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Bis ans Ende der Welt …

1. KAPITEL

Den ganzen Tag lang hatten die Männer in der staubigen Hitze Rinder zusammengetrieben. Nun saßen sie im Treiberlager am Feuer zusammen. Mark Winchester hatte sich aus der Runde zurückgezogen und stand ein wenig abseits mit dem Rücken zu seinen Leuten. Er ließ den Blick über die endlosen grasbedeckten Weiten zu den rötlichen Hügeln in der Ferne schweifen.

Die Männer zuckten nur die Achseln. Mark war der Boss, der Besitzer von Coolabah Waters. Alle wussten, dass er seine Probleme mit sich allein abmachte.

Während Mark mit den Händen tief in seinen Taschen vergraben dastand, war er froh, dass die Treiber seine Gedanken nicht erraten konnten. Die nämlich kreisten um eine Frau. Er konnte es selbst nicht glauben. Wie war es möglich, dass er beim ersten Zusammentreiben seiner Herde auf dem neu erworbenen Weideland stand und von der Erinnerung an eine junge Frau verfolgt wurde, die er vor sechs Wochen in London kennengelernt hatte?

Sein Leben fand hier im Outback statt. Hier, wo er sich um seine Herde und sein Land kümmerte und sich eine Existenz aufbaute. Bis jetzt hatte er weibliche Gesellschaft auf Partys oder bei Pferderennen genossen oder wenn er mal in die Stadt fuhr. Aber ganz gleich, wie sehr er auch versuchte, Sophie Felsham zu vergessen, sie spukte nun schon seit sechs langen Wochen in seinem Kopf herum.

Selbst nach einem Tag harter Arbeit mit der Herde sah er Sophie vor sich in ihrem blassrosafarbenen Brautjungfernkleid, im Arm einen Strauß gleichfarbiger Blumen. Auch das Strahlen ihrer Augen, ihr süßes Lächeln und ihre helle, zarte Haut hatte er nicht vergessen.

Es war verrückt. Schließlich hatten sie nur eine einzige Nacht miteinander verbracht. Beim Abschied waren sie sich einig gewesen, dass es keine Fortsetzung geben würde. Zu seiner eigenen Überraschung war sein Ton genauso gelassen gewesen wie ihrer. Als wenn die gemeinsame Nacht mit ihr für ihn etwas Alltägliches gewesen wäre.

Am nächsten Tag war er nach Australien zurückgeflogen. Ohne Abschiedsküsse oder Versprechungen, in Verbindung zu bleiben.

Was auch vernünftig war. Wie albern, dass er sich jetzt mit dieser rastlosen Sehnsucht quälte.

„Hey, Boss!“

Mark fuhr herum, als der junge Treiber ihn ansprach.

„Ein Ferngespräch für Sie“, rief der Junge und schwenkte das Satellitentelefon über dem Kopf. „Es ist eine Frau mit englischem Akzent!“

Unwillkürlich zuckte Mark zusammen, und das leise Murmeln der Männer am Feuer verstummte. Einer der Männer, der gerade seinen Sattel flickte, hielt mitten in der Bewegung inne, die Nadel blieb förmlich in der Luft stehen. Alle Blicke ruhten neugierig auf Mark.

Er wusste genau, was die Treiber dachten: Warum sollte eine Frau aus England ihren Boss ausgerechnet hier draußen anrufen?

Dieselbe Frage stellte er sich auch. Allein beim Klang der Worte „Frau“ und „englisch“ und raste sein Puls, und der Atem stockte ihm.

Aber diese Anruferin konnte unmöglich Sophie sein. Die einzige Person, die in England seine Telefonnummer hatte, war sein Freund Tim, und Tim wusste, dass nur dringende Anrufe nach hier draußen durchgestellt wurden.

Wenn eine Frau ihn dringend erreichen wollte, dann konnte das nur Tims Frau Emma sein. Mark war nach England geflogen, weil Tim ihn gebeten hatte, bei seiner Hochzeit mit Emma sein Trauzeuge zu sein. Erst letzte Woche hatte er eine E-Mail von ihnen bekommen: Sie seien gut aus den Flitterwochen zurückgekommen und würden sich jetzt ins Eheleben stürzen. War irgendwas passiert?

Mit ausdrucksloser Miene wartete er, bis der junge Treiber ihm das Telefon reichte. Er hoffte, dass die Männer nicht bemerkten, wie erschrocken er war. Emma würde ihn über das Satellitentelefon nur anrufen, wenn es einen Notfall gab. Bei diesem Gedanken verkrampfte sich sein Magen.

Er nahm das Telefon an sich. Der Junge grinste und flüsterte: „Sie hat eine tolle Stimme. Aber ein bisschen sehr elegant.“

Mit einem kühlen Blick brachte Mark ihn zum Schweigen. Dann kehrte er den Männern erneut den Rücken zu und schaute zu der staubigen Herde hinüber, die nach dem Zusammentreiben noch unruhig war.

Außer dem Schnauben der Rinder und den entfernten Rufen von Kranichen herrschte Stille.

Mark hielt den Hörer fest an sein Ohr und schluckte. Innerlich wappnete er sich gegen eine schlechte Nachricht. „Hallo? Hier spricht Mark Winchester.“

„Hallo?“

Die Frau am anderen Ende klang nervös. Und die Verbindung war schlecht.

„Ist da Mark Winchester?“

„Ja, hier ist Mark.“ Sein Blick ruhte auf den rotbraunen Rücken der Rinder, und er sprach lauter. „Bist du das, Emma?“

„Nein, hier ist Sophie, Mark. Sophie Felsham.“

Um ein Haar hätte er das Telefon fallen lassen. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Das Herz schlug ihm bis zum Hals.

„Mit mir hast du wahrscheinlich nicht gerechnet, nicht wahr?“, fuhr Sophie unsicher fort.

Flüchtig sah Mark sich nach den Männern um, und sofort wandten sie die Blicke ab. Doch er wusste, dass sie die Ohren spitzten, um ja kein Wort seines Gesprächs zu verpassen. Hier draußen gab es so wenig Neues, worüber man tratschen konnte.

Er unterdrückte den Impuls, sich auf ein Pferd zu schwingen und in die Hügel zu reiten, wo er ungestört sprechen könnte. Stattdessen ging er ein Stück vom Lager weg. Kleine Steine knirschten unter seinen Reitstiefeln, doch das Knacken in der Leitung wurde immerhin leiser. Er räusperte sich. „Das ist aber eine nette Überraschung, Sophie.“ Und weil sie so nervös geklungen hatte, fügte er hinzu: „Ist alles in Ordnung?“

„Eigentlich nicht.“

Ein ungutes Gefühl beschlich ihn. „Emma und Tim ist doch nichts zugestoßen? Geht es ihnen gut?“

„Oh ja, ihnen geht es großartig. Aber ich fürchte, ich muss dir trotzdem eine schlechte Neuigkeit überbringen, Mark. Zumindest bezweifle ich, dass du begeistert sein wirst.“

Was für eine Neuigkeit konnte das sein?

Am Horizont versank die Sonne orangerot hinter den Hügeln. Mark stellte sich Sophie auf der anderen Seite der Erdkugel vor. Mit ihrem hübschen Gesicht, den glänzend schwarzen Locken, den grauen, nun wahrscheinlich besorgt blickenden Augen und dem stolz erhobenen kleinen Kinn.

„Was ist passiert?“

„Ich bekomme ein Kind.“

Abrupt blieb Mark stehen. Ihm wurde eiskalt.

Das kann nicht sein.

„Es tut mir so leid, Mark.“ Ihre Stimme klang tränenerstickt.

Mark atmete tief ein. Ihm fehlten die Worte. Hinter ihm rief der Koch: „Essen ist fertig!“

Die Männer erhoben sich vom Feuer. Schritte waren zu hören, dann das Klappern von Besteck. Eine Brise strich durch das Gras und rüttelte an dem Wellblechdach der Kochhütte. Ein Schwarm Kakadus flog über sie hinweg.

Die Welt drehte sich einfach weiter, während eine junge Frau in England zu weinen begann.

„Ich … ich verstehe nicht …“ Mark entfernte sich noch weiter vom Lager. „Wir haben doch Vorkehrungen getroffen.“

„Ich weiß“, gab Sophie schluchzend zurück. „Aber … irgendwas ist wohl schiefgelaufen.“

Er schloss die Augen.

Bei dem Gedanken, dass er und diese traumhafte englische Brautjungfer ein Kind gezeugt haben konnten, war er wie gelähmt.

„Bist du ganz sicher? Kann es nicht sein, dass du dich täuschst?“

„Ich bin sicher, Mark. Gestern war ich beim Arzt.“

Er wollte Sophie fragen, woher sie die Gewissheit nahm, dass dieses Kind wirklich von ihm war. Aber er brachte es nicht fertig. Sie klang ohnehin schon so aufgelöst.

„Wie geht es dir?“, fragte er stattdessen. „Ich meine, hast du Beschwerden?“

„Nein, mir geht es den Umständen entsprechend gut.“

„Hast du Gelegenheit gehabt …“ Die Verbindung wurde wieder schlechter und das Knacken in der Leitung lauter als zuvor.

Sophie sagte etwas, doch er konnte sie nicht verstehen.

„Ich höre dich nicht.“ Mark lief noch ein Stück und schüttelte den Apparat. Mitten im Satz konnte er Sophies Stimme wieder hören.

„… ich dachte, ich könnte dich vielleicht besuchen kommen. Wir müssen reden.“

„Ja …“ Mark sah sich erneut um. Hatte er sie richtig verstanden? Sie wollte nach Australien kommen, ins Outback?

„Ich werde noch eine Woche draußen bei der Herde sein. Aber sobald ich nach Hause komme, rufe ich dich vom Festnetz an. Dann können wir etwas ausmachen.“

Wieder rauschte es in der Leitung, und er fragte sich, ob sie ihn gehört hatte. Dann brach die Verbindung vollends zusammen.

Mark fluchte. Hoffentlich glaubte Sophie nicht, er hätte die Unterhaltung absichtlich abgebrochen.

Inzwischen war es fast dunkel.

Die Zikaden zirpten in den Bäumen unten am Bach. Die Temperatur fiel merklich, wie immer, wenn im Outback die Nacht hereinbrach. Mark erschauerte, doch nicht wegen der Kälte.

Ein Baby.

Er wurde Vater.

Wieder sah er die hübsche, fröhliche Sophie in ihrem rosafarbenen Kleid vor sich, mit ihren strahlenden Augen, dem betörenden Lächeln und der zarten Haut. Und er erinnerte sich an ihre leidenschaftlichen Küsse …

Nun wurde sie Mutter. Und das war ganz bestimmt nicht, was sie sich erträumt hatte. Dessen war er sich sicher.

Hilflos schüttelte er den Kopf und kickte einen Stein aus dem Weg. Dass er von dem Bild einer schönen jungen Frau vom anderen Ende der Welt verfolgt wurde, war eine Sache. Zu erfahren, dass diese Frau von ihm ein Kind erwartete, eine ganz andere.

Wollte Sophie wirklich hierherkommen?

Sophie, die elegante Tochter von Sir Kenneth und Lady Eliza Felsham aus London, und ein raubeiniger Rinderzüchter von Coolabah Waters bei Wandabilla im Outback Australiens, bekamen ein Baby. Das war verrückt. Geradezu unmöglich.

Sophie umklammerte ihr Champagnerglas und hoffte, keiner der Gäste auf dem Empfang ihrer Mutter bemerkte, dass sie nicht trank. Heute Abend konnte sie sich keinen Fragen stellen.

Sie mochte gar nicht darüber nachdenken, was ihre Eltern dazu sagen würden, dass ihr erstes Enkelkind unterwegs war. Ein Enkelkind von Sir Kenneth und Lady Felsham durfte es nicht wagen, unehelich auf die Welt zu kommen. Noch schlimmer war allerdings, dass der Vater des Kindes ein Mann war, den ihre Tochter kaum kannte, ein Mann, der mit ein paar Tausend Rindern am anderen Ende der Welt lebte.

Bei dem Gedanken an die Gesichter ihrer Eltern, wenn sie ihnen dies alles offenbaren musste, lief Sophie ein eisiger Schauer den Rücken hinunter.

Schon sehr bald würden sie es unweigerlich erfahren. Doch nicht heute Abend. Es war einfach zu früh. Sie fühlte sich einer Auseinandersetzung noch nicht gewachsen.

Glücklicherweise befand sich ihr Vater gerade in der anderen Ecke des Raums in einer angeregten Unterhaltung mit einem Wiener Dirigenten. Ihre Mutter war gleichfalls beschäftigt. Entspannt saß sie auf dem Sofa, umgeben von jungen Nachwuchstalenten der Oper, die geradezu an ihren Lippen hingen, als sie amüsante Geschichten von Covent Garden und der Mailänder Scala zum Besten gab.

Um Sophie herum knallten die Korken, die Gläser klangen, es wurde gelacht. Umgeben von eleganten, brillanten Musikern in Partylaune, wünschte sie sich von ganzem Herzen, sie wäre nicht hergekommen.

Doch ihre Mutter hatte darauf bestanden. „Das wird deiner Karriere so förderlich sein, Liebes. Du weißt ja, dass du nach meinen Soireen immer jede Menge neuer Kunden bekommst.“

Unbestritten. Aber auch ohne diese Neukunden hatte sie in der vergangenen Woche mehr als genug zu tun gehabt. Trotzdem war sie hergekommen. Inzwischen bereute sie diese Entscheidung allerdings längst.

Sie war erschöpft, fühlte sich unwohl und richtig elend. Zudem steuerte jetzt Freddie Halverson, ein entsetzlicher Langweiler, auf sie zu – allerhöchste Zeit, die Flucht zu ergreifen.

Klammheimlich verließ Sophie den Salon, eilte die dunkle Hintertreppe hinauf in den ersten Stock und den Flur hinunter. Sie schlüpfte in das kleine Zimmer, in dem sie bis zu ihrem neunzehnten Lebensjahr geschlafen hatte. Dort stellte sie die Champagnerflöte auf eine Kommode und setzte sich auf den breiten Fenstersitz. Die erhitzte Wange an die kühle Scheibe gelehnt, blickte sie auf die Silhouette der Dächer Londons hinaus. Wohl zum hundertsten Mal versuchte sie, sich Mark Winchester in seiner australischen Heimat vorzustellen.

Wie sah ein Treiberlager im Outback überhaupt aus? Cowboyfilme waren noch nie ihr Fall gewesen.

Zwölf lange Stunden waren vergangen, seit sie gesprochen hatten, und noch immer war sie ganz erschöpft. Ihr Gespräch war so unbefriedigend verlaufen, auch wenn der Klang von Marks Stimme sie beruhigt hatte. Beinahe hatte sie vergessen, wie tief und warm sie klang.

Und dann war die Verbindung unterbrochen worden, gerade als sie zum wichtigen Teil des Gesprächs gekommen waren und sie die Fassung verloren hatte. Wie pathetisch! Kaum lag der Hörer auf der Gabel, hatte sie ihren Tränen freien Lauf gelassen und zehn Minuten lang hemmungslos geweint. Dreimal hatte sie sich danach das Gesicht gewaschen.

Jetzt wandte Sophie sich vom Fenster ab und straffte die Schultern. Genug geweint. Schließlich war sie nicht die erste Frau in der Geschichte der Menschheit, die sich in diesem Dilemma befand.

Das Problem war nur, dass sie nicht nur sich selbst bemitleidete. Es tat ihr beinahe mehr leid, Mark diesen Schock zuzumuten. Und es tat ihr für das Baby leid. Das arme Würmchen. Es hatte nicht darum gebeten, von einem leichtsinnigen Mädchen und einem aufregenden Fremden mit einem umwerfenden Lächeln gezeugt zu werden. Sicher wünschte es sich keine Eltern, die Welten voneinander entfernt lebten und ihm niemals die Geborgenheit und Liebe einer Familie bieten konnten, die es verdiente.

Dennoch – eine Abtreibung kam für sie nicht infrage. Das hatte sie Mark erklären wollen, und sie hätte sich besser gefühlt, wenn sie die Gelegenheit dazu gehabt hätte. Am Ende hatte der Anruf gar nichts gebracht. Bevor sie den Hörer in die Hand genommen hatte, war es ihr sogar besser gegangen als nach dem Gespräch.

Seitdem fragte sie sich ständig, ob sie zu viel von Mark Winchester erwartete. Immerhin kannten sie sich kaum. Vor sechs Wochen hatten sie sich Lebewohl gesagt und waren getrennte Wege gegangen. Sie hatte versucht, ihn zu vergessen, und beinahe wäre es ihr gelungen.

Lügnerin.

Im Dunkeln schlang Sophie die Arme um die Knie und seufzte. Sie sah Mark vor sich, seine dunkelbraunen Augen, aus denen er sie so unverwandt angesehen hatte. Sie erinnerte sich daran, wie groß und breitschultrig er war, wie gebräunt seine Haut und wie glänzend das dunkelbraune Haar. Deutlich sah sie sein Gesicht mit der nicht ganz geraden Nase und dem männlichen Kinn vor sich.

Wie er sie angeblickt hatte, als sie auf dem Hochzeitsfest miteinander tanzten … Die Sehnsucht in seinen Augen hatte ihr das Herz höher schlagen lassen.

Und natürlich erinnerte sie sich an alles, was danach geschehen war – an die warme Berührung seiner Hände, das Feuer, das seine Küsse in ihr entfacht hatten. Unwillkürlich wurde ihr heiß, und sie erzitterte, genau wie in jener schicksalhaften Nacht.

Leise klopfte es an der Tür, bevor diese geöffnet wurde. „Bist du da drin, Sophie?“

„Emma, gut, dass du es bist.“

Emma war die Einzige, der sie außer Mark von dem Baby erzählt hatte. Sophie sprang auf und küsste sie herzlich auf beide Wangen. „Ich habe dich heute Abend gar nicht hier erwartet. Habt ihr nichts Besseres zu tun, Tim und du?“

Sie umarmten sich. „Nicht wenn meine beste Freundin mich braucht.“

Sophie knipste eine Lampe an, und der Raum, der inzwischen als Gästezimmer diente, wurde in gedämpftes Licht getaucht. Er wirkte so anders als früher, so ordentlich und kühl. Glücklicherweise war heute keiner der Gäste hier einquartiert.

„Hast du Mark angerufen?“, fragte Emma vorsichtig, nachdem sie die Tür geschlossen hatte.

„Ja“, antwortete Sophie mit einem Seufzen. „Aber es war ziemlich enttäuschend. Die Verbindung war schlecht, und wir sind nicht dazu gekommen, die wichtigen Dinge zu besprechen.“

„Aber wie hat er die Neuigkeit aufgenommen?“

„Ich bin mir nicht sicher. Er war natürlich ziemlich schockiert.“

„Natürlich“, stimmt ihr Emma mit einem kleinen Lächeln zu. Sie setzte sich auf die Kante des schmalen Betts, streifte die Schuhe ab und schlug die Beine unter, so wie sie es als Kind immer getan hatte. „Das muss ein ganz schöner Schock für den armen Mann gewesen sein.“

„Ja.“ Sophie ließ sich wieder auf ihrem Fenstersitz nieder und durchlebte noch einmal den Schrecken, als der Arzt ihr gestern mitgeteilt hatte, dass sie schwanger war. Natürlich war ihr nicht entgangen, dass ihre Regel ausgeblieben war, doch sie war so sicher gewesen, dass es eine andere Erklärung dafür geben musste. Die Mitteilung hatte sie vollkommen aus dem Gleichgewicht gebracht.

Im einundzwanzigsten Jahrhundert sollte eine halbwegs gebildete junge Frau es zu vermeiden wissen, in solche Fallen zu tappen, dachte sie. Ihr wurde ganz elend bei dem Gedanken an die Strafpredigt ihres Vaters.

„Kopf hoch, Sox.“

Beim Klang ihres Kosenamens aus Kindertagen stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen, und sie schob die düsteren Gedanken an ihre Eltern beiseite. Damit würde sie sich später beschäftigen. Viel später.

„Ich schätze, es war verrückt, mit Mark zu sprechen, während er sich dort im Nirgendwo aufhält. Und jetzt muss ich noch eine volle Woche warten, bis er nach Hause kommt und ich mit ihm sprechen kann. Aber ich will erst in Ruhe mit ihm reden, bevor ich entscheide, was ich tun soll.“

„Und was erhoffst du dir?“

Anstelle einer Antwort drehte Sophie das Medaillon, das die Freundin ihr geschenkt hatte, in den Händen.

„Dass er dich heiraten will?“, hakte Emma sanft nach.

„Grundgütiger, nein.“ Sie mochte dumm genug gewesen sein, schwanger zu werden, aber sie war nicht so naiv, an Märchen zu glauben.

„Das wäre nicht die leichteste Lösung, nicht wahr?“

„Einen Mann zu heiraten, mit dem ich keine vierundzwanzig Stunden verbracht habe?“ Sophie zog eine Augenbraue hoch. „Das wäre nicht sehr klug.“ Sie zuckte die Schultern und versuchte, ihren Neid zu unterdrücken. Denn natürlich gönnte sie Emma ihr junges Glück: verheiratet und im siebten Himmel mit Tim und nicht schwanger.

„Nichtsdestotrotz“, fügte sie hastig hinzu. „Ich muss wissen, wie Mark … zu alledem steht.“ Ihre Unterlippe zitterte leicht, als sie daran dachte, wie sehr er sie in seinen Bann gezogen hatte. Unwirsch schob sie den Gedanken beiseite. Genug.

„Zum Beispiel möchte ich wissen, ob Mark Besuchsrecht einklagen wird. Dann kommen hohe Flugkosten auf uns zu.“

Emma stand auf und ließ sich neben Sophie auf dem Fenstersitz nieder. Fürsorglich legte sie einen Arm um die Schultern ihrer Freundin. „Es wird schon werden. Wenn du mit Mark gesprochen hast, wirst du dich besser fühlen. Wenn er von diesem – was sagtest du, tut er da draußen?“ Sie runzelte die Stirn.

Sophie verdrehte die Augen. „Sie treiben eine Herde zusammen. Scheint so, als sei er mitten im Outback.“

Emma grinste amüsiert. „Sich Mark Winchester als waschechten Cowboy in Staub und Hitze vorzustellen ist gar nicht so einfach, stimmt’s? Ich meine, als Trauzeuge war er so atemberaubend. Selbst ich habe bemerkt, wie gut aussehend er ist, obwohl ich kaum den Blick von Tim abwenden konnte.“

„Ja“, pflichtete Sophie ihr bei und seufzte erneut. „Das war ja das Problem. Er war einfach zu atemberaubend. Wenn er mich nicht so beeindruckt hätte, steckte ich jetzt nicht in dieser Zwickmühle.“

„Und wenn Oliver nicht so ein Schuft wäre“, fügte Emma grimmig hinzu.

„Das hast du durchschaut?“

„Dass du auf Teufel komm raus mit einem Fremden geflirtet hast, um Oliver Pembleton zu beweisen, dass er dich nicht verletzt hat?“

Elend nickte Sophie.

„Das war nicht schwer zu erraten, Sox. Normalerweise flirtest du nicht so hemmungslos. Aber ich kann es dir nicht verdenken, dass du dich an Mark herangemacht hast. Attraktiv genug war er jedenfalls. Jede Frau im Saal hat dich beneidet. Und wie Oliver sich vor deinen Augen mit seiner schrecklichen neuen Verlobten gebrüstet hat, war einfach unerträglich.“

Sophie nickte und verspürte einen Moment lang nur Erleichterung darüber, dass Emma verstand, wie erniedrigt sie sich an jenem Abend gefühlt hatte, als Oliver mit seiner glamourösen Millionenerbin aufgetaucht war, die auch noch den Saphirring getragen hatte, der eigentlich für sie, Sophie, bestimmt gewesen war.

Praktisch jeder Hochzeitsgast hatte gewusst, dass sie von Oliver verschmäht worden war. Die meisten hatten versucht, ihr Mitleid nicht zu offenkundig zu zeigen, doch sie hatte es dennoch gespürt und darunter gelitten. Aus verletztem Stolz war sie wie aufgekratzt gewesen.

„Ich bin immer noch wütend, dass meine Mutter Oliver überhaupt zur Hochzeit eingeladen hat“, sagte Emma entrüstet. „Als er die Verlobung mit dir löste, hätte er direkt von der Gästeliste gestrichen werden müssen. Aber irgendwie hat er sich eingeschmuggelt und seine feine Freundin dazu.“

„Oliver eins auszuwischen ist aber kein Grund, von einem anderen schwanger zu werden“, hielt Sophie dagegen. „Meine Eltern wird das jedenfalls nicht überzeugen. Das Kind wird sich später mit dieser Erklärung auch nicht zufriedengeben.“

Dabei konnte sie sich genau an den Augenblick erinnern, da sie in Mark Winchesters dunkle Augen geblickt hatte. In dem Moment war jeder Gedanke an Oliver in ihr erloschen. Die Vergangenheit hatte abrupt geendet, und allein die Gegenwart zählte. Knall auf Fall und mit ganzem Herzen hatte sie sich in den großen dunkelhaarigen Australier verliebt. Es kam ihr vor, als sei sie zum allerersten Mal im Leben aus einem langen Schlaf zu vollem Bewusstsein erwacht, und ein überwältigendes Gefühl von Lebendigkeit hatte sich ihrer bemächtigt.

Als sie mit Mark getanzt hatte, war ihr ganzer Körper von einer Spannung erfasst worden, die sie noch nie erlebt hatte. Am liebsten hätte sie unentwegt seine gebräunte Haut liebkost, und ihre Gedanken waren immer nur um die Frage gekreist, wie sich seine Lippen wohl auf den ihren anfühlen würden.

„Du willst das Baby also unter allen Umständen behalten?“, fragte Emma.

Sophie blinzelte und nickte dann. „Ja.“

„Das ist wunderbar.“

War es das wirklich? Sophie wünschte, sie würde sich mehr auf ihr Muttersein freuen. Im Grunde konnte sie es immer noch nicht glauben.

Sie seufzte. „Als ich heute mit Mark gesprochen habe, habe ich etwas Dummes gesagt. Ich habe vorgeschlagen, ich könnte zu ihm kommen, damit wir über das Baby sprechen können.“

„Aber das ist eine fantastische Idee. Ich hatte gehofft, dass du das tust. Gestern Abend habe ich noch zu Tim gesagt …“

„Du hast Tim davon erzählt?“

„Sophie, er ist mein Mann, dein Freund und Marks bester Kumpel. Er macht sich um euch beide Sorgen. Ihr seid so weit entfernt voneinander, als wäret ihr auf zwei verschiedenen Planeten. Tim meinte, wenn ihr nur zusammen wärt, dann könntet ihr gemeinsam eine Lösung finden. Und ich stimme ihm zu.“

„Du meinst also, ich soll fliegen?“

„Auf jeden Fall. Über diese Distanz macht ihr es euch nur unnötig schwer, über alles zu reden.“

Emma hatte recht. Andererseits war es aber ein ganz schöner Aufwand, eine so weite Reise für eine Unterhaltung zu unternehmen, die man auch am Telefon führen könnte.

Allerdings … würde sie Mark wiedersehen. Und vielleicht fühlte sie sich danach gestärkt für die Auseinandersetzung mit ihren Eltern.

Und es gab ja immerhin noch eine winzig kleine Chance – dass sie und Mark, wenn sie sich wiedersahen … vielleicht …

Vorsicht, Sophie. Erinnere dich an die Geschichte mit Oliver.

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