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Bis wir uns wiedersehen

ÜBER DIE AUTORIN

Dinah Jefferies wurde 1948 im malaiischen Malakka geboren. Acht Jahre später übersiedelte die Familie nach England. Dinah Jefferies studierte Theaterwissenschaft und Englische Literatur und arbeitete als Lehrerin, Fernsehmoderatorin und Künstlerin. Heute lebt sie mit ihrem Ehemann in Gloucestershire. Bis wir uns wiedersehen ist ihr Romandebüt.

Dinah Jefferies

Bis wir uns wiedersehen

Roman

Aus dem Englischen von Angela Koonen

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BASTEI ENTERTAINMENT

Für meine Mutter und meine Tochter

PROLOG

England, Weston-super-Mare 1931

Der Mann tauchte den Schwamm in den Wassereimer und führte ihn über die Löwenpfote. Dann zog er aus einer Ledertasche an seiner Hüfte ein Messer, blickte zu der wartenden Menschenmenge und beugte sich schließlich über die Pfote, um behutsam die Krallen zu spitzen.

Das kleine Mädchen, das einen halben Schritt entfernt kauerte, streckte den Arm zur Mähne hin aus und berührte sie mit den Fingerspitzen.

»Nicht!«, rief der Mann und stieß das Mädchen weg. »Noch nicht.«

Einen Moment lang ließ es den Kopf hängen, aber dann blickte es über die Schulter zu der Frau, die beobachtend dabeistand. Das Mädchen lächelte sie schüchtern an und drehte sich wieder um, um weiter gespannt zuzuschauen.

Ein Windstoß wirbelte Sand auf und ließ die Körnchen in der Luft tanzen. Der Mann reagierte schnell und benetzte den Löwen mit Wasser, ehe noch mehr Sand weggefegt würde.

Die Frau schauderte. Ihre rotblonden Haare waren kurz geschnitten und der gepflegten Erscheinung wegen mit der Brennschere onduliert. Sie trug ein hellblaues Kleid mit dunkelblauen Kornblumen am züchtigen Rocksaum und eine dünne weiße Strickjacke gegen kühle Windböen.

Nachdem das Tier fertig und der Bildhauer mit seinem Werk zufrieden war, verbeugte er sich und ging mit dem Hut zwischen den Zuschauern hindurch. Die Frau im blauen Kleid hörte die Münzen klimpern und griff in ihre Handtasche.

Von der Kopfsteinpflasterstraße hinter der Uferpromenade hörte man Pferdegetrappel. Doch konnte das die Aufmerksamkeit der Frau nicht ablenken. Ihre Augen blieben auf das kleine Mädchen gerichtet, das bei der Skulptur kniete und sich den silbrig-gelben Sand durch die Fäuste rinnen ließ.

Als sich die Zuschauer zerstreuten, wurden die Schreie der Seemöwen und das Wellenrauschen von hellen Hammerschlägen übertönt. Die Frau drehte den Kopf zum Grand Pier, dessen elegantes schmiedeeisernes Gitterwerk vom Feuer verbogen war. Der Duft von Herzmuscheln in Essig wehte ihr in die Nase.

»Hast du Hunger?«, fragte sie das Mädchen.

Die Kleine schüttelte den Kopf. Dabei war ein Zögern, eine Unsicherheit zu spüren, die sich auch in leichtem Erröten zeigte.

»Wie wär’s mit einer Lakritzstange?«

Die Frau kniete sich neben sie und neigte sich zu ihr, so nah, dass sie den zarten Duft des Kinderhaars wahrnahm. Langsam und tief sog sie ihn ein und atmete durch die Lippen aus, die nur ganz leicht zitterten. Dann stand sie auf, schüttelte sich den Sand vom Rocksaum und nahm das Mädchen bei der Hand.

»Machen wir ein kleines Wettrennen?«

Nach einem Blickwechsel rannten sie aus Leibeskräften den Strand entlang und wirbelten dabei stolpernd und schlitternd Sand und Muschelschalen auf, bis sie bei der wartenden Nonne anlangten.

Eigentlich war die Nonne nicht gefühllos. Freundlich fasste sie der Frau an die Schulter. Es war eine flüchtige Berührung, um sie zu erinnern, dass der Wechsel sanft verlaufen, Tränen und Gefühle zurückgehalten werden mussten. Das Mädchen legte den Kopf in den Nacken und richtete seine hellbraunen Augen auf die beiden Frauen, dann an ihnen vorbei zu den rot-blauen Flaggen an der Promenade, die dem Bogen der sandigen Bucht folgte.

Für die Frau hatte der Tag mit Vorfreude und einem Hochgefühl begonnen. Jetzt war er fast vorbei, und es fiel ihr schwer, die Augen von der kantigen, dünnen Gestalt des Mädchens abzuwenden. Sie strich ihm über die kastanienbraunen Haare, und der Augenblick brannte sich in ihr Gedächtnis ein.

Dem Mädchen sollte es anders ergehen: Seine Erinnerung verblasste und wurde Teil der Vergangenheit, sodass es stets zweifelte, ob es diesen Tag mit dem Löwen und der Frau wirklich erlebt hatte. Immer wieder haschte es später nach Einzelheiten aus einer Zeit, die nicht mehr zurückzuholen war. Es gab nur ein flüchtiges Bild von einem Kleid und einem Lächeln, mehr nicht. Und einen Kummer, den sie auch als Frau noch immer unterdrücken würde.

»Komm«, sagte die Nonne und nahm das Mädchen an die Hand. »Wir müssen jetzt zur Straßenbahn, sonst kommen wir nicht mehr rechtzeitig zum Bahnhof.«

Die Frau im blauen Kleid trat zurück und schaute zu dem goldschimmernden Sandlöwen, den die auflaufende Flut bald wegspülen würde.

1

Malaya 1955

Sie konnten mich unter dem Pfahlhaus nicht sehen. Aber ich belauschte sie heimlich, Mei-Lien, unser Kindermädchen, und meine kleine Schwester Fleur. Ich hörte Sandalen auf der Veranda flappen und Fleurs Schluchzen, als sie davonlief, dann das Knirschen ihrer Schritte auf dem Kiesweg, wo sie ihr altes rosa Kaninchen an den Ohren neben sich herschleifte.

Mei-Lien mit ihrer schrillen Chinesenstimme rief ihr nach: »Du kommst sofort her, Missy. Du machst Kaninchen schmutzig, wenn du es so trägst.«

»Ist mir egal! Ich will nicht weg«, schrie Fleur. »Es gefällt mir hier.«

»Mir auch«, flüsterte ich und schnupperte. Unter dem Haus roch es nach toten Eidechsen und Weberknechten. Aber die machten mir nichts aus.

Hinter meinem erdigen Versteck, am Ende des Gartens, begann das hohe Gras, wo sich niemand hinwagte. Auch davor hatte ich keine Angst.

Wovor ich Angst hatte, war die Abreise.

Später, als die Farbe des Himmels in ein Lavendelblau überging, zeigte Daddy von einem der oberen Balkone aus in diese Richtung. Mit einem Tiger-Bier in der Hand schaute er über den Rasen und die Hügel – nach England.

»Im Januar ist einem nie warm genug«, sagte er zu sich selbst und rieb sich das Kinn. »Es weht ein rauer Wind, bei dem dir die Wangenknochen wehtun. Nicht wie hier. Überhaupt nicht wie hier.«

»Daddy?«

Ich betrachtete sein hageres Gesicht, den großen Adamsapfel und den geraden Mund, der schmal wie ein Strich war. Er schluckte, der Adamsapfel hüpfte, und seine Augen kehrten zu mir und Fleur zurück, als ob ihm gerade einfiel, dass wir auch noch da waren. Er lächelte sonderbar und drückte uns kurz.

»Na kommt, ihr zwei. Kein Grund, so ein jämmerliches Gesicht zu machen. Wir werden in England ein prächtiges Leben haben. Du schaukelst doch gern an Bäumen, nicht, Em?«

Ich nickte. »Ja, aber –«

»Was ist mit dir, Fleur?«, unterbrach er mich. »Da gibt’s viele Bäche zum Planschen.«

Fleurs Mundwinkel blieben unten. Ich fing ihren Blick auf und zog ein Gesicht.

»Na komm«, sagte Dad. »Du bist jetzt schon ein großes Mädchen, Emma. Fast zwölf. Gib deiner Schwester ein Beispiel.«

»Aber Daddy«, wollte ich einwenden.

Er ging zur Tür. »Emma, es ist entschieden. Such dir die Bücher aus, die du mitnehmen willst, dann bist du beschäftigt. Entschuldige mich für ein paar Minuten. Komm mit, Fleur.«

»Aber Dad.«

Als er meine Tränen sah, blieb er stehen. »Es wird dir gefallen, falls es das ist, was dir Sorgen macht. Das verspreche ich.«

Mir war schrecklich heiß, und bei dem Gedanken an meine Mutter blieb mir die Luft weg.

Er öffnete die Tür.

»Aber Dad«, rief ich hinter ihm her, als er mit Fleur hinausging. »Warten wir denn nicht auf Mummy?«

2

Lydia stellte ihren staubigen Koffer ab. Draußen auf der Terrasse beim Palisanderbaum lagen die Fahrräder ihrer Töchter.

»Emma, Fleur!«, rief sie. »Mummy ist wieder da.«

Sie trat von der Terrasse, um den Kiesweg hinunterzuschauen, der zu der hohen Wiese führte. Als sich der Himmel verdunkelte, flog ihr ein großer Nachtfalter gegen die Wange. Sie wischte sich den schwarzen Flügelstaub ab, dann huschte sie ins Haus zurück, da es jeden Augenblick anfangen würde zu regnen.

»Alec?«, rief sie. »Ich bin zu Hause.«

Die klaren Gesichtszüge ihres Mannes traten ihr vor Augen, seine Haut, die stark nach Seife vom Chinesenmarkt roch, die hellbraunen Haare, die an den Seiten und am Hinterkopf kurz geschnitten waren. Es kam keine Antwort.

Sie unterdrückte ihre Enttäuschung. Das Haus war zu still. Sie hatte ein Telegramm geschickt, wie er gebeten hatte. Wo war also ihre Familie? Für einen Spaziergang war es zu heiß. Waren sie vielleicht bei den Teichen? Oder hatte Alec die Mädchen zum Tee in den Club mitgenommen?

Sie stieg die Treppe zu ihrem Schlafzimmer hinauf, schaute auf das Foto von Emma und Fleur auf dem Nachttisch, und Liebe wallte warm in ihr auf. Sie hatten ihr gefehlt.

Nachdem sie sich ausgekleidet hatte, strich sie sich durch die schulterlangen kastanienbraunen Haare und schaltete den Ventilator ein. Sie war müde von der Reise und dem Besuch bei einer kranken Freundin, die sie einen Monat lang gepflegt hatte, und brauchte jetzt dringend ein Bad. Als sie die Schranktüren aufzog, hielt sie stirnrunzelnd inne. Dann stockte ihr der Atem – Alecs Kleider fehlten. Sie warf sich ihren dünnen Kimono über und rannte barfuß ins Zimmer ihrer Töchter.

Jemand hatte den Kleiderschrank offen gelassen. Sie sah sofort, dass er praktisch leer war. Nur ein Paar kurze Hosen lagen unordentlich gefaltet im obersten Fach und zerknülltes Papier in dem darunter. Wo waren all die Kleider hin?

Sie werden doch nicht …?, dachte sie und stockte in der Überlegung. Sie zwang sich, ruhig zu atmen. Genau das wollen sie, die Männer im Dschungel: uns verängstigen. Sie stellte sich vor, was Alec sagen würde. Kopf hoch. Lass sie nicht siegen. Aber was soll man anderes empfinden als Angst, wenn sie eine Handgranate auf einen Marktplatz voller Menschen werfen?

Als sie draußen einen Schrei hörte, fuhr sie herum und rannte ans Fenster. Enttäuscht ließ sie die Schultern sinken. Es waren nur die Flughunde, die im Baum hingen.

Eine Hand am Herzen, schob sie die Finger unter das geknitterte Schrankpapier und zog eines von Ems Notizbüchern hervor. Vielleicht fände sich darin ein Hinweis. Sie setzte sich auf die Truhe aus Kampferholz, atmete den vertrauten, beruhigenden Geruch ein und drückte das Notizbuch an sich. Nach einem tiefen Atemzug schlug sie es auf und las.

Die Matriarchin ist eine fette Dame mit schwabbeligem Hals. Sie heißt Harriet Parrot. Sie hat Rosinenaugen und eine fettig glänzende Nase, was sie mit Puder kaschieren möchte. Sie gleitet auf kleinen Füßen in chinesischen Pantoffeln dahin, aber die sieht man unter ihren langen Röcken kaum.

Harriet. Waren sie zu Harriet gegangen?

Sie stutzte und griff nach der Truhenkante, weil ihr plötzlich schwindelig wurde. Heiße Panik stieg in ihr auf. Es fehlten zu viele Sachen. Eine Nachricht. Natürlich. Er hatte sicher irgendwo einen Zettel hingelegt. Oder den Dienern aufgetragen, ihr etwas auszurichten.

Sie sprang die Treppe hinunter, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, und verlor beinahe das Gleichgewicht, als sie über die Kanten glitt. Sie rannte durch die Räume im Parterre: Wohnzimmer, Küche, Spülküche, dann den überdachten Gang entlang zu den Dienstbotenzimmern und den Lagerhäusern. Nur zwei Kisten waren zurückgeblieben. Überall war es dunkel und leer, das Hauspersonal fort. Mei-Liens Schaukelstuhl war nicht mehr da, ebenso die Bettcouch des Kochs. Auch die Werkzeuge des Gärtners fehlten. Sie schaute durch alle Räume – nirgendwo eine Nachricht für sie.

Während sie auf einem Fingernagel kauend in den Regen lauschte, überlegte sie fieberhaft. Bilder ihrer Heimreise drängten sich zwischen ihre Gedanken. Wie sie stundenlang eingezwängt am Zugfenster stand, eine Hand vor der Nase. Der stechende Gestank von Erbrochenem, denn einem indischen Jungen war schlecht geworden. Die fernen Schüsse.

Sie krümmte sich zusammen, bekam kaum Luft. Das konnte nicht sein. Sie war müde. Sicher dachte sie nicht klar genug nach. Es musste eine vernünftige Erklärung geben. Ganz bestimmt. Alec hätte ihr doch eine Nachricht zukommen lassen, wenn sie hätten abreisen müssen. Oder nicht?

Sie drehte sich nach allen Seiten und rief nach ihren Töchtern. Sie schluckte, um nicht zu schluchzen, sah Fleurs Grübchenkinn vor sich, die blauen Augen, die gescheitelten blonden Haare mit der Schleife. Dann fielen ihr die Dschungelnebel ein, in denen zu allem entschlossene Männer lauerten, und ihre schlimmsten Ängste gewannen die Oberhand über jede aufkeimende, auf Vernunft begründete Hoffnung. Unter ihrem Kimono kribbelte der Schweiß, ihre Augen begannen zu brennen, und sie schlug sich die Hand vor den Mund.

Mit zitternden Fingern nahm sie den Telefonhörer ab, um Alecs Chef anzurufen. Er würde wissen, was passiert war und was sie tun sollte.

Dann saß sie mit dem Hörer im Schoß da, während der Schweiß auf ihrer Haut kalt wurde. Über ihr summten die Fliegen, der Ventilator drehte sich surrend, ein Nachtfalter flatterte vorbei. Die Leitung war tot.

3

Im Taxi auf dem Weg zum Hafen konnte ich nicht verstehen, warum Mum nicht rechtzeitig nach Hause gekommen war, obwohl Dad es versprochen hatte.

Am letzten Tag in unserem Haus in Malakka hoffte ich bis zuletzt, dass sie es noch schaffen möge, und lief immer wieder ans Fenster und schaute mir die Augen nach ihr aus.

In Haushaltsdingen war Dad ein hoffnungsloser Fall, und da Mummy nicht da war, um das Packen zu organisieren, tat Mei-Lien es zusammen mit mir. Fleur mit ihren acht Jahren wäre nur ständig im Weg gewesen.

Zuerst nahm ich das rosa Ginghamkleid, das Mum mir für Gesellschaften genäht hatte, und legte es in den Schrankkoffer. Es hatte einen weiten Rock und kleine Puffärmel und war das einzige Kleid, das ich mochte. Ich weinte, als es mir nicht mehr passte und Fleur es bekam.

Dad kam in unser Zimmer. »Ihr werdet solche Kleider nicht brauchen«, sagte er.

»Gibt man in England keine Gesellschaften?«

Er seufzte. »Ich meine nur, dass ihr eure malaiischen Kleider hierlassen sollt. Und wir müssen uns jetzt beeilen.«

»Was passiert damit? Soll ich sie in den Schrank hängen?«    

»Nicht nötig. Mei-Lien wird sich darum kümmern.«

»Wie lange bleiben wir denn weg?«

Mein Vater räusperte sich, sagte aber nichts.

Ich gab das Kleid Mei-Lien, die es auf den wachsenden Haufen ausgemusterter Kleidung legte.

»Was ist mit unseren Krönungskleidern?«

Ich hielt das Weiße von Fleur hoch, das mit roter und blauer Borte besetzt war und ihr gar nicht mehr passte.

Dad schüttelte den Kopf, und ich versteckte mein geliebtes Dandy-Krönungsheft hinter dem Rücken. Mit einem goldenen und sechs weißen Pferden auf dem Umschlag war es zu schön, um es zurückzulassen.

»Wo ist Fleur?«

Mei-Lien zeigte nach draußen.

»Rad schlagen, nehme ich an«, sagte Dad. »Ihr beide kommt doch sicher allein zurecht, nicht wahr?«

Ich nickte.

Er war im Begriff hinauszugehen, schaute aber noch einmal auf mein Bett und blieb stehen. »Was hast du da?«

»Ich habe Mummy geschrieben.« Ich nahm den Brief und hielt ihn hoch, damit er ihn sehen konnte.

»Oh«, sagte er mit hochgezogenen Brauen. »Was schreibst du?«

»Nur, wie sehr ich sie vermisse und dass ich mich freue, sie in England wiederzusehen.«

»Gut. Gib ihn mir.«

»Ich wollte ihn auf dem Tisch im Flur liegen lassen.«

Er streckte die Hand aus. »Nicht nötig. Ich kümmere mich darum.«

»Ich wollte es selbst tun.«

»Emma, ich sagte, ich kümmere mich darum.«

Mir blieb nichts anderes übrig, als ihn ihm zu geben.

»Braves Mädchen«, sagte er und wandte sich zum Gehen.

»Daddy, bevor du gehst.« Ich hob Fleurs Kaninchen hoch. »Was ist damit? Soll ich es einpacken, oder wird Fleur es in der Kabine haben wollen?«

»Um Himmels willen«, sagte er. »Ich habe keine Zeit für solche Kinkerlitzchen. Große Veränderungen stehen bevor, Emma, große Veränderungen.«

Ich zog zweifelnd die Stirn kraus. Mir schien, die waren schon eingetreten. Vor über drei Wochen nämlich. Da hatten sie meiner Meinung nach angefangen.

Wir waren auf dem Heimweg von einer Hochzeit, an einem regnerischen dunklen Abend. Bei der Feier tanzte Mum in einem hellgelben Kleid und Krokodillederschuhen mit hohen Absätzen. Mum ist jünger als Dad und wirklich schön. Sie hat eine glatte, helle Haut und hellbraune Augen. Dad tanzte nicht wegen seiner Kriegsverletzung. Allerdings hielt ihn die nicht vom Tennisspielen ab. Im Auto dann rieb sich meine Mutter mit den Fingerspitzen über die Stirn, und da wusste ich, dass er wütend war.

»Fahr langsamer, Alec!«, schrie meine Mutter. »Ich weiß, dass du aufgebracht bist, aber du fährst zu schnell. Es ist nass. Um Himmels willen, sieh dir das viele Wasser an.«

Ich spähte aus dem Fenster. Wir waren am Fuß der Berge, und die Straße schwamm.

Vom Rücksitz aus sah ich die Adern an seinem Hals hervorstehen, und ich bemerkte, wie einer von Mums Eidechsenohrringen herunterfiel, als sie sich hinüberbeugte, um ins Lenkrad zu greifen. Ich wollte es ihr sagen, doch unser Wagen geriet auf die andere Straßenseite. Ohne den Fuß vom Gas zu nehmen, lenkte Dad uns auf die rechte Seite zurück, musste dann aber in einer scharfen Kurve hart bremsen.

Das Auto rutschte über den Straßenrand und blieb im Überschwemmungsgraben neben einem großen Bambusdickicht stecken.

Mutters Stimme überschlug sich. »Herrgott noch mal, Alec. Hast du den Verstand verloren? Schau, was du angerichtet hast.«

Mir war klar, dass wir in Schwierigkeiten steckten, weil Mum sonst nur fluchte, wenn sie dachte, dass wir es nicht hören könnten. Allerdings hatte ich sie auch schon fluchen hören, wenn sie beide zu viel getrunken hatten. Manchmal wiederholte ich die Flüche, flüsterte sie vor mich hin, traute mich, jedes Mal ein bisschen lauter zu werden, und suchte mir Reimwörter dazu.

Mum flehte Dad an. »Lass uns nicht hier zurück. Was, wenn es eine Straßensperre gibt?« Sie klang ängstlich, aber Vater hielt das nicht auf.

»Hier. Die kannst du benutzen, falls nötig«, sagte er und warf ihr eine Pistole auf den Fahrersitz. »Emma, pass auf Fleur auf.«

Sowie er fort war, um Hilfe zu holen, kam es mir vor, als rückte der Dschungel dichter an uns heran, mit tellergroßen Blättern und leuchtenden Augen, die uns von den Zweigen herab anblickten.

Mum drehte sich um und hörte auf zu schluchzen, als ob ihr plötzlich einfiele, dass wir auch im Auto saßen, hinten auf dem Rücksitz, wo unsere nackten Beine am Leder klebten. »Emma, Fleur, alles in Ordnung?«

»Ja, Mummy«, sagten wir beide, Fleur weinerlicher als ich.

»Kein Grund zur Sorge, meine Lieblinge. Daddy geht nur Hilfe holen.« Sie musterte uns hastig und versuchte zu klingen, als wäre alles in Ordnung. Aber ich ahnte, dass es sehr wohl Grund zur Sorge gab. Ich wusste von den Rebellen im Dschungel. Die banden einen an einen Baum und hackten einem den Kopf ab. Den spießten sie dann auf einen Pfahl. Ich kniff die Augen zu, aus Angst, so ein Kopf könnte mich angrinsen.

Mum begann zu summen.

Bald würde es stockdunkel sein, und die Sterne würden aufgehen, dann wäre es besser. Allerdings wusste Mum nicht, dass ich zum Thema Terror im Wachsfigurenmuseum sogar noch Schlimmeres gesehen hatte. Gleich hinter den Schrumpfköpfen gab es eine Abteilung, die für Kinder verboten war. Ich bin sofort wieder rausgegangen, nachdem ich die Wachsfiguren der weißen Frauen und Kinder gesehen hatte. Sie lagen gefesselt am Boden. Ihre rot bemalten Münder waren weit aufgerissen, und auf sie zu fuhr ein Japs auf einer riesigen Dampfwalze, mit der gewöhnlich Asphalt plattgewalzt wird. In diesem Fall wurden aber die Menschen plattgewalzt. Als ich draußen war, musste ich mich in einen Abfalleimer übergeben.

Japaner waren schlimm. Das sagten unsere Eltern. Obwohl die Leute im Dschungel, die sie Rebellen nannten, inzwischen Chinesen waren. Ich verstand das nicht. Unser Kindermädchen war Chinesin, und ich hatte sie gern. Wieso waren vorher die Japaner schlimm, aber jetzt die Chinesen und von denen auch nur manche? Das war doch nicht einleuchtend.

Unser Auto steckte abseits der Hauptstraße fest, ganz nahe dort, wo die Banditen waren. Und tief im Dschungel gab es Geister, die Kinder fraßen. Das hatte uns unser Gärtner erzählt, der immer einen roten Mund vom Betelkauen hatte.

»Wenn ihr euch jemals im Dschungel verirrt, nehmt euch vor den hantu hantuan in Acht«, sagte er und kniff furchterregend die Augen zusammen. Aber der Rat war nutzlos, weil er nie beschrieb, wie sie aussahen.

»Emma, kannst du Arme und Beine bewegen?«, fragte Mum.

Ich zappelte, um zu zeigen, dass es ging.

»Fleur?«

Fleur bewegte die Arme und das linke Bein, aber beim rechten schrie sie auf.

»Der Fuß ist vermutlich verstaucht. Zieh ihr den Schuh aus, bevor der Knöchel dick wird, Emma.«

Ich tat es, obwohl Fleur sich dagegen wehrte. »Ich mag das nicht. Wo ist Daddy?«

Ich sagte ihr, sie müsse leise sein und Daddy sei gegangen, um Hilfe zu holen. Sie schniefte ein bisschen, stöhnte ein paarmal leise und verhielt sich dann ruhig.

Draußen war es still, aber plötzlich hörte man in der Ferne Explosionen.

»Mummy!«, schrien wir gleichzeitig.

»Schsch!«

Der Himmel wurde braun, und weißer Nebel glitt den Hang herab. Wenigstens waren wir nicht richtig in den Bergen. Denn Ada bukit, ada paya – wo Berge sind, sind auch Sümpfe. Und von denen konnte man verschluckt werden.

Irgendwann kam Dad mit einem Schützenpanzerwagen zurück, der unterwegs nach Malakka gewesen war. Wir mussten aussteigen, während die Soldaten unser Auto aus dem Graben zogen. Und als wir dann irgendwann endlich ins Bett gingen, war es so spät wie noch nie.

Am nächsten Tag holte nicht Mum uns von der Schule ab, sondern Dad. Sein Gesicht sagte: Ich bin nicht in der Stimmung, um Fragen zu beantworten. Und er ignorierte uns, als wir wissen wollten, wo Mummy war. Er sagte bloß, dass wir nach England reisen würden.

Zu Hause angelangt, stürmten wir die Treppe hinauf, um zu sehen, ob Mum da war. Sie war nicht da. Ich roch das Zitronengras unter unserem Zimmerfenster und dachte an ihr breites Lächeln und ihre welligen Haare. Sie trug sie hochgesteckt mit einer orangefarbenen Paradiesvogelblüte darin, aber bis zum Mittagessen war ihre Frisur immer auseinandergefallen. Und sie sang ständig, sogar gleich nach dem Aufstehen.

»Komm, Em«, sagte Fleur. »Sie ist nicht da. Lass uns nach draußen gehen und spielen.«

Ich schüttelte den Kopf.

Fleur ging Rad schlagen. Ihr Knöchel war in Ordnung. Sie machte immer so ein Theater.

Ich bürstete mir die Haare. Sie sind lockiger als Mums und röter. Wilde Haare nennt Mum sie. Dann tastete ich unter dem Kopfkissen nach meinem Notizbuch. Aber mit ihm kam auch ein Brief zum Vorschein, der an Fleur und mich gerichtet war. Was für ein ulkiger Platz, um einen Brief zu hinterlegen, dachte ich, während ich ihn aufriss.

Meine Lieblinge, las ich.

Suzanne hat heute angerufen. Es tut mir so leid, aber ich muss zu ihr und ihr helfen. Sie hat eine furchtbare Krankheit und ist nicht in der Lage, allein damit fertig zu werden. Ihr Mann Eric soll in einigen Wochen aus Borneo zurückkommen, sodass ich also nicht wesentlich länger dortbleiben muss. Passt auf Euch auf. Seid brav. Daddy und Mei-Lien wissen, was wegen der Schule zu tun ist. Ihr könnt mit dem Bus fahren. Das habt Ihr Euch ja immer gewünscht. Wenn Ihr Hilfe braucht, lasst Mei-Lien bei Cicely oder Harriet Parrott anrufen. Ihre Adressen stehen in dem roten Buch.

Alles Liebe, Mummy.

Ich schob den Brief unter das Kopfkissen, ging nach draußen und versteckte mich unter dem Haus.

Es war unser letzter Tag und mehr als drei Wochen her, seit Mum verreist war. Kurz bevor wir das Haus verließen, um zum Hafen zu fahren, faltete Mei-Lien noch einige nützliche Kleidungsstücke zusammen und packte sie in den Koffer. Hosen, Unterwäsche, ein oder zwei Pullover. Mir war das ziemlich egal. Mein rosa Ginghamkleid lag bei den ausrangierten Sachen, und ich saß auf dem Bett, mit den Gedanken im Holy Infant College, meiner Schule. Sie stand neben einer Reihe Palmen, war weiß gestrichen und hatte angebaute Räume, deren Fenster keine Scheiben hatten, nur Bambusrollos, die während der Unterrichtszeit heruntergelassen und hinterher wieder aufgerollt wurden.

Ich war traurig, weil wir nun nicht mehr dorthin gehen würden. Aber am traurigsten war ich, weil es so aussah, als käme Mum nicht rechtzeitig nach Hause. Und dann würde sie bei ihrer Rückkehr nur ein leeres Haus vorfinden. Ich war froh, dass sie wenigstens meinen Brief haben würde.

Mei-Lien hob meinen Schulkittel hoch. »Willst du ihn behalten?«

Ich sah hin und schüttelte den Kopf. »Macht keinen Sinn.«

»Dein Daddy sagt, wir müssen jetzt zu Ende packen. Nicht träumen. Geh jetzt.«

Ich nahm den Schulkittel, faltete ihn ordentlich und legte ihn auf den Kleiderhaufen. Mums Brief steckte ich in den Koffer, dazu ein gerahmtes Foto von ihr, auf dem sie die hellbraunen Augen lachend zusammenkniff. Zuletzt packte ich Fleurs rosa Kaninchen ein. Wenn sie es auf dem Schiff bei sich hätte, könnte sie es verlieren oder es würde womöglich über Bord gehen.

Eine halbe Stunde später fuhren wir ohne Mum ab. Ein Laster hatte die Koffer abgeholt, und das Taxi nahm Dad, Fleur und mich mit. Als wir Malakka verließen, schaute ich aufs Meer und kurbelte das Fenster herunter, um noch einmal die wilden Orchideen zu riechen. Dabei hatte ich den Kopf voller Fragen und musste mich richtig fest kneifen, um die Tränen zurückzuhalten.

4

In der weitläufigen Kolonialvilla führte der malaiische Diener Lydia durch einen großen Flur mit Glasdecke und Kronleuchter. Als sie ihn betrat, blickte ihr die Königin von einem Gemälde entgegen. Der Boden war mit schwarzen und grauen Marmorplatten ausgelegt, und entlang der hellgrünen Wände standen schwere Möbel. Die Förmlichkeit, die den Besucher beeindrucken sollte, bereitete ihr Herzklopfen.

George Parrott, Harriets Mann, war Distriktvorsteher, nach dem Hochkommissar die höchste Stellung, die es in der britischen Verwaltung auf Malaya gab, und somit spielte er eine Schlüsselrolle bei der Unterstützung der britischen Streitkräfte. Wenn er es nicht weiß, wer dann?, ging es ihr durch den Kopf.

Der Flur mündete auf eine Veranda, wo sie gebeten wurde, im Schatten eines ausgewachsenen Narrabaums zu warten. Froh über den Schutz vor der Morgensonne schaute sie sich um und versuchte, ruhig zu bleiben. Vor ihr auf dem Rasen flog ein rotbäuchiger Sonnenvogel über zwei Hibiskusbüsche mit duftenden gelben Blüten. In der Ferne streckten sich Kokospalmen dem Himmel entgegen.

Das war alles so verkehrt. Es wäre Zeit, die Kinder zur Schule zu bringen. Sie schloss die Augen und sah sich dorthin fahren. Gleichzeitig fühlte sie sich wirr im Kopf. Etwas schien sie zurückzuhalten wie in einem bösen Traum. Eine Stimme wiederholte immerzu dieselbe Frage: Wo sind die Mädchen? Wo sind sie? Lydia sah die Hauptgebäude der Schule vor ihrem geistigen Auge und beschwor die Mädchen, mit hüpfenden Ranzen über den Kiesweg zum Tor zu laufen.

Aus der Küche kam Peperoniduft. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. War heute Freitag? Sie schluckte mühsam. Egal, welcher Tag es war, es würde keine Fahrt zur Schule geben. Sie blickte zum blauen Himmel hinauf. Der Wagen. Sie hatte noch nicht in der Garage nachgesehen. Könnte Alecs Chauffeur die Kinder vielleicht in einem Dienstwagen irgendwohin gefahren haben?

Als sie Schritte hörte, drehte sie sich um und sah eine große, vollbusige Frau auf sich zukommen: Harriet, erhobenen Hauptes und selbstsicher. Orangefarbene Lippen in einem plumpen Gesicht voll gepuderter Falten, schwarz gefärbte, locker hochgesteckte Haare. Harriet war bekannt für ihre Vorliebe für Zitrusfarben und trug nur Seide. Heute grüne und gelbe. Ems Beschreibung war zwar wenig schmeichelhaft, aber Lydia sah sehr wohl, warum ihre Tochter sie als Matriarchin bezeichnete.

»Lydia, meine Liebe«, sagte Mrs. Parrott und hielt ihr eine fleischige Hand hin. Die Nägel waren orangefarben lackiert. Ein Lächeln lag in den scharfsinnigen schwarzen Augen.

Lydia, die sich der frühen Stunde bewusst war, errötete. »Ich bitte vielmals um Entschuldigung, aber unser Telefon ist tot«, sagte sie.

Mrs. Parrott legte den Kopf schräg und nahm in einem breiten Rattansessel Platz. Lydia setzte sich auf die vordere Kante eines anderen und holte tief Luft.

»Alec und die Kinder sind nicht zu Hause. Sämtliche Sachen sind weg.« Ihre Stimme wurde immer schriller, während sie durch die Sätze hastete und die Hände faltete, um das Zittern zu unterbinden. »Ich bin mit dem Taxi gekommen. Entschuldigen Sie die frühe Stunde. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Glauben Sie, dass George als Alecs Vorgesetzter etwas wissen könnte?«

Harriet zog ihre mit dem Stift gezogenen Brauen hoch. »Meine Liebe, haben Sie denn gar keine Ahnung? Sind Sie schon bei der Polizei gewesen?«

Lydia schüttelte den Kopf und hielt die Tränen zurück. »Ich hätte es gestern Abend tun sollen, habe aber nicht gewagt, das Haus zu verlassen. Das war dumm von mir. Ich dachte, sie kämen vielleicht zurück.«

»Vielleicht ist das auch nicht nötig. Ich bin sicher, George wird etwas wissen. Sie stecken ja ständig zusammen, Alec und George.« Sie griff nach der Handglocke. »Sie haben Glück, dass er heute zu Hause arbeitet.«

Kurz darauf wurde Noor, ihr schmalhüftiger Hausdiener, geschickt, um den Hausherrn zu holen. Sofort.

Lydia starrte aus dem Fenster und betete, Harriet möge recht haben. Georges tiefe Stimme hallte durch den Korridor, an dem sein Arbeitszimmer lag. Man hörte deutlich, dass er ungehalten war.

»Was soll das, Harriet? Ich habe zu tun«, sagte er und platzte auf die Veranda. Mit seiner großen, vierschrötigen Gestalt füllte er den Türrahmen fast aus.

Ohne Zögern deutete Harriet auf Lydia, neben deren Sessel er stand. »Lydia muss dringend wissen, wo Alec und die Kinder sind.«

George drehte sich in seinem leinenen Tropenanzug zu ihr herum und zog seine buschigen Augenbrauen zusammen, bis sie sich in der Mitte trafen. Hustend fuhr er sich durch die grau melierten Haare und kratzte sich am Kinn. »Verzeihung. Habe Sie gar nicht bemerkt.«

Sie sah den Schweiß auf seiner Oberlippe glänzen.

Für einen kurzen Moment herrschte Schweigen.

»Ich dachte, er hätte irgendwelche Anweisungen hinterlassen.« George blähte die roten Wangen. »Wurde nach Norden versetzt. Oben nach Ipoh. Ein dringender Auftrag. Der Bursche, der da die Finanzverwaltung unter sich hatte, hat plötzlich den Löffel abgegeben. Wahrscheinlich das Herz.«

Lydia stieß den Atem aus und griff sich an die Brust, als sich der Raum um sie zu drehen begann. »Du meine Güte. Danke. Das erklärt alles. Ich danke Ihnen vielmals, George. Ich wusste, es würde eine vernünftige Erklärung geben. Seine Nachricht muss verloren gegangen sein.«

»Alec ist vor wenigen Tagen abgereist. Vielleicht hat er bei der Bank weitere Instruktionen hinterlegt. Wissen Sie, für den Fall, dass das Haus vor Ihrer Rückkehr neu zugeteilt worden wäre.«

Harriet nickte. »Das klingt einleuchtend.«

»Die Straßen nach Ipoh sind schlecht«, sagte George.

»Wie lange fährt man dorthin?«

»Mit dem Auto ein paar Tage. Hängt von den Minen und von allem Möglichen ab. Mit dem Bus natürlich länger. Der Zug wäre am besten. Großartiger maurischer Bahnhof in Ipoh.«

»Ich könnte Alec anrufen und ihn bitten, mich abzuholen.«

»Telefon und Post funktionieren in dem Bezirk derzeit nicht. Die Verbindung ist unterbrochen. Schreckliches Chaos. Es ist nicht so übel wie in Penang, aber trotzdem.« Er stob davon und brummte Harriet im Vorbeilaufen etwas zu.

»Können Sie mir die Adresse geben?«, rief Lydia hinter ihm her.

Er antwortete über die Schulter. »Das Gästehaus da oben. Es ist größer als üblich, hat fünfzig Zimmer, glaube ich. Ist nur vorübergehend, bis ihnen ein eigenes Haus zugeteilt wird, aber sie sollten noch dort sein. Seien Sie auf jeden Fall vorsichtig, wenn Sie allein reisen. Bei diesen Banditen weiß man nie.«

Es herrschte Schweigen, während er den Flur hinuntereilte.

Harriet beäugte sie. »Ich will nicht neugierig sein, aber Sie scheinen sich nicht besonders gut zu fühlen. Sie sehen nicht ganz so nach Rita Hayworth aus wie sonst.«

Lydia tupfte sich die Feuchtigkeit vom Haaransatz und verscheuchte die Fliegen, die sich auf sie setzen wollten. Gut aussehend und temperamentvoll, wie sie mit ihren einunddreißig war, verstand sie es, Aufsehen zu erregen, doch abgesehen von ihren Haaren war die Ähnlichkeit mit dem Filmstar gering.

»Eine alte Freundin ist an Polio erkrankt, Suzanne Fleetwood. Ich bin gerade erst von ihr zurückgekehrt. Es war schrecklich, die Kinder so lange nicht bei mir zu haben, viel länger, als ich gedacht hatte, fast einen Monat. Aber Suzannes Mann ist in Borneo, und sie konnte ihn nicht erreichen. Wie Sie wissen, ist er beim Geheimdienst.«

Harriet warf George einen hastigen Blick hinterher.

Lydia seufzte. »Ich weiß. Ich behalte es für mich. Es ist entsetzlich, man wird sie in einer Eisernen Lunge nach England zurückbringen.«

»Eine traurige Sache. Sie waren ihr sicher eine große Hilfe. Und ich nehme an, dass es Ihnen jetzt bessergeht, nachdem Sie wissen, wo Ihre Familie ist?«

Lydias Blick hellte sich auf. »Oh ja. Ich hatte mich nur so sehr darauf gefreut, sie wiederzusehen.«

»Haben Sie schon gefrühstückt?«

Sie schüttelte den Kopf.

Harriet schaute streng. »Aha. Ich schlage vor, ich lasse Ihnen etwas bringen. Sie wissen so gut wie ich, dass man in diesem grauenvollen Klima bei Kräften bleiben muss, sonst ist man erledigt. Ich sollte das wissen.«

Lydia zog fragend die Brauen hoch.

»Oh, es war nichts Besonderes, aber wenn man nicht auf sich achtgibt, kann es mit einem sehr schnell bergab gehen. Nun, sind Ihnen Pfannkuchen recht?«

Da es vollkommen windstill war, fühlte Lydia die Feuchtigkeit unter ihren Kleidern umso mehr. Sie ging schneller und schaute zum Himmel hinauf. Es kündigte sich kein Regen an, am Horizont waren nur ein paar Wölkchen zu sehen. Sie nahm einen Bus nach Malakka und schritt dort durch laute Straßen und schmale Gassen, in denen die Luft geschwängert war vom Gestank offener Latrinen und brutzelnder Salzfische. Lydia kämpfte gegen Brechreiz an.

In der Bank drückten zwei Deckenventilatoren die warme Luft nach unten. Mit kribbelnder Kopfhaut wartete Lydia in der Schlange. Bei den Parrotts hatte sie es sich nicht anmerken lassen, aber jetzt war sie nervös wegen der bevorstehenden Reise. In Gedanken ging sie eine Liste mit zu erledigenden Dingen durch. Auf den Busfahrplan sehen, dann auf den Zugfahrplan, in der Garage nachschauen, packen. Wie weit war es bis nach Ipoh? Sie konnte sich nur erinnern, dass es im Kintatal lag. Hundert Meilen? Nein, eher zweihundert. Zweihundert Meilen Straße, die womöglich vermint war. Und wenn sie den Bus nähme, würde die Fahrt Tage dauern.

In ihrer Hast hatte sie sich am Morgen die Haare nicht hochgesteckt. Nun verschränkte sie die Hände im Nacken und hob den Wust von Haaren an, dann strich sie sich die Strähnen zurück, die ihr im Gesicht klebten. Die meisten Engländerinnen entschieden sich hier für eine Kurzhaarfrisur, sie bisher nicht. Lange Haare waren das Symbol der Weiblichkeit, wie Schwester Patricia zu sagen pflegte, und doch hatten die anderen Frauen recht. Sie würde sich die Haare ebenfalls abschneiden lassen. Sie rückte in der Warteschlange auf und krümmte einmal den oberen Rücken, um die Anspannung darin loszuwerden.

Sie dachte an ihre Mädchen, sah sich im Wagen sitzen und warten, bis sie winkend einen mit Beeten gesäumten Weg zwischen den Schulgebäuden entlanggelaufen kämen. Im Kiosk gegenüber steckten Lutscher für zwei Cent das Stück wie Fähnchen in einem Brett. Die durften die Mädchen nur freitags haben. Nicht nur der Zucker störte Lydia, sondern vor allem, dass dort beim Verkauf der Süßigkeiten zum Glücksspiel animiert wurde.

Sie schüttelte den Kopf. In diesem Alter brauchten sie noch nicht zu erfahren, dass es so etwas gab. Man musste so vorsichtig sein.

Endlich war sie an der Reihe. Ein junger Malaie mit weichen, welligen Haaren und dunkler Haut lächelte sie an.

»Ich muss etwas Geld abheben«, sagte sie.

Er neigte den Kopf. »Gewiss, Madam.«

»Cartwright ist mein Name.«

Er drehte sich zu den Aktenschränken um, und einen Moment später zog er eine Mappe heraus.

»Ich denke, fünfzig Dollar genügen.«

Er warf ihr einen Blick zu, dann sah er wieder in die Unterlagen.

Sie runzelte die Stirn. »Gibt es ein Problem?«

»Nach diesem Kontostand sind nur fünfzehn Dollar vorhanden.«

»Aber das ist lächerlich«, sagte sie mit brennenden Wangen. »Wir waren vorigen Monat nicht mal in der Nähe der roten Zahlen.«

Der Mann presste die Lippen zusammen. »Mr. Cartwright war vor ein paar Tagen hier, um eine große Summe abzuheben.«

»Hat er etwas gesagt?«

»Er erwähnte eine Reise.«

»Einen Brief hat er nicht für mich hinterlassen?«

»Ich bedaure. Er sagte, er werde zu einer anderen Bank wechseln. Er ließ fünfzehn Dollar auf dem Konto und wies mich an, es aufzulösen, sobald das Geld abgehoben sei.«

Lydia atmete tief ein und langsam wieder aus.

»Und sonst hat er keine Instruktionen hinterlassen?«

Der Mann schüttelte den Kopf.

Es gelang ihr, ruhig zu bleiben. Der Kassierer konnte nichts dafür. Das Wichtigste war nun, zu ihren Mädchen zu reisen. Aber fünfzehn Dollar, um bis nach Ipoh zu kommen? Was ging hier eigentlich vor?

5

Dad befahl uns, nicht wegzulaufen, sondern neben der Stahltreppe auf dem Deck zu warten, solange er unten mit dem Steward wegen unserer Kabinen redete. Ich stand still und lauschte.

»Schsch«, sagte ich zu meiner Schwester, als wir am feuchten Geländer lehnten und die Treppe hinunterschauten. »Hörst du das?«

Fleur verzog das Gesicht. »Nein.«

Ich runzelte die Stirn. Man brauchte nicht die Ohren zu spitzen, um auf den salzigen Gängen Schritte zu hören.

»Auf dem Schiff spukt es«, flüsterte ich und setzte ein ängstliches Gesicht auf. Fleur verdrehte die Augen und wandte sich ab.

»Schon gut, Mehlwurm. Komm, lass uns durchs Schiff rennen.«

Mums Lieblingsname war Emma. In ihre Eidechsenohrringe waren hinten die Buchstaben E und M eingraviert. Das war mein Name, aber auch Fleurs, denn ihr zweiter Vorname war Emilia. Aus Fleur Emilia machte ich Floury Millie, also Mehlige Millie, und darum Mehlwurm.

Wir rannten rufend das Deck entlang, und wenn wir außer Atem waren, beugten wir uns vornüber und hielten uns die Seiten. Dann stellten wir uns an die Reling und betrachteten den Ozean, während die rote Sonne im Meer versank und der Tag verschluckt wurde. Rosa und gelbe Flecke schaukelten auf dem Wasser, das so schwarz war wie Lakritz, und das Gekreische der Seevögel hörte man vom Hafen bis zu unserem Deck.

»Schau mal, die Händler, sie segeln in Sampans«, sagte ich.

»Was sind Sampans?«

»Die Boote da, Dummerchen. Kannst du nicht sehen?«

Wir kreischten, wenn sie größeren Booten auswichen, um an die Bordwand unseres Schiffes zu gelangen. Der Schein ihrer Laternen tanzte auf dem Wasser. Leute riefen zum Deck hinauf und reichten große Körbe nach oben. Grob wurden wir von den Matrosen weggescheucht, trotzdem hatten wir sehen können, was in den Körben war: funkelnde Orientpantoffeln und glänzende Perlenketten. Für Fleur und mich war das Herumtollen auf dem Schiff, als wären wir im Märchenland – bis unser Vater vor uns stand.

»Ich möchte euch den Spaß nicht verderben«, sagte er, »aber ihr könnt hier nicht drauflosrennen.«

»Aber Daddy!«

»Kein Aber, Emma.«

»Wir gehen auch nicht zu nah ran«, bettelte Fleur.

»Trotzdem, Kleines, das kommt nicht in Frage. Nur wenn ein Erwachsener dabei ist, besonders bei Nacht. Niemals allein. Und ich hatte euch gebeten, an der Treppe zu warten.«

»Das ist gemein«, brummte ich leise.

»Ich meine es ernst, Emma. Hier kann alles Mögliche passieren.«

Ich sagte nichts mehr, sondern horchte auf die Geisterstimmen, die hinter den Liegestühlen säuselten, und stellte mir vor, wie sich eine dunkle Gestalt von hinten anschlich und mich umhaute oder wie mich die See vom Deck in die Tiefe zog, wo Orpheus mit Wassergeistern tanzte. Orpheus kannte ich aus der Schule.

»Emma?«

»In Ordnung.«

Wir gingen mit ihm hinein, doch ich hielt die Finger hinter dem Rücken gekreuzt. Ich konnte nicht anders. Ich liebte das Meer, besonders wenn der Himmel darüber erst violett und dann tintenschwarz wurde.

Heimlich spielte ich, ich hätte ein großes Abenteuer zu bestehen, und wartete, bis Fleur eingeschlafen war. Dann schlüpfte ich aus der Kabine, schlich die schmale Stahltreppe hinauf zum Deck und wartete, bis niemand mehr in der Nähe war. Ich rannte zu einem der Rettungsboote hinüber. Es hing ziemlich hoch über dem Boden, darunter hatte jemand eine Kiste stehen lassen. Auf die stellte ich mich und zog mich an dem Boot hinauf, bis ich kopfüber hineinfiel. Ich drehte mich auf den Rücken und schaute in den Himmel. Es war noch warm draußen und sternklar. Das Boot schwankte, wenn ich mich bewegte, darum lag ich ganz still, genau wie das Meer.

Ich musste daran denken, wie ich in unserem Garten im Gras gelegen und den Wolken hinterhergeschaut hatte, die wie Zitronenbrauseschaum vorbeigezogen waren. Ich wollte mir möglichst viele Erinnerungen einprägen, weil ich nicht wusste, wann wir zurückkehren würden. Als eine kleine Stimme in mir sagte: Falls wir zurückkehren, setzte ich mich auf und schaute aufs Meer. Ich schlang die Arme um mich und atmete tief die salzige Luft ein. Am liebsten wäre ich ins Wasser gesprungen und zu Mummy zurückgeschwommen. Doch das stille Meer beruhigte mich, und ich blieb in dem Boot, bis mir zu kalt wurde.

Mit uns am Tisch im Speisesaal saßen Mr. Oliver und seine Schwester. Sie hieß Veronica und er Sidney. Veronica war groß und dünn, fast so groß wie Dad, und hatte eine leise Stimme. Sie trug weiche, todschicke Röcke und hatte blonde, aufgedrehte Locken, die sie häufig berührte, um zu sehen, ob sie noch ordentlich saßen. Beide hatten so weiße Haut, als hätten sie sich in Malaya vor der Sonne versteckt, aber Veronicas Wangen waren rosa, so rosa wie die kleinen Glasperlen, die sie um den Hals trug. Sie schien uns zu mögen, besonders Vater, den sie mit hübschen blauen Augen anlächelte, wenn sie über seine Scherze kicherte.

Mr. Oliver und Veronica kamen später zum Lunch, sodass wir zunächst allein am Tisch saßen. Während wir warteten, erzählte uns Dad, dass sie eine Wohnung in London habe, aber meistens in einer Stadt namens Cheltenham lebe, nicht weit von dem Dorf, in das wir reisten. Und sie habe eine unglückliche Geschichte hinter sich, und wir sollten freundlich zu ihr sein. Sie habe keine Kinder, und ihr Mann sei Lehrer gewesen und an einer Krankheit namens Cholera gestorben.

»Was ist Cholera?«, fragte ich. »Fallen einem davon die Augen aus dem Kopf?«

Er seufzte schwer. »Nein, Emma. Die Krankheit macht müde und blass, bis es einem immer schlechter geht.«

»Und dann stirbt man.«

Er nickte. »In den meisten Fällen schon.«

Im Hintergrund sang Doris Day eines von Mums Lieblingsliedern: Once I had a Secret Love. Ich wurde traurig, weil ich dabei an Mums schönes ovales Gesicht und ihre strahlenden Augen denken musste. Das helle Braun hatte grüne und blaue Sprenkel wie der Schwanz des Pfaufasans, und eine ihrer Brauen saß ein kleines bisschen höher als die andere. Ich hatte ihr immer gerne dabei zugesehen, wenn sie versuchte, sie auf eine Höhe zu bringen. Es war ihr nie gelungen.

Es gab ein malaiisches Gericht, das nach süßen Kaffir-Limettenblättern roch, die ich besonders gern mochte. Das Pudding-Buffet war nicht besonders. Trotzdem aß ich zu viel Pfirsich-Melba und bekam Bauchschmerzen. Ich fragte Daddy, ob ich vom Tisch aufstehen und in meine Kabine gehen dürfe, um mich hinzulegen.

Veronica lächelte ihn an. Vater war vom vielen Draußensein gebräunt und hatte Fältchen bekommen. Er trug eine runde Schildpattbrille. Mir fiel auf, dass er sich anstrengte, gut auszusehen, noch mehr als sonst.

»Ich werde mich um Fleur kümmern, wenn Sie möchten«, sagte Veronica in munterem Ton. »Dann kann Emma ungestört schlafen und fühlt sich nachher umso besser.«

In der Kabine legte ich mich auf die blaue Frottierplüschdecke. In meinen Ohren rauschte es. Ich nahm das untere Bett, also Fleurs, weil ich mit meinen Bauchschmerzen nicht die Leiter hochklettern wollte. In unserer winzigen Kabine roch es schal und salzig. Man hörte das Schiff brummen und die Wellen gegen die Bordwand schlagen. Ich machte die Augen zu, und die Geräusche lullten mich in den Schlaf.

Einige Zeit später wurde ich von einem Klopfen an der Tür geweckt. Mr. Oliver kam herein. Ich vermutete, dass Dad ihn geschickt hatte, damit er nachsah, wie es mir ging. Doch ich war überrascht, dass er kam und nicht seine Schwester.

Atemlos schnaufend setzte er sich auf mein Bett.

»Rutsch ein bisschen rüber, Liebes«, sagte er lächelnd.

Er kam mir mit dem Gesicht so nah, dass ich die geplatzten Äderchen in seiner Nase sehen konnte.

»Mach die Augen zu, mein Liebes«, sagte er und begann mir ganz sacht die Stirn zu streicheln. Ich vergaß, dass er es war, und zuerst war es schön. Es erinnerte mich an Mummy, und ich träumte wehmütig vor mich hin. Sie fehlte mir so sehr, und Dad wollte nicht sagen, wann sie nachkommen würde. Aber dann hatte ich ein komisches Gefühl im Bauch und in den Beinen. Es kam mir nicht ganz richtig vor, und ich atmete erleichtert auf, als Mr. Oliver mich allein ließ.

Als wir in den Golf von Biskaya gelangten, zogen graue Wolken über den Himmel, und beim Mittagessen schwankte das Schiff auf und nieder. Mr. Oliver rückte dicht an mich heran und legte unter dem Tisch eine schweißige Hand auf meinen nackten Oberschenkel. Ich mochte das nicht, weshalb ich mich von ihm weg gegen die Sitzlehne neigte. Er zwinkerte mir zu, und mir brannten die Wangen. Alle anderen unterhielten sich eifrig über das Wetter, sodass niemand auf mich achtete.

Nach dem Essen blieb ich an Deck und sah zu, wie die Welt immer finsterer wurde. Zum Glück war Mr. Oliver nicht seefest und verschwand als Erster in seiner Kabine. Dann wurde es Fleur schlecht, worauf Dad und Veronica sie nach unten brachten. Dad wollte, dass ich mitkam, aber mir ging es draußen besser, und ich blieb. So war es besser. Die Wellen stiegen immer höher und höher, das Deck zitterte und schwankte, und selbst einigen Matrosen war übel.

Ich wurde allmählich seefest und kreischte, wenn große Wogen auf das Deck klatschten, auf dem ich hin und her geworfen wurde. Vögel schrien, der Wind brauste, und ich vergaß Mr. Olivers heiße Hand, vergaß sogar, dass wir meine Mum zurückgelassen hatten. Ich blieb im Freien und sog gierig die salzige Luft ein. Später strich ich über die verkrusteten Geländer und leckte mir die Salzkristalle von den Fingern. Sie schmeckten genauso fischig, wie sie rochen.

Das letzte Stück unserer Reise ging schnell vorbei, und am letzten Tag erwachte ich, bevor es hell wurde. Ich stieg auf einen Stuhl, um durch das Bullauge zu schauen, und sah in der Ferne einen langen dunklen Schatten. Mein erster Blick auf England. Als das Schiff am Vormittag im Hafen festmachte, stieg ich die Treppe hoch auf das rutschige Deck. Eine Minute lang sah ich mir den grauen Himmel an. Dann machte ich die Augen zu, sprach ein stilles Gebet für meine schöne Mutter, blies ihr über das Meer einen Kuss zu und bat sie, schnell nachzukommen.

Auf dem Liverpool-Kai blockierten Scharen von Menschen die Wege, und Ölgeruch hing in der Luft. Männer mit Leinenmützen legten Taue um dicke Stahlpfosten, und man hörte Glockengeläut, rollende Karren, Zeitungsverkäufer und das Poltern von Kisten, die abgeladen wurden, vor allem aber das Gebrüll der Arbeiter. Man musste ständig beiseitespringen, weil einen vor lauter Dunst niemand sah. Das sei der Smog, sagte Dad.

Ich kam mir sehr klein vor. Aber ich holte einmal tief Luft und wartete, als ob mich die strahlende Zukunft, die Dad versprochen hatte, persönlich in Empfang nehmen würde. Sie tat es nicht. Sie war nicht strahlend, sondern kalt und grau, und sie stank. Erst da wusste ich wirklich, was Grau war. Jetzt hätte ich mich gern an Mummys Hand festgehalten, sie lächeln sehen und sagen hören: »Alles wird gut, du wirst sehen.«

Als Dad mich so aufgewühlt sah, sagte er es, aber es war nicht dasselbe.

Wir mussten Veronica und einem grünlichen Mr. Oliver zum Abschied einen Kuss geben. Ich verzog das Gesicht, und sobald es vorbei war, rannte ich am Ufer entlang davon. Es war ein eisiger Februartag, und das Laufen wärmte mich.

»Geh nicht zu nah ans Wasser!«, rief Dad hinter mir her.

Ich lief nicht weit, denn mir taten die Füße weh. In Malaya spielten wir meistens in Sandalen oder barfuß. Doch jetzt steckten unsere Füße in braunen Schuhen mit einem Knopfriemchen und in langen, kratzigen Strümpfen. Über die beschwerten wir beide uns, waren aber stolz auf unsere zu großen roten Jacken, die Mum uns für den nächsten Heimaturlaub gestrickt hatte. Es hatte nur einen solchen Urlaub gegeben, an den ich mich erinnerte, und der hatte ein verschwommenes Bild von diesem England hinterlassen. Jeder Gedanke an Mum tat mir in der Brust weh.

Bisher hatte Dad noch keinen Grund für ihre Verspätung genannt, aber auf dem Kai fragte ich ihn erneut.

Er nahm die Brille ab, putzte die Gläser am Ärmel und sagte lediglich: »Sie ist nicht hier. Ich fürchte, mehr kann ich dir nicht sagen.«

»Aber wann kommt sie denn?«

»Emma, ich weiß es nicht.«

»Du hast ihr doch meinen Brief hingelegt?«

»Natürlich.«

Wahrscheinlich wurde Mum aufgehalten, dachte ich. Vielleicht möchte Dad nicht darüber reden, weil er nicht etwas versprechen will, was er nicht halten kann, und uns nicht enttäuschen möchte. Doch meiner Vorstellungskraft tat das keinen Abbruch. Und so sah ich meine Mutter überall, wohin wir gingen. Auch in dem großen, zugigen Wartesaal, wo wir auf einen Gepäckträger warteten und wo einem vom Ruß und Rauch die Augen brannten. Und obwohl Mummy nicht wirklich dort war, stellte ich mir eine dünne Schnur vor, die sich um die halbe Welt zog: ein unsichtbares Band, das sich von Ost nach West und zurück erstreckte. Das eine Ende war an das Herz meiner Mutter geknüpft und das andere an meins. Und ich wusste, dass dieses Band nie zerreißen würde, was auch geschehen mochte.

6

Lydia sah einem Jeep der malaiischen Polizei hinterher, auf dem mit Maschinenpistolen bewaffnete Männer in Khakiuniform saßen. Seit die Rebellen 1951 den britischen Hochkommissar Sir Henry Gurney getötet hatten, fühlte sich niemand mehr sicher. Sie fasste sich an den Hals, dann klopfte sie an die Tür von Cicelys portugiesischem Stadthaus, einem schönen hellrosa Bau mit Bogenfenstern und Säulengang. Augenblicke später wurde sie in einen luftigen hellblauen Raum geführt, wo ein starker Luftzug an dem sengend heißen Tag für Erfrischung sorgte.

Sie fuhr herum, als Cicely hereinkam und die Hände ausstreckte. Ihre Fingernägel schimmerten in einem frostigen Rosa, passend zu ihrem hellen Etuikleid.

»Darling, welch unerwartete Freude«, sagte Cicely mit ihrer tiefen, gedehnten Stimme.

Sie war eine elegante Schönheit mit schwingenden platinblonden Haaren, einer leichten Bräune und dunkelroten Lippen. Als sie sich setzte, schlug sie die langen Beine unter. Ein farbiger Kalbslederschuh mit hohem, ungemein dünnem Absatz hing von ihren Zehen.

»Es tut mir leid, aber … ich brauche deine Hilfe. Es ist sehr peinlich.« Lydia zögerte und straffte den Rücken, während sie nach einer Formulierung suchte, die nicht mitleiderregend klang.

Gelassen zog Cicely eine perfekt gezupfte Braue hoch. Da sie beide nicht zu den Frauen gehörten, die sich leidenschaftlich über Verdauungsstörungen oder Haushaltsführung unterhielten, waren sie unvermeidlich so etwas wie Freundinnen geworden.

Lydia unterdrückte den Drang, sich die Haare glattzustreichen, und zwang sich weiterzusprechen. »Ich bedaure, dass ich dich darum bitten muss, aber kannst du mir etwas Geld borgen?«

Cicelys Augen, deren Farbe zwischen Topasblau und Smaragdgrün lag, leuchteten entzückt auf. »Oh, Darling, was ist denn passiert?«

Lydia beschloss, vorsichtig zu sein. Cicely war zwar kein schadenfroher Mensch, steckte aber in einer lieblosen Ehe fest und musste mit den Gerüchten über die Affären ihres Mannes leben. Es folgte ein kurzes Schweigen. Nur das Summen des Ventilators war zu hören, während Lydia überlegte, wie viel sie verraten sollte.

In dem alten chinesischen Viertel bahnten sie sich mit den Ellbogen ihren Weg durch den Strom der Menschen und wichen einem Heer von Fahrradrikschas aus. Cicely führte sie über einen Markt, wo das laute Klacken an den Mahjong-Tischen vom Gesang leuchtend blauer Vögel in Bambuskäfigen begleitet wurde.

Cicely nickte und lächelte, während sie sich zwischen chinesischen Ladenbesitzern und malaiischen Straßenhändlern hindurchdrängte. Neben einem Eimer mit lebenden Krebsen blieb sie stehen und erwarb mehrere Schachteln mit Essen. Lydia riss verwundert die Augen auf. Ihr war der saure Gossengestank, der unablässig vorbeiwehte, nur zu bewusst.

»Das musst du probieren, Darling. Absolut köstlich.« Cicely lächelte und schob ihr einen Happen Bananenblatt-Curry in den Mund. »Ach, komm, das wird schon in Ordnung sein. Du machst dir zu viele Gedanken. Allerdings kann ich mir nicht erklären, warum Alec dir nicht genug Geld dagelassen hat, damit du nachkommen kannst. So ein Scheißkerl.«

Am Ende einer Gasse, neben grellen Plakaten, die für Lucky Strikes warben, blieb Cicely vor einem Geschäft stehen. Ein rotes Schild mit einem Drachen hing über der Tür. Gertenschlank und sexy lehnte sie sich gegen den Türrahmen und schenkte dem strengen Wachmann, der mit einer Schrotflinte auf dem Schoß davorsaß, keine Beachtung.

»Da sind wir«, sagte sie. Auf ihrem schmalen Gesicht zeigte sich ein breites Grinsen, und die Perlenkette um ihren Hals schimmerte.

Nebenan hatte ein Kräuterhändler und Schlangenbeschwörer seinen Laden. Er stand draußen, ein stämmiger Inder, der Betel kaute. Lydia warf einen misstrauischen Blick auf die Schlangenkörbe.

»Keine Sorge, Darling.« Cicely lachte und drückte die Tür auf. »Die Kobras schlafen immer bis Sonnenuntergang.«

Drinnen hielt sich Lydia die Nase zu, dabei roch es bloß nach billigen Räucherstäbchen und Kokosöl. Der Chinese hinter dem Ladentisch trug ein besticktes rotes Gewand und empfing sie mit feindseliger Miene. Lydias Blick huschte zu Cicely, die ohne Zögern den Inhalt ihres Beutels auf den Tisch leerte: Bettelarmbänder, goldene Ohrringe und ein halbes Dutzend Halsketten.

Lydia trat der Schweiß auf die Stirn, und sie spürte, dass sie rot wurde. »Aber das ist echter Schmuck.«

Cicely zuckte die Achseln und drückte ihr die Hand. »Hauptsächlich chinesischer Plunder. Ehrlich. Mach dir keine Gedanken. Hast du Fotos von deinen fabelhaften Mädchen?«

Lydia beugte den Kopf über ihre vollgestopfte Handtasche und zog das Portemonnaie heraus. Darin steckten zwei kleine Fotos von Emma und Fleur vor einem Erfrischungsstand im Zoo. Sie betrachtete Fleur, die ihr mit einem leichten Silberblick entgegenschaute, dann Alecs ernste Augen und Ems schiefes Grinsen. Man sah sehr gut die gerade Nase und das eckige Gesicht ihrer älteren Tochter, aber nicht ihre lachenden türkisblauen Augen und wie die Sonne durch ihre roten Locken schien. Man sieht nicht, dass sie groß ist für ihr Alter, und auch nicht, wie klug sie ist, dachte sie stolz.

»Sie wirkt sehr erwachsen«, sagte Cicely.

»Wer?«

»Emma natürlich. Fleur ist hübscher, aber sie spricht kaum.«

Lydia dachte an ihre jüngere Tochter, und ihr Herz geriet ins Stolpern. Seit ihrer Lungenentzündung war Fleur noch verschlossener als vorher. »Sie spricht durchaus, aber Em liebt Wörter. Schon mit drei Jahren tat sie, als könnte sie lesen.«

»Sie scheint mir sehr weit für zwölf.«

Lydia blinzelte. »Fast zwölf.«

Cicely legte ihr tröstend die Hand auf die Schulter. »Richtig«, sagte sie und hob dann eine Silberkette mit einem Medaillon daran vom Ladentisch. »Mein Geschenk an dich. In diesem Land ist am sichersten, was man um den Hals trägt. Und pass auf das Geld auf. Mach dir keine Sorgen, du wirst bald bei deinen Töchtern sein. Und bei deinem schlanken Ehemann.«

Lydia nickte. Sie konnte sich nicht ganz erklären, warum sie sich so unbehaglich fühlte. Sicher, es gefiel ihr nicht, dass sie von ihren Mädchen getrennt war, und die Gefahren, die der Guerillakrieg mit sich brachte, lagen auf der Hand. Aber war da nicht noch etwas anderes?

»Und dann wirst du dich nach ein wenig Ruhe und Frieden sehnen. Ich weiß gar nicht, wie du das machst. Mutter zu sein, meine ich.«

Ich liebe sie, dachte Lydia, so mache ich das.

»Und Jack? Wie denkst du über ihn?«

Lydia spürte, wie ihr die Röte von der Brust aus ins Gesicht stieg, doch sie widerstand dem Bedürfnis, sich ihre uneingestandenen Gefühle von der Seele zu reden.

Cicely kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. »Also, ich könnte keine Mutter sein. Aber jetzt lassen wir dir erst mal die Haare abschneiden.«

Ein kurzer Schauer, bei dem das Wasser aus den Regenrinnen tropfte und plätscherte, hatte die schwüle Luft zwar nicht abgekühlt, aber Lydia fühlte sich dennoch erfrischt. Sie schob die nassen Zweige der violetten Bougainvillea beiseite, die schon auf das Garagentor übergriff. Alles wuchs so schnell hier. Das Tor quietschte, als sie es aufriss. Da stand der Humber Hawk. Sie spähte ins Innere und war erleichtert. Der Zündschlüssel steckte. Wenigstens hatte Alec ihr den Wagen dagelassen. Sie rutschte auf den Fahrersitz und schaute auf die Tankanzeige.

In ihrem Schlafzimmer packte sie rasch ein paar praktische Kleidungsstücke in zwei Reisetaschen. Als sie aus ihrem feuchten Kleid schlüpfte, überwältigte die Leere des Hauses sie von neuem, und in der Stille sog sie schnuppernd die Luft ein. Der übliche Geruch nach Politur fehlte, und jetzt, da alle fort waren, roch es auch nicht mehr wie ihr Zuhause. Sie berührte die Seide ihrer indischen Kleider, die sie sich in ungewöhnlichen Farbzusammenstellungen genäht hatte: Rosa mit Orange, Grün mit Pfauenblau, Lackrot mit Schwarz. Doch am liebsten mochte sie es, wenn ihre Garderobe eine orientalische Note hatte. Sie zog sich ein praktisches dunkelblaues Kleid an, bei dem nicht gleich auffallen würde, wenn es schmutzig war. Die indischen Kleider ließ sie hängen, packte aber zwei paillettenbesetzte Abendkleider ein, die zu schade waren, um sie zurückzulassen.

Emmas Notizbuch schob sie in ihre Handtasche. Auch wenn sie neugierig war, verkniff sie es sich, darin zu lesen. Sie würde ihre Töchter früh genug wiedersehen. Wie sehr sie sich doch nach ihnen sehnte.

Zurück im Flur stutzte sie. Da war Leben zu hören. Vielleicht hatte George sich geirrt, und Alec war zurückgekommen, um sie zu holen. Ihr Herz schlug schneller. Vielleicht waren sie auch auf der Insel gewesen und noch gar nicht nach Ipoh gefahren. Sie dachte an die dunkelgrüne Farbe des Wassers, den salzigen Wind und das Zitronenöl, mit dem sie die Kinder eingerieben hatte.

Die Geräusche kamen aus der Küche: Schniefen, leises Schluchzen und schnelle Worte auf Chinesisch. Eine der Dienerinnen also. Lydia ging zur Küche, warf die Tür auf und hielt sich schützend die Hand über die Brauen, weil ihr die niedrigstehende Nachmittagssonne in die Augen stach.

In der Ecke saß eine schmächtige junge Frau mit verhärmtem Gesicht, verängstigten Mandelaugen und einem schwarzen Haarknoten im Schneidersitz auf dem Boden. Auf dem Schoß hatte sie einen kleinen Jungen mit glattem Chinesenhaar, der das Gesicht an ihrer Brust versteckte. Er war barfuß, trug weite blaue Hosen und ein Perlenband am Fußgelenk. Er sah unterernährt aus. Lydia starrte die beiden an und war sicher, dass sie die Frau schon einmal gesehen hatte.

»Mem.« Die Chinesin stand auf, tiefes Elend in den Augen. »Ich bin Suyin. Das ist der Junge von meiner Schwester«, sagte sie in fehlerhaftem Englisch.

Sie kommt mir bekannt vor, dachte Lydia, während sie den fadenscheinigen Kittel betrachtete. »Wie heißt er?«

»Maznan Chang, Mem. Er war im Krankenhaus, kann nicht nach Hause. Bitte nehmen Sie ihn mit.«

Lydia schaute auf die Uhr, aber die Frau flehte gleich umso drängender.

»Im Dschungel ist er nicht sicher. Sie werden ihm etwas antun.«

Der Junge stand auf und zog sein Hemd hoch, um einen roten Striemen zu zeigen. Lydia sah, wie dünn und schmutzig er war, und die Verletzung war ihm erst kürzlich zugefügt worden.

»Er kann Ihnen helfen, Mem. Er spricht Malaiisch und Chinesisch.«

»Er sieht sehr jung aus.«

»Er ist sieben, nur klein für sein Alter.«

Der Junge sah Lydia mit feuchten Augen an und lächelte vorsichtig. Sie war verblüfft. Hübsch wie ein Mädchen war er, hatte ein flaches Gesicht und die typische malaiische Nase, aber helle Augen und hellere Haut als die meisten seiner Landsleute. Er lächelte breiter und zeigte eine Reihe ebenmäßiger Zähne.

Sie dachte kurz nach und schob dabei ihre Unruhe wegen der Verzögerung beiseite. Ein Bild von Emma schoss ihr durch den Kopf, und sie hörte ihre Tochter sagen, als stünde sie neben ihr: Beeil dich, Mummy. Bist du denn immer noch nicht hier? Ich muss dir unbedingt etwas erzählen. Lydia schloss die Augen. Es brach ihr das Herz.

»Mem?«, sagte die Frau.

»Warum ist er im Dschungel nicht sicher?«, fragte Lydia.

»Seine Mutter. Sie ist weggerannt … zu den Anhängern.« Die junge Frau hielt einen Moment inne, bevor sie weitersprach. »Sie ist im Dschungel, Mem. Wenn die ihn nicht holen kommen, dann die anderen.«

Lydia begriff. Die Mutter des Jungen hatte sich den kommunistischen Rebellen angeschlossen.

»Welche anderen?«

Die junge Frau schaute verlegen. »Die Weißen mit den roten Haaren. Bitte. Bringen Sie ihn in eine der neuen Siedlungen oder in ein malaiisches Dorf. Die nehmen ihn auf.«

Lydia war unentschlossen. »Was ist mit der Polizei?«

Die junge Frau spitzte die Lippen und spuckte auf den Boden.

Lydia fühlte sich hin- und hergerissen. Sie sollte endlich losfahren, ehe der Tag zu Ende ging, und zusehen, dass sie zu ihren Mädchen gelangte. Aber dann stellte sie sich vor, sie wären es, die allein und auf die Freundlichkeit eines Fremden angewiesen waren. »Also gut«, sagte sie spontan. »Ich nehme ihn mit. Wie lautet Ihre Adresse? Und wie heißt das Dorf, in das ich ihn bringen soll?«

Sie musterte das Gesicht der jungen Frau, und da fiel es ihr ein. »Sie sind die Tochter des Chauffeurs?«

Die Frau nickte.

»Kann Ihr Vater ihn nicht nehmen?«

Sie schüttelte den Kopf, und Lydia sah die Sorge in ihren Augen.

»Hat Ihr Vater meinen Mann nach Ipoh gefahren?«

Die Frau schüttelte den Kopf. »Mein Vater ist krank.«

»Also geben Sie mir Ihre Adresse, damit ich Sie wissen lassen kann, wo Ihr Neffe untergekommen ist.«

Die Frau nahm den Jungen bei der Hand, trat vor und gab seine andere in Lydias Hand, beugte sich an sein Ohr und sagte etwas auf Chinesisch. Er schüttelte den Kopf, dass ihm die Haare ums Gesicht flogen. Seine Tante richtete sich auf, drehte sich um und lief zur Tür hinaus. Auf dem überdachten Weg rannte sie noch schneller und verschwand dann im hohen Gras.

Lydia rief ihr nach, bekam aber keine Antwort mehr. Seufzend schaute sie den Jungen an. Er hatte Augen wie ein europäisches Kind. War er wirklich in Gefahr? Ihr fiel das Waisenhaus ein, dieser unbarmherzig wirkende graue Klotz am Stadtrand. Wenn die Gerüchte über die Fälle von Verwahrlosung stimmten, dann war das kein geeigneter Platz für den Kleinen. Bei der Vorstellung, ihre eigenen Mädchen müssten dort hausen, stockte ihr der Atem.

Er blickte zu ihr hoch, dann zählte er auf Malaiisch die Perlen um seinen Fuß. »Satu, dua, tiga, empat, lima.«

Langsam atmete sie aus. Armer Kleiner, dachte sie. Was soll ich bloß mit dir machen? Du siehst nicht aus, als würdest du irgendwo dazugehören.

Ein Geräusch von der Garage ließ sie aufhorchen. Verflixte Katzen. Sie hob den Jungen hoch und drückte ihm einen Kuss auf den Scheitel. Dann sah sie noch einmal auf die Uhr. Wo war nur die Zeit geblieben? Sie brauchten beide ein Bad und etwas zu essen. Dann würde sie den Jungen in Emmas Bett legen und ebenfalls versuchen, ein wenig zu schlafen, um früh am nächsten Morgen aufzubrechen.

7

Es war ein strahlender Morgen. Der Frühnebel hatte sich schon verzogen, als sie das Haus verließen. Auf den Straßen war es noch still. Nur vor den Teeläden standen ein paar Männer in gelben und orangefarbenen Sarongs und plauderten. In den Außenvierteln sausten Malaien auf Fahrrädern vorbei. Am Stadtrand stutzten Tamilinnen mit schweißglänzenden Gesichtern die Büsche, und ihre langen Ohrläppchen schaukelten bei jeder Bewegung.

Froh darüber, endlich unterwegs zu sein, begann Lydia zu singen. Sie hatte immer eine gute Stimme gehabt. Zuversichtlich gab sie mehr Gas, so dass die Reifen auf dem Asphalt surrten. Entsprechend lauter sang sie. Der Junge neben ihr kicherte.

»Singe ich so schlecht?«, fragte sie und schaute zu ihm hinüber.

Lächelnd schüttelte er den Kopf.

Er hat an dem Straßenstand ein ordentliches Frühstück verputzt, dachte sie. Das ist doch ein guter Anfang.

Während Bäume in Millionen Grüntönen an ihnen vorbeiflogen, plante sie in Gedanken die Reise. Es waren ungefähr fünfundfünfzig Meilen bis Seremban, also könnten sie, wenn sie in drei Stunden daran vorbei wären, zu einem frühen Mittagessen Halt machen und die schlimmste Hitze meiden. Dann würden sie weiterfahren, bis es dunkel wurde. Sie müssten einen günstigen Platz zum Übernachten finden. In Rawang vielleicht oder in Tanjung Malim. Wie viele Meilen waren es wohl von dort bis Ipoh? Sie dachte an Jack. Lieber nicht Tanjung Malim. Es hatte keinen Sinn, sich in Schwierigkeiten zu bringen.

Nach anderthalb Stunden Fahrt ging eine Erschütterung durch den Wagen, und er kam zum Stehen.

Lydia stieg aus und sah die Straße entlang. Blauer Dunst stieg aus dem Staub empor. Sie hob die schmierige Motorhaube des alten Humber Hawk hoch, betrachtete den Motor und versuchte sich zu erinnern, welche Handgriffe Alec ihr immer hatte eintrichtern wollen. Maznan zeigte auf den schwarzen Ölfleck an ihrer Handfläche. Sie seufzte. Der Junge hatte recht. Sie kannte sich mit Autos nicht aus, sodass es zwecklos war, sich schmutzig zu machen.

Sie schlug die Motorhaube zu und wischte sich die Hände an ihrem Kleid ab. Dann tastete sie unter dem Fahrersitz nach dem Handbuch. Da war keines, doch stattdessen stießen ihre Finger auf etwas anderes. Sie zog den verloren geglaubten Eidechsenohrring hervor und lächelte. Da warst du also die ganze Zeit, dachte sie. Wenn das kein gutes Zeichen ist.

Sie verschränkte die Arme und sah den Jungen von der Seite an. Was nun? In diesem Guerillakrieg sollte man keinem Fremden trauen. Verdammt, Alec, warum konntest du nicht zwei Tage warten?

Sie richtete sich darauf ein, auf einen Bus zu warten. Später würde sie die Polizei anrufen und diese bitten, den Wagen abzuschleppen. Seufzend hockte sie sich wie eine Einheimische in den Schatten einer fünfzig Fuß hohen Bambusgruppe, den schweigsamen Jungen an ihrer Seite. Ein leuchtend orangefarbener Schmetterling landete auf ihrem Knie. Der Junge kicherte und streckte die Hand danach aus. Seine Fähigkeit, sich bezaubern zu lassen, erinnerte sie an Em.

»Magst du Schmetterlinge?«, fragte sie.

Er nickte.

Am Rand des Dschungels roch es nach wildem Ingwer, Zimt und Feigen. Hoch oben in den Baumkronen, die kaum Sonne durchließen, schrien Nashornvögel. Diese Welt war voller Schönheit, doch das allgegenwärtige Schwirren und Knacken der Dschungeltiere beunruhigte sie auch.

Sie zog Ems Notizbuch hervor und blätterte darin. Der Text von Doris Days Secret Love in Emmas selbstbewusster Handschrift sprang ihr entgegen. Sie fing an, die Melodie zu summen, kam aber ins Stocken und begann, an der Nagelhaut ihres Daumens zu kauen. Dann stand sie auf. Es wäre zu anstrengend, in der Hitze zwei Taschen zu tragen. Entschlossen schob sie deshalb die kleinere Reisetasche zwischen den dichten Farn am Straßenrand. Die größere behielt sie. Sie stellte sich eine glücklichere Zeit vor, in der sie und ihr Mann in den Club etwas trinken gehen würden und die Kinder sicher im Bett lagen. Doch wer kann in diesem verfluchten Land schon glücklich sein?, dachte sie. Außer Männern wie Alec.

»Was ist, wenn sie die Unabhängigkeit erhalten?«, fragte sie ihn einmal auf dem Weg zum jährlichen Sultansball.

»Für jemanden wie mich werden sie immer Verwendung haben«, antwortete er und schlug ihre Sorge in den Wind. »Ich habe ohnehin nicht vor, wieder zu meinen Eltern oder überhaupt nach England zurückzukehren, auf keinen Fall.«

Sie schaute zu dem hohen, messerscharfen Silberhaargras am Straßenrand. Sie hatte keinen Grund, ihm nicht zu glauben. Alec hatte keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern. Dort hatte eine schreckliche Atmosphäre geherrscht.

Lydia und der Junge vertraten sich ein wenig die Beine.

Es ging kein Wind, und selbst die haarigen Spitzen der Grasähren standen völlig still. Lydia dachte an die Vipern im Gras und an die größeren Schlangen, die zusammengerollt in den Bäumen hingen, und blieb lieber auf der Straße. Immer wieder war der Ruf des Wechselkuckucks zu hören, der sich zu einem nervtötenden Crescendo steigerte.

Maznan hatte noch immer kein Wort gesprochen, außer dass er seine Perlen zählte. Dabei kam er nur bis fünf und fing dann wieder von vorn an. Satu, dua, tiga, empat, lima.

Der Schweiß brannte ihr auf den Lidern, und für einen Moment schloss sie die Augen.

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