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Bis du mir gehörst

Für die Schwestern, Pfleger und Ärzte der
Neugeborenenintensivstation und der Mutter-Kind-Station
des Eastern Maine Medical Centers in Bangor, Maine.
Worte allein reichen nicht aus, um zu beschreiben,
wie unendlich dankbar ich Ihnen allen für die liebevolle
Fürsorge und Unterstützung bin, mit der Sie uns
durch dieses Jahr begleitet haben.

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»Hast du die gesehen?«, flüstert Piper mir hinter vorgehaltenem Plastikbecher zu. Sie klammert sich bereits seit zwei Stunden an diesen Plastikbecher mit Wein. Er dient ihr lediglich als Requisite. Piper ist nüchtern. Sie ist immer nüchtern. Und sie hat ein Faible für Dramen.

Ich nicke mit unbewegter Miene. Natürlich habe ich sie gesehen.

Es gibt keine Party, auf der ich nicht bin und auf der Nate nicht von irgendeinem Mädchen angequatscht wird – wenn er sich denn mal blicken lässt. Ich könnte gut darauf verzichten, doch das ist eine der Schattenseiten meines Daseins: Man erwartet von mir, dass ich zu jeder Party komme. Genau wie Piper und der Rest von uns. Es ist unsere Bestimmung und unsere Pflicht, hier zu sein.

Nate gehört nicht zu uns, schon seit Jahren nicht mehr, deshalb taucht er auch nur auf, wenn er Lust dazu hat. Dann dauert es nie lange, bis er mit irgendeinem Mädchen im Schlafzimmer oder in einem dunklen Flur verschwindet. Ich tue so, als würde mir das nichts ausmachen, und alle außer Piper und Grace, mit denen ich mir gerade das Sofa teile, kaufen mir mein Schauspiel ab.

»Die ist nicht mal hübsch«, sagt Piper.

Eine glatte Lüge.

Grace sagt nichts.

Nate als hübsch oder gut aussehend zu bezeichnen, wäre noch untertrieben. Er ist groß und schlank, aber nicht schlaksig, hat kurz geschorene dunkle Haare und Oberarmmuskeln, die den nahezu unwiderstehlichen Drang in mir auslösen, ihn zu berühren. Obwohl er weder reiche noch einflussreiche Eltern hat und somit alles andere als eine gute Partie ist, braucht er quasi nur mit dem Finger zu schnippen, und die Mädchen folgen ihm scharenweise in finstere Ecken.

Wir waren mal Freunde. Er war sogar mein bester Freund. Doch dann ließen sich seine Eltern scheiden und er war wie ausgewechselt. Seitdem beobachte ich ihn nur noch heimlich, ohne dass wir ein Wort miteinander wechseln.

Jedes Mal, wenn er mit irgendeinem Mädchen im Schlepptau an mir vorbeiläuft und unsere Blicke sich treffen, muss ich an meinen letzten Versuch denken, mit ihm zu reden.

Es war die erste Party auf der Highschool, meine Eltern waren mal wieder verreist. Ich saß neben Grace, die gerade aus Philadelphia nach North Carolina in unser kleines, beschauliches Jessup gezogen war.

»Wer ist der Typ dort drüben?«, fragte sie.

»Das ist Nathaniel Bouchet.«

Nate stand im Türrahmen und scannte den Raum wie ein Jäger. Er war schon immer gut gebaut gewesen, doch im Gegensatz zu früher schien er inzwischen dafür zu trainieren. Er sah überhaupt nicht mehr aus wie mein Nate.

Ich erschrak, als mir bewusst wurde, dass ich ihn die ganze Zeit angestarrt hatte und dass ihm das nicht entgangen war.

»Bin gleich wieder da«, sagte ich.

Robert und Reid saßen bei uns, aber das war mir egal. Ich wollte zu Nate und nach ein paar Gläsern Wein hielt mich nicht einmal sein abweisender Blick davon ab, ihn anzusprechen.

Es war eine Ewigkeit her, dass wir uns das letzte Mal unterhalten hatten. Er hatte sich seit Wochen nicht gemeldet und in der Schule erwischte ich ihn auch nie. Er fehlte mir. Und nur, weil er irgendwann nichts mehr mit unseren Freunden zu tun haben wollte, war er doch immer noch mein Freund. Ich dachte, daran würde sich nie etwas ändern. Aber da hatte ich mich wohl getäuscht.

»Hi«, begrüßte ich ihn. Ich wollte, dass es zwischen uns wieder so war wie früher, doch er musterte mich nur abschätzig – meine Sandalen, meine Jeans, meine Bluse und schließlich mein Gesicht.

»Kein Interesse.« Mit diesen Worten ließ er mich stehen. Er lief einfach an mir vorbei, als wäre ich unsichtbar. Als wüsste er nicht, wer ich bin. Als würden wir uns nicht schon seit dem Kindergarten kennen.

Ich hatte das Gefühl, dass alle uns anstarrten, aber selbst wenn es so war, wagte später niemand, die Szene zu kommentieren – zumindest nicht in meiner Gegenwart. Was ich einzig und allein meinem Nachnamen zu verdanken hatte. Und ausnahmsweise war ich froh, eine Cooper-Tilling zu sein.

Nate wiederum hatte seinen Ruf als Außenseiter mit dieser Aktion endgültig besiegelt. Sein Ansehen hatte bereits darunter gelitten, dass seine Eltern sich getrennt hatten und er seitdem nur noch in schwarzen Klamotten herumrannte. Dass er mich jetzt auch noch vor allen anderen wie den letzten Dreck behandelte, setzte dem Ganzen die Krone auf. Falls er es darauf angelegt hatte, nach diesem Abend von meinen Freunden ignoriert zu werden, hatte er sein Ziel definitiv erreicht.

Am Montag erfuhr ich, dass er auf der Party mit Pipers Cousine Julie geschlafen hatte. Sie ist drei Jahre älter als wir und studierte im ersten Semester an der Duke.

Nach jenem Abend wurde es auf Partys zu einer Art Sport, einen Tipp abzugeben, welches Mädchen Nate diesmal flachlegen würde.

Nach jenem Abend habe ich ihn nie wieder angesprochen. Ich beobachte ihn nur noch, wenn es wirklich niemand merkt.

Piper wartet auf ihr Stichwort – darauf, dass ich ihr sage, was sie zu denken hat. So läuft das hier in Jessup. Piper gehört zwar zur Elite, aber ich bin die Elite der Elite. Meine Familie ist nun mal die einflussreichste im Ort. Ich bin nicht besonders stolz darauf, darum tue ich auch immer so, als wäre mir das nicht bewusst. Ich spiele einfach die Rolle, die von mir erwartet wird, und lächele. Etwas Besseres fällt mir nicht ein.

Mir ist total klar, dass Piper auf meine Erlaubnis lauert, endlich über Nate ablästern zu dürfen, aber die wird sie nicht bekommen.

»Mit der Tussi da wird es genauso laufen wie mit den letzten dreien«, sage ich. »Er verschwindet am nächsten Morgen mit ihrer Telefonnummer und wird sich nie wieder bei ihr melden.«

»Was tuschelt ihr denn da?« Reid lässt sich neben Piper aufs Sofa fallen und legt den Arm um sie. Die beiden sind nicht zusammen. Reid hat einfach nur kein Gespür für den richtigen Abstand.

Piper schüttelt seinen Arm ab. »Lauter Loser hier.«

»Ich beschütze dich«, antwortet Reid gönnerhaft.

»Wer sagt denn, dass ich damit nicht auch dich gemeint habe?«, kontert Piper, natürlich nur im Scherz. Reid ist einer von uns.

»Hi, Yeung.« Reid nickt Grace zu, dann sieht er zu mir. »Hallo, Eva.«

»Ich habe auch einen Vornamen!«, schimpft Grace.

Ehe die beiden Streit anfangen können, wechselt Piper das Thema. »Hey, Leute, wollen wir uns das Bulls-Spiel in Durham angucken? Mein Vater hat einen ganzen Stapel Freikarten bekommen.«

Ich blende die anderen aus, was mir wirklich nicht schwerfällt. Die Gespräche, die Leute – die ganze Party ist genau wie all die anderen Partys an all den anderen Freitagen in den letzten Jahren. Manchmal möchte ich meine Freunde fragen, ob sie glücklich sind, ob sie das Leben, das wir führen, wirklich genießen oder ob sie auch manchmal das Gefühl haben, nur eine Rolle zu spielen.

Grace hat sich mit den Gegebenheiten abgefunden, aber für sie ist Jessup ja auch nur eine Zwischenstation. Reid ist schwer zu durchschauen. Wenn man ihn etwas fragt, bekommt man immer nur schwammige Antworten.

Mein Freund Robert wiederum scheint seinen Frieden mit Jessup gemacht zu haben. Es gefällt ihm, einer der angesagtesten Jungs der Stadt zu sein. Seine Bewunderer weichen ihm fast nie von der Seite. Er findet das gut so. Ich nicht. Aber da diese Leute auch meine Freunde sind, schenke ich ihnen ein Lächeln und fülle meinen Becher mit lauwarmem Wein auf. Auf dem Etikett der Flasche prangt der Nachname meines Großvaters: Cooper.

Ich schnappe mir die Flasche und gehe zu Robert, Grayson und Jamie. Robert haucht mir geistesabwesend einen Kuss ins Haar und streckt mir seinen leeren Becher entgegen. Robert trinkt immer den Wein meines Großvaters, wenn wir zusammen ausgehen, auch wenn seine Freunde Bier trinken.

Ich sehe nicht zu der Tür, die zu den anderen Zimmern führt. Ich stelle mir auch nicht vor, wie Nate gerade irgendein Mädchen küsst. Nein. Nicht eine Sekunde lang.

Ich schenke Robert Wein ein und warte. Ich bin keine Klette. Ich muss mich nicht aufdrängen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die anderen Jungs merken, dass sie stören, und uns allein lassen.

Als sie gegangen sind, fragt Robert: »Alles okay?«

»Mir ist langweilig.«

Er lacht. »Die halbe Schule ist hier und dir ist langweilig?«

»Piper ist nur am Lästern. Reid ist … na ja, Reid eben, und Grace schmollt oder zofft sich gerade mit ihm, was weiß ich. Und du«, ich stoße ihn in die Rippen, »hast die ganze Zeit mit den Jungs rumgestanden, also ja: Mir ist langweilig.«

Er grinst und nippt an seinem Wein. Robert ist wirklich einer der attraktivsten Jungen, die ich kenne. In jedem Fall ist er einer der attraktivsten Jungen in Jessup. Er hat einen Traumkörper – dank Basketball, Baseball und Tennis – und die blausten Augen der Welt. Er kann nichts dafür, dass ich wünschte, sie wären schokoladenbraun.

»Können wir gehen? Wir könnten nach …«

»Du weißt doch genau, was dann passiert«, unterbricht er mich leise. »Alle würden mitkommen wollen, wenn wir sagen, dass wir abhauen.«

Mit »alle« meint er natürlich unsere engsten Freunde und somit die Leute, mit denen ich bereits die letzten Stunden verbracht habe – die letzten siebzehn Jahre, wenn man’s genau nimmt. Unsere Freunde sind mir sehr wichtig, trotzdem hätte ich Robert ab und zu gern für mich allein.

»Okay. Wie wäre es dann, wenn wir mal kurz nach nebenan verschwinden?«

Robert sieht mich an, als hätte ich vorgeschlagen, Sex auf dem Couchtisch zu haben. Ich spüre, wie ich rot werde.

»Nur, damit wir mal ein paar Minuten für uns haben«, stelle ich klar.

Er beugt sich vor und drückt mir einen Kuss auf den Mund. Dann schlingt er seinen Arm um meine Hüfte. »Na komm.«

Im ersten Augenblick denke ich, dass er meinen Vorschlag doch nicht so schlecht findet. Leider schiebt er mich einfach nur zurück zum Sofa. »Unseren Spaß können wir jeden Tag bei dir zu Hause haben«, flüstert er mir ins Ohr. »Wie wär’s mit morgen? Wir gehen was essen und den Nachtisch gibt’s bei dir …«

Ich nicke. Wie sollte ich ihm auch erklären, dass ich mich gerade nach etwas völlig anderem sehne?

Ich will einfach nur weg hier. Ich will mir keine belanglosen Storys mehr anhören, während Nate nebenan Sex hat. Ich will, dass mich jemand begehrt, als ganzen Menschen begehrt – und die düsteren Gedanken vertreibt.

Und was tue ich stattdessen? Ich sitze neben Robert auf dem Sofa, halte Händchen und spiele meine Rolle.

»Du hast echt was verpasst!«, sprudelt es aus Piper heraus, kaum dass ich sitze. »Rate mal, was Davey Jackson gerade gemacht hat!«

Es wird sich nie etwas ändern. Nicht hier. Nicht für mich.

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Ich sitze im Auto und warte. Der Motor ist aus, die Scheinwerfer auch. Ich kann nicht mal Musik anmachen. Ich will nicht, dass mich irgendjemand sieht oder hört.

Ich dachte, Eva hätte mich verstanden. Gestern Abend hat sie mir das Gegenteil bewiesen. Statt meine Nähe zu suchen, hat sie mich ignoriert und den halben Abend damit zugebracht, ihn zu beobachten – einen dieser Typen, die ein Mädchen wie sie nie verdienen werden. Er ist nicht der Richtige für sie. Ich bin es.

Als ich sehe, wie Eva über den fast leeren Parkplatz in Richtung Straße läuft, wird mir die Ausweglosigkeit meiner Situation bewusst. Mir bleibt keine Wahl. Ich muss es tun. Ich habe so lange darauf gewartet, dass sie mein wahres Ich erkennt. Ich tue alles, was sie von mir verlangt, damit sie endlich begreift, dass wir füreinander bestimmt sind.

Ich habe jede ihrer geheimen Botschaften an mich entschlüsselt. Sie ist wie eine Göttin für mich.

Vielleicht ist genau das mein Fehler. Gott sagt: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Doch ich habe Eva in meinem Herzen zu einem falschen Götzen erhoben. Dafür muss ich nun büßen, nicht nur um meinetwillen, sondern auch für meine zukünftigen Kinder und Kindeskinder. In der Bibel steht: Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen. Ich muss die Kinder beschützen, die ich eines Tages haben werde.

»Es tut mir leid … es tut mir so leid«, flüstere ich in die dunkle Stille hinein.

Auch wenn sie gerade aus meinem Blickfeld verschwunden ist, habe ich ihr Bild noch immer vor Augen. Sie hätte Grace anrufen und sie bitten können, sie abzuholen. Das hat sie nicht getan. Es wäre ein Zeichen gewesen. Ich erkenne die Zeichen. Eva Tilling – Prinzessin von Jessup, North Carolina – ist allein. Ich habe dafür gesorgt, obwohl ich immer gehofft hatte, uns würde das hier erspart bleiben.

Ich drehe den Zündschlüssel und der Motor springt an. Ich schalte die Anlage ein, lege den Gang ein und löse die Handbremse. Meine Augen brennen, ich umklammere das Lenkrad und fahre in die Dunkelheit, in der sie auf mich wartet. Ich mache das Fernlicht an und drehe die Musik so laut, dass auch Eva sie hören muss. Meine Sinne sind geschärft. Ich könnte den Kies unter den Reifen knirschen hören, wenn die Musik nicht so laut wäre.

Ich habe das perfekte Lied gefunden, um ihr all die Dinge zu sagen, die ich nie aussprechen konnte: Lift me up. Ich hoffe, sie hört zu. Gott tut es, das weiß ich.

Ich spüre, wie mein Herz im Rhythmus der wummernden Bässe schlägt, und trete ohne Nachzudenken aufs Gas. Ich spüre den Aufprall – und hinter einem Schleier aus Tränen erkenne ich, wie sie von der Motorhaube rollt.

Ich halte nicht an. Ich kann nicht. Ich bringe es nicht einmal fertig, in den Rückspiegel zu blicken.

Ich habe es getan, aber es tut weh. Gott, es tut weh, den Menschen zu opfern, von dem ich glaubte, er wäre für mich bestimmt. Meine Eva liegt blutend am Straßenrand. Ich hatte keine andere Wahl.

Ich musste sie töten.

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Mir schwirrt der Kopf. Ich bin von Geräuschen umgeben, die ich nicht einordnen kann. Wo bin ich? Meine Augenlider sind zu schwer, um sie zu öffnen und herauszufinden, woher dieses fürchterliche Piepen kommt. Ich würde mich gern aufrecht hinsetzen, aber wenn ich nicht einmal die Augenlider bewegen kann, kann ich mich bestimmt auch nicht aufrichten. Ich versuche es trotzdem.

Jemand greift nach meinem Arm und redet in sanftem Flüsterton auf mich ein. Ich verstehe kein Wort, doch was mich wirklich beunruhigt ist, dass ich plötzlich falle, obwohl ich immer noch auf dem Rücken liege.

Ich bin in einem fremden Körper gelandet. Ich weiß, dass es nicht meine Haut ist, die mich umhüllt. Die Frau, in deren Körper ich stecke, wartet auf ihren Enkel, Ethan. Er hätte längst bei ihr sein müssen. Ich spüre ein Stechen in der Brust. Ich habe – nein, sie hat – diese Schmerzen schon den ganzen Tag. Auch wenn die Ursache vermutlich völlig harmlos ist, habe ich Angst.

Ich rufe mir ins Bewusstsein, dass ich nicht diese Frau bin, sondern Eva Elizabeth Tilling. Ich bin siebzehn Jahre alt und habe weder Kinder noch Enkelkinder.

Ich versuche, den fremden Körper zu verlassen, aber ich bin in ihm gefangen. Mein Herz schlägt viel zu schnell. Es galoppiert, als hätte ich mich seit Tagen nur von Kaffee ernährt. Ich umklammere die Stuhllehne. Ich muss aufstehen. Ich muss jemanden anrufen, Hilfe holen. Ethan ist nicht hier. Ich kann nicht fahren und ich habe das Gefühl, mein Herz springt mir jeden Moment aus der Brust.

Ich höre Schritte. Jemand betritt den Raum. Ich hebe den Blick, aber das Bild des Jungen verschwimmt vor meinen Augen. Ist es Ethan?

Ich spüre Hände, spüre, wie jemand versucht, mich aufzufangen. Ich will etwas sagen, doch plötzlich hört mein Herz auf zu rasen – und bleibt stehen.

»Eva?« Die Stimme meiner Freundin Grace reißt mich aus dem fremden Körper. Die Bilder verblassen. Ich versuche, meine Hand wegzuziehen, doch die Krankenschwester hält mich fest.

Es fühlt sich an, als würde meine Haut unter ihrer Berührung verbrennen. Ich will nachsehen, ob ich tatsächlich Verbrennungen habe, aber mein Blick ist noch immer getrübt.

»Du bist wach, wie schön«, sagt die Krankenschwester, dann lässt sie mein Handgelenk los, um etwas auf einem Klemmbrett zu notieren.

»Herzinfarkt.« Ich zittere am ganzen Leib, als hätte man mich in eiswassergetränkte Laken gewickelt. Jeder Zentimeter meines Körpers – abgesehen von meinem Handgelenk – ist taub vor Kälte.

»Nein, nein, Liebes. Es ist alles in Ordnung.«

»Herzinfarkt«, stoße ich noch einmal hervor, obwohl ich spüre, dass der stechende Schmerz in meiner Brust verschwunden ist. Das war nur ein Traum. Es war ein Traum. Ich bin keine Mutter und erst recht keine Großmutter. Ich kenne auch niemanden namens Ethan. Ich weiß nicht einmal, wie der Junge in meinem Traum aussah. Ich erinnere mich nur an seine ängstliche Stimme und wie seine starken Hände meinen Sturz abfingen. Ich kann die ganze Szene vor meinem inneren Auge abspulen, jede Einzelheit – nur Ethan bleibt ein blinder Fleck.

»Dein Puls ist normal«, sagt die Schwester, während sie irgendein Medikament in den Schlauch des Infusionsbeutels spritzt, der neben meinem Bett hängt. »Mit deinem Herz ist alles in Ordnung.«

»Ich will nicht sterben. Mir ist so kalt …« Ich habe schon wieder das Gefühl zu fallen und greife ängstlich nach der Hand der Schwester. »Eiskalt.«

»Ich bringe dir eine warme Decke.«

Ich friere. Mir tut alles weh. Ich schließe die Augen und dämmere in eine traumlose Welt hinüber.

Keine Ahnung, wie lange ich so dagelegen habe. Keine Ahnung, ob mich die quietschenden Schritte auf dem Fliesenboden oder die Schmerzen geweckt haben. Als ich die Augen aufschlage, steht eine weiß gekleidete Frau an meinem Bett. Sie zieht einen Schlauch zu mir herüber, der an einem Infusionsständer hängt. Ich weiß nicht, wofür der gut sein soll – oder warum ich überhaupt hier bin.

Ich spüre, wie die Kälte meinen Arm hinaufkriecht, während die Flüssigkeit durch meine Adern wandert. Es ist ein verstörendes Gefühl und ich will, dass es aufhört. Aber ehe ich ein Wort herausbringen kann, ist die Schwester schon wieder verschwunden. Mein Verstand versinkt in einem immer dichter werdenden Nebel. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Schlauch in meinem Arm daran schuld ist.

Sekunden – oder Minuten – verstreichen, ehe ich frage: »Wo bin ich?« Aber falls mir jemand antwortet, höre ich es nicht. Meine Glieder sind bleischwer und ich bin so müde –vollgepumpt mit Drogen –, dass ich sofort wieder wegdämmere. Als ich die nächsten zwei Male aufwache, frage ich wieder, wo ich bin, bekomme jedoch keine Antwort oder höre sie nicht. Ich spüre nur die Schmerzen und verliere erneut das Bewusstsein. Vielleicht habe ich deshalb vom Sterben geträumt: weil mir von Kopf bis Fuß alles wehtut.

Die Schmerzen, der Infusionsständer und die Anwesenheit einer Schwester deuten darauf hin, dass ich mich in einem Krankenhaus befinde. Aber wieso? In einem der wenigen lichten Momente stelle ich außerdem fest, dass ich meine Arme und mein rechtes Bein nicht bewegen kann. Ob das an den Medikamenten liegt, die sie in meinen Körper pumpen?

»Hier bin ich.«

Grace, meine beste Freundin! Ich kann sie nicht sehen, aber ihre Stimme würde ich immer und überall erkennen.

»Grace?« Mit großer Mühe drehe ich den Kopf und versuche, mich auf die Gestalt zu konzentrieren, die in der Nähe meines Bettes sitzt.

»Ruh dich aus, Herzchen, dir kann nichts mehr passieren. Wir sind alle bei dir«, sagt Mrs Yeung. Grace’ Mutter ist also auch da. »Du kommst gerade frisch aus dem OP

Grace springt auf und steht plötzlich an meinem Bett. »Du bist bald wieder auf den Beinen und ich bin bei dir.«

»Lass mich nicht alleine, Gracie.«

»Werd ich nicht«, erwidert sie zu meiner großen Erleichterung. Es gibt niemanden auf der Welt, dem ich so sehr vertraue wie Grace Yeung.

»Mach dir keine Sorgen, Süße«, sagt Grace. Sie streckt die Hand aus, als wollte sie mich berühren, aber es fällt nur ein Schatten auf meine Wangen.

»Dir wird es bald wieder besser gehen«, bekräftigt Mrs Yeung.

Ich sehe zu ihr, dann zurück zu Grace, die zustimmend nickt, und falle wieder in einen unruhigen Schlaf.

Meine Träume vermischen sich mit der Wirklichkeit, glaube ich zumindest, denn ich sehe Krankenschwestern und höre, wie Grace, begleitet von grässlich lauten Quietschgeräuschen, einen Stuhl an mein Bett schiebt.

»Warum bin ich hier?«, frage ich – vielleicht zum hundertsten, vielleicht zum ersten Mal. Ich kann mich nicht daran erinnern, diese Frage schon einmal gestellt zu haben, aber nach »Wo bin ich?« erscheint sie mir die logischste zu sein.

Wie versprochen, ist Grace bei mir geblieben. Mrs Yeung ist nicht mehr da, aber das finde ich nicht schlimm.

»Du bist in Durham, im Mercy Hospital. Du warst bewusstlos, mit Verdacht auf Schädel-Hirn-Trauma. Gestern Abend bist du wieder aufgewacht und heute Morgen haben sie dich am Bein operiert. Dein Oberschenkel ist gebrochen.«

Ich nicke.

»Die OP ist gut verlaufen«, sagt Grace. »Sie konnten dich von der Intensivstation hierher verlegen.«

»Mir ist so schwummrig.«

»Das kommt von der Narkose. Und von den Beruhigungsmitteln«, erklärt Grace.

Ich schlucke. Meine Zunge fühlt sich an wie ein riesiger Klumpen in meinem staubtrockenen Mund. »Warum bin ich hier?«, frage ich noch einmal.

Grace lässt sich mit ihrer Antwort Zeit. Ich kann ihr förmlich dabei zusehen, wie sie nach den richtigen Worten sucht. Menschen sind viel leichter zu durchschauen, als sie denken. Ganz gleich, welche Drogen durch diesen Schlauch in meine Adern fließen – die Sorge und die Wut in Grace’ Gesicht sind unübersehbar. Was auch immer dafür gesorgt hat, dass ich nun in diesem Bett liege, ruft in meiner besten Freundin Gefühle hervor, die sie nicht verbergen kann.

»Eigentlich sollten deine Eltern jetzt hier sein und dir das erklären«, beginnt Grace. Sie hat denselben verkniffenen Gesichtsausdruck, den sie immer hat, wenn es um meine Eltern geht. Sie macht ihnen viel größere Vorwürfe als ich, dass sie so selten da sind. Dabei mag ich es, unabhängig zu sein, und ich habe es nun mal hauptsächlich dem vollen Terminkalender meiner Eltern zu verdanken, dass ich tun und lassen kann, was ich will.

Mein Blick fällt auf die gigantische Vase mit Blumen. Sie sind von meinen Eltern, das weiß ich genau. Es stehen auch noch andere Sträuße herum, aber der größte ist von ihnen – ein riesiger Strauß Orchideen, meine Lieblingsblumen. »Sie haben mir Blumen geschickt.«

»Der Strauß kam, kurz bevor sie dich hierher verlegt haben«, sagt Grace mit finsterer Miene. Offensichtlich sind Orchideen ihrer Meinung nach kein Ersatz für die Anwesenheit meiner Eltern. Ich bin mir aber sicher, dass es einen triftigen Grund dafür gibt, warum sie nicht hier sind. Sie haben immer triftige Gründe. Und sie vergessen gelegentlich, dass ich noch nicht volljährig bin – worüber ich mich aber wirklich nicht beschweren will.

»Was ist passiert?«, frage ich matt.

»Du hattest einen Unfall.« Grace’ Gesichtszüge werden weicher.

Ich nehme ihre Hand. Grace sieht fast so erschöpft aus, wie ich mich fühle. Ihre Augen sind rot und verquollen, als hätte sie sehr viel geweint und kaum geschlafen.

»Ich bin so froh, dass du wieder wach bist«, flüstert sie. »Ich hatte solche Angst um dich. Das muss alles schrecklich für dich gewesen sein.«

»Na ja, nicht wirklich … ich meine … ich kann mich an so gut wie nichts erinnern.« Meine Stimme zittert ein wenig, aber ich bin längst nicht so von der Rolle, wie ich anscheinend sein sollte. Ich fühle mich noch immer wie benebelt, was die nächste Frage nahelegt. »Was geben die mir hier eigentlich?«

»Ein Medikament gegen epileptische Anfälle, eins zur Muskelentspannung und … keine Ahnung was sonst noch.« Grace schielt auf den Infusionsbeutel. »Zuckerwasser oder irgendwas anderes, damit du nicht dehydrierst. Dann noch Beruhigungsmittel und was gegen die Schmerzen.«

»Wo ist deine Mutter?«, frage ich. Ich erinnere mich dunkel daran, dass sie vorhin noch da war.

Wenn meine Eltern auf Reisen sind, ist Mrs Yeung eine Art Ersatzmutter für mich. Um ehrlich zu sein, ist sie das auch, wenn meine Eltern nicht auf Reisen sind. Mrs Yeung ist mein Vormund und darf in Notfällen über mich entscheiden, wenn meine Eltern nicht da sind. Sie vertrauen ihr hundertprozentig, und das aus gutem Grund. Mrs Yeung verfügt über alle Eigenschaften, die man als »gute Christin« haben sollte, inklusive einiger Eigenschaften, die meinen Eltern fehlen. Sie ist Hausfrau und hat ihre Karriere an den Nagel gehängt, um mit ihrem Mann in unser kleines Provinznest zu ziehen, nachdem er hier seinen Traumjob gefunden hatte.

»Sie musste dringend weg«, sagt Grace. »Aber wir waren fast die ganze Zeit bei dir. Sie wäre gern hier gewesen, wenn du aufwachst, aber …«

»Sie war da, als ich sie gebraucht habe«, unterbreche ich sie. »Deine Mutter ist einfach die Beste.«

Grace schnaubt spöttisch. »Ja, aber das findest du auch nur, weil du nicht jeden Tag mit ihr zusammen sein musst. Neulich hat sie …«

Ich kann Grace nicht mehr folgen. Mir schießen zu viele Fragen durch den Kopf, auf die ich keine Antwort weiß.

Ich kann mich daran erinnern, wie ich aus dem Café gekommen bin, in dem ich mit Robert verabredet gewesen war. Doch er ist nicht aufgetaucht. Wieso? Er war zwar in letzter Zeit ziemlich unnahbar, aber einen richtigen Streit hatten wir nicht. Wir haben uns nie wirklich gestritten. Robert und ich sind Freunde, seit wir denken können, und letztes Jahr haben wir beschlossen, ein Paar zu werden. Doch im Grunde hat es sich auch danach noch so angefühlt, als wären wir Freunde, nur dass wir eben ab und zu miteinander schlafen. Dass er zu unserer Verabredung nicht aufgetaucht ist und auch nicht reagiert hat, als ich ihn angerufen und ihm eine Nachricht geschrieben habe, hat mich schon irritiert. Das ist einfach nicht seine Art.

Meine Eltern waren wie so oft in der Weltgeschichte unterwegs, genau wie Großvater Cooper. Großvater Tilling war zwar zu Hause, aber er geht immer ziemlich früh ins Bett und ich wollte ihn nicht wecken. Ich wäre mir auch blöd vorgekommen, Grace anzurufen. Vom Café bis zu mir nach Hause ist es nur ein Katzensprung, und ich wäre schneller zu Fuß gewesen, als Grace mit dem Auto gebraucht hätte.

»Ich war auf dem Heimweg, daran erinnere ich mich noch. Robert hatte unsere Verabredung vergessen oder ihm ist was dazwischengekommen, keine Ahnung.« Ich sehe Grace durchdringend an. Vielleicht kann ich ihr so das Geheimnis entlocken, das meine Erinnerung nicht preisgeben will. Manchmal funktioniert das. Grace hat absolut kein Pokerface. Erst als sie meine Finger drückt, fällt mir auf, dass ich noch immer ihre Hand halte.

»Du wurdest von einem Auto angefahren.«

»Was?« Ich krame in meinem Gedächtnis nach Erinnerungen – und finde nichts. In meinem Kopf herrscht vollkommene Leere.

»Ja.« Tränen steigen ihr in die Augen und sie fügt rasch hinzu: »Aber du wirst wieder gesund. Du bist mit dem Kopf aufgeschlagen und hast ein Schädel-Hirn-Trauma, daher kommen auch die Gedächtnislücken. Und du hast ein gebrochenes Bein und mehrere geprellte Rippen und … ziemlich viele blaue Flecke.«

Sie weicht meinem Blick aus und ich weiß genau, dass sie mir etwas verschweigt.

»Und was noch?«, krächze ich, auch weil mein Mund immer noch so trocken ist, dass ich erst ein paarmal schlucken muss, bis ich weitersprechen kann. »Bin ich …« Ich schaue panisch auf meine Beine und bewege die Zehen. Mein rechter Unterarm ist bandagiert, meine rechte Hand ist von Kratzern und Schnittwunden übersät, genau wie mein rechter Oberarm, den außerdem jede Menge Blutergüsse zieren. Die Schnittwunden am linken Arm sehen nicht ganz so übel aus. Doch das sind nur die sichtbaren Verletzungen. Panik steigt in mir auf.

»Wurden irgendwelche Organe verletzt oder …«

»Nein! Du hast keine inneren Verletzungen und du bist auch nicht gelähmt, alles wird wieder gut«, erwidert Grace eine Spur zu hastig. »Sie haben eine Metallplatte in dein Bein eingesetzt, dir stehen also einige Monate Reha bevor. Doch viel größere Sorgen haben wir uns um deinen Kopf gemacht. Du bist ziemlich hart aufgeschlagen und warst einen Tag bewusstlos, aber du bist ja wieder aufgewacht und es scheint dir gut zu gehen … zum Glück.«

Ich kenne Grace lange genug, um zu wissen, dass sie mir trotzdem etwas verschweigt. Normalerweise nimmt sie kein Blatt vor den Mund und sagt, was sie denkt. Aber gerade behandelt sie mich wie ein rohes Ei. Ich nehme all meinen Mut zusammen und frage: »Und? Jetzt sag schon.«

»Na ja, die Straße war voller Scherben … Du hast ein paar Schnittwunden am Arm und … Am schlimmsten hat es dein Bein erwischt … und deinen Kopf … aber das wird schon wieder.« Sie hält meinem Blick stand. Als würde ich aufhören weiter nachzubohren, wenn sie mich nur lange genug anstarrt. Ich weiß, dass sie mir die Wahrheit sagen wird. Grace ist immer ehrlich zu mir – wenn auch nicht immer ganz freiwillig.

Vor ein paar Monaten hat Amy Crowne zum Beispiel überall herumerzählt, dass ich mit Robert geschlafen habe, und ich wurde Schulgespräch Nummer eins. Grace wollte unbedingt verhindern, dass ich etwas davon mitbekomme – ein lieb gemeinter, aber völlig aussichtsloser Plan. Und so musste sie nach ein paar Tagen aufgeben und mit der Sprache herausrücken. Diesmal will ich nicht warten.

»Gracie, was verschweigst du mir?«

Sie seufzt und windet sich. »Du … du wirst ein paar Narben im Gesicht zurückbehalten. Sie sind nicht besonders g …«

»Spiegel.«

»Süße, vielleicht lieber nicht.«

»Spiegel«, sage ich noch einmal, diesmal lauter.

»Eva, lass uns damit einfach warten, bis es dir besser geht und die Wunden verheilt …«

»Bitte

Grace wühlt in ihrer Tasche, zieht das kleine silberne Puderdöschen heraus, das ihre Großmutter ihr zum sechzehnten Geburtstag geschenkt hat, und reicht es mir widerwillig. Ich nehme es, ohne zu zögern. Ich bin nicht eitel, nicht wirklich. Ich weiß, dass ich nicht das schönste Mädchen der Welt bin, ich bin aber auch nicht so unansehnlich, dass ich andere Mädchen beneiden oder mich verstecken müsste. Ich schminke mich gern, kann mich zum Glück aber auch ohne Schminke aus dem Haus trauen.

Ich werfe einen Blick in den Spiegel und bin entsetzt. Das Mädchen, das ich darin sehe, braucht definitiv Schminke! Und zwar tonnenweise. Rote Linien laufen kreuz und quer über das Gesicht, zum Teil sind die Schnitte mit dunklen Fäden genäht. So sehr ich auch will – ich kann den Blick nicht von diesem Gesicht abwenden. Zugleich bin ich heilfroh, dass Grace’ Spiegel so winzig ist.

»Nicht anfassen!«, sagt Grace, als ich die blauen Flecken und Schnitte an meinem Hals betasten will. »Die Schwester meinte, dass die Wunden sich sonst entzünden. Am Anfang haben sie dich deshalb sogar an den Handgelenken fixiert.«

Selbst als ich höre, dass ich ans Bett gefesselt war – was total krass ist –, gilt meine ganze Aufmerksamkeit diesem Gesicht, das angeblich meines sein soll. Ich berühre mit der Zungenspitze einen Schnitt an meiner Lippe und zucke sofort vor Schmerz zusammen – trotz der Medikamente, die durch meinen Körper strömen.

Ein besonders langer Schnitt beginnt unterhalb meines Auges und zieht sich quer über meine Wange bis zum Ohr, wo er unter meinen Haaren verschwindet. Das ist der Schnitt, der genäht werden musste und wahrscheinlich eine riesige Narbe hinterlassen wird. Die meisten anderen Schnittwunden im Gesicht und am Hals sind wie die an meinen Armen nur oberflächlich und werden eines Tages nicht mehr zu sehen sein, glaube ich zumindest.

Ich betrachte wieder meine Arme. Vielleicht haben sie weniger abbekommen als mein Gesicht, weil ich am Abend des Unfalls ein langärmliges Shirt trug. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur unglücklich gestürzt – mit dem Gesicht voran in die Scherben – oder der Wagen hat mich in einem fatalen Winkel erfasst. Keine Ahnung. Mein Gesicht hat es jedenfalls am schlimmsten erwischt.

Ich schaue wieder in den Spiegel und hoffe eine Sekunde lang, dass die Schnitte auf den zweiten Blick nicht mehr ganz so krass aussehen wie auf den ersten. Doch das ist nicht der Fall – und sie werden nie ganz verschwinden.

Der Tag des Unfalls war der letzte Tag, an dem ich hübsch gewesen bin.

Ich schließe die Augen und Grace nimmt mir den Spiegel weg. Diesmal sagt sie nicht, dass alles wieder gut wird oder dass es nicht so schlimm ist, wie es aussieht. Selbst wenn sie hin und wieder versucht, Dinge vor mir geheim zu halten, weil sie denkt, es sei zu meinem Besten, würde sie mich niemals belügen.

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Der Aufprall war lauter, als ich erwartet hatte. Es klang eher, als hätte ich einen Hirsch gerammt und nicht ein Opossum. Keine Ahnung, warum mir dieser Gedanke kam. Natürlich sind Mädchen größer als Opossums. Wahrscheinlich hatte ich dabei eher Evas Wesen im Sinn als ihre Körpergröße. Auf den ersten dumpfen Knall folgte ein zweiter. Eva rollte über die Motorhaube. Die Geräusche haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich habe schon zweimal davon geträumt, seit ich sie angefahren habe – seit ich dachte, ich hätte sie getötet.

Ich schüttele den Gedanken ab und gehe Richtung Eingang. Man schenkt mir nicht mehr und nicht weniger Beachtung als all den Schwestern und Pflegern, die durch die Gänge des Mercy Hospitals hasten. Ich bin Teil der Kulisse. Ich bin nichts Besonderes.

Genau wie sie.

Trotzdem kann ich mit niemandem über Eva und mich reden. Niemand würde mich verstehen. Natürlich brauche ich keine Bestätigung für mein Handeln. Ganz sicher nicht. Überhaupt brauche ich nicht viel. Was ich jedoch dringend brauche, ist die Gewissheit, dass Eva tatsächlich noch am Leben ist. Deshalb muss ich sie sehen. Im Jessup Observer stand, dass sie überlebt hat. Ich habe den Artikel fein säuberlich ausgeschnitten, um ihn für mein Buch aufzubewahren. Aber nach dem vierten Lesen war die Druckerschwärze so verschmiert und der Rand so zerknittert, dass ich mir eine zweite Ausgabe besorgen musste. Damit ging ich sorgfältiger um. Jetzt halte ich den ersten Zeitungsausschnitt in den Händen.

Eva Tilling (17), Enkelin von Davis Cooper IV (Inhaber und Geschäftsführer der Winzerei Cooper) und unserem hoch geschätzten Reverend Tilling, wurde Anfang der Woche bei einem Autounfall mit Fahrerflucht schwer verletzt.

Sie wurde ins Mercy Hospital in Durham gebracht, wo sie sich einer Operation unterziehen musste und noch immer stationär behandelt wird. Ihr Zustand ist kritisch, aber stabil.

Miss Tilling war gerade auf dem Nachhauseweg, als sie von einem derzeit noch unbekannten Fahrzeug erfasst wurde. Die zuständigen Ermittler gehen davon aus, dass nur wenige Minuten vergingen, bis ein anderer Fahrer die Bewusstlose am Straßenrand fand und den Notarzt verständigte.

Die Polizei von Jessup sucht nun nach Zeugen, die den Vorfall beobachtet haben. Laut Polizeisprecher konnten diverse Beweismittel am Unfallort sichergestellt werden, nähere Angaben wollte er jedoch nicht machen.

Bislang gab es keine Festnahme.

Wir schließen die Familien Tilling und Cooper in unsere Gedanken und Gebete ein und wünschen ihnen in dieser schweren Zeit viel Kraft.

Mir ist klar, warum der Reporter den Cooper-Tillings in den Arsch kriecht. Weil ihn alles andere seinen Job kosten würde. Die Cooper-Tillings bestimmen, was in der Zeitung steht. Und nicht nur das. Es hat zwar ein paar Jahre gedauert, aber inzwischen habe ich es kapiert: Ihnen gehört die Stadt. Sie diktieren die Regeln. Aber da mache ich nicht mit. Nicht mehr. Nie wieder. Auch Eva hat sich den Regeln ihrer Familie widersetzt, früher einmal, doch ihr Wille wurde gebrochen. Meine Lichtgestalt, der lebende Beweis dafür, dass es noch Hoffnung gibt auf dieser verlogenen Welt, hat sich kaufen lassen wie der Rest ihrer verdorbenen Sippe. Mein gefallener Engel. Ich wusste, dass ich etwas unternehmen musste, damit Habgier und Eitelkeit – die schlimmsten Seuchen der Menschheit – mir meine Eva nicht nehmen und alles Gute und Reine in ihr zerstören.

Ich habe sie überfahren, um sie zu retten.

Ich hätte ihren Tod in Kauf genommen, um sie zu retten. So wie Abraham bereit gewesen wäre, seinen Sohn Isaak zu opfern, weil es Gottes Wille war, wäre auch ich bereit gewesen, den Menschen zu opfern, den ich über alles liebe. So wie Abraham habe ich das Messer gezückt – beziehungsweise den Wagen gestartet –, doch Gott hat meine Auserwählte verschont. Nun warte ich, hoffe ich, bete ich, dass ich für meine Ergebenheit belohnt werde.

Ihre Liebe wäre der größte Lohn.

Ich stehe mit einem riesigen Blumenstrauß im Arm vor dem Metalldetektor am Eingang und krame mit der freien Hand nach dem Portemonnaie in meiner Hosentasche. Es befindet sich kein Ausweis darin – genau genommen befindet sich gar nichts darin –, aber um keinen Verdacht zu erregen, lege ich es zusammen mit dem Klemmbett in die Kiste. Dann gehe ich mit den Blumen durch die Sicherheitsschleuse. Der Wachmann würdigt mich kaum eines Blickes.

Dank Dreitagebart und Basecap sehe ich älter aus, als ich bin, schätzungsweise wie Anfang zwanzig. Der Wachmann sieht die Blumen und die Uniform. Er fügt die fehlenden Teile im Kopf hinzu, bis sich für ihn ein stimmiges Bild ergibt, und widmet sich auch schon dem nächsten Besucher. Ich nehme meine Sachen aus der Kiste und gehe weiter.

Der Blumenstrauß ist nicht wirklich prachtvoll, aber immer noch groß genug, um glaubhaft als Geschenk des Jessup Observer durchzugehen. Meine Kleidung ist absolut unauffällig: schwarze Hose, schwarze Schuhe, blaues Hemd, blau-weiße Schirmmütze. Keine Extravaganzen. Dennoch habe ich mir das Basecap tief ins Gesicht gezogen und trage den Strauß wie einen Schutzschild vor mir her. Ich war schon einmal hier, um mir einen Überblick über den Eingangsbereich zu verschaffen. Eine Überwachungskamera filmt die Tür, eine andere den Empfang.

Die Frau hinterm Tresen sieht gelangweilt auf.

»Kinder- und Jugendstation«, sage ich.

»Vierter Stock.« Sie zeigt auf die Fahrstühle.

Ein zweiter Wachmann ist in der Nähe des Tresens postiert, aber nicht, um Blumenlieferanten abzufangen. Durham liegt an der Kreuzung zweier großer Fernstraßen und war lange Zeit ein zentraler Umschlagplatz für Drogen. Obwohl die Polizei die Lage inzwischen halbwegs unter Kontrolle hat, mussten die Krankenhäuser in der Region ihre Sicherheitsvorkehrungen erhöhen. So eine Maßnahme wäre in Jessup vollkommen überflüssig. Jessup ist sicher.

Als ich im Fahrstuhl stehe, werfe ich einen Blick auf die Blumen. Jede Blume hat eine symbolische Bedeutung, das haben wir im Literaturkurs gelernt, als wir Hamlet gelesen haben. Darum wird Eva meinen Strauß auch zu deuten wissen. Er besteht aus gelben Rosen (»Du hast mir das Herz gebrochen!«, »Ich verzeihe dir!«), weißen Rosen (Sehnsucht und Reinheit), roten Nelken (Leidenschaft) und Margeriten (Symbol der Unschuld). Die Margeriten werden Eva den entscheidenden Hinweis geben. Sie werden ihr helfen, die Botschaft zu entschlüsseln.

Die Blumen stammen aus dem Supermarkt, was Eva natürlich nicht merken darf. Ich habe das Preisschild abgekratzt und vergewissere mich noch einmal, dass auch sonst kein verräterisches Etikett mehr am Papier klebt. Ich halte den Blick die ganze Zeit gesenkt – nur für den Fall, dass auch im Fahrstuhl eine Überwachungskamera installiert ist. Als ich im vierten Stock ankomme, zittern meine Hände. Nicht so sehr, dass es jemandem auffallen würde, aber spürbar für mich. Auf dem Weg zur Anmeldung trete ich mir absichtlich auf den Schnürsenkel, damit er aufgeht. Ich habe ihn hundertmal auf- und zugebunden, bis er die richtige Länge hatte, und das Manöver mehrere Male zu Hause geübt. Heute läuft alles nach Plan. Heute werde ich geduldig sein. Auch wenn es schwerfällt.

Ich dachte, ich würde sie nie wiedersehen – außer auf ihrer Beerdigung. Ich wusste genau, was ich an ihrem Grab sagen würde. Ich hatte meine Rede perfekt einstudiert. Jedes Wort, jede Pause. Vielleicht sollte ich noch einmal daran feilen, jetzt, da ich noch ein bisschen Aufschub bekommen habe.

Womöglich werde ich diese Rede aber auch niemals halten.

Als ich den Artikel gelesen habe – als ich erfahren habe, dass sie noch lebt –, wusste ich, dass das ein Zeichen ist. Gott will nicht, dass sie stirbt. Noch nicht. Das habe ich nun verstanden. Ich war zu voreilig. Also habe ich mir die letzten drei Tage das Hirn darüber zermartert, auf welchen Weg Gott mich führen will, habe ihn um Klarheit angefleht und meine Möglichkeiten zu handeln überdacht. Gott gibt mir eine zweite Chance – gibt ihr eine zweite Chance. Vielleicht kann ich ihr das begreiflich machen und so ihre Erlösung herbeiführen. Falls ich sie retten kann, darf sie am Leben bleiben. Und sie wird mir unendlich dankbar für alles sein, was ich getan habe, um sie zu retten.

Zur Schwester am Empfang sage ich: »Blumen für …« Ich schaue auf mein Klemmbrett, als wüsste ich nicht genau, für wen die Blumen bestimmt sind. Als wenn ich ihren Namen jemals vergessen könnte. »Eva Tilling«, lese ich ab.

»Dieses Mädchen bekommt mehr Blumen als das ganze Stockwerk zusammen!«, sagt die Schwester und unterzeichnet in dem Kästchen, auf das ich wortlos deute. Das Formular sieht täuschend echt aus. Ich habe mir vorher selbst Blumen schicken lassen, um an eine gute Vorlage für meine Fälschung zu kommen.

Die Schwester verschwindet mit meinem Strauß. Ich blicke auf meinen Schuh und tue so, als wäre mir erst jetzt aufgefallen, dass der Schnürsenkel offen ist. Niemand scheint meine kleine Inszenierung zu beobachten, aber man weiß ja nie. Das Gesicht unter dem Schirm meines Basecaps verborgen, hocke ich mich hin und beobachte, wie die Schwester mit dem Strauß auf eines der Zimmer zuhält. Sie klopft an die Tür und geht hinein, während ich mir in aller Ruhe den Schnürsenkel zubinde. Keiner schert sich hier um einen Blumenboten. Dafür werden täglich viel zu viele Sträuße geliefert. Meine Tarnung ist perfekt.

Aber ich darf nichts überstürzen. Wäre ich von Anfang an geduldiger gewesen, wären wir jetzt nicht in dieser Situation. Ungeduld ist gefährlich. »Gut Ding will Weile haben«, sagt meine Großmutter immer. Ich wette, sie würde mich mit dem Rohrstock verprügeln, wenn sie wüsste, dass ich mit meiner Ungeduld alles vermasselt habe.

Als ich an Evas Zimmer vorbeilaufe, werfe ich einen kurzen Blick hinein – und für einen Sekundenbruchteil sehe ich sie: meine Eva. Sie ist wach und ich höre sie leise reden. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sie immer noch für einen Engel halten. Doch sie ist kein Engel mehr. Sie ist eine von ihnen, und falls ich sie nicht retten kann, muss sie sterben. Ein zweites Mal wird Gott sie nicht verschonen. Das muss sie begreifen. Falls sie es nicht tut, wird sie auf dem Altar der Käuflichkeit geopfert werden.

Genau wie der Rest von ihnen.

Der Gedanke daran, ihr so nah zu sein, schnürt mir die Kehle zu. Ich könnte geradewegs in ihr Zimmer hineinspazieren und ihr einen Besuch abstatten, aber ich fühle mich noch nicht dazu in der Lage, mit ihr zu reden. Trotzdem musste ich sie sehen.

Ich frage mich, ob ihr mein Name auf der Grußkarte auffallen wird. Es stehen mehrere darauf – der Name des Herausgebers, die Namen einiger Reporter und dazwischen meiner: Judge – der Richter. Judge ist nicht mein richtiger Name, aber er entspricht meinem Wesen.

Als ich erkennen musste, dass Eva in Wahrheit eine von ihnen geworden war, war ich sehr verzweifelt. An jenem Abend, als ich sie töten wollte, glaubte ich sogar, für immer allein zu bleiben. Doch jetzt ist meine Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft wieder erwacht.

Nachdem ich das Krankenhaus verlassen habe, bleibe ich kurz stehen und atme die feuchtwarme Luft ein. Der Frühsommer in North Carolina ist längst nicht so drückend wie die heißen Tage im Juli und August, trotzdem macht mir die Schwüle zu schaffen. Ich schmecke den süßlichen Duft des Blauregens auf der Zunge und frage mich, ob Eva meine Blumen gefallen. Sie duften nicht so lieblich wie die prächtigen blassvioletten Blütentrauben, die von den Zweigen des Blauregens herabhängen. Evas Blumen sind eher gewöhnlich, nichts Besonderes – doch genau aus diesem Grund passen sie zu ihr.

Ich gehe über den Parkplatz zu meinem Auto und ziehe mir Handschuhe an, bevor ich den Türgriff berühre. Der Wagen, den ich heute fahre, ist genauso unauffällig wie meine Uniform: ein dunkelblauer Viertürer. Ich werde ihn später neben dem Wagen abstellen, an dem Evas Blut klebt.

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Bis jetzt halten sich meine Freunde – abgesehen von Grace – an die vermeintliche Anordnung der Ärzte, ich dürfe keinen Besuch empfangen. Meine Eltern hängen immer noch in Europa fest. Anscheinend gab es wieder einen Vulkanausbruch auf Island, sodass fast alle Flüge nach Europa und aus Europa gestrichen wurden. Der Vulkan spuckte zwar keine Lava, sondern nur Rauch, Asche und Gas, aber mein Vater meinte, dass der Flugverkehr 2010 nach einem ähnlichen Vulkanausbruch für über eine Woche eingestellt gewesen war. Deshalb rechne ich auch nicht damit, dass meine Eltern bald hier auftauchen werden. Müssen sie auch nicht, wenn es nach mir geht. Das habe ich ihnen auch schon mehrmals gesagt – genau wie ich Großvater Cooper versichert habe, dass er sich keine Sorgen um mich zu machen braucht. Er schippert gerade auf einem Kreuzfahrtschiff um Alaska herum.

Großvater Tilling hat mich im Krankenhaus besucht und natürlich hat er für mich gebetet. Dummerweise habe ich weder ihn noch Mrs Yeung gefragt, ob sie bei dem Gespräch mit der Polizei, das mir gleich bevorsteht, dabei sein könnten.

»Und du bist dir sicher, dass du dir das schon zutraust?«, fragt mich die Schwester erneut.

»Klar.« Ich schenke ihr ein Lächeln, das bei all den Schnittwunden und Veilchen in meinem Gesicht vermutlich eher wie eine Fratze aussieht.

»Du kannst die Befragung jederzeit abbrechen, wenn es dir zu viel wird«, sagt die Schwester freundlich und hilft mir, mich aufzurichten.

Vielleicht ist es albern, aber ich bitte sie, mir meine Bürste zu bringen, damit ich mir wenigstens die Haare kämmen kann – allerdings ohne Spiegel. Ich weiß nicht, ob ich mein Gesicht je wieder sehen möchte. Auf gar keinen Fall sollen meine Freunde es sehen. Ich hätte es ja selbst lieber so in Erinnerung behalten, wie es einmal war. Zwar kann ich mich ohne Spiegel auch nicht schminken, selbst wenn ich dürfte, aber was sollte ein bisschen Wimperntusche in dieser Gesichtsruine auch schon ausrichten?

Als die Polizistin den Raum betritt, mustert sie mich wie den Rest des Zimmers – mit dem kühlen Blick der Ermittlerin. Mir wird bewusst, dass sie nach Grace, Mrs Yeung und dem Krankenhauspersonal die Erste ist, die mein Gesicht sieht, und ich bin heilfroh, dass sie mich nicht entsetzt anstarrt.

»Hallo«, sage ich, weil mir nichts Besseres einfällt. Ich wurde noch nie verhört und würde gern darauf verzichten. Da rede ich doch lieber mit irgendwelchen Ärzten.

»Ich bin Detective Grant«, sagt sie. Ihre Haare sind zu einem strengen Knoten zusammengebunden, wodurch ihre Gesichtszüge besonders markant wirken. Obwohl sie kein Make-up trägt, sieht ihre Haut vollkommen ebenmäßig aus. Vor dem Unfall wäre mir das gar nicht aufgefallen und mir wird klar, dass es nie wieder jemand wagen wird, mich genauso eingehend zu studieren wie ich Detective Grant.

Sie zeigt mir ihre Karte und legt sie zwischen Lippenbalsam und iPhone auf den Nachttisch.

»Ich würde unser Gespräch gern aufzeichnen, damit keine Information verloren geht«, sagt sie. Als ich nicke, schaltet sie das Diktiergerät ein. »Am besten, du erzählst mir einfach, was passiert ist.«

»Ich weiß nicht mehr viel«, erwidere ich voller Scham, weil ich mich an den vermutlich folgenschwersten Abend meines Lebens nicht mehr erinnern kann.

Sie setzt sich auf den Stuhl, der neben meinem Bett steht. »Dann erzähl mir, was du noch weißt.«

»Ich war auf dem Heimweg. Es war noch nicht ganz dunkel.« Ich komme mir vor wie ein Vollidiot, während ich versuche, ein paar spärliche Details zusammenzukratzen. »Mein Freund hatte mich versetzt, aber ich wollte nicht extra meine Freundin anrufen, damit sie mich abholt. Meine Eltern waren nicht da und ich bin den Weg schon tausendmal allein gegangen.«

»Hast du das Auto gesehen?«

Ich krame in meinen Erinnerungen. Dr. Klosky hat gesagt, Gedächtnislücken seien bei einem Schädel-Hirn-Trauma völlig normal, doch das tröstet mich nicht im Geringsten.

»Ich weiß nicht«, sage ich.

Sie nickt. »Bist du auf der Straße gelaufen?«

Ich versuche wieder, mich zu erinnern – ohne Erfolg. »Ich laufe nie auf der Straße. Ich wüsste auch nicht, warum das diesmal anders gewesen sein soll. Lag ich denn auf der Straße, als man mich gefunden hat?«

»Ja. Der Fahrer, der den Notarzt verständigt hat, hat dich schon von Weitem am Fahrbahnrand liegen sehen.«

Ich schlucke. Dann muss mich derjenige, der mich angefahren hat, doch auch gesehen haben! Und trotzdem ist er abgehauen. Diese Erkenntnis und der Tonfall der Kommissarin bringen mich auf einen schrecklichen Gedanken: Was, wenn das Ganze gar kein Unfall war?

Die Maschine, die meinen Blutdruck und meinen Puls aufzeichnet, fängt an zu piepen. Ich weiß nicht genau, was die Zahlen auf dem Monitor zu bedeuten haben, aber ich weiß, dass sie jede Sekunde überwacht werden.

Die Schwester, die heute für mich zuständig ist – deren Namen ich allerdings schon wieder vergessen habe –, kommt ins Zimmer gestürmt und wirft Detective Grant einen vorwurfsvollen Blick zu. Sie drückt auf irgendwelche Knöpfe und das Piepen verstummt.

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