – unethischen und wahrscheinlich illegalen Zutritt – zu Tatschauplätzen, Zeugen und Beweisen, hat er mir ermöglicht, vier große Mordfälle zu lösen, einer davon mit einem Serientäter. Selbstverständlich hat Sean jedes Mal die Lorbeeren eingeheimst – plus die damit verbundenen Beförderungen –, und ich lasse es geschehen. Warum? Weil die Wahrheit unsere Liebesbeziehung offen gelegt hätte. Sean wäre gefeuert worden, und die Killer wären freigekommen. Doch die Wahrheit ist einfacher als das. Die Wahrheit lautet, dass mir die Lorbeeren egal sind. Ich habe das Adrenalin und den hämmernden Puls der Jagd auf Raubtiere gespürt, und ich bin so süchtig danach wie nach dem Wodka, den ich in diesem Augenblick so dringend gebrauchen könnte.

Aus diesem einen Grund habe ich unsere Beziehung weit über den Punkt hinaus laufen lassen, an dem ich Beziehungen normalerweise sabotiere. Weit genug, um eine meiner schmerzhaftesten Erfahrungen zu vergessen. Ein Ehemann verlässt seine Frau nicht. Jedenfalls nicht die Sorte von Ehemännern, die ich mir aussuche. Nur ist es diesmal anders. Sean hat sich wirklich alle Mühe gegeben, mich zu überzeugen, dass er es tun wird. Und ich bin dicht davor, ihm zu glauben. Dicht genug, um mich in den einsamsten, verwundbarsten Stunden der Nacht dabei zu ertappen, wie ich es mir verzweifelt wünsche. Doch jetzt … die Situation hat sich geändert. Das Schicksal hat eingegriffen. Und wenn Sean mich nicht sehr überrascht, ist unsere Beziehung zu Ende.

Ohne Vorwarnung überschwemmt mich eine Woge von Übelkeit. Ich versuche mir einzureden, dass es am Alkoholentzug liegt, doch tief in mir weiß ich es besser. Es ist Panik. Reine, nackte Panik angesichts der Vorstellung, Sean aufzugeben und allein zu sein. Denk nicht darüber nach, sagt eine zittrige Stimme in mir. In zwei Minuten stehst du im Rampenlicht. Denk an den Fall …

Während ich bremse, in die Ausfahrt der Interstate einbiege und schließlich auf der St. Charles Avenue herauskomme, summt mein Mobiltelefon zu den Eingangsnoten von U2’s »Sunday, Bloody Sunday«. Ohne hinzusehen weiß ich, dass es Sean ist.

»Wo bist du?«, fragt er.

Ich bin noch gut fünfzehn Blocks von den stattlichen viktorianischen Häusern der Prytania Street entfernt, doch ich muss Sean beruhigen. »Bin nur noch einen Katzensprung vom Tatort entfernt.«

»Gut. Kannst du deine Ausrüstung alleine tragen?«

Mein Untersuchungskoffer wiegt voll beladen fast fünfzehn Kilo, und heute Nacht brauche ich außerdem meine Kameratasche und das Stativ. Vielleicht will Sean andeuten, dass ich ihn bitten soll, mir zu helfen. Es würde ihm Gelegenheit für ein paar private Worte geben, bevor wir uns umringt von anderen wiederfinden. Doch ein privates Gespräch ist heute Abend das Letzte, wonach mir der Sinn steht.

»Ich komme zurecht«, sage ich. »Du klingst so eigenartig. Was ist los bei euch?«

»Alle sind nervös. Du kennst die Geschichte.«

Tue ich. Es hat drei Fälle von Serienmord in der Baton-Rouge-Gegend von New Orleans in genauso vielen Jahren gegeben, und bei allen dreien haben sich im Verlauf der Ermittlungen schwere Fehler ereignet.

»Wir haben Detectives aus dem Sechsten Distrikt hier«, fährt Sean fort. »Aber die Sonderkommission hat vor Ort übernommen. Wir führen unsere Ermittlungen aus dem Hauptquartier, genau wie die anderen. Captain Piazza hat mich bereits bei den Eiern.«

Carmen Piazza ist eine harte Italoamerikanerin um die fünfzig, die durch die Ränge des Detective Bureau marschiert ist und nun das Morddezernat leitet. Wenn irgendjemand Sean jemals wegen seiner Beziehung zu mir feuert, dann ist es Piazza. Sie ist zwar beeindruckt von Seans Verhaftungen, doch sie denkt, er wäre ein Cowboy. Und sie hat Recht. Sean ist ein hartgesottener, verteufelter irischer Cowboy.

»Hat sie einen Verdacht, was uns angeht?«

»Nein.«

»Keine Gerüchte? Nichts?«

»Ich glaube nicht.«

»Was ist mit Joey?«, frage ich in Anspielung auf Seans Partner, Detective Joey Guercio. »Hat er zu irgendjemandem geplappert?«

Eine Millisekunde des Zögerns. »Bestimmt nicht. Hör mal, sei einfach cool, wie du’s immer warst, außer beim letzten Mal. Meinst du, du schaffst das? Sind deine Nerven wieder in Ordnung?«

Ich schließe die Augen. »Waren sie, bis du gefragt hast.«

»Sorry. Beeil dich, okay? Ich gehe wieder rein.«

Wie aus heiterem Himmel überkommt mich ein Anfall von Verlangen. »Kannst du nicht auf mich warten?«

»Es ist wohl besser, wenn ich es nicht tue.«

Besser für dich, ja. »Auch gut.«

Konzentrier dich auf den Fall, sage ich mir und überprüfe die Hausnummern auf der Prytania, um mich zu orientieren. Sie erwarten von dir, dass du dich in deiner Materie auskennst.

Die Fakten sind schnell erzählt. In den vergangenen dreißig Tagen wurden drei Männer mit der gleichen Waffe erschossen, von den gleichen Zähnen zerbissen und dabei – in zwei Fällen – mit dem Speichel eines Mannes benetzt, dessen dna mit siebenundachtzigprozentiger Wahrscheinlichkeit auf einen Weißen hindeutet. Das kriminaltechnische Labor des nopd hat die ballistischen Untersuchungen durchgeführt und die Identität der Waffe bestätigt, während das Labor der Staatspolizei die mitochondrische dna analysiert hat. Und ich habe die Bisswunden für identisch erklärt.

Das ist sehr viel schwieriger, als es im Fernsehen erscheinen mag. Wenn ich einem Detective meine Arbeit erkläre, erzähle ich meist von dem forensischen Pathologen, der ein künstliches Gebiss benutzt hat bei dem Versuch, perfekt übereinstimmende Bisswunden auf einem Leichnam zu hinterlassen. Es gelang ihm nicht. Die Lektion ist klar, selbst für einen Streifenpolizisten: Wenn es schon schwierig ist, zwei Bisswunden in Einklang zu bringen, von denen man weiß, dass die gleichen Zähne sie verursacht haben, dann ist es nahezu unmöglich, Bisswunden zu vergleichen, die von Millionen verschiedener Menschen herrühren können. Selbst wenn man die Zahl der Verdächtigen auf eine kleine Gruppe eingeengt hat, ist es immer noch viel problematischer, als mancher Odontologe zuzugeben bereit ist.

Speichel im Bissabdruck eines Killers kann die Dinge enorm vereinfachen, weil sich im Speichel dna findet, die man mit der dna von Verdächtigen vergleichen kann. Doch vor vier Wochen, als das erste Opfer gefunden wurde, konnte ich keinen Speichel an den beiden Bisswunden des Opfers entdecken. Ich nahm an, dass der Killer eine organisierte Persönlichkeit war – jemand, der den Speichel aus den Bissmalen wusch, um belastende dna-Spuren zu beseitigen. Doch eine Woche später, als das zweite Opfer gefunden wurde, fiel meine Theorie in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Ich fand Speichelreste in zweien der vier Bisswunden, die der Täter am Leichnam hinterlassen hatte. Dies eröffnete die Möglichkeit, dass wir es mit einer anderen, desorganisierten Killerpersönlichkeit zu tun hatten. Mithilfe reflektiver Ultraviolettfotografie und Elektronenmikroskopie der Bisswunden kam ich dennoch zu dem Schluss, dass der gleiche Täter beide Opfer ermordet hatte. Die ballistische Analyse der geborgenen Kugeln erhärtete meine Schlussfolgerung. Sechs Tage darauf, als das dritte Opfer gefunden wurde, bestätigte sich meine Vermutung aufgrund der dna-Spuren in den Bisswunden am Leichnam: Es stand zweifelsfrei fest, dass ein und derselbe Killer die drei Männer ermordet hatte.

Die Bedeutung dieser Entdeckung lässt sich nicht hoch genug einschätzen. Das grundlegende Kriterium, um einen Serienmord als solchen zu klassifizieren, sind drei Opfer, die von ein und derselben Person getötet wurden – jedes Opfer an einem anderen Ort und mit einem gewissen zeitlichen Abstand zwischen den einzelnen Taten. Ich hatte nun bewiesen, was ich gleich beim Augenblick des ersten Toten gewusst hatte: Ein weiterer Serienmörder war in New Orleans auf der Jagd.

Meine offizielle Verantwortlichkeit endete mit dem Vergleich der Bisswunden, doch ich hatte nicht vor, hier Halt zu machen. Während die Polizei von New Orleans und das fbi eine gemeinsame Sonderkommission bildeten, machte ich mich daran, die anderen Aspekte des Falles zu analysieren. Bei sexuell motiviertem Serienmord bildet die Auswahl der Kriterien, nach denen ein Mörder seine Opfer findet, den Schlüssel zu jedem Fall. Und wie bei allen Serienmorden waren die nomurs – so getauft vom fbi für New Orleans Murders – ihrem Grunde nach sexuell veranlasste Morde.

Es gibt immer irgendetwas, das die Opfer eines Serienmörders verbindet, selbst wenn es nichts weiter ist als ein bestimmter Ort, wobei dieser Ort den Mörder anzieht. Doch die nomurs-Opfer unterschieden sich stark im Alter, der Physis, ihrem Beruf und dem sozialen Status; darüber hinaus wohnten sie in unterschiedlichen Gegenden. Die einzigen Gemeinsamkeiten waren ihre weiße Hautfarbe, ihr männliches Geschlecht, ihr Alter über vierzig und die Tatsache, dass sie Familie hatten. Diese vier Fakten in Kombination schlossen jedes bekannte Zielprofil für Serienmörder aus. Mehr noch, keiner der Ermordeten hatte Angewohnheiten, die einen Serientäter zu einem untypischen Opfer gelockt haben konnten. Keines der Opfer war homosexuell, es gab keinerlei Hinweise auf perverse Neigungen. Keines der Opfer war jemals wegen eines Sexualdelikts verhaftet worden, wegen Kindesmissbrauchs angezeigt oder als Gast in Striptease-Clubs oder anderen anrüchigen Etablissements in Erscheinung getreten.

Aus diesem Grund hatte die nomurs-Sonderkommission bisher keinerlei Fortschritte bei ihrer Suche nach einem Verdächtigen gemacht.

Ich bremse den Audi ab, um eine Hausnummer zu lesen, und meine Haut juckt vor Angst und Vorahnung. Der Killer war nur wenige Stunden zuvor hier auf dieser Straße unterwegs. Vielleicht ist er jetzt noch hier und beobachtet das Voranschreiten der Untersuchungen, wie Serientäter es häufig tun. Vielleicht beobachtet er mich. Darin liegt der Nervenkitzel. Ein Raubtier ist keine Beute. Wenn man ein Raubtier jagt, bringt man sich in eine Lage, die dazu führt, dass man selbst gejagt wird. Es gibt keinen anderen Weg. Wenn man einem Löwen in ein Dickicht folgt, begibt man sich zwangsläufig in Reichweite seiner Pranken. Doch mein Gegner ist kein Löwe. Mein Gegner ist die tödlichste Kreatur der Welt: ein männlicher Weißer, getrieben von Lust und Wut, und doch – zumindest zeitweilig – von Logik beherrscht. Er schleicht ungestraft durch unsere Straßen, voller Selbstvertrauen und Kühnheit; er plant akribisch im Voraus und ist arrogant, wenn es um die Ausführung geht. Und ich weiß bisher nur eines über ihn: Er wird wieder und wieder und wieder töten, genau wie alle seine Brüder vor ihm, bis jemand das Rätsel seiner Psyche löst, oder bis er sich durch die Intensität des Konflikts in seinem Bewusstsein selbst zerstört. Vielen Leuten ist es egal, auf welche Weise es endet, solange es nur schnell geht.

Mir ist es nicht egal.

Sean steht wartend am Bürgersteig. Er ist mir einen Block weit vom Haus des Opfers entgegengekommen. Schneid hatte er schon immer. Aber hat er auch genügend Schneid, sich unserer gegenwärtigen Situation zu stellen?

Ich parke meinen Audi hinter einem Toyota Landcruiser, steige aus und will meine Ausrüstung entladen. Sean umarmt mich flüchtig; dann lädt er die Sachen aus. Er ist sechsundvierzig, doch er sieht aus wie vierzig und besitzt die lässige, zuversichtliche Eleganz eines Athleten. Sein Haar ist größtenteils schwarz, die Augen sind grün mit einem Glitzern darin. Selbst nach achtzehn Monaten, die ich nun seine Geliebte bin, erwarte ich immer noch einen irischen Akzent zu hören, sobald Sean den Mund öffnet. Stattdessen kommen die Worte in gedehntem Singsang, wie es für New Orleans typisch ist, eine Art Brooklyn-Slang mit einer Andeutung von Languste.

»Alles okay mit dir?«, fragt er.

»Hast du deine Meinung geändert?«

Er zuckt die Schultern. »Ich habe mich schlecht gefühlt.«

»Scheiße. Du wolltest dich nur selbst überzeugen, dass ich nüchtern bin.«

Ich sehe die Wahrheit meiner Worte in seinem Gesicht. Er mustert mich durchdringend, und er denkt gar nicht daran, sich zu entschuldigen.

»Erzähl weiter«, fordere ich ihn auf.

»Was?«

»Du wolltest etwas sagen. Schieß los.«

Er seufzt. »Du siehst mitgenommen aus, Cat.«

»Danke für dein Vertrauen.«

»Sorry. Hast du getrunken?«

Vor Zorn verkrampfen sich meine Wangenmuskeln. »Ich bin zum ersten Mal seit Ewigkeiten vollkommen nüchtern.«

Ich sehe Zweifel in seinen Augen. Doch als er mich dann mustert, verschwinden diese Zweifel. »Meine Güte. Vielleicht brauchst du einen Drink!«

»Es ist schlimmer, als du vielleicht glaubst. Aber ich werde nichts trinken.«

»Warum nicht?«

»Komm, bringen wir diese Sache hinter uns.«

»Ich muss trotzdem vor dir wieder rein.« Er wirkt verlegen.

Zornig wende ich den Blick zur Seite. »Wie lange? Reichen fünf Minuten?«

»Nicht so lange.«

Ich winke ihn weg und steige wieder in den Wagen. Er kommt zur Fahrertür; dann ändert er seine Meinung und geht in Richtung Tatort davon.

Meine Hände zittern. Haben sie schon gezittert, als ich aufgewacht bin? Ich packe das Lenkrad und zwinge mich, tief zu atmen. Langsam beruhigt sich mein Puls, und mein Herzschlag wird stetiger. Ich klappe die Sonnenblende herunter und überprüfe mein Make-up. Normalerweise bin ich alles andere als zwanghaft, was mein Erscheinungsbild angeht, doch Sean hat mich nervös gemacht. Und wenn ich nervös bin, kommen mir verrückte Dinge in den Kopf. Körperlose Stimmen, alte Albträume, lange zurückliegende Fehler und Fehltritte, Dinge, die Therapeuten gesagt haben …

Ich überlege, ob ich Eyeliner auftragen soll, um meine Augen zu betonen, falls ich jemanden niederstarren muss. Eigentlich brauche ich das gar nicht. Männer sagen mir häufig, dass ich wunderschön bin, doch das erzählen sie bekanntlich allen Frauen. Eigentlich ist mein Gesicht ziemlich maskulin, mit schräg stehenden braunen Augen und geschwungenen Brauen. Mein Vater, der seit zwanzig Jahren tot ist, lebt in jedem Winkel meines Gesichts weiter. Ich habe ein Bild von ihm in der Brieftasche. Luke Ferry, 1969. Lächelnd, in seiner Army-Uniform, irgendwo in Vietnam. Ich mag die Uniform nicht – nicht mehr nach dem, was der Krieg aus ihm gemacht hat –, doch ich mag seine Augen auf dem Bild. Noch immer voller Gefühl, noch immer menschlich. So möchte ich ihn in Erinnerung behalten. Ein Kleinmädchenbild von einem Vater. Einmal hat er mir erzählt, dass ich beinahe sein Gesicht bekommen hätte, doch im letzten Moment wäre ein Engel herabgerauscht und hätte es hübsch gemacht.

Sean sieht die Härte in meinem Gesicht. Er hat mir gesagt, dass ich aussehe wie ein Raubvogel, wie ein Falke oder ein Adler. Heute Abend bin ich froh um diese Härte. Denn als ich aus dem Audi steige und meine Koffer und das Stativ schultere, sagt mir irgendetwas, dass Sean möglicherweise Recht hat mit seiner Sorge um meine Nerven. Ich werde heute Nacht gewissermaßen nackt da drinnen stehen, ohne den Mantel von Betäubungsmitteln. Und ohne diese vertraute chemische Barriere, die mich vor den scharfen Ecken und Kanten der Realität bewahrt, fühle ich mich noch viel verletzlicher gegenüber dem, das beim letzten Mal meine Panikattacke ausgelöst hat.

Während ich über die im Halbdunkel liegende Straße gehe, mit ihren schmiedeeisernen Vorgartenzäunen und den Galerien im ersten Stock, spüre ich Blicke auf der Haut. Ich bleibe stehen und drehe mich um, doch es ist niemand zu sehen. Nur ein Hund, der an einem Laternenmast das Bein hebt. Ich suche die Galerien über mir ab, doch die Hitze hat die Bewohner ins Innere der Häuser getrieben. Du meine Güte. Ich fühle mich, als hätte ich meine ganzen einunddreißig Lebensjahre lang darauf gewartet, den Toten in dem Haus vor mir zu sehen. Oder vielleicht hat er auf mich gewartet. Irgendetwas jedenfalls wartet auf mich, so viel ist sicher.

Vor meinem geistigen Auge entsteht ein kristallklares Bild, als ich mich wieder in Bewegung setze, eine beschlagene blaue Dasani-Flasche mit sieben Zentimetern Grey Goose über dem Flaschenboden, wie Schmelzwasser von einem göttlichen Gletscher. Hätte ich das getrunken, hätte ich jede nur denkbare Situation überstanden.

»Du hast das schon hunderte Male getan!«, beschimpfe ich mich selbst. »Du warst mit fünfundzwanzig in Bosnien, als du noch von nichts eine Ahnung hattest!«

»Hallo! Sind Sie Dr. Ferry?«

Ein Cop in Uniform ruft mich von einer Veranda zu meiner Rechten. Das Haus des Opfers. Arthur LeGendre hat in einem großen viktorianischen Haus im Garden District gewohnt, vor dem die Fahrzeuge der Ermittlungsbeamten parken: der Kombi des Coroners, eine Ambulanz, Streifenwagen des nopd und der Suburban des fbi, in dem das forensische Team unterwegs ist. Außerdem sehe ich zwei nicht gekennzeichnete Fahrzeuge der Polizei von New Orleans, eines davon der Wagen von Sean. Als ich die Treppen hinaufsteige, bin ich in dem Glauben, dass alles in Ordnung ist.

Doch drei Meter hinter der Haustür weiß ich, dass ich in Schwierigkeiten stecke.

2

Eine spröde Aura der Erwartung erfüllt die viktorianische Eingangshalle des Hauses, das dem Opfer gehört hat. Neugierige Blicke verfolgen jede meiner Bewegungen. Ein forensischer Techniker bewegt sich mit einer alternativen Lichtquelle durch den Raum, auf der Suche nach latenten Fingerabdrücken. Ich weiß nicht, wo die Leiche liegt, doch bevor ich den Streifenbeamten fragen muss, der hinter der Eingangstür postiert ist, betritt Sean aus einem angrenzenden Zimmer die Halle und winkt mich herbei.

Ich setze mich in Bewegung, vorsichtig, um mit meinem Gepäck nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Ich wünschte, Sean würde meinen Arm drücken, sobald ich bei ihm bin, doch ich weiß, das kann er nicht. Er tut es aber trotzdem. Und ich erinnere mich wieder, warum ich mich in ihn verliebt habe. Sean weiß immer, was ich gerade brauche, manchmal, bevor ich selbst es weiß.

»Wie geht es dir?«, murmelt er.

»Ein wenig wacklig auf den Beinen.«

»Die Leiche liegt in der Küche.« Er nimmt mir den schweren Koffer aus der Rechten. »Diesmal ist es ein wenig blutiger als beim letzten Mal, aber letztlich ist er bloß ein weiterer Toter. Die Forensiker vom fbi haben ihren Job bereits gemacht, alles bis auf die Bisswunden. Kaiser sagt, das wäre deine Show. Das sollte dich doch aufbauen, oder?«

»Kaiser« ist John Kaiser, ein ehemaliger Profiler des fbi, der geholfen hat, den größten Fall von Serienmorden in New Orleans zu lösen. Damals verschwanden elf Frauen, während überall auf der Welt Ölgemälde ihrer Leichen auftauchten. Kaiser ist der Verbindungsmann des fbi für die nomurs-Sonderkommission.

»Der Tatort ist beengter, als er es eigentlich sein dürfte«, murmelt Sean leise. »Piazza ist drin. Jede Menge Spannungen, wenn du genau hinsiehst. Aber das ist nicht dein Problem. Du bist Sachverständige, weiter nichts.«

»Ich bin so weit. Fangen wir an.«

Er öffnet die Tür in eine glitzernde Welt aus Granit, Travertin, glänzender Emaille und gebeiztem Holz. Küchen wie diese erinnern mich immer an Operationssäle, und hier gibt es tatsächlich irgendwo einen Patienten. Einen toten Patienten. Mein Blick schweift über ein verschwommenes Gewirr von Gesichtern, und ich nicke zur Begrüßung. Captain Carmen Piazza nickt zurück. Dann sehe ich die Blutspur am Boden. Jemand ist entweder über den Marmorboden gekrochen oder gezerrt worden, hinter die Kochinsel im Zentrum der Küche. Gezerrt worden, denke ich.

»Hinter der Insel«, sagt Sean neben mir.

Jemand hat einen Scheinwerfer aufgestellt. Als ich die Insel umrunde, erblicke ich ein bestürzendes Bild in Technicolor: ein nackter Toter auf dem Rücken. Die Details seines Oberkörpers treffen mein Bewusstsein in einem surrealen Schauer. Blaugraue Bisswunden auf der Brust, blutige Bisswunden im Gesicht, ein Loch von einer Kugel mitten im Bauch, eine Kontaktwunde von einer weiteren Kugel in der Stirn. Das superfeine Sprühmuster vom Einschlag eines Hochgeschwindigkeitsgeschosses überzieht die Marmorfliesen hinter dem Kopf des Opfers wie ein monochromes Gemälde von Pollock. Arthur LeGendres Gesicht ist eine erstarrte Maske aus Horror und Schmerz, erstarrt in der Zeit durch die Kugel, die durch seinen Hinterkopf ausgetreten ist.

Ich zwinge mich, den Blick von den Bisswunden auf der Brust abzuwenden. Der Unterleib erzählt seine eigene Geschichte. Arthur LeGendre ist doch nicht ganz nackt. Er trägt schwarze Socken, wie ein Mann in einem Porno-Streifen aus den 1940ern. Sein Penis ist eine bleiche Eichel in einem Nest aus grauem Schamhaar, doch ich sehe Blut und eine Verletzung. Ich trete einen Schritt vor, und der Atem stockt mir in der Kehle. Da stehen, quer über zwei Türen der Insel gegenüber dem Waschbecken, in Blut fünf Worte geschrieben.

MEINE ARBEIT IST NIEMALS GETAN

Dünne Nasen aus Blut sind entlang den Schranktüren nach unten gelaufen und verleihen der Botschaft einen beinahe komisch aussehenden Halloween-Look. Doch es ist nichts Komisches an der Lache aus Blut und Serum unter dem Ellbogen des Toten. LeGendres Ellbogen-Arterie wurde aufgeschlitzt, um das Blut für die Botschaft zu entnehmen. Die Spitze seines rechten Zeigefingers wurde offensichtlich in das Blut getaucht. Hat der Killer die Worte mit dem Finger seines toten Opfers geschrieben, um nicht seinen eigenen Abdruck im Blut zu hinterlassen? Oder hat er LeGendre vor seinem Tod gezwungen, die Botschaft zu schreiben? Untersuchungen auf freies Histamin werden diese Frage beantworten.

Ich muss mit meiner Arbeit anfangen, doch ich kann die Augen nicht von der Botschaft abwenden. Meine Arbeit ist niemals getan. Es ist eine gewöhnliche Phrase, so gewöhnlich, dass ich in Gedanken höre, wie meine Mutter sie ausspricht …

»Brauchen Sie Hilfe, Dr. Ferry?«

»Wie?«

»John Kaiser«, stellt die gleiche Stimme sich vor.

Ich blicke zu einem großen, schlaksigen Mann von etwa fünfzig Jahren auf. Er besitzt ein freundliches Gesicht mit haselnussbraunen Augen, denen nicht die kleinste Kleinigkeit entgeht. Er hat seinen Rang weggelassen. Special Agent John Kaiser.

»Brauchen Sie Hilfe bei der Beleuchtung? Für die UV-Fotografie?«

Ich fühle mich merkwürdig distanziert, als ich verneinend den Kopf schüttele.

»Er wird brutaler«, meint Kaiser. »Vielleicht verliert er die Kontrolle. Das Gesicht des Opfers ist diesmal förmlich zerrissen.«

Ich nicke erneut. »Auf der Wange sieht man subkutanes Fett.«

Der Fußboden zittert, als Sean meinen schweren Koffer neben mir abstellt. Zu spät versuche ich mein Zusammenzucken zu verbergen. Ich befehle mir, tief durchzuatmen, doch meine Kehle schnürt sich bereits zusammen, und Schweiß bricht mir aus allen Poren.

Ein Schritt nach dem anderen … nimm die Bisse mit der 105-Millimeter Quarzlinse auf … Zuerst normaler Farbfilm, dann die Filter und UV. Danach die Alginat-Abdrücke …

Als ich mich vorbeuge, um die Schlösser meines Koffers zu öffnen, kommt es mir vor, als bewegte ich mich mit halber Geschwindigkeit. Ein Dutzend Augenpaare beobachtet mich, und die Blicke scheinen meine Nervenimpulse zu behindern. Sean wird meine Unbeholfenheit bemerken, doch außer ihm niemand. »Es ist der gleiche Mund«, sage ich leise.

»Was?«, fragt Agent Kaiser.

»Der gleiche Killer. Er hat leicht schräg stehende laterale Schneidezähne. Ich erkenne es an den Bisswunden auf der Brust des Toten. Das ist kein abschließendes Urteil, nur eine … vorläufige Einschätzung.«

»Aha. Ja, natürlich. Sind Sie sicher, dass Sie keine Hilfe brauchen?«

Was zur Hölle habe ich denn gerade gesagt? Selbstverständlich ist es der gleiche Killer! Jeder hier in diesem Raum weiß das. Ich bin lediglich hier, um die Beweise mit der höchstmöglichen Genauigkeit zu dokumentieren und zu konservieren …

Ich habe den falschen Koffer geöffnet. Ich brauche meine Kamera, nicht mein Abdruck-Kit. Mein Gott, reiß dich zusammen! Doch ich kann nicht. Als ich mich weiter vornüberbeuge, um den Kamerakoffer zu öffnen, erfasst mich plötzlich Benommenheit, und beinahe verliere ich das Gleichgewicht und falle. Ich nehme die Kamera aus dem Koffer, richte mich auf, schalte sie ein. Dann bemerke ich, dass ich vergessen habe, mein Stativ aufzubauen.

Und da passiert es.

Binnen drei Sekunden steigere ich mich von anfänglicher Nervosität in Hyperventilation, wie eine alte Frau, die in der Kirche ohnmächtig wird. Was unglaublich ist. Ich kann effizienter atmen als 99 Prozent der menschlichen Bevölkerung. Wenn ich nicht als Odontologin arbeite, bin ich Freitaucherin – Weltklasse in einem Sport, bei dem die Besten allein mit der Luft in den Lungen hundert Meter tief tauchen. Manche Leute sagen, Freitauchen wäre sportlicher Selbstmord, und da ist etwas Wahres dran. Ich kann mit einem Bleigürtel sechs Minuten lang am Boden eines Swimmingpools liegen, was die meisten Menschen mit dem Leben bezahlen würden. Und doch stehe ich jetzt hier, auf Meereshöhe in der Küche eines schicken Stadthauses, und kann nichts von dem Ozean aus Sauerstoff trinken, der mich umgibt.

»Dr. Ferry?«, fragt Agent Kaiser. »Ist alles in Ordnung?«

Panikattacke, sage ich mir. Ein Teufelskreis – die Angst verschlimmert die Symptome, und die Symptome steigern die Angst. Du musst den Kreis durchbrechen …

Arthur LeGendres Leichnam wabert in meinem Blickfeld, als läge er am Boden eines seichten Flusses.

»Sean?«, fragt Kaiser. »Ist alles in Ordnung mit ihr?«

Bitte, lass das nicht passieren, flehe ich lautlos. Bitte nicht.

Doch niemand erhört mein Gebet. Was immer mit mir passiert, es hat seit langer Zeit auf diesen Augenblick gelauert. Ein langsamer schwarzer Zug, der seit geraumer Zeit auf mich zugekommen ist, von weit weg, und jetzt, nachdem er mich eingeholt hat, donnert er über mich hinweg, ohne Geräusch und ohne Schmerz.

Ringsum wird alles schwarz.

3

Eine weibliche EMT kniet über mir und liest ein Blutdruckmessgerät ab, dessen Luftkissen meinen Arm umschließt. Das Ablassen der Luft weckt mich aus meiner Ohnmacht. Sean Regan und Special Agent Kaiser stehen hinter der EMT und blicken besorgt drein.

»Ein bisschen niedrig«, sagt die emt. »Ich nehme an, sie ist ohnmächtig geworden. Ihr ekg ist vollkommen normal. Der Blutzuckerspiegel ist zu niedrig, aber sie ist nicht hyperglykämisch.« Die emt bemerkt, dass ich die Augen aufgeschlagen habe. »Wann haben Sie zum letzten Mal etwas gegessen, Dr. Ferry?«

»Ich weiß nicht.«

»Sie sollten ein wenig Orangensaft trinken. Das hilft Ihnen wieder auf die Beine.«

Ich sehe nach links. Die bestrumpften Füße des toten Arthur LeGendre liegen neben meinem Kopf. Seine Beine und der Rumpf liegen im rechten Winkel zu mir, entlang einer anderen Seite der Kochinsel. Ich blicke in die Richtung und lese erneut die blutige Botschaft.

MEINE ARBEIT IST NIEMALS GETAN

»Ist Orangensaft in dem Kühlschrank?«, fragt die EMT.

»Selbst wenn welcher drin wäre«, sagt Kaiser, »dürften wir ihn nicht nehmen. Hier ist ein Verbrechensschauplatz. Hat vielleicht jemand einen Schokoriegel?«

Eine männliche Stimme meldet sich zögernd. »Ich hab ein Snickers. War eigentlich als mein Abendessen gedacht.«

»Schon wieder auf Atkins-Diät?«, spöttelt Sean und lacht nervös auf. »Los, rück’s raus.«

Jetzt lachen alle – dankbar, ein wenig Spannung abbauen zu können.

Als ich aufzustehen versuche, streckt Sean die Hand aus, um mich zu stützen. Ein dickbäuchiger Detective tritt vor und reicht mir sein Snickers. Ich danke ihm übertrieben und nehme ihn an, obwohl ich weiß, dass ich kein Blutzuckerproblem habe. Die ganze Scharade wird von einem gespannten Publikum verfolgt, einschließlich Captain Carmen Piazza, Chefin des Morddezernats.

»Es tut mir Leid«, sage ich in ihre Richtung. »Ich weiß nicht, was das war.«

»Das Gleiche wie beim letzten Mal, scheint mir«, beobachtet Piazza.

»Wird wohl so sein. Aber jetzt bin ich wieder okay. Ich bin bereit.«

Captain Piazza beugt sich zu mir vor. »Kommen Sie bitte für einen Augenblick mit mir nach draußen, Dr. Ferry«, sagt sie leise. »Sie ebenfalls, Detective Regan.«

Piazza geht in die Eingangshalle. Sean wirft mir einen warnenden Blick zu; dann wendet er sich um und folgt seiner Chefin.

Captain Piazza führt uns in ein Büro, das von der Halle abgeht. Sie lehnt sich mit dem Rücken an einen Schreibtisch und mustert uns mit verschränkten Armen und harten Wangenmuskeln. Ich kann mir durchaus vorstellen, wie diese olivhäutige Frau während ihrer Dienstzeit als Streifenpolizistin bewaffnete Straßenpunks mit ihren Blicken niedergestarrt hat.

»Das hier ist nicht der Ort, um über Komplikationen zu sprechen«, sagt sie. »Deswegen werde ich jetzt auch nicht damit anfangen. Ich weiß nicht, was zwischen Ihnen beiden vorgeht, und ich will es auch gar nicht wissen. Doch was immer es ist, es gefährdet diese Ermittlungen. Deswegen werden wir Folgendes tun: Dr. Ferry wird nach Hause fahren. Das fbi wird sich heute Nacht um die Bisswunden kümmern. Und vorausgesetzt, das Bureau hat keine Einwände, werde ich eine neue forensische Odontologin für die Sonderkommission anfordern.«

Ich will widersprechen, doch Piazza hat meine Episode in der Küche mit keinem Wort erwähnt. Sie spricht offensichtlich über etwas, gegen das ich mich nicht wehren kann. Irgendetwas, wovon Sean mir gesagt hat, ich solle mir deswegen keine Gedanken machen. Warum bin ich dann wütend? Ehebrecher denken immer, sie wären diskret, und trotzdem finden andere Menschen es heraus.

Ein Streifenpolizist kommt ins Büro und stellt mein Stativ und meine beiden Koffer auf den Boden. Wann hat Piazza ihm gesagt, dass er meine Sachen packen soll? Als ich bewusstlos war? Nachdem der Mann gegangen ist, sagt Piazza: »Sean, Sie bringen Dr. Ferry zum Wagen. Seien Sie in zwei Minuten zurück. Und morgen früh Punkt acht Uhr sind Sie in meinem Büro. Verstanden?«

Sean blickt seiner Vorgesetzten in die Augen. »Verstanden, Ma’am.«

Captain Piazza sieht mich an; in ihren Augen spiegelt sich Mitgefühl. »Dr. Ferry, Sie haben in der Vergangenheit bemerkenswerte Arbeit für uns geleistet. Ich hoffe sehr, dass Sie dieses Problem gelöst bekommen, was immer es sein mag. Ich schlage vor, Sie konsultieren einen Arzt, falls Sie es nicht bereits getan haben. Ich glaube nicht, dass ein paar Tage Urlaub für Sie reichen.«

Sie geht nach draußen und lässt mich mit meinem verheirateten Geliebten und dem Chaos zurück, das ich wieder einmal aus meinem Leben gemacht habe. Sean nimmt meine beiden Koffer und will zur Tür. Wir können nicht riskieren, hier miteinander zu reden.

Warmes Wasser tropft von den Eichenblättern, als wir schweigend den Block hinuntergehen. Es hat geregnet, als ich im Haus gewesen bin, ein typischer New-Orleans-Schauer, der nichts dazu beigetragen hat, die Stadt abzukühlen oder sauber zu waschen; stattdessen hat er die schwüle Feuchtigkeit noch erstickender gemacht und noch mehr Dreck in den Lake Pontchartrain gewaschen. Doch die Luft riecht nach Bananenstauden, und in der Dunkelheit wirkt die Straße täuschend romantisch.

»Was ist da drin passiert?«, fragt Sean, ohne mich anzusehen. »Wieder eine Panikattacke?«

Meine Hände zittern, doch ich vermag nicht zu sagen, ob es von meinem Anfall im Haus herrührt, vom Alkoholentzug oder der Konfrontation mit Captain Piazza. »Ich glaub schon. Ich weiß es nicht.«

»Sind es diese Morde? Es hat beim dritten Opfer angefangen, bei Nolan.«

Ich höre an seiner Stimme, dass er sich Sorgen macht. »Ich glaube nicht.«

Er sieht mich an. »Ist es unsere Beziehung, Cat?«

Selbstverständlich ist es unsere Beziehung! »Ich weiß es nicht.«

»Ich habe dir doch gesagt, dass Karen und ich darüber gesprochen haben, zu einem Anwalt zu gehen. Es ist nur wegen der Kinder, weißt du. Wir …«

»Fang jetzt nicht damit an, okay? Nicht heute Abend.« Meine Kehle schnürt sich zu, und ein säuerlicher Geschmack füllt meinen Mund. »Ich bin in dieser Situation, weil ich mich selbst hineingebracht habe.«

»Ich weiß, aber …«

»Bitte.« Ich balle die Faust, damit meine Rechte nicht zittert. »Okay?«

Diesmal spürt Sean die Hysterie in meiner Stimme. Als wir den Audi erreichen, nimmt er meine Schlüssel, schließt auf und lädt meine Koffer auf den Rücksitz. Dann blickt er in die Richtung, aus der wir gekommen sind, zum Haus von LeGendre, wahrscheinlich um sicherzugehen, dass Piazza uns nicht beobachtet. Dass er so etwas tun muss, selbst jetzt noch, ist wie ein Messer in meinen Leib.

»Sag mir, was das alles wirklich zu bedeuten hat«, fordert er mich auf, wobei er sich wieder zu mir umdreht. »Irgendetwas verschweigst du mir doch.«

Ja. Aber ich werde dir diese Szene nicht hier auf der Straße machen. Nicht jetzt. Nicht so. Selbst ich habe noch ein paar Träume, und diese nasse Straße, unmittelbar nach einem Mord, gehört nicht dort hinein. »Ich kann das nicht«, stoße ich hervor. Mehr schaffe ich nicht.

Seine grünen Augen weiten sich zu einem stillen Flehen. Sie können manchmal bemerkenswert intensiv sein. »Wir müssen uns unterhalten, Cat. Noch heute Nacht.«

Ich antworte nicht.

»Ich mache Feierabend, sobald ich kann«, verspricht er.

»In Ordnung«, sage ich in dem Wissen, dass es die einzige Möglichkeit ist, von hier wegzukommen. »Da ist Captain Piazza.«

Seans Kopf ruckt herum. »Wo?«

Ein weiterer Messerstich. »Ich dachte, ich hätte sie gesehen. Du siehst besser zu, dass du wieder zurück ins Haus kommst.«

Er drückt meine Oberarme; dann öffnet er die Fahrertür des Audi und hilft mir beim Einsteigen. »Fahr vorsichtig, ja?«

»Mach dir keine Gedanken um mich.«

Anstatt zu gehen, kniet er in der offenen Tür, packt mein linkes Handgelenk und redet drängend auf mich ein. »Ich mache mir aber Gedanken um dich! Was ist los, Cat? Ich kenne dich, verdammt. Rück mit der Sprache raus!«

Ich lasse den Motor hochdrehen und setze den Wagen langsam in Bewegung, sodass Sean keine andere Wahl bleibt, als meine Hand loszulassen.

»Cat!«, ruft er, doch ich schlage die Tür zu und fahre weiter, lasse ihn am nassen Straßenrand stehen, wo er hinter meinen Rücklichtern herstarrt.

»Ich bin schwanger«, sage ich viel zu spät.

Zwei Meilen vor meinem Haus am Lake Pontchartrain wird mir bewusst, dass ich nicht nach Hause fahren kann. Wenn ich in meine Wohnung komme, werden sich die Wände um mich herum zusammenziehen wie erstickende Kissen, und ich werde wie eine Verrückte auf und ab rennen, bis Sean seinen Wagen in die Garage fährt und das Tor mit seiner Fernbedienung herunterlässt. Bei jedem Wort, das er im Anschluss daran sagen wird, werde ich im Hintergrund die Uhr hören, die tickend die Sekunden abzählt, bevor er nach Hause zu seiner Frau und seinen Kindern muss. Und das kann ich heute Nacht ganz und gar nicht ertragen.

Normalerweise halte ich bei einem Spirituosenladen, nachdem ich an einem Verbrechensschauplatz gearbeitet habe, und kaufe mir eine Flasche Wodka. Nicht so heute. Die kleine Ansammlung von Zellen, die in mir heranwächst, ist das einzige Reine in meinem Leben, und ich werde ihm keinen Schaden zufügen. Selbst wenn es Schreikrämpfe und eine Gummizelle bedeuten sollte. Das ist das Einzige, was ich im Augenblick mit absoluter Sicherheit weiß.

Ich habe zu Anfang einen Totalentzug versucht, weil ich denke, es ist das Beste für das Baby. Zwanzig Stunden nach diesem Fehler fing ich so schlimm zu zittern an, dass ich nicht einmal mehr den Reißverschluss meiner Jeans aufbekam, um zu pinkeln. Noch ein paar Stunden später fing ich an, überall im Haus Schlangen zu sehen. Eine kleine Klapperschlange in einer Ecke der Küche, zusammengerollt zu einer tödlichen Spirale. Eine fette Cottonmouth Mokassin an einem Topffarn im Wohnzimmer. Eine leuchtend bunte Korallenschlange beim Sonnen im schmerzhaft grellen Licht hinter der Glastür im Wohnzimmer. Alle tödlich, ausnahmslos, und alle im Begriff, mich einzukreisen und ihre Zähne in mein Fleisch zu bohren, bis sie den allerletzten Tropfen Gift aus ihren Drüsensäcken in mich gepumpt haben.

Hallo, Delirium tremens …

Totalentzug kam also nicht infrage. Ich versenkte mich in meine medizinischen Bücher, aus denen ich erfuhr, dass die ersten achtundvierzig Stunden des Entzugs die schlimmsten wären. Suchtspezialisten verschrieben Valium, um die körperlichen Symptome zu dämpfen, während die psychische Sucht abklingt, doch Valium kann bei Ungeborenen zu einem Wolfsrachen führen, wobei das Risiko von der Dosierung und der Dauer der Einnahme abhängt. Ein ausgewachsenes Delirium tremens auf der anderen Seite kann zu Herzinfarkt, Schlaganfall und Tod im Mutterleib führen. Diese Wahl zwischen verschiedenen Übeln erwies sich also letzten Endes als keine Wahl. Ich kenne ein Dutzend Chirurgen, die imstande sind, einen Wolfsrachen zu operieren, aber ich kenne niemanden, der einen Toten wieder auferwecken könnte. Als die Korallenschlange auf mich zukroch, kletterte ich auf einen Tisch, rief bei Rite Aid Pharmacy an und verschrieb mir selbst genügend Valium, um die ersten achtundvierzig Stunden zu überstehen.

Die Reifen des Audi kreischen, als ich den Wagen in eine 180-Grad-Kehre zwinge und am Fuß der Auffahrt zur Interstate 10 anhalte. Limousinen und Laster jagen vorüber und hupen wütend. Eine Stunde Fahrt in westlicher Richtung auf der I-10 würde mich nach Baton Rouge bringen. Von Baton Rouge aus verläuft der Highway 61 neunzig Meilen nördlich am Mississippi entlang bis Natchez, dem Ort meiner Kindheit. Ich habe diese Reise schon viele Male angetreten, ohne sie jemals zu beenden. Heute Nacht aber …

Zuhause, sage ich lautlos. Der Ort, wo du immer eingelassen wirst, wenn du dort auftauchst. Ich kann mich nicht erinnern, wer das gesagt hat, doch es erschien mir stets passend. Auch wenn es eigentlich nicht der Fall war. Meine Familie hat mich stets angefleht, sie zu besuchen. Meine Mutter möchte allen Ernstes, dass ich wieder in das Haus einziehe, in dem ich aufgewachsen bin. (Haus ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck. Es ist ein riesiges Anwesen, groß genug für mich und wenigstens zwölf weitere Familien.) Ich könnte nie wieder dort einziehen. Ich kann nicht einmal zurück nach Natchez. Warum nicht, weiß ich nicht. Es ist eine wunderschöne Stadt, in mancher Hinsicht viel schöner als New Orleans. Sicherer und friedlicher auf jeden Fall. Und viele sind nach Natchez zurückgegangen, die der Stadt im Lauf der Jahre den Rücken gekehrt hatten.

Nicht jedoch ich.

Man verlässt eine Stadt in jungen Jahren und weiß eigentlich gar nicht so recht, warum, nur, dass man wegmuss. Ich hatte die Highschool mit sechzehn abgeschlossen und bin weggegangen, um das College zu besuchen. Ich habe nie zurückgeblickt. Die ein oder zwei interessanten Jungs, die ich kannte, wollten genauso dringend aus Natchez fort wie ich, und sie haben genau wie ich alles hinter sich gelassen. Ich fuhr zu Thanksgiving und zu Weihnachten nach Hause, zwischendurch aber kaum einmal, und das hat meine Familie tief verletzt. Sie hat es nie verstanden, und sie hat es mich nie vergessen lassen. Zurückblickend über einen Abstand von fünfzehn Jahren denke ich, dass ich von zu Hause geflohen bin, weil Cat Ferry nur an einem anderen Ort – an irgendeinem anderen Ort – zu dem werden konnte, was ich aus ihr zu machen imstande war. In Natchez hätte ich eine erstickende Matrix aus Erwartungen und Verpflichtungen geerbt, die zu übernehmen mir unerträglich erschienen war.

Doch jetzt habe ich mein sorgfältig konstruiertes Refugium gründlich zerstört. Es war natürlich unausweichlich. Ich wurde von den Besten gewarnt. Wie vorhergesagt, sind meine Sorgen hier und heute um ein Vielfaches größer als das, was ich zurückgelassen habe, und meine Möglichkeiten sind bis auf eine erschöpft. Für einen Moment überlege ich, in mein Haus zurückzukehren und eine Tasche zu packen. Doch wenn ich das tue, werde ich niemals weggehen. Die Schwangerschaftsszene mit Sean wird stattfinden, und dann … vielleicht das Ende für uns. Oder vielleicht nur für mich. Ich werde also heute Nacht nicht die Treppe zu meiner Tür hinaufsteigen.

Mein Mobiltelefon summt »Sunday, Bloody Sunday«. Ich blicke auf das Display. Det. Sean Regan steht dort zu lesen. Ich bin versucht zu antworten, doch Sean ruft nicht wegen des Falles an. Er will mich sehen. Mich ausfragen wegen meiner »Episode« in der Prytania Avenue. Er will mit mir durchkauen, was Captain Piazza über uns und unsere Affäre weiß oder nicht weiß. Und Luft ablassen nach dem Ärger bei der nomurs-Sonderkommission.

Mit anderen Worten, er will Sex.

Ich schalte das Mobiltelefon auf Lautlos und steuere die Auffahrt hinauf, um mich in den nächtlichen Verkehr aus der Stadt hinaus einzufädeln.

4

Im Süden ist man niemals weit von der Wildnis entfernt. Nach weniger als zehn Minuten verlässt die I-10 Terra firma und verläuft durch einen stinkenden Sumpf voller Alligatoren, Grubenottern, wilder Schweine und Raubkatzen. Die ganze Nacht schleichen sie umher, schlagen Beute und vollziehen das Ritual des Todes, das ihr eigenes Leben erhält. Jäger und Beute, ein ewiger Tanz. Was davon bin ich? Sean würde sagen Jäger, und damit läge er nicht falsch. Doch er hätte auch nicht ganz Recht. Ich war auch schon mal Beute. Ich trage Narben, die Sean niemals gesehen hat. Heute bin ich weder das eine noch das andere, sondern ein Hybridwesen, das sich im Bewusstsein sowohl des Jägers als auch des Gejagten auskennt. Ich jage Raubtiere, um die gefährdetste Spezies von allen zu schützen – die Unschuldigen.

Vielleicht ein naiver Begriff heutzutage.

Die Unschuldigen.

Niemand, der heutzutage bei geistiger Gesundheit das Erwachsenenalter erreicht, ist unschuldig. Trotzdem verdient keiner von uns, ein Opfer der wahrhaft Verdammten zu werden. Die älteren Männer, die in New Orleans gestorben sind, haben irgendetwas getan, das ihren Mörder angezogen hat. Vielleicht irgendetwas Unschuldiges – vielleicht aber auch etwas Grauenhaftes. Das interessiert mich allerdings nur insoweit, als dass es mir hilft, den Killer zu finden, der diese Männer getötet hat. Wobei es mich eigentlich gar nicht interessieren sollte. Weil Captain Piazza mich von dieser Jagd ausgeschlossen hat.

Nein. Du hast dich selbst ausgeschlossen, mahnt der Zensor in meinem Kopf.

Mein Mobiltelefon auf dem Beifahrersitz leuchtet grün. Wieder Sean. Ich drehe es um, damit ich das Leuchten des Displays nicht sehen muss.

Im vergangenen Jahr bin ich jedes Mal, wenn die Angst oder die Depressionen unerträglich wurden, zu Sean gerannt. Heute Nacht renne ich vor ihm weg. Ich renne, weil ich Angst habe. Wenn Sean erfährt, dass ich schwanger bin – und ich beabsichtige, das Baby zu behalten –, wird er entweder die Versprechen einlösen, die er gemacht hat, oder mich verraten. Und ich habe furchtbare Angst, dass er seine Familie nicht für mich aufgeben könnte. Diese Angst ist so spürbar, dass das Resultat bereits eine ausgemachte Sache scheint, etwas, das ich die ganze Zeit über gewusst habe. Wie dumm von mir, mich selbst zu belügen.

Sean hat seine Zweifel niemals versteckt. Er hat Angst wegen meines Alkoholkonsums. Wegen meiner Depressionen. Meiner gelegentlichen manischen Zustände. Er hat Angst, ich könnte sexuell nicht treu sein. Angesichts meiner Vergangenheit allesamt berechtigte Sorgen. Doch ich bin fest überzeugt, dass man es an irgendeinem Punkt im Leben einfach riskieren muss, dass man alles für den anderen Menschen aufs Spiel setzen muss, ganz gleich, wie groß die Ängste sein mögen. Außerdem – sieht Sean denn nicht, was er mit seinen Ängsten anrichtet? Dass er es mir noch viel schwerer macht, Vertrauen in mich selbst zu haben, wenn er immer noch Angst hat, obwohl er mich so intim kennen gelernt hat?

Meine Hände am Lenkrad zittern. Ich brauche noch eine Valium, doch ich darf nicht riskieren, auf der Interstate einzuschlafen. Schluck es runter, sage ich mir, das Mantra meiner Jugend und das ungeschriebene Motto meiner Familie. Schließlich ist es nicht so, als wäre mein gegenwärtiges Dilemma neu. Ich war vorher noch niemals schwanger, doch die Schwangerschaft ist lediglich eine neue Facette in einer alten Gewohnheit. Ich habe mir schon immer unerreichbare Männer ausgesucht. Auf gewisse Weise ist mein ganzes Leben eine Serie unerklärbarer Entscheidungen und ungelöster Paradoxe. Zwei Therapeuten haben verzweifelt die Hände hochgeworfen wegen meiner Fähigkeit, trotz aller selbstzerstörerischen Verhaltensweisen, die mich ständig am Rand der Katastrophe halten, auf meinem gegenwärtigen Niveau zu funktionieren. Meine Beziehung zu meiner derzeitigen Therapeutin, Dr. Hannah Goldman, hat nur deswegen überlebt, weil Hannah mir gestattet, meine festgelegten Termine zu überspringen und sie anzurufen, wann immer ich das Gefühl habe, sie zu brauchen. Ich brauche niemanden, den ich ansehen kann. Ich brauche eine verständnisvolle Stimme, weiter nichts.

Eigentlich wird es Zeit, dass ich Hannah wieder einmal anrufe. Sie weiß nichts von meiner Schwangerschaft. Sie weiß auch nichts von meinen Panikattacken. Doch selbst nach vier Jahren bei ihr habe ich noch immer Schwierigkeiten, sie um Hilfe zu bitten. Ich stamme aus einer Familie, die Depressionen für eine Schwäche hält, nicht für eine Krankheit. Ich habe als Kind nie einen Therapeuten gesehen, als er mir wahrscheinlich wirklich hätte helfen können. Mein Großvater, ein Chirurg, ist der Meinung, dass Psychiater kränker sind als ihre Patienten. Mein Vater, ein Vietnamveteran, war vor seinem Tod bei mehreren Therapeuten der Veterans Administration in Behandlung, doch keiner von ihnen vermochte die Symptome seiner posttraumatischen Verhaltensstörungen zu lindern. Meine Mutter war ebenfalls gegen eine Therapie. Die Seelenklempner hätten ihrer älteren Schwester nicht helfen können, sagte sie, und einer von ihnen hätte sie sogar verführt. Als meine Selbstmordimpulse mich schließlich überzeugten, dass es an der Zeit war, Hilfe zu suchen – im Alter von vierundzwanzig –, waren weder die Ärzte noch die Psychologen imstande, meine Stimmungsumschwünge unter Kontrolle zu bringen, meine Albträume zu lindern, meinen Alkoholkonsum zu verringern oder mein gelegentlich unbesonnenes sexuelles Verhalten. Für mich war Therapie mehr oder weniger ein völliger Reinfall – abgesehen von Hannah Goldman und ihrem Laisser-faire-Stil. Und doch … obwohl meine gegenwärtige Situation auch nach Hannahs Einschätzung eine Krise darstellt, bringe ich es nicht über mich, sie anzurufen.

Während der stinkende, flache Sumpf allmählich hügeligen Wäldern voller Eichen und Nadelhölzer weicht, spüre ich in der Dunkelheit draußen jenen mächtigen Fluss zu meiner Linken, der ungeachtet aller menschlichen Wehen und Plagen seit Millennien nach Süden fließt. Der Mississippi verbindet die Stadt meiner Geburt mit der Stadt meines Erwachsenenlebens, eine große, gewundene Arterie, welche die beiden spirituellen Pole meiner Existenz verknüpft, die Zeit der Kindheit und die der Unabhängigkeit. Doch wie unabhängig bin ich tatsächlich? Natchez – die Stadt stromaufwärts, zwei Jahre älter als New Orleans, 1716 kontra 1718 – ist die Quelle all dessen, was ich bin, ob es mir nun gefällt oder nicht. Und heute Nacht kehrt die verlorene Tochter mit fünfundachtzig Meilen in der Stunde nach Hause zurück.

Nach vorn und nach hinten …

Während ich durch die Kurven in den dunklen Wäldern jage, spüre ich, wie eine Art emotionaler Gravitation an meinen Knochen zerrt. Doch erst als das Schild mit der Aufschrift angola penitentiary im Licht meiner Scheinwerfer aufleuchtet, wird mir der Grund dafür bewusst. Erst da weiß ich es. Unmittelbar südlich der von Nato-Draht umschlossenen Felder, die als Angola Farm bekannt sind, erhebt sich eine große Insel aus dem Fluss. Seit der Zeit vor dem Bürgerkrieg im Besitz meiner Familie, schwebt diese atavistische Welt wie eine dunkle Fata Morgana zwischen den vornehmen Städten Natchez und New Orleans. Ich habe seit mehr als zehn Jahren keinen Fuß mehr auf DeSalle Island gesetzt, doch ich spüre die Insel jetzt, wie man ein gefährliches Tier spürt, das aus dem Schlaf erwacht. Nicht mehr als ein Dutzend Meilen zu meiner Linken schnüffelt es in der feuchten Dunkelheit nach meinem Geruch.

Ich trete das Gaspedal durch und lasse die Gegend hinter mir, während ich in eine Art Trance falle, die mich den Rest meiner Fahrt im Griff hält. Ich erwache nicht in den Außenbezirken von Natchez, sondern auf dem geschwungenen, kurvigen, von hohen Böschungen umgebenen Weg, der durch die Wälder zum Zuhause meiner Kindheit führt. Früher einmal war das aus der Zeit vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg stammende Anwesen, auf dem ich aufgewachsen bin, von mehr als achtzig Hektar ursprünglicher Wälder umgeben, doch davon sind nur noch landschaftlich gestaltete zehn Prozent geblieben. Das Land wird umschlossen vom St. Catherine’s Hospital, einem neuen Wohnviertel, sowie Elms Court, einer stattlichen alten Plantage. Trotzdem vermittelt die Fahrt durch den Tunnel aus Eichen, deren Blätterdach die Straße überdeckt, einem Touristen auch heute noch das Gefühl, sich einem abgelegenen europäischen Herrenhaus zu nähern.

Ein hohes, schmiedeeisernes Tor versperrt die letzten fünfzig Meter der Zufahrt, doch es war unverschlossen, solange ich mich zurückerinnern kann. Ich halte an und drücke auf einen Knopf am Torpfosten. Das Eisengitter schwingt wie von unsichtbaren Händen gezogen zurück. Als hätten die Götter persönlich meinen Weg nach Hause freigegeben.

Warum bist du hier?, frage ich mich.

Du kennst den Grund, antwortet eine tadelnde Stimme. Du hast keinen anderen Ort mehr, an den du noch gehen könntest.

Nachdem ich eine Valium trocken heruntergeschluckt habe, fahre ich langsam durch das Tor.

Hinter mir gleiten die Flügel wieder nach vorn und schließen sich mit einem lauten Klang.

5

Vor mir liegt eine weite Lichtung im Mondlicht. Mir bietet sich ein Anblick, der den meisten Leuten den Atem raubt. Ein französisches Schloss erhebt sich aus dem Nebel wie ein Gespenst, die Kalksteinmauern weiß wie Haut, die Fenster wie schwarze Augen, glasig vor Müdigkeit oder vom Alkohol. Der Maßstab der Anlage ist heroisch und erweckt den Eindruck unbegrenzter Macht und unermesslichen Reichtums. Durch das Prisma des modernen Auges betrachtet, entbehrt das Schloss nicht einer gewissen Absurdität. Ein Palast aus der französischen Kaiserzeit in einer Mississippi-Stadt mit kaum zwanzigtausend Einwohnern? Nun, in Natchez gibt es mehr als achtzig solcher Anwesen, viele davon Herrenhäuser, und die Herkunft dieses Schlosses hier passt perfekt zur Stadt, ein lebender Anachronismus, von gewaltigem Überfluss kündend und zum größten Teil von Sklavenhand erbaut.

Meine Familie traf 1820 in Amerika ein – in Gestalt des jüngsten Sohnes eines Pariser Finanziers, ausgesandt in die Wildnis Louisianas, um dort sein Glück zu machen. Geschlagen mit einem grausamen Vater, arbeitete Henri Leclerc DeSalle selbst wie ein Sklave, bis er sämtliche elterlichen Erwartungen übertraf. Im Jahre 1840 besaß er Baumwollfelder, die sich auf mehr als zehn Meilen entlang des Mississippi erstreckten. Und in jenem Jahr begann er, wie die meisten anderen Baumwollbarone seiner Zeit, mit dem Bau eines königlichen Herrenhauses am Steilufer über dem Mississippi in der schillernden, aufblühenden Stadt Natchez.

Die meisten Baumwollbarone bevorzugten den protzigen englisch-klassizistischen Stil, doch Henri, unendlich stolz auf seine Herkunft, brach mit der Tradition und ließ eine perfekte Kopie von Malmaison errichten, dem Sommerpalast von Napoleon und Josephine. Ursprünglich dazu gedacht, DeSalles Vater zu demütigen, wenn er eines Tages Amerika besuchte, wurden Malmaison und die angrenzenden Gebäude zum Zentrum eines Baumwollimperiums, das – dank der Yankee-Sympathien meiner Familie – sowohl den Bürgerkrieg als auch den Wiederaufbau ohne größere Schäden überstand. Es dauerte bis 1927 an, als der Mississippi in einer Flut von biblischen Ausmaßen über seine Ufer trat. Das folgende Jahr brachte Feuersbrünste über die Baumwollfelder, und im Jahre 1929 vollendete der Zusammenbruch der Aktien- und Wertpapiermärkte die sprichwörtlichen »drei schlechten Jahre«, die selbst wohlhabende Familien fürchteten.

Die DeSalles verloren alles.

Der Patriarch jener Zeit schoss sich durchs Herz, und seine Nachkommen schufen sich eine ärmliche Existenz neben den Schwarzen und den besitzlosen Weißen, die sie noch bis vor kurzer Zeit ausgebeutet hatten.

Doch im Jahre 1938 kehrte das Glück zu den DeSalles zurück.

Ein junger Geologe mit texanischen Geldgebern im Rücken pachtete ein riesiges Stück des brachliegenden DeSalle’schen Landbesitzes. Aufgrund einer Laune der louisianischen Gesetze war es dem Landbesitzer möglich, noch zehn Jahre nach dem Verfall der Besitzrechte Anspruch auf die Mineralvorkommen zu erheben. Mein Urgroßvater war außer sich vor Freude über das Pachtgeld – doch neunzehn Tage vor dem Ablauf seiner Mineralrechte entdeckte der junge Geologe eines der größten Ölfelder Louisianas. Es wurde »DeSalle-Ölfeld« getauft und erbrachte mehr als zehn Millionen Barrel Rohöl. Mein Urgroßvater kaufte jeden einzelnen Hektar der DeSalle’schen Ländereien zurück, einschließlich der Insel im Mississippi. Er kaufte auch Malmaison zurück und restaurierte das Schloss, bis es in seiner alten Vorbürgerkriegspracht erstrahlte. Der gegenwärtige Besitzer von Malmaison, mein Großvater mütterlicherseits, hält das Anwesen im ursprünglichen Zustand, sodass es vor zehn Jahren sogar die Titelseite des Architectural Digest zierte. Doch die Stadt, die das Schloss umgibt, scheint wie jede andere Stadt des Südens, die an der Interstate liegt, von der Industrie verlassen und zum langsamen Niedergang verdammt, auch wenn sie genauso gepflegt und gut erhalten ist wie beispielsweise Charleston oder Savannah.

Ich fahre um das Haupthaus herum nach hinten und parke vor einem der beiden Nebengebäude aus Ziegelstein. Die östlichen Sklavenunterkünfte – ein zweistöckiges Gebäude, größer als so manches Vorstadthaus – waren mein Zuhause während meiner Kindheit. Das Kindermädchen unserer Familie, Pearlie, wohnt im westlichen Nebengebäude, dreißig Meter entfernt, auf der anderen Seite des Rosengartens. Pearlie hat zuerst meine Mutter und meine Tante aufgezogen; dann wurde ich ihrer Obhut übergeben. Sie ist inzwischen weit über siebzig und fährt einen babyblauen Cadillac, den Stolz ihres Lebens. Das Fahrzeug steht glänzend in der Dunkelheit hinter dem Haus, und das Chrom wird regelmäßiger poliert als die Nobelkarossen der vornehmen weißen Damen in der Stadt. Pearlie bleibt oft bis spät in die Nacht auf, um fernzusehen, doch inzwischen ist Mitternacht vorbei, und ihre Fenster sind dunkel.

Der Wagen meiner Mutter ist nirgends zu sehen. Sie ist wahrscheinlich in Biloxi und besucht ihre ältere Schwester, die in einer bitteren Scheidung steckt. Auch der Lincoln meines Großvaters ist nicht da. Mit seinen siebenundsiebzig Jahren ist Großpapa Kirkland immer noch bemerkenswert vital, doch ein Schlaganfall vor einem Jahr hat seine Zeit als Autofahrer beendet. Unbeeindruckt hat er einen Chauffeur eingestellt und mit der gleichen Energie weitergemacht wie immer – eine Energie, die einen Fünfzigjährigen erschöpft hätte. Großpapa könnte überall sein, doch ich nehme an, dass er auf der Insel ist. Er ist ein leidenschaftlicher Jäger, und DeSalle Island – das vor Rotwild, Wildschweinen und sogar Bären nur so wimmelt – war eine Art zweites Zuhause für ihn, seit er vor einem halben Jahrhundert in die Familie hineingeheiratet hat.

Als ich aus dem Audi steige, umfängt mich die Sommerhitze wie ein warmer, feuchter Umhang. Das Zirpen der Grillen und das Quaken der Frösche aus dem nahe gelegenen Bayou erfüllen die Nacht, doch diese Geräuschkulisse aus meiner Kindheit weckt gemischte Gefühle in mir. Mein Blick streift die Rückseite des Hauptgebäudes und bleibt an dem knorrigen Dogwood-Baum am Ende des Rosengartens hängen, der unser Haus von dem Pearlies trennt, und meine Kehle schnürt sich zu. Mein Vater ist unter diesem Baum gestorben, erschossen von einem Einbrecher, den er vor dreiundzwanzig Jahren dort gestellt hat. Ich kann diesen Baum nicht ansehen, ohne an jene Nacht denken zu müssen. Blaue Signallichter von Streifenwagen, die durch den Regen blitzen. Nasses, graues Fleisch. Glasige, blicklose Augen, die in den Himmel starren. Ich habe Großpapa viele Male gebeten, diesen Baum endlich zu fällen, doch er hat sich stets geweigert mit dem Argument, es wäre töricht, die Schönheit unseres berühmten Rosengartens aus Gründen der Sentimentalität zu zerstören.

Sentimentalität.

Ich hörte auf zu reden, nachdem mein Vater ermordet worden war. Wortwörtlich. Ich redete mehr als ein Jahr lang kein Wort mehr, während ich in meinem achtjährigen Gehirn ununterbrochen darüber nachdachte, was der Einbrecher gewollt haben konnte, das meines Vaters Leben wert gewesen wäre. Geld? Das Silber der Familie? Großvaters Kunst- oder Waffensammlung? Alles war möglich, doch wir stellten nie fest, dass irgendetwas gefehlt hätte, weder Geld noch Besitztümer. Als ich älter wurde, überlegte ich, ob es vielleicht meine Mutter gewesen sein könnte, die den Einbrecher angezogen hatte. Sie war damals eben erst dreißig und konnte leicht die Aufmerksamkeit eines Vergewaltigers auf sich gezogen haben. Doch da der Einbrecher niemals gefasst wurde, konnte auch diese Theorie nicht überprüft werden.

Nach meiner ersten depressiven Episode – ich war fünfzehn – beschlich mich eine neue Angst: Dass es letztendlich überhaupt keinen Einbrecher gegeben haben könnte. Mein Vater war mit seinem eigenen Gewehr erschossen worden, und die einzigen Fingerabdrücke auf der Waffe hatten Familienangehörigen gehört. Ich konnte nicht anders, als mich zu fragen, ob mein Daddy – seelisch zutiefst verwundet durch einen Krieg, den er nicht gewollt hatte – zu dem Entschluss gekommen war, seinem Leben ein Ende zu setzen. Ob er, obwohl er eine liebende Frau und eine liebende Tochter besaß, das Gefühl hatte, den Schmerz nur durch eine Kugel beenden zu können. Ich war damals diesem Punkt selbst sehr nahe; daher wusste ich, dass es möglich war. Ich habe diesen Punkt in den Jahren danach noch mehr als einmal erreicht – und doch hat mich irgendetwas immer wieder davon abgehalten, den Tod meines Vaters als Selbstmord zu akzeptieren. Manchmal denke ich, dass die Kraft, die mich in jenen grauenvollen Nächten am Leben gehalten hat, ein Geschenk meines Vaters an mich war, das einzige Erbe, das er mir hinterlassen hat.

Ich hasse diesen verdammten Rosengarten. Gestaltet nach dem ursprünglichen Garten von Malmaison, den Josephine selbst angelegt hat und in dem jede Rosenart zu finden ist, die es gibt. Der Garten erfüllt die Luft von Malmaison mit einem Duft, der Touristen vor Entzücken den Atem verschlägt. Doch für mich wird der Geruch der Rosen für immer mit dem Gestank des Todes verknüpft sein.

Ich wende mich vom Garten ab und lade meine Zahnarztkoffer mit jener Paranoia aus dem Wagen, die aus Jahren des Lebens in der Großstadt geboren ist. Erst auf halbem Weg zur Tür unseres ehemaligen Sklavenquartiers fällt mir ein, dass ich in Natchez wahrscheinlich alles einen ganzen Monat lang im unverschlossenen Wagen liegen lassen könnte, und alles wäre bei meiner Rückkehr so, wie ich es verlassen hätte.

Die Tür ist verschlossen. Ich habe keinen Schlüssel. Ich gehe ums Haus herum zu meinem alten Schlafzimmer, stelle meine Koffer ab und schiebe das Fenster hoch. Der abgestandene Geruch, der mir durch die Vorhänge entgegenschlägt, versetzt mich augenblicklich fünfzehn Jahre zurück in die Vergangenheit. Ich hebe meine Koffer über das Fenstersims, stelle sie innen ab, klettere hinterher und taste mich durch die Dunkelheit zum Lichtschalter neben der Tür. Es ist nicht weiter schwierig, weil mein Zimmer noch genauso aussieht wie im Mai 1989, als ich die Highschool abgeschlossen habe.

Die Wände sind braun verkleidet im Stil der 1970er, und der Teppichboden ist noch der gleiche marineblaue Belag, der im Jahr meiner Geburt verlegt wurde. Seidene Schmetterlinge in unzähligen Farben hängen an hauchdünnen Fäden von der Decke, und Poster von Rockstars verzieren die Wände: u2, Sinead O’Connor, r. e. m., Sting. An der Wand gegenüber vom Schrank stehen Regale voller Fotos und Pokale – chronologische Zeugnisse einer Wettkampfkarriere, die mit fünf anfing und mit sechzehn zu Ende war. Die älteren Fotos zeigen meinen Vater – einen dunklen, attraktiven Mann mittlerer Größe – neben einem schlaksigen jungen Mädchen mit langen Gliedmaßen ohne erkennbare Muskeln. Als der Leib des Mädchens sich zu füllen beginnt, verschwindet mein Vater von den Bildern, und ein älterer Mann mit silbernem Haar, gemeißelten Gesichtszügen und durchdringenden Augen nimmt seine Stelle ein. Mein Großvater, Dr. William Kirkland. Ich betrachte die Fotos jetzt, und plötzlich erscheint es mir seltsam, dass meine Mutter auf so wenigen Bildern zu sehen ist. Doch Mutter hatte noch nie sonderliches Interesse am Schwimmen, einer »unsozialen« Aktivität, die viel Zeit verschlang – Zeit, die man in »angemessenere« Dinge investieren konnte.

Ich schaue in den Schrank und sehe Kleidung, die ich in der Highschool getragen habe. Unter der Kleiderstange steht ein Wäschekorb aus Weidengeflecht, gefüllt mit Louisiana Rice Creatures. Der Anblick der Kleidung macht mir nichts aus, doch die farbenprächtigen Stofftiere schnüren mir den Hals zu. Ursprünglich ausgestopft mit getrocknetem Reis, waren die Rice Creatures die einheimischen Vorläufer der Beanie Babies, die später im ganzen Land der allerletzte Schrei wurden. Es müssen gut dreißig Stück dieser kleinen Stofftiere im Korb liegen, doch das einzige, das mir wirklich etwas bedeutet, fehlt. Lena die Leopardin. Lena war mein Lieblingstier, auch wenn ich den Grund dafür nicht zu nennen vermag. Vielleicht, weil sie eine Katze war, genau wie ich. Ich habe Lenas Flecken geliebt, ihre Schnurrhaare, und wie sie sich an meiner Wange angefühlt hat, wenn ich schlafen ging. Ich trug sie überall mit mir herum, sogar beim Begräbnis meines Vaters. Dort, umgeben von Erwachsenen im Totenzimmer vor der Beisetzung, sah ich meinen Vater in seinem Sarg.

Er sah nicht mehr aus wie mein Vater. Er sah älter aus, und er wirkte sehr einsam. Als ich dies gegenüber meinem Großvater erwähnte, schlug er vor, dass Daddy sich vielleicht weniger einsam fühlen würde, wenn ich ihm Lena als Gesellschaft ausleihen würde, solange er schlief. Die Vorstellung, an einem einzigen Tag nicht nur meinen Vater, sondern auch Lena zu verlieren, machte mir Angst, doch Großvater hatte Recht. Lena hatte mich Nacht für Nacht weniger einsam gemacht, und ich war sicher, dass sie das Gleiche für Daddy tun konnte. Also fragte ich Mom, ob es okay wäre, und dann reckte ich mich über den Rand des Sargs und schob Lena zwischen meines Vaters Wange und Schulter, dorthin, wo sie auch bei mir Nacht für Nacht gelegen hatte. Ich vermisste sie später sehr, doch ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass Daddy ein klein wenig von meinem Herzen bei sich hatte, das ihm Gesellschaft leistete.

Als ich nun in diesem Schlafzimmer stehe, beschleicht mich Unbehagen, wie jedes Mal, wenn ich zu Hause zu Besuch bin. Warum lässt meine Mutter es so, wie es ist? Sie ist Innenarchitektin, du meine Güte! Mehr oder weniger manisch in dem Bestreben, jedes Zimmer zu verändern, über das man ihr die Herrschaft überlässt. Ist es die Erinnerung an meine Kindheit? An eine einfachere Vergangenheit? Oder ist es eine offene Einladung an mich, nach Hause zurückzukehren und an jenem Punkt neu anzufangen, an dem ich »aus den Gleisen gesprungen« bin? Wann genau das war – mein persönliches Versagen als »DeSalle-Frau« –, ist ein Streitpunkt innerhalb meiner Familie. In den Augen meines Großvaters habe ich nicht versagt, bevor ich an der Universität aufgefordert wurde, mich zu exmatrikulieren, was es mir unmöglich machte, in seine Fußstapfen als Chirurg zu treten. Doch in den Augen meiner Mutter geschah es schon viel früher, an irgendeinem Punkt während meiner Pubertät. Ich mag dem Namen nach keine DeSalle sein – mein Vater war ein Ferry –, doch ich werde mehr oder weniger als DeSalle-Frau betrachtet, und der Name allein bringt eine Legion von Traditionen und Erwartungen mit sich. Tausend kleine Entscheidungen haben mich immer weiter fortgetragen von jener vorherbestimmten Straße auf eine andere, die mich niemals näher als auf Steinwurfweite an einen Ehemann herangeführt hat – eine Tatsache, die meine Mutter mich nie vergessen lässt. Offen gestanden bin ich dankbar dafür, dass ich heute Nacht angekommen bin und Mutter nicht im Haus ist.

Ich starre auf ein Foto, auf dem mein Vater triumphierend meine Hand hält, während das Valium in meine Blutbahn dringt und ich von einer gesegneten Ruhe übermannt werde. Mein Vater starb, als ich acht war; deshalb ist er der Einzige, den ich nie enttäuscht habe. Ich stelle mir gerne vor, er wäre noch am Leben und stolz auf das, was ich erreicht habe. Was meine Probleme angeht – nun ja, Luke Ferry hatte selbst Probleme gehabt.

Ich schlage die Tagesdecke von meinem permanent bezogenen Bett zurück und nehme mein Mobiltelefon aus der Tasche. Ein Anflug von Schuldgefühl erfasst mich, als ich auf das Display sehe. Dreizehn versäumte Anrufe. Ich drücke die 1, um meine Mailbox abzurufen, und lausche der ersten Nachricht. Sean hat mich angerufen, noch bevor ich Arthur LeGendres Haus verlassen habe. Mit beruhigender Stimme beschwört er mich, Ruhe zu bewahren, und dass Piazza sein Problem wäre und nicht meines, und dass ich mich zusammenreißen solle, bis er da wäre. Mit »da« ist mein Haus am Lake Pontchartrain gemeint. Ich überspringe mehrere Nachrichten. Die Veränderung in Seans Stimme ist erstaunlich.

»Ich bin’s wieder«, sagt er ärgerlich. »Ich bin immer noch vor deinem Haus, und ich habe nicht die geringste Ahnung, wo du steckst. Ruf mich bitte zurück, selbst wenn du mich nicht sehen willst. Ich weiß nicht, ob du betrunken in irgendeiner Absteige im Quarter rumhängst oder tot in einem Straßengraben liegst! Redest du eigentlich nicht mehr mit deinen Ärzten? Irgendetwas stimmt nicht, Cat, das weiß ich, und damit meine ich nicht die Morde. Hör zu … du musst mir vertrauen. Du weißt, dass du mir vertrauen kannst.« Eine Pause, Knistern. »Verdammt, Cat, ich liebe dich, und das ist doch alles Scheiße! Das ist der Grund, warum wir nicht schon längst zusammen sind! Ich sitze in diesem leeren Haus und …« Ein Klicken, dann Stille. Die Nachrichten waren länger als der zur Verfügung stehende Speicher des Anrufbeantworters.

Ich schlüpfe aus meiner Hose und ziehe mir die Bettdecke bis ans Kinn. Ich will Sean anrufen und ihm sagen, dass alles in Ordnung ist, aber die Wahrheit ist – nichts ist in Ordnung. Die Wahrheit ist, ich habe das Gefühl, als würde ich den Verstand verlieren. Und es gibt nichts, was Sean daran ändern könnte.

Das Mobiltelefon fällt mir aus der Hand, und ich sehe ein Bild des toten Arthur LeGendre auf dem Boden in seiner glänzenden Küche liegen, die schwarzen Socken über den weißen, stockdünnen Unterschenkeln. Über seinem Leichnam die Botschaft des Killers, in Blut gemalt: Meine Arbeit ist niemals getan. Erneut sehe ich die Bisswunden in LeGendres blutleerem Fleisch, eine weitere Serie in der endlosen Prozession von Narben und Verstümmelungen, die im Verlauf der letzten sieben Jahre an mir vorübergezogen ist. Ist das wirklich meine Arbeit? Wie kann jemand sein Lebenswerk darin sehen, etwas so Brutales, Kleines, irritierend Spezielles zu analysieren? Es muss mehr hinter meiner Berufswahl stecken. Doch was? Der mysteriöse Tod meines Vaters? Zu offensichtlich. »Meine Arbeit ist niemals getan«, murmle ich vor mich hin, während ich spüre, wie das Valium seine Wirkung entfaltet. Das Sedativum, das ich früher am Tag geschluckt habe, um gegen meine Entzugssymptome anzukämpfen, hat mir ein unerwartetes Geschenk bereitet: Traumlosen Schlaf. Ich habe seit Jahren keine derartige Erleichterung mehr verspürt.

»Danke«, flüstere ich der Droge zu, als wäre sie der Gott des Schlafes. Meine linke Hand gleitet über meine Hüfte und kommt auf meinem Unterleib zu liegen. Meine rechte Hand schlüpft unter der Decke hervor und greift nach einer anderen Hand – einer Hand, die nicht da ist.

»Daddy?«, flüstere ich. »Bist du das?«

Er antwortet nicht.

Er antwortet nie, doch heute Nacht ist die sehnsüchtige Einsamkeit, die jeden Gedanken an meinen Vater begleitet, nicht ganz so unerträglich. Das Valium nimmt dem Schmerz die Schärfe und erleichtert meinen Abstieg in den Schlaf. Seit Jahren leide ich an Albträumen, und in jüngster Zeit scheint der Alkohol, den ich benutzt habe, um sie abzutöten, alles nur noch schlimmer zu machen. Doch das Valium ist eine unvertraute Droge, so frisch und wirksam wie der erste Drink, den ich damals zu mir genommen habe.

Heute Nacht umfängt mich der Schlaf wie die Tiefen des Ozeans bei einem Freitauchgang, eine helle obere Schicht, die sich in Intensität und Farbe vertieft, je weiter ich hinabsinke, nach unten schwimme, weiter und weiter, weg von dem Chaos der Oberfläche, hinein in die blaue Kathedrale der Tiefe. Mein Sanktuarium, meine Zuflucht vor der Welt und vor mir selbst. Keinerlei Gedanken, die über die nackten Anforderungen an das Überleben hinausgehen. Nichts als Frieden, der Segen, einen Ort zu betreten, den nur wenige Menschen ohne Luft aus der Flasche erreichen können, wo der Tod ein beständiger Begleiter ist und das Leben um so viel süßer durch das Bewusstsein, wie zerbrechlich es doch ist.

Hier bin ich gewichtslos.

Gestaltlos.

Ein Astronaut, der ohne Sicherheitsleine durch den tiefen Weltraum schwebt, ohne Angst, weil die Lebenserhaltungssysteme sich abgeschaltet haben, dass der Leib selbst das Überleben bewerkstelligen muss, weil sonst der Tod lauert. Jeder, der einen Funken Vernunft besitzt, würde wie irrsinnig strampeln, um an die Oberfläche zurückzukehren.

Ich nicht.

Weil ich hier unten frei bin.

Ich weiß nicht, wie lange ich auf diese Weise schwebe, weil die Zeit hier keine Bedeutung besitzt. Ich weiß nur, dass ich anscheinend schlafe, weil die Zeit bei einem echten Freitauchgang von allergrößter Bedeutung ist. Zeit ist gleich dem verbliebenen Sauerstoff im Blut, der einzigen Währung, die einem Tiefe erkaufen kann, und Tiefe ist der Heilige Gral, der einzige Sinn dieser ganzen verrückten Übung. Oder zumindest ist es nach außen hin so.

Dieser Teil verwirrt mich, offen gestanden. Weil man den Boden niemals erreichen kann. Nicht in einem realen Ozean. Nur auf dem Land ist das möglich.

Ich kehre an die Oberfläche zurück. Ich weiß es, weil das Meer unversehens seine Versuche einstellt, meinen Nassanzug in jede meiner Körperöffnungen zu pressen, und weil über mir blau-weißes Licht blitzt. Ein plötzlicher Sturm? Ich spanne mich an gegen das unausweichliche Donnerrollen, doch es bleibt aus. Als der Blitz erneut aufzuckt, dringt ein merkwürdiges Geräusch in mein Bewusstsein. Kein Donnern – nicht einmal das Plätschern der Wellen gegen den Rumpf meines Tauchboots. Es ist mehr das leise Klicken eines Kameraverschlusses. Als ich schließlich die Oberfläche durchbreche, rieche ich Aceton und nicht das Ozon, das normalerweise einem Blitzschlag folgt. Ich blinzele verwirrt. »Sean?«, rufe ich. »Sean, bist du das?«

Eine dunkelbraune Stirn und untertassengroße Augen tauchen hinter dem Fußende meines Bettes auf. Eine Nase und ein Mund folgen, ein verwunderter, weit offen stehender Mund. Ich blicke in das Gesicht eines schwarzen Mädchens von vielleicht acht Jahren. Es besitzt das erstarrte Aussehen eines Kindes, das einen vertrauten Hof zum Spielen betritt und sich unversehens einem fremden Hund gegenübersieht.

»Wer bist du?«, frage ich, während ich noch überlege, ob das Mädchen echt ist oder ob ich träume.

»Natriece«, sagt sie mit beinahe trotziger Stimme. »Natriece Washington.«

Ich blicke mich in meinem Zimmer um, doch außer Sonnenlicht, das durch die Ritzen zwischen zwei Vorhangbahnen flutet, erkenne ich nichts. »Was machst du hier, Natriece?«, frage ich.

Die Augen des Mädchens sind noch immer weit. »Ich bin mit meiner Oma hier. Ich wollte keine Unordnung machen.«

»Deiner Oma?«, frage ich. Der Geruch nach Aceton wird immer stärker.

»Miss Pearlie.«

Plötzlich stürzt alles wieder auf mich ein. Der Anruf von Sean. Die Leiche in dem Haus in der Prytania Street. Die irrsinnige nächtliche Fahrt nach Natchez. Was für eine Ironie festzustellen, dass man im nüchternen Zustand verrücktere Dinge tut als jemals im betrunkenen.

»Wie spät ist es?«

Das Kind zuckt übertrieben die Schultern. »Ich weiß nicht. Morgen.«

Ich schiebe das Laken zur Seite und krieche nach unten zum Fußende des Bettes. Der Inhalt meiner beiden forensischen Koffer liegt verstreut auf dem Boden. Natriece hat meine Kamera in den Fingern; der Blitz scheint die Ursache für mein Aufwachen zu sein. Unter den Flaschen mit Chemikalien und den Instrumenten am Boden liegt auch eine Sprühflasche mit Luminol, einer giftigen Substanz, die benutzt wird, um unsichtbare Blutspuren nachzuweisen.

»Hast du dieses Zeug versprüht, Natriece?«, frage ich das Mädchen.

Natriece schüttelt feierlich den Kopf.

Sanft nehme ich ihr die Kamera aus der Hand. »Es ist nicht schlimm, falls du es getan hast. Ich muss es nur wissen.«

»Vielleicht ein klitzekleines bisschen.«

Ich stehe auf und schlüpfe in meine Hose. »Das ist nicht schlimm, aber du musst aus dem Zimmer, während ich sauber mache. Das ist eine gefährliche Chemikalie in der Flasche.«

»Ich helfe dir sauber machen. Ich weiß, wie man sauber macht.«

»Ich sag dir was. Wir gehen deine Tante Pearlie besuchen, und dann gehe ich allein zurück und räume auf. Ich hab Pearlie schon lange nicht mehr gesehen.«

Natriece nickt. »Tante Pearlie hat mir gesagt, hier wäre niemand. Sie hat nur aufgesperrt, um die Wäsche von Mrs. Ferry zu holen.«

Ich nehme die Kleine bei der Hand und führe sie zur Tür, wo ich das Licht ausschalte, bevor wir nach draußen in den Flur treten. Natriece steht hinter mir und starrt zurück in das dunkle Zimmer. »Hast du irgendwas vergessen?«, frage ich.

»Nein, Ma’am. Ich sehe mir nur das da an.«

»Was denn?«

»Das da. Hab ich das gemacht?«

Ich blicke über den Kopf des Mädchens zurück in das Zimmer. Auf dem Boden in der Nähe des Fußendes meines Bettes fluoresziert etwas schwach grünlichblau in der Dunkelheit. Das Luminol hat mit irgendetwas auf dem Teppich reagiert. Die Chemikalie liefert falsche Positiv-Reaktionen mit mehreren verschiedenen Substanzen, eine davon gewöhnliche Haushaltsbleiche.

»Schon gut«, sage ich zu Natriece, während ich bereits jetzt die Reaktion meiner Mutter auf das Chaos fürchte, das die Kleine angerichtet hat.

»Unheimlich«, sagt Natriece. »Das sieht aus wie bei Ghostbusters oder so.«

Ich trete um Natriece herum und blicke hinunter auf die Fluoreszenz am Boden. Sie ist nicht diffus, wie ich zuerst geglaubt habe, sondern zeigt definierte Umrisse. Plötzlich breitet sich in meinem Körper eine geradezu unheimliche Taubheit aus.

Ich blicke auf einen Fußabdruck.

Die gleiche Taubheit habe ich vor dreiundzwanzig Jahren gespürt, als mein Großvater sich von der ersten Leiche abwandte, die ich jemals im Leben gesehen habe. Als er sich vor mir hinkniete und sagte: »Baby, dein Daddy ist tot.«

»Bleib zurück, Natriece.«

»Ja, Missus.«

Genau genommen ist es kein Fußabdruck, sondern ein Stiefelabdruck. Diese Tatsache springt mir nur deshalb ins Bewusstsein, weil inzwischen ein weiteres geisterhaftes Bild neben dem ersten Abdruck Gestalt angenommen hat. Das Bild eines nackten, sehr viel kleineren Fußes.

Eines Kinderfußes.

Mit langsamer Beharrlichkeit dringt ein prasselndes Geräusch in meine Konzentration. Ganz leise, fast unmerklich zuerst, dann lauter und lauter, bis es zu einem stetigen Rauschen angeschwollen ist. Es ist das Geräusch von Regen, der auf ein Blechdach trommelt. Was keinen Sinn ergibt, weil das Sklavengebäude erstens ein Ziegeldach besitzt und ich zweitens im Erdgeschoss stehe, nicht im ersten Stock. Doch ich kenne dieses Geräusch bereits, und ich weiß, was es zu bedeuten hat. Eine akustische Halluzination. Ich habe das gleiche metallische Prasseln vor einer Woche gehört, am Tatort des Nolan-Mordes, unmittelbar vor meiner Panikattacke. Ich habe hinuntergestarrt auf den nackten Leichnam des ehemaligen Wirtschaftsprüfers und …

Schnelle Schritte reißen mich aus meinen Gedanken. Natriece rennt den Korridor entlang. Ein Schrei durchschneidet die Luft im Haus.

»Nanna! Nanna! Nanna!«

Ich blicke auf meine Uhr und warte, dass die leuchtenden Fußabdrücke verschwinden. Falsche positive Reaktionen verschwinden in der Regel schnell wieder, während die Lumineszenz, die von echtem Hämoglobin aus Blut hervorgerufen wird, wie ein anklagender Finger stundenlang sichtbar bleibt.

Dreißig Sekunden vergehen.

Ich blicke mich im Schlafzimmer um, jenem seltsamen Schrein meiner Kindheit. Dann sehe ich wieder zu der Stelle am Boden. Eine Minute ist inzwischen vergangen, und die Spuren sind kein bisschen verblasst.

»Kommt schon«, flüstere ich. »Macht schon.«

Meine Hände zittern. Ich will ebenfalls weglaufen, zu Pearlie rennen, aber ich bin kein Kind mehr. Meine Augen fangen an zu tränen vor Anstrengung. Könnte es sein, dass der kleinere Abdruck von meinem eigenen Fuß stammt? Blutflecken können auf manchen Oberflächen jahrzehntelang erhalten bleiben.

»Los, verschwindet!«, flehe ich. Doch mein Betteln und Flehen nutzt nichts.

Ich habe fünfzehn Jahre lang getrunken. Inzwischen bin ich seit achtundvierzig Stunden nüchtern, doch nie zuvor habe ich einen Drink so dringend gebraucht.

6

Meine Instinkte sind in hellem Aufruhr. Während ich auf die beiden fluoreszierenden Fußabdrücke starre, will eine Hälfte von mir davonlaufen, während die andere am liebsten die Tür versperren würde. Ich will Fotos von diesen Abdrücken, doch dazu muss ich rasch handeln. Nachdem die chemische Reaktion, die das verborgene Blut im Teppich zum Fluoreszieren bringt, erst einmal abgeklungen ist, lässt sie sich nicht wiederholen.

Die Eingangstür des Sklavenhauses fliegt krachend ins Schloss. Pearlie. Ich durchquere das Schlafzimmer und verschließe die Tür. Dann öffne ich den Koffer mit meiner Kamera, nehme meine Spiegelreflex hervor, befestige ein 35-Millimeter-Standardobjektiv und einen Kabelauslöser daran. Verdammt. Ich habe vergessen, mein Stativ aus dem Kofferraum des Wagens mitzunehmen.

Jemand klopft energisch an meine Zimmertür. Ein vor meinem geistigen Auge aufsteigendes Déjà-vu sagt mir, dass der Rhythmus zu Pearlie gehört.

»Catherine Ferry?«, ruft eine kehlige Stimme, die mir so vertraut ist wie die meiner Mutter. »Bist du da drin, Mädchen?«

»Ich bin hier, Pearlie.«

»Was machst du zu Hause? Das letzte Mal warst du vor … ich weiß nicht einmal mehr, wie lange es her ist! Warum hast du nicht vorher angerufen?«

Ich habe keine Zeit, ihr die Situation zu erklären. »Ich komme gleich raus, okay?«

Ich packe meine Wagenschlüssel, schiebe das Fenster hoch, steige hinaus und renne zum Wagen. Mit dem Stativ in der Hand klettere ich in mein Zimmer zurück, schließe die Vorhänge und baue das Stativ fast genau über den Abdrücken auf. Pearlie klopft immer noch an die Tür. Nachdem ich die Kamera befestigt und auf die Abdrücke gerichtet habe, schalte ich das Licht ein und schieße ein Referenzfoto der Stelle am Boden. Dann schließe ich das Objektiv um zwei Blenden und nehme ein Lineal aus meinem Koffer, das an den Zollmarkierungen mit Kupferdraht umwickelt ist. Das Kupfer fluoresziert, wenn es mit Luminol besprüht wird. Ich lege das Lineal neben den Fußabdruck und sprühe sowohl Lineal als auch Abdruck mit weiterem Luminol ein. Dann warte ich.

»Was machst du da drin?«, verlangt Pearlie zu erfahren. »Hat Natriece Unsinn angestellt?«

»Alles in Ordnung«, entgegne ich. »Ich komme gleich raus, nur noch eine Minute!«

Ich höre die leisen, drängenden Worte, als Pearlie ihre Enkeltochter verhört.

Als das grünlich weiße Leuchten an Intensität zunimmt, öffne ich den Kameraverschluss mit dem Kabelauslöser und blicke auf meine Taucheruhr. Um das schwache Leuchten der Verbindung aus Luminol und Blut in der Dunkelheit einzufangen, muss ich sechzig Sekunden lang belichten. Meine Hände zittern schrecklich, doch der Kabelauslöser verhindert, dass die Bilder verwackeln. Diesmal kommt der Tremor nicht von Medikamenten oder vom Alkoholentzug. Diesmal ist es Angst. Dieselbe scheußliche Angst, die mich in der Küche des ermordeten LeGendre überfallen hat, und davor am Schauplatz der Ermordung von Nolan. Wäre nicht der Fußabdruck des Kindes daneben, würde ich wahrscheinlich annehmen, dass der Stiefelabdruck vom Blut von Rotwild herrührt. Die Tiere streifen oft über das Gelände von Malmaison, und es ist bekannt, dass mein Großvater hin und wieder einen Bock schießt, manchmal sogar aus dem Fenster seines Arbeitszimmers. Doch neben dem Stiefelabdruck ist der des Kindes …

Als meine Uhr sechzig Sekunden anzeigt, schließe ich den Verschluss. Dann, um ganz sicher zu sein, dass die Fußabdrücke auch auf dem Bild sind, öffne ich die Blende um eins und wiederhole den Vorgang. Pearlie draußen hält es offensichtlich nicht länger aus.

»Catherine DeSalle Ferry! Mach sofort die Tür auf!«

Das vertraute Ritual der Tatortfotografie beruhigt meine Nerven. Gewohnheiten haben einen wundervoll beruhigenden Einfluss – selbst schlechte Gewohnheiten, wie ich vor langer Zeit herausgefunden habe.

»Gib Antwort, Mädchen! Ich kann deine Gedanken nicht mehr lesen wie früher mal. Du bist zu erwachsen geworden, und du warst zu lange fort!«

Ich muss trotz meiner Angst lächeln. Im Jahr nach dem Tod meines Vaters – dem Jahr, in dem ich nicht mehr geredet habe – war allein Pearlie imstande, mit mir zu kommunizieren. Das stoische Kindermädchen konnte meine Emotionen aus einem Blick oder dem Schürzen der Lippen bis hin zum Winkel meiner nach unten gerichteten Augenlider ablesen.

»Ich komme ja schon!«, rufe ich und gehe zur Tür.

Sobald ich den Knopf herumgedreht habe, stößt Pearlie die Tür auf und steht mit in die Hüften gestemmten Händen vor mir. Sie ist immer noch groß, dünn und zäh wie Knorpel, trotz ihrer mehr als siebzig Jahre, mit schokoladenbrauner Haut und eindeutigen Spuren weißer Vorfahren in den Gesichtszügen. In ihren Augen blitzt noch immer Intelligenz und Schlagfertigkeit, und ihr Bellen – dazu gedacht, Fremde einzuschüchtern – ist beträchtlich schlimmer als ihr Beißen. Im Beisein meines Großvaters und meiner Mutter legt Pearlie die stille Würde einer Dienerin aus dem neunzehnten Jahrhundert an den Tag. Sie kann so leise wie ein Geist verschwinden, wenn gewisse Weiße einen Raum betreten, doch in meiner Gegenwart ist sie viel lebhafter, und sie behandelt mich beinahe so, als wäre ich eine Tochter. Sie trägt noch immer ihre gestärkte weiße Uniform, was man heutzutage nicht mehr häufig sieht, und eine glänzende, rotbraune Perücke, um ihr weiß gewordenes Kraushaar zu verbergen.

Ich habe Pearlie mehr vermisst, als mir bewusst gewesen ist. Ich sehe eine Mischung aus Zorn und Aufregung in ihren Augen, als wüsste sie nicht genau, ob sie mich umarmen oder übers Knie legen solle. Wären nicht Natrieces Angst und die merkwürdige Szene in meinem Zimmer, hätte sie mich ohne Zweifel an sich gedrückt und zerquetscht.

»Antworte, auf der Stelle!«, verlangt sie von mir. »Du warst seit dem Begräbnis deiner Großmutter nicht mehr zu Hause, und das ist schon ein ganzes Jahr her!«

»Fünfzehn Monate«, verbessere ich sie und kämpfe gegen eine neuerliche Woge von Emotionen, die ich mir im Augenblick nicht leisten kann. Letzten Juni ist meine Großmutter auf DeSalle Island ertrunken. Ein Teil der Sandbank, auf der sie stand, ist einfach in den Mississippi gerutscht. Es gab keinerlei Vorwarnung. Vier Leute haben es gesehen, und keiner war imstande, ihr zu helfen. Niemand hat sie zurück an die Oberfläche kommen sehen, nachdem die Sandbank weggebrochen war. Catherine Poitiers Kirkland war in ihrer Jugend eine exzellente Schwimmerin – sie hat mir das Schwimmen beigebracht –, doch mit fünfundsiebzig war sie der gewaltigen Strömung des Mississippi offensichtlich nicht mehr gewachsen gewesen.

»Gütiger Gott.« Pearlie seufzt. »Nun, Catherine … Warum hast du nicht angerufen und Bescheid gesagt, dass du kommst? Ich hätte für dich gekocht!«

»Es war ein Impuls.«

»Ist es das bei dir nicht immer?« Sie schenkt mir einen wissenden Blick, dann schiebt sie sich an mir vorbei ins Schlafzimmer. »Was geht hier drin vor? Natriece hat mir erzählt, dass es hier drin einen Geist gibt?«

Ich sehe das kleine Mädchen draußen auf dem Gang stehen. »Gibt es auch, bestimmt! Sieh nur auf den Teppich am Fuß vom Bett!«

Pearlie geht zu dem Stativ mit der Kamera, beugt sich vor und untersucht den Boden mit den Adleraugen einer Frau, die Jahrzehnte damit verbracht hat, den kleinsten Schmutzfleck aus »ihrem« Haus zu verbannen.

»Warum sieht der Teppich so aus?«

»Blut. Alte Blutflecken, verborgen in den Teppichfasern. Das Blut reagiert mit der Chemikalie, die Natriece versehentlich versprüht hat.«

»Blut?«, fragt Pearlie skeptisch. »Ich sehe kein Blut. Das da sieht eher aus wie diese Zähne, die du als Kind häufig zu Halloween getragen hast. Vampirzähne, wie Graf Dracula.«

»Es ist das gleiche Prinzip. Aber hier ist Blut im Teppich, verlass dich drauf.«

»Kann nur Blut dieses Zeugs leuchten lassen?«

»Nein«, räume ich ein. »Bestimmte Metalle ebenfalls. Und Haushaltsbleiche. Hast du hier drin Clorox verschüttet? Oder im Wäscheraum? Und hast du es dann hier hereingeschleppt?«

Pearlie schürzt die Lippen. »Kann ich nicht sagen. Ich weiß es nicht. Könnte schon sein.«

»Ich habe viele Flecken wie den hier gesehen. Blut entwickelt zusammen mit Luminol ein ganz besonderes Leuchten. Und ich bin zu fünfundneunzig Prozent sicher, dass wir hier Blut vor uns haben.«

»Blut hin, Blut her, ich sehe kaum noch was.«

»Es verblasst ziemlich schnell wieder. Deshalb habe ich Bilder davon gemacht.«

Pearlie hat schon immer die negativen Aspekte einer jeden Situation heruntergespielt. Ich nehme an, dass sie teilweise auch dafür bezahlt wird. Ich habe sogar gehört, wie sie einen alten Song von John Mercer bei der Arbeit vor sich hin gesungen hat, mit genau dieser Anweisung: You got to ac-cent-tu-ate the positive, e-lim-i-nate the negative …

»Könnte Hirschblut sein«, mutmaßt sie nun. »Oder vielleicht von einem Gürteltier. Dr. Kirkland hat eine Menge Gürteltiere auf dem Gelände geschossen. Sie wühlen den Boden auf, diese lästigen kleinen Mistviecher.«

»Es gibt Untersuchungsmethoden, mit denen ich feststellen kann, ob es sich um Menschenblut handelt oder um Blut von Tieren. Um einen so definierten Stiefelabdruck zu erzeugen, braucht es eine Menge Blut. Hier ist ein Stiefelabdruck, und daneben ein Abdruck von einem nackten Kinderfuß.«

Pearlie starrt in stummem Zweifel auf den Boden.

»Waren andere Kinder hier drin, seit ich weggegangen bin?«, frage ich. Ich war ein Einzelkind, und meine Tante Ann hat trotz dreier Ehen keinen Nachwuchs. »War Natriece oft zum Spielen hier?«

Pearlie schüttelt entschieden den Kopf. »Meine Kinder leben in Los Angeles und Chicago, wie du weißt. Und Natriece war vorher nur zweimal auf Malmaison. Sie war noch nie hier draußen … jedenfalls nicht, dass ich wüsste.« Sie dreht sich um und funkelt das kleine Mädchen an. »Warst du je in diesem Raum, Kind?«

»Nein, Ma’am!«

»Sag die Wahrheit, auf der Stelle! Ich bin keine von diesen weichen Lehrerinnen, die ihr heutzutage an der Schule habt!«

»Aber ich sage die Wahrheit!«

Natriece schiebt schmollend die Unterlippe vor, und ich knie mich hin und studiere das verblassende Abbild des nackten Kinderfußes. Pearlie hat Recht – er ist inzwischen fast verschwunden. »Natriece, kannst du bitte deinen Flipflop ausziehen und den Fuß hierher halten?«

»In das Blut?«

»Nein, nicht in das Blut. Halt deinen Fuß einfach nur über den Teppich.«

Das kleine Mädchen zieht den gelben Flipflop aus und hält mir den schwieligen Fuß hin. Ich nehme ihn in die Hände und platziere ihn dicht über dem verblassenden Fluoreszieren des Abdrucks. Die Größe stimmt nahezu perfekt.

»Wie alt bist du, Natriece?«

»Sechs. Aber ich bin groß für mein Alter.«

»Das denke ich auch.« Ich hatte sie auf acht geschätzt, also besitzt ihr Fuß wahrscheinlich die Größe einer normalen Achtjährigen.

Pearlie beobachtet mich mit besorgter Miene.

»Wo ist Mom, Pearlie?«

»Was glaubst du denn? Sie ist wieder mal nach Biloxi gefahren.«

»Um Tante Ann zu besuchen?«

»Was sonst? Ann zieht den Ärger an wie meine Sheba Kater.«

»Was ist mit Großpapa?«

»Dr. Kirkland ist auf einer Reise. Er wollte allerdings später am Tag wieder zurück sein.«

»Wo ist er hin? Auf die Insel?«

»Gütiger Gott, nein! Er war schon ziemlich lange nicht mehr auf DeSalle Island.«

»Wohin ist er dann?«

Pearlies Gesicht wird verschlossen. »Das darf ich nicht sagen.«

»Nicht einmal mir?«

»Ich weiß nicht.«

»Pearlie …«

Die Amme seufzt und blickt mich mit zur Seite geneigtem Kopf an. Sie und ich haben unsere gegenseitigen Geheimnisse über all die Jahre bewahrt. Pearlie hat geschwiegen, wenn ich als Teenager aus dem Haus geschlichen bin, was sie üblicherweise mitbekam, wenn sie in den späten Abendstunden rauchend auf ihrer Veranda saß. Und ich habe geschwiegen, wenn sie gelegentlich Männerbesuch erhielt, der über Nacht in Pearlies Haus schlief. Pearlie wurde niemals offiziell geschieden, doch sie war allein, seit sie dreißig wurde, und wie sie schon damals häufig sagte: Sie mochte vielleicht alt sein, doch sie war nicht tot.

»Du wirst nicht sagen, dass ich es dir verraten habe?«, fragt sie.

»Du weißt, dass ich das niemals tun würde.«

»Dr. Kirkland ist nach Washington gefahren.«

»Washington, Mississippi?« Washington ist eine kleine Stadt ungefähr fünf Meilen östlich von Natchez und war früher einmal die Hauptstadt von Mississippi.

Pearlie schnaubt verächtlich. »Dr. Kirkland würde nicht einmal fünf Minuten seiner Zeit dort draußen verschwenden, es sei denn, er könnte dort ein gutes Geschäft machen.«

»Wohin ist er dann?«

»In Washington, d. c., Mädchen. Er fährt in letzter Zeit ständig dorthin. Ich glaube, er kennt den Präsidenten.«

»Er kennt den Präsidenten, ja. Aber er trifft sich bestimmt nicht dauernd mit ihm. Wer ist es?«

»Ich kann dir nicht sagen, was ich nicht weiß. Ich glaube nicht, dass irgendjemand etwas weiß.«

»Nicht einmal Mom?«

»Sie tut jedenfalls, als wüsste sie es nicht. Du kennst ja deinen Großvater.«

Ich will weitere Fragen stellen, doch Natriece muss sie nicht unbedingt hören. Ich werfe einen Seitenblick zu der Kleinen, die versucht, einen der seidenen Schmetterlinge zu erhaschen, die in der Ecke des Zimmers von der Decke hängen. Pearlie versteht die Andeutung.

»Treecy, geh nach draußen und spiel ein bisschen allein, ja?«

Natriece schiebt erneut die Unterlippe vor. »Du hast gesagt, ich krieg ein Eis, wenn ich brav bin.«

Ich muss trotz meiner Ungeduld lachen. »Sie hat mir oft das Gleiche versprochen.«

»Und?«, fragt Natriece todernst. »Hast du es bekommen?«

»Wenn ich brav war, ja.«

»Was nicht allzu häufig vorkam«, sagt Pearlie und macht einen Schritt auf Natriece zu. »Wenn du jetzt nicht nach draußen spielen gehst, bekommst du überhaupt nichts. Und heute Abend gibt es Rosenkohl.«

Natriece verzieht das Gesicht; dann flitzt sie an Pearlie vorbei, wobei sie geschickt der züchtigenden Hand der alten Frau ausweicht. Ich schließe hinter ihr die Tür. Pearlie studiert erneut den Teppich, wo die Blutflecken inzwischen verschwunden sind.

»Wie ist Natriece mit dir verwandt? Enkeltochter?«

Pearlie lacht; ein tiefer, rasselnder Laut. »Urenkel.«

Ich hätte es mir denken können.

»Das ist heutzutage das Problem mit uns Schwarzen in dieser Gegend«, sagt sie. »Diese kleinen Dinger werden mit zwölf zum ersten Mal schwanger.«

Ich traue meinen Ohren nicht. »Das tun sie ja wohl nicht allein, oder? Was ist mit den Männern, die sie schwängern?«

Sie winkt ab. »Ach, Männer. Das ist immer das Gleiche. Sie ändern sich nie, ganz egal, wie viele Shows Oprah über kindliche Mütter bringt. Es ist die Aufgabe von uns Alten, den Kindern beizubringen, wie sie sich verhalten sollen. Aber sie haben sich alle viel zu weit von der Kirche entfernt, diese jungen Leute. M-hm.«

Die beiden letzten Silben sind derart endgültig, dass ich weiß, es ist sinnlos, dagegen zu argumentieren. »Pearlie, ich möchte mit dir über die Nacht reden, als Daddy starb.«

Sie wendet sich nicht ab, sagt aber auch kein Wort. Sie reagiert nicht auf irgendeine Weise, die mir etwas verraten würde, auch wenn ich bemerke, dass ihre schwarzen Augen dunkler werden. In Pearlies Augen gibt es unterschiedliche Wahrnehmungsebenen, wie bei den meisten Schwarzen ihrer Generation. In Natchez vor 1965 konnte ein Schwarzer eine tödliche Schießerei zwischen zwei Weißen beobachten, ohne etwas zu sehen. Ein derartiges Ereignis war »Sache der Weißen«, und damit basta. Ich hasse den Gedanken, welche Sünden unter dieser altmodischen Sichtweise verborgen bleiben. Statt weiterzubohren, warte ich schweigend ab.

»Du hast mich tausend Mal danach gefragt, Kleines«, sagt sie schließlich und schließt die Augen vor meinem prüfenden Blick.

»Und du bist mir tausend Mal ausgewichen, Pearlie.«

»Ich habe dir alles gesagt, was ich in jener Nacht gesehen habe.«

»Damals war ich ein Kind. Aber jetzt frage ich dich erneut. Heute bin ich einunddreißig Jahre alt, Pearlie, Herrgott noch mal! Erzähl mir, was in dieser Nacht passiert ist, Pearlie. Erzähl mir alles, was du gesehen hast!«

Endlich schlägt sie die Augen auf, und ich blicke in jene dunkelbraunen Iris, die wahrscheinlich mehr vom Leben gesehen haben, als ich jemals sehen werde. »Na schön«, sagt sie müde. »Vielleicht findest du dann endlich Ruhe …«

7

Pearlie sitzt auf der Kante meines alten Bettes und starrt an die Wand, während die Erinnerungen in ihr aufsteigen. »Die Wahrheit ist, ich hab nicht viel gesehen. Hätte ich in meinem Haus geschlafen, wär’s wahrscheinlich mehr gewesen, aber ich war im großen Haus und hab mich um deine Großmutter gekümmert.«

Sie unterbricht sich, und für einen Augenblick fürchte ich, sie könnte nicht fortfahren. Dann aber schluckt sie und erzählt weiter.

»Mrs. Kirkland hatte starke Schmerzen. Wie sich herausstellte, war es ihre Gallenblase. Sie musste in der nächsten Nacht operiert werden. Dein Großvater wollte es selbst tun, aber das wollte sie nicht. Wie dem auch sei, ich habe einen Schuss gehört.«

»Um wie viel Uhr?«

»Gegen halb elf. Ein Gewehr, dachte ich. Dieses krachende Geräusch, weißt du? Es hat deine Großmutter geweckt. Ich habe gesagt, dass Dr. Kirkland wahrscheinlich einen Bock geschossen hat, der aus dem Wald aufs Gelände gewandert ist, aber Mrs. Kirkland sagte, ich solle die Polizei rufen.«

»Hast du?«

»Ja.«

»Wie lange hat es gedauert, bis die Polizei da war?«

»Zehn Minuten. Vielleicht ein wenig länger.«

»Und du bist erst nach unten in den Garten gegangen, nachdem die Polizei da war?«

Pearlie nickt zögernd. »Aber ich habe hier im Haus angerufen, um sicher zu sein, dass mit dir und deiner Mama alles okay war.«

»Wer hat den Anruf entgegengenommen?«

»Dr. Kirkland. Er hat gesagt, es wäre nicht alles okay, aber ich sollte trotzdem bei Mrs. Kirkland bleiben. Ich geriet in Panik und habe ihn versprechen lassen, dass euch nichts passiert wäre. Dann kam ich darauf, dass Mr. Luke irgendetwas zugestoßen sein musste.«

Mr. Luke … Pearlies Anrede für meinen Vater.

»Er wollte eigentlich gegen neun Uhr zur Insel aufbrechen, aber ich hatte ein schlechtes Gefühl. Ich bin zur rückwärtigen Galerie des großen Hauses gegangen und hab nach unten geschaut. Als ich Mr. Luke unter dem Baum entdeckt habe, brach es mir das Herz. Mein Gott, Kind, lass uns nicht weiter darüber reden.«

»Hast du auch mit Mama gesprochen, als du unten angerufen hast?«

»Nein.«

Ich schließe die Augen. Vor mir blitzt blaues Polizeilicht und erhellt das große U, das die Rückseite von Malmaison und die beiden Sklavenquartiere bilden. Der strömende Regen leuchtet in Intervallen saphirblau. Große Männer in Uniformen und Schirmmützen stehen mitten zwischen den Rosen und sprechen mit meinem Großvater wie Soldaten zu einem vorgesetzten Offizier. Ich öffne hastig die Augen, bevor die Erinnerung mich ganz übermannt.

»Ich erinnere mich an die Geschichte, die man mir erzählt hat«, sage ich leise. »Daddy und Großvater hörten beide, wie jemand über das Grundstück schlich. Daddy war hier unten, Großvater war im Haupthaus. Sie trafen sich draußen, redeten ein paar Sekunden, dann gingen sie getrennt los, um nachzusehen. Beide waren bewaffnet, doch Daddy wurde von dem Einbrecher überrascht. Sie kämpften im Dunkeln, und Daddy wurde mit seinem eigenen Gewehr erschossen.«

Pearlie nickt traurig. »Das ist es, was Dr. Kirkland mir erzählt hat.«

»Hat er der Polizei die gleiche Geschichte erzählt?«

»Selbstverständlich, Kind. Es ist das, was passiert ist. Warum fragst du mich das?«

Ohne dass es mir bewusst geworden wäre, habe ich bereits eine Antwort auf ihre Frage formuliert. »Weil ich denke, dass dieser nackte Fußabdruck auf dem Teppich von mir stammt. Und weil ich denke, dass ich ihn in jener Nacht hinterlassen habe.«

Pearlie schüttelt den Kopf. »Das ist Unsinn, Kind. Du bist nie über den Verlust deines Daddys hinweggekommen, das ist alles. Du versuchst seit zwanzig Jahren, einen Sinn dahinter zu erkennen, aber solche Dinge haben einfach keinen Sinn. Es sei denn, du bist Gott, dann verstehst du es. Dann verstehst du alles. Aber wir Menschen … für dich und mich gibt es hier nichts zu verstehen.«

Ich ignoriere Pearlies simplifizierende Philosophie, ganz gleich, wie treffend sie klingen mag. »Ich hab in jener Nacht versucht, mit Mom zu reden, aber ich musste ihr jeden Wurm aus der Nase ziehen. Sie hat widersprüchliche Geschichten von sich gegeben. Einmal hat sie den Schuss gehört, dann wieder nicht. Einmal hat sie was gesehen, dann wieder nicht. Was hältst du davon?«

Pearlie mustert mich mit offenem Blick. »Du sagst, du wärst inzwischen erwachsen … und ich schätze, das bist du. Jedenfalls alt genug, um alles zu erfahren. Deine Mama hat in jener Nacht überhaupt nichts gesehen, Baby. Sie hatte die Schlaftabletten deines Vaters genommen. Oder seine Schmerztabletten. Was immer er eingenommen hat wegen seiner Kriegsverletzung und der Nerven.«

Nerven … Pearlies Euphemismus für posttraumatisches Stresssyndrom. »Du sagst, es wäre Gewohnheit gewesen?«

»Mädchen, deine Mama hat so gut wie alles geschluckt, was Mr. Luke damals vom Arzt verschrieben bekam. Sie hatte selbst Probleme mit den Nerven. Dein Daddy war bei Dr. Tom Cage in Behandlung, und ich glaube, Dr. Cage hat immer genug für beide verschrieben. Deine Mama ist kaum jemals zu einem Arzt gegangen.«

Ich nehme mir vor herauszufinden, ob Dr. Cage noch am Leben ist. »Also war Mama bewusstlos, als Daddy erschossen wurde?« Ich schließe die Augen und versuche mich an etwas zu erinnern – irgendetwas –, bevor die blauen Lichter zu blitzen anfangen, aber da ist nichts. »Also hast du mich erst zu der Leiche gehen sehen, als du nach unten gekommen bist?«

»Das ist richtig.«

»Woher kam ich?«

Pearlie zögert. »Aus diesem Haus, glaube ich. Oder von der Rückseite. Ich bin nicht sicher.«

Ich versuche erneut, mich an irgendetwas zu erinnern, doch das unüberwindliche Tor, das meine Erinnerungen vom Bewusstsein trennt, bleibt verschlossen. »Was glaubst du, wer dieser Einbrecher gewesen ist, Pearlie? Was hatte er hier zu suchen?«

Die Amme seufzt in tief empfundenem Fatalismus; dann senkt sich der Blick ihrer dunklen Augen in meinen. »Du willst wirklich wissen, was ich denke?«

»Ja.«

»Ich denke, er war ein Freund deines Daddys. Entweder das – oder jemand, der hergekommen ist, um Dr. Kirkland zu ermorden.«

Für einen Moment verschlägt es mir die Sprache. In all den Jahren seit dem Tod meines Vaters habe ich niemals gehört, dass irgendjemand diese Geschichte ausgesprochen hätte. »Großvater ermorden? Aber warum sollte jemand das tun?«

Pearlie seufzt tief. »So lieb dein Großvater sein kann, Kind, er ist ein harter Geschäftsmann. Er hat einige Leute ruiniert, und in einer so kleinen Stadt wie Natchez holt einen das manchmal ein.«

»Hat seit jener Nacht jemand versucht, ihm etwas zu tun?«

»Nicht dass ich wüsste.« Sie zuckt die Schultern. »Vielleicht irre ich mich ja auch. Aber jetzt hat er diesen Fahrer, diesen Billy Neal. Ich mag den Burschen überhaupt nicht.«

Ich bin dem Fahrer meines Großvaters nur ein einziges Mal begegnet, und das auch nur kurz. Hageres Gesicht, muskulös; er erinnert mich an die Männer, denen ich immer wieder in irgendwelchen Bars begegne. Stille Männer, deren Schweigen nicht bemüht, sondern bedrohlich ist, irgendwie aggressiv. »Glaubst du, Billy Neal ist eine Art Leibwächter?«

Pearlie schnaubt. »Ich weiß, dass er ein Leibwächter ist! Er ist viel zu bösartig, um ihn als irgendetwas anderes zu beschäftigen. Ganz bestimmt nicht nur als Fahrer.«

Die Vorstellung, dass mein Großvater einen Leibwächter benötigt, erscheint mir lächerlich, doch genau das war der Eindruck, den ich von Billy Neal hatte, als ich Großvater mit seinem neuen Fahrer in New Orleans sah. Doch es ist Pearlies andere Theorie, die mein Herz schneller schlagen lässt. »Warum glaubst du, der Einbrecher könnte ein Freund von Daddy gewesen sein?«

»Es muss so gewesen sein, Kind«, antwortet sie fest. »Um nahe genug an deinen Daddy heranzukommen, um ihn mit seinem eigenen Gewehr zu erschießen.«

»Wieso?«

»Weil ich noch nie einen so aufmerksamen Mann gesehen habe wie deinen Daddy. Mr. Luke schlief mit offenen Augen. War immer auf der Hut vor Gefahr. Ich schätze, der Krieg hat das bei ihm bewirkt. Dr. Kirkland hält sich vielleicht für einen großen Jäger, aber dein Daddy … er konnte durch die Wälder laufen, ohne einen einzigen Grashalm zu verbiegen. Die ersten paar Jahre, nachdem er aus dem Krieg zurück war, streifte er die ganze Nacht über sein Land. Auch über die Insel, wie ich gehört habe. Er hat mich manchmal zu Tode erschreckt. Er tauchte einfach vor einem auf, wie ein Geist, ohne das leiseste Geräusch. Niemand konnte sich Mr. Luke nähern, ohne dass er es gemerkt hätte. Ganz bestimmt nicht, nein. Das weiß ich mit Sicherheit.«

»Ein Freund …«, murmele ich, während ich versuche, mich mit diesem Gedanken anzufreunden. »Ich erinnere mich nicht, dass Daddy Freunde gehabt hätte.«

Pearlie lächelt bedauernd. »Sie waren keine richtigen Freunde. Sie waren Jungen wie er selbst, die im Krieg gewesen sind. Nicht mit ihm zusammen, aber wie er. Es waren gute Jungen, aber viele von ihnen kamen aus Vietnam zurück und waren süchtig nach diesem Dope. Schwarze und Weiße, ohne Unterschied. Mein Neffe war auch so einer. Jedenfalls, diese Freunde haben wahrscheinlich gewusst, dass Daddy Pillen im Haus hatte. Und wahrscheinlich haben sie sich gedacht, dass Dr. Kirkland ebenfalls Drogen hier aufbewahrt. Schließlich ist er Arzt. Der Rest ist nicht schwer auszurechnen, oder?«

Ich blicke mich in dem verlassenen Schlafzimmer um. Ein Kinderzimmer ohne Kind darin. Ich bin nicht klaustrophobisch, aber manchmal schlagen mir bestimmte Umgebungen auf die Nerven, und dann muss ich mich bewegen. Weggehen oder ausflippen. »Lass uns nach draußen gehen, Pearlie.«

Sie nimmt meine Hand. »Was ist denn, Baby?«

»Ich brauche frische Luft.«

»Gut, dann gehen wir an die frische Luft.«

Ich lasse Pearlie den Vortritt, dann schließe ich hinter uns die Tür. »Geh nicht wieder in dieses Zimmer«, sage ich zu ihr. »Ich muss noch ein paar Dinge untersuchen.«

»Was für Dinge?«

»Dinge wie auf meiner Arbeit in New Orleans. Vielleicht findet sich da drin noch mehr Blut.«

Sie wird ängstlich und zieht die Schultern nach vorn.

»Was ist denn?«, frage ich.

Sie bleibt in der Küche stehen und legt mir eine Hand auf den Arm. »Baby, es nützt niemandem, wenn du die Vergangenheit ausgräbst. Selbst einfache Leute wie ich wissen das. Und du bist kein einfacher Mensch.«

»Ich wünschte manchmal, ich wäre es.«

Pearlie gluckst leise. »Eine Sache können wir nicht ändern auf dieser Welt. Unsere Natur. Wir kommen auf die Welt, wie wir sind, und wir bleiben so, bis wir sterben.«

»Glaubst du das wirklich?«

In ihren Augen ist tiefe Weisheit zu lesen. »Das glaube ich, ja. Ich habe zu viele Kinder von der Wiege bis zum Grab beobachtet, um es nicht zu glauben.«

Ich bin anderer Meinung, widerspreche ihr aber nicht. Pearlie Washington ist viel älter als ich. Sie hat viel mehr erlebt. Wir gehen nach draußen in den Rosengarten und ins Sonnenlicht.

»Ich habe noch eine Frage«, sage ich zu ihr. »Und ich möchte, dass du mir die Wahrheit sagst.«

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