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Bin isch Freak, oda was?!

Über den Autor

Philipp Möller, Jahrgang 1980, unterrichtete nach dem Studium der Erwachsenenbildung zwei Jahre lang an Berliner Grundschulen. Über die Erfahrungen, die er dort machte, schrieb er den Bestseller ISCH GEH SCHULHOF. Als Pressereferent der Giordano-Bruno-Stiftung engagiert er sich für Humanismus und Aufklärung. Philipp Möller lebt mit seiner Familie in seiner Heimatstadt Berlin, wo er besonders gut für sein neues Buch recherchieren konnte.

»Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben.«

George Bernard Shaw

»Freak [fri:k], der; -s, -s ‹amerik.› (jmd., der sich nicht in das bürgerliche Leben einfügt; jmd., der sich für etwas begeistert)«

Duden

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INHALT

1 SCHOOL’S OUT – UND NUN?

2 DER COUNTDOWN LÄUFT

3 OH, WIE SCHÖN IST FREAKISTAN

4 RUHIGE KÜGELCHEN

5 GEILE NUMMER

6 DER WAHRSCHEINLICH BESTE CLUB DER WELT

7 MISSION: SATELLITENTATORT

8 AUF DEM RADWEG ZUR HÖLLE

9 FREAK SEI DANK

10 IN DER FLEISCHBALL-BUNDESLIGA

11 LEISE KRISELT DER SCHNEE

12 FÜHR MICH HINTERS LICHTWESEN

13 BURSCHENSAFT, DER BURSCHEN SCHAFFT

14 FIT INS NEUE JAHR

15 NACH DEM JOB IST VOR DEM JOB

16 KÖNNEN DIESE BUSSE LÜGEN?

17 DIE GROSSE SCHLACHT VON WORTEN

18 FREAK GEHT SCHULHOF

NACHWORT

DANKE

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1

SCHOOL’S OUTUND NUN?

Eine sanfte Sommerbrise weht mir um die Nase, als ich das Schultor durchschreite und im doppelten Sinne auf der Straße stehe. Das war’s dann also. Meine Zeit als Vertretungslehrer ist ein für alle Mal vorbei.

Vom Schulhof dringen die Stimmen meiner Kollegen zu mir herüber, mit denen ich im Anschluss an das jährliche Sommerfest gerade noch auf die großen Ferien angestoßen habe – und auf meinen Abschied. Wenn das kein Grund zu feiern ist: nie wieder Grundschule. Nie wieder Ersatzlehrer. Nie wieder Sechstklässler unterrichten, die auf dem Leistungsniveau von Viertklässlern sind. Keine ausgebrannten Kollegen mehr, die eigentlich nur noch auf die Pensionierung warten. Nie wieder versiffte Toiletten, gegen die ein altes Bahnhofsklo wie ein Sanitärpalast wirkt. Und nie wieder Elfjährige beruhigen, die blind vor Wut auf ihre Mitschüler einprügeln wollen. Oder auf mich.

Leicht beschwipst und ein bisschen wehmütig spaziere ich an den Gitterstäben entlang, die den verrückten Schulhof von der normalen Welt trennen, und sehe meiner wiedergewonnenen Freiheit nicht ganz ohne Sorge entgegen. Denn sosehr mich der Job als Lehrer an meine emotionalen Belastungsgrenzen gebracht haben mag – immerhin hatte ich ein Job! Immerhin durfte ich eine tägliche Aufgabe erfüllen, mit der ich nicht nur meine Familie ernähren, sondern auch das Bedürfnis stillen konnte, etwas gesellschaftlich Relevantes zu tun. Außerdem war bei all der Anstrengung nicht zu leugnen, dass ich immer wieder einen Heidenspaß mit den Kids hatte. Aber all das ist nun vorbei, und bislang bin ich ziemlich ratlos, welche neue Beschäftigung das Loch in meinem Alltag und in meinem Lebenslauf füllen soll.

»Züüüüsch, Herr Mülla!«, werde ich plötzlich von hinten angesprochen. »Warum hängst du noch hier rum?«

Als ich mich umdrehe, steht mein ehemaliger Schüler Khalim mit einem Skateboard unterm Arm vor mir. Seitdem klar ist, dass er die sechste Klasse wiederholen muss, ist seine Laune ziemlich im Eimer.

»Wir haben bloß noch auf die Sommerferien angestoßen«, erkläre ich, »und auf meinen letzten Tag als Lehrer.«

»Vallah, du hast’s gut, ja? Musst nisch mehr Schule gehen …«

»Dafür muss ich jetzt zum Amt, mir einen neuen Job suchen.«

»Is doch voll cool!«, meint er und schaut sich dann zum Schulgebäude um. »Sch’würde viel lieber Job suchen, als noch ein Jahr hier bleiben. Bei diesen ganzen Opfern!« Er zuckt mit den Schultern, lässt sein Skateboard auf den Boden fallen und gibt mir zum Abschied die Hand. »Viel Glück, Herr Mülla!«

»Danke, dir auch, Khalim.«

Glück kann ich gut gebrauchen, denke ich, als er davonrollert. Doch bevor ich in Selbstmitleid versinken kann, tritt der Mann aus dem Schultor, der mich in den letzten zwei Jahren am häufigsten zum Lachen gebracht hat: Geierchen. Ein sportlicher Mittfünfziger mit schulterlangen blonden Haaren, strahlend blauen Augen und einer kleinen Wohlstandswampe. Geierchen, der eigentlich Rolf Geier heißt, unterrichtet Sport und Naturwissenschaften an der Schule, in der ich die letzten vierundzwanzig Monate gebuckelt habe. Gemeinsam mit ihm habe ich im letzten Jahr eine sechste Klasse geleitet, die wir mit dem heutigen Tag, dem letzten des Schuljahrs, in die Oberschule entlassen. In dieser Zeit lernte ich seine etwas ungewöhnlichen, aber stets unterhaltsamen Unterrichtsmethoden kennen und lieben – und es verging kaum ein Tag, an dem er mir nicht in aller Deutlichkeit sagte, dass ich mich beruflich auf dem Holzweg befände.

Nachdem sich Geierchen eine Kippe angesteckt hat, schaut er sich kurz nach rechts und links um und setzt dann ein breites Grinsen auf, als er mich erblickt. »Kiek ma eena an«, ruft er mir zu, »der jescheiterte Aushilfspauker!«

Wie gewohnt beendet er seinen Satz mit einer kratzigen Lache, die so ansteckend ist, dass ich das ängstliche Grummeln in meinem Bauch für einen Moment vergesse und lächelnd in seine Richtung schlendere. Breitbeinig stiefelt er auf mich zu und haut mir dann so kameradschaftlich auf die Schulter, dass ich fast im nächsten Gebüsch lande.

»Hab ick’s dir nich jesacht?«, beginnt er und zieht erneut an seiner Fluppe. »Reißt dir hier zwee Jahre den Hintern uff – und am Ende treten se dir noch rinn …«

Ach, Geierchen, denke ich, wenn ich doch nur auf dich gehört hätte … Dann wäre ich um so viele Sorgenfalten ärmer – aber auch um tonnenweise wertvolle Lebenserfahrung und um die Bekanntschaft mit dem wohl außergewöhnlichsten Lehrer der Welt.

»Du findest schon wat«, muntert er mich auf unserem Fußweg zur U-Bahn auf, »hast ja zwölf Monate Zeit.«

»Bis?«

»Na, bis die Hartz-IV-Falle zuschnappt«, erklärt Geierchen und schaut mich prüfend über die Ränder seiner rosafarbenen Lesebrille an. Dann nimmt er das 2-Euro-99Gestell ab und lässt es an der Goldkette um den Hals baumeln. »Aber hier warste eh uff ’n falschen Dampfer, hab ick dir ja von Anfang an jesacht. Also lass dir diesmal nich wieder so ’ne Notlösung andrehen. Haste jehört?«

»Ja ja, du hast wahrscheinlich recht«, seufze ich und zucke mit den Schultern. »Aber irgendwie vermisse ich die Chaos-Kids jetzt schon. Zumindest ein bisschen. Zwischendurch haben wir doch echt viel gelacht …«

»Stimmt schon, aber fast jedet Mal isset uns anschließend im Halse stecken jeblieben«, beendet er meinen Satz und grinst dann. »Kannste dich an Jack inne Werkstatt erinnern?«

Oh ja, das kann ich! Im vergangenen Frühling plante Geierchen mit unserer Klasse den Bau eines Vogelhäuschen. Deshalb fanden wir uns jeden Dienstag für eine Doppelstunde in der Schulwerkstatt ein, in der die siebenundzwanzig Schüler über Hammer und Nägel, Säge und Feile frei verfügen konnten. Immer, wenn sich der ohnehin schon ohrenbetäubende Geräuschpegel in der Klasse zu einem Höllenlärm hochschaukelte, schnappte sich Geierchen einen Besenstiel und schlug ihn der Länge nach auf eine der Werkbänke. Das knallte noch lauter als das Lineal, das ich zu Beginn meiner kurzen Paukerkarriere auf dem Lehrerpult zerschmettert hatte. »Wenn hier eena brüllt, bin ick dit!«, donnerte Geierchen jeden Dienstag pädagogisch wertvoll nach dem Schlag mit dem Besenstiel. Und dann wandte er sich wieder denen zu, die als Sechstklässler anscheinend zum ersten Mal ein Werkzeug in der Hand hielten, und zeigte ihnen geduldig, wie man den Nagel auf den Kopf trifft.

Zu genau diesen Schülern gehörte Jack. Als Rolf und ich uns eines Tages seiner Werkbank näherten, stand er in gebeugter Haltung davor und schlug lustlos mit dem Hammer auf ein Stück Holz.

»Wat machst du denn da?«, wollte Geierchen von Jack wissen, der ganz überrascht hochschaute, als er uns neben sich stehen sah.

»Schau’n Nagel rein.« Mit offenem Mund starrte Jack zuerst die beiden Lehrkörper vor sich und dann das Holz an und schien dabei erstmalig zu bemerken, dass er bei seiner Aktion einen nicht unerheblichen Gegenstand, den Nagel, vergessen hatte. Schließlich trug Rolf mir auf, mich des Jungen anzunehmen, und so unterstützte ich Jack, so gut es eben ging, bei seiner Aufgabe, zwei Holzplatten zu einem Spitzdach zu formen und mit ein paar Nägeln auf einer weiteren Holzplatte zu befestigen.

Als Geierchen eines Tages vorbeikam, um das Ergebnis zu inspizieren, fehlten ihm für einen Augenblick die Worte. Von allen Seiten betrachtete er das windschiefe Gebilde, aus dem zahlreiche Nagelspitzen herausragten. Dann schüttelte er langsam den Kopf.

»Dit soll ’n Vogelhaus sein?«, wollte er von Jack wissen, der daraufhin zu Boden blickte und auch ich kratzte mich verlegen am Oberarm. »Und wat soll da für ’n Vogel drin wohnen?«, hakte mein Kollege nach. »Der sojenannte Kackvogel, oder wat?«

Kopfschüttelnd pfefferte Geierchen das handgefertigte Trauerspiel auf den Altholzhaufen in der Ecke und ließ den Jungen von vorne anfangen.

»Drei Monate hamwa an den Häuschen jearbeitet«, sagt Geierchen jetzt, als wir uns von dem Lachanfall wieder einigermaßen erholt haben, und starrt in den sommerlich blauen Himmel. Dann verschwindet das Lächeln plötzlich. »Und am Ende hamse die Dinger uff’m Schulhof zertreten.« Sein Blick verliert sich in der Ferne. »Is doch allet für die Katz.«

Was für mich eine frustrierende Erinnerung ist, ist für Rolf nackte Realität – immerhin war er schon als Lehrer unterwegs, als mein Lebensinhalt noch maßgeblich von Schnullern und abwaschbaren Bilderbüchern bestimmt wurde. Nach Aussage vieler Kolleginnen hat die Bildungskatastrophe zwar erst in den letzten zehn, vielleicht fünfzehn Jahren solch dramatische Ausmaße angenommen, aber eine Besserung ist seitdem keineswegs in Sicht – ganz im Gegenteil: Die sträfliche Vernachlässigung des Bildungswesens durch Politik und Gesellschaft wird die ohnehin schon pikante Personalsituation in den kommenden Jahren noch verschärfen. Inklusion und Reformschule sind damit vermutlich genauso zum Scheitern verurteilt wie alle vorherigen Reformansätze auch.

»Lang mach ick dit nich mehr mit«, seufzt Geierchen, als wir am Eingang des U-Bahnhofes ankommen. Dann schüttelt er kurz den Kopf und grinst mich breit an: »Aber zu Ferienbeginn woll’n wa keen Trübsal blasen, wa?«

»Genau«, stimme ich ihm zu, »wahrscheinlich sollte ich einfach froh sein, diese Freak-Show hinter mir zu lassen und …«

»Hinter dir?« Geierchen legt den Kopf zur Seite, kneift die Augen zusammen und kommt mir ganz nahe. »Pass ma uff: Schule is ’ne Miniaturlandschaft der Jesellschaft. Und wenn de denkst, Möller, die Minifreaks war’n schon crazy – denn schau dir die Exemplare ma in Originalgröße an!«

»Wie meinst du das?«

Als Geierchen gerade Luft holt, hält in der Schlange, die sich nur wenige Meter von uns entfernt vor einer roten Ampel gebildet hat, ein Hundeschlitten auf Rädern zwischen den Autos an. Vor das Gefährt sind sechs waschechte Huskys gespannt. Ein großer Mann mit Vollbart, Regenjacke und Lederhandschuhen steht auf dem Aluminiumgestell des Schlittens und bemerkt unsere Blicke. »Was denn«, fragt er genervt, »noch nie ’n Tandemgespann gesehen?!«

Geierchen und ich schauen uns einen Moment verwundert an. »Doch, doch«, meint mein Kollege dann und steckt mich wieder mit seiner krächzenden Lache an. »Aber nur im Fernsehen. Reiseberichte über Grönland und so«, kichert er.

»Nun sein Se mal nicht so verbohrt!«, ruft der Mann zu uns rüber, der ohne Weiteres als Doppelgänger von Reinhold Messner durchgehen könnte. »Meine CO2-Bilanz ist unschlagbar«, schiebt er dann hinterher und unterstreicht dabei jede Silbe des letzten Wortes mit wilden Handbewegungen. Einen Moment später schaltet die Ampel auf Grün, und nach einem unverständlichen Befehl in einer fremden Sprache nimmt das Gespann hechelnd Fahrt auf.

»Äckt globill, sink lokill!«, ruft uns der Hundeführer mit einem harten deutschen Akzent noch zu, während Geierchen ihm lachend nachwinkt.

Sprachlos schüttele ich den Kopf.

»Ick sachet ja«, wiederholt Geierchen auf der Treppe zur U-Bahn. »Dit janze Land is voller Freaks – und weil in Berlin die meisten rumspringen, sinn wa och Hauptstadt jeworden.«

Da mein lieber Exkollege in die andere Richtung fahren muss, wird es Zeit für den vorläufigen Abschied. Als seine Bahn kommt, nimmt er mich so fest in den Arm, dass mir fast die Luft wegbleibt.

»Möller, wir bleiben in Kontakt, wa?«, sagt Geierchen, und es sieht ein bisschen so aus, als hätte jetzt auch ihn der Abschiedsschmerz gepackt.

Doch für Sentimentalitäten bleibt keine Zeit, denn als sich die Türen der U-Bahn öffnen, können es die Ersten am Bahnsteig kaum erwarten, den Waggon zu betreten. Ohne Rücksicht auf Verluste drängeln sich die Passagiere, die bislang friedlich neben uns standen, an einem kleinen Mann mit Karohut und Aktenkoffer vorbei, der offensichtlich aussteigen will. Mit hochrotem Kopf versucht er sich unter Einsatz seines überschaubaren Körpers durch die hereinströmende Menschenmasse nach draußen zu quetschen. »Erst aussteigen lassen!«, blafft er schließlich ein paar Unschuldige an, die brav gewartet haben. Dann schiebt er sich rabiat an meinem unbeteiligten Kollegen vorbei und verpasst ihm mit dem Aktenkoffer einen saftigen Pferdekuss.

»Aua!«, ruft Geierchen und hält sich den Oberschenkel. »Bisse bekloppt, oder wat?!«

»Selbst schuld, was stehen Sie auch hier herum?«, schnaubt der Herr mit Hut und mustert Geierchen dabei von oben bis unten. »Die ganze Stadt ist voller Spinner!«, schimpft er dann, zupft seinen senfgelben Blouson zurecht und eilt mit trippelnden Schritten davon.

»Dit sind mir die Liebsten«, sagt Geierchen, noch bevor sich die Türen der Bahn schließen und er vorerst aus meinem Leben entschwindet. »Die Spießer-Freaks!«

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2

DER COUNTDOWN LÄUFT

Als auch meine U-Bahn kommt, ergattere ich einen Sitzplatz und schotte mich dank der Kopfhörer zügig von der Umwelt ab. Dann zücke ich mein Smartphone, wähle einen Song aus meiner Playlist und öffne die blaue Zeitfresser-App mit dem weißen f. Hier erfahre ich, was meine sogenannten Freunde – Menschen, denen ich teilweise noch nie begegnet bin – der Welt mitteilen wollen: Tina hat einen Bagel mit Rucola zu Mittag gegessen, Konstantin war mit seinem Hund spazieren, Jessica ist langweilig, und Tunç möchte mit mir einen Bauernhof gründen. Nach mehreren Jahren Mitgliedschaft in diesem nicht immer nur sozialen Netzwerk überfliege ich die Meldungen meist nur noch aus Langeweile und wundere mich nicht selten über die unfassbare Irrelevanz der sogenannten Neuigkeiten. Dennoch haben es mir die kleinen roten Zahlen am oberen Rand der App irgendwie angetan, die mich über Freundschaftsanfragen, Likes und sonstige Mitteilungen informieren, und so erwische ich mich immer wieder dabei, vollkommen sinnfreie Minuten in diesem virtuellen Freundeskreis zu verbringen. Wahrscheinlich hat Geierchen also mal wieder recht: Das Land ist voller Freaks – und mitten unter ihnen muss ich nun einen Platz für mich finden.

Schöne Aussichten sehen irgendwie anders aus …

Im Hausflur kommt mir auf halber Treppe mein Vermieter Herr Graufuß entgegen, der seine mehrstöckige Altersvorsorge gemeinsam mit seiner Frau bewohnt, verwaltet und instand hält. Aus der Brusttasche seiner grünen Latzhose lugen ein Schraubenzieher, ein Bleistift und ein Kugelschreiber, die er der Länge nach sortiert hat. Die Ärmel seines Karohemds sind fein säuberlich bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt und die Schnürsenkel seiner Sicherheitsschuhe mit den großen Stahlkappen zu identischen Doppelschleifen gebunden. Zwei Stufen über mir hält er inne und spricht mich an. »Herr Möller«, beginnt er vorwurfsvoll und atmet dann einmal laut aus. »Meine Frau musste mal wieder feststellen, dass zwischen Ihren Papiermüll ooch Plastik dabei sein tut.«

»Ehrlich? Aber woher wissen Sie denn, dass …«

Er unterbricht mich, indem er mir demonstrativ einen Briefumschlag mit meinem Namen darauf zeigt. Durchsucht der Typ tatsächlich meinen Müll? Hält er mir demnächst vielleicht die Windeln unserer Tochter vor die Nase und verlangt, deren Inhalt gesondert in der Biotonne zu entsorgen?

»In diesen Hause tun wir allagrößten Wert uff Riehzaikling legen«, erklärt er mir. »Ick erwarte mehr Sorgfalt von Ihnen, ja?«

Weil mein Tag für heute bescheiden genug war, nicke ich ihm nur kurz zu und überlasse ihn dann sich selbst. Im dunklen Flur unserer Wohnung kommt mir Sarah auf Zehenspitzen entgegen und gibt mir einen Kuss. »Klara ist gerade eingeschlafen«, flüstert sie mir ins Ohr und zeigt auf das Zimmer unserer fünf Monate alten Tochter.

Leise verkrümeln wir uns auf den Balkon, wo sich meine Freundin eine Tasse Stilltee eingießt. Dann nimmt sie meine Hand und lächelt mich sanft an. »Na, wie war dein letzter Tag in der Schule?«

Seitdem Sarah einen Lehramtsstudienplatz in Potsdam bekommen hat, verfolgt sie meine beruflichen Ausflüge ins Schulhaus ganz genau. Ich berichte ihr also von meinem letzten Auftritt als Musiklehrer auf dem Sommerfest, von den Bierchen mit dem Kollegium und der Betriebsrätin unserer Schule. Die wollte nämlich auch den letzten Tag nicht ungenutzt lassen, um mir noch einmal mitzuteilen, wie sehr sie die Entscheidung der Senatsverwaltung begrüße, Vertretungslehrer wie mich endgültig vor die Tür zu setzen.

»Ist das dreist!«, entfährt es Sarah. »Drei Tage vor Ablauf deines Vertrages erfährst du, dass er doch nicht verlängert wird – und die Trulla würgt dir noch eins rein …«

»Na ja«, gebe ich zu bedenken, »man muss sich ja schon fragen, ob jemand ohne Staatsexamen wirklich eine vierte Klasse leiten sollte.«

»Ach komm«, entgegnet Sarah energisch, »du hast deine Sache doch gut gemacht. Außerdem gibt es mehr als genug schlechte Lehrer mit passendem Studium!« Nach einem Blick in Richtung Kinderzimmer senkt sie ihre Stimme wieder etwas. »Und wenn ich an meine bisherigen Seminare denke, weiß ich langsam auch, warum die meisten so schlecht auf den Schuldienst vorbereitet sind.«

Bis wir merken, dass wir all diese Dinge in den letzten zwei Jahren schon ausgiebig diskutiert haben, vergehen ein paar Minuten. Immer wieder haben wir in den vorigen Monaten festgestellt, dass nicht jeder, der den Lehrberuf ergreift, auch dazu geeignet ist. Und manch einer von denen, die geeignet scheinen, wird aufgrund politischer Entscheidungen nicht zugelassen. Oder zu katastrophalen Bedingungen, wie beispielsweise in meinem Fall: Dreimal habe ich darauf hoffen müssen, dass die Senatsverwaltung meinen befristeten Vertrag verlängert, und dreimal habe ich erst wenige Tage vor Vertragsende erfahren, dass es klappt. Dementsprechend bin ich also auch bis vor Kurzem davon ausgegangen, im nächsten Jahr weiterhin beschäftigt zu werden – zumal die Schulleitung mir das längst versprochen hatte. Aber mündliche Zusagen sind eben keine richtigen Zusagen, und so stehe ich nun doof da: eben noch Lehrer, jetzt schon auf Jobsuche.

»Darfst du denn überhaupt verreisen, wenn du auf Jobsuche bist?«, fällt Sarah plötzlich ein.

Stimmt ja: der Urlaub! Ich schlucke, denn immerhin ist die Ferienwohnung längst gebucht und bezahlt – damals konnte ich ja nicht ahnen, dass das Schuljahr ohne Job und festes Gehalt enden würde.

Am nächsten Morgen muss ich meinen Kopf vor dem hohen tristen Gebäude weit in den Nacken legen, um das große weiße A im roten Kreis zu erblicken. Durch eine rasant rotierende Drehtür gelange ich in eine riesige Empfangshalle, in der unzählige Menschen stumm auf eine Anzeigetafel voller Namen und Wartenummern starren. Ich stelle mich dazu und suche nach meinem Namen. H, I, J, K, L, M, N, O … kein Möller? Dabei habe ich doch einen Termin! Nur einen gewissen Herrn Müller kann ich finden, aber an diesen Namen habe ich mich ja während meiner Zeit als Lehrer schon gewöhnen müssen. Na gut, dann probier ich es einfach mal als Herr Müller.

Ich bewege mich an den Rand der Halle und steige in den gläsernen Lift, der mich in Windeseile in die schwindelerregende Höhe des siebten Stocks katapultiert. Während der Fahrt werden die Menschen unter mir immer kleiner und kleiner, bis sie zu einem einzigen wuseligen Ameisenhaufen zusammengeschrumpft sind.

Im siebten Stock angekommen, gleiten die Fahrstuhltüren langsam auf. Ich steige aus dem Lift und stehe in einer grell beleuchteten Wartehalle, in der rote Metallstühle in mehreren Reihen aneinandergeschraubt stehen. Auf ihnen sitzen Menschen verschiedener Altersgruppen und starren auf einen großen Fernseher, der vor ihnen an der Wand hängt. Unter Protest einer Gruppe junger Typen in abgewetzten Klamotten drängele ich mich auf einen der letzten freien Plätze und nehme neben einer Dame mit tadelloser Frisur und schmalen Lippen Platz. Dann schaue ich mir das Video an. Es zeigt eine Gruppe attraktiver Männer und Frauen, die in Zeitlupe auf die Kamera zugehen. Sie tragen Aktenkoffer oder Handtaschen, sind in feine Anzüge und Kostüme gekleidet und strahlen den Zuschauer mit perfekten Zähnen an. »Zeitarbeit«, spricht eine tiefe Stimme aus der Glotze, als die Models an der Kamera vorbeilaufen. Dann taucht hinter ihnen ein älterer und sehr seriös wirkender Herr im Dreireiher auf und fügt hinzu: »Ihr Job! Ihre Zukunft!«

Als der Clip ein paar Mal in Schleife gelaufen ist, wird er für eine Anzeige unterbrochen. Herr Müller, bitte zu Beratungsplatz zwei für Akademiker kommen, steht dort in weißen Lettern auf rotem Hintergrund. Das Publikum schaut mich böse an, als ich mich erhebe und wieder aus der Reihe drängele. Ich blicke an mir herab und stelle erschrocken fest, dass ich mit Anzug und Krawatte für diesen Termin offenbar komplett overdressed bin. Ja, genau, denke ich mir. Der Pseudo-Yuppie darf vor euch allen dran, der hat nämlich einen Termin. Der ist schließlich Akademiker. Auch wenn der Anzug von H&M und seine berufliche Zukunft kohlrabenschwarz ist.

»Herr Müller, bitte!«, ruft nun eine Stimme aus dem Lautsprecher, als ich mit großen Schritten an einer Gruppe finster dreinblickender Männer in blauen Latzhosen vorbeilaufe, von denen einer sogar seine geballte Faust in der anderen Hand reibt.

Ein paar Meter weiter öffne ich eine schwere Holztür mit einer gelben Zwei darauf. Hinter einem massiven Eichenholzschreibtisch sitzt ein Mann, der deutlich jünger ist als ich. Die Haare hat er penibel zurückgekämmt und mit viel Pomade an den Schädel geklatscht. Durch eine große Hornbrille starrt er mich an, während er auf einen freien Holzstuhl vor dem Tisch weist. »Bitte setzen«, sagt er streng. »Sie sind doch dieser Herr Müller, oder?«

»Möller«, korrigiere ich ihn, »mit Ö wie Ökonom.«

»Natürlich. Und Sie sind also arbeitslos, Herr Müller?«, will er von mir wissen und schlägt eine lederne Mappe auf, die vor ihm auf dem Tisch liegt. Vorsichtig ziehe ich die schwere Tür ins Schloss und schleiche zu dem Stuhl vor seinem Tisch.

»Wie konnte das denn passieren?«, fragt er.

Tja, gute Frage. Als ich gerade meine kleine Geschichte des gestrandeten Aushilfslehrers zum Besten geben will, hebt er seinen Zeigefinger und hält mit zusammengekniffenen Augen ein Blatt Papier in die Höhe. »Ich habe hier Ihren Lebenslauf vorliegen. Sie haben doch in der Uni gelernt, berufliche Weiterbildungsmaßnahmen für Erwachsene zu gestalten – und sind dann Lehrer für Kinder geworden?«

Offensichtlich ist die Frage rhetorisch, denn ohne den Blick von den Unterlagen zu heben, fährt er fort. »Außerdem waren Sie Pressesprecher einer Werbekampagne für Atheismus?«, fragt er zuerst nachdenklich, erhebt dann aber plötzlich die Stimme und sieht mich vorwurfsvoll an: »Damit haben Sie sich für einen Job bei der Caritas wohl disqualifiziert!« Kopfschüttelnd schiebt er einen großen Stapel Unterlagen an den äußersten Rand des großen Tisches.

»Ja, wenn Sie das so …«

»Tut mir leid«, unterbricht er mich, schlägt die Mappe wieder zu, nimmt die Brille von der Nase und reibt sich entnervt die Augen. »Aber mit einem solchen beruflichen Werdegang sehe ich ehrlich gesagt ganz schwarz für Sie.«

Dann bekreuzigt er sich und murmelt etwas in seine gefalteten Hände. Aus dem Bücherregal hinter ihm öffnet sich plötzlich eine Tür, durch die überraschenderweise Sarah in den Raum tritt. Ihr Kopf ist mit einem weißen Tuch bedeckt, und unter einem langen Kleid schauen ihre nackten Füße hervor. Geräuschlos schreitet sie auf den Schreibtisch zu und macht davor einen höflichen Knicks. Mit beiden Händen schiebt sie den Schleier beiseite und legt dabei eine blau schimmernde Tätowierung im Dekolleté frei. Sie zeigt die Zahlenfolge 08:30. »Und führe ihn nicht in Verschlafung!«, spricht sie dann mit blecherner Stimme, »sondern erlöse ihn von dem Dösen!«

Wie bitte? Von dem Dösen?

»Philipp, du hast verschlafen!«, ruft Sarah plötzlich mit klarer Stimme und rüttelt an meiner Schulter. »Es ist halb neun! Du musst in ’ner halben Stunde beim Arbeitsamt sein. Steh jetzt auf!«

Ich blinzele ein paar Mal, hebe meinen Kopf aus dem Kissen und greife hektisch nach meinem Wecker. Halb neun?! Eine Wagenladung Adrenalin schießt mir durch die Adern und katapultiert mich aus dem Bett, sodass ich nur elf Minuten später geduscht und angezogen die Treppe herunterpoltere.

»Keine Zeit!«, rufe ich Frau Graufuß entgegen, die sich mir vor ihrer Wohnung im zweiten Stock in den Weg stellt.

»Aber in Ihrem Müll …«

»Sortiere ich!«, rufe ich ihr aus dem ersten Stock zu und renne weiter zum Bahnhof.

Schon von der Straße aus sehe ich die S-Bahn einfahren, also gebe ich auf den Stufen zum Gleis noch einmal Vollgas. Mit einem Hechtsprung schmeiße ich mich gerade noch zwischen die Türen, die sich mit einem tutenden Signal schließen und dabei meinen rechten Fuß einklemmen. Vor den Augen einiger untätiger Fahrgäste stemme ich die Türen mit letzter Kraft ein paar Zentimeter auf und ziehe meine Tasche hinterher. Geschafft!

Nachdem sich mein Puls wieder halbwegs stabilisiert hat, entdecke ich einen freien Sitzplatz in einer Viererbank, finde darauf allerdings einen Aktenkoffer vor. Den zwei Punks gegenüber wird er wohl kaum gehören, also kommt als Eigentümer des edlen Gepäckstücks eigentlich nur der Herr auf dem Platz neben dem Koffer infrage. Hinter einer Ausgabe der Financial Times kann ich von ihm allerdings nur die Nadelstreifen und die glänzenden Lederschuhe sehen.

»Entschuldigung, ist das Ihr Koffer?«

Raschelnd nimmt Monsieur die Zeitung herunter und bringt seine feinen Gesichtszüge zum Vorschein, die durch einen akkuraten Seitenscheitel eingerahmt werden. Anstelle einer Krawatte ragt der lockere Knoten eines weinroten Tuchs aus seinem Hemdkragen. »Weshalb fragen Sie?«, will er wissen und schaut mich durch eine rahmenlose Brille an.

»Weila da sitzen möchte, du feiner Pinkel«, mischt sich der Punk vom Sitz gegenüber ein und schaut ihm unbeirrt in die Augen.

»Also, ich muss doch sehr bitten!«, echauffiert sich der feine Herr und faltet die Zeitung zusammen.

»Deinen Koffer da wegnehmen, dit musste!«, korrigiert ihn der Punk und nimmt einen Schluck aus seinem Weinkarton. Dabei hält er dem Blick seines Kontrahenten weiter stand und nickt schließlich, als dieser seinen Koffer wegnimmt, ihn umständlich auf seinen Oberschenkeln platziert und sich erneut hinter seiner Zeitungswand verbarrikadiert.

»So kannze dich im Rolls-Royce ufführen«, hat der junge Mann mit dem grünen Haar noch zu sagen, »aber stell dir vor: Hier inna echten Welt jibt’s noch andre Leute!«

»Danke sehr«, sage ich in Richtung Zeitung, nicke den Punks zu und setze mich.

»Keen Ding. Ick bin Sterni, und dit is meene Braut Kröte.« Er zeigt auf die junge Dame neben sich, die mit halb offenem Mund an seiner Schulter lehnt.

»Haste ’n Euro?«, will sie wissen. »Oder ’ne Kippe?«

Lächelnd händige ich beiden eine Zigarette aus und versuche dann, mich auf mein bevorstehendes Gespräch beim Arbeitsamt zu konzentrieren. Aus gegebenem Anlass kommt mir dabei jedoch ständig Geierchen in den Sinn, denn schon wieder befinde ich mich zwischen etwas sonderbaren Zeitgenossen: das fleischgewordene Statussymbol, das auf zwei Quadratmetern lachsfarbenem Zeitungspapier die Aktienkurse studiert, und zwei waschechte Punks, die eng ineinander umschlungen versuchen, zwischen Tetrapakwein und Springerstiefeln eine Art Romantik entstehen zu lassen.

Leben wir also wirklich in einer Freak-Republik? Wandeln wir eher zwischen Exzentrikern, Übertreibern und Paradiesvögeln durch die sechzehn Bundesländer als zwischen kultivierten Dichtern und Denkern? Und was meint dieser Begriff eigentlich: Freak? Glücklicherweise sind die Zeiten ja vorbei, in denen siamesische Zwillinge, Frauen mit Vollbärten oder körperlich beeinträchtigte Menschen als Zwerge, Riesen oder Dreibeinige im Zelt eines Wanderzirkus ausgestellt wurden. Wohin hat sich dieser Begriff also entwickelt? Was bedeutet es inzwischen, ein Freak zu sein?

Eines haben die drei um mich herum schon mal gemeinsam: Rein äußerlich fallen sie vollkommen aus dem Rahmen. Aber ist es wirklich nur das Äußere, das mich von den Punks oder dem Herren in Nadelstreifen unterscheidet, oder ist es eher das Verhalten, das den schmalen Grat zwischen Homo normalus und Homo freakus ausmacht? Und wer von ihnen ist dahin gehend eigentlich schräger: der wie aus dem Ei gepellte und offenbar sehr gut etablierte Typ, der für seine großflächige Lektüre und sein Gepäckstück zwei Sitzplätze beansprucht, oder die gepiercten und ungewaschenen Schnorrer, die zwar gruselig aussehen, mir aber letztlich weniger auf den Keks gehen als mein Sitznachbar?

Die Frauenstimme der S-Bahn reißt mich aus meinen Gedanken und bewahrt mich so davor, die Station zum Arbeitsamt zu verpassen. Ein kurzer Fußweg führt mich zu dem Gebäude, das zum Glück ganz anders aussieht als in meinem Traum. Innen erwarten mich auch keine Menschenmassen, keine Anzeigetafel und kein gläserner Fahrstuhl, stattdessen fordert ein kleines Schild dazu auf, sich unaufgefordert beim Empfang zu melden. Linker Hand befindet sich ein Schalter, an dem zwei junge Frauen anstehen. Eine von ihnen wird gerade nach vorne gebeten, als ich mich hinter der anderen einreihe. Ihr rotes gelocktes Haar steht in alle Himmelsrichtungen vom Kopf ab, und während sie in ihrer Tasche herumwühlt, brabbelt sie auf Englisch leise vor sich hin. Schwungvoll dreht sie sich plötzlich zu mir um. Ihr stupsnäsiges Gesicht ist voller Sommersprossen. »Excuse me«, beginnt sie mit feinstem britischen Dialekt, »do you speak English?«

Nach genau dieser Frage hat mir meine ehemalige Schulleiterin damals einen Job als Englischlehrer angeboten, aber so etwas wird wohl kaum ein zweites Mal passieren. Ich nicke. Daraufhin erklärt mir die Lady in Höchstgeschwindigkeit, dass sie einen Job in Berlin suche, dabei aber bisher unter anderem an den Sprachkenntnissen der hiesigen Sachbearbeiter gescheitert sei.

Warum überrascht mich das nicht?

Noch bevor sie mich um Hilfe bitten kann, wird sie an den Schalter gerufen und legt die Unterlagen vor, die der Mann hinter dem Tresen mit steinerner Miene prüft. »Sie benötigen eine vom Vermieter gegengezeichnete Meldebescheinigung in Original und Kopie sowie das Kündigungsschreiben mit Zugangs- bzw. Absendenachweis oder den Aufhebungsvertrag des letzten Arbeitsverhältnisses«, erklärt der Mann am Pult in einer solchen Monotonie, dass ich mich für den Bruchteil einer Sekunde frage, ob der Typ wirklich aus Fleisch und Blut oder vielleicht doch ein Android ist.

Hilflos dreht sich die kleine Britin zu mir um. »What does he want?«

»It seems you are missing the …« Dann fehlen auch mir die Worte. »Some documents to receive money«, fasse ich die Aussage des Schalterbeamten zusammen.

»I don’t want money«, erwidert sie energisch. »I want a job!«

Nun schaut der Mitarbeiter mich an und streicht seinen Schnurrbart zurecht. »Wat willse?«

»Eine Arbeit«, übersetze ich und frage mich, ob hier vielleicht doch wieder ein Quereinsteigerjob auf mich wartet. Eigentlich könnte ich ja schon morgen als Dolmetscher einsteigen, denn inzwischen weiß ich ja, wie leicht man in öffentlichen Einrichtungen eine Stelle findet – leider aber auch, wie schnell man wieder vor die Tür gesetzt wird.

»Ju wont dschobb, sen ju fill aut sis«, wendet sich der Schnauzbartträger an die Britin und händigt ihr zwei mehrseitige Formulare aus. »… änt sis. Der Nächste!«

Mit hängendem Kopf verlässt die junge Frau den Schalter und stopft die beiden Anträge in eine Klarsichtfolie zu einem riesigen Stapel anderer Papiere. Nach Nennung meiner Kundennummer verrät mir der Herr hinterm Tresen, in welchem Warteraum ich Platz nehmen soll, und dreht sich dann zu einer Kollegin um, die hinter ihm am Kopierer steht. »Kann ick ja leiden: Keen Deutsch können, aber ’n Job wollen …« Routiniert wendet er sich dem leeren Raum hinter mir zu. »Der Nächste!«

Nach einem kurzen Sprint erreiche ich gerade noch den Fahrstuhl, in dem die Engländerin bereits vor Wut aus den Ohren dampft. Unterwegs nach oben lässt sie ihrem Frust freien Lauf und legt mir während der Fahrt in den zweiten Stock die kurze und erfolglose Geschichte ihrer Jobsuche in Berlin dar. Im Wartebereich besorge ich zwei Becher Mineralwasser und nehme neben ihr Platz.

»Oh, you Germans«, meint sie mit einem Blick auf die sprudelnde Flüssigkeit, »you have to drink everything with Kohlensaure?« Nach einem kleinen Schluck schüttelt sie die roten Locken, verzieht das Gesicht und stützt beim Anblick der Mappe auf ihren Knien den Kopf in beide Hände. »And you really love Anträge, Bescheinigungen and Formulare, don’t you?«

»Jess: Wellkamm tu se hohm of Bürokratie-Freaks!«, antworte ich, richte mich zackig auf und schließe den obersten Knopf meines Hemdes. »In Dschörmenie we lahf Präzision, Effizienz and Bratwurst!«, füge ich im Tonfall des Herrn am Eingang hinzu und salutiere dabei, woraufhin endlich ein Lächeln über ihr Gesicht huscht.

»By the way: I’m Debbie«, sagt sie und reicht mir die Hand. »Nice to meet you!«

Weil ich die Außenperspektive auf Deutschland spannend finde, lasse ich mir von Debbie ein paar typisch deutsche Macken aufzählen, und so gestaltet sich die Wartezeit mit Geschichten über Hausschuhe, Apfelschorle, Schrebergärten, Autowaschanlagen und Versicherungen aller Art angenehm kurzweilig. Bevor meine Wartenummer auf dem Display erscheint, kann ich ihr gerade noch die wichtigsten Fragen zu den Anträgen beantworten und ihr viel Erfolg beim Gespräch wünschen, dann durchschreite ich das Großraumbüro, bis ich am Tisch meiner Sachbearbeiterin ankomme. Nach der Begegnung mit dem Bürokratieroboter am Empfang und dem Albtraum von letzter Nacht mache ich mich auf das Schlimmste gefasst.

»Guten Tag, Herr Möller«, begrüßt mich die junge Frau hinter dem Schreibtisch und bittet mich, Platz zu nehmen. »Ich bin Sabrina Schneider, Ihre Beraterin. Möchten Sie einen Kaffee?«

Aus dem Ausschnitt der jungen Frau, die mir gegenübersitzt, rankt ein Tattoo über die Schulter bis an ihren Hals. Das dunkelblonde Haar zieren weißblonde Flecken, und ihre rechte Augenbraue ist doppelt gepierct.

»Gern.«

»Zucker? Milch?«

»Beides.«

Nach einem kurzen Moment, in dem ich den ersten Schock der Begegnung verarbeiten kann, ist sie mit einer Tasse frischem Filterkaffee wieder da und kommentiert meinen überraschten Gesichtsausdruck mit einem freundlichen Lächeln.

Als ehrlichen Einstieg in das Gespräch gebe ich zu, dem Termin nicht gerade freudig entgegengeblickt zu haben, woraufhin Frau Schneider schmunzelt und ein Foto mit zwei blonden Mädchen zurechtrückt, die ihr verdammt ähnlich sehen. Auf dem ordentlichen Schreibtisch befindet sich ein brandneuer, superflacher Monitor, Maus und Tastatur liegen kabellos davor. Offenbar bin ich in der Businessclass der Arbeitsagentur gelandet, denn bei meinem Blick durch die Büroetage entdecke ich fast nur lächelnde Sachbearbeiter, die mit relativ entspannten Klienten sprechen.

»Na ja«, beginnt Frau Schneider leise, »als Akademiker befinden Sie sich ja hier sozusagen in der Ersten Klasse der Arbeitsagentur. Aber jetzt erklären Sie mir doch mal, was Sie eigentlich zu mir führt.«

Zwar habe ich in den unzähligen Stunden, in denen ich eine solche Situation durchgespielt habe, eher die Personalbeauftragte eines Unternehmens statt die Beraterin der Arbeitsagentur vor mir gesehen, dennoch fällt es mir leicht, meinen beruflichen Werdegang nachzuzeichnen. Also berichte ich von dem Pädagogik-Studium, der begleitenden Arbeit als studentische Hilfskraft am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und der Anstellung bei einem süddeutschen Automobilkonzern, bei dem ich als Werkstudent meine Diplomarbeit verfasst habe. Meine Funktion als Pressesprecher einer bundesweiten Werbekampagne, mit der ich vor zwei Jahren für ein Leben ohne Gott geworben habe, lasse ich nach meinem Albtraum lieber weg – wer weiß, welche Türen ich mir damit vorschnell verschließen würde. Den längsten Teil meiner Geschichte nimmt jedoch das berufliche Abenteuer ein, auf das ich mich zuletzt eingelassen habe. »Und nach über zwei Jahren als Lehrer«, beende ich meine bisherige Lebensgeschichte, »wurde mein Vertrag dann kurzfristig doch nicht verlängert – und hier sitze ich nun.«

»Also, erstmal bin ich sehr zuversichtlich, dass Sie schon bald wieder in Lohn und Brot stehen«, erklärt mir Frau Schneider zu meinem größten Erstaunen, jedoch sei sie dazu verpflichtet, mich auf die begrenzte Laufzeit von zwölf Monaten hinzuweisen, in der das Arbeitslosengeld I ausgezahlt werde. »Danach müssten Sie dann im Jobcenter Arbeitslosengeld II beantragen«, sagt sie und fügt dann in ernsterem Tonfall hinzu: »Auch als Hartz IV bekannt.«

Ihrem Blick wage ich zu entnehmen, dass dort kein Kaffee serviert wird. Außerdem muss mir Frau Schneider eine Sperrfrist wegen verspäteter Meldung aussprechen, sodass ich nach der Genehmigung des Antrags trotzdem erst in vier Wochen Geld bekomme. Die feste Zusage der Schulleitung für die Verlängerung meines Arbeitsvertrages kann dabei leider nur bedingt geltend gemacht werden, obwohl ich mir von meiner alten Schulleiterin schriftlich habe bestätigen lassen, wie kurzfristig die sichere Zusage meiner Vertragsverlängerung zurückgezogen wurde. »Wichtig ist jedenfalls, dass der ausgefüllte Antrag auf Arbeitslosengeld spätestens im Laufe der nächsten Woche vorliegt.«

Nächste Woche? Verdammt – da war doch noch was! Ein Kloß macht sich in meinem Hals breit. »Äh, dazu hätte ich noch eine Frage«, beginne ich vorsichtig und erzähle ihr von dem geplanten Sommerurlaub.

»Natürlich können Sie Urlaub nehmen«, beruhigt mich Frau Schneider. »Wann soll’s denn losgehen?«

»Am Montag.«

Ihr Lächeln verfliegt. Sie schaut in den Kalender und schüttelt den Kopf. »Ausgeschlossen!«

Ein Stechen in meiner Magengrube kündigt das gleiche Gefühl an, dass sich Anfang der Woche eingestellt hat, als ich meinen Job verlor. Wochenlang haben Sarah und ich uns auf den ersten Urlaub mit unserer Tochter gefreut, haben ein hübsches Appartement in Kroatien gebucht, die Route geplant, Einkäufe getätigt und die letzten Tage gezählt, bis es endlich losgeht – aber klar: Warum sollte ein Arbeitsloser auch verreisen dürfen?

»Es sei denn …«, überlegt Frau Schneider laut, dann greift sie nach dem Telefonhörer. »Da muss ich mal meinen Chef … Hallo Herr Piefkowitsch? Hören Sie, ich hab hier einen Sonderfall«, beginnt sie das Gespräch und dreht mir die Rückenlehne ihres Bürostuhls zu. In den folgenden Minuten, die mir wie eine halbe Ewigkeit vorkommen, male ich mir Sarahs Reaktion auf die schlechten Nachrichten aus. Als mir zu allem Übel auch noch einfällt, dass ich zu geizig für eine Reiserücktrittsversicherung war, stehe ich kurz vor einem inneren Wutausbruch.

»Die schriftliche Bestätigung Ihrer Schulleitung ist Gold wert«, meint Frau Schneider plötzlich und lächelt mich an. »Können Sie den ausgefüllten Antrag bis Samstag in den Briefkasten werfen?«

Ich nicke.

»Na dann …«, sagt sie und reicht mir die Hand, »… wünsche ich einen schönen Urlaub und gute Erholung!«

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3

OH, WIE SCHÖN IST FREAKISTAN

Ich krieg die Krise!« Sarah stemmt die Hände in die Hüften und schüttelt den Kopf. »Das passt doch niemals alles ins Auto!«

Mit zerzausten Haaren stehen wir im Flur unserer Wohnung und begutachten mit kritischem Blick das Ergebnis unserer Reisevorbereitungen. So sieht es also aus, wenn junge Eltern erstmalig mit ihrem Nachwuchs in den Urlaub fahren: drei große und zwei kleine Koffer, vier Taschen mit Babyutensilien, drei Baumwollbeutel, ein Kinderwagen, ein Sonnenschirm, zwei Strandmatten, die Fototasche und unsere Wertsachen in einem Rucksack. Wenigstens bin ich dem Rat meines autoreiseerprobten Vaters gefolgt und habe eine Dachbox gemietet.

»Das wird schon«, beruhige ich uns. »Jetzt lass uns erstmal schlafen, wir haben morgen eine lange Fahrt vor uns!«

Am nächsten Tag schlägt der Wecker um halb fünf Alarm, und während sich Sarah um unser Töchterchen kümmert, bin ich für das Gepäck zuständig. Bei diesem 3D-Puzzle freue ich mich über meine jahrelange Erfahrung mit Tetris – im Gegensatz zu meinen Eltern habe ich nämlich damals schon gewusst, dass manche Computerspiele keine Zeitverschwendung sind. Bevor wir uns aber mit dem voll beladenen Golf auf die 1 150 Kilometer lange Autofahrt begeben, muss der Antrag noch zum Arbeitsamt geschickt werden. Als Sarah den großen Umschlag in den Briefkasten an der Straßenecke schiebt, schaut sie mich ernst an. »Bist du dir ganz sicher, dass alle Unterlagen dabei sind?«

Ich nicke ihr vom Fahrersitz zu und verstehe den zufallenden Deckel des gelben Kastens als endgültigen Startschuss für den lang ersehnten Sommerurlaub: Kroatien, wir kommen!

»Sarah, kannst du mal kurz gucken, ob ich …«

Es ist gerade sechs Uhr, als ich bemerke, dass beide Mitfahrerinnen schon wieder eingeschlafen sind, und so kann ich den Anfang unseres Roadtrips dazu nutzen, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Immerhin waren die letzten Wochen aufreibend genug, sodass ich mich nun tierisch darauf freue, ein bisschen Abstand zu gewinnen. Endlich kann ich die Hauptstadt der Freak-Republik hinter mir lassen, diesen Ort, zu dem ich vor allem in den letzten zwei Jahren ein etwas gespaltenes Verhältnis entwickelt habe. Meine heimatliche Hassliebe speist sich aus zwei Aspekten, die in Berlin mit voller Wucht aufeinanderprallen. Auf der einen Seite gibt es das Kernstück des Hauptstadtfeelings: die Freiheit. Dieses hart erkämpfte, bundesweit beliebte Kulturgut ermöglicht es seinen Bewohnern nämlich, genau so zu sein, wie sie wollen. Keine unnötigen Vorschriften, keine ungeschriebenen Gesetze oder Manieren behindern das Streben nach einem glücklichen und erfüllten Leben. Es gibt kein dörfliches Geläster, keine spießige Kleiderordnung, keine Sperrstunde, keine Kehrwoche – in Berlin kann jeder machen, was er will und wann er will.

Doch genau hier, auf dem schmalen Grat zwischen Freiheit und Rücksichtslosigkeit, entstehen am laufenden Band Konflikte. Leider haben viele noch nicht verstanden, dass persönliche Freiheit zwangsläufig begrenzt sein muss: nämlich dort, wo die Freiheit der anderen beginnt. Dementsprechend gestaltet sich das Zusammenleben der 3,5 Millionen Einwohner immer wieder als schwierig: Ständige Ruhestörungen, Straßenschlachten im Berufsverkehr, Sperrmüll auf den Bürgersteigen, Rumgeschreie in der U-Bahn und motzig-maulige Miesepeter habe ich jedenfalls kein bisschen vermisst, als ich während meines Studiums ein Auslandssemester in einer bayerischen Kleinstadt absolviert habe.

Aber muss man diese Dinge vielleicht in Kauf nehmen, wenn man in einer echten Metropole leben will? Sind das eben die ganz normalen Schattenseiten einer Stadt, deren Lebensgefühl in ganz Deutschland einzigartig ist? Und müssen sich junge Eltern, die das Schöne an Berlin nicht gegen ein Dasein zwischen Jägerzaun und Gartenzwerg eintauschen wollen, einfach damit abfinden, ihrem Nachwuchs höchstwahrscheinlich eine katastrophale Schulbildung zukommen zu lassen? Noch immer frage ich mich nämlich, wie eine Metropole dieser Größe und politischen Bedeutung die katastrophalen Zustände ihrer Schulen so vehement ignorieren kann. Arm, aber sexy? Als wenn man sich auf ein marodes Schulsystem etwas einbilden könnte! Wissen vielleicht einfach zu wenige, was wirklich auf den Schulhöfen abgeht? Ließe sich daran etwas ändern, wenn die Zustände bekannter wären?

Meine Laune sinkt schlagartig, als ich an all die Grundschüler denke, die jeden Tag ohne Perspektive, Plan und Pausenbrot in die Schule kommen, deswegen schiebe ich die Gedanken an die Bildungskatastrophe meiner Heimatstadt mit Nachdruck beiseite. Es ist Urlaub, verdammt noch mal, und ich habe mir ein paar Tage Abstand von alldem redlich verdient! Zuerst fällt es mir zwar schwer, das Thema so bewusst zu ignorieren, doch mit jedem zurückgelegten Kilometer spüre ich, wie sich die Sorgenfalte zwischen meinen Augenbrauen etwas mehr lockert. Nach und nach weichen auch die düsteren Fantasien in Anbetracht der bevorstehenden Arbeitssuche der hellen Freude auf zwei Wochen Ferien an der Adriaküste. Außerdem erinnern mich Autobahnfahrten immer an die vielen Sommerurlaube, die meine Eltern mit mir und meinen Geschwistern unternommen haben, sodass sich zu meiner Freude über vierzehn Tage Müßiggang eine nostalgische Roadtrip-Romantik gesellt. Die Distanz zu den ganzen durchgeknallten Vögeln, die im Luftraum meiner Heimat herumflattern, wird mir guttun. Nach dem Urlaub, da bin ich mir sicher, werde ich den Herausforderungen meines neuen Alltags wieder mit vollem Akku begegnen können.

Da die meisten Familien wohl am ersten Ferienwochenende etwas länger schlafen, bevor sie in den Urlaub starten, ist die Autobahn an diesem Samstagmorgen wie leer gefegt, und so kann ich die vereinzelten Lkws mit entspannten 130 Stundenkilometern überholen. Als wir nach zwei Stunden am Leipziger Flughafen vorbeifahren, meldet sich Klara kurz zu Wort, schläft jedoch sofort weiter, nachdem Sarah sie wieder mit ihrem geliebten Nuckel verplombt hat. Erst als wir nach knapp dreihundert Kilometern die Grenze zwischen Thüringen und Bayern überqueren, werden die Damen an Bord langsam wach.

Schon ein paar Mal haben wir inzwischen Deutschlands berühmtestes Verkehrsschild passiert: Weiß, rund und mit grauen Diagonalen erinnert es mich immer wieder daran, im Land der unbegrenzten Geschwindigkeiten unterwegs zu sein. Inzwischen ist die Autobahn deutlich voller, doch das scheint die Fahrer einiger Fahrzeuge nicht davon abzuhalten, mit Vollgas über die linke Spur zu brettern. Während die Einwohner unserer Raserrepublik bei den Nachbarn als humorbefreite Spaßbremsen bekannt sind, wird auf der Autobahn eher ungebremster Spaß gelebt. Nicht umsonst heißt eines der bekanntesten Lieder der Neuen Deutschen Welle ja auch »Ich will Spaß, ich geb Gas« und nicht etwa: »Ich will Spaß, ich halte den Sicherheitsabstand ein«.

Während ich in Bayern meine Diplomarbeit geschrieben habe, musste ich gelegentlich über die A9 fahren, und die gilt zwischen München und Nürnberg anscheinend als inoffizielle Teststrecke für die neuesten Flitzer der bajuwarischen Automobilkonzerne. Regelmäßig konnte ich dort die Duelle auf der Überholspur beobachten, die meist jenseits der 200-Stundenkilometer-Grenze ausgetragen wurden. Also mache ich mich darauf gefasst, auch auf dieser Fahrt in den Genuss riskanter Überholmanöver in guter alter Formel-1-Tradition zu kommen.

Wenige Kilometer hinter Nürnberg ist es so weit. Weil zwei Laster miteinander Schneckenrennen spielen, reihen sich dahinter ein paar schwarze Luxuslimousinen ein, deren Fahrer in Lauerstellung darauf warten, endlich wieder die Höchstleistung ihrer Motoren auszureizen. Auch Sarah, die nach der letzten Pause das Steuer übernommen hat, ordnet sich nun links hinter den Kolossen ein, schaut aber schon wenige Sekunden später erschrocken in den Innenspiegel.

»Was ist das denn für ’ne krasse Karre?«, will sie wissen.

Ich lehne mich nach vorne, schaue in den rechten Außenspiegel und entdecke kurz über dem Asphalt einen runden Scheinwerfer, den ich ohne jeden Zweifel der Firma Porsche zuordnen kann. Hier macht also ein ganz besonders prächtiges Exemplar des deutschen Asphaltkönigshauses Hochgeschwindigkeitsjagd auf uns.

»Lass dich nicht provozieren«, rate ich ihr. »Die paar Sekunden wird er wohl warten müssen.«

Die Limousinen vor uns brettern weiter, als sich der Lkw rechts vor seinem Kollegen eingeordnet hat. Doch über Sarahs Entscheidung, auch den zweiten Laster noch zu überholen und nicht etwa zwischen den beiden Kolossen einzuscheren, ist der Fahrer des weißen Gefährts mit den zwei roten Längsstreifen auf der Motorhaube nicht besonders glücklich. Ähnlich dem hektischen Flug einer Wespe fährt er nun in leichter Slalomfahrt hinter uns her und schießt uns mit den grellen Blitzen seiner Xenonscheinwerfer ab. Weil ich mich inzwischen vom Beifahrersitz nach hinten umgedreht habe, kann ich das Grinsen des jungen Mannes mit der schnittigen Sonnenbrille aus nächster Nähe betrachten. Bei deutlich mehr als 150 Stundenkilometern hat er sich unserem Heck inzwischen so weit genähert, dass nicht einmal mehr das Wappen mit dem scheuenden Pferd in seiner Mitte zu sehen ist.

»Ist der geisteskrank?«, ruft Sarah, bleibt aber cool und steuert unseren heulenden Wagen so schnell wie möglich wieder auf die rechte Spur. Mit einem Höllenlärm und ausgefahrenem Heckspoiler zieht die Zuffenhausener Rennmaschine an uns vorbei und verabschiedet sich mit ausgestrecktem Mittelfinger, den der Fahrer in unsere Richtung reckt. Als ich die Rücklichter des Rasers davonfliegen sehe, fällt mir eine Geschichte ein.

»Kannst du dich an Turbo-Rolf erinnern?«, frage ich Sarah. »Der geisterte doch vor einigen Jahren durch die Presse.«

Im Jahre 2003 war der Typ als Testfahrer für den DaimlerChrysler-Konzern mit 476 Pferdestärken unterwegs und drängte auf der A5 bei Karlsruhe eine junge Frau von der Autobahn. Mit ihrer zweijährigen Tochter an Bord verlor die Fahrerin damals erst die Kontrolle über den Kleinwagen und beim Zusammenstoß mit mehreren Bäumen hinter der Leitplanke schließlich das Leben.

»Und die Tochter?«, fragt Sarah und schluckt.

»Auch. Auf der Stelle tot.«

Turbo-Rolf wanderte für lächerliche achtzehn Monate ins Gefängnis, bekam seine automobile Lizenz zum Töten jedoch am Tag seiner Entlassung wieder ausgehändigt. Leider wurde über das Thema nur so lange diskutiert, bis die nächste Schreckensnachricht auf den Titelseiten der Republik auftauchte und Turbo-Rolf samt seinen beiden Opfern in der medialen Versenkung verschwand.

Nach ein paar Schweigekilometern stockt der Verkehr erneut, diesmal ist jedoch kein Laster involviert. Der Grund dafür ist aber ebenfalls ein echter Klassiker unter den Autobahnfreaks: der gemeine Linksschleicher. Mit einer Geschwindigkeitsdifferenz von schätzungsweise drei Stundenkilometern zur rechten Spur fährt das Exemplar vor uns auf einem zweispurigen Streckenabschnitt konsequent auf der Überholspur. Keine Lichthupe und kein Drängeln der Limousinen dahinter bringt ihn – oder sie – von dem riskanten Fahrstil ab. Und auch als die rechte Spur frei ist, macht der grüne Kombi keine Anstalten, sich an das Rechtsfahrgebot zu halten. Unserem jungen Flitzer im Porsche reicht es bald: Ohne Blinker wechselt der weiße Rennwagen auf die rechte Spur und überholt dort die gesamte Kolonne, die sich hinter dem Schleicher gebildet hat. Zwei weitere Drängler befinden seine Idee offenbar für gut, wobei der hintere schneller ist und einen Crash bei 130 Sachen nur durch ein Ausweichmanöver auf die Standspur verhindern kann.

Auch im folgenden Streckenabschnitt sehen wir zahlreiche Kandidaten, die während der Theoriestunden in der Fahrschule offenbar tief und fest geschlafen haben: konsequente Mittelspurfahrer, die wohl glauben, der rechte Fahrstreifen sei grundsätzlich nur für Laster da; Leute, die erst die Spur wechseln und dann blinken; andere, die sich bei 140 Stundenkilometern mit einem Abstand von zehn Metern vor uns einordnen. Wir sehen Fahrer, die am Anfang des Beschleunigungsstreifens mit 70 auf die rechte Spur einscheren und Laster damit zur Vollbremsung zwingen; Autos, deren Scheibenwischer auf Höchstgeschwindigkeit wischen − obwohl es nicht regnet; Nebelschlussleuchten bei strahlendem Sonnenschein im Juni; Leichtsinnige, die uns mit 170 Sachen überholen und dabei SMS schreiben; Kurzentschlossene, die mit vollem Tempo von der Mittelspur auf die Ausfahrt zur Raststätte ziehen; einen aufgemotzten Kleinwagen, auf dessen Heckscheibe steht: Fehlende PS durch Wahnsinn ersetzt!; haufenweise Autofahrer, die die Funktionsweise eines Reißverschlussverfahrens nicht kennen, daher allesamt zwei Kilometer vor dem Hindernis auf die rechte Spur wechseln wollen und sich dann darüber ärgern, wenn man sich vor ihnen einordnet; und natürlich: Ängstliche, die sich in schmalspurigen Baustellenbereichen nicht trauen, Laster zu überholen, aber 23 Kilometer lang versuchen, diese Angst zu überwinden.

Zwischen Ingolstadt und München meldet sich unser Töchterchen zu Wort und will gefüttert werden. Kurz vor einem Stauende steuern wir also die nächste Ausfahrt an und sehen auf dem Parkplatz prompt einen alten Bekannten wieder: den weißen Porsche mit den roten Streifen auf der Motorhaube. Neben der offenen Fahrertür sitzt der schmächtige Fahrer mit aerodynamischer Sonnenbrille auf einer Bank, trinkt Kaffee und liest die kleine Zeitung mit den großen Buchstaben. Das kommt also dabei heraus, wenn materieller Reichtum und geistige Armut aufeinanderprallen.

Ein paar Meter weiter finden wir einen Parkplatz, und während sich Sarah um die Fütterung unseres Nachwuchses kümmert, begebe ich mich auf die Suche nach Kaffee. Auf meinem Rückweg von der Raststätte ...

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