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Bis zum Horizont

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Danksagung
  6. Widmung
  7. Prolog
  8. Erstes Kapitel
  9. Zweites Kapitel
  10. Drittes Kapitel
  11. Viertes Kapitel
  12. Fünftes Kapitel
  13. Sechstes Kapitel
  14. Siebtes Kapitel
  15. Achtes Kapitel
  16. Neuntes Kapitel
  17. Zehntes Kapitel
  18. Elftes Kapitel
  19. Zwölftes Kapitel
  20. Dreizehntes Kapitel
  21. Vierzehntes Kapitel
  22. Fünfzehntes Kapitel
  23. Sechzehntes Kapitel
  24. Siebzehntes Kapitel
  25. Achtzehntes Kapitel
  26. Neunzehntes Kapitel
  27. Zwanzigstes Kapitel
  28. Einundzwanzigstes Kapitel
  29. Zweiundzwanzigstes Kapitel
  30. Dreiundzwanzigstes Kapitel
  31. Vierundzwanzigstes Kapitel
  32. Fünfundzwanzigstes Kapitel
  33. Sechsundzwanzigstes Kapitel
  34. Siebenundzwanzigstes Kapitel
  35. Achtundzwanzigstes Kapitel
  36. Neunundzwanzigstes Kapitel
  37. Dreißigstes Kapitel
  38. Einunddreißigstes Kapitel
  39. Zweiunddreißigstes Kapitel
  40. Dreiunddreißigstes Kapitel
  41. Vierunddreißigstes Kapitel
  42. Fünfunddreißigstes Kapitel
  43. Sechsunddreißigstes Kapitel
  44. Siebenunddreißigstes Kapitel
  45. Achtunddreißigstes Kapitel
  46. Neununddreißigstes Kapitel
  47. Vierzigstes Kapitel
  48. Einundvierzigstes Kapitel
  49. Zweiundvierzigstes Kapitel
  50. Dreiundvierzigstes Kapitel
  51. Vierundvierzigstes Kapitel
  52. Fünfundvierzigstes Kapitel
  53. Sechsundvierzigstes Kapitel
  54. Siebenundvierzigstes Kapitel
  55. Achtundvierzigstes Kapitel
  56. Neunundvierzigstes Kapitel
  57. Fünfzigstes Kapitel
  58. Einundfünfzigstes Kapitel
  59. Zweiundfünfzigstes Kapitel
  60. Dreiundfünfzigstes Kapitel
  61. Epilog

Über den Autor

Richard Paul Evans ist der preisgekrönte Autor von bislang zwanzig Romanen, die in mehr als fünfundzwanzig Sprachen übersetzt und zum Teil fürs Fernsehen verfilmt wurden. Die THE-WALK-Reihe um den Reisenden Alan Christoffersen hat für Evans eine ganz besondere Bedeutung. Er lebt mit seiner Frau Keri und ihren fünf Kindern in Salt Lake City, Utah.

Richard Paul Evans

BIS ZUM
HORIZONT

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von
Veronika Dünninger

Danksagung

Ich danke den folgenden Personen für ihre Unterstützung bei diesem Buch: meiner Tochter Jenna für ihre Weisheit, ihren redaktionellen Rat und ihre Ausdauer auf der Straße. Jenna hatte die Idee, wo diese Geschichte enden sollte. Ich bin stolz auf dich, Schatz.

Laurie Liss einfach dafür, dass du du bist. Dr. Steve Schlozman, der mir in einer sehr schweren Zeit geholfen hat. Jonathan Karp für deine Begeisterung für diese Reihe. Gypsy da Silva, Karen Thompson und Amanda Murray für ihren redaktionellen Rat. Liz Peterson und Chris Evans, die uns geholfen haben, uns in und um Spokane zurechtzufinden. Kailamai Hansen. Kelly Glad, danke dafür, dass du immer eine Antwort parat hast. Pattie Servine von der PR-Abteilung des Sacred Heart Medical Centers. Taylor Swift einfach, weil ich deine Musik wirklich mag. Carl Evans und Detective Corbett Ford von der Polizei von Cottonwood Heights. Tony Bonney.

Und dem Team bei Windstar, vor allem Amanda Millar, die die Fahnen dieses Buchs auf Virgin Gorda wunderbar bearbeitet hat.

Meinem Personal: Diane Glad, Barry Evans, Heather McVey, Fran Plat, Lisa Johnson, Lisa McDonald, Sherri Engar, Jed Platt und Doug Smith.

Der Familie: Keri, Jenna und David, Allyson, Abigail, McKenna und Michael.

Und wie immer meinem himmlischen Vater.

 

Für Karen Christoffersen

 

An einem Schneeabend am Waldrand haltend

Wem dieser Wald, ich glaub, ich kenne den;
sein Haus, wir haben’s doch im Dorf gesehn.
Er sieht wohl kaum, wie langsam sich sein Wald
füllt an mit Schnee, als wir dort stehn.

Mein kleines Pferd verwundert sich, weshalb,
wo weder Haus noch Stall, ein solcher Halt,
wo nur ein Steg ins Eis des Sees gebaut,
wo’s schneit und dunkel wird und kalt.

Es schüttelt klirrend sein Geschirr und schnaubt,
sagt an, dass es dem Frieden gar nicht traut,
dann Stille, nur des Windes leises Wehn,
und manchmal Schnee von Zweigen staubt.

Die Wälder dunkel sind und tief und schön;
muss fort, bei jemand nach dem Rechten sehn;
zur Nacht wir haben Meilen noch zu gehn,
wir haben Meilen noch zu gehn.

– Robert Frost
(Übersetzung von Dietrich H. Fischer)

Prolog

Die Sonne wird wieder aufgehen.
Ungewiss ist nur, ob wir aufstehen werden,
um sie zu begrüßen.

Alan Christoffersens Tagebuch

 

Ein paar Monate nachdem ich überfallen, niedergestochen und bewusstlos auf dem Seitenstreifen des Highway 2 im Bundesstaat Washington liegen gelassen wurde, fragte mich eine Freundin, wie es sich anfühlt, mit einem Messer verletzt zu werden. Ich sagte ihr, es täte weh.

Im Ernst, wie soll man Schmerz beschreiben? Manchmal werden wir von Ärzten aufgefordert, unseren Schmerz auf einer Skala von eins bis zehn einzustufen, als ließe sich mit dieser Zahl irgendetwas Zuverlässiges aussagen. Meiner Ansicht nach benötigt man dafür ein objektiveres Bewertungssystem auf der Basis eines Vergleichs, wie zum Beispiel: Würden Sie das, was Sie empfinden, gegen eine Wurzelkanalbehandlung oder gegen eine halbe Geburt eintauschen?

Und womit würden wir emotionalen Schmerz vergleichen – mit körperlichem Schmerz? Emotionaler Schmerz ist gewiss das schlimmere der beiden Übel. Manchmal fügen sich Menschen körperliche Schmerzen zu, um ihren emotionalen Schmerz zu betäuben. Das kann ich gut verstehen. Wenn ich die Wahl hätte, niedergestochen zu werden oder meine Frau, McKale, noch einmal zu verlieren, dann würde ich das Messer vorziehen. Denn wenn das Messer mich tötet, muss ich nicht mehr leiden. Und wenn es mich nicht tötet, wird die Wunde verheilen. So oder so, der Schmerz wird aufhören. Aber ganz gleich, was ich tue, meine McKale kommt niemals wieder. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass der Schmerz in meinem Herzen je aufhören wird.

Dennoch gibt es Hoffnung – nicht darauf, dass ich McKale je vergessen werde oder auch nur begreifen werde, warum ich sie verlieren musste, aber darauf, dass ich akzeptieren kann, dass es so ist, und irgendwie weiterleben werde. Wie ein Freund kürzlich zu mir sagte: Egal, was ich tue, McKale wird immer ein Teil von mir sein. Die Frage ist nur, was für ein Teil – eine Quelle der Dankbarkeit oder eine Quelle der Verbitterung? Eines Tages werde ich mich entscheiden müssen. Eines Tages wird die Sonne wieder aufgehen. Ungewiss ist nur, ob ich aufstehen werde, um sie zu begrüßen.

In der Zwischenzeit hoffe ich vor allem auf Hoffnung. Das Gehen hilft. Ich wünschte, ich wäre schon wieder unterwegs. Denn ich würde lieber irgendwo anders sein als dort, wo ich gerade bin.

Erstes Kapitel

Wir planen unser Leben in langen, ununterbrochenen Abschnitten, die unsere Träume so durchziehen, wie Autobahnen die Punkte von Großstädten auf einer Straßenkarte verbinden. Aber letztendlich lernen wir, dass das Leben auf den Nebenstraßen und Umwegen gelebt wird.

Alan Christoffersens Tagebuch

Mein Name ist Alan Christoffersen, und dies ist das zweite Tagebuch meines Wegs. Ich schreibe diese Zeilen in einem Krankenhauszimmer im Bundesstaat Washington, in Spokane. Ich weiß nicht, wie es kommt, dass Sie mein Buch in den Händen halten. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht einmal, ob Sie die Absicht haben, es zu lesen. Aber falls Sie es tun: Willkommen auf meiner Reise!

Sie wissen nicht viel über mich. Ich bin zweiunddreißig Jahre alt, ein ehemaliger Werbemanager, und vor sechzehn Tagen habe ich mein Zuhause verlassen und bin in Bridal Trails, Seattle, losgegangen. Ich habe alles zurückgelassen, was offen gestanden nicht viel war, als ich mich auf den Weg gemacht habe. Ich gehe zu Fuß nach Key West, Florida – das sind etwa 3500 Meilen.

Bevor meine Welt zusammenbrach, war ich, wie es einer meiner Kunden ausdrückte, »ein Aushängeschild des amerikanischen Traums« – ein glücklich verheirateter, erfolgreicher Werbemanager mit einer hinreißenden Frau (McKale), einer florierenden Werbeagentur mit einer Wand voller Preise und Auszeichnungen und einem Zwei-Millionen-Dollar-Haus mit einer Pferdekoppel und zwei Luxusschlitten in der Garage.

Dann stellte das Universum die Weichen für mich um, und in nur fünf Wochen verlor ich alles. Mein Abstieg begann, als sich McKale bei einem Reitunfall das Genick brach. Vier Wochen später starb sie an den Folgen. Während ich mich im Krankenhaus um sie kümmerte, warb mein Partner, Kyle Craig, all meine Kunden ab, und ich war finanziell ruiniert. Mein Haus wurde unter Zwangsvollstreckung gestellt, und meine Autos gingen wieder an die Leasingfirma zurück.

Nachdem ich meine Frau, meine Firma, mein Haus und meine Autos verloren hatte, packte ich ein, was ich zum Überleben brauchte, und machte mich auf den Weg nach Key West.

Ich versuche nicht, irgendwelche Rekorde aufzustellen oder in die Zeitung zu kommen. Ich bin gewiss nicht der Erste, der diesen Kontinent zu Fuß durchquert; dafür bin ich mindestens ein Jahrhundert zu spät dran. Tatsächlich wurde der erste Versuch vor über zweihundert Jahren von einem Amerikaner namens John Ledyard unternommen, der den Plan fasste, Sibirien zu Fuß zu durchqueren, mit einem russischen Pelzhandelsschiff über den Ozean ins heutige Alaska zu fahren und dann die restliche Strecke zu Fuß bis nach Washington, D.C., zu gehen, wo Thomas Jefferson ihn herzlich begrüßen würde. So sehen die Pläne von Menschen aus. Ledyard kam nur bis Sibirien, wo die russische Zarin, Katharina die Große, ihn festnehmen und nach Polen zurückbringen ließ.

Seitdem haben mindestens ein paar Tausend Pioniere, Goldgräber und Bergsteiger den Kontinent durchquert, und das ohne luftgepolsterte Wanderstiefel, gepflasterte Straßen und – kaum zu glauben – ohne einen einzigen McDonald’s.

Selbst in unserer Zeit gibt es eine beachtliche Liste von Leuten, die das Land zu Fuß durchquert haben, darunter eine neunundachtzigjährige Frau, die von Kalifornien nach Washington, D. C., ging, und ein Mann aus New Jersey, der in genau sechzig Tagen von New Brunswick nach San Francisco lief.

Fast all diese Reisenden traten auf ihrem Weg für eine bestimmte Sache ein, für politische Reformen oder gegen das Übergewicht von Kindern. Ich nicht. Die einzige Fackel, die ich trage, ist die meiner Frau.

Man könnte vermuten, dass ich mein Ziel wegen des milden Klimas, der strahlend weißen Strände und des topasblauen Wassers ausgewählt habe, aber das wäre ein Irrtum: Key West war einfach der Ort auf der Landkarte, der von meinem Ausgangspunkt am weitesten entfernt war.

Ich sollte einschränkend ergänzen, dass Key West das Ziel ist, das ich anpeile. Nach meiner Erfahrung führen uns Reisen selten zu den Orten, zu denen wir unterwegs zu sein glauben. Schon John Steinbeck schrieb: »Wir unternehmen nicht eine Reise, eine Reise unternimmt uns.« Es ist ein Unterschied, ob man eine Landkarte liest oder ob man auf der Straße unterwegs ist, so wie es einen großen Unterschied macht, ob man eine Speisekarte liest oder eine Mahlzeit zu sich nimmt. So verhält es sich auch mit dem Leben. Wie heißt es so schön: »Leben ist das, was uns passiert, während wir andere Pläne schmieden.« Das stimmt. Selbst auf meinen Umwegen habe ich Umwege gemacht.

Mein letzter Umweg hat mich mit einer Gehirnerschütterung und drei Messerwunden im Bauch in die Notaufnahme des Sacred Heart Medical Centers geführt, nachdem ich drei Meilen vor Spokane von einer Gang überfallen worden war. Das ist der Punkt, an dem Sie zu mir stoßen.

Für diejenigen von Ihnen, die meinen Weg vom ersten Schritt an (oder noch davor) mitverfolgt haben: Ich habe Sie gewarnt, dass die Lektüre meiner Geschichte nicht einfach sein würde. Ich nehme an, das war keine Überraschung für Sie; niemandes Geschichte ist einfach. Niemand geht ohne Schmerz durchs Leben – davon bin ich überzeugt. Der Preis der Freude ist Traurigkeit. Der Preis des Habens ist Verlust. Man kann darüber jammern und klagen und das Opfer spielen – und viele tun das –, aber so ist es eben. Ich hatte viel Zeit, um darüber nachzudenken. Das ist einer der Vorteile des Gehens.

In meinem ersten Tagebuch habe ich Sie auch gewarnt, dass Sie vielleicht nicht glauben werden oder nicht bereit sein werden für all das, was ich Ihnen mitzuteilen habe. Mit diesem Buch verhält es sich nicht anders. Entscheiden Sie selbst, was Sie glauben wollen und was nicht. Es spielt keine Rolle.

Seit ich meinen Weg begonnen habe, habe ich erst 318 Meilen zurückgelegt. Das sind weniger als zehn Prozent der Strecke nach Key West. Aber schon jetzt habe ich tief greifende Erfahrungen gemacht; ich habe unterwegs Menschen getroffen, von denen ich glaube, dass ich sie treffen sollte, und ich bin sicher, dass ich noch mehr solcher Menschen treffen werde.

Dies ist eine Geschichte der Gegensätze, von Leben und Sterben, Hoffnung und Verzweiflung, Schmerz und Heilung – und von dem unsicheren, schmalen Grat zwischen beiden Extremen, auf dem die meisten von uns wandeln.

Ich weiß nicht, ob ich vor meiner Vergangenheit davonlaufe oder ob ich meiner Zukunft entgegengehe – die Zeit und die Meilen werden es zeigen. Von beidem habe ich reichlich, denn wie schon der Dichter Robert Frost sagte: Ich habe »Meilen noch zu gehn«.

Ich freue mich darauf, das, was ich lerne, mit Ihnen zu teilen. Willkommen auf meinem Weg.

Zweites Kapitel

Früher hatte ich einen Terminkalender, und meine Stunden und Minuten waren genauestens verplant. Heute könnte ich nicht einmal mehr sagen, welchen Tag des Monats wir haben.

Alan Christoffersens Tagebuch

Meine zweite Nacht im Krankenhaus war hart. Ich hatte hohes Fieber und schwitzte stark, und mitten in der Nacht begann ich zu husten. Bei jeder Kontraktion fühlte es ich an, als würde mir noch eine Klinge in den Magen gerammt. Die Schwester sah nach meinen Verbänden, dann sagte sie mir, ich solle nicht husten, was nicht allzu hilfreich war. Trotz des Schlafmittels, das ich bekam, lag ich fast die ganze Nacht einfach nur da, einsam und leidend. Ich sehnte mich eindeutig mehr nach McKale als nach dem Leben. Natürlich, wenn sie noch bei mir wäre, dann wäre ich gar nicht erst in diesen Schlamassel hineingeraten. Irgendwann wurde ich von Erschöpfung übermannt, und gegen vier oder fünf Uhr morgens schlief ich schließlich ein.

Am nächsten Morgen wachte ich auf, weil eine junge Krankenschwester um mein Bett herumlief, die Anzeige auf den Monitoren betrachtete und irgendetwas auf einem Klemmbrett notierte. Seit meiner Einlieferung ins Krankenhaus hatte mich eine Schar von Schwestern und Ärzten umschwärmt, doch in meinem Fieberwahn hatte ich sie kaum wahrgenommen. Sie waren nur hin und wieder kurz in meinem Bewusstsein aufgeblitzt, wie Tänzer in einem Musikvideo. Ich konnte mich an keinen von ihnen erinnern. Das hier war die erste Schwester, die ich bewusst wahrnahm. Sie war klein und zierlich und kaum größer als eine Stehlampe. Ich sah ihr ein paar Minuten zu, dann sagte ich: »Guten Morgen.«

Sie sah von ihrem Klemmbrett auf. »Guten Tag.«

»Wie viel Uhr ist es?«, fragte ich. Es war eine etwas merkwürdige Frage, da ich nicht einmal wusste, welchen Tag oder welche Woche wir hatten. Die letzten beiden Wochen waren ineinandergelaufen wie Eier in einem Mixer.

»Es ist fast halb eins«, sagte sie. Dann fügte sie hinzu: »Heute ist Freitag.«

Freitag. Ich hatte Seattle an einem Freitag verlassen. Ich war erst vierzehn Tage unterwegs. Vierzehn Tage und eine Ewigkeit.

»Wie heißen Sie?«

»Ich bin Norma«, sagte sie. »Haben Sie Hunger?«

»Wie wär’s mit einem Eier-McMuffin?«, sagte ich.

Sie grinste. »Nur wenn Sie einen finden können, der aus Wackelpudding gemacht ist. Wie wär’s mit etwas Pudding? Der Karamellpudding ist essbar.«

»Karamellpudding zum Frühstück?«

»Zum Mittagessen«, berichtigte sie mich, bevor sie erklärte: »Später werden wir Sie zur Computertomografie bringen.«

»Wann kann ich den Katheter abnehmen?«

»Wenn Sie allein auf die Toilette gehen können – was wir versuchen werden, sobald wir die Befunde von Ihrem CT-Scan haben. Leiden Sie unter Platzangst?«

»Nein.«

»Manchmal bekommen die Leute im Scanner Platzangst. Ich kann Ihnen etwas gegen die Angst geben, eine Valiumtablette.«

»Ich brauche nichts«, sagte ich. Der Scan war mir egal; ich wollte nur den Katheter loswerden. In dem benebelten Zustand, in dem ich die letzten achtundvierzig Stunden verbracht hatte, hatte ich den Katheter, wie ich mich undeutlich erinnern konnte, einmal herausgezogen und eine Riesensauerei angerichtet.

Ich hatte zwei gute Gründe, weshalb ich ihn loswerden wollte. Erstens, weil er wehtat. In diesen Teil des männlichen Körpers soll man einfach nichts hineinstecken. Zweitens, weil eine Infektion durch einen Katheter meine Frau das Leben gekostet hatte. Je früher ich dieses Ding loswurde, desto besser.

Ein Krankenpfleger, ein stämmiger, sommersprossiger junger Mann in einem leuchtend violetten Krankenhauskittel, kam gegen zwei Uhr nachmittags, um mich abzuholen. Er machte die Drähte und Schläuche von meinem Körper los, dann rollte er mein Bett den Linoleumflur hinunter zur Radiologie. Ich wusste nicht, dass es mein zweiter Besuch dort war, bis die Assistentin, die die Apparate bediente, sagte: »Willkommen zurück.«

»War ich schon einmal hier?«

»Beim ersten Mal waren Sie bewusstlos«, erwiderte sie.

Der Scan war langweilig, verblüffend laut und dauerte etwa eine Stunde. Als ich fertig war, rollte mich der Pfleger zurück in mein Zimmer, und ich schlief wieder ein. Als ich aufwachte, war Engel wieder da.

Drittes Kapitel

Irgendwann in der Zeit zwischen der Messerattacke und meinem Aufwachen im Krankenhaus hatte ich ein Erlebnis, das nicht leicht zu beschreiben ist. Nennen Sie es einen Traum oder eine Vision, aber McKale kam zu mir. Sie sagte mir, meine Zeit zu sterben sei noch nicht gekommen, denn es gebe noch Leute, die ich treffen sollte. Als ich sie fragte, wen, antwortete sie: »Engel.« Wer ist diese Frau?

Alan Christoffersens Tagebuch

Als ich im Krankenhaus wieder aufwachte, saß eine fremde Frau auf einem Stuhl neben meinem Krankenhausbett. Sie war etwa in meinem Alter und trug Jeans und ein eng anliegendes T-Shirt. Ich fragte sie, wer sie sei. Sie sagte mir, wir hätten uns ein paar Tage zuvor in der Nähe der kleinen Stadt Waterville kennengelernt. Ihr Wagen war mit einem Platten am Straßenrand liegen geblieben.

Ich erinnerte mich an die Begegnung. Sie hatte versucht, den Reifen selbst zu wechseln, die Radmuttern jedoch über den Straßenrand in eine tiefe Schlucht rollen lassen. Damit war sie endgültig aufgeschmissen gewesen. Ich hatte je eine Radmutter von den anderen Reifen abgenommen und ihren Ersatzreifen angeschraubt.

Sie hatte mir angeboten, mich nach Spokane mitzunehmen, was ich ausgeschlagen hatte. Kurz bevor sie weggefahren war, hatte sie mir ihre Visitenkarte gegeben, die die einzige Kontaktinformation war, die die Polizei bei mir fand, denn mein Handy hatte ich schon am ersten Tag meiner Reise weggeworfen. Man rief sie an, und sie kam, unerklärlicherweise. Ihr Name war Annie, aber sie sagte, ich solle sie Engel nennen. »So nennen mich meine Freunde«, erklärte sie.

Sie war bei mir, als die Ärztin mir sagte, dass ich zur Genesung noch ein paar Wochen häusliche Ruhe benötigen würde.

»Ich bin obdachlos«, sagte ich.

Ein betretenes Schweigen folgte. Dann sagte Engel: »Er kann mit zu mir kommen.«

Seitdem hatte sie mich jeden Tag besucht. Sie kam stets abends und blieb immer ungefähr eine Stunde. Unsere Unterhaltung verlief so stockend wie die zweier Teenager bei einem Blind Date. Ich hatte nichts dagegen, dass sie kam – ich war einsam und freute mich über die Gesellschaft –, ich wusste nur nicht, warum sie kam.

Heute Abend kam sie später als sonst. (Heimsuchungen eines Engels, nannte sie ihre Besuche übrigens.) Als ich aufwachte, war sie in ein Taschenbuch vertieft, eine Liebesgeschichte unter Amischen. Während ich sie ansah, begann ein Lied in meinem Kopf zu spielen.

I’m on top of the world looking down on creation …

Ironischerweise war es ein fröhliches Lied, und es spielte immer weiter, so nervtötend beharrlich wie eine zerkratzte Vinylschallplatte. Es handelte sich um einen Siebzigerjahre-Song – ein Stück aus meiner Kindheit. Die Carpenters. Meine Mutter liebte die Carpenters. Sie redete von Richard und Karen Carpenter, als wären sie Verwandte.

Selbst als sie mit Krebs im Sterben lag, spielte sie ständig ihre Platten. Vor allem als sie im Sterben lag. Sie sagte, die Musik der Carpenters würde sie bei Laune halten. Als Kind kannte ich die Texte all ihrer Lieder auswendig. Ich konnte sie noch immer mitsingen. »Close to You«, »Rainy Days and Mondays«, »Hurting Each Other«. Ich weiß noch, wie ich das Logo der Carpenters mit Durchschlagpapier nachzeichnete und dann zu verbessern versuchte. Es war vermutlich mein erster Versuch in Sachen Werbegrafik.

Meine Mutter spielte ihre Alben auf dem Plattenspieler unserer Zenith-Stereokonsole mit Walnussfurnier (ein riesiges Ungetüm, das fast die ganze Längswand unseres Wohnzimmers einnahm), und ihre Musik erfüllte unser Zuhause. Sie vermittelte mir immer ein Gefühl von Frieden, da ich wusste, dass diese Musik meine Mutter glücklich machte.

Engel war noch immer in ihr Buch vertieft, als ich auf einmal begriff, warum mir das Lied in den Sinn gekommen war. Sie sah aus wie Karen Carpenter. Nun, nicht ganz. Sie war blond und vermutlich ein bisschen hübscher, aber sie sah ihr ähnlich genug, dass ein zweiter Blick gerechtfertigt war. Ich fragte mich, ob sie singen konnte. Während ich über die Ähnlichkeit nachgrübelte, sah Engel plötzlich auf. Sie lächelte, als sie bemerkte, dass ich sie ansah. »Hi.«

Mein Mund war wie ausgedörrt, und ich glitt mit der Zunge über meine Lippen, bevor ich sprach. »Hi.«

»Wie geht es Ihnen?«

»Ein bisschen besser als gestern. Wie lange sind Sie schon hier?«

»Etwa eine Stunde.« Schweigen. Dann sagte sie: »Sie haben im Schlaf geredet.«

»Habe ich irgendetwas Tiefgründiges gesagt?«

»Ich glaube, Sie haben nach jemandem gerufen … McKay oder McKale?«

Ich zuckte zusammen, sagte aber nichts dazu.

»Ich habe mit der Krankenschwester gesprochen. Sie hat gesagt, wenn mit Ihrem Scan alles in Ordnung ist, können Sie in ein paar Tagen nach Hause gehen. Vielleicht sogar schon am Montag.« Ihr Mund zuckte leicht. »Halloween. Unheimlich.«

»Das wäre schön«, sagte ich.

Einen Augenblick später sagte sie: »Mein Angebot steht noch immer. Sie können gern bei mir wohnen. Ich habe schon ein bisschen umgeräumt …« Dann fügte sie zögernd hinzu: »Für alle Fälle.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen«, sagte ich, ohne mich festzulegen.

Sie sah mich ängstlich an. Fast eine Minute verstrich, bis sie fragte: »Was halten Sie davon?«

Was hielt ich davon? In den letzten Tagen hatte ich immer wieder über die wenigen Optionen nachgedacht, die ich hatte. Die einzige Freundin, die mir nach dem Zusammenbruch meiner Welt noch geblieben war, war Falene, meine ehemalige Assistentin. Sie lebte in Seattle. Aber trotz unserer Freundschaft konnte ich nicht dorthin zurück.

Die einzige andere Option war mein Vater in Los Angeles. Ich wusste, wenn ich nach Kalifornien ging, dann würde ich nie wieder zurückkommen. Und ich musste zurückkommen. Ich musste meinen Weg zu Ende gehen.

Zum ersten Mal, seit ich mein Zuhause verlassen hatte, wurde mir bewusst, dass meine Wanderschaft mehr als nur eine körperliche Selbstverpflichtung war; sie war auch eine spirituelle – so wie die Walkabouts der australischen Aborigines oder der Spirit Walk der amerikanischen Ureinwohner. Irgendetwas, das ich nicht ganz verstand, trieb mich weiter.

Und aus irgendeinem Grund war diese Frau ein Teil meiner Reise. Es gab einen bestimmten Grund, weshalb sie meinen Weg gekreuzt hatte und an meinem Bett saß. Ich hatte nur keine Ahnung, was für ein Grund das war.

Einen Augenblick später sagte ich: »Wenn es nicht zu viele Umstände macht.«

Ihre Lippen verzogen sich zu einem leichten Lächeln, und sie nickte. »Es macht überhaupt keine Umstände.«

Viertes Kapitel

Manchmal hat Mutter Natur PMS.

Alan Christoffersens Tagebuch

Auf einmal wurde mir das Datum bewusst – der 28. Oktober: McKales und mein Hochzeitstag.

Der Tag unserer Hochzeit war kein Tag, von dem irgendjemand träumen würde, es sei denn, man lässt auch Albträume gelten. So ziemlich alles, was schiefgehen konnte, ging schief. Aber so ist es vermutlich, wenn keine Mütter beteiligt sind, Mutter Natur dagegen schon.

Wir hatten eine kleine Feier im Botanischen Garten von Arcadia geplant. Er lag nur ein paar Meilen von unserem Zuhause entfernt in der Nähe der Rennbahn im Santa Anita Park. Auf der Ostseite des Baumgartens befand sich ein wunderschöner Rosengarten mit einer weinumrankten Gartenlaube. Ihr rückwärtiger Teil ragte über einen Teich mit Koifischen und Seerosenblättern hinaus. Die Kulisse war traumhaft. Das Wetter war es weniger. Am Vorabend unserer Hochzeit begann es gegen acht Uhr zu regnen, und es hörte bis etwa zwei Stunden vor unserer Feier nicht mehr auf. Alles war aufgeweicht. Der Rasen war so vollgesogen wie ein Tiefseeschwamm, und das Wasser sammelte sich an seinen Rändern zu kleinen Bächen und Strömen.

Wir hätten ein großes Zelt mieten sollen, um uns gegen die Launen des Wetters abzusichern, aber unsere Hochzeitsplanerin, Diane, McKales Cousine, war sich ihres Glücks so sicher, dass sie zur Sicherheit nur einen kleinen, etwa sechs mal sechs Meter großen Baldachin bestellt hatte. »Auf meinen Partys regnet es nie«, erklärte sie stolz.

Als der Regen aufgehört hatte, huschten Diana und ihre Helferinnen durch den Garten, stellten Stühle auf, verstreuten Rosenblütenblätter, banden Schleifen, befestigten Lichterketten und stellten eine Reihe riesiger Stoffschirme auf, nur für den Fall, dass der Regen wieder einsetzen sollte.

Als schmückenden Hintergrund für die Gartenlaube hängte Diane blinkende weiße Lichterketten auf und schleppte zwei meterhohe, säulenartige weiße Podeste an, auf denen große Keramikvasen standen.

Während allmählich alles Gestalt annahm, nahmen die Mitglieder des Streichquartetts ihre Plätze neben der Gartenlaube ein und begannen, Pachelbels Kanon in D-Dur zu spielen.

Es schien, als hätte Mutter Natur den besten Augenblick abgewartet, um erneut zuzuschlagen, denn als eben die letzten Handgriffe erledigt waren – und Diane durchaus zufrieden mit sich zu sein schien –, brach ein Scherwind los. Eine einzige kräftige Böe sorgte dafür, dass die Schirme umgestülpt wurden und das Weite suchten (ich sah, wie einer der Gäste einem Schirm über den Parkplatz nachjagte), die Vasen von ihren Podesten fielen und zerschellten und die Rosenblütenblätter, die man so sorgfältig ausgestreut hatte, einfach weggepustet wurden.

Die Szene hätte amüsant sein können, wenn es nicht unsere Hochzeit gewesen wäre. Unsere vom Pech verfolgten Gäste liefen panisch durch den Garten und hielten ihre Hüte, Kleidungsstücke oder Partner fest. Es herrschte das reinste Chaos.

Sobald die ganze Hochzeitsausstattung gründlich ruiniert war, legte sich der Wind, als würde Mutter Natur einen Moment innehalten, um ihr Werk zu betrachten. Dann setzte der Regen mit aller Wucht wieder ein.

Der Pfarrer, Reverend Handy, ein Freund von McKales Vater, war von einer anderen Hochzeit gekommen und wegen des Wetters im Verkehr stecken geblieben, sodass er erst eine Viertelstunde vor dem festgesetzten Termin am Schauplatz des Geschehens eintraf. Ich sah seine fassungslose Miene, als er die Trümmer unseres Festes erblickte. Es sah aus wie in einem dieser Nachrichtenclips, die aus einem Wohnwagenpark gesendet werden, nachdem ein Tornado darüber hinweggefegt ist – völlige und absolute Zerstörung.

Um zwölf Uhr mittags nahm ich meinen Platz unter der triefenden Gartenlaube ein und wartete auf meine Braut, hinter mir eine kleine Gruppe von Überlebenden, die sich unter einem wogenden Meer von Schirmen versammelt hatten.

Und dann kam sie, eskortiert von ihrem Vater und einer verzweifelten Diane, die völlig durchnässt war und einen Schirm über die Braut hielt. McKale war meine Sonne, sie strahlte in einem schulterfreien elfenbeinfarbenen Kleid. Als sie näher kam, sahen wir uns in die Augen, und das Chaos löste sich auf. Ich steckte ihr den Ring an den Finger und hoffte, dass sie die Verwüstung nicht als schlechtes Omen für unsere Ehe ansah.

Nachdem wir zu Mann und Frau erklärt worden waren, ergriffen die meisten unserer Gäste die Flucht. Die wenigen noch verbliebenen drängten sich unter einem triefenden Baldachin zusammen und warteten auf das Anschneiden der Torte.

McKale war schweigsam, während wir in die Flitterwochen davonfuhren, nur das rhythmische Geräusch der Scheibenwischer füllte die Lücke, die durch unser Schweigen entstand. Als wir allein in unserem Hotelzimmer waren, sagte ich: »Es tut mir leid, dass alles so gekommen ist.« Ich rechnete damit, dass sie in Tränen ausbrechen würde, aber das tat sie nicht. Stattdessen sah sie hinunter auf ihren Diamantring und nahm meine Hand. »Ich hätte dich auch mit einem Plastikring auf einer Müllkippe während eines Hurrikans geheiratet. Die Show war für die anderen. Ich wollte nur dich. Das ist der schönste Tag in meinem Leben.«

Da wusste ich, dass wir für immer zusammenbleiben würden.

Engel war an meiner Seite, als mir bewusst wurde, dass McKales Ehering nicht mehr da war. Ich betastete panisch meine Brust und meinen Hals. Ich muss ausgesehen haben, als wäre ich im Begriff, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, denn Engel sah mich erschrocken an. »Was ist los?«, fragte sie. »Soll ich eine Schwester rufen?«

»Sie haben ihn mir weggenommen«, sagte ich.

»Sie haben was weggenommen?«

»Den Ehering meiner Frau. Ich habe ihn an einem Kettchen um den Hals getragen.«

Sie sah fast ebenso verzweifelt aus, wie ich mich fühlte. »Ich werde die Schwester fragen, ob sie etwas darüber weiß.« Sie drückte auf den Rufknopf, und binnen weniger Momente stand eine Schwester, die ich nie zuvor gesehen hatte, im Türrahmen.

»Brauchen Sie irgendetwas?«

Engel sagte: »Alan vermisst ein Schmuckstück.«

»Na ja, normalerweise nehmen wir allen Schmuck in der Notaufnahme ab.« Sie wandte sich an mich. »Was vermissen Sie denn?«

»Einen Diamantring an einem Goldkettchen«, sagte ich.

»Vermutlich ist er in Ihrem Schließfach. Ich kann für Sie nachsehen.«

Ich ließ den Kopf wieder aufs Kissen sinken. »Wie heißen Sie?«, fragte ich.

»Alice.«

»Alice«, sagte ich, »wissen Sie zufällig, wo meine ganzen anderen Sachen sind? Ich hatte einen Rucksack dabei, als ich überfallen wurde.«

»Nein. Aber ich kann die Polizisten fragen. Sie sind gleich am Ende des Flurs.«

»Warum sind sie da?«

»Sie bewachen einen der Männer, die Sie überfallen haben.«

Das hatte ich ganz vergessen. Meine Ärztin hatte mir gesagt, dass einer der jungen Männer, die mich angegriffen hatten, ebenfalls im Krankenhaus läge. Nicht dass ich vorhatte, ihm eine Genesungskarte zu schicken, aber es war gut, das zu wissen.

Alice sagte: »Die Polizei hat darum gebeten, mit Ihnen sprechen zu dürfen, sobald Sie sich dazu imstande fühlen.«

»Ich bin dazu imstande«, beeilte ich mich zu sagen. Ich hatte meine eigenen Gründe, weshalb ich mit der Polizei sprechen wollte – ich hatte Fragen zu jener Nacht.

Keine fünf Minuten nachdem sie gegangen war, betraten zwei uniformierte Polizeibeamte mein Zimmer. Ein paar Schritte vor meinem Bett blieben sie stehen. Der vordere der beiden, ein kleiner, schlanker Mann, ergriff das Wort: »Mr. Christoffersen, ich bin Officer Eskelson. Das hier ist mein Partner, Lieutenant Foulger. Können wir mit Ihnen sprechen?«

Ich warf einen Blick auf den anderen Polizisten, der hinter ihm stand. »Ja.«

Eskelson wandte sich zu Engel um. »Ist das Ihre Frau?«

»Nein«, sagte sie. »Ich bin nur eine Bekannte.«

»Möchten Sie, dass sie bei der Vernehmung anwesend ist?«

»Ich kann auch gehen«, sagte Engel.

»Sie kann gern bleiben«, sagte ich.

Engel blieb sitzen. Officer Eskelson trat an mein Bett. »Wie fühlen Sie sich?«

»Abgesehen von der Gehirnerschütterung und den drei Messerstichen?«, fragte ich.

»Entschuldigung. Ich werde es kurz machen.« Er hielt einen Notizblock und einen Stift hoch. »Ich möchte gern, dass Sie mir mit Ihren eigenen Worten die Nacht des Überfalls schildern.«

Ich habe noch nie verstanden, warum die Leute »mit Ihren eigenen Worten« sagten. Wessen Worte sollte ich denn sonst benutzen?

»Ich kam gegen Mitternacht in Airway Heights an und fragte im Hilton nach einem Zimmer. Aber sie hatten keines frei, daher musste ich weiter nach Spokane. Ich war etwa eine Meile weit gelaufen, als ich Rapmusik hörte und ein Wagen neben mir langsamer wurde, ein gelber Impala mit schwarzen Rennwagenstreifen.

In dem Wagen saßen ein paar übel aussehende junge Burschen. Ich nahm an, dass es sich um Gangmitglieder handelte. Sie fingen an, mich laut zu beschimpfen. Ich habe sie einfach ignoriert, aber dann stellten sie sich mit dem Wagen vor mir quer und stiegen aus.«

»Würden Sie diese Jugendlichen wiedererkennen?«

»Sie meinen, bei einer polizeilichen Gegenüberstellung?«

Er nickte.

»Ich weiß nicht. Ein paar von ihnen schon. Ich dachte, Sie hätten sie in Gewahrsam genommen.«

»Das haben wir auch«, sagte Foulger.

Eskelson fragte: »Was geschah, nachdem sie sich mit dem Wagen quergestellt hatten?«

»Sie sagten, ich solle ihnen meinen Rucksack geben. Ich habe versucht, es ihnen auszureden. Da sagte der Typ, der mich mit dem Messer verletzt hat, dass sie ihn sich nehmen würden, nachdem sie mich zusammengeschlagen hätten.«

»Hat er das so gesagt, Sie ›zusammenschlagen‹?«

»Ich glaube, seine genauen Worte waren: ›Wir machen dich fertig.‹ Er sagte, sie wollten ›jemandem den Arsch versohlen‹.«

Er schrieb etwas in seinen Notizblock. »Und was geschah dann?«

»Dann ist er auf mich losgegangen.«

»Der Junge, der Sie niedergestochen hat?«

Ich nickte. »Ich habe ihn geschlagen, und er ist zu Boden gegangen. Dann hat mir einer der anderen Typen irgendetwas auf den Kopf geschlagen. Es hat sich wie ein Rohr oder ein Knüppel angefühlt.«

»Es war ein Baseballschläger.« Lieutenant Foulger räusperte sich. »Ein Louisville-Slugger.«

»Er hat mich fast bewusstlos geschlagen. Ich sah Sterne, aber irgendwie schaffte ich es, mich auf den Beinen zu halten. Dann lief auf einmal alles aus dem Ruder, und sie gingen alle gleichzeitig auf mich los. Irgendjemand schlug mich zu Boden, und alle traten auf mich ein. Der große Typ trampelte mir immer wieder auf den Kopf. Und dann hörte alles auf. Ich sah hoch, und der kleine Bursche zückte ein Messer und fragte mich, ob ich sterben wolle.«

Eskelson zückte sein Handy und zeigte mir das Foto eines jungen Mannes. Es war im Krankenhaus gemacht worden. »Ist das der Bursche?«

Ich sah mir das Bild genau an. Der junge Mann auf dem Foto sah völlig anders aus als der großspurige, messerschwingende Schlägertyp, dem ich begegnet war. Eine Hälfte seines Gesichts war von Mullverbänden verdeckt, und ein Sauerstoffschlauch ragte aus seiner Nase. Er wirkte klein und zerbrechlich.

»Das sieht nach ihm aus.«

Eskelson kritzelte etwas in seinen Notizblock. »Waren ›Willst du sterben?‹ seine genauen Worte?«

»Da bin ich mir ziemlich sicher.«

Er machte sich eine weitere Notiz. »Und wie ging es dann weiter?«

»An die Messerattacke kann ich mich nicht erinnern. Irgendjemand hat mir ins Gesicht getreten. Das Nächste, woran ich mich dann erinnere, ist, dass mich die Sanitäter auf eine Tragbahre gelegt haben.« Ich fuhr mir mit einer Hand durchs Haar. »Können Sie mir sagen, warum ich noch am Leben bin?«

»Glück«, sagte Eskelson, während er seinen Block beiseitelegte. »Oder Gott wollte Sie nicht tot sehen. Während des Überfalls kam ein Truck vorbei. Die Insassen in dem Truck sahen, was los war. Zu Ihrem Glück waren sie nicht nur willens, sondern auch mutig genug, um einzuschreiten.«

»Und sie hatten Schrotflinten«, ergänzte Foulger.

»Die Männer kamen von der Entenjagd«, sagte Eskelson. »Sie haben auf die Hupe gedrückt und sind dann über den Mittelstreifen genau auf den Tatort zugefahren.«

Foulger schaltete sich wieder ein. »Als sie aus ihrem Truck stiegen, ging Marcus Franck, der Junge mit dem Messer, auf einen der Männer los, daher hat er auf ihn geschossen.«

»Wie geht es ihm?«, fragte ich. »Dem Jungen.«

»Nicht gut.« Officer Foulger kniff die Lippen zusammen. »Ein Schuss aus einer zwanzigkalibrigen Schrotflinte aus sieben, acht Metern Entfernung – da ist nicht mehr viel von ihm übrig. Er wird vermutlich nicht durchkommen.«

»Die Schwester sagte, Sie würden ihn bewachen.«

»Der geht nirgendwohin«, sagte Foulger. »Wir machen uns eher Sorgen darum, wer ihn besuchen könnte.«

Officer Eskelson fuhr fort: »Die Jäger haben dem Rest der Gang befohlen, sich auf den Boden zu legen, und den Notruf verständigt. Sie, Mr. Christoffersen, haben schwer geblutet. Einer der Jäger leistete erste Hilfe, bis die Sanitäter kamen. Die Männer haben Ihnen das Leben gerettet.«

»Wie heißen sie?«, fragte ich.

»Da es unter Umständen ein Todesopfer geben könnte, muss ich ihre Namen vertraulich behandeln. Aber ich kann ihnen sagen, dass Sie gern mit ihnen reden würden. Ich habe sie über Ihren Zustand und den des Jungen auf dem Laufenden gehalten.«

»Ich verstehe.«

»Die Ärztin sagte uns, dass Sie nur noch ein paar Tage hierbleiben müssen. Wo können wir Sie danach erreichen?«, fragte Eskelson.

»Bei mir zu Hause«, schaltete sich Engel ein. »Er wird bei mir wohnen, bis er sich erholt hat.« Sie gab ihnen ihre Telefonnummer.

Eskelson sagte zu Engel: »Sie kommen mir bekannt vor.«

»Ich arbeite in der Telefonzentrale der Polizei von Spokane.«

»Ich dachte mir doch, dass ich Sie kenne«, sagte Foulger.

»Die Schwester sagte, Sie wüssten vielleicht, wo mein Rucksack ist«, sagte ich.

»Er ist auf dem Revier. Wir können ihn heute Abend vorbeibringen.«

»Danke. Werden Sie mir Bescheid geben, wie es dem Jungen geht?«

»Kein Problem. Mindestens einer von uns wird die nächsten ein, zwei Tage hier sein. Wenn Sie irgendetwas brauchen oder Ihnen noch irgendetwas Wichtiges zu dem Überfall einfällt, melden Sie sich einfach.«

»Gute Besserung«, sagte Foulger.

»Danke.«

Nachdem sie gegangen waren, trat Engel an mein Bett »Alles okay mit Ihnen?«

»Ja. Sie sind also bei der Polizei?«

»Eigentlich nicht. Ich arbeite in der Telefonzentrale.«

»Hatten Sie Dienst, als ich überfallen wurde?«

»Nein. Das war jemand von der Nachtschicht.« Sie tätschelte meinen Arm. »Ich sollte jetzt besser gehen. Es ist schon spät. Aber morgen ist Samstag, das heißt, ich werde gleich morgen Früh wiederkommen.« Sie wandte sich zum Gehen, doch dann blieb sie stehen und drehte sich noch einmal um. »Ich kannte bislang nicht die ganze Geschichte. Wissen Sie, es ist ein Wunder, dass Sie noch am Leben sind.«

Ich strich mit einer Hand vorsichtig über meinen Bauch. »Ich nehm’s an.«

»Es bringt einen zum Nachdenken«, meinte sie grüblerisch. Dann sagte sie »Gute Nacht« und verließ das Zimmer.

Fünftes Kapitel

Heute habe ich versucht, zu laufen. Ich kam mir so unbeholfen vor wie ein Baby, das seine ersten Schritte tut. Vermutlich sah ich auch so ähnlich aus.

Alan Christoffersens Tagebuch

Irgendwann in der Nacht brachte mir die Polizei meinen Rucksack wieder. Als ich aufwachte, sah ich ihn in einer Ecke des Zimmers stehen. Ich bat die Dienst habende Schwester, darin nach meinem Tagebuch und einem Stift zu suchen.

Engel kam ein paar Stunden später. Sie trug einen Jogginganzug und hatte sich die Haare nach hinten gebunden. Im morgendlichen Licht bemerkte ich zum ersten Mal die tiefen Narben, die von ihrem Haaransatz über ihre rechte Gesichtshälfte hinunter zu ihrem Kiefer verliefen. Ich fragte mich, wieso ich sie bis jetzt noch nie bemerkt hatte.

»Guten Morgen«, sagte sie. »Wie geht es Ihnen?«

»Etwas besser. Heute darf ich vielleicht aufstehen und ein paar Schritte gehen.«

»Ein großer Tag.«

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