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BIANCA HERZENSBRECHER BAND 2

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Stark wie unsere Liebe

PROLOG

„Was soll das heißen?“, sagte Jake Peterson fassungslos zu der silberhaarigen energischen Frau vor ihm, die für seinen Adoptionsfall zuständig war. Sie saß an einem Schreibtisch, dessen Oberfläche im Lauf der Jahre zu einer bunten Collage aus lachenden Gesichtern geworden war. Hunderte Kinderfotos bedeckten die Tischplatte. Alle diese Kinder hatte Mrs. Starling glücklich gemacht. Warum ging das nicht auch für seine kleine Bonnie?

„Nur weil diese Elizabeth Mannford mit Bonnie verwandt ist, macht sie das zu einer besseren Bezugsperson? Es war der letzte Wunsch meiner Freunde, dass ich ihre Tochter aufziehe. Sie können sie mir nicht wegnehmen. Ich bin der einzige Mensch, den sie kennt!“

„Bitte, Mr. Peterson, Sie brauchen nicht laut zu werden. Möchten Sie ein Butterscotch?“ Mrs. Starling wies auf eine große Tonschale, die randvoll war mit golden schimmernden, einzeln verpackten Butterscotch Bonbons. „Butterscotch ist der tröstlichste Geschmack, den es gibt. Finden Sie nicht?“

Jake biss stumm die Zähne zusammen. Er wollte seinen Zorn nicht an dieser alten Dame auslassen, aber er war verzweifelt.

Vor sechs Wochen waren Cal und Jenny in ihrem Wagen von einem betrunkenen Fahrer getötet worden und hatten die kleine Bonnie als Waise zurückgelassen. Es kam nicht infrage, dass er das Versprechen brach, welches er ihnen gegeben hatte.

„Verstehen Sie doch“, sagte er und holte tief Luft, um sich zu beruhigen. „Ich liebe Bonnie. Und als Eigentümer der Galaxy Sports Company kann ich ihr mehr als ausreichend gesicherte Verhältnisse bieten.“

„Das bezweifelt Miss Mannford gar nicht.“

„Wo liegt dann ihr Problem? Warum tut sie das? Warum verweigert sie die Unterschrift?“

„Man muss es einmal aus ihrer Sicht betrachten“, begann Mrs. Starling und strich mit den Fingern über einen Stapel Aktenordner. „Sie scheint einsam zu sein, verbittert darüber, wie ihr Leben verlaufen ist. Ihre Nichte Jenny war alles, was sie auf der Welt noch hatte – und natürlich deren Tochter Bonnie. Ich kann verstehen, dass sie nicht die letzte Verbindung zu ihrer Familie an einen Fremden verlieren will.“

„Aber das ist es ja“, sagte Jake und beugte sich so weit vor, dass sein Stuhl fast kippte. „Ich bin doch kein Fremder für Bonnie.“

Mrs. Starling wich seinem Blick aus. „Das Ganze tut mir furchtbar leid, glauben Sie mir. Die Kleine vertraut Ihnen, das sieht man. Ach, es war so rührend, wie sie sich an Ihre Schulter kuschelte.“ Sie wies auf ihre Fotosammlung. „Ich liebe Happy Ends! Diese Fotos sind mein Leben. Meine Erfolge.“ Jetzt sah sie ihn wieder an. „Leider habe ich neben all diesen lächelnden Gesichtern auch viele, viele Tränen gesehen.“

Jake schluckte. Meine Tränen oder die meines Babys sollen Sie nicht sehen. Dafür werde ich schon sorgen.

Die Frau ahnte ja nicht, dass es nicht nur um Bonnies weiteres Leben, sondern auch um seine eigene Zukunft ging.

Er hatte eine glückliche Kindheit gehabt. Seine Eltern waren wunderbar gewesen, besonders sein Vater. Vielleicht hatte Jake auch deshalb selbst immer Kinder haben wollen. Er wollte sie sonntags mit ihrer Baseballmannschaft anfeuern und Kindergeburtstage ausrichten, ihnen bei den Hausaufgaben helfen und die frisch und rosig aus der Badewanne geholten kleinen Racker ins Bett bringen.

Nach der Heirat mit seiner Highschool-Liebe Candy hatte Jake die Erfüllung dieser Träume in Reichweite vor sich gesehen. Bis Candy auf einmal nur noch ihr Geschäft im Kopf hatte und immer öfter davon sprach, dass sie nie Kinder haben wollte.

Als Candy nach fünf Jahren Ehe die Scheidung einreichte, hatte der Schmerz ihn völlig aus der Bahn geworfen. Aber seither waren zehn Jahre vergangen, und es ging ihm gut ohne sie – oder irgendeine andere Frau. Eisern hatte er seinen Schwur gehalten, nie mehr wegen einer Frau zu leiden. Und wenn man eine Frau brauchte, um Kinder zu haben, dann hatte er eben schweren Herzens auf Kinder verzichtet.

Jetzt hatte das Schicksal ihm dieses Kind auf einmal in den Schoß gelegt. Er war Vater geworden und zu allem bereit, um die kleine Bonnie zu behalten.

„Hören Sie“, sagte er und versuchte, ruhig und vernünftig zu klingen. „Ich kann das alles. Windeln wechseln, Fläschchen ausspülen, Kinderkleider kaufen, kein Problem!“

„Mr. Peterson, Sie müssen das verstehen, ich kann nicht Babys jedem zusprechen, der mich darum bittet. Wir haben da Vorschriften, die dem Wohl des Kindes dienen sollen. Sie wären bestimmt ein wunderbarer Vater, nur halten die Richter sich an das Gesetz. Und das gibt nun einmal Blutsverwandten Vorrang.“

„Aber das ist doch Unsinn. Und ungerecht! Bonnie hat diese Elizabeth Mannford nie gesehen. Ich dagegen gehöre für sie zur Familie, seit sie auf der Welt ist!“

Bedauernd sagte Mrs. Starling: „Ich fürchte, Sie haben recht. Ja, wenn Sie verheiratet wären, dann könnte ich …“

„Was?“, entfuhr es Jake entgeistert.

„Ich habe nur darauf hingewiesen, wenn Sie eine Frau an Ihrer Seite hätten, dann …“

Aber Jake war schon aufgesprungen und lief zur Tür. Er sah Licht am Horizont!

„Mr. Peterson? Wo wollen Sie denn hin?“

„Was glauben Sie wohl? In meinen Country Club! Dort liegt bestimmt irgendeine Blondine am Pool, die mich für eine Ehe auf Zeit heiraten würde.“

„Nicht so schnell!“, rief Mrs. Starling. „Kommen Sie zurück! Ich stehe voll und ganz auf Ihrer Seite, aber Sie können doch nicht einfach eine Fremde heiraten! Jeder Familienrichter wird diesen alten Trick durchschauen. Nein, es muss schon eine echte Beziehung sein. Eine liebevolle Beziehung zu einer Frau, die Sie kennen und der Sie zutrauen, dass sie auch auf lange Sicht eine liebevolle Mutter ist. Und dass sie mit Ihnen gemeinsam einen langen und wahrscheinlich ziemlich hässlichen Rechtsstreit durchstehen kann.“

Sie schob sich noch ein Butterscotch Bonbon in den Mund und sah ihn halb mitleidig, halb amüsiert an. „Meinen Sie, Sie könnten so eine Frau aus dem Hut zaubern?“

Jakes Hoffnungen fielen schon wieder in sich zusammen. War die Frau verrückt?

Er kannte nur eine einzige Frau in seinem Leben, die diesen Ansprüchen genügte. Candy. Er sah sie vor sich, mit ihrem hübschen Lächeln und den so hinreißend braunen Augen, in denen man wie in sündhaft süßer geschmolzener Schokolade versinken konnte.

Leider hatte seine Exfrau bei seinem letzten Blick in diese Augen nicht gelächelt. Sie hatte geweint. Und der Anblick ihrer Tränen hatte ihm nicht nur das Herz zerrissen, sondern ihn auch zu dem Schwur veranlasst, niemals wieder zu heiraten.

Und jetzt sollte eine Wiederheirat mit der Frau, die sein Leben in Trümmer gelegt hatte, die einzige Möglichkeit sein, um Bonnie zu behalten?

Am liebsten hätte er Mrs. Starling jetzt sehr höflich gesagt, wo sie sich ihre groteske Idee hinstecken konnte. Nur stand leider viel zu viel auf dem Spiel: Er würde Bonnie verlieren, wenn er nicht bis zum Äußersten ging.

Jake straffte sich und kam zu dem unausweichlichen Schluss: Wenn er die geringste Chance wahren wollte, Bonnie zu behalten, dann musste er Candy noch einmal heiraten. Und zwar schnellstens!

1. KAPITEL

Drei Tage später …

Vorsichtig betrat Jake Peterson die rot gekachelte Eingangsstufe zu Candy Kisses Süßwarengeschäft und Eisdiele. Aber gerade, als er das wichtigste Fusionierungsgespräch seines Lebens in Angriff nehmen wollte, klingelte sein Handy.

„Ja?“, antwortete er schnell und verfluchte sich dafür, dass er das dumme Ding nicht in seinem Leihwagen gelassen hatte.

„Hast du’s getan?“

„Nein, zum Teufel, habe ich nicht.“ Jake zog sich aus der warmen Missouri-Maisonne in den Schatten eines in Form einer riesigen Katze geschnittenen Busches zurück. Um den Bauch der Katze flatterte eine Schar Spatzen wie eine lärmende Kinderschar. Er hielt sich das freie Ohr zu. „Ich habe doch gesagt, ihr sollt warten, bis ich euch anrufe!“

„Ich weiß, aber es geht um das Baby. Bonnies Windelinhalt sieht komisch aus.“

„Was soll das heißen?“

„Ich weiß nicht recht, es ist … rosa. Und riecht ein bisschen nach Fischköder.“ Der Mann am anderen Ende war Rick, sein bester Freund aus der Highschool und jetzt Manager von Jakes Gründungsgeschäft, dem ersten „Galaxy Sports Store“, nur wenige Hundert Meter entfernt.

Jake seufzte, dann fragte er: „Womit habt ihr Jungs sie gefüttert? Ich bin doch erst seit einer Viertelstunde weg!“

„Hühnerfrikassee und ein paar Nudelreste, und gleich, nachdem du weg warst, hat sie Kirscheis und ein bisschen Kirschcreme gelutscht.“

Jake fuhr sich mit der freien Hand übers Gesicht. Er war mit den Männern aufgewachsen, die jetzt seinen Laden führten. Und er hatte gedacht, dass sie alle imstande wären, ein paar Stunden auf Bonnie aufzupassen. Aber das war vielleicht ein Fehler gewesen. Wie es vielleicht auch falsch gewesen war, nach all den Jahren wieder einen Fuß in diese Stadt zu setzen.

„Wo ist Warren?“, fragte er.

„Da kam ein Anruf von der Schule seiner Tochter, im Sportunterricht wurde ihr ein Zahn ausgeschlagen, und Warren musste schnell mit ihr zum Zahnarzt.“

Großartig. Der Einzige von ihnen, der tatsächlich Erfahrung mit Kindern hatte, war nicht mehr da. „Hör zu, Rick, mach dir keine Sorgen. Gebt ihr einfach nichts Rotes zu essen, nein, füttert sie ab sofort überhaupt nicht mehr, ja? Und ruf mich in der nächsten halben Stunde nicht an! Ich gehe jetzt rein.“

„Ich hätte gern … zwei Coco Locos, einen Dino-Riegel und eine Schoko-Erdbeere.“

„Mmh, gute Wahl.“ Ohne aufzusehen, öffnete Candy Jacobs-Peterson das große Süßigkeiten-Glas und schnupperte an dem Inhalt. Auch nach all den Jahren im Süßwaren-Geschäft liebte sie den Duft ihrer eigenen Kreationen immer noch.

Sie griff nach einem Papiertuch und holte ein paar ihrer Meisterwerke heraus. Die aus Milchschokolade, Mandeln und gerösteter Kokosnuss bestehenden Coco Locos verkauften sich dreimal besser als all ihre anderen Süßigkeiten. Nächsten Montag bei der Übergabe musste sie die neuen Besitzer von Candy Kisses darauf hinweisen, dass sie für Nachschub fürs Wochenende sorgten.

Es war schwer zu glauben, dass das Geschäft, das ihr Lebensinhalt geworden war, bald anderen Leuten gehören würde. Nach dem Tod ihres Vaters, als sie elf gewesen war, hatte ihr Großvater sie praktisch hier in diesem Laden großgezogen. Bis sie Jake geheiratet hatte. Ihre kurze Ehe war die glücklichste Zeit ihres Lebens gewesen, nur leider letztendlich dem Jacobs-Fluch zum Opfer gefallen.

Nach ihrer Scheidung war Candy in den Laden und zu ihrem Großvater zurückgekehrt und hatte sich in die Arbeit gestürzt. Eine Zeit lang ging das ganz gut. Aber vor einem Jahr war ihr Großvater gestorben, und danach hatte sie, trotz ihrer vielen guten Freunde, die Einsamkeit überfallen.

Sie hatte sich verloren gefühlt. Orientierungslos.

Und jetzt …

Jetzt brauchte sie mehr. Wovon, das wusste sie selbst nicht recht. Irgendetwas fehlte in ihrem Leben. Aber was dieses nebulöse Etwas auch sein mochte, hier in Lonesome fand sie es nicht. Und deshalb würde sie am nächsten Montagmorgen den Kaufvertrag für Candy Kisses von den neuen Besitzern unterschreiben lassen, ihr Haus abschließen und Lonesome verlassen. Auf unabsehbare Zeit – so lange, bis sie mit sich im Reinen war und so etwas wie ihren inneren Frieden gefunden hatte.

Sie verdrängte das Kribbeln im Bauch, das sie manchmal überkam, wenn sie an die nächste Zukunft dachte, und hielt dem Kunden seine rosa Candy Kisses-Schachtel hin. Erst jetzt sah sie hoch.

Die Schachtel samt Inhalt segelte zu Boden und knallte auf die glänzenden Holzdielen. Fassungslos hatte Candy sich die Hand vor den Mund geschlagen. „Oh Gott … Jake.“

Er begegnete ihrem Schock mit einem schiefen Lächeln. „So glücklich macht dich mein Anblick?“

„Nein … ich bin nur …“ Candy schüttelte den Kopf. Reiß dich zusammen! Ja, es war zehn Jahre her. Und Jake schien größer, dunkler und unendlich viel attraktiver geworden zu sein. Na und? Behandle ihn wie jeden anderen Kunden.

Leicht gesagt. Wie viele andere Kunden hatten ihr das Herz gebrochen?

„Bist du für das Klassentreffen gekommen?“, fragte sie bemüht munter, während sie sich hinkniete und die verstreuten Pralinen vom Boden aufsammelte.

„Ja. Ich dachte, ich würde es nicht schaffen, aber …“ Im Aufstehen sah sie, wie er die Achseln zuckte. „Pläne können sich manchmal plötzlich ändern.“

Das wusste Candy selbst nur zu gut. „Schön, dass du es doch geschafft hast. Die Jungs im Laden freuen sich bestimmt, dass du wieder in der Stadt bist.“

Und du, Candy? Freust du dich auch? Jake merkte, dass er den Atem angehalten hatte.

Seine Exfrau war immer eine umwerfende Erscheinung gewesen, aber jetzt …

Er schluckte und zwang sich, über ihre whiskybraunen Augen, den honigfarbenen Teint und das herrliche kastanienbraune Haar hinwegzusehen. Für den Bruchteil einer Sekunde sah er sie wieder vor sich im Bett, in jenem elfenbeinfarbenen Seiden-Negligé, das sie als Geschenk zu ihrem ersten Hochzeitstag gekauft hatte. Für ihn! Die feinen Spitzenborten hatten Verstecken mit ihren Brüsten gespielt, während sie ihn hinter einem Vorhang aus dunkelbraunen Haarwellen anlächelte und ihn einlud, sein Geschenk auszupacken.

Jake holte tief Luft. Konzentrier dich. Du bist gekommen, um eine Mutter auf Zeit für Bonnie zu finden. Keine Gespielin für dich. Und Candy hatte ihn schon einmal fallen lassen, das reichte für ein ganzes Leben.

„Die Jungs haben mir erzählt, dass du ein neues Projekt hast“, bemerkte er leichthin.

„So kann man es auch ausdrücken“, gab sie zurück und rückte konzentriert die schon in tadelloser Linie stehenden Gläser mit den Süßigkeiten zurecht.

„Eröffnest du endlich einen zweiten Laden? Oder erfindest eine neue supersüße Kreation, die du dann landesweit verkaufst?“

Sie stellte sich auf Zehenspitzen und hob zwei Gläser auf ein höheres Regalbrett, hoch genug, dass sich die Knöpfe ihrer weißen Seidenbluse über ihren vollen Brüsten spannten. Dann sagte sie: „Du warst der Einzige hier in der Gegend mit hochfliegenden Träumen, Jake. Meine Träume waren immer einfach.“ Ein seltsames Lächeln umspielte ihre Lippen. „Haben die Jungs dir denn weiter nichts erzählt?“

Was sollen sie mir erzählt haben? Dass du hinreißender bist denn je? „Ich habe das Gefühl, ich bin der Einzige hier, der von nichts weiß.“

„Wir sind geschieden, Jake, falls du das vergessen hast.“

„Getroffen.“

Sie wandte den Blick ab. „Ich kann es immer noch nicht glauben, dass du hier bist. Du warst der Letzte, mit dem ich heute gerechnet habe.“ Als sie ihn wieder ansah, hatte sie abwesend ein paar Haarsträhnen zwischen die Finger genommen und zwirbelte sie mechanisch, als könnte das die Traurigkeit in ihren Augen vertreiben.

Das letzte Mal hatte Jake dieses nervöse Haarzwirbeln an dem Tag gesehen, als Candy die Scheidungspapiere unterschrieben hatte. „Candy“, sagte er und trat einen Schritt näher. „Stimmt irgendetwas nicht? Abgesehen davon, dass ich jetzt hier vor dir stehe?“ Er grinste schwach, und sie lächelte kaum merklich zurück.

„Nein. Heute ist nur ein ziemlich seltsamer Tag.“

„Wieso? Ist nicht einfach ein ganz normaler Montag?“

Sie nickte, aber dann gab sie ein seltsames kleines Geräusch von sich, das im nächsten Augenblick als Schluchzer aus ihr herausbrach. „Ach, Jake, ich weiß, dass ich das Richtige tue, aber …“

In der nächsten Sekunde war er schon bei ihr hinter der Theke und zog sie in seine Arme. „Schsch …“, murmelte er und streichelte ihr beruhigend übers Haar. Ein merkwürdiges Déjà-vu-Gefühl überkam ihn. „Alles wird gut, Candy, egal, was passiert.“

„Sieh mich an“, sagte sie, löste sich von ihm und rieb sich mit den Handrücken die Tränen weg. „Hier stehe ich vor dem größten Abenteuer meines Lebens und tue, als wäre es eine Strafe.“

„Erzählst du mir nun endlich, was los ist?“

Tapfer lächelte sie ihn an. „Entschuldige, ich habe vergessen, dass du es ja nicht weißt. Heute ist mein letzter Montag in diesem Laden.“ Sie strich mit den Fingern über den ehrwürdigen weißen Marmor der Theke. „In einer Woche verkaufe ich Candy Kisses und verlasse Lonesome. Zuerst überquere ich die Anden auf einem Lama! Danach gehe ich auf eine Amazonas-Kreuzfahrt und fahre von dort aus zu den Galapagosinseln, und …“

„Aber … was wird aus deinem Großvater?“ Was war nur mit Candy los? Candy Kisses befand sich seit über fünfzig Jahren im Besitz ihrer Familie. Das Geschäft war ihr Zuhause. Sie konnte es doch nicht einfach verkaufen.

„Das wusstest du auch nicht? Grandpa ist letzten Frühling gestorben.“

Jake seufzte tief und fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht. „Das tut mir sehr leid … Aber dann verstehe ich noch weniger, warum du alles verkaufen willst! Hast du den Verstand verloren?“

„Wie bitte?“

„Du verkaufst das Einzige, was du in deinem Leben wirklich geliebt hast, um dafür auf einem zotteligen Tier über die Anden zu reiten? Was soll das? Ist das eine Art verrückter Selbstfindungsversuch?“

„Ja – ich meine, nein! Und selbst, wenn? Was geht dich das an? Übrigens ist es nur ein Urlaub. Eine Gelegenheit, mal etwas anderes zu sehen. Andere Leute kennenzulernen.“ Eine Gelegenheit herauszufinden, was ich mit dem Rest meines Lebens anfangen will.

Candy zwängte sich an Jake vorbei und versuchte, die heiß-kalten Schauer zu ignorieren, die sie durchfuhren, wo ihre Arme und Hüften sich berührten.

„Wo gehst du hin?“

Ohne sich nach ihm umzudrehen, antwortete sie: „Nach Hause. Ich muss noch jede Menge packen.“ Sie schnappte sich ihre Handtasche aus dem kleinen Verschlag hinter der Ladentheke.

„Du gehst einfach so? Ich dachte, du hast abends immer geöffnet?“

„Nur von Donnerstag bis Sonntag.“

„Ja, aber was ist mit den heutigen Kunden?“

„Sie kommen morgen wieder.“ Candy war schon unterwegs zur Ladentür und erklärte: „Ich gehe jetzt und schließe ab, Jake. Letzte Warnung, oder du musst die Nacht hier drin verbringen.“

Mit einer überraschenden Bewegung, wie nur ihr Exmann sie fertigbrachte, schwang Jake sich einfach über die Theke. Im nächsten Moment war er vor ihr an der Tür und blockierte mit verschränkten Armen den Ausgang.

„Du bist kein bisschen erwachsener geworden, stimmt’s?“, brachte Candy heraus.

„Genau wie du, meinst du? Du wirfst einfach alles hin und verschwindest?“

„Ich werfe nicht alles hin. Ich gehe nach Hause und packe.“

„Um auf eine verrückte Reise zu gehen, die eher nach Flucht aussieht, vor was auch immer.“

Tränen stiegen Candy wieder in die Augen, und trotzig unterdrückte sie sie. Es hatte Jahre gedauert, bis sie sich wegen dieses Mannes nicht mehr in den Schlaf geweint hatte. Hatte er vergessen, was er ihr angetan hatte? Hatte er vergessen, welche inneren Qualen sie damals überwinden musste, um ihm so weit vertrauen zu können, dass sie ihn heiratete?

Er hatte gewusst, aus was für einer katastrophalen Familie sie kam, doch es war ihm egal gewesen. Denn sonst hätte er sie nicht so bedrängt und nicht mehr von ihr verlangt, als sie jemals geben konnte.

„Wenn wir schon von Flucht reden, Jake“, sagte sie und holte tief Luft. „Nicht ich habe alle Brücken hinter mir abgebrochen, um mich an den Stränden von Florida zu aalen.“

„Es geht hier nicht um mich, sondern um dich. Um die Candy, die immer noch allen Problemen ausweicht.“

„Was für Probleme?“, fragte sie ein wenig zu schrill. „Bis du hier plötzlich aufgetaucht bist, war alles gut.“

„Da haben wir es, du wirfst mir deine Probleme vor.“

„Manches ändert sich wohl nie. Genau wie die Tatsache, dass wir beide zusammenpassen wie Öl und Wasser. Und ich dachte schon, dass du aus heiterem Himmel zum Klassentreffen erscheinst, wäre ein Zeichen. Dass auch du die Vergangenheit hinter dir gelassen hast und wir wie vernünftige Menschen miteinander umgehen könnten. Aber da habe ich mich wohl geirrt.“

Fieberhaft wühlte sie in ihrer Handtasche nach den Schlüsseln und kämpfte schon wieder gegen die Tränen an. Es musste der Abschied von ihrem Laden sein, der ihr so zusetzte. „Du hast mich nie verstanden“, fuhr sie fort. Hast nie verstanden, was ich für dich aufgegeben habe. „Und jetzt hältst du mir Vorträge über meine Fehler und wirfst selbst jeden Tag alles weg.“

„Was werfe ich weg?“, fragte Jake verständnislos.

Deine Chance auf das Einzige, was du mit mir nicht haben konntest. Das Einzige, das du mehr als alles andere wolltest, mehr als mich: Warum hast du nicht längst eine Familie gegründet? Candy hielt die Schlüssel in der Hand und hatte die Lippen fest zusammengepresst.

„Antworte mir.“ Er nahm sie bei den Schultern. „Was sollte dieser letzte Kommentar?“

„Nichts. Ich weiß nicht.“

„Blödsinn!“ Aufgebracht stieß Jake die Luft aus und ließ sie los. Er wandte sich von Candy ab und fuhr sich durch das Haar. Die ganze Situation war außer Kontrolle geraten. Er hatte doch eine simple, klare Mission vor sich gehabt. Reingehen, Vorschlag machen, rausgehen. Eins, zwei, drei. An welchem Punkt war das nur schiefgegangen?

Merkwürdig, dieselbe Frage hatte er sich auch bei ihrer letzten Auseinandersetzung gestellt.

Wenn er vernünftig war, verließ er diesen Ort sofort wieder und versuchte bei den Richtern sein Glück mit einer Frau, die er dafür bezahlte. Vielleicht konnte er sogar auf eine dieser geheimnisvollen Zeitungsannoncen antworten, die versprachen, in dreißig Tagen komplette Biografien und falsche Identitäten zu erschaffen.

Wach auf, Jake. Deine einzige Chance steht vor dir. Und sie starrt dich an, als würde sie dir am liebsten ins Gesicht spucken.

„Jake“, begann Candy unsicher. „Warum bist du wirklich gekommen? Erzähl mir nichts von dem Klassentreffen, denn Page Watson hat mir vor sechs Wochen gesagt, dass du ‚Zurück an Absender‘ auf deine Einladung geschrieben hast.“

Vor sechs Wochen waren Cal und Jenny noch am Leben gewesen.

Candy hatte recht. Normalerweise wäre Jake nicht um alles Bier von St. Louis zu ihrem Klassentreffen erschienen. Natürlich hätte er gern einmal wieder mit all seinen alten Freunden zusammengesessen, aber angesichts der Wahrscheinlichkeit, auch Candy zu begegnen … nein, danke.

Und warum harrte er jetzt hier im Gewittersturm aus? Warum nahm er nicht den nächsten Flug zurück nach Palm Breeze und kam nie wieder?

Wegen Bonnie. Deshalb.

Er sah sie vor sich, die rosigen Wangen, das strahlende zahnlose Lächeln, die seidenweichen spärlichen Härchen auf dem Kopf und roch den Duft von frisch eingecremtem Babybauch. Es lag nicht mehr in seiner Hand, das Schicksal hatte bereits entschieden. Er war kein freier Mann mehr.

Er biss die Zähne zusammen und sagte: „Du hast recht. Das Klassentreffen war ein Vorwand. Ich bin gekommen, um mit dir zu reden.“

„Worüber?“

„Eine Ehe. Unsere Ehe. Ob du vielleicht bereit wärst, mich noch einmal zu heiraten?“

Jake wusste nicht, ob Candy ihre vollen Lippen öffnete, um etwas zu antworten, oder so fassungslos war. Eigentlich hatte er erst ein bisschen vorfühlen wollen, bevor er ihr diese Frage aller Fragen stellte. Aber jetzt war es zu spät.

Sein Ansinnen schien ihr die Stimme verschlagen zu haben. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, brachte sie nur heraus.

„Sag einfach, wir können heute Abend zusammen essen und miteinander reden, statt zu streiten. Oder noch besser, sag, dass du heute Abend für uns kochst.“

„Aber …“

„Prima“, sagte er mit einem breiten Lächeln. „Um sieben bin ich bei dir.“

2. KAPITEL

„Was gibt es zu den Corndogs dazu?“, fragte Candys beste Freundin und Nachbarin Kelly Foster um Viertel vor sieben am selben Abend in Candys Küche. Sie wies auf die verloren daliegenden Würstchen im Teig.

„Du meinst, ich hätte Jake gleich ein Filet Mignon braten sollen?“

Kelly saß auf einem der Barhocker an der dunkelrot gefliesten Theke. Sie verzog das Gesicht. „Na ja, Corndogs ohne alles? Wenn du wenigstens noch Spaghetti und Salat als Beilagen genommen hättest. Der Mann hat dich gebeten, ihn wieder zu heiraten, nicht, seine Klos zu putzen.“

„Stimmt“, sagte Candy, zog die Ofentür auf und schob das Blech mit den Corndogs hinein. „Und dieses Mal ist er wenigstens gut bei Kasse. Für die Hausarbeit kann er sich ein Dutzend Haushälterinnen leisten. Glaubst du, sie fegen auch die Reste von gebrochenen Herzen weg?“

Sie schloss kurz die Augen und drängte die schon wieder aufsteigenden Tränen weg. Sarkasmus war überhaupt nicht ihre Art! „Entschuldige“, sagte sie. „Was Jake Peterson angeht, war eine Ehe einfach mehr als genug.“

Kelly verdrehte ratlos die Augen. „Ihr wart füreinander geschaffen. Von eurem ersten sonderbaren Picknick-Date auf dem Footballplatz von Lonesome High an! Das weiß jeder. Warum, glaubst du, hat Jake wohl nie wieder geheiratet?“

„Woher soll ich das wissen? Wir haben seitdem keinen Kontakt mehr gehabt. Und unser erstes Date war nicht sonderbar, sondern sehr romantisch.“ Mit Nachdruck knallte Candy eine große Tüte tiefgefrorener Pommes frites auf die Arbeitsplatte.

„Puh“, bemerkte Kelly und sah genauer hin. „Wie alt sind die denn?“

„Sie sehen ein bisschen komisch aus“, gab Candy zu. „Kann sein, dass sie noch aus der Zeit stammen, als ich mit Chad Schluss gemacht habe. Erinnerst du dich an meine darauf folgende Fett-und-Süß-Phase?“ Candy schauderte es bei der Erinnerung daran. „Immerhin hat dieser Abend ein Gutes.“

„Und das wäre …?“

„Ich räume endlich meinen Gefrierschrank aus.“

„Du bist ein hoffnungsloser Fall.“ Lachend schüttelte Kelly ihren hübschen blonden Kopf. „Was, glaubst du, hat Jake vor?“

„Es kann nichts Gutes sein! Schubidu-du“, Candy lächelte ihrer Freundin zu und trommelte einen munteren Rhythmus auf ihrer imaginären Oberschenkel-Trommel.

„Mich kannst du nicht täuschen, Candy“, erklärte Kelly nachdenklich.

Candy drehte sich um und nahm Senf und Ketchup aus dem Kühlschrank. „Das versuche ich gar nicht.“

„Du hast einen Riesenbammel, stimmt’s?“

„Wovor? Es wird nur ein Abendessen“, erklärte Candy und stellte Senf und Ketchup mechanisch in die Spülmaschine. „Mir geht es hervorragend. Dass Jake wieder da ist, lässt mich völlig kalt.“ Jetzt nahm sie nacheinander ein paar Kaffeebecher aus der Spülmaschine und hängte sie an ihre Haken unter den Hängeschränken.

„Räumst du dein schmutziges Geschirr wieder aus, weil es dir so gut geht?“

Erschrocken starrte Candy auf die Kaffeetropfen, die langsam auf die Arbeitsfläche fielen. „Mist.“

„Und dann kannst du ja vielleicht auch Ketchup und Senf wieder aus der Spülmaschine holen.“

Entgeistert starrte Candy auf ihr Werk. „Kelly, hilf mir. Du musst hierbleiben. Was soll ich machen? Worüber soll ich mit ihm reden? Ich kann nicht mit ihm allein sein. Du weißt, was allein schon sein Anblick bei mir auslöst. Du hättest ihn heute im Laden sehen sollen.“

Kelly rutschte von ihrem Hocker und nahm sie in die Arme. „Glaub mir, alles wird prima. Ihr beiden habt euch schon als Teenager geliebt. Ihr kennt euch seit Ewigkeiten. Vielleicht vermisst er dich ja, und dieser Antrag war ernster gemeint, als du denkst.“

Candy schnaubte. Dann unterdrückte sie einen tiefen Seufzer. „Du warst nicht an dem Morgen da, als er seine letzten Sachen abgeholt hat. Ich habe ihm den Schuhkarton gegeben, in dem er meine Liebesbriefe aufgehoben hatte, aber er sagte mir, ich solle ihn behalten, Kelly. Er sagte zu mir, er wolle in seinem neuen Leben nichts haben, was ihn an mich erinnerte. Dann ging er ohne ein weiteres Wort.“

„Jetzt kommen mir auch schon die Tränen!“, rief Kelly und putzte sich ungeduldig die Nase. Dann drückte sie ihre Freundin noch einmal tröstend an sich.

„Bitte, bleib hier“, flehte Candy. „Lass mich nicht mit ihm allein. Ich mache extra für dich noch Steaks.“

Draußen schlug eine Autotür zu. „Oh, nein!“

Aufmunternd sah Kelly sie noch einmal an und legte ihr die Hand auf den Arm: „Ich habe nachher nicht nur meinen Malkurs, sondern weiß auch genau, dass du in deinem Kühlschrank nichts mehr hast, außer Schmelzkäse und drei Jahre alte Mixed Pickles.“

„Verräterin“, murmelte Candy, als Kelly mit einem letzten Winken aus der Hintertür verschwand.

Im selben Moment klingelte es vorn an der Haustür, und gleich darauf ging sie schon knarrend auf. „Candy? Bist du da?“

„Hi“, brachte sie nur heraus.

Jake kam mit einem so vertrauten schiefen Lächeln auf sie zu, dass ihr Herz einen Salto machte. Es war wie damals, wenn sie Jake zur Tür hereinkommen sah, als sie frisch verheiratet waren.

„Riecht gut hier“, sagte er. „Was gibt’s zum Essen?“

„Corndogs.“

„Mmh. Toll.“

War er immer so groß gewesen? Er schien den ganzen Raum auszufüllen. Und warum wünschte sie plötzlich, sie hätte Kellys Rat befolgt und wenigstens noch schnell ein paar Spaghetti dazu gekocht? „Tut mir leid, dass es nichts Richtiges gibt. Ich habe praktisch nichts mehr im Haus.“

„Ich bin wunschlos glücklich“, gab Jake zurück und sah sich im Wohnzimmer um. In seinem Gesicht stand Anerkennung. Oder hoffte sie das nur?

Das verlassene alte Haus hatten sie damals kurz nach der Hochzeit gekauft, weil die Raten für die Bank günstiger waren als eine Miete. Es stand auf einem waldigen Hügel über dem Lonesome See. Mit den Jahren hatte Candy es wieder schön in Schuss gebracht. Und auch, wenn ihr selbst nicht klar war, warum, lag ihr auf einmal etwas daran, dass es Jake gefiel.

Nervös fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen und sagte: „Hier hat sich Einiges verändert.“

„Das kann man wohl sagen.“ Er pfiff leise. „Es sieht gemütlich aus, nicht mehr wie die wildeste Studentenbude der Gegend. Was ist aus den Ziegelstein-Bücherregalen und Goldilocks geworden?“

Goldilocks. Die alte Couch mit dem Goldbezug, die sie auf den Resten der Badezimmerkacheln aufgebockt hatte …

„Sie ruhen in Frieden auf der städtischen Müllkippe, neben einem sehr netten älteren Paar, Waschmaschine und Trockner, früher wohnhaft in der Pecan Lane auf einer gelben Ranch.“

Jake lachte, und sein belustigter Blick traf Candy völlig unvorbereitet.

Bilder aus der Vergangenheit stiegen in ihr auf, gemeinsames Frühstück und Abendessen an einem wackligen Sägebock-Tisch. Samstagabend-Schaumbäder bei Kerzenschein und die unendlich albernen Witze, die sie sich darüber ausdachten, warum die Heißwasserrohre wohl so stöhnten.

Einen Augenblick lang war Candys Welt wieder heil, wie damals, wenn sie Jake zum Lachen brachte und mit sich und der Welt im Reinen war.

Bis die Erinnerung sie mit einem Stich traf. Nein, ihre Welt war damals gar nicht heil gewesen. Hör auf, dir etwas vorzumachen!

Jedenfalls sollte Jake um keinen Preis sehen, wie ihre Gefühle Achterbahn fuhren, nur, weil er vor ihr stand. Also fuhr sie munter fort: „Zu Ihrer Linken sehen Sie mein ziemlich neues Sofa. Beachten Sie den weichen Blumenbezug. Und zu Ihrer Rechten haben wir eine echte Bücherwand-plus-Unterhaltungselektronik-Einheit. An der Unterhaltungselektronik arbeite ich noch.“

„Sehr hübsch“, sagte Jake. „Aber wie siehst du überhaupt, was im Fernsehen läuft? Das Gerät ist ja winzig. Candy, wenn du einen besseren Fernseher willst, brauchst du doch nur …“

„Danke, aber ich will dein Geld nicht, Jake.“

„Es gehört uns beiden.“

„Du hast Galaxy Sports, wie es heute ist, nach unserer Scheidung geschaffen.“

„Ja, aber in den Scheidungspapieren steht, dass die Hälfte davon dir gehört.“

„Aber ich will es nicht.“

„Pech. Das ist so, ob du es nun willst oder nicht.“

„Ach, Jake“, sagte sie und wich seinem Blick aus. „Zehn Jahre haben deinem Stolz nicht den kleinsten Abbruch getan.“

Sie standen dicht voreinander, aber sie lebten auf verschiedenen Planeten. Und doch, was hatte dieser Mann nur an sich, dass ihr bei einem Blick in seine Augen nach all diesen Jahren noch immer die Knie weich wurden?

Einerseits wollte sie nur schnell zur Sache kommen und erfahren, was sein plötzlicher, absurder Antrag am Nachmittag bedeuten sollte. Andererseits verspürte sie eine seltsame Sehnsucht, Jake wieder in ihr Leben hereinzuziehen, ihn einzusperren und den Schlüssel wegzuwerfen. Sie verstand sich selbst nicht mehr.

Ernst sagte Jake: „Wenn du erst erfährst, warum ich hier bin, wirst du sehen, wie wenig von meinem Stolz geblieben ist.“

„Ich bin ganz Ohr.“ Scherzhaft hielt sie die Hände hinter die Ohren und wackelte mit den Fingern, um ihr nervöses Kichern zu überspielen.

Er wollte gerade den Mund öffnen, da schnupperte er und sah hinüber zur Küche. „Ist das Rauch? Candy, ich glaube, deine Küche steht in Flammen.“

Minuten später hatte Jake ihr brennendes Abendessen gelöscht. Aber eine dicke, stinkende graue Wolke hing noch an der Decke. Die Flamme im Ofen war gar nichts gewesen gegenüber Jakes Panik bei dem Gedanken, Candy könnte in Gefahr sein. Für einen Augenblick hatte er sich gefühlt, als wären sie wieder verheiratet, als wäre er noch verantwortlich für sie.

„So, das war’s“, erklärte er betont lässig und stellte den Feuerlöscher wieder ab.

Candy hatte schon die Fenster geöffnet und die Dunstabzugshaube angestellt. „Jake, ich glaube, bevor du kamst, war ich ein bisschen durcheinander.“ Ihre Wangen waren hinreißend rosa angelaufen.

Er lehnte an der Theke und erklärte ernst: „Ich fürchte, du brauchst einen neuen Ofen.“ Dann trat er zu ihr, legte ihr die Hände auf die Schultern und brummte in Westernmanier, mit einem Augenzwinkern: „Alles okay, Ma’am. Feuer ist aus. Sie können das Haus jetzt abreißen.“

Aber der elektrische Strom, der ihm bei ihrer Berührung durch die Arme schoss, machte ihm klar, dass noch ganz andere Feuergefahr bestand. Von Candy gingen Flammen aus und direkt in ihn hinein.

In der ganzen Aufregung hatte sie eine schwarze Rußspur auf ihrer linken Wange abbekommen. Ohne nachzudenken, beugte er sich vor und rieb sacht mit dem Daumen den Schmutz ab.

„Was …“ Sie war zusammengezuckt, bis ihr klar wurde, was er tat.

„Entschuldige, du hattest da etwas …“

„Schon gut.“ Sie sah zu Boden, dann hob sie den Blick wieder zu ihm. „Danke. Für deine Heldentat und die Rettung unseres … meines Hauses.“

„Kein Problem. Ich bin froh, dass ich gerade da war.“

„Ich auch.“ Candy verzog innerlich das Gesicht. Was war los mit ihr? Sie war froh, dass er da war! Hatte sie vergessen, wie erleichtert sie gewesen war, als er damals ging? Unendlich erleichtert, dass sie nie mehr dieselben alten, ermüdenden Fragen von ihm hören würde?

„Wann wollen wir unsere Familie gründen?“, hatte er morgens, mittags und abends gefragt. „Du bist so wundervoll. In meinen Träumen sehe ich schon vor mir, wie fantastisch unsere Kinder sein werden.“ Und, das Gesicht an ihrem Hals vergraben: „Wie bald können wir wohl mit Zuwachs rechnen?“ Und gegen Ende ihrer Ehe: „Komm schon, Candy Cane. Ich hätte doch nur gern mehrere Kinder. Wie schlimm können die schon sein?“

Candy schluckte und verfolgte hinter einem plötzlichen Tränenschleier, wie der einzige Mann, den sie je geliebt hatte, zum Kühlschrank ging.

Er steckte den Kopf hinein, und sie hing mit dem Blick an seiner aufregenden Rückansicht in den perfekt sitzenden Jeans. „Ich habe Hunger, Frau. Was gibt es zu essen, außer …“ Er zog ein Glas heraus und studierte das Etikett. „… Mini-Gewürzgurken?“

Schnell wischte sie sich eine Träne weg und sagte: „Ketchup oder Senf. Du hast die Wahl.“

„Du musst einkaufen gehen. So lebt man doch nicht.“

„In sechs Tagen reise ich ab nach Peru, also hat es keinen Sinn mehr, Vorräte anzuhäufen.“

Er schloss den Kühlschrank und betrachtete die kümmerliche, jetzt tropfnasse Tüte Pommes frites. „Sollen wir uns Pizza kommen lassen?“

„Nein, lass uns sparen und Reste suchen.“

„Warum? Wir müssen doch nicht sparen.“

„Du vielleicht nicht.“

„Candy“, sagte Jake sanft. „Die Hälfte von allem, was Galaxy Sports je verdient hat, liegt auf einem Konto auf deinen Namen. Warum benutzt du es nicht?“

„Weil ich dein Geld nicht will, ganz einfach.“

„Es ist unser Geld. Dad hat das Geschäft mir und dir an unserem ersten Hochzeitstag vermacht. Weißt du noch?“

„Zum letzten Mal, bitte, Jake, hör mir zu. Danke für das Angebot. Es ist sehr nett. Aber ich will und brauche es nicht. Spende das Geld für einen guten Zweck. Finanzier einigen armen Kids das College.“ Sie wandte ihm den Rücken zu.

„Es geht hier um ein paar Millionen Dollar, Candy.“

„Ist das der aktuelle Preis für das Herz einer Frau?“

„Was soll das heißen?“

Sie wirbelte herum und sah ihn an. „Was glaubst du wohl? Ja, wir haben viel darüber gestritten, dass du Kinder willst. Aber daneben hat auch Galaxy Sports dazu beigetragen, dass unsere Ehe gescheitert ist. Weil du deinem Vater beweisen musstest, wie gut du von Fußbällen bis zu Angeln alles verkaufen konntest. Das hat dich mehr gekümmert als jemals unsere Ehe.“

„Das stimmt nicht. Wenn ich mich recht erinnere, hast du ebenfalls jede Menge Zeit in Candy Kisses zugebracht. Was sollte ich denn tun, zum Neandertaler werden und dich in unsere Höhle schleppen? Je mehr ich seitdem darüber nachgedacht habe, desto mehr ist mir klar geworden, dass du vielleicht nie meine Frau sein wolltest.“

„Nein!“, sagte sie. Ihre Stimme war ein heiseres Flüstern. Sie schluckte und versuchte die Tränen zu unterdrücken, die schon wieder aufsteigen wollten. „Du weißt, warum ich die Scheidung eingereicht habe. Es ging um die Kinder, Jake. Deine fixe Sehnsucht nach ihnen. Ich habe dir gesagt, dass ich das nicht kann, aber du hast nicht zugehört. Du wusstest, dass der Gedanke für mich unmöglich war, und trotzdem hast du immer wieder davon angefangen. Und du wusstest auch, wie weh es mir tat, dich gehen zu lassen.“

„Mich gehen lassen?“ Er lachte sarkastisch. „Du hast mich zur Tür rausgeworfen.“

„Ach, meine Gründe sind dir ja heute genauso egal wie damals.“

„Was für Gründe? Das ist es ja gerade. Du hast mir nie Gründe genannt. Ohne Kinder hätte ich leben können, aber nicht ohne deine Liebe. Und unser letztes gemeinsames Jahr haben wir wie Fremde verbracht, was sollte ich denn denken? Ich weiß, ich kann ein bisschen schwer von Begriff sein, aber es hätte nicht den Vorschlaghammer gebraucht, um mir klarzumachen, dass dir nicht mehr viel an mir oder unserer Ehe lag.“

„Genau da irrst du dich.“ Sie bohrte einen anklagenden Zeigefinger in seine Richtung und ignorierte die heißen Tränen, die ihr jetzt einfach übers Gesicht liefen. „Ich hätte alles für dich getan. Ich habe dich so sehr geliebt, dass ich dich freigegeben habe. Ich konnte dir deinen Kinderwunsch nicht erfüllen, also habe ich dich ziehen lassen, damit du sie mit einer anderen Frau bekommen kannst. So sehr habe ich dich geliebt, Jake. Nicht Candy Kisses, sondern dich.“

„Ach, Candy.“ Er fuhr sich durchs Haar, ließ dann alle Bedenken fallen und zog sie in seine Arme. „Wie haben wir nur alles vermasselt, hm?“

Candy lehnte sich an seine warme, so vertraute Brust. Sie fühlte sich so wohl in seinen Armen, als wäre sie endlich heimgekehrt. Leider war das nur ein Traum. Das Märchen von damals konnte man nicht wiederholen.

Es war so idyllisch gewesen, als sie beide verliebte Teenager waren. Mit achtzehn hatten sie geheiratet, einen Monat nach ihrem Highschool-Abschluss. Ihre Ehe hatte fünf Jahre gehalten. Zuerst hatten sie beide in den Geschäften ihrer Familien gearbeitet und mit keinem Gedanken an die Zukunft gedacht, außer, wann sie sich das nächste Mal lieben würden. Fast ein Jahr lang war das genug gewesen, aber dann hatte Jake mehr gewollt.

Er wollte das ganze Programm. Und das hieß: Kinder.

Er wusste, was Candy für eine Mutter gehabt hatte. Die ganze Stadt kannte die Geschichte, wie die Mutter der armen kleinen Candy Jacobs mit einem Tapetenvertreter durchgebrannt war und nie mehr gesehen wurde.

Aber auch vorher schon hätte Valerie Jacobs nie ‚Mutter des Jahres‘ werden können. Sie backte keine Kekse, las keine Gutenachtgeschichten vor und besuchte keine Schultheateraufführungen. Nie lobte sie die Kinderzeichnungen oder Einser-Diktate ihrer Tochter, und erst recht nie hätte sie ihrer kleinen Candy Zöpfe geflochten oder wäre Hand in Hand mit ihr Kleider kaufen gegangen. Das hätte Candy alles gar nichts ausgemacht, wenn ihre Mutter ihr nur gegeben hätte, wonach jedes Kind sich sehnt: Liebe.

Nein, das Schlimmste an Valerie Jacobs war, dass sie für niemanden außer sich selbst etwas empfand. Und natürlich für ihre Liebhaber. Jahre später hatte Candy erfahren, dass der Mann, mit dem ihre Mutter schließlich auf und davon gegangen war, nicht einmal ihre erste Affäre gewesen war.

Als ihr Vater drei Tage nach Valeries Flucht an einem Herzinfarkt starb, war niemand überrascht. In der Stadt war man sich einig, dass die Jacobs ihrem Mann das Herz gebrochen hatte.

Als der Großvater Candy zu sich nahm, hellte ihr Leben sich auf. Aber nie vergaß die kleine Candy, die mit der Zeit größer wurde, die Leere, die in ihr lauerte. Schließlich war sie Valeries Tochter, und das hieß, es war ihr genetisch schon bestimmt, genauso eine schlechte Ehefrau und Mutter zu werden.

Jake hatte alles über Candys Mutter gewusst. Was er nicht wusste, weil Candy es ihm nie erzählt hatte, war, dass Candy alles tun wollte, um die Fehler ihrer Mutter nicht zu wiederholen. Als Jake sie mit seinem Kinderwunsch zu bedrängen begann, erkannte sie, dass sie schon einen furchtbaren Fehler begangen hatte, indem sie zu träumen gewagt hatte, sie könnte eine gute Ehefrau sein. Sich und Jake wehzutun, war das eine. Aber ihren heiligsten Schwur konnte sie um nichts in der Welt brechen. Sie durfte keine Kinder haben. Kein Kind verdiente das einsame Leben, das sie damals hatte.

Jake strich ihr so sanft übers Haar, dass Candy fast angefangen hätte, wie eine Katze wohlig zu schnurren. Leider war sie keine Katze. Sie war eine Frau mit Körper und Geist und musste zusehen, wie sie ihr Leben in den Griff bekam.

Ihr Leben ohne Jake.

Jake straffte sich, als sie sich von ihm löste.

„Es tut mir leid. Ich wollte sagen, wenn du eine Pizza magst, zahle ich, denn ich bin die Gastgeberin.“

„Klar“, sagte er und steckte die Hände in die Taschen seiner Jeans. Nachdem er Candy losgelassen hatte, kroch ihm eiskalte Einsamkeit in die Fingerspitzen. „Das klingt gut. Nur, dass ich zahle.“

„Okay“, gab sie nach und nickte steif. „Ich rufe an.“

Als Jake allein in der gemütlichen Küche mit ihren sonnengelben Vorhängen, ordentlich an Haken hängenden Kaffeebechern und warmen Eichenschränken stand, fühlte er sich verloren. Auf unsicherem Terrain. Seine Welt war modern und nüchtern und bestand aus Chrom, Leder und Frauen, die gar nicht wussten, dass zu einem Haus eine Küche gehörte. Er war hergekommen, um seine Zukunft mit Bonnie zu retten und Candy eine einfache Frage zu stellen. Und plötzlich befand er sich auf einer Zeitreise. Zehn Jahre zurück in die Vergangenheit, mitten hinein in Auseinandersetzungen und Diskussionen, als hätten sie nie aufgehört. Wenn er vernünftig war, dann machte er sich jetzt aus dem Staub.

Aber er war nicht vernünftig, er war verliebt, nicht in Candy – sondern in Bonnie. Und wenn er sich für seine Mission zum Narren machen musste, dann war er dazu bereit.

Er sah sich in der Küche um, betrachtete den handgemachten bunten Flickenteppich auf den dunkelroten Fliesen, die fröhlichen Fotos, die die Wände zierten, die warmen Lichtstrahlen, die durch das große Fenster hereindrangen und über den runden Eichenholztisch wanderten. Melancholisch wurde ihm auf einmal bewusst, dass so das Zuhause aussah, in dem er aufgewachsen war – und das er sich für Bonnie wünschte.

Natürlich konnte er den teuersten Innenarchitekten von Palm Breeze engagieren, damit er sein Haus in eine exakte Kopie von Candys Heim verwandelte. Aber mit keinem Geld der Welt konnte er natürliche Wärme kaufen, die alles hier ausstrahlte.

Auf einmal tat es weh, dass Candy mit ihrem Leben und diesem Haus ohne ihn weitergemacht hatte. Dieses Haus hatte ihnen beiden gehört. Jetzt fühlte er sich wie ein Eindringling. Das Einzige, womit er in seinem Leben gescheitert war, war seine Beziehung mit Candy. Und jetzt hing seine Zukunft mit Bonnie von seiner Vergangenheit mit seiner Exfrau ab? In was hatte er sich da nur hineinmanövriert?

Jake schluckte. Was ist mit uns beiden passiert, Candy?

„Die Pizza kommt in etwa einer Dreiviertelstunde.“

Er sah auf.

Selbst, wenn sie nur einen Raum durchquerte, war Candy so atemberaubend. Vor langer Zeit einmal war sie alles gewesen, was er sich je gewünscht hatte. Dieses seidige Haar, die langen Beine. Wenn sie sich geliebt hatten, hatte sie diese Beine auf ihre spezielle Art um ihn geschlungen und ihn in sich hineingezogen, bis er fast geweint hätte vor Glück, ihr Mann zu sein.

Er musste wieder einen klaren Kopf bekommen. Candy und ihre gemütliche Küche waren gefährlich. „Eine Dreiviertelstunde? Das ist lang.“

„Ja.“ Candy strich sich mechanisch ihr einfaches geblümtes Kleid glatt. „Sollen wir so lange einen Film anschauen, während wir warten?“, schlug sie vor.

„Nein, Candy, ich glaube, wir sollten miteinander reden.“

3. KAPITEL

Im Wohnzimmer setzte Candy sich auf das Sofa, während ihr Exmann sich einen mit Kissen vollgestopften Sessel aussuchte.

Wenn es nach ihr ginge, dann hatten sie an diesem Tag schon genug geredet. Aber sie sah Jake an, dass er nicht gehen würde, ehe er alles losgeworden war, was er auf dem Herzen hatte. Also bemerkte sie achselzuckend: „Leg los. Warum hast du mir heute in meinem Laden einen zweiten Heiratsantrag gemacht?“

Jake nestelte am Kragen seines dunkelgrünen Poloshirts, das so hinreißend zu seinen Augen passte, dass sie wegsehen musste. Er räusperte sich. „Wie soll ich anfangen? Ich stecke ein bisschen in Schwierigkeiten und könnte deine Hilfe brauchen. Nein, ich flehe dich um Hilfe an.“ Er lachte gequält. „Ich würde dich ja dafür bezahlen …“

„Alles klar“, unterbrach Candy ihn verwirrt. „Nur weiter.“

„Meine besten Freunde Cal und Jenny haben ein wunderhübsches Kind. Die Kleine heißt Bonnie, und du solltest mal ihre strahlend blauen Augen sehen. Als sie geboren wurde, sah ich sie im Krankenhaus, als sie eine Stunde alt war. Jenny sagte zu Cal, dass alle Babys blaue Augen haben, aber er erwiderte: ‚Unsinn, unser wunderschönes Kind wird die hinreißendsten blauen Augen der ganzen Welt haben.‘ Und so nannten sie sie Bonnie Blue, wie Rhetts und Scarletts Tochter. Aber Gott behüte, sie wird nicht so enden! Ich werde dafür sorgen, dass sie sich von Pferden fernhält!“

Candy beugte sich vor, gebannt von dem Wandel in Jakes Gesichtsausdruck. Seine Augen leuchteten vor Liebe zu diesem Kind, das nicht einmal seines war. Sie hatte recht gehabt, ihn damals ziehen zu lassen. Jake war dazu bestimmt, Vater zu sein.

„Ich habe vor, sie von allem fernzuhalten, was sich schnell bewegt. Dreiräder, Fahrräder, erst recht Autos, ganz zu schweigen von den wilden Teenagern, die darin am Steuer sitzen.“

„Jake“, bemerkte Candy, und ein vager Verdacht breitete sich in ihrem Magen aus. „Warum redest du von diesem Baby, als wäre es deines?“

Er schluckte, und in diesem Moment sah sie, dass Tränen in seinen dunkelbraunen Augen schimmerten. „Weil sie mein Kind ist, Candy. Cal und Jenny sind tot.“

Erschrocken schlug sie sich die Hand vor den Mund. „Das tut mir leid, Jake.“ Ohne nachzudenken, war sie im nächsten Moment bei ihm und umarmte ihn voller Mitgefühl. „Wie? Sie müssen noch sehr jung gewesen sein.“

„Ein betrunkener Fahrer“, sagte er leise. „Es war schlimm. Ein paar Kids fuhren frontal in sie hinein. Freitagnachts. Die Polizei sagte, der Fahrer müsse mindestens zehn Bier getrunken haben, dass sein Blutalkohol so …“ Er brach ab und holte tief Luft.

Unwillkürlich ergriff Candy seine Hand. „Lass dir Zeit, ist schon gut.“

Er nickte. „Entschuldige. Es ist schon einen Monat her, aber noch so frisch.“

„Sie waren deine Freunde.“

„Ja. Als damals erst mein Vater starb und dann meine Mutter, haben sie mir durch diese Zeit geholfen.“

„Es tut mir leid, dass ich nicht zur Beerdigung deiner Mutter kommen konnte.“ Sie drückte seine Hand. „Mein Großvater lag gleichzeitig im Krankenhaus, und …“

„Schon gut, das verstehe ich. Ich wünschte, die Jungs im Laden hätten mir erzählt, dass er krank war. Natürlich hat er dich gebraucht.“

Ich wollte auch, dass du mich brauchst. Hatte sie das gewollt? Was war mit ihr los? All die sorgfältig errichteten Dämme, hinter denen sie ihre Gefühle in Sicherheit gebracht hatte, schienen ungeahnte Löcher zu haben.

Jake atmete noch einmal durch. „Nachdem Jenny in der Notaufnahme gestorben war, bat Cal mich, Bonnie zu mir zu nehmen. Sie hatten keine nahen Verwandten mehr. Daher wollte Cal, dass ich seine Tochter aufziehe, als wäre sie mein eigenes Kind. Und natürlich sagte ich Ja, obwohl ich nicht daran dachte, dass es dazu kommen würde. Aber dann starb auch Cal. Da habe ich getan, worum er mich gebeten hat. Seither kümmere ich mich um Bonnie.“

„Natürlich!“

„Und alles ging wunderbar. Das ganze Windelwechseln und Füttern hatte ich schnell raus. Bonnie ist ein fantastisches Baby. Sie kennt mich schon ihr Leben lang, von daher nehme ich an, dass ich ein ganz brauchbarer Ersatzvater bin.“

„Ich kenne dich, Jake. Du bist sicher ein wundervoller Vater.“

„Danke.“

„Bitte.“ Sie versuchte, ihn ein bisschen aufzuheitern.

„Bonnies Großtante“, fuhr er fort und strich sich über das Haar, „eine verbitterte alte Frau namens Elizabeth Mannford, ist leider anderer Ansicht. Das ist das Problem.“

Er gab ihr in kurzen Worten wieder, was Mrs. Starling ihm erzählt hatte. „Tja, jetzt kennst du die Geschichte. Meine einzige Hoffnung, Bonnie zu behalten, liegt in einer Ehe. Mit dir, Candy.“

Ihr drehte sich der Kopf, sie stand abrupt auf und legte sich die Hand an die Stirn. „Also war dein Antrag ernst gemeint?“

Er nickte. „Nur, bis die Adoption legal ist. Das dauert wohl höchstens ein Jahr. Nach einem kurzen Auftritt in Mrs. Starlings Büro, wo wir sie mit unserem Trauschein, Ringen und Lächeln beeindrucken können, wärst du wieder frei. Vielleicht nehmen wir auch unsere alten Fotoalben mit, in denen jeder sehen kann, wie viel Spaß wir damals zusammen hatten, als wir zum ersten Mal verheiratet waren …“, fügte er mit einem schiefen Lächeln hinzu.

Candy begann, auf und ab zu laufen und abwesend an einem pink lackierten Fingernagel zu knabbern. Vom offenen Kamin zur Wohnzimmertür. Von der Tür zurück zum Kamin. „Du kennst meine Familiengeschichte, Jake. Vor langer Zeit habe ich mir geschworen, niemals Mutter zu werden. Weißt du, was du da von mir verlangst?“

Sie blieb gerade lange genug stehen, um zu sehen, wie er nickte.

„Wenn ich Nein sage, bin ich der herzloseste Mensch auf Erden. Aber wenn ich Ja sage, sind all meine Versprechen mir selbst gegenüber … meine Pläne …“ Sie brach hilflos ab. „Am Montag soll es losgehen. Diese Reise bedeutet mir alles, Jake. Du hattest recht, es soll eine Art Selbstfindung werden.“

„Warum kannst du sie nicht verschieben?“

„Das ist nicht so einfach. Die Tour wird von einem Mitglied der ‚National Geographic Society‘ geleitet. Ich habe mich schon vor Monaten angemeldet, um in diese Gruppe aufgenommen zu werden. Der Verkauf von Candy Kisses ist schon geregelt. Mein Leben hier ist nur noch auf Abruf.“

Jake stand langsam auf. Seine Miene war undurchdringlich. „Also sagst du Nein. Und ich verstehe dich, Candy.“

„Nein!“, rief Candy. „Warte! Ich brauche Zeit zum Überlegen. Du tauchst hier auf und kommst mit einem Anliegen, das mein ganzes Leben auf den Kopf stellt. Das ist alles ein bisschen viel auf einmal.“

„Tut mir leid, Candy. Ich kann dir höchstens eine Woche Bedenkzeit geben. Wer weiß, was diese Elizabeth Mannford unternimmt, wenn ich nächste Woche nicht zurück in Florida bin. Ich traue ihr zu, dass sie mich wegen Kindesentführung anzeigt.“

„Gut“, sagte Candy gefasst. „Eine Woche. Ich gebe dir meine Antwort am Samstagabend beim Klassentreffen.“

Nachbarin und Freundin Kelly saß im Schneidersitz auf Candys Sofa und biss in ihre Käse-Champignon-Pizza. „Wahrscheinlich nehme ich schon allein vom Duft mindestens fünf Pfund zu.“

Candy lächelte schwach. „Danke, dass du gekommen bist. Nachdem Jake vorhin so plötzlich verschwunden war, habe ich nicht gewusst, was ich tun soll.“

„Candy“, erwiderte Kelly, „du hast genau die Richtige angerufen. Setz mir eine leckere Pizza vor, und ich weiß Rat in jeder Lebenslage.“

Candy seufzte. „Ich bin so hin- und hergerissen. Ich habe das Gefühl, ich muss Jake helfen, aber wie könnte ich das jetzt? Wie könnte ich freiwillig das Ganze noch mal durchmachen, nachdem ich so lange gebraucht habe, um über ihn hinwegzukommen?“

„Er möchte ja nicht richtig heiraten.“

„Ich weiß, aber sein Plan klingt wie ein ziemlich gefährliches Spiel mit Gefühlen.“

„Dann spiel eben nicht mit.“ Kelly nippte an ihrem Mineralwasser.

„Aber wenn ich es nicht tue, komme ich mir so gemein vor.“

„Dann tu es.“

„Oh, vielen Dank.“ Candy warf ihrer Freundin einen frustrierten Blick zu. „Du bist wirklich eine tolle Hilfe, Kelly.“

„Der Mann hat dir immerhin eine Woche Zeit gelassen, um darüber nachzudenken, warum musst du dich dann in der nächsten halben Stunde entscheiden?“

Candy breitete hilflos die Arme aus.

„Ich komme!“ Am Dienstagmorgen um sechs tastete Candy sich die Stufen hinunter zur Eingangstür.

Der frühe Besucher betätigte gerade ein zweites Mal den Klingelknopf.

Sie holte tief Luft, bevor sie fragte: „Wer ist da?“

„Ich bin’s.“

Jake. Jetzt war sie hellwach. Sie rieb sich das Gesicht, strich sich über das Haar, griff sich an das dünne weiße Tanktop und an die mit bunten Kätzchen bedruckte Pyjamahose. „Geh weg!“

„Wieso?“

„Ich bin nicht angezogen.“

Sie hätte schwören können, dass sie ihn leise lachen hörte.

„Komm schon, Candy, es ist ja nicht so, als hätte ich das nicht schon gesehen.“

Plötzlich sah sie vor sich, wie sie sich das letzte Mal geliebt hatten, nicht lange, bevor sie ihn um die Scheidung gebeten hatte. Hier im Wohnzimmer, auf der denkwürdigen Couch, die sie angeblich zum Müll gebracht hatte. Wie gut, dass sie Goldilocks vor einer Weile mit Kellys Hilfe ins Bootshaus hinausgetragen hatte, denn sonst wäre Jake womöglich noch auf den Gedanken gekommen, dass sie an dem Ding hängen würde. Nicht, dass er noch dachte, sie hätte all die Nächte genossen, die sie mit ihm gemeinsam auf dieser Couch verbracht hatte.

Heiße Röte war ihr ins Gesicht gestiegen.

Ja, einige jener Nächte hatte sie sehr genossen.

Die Türklingel schrillte ein drittes Mal. „Komm schon, Candy! Ich habe Frühstück mitgebracht, und es wird langsam schwer!“

Mit noch heftig klopfendem Herzen und feuchten Handflächen öffnete Candy die Tür und wandte den Blick ab, weil sie fürchtete, Jake könnte ihr ansehen, an was sie gerade gedacht hatte.

„Guten Morgen! Mmh, es riecht besser als gestern Abend mit den lodernden Corndogs. Habe ich dir gefehlt?“ Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn und trat ein. Und im Arm hielt er keine Einkäufe, sondern das entzückendste, rotwangigste, blauäugigste Baby, das sie je gesehen hatte.

Ihr Herz zog sich zusammen.

„Das ist Bonnie“, sagte Jake, nahm das Kind sanft und drehte es mit dem Gesicht zu ihr. „Darf ich vorstellen: Candy. Sie wird hoffentlich demnächst vorübergehend deine Mom werden.“ Zu Candy sagte er: „Möchtest du sie mal halten?“

„Nein, danke.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte bekräftigend den Kopf. Auch aus ihrer Entfernung roch sie noch deutliche Babydüfte. Babycreme, Babyshampoo, Babypuder, sogar Bonnies rosa Strampelanzug strahlte diesen unwiderstehlichen Duft aus. Stirnrunzelnd sagte sie: „Hast du schon davon gehört, dass man auch anrufen kann?“

Er lächelte. „Ich wusste die Nummer nicht mehr.“

„In Lonesome gibt es Telefonbücher.“

„Ja, aber zum Glück gibt es auch Leihwagen, also dachte ich, ich komme gleich vorbei.“

„Klar. Warum nicht?“

„Ich bin froh, dass du dich über unseren Besuch freust. Hier“, sagte er plötzlich und hielt ihr das Baby hin. „Nimm sie mal, ich hole schnell das Frühstück aus dem Auto.“

„Jake, ich …“ Zu spät. Das Kind war schon in ihren Armen.

Die Kleine strahlte sie an und brabbelte etwas vor sich hin.

Candy starrte nur in die weit offenen porzellanblauen Augen, die zurückstarrten.

„Du bist also Bonnie“, sagte sie. „Ich habe schon viel von dir gehört.“

„Bzzzzzzz.“ Ein paar kleine Schaumblasen kamen aus dem runden Babymund. Und dann kuschelte Bonnie sich mit einem Seufzer an Candys Brust.

„Jake!“, rief sie.

„Gibt’s ein Problem?“, rief er zurück. Nur die obere Hälfte seines hinreißenden Gesichts erschien über den zwei großen Papiertüten von Gregg’s Grocery Store.

Candy spähte zu dem kleinen Engel hinunter, der seine Wange auf ihre linke Brust gelegt hatte. Ein Problem? Womit sollte sie anfangen? „Also, ich glaube …“

„Wie süß. Das heißt, sie mag dich.“

„Ja, also …“

„Ihr beiden vergnügt euch miteinander, während ich Frühstück mache.“

„Aber ich glaube nicht, dass …“

Jake hatte die Haustür geschlossen und war auf dem Weg in die Küche.

„… dass das gut geht.“ Candy lief ihm hinterher. „Komm schon, Jake, du weißt, wie ich mit Babys bin. Meine Freunde lassen mich nicht mal babysitten.“

„Hast du es ihnen je angeboten?“, fragte er und zog Schinken, Eier, Käse und … Chili aus der Papiertüte.

„Vielleicht nicht, aber jeder weiß, dass ich nicht mit Babys umgehen kann. Außer meinem unverwüstlichen Goldfisch habe ich nicht mal irgendwelche Haustiere.“

„Wir hatten das kleine Kätzchen.“

„Dabney?“ In der Erinnerung an das kleine Kätzchen und die kurze Freude, die es in ihr Leben gebracht hatte, drückte Candy Bonnie unwillkürlich an sich. „Wenn ich je eine andere Katze haben wollte, müsste es eine Wohnungskatze sein. Damit ihr nichts passieren kann.“

Sie sah hoch und bemerkte Jakes Stirnrunzeln. „Was ist? Glaubst du, ein Auto kann sie hier im Wohnzimmer überfahren?“

„Nein, ich dachte nur daran, dass ich im letzten Monat eines gelernt habe: Nichts auf dieser Welt ist von Dauer. Wenn ich mir vorstelle, wie Cal und Jenny in der einen Minute mit mir zusammen zu Abend aßen und in der nächsten …“ Die Stimme versagte ihm, und er brach ab.

Candy strich Bonnie liebevoll über das weiche Haar und gab ihr einen leichten Kuss darauf. Das arme kleine Ding.

„Uns bleibt nur eines – jeden Augenblick unseres Lebens auszukosten“, sagte Jake im nächsten Moment gefasst. „Wie wäre es also mit einem meiner berühmten Chili-Käse-Omeletts?“

Das ganze Frühstück über betrachtete Jake Bonnie und Candy. Candy und Bonnie.

Eines war nicht zu übersehen: Candy würde eine wunderbare Mutter abgeben. Wenn er sie nur davon überzeugen konnte.

In der kurzen Zeit hatte er schon so viele ermutigende Zeichen gesehen. Zuerst war sie natürlich zurückhaltend gewesen, aber sie hatte sich erweichen lassen. Die kleinen Küsse auf Bonnies Stirn, die Art, wie sie sie im Arm hielt und manchmal an sich drückte, wie aufmerksam und liebevoll sie auf sie reagierte. Konnte es noch besser sein?

Tatsächlich lief an diesem Morgen alles beinahe vollkommen: Nach dem Frühstück war Bonnie gleich in ihrer Wippe, die Jake aus dem Auto geholt hatte, im Wohnzimmer eingeschlafen. Und nichts auf der Welt war unwiderstehlicher als eine schlafende Bonnie. Sie war ein entzückender kleiner Engel.

„Das tat gut“, sagte Candy. Sie schob ihren leeren Teller fort und zog eine Tasse Kaffee zu sich her. „Ich gebe zu, erst hatte ich gewisse Zweifel an deiner Kreation, aber du hast mich überzeugt.“

Candys Stimmung hatte sich sichtlich aufgehellt. Jake hatte sie nicht nur mit seinen Kochkünsten verführt, sondern sie hatte auch gesehen, was für ein Schatz Bonnie war. Nun brauchte sie bestimmt gar nicht mehr den Rest der Woche, um sich für ein „Ja“ zu entscheiden. Jake fühlte sich in Feierlaune. „Candy Cane, wenn du heute nichts anderes vorhast, könnten wir an den See gehen!“

Candy verschluckte sich an ihrem letzten Schluck Kaffee. Wann hatte er sie zum letzten Mal ‚Candy Cane‘ genannt?

„Klingt gut“, gab sie vorsichtig zurück. „Aber ich muss packen. Und heute Nachmittag sollte ich noch mal in den Laden gehen und dafür sorgen, dass von allem etwas da ist, wenn die neuen Besitzer übernehmen. Es sind übrigens Greg und Betsy Hammond. Erinnerst du dich an die beiden? Sie waren in der Highschool eine Klasse über uns.“

„Ja! Wie geht es ihnen?“

„Gut. Inzwischen haben sie vier Kinder. Und sie sind wohl die Einzigen, die sich darüber freuen, dass ich verkaufe.“

„Aber warum tust du es überhaupt? Warum lässt du den Laden nicht einfach in den Händen deiner zuverlässigsten Mitarbeiter? Irgendjemand kann doch sicher den Laden für dich führen, während du deine Auszeit nimmst?“

Mit gesenktem Kopf sagte Candy: „So einfach ist es nicht. Ich brauche das Geld für die Reise. Und ich fürchte, das, was ich suche, findet man nicht in ein paar Tagen.“ Sie presste die Hände auf die Brust. „Ich fühle mich, als wäre ein Stück von mir irgendwo da draußen und ich finde es nicht. Ich muss diese Reise machen. Es tut mir leid, wenn der Verkauf von Candy Kisses dem einen oder anderen Menschen wehtut. Mir geht es genauso. Dieser Laden ist alles, was mir von meiner Familie geblieben ist, außer dir, ich meine, du warst einmal meine Familie. Jetzt …“ Sie ließ die Hände in den Schoß fallen. „Ich weiß nicht.“

Zuerst hatte Jake das Gerede von ihrer Selbstfindung für Unsinn gehalten. Aber als er jetzt die Traurigkeit in Candys Augen sah, fragte er sich, ob sie vielleicht recht hatte. Was wusste er denn schon? Möglicherweise brauchte sie den Aufbruch zu diesen fernen Abenteuern wirklich, um über all ihre alten Probleme hinwegzukommen?

Nur: Wenn Candy jetzt loszog, um ihr Glück zu finden, verlor er leider seins. Wenn der Staat ihm Bonnie wegnahm, dann war alles aus.

Ratlos spielte er mit seiner Kaffeetasse. „Ich will dich nicht unter Druck setzen, Candy, und ich kann jetzt nicht anfangen, dir zu erklären, wie viel Bonnie mir bedeutet. Ich kann nicht …“

„Bitte, Jake, tu das nicht. Mach mir kein schlechtes Gewissen. Das ist nicht fair.“ Candy stieß ihren Stuhl zurück, nahm ihr Geschirr und hastete zum Spülbecken.

Jake folgte ihr.

Am Spülbecken hielt er sie an den Armen fest und drehte sie zu sich um, damit sie nicht mehr ausweichen konnte. „Auf deinen Abenteuertrip kannst du doch gehen, wann du willst. Du sollst ihn nicht absagen. Nur verschieben. Wenn du so verrückt sein willst, euren Familienbesitz wegzugeben, dann tu es. Alles, worum ich dich bitte, ist ein bisschen von deiner Zeit, ein Jahr, oder weniger.“

„Jetzt nennst du mich auch noch verrückt?“, rief sie und schleuderte den Geschirrschwamm in das Becken.

„Nicht dich, sondern deinen Entschluss. Er ist überstürzt. Und sieht dir gar nicht ähnlich.“

„Woher willst du mich so gut kennen? Seit du zu deinen Eltern nach Florida gezogen bist, haben wir nicht mehr richtig miteinander geredet. Wie viele Jahre ist das her? Zehn? Ja, wir haben uns vor ein paar Jahren bei der Beerdigung deines Vaters gesehen, aber das war etwas anderes. Das zählt nicht. Wir könnten genauso gut Fremde sein.“

Fremde? Hörte sie selbst, was sie da sagte? Ohne nachzudenken, zog Jake sie in seine Arme und küsste sie.

Zuerst versteifte sie sich erschrocken. Aber dann gab sie nach, erwiderte die Umarmung und schmolz an seiner Brust dahin.

Die vergangenen Jahre schrumpften zusammen, und es war, als wären ihre Körper nie getrennt gewesen. Die aufgestaute Hitze wurde immer stärker und zog sie beide in einen schwindelerregenden Wirbel hinein.

Enger, Jake wollte ihr noch näher sein. Nein, in ihr sein. Er wollte alles von ihr.

Jetzt.

Wie früher.

Träumte er nur, oder raste ihr Puls genauso wie seiner?

Der Traum endete abrupt, als Candy ihn von sich wegschob, sich eine Hand über den Mund legte und Jake mit ihren leicht verschleierten, großen und strahlenden whiskybraunen Augen ansah. „Es tut mir leid, Jake. Ich kann nicht.“

„Was kannst du nicht? Es war nur ein Kuss.“

Candy schloss die Augen. Nein, Jake. Da irrst du dich. Das war nicht nur ein Kuss, das war ein Öffnen der Tür, die zu schließen ich Jahre gebraucht habe. Ihre Hände zitterten, und ihr Magen flatterte, als Candy mit aller Überzeugung, die sie aufbrachte, sagte: „Ich … glaube, du gehst jetzt lieber.“

4. KAPITEL

„Ich finde, du gehst die ganze Sache falsch an“, bemerkte Dietz zu Jake am selben Mittag. Der muskulöse Mann mit dem roten Wikingerhaarschopf leitete die Mannschaftssportabteilung in Jakes Galaxy Sports Store in Lonesome.

Die anderen in der Runde, Rick und Warren, verdrehten die Augen. Sie hingen schlaff in den alten Klubsesseln und hatten ihre Beine meterweit von sich gestreckt.

Jake nahm an, dass sie, genau wie er, dem Koma nah waren, nachdem sie alle vier Unmengen von Warrens Frau gebrachter Lasagne gegessen hatten. Das Essen war fantastisch gewesen, und der Duft von Basilikum und Tomate hing noch in dem hässlichen, aber gemütlichen Pausenraum des Galaxy Sports Store.

Mit seinen ältesten Freunden wieder hier in seinem ersten Laden zu sitzen, erfüllte Jake mit einem ähnlichen Gefühl, wie er es am Morgen in Candys Küche erlebt hatte: da zu sein, wo er hingehörte. So lange, bis Candy ihn gebeten hatte zu gehen …

Bonnie schlief neben ihm auf der durchgesessenen braunen Couch in einem kuscheligen Nest aus Sofakissen, das Jake ihr gebaut hatte.

Dietz ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Wie ich schon sagte, unser Freund ist auf dem Holzweg. Mein Rat ist: Ignorier Candy! Kitzle ihre Nerven ein bisschen. Frag vielleicht sogar Amanda Perkins mit der prachtvollen Oberweite, ob sie mit dir zum Klassentreffen geht.“

Dietz hatte damals als der junge Wilde der Lonesome Highschool gegolten. Er hielt den Rekord im Cheerleader-Dating und war von unzähligen Gewehr schwingenden Vätern der Gegend verfolgt worden. Obwohl er niemandem wehtun wollte, endeten seine Beziehungen immer schon frühzeitig im Desaster.

„Weißt du“, bemerkte Warren bedächtig und setzte sich aufrechter hin. „Dietz hat vielleicht nicht so unrecht. Ich geb euch mal ein Beispiel aus meinem Erfahrungsschatz …“

„Was für ein Erfahrungsschatz?“, unterbrach Rick ihn. „Du und Franny, ihr seid seit der zehnten Klasse zusammen!“

„He“, gab Warren zurück. „Ich war vielleicht nur mit einer einzigen Frau zusammen, aber glaub mir, sie ist so kompliziert, wie man nur sein kann.“

Rick verdrehte wortlos die Augen.

„Mach weiter, Warren“, ermutigte Jake ihn müde. „In meiner Lage bin ich für alle Vorschläge offen.“

Zufrieden fuhr Warren fort: „Eines weiß ich von meiner Franny: Wenn ich will, dass sie irgendetwas tun soll, dann sage ich ihr das Gegenteil. Wie mit unserer Garage.“

Verwirrt sah Jake ihn an.

„Meine Franny funkelt mich nur an, wenn ich vorschlage, ein bisschen vom Ersparten für ein neues Garagentor auszugeben. Sie findet das alte Tor noch vollkommen in Ordnung und würde das Geld lieber für neue Tapeten rausschmeißen. Und heute Morgen habe ich ihr gesagt: Du hast recht. Wir sollten neue Tapeten kaufen, denn wenn du auch nur erwägst, nächsten Sommer das Haus zu verkaufen und ein größeres zu suchen, dann sind den Käufern neue Tapeten bestimmt viel wichtiger als ein quietschendes altes Garagentor, das auf- und zugeht, wann es will. Das hat sie schön zum Nachdenken gebracht.“

„Ah“, sagte Dietz. „Ich verstehe. Die Umkehrschluss-Psychologie. Ob das wohl bei Amanda Perkins funktionieren würde?“

„Ich dachte, Amanda Perkins sollte mein Date werden?“, zog Jake ihn auf.

„Na, jetzt, wo Warren dir gesagt hat, wie du es machen musst, kannst du dich ja wieder um dein eigenes Date kümmern“, sagte Dietz ungerührt.

Als Candy am Dienstagnachmittag ihren Laden abschloss und zu ihrem alten himmelblauen Kleinbus auf den Parkplatz hinauslief, erwartete sie ein Schock.

Jake trat hinter ihrem Wagen hervor. Bonnie saß zufrieden neben ihm in einem Buggy und beobachtete alles.

„Hallo!“ Er schenkte ihr sein hinreißendstes Lächeln und wischte sich die Hände an den ausgebleichten Jeans ab. „Ich habe dir gerade einen neuen Scheibenwischer hinten angebracht. Vorne auch. Wusstest du, dass das Gummi so alt war, dass es schon gebrochen ist?“

„Natürlich wusste ich das“, gab sie zurück. „Ich hatte nur noch keine Zeit, es selbst zu machen.“

Er nickte. „Das habe ich mir gedacht.“

„Also … danke“, sagte sie und zwirbelte nervös eine Strähne zwischen den Fingern. Sie vermied es, Jake oder auch nur Bonnie anzusehen. „Und was machst du hier? Außer an meinem Auto zu basteln?“

Er kniete sich wortlos hin, löste den Gurt des Babys und hob die lachende Kleine hoch in die Luft. Dann gab er Bonnie einen Kuss auf die Wange und nahm sie auf den Arm. „Ich bin vorbeigekommen, um ein bisschen mit dir zu reden.“

„Warum bist du nicht in den Laden gekommen?“

„Das hatte ich vor, aber dann sah ich, dass du beschäftigt warst, und was ich zu sagen habe, ist zu persönlich.“

Ihr Magen zog sich zusammen. Jetzt folgte sicher gleich eine weitere eindringliche Aufforderung, ihn zu heiraten.

Jake sagte nur leichthin: „Es ist so herrliches Wetter! Ich hatte ganz vergessen, wie gut Digger’s Grill riecht, wenn er ihn für die Abendkunden in Gang setzt.“

„Das habe ich gar nicht gemerkt“, sagte sie. So, wie sie nichts und niemanden mehr wahrgenommen hatte, seit Jake wieder in ihr Leben hereingewirbelt war.

„Das solltest du aber“, gab er zurück und wechselte Bonnie auf den anderen Arm. Schon diese kleine Geste ließ Candy den Atem stocken. Jakes muskulöse Unterarme waren leicht gebräunt, und der Flaum auf ihnen schimmerte golden in der warmen Sonne. Im selben Augenblick wehte auch noch ein Hauch von Babyduft zu ihr her.

„Hast du je so einen umwerfend blauen Himmel gesehen?“, fuhr Jake munter fort.

In Bonnies großen blauen Augen, ja. Candy runzelte die Stirn und wandte schnell den Blick von dem kleinen Wesen ab. „Nein … ich meine, doch, natürlich. Du bist zu lange weg gewesen. Wir haben das ganze Jahr über so einen Himmel.“

„Weißt du noch, was wir früher an solchen Tagen wie heute getan haben?“

„Nein …“ Im selben Augenblick kamen ihr die Erinnerungen, und warme Röte stieg ihr ins Gesicht.

Als Jungverheiratete waren sie fast jedes Wochenende im Frühling Hand in Hand durch die uralten Wälder Missouris gewandert.

An einem besonders paradiesischen Tag hatten sie an einem rauschenden Fluss haltgemacht, waren dann über moosbedeckte Felsen auf ein Plateau geklettert und hatten wie Seehunde in der warmen Sonne gelegen.

Candy würde nie vergessen, wie sich diese Sonne auf der Haut angefühlt hatte und wie die Lichtstrahlen zwischen unzähligen zarten Frühlingsblättern seidigen Schatten warfen. Die schwarze Erde und der kühle Wasserlauf hatten die Luft mit dampfender Süße erfüllt, und irgendwo in dem Gewirr aus Ästen über ihnen rief ein Eichelhäher sein Weibchen.

Gerade als sie gedacht hatte, nichts könnte noch schöner sein, hatte Jake sich auf die Ellbogen aufgerichtet und Candy mit solchem Feuer in die Augen gesehen, dass die Intensität ihrer Gefühle ihr den Atem raubte.

Er streichelte ihr über den Bauch, schob ihr T-Shirt hoch, öffnete den Knopf an ihren Jeans-Shorts und zog, ganz langsam, ein wenig den Reißverschluss auf. Die heiße Sonne beschien ihren Bauch.

Ohne seinen Blick von ihren Augen zu lösen, hatte Jake ein Gänseblümchen genommen und war damit die feine Haarlinie entlanggefahren, die in ihren Slip hineinführte.

Und als er sich noch näher zu ihr beugte und sie in Erwartung des Kusses die Augen schloss, hatte er ihr plötzlich einen feuchten Kuss auf den Bauch gegeben …

Jake tat, als bemerkte er Candys träumerischen Gesichtsausdruck nicht. Er hob die lachende Bonnie hoch in die Luft, und auf ihrem Weg nach unten gab er ihr einen lauten Schmatz auf ihren kleinen Bauch, der zwischen dem rosa Höschen und ihrem Hemdchen herausschaute. Konnte der Schleier in den Augen seiner Exfrau bedeuten, dass sie sich an mehr Einzelheiten aus ihrer gemeinsamen Vergangenheit erinnerte, als sie zugab?

„Ich wollte mich für gestern Abend entschuldigen“, sagte er und setzte sich Bonnie behutsam auf die Schultern. Mit einer Hand drückte er ihren kleinen Körper leicht gegen seinen Hinterkopf, und mit der anderen hielt er ihre Füße.

Candy sah ihn nur an und zwirbelte wieder ihr Haar.

„Ich hatte kein Recht, dich um diese Heirat zu bitten. Und ich hatte schon gar kein Recht, dich vorhin zu küssen. Es war ein Fehler. Tut mir leid. Ich verspreche dir, es wird nie wieder passieren.“

„Ich verstehe.“ Sie biss sich auf die Unterlippe.

„Ich hatte vor, bis zum Klassentreffen zu bleiben“, fuhr er fort. „Aber jetzt denke ich, es ist wohl am besten, wenn Bonnie und ich wieder nach Hause fahren.“

„Was ist dann mit Elizabeth Mannford?“, entfuhr es ihr.

Er zuckte die Achseln und sah nach oben zu Bonnie, die sich an ihn geschmiegt hatte und mit ihren kleinen Händen nach seinen Augenbrauen fasste. „Ich kann immer noch hoffen, dass sie sieht, wie sehr wir uns lieben, Bonnie und ich, und ihre Meinung ändert.“

„Klar.“ Candy schluckte den Kloß im Hals hinunter. „Das klingt vernünftig.“

„Ich will dich nicht länger aufhalten“, fuhr Jake fort. „Nur um einen Gefallen wollte ich dich noch bitten.“

„Und das wäre?“

„Würdest du heute Abend mit mir essen gehen? Warren und Franny sind sicher bereit, auf Bonnie aufzupassen. Ich war gestern Abend nicht sonderlich nett zu dir und möchte es gern wiedergutmachen.

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