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Bierquälerei

Über den Autor

Volker Keidel, 1969 in Würzburg geboren, verdingte sich mit verschiedenen Gelegenheitsjobs u. a. bei Siemens am Fließband, als fahrender Bäcker, Eisverkäufer und Pförtner einer Schwesternschule, bevor er in München Buchhändler wurde. Seit vielen Jahren organisiert er dort Lesungen und liest auch selbst bei der Veranstaltungsreihe Westend ist Kiez. Volker Keidel ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Sollte ich in diesem Buch Straftaten begangen haben, sind sie verjährt. Sollten sie nicht verjährt sein, sind sie erfunden.

Sollte ich jemand beleidigt haben, tut es mir höchstwahrscheinlich leid.

Die Namen meiner Freunde habe ich nicht abgeändert, weil mir das zu umständlich war. Auch von ihnen möchte ich nicht verklagt werden.

War ich nicht immer ein guter Freund?

Die Namen meiner Familienmitglieder habe ich verändert, obwohl ich weiß, dass sie wissen, dass bei mir nichts zu holen ist.

Bevor trotzdem jemand einen Anwalt auf mich hetzt, könnten wir doch vorher gemütlich bei einem Cola-Asbach-Stiefel über alles reden.

Inhalt

Über den Autor

Köttbullar für alle

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Hardcore

Damned

Herbal Essences

Alter Schwede

Fett to France

Bierquälerei

Bella

Mein erster Panasonic

Hochsensibel

Bierpokalsiegerbesieger

Marktwertanalyse

Fahr Bus und Bahn

Nippelvergleich

Nightswimming

Abgedichtet

6:07 Uhr

La vie culturelle

Lügenmaul

Wilde Maus

Wettnageln

Old Munich sucks

Bamberger Schlenkerla

O Tannenbaum

Kaufhauszombies

Streithühner

Billigheimer

Dr. Roberto

Li-La-Launebär

Direk

Like

Opferlamm

Bullshit Bingo

Kick it

Ziemlich beste Freunde

Platzhirsch

Comeback des Jahres – ein Roadmovie

Jackpot

Danksagung

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Köttbullar für alle

Wir stehen vor IKEA. Nie waren die Voraussetzungen besser. Durch die Weihnachtsfeiertage sind die meisten Bedürfnisse befriedigt, den Rest kann auch IKEA nicht befriedigen.

Wir haben 210 Euro Bargeld dabei und wollen ein Kinderhochbett für 140 Euro und eine Kommode für meine Trikots für 70 Euro. Da kann eigentlich nichts passieren.

Zu Mittag haben wir noch daheim gegessen.

Dieses, nur dieses eine Mal wollen wir aus IKEA rausgehen, ohne unnützen Scheiß gekauft zu haben. Und ohne Köttbullar im Magen.

Unser Plan ist super und in stundenlanger Kleinarbeit perfekt vorbereitet. Wir gehen sofort zum Aufzug und fahren in den ersten Stock.

Wir haben die Kinder dabei, und Luzie freut sich sehr auf ihr neues Bett. Seit der Autobahnauffahrt Lochhausen schreit sie in kurzen, regelmäßigen Abständen: »Hochbett, Hochbett, Hochbett!!!«

Das Geschrei treibt uns an, wir wollen so schnell wie möglich raus. Ohne Teelichte.

Mit diesem Elan erreichen wir das ersehnte Hochbett und werfen Luzie aus vier Meter Entfernung hinein. Sorry, aber das muss ein Ausstellungsstück aushalten. Hält es aber nicht.

Zum Glück passiert nicht viel, und Luzie nimmt es mit Humor, doch das Hochbett ist sprichwörtlich gestorben. Damit leider auch unser genialer Plan.

Urplötzlich haben wir 140 Euro übrig und stehen mitten im IKEA.

Jetzt ist schnelles Handeln gefragt, wir müssen den Plan überarbeiten.

Das geht am besten an einem Tisch. Im Restaurant.

Was soll’s? Ich hole eine große Portion Köttbullar für alle. Kostet fast nix mit der Family Card.

Die Besprechung verläuft entspannt. Wir essen, und die Kinder hantieren mit Spielsachen, die man glücklicherweise nicht direkt kaufen kann.

Dann hat Anna eine revolutionäre Idee. Sie könnte zwei Fächer ihrer Kommode für mich räumen, und wir müssten keine zweite kaufen.

Ich bin sofort einverstanden, will die Entscheidung aber ein bisschen feiern. Ich hole den Kindern Nudeln, Anna einen Kaffee und mir einen von diesen leckeren Daim-Kuchen.

Wir haben nur noch ein Problem. Wir müssen mit knapp 200 Euro vom ersten Stock zum Ausgang kommen. Also schlagen wir nach dem Essen die Kragen hoch, packen die Kinder in den Einkaufswagen und steuern direkt den Aufzug an. Leider schafft es Tom, durch die Stäbe des Wagens eine Stoffratte zu packen. Für 99 Cent. Anna schaut mich erschrocken an, dann nicken wir uns jedoch zu. Eine Etage überwunden für 99 Cent, das ist vertretbar.

Uns ist jedoch klar, dass die zwanzig Meter im ersten Stock der leichteste Teil unseres Weges sein werden.

Dann öffnet sich die Lifttür zum Erdgeschoss. Jeder weiß, dass die meisten Ehen im Erdgeschoss von IKEA zerbrechen.

Apropos zerbrechen: Wir sind uns einig, dass wir unbedingt Weingläser brauchen. Echt dringend! Sechs Stück für 4,49 Euro, da kann man nix sagen. Und noch dringender brauchen wir Kissen und Bezüge für unser neues, tiefergelegtes Fensterbrett und neue Gardinen.

Leider bin ich handwerklich sehr ungeschickt. Das mit den Kissenbezügen krieg ich noch hin, aber um die Gardinen muss sich Anna oder ein Profi kümmern. Sonst werden sie auf dem IKEA-Friedhof in unserem Keller landen. Neben dem Stoff-Rolo und dem Observatör. Beides hatte ich schon auf drei Flohmärkten dabei.

Weil’s eh schon egal ist und um die zappeligen Kinder einzuklemmen, werfe ich noch ein Riesen-Duschgel und ein paar Malkreiden in den Wagen.

Einige Meter weiter kann ich die Kassengeräusche hören. Plötzlich steht mir Schweiß auf der Stirn, gleichzeitig läuft es mir eiskalt den Rücken runter. Auch Anna bekommt rote Flecken im Gesicht.

Wir sehen einen Riesenberg Teelichte. Beim Weggehen habe ich mich noch stark gefühlt, als ich zu Hause einen Blick in die Teelichte-Schublade warf. Sie war randvoll.

Lächelnd gehen wir an den schwachen Mitmenschen vorbei, die die Teile beutelweise einladen.

Und dann passiert es. Ich erblicke einen Zwölferpack mit großen roten Teelichten, die total geil aussehen. Runtergesetzt von 1,69 auf 1,49 Euro. Ohne zu zögern greife ich zu und ernte einen mitleidigen Blick von meiner Frau.

Wir schleppen uns zur Kasse. Ich bezahle apathisch 67,89 Euro, obwohl wir eigentlich nichts gekauft haben. Ich werfe einen Blick auf die Rechnung und sehe, dass durch die Family Card das Duschgel um 1,30 Euro billiger geworden ist. Wie geil ist das denn? Da ist ja einer der vier Hotdogs schon wieder drin, die wir uns am Ausgang reinstopfen. Ein Abendessen für vier Personen quasi für 2,70 Euro. Wenn das mal kein Schnäppchen ist.

Trotzdem fühle ich mich benutzt und ausgespuckt, als wir vom Parkplatz rollen. Zum Glück sind wir nicht allein, auch aus den anderen Autos blicken fassungslose Gesichter.

Als ich eine weinende Frau sehe, kann ich nicht anders. Ich zeige ihr meine roten Teelichte und schmeiße sie aus dem Fenster. Sie tut es mir nach. Ein Dritter wirft seinen Beutel raus. Ein Vierter. Bald liegen Tausende Teelichte auf der Straße, alle Autofahrer hupen ausgelassen. Ich sehe sogar blaue Teelichte.

Wo hat der die denn her?

»Ist das cool!«, wiehert Anna und kurbelt ihr Fenster runter.

»Und jetzt alle die Köttbullar!«

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Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Dann steh ich heute halt mal um 4:30 Uhr auf. Das ist schon übertrieben früh, aber ich habe um zehn Uhr einen wichtigen Termin und will nichts riskieren.

Zu Schulzeiten wäre es mir egal gewesen, wenn der Bus morgens Verspätung gehabt hätte. Sogar gefreut hätte ich mich manchmal. Aber Punkt 6:50 Uhr war der »Vorläufer«, wie unser Schulbus warum auch immer hieß, da.

Ich saß immer in der vorletzten Reihe links und besetzte meinen Nebenplatz für Heike, hinter uns saß Ralf. Jede Busfahrt war irgendwie gleich, aber schön. Und pünktlich.

Erst zehn Jahre später musste ich wieder auf öffentliche Verkehrsmittel zurückgreifen. Ohne Heike und Ralf fühlte ich mich anfangs etwas verloren, aber der MVV wurde immer mehr mein Freund und brachte mich sicher zur Arbeit und in viele Kneipen.

Erst als ich aus München raus aufs Land zog und S-Bahn fahren musste, lernte ich, den MVV zu hassen. Mittlerweile kotzt mich alles an: die S-Bahn-Fahrer, die Lautsprecherstimmen und die anderen Fahrgäste.

Ich verzichte heute auf das Duschen, so kann ich eine weitere Viertelstunde herausholen. Außerdem wird mir das etwas mehr Platz in der S-Bahn verschaffen.

Ich überlege, ob ich doch lieber das Auto nehmen soll, aber wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich jetzt schon nichts als Rücklichter. Zudem bin ich zu müde zum Autofahren, in der S-Bahn kann ich wenigstens noch vier Stunden schlafen. Also fahre ich mit dem Fahrrad zum Bahnhof, eine Busfahrt will ich nicht wagen.

Um fünf bin ich am Bahnhof und mit mir das halbe Dorf. Eine Minute später höre ich die erste Durchsage: »Aus Witterungsgründen fällt die S4 Richtung Ebersberg um 5:18 Uhr aus. Der Zug um 5:38 Uhr verschiebt sich um zehn Minuten und fällt dann aus. Die S-Bahn um 5:58 Uhr kommt eventuell, wird aber sicher ganz schön voll sein. Trinken Sie ruhig einen Kaffee, ein Personenschaden ist bestimmt auch noch drin.«

Die Witterungsgründe sind ungefähr zwanzig Schneeflocken, die im gesamten Landkreis gefallen sind. Und das in diesem Jahr zum ersten Mal schon im Dezember! Naja, ich will nicht ungerecht sein, vielleicht sind alle zwanzig genau auf die Schienen gefallen.

Als ich nach 25 Minuten endlich meinen Kaffee in der Hand halte, fährt urplötzlich doch eine S-Bahn ein. Ich zucke kurz zusammen, realisiere aber schnell, dass es nicht einmal möglich ist, auf den Bahnsteig zu kommen. Bei dem Gedränge müssen ja einige auf die Gleise stürzen. Daher die ganzen Personenschäden, von wegen Selbstmord!

Zwei Stunden später sitze ich endlich in der S-Bahn. Quatsch, war nur Spaß! Ich bin schon froh, die Lichtschranke überwunden zu haben, aber die Sitzplätze sind alle von Senioren belegt, die es sich mit Kissen am Fenster gemütlich gemacht haben. Die meisten von ihnen wohnen mittlerweile in den S-Bahn-Waggons.

»Nein«, sagen sie, »ich zieh nicht mehr um. Hier will ich sterben, schließlich hab ich die längste Zeit meines Lebens hier verbracht.«

Ich dagegen möchte ganz schnell wieder raus. Neben mir steht tatsächlich einer, der Zeitung liest. Er hält die BILD fünf Zentimeter vor sein Gesicht und leckt sich die Fingerkuppen ab, bevor er umblättert. Mir wird schlecht.

Ein anderer isst innerhalb von eineinhalb Minuten zwei Birnen und zieht dabei immer wieder den Fruchtsaft durch die Zähne. Wie kann man bitte so ekelhaft sein?!

Ich bin sehr schlecht gelaunt, bis sich der Lokführer das Mikrofon schnappt.

Er scheint ein zugedröhnter Neonazi zu sein, denn er sagt allen Ernstes: »Bitte gehen Sie aus den Lichtschranken! Wir haben einen sekundengenauen Fahrplan, auch wenn es das in Ihren Ländern nicht gibt.« (O-Ton)

Ich warte noch darauf, dass er eine baldige Fahrpreiserhöhung in Aussicht stellt, aber den Gefallen tut er mir nicht. Wir bleiben dennoch 25 Minuten im nächsten Bahnhof stehen. Genau so lange, wie man braucht, um einen S-Bahn-Kutscher aus dem Fenster zu ziehen und anständig zu verprügeln.

Dann geht es schon weiter. Ich brauche ein paar Minuten, bis ich es merke, weil wir so langsam fahren. Die Rentner sind begeistert von den Weinbergschnecken, die an uns vorbeizischen.

Wenigstens telefoniert keiner. Die Verspätungen sind so alltäglich geworden, dass die Leute nur noch beim Chef anrufen, wenn sie pünktlich kommen.

Ich selbst habe es heute geschafft und bin um neun im Hugendubel. Um 9:30 Uhr ist noch keiner meiner Kollegen da. Was aber nicht so schlimm ist, weil auch noch kein Kunde da ist. Der Verlagsvertreter sagt den Termin um zehn Uhr ab. Notarzteinsatz an der Hackerbrücke.

Gegen 15 Uhr schließe ich den Laden wieder ab, hat ja keinen Sinn. Vielleicht komme ich dann heute noch nach Hause. Mit der U-Bahn klappt es ganz gut, aber am Hauptbahnhof sehe ich wieder Tausende miesgelaunte Fratzen. Es ist nur zu menschlich, dass es hier öfter mal Schlägereien gibt. Wenn man jemanden fragt, wie lange er schon wartet, oder ihn auffordert, seine Zigarette auszumachen, muss man damit rechnen, dass es gleich wehtut.

Unter all den langen Pferdegesichtern erblicke ich urplötzlich Alex von meiner Lesebühne. Freudestrahlend erzählt er mir, dass er sein Studium geschmissen habe und jetzt in der U-Bahn dealt. Keine Drogen, eher praktische Sachen wie zum Beispiel Rasierklingen. Der Handel laufe spitzenmäßig, sagt Alex, während er eine Urinflasche an einen Wartenden verkauft, der seinen guten Platz am Bahnsteig gerade nicht aufgeben will. Auch Bücher habe er im Angebot, Bestseller sei im Moment Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Hochaktuell vom Thema her und mit ein paar Tausend Seiten lang genug für eine S-Bahn-Fahrt.

Wir quetschen uns beide in den nächsten Zug. Der fährt zwar nur bis Pasing, aber weiter werde ich heute sowieso nicht mehr kommen.

»Liebe Fahrgäste«, bekomme ich auch gleich zu hören, »diese S-Bahn fährt heute nur bis Pasing. Ab Pasing gibt es Schienenersatzverkehr in alle Richtungen. Wohin genau, erfahren Sie im Bus. Reisende Richtung Mammendorf bestellen sich ab Langwied besser ein Taxi und blablabla.«

Ich versuche, gleich in Pasing ein Taxi zu bekommen, werde aber ausgelacht. Die letzten Taxis für den Feierabend würden gewöhnlich morgens gegen zehn gebucht, viele Pendler hätten auch schon eine Taxi-Monatskarte.

»Na, ich hab da was für dich!«, sagt Alex und führt mich in den Pasinger Stadtpark. Für 22 Euro händigt er mir eine Isomatte, einen Schlafsack und eine Flasche Sangria aus. Ich könne mich da neben die anderen fünfzig Leute legen, sagt Alex zufrieden. Und nein, er könne nicht noch auf ein Gläschen bleiben, er müsse schließlich heute Nacht im Landkreis noch einige Schneekanonen einschalten, ein paar Weichen umstellen und Schaufensterpuppen auf die Schienen legen. Fürs Geschäft.

Beim Einschlafen muss ich an Heike und Ralf und den Vorläufer denken.

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Hardcore

An diesem Abend war ich so richtig platt. Sonst ist das nicht meine Art, aber ich wollte nur noch heim aufs Sofa. Fernbedienung, Glotze an, berieseln lassen. Notfalls wäre auch ein Fußballspiel okay.

Mann, war ich geschafft von meiner Arbeit als … naja, als Buchhändler. Aber auch wir haben mal schwere Bücher zu tragen oder schwierige Kunden zu beschimpfen. Und was wir immer alles lesen müssen. Schwere Kost!

Jedenfalls schleppte ich mich mit letzter Kraft heim und erwartete Streicheleinheiten. Dazu vielleicht eine schöne Lasagne und ein schwerer Wein. Passend zum Tag und um besser einschlummern zu können.

»Ach, hallo!«, begrüßte mich Anna. Ich wunderte mich über das »Ach«, aber nicht lange.

»Du musst noch was einkaufen, bevor du kochst. Und nimm Tom mit. Ich muss mich kurz von ihm erholen. Wahrscheinlich wird er krank, so mies gelaunt wie er ist!«

Als ich Tom seufzend auf den Arm nahm und ihn anlächelte, zögerte er nicht loszuweinen und mir auf mein neues Hemd zu kotzen.

Na spitze. Optimale Voraussetzungen für ein tolles Shoppingerlebnis: beide ultramüde, beide gereizt, dazu noch eine Kotzoption von Tom.

Um die Sache abzurunden, hörte er nicht auf zu plappern. Meine Freunde munkeln schon, Tom wäre nicht von mir. Weil er so viel redet. Und so blond ist. Und gutaussehend.

Seit er zwei ist, duelliert er sich täglich mit seiner Mutter. Sieger ist, wer die meisten Silben in 24 Stunden unterbringen kann. Silben deshalb, weil er noch nicht allzu viele sinnvolle Wörter und Sätze zustandebringt. Aber bevor er sich die Blöße gibt, gar nichts zu sagen, sagt er lieber irgendetwas.

So auch, als wir den Supermarkt betraten. »Blablabla, Auto, blablaba, Baby, blablabla, Saft …« usw., lediglich unterbrochen von meinem scharfen »Jetzt halt die Klappe!« und »Bitte, Tommy!«.

Die anderen Kunden nahmen uns jetzt auch wahr.

Bis zu diesem Zeitpunkt fand ich es immer lustig, wenn Tom versuchte »Traktor« zu sagen. Oft zeigte ich ihm Traktoren aus Zeitschriften oder Bilderbüchern, nur um ihn »Traktor« sagen zu hören. In diesem Moment hatte ich keine Lust darauf, aber Tom hatte den Spielzeugtraktor schon erblickt und wollte ihn haben.

»Hardcore!«, schrie Tom durch die Gänge. »Hardcore!«

Alle schauten uns an, eine ältere Frau schüttelte den Kopf, ein jüngerer Anzug-Typ tippte eine Nummer in sein Handy. Die vom Jugendamt, wie ich vermutete.

»Traktor«, sagte ich leicht dümmlich, »er meint Traktor.«

»Nein, Hardcore!«, schrie Tom und weinte bitterlich und sehr laut. »Hardcore, Hardcore!«

Jetzt wurde es mir zu bunt.

»Ich geb dir gleich Hardcore!«, schrie ich zurück. »Du kriegst keinen Traktor, du hast schon drei zu Hause!«

Jetzt wollte auch der Filialleiter wissen, was da los war, und kam aus seinem Büro.

Weil Tom hardcoremäßig weiterblökte und weil es langsam peinlich wurde, zog ich ihn etwas unsanft am Oberarm. Er wollte sich natürlich losreißen, und ich zwickte ihn dabei unabsichtlich, aber ziemlich fest.

Seine Augen füllten sich abermals mit Tränen, und mir schwante Böses.

»Nicht zwicken!«, wollte Tom schreien, der kleine Analphabet. Weil ihm jedoch das »Z« und das »W« in Kombination anscheinend noch etwas Schwierigkeiten bereiteten, ersetzte er die beiden Buchstaben kurzerhand durch einen anderen. Tom wählte das »F«.

»Nicht ficken, Papa!«, schallte es durch alle Flure.

»Psst, Tommy!«, flüsterte ich.

»Nicht ficken, Papa! Nicht ficken!«, plärrte Tom.

Fünfmal, zehnmal, er hörte nicht mehr auf.

Jetzt kamen alle, alle wollten den Kinderschänder sehen. Das kannten sie aus dem Fernsehen. Jetzt hieß es Zivilcourage beweisen.

Ich warf alle Lebensmittel von mir, packte mein Kind und rannte Richtung Ausgang.

Als ich die Kasse passierte, hörte ich einen Piepton, und schwupps hatte mich der Hausdetektiv am Kragen.

Tom hatte den Traktor noch in der Hand. Und begann zu kotzen.

Hardcore, die aufgebrachte Meute war auch schon da. Ein Teil beschimpfte mich aufs Übelste, ich musste Tom die Ohren zuhalten, wer weiß!?

Die anderen verständigten die Polizei.

Eine Viertelstunde später saß ich auf der Polizeiwache. Anna erschrak am Telefon ein bisschen, dass man mich wegen Diebstahls und Kindesmissbrauchs, anzeigen wollte.

Bevor sie jedoch mit der Kaution vorbeikam, hatte ich den Polizisten bereits von meiner Unschuld überzeugt. Ich hatte Tom gezwungen beziehungsweise gefungen, folgende Wörter zu sagen: Zwerg, Zwiebel, Zwangsumtausch, Zwölffingerdarmgeschwür und Zweckrationalität.

Als Anna die Wache betrat, fand sie den Polizisten und mich lachend am Boden.

»Weißt du, wo er geboren ist?«, brachte ich gerade noch hervor. »In Zwickau!«

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Damned

Die Interessen haben sich verschoben. Wenn man früher eine Party besuchte, unterhielt man sich wenig. Ab und zu fragte man mal, ob denn die eine da mit den schönen Brüsten einen Freund hätte. Aber viel wichtiger war es, dass man wusste, wo es Bier gab. Erst wenn das Bier dann irgendwann aus war, stellte sich heraus, wer ein Checker war. Entweder man hatte selbst Bier gebunkert oder man wusste, wo andere Bier gebunkert hatten. Erfahrungsgemäß wurde immer etwa ein Drittel des Gesamtvorrats versteckt. Manchmal fand mein Vater Wochen später noch Bier im Heizungskeller oder im Steingarten.

Heute trinken teilweise sogar die Männer Prosecco oder Weißweinschorle, dafür unterhalten sie sich umso mehr. Doch weder über Geschlechtsteile noch über Fußball.

Meist geht es gleich zur Sache: »Und, habt ihr schon gedämmt?«, sagen sie, oder: »Macht ihr auch ’ne Dreifach-Verglasung?« oder: »Macht ihr das Dach gleich mit?«.

Auch getanzt wird nur noch sehr selten, die Wärmedämmung unserer Häuser ist viel zu wichtig geworden. Allein unser Freundeskreis hat meines Erachtens diverse Industriezweige gerettet.

Überall stehen geklonte Grüppchen herum, genau wie die musizierenden Indios in den Fußgängerzonen. Im Vorbeigehen hört man Fachausdrücke wie »18er Platten«, »Leibung« und »Aufdachdämmung«. Und das Schlimmste ist, dass ich diese Wörter mittlerweile verstehe.

Deshalb gehe ich schnell in die Küche. Es gab Zeiten, da war die Küche das Herzstück jeder Party. Heute herrscht hier gähnende Leere.

Denn solange man isst, kann man sich nicht über Dämmung unterhalten. Ich stehe alleine in der Küche und stopfe Häppchen in mich rein. Im letzten Jahr habe ich sieben Kilo zugenommen. Wegen mir müssten wir nicht dämmen.

Nach dem Essen suche ich die Kiffergruppe. Die gibt es auf jedem Fest, sogar noch in unserem Alter. Die Jungs reden nicht viel, schon gar nicht über Dämmung. Eher über Dröhnung.

Ich sage: »Yo, man!«

Vielleicht geht ja doch ein Fußballgespräch, aber so sehr ich auch suche, ich bin der Einzige im Trikot.

»Wie tief habt ihr draußen in die Erde reingedämmt?«, erwischt mich André auf dem falschen Fuß.

»Dreißig Zentimeter, das ist Standard in Mitteleuropa«, reagiere ich routiniert, »da musst du fünfzig Zentimeter tief graben.«

Damit er keine weiteren Fragen mehr stellt, lege ich nach: »Unser Gerüst bleibt noch bis zum Frühjahr stehen, die Armierung und der Putz müssen noch drauf. Dann noch die Solaranlage. Nein, nur für Warmwasser, keine Photovoltaig-Anlage. Wenn wir fertig sind, werde ich 120 Kilo wiegen und drogenabhängig sein, aber in Therapie muss ich dann sowieso.«

Ich klinge ein bisschen unfreundlich, aber es klappt. André sucht sich eine andere Gruppe.

Mit einem locker flockigen »Wir dämmen nächsten Sommer!« klinkt er sich in die lustige Runde ein.

Ich stehe wieder alleine da, aber ich bin es eigentlich gewohnt.

Bevor wir gedämmt hatten, bekamen wir selten Besuch. Im Winter kam jeder nur ein Mal, und auch dieser Besuch war oft sehr ungemütlich. Es ist einfach nicht schön, wenn die Gäste zum Essen in der Daunenjacke dasitzen.

Gut, mollig warm war es nicht, aber man muss es uns auch nicht gleich so reindrücken.

»Ich habe einen nervösen Magen, gib mir lieber ein Bier aus dem Kühlschrank, kein zimmerwarmes«, sagten sie und gackerten dann minutenlang über den Begriff »zimmerwarm«. Zum Brüllen!

Zugegeben, es ist angenehm, wenn man die Suppe heiß vom Herd bis in den Teller bringt, und Mikado spielen geht ohne Fäustlinge auch besser, aber nicht alles war früher schlecht.

Die Wärme von unseren Heizkörpern zog direkt durch die Fenster in unseren Garten, der dafür dann auch im tiefsten Winter noch schneefrei war. Als Einziger im Landkreis.

Ach, wie neidisch waren die Nachbarn, wenn wir am dritten Advent unsere Kiwis pflückten. Herrlich!

Dafür können wir jetzt aufgrund der Dampfsperren mit dem Kondenswasser einen großen Teil der Zimmerpflanzen gießen. Hat was.

Die Umwelt freut sich auch und erst recht der Geldbeutel. Statt 120 Euro Heizkosten jetzt nur noch 40 Euro. Ich habe ausgerechnet, dass wir die Sanierungskosten schon in 108 Jahren wieder drin haben.

»Hey, Keidel, wie viel hat eure neue Haustüre gekostet?«, flüstert mir plötzlich jemand ins Ohr.

Ich erschrecke kurz, aber es ist nur Detlef, ein entschiedener Gegner des Dämmens.

Schon bevor das Dämmen modern wurde, fragte mich Detti auf jedem Fest, ob es das jetzt wohl gewesen sei: Familie und Sonntagsausflüge und unsere Scheißdoppelhaushälften.

Es ist wie ein Ritual. Ich sage dann immer »Ja, das war’s«, und daraufhin betrinken wir uns, ohne noch mehr zu reden.

Heute jedoch will Detlef plaudern.

»Los, trink, du Schwein«, sagt er und gibt mir ein Bier.

Jetzt gesellt sich Tini zu uns. Andrés Frau, sie wird im Sommer dämmen.

Tini ist jedoch mehr so der Künstler-Typ. Ihr ist die Dämmung egal, Hauptsache, sie kann sie schön anmalen.

Auch sie ist frustriert von Klon-Gruppe zu Klon-Gruppe gegangen und hat sich danach Schnäpse reingezogen.

Sie spürt ebenfalls intuitiv, dass für sie das nächste Jahr in Sachen soziale Kontakte gelaufen ist. Ihr ist klar, dass sie sich, will sie nicht über Wärmeschutz reden, mit Detti und mir unterhalten muss.

Sie lächelt uns an und gießt sich noch einen Obstler in den Bierkrug.

»Ihr wart mir noch nie so nah!«, sagt sie mit Tränen in den Augen.

Und dann: »Ich glaub, ich geh heim.«

»Damned«, sagt Detti.

»Damned«, sage ich.

»Kiffen?«, fragt Detlef, ich nicke, und wir gehen nach draußen.

Das dauert ein bisschen länger als sonst, weil die Dämmung so dick ist.

Vor der Tür steht Breiti. Er nimmt trotz seines Namens keine Drogen, schaut aber dennoch glücklich aus. Ich stutze kurz, dann fällt es mir wieder ein. Er wohnt zur Miete.

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Herbal Essences

Es gibt wenig Schlimmeres als in der Badewanne zu liegen und die Lektüre vergessen zu haben. Aufstehen und Abtrocknen kommt nicht in Frage, also ist Langeweile angesagt.

Klar könnte ich an meinem überragenden Körper herumspielen, wenn er schon mal in seiner ganzen Astralität vor mir liegt. Aber ich widerstehe, ich habe keine Lust auf mich.

Deshalb glotze ich so vor mich hin. Ich sehe eine gelbe Entenfamilie, ein Playmobilboot mit Besatzung und einen Gummiwal, der innen hohl ist und vorne ein Loch hat zum Wasser ansaugen und rausspritzen. Aus dem Alter bin ich raus.

Ich nehme den Wal, fülle ihn mit Wasser und gebe den Enten Saures. Besonders den süßen Entenbabys. Weil ich so wütend bin wegen der vergessenen Lektüre. Das tut gut. Aber nur kurz, weil ich aus dem Alter raus bin.

Ich schaue mich weiter um. Aha, ein Gillette Mach 3. Ich denke kurz über eine Ganzkörperrasur nach, aber das gibt immer eine Riesensauerei, und das Nachwachsen juckt so.

Bleiben noch diverse Duschgels, Shampoos und Spülungen. Ich nehme ein Shampoo von Herbal Essences in die Hand. Wenigstens irgendetwas zum Lesen.

Ich beginne mit den Ingredients: Aqua, Sodium Laureth Sulfate, Sodium Lauryl Sulfate, Sodium Chloride, PPG-2 Hydroxyethyl, Citric Acid, Propylene Glycol, Benzyl Benzoate, CI

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Viel Spaß!



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