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Inhalt

Geleitwort zur 1. deutschen Auflage von Oslind und Burkhard Stahl

Geleitwort von Jeremy Holmes

Vorwort

Danksagung

1 Elterliches Pflegeverhalten und kindliche Entwicklung

2 Die Entstehung der Bindungstheorie

3 Psychoanalyse als Kunst und Wissenschaft

4 Psychoanalyse als Naturwissenschaft

5 Gewalt in der Familie

6 Erlebnisse und Gefühle, zu deren Verdrängung Kinder regelrecht gezwungen werden

7 Elternbindung und Persönlichkeitsentwicklung

8 Bindung, Kommunikation und therapeutischer Prozess

Literatur

Personenregister

Sachregister

Geleitwort zur 1. deutschen Auflage

von Oslind und Burkhard Stahl

Wir sind dem Ernst Reinhardt Verlag zu großem Dank dafür verpflichtet, dass er die deutsche Neuauflage dieses Buches mit der Sammlung ausgewählter Vorträge von John Bowlby (1907–1990) in sein Verlagsprogramm aufgenommen hat. Die erste deutsche Ausgabe dieses Buches erschien 1995 im Dexter Verlag, Heidelberg, unter dem im Jahre 2004 viel zu früh verstorbenen Verleger Axel Hillig, einem langjährigen Freund und Wegbegleiter unserer Familie. Diese Ausgabe von 1995 ist seit vielen Jahren vergriffen, wurde aber auf Grund ihrer weiter bestehenden Aktualität unvermindert nachgefragt.

Wegen der zunehmenden Bedeutung der Bindungstheorie in der Entwicklungspsychologie – mit Auswirkungen sowohl auf therapeutische als auch pädagogische Handlungsfelder – ist die Auseinandersetzung mit dem Werk John Bowlbys nicht nur für zukünftige Psychotherapeuten unterschiedlicher theoretischer Ausrichtungen heutzutage eine Selbstverständlichkeit, sondern ebenso für viele andere in diesen sozialen Handlungsfeldern angesiedelte Berufsgruppen. Eine leicht verständliche Einführung in die Bindungstheorie liegt mit dieser Sammlung ausgewählter Vorträge nun erfreulicherweise wieder vor.

Die gute Lesbarkeit und Verständlichkeit der Vorträge ist auch ein Resultat der exzellenten Übersetzung von Axel Hillig und Helene Hanf, die mitgeprägt ist von deren eigener profunder psychotherapeutischer Erfahrung in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Dies entspricht auch in ganz besonderer Weise dem Werk John Bowlbys, der, wie er im Vorwort der englischen Originalausgabe selbst schreibt, die Bindungstheorie aus der Praxis heraus ursprünglich als „Hilfsmittel zur Diagnostik und Behandlung psychisch beeinträchtigter Patienten bzw. Familien“ entwickelt hat.

Rotenburg, im Mai 2007

Oslind Stahl und Prof. Dr. Burkhard Stahl

Geleitwort

von Jeremy Holmes

Als 1988 A Secure Base erschien, stand John Bowlby in seinem 81sten Lebensjahr. Obwohl er erstaunlicherweise danach noch ein Buch veröffentlichte – die Darwin-Biografie – war dieses Werk sein letzter Beitrag zur Bindungstheorie, einer Disziplin, die er mit Mary Ainsworth’ Hilfe ein halbes Jahrhundert zuvor gegründet hatte. A Secure Base wirkt deshalb wie ein Vermächtnis, wie die Summe eines Lebenswerks, gleicht aber auch einem Tribut, einer Gabe an interessierte Personen der nächsten Generation, die sich theoretisch oder praktisch mit der Bindungstheorie auseinander setzen.

So kommt es, dass dieses Buch alle bekannten Bowlby-Themen enthält – sämtliche theoretischen, ethologischen, methodologischen, praktisch-klinischen und politischen Aussagen. Er bekräftigt hier noch einmal die konzeptuellen Grundannahmen seiner Theorien: das Primat eines geglückten Bindungsverhaltens und dessen Rolle als Schutz vor Trennung und Verlust, den hohen Stellenwert einer einfühlsamen Betreuung als Basis für psychische Gesundheit sowie die über den ganzen Lebenszyklus hinweg anhaltende Bedeutung sicherer Bindungen. Kraftvoll vertritt er die Ansicht, dass es die realen Nöte des Lebens sind – emotionale Deprivation, ungelöste Trauer, Zurückweisung, Verwirrung, Vernachlässigung, körperlicher und sexueller Missbrauch – die psychische Störungen auslösen, keineswegs angeblich innerpsychische Zustände, wie der „Todestrieb“.

Was die Methodologie angeht, so betonte er die Wichtigkeit systematischer wissenschaftlicher Beobachtung von Kindern und Eltern; spekulativen, von der Couch aus vorgenommenen Rekonstruktionen erteilte er eine Absage. Praktisch-klinisch betrachtet Bowlby die Therapeutin oder den Therapeuten als eine Person, die ihrem Klientel eine sichere Basis vermittelt, ein Sprungbrett, von dem aus Patientinnen und Patienten anfangen können, einen frei fließenden Diskurs der Emotionen zu entwickeln, der das Kennzeichen sicher gebundener Menschen ist.

Schließlich ist da noch die bildhaft formulierte Grundlage seiner Sozialphilosophie, welche den Kern seines Werks ausmacht: „Von dieser in vielen Kulturen noch immer wie selbstverständlich praktizierten Form der Kinderbetreuung rücken paradoxerweise gerade die reichsten Gesellschaften ab, weil in unserer kommerziellen Zeit materielle ‚Produktivität‘ ungleich mehr zählt als die ‚Produktion‘ gesunder, ausgeglichener und selbstsicherer Kinder – eine verkehrte Welt.“ (s. S. 4)

In den vergangenen 25 Jahren schwoll das Interesse an der Bindungstheorie geradezu explosionsartig an und gipfelte in dem Grundlagenwerk Handbook of Attachment (Cassidy/Shaver 1999). Es schildert den faszinierenden Vorgang, wie der kleine Trieb, den Bowlby und Ainsworth eingepflanzt und zu einem kräftigen jungen Baum herangezogen haben, seine Samen verbreitet und einen ganzen Wald von Entwicklungen, Anwendungsbereichen und Ideen hervorgebracht hat. In dieser kurzen Einführung werde ich drei Punkte herausgreifen, drei „neuere Erkenntnisse“ in der Bindungstheorie, die Bowlby bereits angedeutet hat, die in der Zeit nach dem Erscheinen von A Secure Base jedoch erheblich vertieft wurden: die Rolle des Vaters bei der Herstellung einer sicheren Bindung, Mentalisierung und die „Theory of Mind“ als Entwicklungsziel und Psychotherapie als interpersonales Unterfangen.

Vaterbindung. Wie das obige Zitat beweist, hat Bowlby immer betont, dass Mütter und Väter dafür zuständig sind, dem Kind eine sichere Basis zu bieten. Die Behauptung, Bindungssicherheit sei ein interpersonales, interaktives Phänomen und nicht einfach eine Sache des angeborenen kindlichen Temperaments, wird entscheidend gestützt durch die Tatsache, dass ein und dasselbe Kind in der Fremden Situation mit einem Elternteil als sicher, mit dem anderen als unsicher eingestuft werden kann. Dessen ungeachtet war die Bindungstheorie, sei es in ihrer wissenschaftlichen oder ihrer praktisch-klinischen Gestalt, ein tendenziell matrizentrisches Unterfangen, weshalb es gar nicht leicht fiel, präzise festzulegen, welchen Beitrag Väter zur Bindungssicherheit tatsächlich leisten.

Neuere Arbeiten (Grossmann et al. 1999; Grossmann et al. 2005) haben diesen Gegenstand etwas näher beleuchtet. Als Bowlby in den 1980er Jahren die in diesem Buch versammelten Aufsätze und Vorträge niederschrieb, steckten die Langzeitstudien des Bindungsphänomens ja noch in den Kinderschuhen. Heute, zwanzig Jahre danach, liegen uns prospektive Studien vor, die Bindungssicherheit, elterliche Sensibilität, Exploration und Beziehungskompetenz messen, und sich mit deren mentalen Repräsentationen im Laufe der Kindheit befassen. Diese lassen sich nun mit den Bindungsdispositionen im frühen Erwachsenenalter korrelieren, wie sie sich in Einstellungen zu romantischen Beziehungen und im Erwachsenen-Bindungs-Interview (Adult Attachment Interview, AAI) manifestieren.

Diese Studien beweisen, dass eine sichere, stabile, explorative, ausgewogene, verbalisierungsfähige Bindungsdisposition im Erwachsenenalter in der Tat wesentlich von väterlichen Beiträgen abhängig ist. Sein Beitrag zur psychischen Gesundheit betrifft jedoch nicht überwiegend die Bindungssicherheit, wie sie in der Fremden Situation gemessen wird. Die Rolle der Väter macht sich eher in der exploratorischen Dimension der Dichotomie von Bindung und Exploration bemerkbar. Dieser Faktor wird mit dem „SCIP“-Test (Sensitive and Challenging Interaktive Play) ermittelt (Grossmann et al. 2005), indem Eltern in einer 10-minütigen Sitzung beim Spielen mit ihren Kindern beobachtet und dann eingestuft werden.

Generell gilt, dass die von Mutter und Vater gemeinsam erreichten Bewertungen der multiplen Bindungsdimensionen in der Kindheit weit bessere Prädiktoren für sicheres oder unsicheres Bindungsverhalten im Erwachsenenalter sind, als die von einem Elternteil allein erreichten Punktzahlen. Der besorgniserregende Anteil jedoch – Erwachsene, die in der Versuchssituation konfus, affektgeladen, unstrukturiert reagieren – steht in enger Korrelation mit väterlicher Zurückweisung und unsensiblem Verhalten des Vaters in deren mittlerer Kindheit und einem relativ schwachen mütterlichen Anteil. Daraus lässt sich schließen, dass ausreichend gute Väter ihren Kindern helfen, die Fähigkeit zu klarem Denken zu entwickeln, sowie die Kraft aufzubringen, negativen Emotionen standzuhalten, ohne sich überwältigt zu fühlen.

Väter müssen, genau wie Mütter, einfühlsam sein, was sich bei ihnen jedoch in Form von Lob und Ermutigung äußert sowie in der Fähigkeit, sich ihrem Nachwuchs anhaltend positiv verbunden zu fühlen. Ein Vater, der seine Kinder bei der Bewältigung des Neugier-Vorsicht-Konflikts unterstützt, dieser beschützende, ermutigende „Du-kannst-das-Vater“, unterscheidet sich erheblich vom kastrierenden Vaterbild der klassischen psychoanalytischen Theorie, das vermutlich besser auf nicht-feinfühlige Väter zutrifft, die intuitiv versagen und die grundlegende Botschaft von Bindung nicht erfassen: dass Leistung immer Sicherheit voraussetzt.

Mentalisierung und die „Theory of Mind“. Bowlby hat lange genug gelebt, um die enorme Bedeutung des Werks von Mary Main für die Bindungstheorie einschätzen und insbesondere erfassen zu können, welche Möglichkeiten das von ihr entwickelte Erwachsenen-Bindungs-Interview (Adult Attachment Interview, AAI) eröffnet (Hesse 1999). Er zitiert ihre, von anderen bestätigte Erkenntnis, dass Mütter, die im AAI Unsicherheit zeigen, meistens Kinder haben, die in der Fremden Situation unsicher reagieren. Er betrachtete unsichere Bindung als einen psychologischen Schutzmechanismus – notwendig für das emotionale Überleben (und das physische Überleben, in einer Umwelt der evolutionären Anpassung, aus der unsere Spezies entstanden ist) – aber auch als einschränkenden Faktor, der unsichere Menschen daran hindert, negative Erfahrungen zu verarbeiten.

Eine entscheidende Erkenntnis in seinem frühen Werk war, dass „Selbstreflexion“ (Fonagy et al. 2002), wie sie vom AAI gemessen wird, ein Schutzfaktor ist, der es Menschen trotz widriger Kindheitserlebnisse – Trennung von den Eltern, Tod der Eltern, ja sogar Vernachlässigung und Missbrauch – ermöglicht, sich sicher zu fühlen und ihren Sprösslingen Sicherheit zu vermitteln. Einfach gesagt: Die Fähigkeit „darüber zu reden“ mildert die negativen Langzeitfolgen des Kindheitstraumas. „Selbstreflexion“ schaltet sich sozusagen in den inneren Dialog ein; sie kann als mentale Repräsentation gelten, die von der Fähigkeit abhängig ist, extern, interaktiv Geschichten zu erzählen.

Fonagy und sein Team (Fonagy et al. 2002; Bateman/Fonagy 2004) haben mit ihrem neuen Konzept von „Mentalisierung“ diese frühen Erkenntnisse erweitert. Sie gehen von der philosophischen Tradition der „Theory of Mind“ aus und behaupten, es gäbe entscheidende Entwicklungsprozesse, die es Kleinkindern nach und nach ermöglichen, festzustellen, dass sie selbst und die Menschen in ihrer Umgebung eine „innere Welt“ haben, d. h. fähig sind, die Welt zu repräsentieren und Projekte, Überzeugungen und Wünsche zu haben. Mentalisierung erlaubt uns, zwischen der „Realität“ und unserer Sicht oder Einschätzung der Realität zu unterscheiden sowie die Tatsache zu erfassen, dass unterschiedliche Menschen die Welt unterschiedlich betrachten. Mentalisierung ist demnach anti-narzisstisch – sie kann als Erweiterung dessen gelten, was Bowlby als die inneren Arbeitsmodelle bezeichnete – und, wie Fonagy et al. argumentieren, eine entscheidende Komponente der sozialen Interaktionsfähigkeit, einschließlich der Fähigkeit, Ablehnung, Bindungsbrüche und die kleineren Fehler zu verkraften, die normalerweise Teil einer „ausreichend guten Elternschaft“ sind, ja sogar „nicht ausreichend gute Elternschaft“ zu überleben.

Diese Gedanken verändern die Einschätzung der evolutionären Bedeutung von Bindung, von der Bowlby, aus seiner ethologischen Perspektive heraus, stets behauptet hat, sie diene dem Schutz vor Trauer und Verlust. Fonagy et al. (2002) sind der Meinung, dass emotionale und körperliche Nähe, die durch Bindung hergestellt und gesichert wird, Kleinkinder auch mit der Fähigkeit ausstattet, sich selbst und die Menschen in ihrer Umgebung zu verstehen. Eine sichere Bindung erlaubt es uns, andere zu „lesen“ – uns selbst mit eingeschlossen. In jüngerer Zeit haben wissenschaftliche Arbeiten über psychopathologische Entwicklungsprozesse verstärkt untersucht, welche Entwicklungsprozesse zu erfolgreicher Mentalisierung führen – „Spiegelung“ zwischen Mutter und Kind, „Markierung“ klarer Grenzen zwischen „Schein“ und Wirklichkeit – und ermittelt, wie sie scheitern können. Diesen Studien zufolge können unsichere Bindungen, insbesondere desorganisierte (Holmes 2004), als prädisponierender Faktor gelten, im Erwachsenenalter eine Persönlichkeitsstörung (Bateman/Fonagy 2004), vor allem ein Borderline-Syndrom zu entwickeln (das Bowlby im vorliegenden Werk mit traditionellen psychoanalytischen Begriffen als Fälle von ,falschem Ich‘, schizoider Persönlichkeit oder pathologischem Narzissmus beschreibt).

Interpersonale Aspekte der Psychotherapie. Bowlby hat immer wieder die zwischen sicherer Elternschaft und guter Psychotherapie bestehenden Parallelen betont (siehe Kapitel 8). Genau wie er die Rolle des realen Traumas rehabilitierte und es als entscheidenden pathogenen Faktor bei psychischen Problemen vom fantasierten Trauma unterschied, so plädierte er dafür, „wenn der Patient oder die Patientin sich oder die eigenen Erfahrungen exploriert, den begleitenden Aspekt der therapeutische Rolle stärker zu betonen, anstatt ihm oder ihr Dinge zu interpretieren“.

Bowlby selbst besaß zweifellos die Gabe, bei seinen Patientinnen und Patienten, seiner Mitarbeiterschaft und seinen Studierenden große Zuneigung und Bewunderung auszulösen. Seine schriftlichen Äußerungen und seine Lebensgeschichte sind durchdrungen von seiner Fähigkeit, die „weiblichen“ Qualitäten von Einfühlsamkeit und Empfänglichkeit mit „männlichem“ Herausfordern und Unterstützen glücklich zu kombinieren (bitte übersehen Sie nicht, dass ich hiermit meine frühere falsche und freche Beschreibung seiner Person als „abweisend“ ausdrücklich verwerfe, Holmes 1993). Vielleicht war ihm lediglich nicht ganz bewusst, dass der Erwerb dieser Qualitäten manche Therapeuten und Therapeutinnen unendliche Mühe kostet. Jüngere Arbeiten haben verstärkt versucht herauszukitzeln, welchen Anteil der Therapeut oder die Therapeutin und welchen der Patient oder die Patientin an der therapeutischen Dyade hat. In diesen Arbeiten wird behauptet, für die Qualität der Therapie, letztlich wohl auch ihr Ergebnis, sei nicht jeder Teil für sich verantwortlich, vielmehr sei die Interaktion oder die „Harmonie“ zwischen beiden Beteiligten entscheidend. Dozier et al. (1999) haben sich mit den Bindungsklassifikationen von Therapierenden und ihrem Klientel befasst und herausgefunden, dass unsichere Therapeutinnen und Therapeuten dazu neigen, die unsicheren Bindungsmuster ihres Klientels zu verstärken, worauf dessen Bindungsverhalten noch passiver wird, und präokkupiert-verstrickte Personen noch stärker klammern und affektiv deregulieren. Sicheren Therapeutinnen und Therapeuten dagegen gelingt es eher, das Gleichgewicht zwischen Vermeidung und Präokkupation wieder herzustellen und ihrem Klientel sicherere Beziehungsmuster zu ermöglichen.

Diamond und ihr Team (Diamond et al. 2003) haben mit der Einführung des Patient-Therapist Adult Attachment-Interviews (PTAAI) diesen Forschungsstrang einen Schritt vorangebracht. Dabei wird wie beim Erwachsenen-Bindungs-Interview verfahren und das Interview auf die therapeutische Beziehung selbst angewandt, indem beide Teile gebeten werden, einander mit Adjektiven zu beschreiben, die Eigenschaften mit Anekdoten zu illustrieren und darüber zu spekulieren, warum sich ihr Gegenüber so und nicht anders verhält. Wenn das Interview dann wie das AAI transkribiert und bewertet wird, erhält man Auskunft über verschiedene Bindungskategorien und den Grad der Selbstreflexion hinsichtlich des therapeutischen Prozesses. Dabei zeichnen sich bereits interessante Ergebnisse ab:

Erstens verbessert sich die Fähigkeit zur Selbstreflexion im Laufe der Therapie, wie zu hoffen und zu erwarten ist. Zweitens scheint es einen Zusammenhang zu geben zwischen guten Therapieergebnissen einerseits und den PT-AAI-Bewertungen beider Beteiligten, wenn diese weder nach oben noch nach unten allzu sehr voneinander abweichen. Eine gewisse Distanz zwischen Therapeut/Therapeutin und Patient/Patientin ist notwendig, zu groß darf sie aber auch nicht sein; effektive Therapie ist weder zu gemütlich noch zu streng. Drittens wurde nachgewiesen, dass die Fähigkeit der therapierenden Person zur Selbstreflexion variiert, je nach dem, wen sie therapiert. Offenbar schafft sich jedes therapeutische Paar eine bestimmte Bindungsatmosphäre; es kreiert die Fähigkeit zu Mentalisierung oder verfehlt dieses Ziel.

All das impliziert eine sehr viel komplexere und dynamischere Beziehungskultur zwischen betreuender und betreuter Person (ob zwischen Eltern und Kind oder in der therapeutischen Situation) als es Bowlby im letzten Kapitel dieses Buchs für notwendig erachtet. Wer sich mit Entwicklungspsychologie befasst, Psychotherapie erforschen und praktisch-klinische Psychotherapie betreiben oder dieses Fach lehren möchte, steht vor der gewaltigen Aufgabe, dem Auf und Ab dieser Beziehung auf die Spur zu kommen. Bowlby war ein Eklektiker par excellence. Er war verblüffend geschickt darin, unterschiedliche Disziplinen zusammen zu bringen – Psychoanalyse, Kognitionswissenschaft, Entwicklungspsychologie, Ethologie, Kybernetik – und zu einer kohärenten Geschichte zusammenzuschweißen.

Dieser Eklektizismus macht die Bindungstheorie für gewisse Leute so überaus attraktiv, während sie praktisch-klinisch Tätige, die auf der Suche nach der allein seligmachenden Wahrheit eines „Gurus“ sind, eher abstößt. Unser Fachgebiet wird nur Fortschritte erzielen, wenn wir einen weiteren Versuch der Synthese unternehmen und Erkenntnisse aus der Neurobiologie, Neuro-Bildgebung, Linguistik, Ökologie und Mathematik komplexer Systeme, etwa der Chaostheorie, einbringen. Solche Verbindungen zu schmieden ist eine Zukunftsaufgabe – eine Aufgabe, an der sich Bowlby bestimmt sehr gerne beteiligt hätte. Wie schade, dass ihm das nicht mehr möglich ist.

Jeremy Holmes

Literatur

Bateman, A., Fonagy, P. (2004): Psychotherapy for Borderline Personality Disorder. Oxford University Press, Oxford

Cassidy, J., Shaver, P. (1999): Handbook of Attachment. Guilford, London

Diamond, D., Stovall-McClough, C., Clarkin, J., Levy, K. (2003): Patient-therapist attachment in the treatment of Borderline Personality Disorder. Bulletin of the Menninger Clinic 76, 227–259

Dozier, M., Chase Stowall, K., Albus, K. (1999): Attachment and psychopathology in adulthood. In: Cassidy, J., Shaver, P. (Eds.): Handbook of Attachment. Guilford, London

Fonagy, P., Gergely, G., Jurist, E., Target, M. (2002): Affect regulation, mentalization, and the development of the self. Other Press, New York

Grossmann, K., Grossmann, K., Zimmermann, P. (1999): A wider view of attachment and exploration: stability and chance during the years of immaturity. In: Cassidy, J., Shaver, P. (Eds.): Handbook of Attachment. Guilford, London

Grossmann, K., Kindler, H. (2005): Early care and the roots of attachment and partnership representation in the Bielefeld and Regensburg longitudinal studies. In: Attachment from infancy to adulthood: the major longitudinal studies. Guilford, London

Hesse, E. (1999): The Adult Attachment Interview: Historical and Current Developments. In: Cassidy, J., Shaver, P. (Eds.): Handbook of Attachment. Guilford, London

Holmes, J. (1993): John Bowlby and Attachment Theory. Routledge, London; dt. (2006) John Bowlby und die Bindungstheorie. 2. Aufl. Ernst Reinhardt Verlag, München/Basel

Holmes, J. (2004): Disorganized attachment and Borderline Personality Disorder: a clinical perspective. Attachment and Human Development 6, 181–190

Vorwort

Die 1979 unter dem Titel The Making and Breaking of Affection and Bonds (dt.: „Das Glück und die Trauer. Herstellung und Lösung affektiver Bindung“) Vorträge fortführend, enthält der vorliegende Band mehrere Referate aus den Jahren 1980 bis 1986. Die ersten fünf Kapitel beinhalten verschiedene Fachvorträge, deren Anlass jeweils in einer kurzen Einleitung beschrieben ist; bei den restlichen drei Kapiteln handelt es sich um ursprünglich kurze, in Europa und Amerika vor Fachleuten vorgetragene, hier jedoch erweiterte Referate, bei denen ich mich, wie schon in der eingangs genannten Publikation, möglichst eng am damaligen Text orientiert habe.

Da alle Kapitel auf der Bindungstheorie beruhen, sind unnötige Wiederholungen weggelassen worden; die Einbettung ihrer Grundideen in verschiedene Kontexte möge die Spezifika der Bindungstheorie erhellen und illustrieren.

Wiewohl von einem Kliniker als Hilfsmittel zur Diagnostik und Behandlung psychisch beeinträchtigter Patienten bzw. Familien entworfen, überrascht, dass die Bindungstheorie bislang weit stärker (zur Erklärung wie zur besseren Therapie unterschiedlicher Persönlichkeiten und psychischer Störungen sicherlich unverzichtbare) entwicklungspsychologische als therapeutisch-klinische Studien befruchtet hat, was unter anderem sowohl auf die anfangs überzogene Akzentuierung behavioraler Faktoren als auch auf den Umstand zurückzuführen sein dürfte, dass Therapeuten nun einmal viel beschäftigte Menschen sind, die sich natürlich nur zögerlich mit einer neuen, zudem recht ungewöhnlichen Theorie vertraut machen, solange sie diese Theorie nicht auch praktisch überzeugt. Wer gewillt ist, die von der Bindungstheorie eröffneten Perspektiven zu prüfen, dem werden die nachfolgenden Vorträge gewiss einen guten Überblick verschaffen.

Danksagung

Seit nunmehr zehn Jahren (Anmerkung d. Ü.: Dies bezieht sich auf das Jahr 1989.) ist mir der häufige Austausch, den ich über die Entwicklung früher Bindungsmuster mit den an der Tavistock Clinic tätigen Dozenten und Studenten wie auch mit zahlreichen, Pionierarbeit leistenden Kollegen führen konnte, ein steter Gewinn. Ihnen allen bin ich für viele nützliche Anregungen und einige unerlässliche Korrekturen, in jedem Fall aber für die fortwährende Ermutigung zu tiefem Dank verpflichtet. Derselbe Dank gebührt meiner Sekretärin Dorothy Southern, die sich in den langen Jahren ihrer engagierten Mitarbeit meine beruflichen Interessen in hohem Maße zu Eigen gemacht hat.

Molly Townsend danke ich für editorische Hilfen bei der Zusammenstellung dieses Bandes wie für die Erstellung des Namens- und Sachregisters. Für die Genehmigung zum Nachdruck der bereits anderenorts veröffentlichten ersten sechs Kapitel danke ich allen beteiligten Verlagen. Kapitel 1 erschien zuerst in dem von Rebecca S. Cohen, Bertram J. Cohler und Sidney H. Weissman herausgegebenen Band „Parenthood: A Psychodynamic Perspective“ (New York: Guilford Press, 1984, Kapitel 18); Kapitel 2 unter dem Titel „Attachment and loss: retrospect and prospect“ im American Journal of Orthopsychiatry (1982, 52, 664–678); Kapitel 3 unter dem Titel „Psychoanalysis as art and science“ im International Review of Psychoanalysis (1979, 6, 3–14); Kapitel 4 unter dem Titel „Psychoanalysis as a natural science“ im International Review of Psychoanalysis (1981, 8, 243–256); Kapitel 5 unter dem Titel „Violence in the family as a disorder of the attachment and caregiving Systems“ im American Journal of Psychoanalysis (1984, 44, 927); Kapitel 6 in dem von Michael J. Mahoney und Arthur Freeman herausgegebenen Band „Cognition and Psychotherapy“ (New York und London: Plenum Publishing Company, 1985, Kapitel 6), als erweiterte Fassung des im Canadian Journal of Psychiatry (1979, 24, 403–408) erschienenen Artikels „On knowing what you are not supposed to know and feeling what you are not supposed to feel“.

John Bowlby

1 Elterliches Pflegeverhalten und kindliche Entwicklung

Den folgenden Vortrag hielt ich Anfang 1980 an der psychiatrischen Abteilung des Michael Reese Hospital in Chicago, im Rahmen einer Vortragsreise durch die Vereinigten Staaten.

Die unverzichtbare soziale Funktion der Eltern

Ich glaube, dass die meisten Menschen früher oder später den Wunsch nach eigenen Kindern verspüren, die sie zu gesunden, ausgeglichenen und selbstsicheren Menschen heranwachsen lassen möchten. Gelingt dies, winkt den Eltern reicher Lohn; scheitern ihre Bemühungen aber, können sich beim Kind massive Ängste, Frustrationen, Konflikte und Scham- oder Schuldgefühle ausbilden, weshalb die Gründung einer Familie beträchtliche Risiken birgt. Da uns das Pflegeverhalten unserer Eltern bis weit ins Erwachsenenleben beeinflusst und sogar noch unseren eigenen „Erziehungsstil“ mitbestimmt, sollten wir alles daransetzen, um die strukturellen und psychosozial relevanten Merkmale dieses Pflegeverhaltens herauszuarbeiten, wie ich sie in meine von ethologischen Erkenntnissen geprägte Theorie eingebunden habe, die ich Ihnen im folgenden erläutern möchte.

Bevor ich ins Detail gehe, einige allgemeine Anmerkungen. Erfolgreiches Pflegeverhalten fordert von den Eltern gehörige Anstrengungen, da sie die Versorgung ihres Babys oder Kleinkindes selbst bei positiver Entwicklung mehr oder weniger „rund um die Uhr“ in Anspruch nimmt und ihnen auch sonst Opfer abverlangt, was die Richtigkeit meiner Behauptung freilich nur wenig schmälert. Von Grinkers Pilotstudie in Chicago (1962) bis zu Offer (1969) belegen zahlreiche Studien, dass gesunde, ausgeglichene und selbstsichere Jugendliche bzw. junge Erwachsene aus stabilen Familien kommen, in denen sich die Eltern viel mit ihren Kindern beschäftigen.

Ich persönlich bin nicht dafür, Müttern die ganze Last der Erziehung aufzubürden, denn die Sorge um das Baby oder Kleinkind kann rasch überhand nehmen, so dass der Ehemann, oft auch eine Großmutter oder ältere Tochter, einspringen müssen. Von dieser in vielen Kulturen noch immer wie selbstverständlich praktizierten Form der Kinderbetreuung rücken paradoxerweise gerade die reichsten Gesellschaften ab, weil in unserer kommerziellen Zeit materielle „Produktivität“ ungleich mehr zählt als die „Produktion“ gesunder, ausgeglichener und selbstsicherer Kinder – eine verkehrte Welt.

Ich will hier keine politisch-ökonomische Grundsatzdiskussion eröffnen, sondern lediglich die Diskrepanz zwischen gewohnter Kinderbetreuung und bedenklichen Trends aufzeigen. Wir laufen nämlich Gefahr, falsche Kriterien festzuschreiben, denn ähnlich unterernährten Völkern, die sich mit einem Nahrungsminimum begnügen müssen, gewöhnen wir uns womöglich daran, Eltern mit Kleinkindern nur die allernötigste Betreuung zuzugestehen.

Zum ethologischen Hintergrund

Doch nun zu meiner von der Verhaltensforschung geprägten Theorie elterlichen Pflegeverhaltens.

Dank einschlägiger Studien verstehen wir die traditionell als „Abhängigkeit“ definierte Mutterbindung heute als Ausdruck eines zum Teil vorprogrammierten spezifischen Verhaltensrepertoires, das sich üblicherweise bald nach der Geburt herausbildet (Bowlby 1969). Gegen Ende des ersten Lebensjahres wird das Verhalten „kybernetisiert“, jetzt aktivieren bzw. deaktivieren Schmerz, Müdigkeit und Angst sowie die tatsächliche oder vermeintliche Unerreichbarkeit der Mutter das kindliche Bindungsverhalten: Bei geringfügigen Anlässen genügen einige besänftigende Worte, bei stärkerer Beunruhigung sucht das Kind den Körperkontakt, und bei großem Kummer oder großer Angst ist meist eine längere tröstende Umarmung vonnöten, um das Bindungsverhalten zu deaktivieren; biologisch gesehen, dürfte dieses Verhalten ursprünglich dem Schutz vor räuberischen Übergriffen gedient haben.

Obwohl ich eben nur von der Mutter-Kind-Bindung gesprochen habe, tritt das Bindungsverhalten (wenngleich längst nicht so spontan) in Angst- oder Stresssituationen auch bei Jugendlichen und Erwachsenen auf, etwa bei zuwendungs- und hilfsbedürftigen werdenden Müttern oder Müttern mit Kleinkindern, so dass wir es als universales, regelhaft aktivierbares Verhalten begreifen können.1

Therapeutisch bedeutsam sind die an das Bindungsverhalten gekoppelten (altersunabhängigen) Gefühle der Beteiligten. Positive Gefühle vermitteln Lebensfreude und Sicherheit, Gefährdungen lösen Eifersucht, Angst oder Wut aus, und Trennungen haben Kummer und Niedergeschlagenheit zur Folge, woraus ein maßgeblicher Einfluss früher inner- und außerfamiliärer Erlebnisse auf die Entwicklung des Bindungsverhalten zu schließen ist.

Im Unterschied zu herkömmlichen Modellen habe ich im Rahmen meiner Bindungstheorie versucht, Hypothesen mit empirischen Daten zu verknüpfen und außerdem neuere biologische und neurophysiologische Erkenntnisse einzubeziehen.

Auch das elterliche Pflegeverhalten können wir unter ethologischen Gesichtspunkten betrachten, wenn es uns gelingt, die allgemeinen und spezifischen Aspekte, die „Aktivatoren“ bzw. „Deaktivatoren“ und die altersbedingten Veränderungen sowie die individuell unterschiedlichen Auslöser elterlichen Handelns zu isolieren und möglichst exakt zu beschreiben.

Elterliches Pflegeverhalten und Bindungsverhalten sind also bis zu einem gewissen Grad vorgegebene Verhaltensmuster, die im wesentlichen bestimmten Entwicklungslinien folgen: So wiegen und trösten Eltern impulsiv ihr weinendes Baby, sie wärmen, beschützen und füttern es. Selbstverständlich sind diese Verhaltensmuster zunächst nur ansatzweise vorhanden; wie die Säugetiere müssen auch wir Menschen sie erst erlernen anhand des Umgangs mit anderen Babys oder Kindern, frühester Beobachtung fremder Eltern und der unterschiedlichen Behandlung, die uns und unseren Geschwistern seitens der Eltern zuteil wird.

Neuere Ansätze polarisieren oft die beiden etablierten Theorien einer rein instinktiven oder aber ausschließlich lernbedingten Verhaltenssteuerung. Das elterliche Pflegeverhalten samt der zugehörigen Affekte lässt sich meines Erachtens jedoch weder durch unverrückbare Eltern-Instinkte noch durch bloße Lernprozesse, sondern nur von einer biologischen Verankerung her erklären, wobei natürlich die persönlichen Erfahrungen zu berücksichtigen sind, die wir in Kindheit und Jugend bis in die Ehe und hin zum Umgang mit unseren eigenen Kindern machen.

Ich begreife elterliches Pflegeverhalten somit als biologisch verankertes, für das Individuum und seine Nachkommen lebensnotwendiges Verhaltenssystem, das neben dem Bindungsverhalten auch den Nahrungs-, Sexual- und Explorationstrieb umfasst, die ihrer Spezifität wegen ebenfalls vorprogrammiert sind; die Annahme individueller Lernprozesse halte ich vom biologischen Standpunkt aus für töricht.

Es wird Ihnen nicht entgangen sein, in welchem Gegensatz zur klassischen Libidotheorie und den darin postulierten Partialtrieben die Annahme eines solchen Verhaltenssystems steht, die jedoch mehrere Gründe rechtfertigen. Zum einen erfüllen die einzelnen Verhaltensmuster spezifische biologische Funktionen (Schutz, Fortpflanzung, Ernährung, Exploration), zum anderen dienen sie der Differenzierung: Mit den Eltern zu schmusen ist etwas anderes als ein Kind zu besänftigen oder zu trösten, Muttermilch zu trinken oder Nahrung zu zerkleinern etwas anderes als mit jemandem zu schlafen. Zur klaren Abgrenzung der einzelnen Verhaltensmuster und zur Differenzierung ihrer bekannten Wechselwirkungen sollten wir sie möglichst sorgfältig auseinander halten, zumal sie nicht unbedingt von denselben Faktoren gesteuert werden.

Das „Einschwingen“ der Mutter-Kind-Beziehung

Etwa seit 1975 haben innovative europäische und amerikanische Studien die frühen Mutter-Kind-Interaktionen in geradezu dramatischem Ausmaß erhellt. Mit am bekanntesten sind wohl die Arbeiten von Klaus und Kennell, deren Beobachtungen und Aufzeichnungen uns hier vorrangig beschäftigen sollen. Klaus, Trause & Kennell (1975) schildern, wie eine Mutter ihr Kind gleich nach der Geburt aufnimmt, beruhigt, ihm mit den Fingerspitzen die Wangen streichelt, mit der Hand über Kopf und Körper fährt und es nach fünf oder sechs Minuten an die Brust legt: „Unmittelbar nach der Entbindung“, so die Autoren „schienen die Mütter in einer Art Ekstase“, die sich als freudige Erregung auf die Beobachter übertrug. Offenbar geht von Neugeborenen generell eine seltsame Faszination aus. In den folgenden Tagen betrachten und liebkosen die meisten Mütter stundenlang ihren neuen „Besitz“ und bauen eine Vertrauensbeziehung zum Baby auf, oft bis hin zum Gefühl, es gehöre ihnen ganz allein. Bei manchen Müttern stellt sich dieses Empfinden schon beim ersten Körper- oder Blickkontakt ein, bei manchen Erstgebärenden, die in einer Klinik entbinden, erst im Laufe einer Woche bzw. nach der Entlassung (Robson/Kumar 1980).

Neueren Studien verdanken wir die wegweisende Erkenntnis, dass bei entsprechender mütterlicher Sensibilität selbst Neugeborene schon einfache positive Interaktionen zu bestreiten vermögen.2

Den Blickkontakt zwischen der Mutter und ihrem zwei bis drei Wochen alten Baby begleiten rege, von gegenseitiger Begrüßung eröffnete, nur durch gelegentliches Wegdrehen des Säuglings unterbrochene Interaktionen, die in einen lebhaften, mimisch-lautlich untermalten Austausch übergehen, bei dem sich das Baby der Mutter zuwendet und zunächst heftig mit Armen und Beinen strampelt, bevor es allmählich ruhiger wird und zur Seite schaut, bis das Spiel von neuem beginnt. Wiewohl ähnlich spontan, agieren Mutter und Kind jedoch verschieden: Während der Säugling die Kommunikation weitgehend autonom einleitet und beendet, stimmt sich die sensible Mutter auf ihr Kind ein, beruhigt es mit sanfter, leicht erhobener Stimme, gemächlichen Bewegungen und lässt es „den Ton angeben“, ihre eigenen Aktivitäten zum rasch tragfähigen „Dialog“ verwebend, der beide Partner erfüllt und zur Fortsetzung der Kommunikation animiert. Dieser intuitiven Bereitschaft der Mutter entspricht das „Einschwingen“ des Babys auf ihre Interventionen – harmonische Beziehungen setzen nun einmal Angleichungen voraus.

Ähnliche Sequenzen kennen wir vom Stillvorgang, bei dem Kaye (1977) erstaunliche Parallelen zwischen Saugrhythmus und mütterlichem Verhalten beobachtet hat. Solange der Säugling trinkt, verhält sich die Mutter ruhig und passiv, in den Pausen streichelt und unterhält sie dagegen ihr Baby. Collis & Schaffer (1975)

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