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Bis in alle Ewigkeit

Über Polina Daschkowa

Polina Daschkowa, geboren 1960, wird auch gerne als Königin des russischen Krimis bezeichnet. Sie studierte am Gorki-Literaturinstitut in Moskau und arbeitete als Dolmetscherin und Übersetzerin, bevor sie zur beliebtesten russischen Krimiautorin avancierte. Sie lebt in Moskau.

Ganna-Maria Braungardt, geboren 1956, studierte russische Sprache und Literatur in Woronesh (Russland); Lektorin; seit 1991 freiberufliche Übersetzerin. Übertrug Polina Daschkowa, Ljudmilla Ulitzkaja, Boris Akunin und viele andere ins Deutsche.

Informationen zum Buch

Auf der Jagd nach Unsterblichkeit …

Sofja, eine junge russische Biologin, erhält 2006 das Angebot, auf der Insel Sylt an einem internationalen Forschungsprojekt mitzuarbeiten. Dass sie diese Möglichkeit nicht ihren wissenschaftlichen Fähigkeiten verdankt, sondern ihrer Herkunft, ahnt sie nicht. Ihr Urgroßvater soll ein Mittel erfunden haben, das Menschen das ewige Leben schenkt. Vor kurzem ist ihr Vater, gerade zurückgekehrt von einer Reise nach Deutschland, auf geheimnisvolle Weise gestorben. Ist ihr Auftraggeber sein Mörder?

Polina Daschkowa

Bis in alle Ewigkeit

Kriminalroman

Aus dem Russischen
von Ganna-Maria Braungardt

»Der verstorbene Alte hat bestimmt nach dem Stein der Weisen gesucht … der Schelm! Und wie gut er das geheim zu halten wusste!«

Wladimir Odojewski, Sylphide

Erstes Kapitel

Moskau 1916

Die Wohnung von Professor Michail Wladimirowitsch Sweschnikow nahm den gesamten dritten Stock in einem neuen Haus in der Zweiten Twerskaja-Jamskaja-Straße ein. Der Professor war Witwer, noch nicht alt, und hatte drei Kinder. Böse Zungen behaupteten, er habe sie alle in Reagenzgläsern gezüchtet. Unter den umliegenden Krämerinnen kursierten Gerüchte, dieser Doktor würde Tote wieder lebendig machen, könne sich in einen schwarzen Hund und in eine weiße Maus verwandeln und sei zweitausend Jahre alt. Zu Adels- und Professorentitel und dem Rang eines kaiserlichen Generals sei er mit Hilfe schwarzer Magie sowie der japanischen und deutschen Spionagedienste gekommen.

Übrigens wussten weder der Professor selbst noch seine Hausgenossen von diesen Gerüchten. Nur das Dienstmädchen Marina, eine stille, füllige junge Frau von fünfundzwanzig Jahren, erzählte manchmal, wenn sie vom Einkauf im Lebensmittelladen kam, der alten und nahezu tauben Kinderfrau Awdotja Borissowna davon. Wenn Marina ihr laut ins Ohr flüsterte, seufzte Awdotja, stöhnte und schüttelte den Kopf. Sie glaubte, Marina spreche von erfundenen Personen, aus der Zeitung oder aus einem Buch. Sie konnte sich keinen Augenblick lang vorstellen, dass die Rede von ihrem geliebten Michail war, dessen Kinderfrau und Amme sie gewesen war, vor langer Zeit, in einem anderen Jahrhundert.

In Moskau wimmelte es von Medien, Hellsehern, Hypnotiseuren, Handlesern und Hexern – für jeden Geschmack.

Über dem Professor wohnte der Spiritist Bublikow, an seiner Tür hing sogar ein glänzendes Schild: »Doktor der Esoterik, großer Magier, verdienter Spiritist des Russischen Reichs A. A. Bublikow«. Doch er interessierte die Krämerinnen seltsamerweise weniger als Professor Sweschnikow.

An einem dunklen Januarmorgen des Jahres 1916, in der siebten Stunde, gellte aus einem Fenster des dritten Stocks, das zum Hof hinausging, ein Frauenschrei. Der Hauswart Sulejman rammte die Schaufel in eine Schneewehe und schaute hinauf. Das kleine Lüftungsfenster stand offen, durch die dichten Vorhänge drang helles elektrisches Licht. Ein Lichtstreifen lag auf der dunklen Schneewehe, und einzelne Schneekristalle funkelten darin wie eine Handvoll kleiner Diamanten.

Dem Schrei folgte nichts als Stille. Der Hauswart zog einen Handschuh aus und betete leise und ausgiebig zu Allah.

Im ehemaligen Speisezimmer, das nun als Laboratorium diente, saß das alte Dienstmädchen Klawdija auf dem Fußboden und roch an einem Salmiakfläschchen. Professor Sweschnikow stand über sie gebeugt. Unrasiert, verschlafen, in einem gesteppten seidenen Hausrock, ein Handtuch um den Hals und in warmen Hausschuhen, war er auf den Schrei des Dienstmädchens hin aus dem Bad herbeigeeilt.

»Na, na, ganz ruhig, Klawdija, hör auf zu zittern«, sagte der Professor in angenehmem, schlafheiserem Bariton, »beruhige dich und erzähl mir alles der Reihe nach.«

Klawdija schniefte, hob einen zitternden Arm und zeigte in eine entfernte Ecke, wo hinter einem Krankenhauswandschirm aus Wachstuch drei kleine Glaskästen mit Luftlöchern standen. In einem rannten zwei fette weiße Ratten, lautlos fiepend, hin und her. Im zweiten wuselte ein Dutzend kleiner Ratten herum. Der dritte war leer.

»Hast du den Käfig aufgemacht?«

Klawdija schüttelte entschieden den Kopf. Der Professor fasste sie unter, hob sie hoch, führte sie zu einer Liege, setzte sie hin und schritt energisch in die Rattenecke.

Das solide dicke Glas war an mehreren Stellen gesprungen. Der runde Metalldeckel war aufgeklappt. Feine Kiefernspäne aus dem Käfig lagen auf dem Fußboden herum.

»Hast du ihn gesehen?«, fragte der Professor und betrachtete die frischen Kratzer auf dem Metall und den abgebrochenen kleinen Riegel.

»Und ob ich ihn gesehen habe! Er hat sich auf mich gestürzt, der Teufel, wo er bloß die Kraft her hat, alt und krank, wie er ist. Ist schon fast krepiert, und dann springt er so hoch.« Klawdija zeigte mit der Hand eine Höhe von anderthalb Metern über dem Boden. »Er wär mir beinahe ins Gesicht gesprungen, der Mistkerl, ich hab ihn gerade noch mit dem Besen abwehren können, den Unhold.«

Das Dienstmädchen Klawdija war eine gottesfürchtige Person, schweigsam und ungelenk. Sie war kein Plappermaul, hob nie die Stimme, benutzte niemals Schimpfworte. Nun brannten ihre Wangen, und ihre Augen glänzten. Sie zitterte wie im Fieber und leckte sich die trockenen Lippen. Der Professor griff aus alter ärztlicher Gewohnheit nach ihrem Handgelenk und registrierte mechanisch, dass ihr Puls raste, mindestens hundertfünfzig in der Minute, und sein eigener ebenso.

»Moment mal, du meinst, er ist von irgendwo runtergefallen?«, fragte er nach und schaute sich um.

»Von wegen gefallen! Nein!«

»Sondern? Vom Boden hochgesprungen? So hoch?« Der Professor lachte nervös.

»Er ist hochgeflogen, als wär er ein Vogel und keine Ratte. Ach du meine Güte, was ist denn das?« Klawdija öffnete den Mund und riss die Augen weit auf.

Es wurde still. Man hörte den Hauswart draußen Schnee schippen. Zu diesem Geräusch gesellte sich ein anderes – ein hartnäckiges, beunruhigendes Quietschen.

Der braune Plüschvorhang bewegte sich rasch und heftig, als wäre er plötzlich lebendig. Das Ende der massiven hölzernen Gardinenstange rutschte krachend herunter, Stuck rieselte.

Der Professor besann sich als Erster. Mit einem Satz war er am Fenster und warf sich auf den zappelnden Vorhang.

»Klawa, Äther, schnell! Und Handschuhe, zieh Handschuhe an!«

Der Professor kniete am Boden. Der gefangene Vorhang tobte und fiepte in seinen Händen. Der Professor keuchte und atmete schwer. Seine Augen glänzten, die Wangen unter den grauen Bartstoppeln schimmerten rot. Er sah aus wie ein Torwart, der im letzten Moment den Ball gefangen hat, als das Spiel schon fast verloren war.

»Nein!«, rief Klawdija leise. »Ich kann das nicht! Gott ist mein Zeuge, Michail Wladimirowitsch. Ich kann nicht. Haben Sie seine Schnauze gesehen? Seine Augen?«

»Hör auf, es ist nur eine Ratte. Zieh dir Handschuhe an.«

Oben schaukelte die Gardinenstange. Sie hing nur noch an einer Schraube. Der Messingknauf am Ende drohte dem Professor auf den Kopf zu fallen. Klawdija saß reglos da, nur ihre Lippen bewegten sich kaum merklich. Sie murmelte ein Gebet.

»Na schön, geh Tanja wecken«, sagte der Professor.

Klawdija sprang hastig auf, rannte davon und prallte an der Tür gegen ein dünnes junges Mädchen von siebzehn Jahren mit blauen Augen, die Tochter des Professors. Tanja war von dem Lärm aufgewacht. In einem gelben Negligé, das hüftlange helle Haar offen, eilte sie ins Labor, ihrem Vater zu Hilfe.

Nach einer Viertelstunde lag auf dem nicht sehr großen Operationstisch ein mit Äther eingeschläfertes dickes kleines Tier. Es war eine Laborratte, genauer gesagt, ein Ratz. Ganz weiß, mit einem roten Fleck unter dem Unterkiefer. Das seltsame, für eine Ratte ungewöhnliche Mal erinnerte an ein Pentagramm, einen fünfzackigen Stern mit der Spitze nach unten.

»Die Uroma von diesem Ratz muss mit einem Urahn des Katers unserer Kinderfrau gesündigt haben«, hatte Tanja einmal gesagt. »Der schöne Mursik hat am Hals genau so einen Fleck, nur rund.«

»Ausgeschlossen«, widersprach der Professor. »Zwischen Katzen und Ratten sind derartige Beziehungen unmöglich.«

Tanja lachte, bis sie einen Schluckauf bekam. Sie amüsierte sich immer sehr über den Gesichtsausdruck ihres Vaters, wenn er vollkommen konzentriert war, keine Scherze verstand und selbst die absurdesten Mutmaßungen ernsthaft erwog.

»Komm, wir nennen ihn Grigori, zu Ehren von Rasputin«, schlug Tanja vor und berührte das rote Pentagramm.

»Wie oft habe ich dir das schon gesagt: Versuchstieren darf man keine Namen geben, nur Nummern«, entgegnete der Vater mürrisch. »Und wieso gerade der mystische Kerl Ihrer Majestät? Er ist nicht der Einzige auf der Welt, der Grigori heißt. Mendel, der Begründer der Genetik, hieß auch Grigori.«

»Umso besser! Ich werde ihn Grigori III. nennen!«, rief Tanja freudig.

»Untersteh dich! Jedenfalls in meiner Gegenwart!«, schimpfte der Vater.

Dieser Dialog lag ein halbes Jahr zurück. Seitdem nannte Tanja den Versuchsratz mit dem roten Fleck Grigori III. Irgendwann nannte ihn auch der Professor unversehens so.

Nun betrachteten beide, Vater und Tochter, verwirrt das schlafende Tier. Der nackte rosa Bauch bebte leicht. Die Pfoten, die aussahen wie winzige, zierliche Damenhändchen, vollführten ein paar schwache Kratzbewegungen und kamen dann zur Ruhe.

»Nein, Papa, das ist nicht Grigori, nein«, sagte Tanja und gähnte. »Sieh doch, sein Fell ist weiß und flauschig, die Augen rosa. Die Haut ist weich und jung. Und wo ist denn der Fleck? Wo, zeig ihn mir!«

»Hier ist er. An Ort und Stelle.«

»Ich glaube es trotzdem nicht. Grigori hat eine riesige Nachkommenschaft, irgendwer aus einem Wurf kann das rote Pentagramm geerbt haben. Das ist sein Enkel oder Urenkel. Grigori war nach der Operation fast kahl.«

»War er. Aber nun ist das Fell nachgewachsen.«

»So schnell?«

»In einem Monat. Das ist normal.«

»Und die Farbe des neuen Fells ist dieselbe wie früher, mit demselben Pentagramm am Hals?«

»Wie du siehst.«

»Grigori muss eine Narbe auf dem Kopf haben. Wo ist sie? Da ist keine Narbe.«

Tanjas Hand im schwarzen Medizinerhandschuh drehte die Ratte vorsichtig auf den Bauch. Der Professor nahm eine große Lupe und strich das dichte, glänzende Fell auf dem Scheitel der Ratte beiseite.

»Da ist die Narbe. Ganz klein.«

»Papa, hör auf!« Tanja schüttelte den Kopf. »Die Wunde kann nicht so schnell verheilt sein, und auch das Fell kann nicht so schnell gewachsen sein. Du bist doch kein Alchemist, kein mittelalterlicher Magier, kein Doktor Faustus! Du weißt genau, dass das Unfug ist. Man wird dich auslachen. Eine siebenundzwanzig Monate alte Ratte kann nicht so aussehen, das ist unmöglich! Siebenundzwanzig Monate sind für eine Ratte wie neunzig Jahre für einen Menschen.«

»Na, na, was schreist du so? Warum bist du so erschrocken, Tanja?« Der Professor streichelte seiner Tochter die Wange. »Einem alten Ratz ist ein neues, junges Fell gewachsen. Und die Augen sind wieder rosa. Das kommt vor.«

»Das kommt vor?«, rief Tanja, riss sich die Handschuhe herunter und schleuderte sie in die Ecke. »Papa, ich glaube, du hast den Verstand verloren! Du hast doch selbst immer gesagt, dass die biologische Uhr nie rückwärts geht.«

»Schrei nicht so. Hilf mir lieber, ihm Blut für den Test abzunehmen, solange er schläft, und überleg dir, wie wir den Käfigdeckel so befestigen können, dass er nicht wieder rausspringt.«

Der Professor hielt bereits eine kleine Stahlfeder und ein sauberes Reagenzglas in der Hand. Tanja drehte ihr Haar rasch zu einem Knoten, band sich ein Kopftuch um, zog es sich tief in die Stirn und streifte saubere Handschuhe über. Dabei sagte sie nervös: »Er ist am 1. August 1914 geboren. Ein denkwürdiges Datum – da begann der Krieg. Er hat als Einziger aus seinem Wurf überlebt. Er war schwach, aber aggressiv.«

»Genau, aggressiv«, murmelte der Professor glücklich blinzelnd.

Ein Tropfen Rattenblut rollte in das Reagenzglas. Tanja trug den schlafenden Ratz zum Käfig zurück und spürte durch den Handschuh hindurch das Pulsieren des weichen Körpers. Einen Augenblick lang hatte sie das Gefühl, kein Labortier in der Hand zu halten, sondern ein seltsames Geschöpf, das nicht von dieser Welt war. Sie warf einen Blick auf ihren über das Mikroskop gebeugten Vater. Durch seine grauen Igelstoppeln schimmerte eine rosa Glatze. Grigori bewegte die Pfoten. Die Wirkung des Äthers ließ nach. Tanja setzte den Ratz in den Kasten auf die Sägespäne und beschwerte den Deckel mit dem Marmorfuß einer Tintengarnitur.

»Wirst du ihn obduzieren?«, fragte Tanja, während sie Handschuhe und Kopftuch ablegte.

Sie musste die Frage noch einmal laut wiederholen. Ihr Vater klebte am Mikroskop.

»Wie? Nein, ich will ihn noch eine Weile beobachten. Sag Bescheid, sie sollen den Samowar aufsetzen. Was ist, bist du festgewachsen? Geh, sonst kommst du zu spät ins Gymnasium.«

»Papa!«

»Was denn, Tanja?«

»Sag mal, hast du das bewusste Eiweiß isolieren können?«

»Ich weiß nicht. Wahrscheinlich nicht.«

»Warum dann?«

Der Professor hob endlich den Kopf vom Mikroskop und sah seine Tochter an.

»Es ist alles ganz einfach, Tanja. Er hat Diät gehalten, sich aktiv bewegt. Der Käfig steht näher am Fenster als die anderen, das Lüftungsfenster ist immer offen, er hatte viel frische Luft.«

»Papa, hör auf! Du hältst auch Diät und hast viel frische Luft!«

Der Professor antwortete nicht. Er beugte sich wieder über das Mikroskop. Tanja verließ das Labor und schloss leise die Tür.

Moskau 2006

Im Flur läutete hartnäckig die Klingel. Auf dem Nachttisch meldete das Mobiltelefon zwitschernd, dass eine Nachricht eingetroffen sei. Sofja wachte auf und erblickte ihren Vater. Er saß auf der Bettkante, den Finger auf den Lippen, und schüttelte den Kopf.

»Mach nicht auf«, flüsterte er, »mach auf keinen Fall auf.«

Sofja stand auf, warf sich einen Bademantel über den Pyjama und tappte barfuß in den Flur. Ihr Vater blieb sitzen und sagte nichts mehr, schaute ihr nur mit traurigem Kinderblick nach.

»Sofja Dmitrijewna Lukjanowa?«, fragte eine Männerstimme vor der Tür.

»Ja«, krächzte Sofja und hustete.

»Machen Sie bitte auf. Ich habe eine Sendung für Sie.«

»Von wem?«

Vor der Tür raschelte es.

»Lesen Sie die Nachricht auf Ihrem Mobiltelefon. Sie ist vor zwanzig Minuten gekommen«, sagte die dumpfe Männerstimme.

Auf dem Weg zurück ins Zimmer warf Sofja einen Blick in den Spiegel. Der alte Bademantel ihrer Mutter hing an ihren mageren Schultern wie ein Sack an einer Vogelscheuche. Der Verband war in der Nacht auf den Hals gerutscht, die Haare hingen wirr herunter, darin klebten Wattefetzen. Das rechte Ohr war von den Alkoholkompressen gerötet und geschwollen und schälte sich. Nach ihrem Frösteln zu urteilen, hatte sie jetzt am Morgen mindestens achtunddreißig Grad Fieber. In ihrem Ohr blubberte und zog es noch immer, die ganze rechte Kopfhälfte tat weh.

»Sehr geehrte Sofja Dmitrijewna!
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Ich wünsche Ihnen Gesundheit und viel Erfolg in der Wissenschaft!

I. S.«

Das war die letzte Nachricht. Sie war tatsächlich vor zwanzig Minuten gekommen, also um halb elf. Drei waren davor eingetroffen. Sofja las sie nicht, klappte das Telefon zu und tappte zurück in den Flur.

»Mach nicht auf«, flüsterte ihr Vater wieder.

Er stand jetzt neben ihr. Seine Wangen waren gerötet. Der zarte Flaum auf seinem Kopf zitterte. Seine Augen wirkten größer und heller.

Vor der Tür war es still.

»He, sind Sie noch da?«, fragte Sofja.

Keine Antwort.

»Ich glaube, sie sind weg«, sagte Sofja zum Vater. »Ich mache trotzdem mal auf und sehe nach. In Ordnung?«

Der Vater schüttelte erschrocken den Kopf.

Wegen des Fiebers, der Schmerzen und des ständigen Ziehens im Ohr war alles in einen zähen trüben Schleier gehüllt, als hätte sich die Luft in der kleinen Wohnung verdichtet.

»Wovor hast du denn solche Angst?«, fragte Sofja. »Du hast einfach schlecht geträumt.«

»Nein«, erwiderte der Vater, »das ist kein Traum. Das ist ganz real, Sofie. Ich bitte dich, mach die Tür nicht auf.«

»Niemals?«

»Ich weiß nicht. Jetzt jedenfalls nicht.«

Ein paar Sekunden standen sie schweigend da und sahen sich an.

»Na schön. Mir ist alles egal. Ich lege mich wieder hin«, sagte Sofja. »Weißt du vielleicht, wo unser Fieberthermometer ist?«

Der Vater trat auf sie zu und berührte mit den Lippen ihre Stirn.

»Achtunddreißig zwei. Das Thermometer hast du gestern Nacht zerbrochen. Vergiss bitte nicht, das Quecksilber unterm Bett aufzufegen. Du weißt doch, wie schädlich es ist.«

»Gut. Und wo ist der Besen?«

»Im Auto. Du hast damit Schnee abgefegt und ihn im Kofferraum gelassen. Einen zweiten Besen haben wir nicht. Aber untersteh dich, ihn holen zu gehen. Es ist Schneesturm und sehr kalt. Quecksilber kann man auch mit einem feuchten Lappen aufwischen. Ich würde es selbst tun, aber …«

Im Zimmer zwitscherte das Mobiltelefon. Noch eine Nachricht. An der Tür klingelte es, diesmal so durchdringend laut, dass Sofja zusammenzuckte.

»Sofie, bist du zu Hause? Schläfst du etwa?«

Diese Stimme war unverkennbar. Ein rollender, körniger Bass, den man fast täglich bei einem unpopulären privaten Fernsehsender aus dem Off hören konnte. Ihr Vater schaltete immer diesen Sender ein, eigens um zu hören, wie der Trinker Nolik mit seinem autoritären Bass Tabletten zur Behandlung von Alkoholismus anpries oder der dicke Nolik von den neuesten Methoden blitzschnellen Abnehmens berichtete.

Seine untreue Ehefrau hatte Nolik vor einem Jahr verlassen. Danach hatte er abendelang bei den Lukjanows in der Küche gesessen und erklärt, sein Leben sei zu Ende.

»Sofie, ich bin’s! Mach auf!«

Noliks Bass klang munter und fröhlich. Sofja dachte, dass es offenbar sehr schlecht um ihn stand. Früher hatte er morgens nicht getrunken. Sie brauchte eine ganze Weile für die Türschlösser. Ihr Vater harrte neben ihr aus und schwieg angespannt. Endlich öffnete sie die Tür.

»Miau, miau!«, sagte Nolik.

Sein rundes Gesicht strahlte. Wenn er betrunken war, miaute er immer. Doch statt Alkoholdunst schlug Sofja der intensive Duft frischer Blumen entgegen. Nolik hielt einen riesigen Rosenstrauß unterm Arm. Die dunkelroten, fast schwarzen festen Blüten waren mit Wassertropfen übersät.

»Herzlichen Glückwunsch.« Er trat über die Schwelle und reckte die Lippen nach Sofjas Wange.

»Bist du übergeschnappt?«, fragte Sofja und verzog wegen einer neuen Schmerzattacke im Ohr das Gesicht.

»Leider verbietet meine angeborene Ehrlichkeit mir das Lügen«, seufzte Nolik und reckte die Unterlippe vor. »Die sind nicht von mir. Sie lagen auf dem Fußabtreter vor der Tür. Ich habe jemanden mit dem Fahrstuhl runterfahren gehört. Wenn du jetzt gleich aus dem Küchenfenster schaust, siehst du ihn vielleicht noch.«

»Den Besen«, sagte Sofja und bekam einen Hustenanfall.

»Was heißt hier Besen! Das sind tolle Rosen! Also wirklich, Sofie!«

Nolik war empört. »Einfach wunderschön, schau doch, riech doch! Du musst unbedingt die Stiele anschneiden und abbrühen.«

»Der Autoschlüssel ist in der Tasche meiner blauen Jacke, geh runter und hol bitte den Besen aus dem Kofferraum. Mir ist das Fieberthermometer runtergefallen, das Quecksilber muss aufgefegt werden.«

»Ah, verstehe.« Nolik nickte. »Wird sofort erledigt. Aber kümmere dich um die Rosen, stell sie ins Wasser.«

Er schloss die Tür hinter sich. Sofja stand noch immer da, den raschelnden Strauß mit beiden Armen umklammernd. Sie besaß keine große Vase. Das einzige Gefäß von passender Größe war der Plastikmülleimer. Sofja nahm die Mülltüte heraus, spülte den Eimer aus und füllte ihn mit Wasser. Während sie noch mit den Blumen beschäftigt war, kam Nolik zurück. Außer dem Besen hatte er eine kleine braune Aktentasche mitgebracht, die er Sofja feierlich überreichte.

»Weißt du noch, was meine Mutter immer sagt, wenn wichtige Dinge verschwinden? Es liegt irgendwo und sagt keinen Ton! Hier, sie lag unter dem Beifahrersitz und hat natürlich kein Wort gesagt. Aber es hätte sie sowieso keiner gehört.«

Es war die Aktentasche ihres Vaters. Sie war genau an jenem schrecklichen Abend vor neun Tagen verschwunden.

»Papa!«, rief Sofja. »Komm her, sieh mal, Nolik hat dein gutes Stück gefunden.«

»Schrei nicht so«, flüsterte der Vater, »ich höre sehr gut. Ich bin hier, bei dir.«

Er stand tatsächlich direkt vor Sofja. In den wenigen Minuten war sein Gesicht eingefallen, gealtert, seine Wangen waren faltig, blass und mit grauen Greisenstoppeln bedeckt, der graue Flaum klebte nun glatt an der Kopfhaut. Seine Augen waren trüb und so hoffnungslos, dass Sofja schauderte.

»Freust du dich gar nicht, dass die Aktentasche sich angefunden hat?«, fragte Sofja leise.

Der Vater schüttelte traurig den Kopf und legte ihr die Hände auf die Schultern. Seine Hände waren warm und zu schwer. Sofja kniff fest die Augen zu, um den Schwindel zu unterdrücken, und als sie sie wieder öffnete, schaute sie in Noliks erschrockenes Gesicht und spürte seine riesigen Pranken auf ihren Schultern.

»Sofie, sieh mich an! Ich bin’s, Sofie! Siehst du mich überhaupt? Hörst du mich? Was hast du da für einen Strick um den Hals?«

»Dummkopf! Das ist kein Strick, das ist ein Verband. Nolik, ich habe eine Mittelohrentzündung, ich habe mir heute Nacht eine Kompresse gemacht, und die ist runtergerutscht. Was ist denn?«

»Du hast gerade mit Dmitri Nikolajewitsch gesprochen.«

»Ja. Und?«

Nolik legte ihr die Hand auf die Stirn.

»Du hast Fieber. Aber nicht so hoch, dass du phantasieren musst. Komm zu dir, bitte.«

Der arme Nolik war so erschrocken, dass sein leichter morgendlicher Rausch spurlos verflogen war. Sofja kam zu sich, Nolik zuliebe, damit er sich keine Sorgen machte.

»Alles in Ordnung. Ich bin okay. Ich weiß, dass Papa tot ist, wir haben ihn letzten Mittwoch beerdigt, heute ist der neunte Tag.«

»Puh, Gott sei Dank«, seufzte Nolik. »Du hast nur vergessen zu erwähnen, dass heute auch dein Geburtstag ist. Du bist dreißig geworden, Sofie. In dem Strauß sind einunddreißig Rosen. Eine Rose mehr, weil eine gerade Anzahl Blumen Unglück bringt. Und du stellst den schönen Strauß in den Mülleimer! Dir ist wirklich alles egal! Hast du wenigstens Wasser reingemacht?«

»Natürlich! Schenk mir doch eine schöne große Vase zum Geburtstag, Arnold!«

»Ich hab ein anderes Geschenk für dich. Aber du kriegst es nicht, wenn du mich Arnold nennst, Knolle. Noch einmal, und ich gehe.«

»Ach ja! Du fliegst hochkant raus, wenn du mich Knolle nennst!«

Einen Augenblick lang sahen sie sich so drohend an, als wollten sie sich prügeln. Nolik keuchte empört. Vor zwanzig Jahren hätten sie sich tatsächlich geprügelt. Nolik konnte seinen vollen Namen Arnold nicht ausstehen. Und Sofja ärgerte sich über ihren Kinder-Spitznamen Knolle. Sofort sah sie den Schulflur vor sich, die mit grüner Ölfarbe gestrichenen Wände, das graugestreifte Linoleum, hörte Getrappel und Geschrei: »Lukjanowa1! Zwiebel! Zwiebelknolle!« Nolik ging in dieselbe Schule, zwei Klassen über ihr, und hatte früher in der Wohnung gegenüber gewohnt.

Er war für sie längst mehr als ein Kindheitsfreund – eine Art Verwandter, ein jüngerer Bruder, obwohl er älter war als sie.

Der dicke, trinkende, verwöhnte Nolik, bar jeder Männlichkeit, mit unregelmäßigem Einkommen und den ernsten Ambitionen eines gescheiterten Schauspielers.

»Damit du es weißt, ich habe heute zur Feier deines Geburtstags alle Synchrontermine abgesagt. Ich bin extra früh aufgestanden und durch den Schneesturm zu dir gekommen, quer durch Moskau.«

»Du hättest einfach anrufen können.«

»Du nimmst ja nicht ab.«

»Ach nein? Tatsächlich? Warum wohl?«

»Hör mal, soll ich dir einen Arzt rufen?«

»Haha, ich bin selber Ärztin.«

»Gar nicht haha. Du bist keine Ärztin, du bist Biologin, du brauchst einen, wie heißt das? Für Hals-Nasen-Ohren.«

»Scher dich zum Teufel. Feg lieber das Quecksilber unterm Bett auf, mach mir einen Tee, und dann geh in die Apotheke und kümmer dich mal einen Tag lang um mich wie eine Mutter.«

Nolik war sofort bereit, brachte Sofja ins Zimmer ihres Vaters, bettete sie aufs Sofa, deckte sie zu und ging das Quecksilber auffegen.

Die Aktentasche war merkwürdig leicht, als wäre sie fast leer. Sofja hatte sie auf den Schreibtisch gestellt und bemühte sich, nicht hinzusehen. Zu stark war die Versuchung, sie sofort zu öffnen.

Vor kurzem war ihr Vater in Deutschland gewesen. Zwölf Tage. Er hatte gesagt, er wolle seinen ehemaligen Doktoranden Resnikow besuchen. Bei seiner Rückkehr war er nachdenklich und bedrückt gewesen, hatte kaum mit Sofja gesprochen. Und sich keinen Augenblick von seiner Aktentasche getrennt. Er hatte sie in Deutschland gekauft.

»Lass sie mich mal ansehen«, hatte Sofja gebeten.

Sie hatte eine Schwäche für Taschen. Die Aktentasche hatte an der Seite Ringe für einen Schulterriemen. An ihr würde sich dieses elegante teure Ding sehr schick ausnehmen.

Ihr Vater gab sie ihr nicht. Er wurde wütend und erklärte, sie würde bestimmt das Schloss kaputtmachen oder den Griff abreißen. Vermutlich legte er sich die Tasche nachts sogar unters Kopfkissen.

Sofja versuchte ihn auszufragen, in welchen Städten er gewesen sei, was er dort getan und gesehen habe, wie es Resnikow ginge, doch der Vater hatte hartnäckig geschwiegen oder sie angeknurrt: Sie habe das Geschirr wieder nicht abgewaschen, sie laufe bei dieser Kälte ohne Kopfbedeckung herum, im Bad tropfe der Wasserhahn, das Sofa lasse sich nicht mehr aufklappen und sei so zum Schlafen zu schmal, der Drucker sei seit einem halben Jahr kaputt, und er könne keine Filme mehr schauen, weil das DVD-Laufwerk hinüber sei.

»Das kannst du alles selber reparieren«, knurrte Sofja zurück, »du bist doch Ingenieur, Doktor der technischen Wissenschaften.«

Sofjas Eltern hatten sich vor einem halben Jahr getrennt. Ohne Scheidung, formal waren sie noch verheiratet. Aber die Mutter lebte seit fünf Jahren in Australien, sie hatte ein langfristiges Stipendium an einer dortigen Universität bekommen. Und sie verheimlichte weder Sofja noch deren Vater, dass sie in Sydney einen engen Freund hatte, den Australier Roger, einen Witwer, älter als ihr Mann. Sofja hatte das Vergnügen gehabt, ihn kennenzulernen. Er war eigens dafür mit ihrer Mutter zusammen nach Moskau gekommen. Der krummbeinige Mann, der einen Kopf kleiner war als die Mutter und krause dunkle Haare in Nase und Ohren hatte, gab sich große Mühe, einen guten Eindruck auf Sofja zu machen, und zwinkerte ihr ständig zu. Später erklärte ihr die Mutter, der arme Roger habe vor Aufregung an einem nervösen Tick gelitten.

Um an die Aktentasche heranzukommen, musste Sofja aufstehen und zwei Schritte bis zum Schreibtisch laufen. Die glänzenden runden Schlösser ließen sich natürlich nicht ohne weiteres öffnen. Aber sie wusste, wo die Schlüssel waren. Sie hatte sie im guten dunkelgrauen Anzug ihres Vaters gefunden, als sie ihn für die Beerdigung ankleidete. Der Ring mit den beiden kleinen Schlüsseln war mit einer Sicherheitsnadel ordentlich am Futter der Innentasche festgesteckt gewesen.

»Ach ja, apropos Mutter«, sagte Nolik, der in einer alten Schürze mit Marienkäfern darauf in der Tür erschien. »Du hast hoffentlich nicht vergessen, dass Vera Alexejewna übermorgen kommt? Sie hat mich angerufen und mich gebeten, dich daran zu erinnern, dass du sie mit dem Auto abholen sollst. Sie macht sich große Sorgen, weil du nicht ans Telefon gehst. Ich habe mir für alle Fälle die Flugnummer und die Ankunftszeit aufgeschrieben. Willst du wirklich nach Domodedowo fahren, so krank, wie du bist?«

»Kein Problem. Ich nehme einen Haufen Tabletten und setze dich auf den Beifahrersitz, als zusätzliche Heizung. Wann kommt sie an?«

»Ich glaube, nachts, um halb eins.«

»Hör mal, was macht der Tee? Ich brauche was Warmes. Ich hab schreckliche Halsschmerzen.«

»Ja, gleich. Soll ich ihn herbringen, oder trinkst du ihn in der Küche?«

»In der Küche. Hier verschütte ich ihn nur.«

»Das ist wahr.« Nolik lachte spöttisch. »Du solltest dir was an die Füße ziehen. Bei deinem Fieber darfst du nicht barfuß rumlaufen. Immer das Gleiche mit dir.«

»Was soll ich machen?« Sofja seufzte. »Meine Hausschuhe bleiben nie paarweise zusammen. Meine Socken übrigens auch nicht. Wenn du was Paarweises findest, ziehe ich es an.«

Nolik streifte ihr Wollsocken ihres Vaters über die nackten Füße. Zum Glück lag in Vaters Zimmer alles an seinem Platz, ordentlich in Schubfächern. Auf dem Weg in die Küche stieß sie im Flur beinahe den Eimer mit den Rosen um.

»Ach, übrigens, wer hat eigentlich diesen Prachtstrauß gebracht?«, fragte Nolik.

»Keine Ahnung.«

»Dein Mobiltelefon klingelt wie verrückt, hörst du das nicht?«

»Das sind SMS. Hilf mir beim Hinsetzen, lehn mich an die Wand, und dann nimm das Telefon, lies, wer mir da gratuliert, und sag es mir.«

Nolik schenkte ihr und sich Tee ein und setzte sich mit dem Telefon auf einen Hocker. Er las lange und voller Interesse, stieß hin und wieder einen Pfiff aus oder schüttelte den Kopf.

Na gut, dachte Sofja, Vater war siebenundsechzig, das ist ja nicht mehr jung, das ist schon ein reifes Alter, aber er war doch noch kein Greis gewesen.

Vater hatte nie Herzbeschwerden gehabt. Sie kannte niemanden, der gesünder und kräftiger war als er. Er hatte keinen Alkohol getrunken, nie geraucht, nichts Süßes und nichts Fettes gegessen und jeden Morgen am offenen Fenster Gymnastik gemacht. Auch seine Nerven waren völlig in Ordnung gewesen. Wieso also plötzlich akutes Herzversagen? Und mit wem war er an dem bewussten Abend in einem der teuersten und snobistischsten Moskauer Restaurants gewesen? Er mochte keine Restaurants, schon gar nicht solche pompösen. Warum hatte ihn derjenige, der ihn eingeladen hatte, nicht nach Hause gefahren? Der Vater hatte Sofja am Abend um halb elf angerufen und sie gebeten, ihn abzuholen. Als sie ankam, saß er auf einer Parkbank, die Arme um seine Aktentasche geschlungen. Die Bank war voller Schnee, er saß auf der Lehne und sah aus wie ein Schneemann, sogar in seinen Brauen glitzerten Schneekristalle. Sofja hatte gefragt, was passiert sei, und er hatte geantwortet: nichts. Erst später, als sie an dem Restaurant vorbeifuhren, sagte er, dass er dort gegessen habe. Und versprach, ihr am nächsten Tag alles zu erzählen. Zu Hause hatte er über Schwäche geklagt und sich gleich schlafen gelegt. Am Morgen atmete er nicht mehr und war schon kalt. Sofja rief die »Schnelle Hilfe«, und sie sagten, ihr Vater sei gegen ein Uhr nachts gestorben.

»Wer ist I. S.?«, fragte Nolik und riss sich endlich von Sofjas eingegangenen SMS los.

»Was?« Sofja schreckte auf. »I. S., das ist der, der die Rosen geschickt hat. Apropos – wo ist dein Geschenk?«

»Warte, gleich. Hör zu: ›Sofie, warum nimmst du nicht ab? Wir machen uns Sorgen!‹

›Dein Meerschweinchen mit dem Myom ist gestorben. Melde dich!‹

›Du wolltest das Ergebnis der Biopsie dringend haben, es ist fertig, aber du bist nicht da!‹

›Sofie, dein Artikel ist angenommen, du sollst ihn fertig machen!‹

›Du hast doch bald Geburtstag? Einen runden? Entschuldige, ich hab vergessen, wann genau. Schreib es mir, ich will dir gratulieren.‹

›Sofie, bist du krank? Geh ans Telefon!‹ Ah, die ist von mir.

›Sehr geehrte Sofja Dmitrijewna! Herzlichen Glückwunsch! I. S.‹

›Sofja Dmitrijewna, alles in Ordnung mit Ihnen? Wie geht es Ihnen? I. S.‹«

Nolik nahm einen Schluck Tee und starrte Sofja an.

»Das ist gerade eben gekommen. Hör mal, Knolle, wer ist dieser I. S.?«

Sofja wollte wegen der »Knolle« mit ihm schimpfen, musste aber husten.

»Er hat also die Rosen geschickt?« Nolik holte seine Zigaretten hervor und zündete sich nervös eine an.

»Ja, wahrscheinlich.«

»Wer ist er?«

»Keine Ahnung. Irgendwer aus dem Institut.«

Sie wurde von heftigen Hustenanfällen geschüttelt, aber Nolik war so in Fahrt, dass er das gar nicht bemerkte.

»Unsinn! In deinem Institut gibt es niemanden, der sich einen solchen Strauß leisten könnte. Vielleicht bahnt sich da eine ernsthafte Affäre an?«

»Schon möglich.« Sofja lächelte schwach. Der Husten war endlich vorbei.

»Aber du kennst ihn? Du hast dich schon mit ihm getroffen, mit diesen I. S.?«

»Nein, Nolik, nein. Wie oft soll ich das noch sagen?«

»Was? So ein Strauß ist unheimlich teuer, Sofie, den schickt kein x-beliebiger guter Onkel.«

»Es war leider kein Absender dabei. Du hast versprochen, in die Apotheke zu gehen, ich hab nichts mehr gegen das Fieber, und außerdem brauche ich Ohrentropfen.«

»Und du versuchst gar nicht, es herauszufinden?«

»Wie denn?«

»Antworte ihm, frag ihn, wer er ist.«

»Ja. Mach ich. Aber nicht jetzt.«

»Warum nicht?«

»Weil mein Vater gestorben ist, weil ich krank bin und weil mir alles scheißegal ist.«

Nolik schwieg eine Weile mürrisch und rauchte, dann seufzte er und sagte etwas ruhiger: »Du solltest dich wenigstens bedanken. Du warst immer gut erzogen, Sofie.«

»Es reicht.«

Sofja lehnte den Kopf gegen die Wand und schloss die Augen. »Weißt du was, Papas Doktorand Resnikow, der war auf der Beerdigung.«

»Ich weiß. Er hat den Sarg tragen geholfen. So ein Glatzkopf mit Bärtchen. Und?«

»Er hat gesagt, er habe Papa nicht nach Deutschland eingeladen. Er lebt seit langem in Moskau.«

»Moment, wieso Resnikow?«

»Papa hat behauptet, er fahre ihn in Deutschland besuchen. Papa hat nie gelogen.«

»Na ja, vielleicht war das … na, was Persönliches? Warum nicht? Mama hat einen boyfriend in Sydney, und Papa hat sich jemanden in Berlin angeschafft.«

»In Hamburg. Nein, Nolik. Das hätte er mir erzählt. Hör mal, mir geht’s echt elend. Geh bitte in die Apotheke. Im Flur steht meine Tasche, darin ist mein Portemonnaie.«

Als Nolik gegangen war, blieb Sofja noch ein paar Minuten in der Küche sitzen, den Kopf an die kalten Fliesen gelehnt und die Augen geschlossen. Sie wünschte sich, dass ihr Vater wieder erschien. Sie wusste, sie würde jetzt aufstehen, in sein Zimmer gehen und die Aktentasche öffnen, und der verrückte Gedanke, dass sie das ohne seine Erlaubnis nicht tun dürfe, ließ ihr keine Ruhe. Unterwegs hockte sie sich hin und senkte ihr Gesicht in die Rosen. Wer immer dieser unbekannte I. S. war – sie war ihm dankbar. Tatsächlich hatte sie zum ersten Mal im Leben einen solchen Strauß geschenkt bekommen. Wäre Vaters Tod nicht gewesen und die Mittelohrentzündung, hätte sie sich bestimmt schrecklich gefreut und sich geschmeichelt gefühlt.

Sie tappte mühsam bis zum Zimmer des Vaters, nahm die Aktentasche in die Hand und kam sich beinahe wie eine Diebin vor. Vielleicht hatte Nolik recht, und ihr Vater hatte in Hamburg eine Freundin? Nicht ohne Grund hatte er nicht gewollt, dass Sofja ihn zum Flughafen begleitete.

Wahrscheinlich hatten sie sich hier in Moskau kennengelernt. Schon einige Monate vor seiner Reise nach Deutschland hatte er sich merkwürdig verhalten, war oft spät nach Hause gekommen. Doch Sofja hatte nie vermutet, dass ihr gemütlicher alter Vater ein intimes Privatleben haben könnte.

Aber Sitzungen der Sektion und des wissenschaftlichen Rates dauerten nie bis nach Mitternacht. Wie viele seiner Kollegen verdiente sich der Vater etwas nebenbei, indem er Abiturienten auf die Aufnahmeprüfungen an Universitäten und Hochschulen vorbereitete. Die jungen Mädchen und jungen Männer kamen normalerweise zu ihm nach Hause, der Vater unterrichtete sie in seinem Zimmer. Er fuhr nie zu ihnen. Aber in den letzten zwei Monaten hatten Sitzungen der Sektion und des wissenschaftlichen Rates bis ein Uhr nachts gedauert, und der größte Teil des Unterrichts mit den Abiturienten hatte sonstwo stattgefunden.

Sofja stellte sich eine elegante ältere Frau vor, eine gelehrte Dame mit adrettem grauen Haar und einem bezaubernden Porzellanlächeln.

Inzwischen hatte sie die Aktentasche geöffnet. Darin lag nur ein fester kleiner Briefumschlag. Er enthielt Fotos, schwarzweiß und ziemlich alt.

Ein junges Mädchen und ein junger Mann. Sie etwa achtzehn, er höchstens fünfundzwanzig. Vermutlich in einem Fotoatelier aufgenommen. Sie sitzen da und blicken ins Objektiv, scheinen aber nur einander zu sehen. Er dunkelhaarig, die großen Ohren leicht abstehend, das Gesicht schmal, die Nase gerade, die Lippen dünn. Sie hat den dicken hellen Zopf über die Schulter geworfen, ihre Augen sind groß und dunkel. Sie wirkt verwirrt und schrecklich schutzlos.

Das kleine gelbgraue Rechteck hatte gezackte Ränder. Auf der Rückseite waren mit Bleistift kaum erkennbar vier Ziffern notiert: 1 9 3 9. Sofja begriff nicht gleich, dass das eine Jahreszahl war.

Das nächste Foto – dasselbe Paar, diesmal draußen. Schwer zu sagen, wo genau. Man sah nur die kahlen Äste von Bäumen. Der junge Mann und das junge Mädchen stehen nebeneinander. Sie in Hut und Mantel. Er in einem Militärmantel, eine Schirmmütze tief in die Stirn gezogen. Er hält ein längliches Bündel im Arm. Sofja sah genauer hin und erkannte, dass es ein in eine Decke gewickelter Säugling war. Auf der Rückseite des Fotos stand keine Jahreszahl.

Auf den anderen, noch älteren Fotos, waren Offiziere und junge Frauen, ein halbwüchsiger Gymnasiast in Uniformmantel und mit Schirmmütze und ein düsterer junger Mann im Russenhemd. Ein Gruppenfoto auf dem Hof eines Lazaretts. Viele Menschen. Verwundete und Soldaten, Krankenschwestern, Ärzte. Die Gesichter waren zu klein, nicht zu erkennen. Ein noch nicht alter, aber grauhaariger Herr im weißen Kittel auf demselben Lazaretthof, allein, auf einer Bank sitzend und rauchend. Eine junge Frau, die sie schon auf anderen Fotos gesehen hatte, diesmal in Schwesterntracht. Dann sie zusammen mit dem grauhaarigen Herrn. Noch einmal sie, in einer Bluse mit Stehkragen und einer Brosche am Hals, mit einem Offizier mittleren Alters. Noch einmal der Grauhaarige, allein, an einem Schreibtisch.

Sofja kniff die Augen zusammen, schüttelte den Kopf und schaute noch einmal auf das letzte Foto. Sie stand auf, schaltete die Deckenlampe ein, die Schreibtischlampe und die Wandlampe. Sie rannte in ihr Zimmer und kam mit einem dicken Buch zurück, das sie kaum halten konnte – Geschichte der russischen Medizin. Enzyklopädie. Nach kurzem Blättern fand sie, was sie suchte. Das Foto des Grauhaarigen, nur größer und deutlicher – im Anhang, unter den Fotos berühmter Ärzte.

Ein Ausschnitt, nur das Gesicht. Der grauhaarige Herr. Michail Wladimirowitsch Sweschnikow. Professor an der medizinischen Fakultät der Moskauer Universität, Mitglied der Physikalisch-medizinischen Gesellschaft. General der kaiserlichen Armee. Militärchirurg. Autor herausragender Arbeiten zur Medizin und zur Biologie, leistete einen bedeutenden Beitrag zur Erforschung von Blutbildung und Geweberegeneration. Geboren 1863 in Moskau. Wann und wo gestorben, war nicht bekannt.

Moskau 2006

Der quecksilberfarbene Sportwagen, flach wie eine fliegende Untertasse, raste in einem für Moskau unmöglichen Tempo den Lenin-Prospekt entlang. Es war Abend, ein Schneesturm tobte. Aus dem Auto drang eine moderne Mozart-Adaption. Am Steuer saß ein glatzköpfiger älterer Herr. Auf der Rückbank schlief zusammengerollt ein junges Mädchen. Sie war höchstens zwanzig. Selbst im Schlaf kaute sie weiter Kaugummi.

Seltsamerweise waren sämtliche Verkehrspatrouillen vom Prospekt verschwunden. Alle anderen Autos machten den Weg frei, obwohl Moskauer Autofahrer selbst Feuerwehr und Notarztwagen selten vorbeilassen. Der Wagen jagte dahin, die nagelneuen Reifen berührten kaum die Straße, der Tacho zeigte 120 Stundenkilometer. Am Gagarin-Platz hatte sich ein Stau gebildet, und wer weiß, wie der magische Flug des Sportwagens geendet hätte – doch er bog in eine ruhige Nebenstraße ein und drosselte das Tempo.

»Maschka, wach auf, wir sind da!«, sagte der Mann und stellte die Musik lauter.

»Ich bin Jeanna«, murmelte das Mädchen, ohne die Augen zu öffnen.

»Entschuldige, mein Sonnenschein.«

»Hmhm.« Das Mädchen setzte sich auf, klimperte mit den angeklebten Wimpern und holte eine Puderdose aus der Handtasche.

Das französische Restaurant »Je t’aime« war vor fünf Jahren in einen großen Hof gesetzt worden, anstelle zweier abgerissener Plattenbauten. Die zweistöckige Villa im Stil des europäischen Jugendstils beherbergte zwei Speisesäle, einen Bankettsaal mit einer Bühne für ein Orchester, drei Séparées und eine Bar mit riesigen Samtsofas. Der Chefkoch war Franzose. Der Portier und einige Kellner waren Schwarze. Von der Straße führte ein Wandelgang mit Girlanden bunter Lämpchen und einem Teppichläufer zum Eingang.

Der Wagen hielt, und sofort stürzten Kameraleute und Journalisten mit Mikrofonen herbei.

»Na so was, Mozart! Früher hat er im Auto Kriminellensongs gehört«, flüsterte die Korrespondentin eines schmalen Hochglanzmagazins, eine große vierzigjährige Dame mit Kinderzöpfen und einem Dutzend Ringen in jedem Ohr.

»Wer ist das?«, fragte ihr Fotograf.

»Colt. Pjotr Borissowitsch Colt.« Die Journalistin drängte sich geschickt zwischen die Kollegen und zog den schwerfälligen Fotografen hinter sich her.

Ein beleibter kleiner Mann stieg aus dem Auto. Die uralte Jeans rutschte ihm fast vom Leib, das graue Fischgrätensakko war zerknittert, als habe eine Kuh darauf herumgekaut. Unter dem Sakko trug er ein T-Shirt mit dem englischen Aufdruck: »Gott liebt alle, sogar mich«.

Die Journalistin mit den Zöpfen stieß ihren Fotografen mit dem Ellbogen an und flüsterte: »Die Füße! Mach ein Foto von den Füßen!«

An den Füßen trug Colt schmutzige orangene Leinenschuhe. Colt gähnte, reckte sich und verzog das Gesicht wegen der Blitzlichter.

»Pjotr Borissowitsch, guten Tag! Magazin ›Joker‹. Was halten Sie von der heutigen Veranstaltung?«

»Herr Colt! Was ist das Geheimnis eines erfolgreichen Unternehmens?«

»Pjotr, sagen Sie, stimmt es, dass Sie für zehn Millionen Euro die Fußballmannschaft der Elfenbeinküste gekauft haben?«

Es hagelte Fragen, Blitze zuckten, Mikrofone schoben sich gegenseitig beiseite. Colt kratzte sich den dicken weichen Bauch, bedachte die Journalisten mit einem gutmütigen Lächeln und sagte mit tiefer Stimme: »Es ist alles ganz eitel.«

Dann drehte er dem Publikum den Rücken zu, öffnete den hinteren Wagenschlag und zog das verschlafene, vor sich hin kauende Mädchen heraus.

Die glatten hellen Haare fielen ihr ins Gesicht, und sie blies sie mit vorgereckter Unterlippe weg. Als sie sich aufrichtete, reichte Colts runder Kopf ihr knapp bis zur Schulter. Das Mädchen trug eine khakifarbene kurze Daunenjacke. Ihre gelbe Seidenhose war so geschnitten, dass vorn ein beträchtlicher Teil des Bauches entblößt und hinten die Ritze zwischen den Pobacken deutlich erkennbar war.

Das Mädchen fotografierten die Journalisten nicht; sie ließen von Colt ab. Das Paar, rührenderweise Hand in Hand, lief zum Eingang. Die Journalistin mit den Zöpfen hatte schon ein paar Sätze für ihre Notiz in petto: Endlich sei dystrophische Magerkeit aus der Mode, nun seien üppige Formen aktuell. Der Antiglamour-Stil setze sich immer mehr durch. Alte, abgetragene, zerknitterte, betont billige und hässliche Sachen wie vom Flohmarkt gelten jetzt in der Szene als besonders schick.

Ein Wachmann stieg in den Sportwagen und fuhr ihn auf den restauranteigenen Parkplatz, um Platz zu machen für einen quadratischen schwarzen Jeep, in dem ein populärer Fernsehmoderator und dessen Frau saßen.

Im geräumigen Restaurantfoyer war an langen Tischen ein Büfett aufgebaut.

Gemäß dem in der Einladung vorgegebenen Dresscode trugen die Männer strenge Anzüge, Frack oder Smoking, die Damen Abendkleider. Ein äußerst solides Publikum: Bankiers, Politiker, Besitzer von Zeitschriften, Zeitungen und Fernsehsendern. Bisher hatte noch niemand gewagt, auf einer derart seriösen Veranstaltung in Flohmarkt-Schick zu erscheinen.

In einer halben Stunde sollte der feierliche Akt beginnen – die Überreichung der Preise für besondere Erfolge im Mediengeschäft.

Die Preise selbst waren nicht besonders wertvoll. Jeder Ausgezeichnete erhielt eine kleine Bronzestatue, einen Vogel oder einen Fisch, einen Blumenstrauß und seine Portion Beifall. Kostbar war etwas anderes: An der Zeremonie teilnehmen zu dürfen, die schwarze Einladungskarte mit Golddruck im Kuvert aus rosa Seidenpapier erhalten zu haben. Außenstehende hatten hier keinen Zutritt.

Die Gäste drängten sich um die Tische, schoben sich mit Tellern und Gläsern durch die Menge, bemüht, niemanden zu schubsen, nichts fallen zu lassen oder zu verschütten, was nicht so einfach war, denn es wurde immer voller.

Colts Erscheinen löste einige Bewegung aus, aber nicht wegen der schlabbrigen Jeans und des zerknitterten Sakkos, nicht einmal wegen des halbnackten großen Hinterns seiner Freundin Jeanna. Die Bewegung rührte einzig daher, dass Colt sich recht rabiat in die Menge drängte, manchen anstieß und anderen auf den Fuß trat. Entschuldigen konnte er sich nicht, weil er dabei telefonierte. Auch das Mädchen Jeanna entschuldigte sich nicht, weil sie das prinzipiell nie tat.

»Wo bist du? Ich sehe dich nicht. Hier sind massenhaft Leute!«, trompetete Colt in den Hörer. »Schön, bleib, wo du gerade stehst, und leg nicht auf!«

Der Mann, zu dem Colt strebte, stand nicht, sondern saß. Er hatte einen bequemen Platz in der Ecke ergattert, neben dem Flügel. Er rauchte, lässig auf ein Sofa gelümmelt, lauschte den ausgezeichneten Jazzimprovisationen des Restaurantpianisten und musterte neugierig das Publikum. Er sah aus wie höchstens fünfundvierzig. Auf den ersten Blick wirkte er hässlich, ja unsympathisch. Ein großes dunkles Gesicht mit breiten Wangenknochen und Stupsnase, dünnes, mattes Haar von unbestimmter Farbe, ein schweres Kinn, blasse, aufgeworfene Lippen. Aber er hatte klare blaue Augen, eine reine Stirn und ein wundervolles Lächeln. Mit diesem Lächeln bedachte er Jeanna, die allerdings in keiner Weise darauf reagierte, sondern weiter ihren Kaugummi kaute.

»Geh was essen, misch dich unter die Leute«, sagte Colt zu ihr und setzte sich auf das Sofa.

»Nun, was ist?«, flüsterte er ungeduldig, als das Mädchen sich entfernt hatte.

»Vorerst nichts.«

»Was heißt das – nichts? Ich hab doch gesagt – jede Summe. Jede! Hast du ihm das erklärt?«

»Hab ich. Er ist einverstanden.«

»Und?!« Colts kleine gelbe Augen glänzten, und er schlug seinem Gesprächspartner aufs Knie. »Wie viel also?«

»Das ist nicht mehr wichtig.«

»Was heißt das – nicht mehr wichtig?«

»Er ist tot.«

»Wer?!«, rief Colt so laut, dass man sich nach ihm umsah.

»Psss …« Der Dunkle schürzte die Lippen und schüttelte den Kopf. »Nein, nein, ihm ist nichts passiert, keine Sorge. Lukjanow ist tot.«

»Ach so.« Colt atmete erleichtert auf, runzelte aber sogleich die Stirn. »Moment mal, wie das so plötzlich? Er war doch noch gar nicht alt und kerngesund, hast du gesagt. Fünfundsechzig, wie ich.«

»Siebenundsechzig. Akutes Herzversagen.«

»Und wie weiter?«

»Wir werden weiterarbeiten.«

»Mit wem?«, fragte Colt besorgt.

»Mit ihr.« Der Mann lächelte.

Ganz in ihr Gespräch vertieft, hatten sie nicht bemerkt, dass die Menge in den Bankettsaal gestrebt war. Durch das nun leere Foyer kam ein großer brünetter Schönling im weißen Smoking wie aus der Werbung angelaufen und sagte, verlegen von einem Bein aufs andere tretend: »Pjotr Borissowitsch, Iwan Anatoljewitsch, entschuldigen Sie bitte, aber dort warten schon alle, Sie möchten bitte kommen, es ist Zeit.«

»Ja, wir kommen. Wir kommen schon«, erwiderte Colt.

Bevor er auf die Bühne stieg und Iwan Anatoljewitsch in der ersten Reihe platzierte, drückte ihm Colt die Hand und flüsterte ihm ins Ohr: »Und wenn sie nun auch plötzlich stirbt? Wie alt ist sie?«

»Erst dreißig, gerade heute geworden.«

Auf Iwan Anatoljewitschs Gesicht erstrahlte ein sanftes, bezauberndes Lächeln.

Zweites Kapitel

Moskau 1916

Der 25. Januar war Tanjas Geburtstag. Sie wurde achtzehn.

Professor Sweschnikow lebte zurückgezogen, konnte Empfänge nicht leiden, besuchte fast nie jemanden und lud auch selten Gäste ein. Aber auf Tanjas Bitte machte er an diesem Tag eine Ausnahme.

»Ich will eine richtige Feier«, hatte Tanja einige Tage zuvor gesagt, »viele Gäste, Musik und Tanz und keine Gespräche über den Krieg.«

»Was versprichst du dir davon?«, fragte der Professor erstaunt. »Das Haus voller fremder Leute, Gedränge und Lärm. Du wirst sehen, schon nach einer halben Stunde bekommst du Kopfschmerzen und möchtest alle zum Teufel jagen.«

»Papa mag keine Menschen«, spottete Wolodja, Sweschnikows ältester Sohn. »Dass er Frösche, Ratten und Regenwürmer misshandelt, das ist Sublimierung nach Doktor Freud.«

»Danke für die netten Worte.« Sweschnikow neigte den runden grauen Kopf mit dem Igelschnitt. »Der Wiener Scharlatan klatscht dir Beifall.«

»Siegmund Freud ist ein großer Mann. Das zwanzigste Jahrhundert wird das Jahrhundert der Psychoanalyse, nicht das der Zelltheorie von Sweschnikow.«

Der Professor lachte spöttisch, klopfte mit einem Löffel ein Ei auf und knurrte: »Zweifellos hat die Psychoanalyse eine große Zukunft. Tausende Gauner werden mit dieser Geschmacklosigkeit einen Haufen Geld machen.«

»Und Tausende romantische Verlierer werden vor Neid mit den Zähnen knirschen.«

Wolodja lächelte böse und rollte ein Stück Brot zu einer Kugel.

»Besser ein romantischer Verlierer sein als ein Gauner oder gar ein modischer Mythenschöpfer. Deine klugen Freunde Nietzsche, Freud und Lombroso beurteilen den Menschen mit solchem Ekel und solcher Verachtung, als gehörten sie selbst einer anderen Art an.«

»Geht das wieder los!« Der zwölfjährige Andrej verdrehte die Augen und verzog die Lippen zum Zeichen äußerster Langeweile und Müdigkeit.

»Ich würde mich glücklich schätzen, wären sie meine Freunde!« Wolodja warf sich die Brotkugel in den Mund. »Jeder Bösewicht und Zyniker ist hundertmal interessanter als ein sentimentaler Langweiler.«

Sweschnikow wollte etwas erwidern, unterließ es aber. Tanja küsste ihren Vater auf die Wange, flüsterte: »Papa, lass dich nicht provozieren«, und verließ das Zimmer.

Die verbliebenen drei Tage bis zum Geburtstag lebte jeder wieder sein Leben. Wolodja verschwand am frühen Morgen und kehrte manchmal erst weit nach Mitternacht wieder zurück. Er war dreiundzwanzig. Er studierte an der philosophischen Fakultät, schrieb Gedichte, besuchte diverse Zirkel und Gesellschaften und war in eine zehn Jahre ältere, geschiedene Literatin verliebt, die unter dem Namen Renata bekannt war.

Andrej und Tanja gingen in ihre Gymnasien. Tanja nahm ihren Bruder, wie versprochen, mit ins Künstlertheater, in den »Blauen Vogel«, der Professor leistete Dienst im Lazarett des Heiligen Pantelejmon in der Pretschistenka-Straße, hielt Vorlesungen an der Universität und bei Frauenkursen, schloss sich abends in seinem Laboratorium ein, arbeitete bis tief in die Nacht und ließ niemanden herein. Wenn Tanja fragte, wie es dem Ratz Grigori III. gehe, antwortete der Professor: »Ausgezeichnet.« Mehr bekam sie aus ihm nicht heraus.

Am Morgen des 25. hielt der Professor beim Frühstück eine kleine Rede: »Du bist jetzt richtig erwachsen, Tanja. Das ist traurig. Umso mehr, da Mama diesen Tag nicht mehr erlebt. Du wirst nie mehr klein sein. Dich erwartet so viel Schönes, Aufregendes, vor dir liegt ein großes und glückliches Stück Leben. Und das alles in diesem neuen, erstaunlichen und seltsamen zwanzigsten Jahrhundert. Ich wünsche mir, dass du Ärztin wirst, dass du nicht vor der praktischen Medizin in die abstrakte Wissenschaft fliehst wie ich, sondern Menschen hilfst, ihre Leiden linderst, sie rettest und tröstest. Aber lass nicht zu, dass der Beruf alles andere verschlingt. Wiederhole nicht meine Fehler. Die Jugend, die Liebe …«

Beim letzten Wort musste er husten und wurde rot. Andrej schlug ihm auf den Rücken. Tanja lachte plötzlich los.

Den ganzen Tag, den ganzen 25. Januar 1916, lachte sie wie verrückt. Der Vater steckte ihr die kleinen Brillantohrringe an, die sie im Schaufenster des Juweliergeschäfts auf der Kusnezki-Brücke lange bewundert hatte. Ihr älterer Bruder Wolodja überreichte ihr einen Gedichtband von Igor Sewerjanin und machte, statt ihr zu gratulieren, wie immer spöttische Scherze. Andrej hatte ein kleines Aquarell-Stillleben gemalt. Ein Herbstwald, ein Teich, bedeckt mit Entengrütze und gelben Blättern.

»Ihr Fräulein Schwester ist im besten Frühlingsalter, und Sie malen nichts als Welken«, bemerkte Doktor Fjodor Fjodorowitsch Agapkin, Sweschnikows Assistent.

Tanja konnte ihn nicht leiden. Er war ein primitiv schöner Mann mit glattgekämmtem kastanienbraunem Haar, mädchenhaften Wimpern und dicken schmachtenden Lidern. Sie hatte ihn nicht eingeladen, aber er war trotzdem erschienen, schon am Morgen, zum Frühstück, und hatte dem Geburtstagskind eine Stickgarnitur überreicht. Tanja hielt nichts von Handarbeiten und verehrte Agapkins Geschenk dem Dienstmädchen Marina.

Am meisten rührte und amüsierte Tanja das Geschenk der Kinderfrau Awdotja. Die alte Frau, eine einstige Leibeigene von Tanjas Großvater, war inzwischen fast taub und voller Runzeln und gehörte längst zur Familie. Zum Namenstag schenkte sie Tanja, genau wie im vorigen und im vorvorigen Jahr, die immer gleiche Puppe Luisa Genrichowna.

Diese Puppe war viele Jahre lang Gegenstand von Kämpfen und Konflikten gewesen. Sie saß stets auf einer Kommode im Zimmer der Kinderfrau, ohne jeden Nutzen. Ein grünes Samtkleid mit Spitze, weiße Strümpfe, Wildlederschuhchen mit Smaragdknöpfen, ein Hut mit Schleier. Als Tanja noch klein war, hatte sie nur an Feiertagen die rosa Wange und die elastischen blonden Locken der Puppe berühren dürfen.

Vor rund dreißig Jahren hatte die Kinderfrau die Puppe bei einer Kinderweihnachtsmatinee im Maly Theater gewonnen, für Natascha, die jüngere Schwester von Tanjas Vater. Natascha, der Liebling der Kinderfrau, war ein ordentliches, stilles Mädchen gewesen, ganz anders als Tanja. Sie hatte Luisa Genrichowna nur angeschaut.

Tanja küsste die Kinderfrau, setzte die Puppe auf den Kaminsims und vergaß sie umgehend, voraussichtlich bis zum nächsten Jahr.

Am Abend fuhren Kutschen in der Jamskaja-Straße vor. Festlich gekleidete Damen und Herren mit Blumen und Geschenkpäckchen betraten das Haus und fuhren im Lift mit den Spiegeln in den dritten Stock hinauf.

Universitätsprofessoren mit ihren Frauen, Ärzte aus dem Lazarett, der Anwalt Brjanzew – ein molliger goldrosa blonder Mann, der aussah wie ein gealterter Engel von einem Rubensgemälde. Der Apotheker Kadotschnikow in seinen obligaten Filzstiefeln, die er wegen seiner kranken Gelenke das ganze Jahr trug, aber zur Feier des Geburtstages in einer Hose mit Biesen, einem Gehrock und gestärkter Wäsche. Tanjas Freundinnen aus dem Gymnasium, die Dramatikerin Ljubow Sharskaja, eine alte Freundin des Professors – eine große, schrecklich dünne Dame mit einem hochtoupierten roten Pony bis zu den Brauen und der üblichen Papirossa im dunkelroten Mundwinkel. Einige finstere, hochmütige Philosophiestudenten, Freunde von Wolodja, und schließlich seine Liebe, die geheimnisvolle Renata, deren Gesicht vom Puder bläulich war und deren Augen einen ovalen Trauerrahmen hatten.

Diese buntgemischte Gesellschaft lief im Wohnzimmer herum, lachte, spottete, tratschte, trank Limonade und teuren französischen Portwein und füllte die Aschenbecher mit Zigarettenkippen und Mandarinenschalen.

»Im Haus der Dichter gibt es einen literarischen Abend, mit Balmont und Block. Gehst du hin?«, flüsterte Soja Wels, eine Klassenkameradin von Tanja, ein schüchternes stämmiges Mädchen. Ihr Gesicht war voller Sommersprossen. Die riesigen blauen Augen sahen aus wie zwei Stückchen Himmel zwischen düsterem Wolkengekräusel.

Renata, die in einer anderen Ecke des Zimmers einsam in einem Sessel saß und rauchte, brach plötzlich in ein helles Nixenlachen aus, so laut, dass alle verstummten und sie anstarrten. Auch sie verstummte, ohne zu erklären, was sie so erheitert hatte.

»Na, bist du zufrieden? Amüsierst du dich?«, fragte der Professor und küsste seine Tochter im Vorbeigehen auf die Wange.

»Aber ja!«, flüsterte Tanja.

Beim Abendessen sprachen sie über Rasputin. Die Dramatikerin bat den Anwalt Brjanzew, von der nasenlosen Bäuerin zu erzählen, die einige Jahre zuvor ein Attentat auf den Wunderheiler der Zarin verübt hatte. Die Bäuerin Chionija Gussewa hatte Rasputin in seinem sibirischen Heimatdorf Pokrowskoje einen Dolch in den Bauch gestoßen, als er nach dem Frühgottesdienst aus der Kirche kam. Die Zeitungen überschlugen sich. Die Journalisten wetteiferten miteinander um die wahnwitzigsten Hypothesen. Der Wunderheiler überlebte. Die Bäuerin wurde für unzurechnungsfähig erklärt und in eine Heilanstalt für Geisteskranke in Tomsk gesperrt.

»Wäre es zu einem Prozess gekommen, dann hätten Sie bestimmt ihre Verteidigung übernommen, Roman Ignatjewitsch«, sagte die Dramatikerin, während sie sich akkurat ein Stück vom Putenfilet abschnitt.

»Auf keinen Fall.« Der Anwalt runzelte die Brauen und schüttelte den blonden Lockenkopf. »Als noch offen war, ob es zum Prozess kommen würde, habe ich das entschieden abgelehnt.«

»Warum?«, fragte Wolodja.

»Aus Possenspielen halte ich mich lieber heraus. Sie verhelfen einem zwar zu schnellem Ruhm, mitunter auch zu gutem Geld, aber sie sind schlecht für den Ruf. Hätte die Gussewa ihn ins Herz gestochen und getötet, dann hätte ich sie mit Vergnügen verteidigt und bewiesen, dass sie durch ihre mutige Tat Russland gerettet hat.«

»Was war eigentlich mit ihrer Nase?«, platzte Soja heraus und wurde erneut puterrot.

»Syphilis wahrscheinlich.« Der Anwalt zuckte die Achseln. »Obwohl sie behauptete, sie habe nie an dieser beschämenden Krankheit gelitten und sei überhaupt Jungfrau.«

»Aber ist sie denn nun verrückt oder nicht?«, fragte Doktor Agapkin.

»Ich würde sie nicht als psychisch gesund bezeichnen«, antwortete der Anwalt.

»Und Rasputin? Sie haben ihn doch aus der Nähe gesehen. Was ist er Ihrer Meinung nach? Ein Verrückter oder ein kaltblütiger Gauner?«

»Ich habe ihn nur ein Mal gesehen, zufällig, im ›Jar‹. Er hat dort ein unwürdiges Trinkgelage mit Zigeunern veranstaltet.« Der Anwalt war des Themas sichtlich überdrüssig, er wollte sich endlich dem Stör in Aspik widmen.

»Aber warum nimmt dieser schmutzige sibirische Bauer so viel Platz ein in der Politik, in den Köpfen und Herzen der Menschen?«, fragte die Dramatikerin nachdenklich.

»Schreiben Sie doch ein Stück über ihn«, schlug Wolodja vor. »Übrigens hat Tanja eine von Papas Laborratten nach ihm benannt.«

»Die nämliche, die verjüngt wurde?«, fragte Renata.

Abgesehen von ihrem Lachanfall war dies ihre erste Äußerung an diesem Abend. Ihre Stimme war hoch und schrill.

Der Professor wandte sich mit dem ganzen Oberkörper zu ihr um, eine Gabel mit einem Stück Lachs in der Hand, dann sah er Wolodja an. Agapkin presste sich eine Serviette auf die Lippen und hustete laut.

»Herrschaften, trinken wir auf das Wohl des Geburtstagskindes«, schlug der Apotheker Kadotschnikow vor.

»Ihr Dienstmädchen Klawdija ist die Cousine meiner Schneiderin«, erklärte Renata gelassen, wonach alle anstießen und auf Tanjas Wohl tranken.

Es wurde still. Alle schauten den Professor an, manche mitfühlend, andere neugierig. Tanja, die neben ihrem Vater saß, drückte unterm Tisch fest sein Knie.

»Ich bitte dich, Michail, streite es nicht ab, sag nicht, das Dienstmädchen hätte sich das nur ausgedacht oder etwas verwechselt. Ich weiß, dass es die Wahrheit ist, denn du bist ein Genie!«, haspelte die Dramatikerin, ohne Luft zu holen. »Wie hast du das geschafft, sag, wie?«

Der Professor schob sich das Stück Lachs in den Mund, kaute, tupfte sich mit einer Serviette die Lippen ab und begann: »Vor ein paar Monaten veranstaltete unser oberer Nachbar, Herr Bublikow, wieder einmal eine spiritistische Sitzung.

Diesmal erwartete er den Geist des Grafen Saint Germain2.

Davon wusste ich natürlich nichts, ich saß in meinem Labor. Plötzlich klappte das Fenster, und die Dielen knarrten. Er war äußerst elegant und liebenswürdig, trotz seiner Durchsichtigkeit. Ich sagte zu ihm, er habe sich gewiss in der Adresse geirrt, er müsse eine Etage höher. Er erwiderte, bei Bublikow sei es langweilig, bekundete Interesse für mein Mikroskop und fragte mich über Neues in der Medizin aus. Wir redeten bis zum Morgengrauen. Bevor er verschwand, gab er mir zur Erinnerung ein kleines Fläschchen und sagte, das sei sein berühmtes Elixier. Ich war so kühn, zu fragen, warum ich dann mit einem durchsichtigen Geist spräche und nicht mit einem lebendigen Menschen. Er antwortete, er könne seit langem von einem Zustand in den anderen wechseln, nämlich mittels Transmutation, etwa so, wie Wasser je nach Temperatur zu Eis oder zu Dampf wird. In gasförmigem Zustand könne man sich weit bequemer im Raum bewegen. Ich war so beeindruckt und erschöpft von der schlaflosen Nacht, dass ich unmerklich am Schreibtisch im Labor einschlief. Nach zwei Stunden wachte ich auf, erblickte das seltsame Fläschchen, erinnerte mich an alles, misstraute jedoch meiner Erinnerung und entschied, dass es nur ein Traum gewesen war. Den Inhalt des Fläschchens habe ich in den Behälter gekippt, aus dem die Ratte trinkt. Nun, und dann geschah das, was unser Dienstmädchen der Schneiderin dieser bezaubernden Dame erzählt hat.«

Erneut trat eine Pause ein. Potapow klatschte lautlos Beifall. Der alte Apotheker nieste und entschuldigte sich.

»Alles?«, flüsterte Soja laut. »Haben Sie alles aus der Flasche in den Rattenbehälter gefüllt, bis auf den letzten Tropfen?«

Moskau 2006

Sofja hatte Nolik nicht zurückkommen gehört. Er hatte Schlüssel mitgenommen und die Wohnung sehr leise betreten. Sie zuckte zusammen und hätte vor Angst beinahe aufgeschrien, als er im Zimmer auftauchte. Die Fotos waren auf dem Tisch ausgebreitet. Daneben stand die offene Aktentasche. Nolik tippte mit dem Finger auf das Foto des jungen Paares aus dem Jahr 1939.

»An wen erinnert sie mich? Hast du eine Ahnung?«

»Wer?«

»Das Mädchen. Das hier, mit dem Zopf.«

Nolik kniff die Augen ein und hielt sich das Foto dicht vor die Augen.

»Hast du die Medikamente gekauft?«, fragte Sofja.

»Ja, natürlich. Hier.« Er legte den Beutel aus der Apotheke auf den Tisch. »Ein Fieberthermometer ist auch drin. Sei so gut und miss bitte mal. Mein Gott, wo könnte ich sie schon einmal gesehen haben?«

»Nirgendwo. Das war 1939.« Sofja klemmte sich das Thermometer unter die Achsel.

»Ach!« Nolik schlug sich klatschend gegen die Stirn. »Sofie, ich bin ein Trottel! Warte, gleich!«

Er rannte in den Flur, kam umgehend zurück und überreichte Sofja ein kleines Päckchen. Es enthielt Parfüm. Sofja öffnete die Schachtel, dann den Flakon, roch daran und lächelte.

»Warte, das ist noch nicht alles!« Nolik schwenkte ein Kärtchen vor ihrer Nase. »Hier, das ist besser als jedes Parfüm, sogar besser als die Rosen von dem unbekannten I. S.!«

»Was ist das?«

»Na, lies doch!«

Sofja griff nach der Visitenkarte.

»›Valeri Pawlowitsch Kulik‹. Wer ist das?«

»Du bist gut! Dein ehemaliger Dozent! Ein Professor von deiner Biofakultät! Na? Erinnerst du dich? Hör mal, Sofie, bist du wenigstens imstande, eine wichtige positive Information aufzunehmen? Das ist doch toll! Das ist super! Er war vorgestern bei uns im Sender. Wir haben uns in der Raucherecke zufällig getroffen. Er schaut mich an, ich ihn. Er fragt: ›Wo sind wir beide uns schon mal begegnet?‹ Ich hab nur dumm gekuckt und konnte mich auch nicht erinnern. Dann ist es ihm eingefallen. Auf deiner Absolventenfeier an der Uni, da hast du uns einander vorgestellt. Also, er hat mich nach dir ausgefragt, sich erkundigt, wie es dir geht und wo du arbeitest. Er hat gesagt, er sucht dringend nach dir.«

»Da muss er doch nicht lange suchen«, sagte Sofja leise, ohne die Augen zu öffnen, »in der Fakultät haben sie noch meine Adresse und meine Telefonnummer.«

»Das hat er alles, aber du gehst seit fast einer Woche nicht ans Telefon, und da dachte er, du wärst vielleicht umgezogen oder hättest eine neue Telefonnummer. Na, und da laufe ich ihm über den Weg. Das ist Schicksal, Sofie! Nun lies schon, was auf der Visitenkarte steht.«

»Biology tomorrow«, las Sofja vor. »Internationale Nichtregierungsorganisation ›Fonds zur Förderung wissenschaftlicher Initiativen‹. Institut für experimentelle Biotechnologien. Geschäftsführender Direktor Valeri Pawlowitsch Kulik.«

»Ruf ihn an, gleich heute! Du siehst ja, er hat sogar seine Mobilfunknummer dazugeschrieben. Er möchte dir eine Stelle anbieten. Sofie, das bedeutet ein ganz anderes Einkommen, ganz andere Perspektiven. Ich freue mich schrecklich für dich!«

»Vor einem halben Jahr habe ich meinen Lebenslauf dorthin geschickt«, sagte Sofja, »und sie haben mich abgelehnt.«

Nolik machte ein langes Gesicht.

»Na … Alles fließt, alles verändert sich«, entgegnete er tiefsinnig. »Jetzt wollen sie dich jedenfalls.«

Sofja zog das Fieberthermometer hervor. Neununddreißig fünf.

»Soll ich über Nacht hierbleiben?«, fragte Nolik. »Ich muss früh zum Synchron, für rund drei Stunden. Wenn du willst, komme ich danach gleich wieder her, ja? Ich könnte bleiben, bis deine Mutter kommt, und sie mit dem Taxi abholen. Ich habe nur kein Geld. Sie zahlen erst Ende des Monats.«

»Ich hole sie selber ab, bis morgen Abend bin ich wieder fit. Aber bleib ruhig hier. Wozu sonst die Ausgabe für das Fieberthermometer?«

»Wieso?«

»Na ja, das braucht man doch nur, damit jemand ›ach!‹ sagt, wenn er sieht, wie hoch das Fieber ist. Wenn man als Kranker allein ist, sagt keiner ›ach!‹. Hol den Wodka aus dem Tiefkühler, verdünn ihn mit Wasser, feuchte ein Handtuch damit an und leg es mir auf die Stirn. Aber nicht trinken, ja? Wenn du trinkst, werfe ich dich raus.«

Sofjas Zunge verhedderte sich. Nolik brachte sie zur Couch und ging in die Küche. Sofja kam der Gedanke, dass nicht die Krankheit schuld war an ihrem Fieber, sondern die Aufregung.

»Biologie morgen« – das war der Traum jedes Wissenschaftlers, vor allem junger Spezialisten, aber es war furchtbar schwer, dort reinzukommen, selbst wenn man Englisch und Deutsch sprach, einen Doktortitel hatte und genau wusste, dass man für die Biologie geboren war.

Sofja befasste sich mit der Apoptose, dem programmierten Tod, besser gesagt, dem Selbstmord der lebenden Zelle. Das Thema war seit einigen Jahren sehr in Mode, weil es die Frage des Alterns und einer möglichen Lebensverlängerung berührte.

Jede Minute sterben in jedem lebendigen Organismus Milliarden Zellen, und andere werden geboren, aber von Minute zu Minute verschiebt sich das Verhältnis zwischen beiden immer weiter in Richtung Tod. Von allem, was lebt, sind nur Amöben, Bakterien und Krebszellen unsterblich. Sie können ewig leben. Sie fressen und teilen sich, teilen sich und fressen.

»Das heißt, wir können etwas von ihnen lernen«, hatte Professor Michail Sweschnikow schon 1909 in einer seiner Vorlesungen gesagt.

2002 erhielten drei Wissenschaftler, zwei Engländer und ein Amerikaner, den Nobelpreis für die Entdeckung des genetisch programmierten Zellsterbens. Sie hatten unterm Mikroskop beobachtet, wie ein nur einen Millimeter langer Fadenwurm lebt und stirbt, und die Gene gefunden, in denen der Selbstmord der Zelle programmiert ist. Und dann hatten sie nachgewiesen, dass auch das Genom des Menschen solche Gene enthält und diese die gleiche Funktion erfüllen. Diese Entdeckung eröffnete phantastische Perspektiven für die Behandlung von AIDS, Krebs und Herzinfarkten. Viele Biologen sprachen von der Möglichkeit, das Genom des Menschen zu verändern, Krebszellen so zu programmieren, dass sie von selbst absterben, oder umgekehrt das Programm auszuschalten, das bei einem Infarkt zum Absterben von Gewebezellen im Herzen führt. Für diese Forschungen wurden enorme Gelder zur Verfügung gestellt, es fanden sich freiwillige Versuchspersonen, es wurden Kliniken eröffnet, in denen wenig erforschte Methoden in der medizinischen Praxis angewandt wurden, das Internet, Zeitungen und Zeitschriften wurden überflutet von Werbung für universelle genetische Methoden zur Behandlung menschlicher Leiden, einschließlich Alter und Tod.

All dem war auch ihr Doktorvater verfallen, Boris Iwanowitsch Melnik, genannt Bim, Biologe und ein Freund ihres Vaters.

Bim hatte viele Jahre lang den nämlichen Fadenwurm erforscht, mit dem gleichen Ziel wie die beiden Engländer und der Amerikaner, und war, was ihn besonders ärgerte, zu den gleichen Ergebnissen gekommen wie diese, und zwar ein Jahr früher. Aber Bim arbeitete in einem bettelarmen, gottverlassenen kleinen Forschungsinstitut für Histologie, hatte keine Ausrüstung, kein Geld, verdiente lächerlich wenig und rannte immer wieder gegen die ewige Wand aus Dummheit, Feigheit und Korruptheit der russischen Wissenschaftsbeamten an. Der fremde Nobelpreis 2002 brachte das Fass zum Überlaufen. Er gab ein Interview nach dem anderen und verkündete überall, dass er an neuen Verfahren zur Lebensverlängerung arbeite. Ihm als habilitiertem Biologen fiel es nicht schwer, eine neue, durchaus logische Theorie zu erfinden, die besagte, dass die moderne Biologie Arm in Arm mit der Genetik Alter und Tod besiegen könne. Man glaubte ihm, wie man heidnischen Schamanen, mittelalterlichen Hexern, Alchemisten und Abenteurern aller Zeiten und Völker geglaubt hatte, einfach deshalb, weil man so sehr daran glauben wollte. Aber damit nicht genug – irgendwann glaubte Bim plötzlich selbst an den hochtrabenden Stuss, den er Journalisten und Laien in Internetforen servierte.

Bim wurde berühmt. Weil Sofja, seine treue Assistentin, immer an und auf seiner Seite gewesen war, wollte er sie zu Fernsehinterviews mitnehmen, doch sie erfand triftige Gründe, um ihn nicht begleiten zu müssen. Sie schämte sich und hatte Angst, ihm die Wahrheit zu sagen. Eigentlich wollte sie das Labor nicht verlassen, doch ihr Doktorvater hatte eindeutig den Verstand verloren. Also entschied sie zu gehen, wusste aber nicht, wohin. Ihr Problem war, dass sie eine wissenschaftliche Arbeit wollte, keinen gewissenlosen Kommerz unter dem Deckmantel der Wissenschaft. Diese Möglichkeit sah sie gegenwärtig nur in einer Organisation gegeben – »Biologie morgen«. Und nun tauchte wie auf den Wink eines Zauberstabs dieser Kulik auf.

Ich muss was gegen das Fieber nehmen und einfach ein bisschen schlafen, dachte Sofja. Das sind zu viele Fragen für einen kranken Kopf, an dem auch noch das Ohr wehtut. Kulik ist ein Windhund und ein Gauner, kein Wissenschaftler, aber vielleicht ist das für die Verwaltungsarbeit genau das Richtige. Er ist da Geschäftsführer, also verwaltet er das Geld, Fonds und Fördermittel. Ihn persönlich interessieren meine Forschungen wohl kaum, die sind ihm scheißegal. Aber irgendwer dort kümmert sich um die wissenschaftlichen Belange und hat Kulik aufgetragen, Kontakt zu mir aufzunehmen. Wieso auf einmal? Und wie ist ein Foto des großen Sweschnikow zwischen die Fotos in Papas Tasche geraten? Haben die beiden Dinge vielleicht miteinander zu tun? Nein. Unsinn. Das ist das Fieber, ich phantasiere. Mein Gott, ich habe Schüttelfrost. Wo bleibt nur Nolik?

Sie fiel fast von der Liege, als Nolik ihr ein nasses, nach Wodka riechendes Handtuch ins Gesicht klatschte.

»Herrgott, du hättest es wenigstens auswringen können!«, stöhnte Sofja.

Moskau 1916

Die Gäste waren gegangen, und der Professor zog sich mit Agapkin in sein Arbeitszimmer zurück.

»Seien Sie mir nicht böse, Fjodor«, sagte Sweschnikow, während er sich in einen Sessel niederließ und mit einer dicken krummen Schere die Zigarrenspitze kürzte. »Ich weiß, wie leicht Sie sich für etwas begeistern und wie sehr Sie unter Enttäuschungen leiden. Ich wollte Sie nicht mit Bagatellen behelligen.«

»Von wegen Bagatellen!« Agapkin kniff die Augen zusammen und entblößte seine großen weißen Zähne. »Sind Sie sich überhaupt darüber im Klaren, was da geschehen ist? Zum ersten Mal in der Geschichte der Medizin seit Hippokrates ist es gelungen, einen lebendigen Organismus zu verjüngen!«

Der Professor lachte fröhlich.

»Mein Gott, Fjodor, Sie nicht auch noch! Ich verstehe ja, wenn Hausmädchen, romantische Fräuleins und nervöse Damen so reden, aber Sie sind immerhin Arzt, ein gebildeter Mann.«

Agapkins Gesicht wurde ernst. Er zog eine Papirossa aus seinem silbernen Etui.

»Michail Wladimirowitsch, Sie haben mich die letzten zwei Wochen nicht in Ihr Labor gelassen, Sie haben alles allein gemacht«, sagte er in heiserem Flüsterton, »erlauben Sie mir wenigstens, einen Blick auf ihn zu werfen.«

»Auf wen?« Der Professor lachte noch immer, zündete ein Streichholz an und gab Agapkin Feuer.

»Auf Grigori III. natürlich.«

»Bitte, gehen Sie rein und schauen Sie, so viel Sie wollen. Aber kommen Sie nicht auf die Idee, den Käfig zu öffnen. Übrigens ist es nicht wahr, dass ich Sie nicht ins Labor gelassen habe. Sie selbst haben mich vor Tanjas Geburtstag um einen kurzen Urlaub gebeten, soweit ich mich erinnere, wegen geheimnisvoller persönlicher Umstände.«

»Nun ja, entschuldigen Sie. Aber ich wusste ja nicht, dass Sie mit einer neuen Versuchsreihe begonnen hatten! Hätte ich das geahnt, hätte ich diese persönlichen Umstände zum Teufel geschickt!« Agapkin zog gierig an seiner Papirossa und drückte sie gleich darauf aus.

»Schämen Sie sich nicht, Fjodor?« Der Professor schüttelte den Kopf. »Wenn ich es richtig verstanden habe, ging es um Ihre Braut. Wie können Sie die zum Teufel schicken?«

»Ach, das Ganze hat sich zerschlagen.« Agapkin verzog das Gesicht und winkte ab. »Lassen wir das. Also, zeigen Sie mir die Ratte?«

»Ja, ich zeige sie Ihnen und erzähle Ihnen alles, keine Angst. Aber unter einer Bedingung: Wir reden nicht von einer Verjüngung. Was mit Grigori III. geschehen ist, war lediglich ein Zufall oder höchstens ein überraschender Nebeneffekt. Ich hatte keine großen Pläne, die Arbeit im Lazarett ermüdet mich zurzeit sehr, ich habe überhaupt keine Kraft und keine Zeit für ernsthafte wissenschaftliche Arbeit. Im Labor entspanne ich nur, befriedige meine Neugier. Ich hatte keineswegs vor, die Ratte zu verjüngen. Ich glaube, ich habe Ihnen erzählt, dass mich seit vielen Jahren das Rätsel der Epiphyse beschäftigt. Wir leben bereits im zwanzigsten Jahrhundert, aber noch immer weiß niemand, wozu dieses kleine Ding gut ist, die Zirbeldrüse.«

»Die moderne Wissenschaft hält die Epiphyse für ein nutzloses rudimentäres Organ«, sagte Agapkin rasch.

»Unsinn. Nichts im Organismus ist nutzlos und überflüssig. Die Epiphyse ist das geometrische Zentrum des Gehirns, ohne ein Teil davon zu sein. Abbildungen der Epiphyse gibt es auf ägyptischen Papyrusrollen. Die alten Hindus glaubten, sie sei das dritte Auge, das Organ der Hellseher. René Descartes vermutete in der Epiphyse den Sitz der unsterblichen Seele. Bei einigen Wirbeltieren ist diese Drüse geformt und aufgebaut wie ein Auge, und bei allen, auch beim Menschen, ist sie lichtempfindlich. Ich habe das Gehirn der alten Ratte geöffnet, aber nichts entfernt oder transplantiert, die alte Hypophyse nicht durch eine neue ersetzt – das hatte ich bereits viele Male getan, immer erfolglos. Ich habe nur den frischen Extrakt der Epiphyse einer jungen Ratte injiziert.«

Der Professor sprach ruhig und nachdenklich, als redete er mit sich selbst.

»Das ist alles?« Agapkins Augen quollen hervor wie bei einem Basedow-Kranken.

»Das ist alles. Dann habe ich sie zugenäht, wie es sich nach einer solchen Operation gehört.«

»Das alles ist Ihnen in vivo gelungen?«, fragte Agapkin nach einem dumpfen Räuspern.

»Ja, zum ersten Mal in meiner langjährigen Praxis ist die Ratte nicht gestorben, obwohl das eigentlich zu erwarten war. Wissen Sie, an diesem Abend lief nichts richtig. Zweimal wurde der Strom abgeschaltet, die Ätherflasche ist zerbrochen, meine Augen tränten, meine Brille war beschlagen.«

Aus dem Salon drangen gedämpfte Stimmen und Musik.

»Sie amüsieren sich dort offenbar noch immer«, murmelte der Professor und sah auf die Uhr. »Andrej gehört eigentlich ins Bett.«

Im Salon ging es tatsächlich lustig zu. Wolodja hatte das Grammophon erneut aufgezogen und schlug vor, Blindekuh zu spielen. Tanja lachte, als Andrej ihr zum Gesang der Plewitzkaja die Augen mit einem schwarzen Seidenschal verband. Er flüsterte ihr ins Ohr: »Weißt du, warum Papa sich verschluckt hat, als er beim Frühstück von Liebe sprach?«

»Weil er vor seiner Rede das Roastbeef nicht richtig durchgekaut hat«, antwortete Tanja lachend.

»Ach was, das Roastbeef! Gestern Abend, als wir beide im Theater waren, hat Oberst Danilow Papa besucht und mit ihm über dich gesprochen.«

»Danilow?« Tanja hickste vor Lachen. »Der grauhaarige Alte, über mich? Was für ein Unsinn!«

»Er hatte die Frechheit, um deine Hand anzuhalten. Ich hab zufällig gehört, wie Marina mit der Kinderfrau darüber getratscht hat.«

»Du hast gelauscht? Du hast das Geschwätz des Personals belauscht?«, zischte Tanja böse.

»Ph, von wegen!« Andrej zog aus Rache den Knoten ganz fest, wobei er auch eine Haarsträhne erwischte. »Die Kinderfrau ist stocktaub, die beiden haben gebrüllt, dass man es in der ganzen Wohnung hörte.«

»He, das tut weh!«, kreischte Tanja.

»Wenn er im Krieg nicht getötet wird, dann fordere ich ihn zum Duell! Auf zehn Schritt. Er schießt besser als ich, er wird mich im Nu umbringen, und das ist dann deine Schuld«, erklärte Andrej, umfasste Tanjas Schultern und drehte sie wie einen Brummkreisel.

»Dummkopf!« Tanja wäre beinahe gefallen; sie stieß ihren Bruder mit einer übertrieben kindlichen Bewegung von sich, befreite die Haarsträhne, wobei sie ihr Haar noch heilloser durcheinanderbrachte, und erstarrte mitten im Salon in vollkommener, samtiger Dunkelheit, die sich rasch mit Gerüchen und Geräuschen füllte. Sie kamen ihr intensiver und bedeutsamer vor als im normalen, sehenden Leben.

Er hat es gewagt. Er ist verrückt geworden. Er könnte im Krieg getötet werden. Seine Frau! Was zum Teufel wäre ich für eine Ehefrau?, dachte Tanja, während sie in die warme Luft im Salon tastete und schnupperte.

Ihre Nasenflügel bebten, in der Finsternis vor ihren Augen tanzten bunte Kreise.

Durch die hohe Stimme vom Grammophon und das trockene Knacken der Nadel hindurch hörte Tanja die alte Kinderfrau im Samtsessel deutlich schnaufen und nahm wahr, dass sie nach Vanillezwieback roch. Von links, aus dem Anrichtezimmer, drangen Geschirrklappern und der aufdringliche Geruch nach Nelkenrasierwasser. Damit übergoss sich der Diener Stjopa jeden Morgen. Aus dem Arbeitszimmer des Vaters wehte ein weicher Honiggeruch nach Zigarre. Tanja tat ein paar unsichere Schritte ins Ungewisse. Sie hörte Andrejs gespieltes Lachen und einen kunstvollen Pfiff von Wolodja. Plötzlich umfing sie eine trockene Hitze. Sie fürchtete, gleich gegen den Ofen zu prallen, doch da stieß sie auf etwas Großes, Warmes, Raues.

»Tanja«, murmelte Oberst Danilow. »Tanetschka.«

Mehr brachte er nicht heraus. Er war gerade erst in den Salon gekommen und sofort mit der »blinden« Tanja zusammengestoßen. Sie umarmten sich – eher unabsichtlich, linkisch, und erstarrten. Sie spürte, wie schnell sein Herz schlug. Er berührte mit den Lippen ihren Kopf, die schmale, weiße Linie ihres Scheitels.

Tanja stieß Danilow von sich, riss sich die schwarze Augenbinde ab und versuchte, ihr Haar zu entwirren.

»Nun helfen Sie mir doch, Pawel Nikolajewitsch!« Ihre Stimme kam ihr selbst unangenehm schrill vor.

Dem Oberst zitterten ein wenig die Hände, als er die Haarsträhnen aus dem Knoten befreite. Tanja verspürte den Wunsch, ihn zu schlagen und zu küssen, wünschte sich, dass er augenblicklich verschwand und dass er nie wieder fortging. Endlich konnte sie wieder sehen. Er stand vor ihr, den schwarzen Schal in den Händen knautschend. Sie spürte, dass ihre Wangen glühten.

Als sie Oberst Danilow alt und grau genannt hatte, war sie unaufrichtig gewesen, vor allem sich selbst gegenüber. Danilow war siebenunddreißig. Er war nicht sehr groß, kräftig gebaut, hatte wasserhelle Augen und war an der Front ergraut, im japanischen Krieg. Tanja träumte fast jede Nacht von ihm. Es waren ganz und gar unschickliche Träume. Sie ärgerte sich darüber, und wenn sie sich begegneten, fürchtete sie sich, ihm in die Augen zu schauen, als wäre zwischen ihnen tatsächlich bereits jenes Beschämende, Heiße, Unheimliche geschehen, wovon sie seit über einem Jahr mitten in der Nacht aufwachte, dann gierig Wasser trank und zum Spiegel lief, um sich im schwachen Licht der Straßenlampe, das ins Schlafzimmerfenster fiel, im Spiegel zu betrachten.

In den ersten Unterrichtsstunden im Gymnasium gähnte Tanja, blinzelte und kaute an ihrem langen hellen Zopf. Dann vergaß sie den Traum und lebte weiter wie immer – bis zur nächsten Nacht.

Wolodja spottete, seine Schwester habe sich in einen alten Monarchisten verliebt, einen finsteren Reaktionär, und nun müsse sie wohl oder übel in ihrem Zimmer ein Familienbild der Romanows aufhängen, den Oberst heiraten, ihm Kinder gebären, dick werden, verdummen und sich an einen Stickrahmen setzen.

Andrej war düster und beredt eifersüchtig. Er war gerade zwölf geworden. Seine Mutter war bei seiner Geburt gestorben. Tanja war der Mutter ähnlich und kümmerte sich viel um den kleinen Bruder. Die Kinderfrau hatte dem Jungen eingeredet, seine Mutter sei nun ein Engel und schaue vom Himmel auf ihn herunter. Andrej hatte sich eingeredet, Tanja sei die rechtmäßige irdische Stellvertreterin von Mamas Engel und müsse deshalb ihre Engelspflichten brav erfüllen. Tanjas Verehrern begegnete er hochmütig, verachtete sie und bedauerte sie manchmal sogar. Nur Oberst Danilow hasste er, still und verbissen.

Unsinn, das hat sich Andrej nur ausgedacht, entschied Tanja und trat ans Regal, um eine Schallplatte herauszusuchen.

Andrej stellte sich neben sie, mit dem Rücken zu dem Gast, und legte seinen Kopf auf die Schulter der Schwester. Sie waren fast gleich groß, und er verrenkte sich fast den Hals. Der Oberst stand noch immer mitten im Zimmer. Nach einer Weile räusperte er sich und sagte leise: »Tatjana Michailowna, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, hier ist Ihr Geschenk.« Er zog ein kleines Juwelieretui aus der Tasche und hielt es Tanja hin.

Plötzlich erschrak Tanja. Sie begriff, dass das kein Unsinn war, dass Danilow tatsächlich mit ihrem Vater über sie gesprochen hatte, doch der war so beschäftigt mit seinen Reagenzgläsern und Ratten, dass er sich nicht die Mühe gemacht hatte, Tanja etwas davon zu sagen.

Das kleine goldene Schloss ließ sich nicht öffnen, und Tanja brach sich einen Fingernagel ab.

»Lass mich mal«, meldete sich Wolodja, der bis dahin in einem Sessel gesessen und zerstreut in einer Zeitschrift geblättert hatte.

Im ersten Moment glaubte Tanja, auf dem blauen Samt säße ein lebendiges Glühwürmchen. Wolodja stieß einen Pfiff aus. Andrej fauchte verächtlich und murmelte: »Ph, ein Glassteinchen!« Danilow schob den Weißgoldring mit dem kleinen, unglaublich klaren und durchsichtigen Stein auf Tanjas Ringfinger. Er passte wie angegossen.

»Den hat schon meine Urgroßmutter getragen«, sagte der Oberst, »und dann meine Großmutter und meine Mutter. Ich habe niemanden außer Ihnen, Tatjana Michailowna. Mein Urlaub geht zu Ende, morgen muss ich zurück an die Front. Auf mich wartet niemand. Verzeihen Sie.« Er küsste Tanja die Hand und verließ rasch das Zimmer.

»Der Ärmste«, zischte Andrej aus seiner Ecke.

»Was ist, wieso stehst du da wie angewurzelt?«, spottete Wolodja. »Lauf ihm nach, fang an zu weinen, sag: Ach, Liebster, ich bin dein!«

»Seid still, ihr zwei Idioten!«, rief Tanja unerklärlicherweise auf Englisch und lief Danilow nach.

»Kinder, was ist passiert? Wohin will Tanja so eilig? Wo ist Michail?«, hörte sie die Stimme der Kinderfrau in ihrem Rücken.

In der Diele zog der Oberst gerade seinen Mantel an.

»Morgen?«, fragte Tanja dumpf.

Ohne recht zu wissen, was sie tat, packte sie ihn am Mantelkragen, zog ihn an sich, barg ihr Gesicht an seiner Brust und murmelte: »Nein, nein, ich werde Sie auf keinen Fall heiraten. Ich liebe Sie viel zu sehr, und eine Ehe, das ist niedrig und öde. Und merken Sie sich eins: Wenn Sie dort getötet werden, dann werde ich nicht weiterleben.«

Er streichelte ihren Kopf und küsste sie auf die Stirn.

»Wenn Sie auf mich warten, Tanja, dann werde ich auch nicht getötet. Wenn ich zurückkomme, heiraten wir. Michail Wladimirowitsch hat gesagt, das sollten Sie entscheiden. Er sehe nichts, was dem entgegenstünde. Bis auf den Krieg, aber der ist ja hoffentlich bald vorbei.«

Moskau 2006

Sofja erwachte mitten in der Nacht von einem seltsamen Geräusch, als ließe hinter der Wand jemand ein Motorrad an. Eine Weile lag sie da, ohne etwas zu begreifen, und blickte an die Decke. Es war kalt, draußen tobte ein Schneesturm. Sie sollte aufstehen, das Fenster schließen und sehen, was dort draußen vorging.

Auf dem Display ihres Mobiltelefons leuchtete die Uhrzeit: halb vier. Sie mochte nicht mehr schlafen. Das Fieber war gesunken. Endlich begriff Sofja, dass sie im Zimmer ihres Vaters eingeschlafen war, auf seiner Liege, und dass hinter der Wand Nolik schnarchte.

Draußen vorm Fenster schwankte eine Straßenlaterne im Wind, die Schatten an der Decke und an den Wänden bewegten sich. Sofja hatte plötzlich das Gefühl, als hätte das Zimmer ein eigenes geheimes nächtliches Leben und als wäre sie, Sofja, hier überflüssig. Als dürfte niemand sehen, wie tragisch sich die Schreibtischlampe neigte, wie die Vorhänge zitterten, wie das riesige rechteckige Auge, der Spiegel des Kleiderschranks, von Tränenfeuchte beschlagen, glänzte. Sobald sie sich bewegte, quietschte die Liege.

»Du liegst hier rum?«, hörte Sofja. »Meinst du nicht, dein geliebter Papa könnte ermordet worden sein?«

»Von wem? Warum?«, rief Sofja erschrocken, erwachte vom Klang ihrer eigenen Stimme endgültig und schaltete das Licht ein.

Die Diagnose des Notarztes hatte bei niemandem Zweifel geweckt: Akutes Herzversagen. Sofja war an diesem Tag wie benommen gewesen, hatte mechanisch alle Fragen beantwortet und in ein liniertes Formular geschrieben, was der Arzt und ein Milizionär ihr diktierten:

»Ich, Sofja Dmitrijewna Lukjanowa, geboren 1976, wohnhaft da und da, kam am soundsovielten um soundsoviel Uhr in das Zimmer meines Vaters. Er lag im Bett, auf dem Rücken, unter einer Decke. Atmung und Puls waren nicht zu spüren, seine Haut fühlte sich kalt an …«

Sie hatte immer wieder gesagt, ihr Vater sei gesund gewesen und habe nie über Herzprobleme geklagt, als wollte sie sich selbst beweisen, dass sein Tod ein Missverständnis sei, dass er gleich die Augen öffnen und aufstehen würde.

»Siebenundsechzig, und das in Moskau. Extreme Umweltbelastungen, ständiger Stress«, erklärte der Arzt.

Er war ein älterer, höflicher Mann. Er sagte, einen solchen Tod könne man sich nur wünschen. Ohne Qualen, im Schlaf, im eigenen Bett. Ja, vermutlich hätte er noch zehn, fünfzehn Jahre leben können, aber heutzutage stürben selbst junge Leute wie die Fliegen, und er sei ein alter Mann gewesen.

Die Organisation und die Kosten der Beerdigung und der Totenfeier übernahm das Institut. Bims Frau Kira wich nicht von Sofjas Seite und versorgte sie mit Beruhigungstabletten, doch Sofja hatte heftige Krämpfe in der Kehle, sie schluckte mit Mühe gerade mal eine Kapsel hinunter und musste sich anschließend unentwegt übergeben. Während alle beim Totenschmaus saßen, würgte Sofja im Bad ihr Innerstes nach außen.

Am Tag nach der Beerdigung hatte Sofja Fieber bekommen. Sie ging nicht ans Festnetztelefon. Ihr Mobiltelefon war abgeschaltet, weil das Guthaben aufgebraucht war. Gestern hatte jemand das Konto aufgeladen, und sie war wieder erreichbar.

»Wenn ich ständig darüber nachdenke, werde ich noch verrückt«, sagte sich Sofja, »schließlich ist niemand sonst auf diese Idee gekommen, kein Mensch.«

Sofja presste die Hände gegen die Schläfen und fing an zu weinen.

Inzwischen hatte das Schnarchen aufgehört. Hinter der Wand waren Bewegung, Quietschen, Husten und Schlurfen zu vernehmen. Nolik erschien in der Tür, in eine Decke gehüllt wie in eine römische Toga.

»Was hast du?«, fragte er gähnend.

Sofja weinte weiter und brachte kein Wort heraus. Nolik holte ihr eine Tasse kalten Tee aus der Küche. Sie trank, und ihre Zähne schlugen gegen den Tassenrand.

»Das Fieber ist gesunken«, sagte Nolik, nachdem er ihre Stirn befühlt hatte, »aber wenn du weiter so heulst, steigt es wieder.«

»Geh schlafen«, sagte Sofja.

»Du bist gut!«, empörte sich Nolik. »Würdest du an meiner Stelle etwa gehen? Und einschlafen? Hör mal, du hast mir noch immer nicht erzählt, worüber du gestern mit diesem Kulik geredet hast. Was hat er dir eigentlich angeboten?«

Sofja schluchzte. »Er will sich morgen mit mir treffen. Es geht um irgendein großartiges internationales Projekt, die Schaffung eines bioelektronischen Hybrids. Computergesteuerte Morphogenese in vitro

»Ich verstehe kein Wort.« Nolik runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf.

»Sie wollen nicht einfach nur Gewebe in Reagenzgläsern züchten, sondern diesen Prozess lenken, die Zelle steuern«, erklärte Sofja und wischte sich die Tränen ab. »Theoretisch hat das natürlich mit meinem Thema zu tun, aber es ist trotzdem komisch, dass sie plötzlich so aktiv werden. Kulik hat nicht einmal abgewartet, bis ich mich bei ihm melde, sondern selbst angerufen. Das sieht ihm überhaupt nicht ähnlich.«

»Du hast ein zu geringes Selbstwertgefühl, Sofie. Gib dir einen Ruck, komm zu dir. Das ist doch alles sehr schön für dich. Jetzt muss nur noch dein Ohr wieder gesund werden.«

»Und Papa wieder lebendig«, murmelte Sofja.

»S

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