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Bilder der Leidenschaft

* * *

Sie schaute über die Schulter zurück, lächelnd, das Gesicht halb verborgen unter der großen Kapuze ihres Umhangs. Sie sagte nichts, sondern neigte nur leicht den Kopf, unschuldig und einladend zugleich.

Er merkte, dass sein Atem jetzt schneller ging. Er wollte sie aufhalten, streckte die Hand nach dem sich im Wind aufbauschenden Umhang aus. Doch seine Finger glitten durch den Stoff hindurch wie durch Nebel. Dann war das Kleidungsstück verschwunden – und mit ihm auch die Gestalt, die er so verzweifelt hatte festhalten wollen. Er öffnete den Mund, um nach ihr zu rufen, brachte aber keinen Laut über die Lippen. Sie war fort. Und nichts blieb außer einer unstillbaren Sehnsucht und dem Gefühl eines großen Verlustes …

Er erwachte abrupt und setzte sich ruckartig auf. Um ihn her war es dunkel. Seine Lunge schien zu brennen. Er musste wohl etwas Schlimmes geträumt haben. Bestimmt hatte ein Albtraum ihn heimgesucht. Kalter Schweiß bedeckte seinen Körper, und sein Herz raste. Vergeblich versuchte er sich an Einzelheiten zu erinnern. Ja, er hatte geträumt. Von einem Umhang … Mehr wusste er nicht mehr. Oder doch! Er hatte sich etwas gewünscht, das er nicht haben konnte. Man hatte es ihm fortgenommen. Oder hatte er es verloren? Und was hatte dieser Umhang damit zu tun?

Langsam ließ er sich in die Kissen zurücksinken und schloss die Augen. Auf der Schwelle zwischen Wachen und Schlafen blitzte kurz eine Erinnerung auf. An etwas? Oder an jemanden? Ehe er den Gedanken zu fassen bekam, sank er in einen unruhigen Schlummer.

Everett Fitzhugh, Viscount St. Austell, starrte die Wandgemälde an, die er in Auftrag gegeben hatte, als er beschloss, sein Haus am Grosvenor Square zu renovieren. Insbesondere hatte er das Schlafzimmer umgestalten wollen. Vor Kurzem hatte der Maler mit der Arbeit begonnen.

Eine Zeile aus dem Brief des Künstlers fiel Everett ein.

Möglicherweise werden Sie feststellen, Mylord, dass die Bilder nicht ganz Ihren Erwartungen entsprechen.

Trehearne

Das unpersönlich kalte Mylord hatte ihn so gekränkt, dass er beim ersten Lesen kaum auf den Inhalt des Satzes geachtet hatte. Früher hätte Lionel ihn nie so förmlich angeredet. Auch hätte er ein Schreiben an einen Freund nicht einfach mit Trehearne unterzeichnet.

Die Schuld dafür musste er sich natürlich selbst geben.

Lionels Verhalten war die logische Folge dessen, was er ihm angetan hatte. Also hatte er seinen Ärger, seinen Trotz und sein Schamgefühl hinuntergeschluckt und Lionel den Auftrag erteilt.

Trotz des Klassenunterschiedes – auf der einen Seite der Erbe eines Viscounts und auf der anderen der Sohn eines Schulmeisters – war Lionel einst wie ein großer Bruder für ihn gewesen. Statt ihm zu danken, hatte er seinen Freund hintergangen, hatte sein Vertrauen auf so üble Art missbraucht, dass er noch heute von Gewissensbissen geplagt wurde. Jugend und Unerfahrenheit mochten eine akzeptable Entschuldigung für das Begehen von Dummheiten sein. Eine Entschuldigung für einen Mangel an Moral und Ehre waren sie nicht.

Jetzt, da Everett die Wandgemälde eingehender betrachtete und sich den Inhalt jenes Briefes in Erinnerung rief, stellte er fest, dass Lionels Stil sich tatsächlich verändert hatte. Und zwar grundlegend! Die Maltechnik war noch die gleiche. Einfache Linien, die dennoch ausdrucksstark waren und mit ein paar Holzkohlestrichen alles Wichtige wiedergaben. Doch sechs Jahre zuvor hatten Lionels Bilder – obwohl sie auch damals schon brillant waren – Everett nicht den Atem geraubt. Seine Gemälde hatten schon damals eine starke erotische Ausstrahlung besessen, ja. Aber diese geradezu schmerzliche Sinnlichkeit war neu.

Er schluckte und sah dann noch einmal zu der schlanken Nymphe hin, deren Umrisse jetzt gleich mehrfach seine Schlafzimmerwand zierten. Wer war sie? Noch gab es von der Gestalt nicht viel mehr als Skizzen. Doch auch wenn das Werk vollendet war, würde ihre Identität ein Geheimnis bleiben. In jedem der fünf Gemälde wandte sie das Gesicht ab. Nur einmal schaute sie über die Schulter zurück, wobei die übergroße Kapuze ihres Umhangs ihr Gesicht halb verbarg. Warf sie irgendjemandem einen Abschiedsblick zu?

Im nächsten Bild sah man sie von hinten, da sie sich an ihren Geliebten schmiegte, der gerade den Kopf beugte, um ihre Lippen zu kosten.

Im dritten Gemälde war es eine Fülle von Locken, die das Gesicht der vor einem Mann knienden Nymphe verbarg. Bewundernswert, wie es Lionel gelungen war, mit ein paar Strichen den Glanz ihres Haares einzufangen! Er hatte das Motiv „Die Nymphe huldigt dem Gott Apollo, indem sie ihm den Kuss der Venus überbringt“ genannt.

Die wilden Locken verbargen das eigentliche Geschehen. Doch der nackte Gott warf den Kopf in Ekstase nach hinten. Deutlich konnte man seine angespannten Muskeln erkennen, ebenso die Hand, die halb im Haar der Nymphe verborgen war, und die Finger, die sanft und besitzergreifend zugleich den Nacken der Schönen streichelten. Oh, es konnte kein Zweifel daran bestehen, womit sie gerade beschäftigt war.

Everett schluckte. Seine Kehle fühlte sich plötzlich trocken an. Kaum wagte er, den Blick auf das vierte Gemälde zu richten. Dort gab sich die Nymphe dem leidenschaftlichen Liebesspiel ihres unsterblichen Liebhabers hin.

Auf dem letzten Gemälde lag sie gesättigt und schlafend in den Armen ihres Geliebten, der zärtlich ihr Gesicht streichelte, sodass es auch hier nicht zu erkennen war.

Everett schloss die Augen und stellte sich vor, wie er selbst mit den Fingern sanft über die goldenen Locken der Nymphe strich. Ihm war, als spüre er ihre weiche Wange an seiner Schulter, als höre er ihren leisen Atem. Er würde alles tun, um sie nicht wieder zu verlieren. Ein Leben ohne sie würde er nicht ertragen …

Das Rattern von Kutschenrädern riss ihn aus seinem Tagtraum, und er richtet die Augen wieder auf die Gemälde, die er in Auftrag gegeben hatte.

Wer war sie? Wer hatte für diese Bilder Modell gestanden?

Verflucht, Lionel war der Letzte, den er freiwillig als Maler engagiert hätte!

Vor sechs Jahren hatte Lionel ihm ein Ultimatum gestellt. Er hatte es akzeptiert und versprochen, sich von ihm fernzuhalten. Gewissenhaft hatte er sein Versprechen gehalten. Nur durch Zufall hatte er von einem gemeinsamen Freund erfahren, dass Lionel nach Italien gegangen war. Warum? Ob er ihm trotz allem misstraut hatte?

Nachdem er England verlassen hatte, schien Lionel den Kontakt zu allen alten Bekannten abgebrochen zu haben. Everett hätte niemals von seiner Rückkehr in die Heimat erfahren, wenn sein ehemaliger Freund sich nicht schriftlich bei ihm gemeldet hätte. Lionel hatte ihm einen Brief geschickt, in dem er darum bat, den Auftrag ausführen zu dürfen. Dem Schreiben hatte er ein paar Skizzen beigelegt.

Wie mag Lionel davon erfahren haben, dass ich jemanden suche, der mein Schlafzimmer mit ganz speziellen Wandgemälden ausstattet? fragte sich Everett. War es allgemein bekannt, dass er auf diese Art den Auszug seiner Großtante feiern wollte? Die alte Dame hatte sich entschlossen, das Stadthaus am Grosvenor Square zu verlassen, um zu einem Cousin überzusiedeln, der auf dem Lande lebte.

Everett versank wieder in seine Gedanken. Vor vier Jahren, als er den Titel seines Vaters erbte, hatte er kurz überlegt, ob er das Haus am Grosvenor Square umgestalten und beziehen sollte. Denn natürlich konnte er mit seinem Besitz tun und lassen, was er wollte. Dann hatte er sich jedoch entschieden, seiner Großtante zu gestatten, auch weiterhin dort zu leben. Er selbst würde vorerst in seiner Junggesellenwohnung bleiben. Eines wusste er nämlich genau: Seine Großtante Millicent würde ihm jedes Mal die Leviten lesen, wenn er etwas auch nur im Entferntesten Skandalöses tat.

Was er ihr besonders verübelte, war die Tatsache, dass sie sein Interesse an Kunst rundheraus verdammte. Genauer gesagt, sie lehnte eher seinen künstlerischen Geschmack ab als die Kunst als solche. Das allein war schlimm genug. Unverzeihlich jedoch war, dass sie eines seiner Lieblingsbilder, einen wunderschönen Akt, der in einem der wenig benutzten Gästezimmer hing, mit scharlachroter Farbe bespritzt hatte.

Dafür wollte er sich nun rächen. Ja, die Wandgemälde waren eine wundervolle Rache. Vielleicht würde der Schlag Großtante Millicent treffen, wenn sie erfuhr, was die Bilder darstellten. Nun, dann würde sie zumindest nicht mehr unentwegt über die Tugenden ihres frommen Vaters sprechen. Da dieser schon vor vielen Jahren gestorben war, konnte er sich im Gegensatz zu seiner Tochter nicht mehr über die erotischen Bilder aufregen, die jetzt die Wände seines ehemaligen Schlafzimmers bedeckten.

Ein halbes Dutzend Maler hatte Vorschläge gemacht, wie das Zimmer gestaltet werden könne. Doch nicht eine Idee, nicht eine der eingereichten Skizzen hatte Everett gefallen. Sicher, er hatte etwas eindeutig Erotisches verlangt. Aber was man ihm zeigte, war geschmacklos und lüstern. Auch wenn es ihm in erster Linie darum ging, seine Großtante zu ärgern, so wollte er doch auf keinen Fall in einem Raum voll drittklassiger Bilder schlafen.

Lionels Skizzen waren die einzigen gewesen, die ihm zusagten. Als er sie betrachtete, hatte sein Pulsschlag sich beschleunigt. Trotzdem hätte er auch sie beinahe zurückgewiesen. Denn auch nach sechs Jahren konnte eine Wunde noch brennen, wenn man Salz auf sie streute. Doch dann hatte er den Absender gelesen. Eine Adresse in der Nähe der Westminster Bridge – was nur bedeuten konnte, dass es Lionel finanziell schlecht ging.

Nun fühlte er sich verpflichtet, Lionel den Auftrag zu erteilen. Denn dadurch konnte er ihm helfen und so vielleicht ein wenig von dem wiedergutmachen, was er ihm damals angetan hatte. Es quälte ihn noch immer, dass sein unehrenhaftes Verhalten zum Bruch ihrer Freundschaft geführt hatte.

Damit hatte er seine Entscheidung gerechtfertigt. Dann hatte er noch einmal die Skizze der Nymphe betrachtet, wie sie dem Gott huldigte. Erregung hatte ihn ergriffen.

Später hatte er einen Antwortbrief an Lionel verfasst, in dem er Einzelheiten bezüglich des Auftrags aufzählte, aber mit keinem Wort den Anlass ihres Streits erwähnte. Zum Schluss hatte er höflich angefragt, ob es ihm und seiner Schwester gut ginge.

Auch heute noch schämte er sich, wenn er an Loveday Trehearne dachte. Nie würde er aufhören zu bereuen, was er aus Selbstsucht, Dummheit und jugendlichem Leichtsinn getan hatte. Er hätte es nicht über sich gebracht, ihren Namen in einem Brief an Lionel zu erwähnen. Erst recht nicht in einem Brief, in dem es um diese besondere Art von Wandgemälden ging. Nein, er würde nicht einmal andeutungsweise etwas über Loveday schreiben.

In seiner Antwort war Lionel nur auf die Gemälde und die vorgeschlagene Entlohnung eingegangen. Er hatte allen Bedingungen zugestimmt, selbst aber auch eine Forderung gestellt: Das Honorar sollte bei der Hoare’s Bank eingezahlt werden, man würde nur schriftlich Kontakt halten und sich niemals treffen.

Das – fand Everett – legte die Vermutung nahe, dass Loveday noch in seinem Haushalt lebte.

Stirnrunzelnd wandte er sich wieder den halb vollendeten Wandgemälden zu. Bisher handelte es sich um kaum mehr als Holzkohleskizzen von fünf verschiedenen Motiven. Mit dem Auftragen der Farben würde Lionel erst beginnen, wenn er den ersten Abschlag auf sein Honorar erhalten hatte. Die Bezahlung musste dringend in die Wege geleitet werden. Denn je eher Lionel sein Geld erhielt, desto eher würden die Gemälde fertig werden. Und desto eher kann ich das Haus beziehen, dachte Everett.

Er hätte nicht hier sein sollen. Schließlich hatte er sich damit einverstanden erklärt, dass es keine Treffen geben würde. Warum, zum Teufel, war er also in das Viertel an der Westminster Bridge gegangen und hatte dort einen Ladeninhaber bestochen, damit dieser ihm die genaue Adresse verriet?

Längst hatte Everett die Summe, die er Lionel schuldete, bei der Hoare’s Bank eingezahlt. Trotzdem stand er jetzt am Eingang zu einem ärmlichen, von schiefen Häusern umgebenen kleinen Platz, einem Hof eher, der den Namen Little Frenchman’s Yard trug. Er war im Begriff, die Vereinbarung mit Lionel zu brechen, obwohl es überhaupt keinen Grund dafür gab. Es sei denn …

Verflucht, ich will Lione leben unbedingt wiedersehen! Sonst nichts.

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