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Daddy gesucht – Herz verloren, Band 1

Daddy gesucht – Herz verloren

EMILY DALTON

Hier soll dein Zuhause sein

Mikelle kann an nichts anderes mehr denken als an die Leidenschaft, die Greg Chandler in ihr weckt. Auch wenn er der letzte Mann auf der Welt ist, den sie küssen sollte. Denn der berüchtigte Frauenheld ist bestimmt kein idealer Ehemann und Daddy – oder doch? Plötzlich interessiert er sich sehr für ihr geliebtes Adoptivbaby Jamie …

KAREN TOLLER WHITTENBURG

Der Playboy und das Baby

Noch nie hat Krista etwas so Winziges und so Vollkommenes gesehen wie das Baby, das plötzlich in einem Körbchen auf dem Schreibtisch ihres Chefs Neil steht. Angeblich ist es seins, obwohl er das Gegenteil beteuert. Krista glaubt dem Playboy nicht so ganz. Dennoch hilft sie ihm, den Kleinen zu versorgen – und möchte ihre neue Familie bald nicht mehr missen …

Emily Dalton

Hier soll dein Zuhause sein

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PROLOG

„Du bist ganz schön erschrocken, Greg, nicht wahr?“

Greg rieb sich das unrasierte Kinn und lehnte sich gegen den Türrahmen. „Du siehst Connie verdammt ähnlich.“

Hayley lächelte. „Schließlich ist sie meine ältere Schwester. Bittest du mich nicht herein?“

„Vermutlich verkaufst du keine Plätzchen für die Pfadfinder“, erwiderte er und ließ sie eintreten. Dabei fing er den Duft ihre Parfums auf. Obsession, die Marke, die auch Connie benützte.

„Sieht das hier etwa wie eine Uniform aus?“, scherzte sie.

Nein, Hayley trug sicher keine Uniform. Der kurze Rock, die perfekt sitzende Jacke und die Schuhe mit den hohen Absätzen sahen teuer aus. Vermutlich bekam sie monatlich eine ganze Menge Geld von ihrem Daddy. Sie setzte sich auf die Couch und schlug die langen, schlanken Beine übereinander. Lange, schlanke Beine und Geld waren das Markenzeichen der Van-der-Linden-Frauen aus Newport.

„Ich verkaufe gar nichts, Greg“, erklärte sie.

Er blieb stehen und sah Hayley direkt in die Augen. Noch einmal ließ er sich nicht von Van-der-Linden-Beinen ablenken. Bei ihrem unerwarteten Besuch hatte er kein gutes Gefühl. „Warum bist du hier, Hayley?“

Sie schüttelte missbilligend den Kopf. „Wo bleibt dein gutes Benehmen? Bietest du mir nichts an?“

„Soll ich das denn als freundschaftlichen Besuch betrachten?“, fragte er und verschränkte die Arme. „Wenn ich mich recht erinnere, hattest du bei unserem letzten Zusammentreffen eine ganze Menge äußerst phantasievoller Kosenamen für mich.“

Hayley winkte lachend ab. „Da war ich aus falscher Loyalität zu Connie zornig.“

„Aus falscher Loyalität?“

Ihr Lächeln erlosch, und sie strich mit einem korallrot lackierten Fingernagel über den Glastisch. „In den letzten anderthalb Jahren bin ich sehr erwachsen geworden und habe viel dazugelernt, besonders über Connie.“

Ihr Blick war keineswegs verführerisch, sondern eher schmerzlich. „Hör mal, Hayley“, meinte Greg und fuhr sich durch das Haar, das vom Duschen noch feucht war. „Du machst mich nervös. Komm endlich zur Sache. Connie geht es doch gut, oder?“

Er verfluchte den Tag, an dem der Constance Van der Linden begegnet war. Trotzdem wünschte er ihr nichts Schlechtes, auch wenn er seiner Exfreundin nicht mehr in die Nähe kommen wollte. Es machte ihn sogar schon nervös, mit ihrer Schwester, die ihr zum Verwechseln ähnlich sah, im selben Zimmer zu sein.

„Connie geht es gut“, versicherte Hayley. „Sie hat einen neuen Freund, ein Mitglied der Newport-Gesellschaft. Einen, den sie bisher vermutlich übersehen hat.“

Greg seufzte. „Warum bist du dann hier? Bestimmt hatte Connie seit unserem Bruch mehrere Freunde. Und das Liebesleben deiner Schwester geht mich nichts an.“

Sie hörte ihm überhaupt nicht zu, sondern ließ den Blick über seine volle Größe von einsneunzig wandern. „Ich begreife es nicht, Greg. Du hast eine tolle Figur, sagenhaftes blondes Haar und einmalige Augen. Sind sie grün oder grau?“

Als er nicht antwortete, sah sie sich im Raum um. Schwarz und Weiß waren die vorherrschenden Farben im Wohnzimmer. Er hielt seine Wohnung wie sein Leben – einfach und überschaubar.

„Außerdem hast du Geld“, fuhr sie seufzend fort, „und ein eigenes Architekturbüro in Manhattan.“

„Worauf willst du hinaus, Hayley?“, drängte er ungeduldig.

Sie stand auf und trat auf den Balkon im fünfundzwanzigsten Stock. Er folgte ihr zögernd, als sie sich im hellen Sonnenschein des Septembernachmittags auf das Geländer stützte. „Du hast sogar einen Ausblick auf den Central Park. Kein Wunder, dass Connie dich nicht gehen lassen wollte.“

„Der Bruch hatte sich schon lange abgezeichnet. Wir haben uns ständig gestritten, weil wir einfach nicht füreinander bestimmt waren.“

Hayley lächelte verhalten. „Bestimmt sagst du das von allen Mädchen.“

Auch jetzt verzichtete Greg auf eine Antwort. Leider besaß er den Ruf eines Herzensbrechers, der sich an keine Frau band. Es stimmte, dass er Bindungen auswich, doch er hatte auch noch nie einer Frau vorgemacht, sie könnte auf eine dauerhafte Beziehung hoffen. Vielleicht war er ein Schuft, aber immerhin ein ehrlicher.

„Sie wollte dich heiraten.“

Greg runzelte heftig die Stirn. „Ich hatte keine Ahnung, dass …“

„Sie war fest entschlossen. Deshalb hat sie …“ Hayley stockte.

„Deshalb hat sie … was?“ Sein Unbehagen verstärkte sich.

„Sie wurde schwanger.“

Ihm war, als hätte er einen Schlag in den Magen bekommen. „Wovon redest du? Connie nahm die Pille. Wir hatten abgemacht …“

„Sie dachte, sie könnte dadurch etwas erreichen, und du würdest …“

„Ich würde sie aus Pflichtgefühl heiraten“, beendete er grimmig den Satz. „Warum hat sie mir nichts gesagt?“

„Weil du ganz klar erklärt hast, dass es zwischen euch aus ist. Connie ist nicht daran gewöhnt, abgewiesen zu werden. Aus Zorn hat sie die Schwangerschaft verschwiegen.“

Er bemühte sich, das alles zu verarbeiten. Er war Vater, obwohl er sich stets dagegen abgesichert hatte. Er war ungefähr sechs gewesen, als seine Eltern sich unter schlimmen Begleitumständen scheiden ließen. Sein Vater erhielt die Vormundschaft über Greg, das einzige Kind. Greg sah seine Mutter nie wieder, und sein Vater war so gut wie nie da, weil er seiner Karriere nachjagte. Schon früh hatte Greg gelernt, dass Kinder ein Hindernis darstellen, und weshalb sollte er sein Leben unnötig komplizierter machen?

„Und hat sie …?“

„Ja, sie hat das Kind bekommen“, erwiderte Hayley. „Vor neun Monaten. Aber sie hat es nicht behalten, sondern zur Adoption freigegeben.“

Eigentlich sollte er sich darüber freuen, weil Connie keine liebevolle Mutter abgegeben hätte. Weit weg von Connie und ihren Jet-set-Freunden war dieses Kind auf jeden Fall besser aufgehoben.

„Willst du nicht wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist?“

Greg sah sie überrascht an. „Doch, ja.“

„Es ist ein Junge.“

Ein Sohn. „Warum erzählst du mir das alles?“

„Weil du ein Recht darauf hast. Es war falsch von Connie, dir zu verschweigen, dass du Vater bist. Und sie hätte das Kind ohne dein Wissen und deine Zustimmung nicht zur Adoption freigeben dürfen.“

„Wie konnte sie das überhaupt machen? Wenn ich in der Geburtsurkunde als Vater genannt bin, waren die Anwälte doch verpflichtet, sich mit mir …“

„Connie behauptete, den Vater nicht zu kennen“, unterbrach sie ihn. „In der Geburtsurkunde steht ‚Vater unbekannt‘.“

„Könnte das denn zutreffen?“, fragte Greg heftig.

„Nein“, erwiderte Hayley entschieden. „Connie hatte keinen Grund, mich zu belügen. Das Kind ist ganz sicher von dir.“

Greg antwortete nicht. Er sah förmlich die beiden Wörter in der Geburtsurkunde vor sich. Vater unbekannt.

„Das alles bedrückt mich seit Monaten“, fuhr Hayley fort. „Ich dachte außerdem, dass du vielleicht … nun ja … dass du etwas unternehmen willst.“

„Und was? Es reicht, dass der Junge in guten Händen ist. Connie hat doch dafür gesorgt, oder?“

„Ich kenne die Details nicht“, erwiderte sie. „Wenn du mehr wissen willst, musst du Connie fragen.“

„Lieber nicht“, wehrte er ab.

Hayley kehrte abrupt ins Wohnzimmer zurück. „Ich habe meine Pflicht erfüllt und werde jetzt gehen. Vielleicht kann ich heute wieder ruhig schlafen.“

Greg folgte ihr an die Tür. „Du hast deshalb schlecht geschlafen?“

Mit der Hand am Türgriff drehte sie sich lächelnd um. „Ja, unglaublich, nicht wahr?“

Greg erwiderte ihr Lächeln. „Dann bist du Connie wahrscheinlich doch nicht so ähnlich, wie es scheint.“

„Das hoffe ich sehr“, erwiderte sie, öffnete die Tür und ging.

Er blickte ihr nach und betrachtete ihre langen Beine. Verdammt, genau wie ihre große Schwester. Connie war seicht gewesen, hatte seine Hormone jedoch über ein Jahr in Wallung versetzt. Nur ungern erinnerte er sich an die Zeit mit ihr. Er hatte sich von ihrer Schönheit, ihrer Herkunft und ihrem Geld beeindrucken lassen, doch nach einem Jahr hatte er erkannt, dass er selbst so oberflächlich wurde wie sie. Und das machte ihm angst.

Am Aufzug drehte Hayley sich um und winkte lässig, als hätte sie ihm nicht soeben den größten Schock seines Lebens versetzt. Die Türen schlossen sich hinter ihr, und er kehrte wie benommen in die Wohnung zurück. Hätte es nicht nach Obsession geduftet, hätte er glauben können, alles nur geträumt zu haben.

Verdammt, er war Vater! Trotzdem änderte sich für ihn nichts. Wenn Connie es richtig gemacht hatte, befand sich sein Sohn in einem guten Zuhause bei liebevollen Eltern.

Wenn Connie es richtig gemacht hatte …

1. KAPITEL

Greg trank schon die dritte Tasse Kaffee und blickte ungeduldig zur Tür des kleinen Bistros gleich an der Fifth Avenue. Mr. Smith verspätete sich bereits um eine halbe Stunde. Greg hasste Verspätungen, doch Mr. Smith war einer der besten Privatdetektive von New York City und hatte versprochen, heute die gewünschte Information zu liefern. Heute sollte Greg erfahren, wer seinen Sohn großzog.

Ein Monat war seit Hayleys überraschendem Besuch vergangen. Sein Sohn nannte bereits einen anderen Mann „Daddy“, doch das störte Greg nicht. Er musste sich nur davon überzeugen, dass es ein gutes Zuhause war.

„Mr. Chandler?“ Mr. Smith stand in einer verknitterten Khakihose, einer abgewetzten Kordjacke und alten Turnschuhen neben ihm: Columbo ohne Trenchcoat.

„Setzen Sie sich, Mr. Smith, und erzählen Sie mir, was Sie herausgefunden haben.“

Mr. Smith setzte sich, nahm vom Kellner die Speisekarte entgegen und studierte sie so ausgiebig, als wären seine Informationen weniger wichtig als die Tagessuppe. Endlich schickte er den Kellner weg, ohne etwas zu bestellen, klopfte sich auf den Bauch und meinte seufzend: „Ich würde liebend gern eine Kalorienbombe essen, aber meine Frau hat mich auf Diät gesetzt. Reiskuchen, Obst und Gemüse. Haben Sie schon einmal Reiskuchen gegessen, Mr. Chandler? Das Zeug schmeckt wie Styropor.“

„Könnten wir zur Sache kommen, Mr. Smith?“ Greg warf dem Privatdetektiv einen gereizten Blick zu.

„Wie Sie wünschen, Mr. Chandler.“ Mr. Smith hakte die Daumen in die Gürtelschlaufen seiner Hose. „Er heißt James Bennet und wird Jamie gerufen.“

„Sie haben ihn James genannt?“ Greg wusste nicht, warum ihn das traf. „Wer sind die Bennets? Wo wohnen sie? Haben sie noch mehr Kinder?“

Mr. Smith hob abwehrend die Hand. „Langsam, Mr. Chandler. Hier habe ich alles für Sie.“ Aus seinem abgewetzten Aktenkoffer holte er einen dicken Umschlag und stand auf.

Greg nahm sich zusammen, um den Umschlag nicht sofort aufzureißen, und griff stattdessen nach seinem Scheckbuch.

Mr. Smith winkte erneut ab. „Ich schicke Ihnen eine Rechnung.“

„Und wenn ich mehr wissen will? Was ist, wenn dieser Umschlag nicht alle Informationen enthält, die ich brauche?“

„Keine Sorge“, erwiderte Mr. Smith selbstsicher. „Ich garantiere, dass meine Klienten zufrieden sind.“

„Stimmt.“ Greg betrachtete den Umschlag, der Angaben über Leute enthielt, die er nicht kannte und die seinen Sohn großzogen. Wenn er nun etwas Negatives über das Paar herausfand, das seinen Sohn adoptiert hatte, was sollte er dann tun?

Plötzlich erinnerte er sich wieder an Mr. Smith, doch der Privatdetektiv war bereits gegangen.

Greg riss den Umschlag auf, zog drei eng beschriebene Seiten und zwei Fotos heraus. Das eine zeigte eine Frau, schätzungsweise Ende Zwanzig, in einem sportlichen Rock und einem T-Shirt, das dunkle Haar zum Pferdeschwanz gebunden. Sie saß am Strand und hielt ein stämmig wirkendes Baby auf dem Arm.

Das zweite Foto war eine Großaufnahme des lächelnden Kindes, blond und pausbäckig.

Greg schnürte sich die Kehle zu. Ein attraktives Kind, aber was verstand er schon als fünfunddreißig Jahre alter Junggeselle davon?

Wo war Mr. Bennet? Wo war der Daddy? Er überflog den Bericht, übersprang die unwichtigen Details und las, dass Mr. Bennet vor neun Monaten bei einem Bootsunfall bei Nantucket Island noch vor Abschluss der Adoption umgekommen war. Eine Witwe zog seinen Sohn groß!

Alleinstehende Mütter waren nicht so ungewöhnlich, aber war Mrs. Bennet fähig, ein Kind allein zu erziehen? Und ohne Geschwister war das Kind auch innerhalb der Familie allein. Greg erinnerte sich an seine eigene Einsamkeit als kleiner Junge.

Er las noch einmal den Bericht, und zehn Minuten später warf er einen Zwanzig-Dollar-Schein auf den Tisch, ging ans nächste Telefon und reservierte ein Ticket für den ersten Flug am nächsten Morgen nach Nantucket Island. Mikelle Bennet betrieb auf der Insel eine Frühstückspension, die sich „Little Gray Lady“ nannte.

Laut Bericht war sie sehr liberal eingestellt, Künstlerin und Vegetarierin. Ihre politischen Ansichten waren vermutlich so grün wie ihr Essen. Das war natürlich alles akzeptabel, obwohl Greg selbst konservativ und ein leidenschaftlicher Fleischesser war.

Greg wollte sich nur seinen Sohn und dessen Adoptivmutter ansehen, mehr nicht. Allein schon seine Vaterschaft komplizierte sein Leben mehr als genug!

Keine Einkaufszentren, keine Hochhäuser, Neonreklamen und nicht einmal Verkehrsampeln. Bei der Fahrt über die gepflasterte Hauptstraße von Nantucket Town genoss Greg den nostalgischen Charme der Insel. Durch das offene Fenster des Wagens trieb die salzige Seeluft herein. Am Flughafen hatte er einen Jeep gemietet und war nun zur Little Gray Lady unterwegs.

Als Architekt betrachtete er interessiert die schönen alten Häuser und die hübschen kleinen Läden. Auch die Bürgersteige waren gepflastert und ausgetreten. Ulmen mit goldgelben Blättern wuchsen entlang der gewundenen Straße.

Er bog nach rechts in die Quaker Road und noch einmal rechts in die Vestal Street ein und erreichte schließlich die Little Gray Lady. Das graue, einstöckige Gebäude besaß zahlreiche Fenster mit weißen Läden und eine Veranda, die sich über die ganze Länge zog. Zwei schlanke Säulen hielten das Dach der Veranda.

Auf dem Schindeldach entdeckte er eine Galerie mit einem Fernrohr. Mr. Smith hatte in seinem Bericht erwähnt, dass Jim Bennet sich für Astronomie interessiert hatte.

Greg wendete an der nächsten Kreuzung und parkte auf der anderen Straßenseite drei Häuser von der Pension entfernt. Er hatte sich die New York Times und ein Sandwich gekauft. Falls jemand vermutete, er wollte die Gegend für einen Einbruch auskundschaften, würde er behaupten, er hätte angehalten, um zu essen.

Es war elf Uhr vormittags, der richtige Zeitpunkt für die Besitzerin einer Pension, Besorgungen zu machen oder mit einem Kind spazieren zu gehen. Die Gäste hatten jetzt schon gefrühstückt und …

Jemand kam aus einer Seitentür und ging zur Garage. Sogar aus dieser Entfernung erkannte er Mikelle Bennet nach dem Foto. Sie trug eine Jeans und ein rotes, überweites Top. Das dunkle Haar fiel auf die Schultern, und sie hielt ein Baby im Arm. Jamie!

Die beiden verschwanden sofort in der Garage. Greg faltete die Zeitung zusammen, verstaute das Sandwich und startete den Motor. Ein blauer Volvo Kombi rollte rückwärts auf die Straße. Jamie saß hinten in einem Kindersitz. Greg folgte ihnen in einigem Abstand und hielt hinter ihnen vor einem kleinen Lebensmittelladen.

Er schloss den Wagen ab, obwohl Mikelle das nicht tat. Im Laden entdeckte er sie und Jamie in der Gemüseabteilung. Wahrscheinlich plante sie einen Brokkoli-Auflauf. Er nahm sich einen Einkaufswagen und fuhr zu den Artischocken. Die mochte er, und Mikelle und Jamie waren außerdem nur einen Meter entfernt … richtig, beim Brokkoli.

Während er so tat, als wäre er vollständig mit dem Aussuchen einer perfekten Artischocke beschäftigt, betrachtete er seinen Sohn zum ersten Mal aus der Nähe. Der Junge kam ihm groß vor für zehn Monate, aber was verstand er schon davon? Jamie trug einen Overall aus blauem Kord und winzige Basketballschuhe. Der Kleine bewegte sich so lebhaft, dass Greg froh war, dass Mikelle ihn im Kindersitz des Einkaufswagens festgeschnallt hatte.

Plötzlich bemerkte Jamie, dass Greg ihn ansah, und lächelte. Er kniff die Augen zusammen, blies die rosigen Wangen auf und zeigte einige winzige weiße Zähne. Greg glaubte, sein Herz würde schmelzen, lächelte zurück und musste an sich halten, um Jamie nicht auf den Arm zu nehmen. Dermaßen starke Gefühle jagten ihm einen gewaltigen Schrecken ein.

„Entschuldigen Sie, junger Mann“, sagte eine Frauenstimme, „aber ich möchte an die Artischocken. Sie suchen sich schließlich keine Braut aus. Also brauchen Sie auch nicht so wählerisch zu sein.“

Betroffen drehte er sich zu einer älteren Frau mit einem Strohhut und in einem rosa Trainingsanzug um. „Entschuldigung“, murmelte er, steckte hastig drei Artischocken in eine Tüte, warf sie in den Wagen und ging weiter zu den Tomaten.

Mikelle betrachtete ihn neugierig. Sobald sich jedoch ihre Blicke trafen, sahen sie beide weg.

„Hi, Annabelle“, sagte Mikelle zu der Frau in Rosa. Sie hatte eine angenehme Stimme, ziemlich tief und melodisch.

„Mikelle!“, rief Annabelle. „Ich habe Sie gar nicht gesehen. Sie kaufen ein? Wie läuft es in der Little Gray Lady?“

„Im Moment ist nicht viel los“, erwiderte Mikelle.

Greg sah schon den finanziellen Ruin vor sich. Verdammt, wie sollte sie Jamie das College bezahlen? Wenn er womöglich Medizin oder Jura studieren wollte …

„Ich habe noch nie begriffen, wieso im Herbst nicht mehr Leute vom Festland auf die Insel kommen. Es ist die schönste Zeit im Jahr. Im Moment wohnt nur ein Rentnerehepaar aus Kansas bei mir.“

„Ach, es wird schon wieder bergauf gehen. Nutzen Sie die Freizeit, um mit Jamie zu spielen.“

Greg hörte Jamie gurgeln und begeistert quietschen. Er riskierte einen Blick und sah, wie Annabelle seinen Sohn unter dem Kinn kitzelte. Leider bemerkte Mikelle, dass er hinsah, und betrachtete ihn misstrauisch. Er steckte einige Tomaten in eine Tüte und ging zu den Gurken.

„Jamie ist ja so gewachsen“, bemerkte Annabelle. „Für Sie ist er ein Gottesgeschenk, nicht wahr?“

„Ohne Jamie wäre das letzte Jahr schrecklich gewesen“, erwiderte Mikelle so leise, dass Greg sie kaum verstand.

„Kommen Sie am Freitagabend zum Bingo?“

„Diese Woche nicht, Annabelle. Jamie und ich nehmen am Grillfest der Johnsons teil. Ihr Sohn ist zwei Monate älter als Jamie, und die beiden haben eine Menge Spaß zusammen. Nicht wahr, Jamie, du spielst gern mit Tyler?“

Greg wagte erneut einen Blick. Mikelle stützte die Hände auf die Knie, sodass ihr Gesicht mit Jamie auf gleicher Höhe war. Mutter und Sohn lächelten einander an, und Jamie strampelte wie verrückt und patschte ihr mit der Hand auf die Wange. Seine Hand war bestimmt voll Spucke, die ihm über die Lippen floss, aber Mikelle störte sich nicht daran. Ihm hätte es auch nichts ausgemacht, stellte Greg plötzlich sehnsüchtig fest und ging rasch zu den Melonen.

„Sag ‚Wiedersehen‘ zu Annabelle“, drängte Mikelle und winkte Annabelle zu. Jamie sah sie aufmerksam und mit offenem Mund an.

Als sie seine Hand nahm und sie winkend hin und her bewegte, strahlte er und sagte: „Gagaga.“

Mikelle, Annabelle und Greg waren begeistert. Allerdings musste er ernst bleiben, weil es dumm gewirkt hätte, wenn er die Melonen angelächelt hätte.

Mikelle verabschiedete sich von Annabelle und ging weiter. Greg folgte in einigem Abstand. Jamie grapschte nach allem, was in Reichweite kam. Meist konnte Mikelle mit dem Wagen schnell genug ausweichen, aber schließlich kam es, wie es kommen musste: Ein Glas Gurken geriet ins Schwanken, fiel herab und zerbrach.

Ein Junge mit sommersprossigem Gesicht und einem Lappen tauchte auf. „Hi, Mrs. Bennet“, sagte er fröhlich. „Als ich das Klirren hörte, dachte ich mir schon, dass Sie im Laden sind.“

Mikelle warf Greg einen verlegenen Blick zu, und er tat, als würde er die Aufschrift auf einer Packung lesen. Als sie ihn später noch einmal dabei ertappte, dass er Jamie betrachtete, wirkte sie gereizt und misstrauisch. Vermutlich dachte sie, er wollte das Kind entführen oder sie ansprechen.

Endlich war Mikelle fertig, wobei sie nicht annähernd so viel im Wagen hatte wie Greg. Er wollte eine andere Kasse als sie wählen, doch es war nur eine geöffnet. Prompt landete er direkt hinter Mikelle, die einen Scheck ausschrieb und sich dabei mit der redseligen Kassiererin unterhielt.

„Heute bin ich gut davongekommen, Colleen“, meinte Mikelle. „Er hat nur ein Gurkenglas zerbrochen.“

Greg griff nach einer Zeitschrift mit einem Foto von Madonna auf der Titelseite. Sie hielt Händchen mit Elvis. Es interessierte ihn nicht, dass Elvis sich angeblich die ganze Zeit in Madonnas Keller versteckt hatte. Er brauchte das Skandalblatt lediglich als Tarnung, hielt es vor das Gesicht und betrachtete über den Rand hinweg seinen Sohn. Jamie gefiel das Versteckspiel äußerst gut, und er lachte glucksend.

„Entschuldigung.“

Greg senkte die Zeitung. Mikelle stand so dicht vor ihm, dass er ihr Parfum roch. Sie duftete nach Rosen und … wonach noch? Ach ja, Essiggurken.

„Ja?“, fragte er möglichst unschuldig und war von ihrem Lächeln fasziniert. Sie blieb allerdings vorsichtig. So sahen vermutlich wachsame Mütter drein, bevor sie die Beherrschung verloren und einem mutmaßlichen Entführer den Schädel mit einer großen Dose Brechbohnen einschlugen.

„Sie sind neu hier, nicht wahr?“, bemerkte sie höflich.

„Ich … ja.“

„Wo haben Sie sich angekauft?“

„Ich bin nur zu Besuch hier.“

Prüfend betrachtete sie seine maßgeschneiderte Hose und das Polohemd. „Sie wohnen im Executive Inn, richtig?“

„Richtig“, bestätigte er mit einem verlegenen Lächeln. „Da gibt es in jedem Zimmer einen Whirlpool.“

Mikelle warf einen vielsagenden Blick auf seinen vollen Einkaufswagen. „Hoffentlich haben Sie eine Suite mit Küche. Das reicht ja für einen Kleinstaat.“

„Ich bin mit Freunden hier“, log er. „Wir sind Feinschmeckerköche und wollen am Wochenende einen Wettbewerb abhalten.“ Ob es ihn zum Feinschmeckerkoch machte, dass er gelegentlich beim Chinesen Essen mitnahm und daheim aufwärmte?

„Sie halten einen Wettbewerb ab?“, fragte sie überrascht und ungläubig. „Worauf sind Sie spezialisiert? Und erzählen Sie mir nicht, dass zu Ihrem Lieblingsgericht zuckrige Frühstücksflocken gehören.“

Er zwang sich zu einem Lachen und warf einen nervösen Blick auf die drei Kartons gezuckerter Cornflakes, die er in den Wagen gelegt hatte. „Die spenden Energie. Es ist anstrengend, an einem heißen Herd zu arbeiten.“

„Ich verstehe“, erwiderte sie zweifelnd. „Ich dachte, Sie hätten für Ihre Frau eingekauft, die daheim auf eine riesige Kinderschar aufpasst.“

„Ich bin nicht verheiratet“, antwortete er hastig.

„Kaum zu glauben. Ich habe bemerkt, wie eingehend Sie meinen Jungen betrachtet haben, und war überzeugt, dass Sie selbst Kinder haben.“

Greg legte die Zeitschrift zurück und schob die Hände in die Hosentaschen. „Ich habe keine, aber bei Ihrem kleinen Jamie wünsche ich mir welche.“ Er erkannte sofort seinen Fehler.

„Woher wissen Sie, dass er Jamie heißt?“, fragte sie, ohne zu lächeln.

„Ich habe Sie mit der rosa Frau sprechen gehört.“

„Mit der rosa Frau?“

„Mit der Frau in der Gemüseabteilung.“

Sie entspannte sich ein wenig. „Ach, Annabelle.“

Er wappnete sich gegen die nächste Frage, wurde jedoch von der Kassiererin gerettet. „Alles eingepackt, Mikelle.“

Mikelle und Greg drehten sich um. Jamie langweilte sich und hüpfte im Sitz auf und ab.

„Ja, Sie sollten jetzt gehen, Mikelle“, sagte Greg. „Jamie ist ungeduldig.“ Als sie ihn überrascht ansah, deutete er auf die Kassiererin. „Ich habe Ihren Namen von ihr gehört, von … Colleen. Sehen Sie, hier ist es nicht so schwer, die Namen der Leute aufzuschnappen. Man braucht nur zu lauschen.“ Er lächelte und bemühte sich um jenen Charme, den er als angeblich berüchtigtster Frauenheld von New York besaß.

Offenbar wirkte es. Diesmal lächelte sie unbefangen und reichte ihm die Hand. „Mikelle Bennet. Wahrscheinlich würden Sie meinen Namen ohnedies erfahren, wenn Sie es darauf anlegen. Und Sie sind …?“

„Greg Chandler“, erwiderte er und ergriff ihre Hand, die sich so angenehm anfühlte, dass er sie gar nicht mehr loslassen wollte.

„Warum geht es denn hier nicht weiter?“, fragte dieselbe Stimme, die ihn schon von den Artischocken verjagt hatte. Greg ließ Mikelles Hand los und drehte sich zu Annabelle um. „Ach, Sie schon wieder“, klagte sie. „Himmel, trödeln Sie immer so?“

„Tut mir leid“, entschuldigte er sich.

Mikelle lächelte und schob den Wagen zur Tür. „Viel Glück bei Ihrem Kochwettbewerb, Mr. Chandler“, rief sie zurück. „Wenn Sie und Ihre Freunde wieder einmal auf die Insel kommen, sollten Sie es mit meiner Pension Little Gray Lady versuchen. Das Essen ist großartig, und Sie brauchen es nicht einmal selbst zu kochen. Und die Betten sind bequem. Wiedersehen.“

„Wiedersehen!“, rief er und winkte. Zu seiner Überraschung fuchtelte auch Jamie mit den Ärmchen in der Luft herum und rief: „Baba.“

Nichts hätte Greg mehr berühren können. Als die Kassiererin den Endbetrag nannte, versuchte er zu begreifen, was mit ihm geschah. Und er fand auch die Antwort. Er verliebte sich in seinen Sohn. Warum er jedoch Mikelle und Jamie näher kennenlernen wollte, blieb unklar. In letzter Zeit traf offenbar sein Herz die Entscheidungen und nicht sein Verstand. Das Problem dabei war, dass Herzen oft gefährliche Entscheidungen fällten, durch die Menschen Schmerz zugefügt wurde.

„Das macht hundertzweiundsiebzig Dollar und dreiundzwanzig Cents“, sagte die Kassiererin.

Das fügte ihm tatsächlich Schmerz zu. „Sind Sie sicher?“

„Ich habe mich noch nie vertippt“, versicherte Colleen und rollte seinen Kassenbon zu einer stabilen Röhre. In seinem ganzen Leben hatte er noch nie so viel für Lebensmittel ausgegeben. Zum Glück hatte er genug Geld bei sich.

Sobald er alles im Jeep verstaut hatte, überlegte er, was er mit den Sachen machen sollte. Er hatte kein Zimmer im Executive Inn, auch keine Küche mit Kühlschrank. Und er erinnerte sich vage, dass er mindestens zwei Großpackungen Speiseeis gekauft hatte.

Während er die Straße entlangfuhr, fiel ihm plötzlich die Lösung ein. Er blinkte und wendete.

2. KAPITEL

„Hoffentlich hast du genug zu essen gemacht, Rose. Heute Nachmittag kommt der Gast aus New York, und Sandwiches regen höchstens seinen Appetit an.“

Sonnenlicht fiel in die in weichen Blautönen eingerichtete Küche. „Niemand verlässt jemals hungrig meinen Tisch, Mikelle“, erwiderte Rose und rammte die Faust in eine Schale mit Teig, der zischend wie ein angestochener Autoreifen in sich zusammensank. „Aber zur Sicherheit mache ich von allem eine Extraportion. Woher weißt du, dass der Mann ein großer Esser ist?“

Mikelle drückte den schlafenden Jamie fester an sich. „Man braucht ihn nur anzusehen. Ich habe ihn vor zwei Wochen im Lebensmittelladen getroffen. Er hatte so viel in seinen Wagen geladen, dass er ihn kaum schieben konnte. Angeblich kaufte er für einen Kochwettbewerb mit Freunden ein. Aber vermutlich erfindet er genauso gern Geschichten wie ihr Iren.“

Rose sah sie interessiert an. „Ein großer Mann mit viel Charme?“

„Von Charme habe ich nichts gesagt“, wehrte Mikelle hastig ab. „Aber groß ist er. Mindestens einsneunzig.“

„Wie alt?“, fragte Rose neugierig.

„Ach, schätzungsweise Anfang Dreißig.“

„Ein gutes Alter. Attraktiv?“

„Die meisten Frauen würde ihn attraktiv finden.“

Rose rieb die Hände mit Olivenöl ein, holte den Teigkloß aus der Schale und legte ihn auf die bemehlte Arbeitsplatte. Mikelle wartete ab und wusste genau, was gleich kommen würde.

„Hatte er einen goldenen Ring an der Linken?“

Mikelle lachte. „Du bist unglaublich leicht zu durchschauen, Rose. Er hat erwähnt, dass er nicht verheiratet ist, aber du kannst dir alle Überlegungen sparen. Er ist absolut nicht mein Typ. Außerdem …“

Rose knetete und schlug den Teig, als hätte sie den Teufel persönlich vor sich, unterbrach ihre Tätigkeit und warf Mikelle einen scharfen Blick zu. „Was … außerdem?“

„Ich weiß nicht“, erwiderte sie achselzuckend. „Mir wäre lieber, ich hätte nichts von der Little Gray Lady gesagt. Etwas an ihm macht mich nervös. Im Laden hat er sich ständig in unserer Nähe herumgedrückt, als würde er uns folgen.“

„Er hat sich eben für dich interessiert und war nur zu schüchtern, um etwas zu sagen.“

„Der Kerl ist nicht schüchtern, das kannst du mir glauben“, erwiderte Mikelle trocken. „Außerdem hat er sich mehr für Jamie interessiert. Ständig hat er zu ihm gesehen, nicht zu mir.“ Sie hielt Greg zwar nicht für einen Kidnapper, fand sein Interesse für den Jungen jedoch ungewöhnlich.

Rose hob die bemehlten Hände. „Dann hat er sich eben Jamie angesehen! Alle sehen sich Jamie an, weil er so niedlich ist. Vielleicht mag dieser Mr. Chandler Kinder, und das ist wichtig, wenn du dich mit einem Mann auf etwas einlässt.“

„Rose, ich dachte, du hättest meine Zukunft schon fest verplant? Monatelang hast du dich bemüht, dass Frank und ich zusammenkommen.“

Rose knetete weiter. „Ach was, ich gebe das mit Frank auf. Wenn es ihm nicht gelungen ist, in dir ein Feuer zu entfachen, braucht er Konkurrenz. Vielleicht … wie soll ich sagen? … motiviert ihn das mehr.“

Mikelle wollte nicht, dass Frank „motiviert“ wurde. Sie war mit mehreren Männern ausgegangen, hatte sich jedoch nur mit Frank mehr als einmal getroffen, weil er zu ihr wie ein Freund war. Er bedrängte sie nicht, sondern verstand, dass man fünf Jahre Ehe nicht über Nacht vergessen konnte.

„Wann trifft dieser charmante New Yorker ein?“, fragte Rose. Sie war einundsechzig, gebürtige Irin, seit sechs Jahren verwitwet und Mutter von vier Kindern. Darüber hinaus war sie sehr klug und hatte Mikelle während des letzten Jahres an ihrer Weisheit teilhaben lassen. Dadurch war sie nicht nur Köchin und Haushälterin, sondern auch gelegentlich Babysitter und vor allem eine geschätzte Freundin geworden. Sie stand Mikelle bei, weinte mit ihr und hatte ihr durch die tiefe Depression nach Jims Tod geholfen.

„Er ist mit der Maschine um halb zwei gekommen und sollte jeden Moment auftauchen“, entgegnete Mikelle nach einem Blick auf die Uhr. „Ich lege Jamie ins Bett und ziehe mich zum Tee um.“

„Nimm einen Rock“, riet Rose. „Vielleicht steht er auf lange Beine.“

„Du bist unverbesserlich“, meinte Mikelle lachend und drehte Jamie so, dass sein Kopf in ihrer Armbeuge lag. „Ruf mich, wenn er da ist. Ich muss vorher noch duschen.“

„Und leg Rouge auf!“, rief Rose ihr nach, während sie schon die Treppe hinaufstieg. „Du bist heute etwas blass.“

Mikelle schüttelte bloß den Kopf.

Greg öffnete das Türchen im schmiedeeisernen Zaun des Vorgartens der Little Gray Lady. Hoffentlich wirkte er entspannter, als er sich fühlte. Obwohl er in den letzten zwei Wochen viel zu tun gehabt hatte, schien die Zeit stillzustehen. Und jetzt, da er endlich wieder in Nantucket war, meldeten sich seine Nerven.

Auf der Veranda blieb er stehen und bewunderte den Türklopfer aus Messing, die Nachbildung einer Galeone aus dem sechzehnten Jahrhundert mit geblähten Segeln. Entschlossen schlug er damit dreimal gegen die Tür. Ob Mikelle öffnete? Und hielt sie Jamie in den Armen?

Die Tür öffnete sich, und eine kleine, rundliche Frau mit Schürze betrachtete ihn über die Brille hinweg. „Mr. Chandler?“, fragte sie und trocknete die Hände an einem Geschirrtuch ab.

„Ja.“ Greg betrat die Diele, in der es wunderbar nach Brot und Zimtbrötchen duftete. Antike Möbel aus Kirschbaumholz standen an den Wänden.

„Mrs. Bennet kommt gleich herunter“, erklärte die Frau höflich, betrachtete ihn jedoch forschend. „Mein Name ist Rose. Wenn Sie irgendetwas brauchen … ah, da ist Mrs. Bennet schon.“

Greg wandte sich zur Treppe. Mikelle kam langsam herunter. Sie hatte türkisfarbene Ohrringe angelegt, die nach indianischer Holzperlenarbeit aussahen. Zur Jeansjacke trug sie einen weit fallenden Rock. Die schimmernden kastanienbraunen Haare umrahmten ihr hübsches Gesicht, und anders als bei ihrem ersten Zusammentreffen hatte sie leichtes Make-up aufgelegt.

Er war an New Yorks Geschäftsfrauen mit hohen Absätzen, schmal geschnittenen Kostümen und modern gestylten Frisuren gewöhnt. Mikelle wirkte dagegen ungewöhnlich sanft.

Er richtete den Blick auf ihre langen, gebräunten Beine. Die perlmuttfarben lackierten Zehennägel in den offenen Sandalen verrieten, dass sie keine Strümpfe trug. Ihre Beine waren so glatt, dass er sich ausmalte, wie er mit der Hand von dem schlanken Knöchel über die feste Wade zur Kniekehle strich und …

Was waren das bloß für Gedanken? Er war hier, um Jamie zu sehen und Mikelle Bennets mütterliche Fähigkeiten zu überprüfen, nicht ihre Beine.

„Ich freue mich, dass Sie mein Angebot angenommen haben.“ Sie kam mit ausgestreckter Hand auf ihn zu.

„Ach … Ihr Angebot?“, fragte er verwirrt und drückte ihr die Hand.

„Im Laden vor zwei Wochen. Ich habe von der Little Gray Lady gesprochen und vorgeschlagen, Sie sollten bei Ihrem nächsten Besuch hier wohnen. Verzichten Sie nicht deshalb auf den Luxus eines Whirlpools in jedem Zimmer im Executive Inn?“

„Ja. Ich habe nie über die Vorteile einer Frühstückspension nachgedacht, bis ich Sie traf.“ Seine eigenen Worte taten ihm weh. Er hörte sich wie ein drittklassiger Verführer an. Doch es war besser, sie dachte, er wäre hinter ihr her, als dass sie seine wahren Motive erriet.

„Allerdings haben Sie Ihre Freunde, die Feinschmeckerköche, nicht mitgebracht“, stellte sie fest.

„Nein, sie waren zu sehr damit beschäftigt, sagenhafte Rezepte für unseren nächsten Backwettbewerb zu sammeln.“ Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er ihre Hand noch immer festhielt, und gab sie frei.

Mikelle lächelte nervös. „Ist denn aus den Lebensmitteln, die Sie hier eingekauft haben, ein köstliches Essen entstanden?“

Greg war froh, die Wahrheit sagen zu können. „Die Leute, die diese Lebensmittel aßen, waren sehr erfreut.“

„Das ist schön“, erwiderte sie. „Am Telefon sagten Sie, dass Sie beruflich hier sind.“

„Ja, ich bin Architekt.“ Er hatte sich die Erklärung schon zurechtgelegt. „Ein Klient möchte auf der Insel bauen, ist aber sehr anspruchsvoll. Er wünscht sich eine abgelegene Stelle und verlangt, dass sich das Haus perfekt der Umgebung anpasst. Ich werde mir viele mögliche Standorte ansehen. Normalerweise suche ich für Klienten keine Grundstücke, aber hier handelt es sich um einen Sonderfall. Könnte eine Weile dauern. Deshalb möchte ich mich unbegrenzt einmieten und werde zu verschiedenen Zeiten kommen und gehen.“

„Es ist sicher angenehm, wenn man seine Geschäfte so abwickeln kann“, meinte Mikelle. „Wenn Sie abreisen, werden Sie die Insel gut kennen.“

Und dich hoffentlich auch, dachte er.

„In einer halben Stunde wird der Tee im Salon serviert. Jetzt zeige ich Ihnen Ihr Zimmer, damit Sie sich einrichten können.“

Sie drehte sich um und ging zur Treppe. Er nahm seinen Koffer, folgte ihr und fand ihren femininen Hüftschwung beim Hinaufgehen eine Spur zu interessant.

Mikelle war froh, dass sie sich sammeln konnte. Beim Händedruck war es ihr wie schon im Laden ergangen. Es hatte ihr einen inneren Ruck versetzt. Niemand hatte seit Jim ihr Herz schneller schlagen lassen.

„Das ist Ihr Zimmer.“ Sie öffnete im ersten Stock die erste Tür auf der rechten Seite und gab die übliche Erklärung ab. „Ein Kapitän namens Obed Barney erbaute 1807 dieses Haus und füllte es mit Schätzen, die er während seiner zahlreichen Reisen erworben hatte. Ich habe mich bemüht, diesem Zimmer jenes Flair zu geben, das es vermutlich hatte, als Captain Barney hier schlief.“

Greg trat höflich lächelnd ein und stützte die Hände in die Hüften. Hier zwischen den alten Möbeln, dem großen Messingbett und den Fotos früherer Einwohner von Nantucket konnte Mikelle ihn sich gut in engen Hosen und hohen Stiefel aus Captain Barneys Epoche vorstellen.

Doch auch in der brauner Kordhose, die sich um seine Schenkel und die schmalen Hüften schmiegte, und hellbrauner Raulederjacke wirkte er beeindruckend. Mit seinen breiten Schultern und dem gut proportionierten Körper wirkte er sehr attraktiv. Zu attraktiv.

Er drehte sich zu ihr um. „Werde ich hier allein schlafen?“ Mikelle holte tief Atem. „Oder stattet Captain Barney diesem Haus noch immer Besuche ab?“

„Soviel ich weiß, spukt es hier nicht“, erwiderte sie und ärgerte sich darüber, dass sie auf seine absolut harmlosen Worte so heftig reagiert hatte. Oder waren sie gar nicht so harmlos gewesen? Dem mutwilligen Blick nach zu schließen, flirtete Greg Chandler leidenschaftlich gern. Sie hatte es auf einmal sehr eilig, in die Küche zurückzukehren. „Den Tee gibt es täglich um drei“, erklärte sie so geschäftsmäßig wie möglich. „Wann Sie frühstücken, bleibt Ihnen überlassen.“

„Selbst wenn ich um ein Uhr nachts Sehnsucht nach Frühstücksspeck entwickle?“

Wie konnte sie geschäftsmäßig bleiben, wenn er so lächelte? „Im Stadtzentrum hat das Domino rund um die Uhr geöffnet. Ich habe gehört, dass es dort eine sagenhafte Speckpizza gibt, die alle Ihre Sehnsüchte erfüllt, die Sie mitten in der Nacht entwickeln könnten.“

„Das haben Sie nur gehört?“, fragte er lachend. „Richtig, Sie sind Vegetarierin.“

Mikelle fiel auf einmal das Lächeln schwer. „Woher wissen Sie das?“

„Sie haben es mir erzählt.“

„Wann habe ich Ihnen das erzählt?“

„Im Laden. Wir sprachen über das Kochen … Erinnern Sie sich nicht mehr?“

„Nein.“

„Nun“, meinte er lachend, „woher sollte ich es wissen, wenn Sie es mir nicht gesagt haben?“

Er hatte natürlich recht, und sie stellte sich albern an. Was bildete sie sich denn ein? Dass er einen Privatdetektiv engagiert hatte, um Informationen über sie zu sammeln? Bestimmt hatte sie erwähnt, dass sie Vegetarierin war.

„Vermutlich sage ich viel, an das ich mich nicht mehr erinnere“, meinte sie entschuldigend.

„Das tun wir doch alle.“

„Noch einmal zum Frühstück … Rufen Sie morgens unten an und sagen Sie uns, wann Sie es haben wollen. Auf dem Tisch liegt eine Broschüre, in der das Telefon und alles andere erklärt wird.“ Mit einem höflichen Lächeln wollte sie gehen.

Greg kam sich entsetzlich albern vor. Offenbar war die Ausbildung in Harvard bei einem Dummkopf wie ihm völlig umsonst gewesen. Er musste vorsichtig sein. Vieles über Mikelle wusste er aus Smiths Bericht, aber er musste so tun, als wüsste er gar nichts.

Trotz des Reizes, den Mikelle auf ihn ausübte, hatte er den eigentlichen Grund für die Reise nach Nantucket nicht vergessen. Wo war denn Jamie? Schlief er vielleicht? Oder schleuderte er in der Küche zerdrückten Tofu oder biologisch angebauten Spinat gegen die Wände?

Er folgte Mikelle auf den Korridor. An der Treppe blieb sie unschlüssig stehen. Wahrscheinlich machte er sie nervös. Gut, dann war er wenigstens nicht der Einzige. „Haben Sie auch noch andere Gäste?“

„Nur zwei, ein Paar aus Montana auf Flitterwochen. Sehr nett, aber auch sehr … abgelenkt.“

„Ist das Ihr Zimmer?“ Er deutete auf die geschlossene Tür neben seinem Raum.

„Ja. Ich vermiete nur drei Zimmer. Das nächste steht derzeit leer, und mein und Jamies Zimmer liegt auf der anderen Seite am Ende des Korridors. Sie erinnern sich an Jamie, das kleine Monster, das in Geschäften Gurkengläser hinunterwirft?“

„Sicher“, meinte er lässig. „Sie lassen ihn bei sich schlafen?“

„Bis er größer ist. Ich bin Witwe. Also gibt es nicht das Problem, dass ich meinen Mann nachts wecken könnte, wenn ich wegen Jamie aufstehe.“ Einen Moment lang wirkte sie sehr bekümmert. „Tee um drei, denken Sie daran“, sagte sie hastig und ging die Treppe hinunter.

„Wird Jamie dabeisein?“

Wo hatte er bloß sein Gehirn gelassen? Er hätte sich treten können! Wieso platzte er mit einer solchen Frage heraus?

„Natürlich trinkt er keinen Tee“, antwortete sie unbekümmert, obwohl sie sich sichtlich über sein Interesse für ihren Sohn wunderte. „Aber wenn er wach ist, möchte er auch unterhalten werden, deshalb ist er immer in meiner Nähe. Zehn Monate sind ein sehr neugieriges Alter. Sie scheinen Kinder zu mögen, Greg“, fügte sie neugierig hinzu. „Kommen Sie aus einer großen Familie?“

„Nein, ich bin Einzelkind“, erwiderte er und hielt es angesichts ihrer verwirrten Miene für das beste, sich zurückzuziehen.

Nachdem er die Tür geschlossen hatte, hörte er Mikelle zu ihrem gemeinsamen Zimmer mit Jamie gehen. Wahrscheinlich hatte er sie so beunruhigt, dass sie das arme Kind weckte und mit nach unten nahm.

Mikelle und die Flitterwöchner verspäteten sich zum Tee. Greg sah sich die Bilder an den Wänden des Salons an, in dem auf einem niedrigen Tisch eine üppige Mahlzeit angerichtet war. Alte Sofas und Sessel bildeten eine gemütliche Sitzgruppe.

Die Aquarelle zeigten Nantuckets nostalgischen Charme – Strandszenen und Landhäuser mit bunten Blumenbeeten an einem sonnigen Sommertag. Die Signatur verriet, dass Mikelle sie gemalt hatte, und sein Respekt wuchs. Sie hatte Talent, sehr viel sogar, und konnte Jamie vielleicht etwas davon übermitteln.

Er drehte sich um, als sich die Tür öffnete. Im Türrahmen stand Mikelle und beugte sich tief zu Jamie herunter, der auf dem Boden eifrig in Richtung Salon krabbelte. Leider war er noch nicht ganz sattelfest, was diese neue Fortbewegungsart anging, jedenfalls ging es hin und wieder auch rückwärts. Dann hielt er inne und blickte mit großen, erstaunten Augen um sich, bevor er mit erneutem Eifer weiterrobbte.

Greg versuchte, das breite Lächeln zu dämpfen, das sich unkontrolliert auf seinem Gesicht ausbreitete. Was war Jamie in nur zwei Wochen gewachsen! „Er krabbelt schon?“

Mikelle blickte abrupt hoch, und eine Haarsträhne fiel ihr über ein Auge. „Ich wusste nicht, dass Sie hier sind.“

Offenbar freute sie sich nicht sonderlich, ihn zu sehen. Er sah auf die Uhr. „Es ist zehn nach drei.“

„Schon? Jamie und ich waren beschäftigt.“ Sie hob den Kleinen hoch und setzte ihn in der Mitte des Salons wieder ab. „Ja, er krabbelt schon eine ganze Weile. Ein paar Mal hat er sogar schon versucht, sich an Möbeln hochzuziehen und zu stehen.“

Greg hätte sich gefreut, wenn Jamie ihn wiedererkannt hätte, aber ein so kleines Kind hatte sicher nur ein kurzes Gedächtnis. Trotzdem hätte der Junge ihn zur Kenntnis nehmen können, anstatt sich ganz darauf zu konzentrieren, auf die Couch zuzukrabbeln. Aber niedlich war er. Greg hätte ihn am liebsten hochgehoben!

Mikelle versuchte genau wie Greg nicht, sich zu unterhalten. Sie schien sich unbehaglich zu fühlen und ließ Jamie nicht aus den Augen. Greg kam schon zu dem Schluss, dass dieser Aufenthalt auf Nantucket ein großer Fehler war, als sich die Tür des Salons langsam öffnete und die Flitterwöchner hereinkamen.

Woher er wusste, dass es die Flitterwöchner waren? Während sie den Raum betraten, umklammerten sie einander so leidenschaftlich, wie man das sonst nur auf den Bucheinbänden von Liebesromanen sieht. Und sie küssten und streichelten sich wie Schüler während eines Footballspiels hinter den Zuschauerbänken.

Selbst für Flitterwöchner war ihr Verhalten in Gregs Augen etwas übertrieben, wenn auch amüsant. Wussten die beiden gar nicht, dass sie von zwei … nein, von drei neugierigen Augenpaaren beobachtet wurden? Sogar Jamie stand still und richtete den Blick auf das stürmische Paar.

Mikelle hatte gehofft, die Austins würden sich zurückhalten, nachdem sie ihnen gestern Abend einen neuen Gast angekündigt hatte. Sie war eindeutig zu optimistisch gewesen und räusperte sich jetzt laut.

Lyn und Cary Austin fuhren schuldbewusst auseinander, und Mikelle betrachtete eingehend den Kamin hinter dem Sofa. Sie wollte nicht zusehen, wie die beiden hastig ihre Kleidung glattstrichen, und ganz sicher wollte sie Greg nicht ansehen.

„Ach … Mikelle“, stammelte Lyn und strich ihr kaffeebraunes Haar hinter das Ohr. „Wir dachten nicht, dass Sie schon hier sind.“

Mikelle sah, wie Greg wieder auf die Uhr blickte. Wahrscheinlich war er im Gegensatz zu ihr einer von diesen überpünktlichen Typen, die es hassten, wenn sich jemand auch nur etwas verspätete.

„Tut mir leid.“ Cary schob das Westernhemd in die Jeans. Er war groß und schlank, mit dunklem Haar und Schnurrbart. „Wir sind auf Hochzeitsreise“, erklärte er und nickte Greg verlegen zu.

„Ich wurde schon gewarnt, dass Flitterwöchner in der Pension sind.“ Greg reichte ihm freundlich die Hand.

Mikelle stieß den angehaltenen Atem aus und fing einen amüsierten Blick aus Gregs meergrünen Augen auf. Meergrüne Augen? Wie kam sie denn darauf? Jetzt fehlte nur noch, dass sie in diesen meergrünen Augen versank!

„Woher kommen Sie?“, erkundigte sich Greg.

„Aus Montana“, erwiderte Cary lächelnd. „Tolle Gegend. Rancher. Cary Austin und meine Frau Lyn. Und Sie?“

„Architekt. Manhattan. Greg Chandler.“

Und möglicherweise Kidnapper, fügte Mikelle in Gedanken hinzu, obwohl sie es eigentlich nicht glaubte. Aber warum interessierte er sich so für Jamie? Und wieso fühlte sie sich in seiner Gegenwart so unbehaglich, wenn er nichts Gefährliches an sich hatte? Irgendwie stellte er für sie und Jamie eine Gefahr dar, ohne dass sie den Grund herausfand.

„Lyn hat das Reisefieber gepackt“, fuhr Cary fort. „Sie möchte was vom Land sehen, bevor sie schwanger wird.“ Er blinzelte seiner errötenden Braut zu.

Mikelle zweifelte nicht daran, dass es mit der Schwangerschaft nicht lange dauern würde … die Glückliche. Sie selbst hätte alles dafür gegeben, schwanger zu werden.

„Lyn hat in der Zeitung einen Artikel über Nantucket gelesen und wollte unbedingt herkommen. Tolle Insel.“

Mikelle sah ihn überrascht an. Woher wollte Cary denn wissen, wie es auf Nantucket aussah? Seit ihrer Ankunft vor vier Tagen hatten die beiden die Pension kaum verlassen. In zwei Tagen reisten sie wieder ab. So lange waren sie wohl noch zu ertragen. Diese ständige Küsserei und Schmuserei erinnerte Mikelle ständig daran, was ihr seit Jims Tod fehlte, besonders seit dieser undurchsichtige Greg Chandler eingetroffen war.

„Ich klingle nach dem Tee.“ Mikelle hob Jamie hoch, der gerade in die Schlagsahne fassen wollte. „Setzen Sie sich, bitte.“

„Der Tee ist schon da!“ Rose kam mit einem Tablett mit drei Teekannen herein und stellte es auf den Tisch, der sich bereits unter den Speisen bog.

„Ach, sieht das alles gut aus!“, rief Lyn und setzte sich neben ihrem Mann auf die Couch. „Ich bin so hungrig, dass ich eine ganze Kuh aufessen könnte!“

„Das liegt bestimmt an der Seeluft“, meinte Greg und warf Mikelle einen Blick zu, der deutlich oder an der vielen körperlichen Betätigung sagte. Er setzte sich den Austins gegenüber in einen Ohrensessel. Die Ärmel seines cremefarbenen Pullovers hatte er bis zu den Ellbogen hochgeschoben. Die sehnigen Unterarme waren mit blonden Härchen bedeckt. „Essen Sie nicht mit uns?“, fragte er, als Mikelle mit dem strampelnden Jamie auf den Armen stehenblieb.

„Doch“, versicherte sie. Greg Chandler störte ihre Konzentration. Sie setzte sich neben ihn. „Ich gieße den Tee ein. Orange Pekoe, Kamille oder Earl Grey?“

Während die Austins noch überlegten, kämpfte Mikelle mit Jamie. Er griff nach allem, was er erreichen konnte, obwohl er schon in der Küche seinen Brei bekommen hatte. Aus Sorge hatte sie ihn heute eine halbe Stunde früher als sonst aus dem Bettchen geholt, und darum war er jetzt unruhig.

„Jamie, Schätzchen, ganz ruhig“, redete sie auf ihn ein. Er quietschte protestierend und streckte die Hände nach den Muffins aus.

„Ich halte ihn“, bot Greg an.

Mikelle warf ihm einen besorgten Blick zu. Jamie fing heftig zu weinen an. „Das mute ich Ihnen auf keinen Fall zu.“

„Das ist doch keine Zumutung“, versicherte er unbekümmert.

Sie wandte sich an Rose, die in die Küche zurückkehren wollte. „Könntest du Jamie nehmen?“

„Tut mir leid, Mikelle, ich muss das Brot aus dem Ofen holen. Mr. Chandler hat doch angeboten, ihn zu halten. Warum gibst du ihm nicht den Kleinen?“

Weil ich ihm nicht vertraue, dachte sie.

„Ich nehme Jamie“, sagte Lyn. „Ich liebe Babys.“

Allmählich wurde es peinlich. Schließlich konnte sie Jamie nicht Lyn anvertrauen, nachdem sie Greg abgewiesen hatte.

„Vielleicht ist er nur hungrig.“ Greg griff nach einem Plätzchen.

„Er hat gerade gegessen“, erwiderte Mikelle abwehrend.

„Ach, Sie möchten nicht, dass er den Keks bekommt?“

Jetzt kam sie sich wieder einmal albern vor. „Natürlich kann er ihn bekommen.“ Um ihre unsinnige Angst vor Greg Chandler zu überwinden, stand sie auf und setzte ihm Jamie auf den Schoß. „Und wenn Sie sich unbedingt Ärger einhandeln wollen, können Sie ihn auch halten.“

Jamie gab sich bereits einem regelrechten Tobsuchtsanfall hin. Wenn dadurch diesem Einzelkind aus New York nicht die Begeisterung für ihren Sohn verging, half gar nichts.

Sobald Jamie erkannte, dass er nicht mehr auf Moms Schoß saß und von Händen gehalten wurde, die doppelt so groß wie ihre waren, hörte er zu weinen auf, drehte sich um und betrachtete Greg Chandler.

Mikelle konnte nicht entscheiden, wer von beiden verunsicherter dreinsah, Greg oder Jamie. Nur eines stand fest. Der Versuch zu beweisen, dass Greg absolut harmlos war, scheiterte kläglich. Das Gefühl einer Bedrohung war noch immer vorhanden … und stärker als vorher.

3. KAPITEL

Dem eigenen Nachwuchs ins Auge zu schauen war beunruhigender, als Greg sich vorgestellt hatte, selbst wenn aus den Augen Tränen flossen. Angst, Stolz und Neugierde mischten sich. War er nun hier, um Jamies Adoptivmutter zu überprüfen, oder wurde er von dem Wunsch getrieben, eine Beziehung zu seinem Sohn aufzubauen?

Alle sahen her, und Jamie setzte wieder zum Weinen an. Vermutlich wusste das arme Kind nicht, was es von einem Erwachsenen halten sollte, der es einfach anglotzte. Wenn er nicht schnell handelte, wurde ihm Jamie gleich wieder weggenommen.

„Hey, Jamie, möchtest du ein Plätzchen?“

Jamie warf nur einen flüchtigen Blick auf das Plätzchen, packte es und steckte es in den Mund. Greg nutzte die Gelegenheit, holte ein schneeweißes Taschentuch aus der Hosentasche und wischte Jamie über Gesicht und Nase. Aus Protest wand sich der Kleine heftig, und Greg büßte dadurch garantiert bei ihm Sympathiepunkte ein, gewann dafür aber bei seiner Mutter.

Er wandte sich an Mikelle. „Schenken Sie lieber den Tee ein, solange Jamie ruhig ist. Ich glaube nicht, dass es so bleiben wird.“

„Wahrscheinlich nicht, obwohl er sich noch nie so schnell beruhigt hat, noch dazu bei einem Fremden.“ Sie wandte sich ab und goss den Tee ein.

Bei einem Fremden, dachte Greg. Das war er, und das wollte er bleiben.

„Das ist vielleicht ein Kind“, bemerkte Cary. „Aus dem wird mal ein tüchtiger Basketballer.“

„Und ein Herzensbrecher, wenn er erwachsen ist“, fügte Lyn hinzu.

Das ist er jetzt schon, dachte Greg.

„Trotz seiner gelegentlichen Wutausbrüche ist er ein richtiger Schatz, genau wie sein Vater“, warf Mikelle sanft ein.

Im ersten Moment erschrak Greg, doch dann begriff er, dass sie von Jim Bennet und nicht von Jamies leiblichem Vater sprach.

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