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Bienenleben

Über Sarah Wiener

Sarah Wiener wurde 1962 geboren und wuchs in Wien auf. Das Kochhandwerk erlernte sie Ende der 70er Jahre in den Künstlerrestaurants ihres Vaters, dem Schriftsteller Oswald Wiener, in Berlin. Seit vielen Jahren engagiert sie sich für den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen sowie für ein ethisch-ökologisches Ernährungsbewusstsein in unserer Gesellschaft. Sarah Wiener führt ein Restaurant in Berlin mit ausschließlich regionalen Zulieferern, eine Bio-Holzofenbäckerei und hat sich im Jahr 2015 – um den Kreislauf vom Acker auf den Teller zu schließen – ihren Jugendtraum erfüllt und ist gemeinsam mit Partnern auf dem uckermärkischen Gut Kerkow im Norden von Berlin unter die Bauern gegangen. Sie ist Beirätin von Cradle 2 Cradle und Botschafterin für biologische Vielfalt. Außerdem arbeitet sie mit Ihrer Stiftung daran, Kinder für gute Ernährung zu begeistern. Mit »Ich kann kochen« hat die Sarah Wiener Stiftung 2016 Deutschlands größte praktische Ernährungsinitiative gestartet.

Informationen zum Buch

»Am Schicksal der Bienen ist all das zu beobachten, was das Beziehungsgeflecht Mensch – Tier – Pflanze ausmacht.« Sarah Wiener.

Sarah Wiener, Köchin, Nachhaltigkeitsikone, Biobäuerin, Imkerin entführt uns in die faszinierende Welt der Bienen, die ein maßgeblicher Indikator für die Gesundheit unseres Lebensraumes sind. Ihr Credo: Bienenvölker sind komplexe Persönlichkeiten, sie verfügen über spezifische Charaktere und Eigenschaften, und sie können uns lehren, wie ein funktionierendes Gemeinwesen mit Werten wie Solidarität, Vertrauen, Arbeitsteilung und Demokratie entsteht.

Sarah Wiener nimmt uns mit auf eine abenteuerliche Reise durch den Lebenszyklus eines Bienenvolkes und beschreibt, welche Bedeutung das Imkern und die Beschäftigung mit den Bienen für sie haben.

Sarah Wiener

Bienenleben

Vom Glück, Teil der Natur zu sein

Für Norbert Poeplau, Freund und Mentor, der den Bienen und ihrer Stärke vertraut und auch nie das Vertrauen in die schwierige Spezies Mensch verliert.

Vorwort. Von den Bienen lernen

Wie kommt es, dass die Bienen plötzlich in aller Munde sind? Ihr mögliches Aussterben beklagt wird? Petitionen verfasst, politische Entscheidungen zu ihrem Schutz getroffen werden, wie das EU-Verbot von Pestiziden, die Hummeln, Bienen und Schmetterlinge töten? Dass große Pharmakonzerne sogar eigene Abteilungen unterhalten, in denen die Auswirkungen von Pestiziden auf die Bienen untersucht werden (nicht ohne Eigennutz versteht sich; kann man beweisen, dass es den Bienen zum Beispiel trotz Glyphosat gut geht, drohen keine finanziellen Einbußen, Klagen oder gar Verbote).

Ältere Semester, wie ich eines bin, sind mit Wochenendfahrten im VW Käfer und der Ente aufgewachsen, wobei man alle fünfzig Kilometer an eine Tankstelle heranfahren musste, um die völlig verschmierte Windschutzscheibe zu reinigen. Man konnte nichts mehr erkennen vor lauter toten Insekten, darunter kleine und große Flatschen in gelb, rot und braun, von Faltern, Schmetterlingen, Käfern, Libellen, Wildbienen und Wespen. Die Scheibe wurde damals noch vom Tankwart gesäubert. Tanken, Scheibenwischen, nach dem Öl schauen. Trinkgeld geben und danken. Heute undenkbar.

Als Kind spielte ich auf den Wiesen im Wiener Prater im Zweiten Bezirk, eine Schnellbahnstation von meiner Wohnung entfernt. Ich liebte es als kleines Mädchen, hin und her zu rennen, um die zahlreichen Heuschrecken zum Hüpfen zu bringen. Nun kann ich mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen Grashüpfer in meiner unmittelbaren Umgebung gesehen habe. Auch den obligatorischen Blumenstrauß (mit viel zu kurz abgerissenen Stängeln) für meine Mutter mit all den Wiesenblumen kann ich heute nicht mehr pflücken; es gibt kaum Wildblumenwiesen mehr an meinem Wohnort.

Unser derzeitiger Fokus in der Nahrungsmittelindustrie liegt auf der normierten Reproduzierbarkeit, Lagerfähigkeit und Effizienz (also z. B. Ertrag). Wir wollen alles jederzeit verfügbar haben, sagt der Handel. Wir wollen mehr. Zuhause lassen wir die Fächer im Kühlschrank und in den Regalen überquellen, um alle paar Tage Verdorbenes und Angeschrumpeltes in einer Art innerer Reinigung und Erleichterung in den Müll zu werfen, um dann gleich wieder loszuziehen und alles wieder vollzumachen.

Dieses Mehr erreichen wir vor allem durch zusätzliche Flächenversiegelung, durch Kunstdünger und Kraftfutter, durch das Ignorieren der Bedürfnisse unserer Mitlebewesen und nicht zuletzt durch Medikamente und Hormone.

Früher war es gang und gäbe, den Vögeln und anderen Tieren mindestens zehn Prozent an Früchten, Getreide und Gemüse zu überlassen. Zum einen ergab sich das aus der manuellen Ernte von selbst, zum anderen war es ein christlicher Standpunkt, seine Ernte mit anderen zu teilen oder ihnen zumindest vom Reichtum etwas abzugeben. Wir waren uns im Klaren, dass wir Teil der Natur sind und nur mit ihr zusammen gesund und zufrieden bleiben würden.

Das Miteinander löst sich auf. Stattdessen erobert der Kampf gegen die Natur die Welt. Sie muss gezwungen werden, uns zu dienen. Viele haben eine Sehnsucht nach Verwurzelung und Einfachheit. Nach einem Essen, das Jahrtausende lang unsere Lebensbasis war, nach Landschaften, die dem Auge schmeicheln und die Nase glücklich machen. So ist auch eine Bewegung entstanden, bei der die Biene zur Sympathieträgerin wurde, weil sie symptomatisch zeigt, wie sehr wir uns schon von unseren Wurzeln entfernt haben.

Man kann jedoch nicht ein Insekt schützen wollen und die anderen ignorieren. Kein Insekt, kein Lebewesen überlebt im leeren Raum. So wie wir die Natur zum Überleben brauchen, Luft und frisches Wasser, so trifft dies auch auf die Insekten zu. Wir alle brauchen das Lebendige. Man kann nicht Insektenvernichtungsmittel streuen und es als Schutz deklarieren. Insektengift ist genau das: ein Gift. Gerade Wildbienen mit ihren zahlreichen erstaunlichen Fähigkeiten und Strategien, wie überhaupt alle Insekten, werden von den meisten Menschen immer noch kaum bestaunt und als schützenswert betrachtet. Wir erleben Insekten höchstens als lästig oder gar gefährlich. Kaum einer von uns nimmt sich die Zeit, diese kleinen Dinger genau anzusehen und zu beobachten. Jemand, dem wir nur schwer ins Aug schauen wollen und können, berührt meist nicht unsere Seele.

Anders ist es bei der Honigbiene, die wir meistens meinen, wenn wir von Bienen sprechen. Ihre Lobby wächst von Jahr zu Jahr. Und das ist gut so, denn sie hilft – so hoffe ich jedenfalls – langfristig auch dem Schutz aller Insekten. Wer kennt nicht »Die Biene Maja und ihre Abenteuer«, Waldemar Bonsels Buch, das 1912 seinen Siegeszug um die Welt antrat und in über vierzig Sprachen übersetzt ist, oder die Zeichentrickfilm- und Comicadaptionen aus den Siebzigern? Die Honigbiene ist uns als liebenswertes Insekt vertraut. Die Botschaft lautet: Fleißige Bienchen tun uns viel Gutes, indem sie eine enorme Bestäubungsleistung vollbringen. Mit Bienen assoziieren wir also grundsätzlich positive Eigenschaften. Vielleicht weil sie keine Nahrungskonkurrenten des Menschen sind wie die Wespen und eine gänzlich andere ökologische Nische besetzen als diese? Oder weil sie nicht freiwillig unsere Nähe suchen und auch nicht mit Vorliebe in unserem Badezimmer oder Keller überleben wollen, wie es Silberfische oder Kakerlaken gerne machen und uns suggerieren, dass sie, wie zum Beispiel die Kopfläuse, von ein bisschen zu viel Schmutz profitieren (was nachweislich so nicht stimmt).

Aber was wissen die meisten Menschen wirklich über Bienen? Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umhöre, und selbst bei befreundeten Hobby- und Profiimkerinnen und -imkern, dann wird mir bewusst, wie wenig wir über das Wesen der Bienen, ja überhaupt Insekten wissen und wie viele (Vor-)Urteile über sie existieren.

Ich habe gestaunt, als ich erfuhr, dass die Honigbiene sich wohl aus fleischfressenden Wespen entwickelt hat und dann im Laufe von Jahrmillionen zur Vegetarierin wurde. Die Biene ist eines der ältesten Tiere dieser Welt. Die ersten Funde echter Honigbienen aus Mitteleuropa stammen aus der Übergangszeit vom Oligozän zum Miozän vor rund dreiundzwanzig Millionen Jahren. Aus einer Zeit, als sich das zuvor eher kühlere Klima erwärmte, die Polkappe zeitweise völlig verschwand und die Meeresspiegel anstiegen. Und sie ist immer noch da! In Europa war es damals feuchtwarm wie in den Subtropen mit immergrünen Laubwäldern aus Eichen, Lorbeergewächsen, Magnolien, Kiefern, Feigen und Rattanpalmen.

Honig sammelten bereits die Steinzeitmenschen, wie Felsmalereien in Anatolien und bei Valencia beweisen, die vor etwa achttausend Jahren entstanden. Neben Früchten gab Honig ihnen die begehrte, seltene Süße in der Nahrung. Mit Honigbienen geimkert haben sie recht sicher noch nicht. Damit begannen – in verschiedenen Abstufungen – wohl erst die alten Ägypter vor rund sechstausend Jahren. Jahrtausendelang lieferten Bienen uns Menschen die Süße, bevor die aus Zuckerrohr und später aus Rüben gewonnene ihren Siegeszug um die Welt antrat. Zunächst ging die Honiggewinnung mit der Ausrottung des ganzen Bienenvolkes einher und war meist sehr schmerzhaft und gefährlich für den Honigerntenden (auch wenn sich mit der Zeit bei den Honigräubern sicher eine Art Resistenz gegen das Bienengift entwickelte). Über die Zeit hat man gelernt, Völker in Baumlöchern zu halten. Mit diesem sogenannten Zeideln erreichte die Honigproduktion in Europa im Mittelalter ihren Höhepunkt. Später begannen die Imker, Beuten, also spezielle Behausungen, aus Stroh, Dung oder Holz zu bauen und die Honigwaben so herauszuschneiden, dass das Volk zwar geschwächt wurde, aber meist überleben konnte. Von Anfang an waren alle Bienenprodukte auch Medikamente und Bestandteil zahlreicher anderer Anwendungen: Salben, Abdichtungen, Werkzeuge, Kerzen und Kosmetika. Kaum einem Tier haben wir so viel und Vielfältiges zu verdanken wie der Honigbiene.

Die wilden Schwestern der Honigbienen, die Wildbienen, die überwiegend keine Staaten bilden und deshalb auch keinen Honig produzieren, gibt es sogar noch viel länger. Man hat in Bernstein eingeschlossene Bienen entdeckt, die vor ungefähr hundert Millionen Jahren lebten, in der Kreidezeit, als Dinosaurier die Erde bevölkerten. Blütenpflanzen aus dieser Zeit weisen bereits Merkmale auf, die auf eine Bestäubung durch Bienen schließen lassen. Nun, die Dinosaurier sind längst ausgestorben. Aber die Biene hat dank ihrer Eigenschaften, ihrer Anpassungsfähigkeit und ihrer Qualitäten bisher überlebt. Doch sie ist in Gefahr. Denn nicht nur die Biene hat es geschafft, die Welt so ausdauernd und über alle Kontinente verteilt erfolgreich zu bevölkern. Der Mensch steht ihr historisch gesehen in seiner Erfolgsgeschichte in nichts nach. Doch gerade der Mensch ist zur größten Gefahr für die Biene geworden. Wenn wir nicht achtsam und respektvoll mit unseren Mitgeschöpfen sind und uns über deren wesenhafte Bedürftigkeit nicht klar werden, dann wird der Mensch es in absehbarer Zeit schaffen, die Wildbienen und vielleicht auch die Honigbiene auszurotten.

Zwar können Imker Verluste von Honigbienen schnell ausgleichen, teilen noch vorhandene Völker zu neuen, mischen die Reste schwacher mit stärkeren – als wär’s ein Kuchenrezept – oder kaufen zum Beispiel neue, künstlich befruchtete Königinnen, um das Volk wieder zu vermehren und zu verjüngen. Doch haben wir ein Stadium erreicht, in dem die Honigbiene kaum ohne den Eingriff der Menschen, ohne medikamentöse Behandlungen und Zufüttern überleben würde. Unterstützen wir damit die Bedürfnisse der Bienen oder nur unsere eigenen? Verstehen wir, was das mit ihnen macht? Vor allen Dingen: Verstehen wir, dass am Schicksal der Biene all das zu beobachten ist, was das Beziehungsgeflecht Mensch-Tier-Pflanze-Umwelt ausmacht? Seelische Begegnungen, die vermutlich keine Wissenschaft untersuchen kann, eine tiefe Verbundenheit mit der Natur und damit mit unseren Wurzeln? Verstehen wir wirklich, was alles schiefläuft und so beschädigt wird – und zum Teil auch schon ist –, dass es eine lebenswerte Zukunft unserer eigenen Spezies gefährdet? In der Natur ist alles mit allem verbunden. Die Biene ist nur ein kleiner Teil, der das große Ganze widerspiegelt.

Was also können wir von den Bienen lernen? Können sie uns zeigen, auf welchem Weg wir uns befinden? Können Bienen ein Vorbild für uns, für unsere Art des Zusammenlebens und sogar der Kommunikation sein? Dass ein gerechtes Miteinander die erfolgreichere Strategie für alle Seiten ist, ist eine Botschaft, die gehört werden sollte. Die Biene macht vor, wonach wir uns sehnen. Im Laufe der Evolution hat sie sich von einem kleinen Raubtier zu einem partnerschaftlichen, fürsorglichen Insekt entwickelt, das eine symbiotische Beziehung zu Pflanzen und Blüten eingeht, ohne diese zu zerstören. Auch mit ihren Schwestern und Brüdern geht sie eine friedvolle und lustvolle Arbeitsteilung ein, die dem gesamten Volk dient und damit ihr selbst – von der Königin bis zur popeligsten Jungmade. In einem Bienenvolk, das am Verhungern ist, wird der letzte Honig schwesterlich gerecht geteilt. Keiner zwackt heimlich für sich etwas ab. In der größten Not geht ein Volk gemeinsam zugrunde. Selbst wenn es denn zwei verfressene Bienen gäbe, die sich die doppelte Portion erschlichen hätten, würde das ja nix nützen: Was will man allein auf der Welt? Ohne Schutz, Wärme und Aufgabe? Sie würden nur wenig später zugrunde gehen.

Als Superorganismus sorgen die Bienen für ein langfristiges und nachhaltiges Überleben künftiger Generationen, die sie selbst nie kennenlernen werden. Dafür ist ihre Lebensspanne zu knapp bemessen. Die Bienen sind Bestandteile eines großen Ganzen. Um die Bienen zu verstehen, braucht es den Blick aufs ganze Volk und dessen Funktion. Dieses erfolgreiche, unabdingbare Zusammenleben und Zusammenwirken ist etwas, was uns Menschen schon immer fasziniert hat. Von der Honigbiene können wir lernen, dass eine partnerschaftliche Win-win-Situation evolutionär gesehen einfach eine sinnvolle Strategie für alle Beteiligten ist. Bienen haben kein Ego. Es wird nichts aufgerechnet und niemand übervorteilt.

Ich finde das tröstlich. Könnte diese einfache Erkenntnis nicht auch uns Menschen zum Vorbild dienen? Ich bin ein grundsätzlich optimistischer Mensch. Deshalb glaube ich an die Lernfähigkeit des Menschen, sich zum Guten zu entwickeln und Fehlentwicklungen auszugleichen. Die Biene, und ganz besonders die Wildbiene, kann uns als Seismograf dienen. Wir können an ihr begreifen, was nicht gut läuft und was wir korrigieren sollten.

Wir können beim Beobachten eines Bienenvolkes aber auch das tiefe Glücksgefühl angesichts einer intakten Natur genießen. Wenn ich draußen in der Uckermark bin und meine Bienen besuche und anderes fliegendes, kriechendes und hüpfendes Leben um mich wahrnehme, dann geht es mir gut. Und wenn ich schließlich meine Bienen gleichmäßig summen höre, weiß ich, dass wir zusammengehören, dass wir eine kleine Gemeinschaft sind, die ich beschützen will und von der ich lernen möchte. Das ist der Grund, weshalb ich dieses Buch geschrieben habe.

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Grantelnde Biester, die stechen

Zu den Bienen gehen heißt für mich, das Handy unbedingt auszuschalten, denn das mögen sie gar nicht. Keine Eile zu haben und allen Ärger beiseite zu packen hilft enorm, wenn man nicht gestochen werden will. Bienen sind sensibel und merken die Stimmung, in der man sie besuchen kommt. Ich höre das feine Summen, beobachte ein bisschen das emsige Treiben in der Luft und vor allem am Abflugbrett. Dann öffne ich den Deckel des »Bienenhauses«. Manche Bienen fliegen kurz erschreckt auf, manche blicken mich neugierig an, Auge in Auge – und wenn das Wetter passt und ich gut gelaunt bin, dann weiß ich: Vorm Stechen muss ich mich nicht fürchten. Ich nehme einige in die Hand, fahre mit einem Finger sanft über die erstaunlich warmen, leicht pelzigen Bienenkörper und bin wie immer fasziniert von diesem summenden, warmen, haarigen und wuseligen kleinen Leben, das ich in meinen Händen halte.

Das war nicht immer so. Als ich klein war, hatte ich sehr viel Angst vor Bienen. Das lag wohl zum einen daran, dass ich sie von Wespen nicht unterscheiden konnte. Wespen sind aggressiver, essen Fleisch und sind sozusagen unsere Nahrungskonkurrenten. Wer je im Spätsommer draußen im Garten ein Picknick gemacht hat und seine Limo, die Wurstsemmel oder das Stück Kuchen nicht freiwillig teilen wollte, weiß, was ich meine. Zum anderen lag es an einem Erlebnis aus meiner Kindheit, das sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat.

Es war an einem heißen Ferientag in der Lobau an einem wilden, stehenden Seitenarm der Donau in einem FKK-Dorf mitten in Wien. Dort verbrachte meine Mutter oft zahllose Sommertage mit uns drei Geschwistern Una, Adam und mir. Ich war ungefähr sieben oder acht Jahre alt. Adam hatte ein kleines aufblasbares Segelboot aus Plastik geschenkt bekommen, das so klein war, dass es nur Platz für den Oberkörper gab. Die Beine baumelten über den Rand ins Wasser. Nach harten Kämpfen hatte ich es endlich auch einmal erobert. Selig lag ich auf dem Rücken und paddelte mit meinen Händen, um ein wenig vorwärtszukommen. Neben mir schwamm die ganze Familie. Ziel: das gegenüberliegende Ufer. Einen guten Kilometer entfernt. Ich fühlte mich als Kapitänin der Welt, die sicher und entspannt über die Weltmeere segelte. Na ja, ich denke, das dachte der Kapitän auf der Titanic auch. Mein Eisberg näherte sich mir in Form eines rasend schneller werdenden Summens.

»Eine Biene!«, schrie ich auf und schlug wild um mich. Je näher das Insekt kam und mich umkreiste, desto panischer wurde ich. Verzweifelt fuchtelte ich mit Händen und Füßen herum. Ich war ja im Boot gefangen und konnte nicht weglaufen.

»Die tut nix, die Biene!«, rief meine Mutter im Wasser neben mir. »Hör auf herumzufuchteln und lass sie vorbeifliegen.«

Das war so ungefähr, als hätte man mir gesagt, ich soll einen knurrenden, kläffenden Kampfhund ignorieren, der an seiner Kette reißt und mich anspringen will. Ich hörte zwar die beruhigenden Worte, aber noch lauter hörte ich das immer aggressiver werdende Summen der Biene, die von Sekunde zu Sekunde bösartiger wurde.

Und dann, erwartungsgemäß und wie befürchtet, stach sie zu. Mitten in meinen Bauch. Au. Der Schmerz war unmittelbar und gewaltig, scharf und brennend. Ich schrie auf und wollte nur noch ans Ufer zurück. Mein ganzes Paddelglück war dahin. Während ich hysterisch kreischte und meinen anschwellenden roten Bauch anschaute, in dem der Stachel noch steckte, zog meine Mutter das Boot aus dem Wasser. Ich sank auf ein Handtuch, und sie entfernte den Stachel. Ich hatte es gewusst! Gemeines Vieh! Apathisch vom vielen Weinen lag ich da und glaubte mindestens zu sterben. So groß wie mein Theater war, musste der Schmerz einfach unermesslich sein. Ich wollte mich ja nicht lächerlich gemacht haben. In mein Hirn hatte sich dieser Stich eingebrannt.

Von da an fürchtete ich mich viele Jahre lang vor jeder Biene, überhaupt vor allen Insekten, die stechen. Gut, die Gelsen, die es bei uns reichlich gab und die so viel kleiner waren, erschlug ich noch bravourös und lässig. Aber alles, was ein bisschen größer war, machte mir Angst. Egal, ob sie mir wirklich nahe kamen und mich umsummten oder einfach nur vorbeiflogen. Immer hatte ich einen kurzen Moment der Panik, dass sich eins dieser Biester auf mich stürzen und zustechen könnte. Ich war fest überzeugt: Insbesondere Bienen, aber auch Wespen sind unberechenbare Monster, die es einzig darauf abgesehen haben, uns Menschen Schmerzen und Pein zu bereiten. Eine Allianz des Grauens.

Doch eines musste ich ihnen zugestehen. Sie gaben uns auch den Honig. Bei uns zu Hause gab es ihn immer in halbkilogroßen Pappbechern. Leuchtend gelbklebrige Sonnenblumenhonigbrote waren die Freude meiner Kindheit. Oder Heidehonig, den meine Mutter besonders liebte, weil sie aus Ostwestfalen kam und als Kind ihre Sommerferien in der Lüneburger Heide verbracht hatte. Ich mochte den herrlich malzigen, stark duftenden, im Geschmack so intensiven Waldhonig, den Frühlingshonig und Herbsthonig. Oder Sommerhonig. Den weißen Rapshonig. Den gelben Lindenblütenhonig. Den wunderbar duftenden Akazienhonig. Den streng riechenden interessanten Buchweizenhonig. All die Honige meiner Kindheit, die ich glasweise verzehren konnte, waren pures süßes Glück. Für mich war klar: Die Biene ist da, um Honig für uns zu machen, nein, für mich! Um wie viel schöner wäre die Welt, wenn es nur Honig gäbe – ohne die Bienen!

Jahrzehnte vergingen, bis ich mich erstmals freiwillig den Bienen zu nähern wagte. Für meine ARTE-Serie »Die kulinarischen Abenteuer der Sarah Wiener« war ich zu verschiedenen Imkern in ganz Europa gefahren, um ihnen beim Honigernten und -schleudern beizustehen. Vor Ort zog ich eine Art Ganzkörperkondom an, einen weißen, sehr dicht gewebten Anzug mit Hut und Schleier und langen Hosen, und trug Lederhandschuhe. Keine Stelle an meinem Körper sollte unbedeckt sein. So ausgerüstet bin ich mit den Imkern zu den Bienenvölkern gegangen, und wir haben die Beuten – die Behausungen der Bienen – zerlegt, zerteilt, die Bienen von den Waben gefegt und die mit Wachs verdeckelten, das heißt verschlossenen, vollen Honigwaben geerntet.

Folge vierzehn meiner »kulinarischen Abenteuer« bei ARTE führte mich im Sommer 2006 nach Castet, einem kleinen Ort mit circa hundertsechzig Einwohnern, die zum Großteil in traditionellen grauen massiven Steinhäusern lebten. Dort, in den Pyrenäen, im südwestlichen Zipfel von Frankreich, der gebirgig und nicht von Touristen überlaufen ist, erlebte ich ein ganz anderes Frankreich als das an der Côte d’Azur und in Paris. Ich besuchte Jeanine Peyre-Lavigne, eine Bäuerin, Berufsimkerin und Mutter von drei Kindern, die sich ganz und gar dem Honig verschrieben hatte.

Jeanine, eine kräftige, doch nicht besonders große Frau in mittleren Jahren mit kurzen dunklen Haaren und lustigen Augen, wuppte den Großteil der Bienenarbeit ganz allein. Sie hatte zweihundertfünfzig (!) Bienenvölker zu stehen, je zehn oder fünfzehn Stöcke auf Wiesen, an Waldrändern und im Gebirge. Dafür benutzte sie sogenannte Magazinbeuten. Das sind quasi Bienen-Hochhäuser, kleine Türmchen, bestehend aus mehreren Etagen, also übereinandergestapelten bodenfreien Kisten, sogenannten Zargen, die man je nach gewünschter Honigmenge in die Höhe wachsen lassen kann. Dabei gibt es meist eine bis zwei Zargen für den Brutraum und eine bis mehrere Zargen für den Honigraum. Beide sind so konstruiert, dass sie bewegliche Rähmchen bzw. Waben halten können. Bei Magazinbeuten wird bei Bedarf oben noch die Futterzarge draufgesetzt und mit Flüssigfutter, meist Zuckerwasser, gefüllt.

Da das Nahrungsangebot im Gebirge und bei der dortigen Witterung für die Bienen recht eingeschränkt war, musste Jeanine alle zwei Wochen einen Großteil ihrer Völker zu anderen Standorten bringen, wo die Bienen neue Nahrung fanden: Wildblumenwiesen, blühende Waldränder, blühende Kastanienbäume, Weißtannen oder Linden.

Ich traf die sympathische, vor Energie strotzende und lächelnde Jeanine in ihrer Küche bei der Gewürzbrotherstellung. Das ist ein Kuchen aus Honig und Gewürzen mit Muskat, Zimt und Nelken. Diesen Honigkuchen sollte ich einige Tage später, nach getaner Bienenarbeit, für ihre ganze Familie frei Schnauze nachbacken und schauen, ob ich die Familie damit zufriedenstellen könnte. Aber das ist eine andere Geschichte. Vor dem süßen Genuss wollten wir zusammen ganze zehn Bienenvölker auf einen neuen Platz versetzen.

Ich weiß noch ganz genau, wie wir mit einem Lkw einen Berg hochfuhren. Kaum waren wir am Bienenstandort angekommen, hörten wir an unserem friedlichen Bienenort von der Straße wildes Getöse und Stimmen aus einem entfernten Lautsprecher. Wir blickten über einen Steilhang auf die Straße hinab und sahen live und in bester Zuschauerposition, wie sich ein paar Teilnehmer der Tour de France unter unseren Augen den Berg hochquälten. Lange hielten wir uns allerdings nicht damit auf. Wir waren ja nicht als Radfans hierhergekommen, sondern um die Bienenvölker transportfähig zu machen.

Wir zogen unsere Schutzanzüge an, und dann ging es an die Arbeit. Das hieß als Erstes, die Beuten bis auf das Brutvolk mit der Königin, die in der unteren Brutraum-Etage der Magazine wohnte, zu verkleinern. Die Rähmchen der oberen Honigraum-Zarge stellten wir zu Seite und fegten die Bienen ab oder schüttelten sie in die untere Zarge. Auf die obere Zarge kam dann ein horizontales Brett mit einem Loch in der Mitte. So konnten die verbliebenen oberen Bienen zwar nach unten wandern, aber keine nach oben zurück. Die Folge davon war: Unten sammelte sich das ganze Volk, oben wurde es immer leerer, so dass wir erst einmal die Zargen mit dem Honig transportieren konnten.

Es war ein sehr heißer Sommertag. Doch trotz der entsetzlichen Hitze, zumal in unseren Marsmenschenanzügen, arbeiteten wir den ganzen Tag und schleppten die schweren Zargen voll mit Honig zum Lkw. Abends tackerten wir dann endlich Drahtgitter vor die Fluglöcher, damit keine Bienen mehr entweichen konnten, sie aber dennoch Luft bekamen. Gegen 22 Uhr hatten wir alle Zargen schließlich auf dem Lkw.

Wir fuhren im Schritttempo zu Jeanines Hof und stellten den brummenden Lkw mit laufendem Motor bis zum nächsten Morgen in die Einfahrt. Durch die gleichmäßigen Vibrationen waren die Bienen abgelenkt, vielleicht auch irritiert, wie auf einem zugefrorenen See, auf dem man beim Überqueren die Balance halten muss. So vergaßen sie hoffentlich, sich mit dem Eingesperrtsein allzu sehr zu beschäftigen und Amok zu laufen.

Es war schon weit nach Mitternacht, als wir endlich ins Bett kamen. Das Motorgebrumm war mein Schlaflied. Vollkommen erschöpft von der immensen körperlichen Anstrengung an diesem langen Tag schlief ich sofort tief und fest ein.

Nur wenige Stunden später wurde ich schon wieder geweckt. Die Bienen mussten am besten vor Sonnenaufgang am neuen Standort sein. Bienen fliegen nachts nicht. Dann ging es mit der kostbaren Bienenfracht wieder hoch in die Berge. Sehr vorsichtig und langsam fuhren wir an einen anderen Ort, wo es mehr Wildblumen gab. Ich war müde von der kurzen Nacht. Dennoch mussten wir jetzt sehr rasch arbeiten. Unter die Beuten legten wir Gummireifen, so dass sie nicht direkt am Boden standen. Wieder zogen wir den Imkeranzug an. Dann holten wir eine Zarge nach der anderen vom Wagen, von denen jede im Schnitt um die 70 Kilogramm wog!

Langsam kletterte die Sonne über den Berg. Der Startschuss für Bienen, einen neuen Erntetag zu beginnen. Wir rissen den Draht von den Fluglöchern, und sofort stürzten Hunderte, vielleicht Tausende Bienen aus den Beuten heraus, wie um uns zu attackieren. Jeanine hatte mich schon darauf vorbereitet. Ich duckte mich etwas weg und ging fünf, sechs Meter auf sichere Distanz. Dennoch war ich begeistert von diesem explosiven Gewusel, von dem Lärm, den gereizte Bienenvölker machen können. Zum Glück habe ich in meiner weißen Schutzhülle ja nichts zu fürchten, dachte ich. Aber seitlich hatte ich statt eines Reißverschlusses nur einen Knopf, um den Overall zu verschließen. Ehe ich es bemerkte, hatten es drei Bienen, wie ich später sah, geschafft, durch diesen Ein-Zentimeter-Durchgang hindurchzuschlüpfen. Sie zögerten nicht lange und stachen alle drei zu – wieder mitten in meinen Bauch. So sollte ich schnell lernen, dass Bienen JEDEN Zentimeter freie Haut finden, wenn sie es denn nur wollen. Ein schreckliches Déjà-vu, das mein Vorurteil bestätigte: Bienen sind hinterhältige, gefährliche Biester, die mir nur Leid zufügen wollen. Obwohl ich doch in aller Unschuld nur den herrlich süßen Honig von ihnen wollte.

Ich war erschöpft von der vielen Schlepperei, von der Irritation des Gesummes, vom Wissen um meine Verletzbarkeit. Meine Güte. So viel Arbeit, und dann kostet ein Glas Honig nur vier bis fünf Euro! Kann das sein?! Wie ist das möglich? Schließlich war es nicht nur für uns harte Arbeit, sondern auch für die Bienen, wie ich später lernte.

Diese Tage bei Jeanine, mein erstes richtiges Bienenerlebnis, waren auch dank dieser besonderen Imkerin unvergesslich. Aber hm … ganz ehrlich: Das muss ja nicht noch mal sein?!, dachte ich. Sosehr ich Honig mochte, es war für mich unvorstellbar, mit diesen grantelnden, schlecht gelaunten und gefährlichen Insekten zu arbeiten, von denen ich instinktiv wusste: Ich werde sie ja nie kontrollieren können und muss immer auf der Hut sein. Egal wie warm oder kalt es draußen ist: Ohne im schwitzenden Anzug, verhüllt wie ein Astronaut, werde ich niemals zu den Bienen gehen können, um ihnen den Honig wegzunehmen. Und selbst dann kannst du nicht sicher sein, dass es gut geht. Die Schlepperei, das Schleudern mit viel klebrigem Equipment. All das schien mir wirklich nicht besonders attraktiv. Was macht daran bitte noch mal Spaß? Vielleicht hätte ich den Rest meines Lebens meine Vorurteile und mein Trauma kultiviert und diese Sichtweise beibehalten, wenn ich nicht ein paar Jahre später eine noch weitreichendere und alles verändernde Erfahrung mit Bienen gemacht hätte.

Wieder war eine meiner Fernsehserien daran schuld. Diesmal hieß sie »Sarah Wieners erste Wahl«. Es ging darin um einzelne Grundnahrungsmittel, besonders guten Anbau oder herausragende Produzenten, die genau dieses Produkt hergestellt haben. Natürlich wollte ich darin auch eines meiner liebsten Lebensmittel aufnehmen: den Honig, und zwar einen besonders köstlichen. Diese Dreharbeiten sollten meine Sicht auf den Bien, wie das gesamte Bienenvolk auch genannt wird, wenn man es als einen Superorganismus begreift, fundamental verändern.

Eine Serie mit Folgen.
Imkern mit Norbert Poeplau

Bei meinen Recherchen für »Sarah Wieners erste Wahl« war ich auf Norbert Poeplau gestoßen. Der Imkermeister betreibt im baden-württembergischen Rosenfeld die »Fischermühle«, eine Bienen-Forschungs- und Versuchsanstalt und einen Demeter-Betrieb, eng verbunden mit Mellifera e. V., einem gemeinnützigen Verein, der sich um die Belange der Bienen kümmert, Forschung betreibt und Bienenprodukte verkauft. Dort werden bis heute neue Betriebsweisen für Imker entwickelt und Bienenthemen erforscht, wie zum Beispiel die Varroamilbe, der größte tierische Feind der Bienen.

Ich beschloss, ihn mit einem kleinen Drehteam in der »Fischermühle« zu besuchen und alles über Honig zu erfahren. Norbert wartete in Jeans und hochgekrempeltem Hemd, lässig die Arme überkreuzt, auf einem Stück Wiese vor seiner Imkerei auf mich. So von Weitem, mit seiner leicht nach vorn gebeugten Statur, erinnerte er mich an einen gemütlichen, starken Bär. Anfangs beobachtete er mich etwas verhalten freundlich, nahm mich aber bald mit offenen Armen auf und beantwortete geduldig meine ersten Fragen zu den Bienen. Schließlich war er lange Zeit auch Lehrer.

»Kann man denn einfach so in eine ›Kiste‹ hineinschauen?«

»Also erst einmal gibt’s zwar die ›Bienenkiste‹, die übrigens auch eine Erfindung von Mellifera ist, aber eigentlich ›Beute‹ heißt oder ›Korb‹, wenn es denn einer ist …«, erklärte er in seiner bedächtigen Art. »Aber eine Kiste ist was zum Transportieren. Zum Hineinschauen? Jein. Man kann zwar oft in Beuten schauen, wenn es die eigenen sind. In fremde allein zu schauen, käme in etwa einem unerlaubten, eventuell verbotenen Blick ins Schlafzimmer des Nachbarn gleich«, ergänzte er lächelnd. »Aber wenn es zu kalt ist, stürmt und stark regnet, oder auch nachts sollte man dies tunlichst vermeiden. Wozu dann auch reinschauen?«

Auf meine Frage, wie viele Bienen denn in so einer Beute sind, antwortete er: »Na ja, kommt drauf an … so von fünf- bis zehn- oder sogar sechzigtausend und mehr. Wenn im Herbst weniger als fünftausend Bienen im Volk sind, dann werden sie wohl nicht überleben, weil sie sich nicht wärmen können.«

Dann stellte ich die für mich wichtigste Frage: »Wann und warum stechen die Bienen eigentlich?«

Statt einer Antwort reichte mir Norbert einen Gesichtsschleier und meinte: »Komm, wir gehen jetzt und schauen uns das selbst an!«

»Und wo ist dein Schleier?,« fragte ich irritiert.

»Ich brauche keinen«, meinte er knapp.

Wie sollte das gehen? Ich schaute ihn mit großen Augen an. »Das verstehe ich nicht. Warum brauchst du keinen?«

Unbeeindruckt von meiner Aufgeregtheit zuckte Norbert nur lässig mit den Schultern, ganz der in sich ruhende Bär: »Ach, die Bienen sind im Grunde friedlich, die machen nichts. Komm, ich zeige dir das mal. Wenn du sie gut behandelst, dann werden sie auch dich gut behandeln.«

Ich überlegte. Nie zuvor hatte ich Imker gesehen, die einfach so, im normalen Gewand, zu den Bienen gehen. Und ganz ohne Gesichtsschutz. Einen großen Vorteil hat diese Art zu imkern allerdings schon. Wer je in diesen Komplettverhüllungen an den Bienen gearbeitet hat, wird wissen, was ich meine: Zum einen ist es eine körperliche Einschränkung, zum anderen wird einem im Sommer verdammt heiß in der Montur. Ich meine richtig heiß, wie ich das ja auch in den Pyrenäen erlebt hatte. Das »im Sommer« kann ich mir eigentlich sparen, weil man im Winter eh nicht an den Bienen imkert. Die haben dann ihre Winterruhe.

Es war Hochsommer. Ich hatte nur ein kurzes, ärmelloses Sommerkleidchen an und nackte Füße. Aber weil ich bei meinen Reisen für Fernsehserien immer das mache oder versuche zu machen, was meine Paten oder meine Protagonisten in der Regel tun, holte ich tief Luft und antwortete: »Dann nehme ich auch keinen Schleier! Ich bin ja deine Praktikantin und will von dir lernen.« Daran hat sich bis heute nichts geändert. (Viel später gestand mir Norbert übrigens, dass er so halbnackt, wie ich es damals war, dann doch nicht zu seinen Bienen gehen würde … man könne ja nie wissen …)

Ich war ziemlich aufgeregt, als ich ihm zu den Bienenständen folgte, und hatte so einige Bedenken. Was mache ich, wenn die Bienen meine friedvolle Absicht nicht erkennen? Wenn sich Tausende Bienen auf mich stürzen? »Norbert, was macht man, wenn die mich attackieren? Gibt’s da einen Trick?«

»Um den Busch laufen, im Kreis, eventuell irritiert sie das …«

»Hm … Kann ich dann auch um dich herumlaufen«, fragte ich lachend. Aber mir war klar: keine übermütigen Experimente. Diesmal will ich lieber in der zweiten Reihe bleiben, das heißt hinter Norberts Rücken. Dann stechen sie ihn vielleicht eher, dachte ich noch ein bisschen egoistisch. Vorsichtshalber hielt ich also Abstand und stellte mich einen Meter hinter Norbert, in der Hoffnung, dass ich vielleicht noch Zeit zum Weglaufen hätte, wenn die Bienen wie aus einer entkorkten Champagnerflasche herauszischen würden.

Wir näherten uns einem Bienenstand. Ungefähr zehn Einraumbeuten standen da an einem schönen halbsonnigen Platz, im Rücken einige Büsche, davor eine weite Wiese. Einraumbeuten sind Bienenwohnungen, die aus einer einzigen Kiste bestehen. Daher der Name. Üblicherweise imkern die meisten Imker wie Jeanine in Magazinbeuten. So kann man besser Honig ernten, aber dafür nie das ganze Wabenkonstrukt und Bienenvolk auf einmal sehen. Darüber, wie Bienenwohnungen am besten aussehen sollten und aussehen können, schreibe ich in einem späteren Kapitel.

Ich betrachtete die vielen Beuten nebeneinander und fragte mich, ob es vielleicht eine Sprache der Bienen gäbe und sie sich womöglich untereinander von Haus zu Haus verständigten, um mich zu attackieren. Allein das Summen machte mich schon etwas nervös.

Gekonnt und ohne Scheu und Rücksicht auf meine verhaltenen Bewegungen öffnete Norbert die Bienenbeute, indem er ihr Dach abhob und ein Wachstuch herunternahm. Vorsichtig löste er die einzelnen, durch Wachs und Propolis zusammenklebenden Rähmchen, auch Waben genannt, voneinander mit einer Art kleinem Brecheisen, das der Imker Stockmeißel nennt, und zog eine Wabe voller Bienen heraus. Seine Bewegungen waren routiniert und das Natürlichste der Welt. Ich hielt den Atem an.

Und es passierte:

Nichts! Das heißt, in mir passierte ganz viel. Zuallererst die Erkenntnis, dass kein Lebewesen (außer natürlich uns) irrational reagiert. Es gibt also keinen Grund für Bienen, alles und jeden anzugreifen … Es sei denn, sie erkennen den Menschen als Feind, der ihre Strukturen rabiat zerstört und keine Rücksicht auf ihre Bedürfnisse nimmt. Mir war von Anfang an klar: Ich nehme Rücksicht. Ganz sicher. Auch in Zeitlupe! Ich mach alles. Aber allzu nah komm ich nicht ran, dachte ich die ersten zwanzig Sekunden.

Als die Bienen kurz aufsummten, einige erschreckt herumflogen, aber offensichtlich weder aggressiv noch feindlich, und Norbert eine Wabe vor sein Gesicht hob, welche über und über mit einem Gewusel gefüllt war, das man erst beim näheren Hinsehen als Tausende Bienen erkannte, war ich fasziniert und kam doch näher. So nah, wie ich einer Biene nie zuvor war: Aug in Aug.

Es geschah all das, was bei meinen Imkererlebnissen die Jahre zuvor nie passiert war: Ich sah Individuen. Kleine Lebewesen, die sich putzten, sich Nektar reichten, sich abtasteten oder geschäftig herumliefen. Ihre Körper in Zellen steckten und wie kleine Propeller wild mit den Flügeln schlugen. (Die Bedeutung all dieser Vorgänge erfuhr ich erst im Laufe der Jahre.) Ich entdeckte: Die Bienen sind ja behaart! Mit einem richtigen kleinen Pelz. Und da schlüpft gerade eine aus einer verdeckelten Wabe! Ich staunte, dass es ihnen wohl nichts ausmachte, wenn ihnen ihre Mitbewohnerinnen links und rechts über den Kopf kletterten. Meine Güte. So viele Bienen! Auf engstem Raum. Alle schienen geschäftig und friedlich. Ich war aufgeregt und verspürte gleichzeitig eine Glückseligkeit, wie ich sie in der Natur empfinde, beim Wandern, Gärtnern oder beim Beobachten von Pflanzen und Tieren, wenn ich mich als Teil von ihr fühle.

Norbert zeigte auf etwas kleines Weißes, eine werdende Biene. Zum ersten Mal sah ich ein Ei, in der Imkersprache: einen Stift, ein beginnendes Bienenleben, das ich so natürlich noch nie gesehen hatte. Ich hatte schon oft Honig geschleudert und in Bienenbeuten hineingeschaut. Doch nun passierte etwas Seltsames: Ohne diesen Marsmännchen-Anzug und ohne ein Netz vor dem Gesicht fühlte ich mich meinen früheren Feinden (oder besser gesagt nicht einmal das: eben einem lästigen Insekt, das man am liebsten verscheucht) gegenüber empathischer, sensibler und seltsam nah. Ich wollte ihnen Gutes tun. Die Bienen sind auch nur Menschen, dachte ich.