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BIANCA HERZENSBRECHER BAND 1

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Fünf Jahre und ein Leben lang

1. KAPITEL

Rechnungen.

Rechnungen.

Und noch mehr Rechnungen.

Abby Stafford seufzte, als sie die Post durchsah. In der Küche musste das Abendessen gekocht werden, und im Wohnzimmer sah Robbie ungeduldig fern.

Die Titelmelodie seiner Lieblingsserie dröhnte in voller Lautstärke, während er mit seiner hohen Stimme nicht immer ganz treffsicher dazu sang.

Hätte sie ihm zuvor keine Zwischenmahlzeit gegeben, würde er ihr jetzt durch die Wohnung folgen wie ein Welpe auf der Suche nach Nahrung.

Robbie war gerade viereinhalb, aber sie nannte ihn liebevoll ihr „Fässchen ohne Boden“.

Genau wie sein Daddy, dachte sie. Dennoch war er der Mittelpunkt ihres Lebens.

Als sie gerade die Telefonrechnung durchging, wurde sie von einem Klopfen an der Tür unterbrochen.

Bestimmt war das schon wieder Gail. Unzählige Male hatte Abby ihrer Nachbarin klargemacht, dass sie an einem Doppel-Date nicht interessiert war, doch die Frau schien es einfach nicht zu kapieren. Sie riss die Tür auf, ohne dabei die Augen von der Rechnung zu nehmen. „Ich habe es dir schon oft genug gesagt, Gail, ich komme nicht mit.“

„Und ich bin nicht Gail.“

Der Klang der Stimme war nicht zu verwechseln, die leicht gedehnte Sprechweise nur allzu vertraut. Bevor Abby auch nur den Kopf heben konnte, glitt ihr die Post aus den Händen und segelte langsam zu Boden. Es fehlte nicht viel, und sie wäre auch gefallen, aber wesentlich härter gelandet.

Die Vergangenheit hatte sie eingeholt. Der Mann, den sie seit ihrem sechzehnten Lebensjahr geliebt hatte, war nun endlich auf ihrer Türschwelle erschienen. „Was machst du denn hier?“

Sie hatte Nick Logan seit fünf Jahren nicht gesehen – zuletzt bei der Beerdigung seines Vaters. Seit Robert Logans Tod ihre Hochzeitspläne zerstört hatte. Ihren Plan, nach Cheyenne zu ziehen und Sydney Creek, die kleine Farmerstadt, in der sie beide aufgewachsen waren, hinter sich zu lassen.

Sie tastete ihn mit ihren Blicken ab, weidete sich an ihm.

Von seinen dunklen Haaren bis zu den Füßen, die in Cowboystiefeln steckten, war der Mann mit wachsendem Alter nur attraktiver geworden. Seine große Gestalt war muskulös, was zweifellos von der Farmarbeit kam. Er hatte braune Augen, und die Augenwinkel hatten in den Ecken kleine Fältchen bekommen, wahrscheinlich durch die tägliche Arbeit an der Sonne.

Nick nahm sich ebenfalls die Zeit, Abby ausgiebig zu mustern. Er hielt dabei den Stetson in seiner schwieligen Hand. „Ich besuche dich“, gab er zurück. Aber seine Stimme war nicht angenehm. Sie klang schroff und hart, so wie er selbst. Von der sanften Art, mit der er Abby Jahre zuvor behandelt hatte, war nichts mehr zu spüren.

„Ich … ich wusste gar nicht, dass du in der Stadt bist.“ Mehr brachte sie nicht über die Lippen.

„Yeah. Julie hat mir geschrieben, wie sehr du ihr geholfen hast. Da dachte ich, ich sollte mal vorbeikommen und mich bedanken.“

Es hatte ihr große Freude bereitet, Nicks Schwester zu helfen. Immerhin waren sie vor Jahren befreundet gewesen. „Das ist sehr nett von dir, aber …“

„Versteh mich nicht falsch, Abby. Ich bin nicht nett.“ Er ging einen kleinen Schritt auf sie zu. „Ich bin stinkwütend.“

„Warum?“

„Als ob du das nicht wüsstest.“

Sie wusste es, aber sie würde es nicht zugeben, solange es nicht unbedingt sein musste. Deshalb log sie. „Nein, das weiß ich nicht. Und wenn du so grob bist, kannst du dich gleich wieder für fünf weitere Jahre aus dem Staub machen!“

Sie trat zurück und griff nach der Tür, um sie ihm ins Gesicht zu schleudern, als Robbies Stimme sie aufschreckte.

„Mommy, ist das Essen schon fertig?“, fragte er, als er in den Flur kam.

Abby bemerkte, dass der Blick aus Nicks harten, dunklen Augen von ihr zu dem Jungen wanderte und dabei auf einen Schlag sanftmütiger wurde.

„Hallo. Ich glaube nicht, dass ich dich kenne. Wie heißt du denn?“ Nick ging in die Hocke, wie Abby es einige Hundert Male bei ihm am Lagerfeuer gesehen hatte.

„Ich heiße Robbie. Wer bist du?“

Abby kam es so vor, als würde ihre gesamte Welt auf die Größe ihres winzigen Flures zusammenschrumpfen. Sie verkrampfte sich. „Nick, lass es“, sagte sie mit gepresster Stimme. „Bitte.“

Sein flackernder Blick ging zu ihr. Und obwohl sie keinerlei Gefühlsregung darin sah, antwortete er: „Ich bin ein Freund deiner Mutter. Mein Name ist Nick.“ Er streckte seine große Hand aus und hielt sie dem kleinen Jungen entgegen. „Schön, dich kennenzulernen.“

Robbie schüttelte seine Hand. „Bist du ein Cowboy?“, fragte er mit großen Augen.

Abby glaubte nicht, dass ihr Sohn sehr viel über Cowboys wusste. Sie war dem Thema immer aus dem Weg gegangen.

Doch erst neulich hatte ihm seine Vorschullehrerin eine Geschichte vorgelesen. Darin ging es um einen Hund, der einem Cowboy dabei geholfen hatte, eine Herde zusammenzutreiben. Seitdem hatte Robbie über nichts anderes mehr gesprochen.

„Yeah“, gab Nick zurück. „Ich bin ein Cowboy. Magst du Cowboys?“

Robbie nickte. „Reitest du auf einem Pferd?“

„Klar doch. Willst du mit mir ausreiten?“

Robbie sah zu seiner Mutter. „Darf ich, Mommy?“

Trotz des bittenden Blickes ihres Sohnes sagte Abby schnell: „Nein! Du musst morgen in die Schule, mein Schatz.“ Dann wurde ihr Tonfall milder, als sie Robbie aufforderte, sich fürs Essen die Hände zu waschen.

Nick rief den Jungen zurück. „Bevor du gehst, Robbie, will ich dich noch etwas fragen. Du siehst echt groß aus. Wie alt bist du?“

Das war die eine Frage, die Abby umschiffen wollte.

„Ich werde fünf, in … wie vielen Monaten, Mommy?“

Abby antwortete nicht. Stattdessen führte sie ihren Sohn den Gang hinunter.

Als sie allein wieder zurückkam, betete sie, dass Nick gegangen war. Zurück ins Nirwana, in dem er fast fünf Jahre gelebt hatte.

Doch der Mann war immer noch da. Seine breiten Schultern füllten den Türrahmen fast vollständig aus. „Warum hast du es mir nicht gesagt?“

Es gab keinen Grund mehr, das Offensichtliche zu leugnen. Zumal sie Nick eine Antwort schuldig war. „Du hast mich aufgefordert, in die Stadt zu ziehen und mir ein anderes Leben aufzubauen. Erinnerst du dich?“ Sie versuchte vergeblich, sich die Verbitterung nicht anmerken zu lassen.

„Ich wusste nicht, dass du schwanger warst.“

„Das wusste ich auch nicht!“, schrie sie zurück.

Nick holte tief Luft und fuhr sich durch das dicke, dunkle Haar. „Du hättest anrufen können. Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert. Es gibt unzählige Kontaktmöglichkeiten.“

Sie richtete sich zu ihrer vollen Größe von einsdreiundsiebzig auf. „Warum? Damit du dich erst recht überfordert gefühlt hättest? Deine Mutter und fünf andere Logan-Kinder waren bereits auf dich angewiesen. Brauchtest du da noch ein Kind?“

„Nein. Aber seine Mutter.“

Abby war unfähig, den Mann anzusehen. Nach dem Tod von Nicks Vater war damals alles den Bach runtergegangen.

Alle Pflichten und die ganze Verantwortung hatten auf Nicks Schultern gelastet, ihn zu Boden gedrückt und für Abby nichts übrig gelassen. Jene Frau, die er angeblich liebte. „Ich wollte doch nur das Beste für dich, Abby.“

„Ja, wirklich? Und wer hat dir die Verantwortung für mich übertragen?“

Er wirkte verstört. Niemand bot Nick Logan die Stirn. Was er vorgab, wurde normalerweise bis aufs i-Tüpfelchen befolgt.

Doch Abby blieb bei ihrer Haltung. Sie wich nicht von der Stelle und hielt seinem Blick stand.

„Hättest du in Sydney Creek bleiben, das Haus putzen und für die ganze Bagage kochen wollen, nachdem du gerade das College beendet hattest?“

„Ich wollte einfach nur eine Wahl haben.“

Nick schüttelte den Kopf. „Das konnte ich dir nicht antun, Abby. Du hast für deinen Abschluss zu hart gearbeitet. Und du hattest bereits einen sicheren Job in Cheyenne.“

„Du doch auch.“

„Aber ich hatte Verantwortung. Verstehst du denn nicht, dass ich keine andere Wahl hatte?“

Sie nickte. „Genauso wenig wie ich.“

„Und deshalb hältst du meinen Sohn fünf Jahre lang von mir fern?“ Mühsam unterdrückte er seine Wut, und das auch nur wegen des Jungen, der in der Nähe war. Seine Augen blitzten jedoch.

Abby wollte ihr Gespräch nicht zu einem Schreiduell ausarten lassen. Sie trat zurück und atmete tief ein. „Ich finde, du solltest jetzt gehen, Nick.“

„Den Teufel werde ich tun!“, knurrte er mit gesenkter Stimme. „Du hattest Robbie in den letzten fünf Jahren. Die nächsten fünf bekomme ich ihn!“ Er sah sich um. „Die Stadt ist kein Ort, um ein Kind großzuziehen.“

Abby fühlte sich, als hätte er in ihre Brust gegriffen und ihr das Herz rausgerissen. Das Atmen fiel ihr zunehmend schwerer, und das Zimmer begann sich zu drehen. „Nein! Du bekommst ihn nicht! Robbie ist mein Kind! Er kennt dich doch gar nicht!“

„Und wessen Schuld ist das?“ Nicks Stimme hatte einen bedrohlichen Klang angenommen.

Abby ging nicht darauf ein, sondern schüttelte weiter den Kopf. „Jeden Tag seines Lebens habe ich mich um ihn gekümmert. Du kannst nicht einfach hier hereinmarschieren und ihn mir aus den Händen reißen! Du musst mir Zeit geben, um …“

Nick gab ihr gar nichts. Er beugte sich über sie, bis sein Gesicht nur noch Zentimeter von ihrem entfernt war. „Morgen früh fahre ich zurück nach Sydney Creek und nehme meinen Sohn mit. Ob du mitkommst, das überlasse ich dir.“

Damit drehte er sich auf dem Absatz um, stampfte so plötzlich, wie er gekommen war, hinaus und – ließ eine verzweifelte Abby zurück.

Nick saß in einem Fast-Food-Schuppen, führte einen saftigen Burger an seinen Mund und wog seine Möglichkeiten ab.

Er konnte sich ein Motelzimmer nehmen und sich gründlich ausschlafen, bevor er morgen nach Hause fuhr. Aber wie konnte er sicher sein, dass Abby nicht die notwendigsten Sachen packen und mitten in der Nacht mit seinem Sohn davonschleichen würde?

Wenn er an ihrer Stelle wäre und jemand ihm sein Kind wegnehmen wollte, würde er schleunigst das Weite suchen.

Nein, bei genauerer Überlegung hatte er keine Wahl. Er wusste, was zu tun war.

Und so packte er seinen Burger ein, nahm seinen Kaffee, ging zu seinem Truck, fuhr davon und hielt erst wieder vor Abbys Mietshaus.

Dort verbrachte er die Nacht – genau vor dem einzigen Ausgang. Er würde Abby keine Möglichkeit geben, mit seinem einzigen Kind abzuhauen.

Niemals hätte er sich vorstellen können, irgendwann ein Teilzeitvater zu sein. Als er aufgewachsen war, hatte es in der Schule Kinder gegeben, die sich in so einer Situation befunden hatten. Und es hatte sie innerlich zerrissen.

Das würde er seinem eigenen Sohn auf gar keinen Fall zmuten.

Er war immer davon ausgegangen, sein Leben mit Abby und ihren gemeinsamen Kindern zu teilen. In Sydney Creek waren sie als Nachbarn und beste Freunde aufgewachsen – bis er sie mit sechzehn im Rahmen einer Mutprobe geküsst hatte.

Ab da waren sie ein Paar. Unzertrennlich.

Treu folgte er ihr überall hin, und sie waren sogar auf dasselbe College gegangen. Mit jedem Tag war seine Liebe zu ihr gewachsen.

Am schwersten war es Nick gefallen, sich zu gedulden und mit der körperlichen Liebe zu warten. Er hatte jedoch seinem Vater versprochen, sich verantwortungsvoll zu verhalten.

Und das hatte er auch getan – bis zur Nacht ihres Abschlusses, als sie ihre Diplome in Händen hielten und sich auf eine vielversprechende Zukunft freuen konnten.

Zwei Tage später war sein Vater gestorben. Und mit ihm Nicks und Abbys Träume.

Seine Mutter konnte sich nicht allein um die Logan-Ranch und um Nicks fünf jüngere Geschwister kümmern. Nick hatte gar keine andere Wahl gehabt, als bei ihr zu bleiben.

Abby jedoch schon. Sie hatte sich so auf ein Leben außerhalb von Sydney Creek gefreut, dass Nick sie einfach ziehen lassen musste.

Er erinnerte sich an den Tag ihrer Abreise, als wäre es erst gestern gewesen, und nicht schon fünf Jahre her. Dies war mit der schwärzeste Tag seines Lebens gewesen.

Obwohl sie versucht hatte, ihm ein schlechtes Gewissen einzureden, glaubte er immer noch, dass er richtig gehandelt hatte.

Allerdings hatte er nichts von ihrer Schwangerschaft gewusst.

Starr blickte er durch das Fenster des Trucks zu Abbys Wohnung hinauf. Er konnte sich kaum vorstellen, welche Ängste sie gerade durchlitt.

Schlief sie? Mit Robbie in ihren Armen? Heulte sie sich die Augen aus?

Er musste aufhören, Mitleid mit ihr zu empfinden. Abby hätte ihm sagen müssen, dass er Vater geworden war. Sie hätte zurück auf die Ranch kommen müssen, um dort mit ihm zu leben. Sie hätten ihr Kind gemeinsam großziehen können.

Dieser Gedanke ließ ihn abrupt innehalten.

Die letzten fünf Jahre wären um einiges leichter gewesen, wenn er sie mit Abby gemeinsam verbracht hätte.

Vor seinem inneren Auge sah er, wie sie ihm zuvor die Tür geöffnet hatte.

Sie war noch genauso hübsch wie in seiner Erinnerung. Ihr hellbraunes Haar war länger geworden und fiel ihr in Wellen über die Schultern. Obwohl sie schlank geblieben war, hatte sie nun die Kurven einer Frau.

Ihn überkam das Verlangen, sie zu berühren, sie an seinem Körper zu spüren. Diesem Drang zu widerstehen, forderte all seine Willenskraft. Vorhin hatte er seine Hände in die Gesäßtaschen seiner Jeans gesteckt, damit Abby nicht sehen konnte, wie sehr sie zitterten.

Er musste ihr jedoch widerstehen. Schließlich war er wegen seines Sohnes gekommen.

Wenn er ganz ehrlich war, dann wollte er auch Abby … sie jedoch hatte seinen Sohn vor ihm geheim gehalten.

Urplötzlich wurde ihm klar, dass sie den Jungen Robbie genannt hatte. Sein Vater hatte Robert Logan geheißen. Nicks Augen wurden bei diesem Gedanken feucht. Vor Jahren hatten sie über ihre zukünftigen Kinder geredet und sich mögliche Namen überlegt.

Nick hatte nie wirklich daran gedacht, seinen Sohn nach seinem eigenen Vater zu nennen – bis zu dessen plötzlichem Tod. Er war nie dazu gekommen, es Abby zu sagen.

Trotzdem hatte sie es getan. Für ihn.

Okay, also schuldete er ihr etwas. Dennoch hatte sie nicht das Recht, ihm sein Kind vorzuenthalten.

Keine Macht der Welt konnte das.

2. KAPITEL

„Mommy, ich bin müde!“, beschwerte sich Robbie am nächsten Morgen.

Abby versuchte gerade, zwei Koffer, ihre Autoschlüssel, eine Tasche und die kleine Hand ihres Sohnes gleichzeitig zu halten.

„Ich weiß, mein Schatz aber wir … besuchen jetzt eine Freundin vom Mommy.“ Sie hasste es, ihn anzulügen. „Wenn wir dort sind, darfst du so viel fernsehen, wie du möchtest.“

Und sie hatte dann Zeit, sich zu wünschen, dass ihr Leben anders verlaufen wäre. Sie und Nick hatten große Pläne gehabt. Nach Cheyenne zu ziehen, dort zu leben und zu arbeiten.

Zu heiraten.

Sie hätte jemanden gehabt, bei dem sie sich anlehnen, mit dem sie ihre Probleme teilen konnte. Gemeinsam hätten sie Robbie großziehen, mit ihm Ausflüge nach Sydney Creek unternehmen, ihm das Reiten beibringen, ihn auf das Leben auf einer Ranch vorbereiten können.

Stattdessen lebte sie allein und erzog Robbie als Stadtkind.

Der Junge sah mit verschlafenen Augen und verwundertem Blick zu ihr auf. „Aber Mommy, du hast gesagt, ich muss immer in die Schule. Außer am Sonntag und am Samstag. Ist heute Samstag?“

„Nein.“ Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um mit Robbie zu reden. Es war bereits sechs, und sie mussten hier raus, bevor Nick zurückkam. Ihr schauderte bei dem Gedanken, dass Nick sie bei der Flucht überraschte.

Sie durfte ihren Sohn nicht verlieren.

Letzte Nacht hatte sie höchstens eine Stunde geschlafen, so viel hatte sie noch zu tun gehabt. Sie hatte schon Angst gehabt, gar nicht mehr zum Schlafen zu kommen.

Nachdem sie ihre und Robbies Sachen gepackt und sich um ihre Finanzen gekümmert hatte, wollte sie sich für die lange Fahrt ausruhen, die sie an diesem Morgen vor sich hatte.

Es gab keine Freundin, die sie besuchen wollte. Sie hatte vor, Robbie ins Auto zu verfrachten und eine möglichst große Distanz zwischen sie und Nick zu bringen.

Robbie zu wecken, hatte sich jedoch als schwerer erwiesen als erwartet.

Noch immer ließ er sich hinter ihr herziehen. „Frühstücken wir gar nicht, Mommy? Ich habe nämlich Hunger.“

Sie schleifte ihn jetzt fast über den Boden, bis sie endlich den Ausgang des Gebäudes erreichten. „Ich weiß, wo man ganz toll frühstücken kann, Schätzchen. Es wird dir gefallen. Du darfst Pfannkuchen haben.“

„Bekomme ich auch welche?“, fragte hinter ihr eine raue Stimme.

Es war nicht nötig, sich umzudrehen. Ihr Herz machte einen Satz, und ihre Schultern sackten nach unten. Nun, wo sie ihren Sohn endlich nach draußen gebracht hatte, war ihre Flucht auch schon zu Ende.

Nach einem kurzen Moment sah sie über ihre Schulter.

Nick lehnte an der Mauer neben dem Eingang. Er gab sich äußerlich gelassen, aber sie wusste, dass es in seinem Inneren brodelte. „Hallo, Nick. Ich … ich kann das erklären.“

„Davon bin ich überzeugt. Aber lass mich zuerst.“ Er sah den Jungen an. „Hey, Robbie. Hat deine Mom dir erzählt, dass ihr zu meiner Ranch fahrt? Wir haben dort jede Menge Kühe und Pferde.“

Robbies braune Augen, die denen seines Vaters so sehr ähnelten, pendelten zwischen den beiden Erwachsenen hin und her. „Ehrlich? Mommy, das ist toll! Gibt es da auch Hunde?“

„Na klar. Komm schon, Kumpel. Ich zeige sie dir.“

„Wir werden so viel Spaß haben, Mommy. Magst du auch Pferde, Mommy?“

Bevor Abby antworten konnte, ging Nick dazwischen. „Deine Mom kommt nicht mit.“

Robbie hörte auf, herumzuhüpfen, und seine Begeisterung nahm deutlich ab. „Warum?“, fragte er stirnrunzelnd.

Nick ging vor ihm in die Hocke. „Nun … weißt du, sie hat einen Job. Er ist ihr sehr wichtig, deshalb muss sie da unbedingt hin.“

Robbie sah zu ihr auf. „Mommy?“

Abby konnte nicht länger dastehen und sich dieses Drama tatenlos ansehen. Sie überwand die Lähmung, die die Angst in ihr ausgelöst hatte. Sofort ging sie vor ihrem Sohn, ihrem einzigen Lebensinhalt, auf die Knie und blickte in seine feucht schimmernden Augen. „Nick irrt sich, mein Schatz. Nichts auf der Welt ist mir wichtiger als du. Erinnerst du dich an das, was ich immer gesagt habe? Wo du hingehst, gehe ich auch hin.“

„Ja, Mommy, daran erinnere ich mich. Ich will zwar die Pferde und Hunde sehen, aber nicht ohne dich.“ Lächelnd schlang er seine Arme um Abbys Hals.

Abby kämpfte vergeblich gegen die Tränen, die in ihre Augen stiegen.

„Du kommst also mit?“, fragte Nick. „Was ist mit deinem Job?“

Sie sah zu ihm auf und zuckte die Schultern. „Ich warte einfach ab, wie sich die Dinge entwickeln.“

Vielleicht wurde er seine Gäste ja nach einigen Tagen leid. Oder seine Mutter. Davon abgesehen würde sie niemals zugeben, dass ihr Job nicht der war, den sie sich vorgestellt hatte.

Nachdem sie das College mit einem betriebswirtschaftlichen Abschluss verlassen hatte, war sie bei einer renommierten Anwaltskanzlei als Büromanagerin eingestiegen. Nach zwei Jahren hatte sie die Firma aufgrund persönlicher Schwierigkeiten mit einem der Partner wieder verlassen.

Ihr neuer Job bei einer kleineren Firma war keine wirkliche Herausforderung. Da er ihr jedoch genug Zeit ließ, um bei Robbie zu sein, hatte sie beschlossen, ihn auszusitzen.

Nick musterte sie mit einem seltsamen Blick, unter dem sie sich unwohl fühlte. Als würde er versuchen, ihre Antwort in ihrem Gesicht zu lesen. Dann zuckte er mit den Schultern und nahm ihre Koffer.

„Na, dann kommt! Wir Männer sind hungrig. Nicht wahr, Robbie?“ Er grinste den Jungen an.

„Yeah. Wir Männer, Mommy.“

Abby zögerte noch, dann hob sie Tasche auf, zusammen mit den Autoschlüsseln. „Ich nehme mein Auto und fahre dir nach. Robbie sollte bei mir mitfahren. Sein Kindersitz ist bei mir auf der Rückbank.“

Nick kam näher an sie heran und sagte so leise, dass Robbie es nicht hören konnte: „Du willst doch nicht etwa abhauen?“

Sie straffte sich und sah ihn empört an. „Ich bringe mein Kind nicht durch eine Verfolgungsjagd in Gefahr!“

„Dann ist es gut. Bis wir da sind, behalte ich aber deine Koffer als Pfand.“

Ihre Koffer? Die letzten fünf Jahre hatte er ihr Herz in seinem Besitz gehabt.

„Ich weiß, Mr. Johnson, und es tut mir auch leid, aber mit diesem Notfall war nicht zu rechnen. Ich muss heute nach Hause fahren.“

Nick machte sich über seine Pfannkuchen her und belauschte Abby, die wenige Meter entfernt stand, bei ihrem Telefonat.

„Nein, Sir, ich kann es nicht verschieben. Ich habe …“ Sie machte eine Pause, bevor sie sagte: „Ja, Sir, verstehe.“ Sie legte auf, ohne sich zu verabschieden.

Als sie zum Tisch zurückkam, sah Nick sie an. „Mr. Johnson hat deinen Notfall wohl nicht sehr verständnisvoll aufgenommen?“

Sie griff nach ihrer Kaffeetasse. „Er hat mich gefeuert. Bist du jetzt zufrieden?“

„Mir doch egal. Es war deine Entscheidung, mitzukommen.“

Sie presste die Lippen zusammen, bevor sie einen weiteren Schluck trank. Dann wandte sie sich ihrem Sohn zu. „Fertig, Robbie? Komm, wir gehen ins Bad und machen uns sauber.“

Nick stand auf und reichte dem Jungen die Hand. „Ich bringe ihn zur Herrentoilette. Er ist zu groß, um mit dir zu den Ladys zu gehen.“

„Ist das okay, Mommy?“

Ihrem Blick nach zu urteilen, nahm er an, sie würde protestieren. Stattdessen überraschte sie ihn. „Ja, mein Schatz, es ist okay.“ Sie wusste, dass Nick ihm niemals etwas antun würde.

Robbie nahm Nicks Hand. „Wie sieht es in deinem Raum aus?“

„Mein Raum?“

„Du weißt schon. Dem Männerklo. Ich war da noch nie drin.“

Nick lächelte. „Sieh es dir am besten selbst an.“

Sie gingen in den hinteren Bereich des Restaurants, während Nick seine Hand hielt.

„Das ist fast so, wie einen Daddy zu haben, oder?“ Robbies Frage überraschte Nick.

„Hm … ja, wahrscheinlich.“

„Ich habe mir einen Daddy gewünscht, aber Mommy hat gesagt, sie kann keinen aus dem Katalog bestellen“, meinte der kleine Junge kichernd.

„Hat dir deine Mommy denn nie von deinem Daddy erzählt?“

„Nein, ich habe keinen, hat Mommy immer gesagt. ‚Es gibt nur uns beide, Robbie.‘“ Er kicherte erneut.

Und wieder spürte Nick die Wut in sich aufsteigen. Abby hätte dem Jungen doch etwas erzählen können. Etwas über …

Nun ja, vielleicht auch nicht.

Wenigstens hatte sie nicht behauptet, dass Nick seinen Sohn nicht haben wollte.

Robbie war bereits nach wenigen Minuten Fahrt eingeschlafen.

Zum Glück. Abby musste nachdenken. Sie hatte so viel Kraft darauf verwendet, ihren ganzen Mut zusammenzunehmen, um Nick die Stirn zu bieten, dass sie jetzt müde war.

Nun musste sie sich auf das vorbereiten, was in wenigen Stunden auf sie zukommen würde.

Nicht unbedingt was. Wer.

Mrs. Logan.

Während ihrer ganzen Zeit an Nicks Seite hatte sie sich im Haus seiner Familie nie willkommen gefühlt. Insbesondere seine Mutter hatte sie spüren lassen, dass Abby nicht gut genug für ihren Sohn war.

Abby verstand das.

Sie war selbst auf einer kleinen Farm im landwirtschaftlich geprägten Sydney Creek aufgewachsen. Obwohl ihre Eltern hart gearbeitet hatten, besaßen sie nie sehr viel.

Während der Highschool hatte Abby im Café des Ortes gearbeitet, um sich Klamotten kaufen zu können. Die Logans dagegen besaßen eine der größten Ranches der Gegend und führten ein privilegiertes Leben im Luxus.

Nick und seine Familie besaßen Dinge, die Abby nicht hatte. So wie den neuen Truck, den Nick zu seinem sechzehnten Geburtstag bekommen hatte.

Abby hatte ihr erstes eigenes Auto bekommen, nachdem sie nach Cheyenne gezogen war. Einen Gebrauchtwagen. Diesen fuhr sie noch immer. Und da sie gerade ihren Job verloren hatte, würde sich das in absehbarer Zeit auch nicht ändern.

Eigentlich sehnte sich Abby nach Sydney Creek, ihrer alten Heimat, zurück. Allein der Gedanke, dort ständig Nick zu begegnen, hielt sie in Cheyenne.

Nun, da sie zurückkam, brauchte sie als Erstes einen Job. Das war nicht gerade leicht in einer Stadt wie Sydney Creek, in der nur wenige Geschäfte florierten.

Für Abby war eine Festanstellung jedoch unerlässlich, denn sie musste nicht nur für Robbie sorgen, sondern unterstützte auch noch ihre Mutter, die nach Florida gezogen war.

Abbys Vater war ein Jahr nach ihrem Collegeabschluss gestorben, und ihre Mutter zog nach Cheyenne, um bei ihr und Robbie zu leben. Susan Stafford kümmerte sich in den ersten beiden Jahren um Robbie. Als jedoch eine Freundin von ihr ins sonnige Florida zog, folgte sie ihr.

Robbie kam in die Krippe – eine freundliche, angenehme Einrichtung, nur wenige Straßen von Abbys Arbeitsplatz entfernt. Dort blühte er auf und fand schnell Freunde, von denen einige mit ihm in den Kindergarten kamen.

Würde sie in Sydney Creek auch einen Kindergarten finden? Oder anders gefragt: Würde Nick es zulassen, dass Robbie mit ihr in den Ort zog? Oder erwartete er, dass der Junge bei ihm auf der Ranch lebte? Und würde er sie dort auch wollen?

Aus dieser Vielzahl an Fragen stach eine besonders hervor: Empfand er noch immer etwas für sie?

Abby war darüber erschrocken, was sein bloßer Anblick in ihr ausgelöst hatte. Wie er da vor ihrer Schwelle stand, das hatte jede Erinnerung an ihre gemeinsame Zeit geweckt – besonders an die Nacht ihres Abschlusses.

Nach Jahren der Verleugnung und der Zurückhaltung waren sie endlich wieder in der Lage, sich zu lieben, ihre in Zaum gehaltene Leidenschaft auszuleben.

Fünf Jahre war es her, doch wenn sie Nick ansah, kam es ihr vor, als wäre es erst gestern gewesen. Sie brannte darauf, ihn zu berühren, doch seine gesamte Aufmerksamkeit galt Robbie.

Nicht, dass sie ihm deshalb einen Vorwurf machen konnte. Schließlich war Robbie auch der Mittelpunkt ihres Lebens.

Sie wusste, dass sie nicht objektiv war, aber er war wirklich ein liebenswerter Junge. Er hatte gute Manieren, und wenn sie niedergeschlagen war und weinte, versuchte er sie zu trösten.

Oft passierte das zwar nicht, aber falls doch, dann klopfte er ihr auf die Schulter und fragte sie, was los sei.

Nie und nimmer würde sie ihren Sohn im Stich lassen, ganz egal, was Nick versprach. Sie würde einen Weg finden, um bei ihm bleiben zu können.

Robbie zuliebe.

Als sie die Ranch erreichten, blieb Abby im Auto sitzen und atmete tief ein.

Das große einstöckige Gebäude mit seiner umlaufenden Veranda hatte sich genauso wenig verändert wie die Berge im Hintergrund.

Sie spürte dieselbe Art von Beklemmung wie bei ihrem letzten Besuch. Dennoch konnte sie nicht für den Rest ihres Lebens im Auto sitzen bleiben, deshalb atmete sie aus und weckte ihren Sohn. „Robbie? Wir sind da, mein Schatz. Wach auf.“

Der kleine Junge kämpfte sich aus dem Schlaf. „Wo sind wir, Mommy?“

„Auf Nicks Ranch.“

Sofort war Robbie munter und stellte in seinem Kindersitz Verrenkungen an, um aus dem Fenster blicken zu können. „Siehst du die Hunde und die Pferde?“

„Nun, ich höre Hunde bellen …“ Sie hielt inne, als Nick abrupt die Tür aufriss.

Er beugte sich über sie, die Hand auf dem Dach ihres Kleinwagens. „Wollt ihr nicht aussteigen?“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, beugte er sich weiter herein und fragte Robbie: „Fertig, mein Champ?“

„Yeah!“ Der Junge ließ seinen Sicherheitsgurt aufschnappen und stieg aus.

Als Nick Platz machen wollte, streckte Abby den Arm aus und berührte seine Hand. „Nick, was sagen wir deiner Mutter?“ Sie musste nicht deutlicher werden.

Nick wusste genau, was sie meinte. „Überhaupt nichts“, flüsterte er grimmig. „Sie weiß sehr gut, wie ich in Robbies Alter ausgesehen habe. Mir war auf den ersten Blick klar, dass ich sein Vater bin.“

„Aber deine Mutter könnte irgendeinen Kommentar abgeben …“

„Ist es nicht höchste Zeit, dass das mal jemand tut?“

Abbys Herz schien stehen zu bleiben. „Ich will nicht, dass Robbie sich aufregt.“

Nick ließ sie an der Wagentür stehen. „Zu spät, sich darüber Gedanken zu machen.“ Damit nahm er Robbies Hand und ging mit ihm davon.

Sie rang sich dazu durch, ihnen zu folgen. Egal, was Nick sagte, sie wollte nicht, dass Robbie die Wahrheit erfuhr. Nicht, wenn sie nicht dabei war, um ihm alles zu erklären.

Obwohl Robbie quengelte, dass er die Pferde sehen wollte, bestand Nick darauf, dass sie zuerst ins Haus gingen.

Abby wusste, dass Julie in Cheyenne war, und sie nahm an, dass Brad mittlerweile das College beendet hatte. Wenn er wieder zu Hause lebte, waren mindestens vier von Nicks Geschwistern hier, gegen die sie sich behaupten musste.

Sie folgte Nick und Robbie in das kühle Haus, bis in die große Küche, in der die Familie den Großteil ihrer Zeit verbrachte.

Kate Logan stand an der Ablage und bereitete irgendetwas zu.

„Wer ist da?“, rief sie über ihre Schulter. Offensichtlich hatte sie sie kommen hören.

„Ich bin’s, Mom“, gab Nick zurück.

Sie wirbelte herum und konnte es kaum erwarten, ihren ältesten Sohn zu begrüßen. Doch dann blieb sie stehen, als sie Abby neben ihm sah. Ihr Lächeln verschwand. „Ich wusste nicht, dass du Abby auf einen Besuch mitbringst.“

„Ich habe Abby und ihren Sohn mitgebracht.“

Erst jetzt bemerkte Kate den kleinen Jungen. Ihre Augen weiteten sich schockiert, und ihr Blick ging sofort wieder zu Nick. „Ist er …“

Abby hielt den Atem an und wartete nur darauf, dass sie das Geheimnis, das sie all die Jahre behütet hatte, hinausposaunen würde.

Aber Nick sagte nur: „Das ist Robbie. Abbys kleiner Junge.“

Nachdem sie Abby einen Moment lang sprachlos angesehen hatte, beugte sich Kate zu Robbie hinab. „Hallo, Robbie. Ich freue mich, dich kennenzulernen. Wie schön, dass du uns besuchst.“

„Danke“, entgegnete Robbie und legte dabei all die guten Manieren an den Tag, die Abby ihm beigebracht hatte. „Nick sagt, er hat Pferde und Hunde.“

„Ja. Eine der Hündinnen hat vor ein paar Wochen sogar Welpen bekommen. Möchtest du sie gern sehen?“

„Echte Welpen?“

„Echte Welpen. Ich hole Nicks Bruder, damit er dich mitnimmt.“

Sie stand auf und sagte: „Nick, sag deinem Bruder Bescheid.“

Nick ging.

„Mommy, möchtest du auch die Welpen sehen?“, fragte Robbie.

Ich hätte wissen müssen, dass es ihm nicht ganz geheuer war, mit einem Fremden zu gehen. Sie lächelte ihn an, um zu signalisieren, dass er sich keine Sorgen machen musste. „Geh nur mit Nicks Bruder. Ich komme später nach, mein Schatz. Im Moment bin ich etwas erschöpft. Ich habe nicht wie du im Auto geschlafen.“

Er lehnte sich gegen ihr Bein und seine Hand griff nach ihrer. Dann sagte er flüsternd: „Aber ich kenne Brad doch nicht.“

Abby kniete sich nieder und umarmte ihren Sohn. „Ich weiß. Aber ich kenne ihn. Er ist wie Nick. Er würde dir nie etwas tun.“

Der junge Mann, von dem gerade die Rede war, kam lächelnd in die Küche. „Hallo, Abby. Schön, dich zu sehen.“

„Dich auch, Brad. Das ist mein Sohn Robbie.“

„Hey, Robbie. Ich habe gehört, du möchtest die Welpen sehen. Vielleicht kannst du sogar einen auf den Arm nehmen. Wie wäre das?“

„Wirklich?“, fragte Robbie begeistert und griff sofort nach Brads Hand.

„Ihr zwei geht dann mal, und wenn ihr wiederkommt, habe ich das Essen fertig“, sagte Kate.

Nachdem sie nach draußen gegangen waren, sagte Abby: „So viel dazu, dass er nicht ohne mich gehen will.“

„Nur, weil du ihm gesagt hast, dass du Brad kennst. Ich weiß das zu schätzen, Abby“, sagte Kate zu Abbys Überraschung.

Sie nickte und wartete auf das, was als Nächstes kam.

„Du hast also Nicks Kind ausgetragen.“

„Ja.“

„Und was jetzt, Nick?“

„Ich habe ihr gesagt, dass sie Robbie in den ersten fünf Jahren seines Lebens hatte, deshalb bekomme ich ihn für die nächsten fünf.“

Kate reagierte bestürzt auf die Worte ihres Sohnes. „Kein Wunder, dass Abby mitgekommen ist.“ Sie schüttelte den Kopf. „Was ist mit Patricia? Hast du dir überlegt, wie sie wohl diese Neuigkeit aufnimmt?“

Abby blickte von Kate zu Nick. „Wer ist Patricia?“

Nick zeigte sich ungehalten. „Sie hat nichts mit dir zu tun.“

„Sohn …“ Kate sagte nur dieses eine Wort, doch es schien etwas in Nick auszulösen. Er wandte sich ab und begann durch das Zimmer zu tigern.

Abby hatte das Gefühl, als würde ihr Herz ins Schlingern geraten. Sie blickte zu Kate. „Erzähl mir nicht, dass sie seine Ehefrau ist.“

3. KAPITEL

„Sie ist nicht meine Frau!“, rief Nick und wirbelte herum.

„Wer ist sie dann?“

„Meine Verlobte.“

Kein sehr großer Unterschied, dachte Abby. Sie hielt ihre Gefühle im Zaum und fragte: „Hast du ihr von Robbie erzählt?“

„Nein, noch nicht“, schnappte er. „Aber sie wird schon kein Problem mit ihm haben.“

Abby hatte da ihre Zweifel. Und das gab ihr die Möglichkeit, mit Nick zu verhandeln. „Sieh mal, Nick, ich verstehe ja, dass du Robbie kennenlernen willst. Aber ich bin zurück nach Sydney Creek gekommen und habe vor, hierzubleiben … sobald ich einen Job finde. Lass mich nur eine Unterkunft in der Stadt finden, dann kannst du die Wochenenden mit Robbie verbringen.“

„Nein!“, rief Nick aus. „Er bleibt hier! Ich …“

Als sie hörten, dass Brad und Robbie zurückkamen, unterbrach Nick seine Tirade.

Der kleine Junge lief in die Küche zu seiner Mutter und plapperte dabei über die Welpen, die er im Arm gehabt hatte, und davon, welches sein Lieblingswelpe war. „Mir hat der Kleinste am besten gefallen, Mommy. Er war so süß.“

„Willst du ihn geschenkt haben?“, fragte Nick.

Robbies Augen wurden größer. „Darf ich …? Mommy, können wir den Welpen mit nach Hause nehmen?“

„Sag’s ihm!“, forderte Nick.

Abby kniete sich zu ihrem Sohn hinab. „Mein Schatz … wir bleiben hier noch ein bisschen. Und solange wir hier sind …“

„Sag ihm die Wahrheit!“

„Was sollst du mir sagen, Mommy?“

Abby schloss die Augen. Sie hatte sich diesen Moment schon oft vorgestellt, sich in Gedanken ausgemalt, wie es sein würde, Robbie die Wahrheit über seinen Vater zu sagen. Reibungslos war das jedoch nie über die Bühne gegangen.

Sie war immer davon ausgegangen, dass sie noch mehr Zeit hatte, um die richtigen Worte zu finden. Offensichtlich hatte sie sich geirrt.

Die Hilfe kam von unerwarteter Seite. Es war Kate, die protestierte: „Du bist zu streng zu ihr, Nick.“

Nick antwortete nicht. Stur blickte er auf Abby hinab und wartete.

„Erinnerst du dich, wie du mich gefragt hast, wer dein Daddy ist?“

„Ja, aber das ist schon okay, Mommy. Du musst nicht wieder weinen.“

Abby versuchte die Tränen zurückzuhalten, die ihr in die Augen stiegen. Sie liebte diesen Jungen so sehr! „Nein, ich werde nicht weinen. Aber dein Daddy …“

Plötzlich kniete Nick neben ihr nieder. „Ich bin dein Daddy, mein Sohn. Ich wusste nicht, dass es dich gibt, sonst wäre ich früher gekommen.“

Ein Ausdruck der Verwunderung schlich sich in Robbies braune Augen. „Bist du sicher? Mommy hat gesagt, ich habe keinen Daddy.“

Abby nahm seine Hand. Obwohl in ihrer Kehle ein Kloß saß und Tränen in ihren Augen schimmerten, ergriff sie das Wort: „Er hat recht, Robbie. Weißt du, wie ich auf deinen Namen gekommen bin?“

Der Junge schüttelte den Kopf.

„Kurz bevor ich von hier weggegangen bin, ist dein Grandpa gestorben. Als ich erfahren habe, dass du auf die Welt kommst, wollte ich dir etwas geben, das dich an ihn erinnert. Deshalb habe ich dich nach ihm benannt. Sein Name war ebenfalls Robert.“ Die Tränen strömten Abby nun übers Gesicht, doch es war ihr egal.

„Hat er mich nie gesehen, als ich ein Baby war?“

Abby spürte eine Hand auf ihrer Schulter. Kate war zu ihr gekommen.

„Nein, mein Schatz, leider nicht“, sagte Kate, sichtlich aufgewühlt. „Aber das würde er, wenn er noch leben würde. Er war mein Mann und Nicks Daddy.“

Robbie drehte sich zu Nick um. „Du hattest einen Daddy?“

„Ja. Er war ein toller Vater. Und du hast eine Grandma.“

„Wirklich?“, fragte Robbie, ohne die Verbindung zu Kate herzustellen.

„Ich bin deine Grandma“, sagte Kate.

„Wow, wir sind ja eine richtig große Familie, Mommy. Das wird ein Spaß.“

Robbie schaffte es immer noch, Abby zum Staunen zu bringen. Sie hatte so sehr damit gehadert, es ihm zu sagen, aber er war fasziniert von dem Gedanken, eine große Familie zu haben.

Aber „ein Spaß“? Sie bezweifelte, dass man einen Aufenthalt in Sydney Creek mit Nick und den anderen Logans als Spaß bezeichnen konnte. Das jedoch konnte sie ihrem Sohn schlecht sagen. Sie blickte zu Boden und suchte nach den richtigen Worten.

„Ist das nicht toll, Mommy?“

Natürlich ist es das, sagte sie zu sich selbst. Für Robbie. Sie blickte auf und zwang sich zu einem Lächeln. „Ja, sicher.“

„Dann bleiben wir also hier, und ich kann meinen Welpen bekommen?“

„Da musst du deine Grandma fragen. Das Haus gehört ihr.“

„Aber, Mommy, du bleibst doch auch, oder? Du bist meine Mommy.“

Bevor Abby eine Antwort einfiel, ergriff Kate das Wort: „Natürlich bleibt deine Mommy. Sie gehört zur Familie.“

Nick protestierte lautstark: „Mom, was soll das?“

Die Hände in die Hüften gestemmt, verteidigte Kate ihre Haltung. „Das hier ist mein Haus. Und ich sage, sie bleibt.“

Nick starrte sie einen Moment lang an, dann wirbelte er auf dem Absatz herum und stürmte aus der Küche.

Abby war sprachlos. Und verwirrt. Kate hatte sie verteidigt?

Nick dagegen wollte offensichtlich nichts mit ihr zu tun haben. Wie konnte sie da bleiben, unabhängig von Kates Beharrlichkeit? „Kate, vielleicht ist es das Beste, wenn …“

„Nein. All das ist meine Schuld. Ich werde nicht zulassen, dass er dich von deinem Kind trennt.“

„Wie meinst du das, es ist alles deine Schuld?“

Bevor Kate antworten konnte, hob Brad die Hände. „Ich glaube nicht, dass ich das hören will.“ Er ging in Richtung Flur. „Ich suche mal nach Nick.“

Abby wusste nicht, was sie sagen sollte. Erstaunt stand sie da und sah Kate dabei zu, wie sie Tränen aus ihren Augen wischte.

Kurz darauf begann Kate zu erzählen. „Ich war der Meinung, dass Nick etwas Besseres findet. Das war dir wahrscheinlich bewusst. Als dann sein Vater gestorben ist, wollte ich nicht, dass er weggeht. Ich brauchte ihn. Deshalb hat er Robbies Leben verpasst. Und … jetzt ist da Patricia!“ Kate brach ab, und begann erneut zu schluchzen.

„Robbie, geh bitte für ein paar Minuten fernsehen.“

„Okay, Mommy. Aber ist Nick wirklich mein Daddy?“

„Ja, mein Schatz.“

„Okay, dann überlege ich mir jetzt einen Namen für meinen Welpen.“

„Nun, Kate“, sagte Abby und führte Nicks Mutter zu einem Stuhl am Küchentisch. „Du kannst schließlich nichts dafür, dass ich schwanger wurde. Und wessen Schuld es auch immer war, Robbie würde ich nie zurückgeben wollen. Ich liebe ihn so sehr.“

„Natürlich tust du das, Abby. Und er ist auch ein prachtvoller Junge. Aber … ich wäre auch ohne Nick klargekommen. Das hätte ich müssen. Dann wärt ihr beide zusammengeblieben.“

„Du hattest gerade deinen Mann verloren und fünf weitere Kinder, die auf dich angewiesen waren. Allein hättest du das nicht geschafft. Nick und ich haben das bereits ausdiskutiert. Er hat für uns beide entschieden. Ich habe das zugelassen, auch wenn er nicht das Recht dazu hatte. Und ich habe nicht an seine Liebe geglaubt. Also tragen wir alle gemeinsam die Schuld. Doch das ist Schnee von gestern.“

„Oh, Abby, das ist so großmütig von dir.“

Abby senkte den Kopf. „Nein, nicht wirklich. Ich gebe zu, dass auch ich dir ein bisschen die Schuld gegeben habe. Letztendlich war es jedoch Nick, der mich weggeschickt hat.“

Kate straffte sich. „Mir ist klar, dass er nicht …“

„Nein, wir sollten es einfach dabei belassen. Wir hatten unsere Zeit. Jetzt ist es die von Nick und Patricia. Ich kann das akzeptieren, solange er mir Robbie nicht wegnimmt.“

„Das lasse ich nicht zu, Abby. Versprochen.“

„Du musst es mir sagen, wenn meine Anwesenheit dein Verhältnis zu Nick beeinträchtigt. Dann suche ich mir sofort eine Bleibe.“

„Nick ist aufgebracht, aber so böse kann er nicht sein. Ich lasse nicht zu, dass er dich zwingt, deinen kleinen Jungen zurückzulassen. Wenn er das täte, würde Robbie ihn hassen.“

„Vielleicht nicht, wenn er diesen Welpen bekommt“, sagte Abby und lächelte unter Tränen.

„Ja. Er ist genau wie sein Vater, findest du nicht?“

„Ja. Es tut mir leid, dass ich ihn dir vorenthalten habe, Kate. Aber ich wusste nicht, wie ich zurückkommen sollte.“

„Nun, das ist allerdings Nick Schuld“, sagte Kate mit unsicherem Lachen. „Ein Enkelsohn. Und du hast ihn nach Robert benannt. Das finde ich wundervoll von dir.“

„Ich bin froh, dass du dich so freust.“

„Oh, ja.“ Kate klopfte auf den Stuhl neben ihr, damit Abby sich setzte. „Jetzt müssen wir nur noch eine Unterkunft für dich finden. Mal überlegen. Julie ist in Cheyenne, also könntest du ihr Zimmer haben. Robbie stecken wir in Charlies Zimmer. Er ist in Laramie auf dem College. Das Zimmer liegt gleich neben dem von Nick, das dürfte ihm also gefallen.“

„Bestens, Kate. Vielen Dank, dass du mir das Gefühl gibst, willkommen zu sein.“

„Du bist die Mutter meines Enkels. Natürlich bist du willkommen.“

Sosehr Kates Sinneswandel sie überraschte, eine große Frage stand nach wie vor zwischen ihnen. „Nun sollten wir über Patricia reden.“

„Oh.“ Abby starrte Kate verblüfft an. „Ist sie so schlimm?“

„Nun, sie ist sehr hübsch … auf ihre Art.“

„Wie meinst du das?“

„Sie erwartet, dass alles nach ihrem Kopf geht.“

„Und das lässt Nick sich gefallen?“

„Nein, bei ihm nimmt sie sich sehr zurück. Aber alles andere wird entweder auf ihre Weise gemacht – oder gar nicht. Einmal wollte sie für Nick kochen. Er war einverstanden, hat natürlich geglaubt, dass sie für uns mitkochen würde. Aber sie hatte das Essen nur für sich und Nick gemacht. Und für ihn noch nicht einmal genug. Er arbeitet den ganzen Tag. Du weißt, wie hungrig er dabei wird. Er war höflich zu ihr, aber nachdem sie weg war, hat er sich selbst ein Sandwich gemacht.“

„Und wo hast du mit den Kindern gegessen?“

„Im Café. Julie und Brad waren nicht hier. Den anderen drei war es egal. Sie fanden es toll. Als wir wieder zu Hause waren, habe ich erst mal gesehen, dass sie zum Geschirrspülen keine Zeit mehr gehabt hat. Das hat sie mir überlassen.“

„Das ist nicht wahr!“, gab Abby ungläubig zurück.

„Oh, doch. Als ich nach Hause gekommen bin, hat Nick gerade versucht, gleichzeitig zu spülen und sein Sandwich zu essen. Ich habe dann übernommen. Aber da habe ich gemerkt, dass ich einen großen Fehler gemacht habe. Sie ist die völlig falsche Frau für ihn.“

„Mag sie denn Kinder?“ Dann wäre sie vielleicht wenigstens nett zu Robbie.

Kate schüttelte langsam den Kopf. „Sie ist zwar Lehrerin, aber die Kinder mögen sie nicht.“

„Vielleicht hat sie bei nur einem Kind mehr Erfolg.“

„Ich fürchte, nein.“

Abby lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück.

Eine Hürde – Nicks Mutter – hatte sie überwunden. Aber das weitaus größere Hindernis lag noch vor ihr.

Was sollte sie wegen Patricia unternehmen?

Über das Thema Patricia wurde für den Rest des Tages nicht mehr gesprochen. Abby war viel zu beschäftigt, um sich darüber weitere Gedanken zu machen.

Nach dem Essen half sie Kate, die Küche zu putzen. Dann badete sie Robbie und zog ihm seinen Schlafanzug an.

Obwohl sie erst unsicher war, schlug sie schließlich vor, dass er jedem einen Gutenachtkuss gab. Robbie sah seine Mutter zunächst nur an.

Erst als Abby mit einem Kopfnicken zu Nick deutete, ging Robbie zu ihm.

„Bekomme ich keine Umarmung, so wie deine Grandma?“, fragte Nick.

Nachdem Nick ihn umarmt hatte, ging Robbie zu Brad und seinen beiden jüngeren Brüdern. Diese hatten Robbie kennengelernt, als sie aus der Schule gekommen waren.

Schließlich wandte er sich Abby zu und breitete die Arme für sie aus.

„Heute trag ich dich ins Bett, Robbie“, sagte Nick, und bevor Robbie protestieren konnte, hob er ihn in die Höhe.

„Okay“, sagte Robbie, den Blick auf seine Mutter geheftet. „Mommy, kommst du auch?“

„Ja, mein Schatz, ich komme.“

Nick sah kurz zu ihr hinüber, doch sie ignorierte ihn. Ihr Sohn brauchte sie. Das war alles, was zählte.

Sie folgte ihnen in Charlies Zimmer, das nun Robbie gehörte.

Nick setzte Robbie aufs Bett.

Abby griff nach dem Laken und zog es zurück. „Bitte schön, mein Schatz. Du wirst dieses Zimmer mögen. Es ist genau neben dem von deinem Daddy.“

„Und wo ist dein Zimmer, Mommy?“

„Gleich am Ende des Ganges. Keine Sorge, ich bin da, wenn du morgen früh aufwachst.“

Der Junge schlüpfte ins Bett. „Siehst du dir morgen meinen Welpen an?“

„Ja, ganz bestimmt. Hast du dich schon für einen Namen entschieden?“

Robbie sah zu dem Mann, der über seinem Bett stand, dann wieder zu seiner Mutter. „Ich … nenne ihn Baby. Weil er der Kleinste ist.“

Abby sah Nick an. Zu ihrer Erleichterung sagte er: „Das ist ein schöner Name, Robbie.“

Der Junge lächelte, und Abby deckte ihn liebevoll zu. „Zeit für dein Gebet“, sagte sie dann.

Er faltete die Hände für ihr allabendliches Ritual. Abby sprach das Gebet, und er wiederholte ihre Worte. Am Ende fügte er einen eigenen Wunsch hinzu: „Danke für meinen Welpen. Und bitte segne Mommy … und Daddy.“

Lächelnd beugte sich Abby zu ihm hinab und gab ihm noch einen Gutenachtkuss.

Nick bewegte sich nicht. Mit einem seltsam nachdenklichen Blick stand er am Bett und wollte gerade etwas sagen, als das Telefon klingelte. Er blickte in Richtung Küche, wo das nächste Telefon stand.

„Nick, es ist Patricia!“, rief seine Mutter.

Wortlos wandte Nick sich um und ging aus dem Zimmer.

„Ist er böse auf mich?“, flüsterte Robbie.

„Nein. Er muss nur ans Telefon. Alles ist gut. Mach dir keine Sorgen.“

Er nickte. „Mommy, ist das hier wirklich unser neues Zuhause?“

„Ich bin mir nicht sicher. Aber wir beide bleiben zusammen.“

„Okay“, sagte er und schloss die Augen. „Nacht, Mommy.“

Sie strich durch sein seidiges Haar. „Gute Nacht, mein Schatz.“

Statt zu gehen, blieb sie jedoch neben dem Bett sitzen. Sie war nicht gerade begeistert, zurück in die Küche zu gehen. Kate hatte sich sehr herzlich verhalten, aber Nick schien die ganze Zeit nur wütend zu sein.

Dafür waren seine Brüder freundlich, besonders zu Robbie.

Brad hatte ihm den dreizehnjährigen Matt vorgestellt, der froh war, nun nicht mehr das Nesthäkchen zu sein.

Dann war Jason an der Reihe, der mit seinen sechzehn Jahren wichtigere Dinge als einen neuen Neffen im Kopf hatte.

Abby lächelte und erinnerte sich an Nick im Alter von sechzehn. Damals hatte er sie zum ersten Mal geküsst.

Das Leben hatte sich in den darauffolgenden sieben Jahren ganz schön verändert. Plötzlich lebte sie ohne Nick in der großen Stadt – und sie war schwanger.

Sie betrachtete ihren kleinen Sohn, dessen Atemzüge tiefer wurden, während er in den Schlaf sank. Dann küsste sie ihn sanft auf die Stirn und verließ auf Zehenspitzen das Zimmer.

Robbie stand am nächsten Morgen zu seiner üblichen Zeit um sieben Uhr auf, obwohl es ein Samstag war.

Wie versprochen wartete Abby in der Küche auf ihn. Sie war schon früher aufgestanden, um Kate beim Frühstück zu helfen.

Nick hatte beide ignoriert, doch Brad hatte angemerkt, wie gut sie zusammenarbeiteten.

Als Robbie die Küche betrat, umarmte Kate ihn und wollte wissen, ob er hungrig sei.

Er begutachtete die Auswahl an Essen auf dem Tisch. „Pfannkuchen! Mein Lieblingsessen!“

Abby sah ihren Sohn an. „Ich habe ein paar Sachen für dich rausgelegt, Robbie. Warum hast du sie nicht angezogen?“

„Aber ich muss doch gar nicht in die Schule“, erklärte Robbie.

Abby zeigte sich jedoch unnachgiebig. „Erst ziehst du dich an. Dann kannst du zum Frühstück kommen.“

Robbie blickte zu Nick, als würde er hoffen, dass er Abby widersprach.

Aber Nick sagte nur: „Brauchst du Hilfe?“

„Nein, ich kann das. Bis auf Schuhe zubinden.“

„Das mache ich, wenn du angezogen bist“, versprach Nick.

Nachdem Robbie gegangen war, flüsterte Abby: „Ich danke dir.“

„Wofür?“

„Dafür, dass du mir nicht widersprochen hast. Er weiß, dass er sich anziehen soll, aber ich glaube, er wollte mich auf die Probe stellen.“

„Ich halte sehr viel von Regeln. Ich mische mich nicht ein, es sei denn, ich denke, dass du ihm etwas Falsches beibringst.“

Sie nickte und widmete sich wieder der Frühstücksvorbereitung.

Fünf Minuten später kam Robbie zurück in die Küche – in den Klamotten, die Abby für ihn herausgesucht hatte.

„Mein Gott, du siehst aber toll aus“, lobte Kate.

„Danke … Grandma.“ Er beäugte sie prüfend, als wollte er herausfinden, ob sie diese Anrede akzeptierte.

„Nichts zu danken, mein Enkel.“

Er sah seine Mutter an. „Bin ich das?“

Sie lächelte. „Ganz genau, mein Schatz.“

Robbie ging zu Nick. „Daddy, bindest du mir jetzt die Schuhe zu?“

„Klar, komm her!“ Nick hob Robbie auf seinen Schoß und band seine Schuhe zu. „Wie wär’s jetzt mit einem Männerfrühstück?“

„Mommy, bekomme ich ein Männerfrühstück?“

„Wie wär’s mit einem kleinen Männerfrühstück?“, schlug Abby vor.

Robbie nickte grinsend.

Sie alle blieben etwas länger als üblich am Tisch sitzen. In Robbies Anwesenheit schien Nick sich zu entspannen und lächelte sogar ein ums andere Mal.

Abby genoss die Zeit und fühlte sich allmählich willkommen.

Bis die Hintertür aufging und eine große, dünne Blondine mit hellbraunen Augen hereinkam.

Nicks Ausruf wäre unnötig gewesen. Abby wusste auch so, dass dies die berüchtigte Patricia war. „Patricia! Ich habe dich gar nicht erwartet!“ Er stand auf, um sie zu begrüßen.

Trotz der Zaungäste, oder vielleicht gerade deswegen, sagte sie: „Hi, Lover“, und gab ihm einen innigen Kuss, den Abby ziemlich peinlich fand. Ein Blick zu den anderen verriet ihr, dass es ihnen genauso ging.

Nick nahm ihre Arme aus seinem Nacken und unterbrach den leidenschaftlichen Kuss. „Patricia, die Familie ist hier.“

„Hi“, sagte sie mit einem Lächeln, das jedoch keinem der anderen galt.

Kate stand auf und schob dabei den Stuhl zurück. „Setz dich, Patricia. Ich mache dir eine Tasse Kaffee.“

Patricia schüttelte ihre lange, seidige Mähne. „Hier? Oh nein, Nick und ich wären gern allein.“

„Schenk ihr Kaffee ein, Mom. Sie wird hier mit uns essen.“ Nicks Stimme war bestimmt, während er einen Stuhl für seine Verlobte hervorzog.

„Nick“, sagte Patricia in drängendem Ton. „Wir müssen miteinander reden.“

„Später. Lass mich dir meinen Sohn vorstellen. Robbie, das ist meine Verlobte, Patricia Atwell.“

Ohne ihn überhaupt zu beachten, fragte sie Nick: „Wie lautet sein Nachname?“

Nick sah Abby fragend an.

„Stafford“, gab sie zurück.

„Du hast mich nicht als Vater eintragen lassen?“

„Doch, aber es erschien mir leichter für ihn, wenn er meinen Namen annimmt.“

„Wenn das so ist, werde ich sofort die Adoption beantragen.“

„Aber Nick, wir haben noch gar nicht darüber gesprochen“, beschwerte sich Patricia. „Du musst doch schon jetzt Unterhalt zahlen. Bist du sicher, dass du ihn auch noch adoptieren willst?“

„Er ist mein Sohn, Patricia. Ich bin für ihn verantwortlich.“ Nick lächelte Robbie zu und ignorierte seine Verlobte.

„Ich finde trotzdem, dass wir darüber reden sollten, Nick“, sagte Patricia mit sanfter Stimme, doch ihre Augen blieben hart.

„Nein.“

Wieder einmal versuchte Kate, die explosive Situation zu entschärfen. „Patricia, hast du schon gefrühstückt? Es tut mir leid, ich hätte fragen sollen, gleich, nachdem du reingekommen bist. Ich kann …“

„Oh nein, vielen Dank, Mrs. Logan. Ich hatte bereits mein übliches Frühstück.“

„Willst du meinen Welpen sehen?“, fragte Robbie plötzlich. „Mommy will ihn sich ansehen. Onkel Brad hat gesagt, in einer Woche kann ich ihn mit ins Haus nehmen.“

Patricia wirkte verstört, während ihre manikürte Hand zu ihrer Brust wanderte.

„Ins Haus? Oh, ich würde es nie erlauben, dass Tiere ins Haus kommen. Die machen doch viel zu viel Schmutz.“

„Aber Grandma sagt …“

„Schon okay, Kumpel“, meinte Nick mit sanfter Stimme. „Du darfst den Welpen ins Haus bringen, wenn er groß genug ist.“

Patricia war sichtlich unzufrieden. „Nick, du willst doch wohl keinen Präzedenzfall schaffen? Du solltest ihm gleich erklären, dass ich unter gar keinen Umständen …“

„Das Haus gehört meiner Mutter, Patricia, und das wird es auch bleiben.“

„Oh, ich verstehe“, sagte sie mit einem gekünstelten Lächeln.

Neben ihr sprang Brad von seinem Stuhl auf. „Ich … muss mal in den Stall, nach einem kranken Pferd sehen.“

Abby konnte sein Verlangen nach einer Flucht nachempfinden. Ihr ging es genauso. „Können Robbie und ich mitkommen, Brad? Ich habe ihm versprochen, dass ich mir die Welpen ansehe.“

Jason und Matt schlossen sich ebenfalls an. Schon bald waren Nick, Patricia und Kate allein in der Küche.

„Warum gehen wir nicht in dein Büro, während deine Mutter abspült?“, schlug Patricia vor.

Nick dehnte seinen Kiefer – für Kate ein sicheres Zeichen, dass er innerlich mit den Hufen scharrte. „Ich habe eine bessere Idee. Warum helfen wir Mom nicht in der Küche?“

4. KAPITEL

Abby war höchst erstaunt über das Schauspiel, dessen Zeugin sie gerade geworden war.

Während sie an Brads Seite zum Schuppen ging, brachte sie kein einziges Wort heraus und konnte sich auch nicht auf Robbie konzentrieren. Der Junge ging mit Matt und Jason voraus.

Die Szene in der Küche wiederholte sich bestimmt zwanzig Mal vor ihrem geistigen Auge.

„Na, begeistert von Nicks Zukünftiger?“, fragte Brad schließlich.

Abby sah ihn erstaunt an. „Höre ich da einen gewissen Sarkasmus heraus?“

„Komm schon, Abby. Dir muss doch klar sein, wie wenig sie zu Nick passt. Wenn er sie heiratet, wird sein Leben die reinste Hölle.“

Dieser Gedanke war auch ihr gekommen, doch sie sprach ihn nicht aus. Stattdessen sagte sie: „Offensichtlich hat ihn irgendetwas zu ihr hingezogen. Du musst ihnen eine Chance geben, Brad.“

„Auf gar keinen Fall. Wenn sie hier einzieht, bin ich sofort weg.“

„Ich bezweifle, dass sie hier einzieht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie hier bei der Familie lebt.“ Abby war sich sogar sicher, dass es nicht so weit kommen würde.

„Du glaubst also, er gibt ihr den Laufpass?“, fragte Brad voller Vorfreude.

„Nein, das meinte ich nicht. Ich glaube, Nick wird ein Haus für sie bauen.“

„Mist! Daran habe ich gar nicht gedacht.“

„Nick muss seine eigenen Entscheidungen treffen. Nur so kann er sein Glück finden.“

„Wie dem auch sei. Ich glaube nicht, dass er mit der Hexe Atwell glücklich wird.“

Abby grinste.

Robbie rief aus dem Innern des Stalls nach ihr: „Kommst du auch, Mommy?“

Erst jetzt merkte sie, dass sie und Brad stehen geblieben waren. Sie sah ihn entschuldigend an, dann eilte sie in den Stall.

„Siehst du, Mommy?“, sagte Robbie und hielt einen kleinen schwarz-weißen Welpen in die Höhe. „Das ist Baby.“

„Oh, er sieht süß aus, Robbie. Es ist ein ‚Er‘, nicht wahr?“, fragte sie plötzlich.

Jason nahm Robbie den Welpen ab und untersuchte ihn kurz. „Nein. Ein Mädchen.“

„Heißt das, ich kann ihn nicht Baby nennen?“

„Nein, Robbie. Das heißt, du kannst sie Baby nennen“, gab Abby lächelnd zurück.

Robbie nahm den Welpen vorsichtig von Jason entgegen. „Mommy, wusstest du, dass Jason und Matt meine Onkels sind? Und sie sind selbst noch Jungs.“

„Ja, mein Schatz, das wusste ich.“

„Gestern hatte ich noch gar keinen Onkel, und jetzt habe ich drei!“

„Eigentlich sogar vier. Charlie geht aufs College. Und dann hast du noch eine Tante.“

„Oh, und auch noch einen Welpen.“

Abby sah die drei Logans an, die mit ihnen im Stall waren. „Fragt ihn nicht, wer von euch ihm am besten gefällt. Ich fürchte, ihr verliert gegen den Welpen.“

„Wissen wir, Abby. Wir lieben auch junge Hunde“, gab Matt grinsend zurück. Dann wurde er ernst. „Aber Patricia erlaubt uns keine im Haus.“

Abby hielt den Mund. Es war nicht ihre Aufgabe, Nicks jüngere Brüder vom Gegenteil zu überzeugen.

Brad schien das anders zu sehen. „Abby glaubt, dass Patricia darauf bestehen wird, dass Nick ihr ein neues Haus baut.“

Matt stutzte. „Heißt das, dass Nick dann nicht mehr bei uns lebt?“

„Yeah“, brummelte Brad. „Es bedeutet, dass Nick herumgeführt wird an seinem …“

„Brad!“ Ihr Blick ging zu ihrem kleinen Sohn, doch der war zu sehr mit dem Welpen beschäftigt, um ihre Panik zu bemerken.

„Es bedeutet, dass Nick seine zukünftige Braut zufrieden-stellen will. Das ist ein bewundernswerter Zug an einem Mann.“

„Ja, genau das habe ich gemeint“, sagte Brad zu seinen Brüdern, doch sein Augenrollen galt Abby.

„Sollen wir zurück ins Haus gehen, Robbie? Ich glaube, dein Welpe braucht mehr Zeit mit seiner Mommy. Leg ihn zurück, dann kannst du morgen wiederkommen.“

„Wo ist das kranke Pferd?“, fragte Robbie.

Abby drehte sich fragend zu Brad um.

„Oh … es gibt keins. Das ist so eine Art Geheimsprache. Damit wollen wir sagen, dass wir wegmüssen. Patricia weiß das aber nicht.“

Robbie wollte noch etwas fragen, doch Abby fand, dass ihr Sohn genügend Fragen für einen Vormittag gestellt hatte. „Komm mit, Robbie! Wir helfen Grandma beim Aufräumen in der Küche.“

„Okay.“

Als sie das Haus erreichten, sahen sie, dass Kate den Abwasch ganz allein erledigte. Abby entschuldigte sich sofort.

„Kein Problem, Abby. Das hat sich so eingebürgert, seit Julie hier ausgezogen ist. Jetzt bin ich hier allein mit einigen Männern, die nicht viel vom Geschirrspülen halten.“

„Vielleicht solltest du sie anlernen“, sagte Abby. „Das würde bessere Ehemänner aus ihnen machen.“

Kate lachte. „Ich kann mir schon vorstellen, wie sie auf diese Idee reagieren würden.“

„Nun, solange ich hier bin, hast du immer einen willigen Helfer.“

„Vielen Dank, meine Liebe.“

„Wo ist mein Daddy?“, wollte Robbie wissen.

„Oh, er ist in seinem Büro mit …“ Bevor Kate den Satz beenden konnte, rannte Robbie auch schon den Flur hinunter.

„Ist Patricia immer noch da?“, fragte Abby plötzlich.

„Ja.“

„Oje. Ich bin gleich wieder da.“

Sie wollte Robbie nacheilen, hatte jedoch noch nicht einmal die Küche verlassen, als es bereits zu spät war.

„Raus hier, du kleines Monster! Was fällt dir ein, hier einfach so reinzuplatzen?“

Abby blieb erst stehen, als Robbie mit tränenüberströmtem Gesicht in ihre Arme flog.

„Mommy, sie hat mich angeschrien.“

Abby nahm Robbie auf den Arm und brachte ihn zurück in die Küche. „Schätzchen, du hast vergessen anzuklopfen. Wenn eine Tür geschlossen ist, musst du immer anklopfen und dann darauf warten, dass man dich bittet, reinzukommen.“

„Das habe ich vergessen“, gab der Junge unter Tränen zurück. „Ich habe gedacht, Daddy will es bestimmt wissen.“

Nick betrat die Küche, und Abby wunderte sich über seinen besorgten Blick. Er kniete nieder und streckte die Hand nach Robbie aus. „Was will ich wissen, mein Sohn?“

„Ich wollte dir … sagen, dass Baby ein Mädchen ist. Tut mir leid, dass ich nicht angeklopft habe.“

„Das ist nicht weiter schlimm, Robbie. Es ist nur so, dass Ladys sich über jede Kleinigkeit aufregen.“

„Mommy aber nicht!“

„Diesem Kind gehören Manieren beigebracht“, verkündete Patricia aus dem Flur. „Seine Mutter hat das offensichtlich versäumt.“

Abby setzte schon zu einer heftigen Antwort an, doch Nick ging zum Glück dazwischen.

„Abby ist eine wundervolle Mutter. Patricia, du bekommst nicht in deinen Kopf, dass Robbie erst vier Jahre alt ist.“

„Oh, also wirklich, Nick. Es ist doch ganz offensichtlich, dass er verzogen ist. Ich bräuchte nur wenige Tage, um ihm Disziplin einzubläuen. Glaub mir, meine Schüler wissen, wie man sich benimmt.“

„Du unterrichtest in der Highschool, Patricia. Gib ihm noch zehn Jahre, dann benimmt er sich besser.“ Bevor Nick aufstand, umarmte er seinen Sohn noch einmal. „Alles klar?“

„Ja, Daddy“, sagte Robbie, dann grub er sein Gesicht in Abbys Schoß.

Patricia beschwerte sich auf dem Flur. „Nick, muss er dich denn so nennen? Das wird alle möglichen Gerüchte nach sich ziehen. Es wäre besser, wenn er dich Nick nennt.“

Kate trat einen Schritt vor, bereit, eine Antwort zu geben, doch Nick streckte die Hand aus und kam seiner Mutter zuvor. „Nein, Patricia, das wäre es nicht. Robbie ist mein Sohn, und dazu stehe ich. Ich habe ihn nicht mit nach Hause gebracht, um ihn zu verstecken.“

„Ich verstehe sowieso nicht, warum du ihn überhaupt hergebracht hast. Und dann lässt du seine Mutter auch noch hier einziehen, das ist doch absurd! Die Leute werden sagen, ihr habt eine Affäre. Für mich ist das demütigend. Auch wenn die Leute wohl nicht so leicht glauben werden, dass du eine Frau vorziehst, die sich so hat gehen lassen wie sie.“

„Verdammt noch mal, Patricia, schaltest du vielleicht mal den Kopf ein, bevor du so etwas sagst? Du hast mich, Robbie und Abby schon den ganzen Vormittag beleidigt. Gibt es noch jemanden, über den du dich beschweren willst?“

Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen.

Abby hielt den Atem an.

„Untersteh dich, Patricia!“ Nick hatte ihre Antwort offenbar schon vorausgeahnt.

Sie presste die Lippen abschätzig zusammen und ging zur Tür. „Nun, wenn dich meine Meinung nicht interessiert, kann ich ja gehen. Wir sehen uns heute Abend.“ Damit schlug sie die Tür hinter sich zu.

In der Küche blieb es totenstill, als wollten die Anwesenden sich davon überzeugen, dass sie auch wirklich gegangen war.

„Mommy, wer war das?“, flüsterte Robbie.

„Die Frau, die deinen Vater heiraten wird“, gab Abby flüsternd zurück.

„Nick, das willst du doch wohl nicht wirklich?“, fragte Kate.

„Wieso nicht, Mom? Du wolltest doch, dass ich mich mit ihr verabrede. Du dachtest, weil sie Hauswirtschaftslehre unterrichtet, weiß sie, wie man kocht und das Haus in Schuss hält.“

„Mann, Bruder, darauf kommt es in einer Ehe doch nicht an!“, rief Brad, der seinem älteren Bruder in die Küche gefolgt war. „Die treibt dich noch in den Wahnsinn!“

Nick zuckte die Schultern.

Abby wollte etwas sagen. Jetzt war der richtige Zeitpunkt. „Nick, du musst mir und Robbie erlauben, dass wir uns eine eigene Wohnung suchen. Ich habe mich nicht dagegen gewehrt, zurückzukommen, weil ich zurückkommen wollte. Aber wenn ich hier bei dir bleibe, sorgt das für Gerede, da hat Patricia schon recht. Ich habe nichts dagegen, dass Robbie auf die Ranch kommt, wann immer du ihn sehen möchtest, aber …“

„Nein!“

Seine lautstarke Antwort erschütterte jeden der Anwesenden. Keiner rührte sich mehr.

„Du denkst nicht nach, mein Sohn. Wenn Abby ihre eigene Wohnung will, kannst du sie doch nicht davon abhalten.“

„Das kann ich auch nicht“, sagte er mit donnernder Stimme. „Aber ich kann vor Gericht ziehen und das Sorgerecht für Robbie erstreiten.“

„Nein!“, schrie Abby. „Nein! Ich gebe Robbie nicht her!“

Nick ging auf sie zu und blieb nur wenige Zentimeter von ihr entfernt stehen. Seine Augen waren klein und dunkel, als er sie mit seinen Blicken durchbohrte. „Dann sprich nicht vom Ausziehen. Wenn du einen Job hast, muss sich ohnehin Mom um Robbie kümmern.“

Abby starrte ihn nur verständnislos an. „Du … das kannst du doch nicht von Kate verlangen.“

„Natürlich kann ich, verdammt! Sie ist meine Mutter. Und ich habe Robbie nicht hergebracht, damit er in eine Krippe kommt.“

„Nein, du hast ihn hergebracht, damit deine Mutter in ihrer Freizeit eine Krippe aufmachen kann.“

Kate ging dazwischen. „Kinder! Es ist in Ordnung, Abby. Ich kümmere mich sehr gern um Robbie. Er ist sowieso die meiste Zeit in der Schule. Und am Nachmittag können mir Matt und Jason helfen, wenn du da noch arbeitest.“

„Das … werde ich müssen, Kate. Mom ist darauf angewiesen, dass ich ihr jeden Monat Geld schicke. Ich kann nicht …“

„Natürlich nicht. Mach dir darüber keine Gedanken.“

Abby war zutiefst betroffen darüber, was Nick aus dem Leben seiner Mutter gemacht hatte.

Sie hatte sich damals entschieden, ihm nichts über seinen Sohn zu sagen, und diese Schuld musste sie nun begleichen. Aber er konnte nicht auch noch Kate dafür bezahlen lassen.

Wie ein wütender Bulle stürmte Nick zur Tür, stoppte jedoch kurz davor. Ohne sich umzudrehen, sagte er: „Am Montag melden wir Robbie in der Schule an.“ Damit verschwand er.

„Wir? Was meint er damit, Kate?“

Kate legte einen Arm um Abbys Schultern. „Das bedeutet, dass er dich begleitet. Nur für den Fall, dass du ihnen nicht sagst, dass er der Vater ist.“

Abbys Kehle fühlte sich ausgedörrt an, und ihre Wangen waren gerötet. „Das wird Patricia noch wütender machen.“

Kate lächelte. „Ja, das wird es wohl.“

„Warum freust du dich so darüber? Ich will nicht, dass sie sich aufregt.“

„Das ist doch nicht deine Schuld. Du hast Nick nicht gebeten, mitzukommen. Und ganz gewiss lässt er sich von dir keine Vorschriften machen. Du bist schließlich nicht seine Verlobte. Mach dir also keine Gedanken.“

„Aber …“

Kate drückte Abbys Schulter noch fester. „Kind, nun weißt du, warum ich dich mit offenen Armen empfangen habe. Hauptsächlich deshalb, weil ich dich vor langer Zeit falsch eingeschätzt habe, und das tut mir leid. Aber auch, weil ich Patricia nicht ausstehen kann. Und ich will nicht, dass Nick unglücklich wird.“

„Kate, ich kann dir nicht versprechen, irgendetwas an Nicks Situation zu ändern. Aber ich will auch nicht, dass er das Sorgerecht einklagt. Ich habe zu viel Angst davor, einen Prozess zu verlieren. Das könnte ich nicht ertragen.“

„Schon gut, meine Liebe. Vielleicht komme ich am Montag auch mit. Schon um die Gerüchteküche nicht anzuheizen.“

So fuhren sie Montagmorgen zu viert in Nicks Truck, um Robbie für die Schule anzumelden. Der Junge saß auf dem Rücksitz und hielt dabei die Hand seiner Mutter krampfhaft fest, wie Nick mit einem Blick in den Rückspiegel feststellte.

Beim Frühstück hatte Robbie ihn gefragt, ob er wieder auf seine alte Schule in Cheyenne gehen dürfe.

Nick hatte geduldig erklärt, dass die Fahrt dorthin zu weit wäre.

Robbie hatte ihm sofort versichert, dass es seiner Mutter nichts ausmachen würde.

Nick lächelte beim Gedanken daran, während er vor dem Gebäude parkte.

Die Schule unterrichtete alle Klassen von der Vor- bis zum Ende der Grundschule.

„Komm, Robbie. Wir sind da“, verkündete er, als er aus dem Truck stieg und die Hintertür aufhielt.

Robbie stieg zögernd aus und zog Abby dabei hinter sich her.

Plötzlich beugte sich Nick vor und fasste nach Robbie, was diesen so sehr überrumpelte, dass er die Hand seiner Mutter losließ.

„Warte! Mommy, kommst du mit?“

„Ich bin dicht hinter dir, Robbie. Zusammen mit Grandma.“

Robbie hielt den Blick auf die beiden Frauen gerichtet.

Nick hatte geglaubt, dass der Junge ihn gern hatte, doch offenbar kam er noch immer nicht ohne die beruhigende Anwesenheit seiner Mutter aus.

Im Innern der kleinen Schule führte Nick sie zum Büro der Schulleiterin. Dort wurde er von einer weiblichen Stimme begrüßt: „Nicholas Logan, was machst du denn hier?“ Mrs. Andrews, eine der Lehrerinnen aus seiner eigenen Schulzeit, sah Robbie an. „Na wen haben wir denn da?“, fragte sie freundlich und nahm Robbies Hand.

„Erkennt man das nicht schon beim Hinsehen?“, fragte Nick.

„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, das ist dein Sohn.“ Sie hielt inne, und ihr Blick ging an Nick vorbei. „Hallo, Kate. Und … Abby? Bist du das? Was ist das hier? Ein Klassentreffen?“

„Ich bin wieder nach Sydney Creek gezogen, Mrs Andrews. Und nun möchte ich meinen kleinen Jungen für die Vorschule anmelden.“

Mrs. Andrew sah kurz zu Nick, bevor sie Abby antwortete. „Das ist toll, Abby. Nachdem dein Vater gestorben und deine Mutter weggezogen ist, dachte ich schon, ich sehe dich nie wieder.“

Nick ergriff das Wort. „Abby hat vergessen zu erwähnen, dass Robbie auch mein Sohn ist, Mrs. Andrews.“

„Ja, das habe ich mir schon gedacht. Na gut, Robbie, dann komm mal herein und lass uns reden.“ Sie streckte die Hand nach dem Jungen aus und bemerkte, dass sein Blick sofort zu seiner Mutter ging. „Sie kommt auch mit, aber leider ist sie zu groß, um an meinem besonderen Tisch Platz zu nehmen.“

Das erregte Robbies Aufmerksamkeit, und er löste seine Hand aus dem Griff seines Vaters.

Nick sah dabei zu, wie Mrs. Andrews Robbie zu einem kleinen Tisch mit mehreren Kinderstühlen führte. Robbie streckte sofort die Hand aus, um den aufwendigen Spielzeugbausatz in der Mitte des Tisches zu berühren. „Das gefällt mir.“

„Das sehe ich. Hattet ihr in deiner alten Schule auch solche Spielsachen?“

„Ja.“

„Sieh dir das an. Ich habe hier verschiedene Farben. Kannst du sagen, wie sie heißen?“

Robbie nickte sofort. „Das ist rot. Ich mag rot.“

„Ich auch“, sagte Mrs. Andrews. „Und die da?“

„Das ist blau. Mommys Lieblingsfarbe.“

„Ja, ich erinnere mich. Und die?“

„Gelb. Meine Lehrerin hat gesagt, das ist die Farbe der Sonne. Aber die Sonne ist doch eigentlich orange.“

„Ich glaube, du hast recht. Und die da?“

„Grün. So wie Bäume und Gras. Außer, wenn es regnet. Weißt du, dass Bäume den Regen trinken?“

„Ja, das weiß ich. Wer hat dir das beigebracht?“

„Mommy. Sie bringt mir viel bei.“

„Verstehe. Liest sie dir auch vor?“

„Jede Nacht. Und manchmal etwas mehr, weil unser Fernseher nichts Gescheites bringt.“

„Ich wusste, dass ich bei deiner Mommy einen guten Job gemacht habe“, sagte Mrs. Andrews lachend. „Hat sie dir auch beigebracht, höflich zu sein und auf deine Lehrerin zu hören?“

„Ja“, sagte Robbie, dann senkte er den Kopf und murmelte: „Einmal musste ich in der Ecke stehen, aber ich habe mich entschuldigt.“

„Gut gemacht. Ich glaube, dir wird unsere Klasse gefallen. Möchtest du gern ein paar Kinder in deinem Alter kennenlernen?“

„Ja! Haben die Welpen? Ich habe nämlich einen Welpen.“

„Tatsächlich?“

Robbie blickte nicht einmal hinter sich, als er und Mrs. Andrews aus dem Büro gingen.

Nick stutzte. „Ist das alles? Müssen wir nicht irgendwelche Formulare ausfüllen, oder so?“

„Das werden wir sicher, sobald Mrs. Andrews zurückkommt. Aber dafür brauchen wir Robbie nicht.“

„Wird er den ganzen Tag bleiben? Ich wollte ihm heute die Pferde zeigen.“

Kate beugte sich vor. „Er kommt gegen zwei aus der Schule, Nick. Ich denke, er kann es am Nachmittag einrichten.“

Die Schulleiterin kam zurück ins Büro, ein Lächeln auf den Lippen.

Als sie hinter ihrem Schreibtisch saß, zog sie einige Formulare aus einem Ordner und reichte sie Abby. „Füll die bitte aus, meine Liebe. Du hast ihn wirklich gut erzogen.“

„Danke, Mrs. Andrews.“

„Was ist mit mir?“, drängte Nick.

„Ich nehme an, du hast eben erst von ihm erfahren, sonst wärst du schon früher hier gewesen. Aber hier wird es ihm gut gehen. Er wird sich schnell in die Klassengemeinschaft einfügen.“

„Wie viele Schüler sind denn in Ihrer Vorschulklasse?“, fragte Abby, während sie die Formulare ausfüllte.

„Mit Robbie sind es sechs.“

„Mehr nicht? Ich hatte ja keine Ahnung, dass er in so einer kleinen Klasse sein würde.“

„Vielleicht sollten wir ihn dieses Jahr noch zu Hause lassen und erst im nächsten herbringen“, schlug Nick mit plötzlicher Unsicherheit vor.

„Nein!“ Sowohl Kate als auch Abby protestierten.

Mrs. Andrews wandte sich ihm zu. „Nick, entschuldige, aber ich habe gehört, dass du mit Patricia Atwell verlobt bist. Ist das nur ein Gerücht?“

„Nein“, knurrte Nick und starrte auf seine Hände.

„Dann, denke ich, liegt die Entscheidung bei Abby.“

„Verdammt! Ich bin sein Vater, und er bleibt bei mir!“

„Ich dachte, er lebt bei Abby“, sagte Mrs. Andrews und starrte auf das Trio vor ihrem Schreibtisch. „Was genau geht hier eigentlich vor, Nick?“

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