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Billionaire Brothers Club - Was fehlt zum Glück?

1. KAPITEL

Carol Lawrence stand in dem luxuriösen Hochhausbüro ihres Chefs. Tausend Dinge gingen ihr durch den Kopf. Jake Waters persönliche Assistentin zu sein war ein anspruchsvoller Job. Zu ihren Hauptaufgaben gehörte die Organisation seines gesellschaftlichen Lebens. Und der Jetset-Immobilienkönig hielt sie ohne Zweifel auf Trab. Er reiste nicht nur, um Immobilien auf der ganzen Welt zu kaufen, er war ein ausgemachter Partylöwe, der mit Models, Schauspielerinnen und wer sonst noch seinem verwöhnten Geschmack entsprach, zu exotischen Locations düste.

Jake setzte sich auf die Schreibtischkante und warf sein Jackett über seinen Stuhl. Wie immer waren die Hemdsärmel hochgekrempelt und entblößten die farbenfrohen Tattoos auf seinen Armen. Sein dunkelbraunes Haar war aufreizend zerzaust. Er erinnerte sie an James Dean, mit dem Unterschied, dass Jake Halb-Choctaw war, was seinen Gesichtszügen eine außergewöhnliche Schönheit verlieh.

Ganz gewiss war Jake nicht der Typ Mann, zu dem sie sich hingezogen fühlen sollte. Er war zu wild und unbezähmbar für eine Frau wie sie. Carol widmete ihre Freizeit einem angenehmen, ruhigen Hobby: Sie nähte, während Jake als Ausgleich mit Sportwagen durch die Gegend raste. In ihren Augen unverständlich, da seine gesamte Familie bei einem Autounfall ums Leben gekommen und er deshalb in Pflegefamilien aufgewachsen war. Auch Carol hatte ihre Familie verloren und ihre Jugend in einer Pflegefamilie verbracht. Die Tragödie, die sie beide erlitten hatten, war zweifellos nicht gerade die beste Voraussetzung für eine Liaison.

Trotzdem fragte sie sich oft, was nötig war, einen Mann wie Jake zu zähmen. Ach was! Wenn die glamourösen Schönheiten, mit denen er ausging, ihn nicht an sich binden konnten, dann würde es ein einfaches Mädchen mit ordentlich frisierten blonden Haaren und Hang zur Vernunft ganz sicher nicht schaffen. Jake war ein einunddreißigjähriger Multimillionär, der sogar auf irgendeiner verrückten Internetliste als einer der heißesten Junggesellen in Südkalifornien aufgeführt war. Frauen rissen sich um ihn. Sicher, manche versuchten ungefragt, ihm zu helfen, da sie vermuteten, dass er durch den Verlust seiner Familie einen seelischen Schaden erlitten hatte und dies hinter seinem unkonventionellen Lebensstil verbergen wollte.

Carol zweifelte nicht daran, dass es stimmte. Sie wusste nur zu gut, welche Ängste ein verwaistes Kind litt. Nur, dass ihr Bewältigungsmechanismus konservativer war als seiner. Sie wollte heiraten und Kinder haben, um das Zuhause zurückzugewinnen, das sie einmal gehabt hatte.

Jake sah auf, und ihre Blicke trafen sich. Schmetterlinge flatterten in ihrem Bauch, ein Gefühl, das sie dummerweise viel zu oft in Gegenwart dieses Mannes erlebte.

Entschlossen konzentrierte Carol sich auf ihren Job. „Sie kommen also zu Lenas Geburtstagsfeier?“ Lena war ein Popstar, liebte verrückte Partys und lebte nur für den Moment, genau wie Jake.

„Natürlich. Sie ist eine gute Freundin. Ich lasse mir doch die Feier zu ihrem dreißigsten Geburtstag nicht entgehen.“ Er lachte leise. „Sie wird vermutlich halb nackt auf dem Tisch tanzen.“

„Vermutlich.“ Lena war bekannt für ihre Eskapaden. „Wer begleitet Sie zu der Feier?“

„Genau das ist mein Problem. Ich habe keine Begleiterin.“

„Ich dachte, Sie sind mit Susanne Monroe liiert.“ Eine langbeinige Brünette, die vor Kurzem von einem berühmten Baseballspieler geschieden worden war. Carol hatte sie einige Male in hautengen Kleidern und Stilettos im Büro herumstolzieren sehen.

„Wir sind nicht mehr zusammen. Sie hat sich von mir getrennt. Ich war sowieso nur ein Lückenbüßer.“

Carol schüttelte den Kopf. Sie arbeitete jetzt seit zwei Jahren für Jake, doch sie hatte sich immer noch nicht an die endlose Parade von Frauen gewöhnt, die kamen und gingen.

„Ich bin sicher, Sie finden jemanden. Soll ich zusagen? Und Ihren Piloten benachrichtigen, dass er sich das Wochenende bereithält?“ Die Party fand auf einer privaten Insel in der südöstlichen Karibik statt, weit weg von den neugierigen Augen der Paparazzi.

„Ja. Danke. Couples Only ist das Motto des Abends, ich muss also jemanden mitbringen. Es ist der Titel ihres neuesten Songs, und sie organisiert ihre Partys immer um ihre Lieder herum.“ Jake hielt inne, dann sah er Carol an, als hätte er gerade ein kleines Problem gelöst. „Ich habe eine Idee. Sie sind meine Begleitung. Es wäre eine echte Win-win-Situation. Ich müsste nicht länger suchen, und Sie hätten einen tollen Kurzurlaub.“

Oh, mein Gott. Carol umklammerte ihren Tablet-Computer, drückte ihn gegen ihre Brust. Hatte er wirklich gerade vorgeschlagen, dass sie zu einer tropischen Insel flog, mit ihm trank und tanzte und fröhlich war? Sicher, sie ging mit ihm auf Geschäftsreisen, aber es war nie von ihr erwartet worden, dass sie ihn privat begleitete. „Das kann nicht Ihr Ernst sein.“

„Doch, ich meine es ernst, sonst hätte ich es nicht vorgeschlagen.“

„Aber ich gehöre nicht zu der Clique. Ich passe nicht dazu.“

„Doch, das tun Sie. Außerdem kennen Sie bereits einige von ihnen.“

„Nur rein beruflich.“

„Jetzt haben Sie die Gelegenheit, sie auf privater Ebene kennenzulernen.“

Carol wurde nervös. „Es geht nicht.“ Sie würde auf keinen Fall ein Wochenende mit Jake und seinen Freunden verbringen. „Sie sind mein Chef, es wäre nicht angebracht.“

„Carol, das nutzen Sie jetzt nicht als Ausrede, oder? Ich spreche doch nicht von einer wilden, leidenschaftlichen Affäre. Das Motto Couples Only bedeutet nicht, dass wir wirklich ein Paar sein müssen.“

„Das ist mir natürlich klar“, verteidigte sie sich. Sie war nicht so dumm zu glauben, er könnte an ihr interessiert sein. Und selbst wenn er es wäre, sie würde ihren Job nicht gefährden. „Die Party findet auf einer Privatinsel statt, und es gehört sich nicht, dass wir zusammen dorthin reisen. Eine Geschäftsreise ist etwas anderes.“

„Dann nennen wir es eben Geschäftsreise. Sie wissen, dass Lena meinem Wohltätigkeitsverein viel Geld spendet.“

„Ich weiß, wie großzügig sie ist.“ Carol wusste auch, wie wichtig ihm die gemeinnützige Organisation war, die er und seine Pflegebrüder ins Leben gerufen hatten. „Aber dies ist keine Wohltätigkeitsveranstaltung. Es ist eine ihrer verrückten Partys.“

„Stimmt, aber denken Sie doch, was für eine tolle Zeit Sie haben werden. Sie bekommen den teuersten Champagner der Welt serviert und das köstlichste Essen. Ganz abgesehen davon, dass Sie im Badeanzug faulenzen und jederzeit im Meer schwimmen können. Vermutlich gehen wir auch auf Krebsfang. Ich wette, das haben Sie noch nie getan.“ Er richtete sich zu voller Größe auf. „Es wäre die Chance für Sie, Ihren Horizont zu erweitern und neue Dinge zu erleben. Es ist verrückt, wie sehr Sie sich dagegen wehren, einfach mal das Leben zu genießen.“

„Ich habe kein Problem damit, mich zu amüsieren.“ Sie war keineswegs der Langweiler, als den er sie darstellte. „Ich unternehme viel mit meinen Freundinnen. Ich habe zwar schon seit einiger Zeit keinen Freund mehr, aber ich habe Online-Dates.“ Bisher hatte zwar keins zum Erfolg geführt, aber sie versuchte weiterhin, jemanden kennenzulernen. „Ich bin vorsichtig. Das ist alles.“

„Vergessen Sie mal Ihre Vorsicht und verbringen Sie ein entspanntes Wochenende mit ihrem schlimmen Big Boss und seiner verruchten Bande.“

„Sie meinen das wirklich ernst?“

„Ja, natürlich.“ Er ließ seinen Charme spielen. „Also, was ist? Sind Sie dabei?“

Sie wünschte, seine Pflegebrüder wären auch dort. In Garretts und Max’ Gegenwart fühlte sie sich sicher. Genau wie sie führten sie ein eher zurückgezogenes Leben. Sie waren in derselben Pflegestelle aufgewachsen wie Jake und hatten den engen Kontakt zu ihm nie abgebrochen. Doch sie verkehrten nicht in Jakes Dunstkreis.

Er trat einen Schritt vor und legte die Hände auf ihre Schultern. „Na los, sagen Sie Ja. Stürzen Sie sich mit mir ins Vergnügen.“

Carol schloss die Augen und zählte bis drei. Dann öffnete sie sie wieder und blickte direkt in seine. Sie wollte die Einladung ablehnen, doch in diesem verrückten Moment, so nah bei ihm, die Wärme seiner Berührung spürend, hörte sie sich sagen: „Okay, ich komme mit.“

„So ist es richtig!“ Jake nahm die Hände von ihren Schultern und trat zurück.

Um Gottes willen. Hatte sie tatsächlich zugestimmt?

Panik ergriff sie. Sie würde nicht nur mit ihrem fürchterlichen Big Boss und seinen verrückten Freunden auf einer tropischen Insel stranden, sie musste sich auch wegen ihrer Kleidung Gedanken machen.

„Ich habe keine Ahnung, was ich auf der Party anziehen soll“, sagte sie. Sie trug Businesskleidung im Job und bequeme Klamotten in ihrer Freizeit, aber diese Party war eine ganz andere Geschichte.

Er winkte ihre Bedenken ab. „Rufen Sie Millie an und lassen Sie sich von ihr eine Auswahl an Kleidern nach Hause bringen. Suchen Sie sich aus, was Ihnen gefällt. Ich zahle.“

Millie war seine Stylistin. Eine Frau, die auch prominente Kunden hatte. „Das müssen Sie nicht.“

„Ich möchte es aber. Außerdem könnten Sie sich diese Sachen gar nicht leisten.“ Er zwinkerte ihr zu. „Ich müsste Ihnen eine gigantische Gehaltserhöhung geben.“

Sie erwiderte sein Lächeln. „Bloß nicht.“ Er zahlte ihr bereits ein großzügiges Gehalt. Aber wenn er sagte, dass die Kleidung ihre finanziellen Möglichkeiten überstieg, dann war das wohl so. „Ich rufe sie nachher an und verabrede einen Termin mit ihr.“ Die Party sollte in einem knappen Monat stattfinden, und Carol wollte vorbereitet sein. Sie tat nie etwas in letzter Minute. „Zumindest weiß Millie, dass ich weder ein Model noch eine Schauspielerin oder ein Beverly-Hills-Typ bin. Ich könnte nichts direkt vom Laufsteg tragen. Dafür habe ich zu viel Gepäck auf den Knochen.“

Automatisch ließ er seinen Blick über sie gleiten. „Kurven zu haben ist nicht falsch.“

Sie hätte sich in den Hintern treten können, dass sie seine Aufmerksamkeit auf ihre Figur gelenkt hatte. „Das habe ich auch nicht gemeint.“ Sie hatte gelernt, ihre Figur zu akzeptieren, und aufgehört, dünner sein zu wollen, als ihr Typ es zuließ.

Er betrachtete sie weiter. „Millie soll auch Strandkleidung mitbringen. Garderobe für das gesamte Wochenende.“

Carol war mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem sie am liebsten aus dem Büro gerannt wäre. Doch sie fragte nur: „Wie ist die Unterbringung auf der Insel?“

„Lena hat eine große Villa gemietet. Es gibt ein Hausmeisterehepaar, doch sie engagiert weiteres Personal, damit das Haus während unserer Anwesenheit wie ein Hotel geführt wird. Wenn Sie zusagen, dann weisen Sie Lenas Assistenten darauf hin, dass wir zwei Zimmer benötigen. Ansonsten wird er vermuten, dass meine Begleiterin bei mir schläft.“

„Natürlich. Ich kümmere mich um alles. Und jetzt mache ich mich wieder an die Arbeit.“

„Sie arbeiten gerade.“

„Es gibt noch anderes zu tun als nur die Arrangements für Lenas Party.“ Sein Terminkalender war voll mit Geschäftsessen, Wohltätigkeitsveranstaltungen und Sitzungen des Stadtrats.

„Ich weiß nicht, was ich ohne Sie tun würde. Dank Ihnen ist mein Leben organisiert.“

„Ich tue nur meinen Job.“ Dennoch, diese Diskussion mutete merkwürdig persönlich an. Sie hoffte, dass es kein Fehler war, mit ihm in die Karibik zu reisen.

Jake fuhr seinen Mercedes 300 SL, einen Flügeltürer, auf den Gästeparkplatz von Carols Wohnung. Es war einer von vielen klassischen Sportwagen in seiner Sammlung. Er liebte schnelle Autos, und er liebte Frauen. Aber Carol war nicht seine Geliebte, und er hatte hier nichts zu suchen. Trotzdem hatte er beschlossen, bei ihr vorbeizuschauen, da er wusste, dass sie heute den Termin mit der Stylistin gehabt hatte. Und er war neugierig, was Carol ausgewählt hatte.

Überhaupt machte seine Assistentin ihn neugierig. Sie hatte schon verrückte Fantasien in ihm ausgelöst.

Carol war eine faszinierende Frau mit einem sündhaft schönen Körper und bescheidenem Wesen. Ein Mysterium. Und verdammt noch mal, ihr allzu braves Wesen törnte ihn an. Eigentlich komisch, denn brave Mädchen passten nicht in sein Beuteschema.

Vielleicht lag es daran, dass sie beide einen ähnlichen Hintergrund hatten. Vielleicht forderte er sie deshalb heraus, alle Vorsicht außer Acht zu lassen und das Leben mal zu genießen. Warum auch immer, er musste seine Begierde im Zaum halten. Er durfte sie auf dieser Reise nicht verführen. Auf keinen Fall, egal, wie berauschend der Gedanke war. Jake war nicht so dumm, mit einer Frau ins Bett zu gehen, die für ihn arbeitete.

Er sah zu Carols Wohnung. Er war noch nie bei ihr gewesen. Er besuchte seine Angestellten nicht zu Hause. Allerdings gehörte ihm dieses Gebäude. Als Sonderzulage zu ihrem Gehalt hatte er Carol einen Rabatt bei der Miete eingeräumt. Doch trotz dieses Deals war er nicht ihr Vermieter, zumindest nicht direkt. Eine Gesellschaft hatte die Verwaltung übernommen.

Jake stieg aus und schlenderte zu Carols Wohnung im Erdgeschoss. Das Haus war in den Dreißigerjahren im spanischen Kolonialstil gebaut worden. Restaurants, Einkaufszentren und Märkte waren fußläufig zu erreichen.

Er klingelte. Carol öffnete und sah ihn überrascht an.

„Jake? Was machen Sie denn hier?“

„Ich wollte nur mal hören, wie der Termin mit der Stylistin gelaufen ist.“ Er deutete lachend auf sein Outfit. „Nicht, dass ich heute besonders schick gekleidet wäre.“ Er trug Jeans, dazu ein schlichtes weißes T-Shirt und Lederstiefel. „Abgesehen davon.“ Er nahm seine Sonnenbrille ab. Carol hatte sie ihm im letzten Jahr zu Weihnachten geschenkt. Sie war im James-Dean-Look gestaltet und trug den Namen des Schauspielers als Markenzeichen.

Sie musterte ihn von oben bis unten. „In diesem Aufzug sehen Sie aus wie er.“

„Ja, klar.“ Er spöttelte über den Vergleich, auch wenn er sich geschmeichelt fühlte. „Vielleicht sollte ich mir so einen Porsche kaufen, wie er ihn hatte. So einen, mit dem er den tödlichen Unfall hatte.“

Sie schnappte nach Luft. „Sagen Sie nicht so etwas.“

„Es war ein Witz.“ Ein blöder dazu, dachte er. Er hätte wissen müssen, dass sie seine Bemerkung nicht lustig finden würde. „Es war ein toller Wagen, ein Porsche 550 Spider, den er auf dem Weg zu einem Rennen fuhr. Ein guter Grund für mich, so einen Wagen zu erstehen.“

Sie starrte ihn mit ausdruckslosem Gesicht an. „Mir wäre es lieber, Sie würden es nicht tun.“

Er lehnte gegen den Türpfosten, versuchte, die Anspannung zu lösen.

„Darf ich reinkommen und mir die Sachen ansehen, die Sie ausgewählt haben?“ Im Moment trug sie Shorts und eine locker fallende Bluse, das blonde Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden. Er stellte sich vor, das Haar zu lösen und mit den Händen hineinzugreifen. Es schimmerte super seidig, und kein Härchen tanzte aus der Reihe. Er sollte nicht davon träumen, es zu zerzausen. Solche Gedanken verdrängte er besser.

„Ja, sicher.“ Sie trat einen Schritt zurück und ließ ihn eintreten. Er bemerkte die Patchworkdecke auf dem Sofa. Er wusste, dass sie gern nähte. Manchmal schenkte sie die Decken, die sie hergestellt hatte, anderen Frauen im Büro. Zum Geburtstag oder sonst einer Gelegenheit.

„Sie haben die Wohnung sehr schön eingerichtet.“

„Danke.“ Sie wirkte verkrampft. Offensichtlich bedrückte sie das, was er gesagt hatte.

Er wünschte, er könnte es zurücknehmen. Nicht sein Interesse an dem Porsche, doch die Art, wie er darüber gescherzt hatte. Er hakte seine Sonnenbrille in den V-Ausschnitt seines T-Shirts. Carol blickte ihn finster an.

„Fahren Sie Autorennen, weil Sie einen Todeswunsch verspüren?“, fragte sie.

„Im Gegenteil, ich tue es, um mich lebendig zu fühlen.“

Er deutete auf die Decke. „Wir hatten so etwas an der Wand im Wohnzimmer hängen. Meine Großmutter väterlicherseits hat sie genäht.“

Carol trat näher. „Tatsächlich?“

Er nickte. „Sie ist vor meiner Geburt gestorben, aber das Design stand im Zusammenhang mit ihrem Stamm.“

„Haben Sie die Decke noch?“

Er schüttelte den Kopf. „Sie wurde vermutlich verkauft, als ich in die Pflege kam. Oder verschenkt, oder was auch sonst immer mit den Sachen meiner Familie passiert ist.“ Er entdeckte ein Foto auf dem Kaminsims. Drei flachsblonde Mädchen, eine Frau und ein Mann, aufgenommen in einem Park.

Er nahm das Foto und fragte: „Sind Sie darauf?“

„Ja, ich bin die älteste von den Mädchen. Ich war etwa zehn Jahre alt.“

Er betrachtete das Bild. Eine glückliche, ganz normale Familie. So war auch seine Familie gewesen. Doch er hatte keine Fotos aufgestellt. Er könnte es nicht ertragen, sie jeden Tag zu sehen.

Jake war froh, Garrett und Max kennengelernt zu haben. Sie waren drei problematische Jungs gewesen, die einen Pakt geschlossen und sich geschworen hatten, reich zu werden und anderen Menschen zu helfen. Dieser Vorsatz hatte sie zu den erfolgreichen Männern gemacht, die sie heute waren. Ohne Garrett und Max hätte Jake sicherlich sterben wollen.

Er fragte sich, ob Carol jemanden gehabt hatte, der ihr während der schweren Zeit zur Seite stand, oder ob sie es allein geschafft hatte. Sie sprachen nur selten über die Vergangenheit. Jake ließ die alten Geister nicht gern aufleben, weder seine noch ihre, doch jetzt tat er es.

„Das ist ein schönes Foto“, sagte er und stellte es wieder auf den Sims. „Es muss ein toller Tag gewesen sein.“

„Das war es. Es wurde beim Picknick der Firma meines Vaters aufgenommen.“ Ihre Stimme klang leise, liebevoll. „Wir hatten alle viel Spaß, vor allem meine Schwestern. Sie waren nur ein Jahr auseinander und standen sich sehr nah. Manchmal wurden sie sogar für Zwillinge gehalten.“

„Ich hatte auch zwei Schwestern. Aber sie waren älter. Ich war der lästige kleine Bruder.“

Ihre Blicke trafen sich. „Wie alt waren Sie, als …“

„Zwölf. Und Sie?“

„Elf.“

Er wusste, dass ihre Familie an einer Kohlenmonoxidvergiftung durch ein defektes Haushaltsgerät gestorben war. Doch er kannte keine Einzelheiten. „Warum haben Sie überlebt und der Rest Ihrer Familie nicht?“

„Ich war nicht da. Ich war bei Nachbarn. Es war meine erste Pyjamaparty. Ich war jünger als die anderen Mädchen, deshalb hatten meine Eltern gezögert, mich gehen zu lassen, doch ich habe so lange gebettelt, bis ich schließlich durfte.“ Sie atmete jetzt etwas schwerer. „Dass ich in dieser Nacht nicht zu Hause war, hat mir das Leben gerettet.“

„Bei mir war es anders. Ich saß bei dem Unfall auch im Wagen. Es ging alles ganz schnell, brutal schnell, doch in meiner Erinnerung spielt sich der Zusammenstoß im Zeitlupentempo ab.“ Er schob die Haare zurück, die ihm in die Stirn fielen. „Ich habe eine Narbe direkt am Haaransatz. Früher war sie deutlich zu sehen, doch mit den Jahren ist sie verblasst.“

Sie trat zu ihm und strich mit dem Zeigefinger über die helle Linie. Sie tat es so vorsichtig und sanft, dass er sie am liebsten geküsst hätte. Er müsste sich nur vorbeugen, um ihren Mund mit seinem zu bedecken. Doch diese Freiheit nahm er sich nicht heraus. Stattdessen starrten sie sich an, versunken in eine ungewohnte Art von Intimität.

„Ich bin froh, dass Sie den Unfall überlebt haben“, sagte Carol.

„Ich auch.“ Bevor es zu irgendwelchen Zärtlichkeiten kommen konnte, trat Jake zurück. „Nach dem Unfall habe ich zu Uncta gebetet, ein göttliches Wesen aus der Choctaw-Mythologie, das die Sonne ihres Feuers beraubt. Ich wurde als Einziger aus dem Wagen gerettet, bevor er in Flammen aufging.“

„Glauben Sie, Uncta hat Sie gerettet?“

„Nein, aber ich wollte diese Macht besitzen.“

Aber das würde Jake jetzt nicht mehr helfen. Er stand bereits in Flammen, fühlte Dinge für Carol, die er nicht fühlen wollte. Er wollte sie immer noch küssen, so leidenschaftlich er konnte.

2. KAPITEL

Carol fragte sich, was in sie gefahren war, Jake so zu berühren, wie sie es getan hatte. So etwas tat man nur bei dem Geliebten, nicht beim Chef.

Doch sie würde sich nicht entschuldigen. Mit einer Entschuldigung würde sie nur die Aufmerksamkeit darauf lenken. Sie konnte bereits jetzt das Unbehagen spüren, das ihre Berührung ausgelöst hatte.

„Ich hole meine neuen Kleider“, sagte sie. Das war schließlich der Grund für seinen Besuch. Aber sie würde sie nicht anziehen und ihm vorführen.

Carol rannte in ihr Zimmer und schnappte sich die Sachen.

Dann kehrte sie ins Wohnzimmer zurück und legte sie auf die Couch. Anschließend holte sie noch die Accessoires und breitete sie auf dem Tisch aus.

„Das ist ja eine ganze Menge“, sagte er.

Ja, das war es, mindestens zwei Outfits pro Tag, dazu Schuhe und Taschen. „Ich muss Ihnen sehr dafür danken.“

„Hauptsache, Sie sind zufrieden.“ Er griff nach einem Bügel mit einem fließenden Stück Stoff. „Was ist das?“

„Das ist mein Partykleid. Ein Sarong.“ Er war aus feinster Seide, handbemalt und mit schimmernden Glasperlen besetzt.

„Das Material ist wunderschön, aber wie trägt man ihn?“

„Es gibt verschiedene Möglichkeiten, ihn zu wickeln. Millie hat mir gezeigt, wie es mir am besten steht. Dazu gehört das hier.“ Sie nahm ein großes durchsichtiges Tuch und schwenkte es vor und zurück. „Das ist ein sogenannter Körperschleier. Er wird flattrig um das Kleid gewickelt.“

„Ein Körperschleier.“ Er sprach leise. „Das klingt schon hübsch.“

„Beide Stücke sind von einem brasilianischen Designer, der gerade den Markt erobert.“ Sie hatte sich den Namen bereits eingeprägt für den Fall, dass jemand auf der Party fragte, wen sie trug. „Millie hat gesagt, dass in Rio keine Handtücher als Strandtücher benutzt werden, sondern diese großen Tücher. Sie sind Strandtuch und Strandkleid zugleich. Aber das wissen Sie vermutlich, da Sie jedes Jahr zum Karneval dort sind.“

Bevor sie sich vorstellte, was er alles in den Straßen von Rio tat, fügte sie schnell hinzu: „Mein Outfit ist als Abendkleid kreiert und viel eleganter als die Sarongs, die am Strand getragen werden. Es ist aus der neuesten Kollektion des Designers und noch nicht in Geschäften erhältlich. Ich trage also doch etwas direkt vom Laufsteg.“

Jake legte das Kleidungsstück vorsichtig ab. „Es hat etwas Romantisches.“

Sie musste ihm recht geben, jedoch, verflixt, fiel ihr keine geeignete Erwiderung ein.

Fühlte Jake sich so hingezogen zu ihr wie sie sich zu ihm? War das überhaupt möglich? Es hatte fast den Anschein.

Er betrachtete gerade ihren neuen Bikini. Es war kein klitzekleines Etwas, trotzdem sehr sexy. Millie hatte sie dazu überredet. Sie hatte gemeint, dass der Schnitt ihre Kurven betonte. Glücklicherweise war Carol leicht gebräunt von den gelegentlichen Besuchen im Solarium. Sie war jedoch sehr vorsichtig mit der UV-Bestrahlung. Sie tat nie etwas im Übermaß.

Jake war das genaue Gegenteil. Abgesehen von dem Verlust der Familien hatten sie nichts gemeinsam. Sie hatte ihn kennengelernt, als sie sich für einen Job bei seiner Caring for Fosters Foundation bewarb, der Organisation, die er, Garrett und Max ins Leben gerufen hatten, um Waisenkinder finanziell und emotional zu unterstützen. Sie hatte den Job nicht bekommen, da ihre Erfahrung auf dem Non-Profit-Sektor begrenzt war. Doch Jake hatte ihr den Job als seine persönliche Assistentin angeboten, der auch gerade frei war. Und jetzt, zwei Jahre später, verspürte sie etwas, was sie nicht definieren konnte.

„Ich packe alles wieder weg“, sagte sie. Sie wollte den Badeanzug aus den Augen haben, aus dem Sinn. Was natürlich idiotisch war, denn schon bald würde Jake sie darin sehen.

„Ich helfe.“

„Danke, aber das ist nicht nötig.“

„Ich mache es wirklich gern.“

„Okay.“ Carol gab nach, auch wenn es sie nervös machte.

Voll bepackt folgte er ihr in ihr Zimmer. „Ziemlich mädchenhaft eingerichtet“, stellte er fest.

„Ja, das ist es wohl. Aber ich kann auch anders. Ich kann boxen“, scherzte sie. „Sie passen also besser auf.“

Er lachte. „Oh, das kenne ich von meinen Schwestern. Die haben mich manchmal ordentlich vermöbelt. Aber meistens hatte ich es verdient.“

„Dann haben Sie damals schon Ärger gemacht?“, neckte sie ihn.

„Ich habe sie vor ihren Freunden in Verlegenheit gebracht, habe den Jungs dumme Sachen über sie erzählt.“

„Dann sind Sie besser nicht in der Nähe, wenn ich mein nächstes Date habe.“

Er wurde ernst. „Das würde ich bei Ihnen nicht tun, Carol. Ich bin kein Kind mehr.“

Als wenn sie das nicht wüsste. Er war so erwachsen, wie ein Mann nur sein konnte, groß und stark und mit dunkelbraunen Augen. Wenn er lächelte, dann blitzten sie, doch wenn er ernst wurde, so wie jetzt, konnte der Blick aus diesen Augen die Seele durchbohren.

Da sie ihn unbedingt aus ihrem Zimmer haben wollte, sagte sie: „Ich habe Ihnen noch gar nichts angeboten.“

Er zog die Augenbrauen hoch. „Nichts angeboten?“

„Keine Erfrischung.“ Sie wusste, dass er Selterswasser mit Eis und einer Scheibe Zitrone favorisierte.

„Erfrischung. Wer sagt denn so etwas?“ Das Lächeln kehrte in sein Gesicht zurück. „Das tun doch nur noch die Hausfrauen in diesen alten Fernsehsendungen. Ihnen fehlt nur noch die Schürze.“

„Vielleicht bin ich im falschen Zeitalter geboren.“

„Ich vielleicht auch. Nur, dass ich ein Rocker wäre.“ Er setzte die Sonnenbrille auf und blickte sie unter den getönten Gläsern hindurch an. „Ich und meine schnellen Autos.“

Sie war nie auf einem seiner Rennen gewesen, doch sie wusste stets, wohin er ging, wen er traf, sogar welche Frau er mit in sein Bett nahm.

War es also ein Wunder, dass es sie nervös machte, wenn er in ihrem Schlafzimmer stand? Sie hatte viel zu viel Zeit damit verbracht, unter ihrer Bettdecke über die heißen Dinge nachzudenken, die seine Geliebten manchmal über ihn sagten. Ein übereifriges Sternchen hatte sogar die neckischen Spielchen mit ihm in ihrem Blog beschrieben. Sicher, er war nicht der einzige Playboy, der mit dieser Frau im Bett gewesen und in diesem Blog erwähnt worden war. Doch er war der einzige, der Carol interessierte.

„Also, möchten Sie etwas trinken?“

Er setzte seine Brille wieder ab. „Gern.“

In der Küche schenkte sie zwei Gläser ein. Als sie damit ins Wohnzimmer zurückkehrte, kämpfte sie immer noch gegen ihre unberechenbaren Gedanken an. Sie hoffte nur, dass sie entspannen und die Reise genießen konnte, ohne dass ihre Fantasie schillernd bunte Blüten trieb.

Die Zeit verging wie im Flug, und jetzt saß Jake neben Carol in seinem Privatjet auf dem Weg in die Karibik. Normalerweise schlief er auf langen Flügen aus Langeweile ein, doch dieses Mal war er hellwach und beobachtete fasziniert jede Bewegung seiner Reisegefährtin.

Sie war hübsch mit ihrem rötlich blonden Haar, wirkte frisch in der sommerweißen Bluse. Seit einer Weile blickte sie aus dem Fenster auf den Ozean.

Schließlich drehte sie sich zu ihm. Sie hatte zwar keine Flugangst, fühlte sich aber in der Luft auch nicht unbedingt wohl. Nicht so wie er. Da das Flugzeug zu groß war, um auf der Privatinsel, ihrem Reiseziel, zu landen, würden sie auf einer der größeren landen und dann mit einem Hubschrauber weiterfliegen.

„Ich habe über die Karibik recherchiert“, sagte sie.

„Tatsächlich?“ Er beugte sich näher zu ihr, atmete den Duft ihres Parfüms ein. Es roch angenehm frisch, wie Grapefruit gemixt mit Sommergrün. „Was wollten Sie wissen?“

„Alles mögliche.“ Sie schüttelte sich. „Sie hätten die Schlangen und Spinnen und Skorpione sehen sollen, die ich entdeckt habe. Glücklicherweise gibt es dieses Getier auf unserer Insel nicht, zumindest nicht die giftigen. Auch keine Krokodile.“

„Haben Sie wirklich geglaubt, Lena würde für ihre Feier einen Ort aussuchen, an dem es so etwas gibt?“

„Ich wollte nur sicher sein. Ich will nicht von einer grässlichen Kreatur gebissen werden.“

Wenn er sie beißen könnte, dann würde er es tun. „Es wird nicht passieren.“

„Ich habe eine Reiseapotheke und Verbandszeug eingepackt. Für alle Fälle.“

Das Einzige, was Jake aus Sicherheitsgründen immer einpackte, waren Kondome. Nur dieses Mal hatte er darauf verzichtet, denn es würde kein romantisches Abenteuer geben. Vermutlich steckten noch einige in dem Seitenfach seines Koffers, dort, wo er sie normalerweise verwahrte. Aber das spielte jetzt keine Rolle, denn Carol und er würden sie nicht benötigen. Er sollte nicht einmal daran denken.

„Da wir gerade von grässlichen Wesen sprechen“, sagte sie.

„Ja?“

„Sie tragen eine Menge merkwürdiger Wesen mit sich herum.“

Er blickte an sich hinab. Ohne Frage sprach sie von seinen Tattoos.

Sie deutete auf seinen rechten Arm. „Was für ein spinnenartiges Ding ist das da in der Mitte?“

„Das ist eine Darstellung von Uncta.“

Zögernd berührte sie das Bild und zog mit den Nägeln die Linien nach. Sofort ging die Fantasie wieder mit ihm durch, und er stellte sich vor, wie sie ihre gepflegten Nägel in seinen Rücken krallte.

Sie deutete auf ein anderes Tattoo. Eine wunderschöne junge Frau in einem weißen Gewand und mit langen schwarzen Haaren, die im Wind flatterten. „Ist sie auch ein göttliches Wesen?“

„Ja.“ Er versuchte, sich auf seine Antwort zu konzentrieren, statt darauf, welche Gefühle Carol in ihm auslöste. „Ihr Vater ist der Gott der Sonne und ihre Mutter die Göttin des Mondes.“

„Und was ist ihre Besonderheit?“

„Sie ist die Göttin des Getreides und der Ernte. Selbst heute wandert sie noch durch die Getreidefelder, segnet die Ernte, sieht aus wie ein Engel. Das sagt zumindest die Legende.“

„Und wer ist das?“ Noch eine Frage. Noch eine Berührung.

„Sie ist die Mutter der Nicht-Lebenden“, sagte Jake. „Nicht der Toten, sondern derjenigen, die darauf warten, geboren zu werden.“

„Wie heißt sie?“

„Eskeilay.“

„Glauben Sie, Ihre späteren Kinder sind bei ihr und warten darauf, hervorzukommen?“

Jake warf ihr einen ungläubigen Blick zu. „Das fragen Sie nicht im Ernst. Sehen Sie mich als Vater? Ich werde niemals Kinder haben.“

„Das war eine blöde Frage.“ Sie lächelte. „Aber es ist irgendwie eine Vergeudung von Eskeilays Kräften, einfach als menschlicher Grashüpfer auf Ihrem Arm zu sitzen, ohne dass kleine Babys im Teich schwimmen.“

„Die ersten Wesen, die darauf warteten, hervorzukommen, waren keine Babys. Es waren Menschen, die in Eskeilays Welt lebten. Und wenn diese Welt zu voll wurde, dann verließen sie sie. Und auf ihrem Weg zur Erde zertrampelten sie versehentlich einige Grashüpfer, einschließlich Eskeilays eigene Mutter. Natürlich war sie sauer. Die Öffnung zur Erde war blockiert, und die Menschen, die unter der Erde gefangen waren, verwandelten sich in Ameisen.“

„Das ist großartig. Jedes Mal, wenn ich jetzt eine Ameise sehe, werde ich daran denken.“

„Sie wissen, wie das in der Mythologie ist. Es passiert immer etwas Verstörendes. Aber in diesem Fall erklärt es, wie Ameisen entstanden sind und warum sie in Löchern im Boden leben“, erklärte er. „Die Geschichte basiert auf dem, was mir erzählt wurde. Es gibt andere Choctaw-Mythen, die nicht mit dem übereinstimmen, was ich gelernt habe. Aber das ist normal. Geschichten ändern sich, abhängig davon, wer sie erzählt. Und mein Dad hat gern eigene Ideen eingebracht. Manchmal hat sogar meine Mom kleine Details hinzugefügt.“ Er hielt inne bei der Erinnerung. „Mom hatte französische und englische Vorfahren, war blond und hatte blaue Augen. Doch sie sagte scherzhaft, dass sie teils Choctaw war. Oder dass sie es zumindest in den neun Monaten gewesen ist, in denen sie mit uns Kindern schwanger war. Und das gab ihr das Recht, sich in die Geschichten einzumischen.“

Carol lächelte. „Das ist süß.“

„Das fand mein Dad auch. Die beiden waren ein unglaublich glückliches Paar. Ich empfand es als großes Glück, dass sie nicht herumschrien und stritten wie die Eltern mancher Freunde. Und dass sie sich nicht scheiden ließen. Und dann wurde ihr Leben auf so brutale Weise beendet.“

„Ich kann nachempfinden, was Sie fühlen.“ Sie schwieg einen Moment, sah ihm tief in die Augen. Dann sagte sie. „Nur, dass ich eines Tages heiraten und Kinder haben möchte. Das ist mir wirklich wichtig.“

Er sah weg, seine Gedanken schweiften in die Vergangenheit ab. „Meine Schwestern haben immer erzählt, wie sie sich ihre Hochzeit vorstellen. Wie romantisch es werden würde. Aber das ist wohl normal für Mädchen im Teenageralter.“

Carol stieß einen tiefen Atemzug aus. „Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich darüber nachgedacht habe. Und nicht erst als Teenager.“

Er stellte sie sich vor, ein einsames kleines Mädchen in einer Pflegefamilie, das sich den großen Tag herbeisehnte. Die Vorstellung weckte in ihm den Wunsch, sie zu trösten, aber auch, sich zurückzuziehen.

Trotzdem fragte er: „Mit welchem Typ Mann gehen Sie aus?“

Sie richtete sich etwas auf. „Was glauben Sie?“

„Ich weiß nicht. Große, behaarte Biker?“

Sie verdrehte die Augen. „Jake, ich meine es ernst.“

„Okay, dann also nette, anständige Jungs, die einen guten Ehemann abgeben würden?“

Sie faltete die Hände im Schoß. Um das Bild einer Lady zu komplettieren, fehlten nur noch feine Handschuhe.

„Genau.“

Ja, dachte er. Genau. Er hatte die Antwort gekannt, bevor er überhaupt die Frage stellte. Und in diesem Moment wollte er sie nur noch zu der Insel bringen und in sein ausschweifendes Leben entführen.

Wo es keine netten, anständigen Männer gab.

3. KAPITEL

Es ist atemberaubend, dachte Carol. Die Villa, in der sie und Jake und die anderen Gäste untergebracht waren, präsentierte sich als riesiges Anwesen direkt am wunderschönen weißen Sandstrand.

Das Hausmeisterehepaar begleitete Carol und Jake zu ihren Zimmern. Lena hatte das restliche Personal aus den Staaten mitgebracht, darunter ein Beauty-Team und Masseure.

Niemand hatte bisher die Gastgeberin gesehen. Sie würde vor der Party nicht in Erscheinung treten. Aber sie war der Typ, der den großen Auftritt liebte, deshalb war Carol nicht überrascht.

Carols und Jakes Zimmer lagen in der ersten Etage, direkt nebeneinander mit Zwischentür. Im Moment war die Tür geöffnet, sodass es eine große Suite war.

„Wir schließen sie, sobald wir eingezogen sind“, sagte sie.

„Das tun wir“, erwiderte er und trat auf seine Veranda.

Obwohl Carols Balkon denselben Blick bot, stellte sie sich zu ihm auf seinen. Hinter der Pool-Oase erstreckte sich der Ozean. Wenn sie in die andere Richtung blickte, sah sie hügeliges Gebiet inmitten des Regenwaldes.

„Es ist wunderschön hier.“

Jake drehte sich zu ihr. „Sie haben keine Angst mehr, von irgendetwas gebissen zu werden?“

„Ich habe Ihnen doch gesagt, dass es auf dieser Insel keine Wesen gibt, vor denen man Angst haben muss.“ Außer vor ihm, dachte sie. In seinen Augen sah sie ein gefährliches Funkeln. Oder Lust. Oder etwas, das sie aus Feigheit nicht identifizieren wollte. Seine Blicke besorgten ihr tatsächlich ein Gänsehaut-Feeling.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und versuchte, sich auf das weitere Programm des heutigen Tages zu konzentrieren. „Die Hausmeisterin hat gesagt, dass der Koch zum Dinner Meeresfrüchte zubereitet.“ Das Essen würde in den Zimmern serviert. Danach könnten sie etwas ausruhen, bevor sie sich für die Party fertig machten, die erst am späten Abend beginnen würde.

Jake sah sie unentwegt an. „Bevor ich es vergessen, ich habe etwas für Sie“, sagte er. „Ich hole es.“

Sie blieb auf der Veranda, während er in seinem Gepäck wühlte und dann mit einer weißen Schachtel zurückkehrte.

Irritiert öffnete sie den Deckel, und zum Vorschein kam ein eleganter goldener Armreif mit funkelnden Brillanten. Dazu ein passendes Paar Ohrringe.

Carols Pulsschlag beschleunigte sich. „Der Schmuck ist wunderschön, Jake.“ Die Stücke würden fantastisch zu ihrem Kleid aussehen. „Es ist eine Leihgabe?“ Sie wusste, dass Juweliere ihren reichen und berühmten Kunden manchmal Schmuckstücke zur Verfügung stellten.

„Nein, ich habe ihn gekauft.“

Oh Mann. „Das hätten Sie nicht tun sollen.“

„Ich wollte es gern. Außerdem habe ich bei Millie nachgefragt, ob Sie Schmuck zu Ihrem Outfit ausgewählt haben, und sie sagte Nein.“

„Ich wollte es nicht übertreiben und mehr Geld als notwendig ausgeben.“ Sie schaute auf den kostbaren Schmuck. „Das ist definitiv zu viel. Ich gebe Ihnen den Schmuck nach der Party zurück.“

„Warum? Sie behalten doch auch die Kleidung. Und der Schmuck gehört dazu.“

Sie betrachtete andächtig jedes Teil noch einmal. „Unglaublich schön.“

„Ich habe mir von Millie sagen lassen, was ich kaufen soll. Ich bin nicht gut darin, Frauen Geschenke zu machen.“

Das stimmte. Manchmal musste sie sogar für ihn entscheiden, welche Blumen er seiner gerade aktuellen Geliebten schicken sollte.

War es ein Fehler gewesen, ihn auf dieser Reise zu begleiten? Auf jeden Fall war es das Unüberlegteste, was sie jemals getan hatte.

Sie schloss die Schachtel und drückte sie gegen ihr Herz, das viel zu schnell schlug. Sie war gerne in seiner Gesellschaft, viel zu gern.

„Dann ist das also geregelt?“, fragte er. „Sie behalten den Schmuck?“

„Ja, danke. Ich nehme das Geschenk an.“ Warum sollte sie streiten? Sie hatte sowieso schon verloren.

„Ich packe jetzt aus“, sagte sie und wandte sich ihrem Gepäck zu.

„Und ich gehe schwimmen, bevor es etwas zu essen gibt.“

Sie wollte sich nicht vorstellen, wie er nur mit Badehose bekleidet in den Pool eintauchte, doch ihre Fantasie spielte trotzdem verrückt. Ohne Zweifel wäre sein von Natur aus gebräunter Körper eine Augenweide.

„Wir sehen uns dann zur Party.“ Sie versuchte einen eleganten Rückzug.

„Ja, bis dann.“

Er drehte sich jedoch nicht um, und sie tat es auch nicht. Sie standen einfach da, ineinander versunken. So viel zu einem eleganten Rückzug.

Schließlich unterbrach sie den Blickkontakt, ging in ihr Zimmer und schloss die Verbindungstür auf ihrer Seite. Sie hörte, dass auch Jake die Tür auf seiner Seite verschloss.

Carol stieß einen tiefen, erleichterten Seufzer aus und ermahnte sich, nicht auf die Veranda zu gehen. Sie wollte nicht zum Voyeur werden.

Jake stand in einem Designeranzug vor dem Spiegel, das Haar auf die übliche Weise gestylt, als eine SMS von Carol kam mit dem Hinweis, dass es Zeit war zu gehen. Sie vereinbarten, sich im Flur vor ihren Zimmern zu treffen.

Carol wartete schon, als Jake aus seinem Zimmer kam. Bewundernd sah er sie an. Das Kleid war raffiniert gewickelt und schmeichelte ihrem kurvigen Körper. Es würde nicht viel dazugehören, den Sarong zu öffnen. Hier ziehen, dort zupfen. Der weich fließende Schleier machte das Outfit noch verführerischer.

Ihr Make-up war dezent und elegant, das schulterlange glatte Haar schimmerte seidig. Die Ohrringe funkelten an ihren Ohren, der Armreif an ihrem Handgelenkt. Auch ihre Haut schimmerte leicht, vor allem am Brustansatz. Vermutlich hatte sie eine Lotion mit Glitzerpartikeln benutzt.

„Sie sehen heiß aus.“ Er trat einen Schritt zurück und erlaubte sich noch einen weiteren bewundernden Blick. „Ernsthaft, Sie könnten eine Sirene sein, die Männer wie mich zum Spiel verführt.“

Sie errötete. „Danke. Aber ich versuche nicht, irgendjemanden zu verführen, und Sie sind grundsätzlich bereit, mit irgendeiner hübschen jungen Frau zu spielen.“

Nicht so, wie er mit ihr spielen wollte. „Keine Sorge. Heute Abend benehme ich mich.“

Sie musterte ihn. „Dann ist es also okay, wenn ich Ihnen sage, dass Sie auch ziemlich heiß aussehen?“

Verdammt, ja, es war okay. Er mochte es, wenn sie ihn ansah, auch wenn nichts zwischen ihnen passieren würde. „Millie hat auch mir einige Sachen gebracht, und dies hier habe ich ausgesucht.“ Plötzlich fiel ihm auf, dass sein Hemd dieselbe grüne Farbe hatte wie Carols Augen. Er hatte es nicht aus diesem Grund ausgewählt, zumindest nicht bewusst. Aber wer konnte schon sagen, welche Spielchen ihre Anziehungskraft mit seinem Unterbewusstsein spielte?

„Sind Sie bereit?“, fragte er.

„So bereit, wie ich sein kann.“

Machte sie sich immer noch Sorgen, dass sie nicht zu den Menschen passte, die ihn umgaben?

„Halten Sie sich fest und genießen Sie den Abend.“

„Woran soll ich mich festhalten?“

„An mir.“ Er nahm ihre Hand. „Couples Only ist das Motto, schon vergessen?“

Sie verflocht ihre Finger mit seinen. „Ich kann immer noch nicht fassen, dass ich zugestimmt habe, mit Ihnen hierherzukommen.“

„Es ist zu spät auszusteigen. Und ich schlage vor, dass wir jetzt das förmliche Sie vergessen.“ Er drückte ihre Hand. Sie war seine Begleiterin, und er würde sie nicht loslassen.

Sie schritten die ausladende Treppe zum Ballsaal hinauf. Schon jetzt konnten sie die Musik hören, die der DJ auflegte.

Der Ballsaal mit den weißen Säulen war bunt geschmückt. Das Motto des Abends drückte sich in riesigen Gemälden und lebensgroßen Statuen aus, die extra für die Party ausgeliehen waren. Alles Darstellungen von legendären Liebespaaren in gefühlvollen Umarmungen.

Ein riesiger Flachbildschirm übertrug Bilder, die zur Musik passten, auf der Tanzfläche standen vergoldete Käfige, groß genug für ein Paar, um darin zu tanzen. Jake fand die Idee faszinierend. Er war jedoch nicht sicher, dass Carol sich darauf einlassen würde. Doch es konnte nicht schaden zu fragen, wenn der Moment richtig schien. Es war schließlich nur Spaß.

Die meisten Gäste waren bereits eingetroffen und aßen, tranken und tanzten. Ein Gourmetbuffet bot aufwendige Horsd’œuvre und duftige Desserts. Auch wenn Jake noch satt vom Dinner war, die Leckereien sahen köstlich aus.

„Wow“, sagte Carol. „So etwas habe ich noch nie gesehen.“

Jake hielt weiter ihre Hand, ließ ihr Zeit, sich an das Ambiente zu gewöhnen. Aus einem mit Eis gefüllten dreistufigen Brunnen sprudelte rosafarbene Limonade. Kellner in weißer Livree servierten Champagner. Es gab eine riesige Aquarium-Bar, gut gefüllt mit Segelflossern und versorgt von Barkeeperinnen in Bikini mit blauen Perücken und fluffigen weißen Flügeln.

Nachdem Jake und Carol den angebotenen Champagner genommen hatten, sagte sie: „Ich weiß nicht, womit ich beginnen soll.“

„Nimm, was du möchtest.“

Sie nippte an ihrem Champagner. „Ich glaube, ein Pastetchen würde gut dazu passen.“

„Klingt gut.“ Er begleitete sie ans Buffet und nahm sich selbst auch eine der Köstlichkeiten.

Carol wollte draußen essen, also traten sie auf die Terrasse und setzten sich zu anderen Paaren, die ebenfalls beschlossen hatten, den Abend unter freiem Himmel einzuläuten. Jake stellte Carol vor. Er kannte die meisten der anwesenden Gäste.

Während Carol mit Lenas Songwriter und dessen Frau plauderte, betrachtete Jake eine Streichholzschachtel, die auf dem Tisch vor einer Kerze lag. Auf ihr waren Napoleon und Josephine abgebildet. Auf der Kerze befand sich ein Bildnis von den beiden, die Namen standen auf dem Ständer. Jake zündete die Kerze an, die einen Rosenduft verströmte.

Carol drehte sich zu ihm, und gemeinsam schauten sie in die Flamme. Dann fragte sie: „Wusstest du, dass Josephine eigentlich Marie-Josèphe-Rose hieß? Und dass sie Rose genannt wurde, bis Napoleon kam und sie Josephine nannte?“

„Nein, das wusste ich nicht.“

„Sie kam auf Martinique zur Welt. Ich bin darauf gestoßen, als ich mich über die karibischen Inseln schlaugemacht habe.“

Der Songwriter meldete sich zu Wort. „Wir sollten jetzt hineingehen. Lena wird gleich kommen.“

„Weißt du, wie sie ihren großen Auftritt geplant hat?“

„Ja, aber sie bringt mich um, wenn ich es verrate.“ Der Mann nahm den Arm seiner Frau. „Wir sehen uns drinnen.“

„Klar.“ Jake wünschte, er könnte bleiben, wo er war. Es gefiel ihm, hier mit Carol zu sitzen.

„Wir sollen auch hineingehen“, sagte sie, als sich bereits alle Tische geleert hatten.

„Ja, du hast recht.“

„Sollen wir Napoleon und Josephine ausblasen?“

„Das kannst du tun.“

Sie schürzte die Lippen, und er beobachtete, wie sie die Flamme auslöschte. Der blumige Duft der Kerze wehte durch die Luft.

Lenas bevorstehendes Erscheinen hatte sich herumgesprochen, und die Gesellschaft wartete gespannt. Carol verglich die Atmosphäre mit dem Warten auf Mitternacht am Silvesterabend. Oder auf das Feuerwerk am Unabhängigkeitstag.

Apropos Feuerwerk …

Jake stand neben ihr, sein Arm berührte ihren nur ganz leicht. Sie wollte nach seiner Hand greifen und sie halten, wie sie es zuvor getan hatte. Wollte das aufregende Gefühl seiner Berührung erleben. Doch sie hielt sich zurück.

Plötzlich wurden die Jalousien vor den Terrassentüren herabgelassen. Einen Moment später erloschen die Kronleuchter, im Ballsaal war es stockdunkel. Carol rückte näher an Jake heran, sie wollte ihn nicht verlieren.

Als das Licht wieder aufleuchtete, geschah es in Form von Discobeleuchtung und Schwarzlicht, was unglaubliche Effekte erzielte und die Atmosphäre vollkommen veränderte.

Die Kleidung des DJs glänzte hell. Ganz offensichtlich war er Teil der Show. Carol hielt den Atem an, als plötzlich einer der Käfige von der Tanzfläche abhob. In ihm ein Mann und eine Frau, sie standen wie Statuen. Auf ihren hautengen Jumpsuits schimmerten Graffiti-Kunstwerke. Sie hatten fluoreszierende Strähnen in den Haaren und ein Make-up, das ihre Gesichter leuchten ließ.

Der DJ kündigte das Paar im Käfig an, und die Menge johlte und applaudierte. Es waren Lena und ihr derzeitiger Freund Mark, einer ihrer Backup-Tänzer.

Lenas Couples Only – Song ertönte, und die Begeisterungsrufe wurden noch lauter.

Lena und Mark tanzten, bewegten sich rhythmisch in einer magischen Performance. Wie alle anderen war Carol fasziniert von der Art, wie die beiden miteinander interagierten. Auch Jake starrte gebannt zu ihnen hinauf.

Als der Song zu Ende war, senkte sich der Käfig langsam wieder herab. Die Tür schwang auf, und Lena und Mark traten heraus, begaben sich zu den Gästen, von denen sie mit Umarmungen und Küssen begrüßt wurden.

Der DJ spielte einen weiteren Song von Lena und forderte zum Tanz auf, die Lichteffekte blieben. Nun zog Jake Carol in seine Arme und führte sie in die Hitze und Leidenschaft des Tanzes.

So etwas hatte sie noch nicht erlebt. Ihr Herz schlug im Rhythmus der Musik. Der Text des Liedes war sexy, der Takt hektisch, Jakes muskulöser Körper stieß gegen ihren.

Dies war seine Welt. Dies war die Art von stimmungsvollen Partys, die er gern feierte. Sie fühlte sich wie ein zartes Pflänzchen, das Gefahr lief, zerdrückt zu werden. Doch, Gott stehe ihr bei, es gefiel ihr auch.

Weil sie Jake mochte. Alles an ihm faszinierte sie. Ängstigte sie.

Jake sang das Lied mit, während er tanzte.

Sie hätte nicht hierherkommen dürfen. Sie sollte sich nicht so aufreizend bewegen.

Einige Paare küssten sich auf der Tanzfläche, leidenschaftlich – ahmten Lena und Mark nach, die sich provokativ zur Schau stellten.

Carol wurde heiß. Sie hoffte, dass Jake nicht merkte, was um sie herum geschah.

Natürlich tat er es doch. Sie spürte genau den Moment, als ihm bewusst wurde, was gerade passierte. Er hörte auf zu singen und biss sich tatsächlich auf die Unterlippe. Carol tat es auch, wehrte sich innerlich dagegen, sich von der erotischen Atmosphäre mitreißen zu lassen und sich an Jake zu schmiegen und ihn voller Leidenschaft zu küssen.

Carol wusste nicht, wie lange sie tanzten. Sie hörten erst auf, als das normale Licht wieder eingeschaltet wurde und die Stimmung im Ballsaal sich beruhigte. Die Gäste gingen ans Buffet oder nach draußen, um frische Luft zu schnappen.

Jake und Carol holten sich zwei gekühlte Gläser und füllten sie am Brunnen mit Limonade. Sie brauchten etwas, um ihren Durst zu löschen. Er leerte das Glas in einem Zug.

„Lass uns Lena begrüßen“, sagte er dann.

„Ja, natürlich.“ Sie hatten ihr bisher noch nicht zum Geburtstag gratuliert. „Wo ist sie?“

„Da drüben.“ Er deutete in Richtung Bar.

Ja, dort standen Lena und ihr Freund. Als Jake und Carol sich ihnen näherten, warf Lena sich sofort in Jakes Arme und gab ihm einen freundschaftlichen Kuss. Mark mit den fluoreszierenden Strähnen im blonden Haar und farbig umrahmten Augen begrüßte Carol. Aus der Nähe sah sie, dass er etwa fünf Jahre jünger als Lena sein musste. Lena war ebenfalls blond, sie war groß und schlank und hatte ein puppenhaftes Gesicht, die Augen groß, die Lippen geschwungen. Sie kam aus einer Künstlerfamilie. Ihre Eltern waren bekannte Schauspieler, jetzt allerdings geschieden. Ihre Großmutter war in den 1960er-Jahren eine Go-go-Tänzerin gewesen, daher vermutlich die Idee mit den Käfigen.

Die Schlägersängerin ließ Jake los und richtete ihre Aufmerksamkeit auf Carol. „Kennen wir uns?“, fragte sie. „Du kommst mir irgendwie bekannt vor.“

„Wir haben uns ein paarmal flüchtig gesehen. Ich heiße Carol Lawrence und bin Jakes Assistentin.“

„Ja, richtig. Wow, du siehst umwerfend aus.“

„Danke.“ Carol freute sich über das Kompliment. „Du auch. Es ist eine wundervolle Party, und dein Auftritt war überwältigend.“

„Es hat Spaß gemacht. Man wird schließlich nur einmal dreißig.“

Carol nickte. Nach kurzem Schweigen zog Lena sie aus der Hörweite der Männer.

„Seit wann seid ihr ein Paar?“, fragte Lena.

„Das sind wir nicht“, stellte Carol hastig klar.

„Trotzdem hat er dich mit hierher genommen? Auf eine Couples Only – Party?“ Lena machte ein neugieriges Gesicht. „Hör auf, wem will er etwas vormachen?“

„Wirklich, zwischen uns ist nichts.“ Abgesehen davon, dass sie auf der Tanzfläche den dringenden Wunsch verspürt hatte, ihn zu küssen. „Er brauchte eine Begleitung, und ich stand zur Verfügung, weil ich für ihn arbeite.“

„Mark arbeitet auch für mich. Trotzdem sind wir ein Paar.“

Carol gingen die Argumente aus. Der Vergleich machte sie schrecklich nervös. Deshalb beschränkte sie sich auf: „So etwas passiert.“

„Stimmt.“ Lena beugte sich näher zu ihr. „Ich bin verrückt nach Mark. Doch wer weiß, wie lange es dauert. Man sagt mir nach, ich sei flatterhaft.“

Carol drohte mit dem Finger, teils spielerisch, teils ernst. „Das habe ich gehört.“

Das Geburtstagskind lachte. „Das Leben ist zu kurz, um sich nicht zu holen, was man haben will. Deshalb, egal, was ist, genieß das Wochenende. Vielleicht bist du am Ende verrückt nach Jake.“

Das war sie bereits, doch sie musste aufpassen. Sie war nicht so unbeschwert wie Lena.

Die Unterhaltung war beendet, und Lena kehrte zurück zu ihrem Beau. Jake forderte Carol wieder zum Tanz auf. Die Musik wurde jetzt etwas langsamer, etwas softer.

Und verführerischer denn je.

4. KAPITEL

Als Jake Carol zur Tanzfläche führte, sagte er: „Sollen wir in einen der Käfige gehen?“ Er wollte es zumindest probieren.

„Du willst wirklich in so einem Ding tanzen?“

„Klar. Warum nicht? Der Käfig, in dem Lena und Mark waren, ist frei.“

„Meinetwegen.“ Carol klang fasziniert, aber auch zögernd. „Solange er nicht abhebt.“

„Das war nur Teil der Show. Das wird mit uns nicht passieren.“ Er nahm ihre Hand und führte sie zu dem Käfig. „Du hast doch keine Höhenangst, oder?“

„Nein, ich hoffe trotzdem, dass er auf dem Boden bleibt.“

Sie trat ein. In ihrem farbenfrohen Kleid mit den schimmernden Perlen sah sie aus wie ein exotischer Vogel, der gerade eingefangen worden war. Jake konnte sich nicht sattsehen an ihr.

„Worauf wartest du?“

„Komme schon.“ Er folgte ihr und schloss die Tür.

Der Käfig bot weniger Platz als erwartet. Vielleicht meinte er es auch nur. Da jedoch ein langsames Lied gespielt wurde, waren sie geradezu gezwungen, so eng beieinanderzustehen.

Jake nahm Carol in die Arme, und sie bewegten sich zu der Melodie. Die Chemie zwischen uns stimmt, dachte er. Auf der Tanzfläche und neben der Tanzfläche, im Käfig und außerhalb des Käfigs. Ihr Körper passte perfekt an seinen, und er verspürte den Wunsch, sie noch enger an sich zu ziehen.

Er blickte auf den riesigen Bildschirm. Carols Blick folgte seinem. Das Video war eine Montage von Schauspielerpaaren aus dem frühen Hollywood bis jetzt.

„Komisch, dass die meisten nicht zusammengeblieben sind“, sagte er.

„Einige Beziehungen hielten ein Leben lang.“

Die Lichter im Ballsaal wurden gedimmt. Auf dem Monitor waren jetzt berühmte Hochzeitsfotos zu sehen. Meisterliche Torten, lange weiße Kleider, schöne Bräute und elegante Bräutigame.

„Das ist wunderschön“, seufzte Carol.

War es das? Jake war sich dessen nicht sicher. Doch auf seltsam beunruhigende Weise stimulierten auch ihn diese Bilder. Es war aufregend zu fühlen, was sie fühlte, auch wenn er es nicht verstand.

„Wir sollten nicht zu lange in dem Käfig bleiben“, sagte er nach einem kurzen Moment der Stille. So langsam fühlte es sich wie ein romantisches Gefängnis an, aus dem es kein Entrinnen gab.

„Du hast recht. Es wird …“

Sie verstummte, doch er wusste, was sie meinte. Mittlerweile standen sie so eng beieinander, dass ihre Körper miteinander verschmolzen schienen.

Schlimmer aber war, dass über den Monitor jetzt Filmausschnitte mit Liebesszenen flackerten, manche süß und rein, andere kultig und klassisch, wieder andere unkonventionell und erotisch.

„Huch“, stieß Carol aus, als eine Fesselszene erschien.

Ja, dachte Jake. Huch. In dem Filmausschnitt gab es tatsächlich auch einen Käfig. Und Augenbinden und alle möglichen Dinge, mit denen man nicht rechnete. Das sieht Lena ähnlich, dachte er, etwas unerwartet Ungehorsames unter die eher schnulzige Auswahl zu mischen.

„Lass uns gehen“, sagte er und legte einen Arm um Carol.

„Wohin?“

„Egal, Hauptsache hier raus.“ Er öffnet die Tür, und sie verließen hastig den goldenen Käfig. Sie liefen weiter, bis sie draußen standen und die kühle Nachtluft einatmen konnten.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Carol.

„Ich weiß nicht.“ Er dachte kurz nach. „Was hältst du von einem Spaziergang am Strand? Ich könnte etwas Abstand von der Party gebrauchen.“

„Ich auch.“

„Ich habe noch eine Idee. Ich bitte einen Kellner, uns ein paar Häppchen und Champagner einzupacken. Und eine Decke.“ Er grinste. „Wir könnten natürlich auch dein Kleid benutzen.“

Sie schlug gegen seine Schulter, und sie brachen beide in Gelächter aus. Es tat gut zu lachen. Es fühlte sich auch gut an, ein Picknick vorzubereiten. Selbst wenn es nachts war. Auf einer tropischen Insel.

Und niemand in der Nähe.

Carol wanderte den Strand entlang. Sie trug die Schuhe in der Hand und genoss es, den feinen Sand zwischen den Zehen zu spüren. Sie blickte zu Jake. Er hatte die Hosenbeine hochgekrempelt, in einer Hand hielt er seine Schuhe, in der anderen den Picknickkorb, der bis zum Rand gefüllt war. Der Kellner hatte sogar eine Kerze dazugegeben.

„Wie weit gehen wir noch?“, fragte sie.

„Was hältst du hiervon?“ Jake wählte einen Platz auf der anderen Seite des Anwesens, nah genug, um noch von dem Licht aus der Villa zu profitieren, doch weit genug vom Trubel entfernt.

„Perfekt.“ Die Gegenwart so vieler Menschen war anstrengend gewesen, dazu die erotische Atmosphäre … Carol war dankbar für eine Verschnaufpause.

Jake breitete das große, flauschige Strandtuch aus und stellte den Korb daneben. Er nahm die Kerze, steckte sie in den Sand und entzündete sie. Dann öffnete er die Flasche Dom Pérignon und schenkte ein.

„Auf die Ruhe.“

„Diese Stille ist herrlich.“ Sie nippte an ihrem Champagner und blickte auf die Kerze. „Wen stellen diese Figuren dar?“

„Ich weiß es nicht, aber es duftet nach Vanille.“

„Ja, das habe ich auch gemerkt.“ Es war ein angenehmer Duft, der sich harmonisch mit der Seeluft verband.

„Mal sehen, wer das sein soll.“ Er hob die Kerze hoch und las die Namen auf der Unterseite. „Aha, das sind Robert Browning und Elizabeth Barrett Browning. Ich weiß nichts über sie. Du?“

„Nicht viel. Nur dass er ein Dichter und Dramatiker war. Und sie war auch Dichterin. Und sie waren verheiratet. Sie lernten sich durch einen Briefwechsel näher kennen, glaube ich.“

„Du weißt mehr als ich.“

„Ich hatte am College Englische Literatur. Und etwas ist anscheinend hängen geblieben.“ Carol hatte ihren Masterabschluss in Betriebswirtschaft an einem staatlichen College gemacht. Das Studium hatte sie mit Studentenkrediten finanziert. „Es war nicht einfach als Pflegekind. Mit achtzehn hatte ich nicht einmal mehr ein Dach überm Kopf. Gott sei Dank haben sich die Gesetze mittlerweile geändert, und manche Kinder bleiben in der Pflegeunterbringung, bis sie einundzwanzig sind.“

„Das war eine absolut notwendige Änderung des Gesetzes. Doch sie gilt nur in einigen Bundesländern. Viele Pflegekinder haben bis heute mit achtzehn kein Zuhause mehr. Ich hatte Glück, dass ich bei Garrett unterkommen konnte. Er lebte zu dem Zeitpunkt wieder bei seiner Mom.“

Carol nickte. Garrett war nicht verwaist wie Jake und sie. Er war in Pflegefamilien gekommen, weil seine Mutter nach einem Infekt sehr krank geworden war und sich nicht um ihn kümmern konnte. Sie litt damals schon unter einer Autoimmunerkrankung. Auch wenn sie sich von dem Infekt erholt hatte, unter der chronischen Erkrankung litt sie heute noch.

„Ohne Garrett und seine Mom wäre ich aufgeschmissen gewesen. Gerade mit der Schule fertig und kein Zuhause.“

„Wo war Max?“

„Noch bei Pflegeeltern.“

„Richtig, er ist jünger als du und Garrett. Aber ihr habt es alle geschafft.“

„Ja. Max als Erster, ein Nerd, wie er war und ist.“

Carol lächelte amüsiert über Jakes Beschreibung seines Freundes. Max war ein autodidaktischer Softwareentwickler und Internetunternehmer, der mit Anfang zwanzig schon Multimillionär gewesen war. Trotzdem, dachte sie, für einen Nerd ist er viel zu attraktiv.

„Max hat Garrett und mir Geld geliehen, damit wir unsere Unternehmen starten konnten. Ohne ihn hätten wir es nicht geschafft.“

„Euch verbindet wirklich eine tolle Freundschaft.“ Soviel sie wusste, war Max’ Kindheit besonders problematisch gewesen. „Wo ist er überhaupt? Ich habe ihn schon länger nicht gesehen.“

„Er macht einen langen Urlaub, ein Sabbatjahr oder wie auch immer er es nennt. Ich glaube, er braucht etwas Zeit für sich. Er zieht sich gern zurück.“

Genau das Gegenteil von Jake, dachte Carol.

„Ist dir kalt?“, fragte er, als der Wind auffrischte. „Ich kann dir mein Jackett geben.“

„Das wäre toll. Danke.“

Er legte ihr seine Jacke um die Schultern.

Dann packte er das Essen aus und bereitete ihr einen Teller zu. „Das sieht gut aus, nicht wahr?“

„Ja, sehr lecker.“

Jake füllte sich ebenfalls einen Teller, dann kosteten sie einige Appetitanreger und leckere Desserts.

„Eine verführerische Kombination“, stellte Carol fest und sah zu Jake, der ihrem Blick begegnete. „Und wir könnten keine schönere Kulisse haben. Meer, Strand und Sternenhimmel. Dazu eine wunderschöne Frau. Du siehst toll aus.“

„Als wir in dem Käfig waren, habe ich bestimmt nicht toll ausgesehen. Ich war total nervös.“

„Ich hätte den Vorschlag nicht machen sollen.“

„Es ist okay. Du konntest ja nicht wissen, wie es enden würde.“ Sie leerte ihr Glas. Sie wollte sich nicht betrinken, doch ein kleiner Schwips konnte nicht schaden. Sie war neugierig, wollte ihn Dinge fragen, die sie gern wissen wollte, aber nicht fragen sollte. „Machst du auch so etwas?“

„Was?“

„Das, was im Video gezeigt wurde.“ Sie füllte ihr Glas erneut und wartete gespannt auf seine Antwort. Sie hatte gehört, dass er im Bett ungezähmt war, aber keine Frau hatte jemals verraten, wie sehr. Nicht einmal das Starlet hatte in seinem Blog solch intime Details verraten.

„Fesseln? Nein, das ist nicht nach meinem Geschmack.“ Ohne den Blick von ihr zu wenden, fügte er hinzu: „Warum …? Bist du eine heimliche Domina oder so etwas?“

Wenn sie nicht so verzaubert von ihm wäre, dann hätte sie laut gelacht. „Machst du Witze? Die Vorstellung ist absurd. Ich mag ganz normalen Sex.“

„Ich mag es auch normal. Ich glaube, in der Szene nennt man es Vanillasex.“ Er deutete auf die nach Vanille duftende Kerze. „Wie die.“

Hatte sie wirklich diese Unterhaltung begonnen? Sie stellte ihr Glas ab und griff nach einem Gebäckstück, das mit einer weißen Schicht überzogen war. „Das ist Vanille.“

Jake rückte etwas näher zu ihr. „Ich glaube, davon hatte ich noch keins.“

„Ich teile es mit dir.“ Sie hielt es ihm hin, und er nahm es.

Ihre Fingerspitzen berührten sich dabei, elektrische Funken schienen zwischen ihnen zu sprühen.

Sie beobachtete, wie er in das Gebäck biss, erpicht darauf, es zurückzubekommen, um ihren Mund dorthin zu legen, wo seiner gewesen war.

„Es ist gut“, sagte er.

Zu gut, dachte sie, als sie ebenfalls hineinbiss. Sie fuhren fort, es hin- und herzureichen. Carol konnte nicht leugnen, dass es sich wie ein Vorspiel anfühlte.

„Was machen wir hier?“, fragte er, als der letzte Bissen weg war.

„Etwas, was wir nicht tun sollten“, erwiderte sie. Aber es fühlte sich zu gut an, um aufzuhören.

Jake beugte sich jetzt zu ihr, dabei sah er ihr unverwandt in die Augen, dann küsste er sie. Carol war aufgeregt, begierig darauf, ihn zu schmecken. Ihre Lippen fanden sich zu einem leidenschaftlichen Kuss, ihre Zungen vollführten einen erotischen Tanz.

Sie schnappten nach Luft. Die Kerze flackerte, feiner Vanilleduft umwehte sie. Jake nahm Carol den Teller vom Schoß, stellte ihn neben seinen und drückte sie zurück auf die Decke.

Wieder war sie zu verzaubert, um ihn zu stoppen. Sie wollte ihn spüren, überall, so nah wie möglich.

Er legte sich auf sie, und sie küssten sich wild und ungestüm. In der Ferne rauschte das Meer. Carols Kleid lag wie ein Fächer ausgebreitet unter ihr, Jakes Jackett war ihr von den Schultern gerutscht.

Er schmeckte nach dem Gebäck, das sie gerade geteilt hatten. Sie vermutlich auch – zuckrig, vanillig, honigsüß.

Sie liebte es, das Gewicht seines Körpers auf ihrem zu spüren. Gierig schlang sie die Arme um ihn, strich mit den Händen über seinen Rücken, fühlte den Stoff seines Hemdes.

„Ich habe mir in meiner Fantasie vorgestellt, wie sich deine Nägel in meinen Rücken bohren“, sagte er. „Ich habe mir alle möglichen erotischen Dinge vorgestellt. Sogar, dich zu beißen.“ Er knabberte an ihrem Ohrläppchen, zog mit den Zähnen daran. „Ich sollte nicht so scharf auf dich sein, aber ich bin es.“

„Ich sollte auch nicht scharf auf dich sein.“ Sie war nicht so dumm. Sie war seine Angestellte. Seine Assistentin. Die Frau, die achtbar und besonnen sein sollte.

Er atmete schwer. „Ich bin total erregt.“

„Ich auch.“ Sie konnte kaum noch klar denken.

Und wieder küsste Jake sie ungestüm. Dann hob er den Kopf und starrte sie an. Carol erwiderte den Blick, ihr Herz hämmerte.

Keiner bewegte sich. Wenn sie jetzt weitermachten, dann würden sie nackt im Sand enden und übereinander herfallen.

Heißer Vanillasex.

Sie wollte es so sehr, doch sie durfte es nicht zulassen. Nicht so. Sie musste durchatmen, ihre Gedanken sortieren, sich benehmen, wie die vernünftige Frau, die sie normalerweise war.

„Wir müssen aufhören“, sagte sie. Ihre Brustwarzen drückten sich hart gegen den Stoff ihres Kleides, ihr Höschen klebte an ihrer Haut.

Jake setzte sich auf. „Tut mir leid. Ich wollte nicht …“

„Es war nicht dein Fehler.“ Carol richtete sich ebenfalls auf und legte sein Jackett wieder um die Schultern. Sie musste sich irgendwie bedecken. „Wir haben uns beide hinreißen lassen.“

Er runzelte die Stirn. „Lass uns gehen.“

„Wohin?“

„In unsere Zimmer. Den Abend beenden. Es sei denn, du möchtest zurück auf die Party.“

Sie wickelte die übrig gebliebenen Häppchen ein. „Um Gottes willen, nein. Ich versuche lieber, etwas zu schlafen.“

„Ja, das wird vermutlich nicht ganz leicht werden.“ Jake kippte den Rest des Champagners aus und stellte die leere Flasche zurück in den Korb.

Gemeinsam räumten sie die Reste ihres Picknicks weg, doch die Erinnerung an den Kuss blieb.

Er löschte die Kerze und verstaute sie neben der leeren Flasche. Den Strand entlang liefen sie zurück zur Villa.

Als sie den Haupteingang erreichten, zogen sie ihre Schuhe wieder an und begaben sich zu ihren Zimmern.

Dort angekommen, sagte Carol: „Da sind wir.“ Besser, als nichts zu sagen.

Jake stellte den Picknickkorb ab, erwiderte aber nichts.

Sie versuchte, ihr zerzaustes Haar zu ordnen. Sie konnte immer noch spüren, wie erregend es gewesen war, unter ihm zu liegen. War es dumm von ihr gewesen aufzuhören?

„Mein Schlüssel ist in meinem Jackett“, sagte er.

„Oh, entschuldige.“ Sie nahm die Jacke von den Schultern und reichte sie ihm.

„Danke.“

Carol versuchte zu lächeln. „Was für eine Nacht.“

Er lächelte ebenfalls. „Ja, was für eine Nacht.“

„Ich hatte nie eine Affäre“, hörte sie sich sagen. „Ich habe nur mit Männern geschlafen, mit denen ich auch zusammen war.“

„Du musst nichts erklären. Ich verstehe es. Es ist kein Problem.“

„Ich weiß. Aber wir sind hier noch zwei Tage zusammen, und ich möchte nicht, dass es peinlich ist.“

„Ich hätte über das Motto Couples Only besser nachdenken sollen. Aber ich glaube, ich wollte einfach Zeit mit dir verbringen.“

Sie war schon lange in ihn verliebt. Wenn sie mit ihm schlief, würde es dann schlimmer oder besser werden? Sie wusste es wirklich nicht. „Ich gehe jetzt in mein Zimmer.“ Bevor sie etwas Verrücktes tat.

Er wartete, während sie mit zittrigen Fingern versuchte, die Tür aufzuschließen.

„Brauchst du Hilfe?“

„Danke, geht schon.“ Sie hatte es endlich geschafft. „Gute Nacht, Jake.“

„Gute Nacht, Carol.“

Sie betrat ihr Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Ihr Puls raste, ihre Emotionen fuhren Achterbahn. Sie schaltete das Licht ein, fühlte sich einsamer denn je.

Und wünschte, Jake wäre bei ihr.

5. KAPITEL

Carol machte sich nicht bettfertig. Sie zog sich nicht aus. Sie tat überhaupt nichts, außer dass sie mit ihrer Sehnsucht nach Jake kämpfte.

Hatte Lena recht? Was das Leben zu kurz, um sich nicht das zu holen, was man haben wollte? So langsam glaubte Carol daran. Zumindest ihre Libido tat es.

Doch könnte sie es wirklich durchziehen? Und was war mit Jake – wäre er noch bereit? Oder war er zur Vernunft gekommen?

Sie legte die Finger an ihre Lippen, erinnerte sich an seine Küsse. Sollte sie Jake eine SMS schicken, um zu erfahren, wie es ihm ging? Doch, was sollte sie schreiben?

Etwas Ehrliches, entschied sie. Etwas, mit dem sie ihn daran erinnern würde, dass sie sich auf der anderen Seite der Doppeltür befand.

Natürlich. Als ob er das vergessen würde.

Sie nahm ihr Handy und schrieb: Denke die ganze Zeit an dich. Dann nahm sie sich ein Herz und verschickte die SMS. Zumindest stellte sie sich ihren Gefühlen.

Sie wartete, hoffte, dass er sein Handy in der Nähe hatte, und betete, dass sie das Richtige getan hatte. Sie musste nicht lange warten.

Er antwortete: Und ich an dich.

Sie war aufgeregt wie ein Teenager, der mit seinem Schwarm kommunizierte. Hastig schrieb sie: Weiß nicht, was ich dagegen tun soll.

Bist du schon im Bett?

Nein, noch angezogen.

Ich auch. Abgesehen von meinem Hemd.

Carol stellte sich vor, wie er aussah – mit nacktem Oberkörper, das Haar zerzaust – und wie er ihr eine SMS schrieb, die auf ein ganz bestimmtes Thema zusteuerte.

Was wir gerade tun, ist bizarr.

Ja, und ich mag es.

Ich auch. Ist irgendwie wie SMS-Sex.

Ja.

Eine Sekunde später fragte er: Wenn ich dich in mein Zimmer einladen würde, würdest du dann kommen?

Ihr Puls raste. Um sicher zu sein, dass er wirklich meinte, was er schrieb, fragte sie: Möchtest du wirklich, dass ich komme? Oder ist das nur eine Fantasie?

Ja, ich möchte, dass du kommst. Wirklich.

Sie stieß einen langen Atemzug aus.

Gib mir ein paar Minuten.

Um darüber nachzudenken?

Um mich frisch zu machen.

Sie wollte nicht länger darüber nachdenken. Sie wollte einfach nur bei ihm sein.

Kann es nicht erwarten.

Sie auch nicht. Zuvor jedoch stellte sie noch eine wichtige Frage. Hast du, was wir brauchen? Ohne Kondome ging es nicht.

Ja. Kein Problem.

Dann bin ich gleich bei dir.

Ich warte.

Schließ die Tür auf deiner Seite auf.

Wird gemacht.

Wäre Carol frivol, dann würde sie ihr Kleid vorn öffnen, ein freches Selfie machen und es ihm schicken. Doch so war sie nicht. Bereits jetzt befand sie sich außerhalb ihrer Komfortzone. Trotzdem würde sie nicht kneifen. Sie würde dies durchziehen, egal, wie nervös sie war.

Sie machte sich schnell frisch und mahnte sich zur Ruhe. Nicht, dass es etwas ändern würde. Ruhig oder nervös. Schüchtern oder kühn. Sie würde mit ihrem Chef Sex haben.

Sie musste heute Nacht mit Jake zusammen sein. Sie musste beenden, was sie am Strand begonnen hatten. Sie wollte seine Erregung spüren, wollte ihn leidenschaftlich küssen, wollte ihre Nägel in seinen Rücken bohren. Sie wollte …

Wenig später betrat sie sein Zimmer.

Jake wartete auf sie, genau wie er gesagt hatte. Er sah ungeheuer attraktiv und gefährlich aus. Ohne Schuhe, ohne Hemd, nur mit Jeans bekleidet.

Ihre Blicke trafen sich, und er lächelte.

Wie hypnotisiert ging sie auf ihn zu. Sein Lächeln war so facettenreich.

Er zog sie in seine Arme, und sie schloss die Augen und verlor sich in dem süßen Gefühl, von ihm gehalten zu werden.

Dann flüsterte Jake: „Ich möchte dich ausziehen. Darf ich? Sag Ja.“

Sie öffnete aufgeregt die Augen und sah ihn an. „Ja, bitte. So schnell du möchtest.“

Jake aber ließ sich Zeit. Vorsichtig entfernte er den Stoff, der um den Sarong drapiert war. Der feine Stoff schwebte zu Boden. Als er sie anschließend aus dem Sarong wickelte, schwankte sie etwas.

„Keine Angst, du fällst nicht. Ich halte dich.“

Sie fiel bereits, stolperte in eine Tabuzone. Er warf ihren Sarong über einen Stuhl, und Carol stand nur noch in einem seidigen Slip da. Beherzt kämpfte sie gegen ihre Unsicherheit an.

Jake nahm ihre Hand und führte sie zum Bett. Ihre Haut kribbelte, als sie sich darauf vorbereitete, was als Nächstes kommen würde.

Behutsam drückte er sie auf die Matratze: „Du bist unglaublich schön.“

Das war er ebenfalls. Mit Worten nicht zu beschreiben. Sie konnte kaum glauben, dass sie wirklich bei diesem Mann war und er sich gerade auf sie legte.

Er umschloss ihre aufgerichteten Brustwarzen mit den Lippen, leckte und saugte erst an der einen, dann an der anderen, umkreiste beide auf erregende Weise mit der Zunge. Carol fürchtete, vor Lust zu sterben.

Er hob den Kopf und lächelte. „Mehr?“

Mehr von diesem erregenden Vorspiel? „Unbedingt.“

Sie seufzte, als er mit den Fingerspitzen über den Bund ihres Höschens fuhr und es dann über ihre Hüften zog. Jetzt war sie nackt, abgesehen von dem Schmuck, den er ihr geschenkt hatte.

„Was ist damit?“ Sie deutete auf die Ohrringe. „Soll ich sie ablegen? Und den Armreif auch?“

„Nein. Ich sehe die Sachen gern an dir.“

„Ich mache mir Gedanken.“

„Wegen des Schmucks? Weil du ihn behalten sollst?“

„Ich spreche davon, wie wir uns morgen früh fühlen werden.“ Sie wollte nicht bedauern, was sie jetzt taten. Doch sie ahnte, dass es Konsequenzen haben würde.

„Morgen spielt jetzt keine Rolle. Jetzt zählt nur diese Nacht.“

Er deutete auf die Kondome, die er auf den Nachttisch gelegt hatte.

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