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Bis dein Herz mich findet

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Danksagung
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  25. Kapitel 18
  26. Kapitel 19
  27. Kapitel 20
  28. Epilog

Über die Autorin

Lesley Pearse wurde in Rochester, Kent, geboren und lebt seit über 25 Jahren mit ihrer Familie in Bristol. Ihre Romane sind in England stets auf den ersten Plätzen der Bestsellerlisten zu finden.

Widmung

Gewidmet David Stoyle für sein außerordentlich großzügiges Gebot bei einer Wohltätigkeitsauktion für das Versprechen, als Romanfigur in diesem Buch vorzukommen. Ich hoffe, David, dass Sie mit der Art und Weise zufrieden sind, wie ich Sie hier verewigt habe, und dass Ihre neue Rolle als Anwalt und Superdetektiv Ihnen, Julia und Ihren Kindern gefallen wird. Falls die Figur nicht so umwerfend attraktiv und brillant ausgefallen ist, wie Sie es gern gehabt hätten, entschuldige ich mich dafür – aber der fiktionale David durfte dem Superhelden Stuart leider nicht den Rang ablaufen. Er musste einfach ein durch und durch netter Kerl und guter Kamerad sein, und das sind Sie ja auch in Wirklichkeit.

Danksagung

Mein großer Dank gilt Alan Hamilton von der Strafanstalt Cornton Vale in Stirling, der mir seine Zeit geopfert und mir mit seinem Fachwissen darüber, wie eine Frau die Haft erlebt, geholfen hat.

Als ich ihn aufsuchte, galt seine Tätigkeit vor allem dem Versuch, den verhängnisvollen Verhaltensmustern junger Strafgefangener durch eine moderne Einstellung und eine angemessene Leitung entgegenzuwirken und ihnen Gelegenheit zu geben, sich berufliche Fähigkeiten anzueignen, ihre Kenntnisse zu erweitern und ganz allgemein ihr Interesse zu wecken beziehungsweise zu steigern. Zu Alans Aufgabenbereich gehörten auch Rehabilitationsmaßnahmen, ein neuer Ansatz, für den Cornton Vale im Jahr 2006 mit dem Butler Award belohnt wurde. Soweit ich es verstanden habe, geht es darum, Straftätern zu einem besseren Verständnis der kurzfristigen und langfristigen Folgen ihrer Straftat für die Geschädigten zu verhelfen. Man berücksichtigt dabei nicht nur die eigentlichen Opfer einer Straftat, sondern auch die Familien der Opfer und der Täter, Zeugen, Freunde und Kameraden. Obwohl die Teilnahme an dieser Maßnahme für die Straftäter freiwillig ist, machen die meisten von ihnen dabei mit, und es ist ein lohnender Weg, um zusätzlich zur eigentlichen Bestrafung den angerichteten Schaden zu mildern oder Wiedergutmachung zu leisten.

Viele meiner vorherigen Vorstellungen von einem Frauengefängnis wurden durch meinen Besuch in Cornton Vale infrage gestellt, nicht nur von Alan Hamilton, dessen tiefe Hingabe für die ihm anvertrauten Frauen sehr offensichtlich war. Ich war ebenso beeindruckt vom Mitgefühl und Enthusiasmus aller anderen Mitarbeiter, die ich dort kennenlernte. Ich hatte letztlich das Gefühl, dass ein großer Teil der jungen Straffälligen dort die Hilfe bekommt, die sie benötigen, um einen Rückfall nach ihrer Entlassung zu verhindern.

Ich möchte auch all den lieben Menschen (es sind zu viele, um sie namentlich aufzuführen) in Anstruther, Cellardyke, Crail und Edinburgh danken, die mir Hilfe und Inspiration bei meinem Aufenthalt in Schottland waren, der mich mit dem Hintergrund dieses Romans vertraut machen sollte.

Zum Schluss noch ein dickes und ganz besonderes Dankeschön an Gordon Erasmuson, ohne den ich nicht einmal auf die Idee zu diesem Buch gekommen wäre, geschweige denn es geschrieben hätte. Ihr Glaube an mich, Ihre Ermutigungen, all diese wundervollen kleinen Schottizismen, mit denen Sie mich versorgt haben, und dazu immer wieder Ihr Lachen haben mir mehr geholfen, als Sie es sich jemals vorstellen können. Gott segne Sie, General Gordon.

Kapitel 1

1995

Verdorrter alter Kohlkopf!«, sagte Donna Ferguson laut und schneidend, als sie Laura Brannigan Brokkoli auf den Teller löffelte.

Laura hatte diese spezielle schottische Schmähung stets amüsant gefunden, doch sie unterdrückte jeden Ausdruck von Heiterkeit – denn den hätte Donna, die achtzehnjährige Bedienung hinter der Theke, nur als weiteren Beweis ihrer Demenz angesehen. Aber vermutlich hielt Donna mit ihrem Kampfgewicht von hundertfünfundzwanzig Kilo ohnehin jeden, der mehr Brokkoli und weniger Kartoffelpüree verlangte, für ernsthaft geschädigt.

»Ich mag alt und verdorrt sein, doch Brokkoli hält meinen Verstand scharf und meinen Körper schlank«, gab Laura zurück. »Vielleicht sollten Sie es auch mal versuchen.«

Als sie sich mit ihrem Tablett abwandte, um sich einen Platz im Speisesaal zu suchen, spürte sie die Spannung, die immer dann in der Luft lag, wenn ihre Mitgefangenen glaubten, dass es möglicherweise zu einem Streit oder Kampf kommen würde. Aber wie schon so viele Male zuvor, wenn jemand Laura beleidigt hatte, würden sie auch heute enttäuscht werden. Es war ohne zusätzlichen Ärger schon hart genug, mit fünfzig eine lebenslängliche Haftstrafe für ein Verbrechen zu verbüßen, das sie nicht begangen hatte. Außerdem hatte Laura Mitleid mit Donna: Der jungen Frau blieb bei ihrem Aussehen – wie ein gestrandeter Wal – gar nichts anderes übrig, als sich hart zu geben.

Während sie die etwa dreißig Frauen im Speisesaal betrachtete, dachte Laura darüber nach, wie sehr die Filmemacher sich doch irrten, wenn sie weibliche Gefangene porträtierten. Hier gab es keine Schönheiten mit erotischer Ausstrahlung, und man fand auch nur herzlich wenig Intelligenz. Die Frauen kamen in allen Formen und Größen und jedem Alter daher, von siebzehn bis über sechzig, aber allen gemein waren die stumpfe Haut, das glanzlose Haar und der mutlose Blick. Den gleichen Blick sah sie jedes Mal, wenn sie töricht genug war, in einen Spiegel zu schauen.

»Komm und setz dich zu mir, Law«, rief Maureen Crosby. »Wir alten Kohlköpfe sollten zusammenhalten!«

Jetzt lächelte Laura doch, denn so ein Aufblitzen von Humor war völlig untypisch für Maureen und musste entsprechend gewürdigt werden. Normalerweise war die Zweiundfünfzigjährige aus Glasgow ziemlich mürrisch, blieb gern für sich und ließ sich nur selten auf ihre Umgebung ein.

»Danke, Maureen«, sagte Laura und nahm ihr Angebot an. »War es eine Todsünde, um mehr Brokkoli zu bitten?«

Als Laura zwei Jahre zuvor in Untersuchungshaft nach Cornton Vale, Schottlands einziges Frauengefängnis, gekommen war, hatten nur Maureen und einige wenige andere Gefangene dort keine sarkastischen Bemerkungen über Lauras Alter, ihren englischen Akzent oder ihre beharrliche Behauptung gemacht, es sei ein schrecklicher Fehler, sie wegen Mordes vor Gericht zu stellen. Möglicherweise hatte Maureen sich nur deshalb so verhalten, weil sie ungefähr in ihrem Alter war, wahrscheinlicher war jedoch, dass sie in ihrem eigenen Leben zu viel Elend erfahren hatte, um das eines anderen Menschen noch vermehren zu wollen. Sie hatte Narben auf den Wangen, die von einer Rasierklinge stammten, und ihr Handgelenk stand in einem unnatürlichen Winkel ab, das Ergebnis eines Bruchs, der nie richtig verheilt war. Die meisten ihrer Zähne waren abgebrochen, und sie hatte ein immer wiederkehrendes Rückenproblem.

»Du siehst heute sehr hübsch aus. Erwartest du Besuch?«, fragte Laura, während sie zu essen begann. Maureen war eine massige Frau und schlurfte normalerweise in einem schwarzen Trainingsanzug herum, der weder ihrer rundlichen Figur noch ihrem talgigen Teint schmeichelte. Aber heute trug sie eine elegante graue Hose und eine hellrosa Bluse. Sie hatte sich das graue Haar gewaschen und gefönt und war sogar geschminkt.

»Aye, meine Jenny kommt«, antwortete Maureen, und ihre Stimme, die normalerweise so mutlos klang, wirkte ein wenig fröhlicher.

»Wie schön!«, rief Laura. Maureen hatte ihr einige Wochen zuvor anvertraut, dass ihre Tochter sie nie wiedersehen wolle. Das war nach Maureens Verurteilung wegen schwerer Körperverletzung gewesen – sie hatte ihren Mann mit einem Wagen überfahren. »Wie kommt es, dass sie ihre Meinung geändert hat?«

Maureen zuckte die Schultern zum Zeichen, dass sie den genauen Grund nicht kannte. »Ich hab getan, was du gesagt hast, und ihr geschrieben und ihr erzählt, welche Gefühle ich für sie habe. Vielleicht war es das.«

Laura nickte. Maureen war drauf und dran gewesen, ihren Ehemann, von dem sie misshandelt wurde, zu verlassen, als sie entdeckte, dass er ihr Geld gestohlen hatte – Geld, das sie gespart hatte, um ihm entfliehen zu können. Am selben Abend hatte er sie abermals verprügelt, und als sie früh am nächsten Morgen von ihrer Putzstelle in einem Büro nach Hause gefahren war, hatte sie ihn aus dem Haus einer Frau kommen sehen. Maureen hatte schon lange den Verdacht gehegt, dass er eine Affäre mit dieser Frau hatte. In einem Anfall von Zorn war sie mit dem Wagen direkt auf ihn zugefahren, hatte ihm beide Beine gebrochen und ihm massive innere Verletzungen zugefügt, von denen er sich wahrscheinlich niemals ganz erholen würde.

Jenny schlug sich auf die Seite ihres Vaters und weigerte sich, die Demütigungen und die Brutalität in Rechnung zu stellen, unter denen Maureen im Laufe der Jahre zu leiden gehabt hatte. Sie gestattete noch nicht einmal ihren jüngeren Geschwistern, ihre Mutter zu besuchen.

»Ich nehme an, dein Mann hat auch ihr gegenüber sein wahres Gesicht gezeigt«, sagte Laura nachdenklich. »Und deine anderen Kinder werden Jenny wahrscheinlich erzählt haben, was er dir in der Vergangenheit angetan hat. Sie wird das alles gegeneinander aufgewogen und begriffen haben, dass du am Ende deiner Kraft und Weisheit warst. Ein Mädchen braucht seine Mutter, und ich bin davon überzeugt, dass sie dich schrecklich vermisst hat.«

»Du bist ein guter Mensch«, erwiderte Maureen unerwartet. »Zuerst hab ich nicht geglaubt, dass du unschuldig warst, aber jetzt tu ich es. Du hast es nicht in dir, jemanden zu töten, erst recht nicht eine alte Freundin.«

Laura lächelte kläglich. Vor zwei Jahren hätte eine solche Bemerkung ihr Hoffnung gemacht; sie hätte geglaubt, dass die Anwälte, die Polizei und die Geschworenen sie im gleichen Licht sehen würden. Aber die Geschworenen hatten sie für schuldig befunden, und ihr Anwalt sah keinen Grund dafür, in Berufung zu gehen.

Jetzt wusste sie, dass alle, die mit dem Fall zu tun gehabt hatten, fest von ihrer Schuld überzeugt waren, und das zu ertragen war das Schlimmste von allem. »Es bedeutet mir viel, dass du mir glaubst«, seufzte sie. »Aber lass uns heute nicht darüber reden. Du musst schon sehr aufgeregt sein wegen deines Besuchs.«

»Das bin ich.« Maureen strahlte. »Einfach ihr hübsches kleines Gesichtchen wiederzusehen, wird genug sein. Sie ist jetzt dreißig, und ein zweites Kleines ist unterwegs. Ich wusste bisher nicht mal, dass ich einen Enkelsohn hatte.«

»Versuche, ihren Vater nicht zu erwähnen«, meinte Laura sanft. »Frag sie nach deinem Enkel, nach ihrer Schwangerschaft und ihrem Zuhause und solchen Dingen. Sie wird verlegen sein wegen der Art, wie sie dich behandelt hat, aber sie muss den Wunsch haben, Brücken zu bauen, sonst würde sie nicht kommen.«

Maureen sah Laura versonnen an. »Warum bekommst du nie Besuch, Law?«, wollte sie wissen. »Eine gute Frau wie du muss jede Menge Freunde gehabt haben.«

»Ich war keine gute Frau«, erwiderte Laura kläglich. »Ich habe Menschen schlecht behandelt und sie benutzt. Jackie war die Einzige, deren Meinung über mich je gezählt hat, und ich habe sie geliebt. Aber jetzt, da ich wegen Mordes an ihr verurteilt wurde, sind die wenigen Menschen, die ich gern als Freunde betrachtet habe, verschwunden, und es ist niemand mehr da, der sich auch nur ein Jota um mich schert.«

Als Laura nach dem Essen in ihre Zelle zurückkam, legte sie sich auf ihr Bett und schloss die Augen. Ihre Mitgefangenen hatten ihre Zellen mit Bildern und Fotos geschmückt, aber abgesehen von einem Bild von einer weißen Rose, das sie aus einer Zeitschrift ausgeschnitten hatte, waren Lauras Wände so nackt wie an dem Tag vor einem Jahr, als man sie nach der Urteilsverkündung hierher gebracht hatte.

Damals war sie zu zornig gewesen, um den Gedanken auch nur in Erwägung zu ziehen, sich häuslich einzurichten, denn das wäre ihr so vorgekommen, als akzeptierte sie ihr Schicksal. In ihren dunkelsten Augenblicken hatte sie das Gitter vor dem Fenster angestarrt und darüber nachgedacht, sich daran zu erhängen. Doch Selbstmord schien mehr ein Eingeständnis von Schuld zu sein als eine Bekräftigung ihrer Unschuld.

Es war eine Form des Protestes, die Zelle trostlos und unpersönlich zu lassen. Laura hatte nichts dagegen, dass sie winzig war – sie hatte in der Vergangenheit in gleichermaßen kleinen Räumen gelebt. Bis zu einem gewissen Maß konnte sie der Enge entfliehen, indem sie Radio hörte und von ihrem Fenster aus zu den Hügeln hinüberblickte. Aber der ständige Lärm um sie herum vermittelte ihr oft das Gefühl, den Verstand zu verlieren.

Im Bravo-Block wurde unablässig gegen Gitterstäbe geschlagen, gesungen, geweint, geschrien, geredet und heiser gelacht. Laura konnte ihre Zelle vor den anderen Frauen schließen, sie konnte sogar dem Rauch und dem Gestank ihrer Zigaretten ausweichen, aber der Lärm war ständig da, und manchmal hätte sie am liebsten geschrien, sie sollten endlich still sein.

Sie konnte sich daran erinnern, wie sehr sie den schottischen Akzent geliebt hatte, als sie seinerzeit nach Schottland gezogen war, doch jetzt schmerzte er ihr in den Ohren; selbst die sanfteren Töne jener, die aus Städten wie Inverness kamen, irritierten sie. Laura hätte alles dafür gegeben, einen Londoner Akzent zu hören, doch nach dreiundzwanzig Jahren in Schottland waren selbst ihrer Sprechweise nur noch geringe Spuren ihrer Londoner Herkunft anzumerken.

Sie stand erschöpft von ihrem Bett auf, um ihre Ohrstöpsel zu suchen. Sie blendeten den Lärm nicht aus, dämpften ihn jedoch zumindest. Laura fand sie auf dem Waschbecken, und als sie sie in ihre Ohren schob, sah sie für einen Moment ihr Gesicht im Spiegel.

Der Anblick verstärkte ihre Niedergeschlagenheit noch, denn ihre Züge spiegelten ihren müden, hoffnungslosen Geisteszustand wider, und ihr Haar hatte die Farbe und Beschaffenheit von schmutzigem Stroh. Als Kind war es mausbraun gewesen, aber während ihres ganzen Erwachsenenlebens hatte sie es sich gefärbt – schwarz, rot, dunkelbraun, blond und einmal sogar pink –, daher war es schwer, sich an die genaue ursprüngliche Farbe zu erinnern. Dennoch wusste sie sehr wohl noch, wie es an dem Tag ausgesehen hatte, als sie Jackie tot aufgefunden hatte, denn tags zuvor war sie beim Friseur gewesen und hatte sich das Haar kurz schneiden und blonde Strähnchen einfärben lassen.

Jetzt fiel es ihr lang und formlos auf die Schultern, daher band sie es stets mit einem Gummiband zu einem Pferdeschwanz zusammen. Und wenn sie es bürstete, konnte sie von den blonden Strähnchen nur noch orangefarbene Spitzen entdecken. Alles andere war von einem hässlichen, ungleichmäßigen Grau.

Glamourös, chic, elegant, perfekt gepflegt – das waren die Ausdrücke, mit denen man sie vor zwei Jahren beschrieben hatte, als sie noch ihren Laden gehabt hatte. Mit ihren eins fünfundsechzig und Kleidergröße sechsunddreißig hatten ihr noch immer die Arbeiter nachgepfiffen, wenn sie an einer Baustelle vorbeigekommen war, und sie war kaum einmal abends ausgegangen, ohne von irgendeinem Mann angesprochen zu werden. Man hatte sie eher auf fünfunddreißig geschätzt als auf Ende vierzig.

Jetzt hätte kein Mann einen zweiten Blick an sie verschwendet. Sie mochte immer noch schlank sein, doch ihre Haut war so grau wie ihr Haar, und ihren braunen Augen, die so oft als leuchtend beschrieben worden waren, fehlte nun jeder Glanz. Selbst wenn sie ein elegantes Kostüm und hochhackige Schuhe anzöge, sich das Haar schneiden und färben ließe und sich schminkte, würde sie niemals mehr so aussehen können, wie sie einst ausgesehen hatte. Es war, als wäre ein Licht in ihr ausgeschaltet worden.

»Brannigan!«

Beim Klang ihres Namens drehte Laura sich um und sah Justizvollzugsbeamtin Beadington – allgemein bekannt als Beady – an der Tür stehen. Laura zog ihre Ohrstöpsel heraus.

»Es ist ein Brief für Sie abgegeben worden«, sagte Beady und hielt ihr ein Blatt Papier hin. »Der Mann war gerade hier und wollte Sie besuchen. Die Beamten am Tor mussten ihn wegschicken, doch sie haben ihm erklärt, er könne schreiben und Sie um eine Besucherkarte bitten.«

Lauras Herz machte einen Satz, als sie die vertraute Handschrift sah. Sie mochte sie seit Jahren nicht mehr gesehen haben, aber sie war unverkennbar.

»Es ist doch nicht wieder einer von diesen Journalisten, oder?«, fragte Beady. »Sie wissen, wie der Anstaltsleiter dazu steht!«

Laura war zu verblüfft über den Brief in ihrer Hand, um sofort antworten zu können. Sie sah Beady einige Sekunden lang mit leerem Blick an, als wäre sie in einer unbekannten Sprache angesprochen worden.

»Nein. Nein, kein Journalist«, sagte sie, als ihr klar wurde, dass sie antworten musste.

Sie hatte kurz nach ihrer Verurteilung mehreren Journalisten Besucherkarten geschickt in der Hoffnung, sie würden sich ihres Falles annehmen. Fast alle waren gekommen, aber ihre Notlage hatte sie nicht gekümmert; niemand hatte ihr geglaubt, dass sie unschuldig war. In Wirklichkeit waren sie alle nur darauf aus gewesen, mehr Schmutz über sie in Erfahrung zu bringen und etwas über die Reihe von Selbstmorden zu hören, die sich in den letzten Monaten in diesem Gefängnis ereignet hatten. Die Journalisten hatten Laura als Vorwand benutzt, um Sensationsartikel über das Gefängnis zu schreiben, und der Leiter war sehr wütend darüber gewesen, dass sie ihnen unwissentlich Insider-Informationen gegeben hatte.

»Der Brief ist von einem Mann, den ich vor langer Zeit gekannt habe«, sagte Laura schwach. »Es ist ein kleiner Schock!«

»Es heißt, er sei ausgesprochen sexy«, bemerkte Beady mit einem breiten Lächeln.

Laura erwiderte das Lächeln müde. Beady war eine anständige Frau; sie hatte eine harte Schale und konnte wie ein Bulldozer jeden überrollen, der sie in Rage brachte, doch auf diese Weise versuchte sie nur, ihren weichen Kern zu schützen. Laura hatte sie junge Mädchen trösten sehen, wenn deren Partner ihnen den Laufpass gegeben hatten oder ihre Kinder der Fürsorge übergeben worden waren. Beady hatte das Herz am rechten Fleck.

»Er war schon immer sexy«, stimmte Laura traurig zu. »Und er ist ein guter Mann, doch wir Frauen machen uns häufig schuldig, weil wir den wahren Wert eines Mannes erst zu spät erkennen.«

»Er wollte zu Ihnen«, erklärte Beady vielsagend. »Also beschaffen Sie ihm eine Besucherkarte, und zwar dalli.«

Laura schloss ihre Zellentür und setzte sich auf ihr Bett, um den Brief zu lesen.

Liebe Laura,

ich bin gerade erst aus Südamerika nach England zurückgekehrt und war entsetzt, als ich von Jackies Tod erfuhr. Wir mögen einander sehr lange nicht mehr gesehen haben, aber ich kann nicht glauben, dass du sie getötet hast, denn ich weiß, was ihr einander bedeutet habt. Man wollte mir nicht erlauben, dich zu besuchen. Es hieß, ich brauche eine Besucherkarte. Bitte, schicke mir eine in mein Hotel, denn ich kann Schottland nicht wieder verlassen, solange ich nicht mit dir geredet habe.

Stuart

Eine Träne lief Laura ungehindert die Wange hinunter, während sie seine Handschrift anstarrte. Vor zwanzig Jahren hatte er ihr mit Bleistift hingekritzelte Nachrichten geschrieben, häufig verziert mit komischen kleinen Gesichtern. Sie hatte auch eine wunderschöne Beileidskarte bekommen, als Barney gestorben war, und sein tiefer Kummer war eingemeißelt gewesen in jedes Wort. Dieser Brief war förmlicher, geschrieben auf geprägtem Papier des Balmoral Hotel in Edinburgh, ein Beweis dafür, wie weit er jetzt von ihr entfernt war.

Sie konnte ihn an jenem Sommertag 1972 vor sich sehen, als sie ihn auf Castle Douglas kennengelernt hatte. Hochgewachsen, mit nacktem Oberkörper und abgeschnittenen Levis-Shorts, die drohten, ihm von den schmalen Hüften zu rutschen. Haselnussbraunes Haar, das eine Wäsche nötig hatte, war ihm bis auf die Schultern gefallen. Seine nackten Füße waren so braun gewesen wie junge Kastanien, und er hatte das breiteste, wärmste Lächeln gehabt, das sie je gesehen hatte.

Er war einundzwanzig gewesen, immer noch ein unschuldiger Junge voller Überschwang und Glück. Sie war mit ihren siebenundzwanzig Jahren eine berechnende, weltgewandte Frau gewesen, die es hätte besser wissen müssen, als mit ihrem zweijährigen Sohn in eine Hippie-Enklave davonzulaufen. Natürlich hatte sie sich an Strohhalme geklammert – alles war besser gewesen, als in London zu bleiben und die Menschen sehen zu lassen, dass sie es verpfuscht hatte.

In derselben Nacht hatte sie Stuart auf einer Matratze auf dem Boden eines Hauses verführt, das kaum mehr gewesen war als ein Schuppen, und als er am nächsten Morgen erwacht war, hatte er ihr seine Liebe erklärt.

Als Laura nun mit einem Finger über den geprägten Briefkopf strich, konnte sie sich die Kultiviertheit der Welt, in der er jetzt lebte, gut vorstellen: große Doppelbetten, luxuriöse Bäder, schnelle Autos und Designerkleidung. Sie hatte im Laufe der Jahre oft von Jackie von seinen Erfolgen gehört, davon, dass Firmen aus mehreren Ländern Headhunter auf ihn angesetzt hatten, weil sie ihn als Projektmanager wollten. Doch stets hatte er darauf bestanden, diesen Aufstieg aus der Mietskaserne in Edinburgh, in der er aufgewachsen war, nicht durch Intrigen, Härte und Schläue, sondern mit seinem Talent, mit harter Arbeit und absoluter Aufrichtigkeit geschafft zu haben – so wie er es immer gewollt hatte.

Wie anders wäre ihr Leben vielleicht verlaufen, wenn sie nur an ihn geglaubt hätte!

Laura drückte den Brief ans Herz und ließ sich schluchzend in ganzer Länge auf ihr Bett fallen.

1972 war ihr »Sommer der Liebe« gewesen, als für nur wenige kurze Wochen alles wunderschön gewesen war. Kein anderer Mann, weder vorher noch nachher, hatte sie je auf dieselbe Weise berührt, und was sie gehabt hatten, war kostbar und zauberhaft gewesen. Aber sie hatte es zerstört, geradeso, wie sie so oft zuvor und danach so vieles zerstört hatte, was gut in ihrem Leben gewesen war.

Kapitel 2

Laura lag mit Stuarts Brief auf ihrem Bett, und die Freude, die sie beim Empfang seiner Nachricht anfänglich empfunden hatte, war von Scham verdrängt worden. Sie schämte sich weniger der Tatsache, dass sie im Gefängnis saß und er es herausgefunden hatte, sondern vor allem, weil er inzwischen bestimmt auch alles über ihre echte Familie erfahren hatte.

Stuart hatte einige Jahre für Jackie gearbeitet und ihre gesamte Familie kennengelernt, und obwohl das nun lange zurücklag, waren sie doch lose miteinander in Verbindung geblieben. Wenn er erfahren hätte, dass Jackie eines natürlichen Todes gestorben sei, hätte ihn das schon genügend aus der Fassung gebracht; um wie viel ärger musste es gewesen sein, als er die Nachricht erhalten hatte, sie sei von Laura ermordet worden! Gewiss hatte er alles über ihren Fall gelesen, um mehr in Erfahrung zu bringen.

Jedes schmutzige Detail über sie war in der Presse breitgetreten worden, denn die Journalisten waren wie Hyänen gewesen und hatten systematisch ihre Glaubwürdigkeit demontiert, indem sie immer neue unappetitliche Tatsachen über sie und ihre Vergangenheit ans Licht gezerrt hatten.

Laura machte sich keine Sorgen wegen der Dinge, in die sie nach ihrer Trennung verwickelt gewesen war; davon hatte er wahrscheinlich ohnehin vor langer Zeit durch Klatsch und Tratsch gehört. Aber was musste er empfunden haben, als er herausfand, dass sie keine Waise gewesen war, wie sie ihm gegenüber behauptet hatte? Dass sie tatsächlich quicklebendige Eltern und fünf Geschwister hatte – ihre Familie, von ihr selbst fein säuberlich aus ihrem Leben retuschiert. Sie konnte sich vorstellen, wie er sich an das erinnerte, was sie ihm über ihre erfundene Kindheit und Jugend erzählt hatte. Gewiss fragte er sich, warum sie ihm in der Folge niemals die Wahrheit gesagt hatte, selbst wenn sie glaubte, den Rest der Welt belügen zu müssen.

Stuart kam ebenfalls aus einer Arbeiterfamilie, und er hatte nicht gezögert, über jede Leiche in deren Keller zu sprechen. Doch er war stets stolz auf seine Herkunft gewesen und wäre nie so tief gesunken, sie mit einer Tünche von Glamour zu überziehen, um die gesellschaftliche Leiter hinaufzuklettern.

Während ihrer zweijährigen Beziehung hatte es viele Gelegenheiten gegeben, da sie ihm um ein Haar die Wahrheit erzählt hätte. Sie hatte gewusst, dass er ihre Beweggründe zu lügen verstanden hätte; tatsächlich hätte er sie wahrscheinlich umso mehr geliebt, weil er ein mitfühlender Mensch war und immer auf der Seite der Underdogs stand. Laura hatte der Versuchung widerstanden, weil er sie dazu gebracht hätte, auch Jackie gegenüber reinen Tisch zu machen, und er hätte ihr so lange zugesetzt, bis sie Verbindung zu ihrer Mutter aufgenommen hätte. Dafür war sie zu feige gewesen.

Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie wischte sie ungeduldig fort. Wenn sie mit sechzehn gewusst hätte, welches Herzeleid die Zukunft für sie bereithielt, hätte sie sich nicht neu erfunden. Aber damals war es lediglich Selbsterhaltung gewesen, kein vorsätzlicher Betrug.

Sie war zwölf, als ihr wirklich dämmerte, dass sie die ganze Welt gegen sich hatte. Es war im Oktober 1957 gewesen, an einem dieser herrlichen Herbsttage, an denen man bemerkt, dass die Blätter an den Bäumen plötzlich in Gold, Rot, Rost und Gelb erstrahlen, obwohl die Sonne warm genug ist, um den Menschen vorzugaukeln, es sei noch Sommer.

Auf der Thornfield Road in Shepherd’s Bush, wo sie zu jener Zeit lebte, standen keine Bäume. Selbst die schmalen Streifen Erde vor den verfallenden drei und vierstöckigen Häusern, die die Bewohner gern ihren »Vorgarten« nannten, enthielten nichts außer überquellenden Abfalleimern, Fahrrädern und Müll. Aber an jenem Tag war Laura in den nahe gelegenen Ravenscroft Park gegangen, hatte über das Fest der Farben dort gestaunt und sich gewünscht, sie hätte in einem der schönen Häuser rings um den Park gelebt.

Sie ging an den meisten Samstagnachmittagen dorthin, doch normalerweise nahm sie Freddy, ihren kleinen Bruder, in seinem Kinderwagen mit und auch ihre Schwestern, Meggie und Ivy, um ihrer Mutter ein wenig Luft zu verschaffen. Doch an jenem Morgen hatte Laura nur einen einzigen Blick auf die dunkle, feuchte, chaotische Kellerwohnung geworfen, in der sie lebten, und sie hatte einen überwältigenden Drang verspürt, das Haus zu verlassen und für eine Weile in einer friedlichen Umgebung allein zu sein.

Sie saß noch immer auf einer Bank im Park und träumte von einem eigenen Zimmer und einem Bad und davon, nie wieder gebrauchte Kleider tragen zu müssen oder von den anderen Mädchen in ihrer Schule ausgelacht zu werden, weil ihre Kleidung nach gebratenem Essen und Moder roch, als ihr plötzlich bewusst wurde, dass es bereits spät am Nachmittag war. Die Sonne hatte sich leuchtend orange gefärbt; sie versank gerade hinter den Bäumen und warf lange Schatten, und plötzlich fror Laura in ihrem Baumwollkleid.

Widerstrebend ging sie nach Hause, wohl wissend, dass ihre Mutter furchtbar wütend sein würde, weil sie den ganzen Tag über fort gewesen war. Als sie auf die Thornfield Road einbog, sah sie Janice Potts und Margaret Jones aus der Schule. Die beiden Mädchen saßen auf der Mauer vor ihrem Haus.

Lauras Magen drehte sich vor Angst um, weil die beiden sie seit Beginn des neuen Halbjahrs im September schikanierten. Sie wusste, dass sie gekommen waren, um mit ihr Streit zu suchen, denn wie die meisten Mädchen im Gymnasium in Holland Park lebten sie weit entfernt vom schäbigen Shepherd’s Bush und hatten keinen Grund, durch ihre Straße zu gehen.

Seit ihrem ersten Tag im Gymnasium war Laura sich wie eine Hochstaplerin vorgekommen, weil fast alle anderen dort elegant und chic waren. Die anderen Mädchen nahmen Tennis und Ballettunterricht, ihre Väter besaßen ein Auto und trugen Anzüge, und sie war sich absolut sicher, dass niemand sonst sich mit einer gebrauchten Schuluniform zufriedengeben musste oder in einem öffentlichen Bad badete. Es machte die Sache nicht besser, dass sie so mager und reizlos war – wann immer sie in einen Spiegel schaute, schauderte sie beim Anblick ihres geflochtenen Haares, das niemals glatt wirkte, weil es so glanzlos und dünn war.

Während des ganzen ersten Jahres auf dem Gymnasium war sie sich darüber im Klaren gewesen, dass die anderen Mädchen hinter ihrem Rücken über sie tuschelten; sie versteckten ihre Bücher und erlaubten ihr niemals, an ihren Spielen auf dem Pausenhof teilzunehmen. Aber seit sie ins zweite Jahr versetzt worden war, war es noch schlimmer geworden.

Als sie am ersten Tag im September wieder in die Schule gegangen war, hatte Brenda Marsh gesagt, sie wolle nicht neben einem »Straßenkind« sitzen. Ein anderes Mädchen hatte gefragt, ob Laura ihren Blazer vom Lumpensammler habe. Von da an schien es, als hätte sich die ganze Klasse verschworen, sie zu quälen. Sie ließen Briefchen auf ihrem Schreibtisch liegen, in denen sie Bemerkungen über ihren muffigen Geruch machten. In den Umkleideräumen der Turnhalle nahmen die Mädchen ihre Bluse oder ihren Pullover zwischen Daumen und Zeigefinger und zuckten zusammen, als wäre das Kleidungsstück irgendwie verseucht. Einmal sah Laura sogar ein Mädchen mit einem Taschentuch einen Stuhl abwischen, auf dem sie zuvor gesessen hatte. Getuschel, Rippenstöße und rüde Gesten verfolgten sie während des ganzen Unterrichts. Auf dem Pausenhof und wenn sie die Schule verließ, riefen die Mädchen ihr grausame Bemerkungen nach und versuchten, ihr ein Bein zu stellen. Jetzt hatten die beiden Rädelsführer herausgefunden, wo sie wohnte, und Laura bekam es mit der Angst zu tun.

»Hey, Stinky Wilmslow! Hast du dich dieses Jahr schon gewaschen?«, rief Janice.

Es war verführerisch, in ein Nachbarhaus zu laufen und um Hilfe zu bitten, aber wenn sie das tat, würden Janice und Margaret ihr am Montag in der Schule abermals auflauern, das wusste Laura. »Ihr könnt mir mal den Buckel runterrutschen«, rief sie trotzig zurück und ging verstockt auf sie zu.

»Hast du immer noch Läuse?«, höhnte Margaret, als sie näher kam.

Dieser Seitenhieb schmerzte Laura, weil sie nie Läuse gehabt hatte. Sie wusch sich auch jeden Tag, obwohl das nicht verhinderte, dass die Gerüche der Wohnung sich an ihre Kleider hefteten. Aber es hatte keinen Sinn zu protestieren; Protest würde den beiden lediglich einen Vorwand liefern, ihr noch weitere Schmähungen an den Kopf zu werfen.

»Wahrscheinlich – und du wirst dir selbst welche fangen, wenn du mich anfasst«, antwortete Laura. Sie hatte das elende Gefühl, von dem sadistischen Duo gleich verprügelt zu werden, und das würde bedeuten, dass sie ihnen zeigen musste, dass gewöhnliche Mädchen wie sie von der Wiege an lernten, sich zu verteidigen.

Als sie sie erreichte, streckte Janice einen Fuß vor, um sie zu Fall zu bringen. Laura reckte die Nase hoch in die Luft und gab vor, es nicht gesehen zu haben, aber schnell wie der Blitz trat sie gegen Janices anderes Bein, sodass diese auf den Gehsteig fiel.

Als Janice vor Schreck und Überraschung aufschrie, sprang Margaret vor, die Finger zu Krallen gebogen und bereit, Lauras Gesicht zu zerkratzen. Laura rammte ihr ein Knie in den Magen, und Margaret prallte zurück und hielt sich den Bauch.

Es war unzweifelhaft eine beeindruckende Zurschaustellung von Überlegenheit des Verstandes, der Schnelligkeit und der List, und beide Mädchen wirkten geziemend benommen und verängstigt. Laura stemmte die Hände in die Hüften und bedachte sie mit einem vernichtenden Blick. »Habt ihr genug?«, fragte sie. »Oder wollt ihr beide noch einen ordentlichen Tritt? Dann könnt ihr nach Hause laufen und euren Mummys etwas vorheulen.«

Sie gaben klein bei ein und flüchteten, und ihre kurzen Röcke flatterten hoch, sodass ihre weißen Beine und ihre dunkelblauen Schlüpfer sichtbar wurden. Sie waren nicht einmal mutig genug, um ihr noch aus einiger Entfernung Schimpfworte an den Kopf zu werfen.

Laura sah ihnen nachdenklich nach. Eigentlich hätte sie sich nach diesem Zwischenfall mächtig fühlen und triumphieren sollen, aber dieses Erlebnis hatte genau den gegenteiligen Effekt. Sie wünschte sich, von den Mädchen gemocht zu werden. Dann könnten sie die Samstagnachmittage gemeinsam bei Woolworth verbringen, sich die Top Twenty der Woche anhören und die Make-up-Auslagen betrachten. Aber das würde jetzt nie mehr möglich sein.

Sie ließ sich an der Mauer von Nummer zwölf, wo sie wohnte, zu Boden sinken, und ihr wurde eines plötzlich mit übergroßer Klarheit bewusst: Um das Stigma, eine Wilmslow zu sein, loszuwerden, brauchte es erheblich mehr, als die Aufnahmeprüfung zu bestehen und in einen gestreiften Blazer zu schlüpfen.

Dabei war sie so stolz gewesen, als sie am Gymnasium angenommen worden war! Sie hatte geglaubt, ihre älteren Brüder seien lediglich neidisch, als sie behauptet hatten, sie würde dort nicht hinpassen. Selbst als klar geworden war, dass ihre Brüder recht hatten, hatte Laura an ihrem unerschütterlichen Optimismus festgehalten und angenommen, ihre Klassenkameradinnen mit der Zeit schon für sich gewinnen zu können.

Aber jetzt wusste sie, dass sie es niemals schaffen konnte. Sie würde nie zu den Partys der anderen Mädchen eingeladen werden oder nach Hause zum Tee; niemand würde sie je in seiner Nähe haben wollen. Es machte ihr nichts aus, dass ihre Eltern kein Geld für die Klassenfahrt nach Frankreich oder für Ballettunterricht hatten, doch Laura glaubte, nicht noch einmal vier oder mehr Jahre ohne einen einzigen Freund in der Schule ertragen zu können.

Die Lehrer hielten sie für klug. Bis jetzt hatte sie sich mit dieser Tatsache getröstet, wenn alles besonders schwarz ausgesehen hatte. Und sie war fest davon überzeugt gewesen, eines Tages etwas Großartiges zu sein – eine Ärztin, eine Wissenschaftlerin oder eine Anwältin. Dann, so hatte sie gehofft, würden all jene, die auf sie herabgeblickt hatten, beschämt sein.

Aber jetzt wurde ihr bewusst, dass Janices und Margarets Vorurteile gegen sie genau das waren, was sie von der ganzen Welt erwarten konnte. Mit einem Vater, der immer wieder im Gefängnis landete, zwei älteren Brüdern, die alle Zeichen aufwiesen, dass sie den gleichen Weg gehen würden, und einem Zuhause, das ein schmutziges Loch war, hatte sie keine echte Chance, es im Leben zu etwas zu bringen.

Laura drehte leicht den Kopf, blickte in die Kellerwohnung hinab und zuckte zusammen, als ihr klar wurde, was Janice und Margaret gesehen haben mussten. Dreckige Fenster, vom Alter vergilbte, löchrige Gardinen und die Mülltonnen für das gesamte vierstöckige Haus, die direkt vor ihrer Wohnungstür standen und einen widerlichen Fäulnisgeruch verströmten. Wenn sie den Schmutz in der Wohnung gesehen hätten, wären sie noch schockierter gewesen. Die Scham über all das schlug wie eine Welle über Laura zusammen und verursachte ihr Übelkeit.

Mit hängenden Schultern ging sie die Betonstufen hinunter zu ihrer Mutter.

»Wo bist du den ganzen Tag gewesen?«, brüllte Mrs. Wilmslow, sobald Laura hereinkam. »Ich habe hier mit den Kindern festgesessen, die sich geprügelt haben, und dem heulenden Baby, und ich hatte nicht einmal eine Minute, um in den Laden zu laufen und mir ein paar Zigaretten zu holen.«

Laura stand in der Tür des Wohnzimmers, das gleichzeitig als Schlafzimmer ihrer Eltern diente, und ihre Laune sank endgültig auf den Nullpunkt. Kein einziger Sonnenstrahl schaffte es jemals hier herein, aus den Armlehnen des Sofas quoll die Füllung, und die Tapete hing schon so lange an den Wänden, dass das Muster, das sie einst besessen hatte, unkenntlich geworden war. Die Luft war vom Zigarettenrauch zum Schneiden dick und roch, als hätte der sechs Monate alte Freddy eine schmutzige Windel. Er lag auf dem Boden und quengelte. Ivy, die Dreijährige, hatte sich Marmelade ins Gesicht geschmiert; ihr Po war nackt. Die fünfjährige Meggie spielte mit ihrer Puppe. Im Raum herrschte absolutes Chaos; wohin man auch sah, überall lagen Spielsachen und benutztes Geschirr. Nicht einmal das Doppelbett war gemacht.

June, Lauras Mutter, war erst zweiunddreißig, eine kleine schlanke Frau mit wasserstoffblondem Haar, blassem Teint und einem abgehetzten Gesichtsausdruck. Wenn sie sich Gesicht und Haare herrichtete, sah sie immer noch sehr hübsch aus, doch diese Mühe machte sie sich selten, es sei denn, sie ging in den Pub. Jetzt hatte sie sich Lockenwickler in die Haare gedreht, also beabsichtigte sie offensichtlich, später auszugehen. Aber sie hatte einen Tomatenfleck auf ihrem Kleid und Löcher an den Ellbogen ihrer Strickjacke.

»Dann geh jetzt und hol dir deine Zigaretten«, gab Laura zurück. Sie war versucht, darauf hinzuweisen, dass ihre Mutter mit den Kleinen einen Spaziergang hätte unternehmen und sich dabei ihre Zigaretten besorgen können, doch sie schluckte diese Bemerkung herunter.

»Die Kinder haben mich die ganze Zeit gefragt, wo du bist.« Die Stimme ihrer Mutter hatte sich in ein mürrisches Jammern verwandelt. »Du hättest ja sogar überfahren worden sein können, so lange warst du weg.«

»Nun, ich bin aber nicht überfahren worden«, entgegnete Laura. »Geh jetzt und hol dir deine Zigaretten, ich werde währenddessen hier Ordnung schaffen und Freddys Windel wechseln – er stinkt.«

Es war merkwürdig, dass ihre Mutter selten fragte, womit Laura oder ihre älteren Brüder sich beschäftigten, wenn sie nicht zu Hause waren. Es war, als interessierte sie nur eins: Sie war ärgerlich, wenn die Kinder nicht da waren, um etwas für sie zu erledigen. Mark war jetzt vierzehn, Paul dreizehn, und in Ermangelung jedweder Disziplin waren sie vollkommen ungebärdig.

»Putz auch den Rosenkohl«, sagte June, bevor sie ihre letzte Zigarette anzündete und das leere Päckchen auf den Boden warf. »Wir werden Eier und Pommes frites zum Tee essen.«

Als ihre Mutter fort war, öffnete Laura das Fenster und entdeckte den Grund, warum Ivy keinen Schlüpfer trug: Er war nass und lag hinter dem Sofa auf dem Boden.

»Du musst das Töpfchen benutzen«, tadelte sie ihre kleine Schwester und suchte nach einer sauberen Unterhose, die sie ihr anziehen konnte. Dann räumte sie alle benutzten Teller und Tassen zusammen und brachte sie in die Küche, nur um feststellen zu müssen, dass die Spüle immer noch mit dem Frühstücksgeschirr vollstand. Stöhnend setzte sie den Kessel auf, um Wasser zu erhitzen, dann lud sie das schmutzige Geschirr auf den Tisch, damit sie Freddy baden konnte.

Mrs. Crispin von oben sagte häufig, June solle sich schämen, weil sie so eine schlechte Mutter war. Sie sei schlampig, faul und überhaupt eine Schande. Laura hasste diese Frau, weil sie ihre Nase in fremde Angelegenheiten steckte, aber die Nachbarin hatte recht.

June Wilmslow war schlampig. Sie war offensichtlich außerstande zu sehen, dass Geschirr gespült werden musste, dass der Stapel Kleider auf einem Stuhl gebügelt werden musste, und statt am Boden liegende Dinge aufzuheben und wegzuräumen, stieg sie einfach darüber. Was das Putzen betraf, stöhnte sie ständig darüber, dass es erledigt werden musste, aber dabei blieb es.

Laura hatte in Hauswirtschaftskunde gelernt, dass eine gute Hausfrau sich einen wöchentlichen Zeitplan erstellen sollte, um all die Arbeiten, die erledigt werden mussten, nach und nach abzuhaken. Sie hatte mehrmals einen solchen Plan für ihre Mutter erstellt, zusammen mit einem Speisezettel für die Woche, sodass June alle Einkäufe auf einmal erledigen konnte, um Zeit zu sparen. Aber obwohl June dies für eine gute Idee hielt, war sie einfach nicht in der Lage, sich daran zu halten. Was sie den ganzen Tag mit sich anfing, war ein Rätsel, denn wenn Laura von der Schule nach Hause kam, war sie es, die unausweichlich ausgeschickt wurde, um die Lebensmittel einzukaufen oder mit der Wäsche in die öffentlichen Bäder zu gehen.

Bill, ihr Vater, machte alles noch schlimmer. Er saß, seit Laura denken konnte, immer wieder mal im Gefängnis. Wenn er dann entlassen wurde, suchte er sich für einige Wochen Arbeit auf Baustellen oder Ähnlichem, aber er verfiel schon bald wieder in alte Gewohnheiten. Die meisten Abende verbrachte er im Pub und schlief dann bis spät in den nächsten Tag hinein, was es für June schwierig machte, einem geregelten Tagesplan zu folgen. Er konnte großzügig und freundlich sein, wenn er Geld hatte, doch wenn nicht genug da war, um sich einige Drinks zu kaufen oder auf die Hunderennbahn zu gehen, war er sehr mürrisch und ließ seine schlechte Laune an June aus.

Lauras Meinung nach war es jedoch die überfüllte, dunkle, feuchte Kellerwohnung, die ihrer Mutter am schlimmsten zusetzte. »Die Wohnung sieht selbst dann nicht besser aus, wenn sie ordentlich und sauber ist«, sagte June häufig erschöpft, »wenn wir nur einen Garten, ein Badezimmer und eine Innentoilette hätten, würde ich mich fühlen, als hätte ich im Lotto gewonnen.«

Laura hatte sie ungezählte Male zum Sozialamt begleitet, um die Leute dazu zu bringen, ihnen ein Haus zu vermitteln. »Es ist doch nicht recht, dass meine ältesten Söhne Mark und Paul in einem Zimmer schlafen müssen, in dem das Wasser an den Wänden hinabläuft«, hatte June dann stets flehentlich erklärt, »und es kann auch nicht richtig sein, dass drei Mädchen im selben Bett schlafen müssen, weil kein Platz für ein zweites Bett ist.« Aber ihr Flehen war immer wieder auf taube Ohren gestoßen.

Laura hatte eine Nachbarin einmal sagen hören, es liege daran, dass Bill die halbe Zeit im Gefängnis säße. Man wolle in den neuen Wohnsiedlungen eben keine »primitiven« Familien haben.

Als hätten sie dafür einen Riecher, kamen Mark und Paul gerade rechtzeitig nach Hause, als ihre Mutter die Pommes frittierte. Sie waren magere Versionen ihres stämmigen Vaters, mit dem gleichen dunkelbraunen Haar, den scharfen Gesichtszügen und dem dreisten Wesen. Laura spürte, dass sie etwas im Schilde führten, da sie verärgert wirkten, als June ihnen erklärte, sie sollten an diesem Abend zu Hause bleiben, um sich um die Kleinen zu kümmern. Sie selbst wollte zu Bill in den Pub hinuntergehen.

»Als er heute Nachmittag zum Fußball ging, hatte er etwas Geld bei sich«, erklärte June. »Er wird nach dem Spiel direkt in den Pub laufen, und wenn ich nicht bei ihm bin, wird er dort bleiben, bis er auch den letzten Penny ausgegeben hat.«

Laura, Mark und Paul tauschten resignierte Blicke. Sie hatten allzu oft mitbekommen, dass ihr Vater spät in der Nacht betrunken ins Haus gestolpert gekommen war, und sie hatten die Streitereien gehört, wenn ihre Mutter am Morgen festgestellt hatte, dass seine Taschen leer waren. Er würde keinen Penny weniger ausgeben, wenn June zu ihm in den Pub ging, aber zumindest kamen sie dann gemeinsam betrunken nach Hause und schmusten miteinander wie die Turteltauben. Das bedeutete gewöhnlich, dass ihre Eltern am Tag darauf erheblich netter zu ihnen waren.

Um halb acht verließ June in ihrem besten, rosafarbenen Kleid das Haus, und ihr Haar sah wirklich hübsch aus, doch kaum war sie fort, da erklärten Mark und Paul bereits, ebenfalls ausgehen zu wollen.

»Wenn du es Mum und Dad erzählst, wird es dir leidtun«, warnte Mark Laura und gab ihr als Bestechung einen Schilling und einen Mars-Riegel.

Laura war recht zufrieden mit dieser Entwicklung; sie wusste ohnehin nicht, warum ihre Eltern immer darauf bestanden, dass die Jungen als Babysitter im Haus bleiben mussten. Schließlich waren sie im Umgang mit den Kleinen völlig nutzlos, und Laura piesackten sie obendrein. Also schärfte sie ihnen an diesem Abend ein, unbedingt vor den Eltern zurückzukommen, oder es würde die Hölle losbrechen. Im Grunde war sie froh darüber, allein zurückzubleiben.

Freddy schlief ein, sobald er sein Fläschchen getrunken hatte, und Ivy und Meggie verschwanden um halb neun in ihrem Bett, sodass Laura den Luxus genießen konnte, ungestört auf dem Bett ihrer Eltern zu liegen und zu lesen.

Um halb elf kehrten ihre Brüder zurück, aber sie gingen direkt in ihr Zimmer, ohne mit ihr zu sprechen. Laura schlüpfte bald darauf zu ihren Schwestern ins Bett und döste bereits, als sie ihre Eltern nach Hause kommen hörte. Offenbar waren sie beschwipst, denn sie lachten viel, und Lauras letzter Gedanke, bevor sie endgültig einschlief, war die Hoffnung, dass Dad beim Pferde- oder Hunderennen gewonnen hatte und sie alle sich am nächsten Tag etwas Besonderes würden leisten können.

Später wurde sie jedoch von einem splitternden Geräusch geweckt, schnell gefolgt vom Aufschrei ihrer Mutter. Einen Moment lang glaubte Laura, ein Einbrecher sei in die Wohnung eingedrungen, aber als sie ihren Vater fluchen und den Flur zur Küche und der Hintertür hinunterrennen hörte, wurde ihr klar, dass es die Polizei sein musste.

Plötzlich erklangen wütende Schreie – sowohl von der Vordertür als auch von der Hintertür her. Ivy und Meggie wachten auf, und ihr erschrockenes Weinen machte den Tumult noch größer. Ihr Vater war offensichtlich geschnappt worden, denn es wurden dumpfe Geräusche laut, während die Polizei ihn an ihrer Schlafzimmertür vorbei durch den Flur zerrte.

»Wohin bringen sie Daddy?«, fragte Meggie, die sich angstvoll an Laura klammerte.

»Es sind nur seine Freunde, die mit ihm was trinken wollen«, log Laura.

Die Polizei kam häufig ins Haus, um ihren Vater abzuholen, aber sie war noch nie zuvor auf diese Weise hereingestürmt oder überhaupt bei Nacht gekommen. Wenn sie darüber nachdachte, benahmen sich die Polizisten normalerweise tatsächlich fast wie Dads Freunde, denn sie saßen nur da und redeten mit ihm. Selbst bei den Gelegenheiten, da sie ihn in einem Streifenwagen fortgebracht hatten, war es niemals beängstigend gewesen, und in den meisten Fällen war Dad binnen weniger Stunden zurückgekehrt und hatte darüber gescherzt.

Jetzt jedoch war es wirklich erschreckend. Sie konnte hören, wie Möbelstücke umgeworfen wurden; Mum weinte, und Dad schimpfte und fluchte. Dann hörte sie, wie einer der Polizisten ihren Vater anschrie und zu erfahren verlangte, wo die Waffe sei, oder er würde die Wohnung in Stücke reißen.

Verängstigt presste Laura ihre kleinen Schwestern fest an sich und zog ihnen allen die Decke über den Kopf. Aber schwere Stiefel trampelten abermals den Flur entlang, diesmal ins Zimmer ihrer Brüder, und nach den Geräuschen zu urteilen, die von dort herüberklangen, durchsuchten die Beamten den Raum.

»Ich weiß nicht, woher sie gekommen ist«, hörte Laura ihren Bruder Mark wenige Minuten später rufen. »Ich hab nichts damit zu tun.«

Vermutlich hatte die Polizei im Jungenzimmer eine Waffe gefunden, überlegte Laura und drückte ihre kleinen Schwestern noch fester an sich. Freddy heulte sich im Wohnzimmer die Seele aus dem Leib, ihre Mutter erging sich in lautstarken Beschimpfungen der Polizisten, und wieder und wieder wurden dumpfe Geräusche laut, wenn ihr Vater versuchte, sich gegen die Beamten zur Wehr zu setzen.

Plötzlich flammte das Licht in ihrem Zimmer auf. »Kommt raus, Mädchen«, sagte ein massiger Polizist mit rotem Gesicht, während er ihnen die Decken wegzog. »Wir müssen auch dieses Zimmer durchsuchen.«

Mit Ivy in den Armen und Meggie, die sich an ihre Taille klammerte, beobachtete Laura hilflos, wie die beiden Polizisten die Matratze hochzogen, unter das Bett schauten und altes Spielzeug, Malbücher und irgendwelchen Müll darunter hervorzogen. Dabei warfen sie Ivys Töpfchen um, und der Urin lief über das Linoleum.

»Was ist das?«, fragte der Polizist, als er einen verschnürten Schuhkarton hervorzog.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Laura wahrheitsgemäß, denn sie hatte den Karton noch nie gesehen.

Der Mann durchschnitt mit einem Taschenmesser die Schnur und öffnete den Karton, und zu Lauras Erschrecken war er voller Geldscheine.

Sie sog scharf die Luft ein, denn sie hatte noch nie im Leben so viel Geld auf einmal gesehen. Ein Zehnpfundschein war ein seltener Anblick für sie, aber hier handelte es sich um ganze Bündel von Zehnern und Zwanzigern, und da der Karton damit vollgestopft war, mussten es insgesamt Hunderte von Pfund sein.

»Wer hat das hier versteckt?«, fragte der rotgesichtige Mann.

»Ich weiß es nicht«, sagte Laura abermals, und plötzlich hatte sie das Gefühl, sich übergeben zu müssen. »Ich wusste nicht, dass es hier war.«

»Belüg mich nicht«, brummte er, trat direkt vor sie hin und beugte sich vor, sodass er ihr in die Augen sehen konnte. »Wie alt bist du?«

»Zwölfdreiviertel«, antwortete sie.

»Das ist alt genug, um zu wissen, was Recht und was Unrecht ist«, erklärte er. »Sag mir, wann dein Dad den Karton hier versteckt hat.«

»Ich weiß es nicht, ich hab es nicht gesehen.« Dann begann sie zu weinen. »Er könnte seit Wochen hier stehen. Das da drunter sind alles alte Sachen.«

Der Polizist schickte sie zurück ins Bett und verließ mit dem Schuhkarton den Raum, und plötzlich verebbten der Aufruhr und die zornigen Stimmen. Laura konnte nicht hören, was gesprochen wurde, weil Freddy so laut weinte, doch sie glaubte, dass ihre Mutter flehentlich auf die Polizisten einredete. Außerstande, es noch länger zu ertragen, stieg sie aus dem Bett, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie ihr Vater, Mark und Paul allesamt in Handschellen abgeführt wurden.

»Sie können die Jungen nicht mitnehmen«, schluchzte ihre Mutter. »Sie sind doch noch Kinder – schauen Sie nur, wie viel Angst sie haben!«

Laura hatte die Jungen noch nie zuvor ängstlich erlebt, doch jetzt fürchteten sie sich ganz offensichtlich; ihre Gesichter waren weiß wie Kreide, und sie zitterten wie Espenlaub.

Aber der ältere Mann in Zivil zeigte kein Mitleid. »In einer Besserungsschule kommen sie vielleicht wieder auf den richtigen Weg«, sagte er zu June. »Gehen Sie jetzt zurück zu Ihrem Baby und sehen Sie zu, dass es aufhört zu flennen, bevor es die ganze Nachbarschaft weckt.«

Es waren insgesamt sechs Polizisten: Drei von ihnen führten die Gefangenen die Kellertreppe hinauf, und die letzten drei folgten ihnen, beladen mit Kartons und einem langen, von einem Sack verdeckten Gegenstand.

Laura konnte kaum fassen, was die Polizisten im Wohnzimmer angerichtet hatten: Möbelstücke waren umgeworfen worden, die Matratze lag auf dem Boden, die Gardinen waren zurückgezogen und die Kissen von den Stühlen gerissen worden. Sie nahm Freddy auf den Arm, um ihn zu trösten, und Meggie und Ivy kamen herbeigelaufen; beide weinten heftig.

June trug ihren alten Mantel über ihrem Nachthemd, und das Augen-Make-up war ihr über die Wangen gelaufen. »Bill hat mir versprochen, dass er nichts Ungesetzliches mehr tun würde«, schluchzte sie. »Habe ich im Lauf der Jahre nicht schon genug gelitten?«

»Haben die Polizisten gesagt, was Mark und Paul angestellt haben? Warum hatten sie ein Gewehr?«, fragte Laura. »Sind sie mit Dad auf Raubzüge gegangen?«

»Die Waffe gehörte nicht ihnen, sie gehörte Bill. Sieht so aus, als hätten die kleinen Mistkerle ihre eigenen krummen Dinger gedreht«, jammerte June. »Sie hatten haufenweise Zigaretten in ihrem Zimmer und haben mir niemals auch nur ein paar Päckchen abgegeben.«

Das erklärte recht gut, warum ihre Brüder sich am Abend bei ihrer Heimkehr so verstohlen benommen hatten. Aber Laura war entsetzt darüber, dass ihre Mutter sich mehr über die Tatsache aufregte, dass die Jungen ihr Diebesgut nicht mit ihr geteilt hatten, als darüber, dass sie ebenfalls zu Dieben geworden waren. »In diesem Karton unter unserem Bett war schrecklich viel Geld«, bemerkte sie zögernd. »Hast du davon gewusst?«

»Denkst du, wir hätten Eier und Pommes frites zum Tee gegessen, wenn ich gewusst hätte, dass Geld im Haus war?«, heulte ihre Mutter entrüstet. »Der Mann kann was erleben! Man stelle sich vor, das Geld nicht an einem sicheren Ort zu verstecken und das Gewehr unter unserem Bett liegen zu lassen! Was ist, wenn die Kleinen es gefunden hätten? Die Polizei hat gesagt, Bill hätte ein Postamt überfallen. Ich kenne ihn einfach nicht mehr wieder!«

Laura hatte ihre Mutter unzählige Male in der Vergangenheit erklären hören, sie kenne Bill nicht mehr wieder. Sie wollte damit zum Ausdruck bringen, dass er früher einmal ein ganz anderer Mann gewesen war als der, der nun nur noch zum Schlafen nach Hause kam und sich kaum für seine Familie interessierte. Aber Laura konnte sich nicht daran erinnern, dass er jemals anders gewesen war. Selbst vor der Geburt der letzten drei Kinder, als sie mit ihrer Mutter, Mark und Paul gelegentlich zur Kirmes oder in einen Zirkus gegangen war oder einen Tag am Meer verbracht hatte, war ihr Vater kaum jemals bei ihnen gewesen. Manchmal besah sie sich das Hochzeitsfoto auf dem Kaminsims und versuchte, diesen gut aussehenden dunkelhaarigen Mann mit dem breiten Lächeln mit dem mürrischen übergewichtigen Mann in Einklang zu bringen, der sie anbrüllte, wenn er im Bett lag und seine Ruhe haben wollte. Er aß auch niemals mit der Familie – seine Mahlzeiten wurden über einem Topf mit kochendem Wasser warm gehalten, bis er nach Hause kam. Wenn er sprach, dann war es im Allgemeinen nur ein barscher Befehl, eines der Kinder solle ihm etwas bringen. In Wahrheit konnte Laura sich nicht daran erinnern, dass er sie auch nur ein einziges Mal gefragt hätte, wie sie in der Schule zurechtkomme, oder dass er Freddy auf den Arm genommen oder mit Meggie und Ivy gesprochen hätte.

Laura brachte das Bett ihrer Eltern wieder in Ordnung, und Ivy und Meggie kletterten hinein. Freddy beruhigte sich, nachdem seine Windel gewechselt worden war und er noch ein Fläschchen Milch bekommen hatte, und schlief wieder ein. Laura hätte sich gern ebenfalls schlafen gelegt, konnte es jedoch nicht, während ihre Mutter bleich und angespannt im Raum auf und ab lief und sich eine Zigarette nach der anderen anzündete.

»Sie haben gesagt, die Jungen hätten heute Abend den Zeitungskiosk überfallen«, zischte sie. »Die beiden elenden Burschen konnten nicht mal einen Abend lang bei dir und den Kleinen bleiben! Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass mein Alter die ganze Zeit im Bau sitzt! Jetzt folgen die Jungs auch noch seinem Beispiel! Wie sollen wir nun zurechtkommen? Ich habe nur noch ein paar Pfund in der Tasche.«

»Es wird schon gehen, Mum«, erwiderte Laura in dem Bemühen, sie zu beruhigen. »Wir werden am Montag zum Sozialamt gehen, und vielleicht kann ich Zeitungen austragen.«

Der Gang zum Sozialamt war in Lauras Kindheit ein regelmäßiges Ereignis gewesen, denn sie hatten den Weg jedes Mal antreten müssen, wenn ihr Vater ins Gefängnis gewandert war. Sie fragte sich oft, warum er nicht aufhörte zu stehlen, wenn er doch immer geschnappt wurde.

»Ich kann einfach nicht mehr«, schluchzte ihre Mutter. »Sechs Kinder, eine winzige Wohnung, niemals Urlaub oder ein Tag am Meer. Jetzt muss ich mit eingezogenem Kopf zu dieser Meute unten im Sozialamt gehen, und sie geben mir niemals genug, um davon zu leben. Es ist unerträglich.«

Während der folgenden Monate musste Laura ihrer Mutter recht geben: Es war einfach zu viel, um es ertragen zu können. Mark und Paul hatten nicht nur den Zeitungskiosk überfallen, die Polizei hatte in ihrem Zimmer auch verschiedene andere Gegenstände gefunden, die aus Einbrüchen in Privathäusern stammten. Der Richter war der Meinung, sie hätten einen gehörigen Schock nötig, um ihre Lektion zu lernen, und brummte ihnen zwei Jahre in einer Jugendstrafanstalt auf.

Ihr Vater wurde zusammen mit einem anderen Mann eines bewaffneten Überfalls auf ein Postamt in Uxbridge für schuldig befunden, und sie beide wurden zu zehnjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Es hieß, sie hätten nur deshalb keine achtzehn Jahre bekommen, weil der Waffe der Schlagbolzen gefehlt hatte, sodass sie sie gar nicht hätten benutzen können. Aber ihre Mutter bemerkte, dass zehn oder achtzehn Jahre für sie kaum einen Unterschied machten; sie saß in jedem Fall mit vier Kindern da, die sie ernähren und kleiden musste, und sie glaubte nicht, noch einen weiteren Winter in der feuchten, kalten Wohnung überleben zu können.

Es war die trostloseste Zeit in Lauras Leben. Zuvor war es in der Schule schon schlimm genug gewesen, doch sobald die Zeitungen über die Fälle berichteten, wurden der Hohn und die Gemeinheiten hundert Mal schlimmer. Jemand klebte in der Schultoilette ein Poster an die Wand. Darauf war zu lesen:

Der Vater der stinkenden Wilmslow ist ein Räuber!

Kein Mensch zeigte auch nur einen Funken Mitgefühl für Laura. Ihre Direktorin piesackte sie immer wieder, weil sie nicht die korrekte Uniform besaß und nicht immer ihre Hausaufgaben dabeihatte. Aber wie hätte sie ihre Hausaufgaben machen können, wenn ihre Mutter ständig jammerte, Freddy schrie und Ivy und Meggie sie anflehten, mit ihnen zu spielen? Für die richtige Uniform fehlte ihnen das Geld. Laura musste sich mit dem begnügen, was ihre Mutter auf dem Flohmarkt fand, und sie hatte häufig Hunger, weil das Geld von der Sozialhilfe ihnen zwischen den Fingern zerrann.

Das Leben war für die Wilmslows stets entweder Überfluss oder Hunger gewesen. An einem Tag war ihr Vater mit Bratenstücken, Tüten voller Obst und sogar Zigaretten für einen ganzen Monat nach Hause gekommen. In jenen Zeiten waren sie auf den Markt gegangen und hatten neue Kleider gekauft, und sie hatten Eis essen können, wann immer der Wagen vorbeigekommen war. Aber dann kamen lange Phasen, da sie von Eiern und Pommes frites leben mussten, und wenn ihre Schuhe Löcher in den Sohlen hatten, schnitt June Pappe zurecht und legte sie hinein. Doch eine so lange, gnadenlose Zeit der Entbehrungen wie jetzt hatte es noch nie gegeben. Es kostete zwei Schilling, ihre Kleider in den öffentlichen Bädern zu waschen und zu trocknen, und wenn ihre Mutter befand, dass es nötig sei, war kein Geld mehr für den Stromzähler übrig, und sie mussten bereits bei Einbruch der Dunkelheit ins Bett gehen. Es war Hunger, der Laura schließlich dazu trieb zu stehlen. An einem eiskalten Samstagmorgen kurz nach ihrem dreizehnten Geburtstag im Januar, an dem es zu Hause nichts fürs Abendessen gab als Brot und Margarine, beschloss sie, der Familie etwas Essbares zu beschaffen.

Draußen vor der Metzgerei in der Goldhawk Road stand immer ein Tisch mit in Zellophan verpackten Hähnchen und Eierkartons. Der Laden hatte eine Markise mit Seitenlaschen, und direkt nebenan befand sich ein Zeitungshandel. Laura würde lediglich dort stehen und die Postkarten lesen müssen, auf denen etwas zum Verkauf angeboten wurde, bis sie sich sicher war, dass gerade niemand hinsah. Dann wollte sie mit der Hand unter der Lasche durchlangen, ein Huhn packen, es unter ihrem Mantel verstecken und davongehen.

Niemand sah sie, es war ein Kinderspiel, und als sie nach Hause ging, schämte sie sich nicht. Sie hatte nicht einmal ein schlechtes Gewissen; sie war nur glücklich.

»Das hättest du nicht tun dürfen«, erklärte ihre Mutter, doch sie zog bereits den Zellophanbeutel ab und holte ein Backblech aus dem Schrank. »Ich will nicht, dass mir noch eins meiner Kinder weggenommen wird.«

Aber sobald sie das Huhn in den Ofen geschoben hatte, strich sie Laura zärtlich übers Gesicht. »Du bist ein gutes Kind«, sagte sie. »Ich wünschte, du müsstest mir nicht eine solche Stütze sein, du bist noch viel zu jung.«

Diese Worte des Lobes und die Freude auf Ivys und Meggies Gesichtern, als sie sich später über das gebratene Huhn hermachten, gaben für Laura den Ausschlag. Sie würde ihre Familie in Zukunft versorgen.

Ihre Lehrer hatten immer ihren scharfen Verstand und ihre schnelle Auffassungsgabe gelobt; mit sechs Jahren hatte sie bereits alles lesen und schwere Rechenaufgaben lösen können. Wäre es nicht oft so schwierig gewesen, sich in der überfüllten Wohnung auf ihre Hausaufgaben zu konzentrieren, hätte sie zu den Klassenbesten gezählt. Laura liebte es, mathematische Probleme zu lösen, und ihr kam der Gedanke, dass das Stehlen, ohne sich dabei erwischen zu lassen, ebenfalls ein solches Problem war – sie brauchte es lediglich zu durchdenken, bevor sie handelte.

Irgendwo hatte sie gelesen, es sei Habgier, die die meisten Diebe zu Fall brachte. Daher nahm sie sich vor, niemals etwas zu stehlen, das ihre Familie nicht wirklich brauchte. Auf dem Heimweg von der Schule und an Samstagen sah sie sich in den Läden um und machte sich mit den Menschen vertraut, die darin arbeiteten, und sie prägte sich genau ein, wo alles aufbewahrt wurde.

Ihr Schulregenmantel entpuppte sich bei ihren Diebereien als äußerst nützlich. Wenn sie ihn über dem Arm hatte, konnte sie mühelos ein Päckchen Seifenpulver, eine Toilettenrolle oder eine Tüte Kekse darunter verstecken. Jeden Tag kam sie mit irgendetwas, das sie brauchten, nach Hause, und das einzige Ärgerliche war die Tatsache, dass sie nicht an Käse, Schinken oder Fleisch herankam, weil diese Lebensmittel hinter der Theke aufbewahrt wurden.

Schon bald hatte sie so große Fortschritte gemacht, dass sie Kleider für die Kleinen und Strümpfe und Unterwäsche für ihre Mutter stahl. Und häufig fuhr sie mit der U-Bahn in die Kensington High Street oder in die Oxford Street, wo es eine bessere Auswahl an Waren gab. Sie war stolz darauf, dass sie Dinge von guter Qualität auswählte, und sie kam sich sehr erwachsen vor, weil sie sich um ihre Familie kümmerte.

»Du darfst das nicht mehr tun«, sagte June, wann immer Laura mit irgendetwas nach Hause kam, aber genauso schnell erzählte sie ihr, was die Familie sonst noch benötigte, und Laura verstand den Wink, dass ihre Mutter sich auf sie verließ.

Ein Jahr später waren die Dinge ein wenig besser geworden. June hatte eine Stelle als Putzfrau bekommen und reinigte an zwei Abenden die Woche Büros. Dazu kamen das Geld von der Fürsorge und die Dinge, die Laura mit heimbrachte, sodass sie nicht mehr hungern mussten und die Kleinen gesund und ordentlich gekleidet waren.

Einmal im Monat machte ihre Mutter einen Besuch bei Bill in Wormwood Scrubs, und obwohl sie davon meist in weinerlicher Stimmung heimkam, hatte Laura den Eindruck, dass sie im Allgemeinen weit glücklicher war als zuvor. Während der Sommerferien ging sie häufig mit Laura und den Kleinen in den Park, und zu Hause gab sie sich größere Mühe, sauber und ordentlich zu sein.

»Ich hoffe, du wirst einmal vernünftig genug sein, dir einen Ehemann zu suchen, der einen Beruf hat«, bemerkte sie eines Tages, als sie gerade ihren Frühjahrsputz in der Küche beendet hatten. »Meine Mutter hat immer gesagt, dass Bill ein schlechter Kerl sei und es ein böses Ende mit ihm nehmen werde, aber ich habe ihr nicht geglaubt.«

»Hatte er damals denn gearbeitet?«, fragte Laura.

»Nicht so, dass du es richtige Arbeit nennen würdest, doch es war während des Krieges, und viele Männer wie er, die von der Armee abgelehnt worden waren, gingen hier und da Gelegenheitsarbeiten nach. Ich habe ihn in der Munitionsfabrik kennengelernt, wo ich gearbeitet habe, und ich dachte, er sei ein Gottesgeschenk.«

Laura lächelte. »Wenn er ein Gottesgeschenk war, warum hat die Armee ihn dann abgelehnt?«

»Weil er Plattfüße hatte. Nicht dass ihn das daran gehindert hätte, zu tanzen und zu trinken oder in Häuser einzusteigen. Die Armee hätte vielleicht etwas aus ihm gemacht, wenn sie ihn genommen hätte. Doch so, wie die Dinge lagen, gaben die Verdunklungsvorschriften ihm Gelegenheit, alle möglichen krummen Dinger zu drehen, ohne geschnappt zu werden. Er dachte, Arbeit sei etwas für Dummköpfe.«

»Aber du hast ihn geliebt, nicht wahr?«, hakte Laura nach. Sie interessierte sich neuerdings stark für Liebe und Romantik, ein Interesse, das noch angefacht wurde von dem wöchentlichen Kinobesuch. Mehrere Mädchen in der Schule hatten einen festen Freund, doch Laura hatte das Gefühl, dass kein Junge sie jemals mögen würde, weil sie so reizlos und mager war.

»Ja, ich habe ihn tatsächlich geliebt«, antwortete June, während sie Rauchringe zur Decke hinaufblies. »Ich habe den Boden angebetet, auf dem er ging. Aber wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich ihn nicht geheiratet.«

»Doch man kann nichts dagegen tun, wenn man sich verliebt«, meinte Laura, denn das war die Botschaft, die so viele romantische Filme ihr vermittelten.

»Die Liebe ist nicht das, was du im Kino siehst«, sagte June weise. »Sie ist nicht nur hübsch und süß. Es ist eher eine Art Wahnsinn, der die Herrschaft über dein Gehirn übernimmt. Du siehst nicht, was der Kerl wirklich ist. Du kannst nur daran denken, dass er dich küsst und dich im Arm hält, aber das ist nicht von Dauer, lass dir das gesagt sein. Wenn du Glück hast, wirst du, wenn sich das erst einmal gelegt hat, einen anständigen Kerl an deiner Seite haben, der für dich sorgt. Doch wenn du Pech hast, dann wirst du den Tag bereuen, an dem du ihn zum ersten Mal gesehen hast.«

»Aber du und Dad, ihr wart glücklich miteinander!«, rief Laura entrüstet. Sie mochte sich vielleicht nicht wirklich daran erinnern, dass Bill einmal glücklich und fröhlich gewesen war im Umgang mit seinen Kindern, doch wenn sie zusammen aus dem Pub gekommen waren, hatten er und June einen durchaus glücklichen Eindruck gemacht.

»Wie könnte irgendjemand, der so lebt, glücklich sein?« June deutete mit ihrer Zigarette auf ihre Umgebung. »Er hat dies hier immer nur als eine billige Pension gesehen, in der er sich hinhauen konnte, wenn er genug Bier intus hatte. Er hat mich nie zu schätzen gewusst.«

Laura war erschrocken. »Das ist doch gewiss nicht wahr!«

»Oh, jetzt, da er im Bau sitzt, weiß er mich zu schätzen«, zischte June. »Er erzählt mir, dass er mich und euch Kinder liebt, dass es ihm leidtut und dass er ein anderer Mensch sein wird, wenn er herauskommt. Aber Worte sind billig. All das hat er schon früher gesagt, und ich war dumm genug, ihm zu glauben. Wenn er diesmal rauskommt, werde ich zweiundvierzig sein, eine Frau in mittleren Jahren, die ihr Leben in einem Slum verbracht hat, ohne Urlaube, ohne hübsche Dinge und mit herzlich wenig schönen Erinnerungen. Und er erwartet von mir, dass ich auf ihn warte!«

Es war im November, dreizehn Monate nach der Verhaftung ihres Vaters, als Laura herausfand, dass ihre Mutter nicht auf Bill warten würde. June war monatelang an zwei Abenden die Woche putzen gegangen, doch im September hatte sie ihr Pensum erhöht und ging nun dreimal die Woche arbeiten. Etwa zur gleichen Zeit hatte sie begonnen, sich das Haar beim Friseur machen zu lassen, sie hatte sich neue Kleider gekauft und sich geschminkt, wann immer sie aus dem Haus gegangen war.

Laura war froh, dass ihre Mutter jetzt besser aussah, und es war einfacher, sich auf ihre Hausaufgaben zu konzentrieren, wenn June arbeitete, denn sobald die Kleinen im Bett waren, hatte Laura Ruhe und Frieden.

Seit Bill im Gefängnis war, teilte sie sich das Doppelbett im Wohnzimmer mit ihrer Mutter, und sie schlief häufig so tief, dass sie nicht wach wurde, wenn June nachts nach Hause kam. Aber eines Morgens wachte Freddy früh auf, und Laura stellte fest, dass sie allein im Bett lag.

Nur wenige Minuten später, als sie Freddys nasse Windel wechselte, kam ihre Mutter herein. Sie trug dasselbe blaue Kostüm, in dem sie am Abend zuvor ausgegangen war, und dazu Schuhe mit hohen Absätzen, aber sie sagte, sie sei nur kurz fort gewesen, um Zigaretten zu kaufen.

Sie log, das wusste Laura, denn auf dem Tisch lag ein Päckchen mit mehreren Zigaretten darin, und wenn ihre Mutter tatsächlich nur kurz in den Laden gegangen wäre, hätte sie nur alte Kleider übergestreift und wäre in Pantoffeln hinübergegangen.

An diesem Tag dachte Laura in der Schule darüber nach, und ihr fiel ein, dass sie einige Wochen zuvor einmal erwacht war und June voll bekleidet in der Küche gestanden und Tee gekocht hatte. Damals hatte sie ihr die Geschichte abgenommen, dass sie nicht habe schlafen können und sich deshalb bereits gewaschen und angekleidet habe, doch jetzt sah es so aus, als wäre sie beide Male die ganze Nacht fortgeblieben. Das konnte nur eines bedeuten: Sie war mit einem Mann zusammen gewesen.

Sobald sie nach Hause kam, fragte Laura ihre Mutter frank und frei danach.

»Was soll das heißen, ob ich mit einem Mann zusammen gewesen bin?«, erwiderte June, dann stand sie auf und betrachtete sich in dem Spiegel über dem Kamin, was sie immer tat, wenn sie sich in einer unangenehmen Situation befand.

»Ich weiß, dass es so war, Mum«, erklärte Laura. »Und du bist verheiratet, also ist das schlecht.«

June wirbelte herum, und ihr schmales Gesicht war scharf vor Gehässigkeit. »Ich werde dir sagen, was schlecht ist«, rief sie. »Eine Tochter, die es nicht ertragen kann, dass ihre Mutter ein klein wenig vom Leben hat. Weißt du, wie es ist, tagein, tagaus hier zu sitzen, nur mit euch vier Kindern? Nun, ich werde es dir erklären: Es ist genug, um jeden in den Wahnsinn zu treiben.«

Laura war reif genug, um zu verstehen, warum ein anderer Mann June in Versuchung geführt hatte; schließlich war sie sich über die Mängel ihres Vaters vollauf im Klaren. Sie hätte sich vielleicht sogar für ihre Mutter gefreut, wenn sie nicht so gemein gewesen wäre.

Besonders weh tat, dass sie mit den drei jüngeren Kindern über einen Kamm geschoren und als Last bezeichnet worden war, obwohl sie während des letzten Jahres die einzige Freundin und Helferin ihrer Mutter gewesen war.

Außerdem hatte sie Angst, dass dieser neue Mann, wer immer er war, vielleicht bei ihnen würde einziehen wollen.

Sein Name, so erfuhr Laura drei oder vier Wochen später, war Vincent Parish. Er war ein sechzig Jahre alter Witwer und hatte ein Büro in dem Häuserblock, in dem June putzte. Ihrer Mutter zufolge war er alles, was Bill Wilmslow nicht war: erfolgreich, kultiviert und ein Gentleman.

Am dritten Januar 1959, zwei Tage vor ihrem vierzehnten Geburtstag, lernte Laura Vincent kennen. Er lud sie alle in Lyons Corner House am Strand zu einem riesigen Eisbecher ein. Laura war ziemlich beeindruckt von seiner gebildeten Stimme, seinem maßgeschneiderten Anzug und der goldenen Armbanduhr; weit weniger gefielen ihr jedoch seine Leibesfülle, der Mangel an Haaren und die Kälte in seinen hellblauen Augen.

»Ich freue mich so sehr, euch alle endlich einmal kennenzulernen!«, sagte er mit einem schmallippigen Lächeln. »Eure Mutter und ich haben so viele Pläne für euch geschmiedet.«

Laura spürte sofort, dass alles, was er wirklich wollte, ihre hübsche junge Mutter war, aber da sie nicht ohne ihre Kinder zu haben war, tat er so, als freute er sich darüber, sie ebenfalls zu bekommen.

Sie sah zu, wie er Ivy und Meggie umschmeichelte, die in den eigens für diesen Anlass gekauften blauen Samtkleidern entzückend aussahen. Er zuckte zusammen, als Freddy ihm die Eiscreme ins Gesicht schmierte, und wurde leuchtend rot, als der Kleine anfing zu schreien, weil er aus dem Hochstuhl, in den man ihn gesetzt hatte, herauswollte. Dies nahm Laura Vincent jedoch nicht übel, denn es war ihr selbst peinlich, dass Freddy sie so blamierte, doch die Art, wie er sie über den Tisch hinweg angrinste, gefiel ihr absolut nicht.

Auch sie trug ein neues Kleid, und sie war überglücklich darüber, denn es war aus roter Wolle, mit einem weiten Rock und einem tiefen, mit Satinbändern gesäumten Ausschnitt. Darunter trug sie einen Petticoat, und an den Füßen hatte sie ihr erstes Paar hochhackiger Schuhe. Ihre Mutter hatte ihr sogar erlaubt, sich beim Friseur das Haar schneiden zu lassen, und sie hatte ihr Lockenwickler ins Haar gedreht. Aber die Art, wie Vincent sie ansah, machte ihr nur allzu bewusst, dass ihr während der letzten drei Monate wie aus dem Nichts Brüste gewachsen waren.

»Wenn ich Laura so anschaue, kann ich mir beinahe vorstellen, wie du selbst als junges Mädchen ausgesehen haben musst«, sagte er zu June. »Ich bin mir sicher, dass auch sie zu einer schönen Frau heranwachsen wird.«

Ihre Mutter strahlte über das Kompliment, doch für Laura klang es so, als deutete er damit an, ihre Tochter sei ein hässliches Entlein. Es lag ihr auf der Zunge zu erwidern, dass sie ihre Mutter nachahmen könne, indem sie sich das Haar bleichte, doch sie schluckte diese Bemerkung herunter, weil sie June den Tag nicht verderben wollte.

»Ich möchte, dass ihr alle zu mir zieht«, erklärte Vincent ein wenig später und strahlte sie an. »Ich habe ein sehr hübsches Haus in Barnes, direkt am Fluss. Meggie kann dort zur Schule gehen, und Ivy und Freddy werden folgen, wenn sie alt genug sind. Aber was dich betrifft, Laura, denken deine Mutter und ich, dass du in deiner gegenwärtigen Schule bleiben solltest. Mit der U-Bahn ist es nicht allzu weit.«

»Es ist ein wunderschönes Haus«, unterbrach ihre Mutter ihn, und ihr Gesicht leuchtete vor Aufregung. »Wartet nur, bis ihr es seht! Es hat zwei Badezimmer, könnt ihr das glauben? Ivy und Meggie werden ein Zimmer zusammen bekommen, und es gibt noch ein kleines Zimmer für Freddy und ein weiteres ganz allein für dich, Laura. Vincent wird dir einen richtigen Schreibtisch kaufen, damit du dich in Ruhe auf deine Hausaufgaben konzentrieren kannst.«

»Was wird Dad dazu sagen?«, fragte Laura. Ein Teil von ihr war hocherfreut darüber, dass sie die Thornfield Road verlassen würden: Der Gedanke an ein richtiges Badezimmer und an ein eigenes Zimmer war wie ein Blick ins Paradies. Wenn ihre Mutter nur zuerst mit ihr darüber geredet hätte, hätte sie sich vielleicht wirklich darüber freuen können. Aber wie die Dinge lagen, hatte Laura den Eindruck, dass ihre Gefühle und ihre Meinung überhaupt nichts zählten.

»Es ist mir herzlich egal, was er sagt«, fuhr ihre Mutter sie an. »Als er dieses Postamt überfallen hat, hat er keinen Gedanken an mich und euch Kinder verschwendet. Ich halte es für durchaus wahrscheinlich, dass er vorhatte, mit diesem Karton voller Geld wegzulaufen und uns sitzen zu lassen.«

»Deine Mutter hat eine sehr schwere Zeit hinter sich«, meldete Vincent sich tadelnd zu Wort. »Und du bist alt genug, um das zu verstehen, Laura.«

Laura sprang von ihrem Stuhl auf. »Es zu verstehen! Ich habe sie während der ganzen Zeit unterstützt! Wenn ich nicht gewesen wäre, hätten die drei Kleinen gehungert und nichts zum Anziehen gehabt. Sie werden bald herausfinden, wie sie ist! Sie interessiert sich nur für ihre Zigaretten und dafür, dass sie sich das Haar bleichen lassen kann. Sie macht nicht einmal sauber.«

Dann rannte sie aus dem Corner House hinaus, ohne auf ihre Mutter zu achten, die sie zurückrief, und lief weiter, bis sie in die Regent Street kam, wo sie stehen bleiben musste, weil ihr die Puste ausgegangen war.

An eine Mauer gelehnt, um wieder zu Atem zu kommen, erkannte sie, dass sie zu viel gesagt hatte und dass ihre Mutter ihr wohl kaum verzeihen würde. Und wichtiger noch, sie hatte ihren Mantel im Corner House liegen gelassen, und der Wind war eisig. Und sie hatte kein Geld, um mit der U-Bahn zu fahren, oder auch nur einen Schlüssel für die Haustür; der steckte in ihrer Manteltasche.

Eine Stunde später kam Laura zu Hause an. Es war nicht weiter schwierig gewesen, ohne Fahrschein in die U-Bahn zu kommen, aber beim Aussteigen in der Goldhawk Road hatte sie dem Kontrolleur vorlügen müssen, dass ihr Mantel gestohlen worden sei, und sie hatte gefragt, ob sie ihm das Fahrgeld am nächsten Tag vorbeibringen dürfe. Er hatte sie laufen lassen, doch als sie, zitternd in ihrem dünnen Kleid, die Straße hinaufgegangen war, hatte sie große Angst vor dem Empfang bekommen, der sie zu Hause erwartete.

Meggie öffnete ihr die Tür. »Mum ist wirklich böse auf dich«, flüsterte sie, die dunklen Augen groß vor Furcht. »Onkel Vincent hat uns für die Heimfahrt in ein Taxi gesetzt. Er hat gesagt, du bräuchtest eine härtere Hand.«

Laura drückte ihre kleine Schwester kurz an sich. Meggie neigte dazu, sich Sorgen zu machen; mit nur sieben Jahren hatte sie bereits Falten auf ihrer kleinen Stirn. Sie und Ivy waren hübscher, als Laura als Kind gewesen war; ihr Haar war dunkelbraun und glänzend, und ihre Augen waren größer. Aber Meggies Sorgenfalten verdarben ihr Aussehen – im Augenblick sah sie aus wie eine kleine alte Dame.

»Es ist mir egal, wenn ich in Schwierigkeiten stecke«, gab Laura so laut zurück, dass ihre Mutter es hören musste. »Und dieser Mann ist nicht dein Onkel, er ist lediglich Mums Galan.«

Ihre Mutter erschien in der Tür. »Wie konntest du so ungezogen sein?«, fragte sie, und ihre Stimme klang scharf, so gekränkt war sie. »Warum kannst du dich nicht für mich freuen und darüber, dass ihr alle in einem schönen, warmen und behaglichen Haus leben werdet? Er wird euch allen ein viel besserer Vater sein als Bill.«

»Ach ja?«, erwiderte Laura frech. »Er will keinen von uns, nur dich. Wie lange wird es dauern, bevor er an Freddy herumnörgelt, mit Ivy schimpft, weil sie noch in die Hose macht, oder auf Meggie böse ist, weil sie so furchtsam ist?«

»Er wird lernen, euch alle lieb zu haben, sobald er euch erst einmal kennt. Aber er wird den ganzen Tag bei der Arbeit sein, daher werdet ihr ihn bis auf die Wochenenden kaum sehen.«

Blitzartig erkannte Laura, dass ihre Mutter sich nicht ganz sicher war, was Vincent betraf. Sie konnte es in ihren Augen sehen und in ihrer Stimme hören. June liebte sein Haus, sie liebte, was er für sie tun konnte, aber ihn als Menschen liebte sie nicht.

»Ich denke, du machst einen Fehler, Mum«, sagte Laura. »Wenn wir erst einmal in seinem Haus leben und irgendetwas schiefläuft oder er dich hinauswirft, wohin wirst du dann gehen?«

»Es wird nichts schieflaufen, wenn ihr es nicht vermasselt«, erklärte sie. »Er ist ein guter Mann, Laura. Ein freundlicher und anständiger Mann, der obendrein noch ein wenig Geld auf der hohen Kante hat. Rede keine Probleme herbei.«

Laura ging ins Wohnzimmer und warf sich aufs Bett. Sie konnte sich nur allzu gut daran erinnern, dass ihr Dad immer über den Lärm seiner Kinder gestöhnt hatte. Daher lag es auf der Hand, dass ein Mann, der nie eigene Kinder gehabt hatte, keine wirkliche Vorstellung davon haben konnte, was es bedeutete, wenn vier fremde Kinder plötzlich durch sein Haus tobten. Ihre Mutter musste wirklich dumm sein, wenn sie darüber nicht nachgedacht hatte.

June folgte ihr ins Wohnzimmer und sah sie einige Sekunden lang schweigend an.

»Kannst du nicht versuchen, ihn zu mögen?«, fragte sie schließlich, und ihre Stimme zitterte, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen.

»Kannst du nicht einfach seine Geliebte sein, während wir weiter hier leben?«, entgegnete Laura, die dies für die perfekte Lösung hielt. »Ich könnte in den Nächten, in denen du bei ihm sein willst, auf die Kinder aufpassen.«

»Du idiotisches Geschöpf!«, rief ihre Mutter. »Verstehst du denn nicht, dass ich uns alle aus dieser Rattenfalle rausbringen will? Wenn wir hierbleiben, habt ihr keine Chance im Leben. Ich weiß, dass man dir in der Schule Schimpfnamen an den Kopf wirft wegen der Art, wie wir leben, und ich habe ein furchtbar schlechtes Gewissen deswegen. Du bist klug, und ich will, dass du die Universität besuchst und all die Chancen bekommst, die ich nie hatte. Das ist die einzige Möglichkeit, die ich sehe, um dir das zu verschaffen.«

Laura war verblüfft darüber, dass ihre Mutter tatsächlich über ihre Zukunft nachgedacht hatte, und plötzlich schämte sie sich.

»In Ordnung, Mum, ich werde mein Bestes geben, um ihn zu mögen«, sagte sie und war nun ihrerseits den Tränen nahe. »Es tut mir leid, dass ich mich heute so benommen habe.«

»Das spielt jetzt keine Rolle mehr«, meinte ihre Mutter, dann kam sie zum Bett und setzte sich neben sie. Sie legte Laura eine Hand auf die Schulter und drückte sie. »Ich weiß, es wird nicht einfach sein, sich an ein neues Leben zu gewöhnen, erst recht nicht für mich. Ich bin keine sehr gute Hausfrau, nicht wahr? Aber ich werde lernen müssen, eine zu sein, denn eine solche Chance werden wir vielleicht nie wieder bekommen.«

Es war in den Osterferien vor ihrem Umzug nach Barnes, und an dem Abend, bevor sie aufbrechen wollten, war Laura aufgeregt und glücklich, während sie einen weiteren Sack mit alten Kleidern und Müll zu den Mülltonnen hinausbrachte.

Im Februar hatten sie alle das neue Haus besucht; es hielt alles, was ihre Mutter versprochen hatte, und mehr: ein frei stehendes Haus aus den Dreißigern, hinter dem die Themse verlief, und die Art von elegantem, geräumigem und sonnenerfülltem Heim, das Laura bis dahin stets nur in Filmen und Hochglanzzeitschriften gesehen hatte. Es wies alle Annehmlichkeiten auf – einen Fernseher, einen Kühlschrank, eine Waschmaschine und vieles mehr. Es gab Teppichböden und einen Staubsauger. Nichts war schäbig; das Haus verfügte über riesige bequeme Sofas, Armsessel, ein Esszimmer mit Stühlen für acht Personen, und allein in der Küche zählte Laura mindestens zwanzig Schränke. Sie war begeistert, als sie feststellte, dass sie ein Zimmer mit Blick auf den Fluss bekommen sollte. Darin stand eine Ankleidekommode mit dreiteiligem Spiegel, wie Filmstars ihn benutzten, und sie hatte sogar ihren eigenen kleinen Sessel und den Schreibtisch, den Vincent ihr versprochen hatte. Laura hatte eine Ewigkeit in dem Badezimmer verbracht, das sie sich mit den Kleinen teilen würde, und jede Einzelheit der glänzenden hellrosafarbenen Kacheln in sich aufgenommen, jedes Detail des beheizten Handtuchhalters und der Lampen links und rechts des Spiegels. Doch es waren die Anstrengungen, die Vincent für die Kleinen unternommen hatte, die all ihre Vorbehalte zerstreuten. Er hatte das Zimmer für Ivy und Meggie mit einer Tapete renoviert, die voller Blumen und Feen war. Sie hatten neue Betten, und auf jedem saß eine entzückende Puppe. Freddys Zimmer war winzig, aber Vincent hatte eigens für ihn ein kleines Bett anfertigen lassen, und auf den Vorhängen waren Dschungeltiere abgebildet. Außerdem hatte er ihm ein glänzendes rotes Dreirad gekauft. Niemand hätte sich solche Mühe gemacht, wenn er wirklich keine Kinder in seinem Haus gewollt hätte.

»Ihr sollt ganz von vorn anfangen«, hatte Vincent gesagt, und so nahmen sie nur ihre besten Kleider und ihre liebsten Habseligkeiten in sein Haus mit. Was sie sonst noch brauchten, wollte er für sie kaufen. Während der letzten zwei Wochen hatten sie all den Ballast abgeworfen; einem Nachbarn hatten sie einige Möbelstücke verkauft, und zu klein gewordene Kleider, Töpfe, Pfannen und Porzellan waren zu einem Flohmarkt gegangen. Der Rest der Sachen war schlicht Müll, und sie hatten über zwanzig Säcke damit gefüllt.

Laura verspürte nicht die geringste Traurigkeit darüber, die Thornfield Road zu verlassen. Endlich würden sie in der Welt aufsteigen, und selbst wenn die Mädchen in der Schule ihre Haltung ihr gegenüber nicht ändern würden, wenn sie sie nach Ostern in ihrer neuen Sommeruniform sahen, war sie zu glücklich, um sich daraus etwas zu machen.

Als Laura sich zehn Monate später zu ihrem ganz besonderen Tee zu ihrem fünfzehnten Geburtstag niedersetzte und den schönen Kuchen mit Zuckerrosen betrachtete und Meggies, Ivys und Freddys rundliche, gesunde, lächelnde Gesichter, wünschte sie, sie könnte genau wie ihre Geschwister von ganzem Herzen glauben, sie alle seien wirklich im Paradies gelandet.

Um Vincent gegenüber gerecht zu sein: Er zeigte sich ihnen allen gegenüber großzügig und liebevoll. Er beklagte sich nicht, wenn die Kinder lärmten, und er überhäufte sie alle mit neuen Kleidern, Spielsachen, Büchern und allem anderen, das sie sich auch nur mit einer Silbe gewünscht hatten. Was ihre Mutter betraf, so war June aufgeblüht; sie ließ sich jede Woche das Haar und die Nägel machen, sie besaß die Art von Kleidern und Schuhen, die reiche Frauen trugen, und sie hatte diese Erschöpfung verloren, die so sehr ein Teil ihres alten Lebens gewesen war.

Aber Laura war sich immer einer gewissen Unterströmung bewusst, als spielte ihre Mutter eine Rolle, die nicht gänzlich nach ihrem Geschmack war. Sie war oft nervös, insbesondere dann, wenn Vincent aus dem Büro zurückerwartet wurde, und er verschärfte die Situation noch, indem er eine Bemerkung über alles machte, was unordentlich oder schmutzig war.

Laura war von Natur aus ein ordentlicher Mensch, und sie liebte es, wenn Dinge sauber waren, aber ihr war klar, dass manche Menschen anders waren. June war einer dieser Menschen. Nicht einmal die modernen, arbeitssparenden Geräte in Grove House konnten sie zu einer Superhausfrau machen. Sie übersah Fingerabdrücke auf den Möbeln oder einen überquellenden Mülleimer in der Küche, und ihre Kochkünste waren sehr begrenzt.

Also sprang Laura für sie ein, indem sie von der Schule nach Hause eilte und für Sauberkeit und Ordnung sorgte, und in den meisten Fällen überwachte sie auch, was ihre Mutter für das Abendessen vorbereitete, das sie später mit Vincent verzehren würde.

Es fiel Laura schwer zu verstehen, was June am Kochen so schwierig fand; schließlich musste sie nicht länger mit einem knappen Budget wirtschaften, und sie brauchte nicht mehr zu tun, als ein Rezeptbuch zu lesen und die Anweisungen zu befolgen. Aber vielleicht war sie eingeschüchtert, weil Vincent an kompliziertere Gerichte gewöhnt war, als sie selbst je gegessen hatte. Anscheinend hatte sie große Angst, er könnte ihre Mängel entdecken.

Wie sich herausstellte, hatte Vincent zwei erwachsene Söhne, von denen er sich entfremdet hatte. Nach dem Tod ihrer Mutter hatten sie sich von ihm losgesagt, und Laura fragte sich, ob das daran gelegen haben mochte, dass Vincent zu dieser Frau nicht gut gewesen war.

Er hatte tatsächlich einen sehr harten Zug. Als sie im September Marks und Pauls Entlassung aus der Jugendstrafanstalt erwarteten, hatte er unumwunden festgestellt, sie könnten nicht in Grove House leben, weil dort nicht mehr genug Platz für sie sei. Aber seine wahren Gründe waren offensichtlich: Er wusste, dass die sechzehn beziehungsweise siebzehn Jahre alten Jungen höchstwahrscheinlich Ärger bedeuteten. Wie sich herausstellte, behielt er recht, denn sie wurden am Ende doch nicht entlassen: Sie griffen einen Mitarbeiter der Anstalt tätlich an und erhielten dafür noch ein weiteres Jahr. Doch wenn sie tatsächlich entlassen worden wären, hätte Vincent sie mit Freude in irgendeine Art von Herberge gehen sehen.

Wenn Laura das Leben in Grove House mit dem in der Thornfield Road verglich, hatte sie oft ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht auf den Knien lag und Gott für Vincent dankte. Es war wunderbar, die Kleinen so glücklich und zufrieden zu sehen, und Meggie und Ivy machten sich in ihrer neuen Schule wirklich gut. Sie fand es herrlich, dass ihre Mutter so hübsch aussah und sich nicht mehr ständig um Geld zu sorgen brauchte.

Manchmal dachte Laura, ihr Unbehagen sei lediglich Eigensucht, weil sie anscheinend weniger von dem Umzug profitiert hatte als alle anderen. Nicht einmal eine brandneue Uniform, der frische Geruch, der sie umgab, und ein neuer moderner Haarschnitt hatten die anderen Mädchen in der Schule dazu bringen können, sie lieber zu mögen. Sie wurde nicht mehr schikaniert, sondern nur noch ignoriert, und sie hatte bisher in Barnes keine Freundschaften geschlossen, weil sie eine andere Schule besuchte.

Doch ihre Hauptsorge war Vincent, und diese Sorge nagte ständig an ihr. In seiner Gegenwart fühlte sie sich stets unbehaglich, obwohl es ihr schwerfiel, den Grund dafür zu erklären. Er schien zu dicht neben ihr zu sitzen, und sie ertappte ihn oft, dass er sie auf seltsame Weise anstarrte. Wenn ihr Vater der Typ Mann gewesen wäre, der sie liebkost und sie auf seinem Schoß hätte sitzen lassen, hätte sie sich nichts dabei gedacht, wenn Vincent es tat – aber so jagte es ihr eine Gänsehaut über den Rücken.

Wenn sie über ihren Hausaufgaben saß, kam er in ihr Zimmer und beugte sich über sie, er machte Bemerkungen über ihre sich entwickelnde Figur, und er hatte mehrmals den Versuch unternommen, die Badezimmertür zu öffnen, wenn sie im Bad gewesen war.

Sie hatte versucht, mit ihrer Mutter darüber zu reden, aber June war lediglich wütend geworden und hatte gesagt, sie solle dankbar sein, dass Vincent ihr Zuneigung entgegenbringe und ihr ein Vater sein wolle.

»Wir müssen jetzt die Kerzen anzünden«, meinte Meggie und brach damit in Lauras Tagtraum ein. »Wenn du den Kuchen anschneidest, darf ich dann eine von den Rosen haben?«

»Natürlich darfst du das«, antwortete Laura. »Wir werden alle eine bekommen und eine für Onkel Vincent übrig lassen, wenn er von der Arbeit zurückkommt.«

Meggie strich ein Zündholz an und entzündete die Kerzen, und während sie alle Happy Birthday anstimmten, blickte Laura am Tisch in die Runde und lächelte. Freddy war jetzt dreieinhalb, ein stämmiger kleiner Junge mit roten runden Wangen, schwarzem Haar und Augen voller Unfug. Ivy war sechs, und ihr Haar war mausbraun geworden wie das von Laura, aber sie hatte wunderschöne, große dunkelbraune Augen. Meggie hatte sich seit ihrem Umzug hierher am meisten verändert; sie hatte ihren sorgenvollen Gesichtsausdruck verloren, ein wenig zugenommen und war vier oder fünf Zentimeter gewachsen, und ihr langes Haar war dunkel und seidig und ließ sie sehr hübsch aussehen. Was ihre Mutter betraf, sah sie entzückend aus in einem rosenroten Twinset und den Perlen, die Vincent ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Sie rauchte nicht mehr so viel, weil Vincent dies nicht schätzte, und ihr Teint war klarer und strahlender.

Laura blies die Kerzen aus und nahm sie ab, um den Kuchen anzuschneiden. In der Vergangenheit war ein Stück Zitronenrolle alles gewesen, was sie zum Geburtstagstee bekommen hatten, und sie war gerührt, dass Vincent ihr diesen hübschen Kuchen gekauft hatte. Er musste eine Menge gekostet haben, und da sie obendrein auch ein Transistorradio bekommen hatte, waren ihre Gedanken für ihn ausnahmsweise einmal durch und durch freundlich.

Als Laura später am Abend in ihrem Zimmer saß, streckte Vincent den Kopf durch die Tür. »Wie war der Kuchen, Geburtstagskind?«

»Einfach himmlisch«, sagte sie. Sie war nach dem Tee nach oben gegangen, um ihre Hausaufgaben zu machen, und da Vincent lange gearbeitet hatte, hatte sie ihn noch nicht gesehen. »Und auch vielen Dank für das Radio. Genau das habe ich mir gewünscht; jetzt kann ich abends Radio Luxemburg hören.«

»Ich gebe meinen Damen gern, was sie sich wünschen«, erwiderte er und kam ins Zimmer. Wie immer sah er sehr elegant aus in seinem anthrazitfarbenen Anzug mit dem weißen Hemd und der blau gestreiften Krawatte. Er mochte rundlich sein und sein Kopf langsam kahl werden, aber er hatte ein sehr distinguiertes Äußeres.

»Also, wie wär’s mit einem Kuss für einen alten Mann?«, fragte er und schnitt eine komische Grimasse.

Sie lachte und ging zu ihm, um ihn auf die Wange zu küssen, doch er legte die Arme um sie, und sein Mund war plötzlich auf ihrem, nass und schlabberig. Laura zappelte sich frei, unsicher, ob er das tatsächlich vorgehabt hatte oder ob es ein Versehen gewesen war.

»Ich habe mir immer eine Tochter gewünscht«, erklärte er und setzte sich aufs Bett. »Jetzt habe ich drei. Was für ein glücklicher Mann ich bin!«

Daraufhin schämte sie sich, ihm mit solchem Argwohn zu begegnen. »Wir haben auch Glück, dass Mum dich gefunden hat«, meinte sie ein wenig unbeholfen. »Du bist sehr gut zu uns gewesen.«

»Die Freude ist ganz meinerseits«, sagte er und griff nach ihrer Hand. »Und du wächst zu einem sehr hübschen Mädchen heran. Schon bald werden Jungen hier anrufen und mit dir ausgehen wollen.«

»Ich lerne niemals irgendwelche Jungs kennen«, erwiderte sie und kicherte vor Verlegenheit.

»Nun, vielleicht sollten wir überlegen, welchem Club du beitreten könntest, um ein paar junge Leute kennenzulernen«, bemerkte er und zog sie näher ans Bett heran. »Ich denke, unten an der Straße gibt es einen Jugendclub; donnerstagabends habe ich immer wieder Jugendliche gesehen, die sich vor dem Gemeindehaus versammelt haben. Ich könnte einmal dort vorbeigehen und mich für dich erkundigen.«

»Ich hätte zu große Angst, in einen Club zu gehen, in dem ich niemanden kenne«, erwiderte sie und setzte sich neben ihn.

»Das geht allen am Anfang so«, antwortete er. »Ich sage deiner Mum immer wieder, dass wir eine Möglichkeit finden müssen, dich mit Leuten bekannt zu machen, damit du Freunde finden kannst. Wie wäre es, wenn du Pfadfinderin würdest?«

»Dafür bin ich jetzt zu alt«, sagte Laura mit einem Seufzer. »In Shepherd’s Bush wäre ich ihnen gern beigetreten, aber wir konnten uns die Uniform nicht leisten.«

»Du bist nicht zu alt«, widersprach er, ließ ihre Hand los und legte ihr den Arm um die Schultern. »Ich habe bei den Paraden am Sonntag schon Mädchen von sechzehn und siebzehn Jahren gesehen. Sie gehen im Sommer zelten und unternehmen alle möglichen anderen Ausflüge. Die verantwortlichen Frauen wissen es sicher zu schätzen, etwas ältere Mädchen dabeizuhaben, die ihnen bei den jüngeren helfen.«

Diese Idee gefiel Laura. »Wir könnten wahrscheinlich mal hinübergehen und es uns ansehen. Aber werden die Mädchen nicht alle sehr … elegant sein?«

»Nicht eleganter als du«, sagte er mit einem kleinen Kichern. »Du besuchst eine gute Schule, du wohnst in einem schönen Haus. Du bewegst dich auf dem gleichen Niveau wie sie, wenn du nicht sogar über ihnen stehst.«

»Wirklich?«, fragte sie mit einiger Überraschung.

»Natürlich«, erklärte er entschieden. »Du musst aufhören zu denken, du seist ihnen irgendwie unterlegen. Du bist klug und hübsch, so gut wie alle anderen.«

Dann umarmte er sie, und ausnahmsweise einmal rückte sie nicht von ihm ab, weil es guttat, von ihm gelobt zu werden. »So ist es schon besser«, meinte er. »Alle brauchen ab und zu eine Umarmung.«

Plötzlich legte seine Hand sich auf ihre Brust. Wie der Kuss zuvor hätte es ein Versehen sein können, denn er zog die Hand sofort zurück und sagte, es sei Zeit zu gehen, da ihre Mutter sich bestimmt schon frage, wo er steckte.

Als er fort war, war Laura verwirrt. Alles, was Vincent gesagt hatte, ließ darauf schließen, dass er nur freundlich und väterlich war – ihren eigenen Dad hätte es keinen roten Heller geschert, ob sie Freunde hatte oder nicht, und gewiss hatte er nie ein Wort des Lobes für sie gefunden. Möglicherweise lag es daran, dass sie Vincent mit solchem Argwohn gegenübertrat, und vielleicht hatte sie einfach eine schmutzige Fantasie.

In den Wochen nach ihrem Geburtstag schwankten ihre Gefühle für Vincent. Manchmal war sie davon überzeugt, dass er ihr lediglich ein echter Vater sein wollte, dann wieder hatte sie den Eindruck, dass andere Beweggründe hinter seiner Freundlichkeit steckten. Er ging tatsächlich mit ihr zu den Pfadfinderinnen, wo man sie herzlich willkommen hieß, und am nächsten Tag kaufte er ihr eine komplette Uniform. Vincent freute sich wirklich, dass sie am allerersten Abend eine neue Freundin fand – ein Mädchen namens Patsy, das in der gleichen Straße wohnte –, und er sagte, sie dürfe Patsy einladen, wann immer sie wolle.

Aber er fuhr fort, sie zu berühren und zu umarmen. Es gefiel Laura nicht, wie er ihr den Po tätschelte oder dass er in ihr Zimmer kam, um ihr einen Gutenachtkuss zu geben. Sie sagte sich, dass er das Gleiche auch mit Ivy und Meggie tat, und wenn er bei ihr eine Ausnahme gemacht hätte, wäre sie vielleicht gekränkt gewesen. Aber die beiden waren nur kleine Mädchen … Und warum dauerten seine Umarmungen und Küsse so lange, und weshalb passierte es im Allgemeinen dann, wenn sie allein waren? Und warum kamen ihr die Geschenke, die er für sie kaufte, wie eine Art Bestechung vor?

Eines Abends kehrte er mit einem wunderschönen roten Kapuzenmantel für sie von der Arbeit nach Hause. Sie war begeistert und schlang impulsiv die Arme um ihn, um ihm zu danken. Aber später am selben Abend erschien er in ihrem Zimmer, als sie auf dem Bett saß und las. »Ich schenke dir so gerne schöne Dinge, weil du sie verdienst«, sagte er. Er küsste sie wieder auf die Lippen, und diesmal war es eindeutig beabsichtigt.

Laura konnte es ihrer Mutter nicht erzählen, denn sie wusste, dass sie ihr nicht glauben und sie mit größter Wahrscheinlichkeit beschuldigen würde, Ärger machen zu wollen. Aber weil sie über die Vorfälle schwieg, wurde Vincent kühner. Bei mehreren Gelegenheiten trat er hinter sie und legte ihr die Hände auf die Brüste, und obwohl sie ihn wegstieß und ihm verbot, sie zu berühren, lachte er nur, als glaubte er nicht, dass sie es ernst meine.

Als Laura an einem sehr kalten Nachmittag Anfang März aus der Schule kam, wartete Vincent in seinem Wagen auf sie. Er sagte, er habe in der Nähe einen geschäftlichen Termin gehabt und gedacht, er könne sie anschließend abholen und nach Hause bringen. Vincent verkaufte nicht nur Büroeinrichtungen – Schreibtische, Stühle und Schreibmaschinen –, sondern besaß außerdem auch eine Druckerei, die auf Visitenkarten sowie Brief- und Geschäftspapiere spezialisiert war. Es beeindruckte Laura einigermaßen, dass er auch große Firmen belieferte; manchmal sah sie Warenrechnungen über Hunderte von Pfund, die er ausgestellt hatte.

Da sie in der Schule häufig damit angab, tat es gut, den überraschten Ausdruck auf den Gesichtern der anderen Mädchen zu sehen, als sie in Vincents glänzendem Jaguar davonfuhr. Sie hoffte, dass es sie in Zukunft daran hindern würde, sie eine Lügnerin zu nennen. Es wurde noch besser, als sie in Chelsea haltmachten und sich Kaffee und ein Stück Sahnetorte gönnten, da Laura sich in diesem Moment sehr kultiviert und erwachsen vorkam.

Bei ihrer Heimkehr lag das Haus im Dunkeln, und auf dem Küchentisch fand sie einen Zettel von ihrer Mutter. Sie schrieb, sie sei mit den Kleinen in die Oxford Street gegangen, um ihnen neue Schuhe zu kaufen, und dass sie nicht vor sieben zurück sein würde.

»Das ist schön, auf diese Weise werden wir noch ein wenig mehr Zeit für uns haben«, meinte Vincent gut gelaunt. »Ich werde das Feuer schüren, dann können wir uns davor zusammenkuscheln.«

Laura brühte sich einen Tee auf, und als sie die Tasse ins Wohnzimmer brachte, loderte im Kamin ein Feuer. Vincent hatte die Tischlampen eingeschaltet, seine Schuhe und seine Jacke ausgezogen und saß auf dem Sofa.

»Ich mag kalte, dunkle Nachmittage«, sagte er. »Zumindest mag ich sie, sobald ich vorm Feuer sitze. Komm und setz dich neben mich.«

Laura nahm neben ihm Platz und streckte die kalten Füße dem Feuer entgegen, während sie ihren Tee trank. Sie musste Hausaufgaben machen, und sie wusste, dass sie Vorbereitungen für den Tee treffen sollte, aber es war so behaglich im Wohnzimmer, dass es ihr widerstrebte, sich zu bewegen. Sie plauderten eine Weile, im Wesentlichen über die Pfadfinder, denn sie sollte in der folgenden Woche feierlich aufgenommen werden. Ihre Mutter interessierte sich niemals für solche Dinge; tatsächlich hatte sie gesagt, sie könne keinen Sinn darin sehen, Pfadfinderin zu sein. Daher war es schön, mit Vincent darüber reden zu können.

»Patsy meinte, das Zelten sei wirklich großartig; sie hat mehrere Reisen mitgemacht, und in diesem Sommer fahren sie nach Cudham in Kent. Mum wird mich doch mitfahren lassen, oder?«

»Sie wird es tun, wenn ich sie darum bitte«, erwiderte Vincent und legte den Arm um sie. »Ich weiß, dass sie die Pfadfinder für ein wenig sinnlos hält, aber das liegt daran, dass sie in ihrer Jugend nie eine Gelegenheit hatte, so etwas kennenzulernen.«

Nach einem langen Tag in der Schule und bei dem behaglichen Gefühl in der Wärme des Feuers musste Laura eingedöst sein. Aber sie fuhr jäh aus dem Schlaf hoch, als er versuchte, die Hand in ihren Slip zu schieben.

Es war ein furchtbarer Schock. Ihr Schulrock war ihr bis über die Taille hochgerutscht, und zu ihrem Entsetzen hatte er seinen Penis in der anderen Hand. Einen Moment lang war sie wie erstarrt. Sie hatte noch nie den Penis eines erwachsenen Mannes gesehen, und er war riesig, mit einer purpurnen, glänzenden Spitze.

»Was tust du da?«, rief sie, und plötzlich merkte sie, dass auch ihre Bluse aufgeknöpft war.

»Ich liebe dich, mehr nicht«, antwortete er. »Beweg dich nicht, erlaub mir nur, dich dort zu berühren.«

Laura sprang auf die Füße und stieß, schaudernd vor Abscheu, seine Hände von sich. »Du schmutziger Bastard«, schrie sie ihn an. »Wie konntest du!«

Sie rannte aus dem Raum, lief, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf und schloss sich im Badezimmer ein. Ihr war übel, und sie hatte große Angst, und als sie ihn einige Sekunden später auf dem Flur hörte, brüllte sie, er solle weggehen.

»Ich konnte nicht dagegen an«, sagte er draußen vor der Tür, und seine Stimme war sanft und liebkosend. »Du hast so schön ausgesehen, und ich habe mich einfach hinreißen lassen. Es tut mir leid, wenn ich dir Angst gemacht habe, aber ich dachte, du würdest für mich genauso empfinden.«

»Natürlich empfinde ich nicht genauso, du bist ein alter Mann«, rief sie zurück. »Mum wird außer sich sein, wenn ich es ihr erzähle.«

Er bat sie, aus dem Badezimmer zu kommen, aber sie weigerte sich. Für eine Weile schwieg er, doch sie wusste, dass er noch immer da war.

»Also schön, ich habe einen Fehler gemacht«, sagte er schließlich. »Aber du hast es selbst verschuldet, weil du dich an mich geschmiegt hast. Woher sollte ich wissen, dass du es nicht wolltest?«

Laura weinte jetzt, und sie konnte nicht mit Worten beschreiben, wie besudelt sie sich fühlte. »Ich werde es Mum erzählen, ja, das werde ich«, schluchzte sie nur immer wieder.

»Du solltest gründlich nachdenken, bevor du das tust«, entgegnete er. »Zum einen werde ich einfach sagen, du hättest damit angefangen und dass du mir seit eurem Einzug hier Avancen gemacht hättest.«

»Sie wird wissen, dass das nicht wahr ist«, weinte Laura. »Du warst mir gegenüber von Anfang an unheimlich.«

»Ist es unheimlich, dir und den anderen ein gutes Zuhause zu geben?«, fragte er mit einem frostigen Unterton in der Stimme. »Ist es unheimlich, euch gutes Essen, warme Kleidung und alles andere zu geben? Ich denke, das ist es nicht, und wenn deine Mutter deine Version doch glaubt, dann wird das alles zu Ende sein. Ihr werdet alle gehen müssen. Zurück in irgendein Elendsviertel, bis eure Mutter sich mit dem nächsten Gimpel einlässt, der bereit ist, sie auszuhalten.«

Er sprach immer weiter, und in dem Moment begriff Laura, dass er tatsächlich grausam genug war, um ihre Familie auf die Straße zu werfen. »Ich dachte, du liebst Mum«, schluchzte sie. »Aber ich habe mich geirrt, du hast sie lediglich benutzt.«

»Sie benutzt! Das ist ja großartig«, rief er. »Sie hat sich an mich herangemacht, sobald sie erfahren hatte, dass ich Witwer bin. Hör mir zu, Laura, und hör gut zu: Deine Mutter ist nichts als eine Hure. Sie hätte ihren Slip für jeden Mann mit Geld fallen lassen, das wusste ich von Anfang an, aber es hat Spaß mit ihr gemacht, und sie hat mir gegeben, was ich wollte. Jetzt liegt es bei dir: Erzähl es ihr, wenn du es ihr erzählen musst, doch dann wirst du diejenige sein, die die Verantwortung trägt, wenn sie sich auf deine Seite schlägt und ich sie hinauswerfen muss.«

»Du bist abscheulich«, entgegnete Laura. »Mum wird gehen wollen, wenn sie erfährt, was du getan hast.«

»Du solltest besser an deine Schwestern und an Freddy denken«, erwiderte er drohend. »Die Mädchen werden dir nicht dafür danken, nicht wenn sie diese Schule verlassen müssen, auf der sie sich so gut machen, oder ihr hübsches Zimmer. Und was ist mit Freddy, wenn er sein Dreirad und die anderen Spielsachen zurücklassen muss? Aber June wird sich ohnehin nicht auf deine Seite stellen; eine gute Hure weiß, wann sie im gemachten Nest sitzt. Sie wird dich lediglich dafür hassen, dass du Unruhe gestiftet hast.«

Laura protestierte, doch ihr Protest fiel schwach aus, denn der Gedanke an Meggies und Ivys Gesichter, wenn sie dieses Haus verlassen mussten, war einfach zu schrecklich, um dabei zu verweilen.

»Ich gehe jetzt nach unten«, fügte er hinzu. »Zieh dich in dein Zimmer zurück und bleib dort. Ich hoffe, dass du dich bis zum Morgen für den klügsten Schritt entschieden hast, nämlich dafür, diese Angelegenheit für dich zu behalten.«

Laura bekam mit, wie ihre Mutter später heimkam, und sie hörte Meggie nach Vincent rufen, um ihm ihre neuen Schuhe zu zeigen. Jedes Geräusch, das die Treppe hinaufwehte, kündete von einer glücklichen Familie, und Laura schluchzte in ihr Kissen. Sie wusste, dass Vincent recht hatte: Alle würden leiden, wenn sie mit der Wahrheit herausrückte.

Ihre Mutter kam nicht nach oben, um festzustellen, warum sie bereits im Bett lag, und das allein deutete darauf hin, dass ihr an ihrer ältesten Tochter nicht allzu viel lag. Meggie brachte ihr später ein Glas Milch und ein Sandwich nach oben, aber selbst sie war zu aufgeregt wegen ihrer neuen Schuhe und des Pullovers, den Mum ihr gekauft hatte, um auch nur die geringste Sorge darüber zu zeigen, warum ihre Schwester nicht zu ihnen nach unten kam.

In jener langen Nacht, in der sie nicht schlafen konnte, wurde Laura klar, dass sie keine andere Möglichkeit hatte, als das Haus für immer zu verlassen. Nach dem, was geschehen war, würde es unerträglich sein, länger hierzubleiben, das wusste sie, und außerdem würde Vincent sich ihr vielleicht wieder auf diese Weise nähern.

Aber das bedeutete, dass sie von der Schule abgehen und sich einen Job suchen musste. Und das wäre das Ende ihrer Pläne, eine Universität zu besuchen und Karriere zu machen. Hass war ein Gefühl, das sie bis zu jener Nacht nicht gekannt hatte. Sie hatte ihren Vater niemals gehasst, obwohl er kein besonders guter Kerl war. Sie hasste auch die Mädchen in der Schule nicht, die sie schikaniert hatten. Aber in den frühen Morgenstunden, während sie ihre Pläne und Träume zerbrechen sah, lernte sie, Vincent zu hassen.

Sie konnte sich nicht einmal an ihm rächen, ohne ihre Familie in Gefahr zu bringen. Wenn es nur um ihre Mutter gegangen wäre, hätte es sie nicht gekümmert, denn Vincent hatte die Wahrheit über sie gesagt, zumindest teilweise, das erkannte Laura jetzt. Aber Meggie, Ivy und Freddy waren unschuldig; und egal, wie sie handelte – alles würde für sie üble Konsequenzen haben.

»Doch ich kann warten und meine Rache später nehmen«, murmelte sie vor sich hin. »Ich werde gehen, irgendwohin verschwinden, wo du mich niemals finden wirst. Aber ich werde dich im Auge behalten und es dir auf die eine oder andere Weise heimzahlen.«

Ein Aufschrei weiter unten im Zellenblock riss Laura jäh in die Gegenwart zurück. Irgendwo war wieder ein Streit entbrannt, und es würde nicht lange dauern, bevor andere Frauen sich anschließen würden. Sie hatte nicht die Absicht nachzuschauen, um der Sache auf den Grund zu gehen, aber sie stieg von ihrem Bett und wusch sich mit kaltem Wasser die geschwollenen Augen.

»Die Frage ist, willst du, dass Stuart dich besucht, oder willst du es nicht?«, fragte sie ihr Gesicht in dem kleinen Spiegel.

Er will nur aus einem Grund herkommen, nämlich um sich an deinem Elend zu weiden, sagte ihr ihr Kopf.

Aber ihr Herz drängte sie, ihm dennoch die Besucherkarte zu schicken. Wenn schon nichts anderes dabei herauskäme, würde es guttun, mit jemandem zu reden, dem Jackie ehrlich am Herzen gelegen hatte. Und vielleicht konnte sie die Gelegenheit nutzen, um sich für den Schmerz zu entschuldigen, den sie ihm in der Vergangenheit zugefügt hatte.

Kapitel 3

Besucher für Brannigan!«

Laura zuckte überrascht zusammen, als die Stimme der Gefängniswärterin erklang. Von dem Moment an, als sie an diesem Morgen die Augen geöffnet hatte, war sie davon überzeugt gewesen, dass Stuart nicht kommen würde.

Sie nahm sich nicht die Zeit, in den Spiegel zu sehen, denn sie war bereits enttäuscht, weil der Friseursalon des Gefängnisses nicht in der Lage gewesen war, den vollen tiefen Braunton zu erzielen, auf den sie gehofft hatte. Ihr Haar war viel zu rot geworden. Aber zumindest hatte man es gut geschnitten, und jetzt fiel es ihr adrett bis auf die Schultern.

In Ermangelung eines eleganten oder hübschen Kleidungsstückes, das sie hätte anziehen können, hatte sie sich für Jeans und ein hellblaues T-Shirt entschieden. Die anderen Frauen hatten gesagt, sie sähe großartig aus, doch sie hatten sie ja auch noch nie ohne bleiche fleckige Haut gesehen oder in der Art von eleganter Kleidung, die sie früher getragen hatte. Die meisten von ihnen hatten Freunde oder Verwandte, die ihnen von Zeit zu Zeit neue Kleider brachten. Laura hingegen blieben nur die Sachen, die ihr Anwalt, Mr. Goldsmith, nach ihrer Verhandlung aus ihrer Wohnung geholt hatte. Mit der Hilfe seiner Frau hatte er praktische, bequeme Kleider ausgewählt, die sich gut waschen ließen. Doch die insgesamt vier Garnituren sahen inzwischen alle schäbig und schmuddelig aus.

Während sie im warmen Sonnenschein vom Bravo-Block über das Gefängnisgelände zum Besucherraum ging, kam ihr der Gedanke, dass es, wenn sie schon im Gefängnis sein musste, wahrscheinlich hier in Schottland besser war als in England.

Sie erinnerte sich daran, Bilder des Gefängnisses Holloway in London gesehen zu haben, eines grimmigen viktorianischen Gebäudes, das wie eine Festung gebaut war. Andere Frauen hier sprachen von Gefängnissen, in denen sie fast den ganzen Tag über in ihren Zellen eingesperrt gewesen waren. In Cornton Vale gab es keine hohen Mauern, nur Metallzäune, und das Grundstück war recht hübsch, mit Wiesen, Bäumen und sogar einem Ententeich. Jeder Block hatte seinen eigenen Hof für Spaziergänge, und fast jede Zelle bot einen Ausblick, entweder auf die Hügel oder auf das Gelände. Außerdem war das Gefängnis auch nicht annähernd so überfüllt wie Holloway: Etwa zweihundertfünfzig Frauen, dachte Laura, und es gab eine Vielzahl von Arbeitsmöglichkeiten und viele Kurse, für die man sich einschreiben konnte, wie zum Beispiel Haareschneiden oder Kunst.

Aber dennoch hatte Cornton Vale eine hohe Selbstmordrate: Seit sie hier war, hatten sich zwei Frauen das Leben genommen, beides junge Mädchen, die nicht einmal lange Haftstrafen hatten absitzen müssen. Doch vermutlich waren ihnen in ihrem Alter zwei oder drei Jahre wie eine Ewigkeit erschienen, und vielleicht hatten sie draußen nichts gehabt, worauf sie sich hatten freuen können.

Der Besucherraum hatte sich nicht verändert, seit Laura das letzte Mal dort gewesen war, und das lag mehr als ein Jahr zurück. Die Wände waren immer noch trostlos, dieselben großen Tische verhinderten einen engen Kontakt zwischen Besucher und Insassin, und neben der Teekanne fand sich die gewohnte Auswahl an Pralinen, Kuchen und Keksen.

Neu für Laura war jedoch ihre Fähigkeit, die Spannung in der Luft zu spüren und die ängstlichen Mienen der Gefangenen wie der Besucher zu registrieren, während sie einander über dem Tisch an den Händen hielten. Vor einem Jahr hatte sie wahrscheinlich nichts anderes wahrgenommen als ihr eigenes Elend.

Es tat gut, einige Kinder zu sehen – manche von ihnen spielten in der Ecke mit Spielsachen, andere tobten durch den Raum –, denn sie verstand jetzt, wie wichtig diese Besuche für die gefangenen Mütter waren. Doch beim Anblick der Insassinnen, die Babys und Kleinkinder auf dem Schoß hatten, schnürte sich ihr die Kehle zusammen. Wie vernichtend musste es für eine junge Mutter sein, von ihrem Kind getrennt zu sein und es nur einmal im Monat für eine kurze halbe Stunde sehen zu dürfen! Doch noch härter war gewiss die Angst zu ertragen, dass das Baby eine Bindung an die neue Bezugsperson entwickelte und dass es später vielleicht niemals so für seine echte Mutter empfinden würde, wenn diese entlassen wurde.

Aber all diese Gedanken lösten sich in Luft auf, als sie Stuart hereinkommen sah. Ihr Puls begann zu rasen, und die Innenflächen ihrer Hände wurden plötzlich feucht.

Er stach unter den anderen Besuchern hervor, und das nicht nur, weil er hochgewachsen, sonnengebräunt, gut gekleidet und der Inbegriff von Gesundheit war, sondern weil er aussah wie ein Mann, der noch nie zuvor mit den dunklen Seiten der Gesellschaft in Berührung gekommen war.

Es war schwer zu glauben, dass er früher einmal ein langhaariger Hippie gewesen war, mit nackten Füßen, zerlumpten Jeans und Indianerperlen um den Hals. Er sah eher aus wie ein Mann aus einer Martini-Reklame, mit gut geschnittenem Haar und von tadellosem Äußeren.

Obwohl sie sich 1975 – also vor zwanzig Jahren – getrennt hatten, hatte sie ihn doch gelegentlich aus der Ferne gesehen, wenn er in Edinburgh zu Besuch gewesen war. Von Mal zu Mal war er besser gekleidet gewesen, mit einer ordentlichen Lederjacke und teuren Schuhen; und eine Aura wachsender Weltgewandtheit hatte ihn umgeben.

Bei ihrer ersten Begegnung hatte Laura ihn nicht als gut aussehend empfunden, denn damals hatte ihn noch die Ungelenktheit der Jugend gezeichnet. Seine Nase und sein Mund waren zu groß für seinen mageren Körperbau erschienen, und sein langes haselnussbraunes Haar hatte die Schönheit und Sanftheit seiner grauen Augen verborgen. Ursprünglich hatte Laura sich von seiner Fähigkeit angezogen gefühlt, jedem Menschen, mit dem er sprach, das Gefühl zu geben, wichtig und wertvoll zu sein. Er hatte wirklich zugehört, über seine Antworten nachgedacht und Anteil genommen. Das war etwas, das sie in der Folge nicht bei vielen anderen Männern gefunden hatte.

Aber wenige Jahre später hatte er dann ein wenig zugenommen; sein Gesicht passte von da an perfekt zu seinem muskulösen Körper, und obwohl er vielleicht noch immer nicht im klassischen Sinne gut aussehend war, war er doch bereits sehr anziehend gewesen. Jackie hatte häufig darüber gekichert, dass Frauen – selbst die kältesten und steifsten – stets schnurstracks auf ihn zuhielten und mit ihm zu flirten versuchten. Laura hatte genau gewusst, warum, denn sie konnte sich daran erinnern, wie sein breiter Mund sich zu einem Lächeln kräuselte, bei dem einer Frau das Herz stehen blieb. Schon damals war ihr klar gewesen, dass er einmal etwas an sich haben würde, das eine Nacht mit ihm unvergesslich machen würde, wenn das Leben seine Züge erst geformt und gezeichnet haben würde.

Und mit diesen Vermutungen hatte sie offensichtlich recht behalten, denn jede einzelne Frau im Besucherraum sah ihn jetzt voller Bewunderung an.

Laura spürte, dass er sich für diesen Besuch bewusst zurückhaltend gekleidet hatte: Sein Jackett hatte einen gedämpften Olivton, das Hemd darunter war cremefarben, und er trug eine gewöhnliche Baumwollhose. Aber verglichen mit den anderen männlichen Besuchern in ihren Jeansjacken, T-Shirts oder sogar Trainingsanzügen, wirkte er deutlich fehl am Platz.

Stuart erkannte sie nicht sofort, nicht bevor sie ihm zuwinkte.

Das Erschrecken in seinen Augen traf sie bis ins Mark, aber er kam schnell an ihren Tisch und umarmte sie.

Laura löste sich sehr bald aus seinen Armen und setzte sich. »Du hast doch nicht wirklich geglaubt, ich wäre noch immer ein Glamourgirl?«, fragte sie betont leichthin und verbarg ihre Kränkung. »Aber du, Stuart! Du könntest geradewegs den Seiten von Hello! entsprungen sein.«

Er verbarg seine Verwirrung mit der Feststellung, ihre neue Haarfarbe habe ihn aus dem Gleichgewicht gebracht, da er einige Pressefotos von ihr gesehen habe, auf denen sie blond gewesen sei. Dann wechselte er schnell das Thema und eröffnete ihr, dass er ihr Zigaretten, Duschgel, einige Bücher und Süßigkeiten mitgebracht habe. »Wenn du immer noch nicht rauchst, kannst du sie sicher gegen andere Dinge eintauschen, die du brauchst«, setzte er leise hinzu. »Aber sag mir, wie es dir geht.«

Bei der Sorge in seiner Stimme schnürte sich ihr die Kehle zusammen, und sie nahm sich zusammen, um nicht in Tränen auszubrechen.

»So gut, wie man es erwarten kann«, erwiderte sie und wagte es nicht, ihm direkt in die grauen Augen zu blicken. »Ich könnte ein paar lange Spaziergänge im Sonnenschein vertragen, gesundes Essen und anregendere Gesellschaft, aber ich schätze, mit der Zeit werde ich mich daran gewöhnen, ohne all das zu leben.«

Er wirkte erschüttert, und sie wünschte, sie hätte einfach behauptet, es ginge ihr gut.

»Ein Besuch von einer halben Stunde ist nicht lang genug, wenn es so viel zu erzählen gibt«, sagte er und beugte sich über den Tisch. »Um die Dinge zu beschleunigen, habe ich meine Hausaufgaben gemacht und mich über die Verhandlung informiert. Was ich noch nicht kenne, ist deine Version dessen, was an dem Tag, als Jackie starb, geschehen ist.«

Stuart war immer sehr direkt gewesen, doch es war ein kleiner Schock, dass er sie nun bat, sich mitten in ihre Geschichte hineinzustürzen, ohne sie sanft darauf vorzubereiten. Schließlich hätte er ihr zunächst von seiner eigenen Reaktion auf die Neuigkeit erzählen oder auch nur eine Bemerkung darüber machen können, warum er das Bedürfnis gehabt hatte, sie zu besuchen.

»Ich habe sie nicht getötet«, erklärte Laura entschieden. »Sie war bereits tot, als ich nach Fife kam. Sie rief mich morgens sehr erregt an, und da ich nichts Vernünftiges aus ihr herausbekam, versprach ich ihr, zu ihr zu kommen. Wer immer sie getötet hat, hat es getan, kurz bevor ich dort ankam.«

Stuart nickte und öffnete ein kleines Notizbuch, um sich anzusehen, was er darin festgehalten hatte. »Dann erschien ein Mann namens Michael Fenton. Er sagte später aus, er habe einen Anruf von Belle bekommen.«

Es schien ihn zu verwirren, dass Jackies jüngere Schwester ebenfalls in Schottland lebte.

»Belle und Charles sind 1981 nach Fife gezogen«, erklärte Laura. »Sie haben eine Pension in Crail, nur wenige Meilen von Jackies Haus, der Brodie Farm, entfernt.«

»Richtig«, meinte Stuart, aber er war immer noch verwirrt darüber, dass die beiden Schwestern in unmittelbarer Nähe Pensionen betrieben hatten. »Also hat Jackie auch Belle an jenem Morgen angerufen, und sie klang erregt. Belle konnte nicht selbst hinübergehen, so rief sie Fenton an und bat ihn, an ihrer Stelle auf einen Sprung vorbeizuschauen.« Stuart hielt einen Moment lang inne und sah Laura fragend an. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass Belle und Charles eine Pension haben!«

Laura verstand seine Überraschung, denn in seiner Erinnerung an Belle und ihren Mann, Charles Howell, mussten die beiden als kultivierte Städter haften geblieben sein. »Ich weiß, es scheint unwahrscheinlich«, stimmte sie zu. »Ich war ebenfalls erstaunt, als sie London verließen. Aber ich nehme an, Belle wollte Jackie häufiger sehen, und die Pension schien ein lohnendes Geschäft zu sein. Außerdem war Charles immer ein Golf-Fanatiker, und die Nähe zu St. Andrews muss die Sache besiegelt haben.«

Stuart nickte. »Okay. Also hat Fenton dich bei Jackies Leiche gefunden, und er war es, der die Polizei verständigt hat. Ist das korrekt?«

Laura antwortete nicht sofort, denn im Geiste erlebte sie noch einmal die Ereignisse des zwölften Mai 1993.

Nur wenige Leute, die an Imelda’s vorbeikamen, der hübschen kleinen Boutique in Edinburghs Morningside mit ihren hochwertigen Schaufensterauslagen und der Inneneinrichtung in Creme und Goldtönen, begriffen, dass es tatsächlich ein Secondhandladen war. Frauen brachten teure Kleider dorthin, deren sie überdrüssig geworden waren, und Laura verkaufte sie ...

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