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BIANCA GOLD BAND 51

Der Cop, das Hundebaby und ich

1. KAPITEL

Oliver Sullivan – der schon so lange nur Sullivan genannt wurde, dass er sich kaum noch an seinen Vornamen erinnerte – gestand sich ein, dass er Sarah McDougall noch weniger ausstehen konnte als jeden anderen Menschen. Und ihm waren viele Leute unsympathisch.

Fiesen Typen zu begegnen, zählte zu den Berufsrisiken im Gesetzesvollzug. Nicht, dass Ms. McDougall in die Kategorie Kriminelle fiel.

„Obwohl ich schon mit etlichen Verbrechern zu tun hatte, die charmanter waren“, murmelte er vor sich hin. Bei Gesetzesbrechern war er allerdings insofern im Vorteil, dass er Autorität über sie ausüben konnte.

Nackten Hass hegte er auf diese Frau. Dabei hatte er noch nie mit ihr gesprochen, geschweige denn sie gesehen. Er kannte nur ihre Ansagen auf seinem Anrufbeantworter und hätte es gern dabei belassen.

Ihre Stimme zu hören, reichte bereits, um starke Abneigung in ihm hervorzurufen. Ihre verbissene Beharrlichkeit untermauerte dieses Gefühl nur noch mehr. Nicht, dass ihre Stimme unangenehm klang. Was sie von ihm verlangte, war vielmehr das Problem.

Im Geist hörte er ihre wiederholten Aufforderungen. Rufen Sie mich zurück. Es ist sehr wichtig. Wir müssen reden. Es ist dringend.

Da er ihre Anrufe geflissentlich ignoriert hatte, war sie zu seinem Vorgesetzten gegangen, der wiederum befohlen hatte, ihrer Bitte nachzukommen. Reden Sie wenigstens mit ihr. Falls Sie es noch nicht gemerkt haben sollten, Sie sind nicht mehr in Detroit.

Das war Sullivan längst aufgefallen. Bereits nach etwa fünf Minuten an seinem neuen Arbeitsplatz.

Zwischen dem Tätigkeitsbereich eines Kleinstadtpolizisten in Wisconsin und eines Kripobeamten beim Morddezernat in Detroit war ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht – vergleichbar mit dem Wirken von Mutter Theresa und den Taten von Attila dem Hunnenkönig.

„Welcher Wahnsinn hat mich dazu getrieben, mich für Kettle Bend in Wisconsin zu entscheiden?“, knurrte er vor sich hin.

Dieser Wahnsinn hatte einen Namen, und der lautete Della. Sie war seine große Schwester und hatte diese kleine idyllische Nische entdeckt und beschlossen, ebendort zusammen mit ihrem Ehemann Jonathon, einem Kieferorthopäden, ihre beiden Söhne aufzuziehen. Und sie bemühte sich, Sullivan in den Kreis ihrer glücklichen Familie einzubinden, seit dessen Leben den Bach runtergegangen war.

Er verdrängte diese Fakten jetzt und konzentrierte sich stattdessen auf die Ortschaft. Mit zynischem Blick betrachtete er sein Umfeld. Die Straßen waren breit und ruhig und von riesigen Bäumen beschattet, die er als hartgesottener Städter nicht identifizieren konnte. Und doch fielen ihm die jungen Blätter angenehm auf, die sich in den zarten leuchtenden Farben des Frühlings entfalteten und deren würziger Duft ihm durch das offene Autofenster in die Nase stieg.

Im Laubschatten standen gepflegte Häuser, die ihr Alter und ihre amerikanischen Flaggen gleichermaßen mit Stolz trugen. Die meisten ähnelten einander auf angenehme Weise – weiße Fassaden mit hellgelben Türen und Fensterrahmen oder umgekehrt. Zur Abwechslung war hie und da ein Farbtupfer in Salbeigrün oder Taubenblau zu sehen.

Allen Häusern gemeinsam waren breite Veranden, weiße Jägerzäune um kleine Vorgärten mit gepflegten Beeten voll blühender Frühlingsblumen, die einladende Gehwege säumten.

Aber Sullivan wollte sich nicht bezirzen lassen.

Er mochte keine Illusionen. Eine besonders gefährliche Wunschvorstellung war in seinen Augen der Glaube, dass auf dieser Welt noch sichere und behütete Orte existierten.

Mit Hollywoodschaukeln und Glühwürmchen und kalter Limonade an heißen Sommertagen. Wo Fenster und Türen unverschlossen bleiben und Kinder unbeaufsichtigt und furchtlos mit dem Fahrrad zur Schule fahren können. Wo Familien sich bei Gesellschaftsspielen vergnügen. Orte unbefleckter Unschuld, die das Wort Zuhause flüstern.

Er hatte versucht, Della die Augen zu öffnen und sie zu warnen, dass nicht alles so war, wie es zu sein schien.

Nein, er hätte wetten können, dass es hinter den Türen und Fenstern dieser hübschen Häuser alle möglichen Geheimnisse aufzudecken gab, die das idyllische Bild Lügen straften. Dass hinter einigen dieser geschlossenen Türen Schnapsflaschen im Toilettenspülkasten versteckt waren. Dass dort Kinder mit Drogenproblemen ebenso zu finden waren wie Frauen mit unerklärten Prellungen und blauen Flecken.

Dieser Zynismus sorgte dafür, dass Sullivan so schlecht in das beschauliche Örtchen Kettle Bend passte – und ganz gewiss noch schlechter in Sarah McDougalls Pläne.

Ihre Nachrichten auf seinem Anrufbeantworter spukten ihm im Kopf herum und riefen ein Frösteln hervor. Wir brauchen einen Helden, Mr. Sullivan.

Er plante keineswegs, irgendjemandes Held zu werden. Er war nicht bereit, mit diesem Unsinn seinen freien Tag zu vergeuden. Deshalb wollte er dafür sorgen, dass es dieser Sarah McDougall sehr, sehr leidtat, ihn mit ihren lächerlichen Ideen verfolgt zu haben.

Er fand die gesuchte Adresse, hielt am Straßenrand an. Entschieden wappnete er sich gegen den idyllischen verschlafenen Charme der Umgebung. Aus Prinzip drehte er die Fensterscheibe hoch und verschloss die Tür nach dem Aussteigen. Die Leute von Kettle Bend mochten vortäuschen wollen, dass sich hier niemals etwas Böses ereignete, aber er wollte seine neue Stereoanlage nicht diesem Irrglauben anvertrauen.

Er wandte sich dem Haus zu, das auf dem Grundstück mit der Adresse 1716 Lilac Lane stand.

Der einstöckige Bungalow unterschied sich nur wenig von den Nachbargebäuden. Er war kürzlich neu gestrichen worden – die Fassade natürlich in Weiß, Türen und Fensterrahmen in einem satten Olivgrün. Kletterpflanzen – er tippte auf Efeu, weil er keine anderen Ranken kannte – brachten bereits frische Triebe hervor und ließen erahnen, dass sie die Veranda bald komplett gegen die Sommerhitze abschatten würden.

Sullivan ging durch ein abscheulich quietschendes Gartentor und ein Spalier, das in wenigen Wochen voller Farbenpracht den Duft von Kletterrosen verströmen würde, deren Knospen schon zu sehen waren.

Dass dem noch nicht so war, erleichterte ihn. Weil die reizvolle Umgebung ohnehin schon seine Abwehr schwächte und der sinnliche Duft diesen Effekt nur noch verstärkt hätte.

Aus den Augenwinkeln registrierte er, dass der zementierte Gehweg stellenweise Blasen warf, aber von bunt gemischten Frühlingsblumen gesäumt wurde.

Es fiel ihm nur auf, weil es zu seinem Job gehörte, auf alles zu achten. Ihm entging nichts. Er bemerkte jedes Detail. Das machte ihn zu einem großartigen Cop – allerdings nicht zu einem besseren Menschen, soweit er wusste.

Er stieg die breiten Stufen zur Haustür hinauf. Bevor er klingelte, musterte er die Möbel auf der überdachten Veranda.

Alte Korbstühle, sorgsam in demselben Olivgrün wie Türen und Fensterrahmen lackiert, trugen dicke Polster mit fröhlichem Blumenmuster in Rot, Gelb und Orange. Wie das idyllische Städtchen selbst malte diese Loggia ein ansprechendes Bild.

Ein Ort der Ruhe. Der Behaglichkeit. Der Sicherheit. Des Friedens.

„Ha!“ Sullivan schnaubte zynisch und straffte entschieden die Schultern, um zu verhindern, dass all die reizvollen Details ihn womöglich bewogen, nett zu dieser Frau zu sein und ihr die geplante Abfuhr auf sanfte Weise zu erteilen.

Bisher hatte Feinfühligkeit nicht bei ihr gefruchtet. Zweiundsechzig Anrufe zu ignorieren, wie er es getan hatte, war nicht als Aufforderung gedacht, sich an seinen Vorgesetzten zu wenden. Damit wollte er ihr vielmehr sagen, dass sie ihn in Frieden lassen und sich einen anderen Helden suchen sollte.

Entschieden wandte er sich von der verlockenden Veranda ab. Er wollte sich nicht eingestehen, dass er auch nur für den Bruchteil einer Sekunde versucht gewesen war, sich hier wohlzufühlen.

Kopfschüttelnd wandte er sich ab, betätigte die Klingel und hörte sie durch das Haus hallen, weil die grüne Innentür offen stand und nur ein Fliegengitter mit kunstvoll geschmiedetem Rahmen den Zutritt verwehrte.

Nichts rührte sich.

Doch Sullivan fasste die offene Tür schlicht und einfach als Aufforderung auf, sich umzusehen. Im Gegensatz zu der Einladung, sich auf der Veranda auszuruhen, nahm er diesmal an und spähte ins Haus.

Die Tür führte direkt in das Wohnzimmer. Ein handgewebter Flickenteppich markierte einen winzigen Eingangsbereich und ließ darauf schließen, dass der Besitzer des Hauses Ordnung und abgeputzte Schuhe schätzte.

Nachmittäglicher Sonnenschein fiel durch die offene Tür und durch das große Fenster auf einen Dielenboden, der goldbraun schimmerte, mit der Patina des Alters.

Zwei kleine Couchen in leuchtendem Sonnenscheingelb standen einander gegenüber. Ein zerkratzter antiker Couchtisch dazwischen trug sauber aufgestapelte Zeitschriften und eine Vase mit den Blumen, die draußen den Gehweg säumten.

Bisher hatte er sich noch keine genaue Vorstellung von seiner Stalkerin gemacht. Nun tat er es.

Single. Es gab keinerlei Hinweis auf einen männlichen Mitbewohner.

Keine Kinder. Nirgendwo herrschte Durcheinander oder war Spielzeug zu sehen.

An einer Wand hingen gerahmte Titelbilder im Stil einer Galerie. Sie stammten allesamt von einer Zeitschrift namens Today’s Baby. Allerdings änderten sie nichts an seinem ursprünglichen Eindruck von dieser Frau. Sie strahlte keine Lebensfreude aus.

Im Geist sah er sie vor sich: etliche Pfunde zu schwer, krisseliges Haar, grell geschminkt. Vermutlich hatte sie sich vollauf damit beschäftigt, ihr Haus so bildschön wie aus einer Wohnzeitschrift zu gestalten, und sich selbst darüber sträflich vernachlässigt, ohne dem Verfall der mittleren Jahre entgegenzuwirken.

Nun, da es nichts mehr am Haus zu tun gab, richtete sich ihre gesamte Aufmerksamkeit auf die Stadt.

Mr. Sullivan, Kettle Bend braucht Sie!

Ein schwacher Duft strömte durch die offene Tür. Es roch süß. Und herb zugleich. Nach etwas selbst Gekochtem. Plötzlich überrumpelte ihn eine ausgeprägte Sehnsucht.

Er spürte es erneut. Ein kleiner Schauer lief ihm über den Rücken.

Schluss jetzt …

Wiederum schüttelte er die Anwandlung ab, zusammen mit der Sehnsucht. Er hatte sich ausgeruht. Ein ganzes Jahr lang. In Anglerhosen beim Fliegenfischen. Er war nicht dafür gemacht. Dabei blieb zu viel Zeit zum Nachdenken.

Sullivan klingelte erneut, diesmal ungeduldig.

Eine Katze – ein graues Fellknäuel mit bösen grünen Augen – schlich sich aus einem Flur in den Eingangsbereich, ließ sich in den Strahl Sonnenschein bei der Tür fallen. Sie betrachtete ihn mit schlitzäugigem Missfallen, bevor sie den Kopf abwandte und sich ausgiebig eine Pfote leckte. Sie passte genau in seine Vorstellung von der Hausbewohnerin.

Diese Katze weiß, dass ich keine Tiere mag.

Und das machte die ganze Situation noch ärgerlicher. Er und ein Held? Nein danke! Er mochte Hunde nicht einmal. Und deshalb wollte er die Frage, warum er sein Leben für einen Welpen riskiert hatte, nicht beantworten. Weder Ms. McDougall noch den Dutzenden Reportern von Radio und Fernsehen, die ihn verfolgten.

Impulsiv zog er am Griff der Fliegentür und öffnete sie einige Zentimeter, bevor er sie wieder zufallen ließ. Dass sie unverschlossen war, ärgerte ihn.

Dieses beschauliche kleine Idyll bettelte förmlich um eine gesunde Dosis dessen, was er im Überfluss besaß: Zynismus.

Er ging die Stufen hinunter und betrachtete das Haus.

„Sarah ist hinten im Garten. Sie hat den Rhabarber bereits reichlich schießen lassen.“

Sullivan zuckte zusammen. Da haben wir den Salat, dachte er. Weil seine Aufmerksamkeit so sehr unter dieser verflixten Umgebung litt, war ihm glatt entgangen, dass jede seiner Bewegungen von der Nachbarin verfolgt wurde.

Wie ein verhutzelter Gnom hockte sie in einem Schaukelstuhl. Ihre glänzenden schwarzen Augen musterten ihn mit belustigter Neugier statt mit dem Argwohn, der einem Fremden gegenüber angebracht gewesen wäre.

„Sie sind der neue Polizist“, stellte sie fest.

Demnach war er gar kein Fremder für sie.

In einer Kleinstadt gibt es keine Anonymität. Nicht einmal an meinem freien Tag in Jeans und T-Shirt.

Er nickte, immer noch ein wenig verblüfft darüber, dass ihm automatisch Vertrauen entgegengebracht wurde, nur weil er der neue Polizist im Viertel war.

In Detroit war in neun von zehn Fällen das genaue Gegenteil eingetreten. Zumindest in den rauen Stadtteilen, in denen er seinen Beruf erlernt hatte.

„Das war sehr nett, was Sie getan haben. Mit dem Hund.“

Gab es auch nur eine einzige Person im Universum, die nicht davon wusste? Immer mehr hasste er es, dass sich die Geschichte wie eine Epidemie verbreitet hatte.

Der alten Frau wäre sein Verhalten nicht so nett erschienen, wenn sie gewusst hätte, wie oft er sich jetzt wünschte, er hätte das verdammte Tier dem reißenden Schmelzwasser überlassen, anstatt hinterherzuspringen.

Er dachte daran, wie es in seinen Armen gezappelt hatte, als er nach der Rettungsaktion keuchend auf das Ufer gesunken war. Das durchnässte Fellknäuel, ebenso frierend wie er selbst, hatte sich an seine Brust gekuschelt, direkt über dem Herzen, und ihm winselnd das Gesicht abgeleckt.

Natürlich wünschte Sullivan nicht wirklich, er hätte es ertrinken lassen. Er wünschte nur, sein Sprung in den angeschwollenen Kettle River wäre nicht von irgendeiner dreisten Person mit Handy aufgenommen und ins Internet gestellt worden, sodass die ganze Welt die Rettungsaktion verfolgen konnte.

„Wie geht es dem Hund?“, erkundigte sich die Frau.

„Er ist noch beim Tierarzt. Aber er wird wieder gesund.“

„Ist das Herrchen schon gefunden worden?“

„Nein.“

„Na ja, ganz bestimmt werden die Leute Schlange stehen, um ihn zu adoptieren, falls sich der Besitzer nicht meldet.“

„Wahrscheinlich.“

Aufgrund des Videos gingen tatsächlich täglich Dutzende solche Anfragen bei der Polizeiwache von Kettle Bend ein.

Sullivan nickte der Nachbarin zu und folgte dem schmalen Gehweg um das Haus herum in einen langen schmalen Garten.

Es gab kein Wort für den Anblick, der sich ihm bot.

Außer vielleicht: bezaubernd.

Einen Moment lang blieb er stehen und sog alles in sich auf. Hochgewachsene Bäume mit lindgrünem Blattwerk, darunter gewundene Blumenbeete mit dunklem Mutterboden, der an frisch gemähte Rasenflächen stieß.

Er hatte das Gefühl, in ein geheimes Paradies geraten zu sein.

Er schnaubte verächtlich, weil ihm dieser seltsame Ausdruck in den Sinn gekommen war.

Und dann sah er sie.

Sie hockte zwischen langen Reihen von hohen Pflanzen mit Blättern so groß wie Elefantenohren, und sie war völlig darin vertieft, die dünnen roten Stängel auszureißen.

Das musste der Rhabarber sein, den die Nachbarin erwähnt hatte.

Neben ihr lag bereits ein beachtlicher Stapel. Ein breitkrempiger Hut beschattete ihre obere Gesichtshälfte. Sonnenschein fiel auf ihren Mund und ließ erkennen, dass ihre Zungenspitze über die Lippen huschte – als Zeichen äußerster Konzentration.

Sie trug ein formloses geblümtes Tank-Top und weiße Shorts mit Schmutzflecken. Die langen muskulösen Beine, die bereits ein wenig Sonnenbräune annahmen, waren atemberaubend.

Während er sie beobachtete, zerrte sie heftig an einer Pflanze und fiel aus der Hocke beinahe auf den Rücken, als sich der Stängel abrupt vom Wurzelwerk löste. Sie richtete den Oberkörper wieder auf und erstarrte, als ob sie plötzlich spürte, dass sie nicht mehr allein war.

Ohne aufzustehen, drehte sie sich langsam auf den Hacken um, blickte Sullivan an und neigte den Kopf zur Seite. Vielleicht ärgerte es sie, dass er ihren Ringkampf mit der Pflanze beobachtet hatte.

Sarah McDougall – sofern es sich überhaupt um sie handelte – war wider Erwarten nicht mittleren Alters. Oder kraushaarig. Geschweige denn übergewichtig. Und sie trug nicht einmal eine Spur von Make-up.

Bei dem Anblick bleibt einem glatt die Spucke weg.

Kastanienbraune Korkenzieherlocken quollen unter der Hutkrempe hervor und umrahmten ein elfenhaftes Gesicht. Kleine Sommersprossen sprenkelten ihre Stubsnase. Wangenpartie und Kinn verstärkten den Eindruck von Zartheit.

Doch vor allem ihre Augen drohten ihn zu überwältigen. Er war gut darin, in Augen zu lesen – was schwerer war, als manche Leute glaubten. Ein Lügner konnte einem unverwandt ins Gesicht sehen, ohne mit der Wimper zu zucken. Ein Mörder konnte einen mit sanften Rehaugen anblicken.

Doch elf Jahre bei der Mordkommission einer rauen Großstadt hatten Sullivans Sinne derart geschärft, dass seine Schwester seine Fähigkeit, andere zu durchschauen, mit einem Anflug von Bewunderung als beängstigend bezeichnete.

Die Augen dieser Frau waren nussbraun, riesig und einfach überwältigend bezaubernd.

Sie wirkte typisch amerikanisch. Unverdorben und unbescholten. Naturverbunden. Niedlich. Wahrscheinlich geradezu lächerlich naiv. Dafür sprach, dass sie ihre Haustür unverschlossen hielt und einen Helden aus ihm machen wollte.

Doch anstatt seine Verärgerung auf sie zu verstärken, weil sie ihn belästigte und bei seinem Vorgesetzten angeschwärzt hatte, erweckte es einen dummen Beschützerinstinkt.

„Sie sollten Ihre Haustür abschließen, wenn Sie hier hinten arbeiten“, teilte er ihr schroff mit. Einerseits wollte er es ja dabei belassen, ihr den Rücken zukehren und sich entfernen. Denn ganz offensichtlich musste eine Frau wie sie ganz besonders vor einem Mann wie ihm beschützt werden. Der so viel Düsteres gesehen hatte, dass es in seinem Innern zu residieren schien.

Doch wenn er andererseits ging, ohne ihr Gelegenheit zu geben, diese dunkle Seite von ihm zu erkennen, belästigte sie ihn oder seinen Vorgesetzten womöglich endlos.

Also zwang er sich, den Garten zu durchqueren, bis er direkt vor ihr aufragte und sein Schatten auf ihre großen Augen fiel.

Er schüttelte selten jemandem die Hand. Er legte Wert darauf, eine Barriere aufrechtzuerhalten. Autorität einzuflößen. Nicht zu Vertraulichkeiten einzuladen. Distanz zu wahren.

Deshalb verblüffte es ihn, dass er ihr die Hand reichen wollte. „Sarah McDougall?“, fragte er. Als sie nickte, erklärte er: „Ich bin Sullivan.“

Der bekümmerte Ausdruck schwand von ihrem Gesicht. Sie sah tatsächlich entzückt aus. Er war froh, dass er die Hand in die Hosentasche gesteckt hatte, anstatt sie ihr zu reichen.

„Mr. Sullivan …“, sie stand auf, „… ich bin ja so froh, dass Sie gekommen sind! Darf ich Sie Oliver nennen?“

„Nein, das dürfen Sie nicht. Niemand nennt mich so. Und es heißt nicht Mister“, erklärte er in bewusst kühlem Ton. „Es heißt Officer.“

Nur ein Anflug von Verärgerung trat in ihren Blick. Hatte sie nicht längst aus ihren unbeantworteten Anrufen gelernt, dass er ein Mann war, dem man mit viel mehr Abneigung begegnen sollte?

„Niemand nennt Sie Oliver?“

Wieso fragte sie das? Hatte er nicht deutlich genug klargestellt, dass er keinerlei persönliche Bekanntschaft mit ihr wünschte? „Nein.“

Anscheinend entging ihr, wie schroff seine Stimme klang. Sonst hätte sie das Thema fallen lassen.

„Nicht mal Ihre Mutter?“ Skeptisch zog sie eine Augenbraue hoch.

Es ließ sie ein wenig drollig aussehen. Wie wenn ein Wellensittich versucht, angriffslustig zu wirken.

„Tot“, knurrte er und sah Mitgefühl in ihren Blick treten, doch er war nicht bereit, sich anrühren zu lassen. Er hatte seine Mutter mit siebzehn verloren. Ebenso wie seinen Vater.

Er wollte nicht siebzehn Jahre in die Vergangenheit zurückgehen.

Und es gab nur einen Weg, sich eine lästige Person wie Sarah McDougall vom Hals zu schaffen: durch brutale Offenheit.

„Rufen Sie mich nicht mehr an“, verlangte er leise und tonlos. Dabei bemühte er sich, sie mit stechendem Blick anzusehen. „Ich werde Ihnen nicht helfen. Auch nicht, wenn Sie sechs Millionen Mal anrufen. Ich bin kein Held. Ich will nicht Ihr Freund sein. Ich will Ihre Stadt nicht retten. Und schalten Sie meinen Vorgesetzten auch nicht wieder ein. Weil Sie mich bestimmt nicht zum Feind haben wollen.“

Verblüfft stellte Sullivan fest, dass seine legendäre Fähigkeit, andere Leute zu durchschauen, ihn im Stich ließ. Er hatte nämlich geglaubt, dass sie leicht einzuschüchtern war, dass er sie einfach so dazu bringen konnte, einen Rückzieher zu machen.

Stattdessen sah er, dass sich ihr niedlicher kleiner Mund zu einer unverkennbar störrischen Linie verzog. Und das konnte nur eines für ihn bedeuten: Ärger.

2. KAPITEL

Verunsichert starrte Sarah ihren unerwarteten Besucher an. Sie fühlte sich völlig neben der Spur. Nicht nur durch das Tauziehen mit dem Rhabarber an sich, sondern vor allem, weil es einen Zeugen dafür gab.

Dazu kam die unerwartete Schärfe in seiner Stimme, sein unverhofftes Auftauchen in ihrem Garten, sein Auftreten an sich.

Sie war ganz in die Ernte vertieft gewesen. Das war es, was sie sich von ihrem Haus, ihrem Garten und ihrem Geschäft erhoffte. Dass sie immer vollauf mit irgendetwas beschäftigt war.

Doch die Konzentration auf ihre Aufgabe hatte sie verletzlich gemacht. Andererseits war zu vermuten, dass die überwältigende Gegenwart dieses Mannes immer ein Gefühl der Verletzlichkeit hervorrief, selbst wenn man ihn erwartete, anständig angezogen war und den Kaffeetisch für ihn gedeckt hatte.

Durch das verwackelte Video, das sie gesehen hatte – wie Millionen anderer Menschen – war sie nicht auf die Wirklichkeit vorbereitet. Auch wenn bereits aus ihren unbeantworteten Anrufen zu schließen war, dass er nicht die Persönlichkeit besaß, die sie ihm aufgrund der heldenhaften Rettung eines ertrinkenden Welpen angedichtet hatte.

Dreißig Sekunden Film – in denen er sich das Hemd vom Leib riss, in den eiskalten Fluss unter der Brücke sprang und danach mit dem Welpen auf der nackten Brust am Ufer lag – hatten sie veranlasst, voreilige Schlüsse zu ziehen.

Dass er mutig ist. Ein Mann, der sich vor nichts fürchtet.

Das bestätigte nun sein unerschrockener Blick.

Dass jemand wie er, der bereit ist, sein Leben für einen Hund zu riskieren, sanft und warmherzig sein muss, und dass seine Ansage auf dem Anrufbeantworter lediglich berufsbedingt ein bisschen schroff klingt.

Dabei handelte es sich offensichtlich um einen Trugschluss. Denn er hatte ihre zunehmend verzweifelten Anrufe nicht erwidert, und nun verhielt er sich ausgesprochen grob zu ihr.

Nicht einmal eine Spur von Wärme war in seinen dunklen Augen zu erkennen. Sie blickten kühl und abschätzig. Er schien von einer Mauer umgeben zu sein, die schwerer zu bezwingen war als der Mount Everest.

Zweifel stiegen in Sarah auf. Oliver Sullivans wahres Erscheinungsbild stand in krassem Widerspruch zu der Fantasie, die ihr von ihm vorschwebte, seit sie den Videoclip gesehen hatte. Das ließ nichts Gutes für ihren Plan erahnen.

Es sei denn, er lässt sich zähmen, dachte sie. Das empfand sie seinem Äußeren nach zu urteilen allerdings als höchst unwahrscheinlich.

Er trug dunkle Jeans und ein waldgrünes T-Shirt, das seine breite Brust und kräftige Oberarmmuskeln umspannte. Unzählige andere Männer in Kettle Bend waren ähnlich gekleidet, aber sie war überzeugt, dass sonst niemand eine derart rohe Macht ausstrahlte wie er.

Er sah aus wie ein Ritter in der Verkleidung eines zivilisierten Mannes.

Er war ein Mann, der Zuversicht in die eigene Kraft ausstrahlte, in seine Fähigkeit, alles zu meistern, was sich auch ergeben mochte. Er schien nur darauf zu warten, dass die Hölle losbrach.

Das stand derart im Widerspruch zu der idyllischen Atmosphäre in ihrem Garten, dass Sarah beinahe schmunzeln musste. Nur seine eindringliche finstere Miene hielt sie davon ab.

Trotz seines außergewöhnlich guten Aussehens wirkte er unglaublich lebensmüde. Wie ein Mann, der das absolut Schlimmste von seinen Mitmenschen erwartete und selten enttäuscht wurde. Und doch wirkte sein Äußeres aufregend anziehend.

Wenn ich ihn doch nur überreden könnte, ein paar Fernsehinterviews zu geben!

Die kurzen schokoladebraunen Haare waren gewiss sehr kameratauglich, ebenso wie die buschigen Brauen über dunkelbraunen Augen, die beinahe schwarz wirkten. Dazu gesellten sich ausgeprägte Wangenknochen, eine kräftige Nase, volle sinnliche Lippen und ein teuflisches kleines Grübchen im Kinn.

Sie konnte es sich nicht leisten, sich von ihm einschüchtern zu lassen. Das durfte sie einfach nicht zulassen.

Kettle Bend braucht ihn.

Nicht, dass sie im Zusammenhang mit dem Wort brauchen an ihn denken wollte. Weil er ihr Bedürfnisse bewusst machte, die sie längst ad acta gelegt hatte.

Seine ausgeprägte Männlichkeit weckte Sehnsucht nach all den Dingen, die sie früher einmal genossen hatte, sich nun jedoch versagte. Leidenschaftliche Küsse. Starke Arme. Nächtliches Liebesgeflüster.

Er war ein Mann, der eine Frau beinahe den hohen Preis vergessen ließ, den es kosten konnte, nach all diesen Dingen zu streben.

Sarah McDougall brauchte niemanden. Das zählte zu den Dingen, auf die sie stolz war. Absolute Unabhängigkeit. Auf niemanden angewiesen sein. Nicht mehr. Nie wieder.

Die Erbschaft dieses Hauses und des Geschäfts ihrer Großmutter, Jelly Jeans and Jammies, ermöglichte ihr das.

Sie durfte sich nicht einschüchtern lassen. Deshalb, um seiner Feindseligkeit zu trotzen, zog sie sich den rechten Gartenhandschuh aus, wischte sich die Hand vorsichtshalber an der Hose ab und reichte sie ihm mit vorgetäuschter Zuversicht. Dann wartete sie mit angehaltenem Atem, ob er auf die Geste einging.

Mit unverhohlenem Missfallen reagierte Officer Oliver Sullivan auf ihre entgegenkommende Geste. Er war sichtbar verärgert über ihre Bemühung, in irgendeiner Form mit ihm in Kontakt zu treten.

Ihm war deutlich anzumerken, dass er sehr versucht war, einfach zu verschwinden, nachdem er seine unerfreuliche Botschaft abgeliefert hatte.

Doch er tat es nicht. Widerstrebend schüttelte er ihr kurz und hart die Hand.

Sarah behielt eine ausdruckslose Miene bei, obwohl ein Kribbeln von ihren Fingerspitzen bis zum Ellbogen lief. Unwillkürlich dachte sie an raue Bartstoppeln auf zarter Haut, an den Duft von frisch geduschten Körpern. Es vermittelte ihr einen winzigen Anflug von Entzücken, dass sie diesen unerwarteten sinnlichen Moment erleben durfte.

Doch dann rief sie sich in Erinnerung, dass ihr Leben reich und ausgefüllt und komplett war. Sie hatte das Haus ihrer Großmutter in diesem hübschen Städtchen geerbt. Das dazugehörige Geschäft garantierte ihr den Lebensunterhalt. All das hatte sie aus einer Phase der Verzweiflung nach der Auflösung ihrer Verlobung gerissen.

Kettle Bend vermittelte Sarah etwas, das sie für immer verloren geglaubt hatte und nun als seltene Annehmlichkeit genießen konnte: Zufriedenheit.

Okay, wenn sie ganz ehrlich war, musste sie sich eingestehen, dass es keine umfassende Zufriedenheit war. Manchmal verspürte sie einen Anflug von Rastlosigkeit, von Sehnsucht nach ihrem alten Leben. Nicht nach der Romanze mit Michael Talbot. Nein, über seinen Treuebruch, über ihn an sich war sie total hinweg.

Es waren Elemente ihres alten Lebens als Journalistin bei der populären New Yorker Zeitschrift Today’s Baby, denen sie nachhing, die jene nebulöse Sehnsucht hervorriefen. Sie hatte regelmäßig berühmte Mütter und Väter kennengelernt und interviewt, war zu glamourösen Veranstaltungen eingeladen worden und bei Eröffnungen und anderen Events ein begehrter Gast gewesen. Sie hatte es geliebt, kreativ zu sein.

Ein Mann wie das Exemplar, das nun vor ihr stand, bedeutete Gefahr. Er besaß das Zeug dazu, eine vage Sehnsucht nach Aufregung und Erfüllung in eine katastrophale Begierde zu verwandeln.

Streng und entschieden rief Sarah sich in Erinnerung, dass sie bereits ein Ventil für ihre Wunschträume gefunden hatte. Sie wollte ihre Rastlosigkeit durch eine neue Herausforderung vertreiben, durch eine bedeutende Aufgabe, die sie umfassend beanspruchte. Ihre jüngste Verpflichtung galt der kleinen Gemeinde, mit der es mehr und mehr bergab ging.

Ihr neuestes Streben nach Erfüllung beruhte darauf, das Städtchen wieder in den Zustand zu bringen, den sie aus den Schulferien ihrer Kindheit kannte: Lebendig, die Straßen voller Touristen, in der Luft ein hoffnungsvolles Pulsieren, eine Atmosphäre endlosen Sommers …

Mit diesem Ziel vor Augen verschränkte Sarah die Arme vor der Brust, wie um die düstere bedrohliche Aura abzuwehren, die Sullivan zu umgeben schien. Er sollte glauben, dass sie nicht verunsichert war.

„Ich habe große Pläne für Kettle Bend“, teilte sie ihm mit. Sie hatte einige der begehrtesten Menschen der Welt interviewt. Es bestand also kein Grund, sich von ihm einschüchtern zu lassen. „Und Sie können mir bei der Umsetzung helfen.“

Er musterte sie gründlich; dann zuckte der Anflug eines winzigen Lächelns um seinen sündhaft sinnlichen Mund.

Schon glaubte sie, ihn in der Tasche zu haben.

Dann sagte er: „Nein.“ Schlicht und einfach. Entschieden. Unerschütterlich. Das Lächeln verschwunden, als hätte es nie existiert.

„Aber Sie haben ja noch nicht mal gehört, was ich zu sagen habe!“, platzte sie entrüstet hervor.

Offenbar dachte er einen Moment lang darüber nach, doch sein tiefes müdes Seufzen wirkte nicht gerade ermutigend. „Okay“, räumte er nach einer Weile mit unergründlichem Blick ein. „Spucken Sie’s aus.“

Als Aufforderung zur Kommunikation fand sie die Ausdrucksweise recht dürftig. Andererseits wandte er sich wenigstens nicht ab. Noch nicht. Doch seine Körpersprache verriet, dass der Geduldsfaden, der ihn in ihrem Garten hielt, bald zu reißen drohte.

„Die Rettung des Hundes war unglaublich. Ungeheuer mutig.“

Er reagierte nicht geschmeichelt. Im Gegenteil, er lehnte sich ein wenig mehr zum Ausgang.

Also fügte sie hastig hinzu: „Ich habe den Clip im Internet gesehen.“

Sullivans Miene verfinsterte sich noch mehr – falls das überhaupt möglich war.

Deshalb verschwieg Sarah lieber, dass sie sich das Video mindestens ein Dutzend Mal angesehen hatte. Dummerweise hatte sie sich geradezu gezwungen gefühlt, es immer und immer wieder abzuspielen.

Sie wusste, dass es nicht nur ihr so ergangen war. Der Clip hatte Herzen auf der ganzen Welt erobert. Nun, da sich der Hauptdarsteller in ihrem Garten befand, bot sich ihr eine Gelegenheit, Kapital aus seiner Zauberkraft zu schlagen, die Menschen zu Tausenden in den Bann zog.

„Ich habe gehört, dass Sie noch nicht lange in Kettle Bend sind“, fuhr sie fort. „Wussten Sie trotzdem, wie kalt das Wasser ist?“

„Wenn ich es gewusst hätte, wäre ich niemals reingesprungen.“

Eine derart negative Antwort passte überhaupt nicht in ihr Konzept, für das sie ihn zu erwärmen hoffte, um seinen aktuellen Bekanntheitsgrad auf das Städtchen auszuweiten. Die Verwirklichung ihres Vorhabens wurde von Sekunde zu Sekunde unwahrscheinlicher.

Aber wenigstens redet er noch mit mir und verschwindet nicht sofort.

„Sie müssen Hunde lieben“, vermutete sie in dem zunehmend verzweifelten Versuch, seine solide Abwehr zu durchbrechen.

Er antwortete nicht. Seine Brust hob sich, als er tief einatmete. Ungeduldig strich er sich durch das dichte dunkle Haar. „Was wollen Sie von mir?“

Ihr Blick folgte seiner Handbewegung. Sie fühlte sich geradezu überwältigt, als ihr klar wurde, was sie eigentlich von ihm wollte.

Entschieden kämpfte sie gegen den Augenblick der Schwäche an. „Ihr plötzlicher Ruhm kann sehr nützlich für diese Stadt sein“, erklärte sie, während sie vergeblich versuchte, sich nicht auszumalen, wie sich sein Haar anfühlen mochte.

„Ob es mir gefällt oder nicht?“, warf Sullivan trocken ein.

„Was wäre daran so schlimm? Ein paar Interviews mit sorgfältig ausgewählten Quellen. Es würde nur einen winzigen Teil Ihrer Zeit beanspruchen“, drängte sie.

Seine Ungeduld verstärkte sich, Verärgerung gesellte sich dazu. Doch es tat seiner Attraktivität keinen Abbruch.

Trotzdem versuchte Sarah, sich auf die Tatsache zu konzentrieren, dass er immer noch in ihrem Garten stand und ihr eine Chance gab. Sobald sie ihm erst einmal alles erklärt hatte, konnte er sicherlich nicht mehr anders, als sie zu unterstützen.

„Wissen Sie, was das Sommerfest ist?“, fragte sie.

„Nein. Aber es klingt ziemlich widerlich.“

Sie spürte ihre Zuversicht schwinden und verbarg es, indem sie ihn finster anstarrte. Vermutlich war seine zynische Haltung nur eine vorgetäuschte Ablehnung aus Trotz. Wer konnte schon ernsthaft etwas gegen den Sommer einzuwenden haben? Oder gegen ein Fest?

„Es ist ein Festival an den ersten vier Tagen im Juli. Es beginnt mit einer Parade und endet mit dem Feuerwerk zum 4. Juli. Früher wurde damit die Sommersaison hier in Kettle Bend eingeläutet und der Ton für den ganzen Sommer angegeben.“

Sie wartete darauf, dass er sich erkundigte, was inzwischen daraus geworden war. Doch er zog nur gelangweilt eine Augenbraue hoch.

„Es wurde vor fünf Jahren gestrichen. Die Abschaffung ist nur eines der Dinge, die dazu geführt haben, dass Kettle Bend in Vergessenheit gerät und seine Lebendigkeit verliert – wie ein altes geliebtes Sofa, dessen Beug verschlissen ist und aufgepeppt werden muss. Es ist nicht mehr derselbe Ort, den ich als Kind immer besucht habe.“

„Besucht?“

Es ärgerte sie, dass er überhaupt kein Interesse an ihren Plänen zeigte, sich aber sofort auf dieses eine Wort einschoss.

„Dann sind Sie als auch keine Einheimische?“

Auch keine. Eine Gemeinsamkeit zwischen uns. Bau darauf auf. „Nein. Ich bin in New York aufgewachsen. Aber meine Mutter stammte von hier. Ich habe die Sommer hier verbracht. Und woher kommen Sie? Was hat Sie hierhergeführt?“

„Vorübergehende geistige Umnachtung“, murmelte Sullivan.

Um ihn zu ermutigen, mehr von sich preiszugeben, verkündete sie: „Das ist das Haus meiner Großmutter. Sie hat es mir hinterlassen, als sie gestorben ist. Zusammen mit ihrem Marmeladengeschäft. Jelly Jeans und Jammies. Vielleicht haben Sie schon mal davon gehört? Es ist sehr beliebt in der Stadt.“

Mit angehaltenem Atem wartete Sarah auf seine Reaktion. Sein Anflug von Interesse an ihrer Person hatte sie ein wenig hoffen lassen, dass er doch an ihrem Vorhaben interessiert sein könnte. Doch nun zweifelte sie daran. Er war es gewöhnt, alles Mögliche über andere herauszufinden, aber nichts von sich selbst zu enthüllen.

„Hören Sie, Miss McDougall …“

Dass er sie nicht beim Vornamen nannte, zeigte, wie sehr ihm daran gelegen war, in jeder erdenklichen Hinsicht Distanz zu wahren.

„… auch wenn das alles in keinerlei Weise mit mir zu tun hat, möchte ich Sie darauf hinweisen, dass einem Erwachsenen nichts genau so erscheint wie einem Kind.“

Wie schaffte er es nur, sie mit einem einzigen Satz als so hoffnungslos naiv hinzustellen? Als würde sie einem unmöglichen Traum nachjagen … Hatte er denn recht?

Zum Teufel mit ihm! Das ist typisch für Männer mit übersteigertem Selbstbewusstsein und Zynismus. Sie bringen andere dazu, an sich selbst, an ihren Hoffnungen und Träumen zu zweifeln.

Nun, sie legte ihre Hoffnungen und Träume nicht mehr in die Hände eines Mannes. Diesen Fehler hatte sie bei Michael Talbot begangen und daraus gelernt.

Als das Gerücht von ihrem Verlobten, dem Chefredakteur von Today’s Baby, und einer charmanten freien Mitarbeiterin namens Trina aufgekommen war, hatte Sarah es nicht wahrhaben wollen. Bis sie zufällig in einem Café auf die beiden gestoßen war und deren vertraulicher Umgang miteinander den Glauben an eine rein berufliche Beziehung zunichte gemacht hatte.

Ihre Träume von einem hübschen kleinen Häuschen voll eigener Kinder waren jäh geplatzt.

Nun hatte sie einen Ersatztraum – die Wiederbelebung einer Stadt. „Aber es hat sehr wohl etwas mit Ihnen zu tun“, widersprach sie.

„Ich wüsste nicht, inwiefern.“

„Weil mir die Organisation für das Sommerfest übertragen wurde. Ich habe die Chance, es wieder aufleben zu lassen und zu beweisen, wie gut es dieser Stadt tut.“

„Nun dann, viel Glück damit.“

„Ich habe kein Budget für Werbung. Aber ich wette, dass Ihr Telefon nicht mehr stillsteht, seit der Videoclip von der Rettungsaktion in den nationalen Nachrichten gezeigt wurde. Sie sind zu sämtlichen Fernsehmagazinen eingeladen worden, oder etwa nicht?“

Sullivan verschränkte die Arme vor der breiten Brust und musterte Sarah mit zusammengekniffenen Augen.

„Bestimmt wollen alle Sender Interviews mit Ihnen“, vermutete sie. Denn sie war sicherlich nicht die Einzige, die erkannt hatte, dass dieser Mann und der Hund äußerst medientauglich waren.

Trocken erwiderte er: „Es wird Sie freuen zu hören, dass ich deren Anrufe auch nicht beantworte.“

„Das freut mich überhaupt nicht. Wenn Sie doch bloß ein paar Interviews geben und dabei die Stadt und das Sommerfest anführen könnten! Sie bräuchten nur zu erwähnen, wie wundervoll es in Kettle Bend ist, und die Zuschauer für Anfang Juli einladen. Sie könnten anmerken, dass Sie als Ehrengast bei der Parade auftreten werden.“

„Ich als Ehrengast?“, hakte er konsterniert nach.

Überrascht registrierte sie, dass er nicht kategorisch ablehnte.

Auch ihm fiel es offensichtlich auf, denn bevor sie sich weiter äußern konnte, sagte er tonlos: „Nein.“

Sie sprudelte hervor, als hätte sie ihn nicht gehört: „Ohne Werbebudget kann ich unmöglich Millionen von Menschen erreichen. Aber Sie haben sehr wohl die Möglichkeit dazu, Oli… Mister … Officer Sullivan. Sie könnten ganz allein das Sommerfest zurück nach Kettle Bend bringen!“

„Nein“, wiederholte er, diesmal mit mehr Nachdruck.

„Ein Polizist in einer Kleinstadt hat mehr Aufgaben, als die arme alte Henrietta Delafield wegen Diebstahls eines Lippenstifts im Drogeriemarkt zu verhaften. Musste das unbedingt sein?“

„Der Tatort“, murmelte er in betretenem Ton, „erinnerte mich eben an den Drogenmarkt in meinem alten Viertel in Detroit.“

Obwohl seine Miene steinern blieb, gestattete Sarah sich einen winzigen Anflug von Hoffnung. Er besaß Sinn für Humor! Und er gab endlich etwas über sich selbst preis. Trotz seiner harten Schale begann er, sich Gedanken um seine neue Heimat zu machen. Sie strahlte ihn an.

Er wich vor ihr zurück. „Ich werde darüber nachdenken“, sagte er mit unverhohlener Unaufrichtigkeit.

Sie spürte, dass er sich ihr entzog. Die ganze Zeit, während sie ihn mit ihren telefonischen Nachrichten bombardiert hatte, war sie überzeugt gewesen, dass er ihr unbedingt helfen wollte, sobald er von ihrer brillanten Idee erfuhr und begriff, wie gut ihr Vorhaben der Stadt tun würde.

„Es bleibt keine Zeit zum Nachdenken“, entgegnete sie. „Sie sind momentan ein heißes Thema. Officer Sullivan, ich bitte Sie inständig.“

„Ich bin nicht gern impulsiv.“

Sie schloss aus seinem abweisenden Tonfall, dass es ihn ärgerte, ein heißes Thema zu sein, und dass ihr Flehen ihn völlig kalt ließ. „Aber Sie sind in den Fluss gesprungen, um den Hund zu retten. Wenn das nicht impulsiv war!“

„Das war eine momentane Verirrung“, entgegnete er. „Ich habe gesagt, dass ich es mir überlege.“

„Das heißt mit anderen Worten Nein“, stellte Sarah niedergeschlagen fest.

„Okay, dann also Nein.“

Etwas an seiner starren Körperhaltung, an den zusammengepressten Lippen, an dem Ausdruck in seinen Augen verriet, dass er endgültig entschlossen war. Er wollte nicht einmal darüber nachdenken. Sie konnte sich den Mund fusselig reden, tausend Nachrichten auf seinen Anrufbeantworter sprechen, noch einmal zu seinem Vorgesetzten gehen. Nichts davon konnte etwas an seiner Einstellung ändern.

„Entschuldigen Sie mich“, sagte sie schroff. Sie bückte sich nach dem Rhabarber, als könnte er eine Art Schutzschild bieten, und zwängte sich an Sullivan vorbei. Dann stürmte sie zur Hintertür ihres Hauses, bevor sie das Undenkbare tat.

Sie weinte prinzipiell nicht in Gegenwart eines derart hartherzigen Mannes.

Ein flüchtiger Blick zurück ließ sie vermuten, dass ihre Enttäuschung offensichtlich für ihn war. „Sie sollten mal unser Wild Jelly probieren!“, rief sie ihm über die Schulter zu. „Das ist ein Gelee aus Wildäpfeln. Meine Großmutter hat darauf geschworen – als Heilmittel gegen Missmut.“

Sie schlüpfte zur Hintertür hinein und ließ sie hinter sich zuknallen. Durch einen kleinen Flur erreichte sie die Küche.

Der würzige Geruch von Rhabarberkonfitüre schlug ihr entgegen. Sämtliche Abstellflächen im ganzen Raum waren von Einweckgläsern bedeckt.

Denn es war die Jahreszeit, in der ihre Großmutter immer ihre Marmelade mit dem klangvollen Namen Frühlingsaffäre produziert hatte, die frisch und übermütig machen, altes Herzeleid kurieren und neue Hoffnung bringen sollte.

Doch angesichts der Unterhaltung, die Sarah gerade geführt hatte, sowie der neuen Berge von Rhabarber, die es an diesem Tag zu verarbeiten galt, empfand sie nicht unbedingt Hoffnung. Und sie wollte ganz gewiss nicht daran denken, wozu Übermut bei der Begegnung mit einem Mann wie Sullivan führen konnte.

Sie sah sich in der Küche um. Da sie keinen Platz auf den Arbeitsflächen fand, ließ sie den Rhabarber auf den Fußboden fallen.

All das Gemüse sollte gewaschen, geschält, geschnitten und gekocht werden – zusammen mit höchst geheimen Zutaten in einem riesengroßen Topf. Dann mussten die Gläser mit Etiketten versehen und schließlich an all die treuen Kunden ihrer Großmutter ausgeliefert werden.

Allein bei dem Gedanken daran fühlte Sarah sich erschöpft. Ist das wirklich das Leben, das du dir wünschst?

Ihre Großmutter hatte dieses kleine Geschäft bis zu ihrem siebenundachtzigsten Lebensjahr betrieben und dabei nie überwältigt oder müde gewirkt.

Sarah machte sich bewusst, dass sie gerade an einem Tiefpunkt in ihrem Leben angekommen war.

Das ist das Problem, wenn ein Mann wie Oliver Sullivan unverhofft im Garten auftaucht. Es wirft die Frage auf, was man sich wirklich vom Leben wünscht. Es legt den Verdacht nahe, dass es eine Art von Einsamkeit gibt, die sich selbst durch noch so viel Aktivität oder Hingabe an eine Sache nicht vertreiben lässt.

Ärgerlich über sich selbst, stapfte Sarah zu dem Schränkchen, in dem sie ihr Telefonbuch aufbewahrte.

Er wollte ihr nicht helfen. Nun gut, wahrscheinlich war es besser so. Sie musste es von der positiven Seite aus betrachten. Ihr Leben hätte sich zu sehr mit seinem verheddert, wenn er eingewilligt hätte, seine derzeitige Berühmtheit zum Wohl der Stadt einzusetzen.

Ich kann es allein schaffen, sagte sie sich und wählte kurz entschlossen die Nummer eines lokalen Radiosenders.

Nach dem Telefonat fragte sie sich, warum sie Schuldgefühle verspürte. Schließlich war es nicht ihre Aufgabe, Officer Oliver Sullivan vor seiner eigenen Gemeinheit zu beschützen.

3. KAPITEL

„Also, Leute“, ertönte Sarahs Stimme munter aus dem Radio, „wenn ihr etwas Zeit erübrigen könnt und helfen wollt, das Sommerfest wieder aufleben zu lassen und zum Besten aller Zeiten zu machen, dann ruft mich an. Denkt daran, Kettle Bend braucht euch!“

Abrupt stellte Sullivan den Apparat ab.

Er lag völlig richtig mit seiner Einschätzung von Sarah McDougall: Sie brachte nichts als Ärger ein.

Diesmal war sie nicht zu seinem Vorgesetzten gegangen. Oh nein, sie wandte sich gleich an die ganze Stadt – als Überraschungsgast in der einzigen Radiosendung von Kettle Bend. Und sie verlor dabei keine Zeit. Sie tat es bereits einen Tag nach seinem Besuch in ihrem Garten.

Obwohl sie so harmlos aussah, warf sie ihn unverfroren den Wölfen zum Fraß vor, ohne mit der Wimper zu zucken. Der ganzen Umgebung erzählte sie von ihrer genialen Idee, das Sommerfestival zu promoten, und von seiner Weigerung, sie dabei zu unterstützen.

Dabei begriff sie nicht, dass es ihn überhaupt nicht kümmerte, wenn er als der Bösewicht der Stadt galt. Diese Rolle war ihm sogar lieber als diejenige, die Sarah ihn spielen lassen wollte.

Was er hingegen nicht begriff, war die Tatsache, dass sie ihm lange Zeit nicht aus dem Kopf gegangen war, nachdem er ihr Grundstück am Vortag verlassen hatte.

Wenn er nicht sehr irrte, hatten Tränen in ihren Augen gefunkelt, als sie an ihm vorbei ins Haus gestürmt war.

Eigentlich hätte sie bei ihrer Suche nach einem Helden wissen müssen, dass er eine schlechte Wahl war und sich nicht so leicht erweichen ließ. In seinem Beruf hatte er zu viele Tränen gesehen.

Wenn man sein Herz nicht verhärtet, ertrinkt man im Sumpf der Tragödien anderer Leute.

Er hatte Sarah wehtun müssen. Es war die einzige Chance, jemanden wie sie abzuwimmeln. Trotzdem musste er sich zwingen, Zorn zu empfinden, als er sie im Radio so schlecht über ihn reden hörte. Er gestand es nur ungern ein, aber ihre melodiöse Stimme erregte etwas ganz anderes in ihm. Eine vage Sehnsucht.

Dieselbe Sehnsucht, die in ihm erwacht war, als er ihre behagliche Veranda gesehen und die Düfte aus ihrer Küche gerochen hatte. Was war das?

Sehnsucht nach Ruhe.

Unsinn! Er war ein Cop in einem winzigen beschaulichen Städtchen. Wie viel mehr Ruhe konnte er sich noch wünschen?

Außerdem waren Beziehungen seiner Meinung nach alles andere als geruhsam. Im Gegenteil, sie bedeuteten Höhen und Tiefen, Gewinne und Verluste.

Sullivan war einmal verheiratet gewesen, für kurze Zeit. Die Ehe hatte die aufreibenden Anforderungen in seinem ersten Jahr bei der Mordkommission nicht überlebt.

Die Einberufung zu einem Einsatz während der Hochzeit seiner Schwägerin hatte das endgültige Aus bedeutet. Bei seiner Heimkehr hatte er die Wohnung halb leer vorgefunden. Alle Sachen seiner Frau und die meisten seiner eigenen Habseligkeiten waren verschwunden.

Was hatte er in diesem Moment empfunden?

Erleichterung.

Das Gefühl, dass er sich nun – endlich – zu hundert Prozent seiner Karriere widmen konnte, die für ihn mehr als bloß ein Job bedeutete. Er war geradezu besessen davon, Verbrecher aufzuspüren. Für ihn war es keine normale Arbeit mit Stechuhr und Gehaltsscheck, sondern eine Lebensaufgabe.

Unverhofft kam ihm in den Sinn, dass es die kleine Querulantin Sarah war, die ihn dazu brachte, über Beziehungen nachzudenken.

Er atmete auf, als das Telefon klingelte. Denn nun musste er nicht länger grübeln, was diese Tatsache zu bedeuten hatte und ob er sich Sorgen darüber machen sollte.

Außerdem war seine Disziplin legendär, ebenso wie sein Einsiedlerleben, und er weigerte sich, an Sarah McDougall im Zusammenhang mit Bindungen zu denken.

Er prüfte das Display. Sein Vorgesetzter.

Das hat ja nicht lange gedauert. Sullivan spielte mit dem Gedanken, das Gespräch nicht anzunehmen. Aber was nützte es ihm, das Unausweichliche hinauszuzögern?

Er hielt sich das Telefon vom Ohr ab, weil der Polizeichef sein Missfallen mit markerschütternder Lautstärke kundtat.

„Ja, Sir, ich werde sämtliche Streifenwagen reinigen … Verstanden. Ich bin für Henrietta Delafield zuständig. Jedes Mal. Ja, Sir.“ Er lauschte eine Weile. „Sie werden mich sicherlich anrufen, falls Ihnen noch etwas einfällt. Ich freue mich darauf … Nein, Sir. Ich bin nicht sarkastisch … Für die Reinigung der Ausnüchterungszelle bin ich ebenfalls verantwortlich. Jawohl. Verstanden.“

Sullivan schaffte es, das Gespräch zu beenden, bevor seinem Vorgesetzten noch weitere Dinge einfielen, die ihm das Leben schwermachen sollten.

Er stieg aus dem Wagen. Durch die offene Tür von Dellas Haus, das Sarahs auf geradezu unheimliche Weise ähnelte, hörte er seine beiden Neffen herumtoben. Er stieg die Stufen hinauf und zog an der Tür.

Unverschlossen!

Er trat ein und stieg über einen umgekippten Wäschekorb und ein Plastikdreirad. Seine Schwester hatte früher einmal an Ordnungssucht gelitten, die ebenso wie seine Kontrollsucht durch den traumatischen Tod ihrer Eltern ausgelöst worden war.

So gesehen war das Durcheinander eine gute Sache. Er freute sich für sie, dass sie trotz allem nach vorn blicken und ein normales Leben führen konnte.

Er fand sie in der Küche. Die beiden Jungen stürmten an ihm vorbei. Der vierjährige Jet rannte kichernd voraus, während der achtzehn Monate alte Ralf ihm nachsetzte und vergeblich versuchte, sich seinen Teddybären zurückzuerobern.

Della zuckte zusammen, als sie sich von einem dampfenden Keksblech frisch aus dem Ofen umdrehte und Sullivan im Türrahmen stehen sah. „Du hast mich erschreckt.“

„Du hast gesagt, dass ich um fünf zum Essen kommen soll.“

„Ich habe die Zeit ganz übersehen.“

„Du kannst von Glück sagen, dass ich es bloß bin. Du solltest die Haustür verschließen.“

Sie warf ihm einen Blick zu, der deutlich zu verstehen gab, dass sie die verdammte Radiosendung verfolgt hatte und seine brüderliche Fürsorge keineswegs zu schätzen wusste.

Vorwurfsvoll erklärte sie: „Sarah McDougall will nichts weiter als der Stadt helfen.“

Jet rannte vorbei, das Kuscheltier hoch über den Kopf gehalten. Sullivan schnappte es sich und gab es Ralf. Zum Glück sank der Lärmpegel augenblicklich, sodass keine permanente Beschädigung des menschlichen Ohres mehr zu befürchten war.

Sullivans Blick fiel auf eine Klarsichttüte mit Schokokeksen auf dem Küchenschrank. „Sind die für mich?“, fragte er hoffnungsvoll, weil er ihre Backwaren sehr zu schätzen wusste und um ihr zu verstehen zu geben, dass er nicht über Sarah McDougall reden wollte.

„Nein, diesmal nicht“, entgegnete sie schroff.

„Komm schon, Della. Der Boss straft mich schon zur Genüge“, stöhnte er.

„Womit denn?“, fragte sie skeptisch.

„Sagen wir einfach mal, dass es künftig sehr viel Unrat für mich zu beseitigen gibt.“

„Das muss ich Tag für Tag tun.“ Unbeeindruckt räumte sie die Kekstüte fort. „Die stifte ich lieber für die Marktbude zugunsten des Sommerfests.“

„Stell dich nicht so an, Della.“

„Stell du dich nicht so an. Kettle Bend ist dein neues Zuhause. Sarah hat recht. Diese Stadt braucht Zuwendung. Leute, die sich um Dinge kümmern. Alle sind so selbstsüchtig und denken nur an sich. Die Umwelt ist ihnen gleichgültig. Was ist aus Kennedys Motto geworden? Frag nicht, was dein Land für dich tun kann – frag, was du für dein Land tun kannst.

„Wir reden über ein Sommerfest, nicht über die Zukunft unserer Nation“, entgegnete er, aber er spürte einen Anflug von Unbehagen. War das etwa Schuldgefühl?

„Wir reden über eine Grundeinstellung. Veränderungen fangen im Kleinen an. Jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt.“

Seine Schwester redete oft geschwollen daher, seit sie Kinder hatte und meinte, sie zu guten Weltbürgern erziehen zu müssen.

Sullivan beobachtete, wie Jet mit Engelszungen sprach, um sich das Vertrauen seines Bruders zu erschleichen und ihm den Teddybären wieder abzuknöpfen. Offensichtlich hatte Della noch einen weiten Weg vor sich.

„Warum um Himmels willen weigerst du dich, ein paar Interviews zu geben, obwohl es der Stadt helfen würde?“, wollte sie wissen.

„Ich bin nicht überzeugt davon, dass vier Tage Sommerspaß der Stadt helfen“, erklärte er geduldig. „Ich bin zwar noch nicht lange hier, aber ich denke, dass Kettle Bend vielmehr Arbeitsplätze braucht.“

„Das Sommerfest ist zumindest ein Anfang“, beharrte sie trotzig. „Es wird Leute anlocken und Geld einbringen.“

„Vorübergehend.“

„Immer noch besser als gar nichts. Und wenn eine Person eine Idee verwirklicht, bringt es vielleicht andere Leute dazu, ebenfalls zu handeln.“

Er dachte über ihre Worte und ihre ernste Miene nach. Hatte er zu voreilig abgelehnt? Dass sein Vorgesetzter ihn zur Rechenschaft zog, änderte kein bisschen an seiner Einstellung. Doch die Missbilligung seiner Schwester übte eine gewisse Wirkung aus.

Es war der falsche Augenblick, um sich an die Tränen in Sarah McDougalls verblüffenden funkelnden Augen zu erinnern. Doch genau daran dachte er.

„Ich habe nicht gern mit der Presse zu tun“, erklärte er schließlich. „Die Reporter schaffen es immer, einem das Wort im Mund umzudrehen. Nach dem Fall Algard möchte ich am liebsten nie wieder ein Interview geben.“

Della verzog das Gesicht, als sie an die Vorkommnisse erinnert wurde, die zu Sullivans Ende als Detective geführt hatten – und vielleicht auch als einfühlsames menschliches Wesen.

Zu einem anderen Zeitpunkt hätte er ihr Mitgefühl vielleicht ausgenutzt, um doch noch in den Besitz des Gebäcks zu kommen. Doch plötzlich stand diese Finsternis zwischen ihnen, in der er gelebt hatte, die ihn von ihrer Welt der Kekse und des Kinderlachens trennte.

Zu Beginn hatten sie das Dunkel gemeinsam durchlebt. Als ihre Eltern aufgrund einer fatalen Verwechslung ermordet worden waren.

Della war diejenige, die zusammengehalten hatte, was von ihrer Familie übrig geblieben war – sie selbst und er. Ihr war es zu verdanken, dass er nicht auf die schiefe Bahn geraten war.

Erst später, nach seinem Schulabschluss, war sie aus ihrem früheren Leben geflohen – aus der Großstadt mit den grausamen Gewalttaten, die Menschenleben kosteten.

Er dagegen hatte sich kopfüber in den kriminellen Sumpf gestürzt.

„Wie könnten die Reporter denn verdrehen, was du über die Rettung eines Hundes zu sagen hast?“, konterte sie, doch ihre Stimme klang nun sanfter.

„Ich kann mich nicht gut präsentieren. Ich komme kalt und herzlos rüber.“

„Das stimmt nicht“, widersprach sie, doch es klang nicht wirklich überzeugt.

„Es wird bekannt werden, dass ich Hunde überhaupt nicht mag.“

„Dann kommst du als ein egoistischer Typ rüber, dem nur an sich selbst was liegt.“

„Kolossal“, stimmte Sullivan zu.

„Einhundert Prozent Mann.“

Sie lachten beide. Bei ihr klang es widerstrebend, aber doch ein wenig versöhnlich. Trotzdem holte sie die Kekse nicht aus dem Schrank. Insgeheim wettete er mit sich selbst, dass er ihr die Backwaren entlocken würde, bevor er sich verabschiedete.

Hätte sich Sarah, die Querulantin, nicht gewundert? Dass ich charmant sein kann, wenn ich will?

Schon wieder dachte er an sie! Das gefiel ihm kein bisschen.

„Du solltest es dir noch mal überlegen“, drängte Della.

Ihn kam in den Sinn, dass es ihn bloß ein paar unbehagliche Minuten kostete, sich mit der Presse abzugeben. Dagegen hatte er sehr viel länger zu leiden, wenn es ihm nicht gelang, sich mit seiner Schwester und seinem Boss zu versöhnen.

Sie ließ ihm etwa zehn Sekunden Zeit, um darüber nachzudenken, bevor sie erklärte: „Ich denke, dass du Ja sagen solltest.“

„Um der Stadt willen?“, murmelte er ein wenig säuerlich.

„Auch um deinetwillen.“

Etwas an ihr forderte ihn stets heraus, ein besserer Mensch zu sein. Und dazu kam, dass sie die ganze Wahrheit kannte. Er hätte alles für sie getan. Doch sie nutzte es nie aus. Sie bat ihn selten um etwas.

Sullivan seufzte schwer. Er fühlte sich in eine Richtung gedrängt, die er ganz und gar nicht einschlagen wollte.

Das Telefon hätte nicht zu einem schlechteren Zeitpunkt klingeln können.

Sarah füllte gerade Rhabarberkonfitüre ab. Die klebrige Masse lief außen an den Gläsern hinunter und ruinierte die Etiketten; alles war mit Klecksen übersät, einschließlich ihrer Haare. Sie fühlte sich total erschöpft und fragte sich, wie ihre Großmutter das bloß geschafft hatte, ohne so ein Chaos anzurichten.

Seit dem Aufruf in der Radiosendung am Vortag klingelte das Telefon viel öfter als normalerweise. Trotzdem dachte Sarah jedes Mal dasselbe, seit sie nach Kettle Bend gekommen war.

Sie hoffte, dass es Mike war. Dass er sie um Verzeihung bitten wollte. Dass er sie anflehte, zu ihm zurückzukommen. Es hätte ein gutes Stück dazu beigetragen, ihren Kummer zu lindern.

„Ich kann es nicht erwarten, Nein zu sagen“, murmelte sie vor sich hin, während sie sich die Hände abwischte und zum Telefon griff.

„Miss McDougall?“

Es war eindeutig nicht ihr treuloser Exverlobter. Sie leckte sich einen Klecks vom Handgelenk. Ihr Herz pochte ungewöhnlich schnell.

Die Marmelade erschien ihr eine Spur zu herb. Genau wie er.

„Oliver?“ Sie benutzte seinen Vornamen vorsätzlich, um ihn zu ärgern. Zweifellos rief er nicht freiwillig an. Sicherlich zwang ihn sein Bekanntheitsgrad, der als Resultat der Radiosendung drastisch gestiegen war, zu diesem Schritt.

Sie genoss das Gefühl, die Oberhand zu haben. Aber ihr gefiel auch der Klang seines Rufnamens, schon seit sie ihn zum ersten Mal in dem Video im Internet gehört hatte.

Sein Schweigen bereitete ihr Genugtuung. Dann brach das Schreien eines Babys die Stille. Für einen Moment zog sie verblüfft in Betracht, dass Oliver Sullivan verheiratet sein könnte. Sie hatte keinen Ring an seinem Finger gesehen, aber das musste nichts heißen. Vor allem, wenn es von Berufs wegen gefährlich sein könnte, Schmuck zu tragen.

Verblüfft registrierte Sarah, dass ihr Herz sank. Warum enttäuschte es sie, dass er verheiratet war?

Nach einer Weile verkündete er: „Ich habe einen Notfall. Ich habe alles probiert, aber ich schaffe es einfach nicht, das Baby zu beruhigen.“

„W…welches Baby?“, stammelte sie. Es gelang ihm wieder einmal, sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Dabei hätte er sich eigentlich dem Druck der Öffentlichkeit beugen und sie darum bitten sollen, Interviews für ihn zu arrangieren.

„Mein Neffe Ralf. Meine Schwester hat Mitleid mit mir wegen meines Junggesellenstatus und …“

Junggesellenstatus. Wie dumm, dass dieses Wort die Sonne in ihrer Welt wieder aufgehen ließ! Deine Welt ist Marmelade und das Sommerfest, rief sie sich streng in Erinnerung.

„… lädt mich zum Essen ein, wenn ich freihabe. Aber gestern Abend hatte ihr Mann einen Autounfall auf dem Heimweg von der Arbeit. Ich will sie nicht im Krankenhaus anrufen, um ihr zu sagen, dass das Baby nicht aufhört zu schreien. Sie hat schon genug am Hals.“

Sarah verspürte einen Anflug von Genugtuung. Sie hatte genau gewusst, dass sich hinter der kalten Fassade, die er seinen Mitmenschen präsentierte, ein rücksichtsvolles Wesen verbarg. Ein Mann, zu dem es passte, einen Hund zu retten. Der seine Schwester vor weiteren Ängsten verschonte. „Wie geht es Ihrem Schwager?“

„Den Umständen entsprechend ganz gut. Die Verletzung ist nicht lebensbedrohlich. Nur ein komplizierter Bruch. Aber er muss operiert werden und sie will Jonathon vorerst nicht allein lassen.“

Er würde genauso hingebungsvoll handeln, dachte Sarah. Falls er jemals gestattete, dass etwas oder jemand seine Abwehr durchbrach. Was ihr undenkbar vorkam. Doch auch einen Hilferuf wie diesen hätte sie für unwahrscheinlich gehalten.

„Und deshalb sitze ich in der Klemme. Jet, komm da runter! Mit einem Vierjährigen, der an der Gardine hochklettert und sich an die Stange hängt, und mit einem Baby, das nicht aufhört zu weinen. Und ich weiß nicht, an wen ich mich wenden soll.“

Zu ihrer Überraschung klang seine Stimme ein wenig panisch. „Und warum rufen Sie mich an?“

Im Geist hörte sie ihn antworten: Ich habe etwas in Ihrem Gesicht gesehen, das ich nicht vergessen kann. Sie sind genau die Frau, mit der ein Mann sich Kinder wünscht. Wissen Sie eigentlich, wie schön Ihre sanften Augen sind?

„Als ich neulich bei Ihnen vorbeigekommen bin, stand Ihre Haustür offen“, erklärte Sullivan. „Ich habe die Titelblätter von Today’s Baby an Ihrer Wand gesehen. Deshalb dachte ich mir, dass Sie eine Art Expertin für Babys sein müssen. Obwohl Ralf eigentlich kein Baby mehr ist. Er ist schon achtzehn Monate alt.“

„Oh.“

„Außerdem dachte ich mir, dass ich Ihnen gegenüber in einer guten Verhandlungsposition bin.“

„Inwiefern?“

„Sie wollen, dass ich Interviews gebe. Sie sind Expertin für Babys. Vielleicht können wir einen Deal aushandeln.“

Es war nicht gerade eine inständige Bitte, aber trotzdem eine Art Kapitulation. Doch seine Begründung für den Anruf lag ihrer Wunschvorstellung so fern, dass Sarah unwillkürlich lachte. „Ich muss Sie warnen. Meine Kenntnisse über Babys sind rein theoretisch.“ Leider.

„Sie sind keine Expertin auf dem Gebiet?“

„Ich habe vier Jahre bei der Zeitschrift als Journalistin gearbeitet, frischgebackene Mütter interviewt und Ratgeber geschrieben.“ Sie kam sich vor wie bei einem Bewerbungsgespräch für einen Job. Noch dazu einen, den sie zu ihrer Verblüffung unbedingt haben wollte.

Vorsätzlich verschwieg sie ihm, wie viele dieser Artikel sich lediglich mit der Einrichtung von Kinderzimmern befassten, denn sie ging davon aus, dass er es als oberflächlich angesehen hätte. Ebenso wenig erwähnte sie, dass sie mindestens ein Dutzend Hausmittel gegen wunde Pos wusste, weil sie vermutete, dass er sofort aufgelegt hätte.

„Ging es in einem dieser Ratgeber um weinende Babys?“, erkundigte er sich.

Ich hatte recht. Seine Stimme klingt tatsächlich verzweifelt. Sie unterdrückte ein Kichern. Wie leicht kann ein winziges menschliches Wesen einen gestandenen Mann in die Knie zwingen! „In dutzenden davon.“

„Er schreit jetzt schon seit zwei Stunden.“

„Babys reagieren sehr empfindlich auf Anspannung“, erklärte sie.

„Meine?“, hakte er ungläubig nach.

„Möglicherweise hat der Tonfall seiner Mutter es verunsichert. Oder es liegt an der Veränderung im Tagesablauf, weil sie weggegangen ist und sein Daddy nicht nach Hause kommt. Es spürt, dass etwas nicht stimmt.“

„Sie sind tatsächlich eine Expertin! Können Sie einem armen Mann aushelfen, Sarah?“

Anstatt Genugtuung zu verspüren, weil sich das Blatt nun wendete und er sie um etwas bitten musste, konzentrierte sie sich auf einen ganz anderen Gesichtspunkt. Er nannte sie nicht länger Miss McDougall. Das Gefühl dahinzuschmelzen hätte ihr als Warnung dienen sollen. Aber zum Wohl der Stadt musste sie ihn auf sein Angebot festnageln, doch noch Interviews zu geben. „Was soll ich denn tun?“

„Herkommen.“

Plötzlich erschien es ihr wie ein Spiel mit dem Feuer. Mit ihm zu sprechen, machte sie glücklich, und das lag nicht nur daran, dass eine Übereinkunft, die der Stadt guttat, in greifbare Nähe rückte.

Fahr nicht hin, warnte eine innere Stimme. Gib ihm lieber Ratschläge am Telefon. Schütze dich vor der Dummheit, die dein Herz gerade begehen will.

Sarah erhaschte einen Blick auf ihr Gesicht im Spiegel. Ihre Wangen waren gerötet, ihre Augen leuchteten.

Wie bei einem Teenie, der den ersten Anruf von einem Jungen bekommt.

Sie musste an ihr neues Leben denken. An ihr neues Ich, das unabhängig war – und unempfänglich für die leidvollen Irrwege des Herzens. Sie hatte ihre Lektion gelernt.

Durch das Telefon dröhnte ein Krachen, gefolgt von lautem Geschrei.

„Was war das?“, fragte sie erschrocken.

„Die Wohnzimmergardine ist gerade runtergekommen. Mein Neffe Jet hat daran gehangen.“

„Ich bin gleich da.“

„Wirklich?“

„Ja.“

Sullivan nannte ihr die Adresse und schlug vor: „Bringen Sie etwas von der Marmelade mit, die laut Auskunft ihrer Großmutter gegen Missmut wirkt. Wild Jelly, richtig? Wenn sie jemals ganz dringend gebraucht wurde, dann jetzt.“

„Für Sie selbst oder für das Baby?“

„Für uns beide“, gestand er kläglich ein.

Fühl dich nicht gleich geschmeichelt, bloß weil er sich an alles erinnert, was du ihm erzählt hast.

„Können Sie sich beeilen?“

Wenn sie sich Zeit ließ, bot sich ihr die Chance, einen besseren zweiten Eindruck auf Oliver Sullivan zu machen. Sie konnte ihr Haar und ihr Make-up richten und sich etwas Schickes und Verführerisches anziehen. Aber das Baby, das im Hintergrund mit heiserer Stimme verzweifelt schrie, verlieh der Lage eine gewisse Dringlichkeit.

Außerdem wollte Sarah dem Drang, attraktiv auf Sullivan zu wirken, nicht nachgeben. Die Situation, die ihr bevorstand, war gefährlich genug, auch ohne dass gegenseitige Anziehungskraft zu weiteren Verwicklungen führte.

Fünf Minuten später verschloss sie ihre Haustür und zwang sich, nicht näher darüber nachzudenken, warum sie so glücklich darüber war, der klebrigen Marmelade zu entkommen.

4. KAPITEL

Nach kurzer Fahrt erreichte Sarah einen bezaubernden kleinen Bungalow, der ihrem eigenen zumindest äußerlich ähnelte.

Als Sullivan ihr öffnete, merkte sie, dass es so gut wie unmöglich war, diese gewisse Verwicklung namens Anziehungskraft im Zaum zu halten.

Der Mann war einfach umwerfend.

Vor einigen Tagen hatte er sich eisig-distanziert gegeben. Nun wirkte er ebenso fesselnd wie in dem Videoclip mit dem Welpen.

Sein schokoladebraunes Haar war zerzaust, sein markantes Gesicht von Bartstoppeln überschattet. Aus seinen dunklen Augen sprachen Erschöpfung und eine betörende Verletzlichkeit. Auf seinem Hemd waren Tränenspuren zu sehen. Und in seinen Armen lag ein Säugling.

Ein verzweifeltes Kleinkind sicherlich, und doch wirkte der Kontrast zwischen starkem Mann und hilflosem Kind atemberaubend. Sein muskulöser Arm war um den Po des Babys geschlungen und drückte es fest an seine breite Brust.

So erschöpft er auch sein mochte, seine Haltung bewies, dass dieses verletzliche bedürftige Wesen bei ihm in Sicherheit war. Nichts konnte dem Baby zustoßen, solange er darüber wachte.

Ein kleiner Junge zwängte sich zwischen Sullivans Beine und lehnte sich gegen die Fliegentür. Als sie nachgab, stieß er einen kleinen Schrei der Befreiung aus. Doch seine Freude war kurzlebig, denn schon wurde er am Kragen gepackt und ins Haus zurückgezogen. Auch ihm konnte nichts zustoßen, solange sein Onkel Wache hielt.

Wie ein aufgezogenes Spielzeug, das gegen ein Hindernis stößt, wechselte der kleine Junge abrupt die Richtung und verschwand im Flur.

„Kommen Sie herein!“, rief Sullivan mit erhobener Stimme, um das Geheul des Babys und das Geschrei des größeren Jungen aus den Tiefen des Hauses zu übertönen.

Sarah hatte geahnt, dass der Besuch bei ihm dem Betreten einer bisher unbekannten Gefahrenzone gleichkam. Nun bestätigte sich diese Befürchtung.

Er sah immer noch von Kopf bis Fuß wie ein Ritter aus – stark, kampfbereit, Ehrfurcht einflößend. Doch sie spürte, dass er drauf und dran war zu kapitulieren – vor Erschöpfung und weil er sich in einem Kampf der ganz anderen Art befand, gegen den er nicht gewappnet war.

Wovor kapitulieren? fragte sie sich. Verletzlich zu sein. Anziehungskraft auszustrahlen. Menschlich zu sein.

Lauf weg! drängte eine innere Stimme.

Aber davonlaufen war dumm, und Sarah wollte nicht dumm auf ihn wirken. Ein verräterischer Teil von ihr wollte für ihn ebenso attraktiv sein, wie er für sie war.

Vielleicht sollte sie die Situation als Prüfung ihrer Willenskraft ansehen. Als einen Test, wie entschlossen sie war, ihr Herz nur an etwas Lebloses zu hängen, das ihr nicht wehtun konnte – wie eine Stadt.

Sie holte tief Luft und ging durch die Tür. Ein brenzliger Geruch lag in der Luft. Als wäre der Teufel am Werk, um sie mit einem mächtigen Zaubertrank von dem Leben wegzulocken, das sie für sich selbst gewählt hatte.

Das Baby bildete einen Teil dieses Zaubers, obwohl es so kräftig schrie. Es drehte den Kopf zu ihr herum und musterte sie ernst. Sein Gesicht war fleckig vom Weinen, seine Stimme klang heiser und entrüstet.

„Hallo, Süßer“, flüsterte sie sanft.

Es verstummte mitten in einem Schrei, musterte sie überrascht und hoffnungsvoll und sagte unverhofft: „Mama.“

„Ich weiß. Du vermisst deine Mommy.“

Es steckte sich einen Daumen in den Mund und saugte heftig, nickte dann und zerquetschte noch ein paar Tränen, bevor es beide pummeligen Arme nach ihr ausstreckte.

Sullivan murmelte ein Wort vor sich hin, das nicht für Kinderohren gedacht war, und reichte ihr das Kind.

Sie ließ ihre Schultertasche zu Boden gleiten und nahm den überraschend schweren Säugling auf die Arme. Als ob der Anblick mit Sullivan und dem Kleinkind nicht gereicht hätte, steigerte nun der kleine warme Körper, der sich an ihre Brust kuschelte, das Gefühl der Schwäche in ihr.

„Er heißt Ralf.“ Weil er befürchtete, das Baby wieder zu beunruhigen, sprach er mit sehr leiser Stimme, die unbeabsichtigt sinnlich klang.

„Hallo, Ralf. Ich bin Sarah.“

„Will Mama.“

Sie stieg über ein umgekipptes Dreirad in ein Wohnzimmer, das verwüstet war. Die Gardinenstange war an einer Seite aus der Wand gerissen und hing schräg hinunter. Bücher waren aus Regalen gezerrt und überall verstreut worden. Ein Windelsack war umgekippt, sein Inhalt war auf den Fußboden ausgebreitet.

Sie schob ein Sammelsurium an Spielzeug von der Couch, setzte sich und bettete sich das Baby an eine Schulter. „Natürlich willst du deine Mama“, flüsterte sie beruhigend. „Sie kommt nach Hause, sobald sie kann.“ Sie wandte sich an Sullivan. „Nimmt er noch die Flasche?“

Verständnislos fragte er: „Was für eine Flasche?“

„Whiskey“, neckte sie kopfschüttelnd. „Schauen Sie im Kühlschrank nach, ob da Nuckelfläschchen drin sind.“

Einen Moment später rief er erleichtert: „Ja!“

„Wärmen Sie eins in der Mikrowelle für ein paar Sekunden auf und bringen Sie es her.“

Im Nu kam er wieder hereingestürmt. „Ich habe Ralf vorhin mit diesem scheußlichen Babybrei gefüttert. Ich wusste nicht, dass er noch Milch trinkt.“

„Haben Sie getestet, ob sie nicht zu heiß ist?“

Mit Leidensmiene – wie ein Ritter, der sich aufopfert, um zu tun, was getan werden muss – schickte er sich an zu kosten.

Belustigt erklärte Sarah: „Man prüft es am Puls.“

„Oh.“ Erleichtert drückte er sich ein paar Tropfen auf das Handgelenk, das eckig und kräftig war und ihr seine aufreizende Männlichkeit bewusst machte. „Ich wusste doch, dass Sie eine Expertin sind und genau wissen, was zu tun ist.“

Kopfschüttelnd nahm sie ihm das Fläschchen ab, bettete sich Ralf in die Armbeuge und hielt ihm den Sauger an den Mund.

Mit einem kummervollen Blick zu seinem Onkel und einem tiefen Seufzen schmiegte er sich an sie, schloss die Lippen um den Nippel und gab niedliche gurgelnde Geräusche von sich.

Wenige Sekunden später war er eingeschlafen.

Sullivan starrte Sarah an, als hätte sie den Ozean geteilt. „Ich kann es nicht glauben.“

„Er war so erschöpft, dass er so oder so eingeschlafen wäre.“

„Ich bin Ihnen was schuldig.“

„Das stimmt allerdings.“

Seine Dankbarkeit war äußerst kurzlebig. Er verschränkte die Arme vor seiner fleckigen Hemdbrust und verlagerte das Gewicht auf die Fersen. „Drei Interviews. Kein Auftritt als Ehrengast.“

„Ich hätte den Deal aushandeln sollen, solange Ralf noch geschrien hat“,

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