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BIANCA GOLD BAND 46

Ein Millionär und Märchenprinz

1. KAPITEL

„Mr. Ryder!“, rief Jane Dawson mit fester Stimme und hätte fast den Kopf geschüttelt. Kaum zu glauben, wie ruhig sie klang – und das trotz des mulmigen Gefühls in ihrem Bauch. Sie stand im Foyer des ultramodernen Konferenzzentrums von Cyberworx und lächelte den grauhaarigen Geschäftsmann freundlich an. „Ich würde gern mit Ihnen sprechen. Nur eine Minute. Falls Sie Zeit haben. Bitte!“

Bitte? Jane biss sich auf die Zunge.

Selbstbewusst hörte sich das ja nicht gerade an, aber schließlich war das hier Neuland für sie.

„Sie möchten mich sprechen? Chase Ryder?“ Er war Chef eines multinationalen Technologiekonzerns. Sein Vermögen wurde auf mehrere Millionen Dollar geschätzt.

Und er klang überrascht.

Natürlich. Leute wie Jane, die das College abgebrochen hatten und in einem – wenn auch angesagten – Coffeeshop arbeiteten, sprachen Menschen wie ihn nicht einfach an. Normalerweise hätte sie das auch nicht getan. Schon gar nicht an ihrem freien Tag. Aber als sie mitbekommen hatte, dass der Coffeeshop heute eine Veranstaltung hier bewirtete, hatte sie sich spontan gemeldet, um zu helfen. So eine Chance bekam sie schließlich nur einmal.

Eigentlich arbeitete sie gar nicht im Catering, und daher hatte es sie auch einige Überredungskunst gekostet, ihre Chefin Zoe davon zu überzeugen, sie für dieses Arbeitsfrühstück für dreißig Personen im Hauptquartier des Konzerns einzusetzen. Natürlich hatte Zoe sofort begriffen, dass Jane unbedingt mit Chase Ryder reden wollte. Gab es auf dieser Welt eine verständnisvollere Chefin als Zoe? Jane konnte sich das kaum vorstellen.

Und jetzt, da sie vor Ryder stand, brachte sie kein Wort heraus.

Benimm dich, als wüsstest du, was du tust! Und was du sagst. Und denk nach, bevor du den Mund aufmachst! Das war der Rat, den Zoe ihr gegeben hatte. Jane atmete tief durch und hob das Kinn. „Ja, das möchte ich, Mr. Ryder.“

Sein belustigtes Grinsen wurde noch breiter. Irgendwie erinnerte der Mann gar nicht an einen knallharten Geschäftsmann. „Ich unterhalte mich sehr gern mit Ihnen.“

Sie fühlte sich erleichtert. Gut, der erste Schritt war getan. Vielleicht würde der Rest ja ganz einfach werden? So optimistisch war sie seit Jahren nicht mehr gewesen.

„Aber leider bin ich nicht Chase Ryder“, fuhr er fort.

Was hatte er gerade gesagt? Sie traute ihren Ohren nicht.

Er war … nicht Chase Ryder?

Wie peinlich! Wie hatte ihr nur ein solcher Fehler unterlaufen können? Ally hatte ihr versichert, dass sie Cyberworx’ obersten Chef gar nicht verfehlen konnte. Groß und attraktiv sei er, und stets von einer Menge Leute umgeben. Wie dieser Mann hier.

Der musterte sie besorgt. „Alles in Ordnung?“

Nein, nichts war in Ordnung. Jane brauchte Chase Ryder. Sie brauchte … ein Wunder. Sonst würde die Benefizveranstaltung, die sie organisieren wollte, niemals stattfinden.

„Hallo?“

Wie immer Ryder auch reagiert, bleib bitte gelassen. Mach ja kein Drama draus! Das waren Zoes Worte gewesen. Jane rang sich ein Lächeln ab. Genau, sie musste gelassen bleiben! Sie durfte weder ihren Job im Coffeeshop noch zukünftige Catering-Aufträge gefährden.

„Entschuldigung“, sagte sie. „Danke für Ihre Zeit.“

„Nein, ich danke Ihnen.“ Der Mann schmunzelte. „Dass Sie mich für Chase gehalten haben, tut mir richtig gut.“

Verlegen sah Jane ihm nach, als er mit federnden Schritten davonschlenderte. Offensichtlich hatte sie sich das ein bisschen zu einfach vorgestellt. Ein Chase Ryder lief hier nicht einfach die Gänge entlang und ließ sich von jeder x-beliebigen Kellnerin ansprechen. Aber sie durfte jetzt nicht den Mut verlieren. Aufgeben kam nicht infrage. Sie musste es weiter versuchen.

Für Emma. Für die süße, vier Jahre alte Emma, die so gern mit Puppen spielte. Und die noch einige Monate lang behandelt werden musste, um wieder gesund zu werden. Vielleicht würde sie Chase Ryder ja doch noch finden. Es war erst zehn Uhr vormittags. Und wenn nicht, dann …

Dann könnte sie noch mehr Briefe schreiben und noch mehr telefonieren. Irgendwie würde sie schon noch Sponsoren für die Benefizveranstaltung auftreiben. Eine Benefizveranstaltung, die der einzige Weg war, um Emmas Mutter Michelle zu helfen, die immer höheren Arztrechnungen zu bezahlen. Irgendwie würde es ihr gelingen.

Wenn sie doch nur wüsste, wie!

Jane ging zum Büfett, um es abzuräumen. Die Gäste hatten Appetit gehabt. Auf den Platten waren höchstens noch ein Dutzend Muffins, Frühstückskuchen und Zimtschnecken übrig geblieben. Sie legte sie alle auf einen Teller und deckte ihn mit Alufolie ab. Auch die Schälchen mit Fruchtsalat waren alle weg, bis auf …

Oh nein.

Ein Schälchen war auf dem Fußboden gelandet. Melone, Weintrauben und Ananas schwammen zertreten und matschig in einer Pfütze. Die Reinigungskräfte von Cyberworx würden das Geschirr zwar abräumen und sauber machen, aber so konnte Jane ihnen den Raum nicht hinterlassen, also schnappte sie sich ein Tuch, ging in die Hocke und machte sich daran, die klebrige Masse aufzuwischen.

Was für ein gelungener Abschluss eines erfolglosen Morgens! Sie griff nach einer zermatschten Erdbeere. Viel schlimmer konnte dieser Tag nicht werden.

„Entschuldigung“, sagte eine Männerstimme über ihr.

Janes Blick fiel auf schwarze Laufschuhe, die dringend neue Schnürsenkel brauchten, aber bequem aussahen. Genau wie die verwaschenen Jeans. Ihr Blick wanderte an den Waden hinauf, über die Knie und Oberschenkel bis …

Ihre Wangen wurden heiß.

„Sie wollten mich sprechen?“, fragte der Mann.

Was fiel ihr ein? Sie war hergekommen, um ein Frühstück auszurichten. Und um Chase Ryder um einen Gefallen zu bitten. Nicht, um ihm auf den Hosenschlitz zu starren.

Jane sprang auf. „Ich bin Ja…“

Sie schaute in sein Gesicht und verstummte sofort. Wow! Schon immer hatte es ihr gefallen, wenn ein Mann kantige Züge hatte. Aber in Kombination mit so vollen Lippen und tiefblauen, warmen Augen? Das war einfach … perfekt. Dazu noch diese blonden lockigen Haare, die den graublauen Hemdkragen unter dem dunkelblauen Sakko berührten … So gut konnte kein Mann aussehen. Irgendwo musste ein Makel sein.

Und dann entdeckte sie ihn – eine winzige, kaum sichtbare Narbe an der rechten Augenbraue. Doch die verunstaltete ihn nicht, sondern verlieh ihm eine sexy, fast ein wenig gefährliche Ausstrahlung. Unwillkürlich wich Jane zurück und stieß gegen den Tisch. Ihr Herz schlug schneller.

„Jay?“, fragte er nach.

„Jane.“ Ihre Stimme klang anders. Tiefer als sonst. Sie räusperte sich. „Jane Dawson.“

„Chase Ryder.“

Dieser Mann war Chase Ryder? Aber er war viel zu jung, viel zu … männlich. Wie ein Cowboy, der sich in das falsche Gebäude verirrt hatte. Breite Schultern, hochgewachsen. Mindestens einen Kopf größer als sie. Sie hatte sich ihre Begegnung mit Ryder wieder und wieder vorgestellt. Aber sie war nicht im Mindesten darauf eingestellt gewesen, so einem Mann zu begegnen. Okay, Mädchen, durchatmen, ermahnte sie sich. Und zwar sehr schnell durchatmen!

„Sie wollten mich sprechen?“, wiederholte er.

Sein melodisches Timbre ging ihr förmlich unter die Haut.

Reiß dich zusammen, dachte sie verzweifelt. Sie würde die Nerven behalten und erreichen, was sie sich vorgenommen hatte. Was machte es schon, dass er der attraktivste Mann war, den sie je gesehen hatte? Dass er einer der reichsten Männer des Landes war? Alles egal, jetzt ging es nur um die finanzielle Zukunft einer Not leidenden Familie. Da durfte sie sich nicht von so einer Kleinigkeit wie einem gut aussehenden … na ja, eher atemberaubenden Gesicht aus der Fassung bringen lassen.

„Ja“, brachte sie heraus und streckte die Hand aus, bis sie merkte, dass es diejenige war, in der sie das Tuch mit dem aufgewischten Fruchtsalat hielt. Hastig warf sie es auf den Tisch und wischte die Hand an der Schürze ab. „Das möchte ich.“

Ryder schaute auf seine Uhr. „Ich habe drei Minuten.“

Diese kleine, etwas ungeduldige Geste half Jane, sich wieder zu konzentrieren. Hatte sie für eine Sekunde etwa tatsächlich mehr in Chase Ryder gesehen als ein überdimensioniertes Scheckbuch? „Ich organisiere eine Benefizveranstaltung, um Spenden für eine Vierjährige zu sammeln. Das Mädchen hat Leukämie. Die Mutter ist mit ihrer Tochter allein. Sie arbeitet, ist aber nicht krankenversichert.“

Jane holte tief Luft. „Mr. Ryder, ich habe Ihrer Stiftung zwei Briefe geschrieben und am Telefon drei Nachrichten hinterlassen, aber nie eine Antwort bekommen. Ich weiß, dass Ihre Stiftung nichts mit Cyberworx zu tun hat, aber da ich schon mal hier bin, dachte ich mir, ich spare mir eine weitere Briefmarke und spreche Sie einfach direkt an.“

Sein Blick wanderte über ihre schwarze Hose, die weiße Bluse und die Schürze, bis Jane sich nervös eine Strähne zurück in den Pferdeschwanz schob.

„Und Sie sind hier wegen …“

„Des Frühstücks.“ Sie zeigte auf den Namen, der auf die Schürze gestickt war. „Ich … wir haben es geliefert. ‚The Hearth‘. Das ist ein Coffeeshop in der City. Wir haben auch eine Catering-Abteilung.“

„Ich weiß“, erwiderte er. „Ihre Firma arbeitet häufiger für uns, aber Sie kenne ich nicht.“

„Normalerweise arbeite ich im Coffeeshop, nicht im Catering. Heute ist aber eine Ausnahme.“ Sie befeuchtete sich die Lippen. „Meine Chefin hat gesagt, ich darf Sie mit meinem Anliegen ansprechen, solange ich Sie nicht belästige. Belästige ich Sie gerade, Mr. Ryder?“

Er lächelte. „Nennen Sie mich Chase. Und nein, Sie belästigen mich nicht.“

Gott sei Dank. Schade, dass sie das nicht von ihm behaupten konnte. Na gut, er belästigte sie nicht, er machte es ihr nur schwer, einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Natürlich war ihr klar, dass der Mann gar nicht so nett sein konnte, wie er aussah. Jemand, der so erfolgreich war, konnte einfach nicht nett sein. Trotzdem würde sie nachher im Coffeeshop einen Eiskaffee brauchen, um sich abzukühlen.

„Ich weiß, Sie sind viel beschäftigt, und die drei Minuten sind fast vorbei, aber ich würde Ihnen gern mehr Informationen über die Benefizveranstaltung schicken. Oder ich lade Sie zum Mittagessen ein, damit wir ausführlicher darüber reden können.“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Sie wollen mich zum Mittagessen einladen?“

Mittagessen? Hatte sie das wirklich gesagt? Das hatte sie wohl, und jetzt war es zu spät, einen Rückzieher zu machen. „Äh, also ganz unverbindlich im Coffeeshop, meine ich. Wir haben sehr leckere …“ Was? Sandwiches, Suppen und Salate waren vielleicht nicht sehr verlockend für einen Mann, der sich alles leisten konnte, was er wollte. Denk nach, befahl sie sich. „Panini nach toskanischer Art.“

Chase Ryder lächelte. „Sie setzen großes Vertrauen in Ihre Küche.“

Jedenfalls weit mehr als in sich selbst. Zoe würde sie umbringen. „Es ist mein eigenes Rezept.“

Ihre Blicke trafen sich, und Jane spürte ein leises Kribbeln am Rücken. Es war keineswegs unangenehm. „Wie wäre es mit halb zwei?“, fragte er.

„Heute?“

Er nickte, und eine Locke fiel ihm in die Stirn. Jane musste sich beherrschen, um sie nicht zurückzuschieben.

„Sehr … gern“, stammelte sie. Vorausgesetzt, ihr Puls normalisierte sich bis dahin wieder und sie konnte Zoe davon überzeugen, dass es im Hearth heute Mittag Panini nach toskanischer Art gab.

Bis zur nächsten Besprechung blieben Chase noch sieben Minuten. Auf dem Weg in sein Büro blieb er vor dem Schreibtisch seiner Assistentin stehen. Während Amanda ihr Telefonat beendete, nahm er die winzige Harke aus ihrem Miniatur-Zen-Garten.

Amanda, eine unglaublich jung aussehende Dreiundfünfzigjährige, lächelte nachsichtig. „Haben Sie nicht ein Konferenzgespräch mit Zürich?“

Er sah auf die Uhr. „In sechseinhalb Minuten.“

„Dann will ich Sie nicht aufhalten.“ Sie strich sich durch das kurze, rote Haar. „Was kann ich für Sie tun, Chef?“

Er zog Reihen in den Sand. „Sagen Sie alles ab, was nach dreizehn Uhr in meinem Terminkalender steht.“

Amanda runzelte die Stirn. „Heute?“

Er nickte.

„Ich wusste es.“

„Was?“

„Dass die Fusionsverhandlungen mit MRG einfach zu gut laufen. Ich habe es diese Woche sogar geschafft, Drew jeden Abend vom Fußballtraining abzuholen.“ Sie tippte etwas in den Computer. „Aber falls es ein Feuer zu löschen …“

„Kein Feuer“, unterbrach Chase sie. In ihrem Job musste Amanda rund um die Uhr einsatzbereit sein. „Es ist privat.“

„So privat wie ein Zahnarztbesuch oder die nächste Besteigung des Mount Hood?“, entgegnete sie. „Oder kann es sein, dass Sie ein Date haben?“

Er kratzte sich am Kinn. Amanda arbeitete seit neun Jahren für ihn und kannte ihren Chef besser als die meisten. Außerdem neigte sie dazu, ihn zu bemuttern. „Ich bin zum Mittagessen verabredet“, antwortete er ausweichend.

„Mit einer Frau.“

Es war keine Frage. „Ja, aber es ist nicht das, was Sie denken.“

Amanda grinste. „Woher wissen Sie, was ich denke?“

„Das Glitzern in Ihren Augen verrät Sie jedes Mal.“

„Genau das Glitzern möchte ich einmal auch in Ihren Augen sehen. Ich will doch nur, dass Sie glücklich sind.“

„Ich bin glücklich.“

„Sie brauchen eine Frau.“

Herrje, Amanda klang wie seine Mutter und seine Schwestern. Er war nirgends mehr sicher.

„In meinem Leben gibt es genug Frauen.“ Chase hatte alles, was er wollte. Er malte ein Herz in den Sand und strich es durch. „Nur weil Sie zum zweiten Mal den Richtigen gefunden haben, müssen wir anderen ja nicht auch gleich heiraten.“

„Ist sie hübsch?“

Er funkelte sie an und bereute, dass er ihr nicht per E-Mail mitgeteilt hatte, alle Termine für den Nachmittag abzusagen.

„Ich nehme an, sie ist hübsch“, antwortete er achselzuckend.

„Sie nehmen es an?“

Er dachte an Jane. „Sie hat braunes Haar und trägt eine rote Brille. An mehr kann ich mich nicht erinnern.“

Das war eine glatte Lüge. Aber ihre ausdrucksvollen Augen und die Art, wie sie sich die Lippen befeuchtete, erwähnte er lieber nicht. Es würde Amanda auf falsche Gedanken bringen. Und schließlich hatte Jane ihn nicht um ein Date gebeten, sondern um seine Hilfe. Bei einer Benefizveranstaltung. Es ging ihr nicht um ihn, sondern um sein Geld. „Fragen Sie P. J., was aus den Briefen einer Jane Dawson geworden ist. Sie hat keine Antwort von uns bekommen. Das ist nicht gerade die feine Art.“

„Mache ich, Chef.“

„Und versuchen Sie, es vor dreizehn Uhr herauszufinden.“

„Natürlich.“ Amanda schmunzelte. „Vergessen Sie nicht, Ihre Rüstung zu polieren.“

„Sehr komisch.“

„Sie retten gern junge Damen in Not.“

„Jane ist nicht in Not“, erklärte Chase. „Sie braucht Hilfe. Und …“

„Sie helfen gern.“

„Genau.“ Ein Lokalreporter hatte Chase mal den „Robin Hood von Rose City“ genannt, der den Armen nicht mit Pfeil und Bogen, sondern mit dem Füllfederhalter Wohltaten zukommen ließ. Seitdem machte Amanda sich über ihn lustig.

„Eine Frage noch. Welche Augenfarbe hat diese Jane Dawson?“

„Grün, glaube ich. Aber kein gewöhnliches Grün. Nicht wie ein Smaragd, sondern eher wie ein Peridot – wissen Sie, dieser leicht olivgrüne Kristall.“

„Interessant.“ Ein zufriedenes Lächeln umspielte Amandas Mund. „Dabei erinnern Sie sich doch nur an ihre Haarfarbe und die Brille.“

Auf frischer Tat ertappt. Wie so oft durchschaute Amanda ihn. Aber in diesem Fall täuschte sie sich. Er wollte Jane Dawson nur helfen – so wie sie offensichtlich anderen Menschen half. Ihre auffallend grünen Augen waren da nur eine kleine Annehmlichkeit am Rande. Eine Belohnung gewissermaßen. Außerdem wurde er nicht jeden Tag zum Mittagessen eingeladen. Zumindest nicht in den angesagtesten Coffeeshop von Portland, Oregon.

„Zurück an die Arbeit, sonst kürze ich Ihnen das Gehalt“, knurrte er und warf die Harke in den Sand.

„Ich werde nicht stundenweise bezahlt.“

„Stimmt, aber ich bin immer noch der Chef.“

Im Coffeeshop goss Ally Michaels aufgeschäumte fettarme Milch in die dampfende Tasse und stellte sie auf den Tresen.

„Großer Caffè Latte. Mit Vanillesirup. Fettarm.“ Der Gast nahm das heiße Getränk und setzte sich auf einen der vielen Sessel. Ally winkte ihre Kollegin Kendra herbei, um sich von ihr ablösen zu lassen. Dann wandte sie sich Jane zu. „Weißt du schon, was du zu ihm sagen wirst?“

„Ich dachte, ich fange mit einem lockeren Hallo an.“ Jane experimentierte gerade an drei verschiedenen Panini-Rezepten. Sie probierte das Pesto. Noch immer nicht richtig. Vielleicht noch ein paar Pinienkerne?

Hallo? Das ist kein guter Start.“ Ally spitzte die Lippen. „Er ist kein gewöhnlicher Gast. Er ist Chase Ryder.“

Sie sprach den Namen halb ehrfürchtig, halb sehnsüchtig aus, und leider konnte Jane sie gut verstehen. Immerzu musste sie an seine Augen, sein Lächeln, seine Stimme denken.

Und an die Lippen, die wie geschaffen waren für lange, zärtliche Küsse. Überall.

Hastig erteilte sie den Schmetterlingen in ihrem Bauch ein striktes Startverbot. Die gehorchten nicht und hoben trotzdem ab.

Das war ihr schon lange nicht mehr passiert. Auch nicht bei Mark Jeffreys, der mittlerweile ihr Exfreund war. Um ehrlich zu sein: Sie konnte sich nicht daran erinnern, ob sie jemals schon so ein flatterndes Gefühl gehabt hatte, wenn sie an einen Mann dachte.

Sie straffte nun die Schultern. „Chase Ryder ist auch nur ein Mensch.“

„Und Mozart war nur ein Klavierspieler“, entgegnete Ally. „Komm schon, Jane. Sag bloß, du findest Chase Ryder nicht attraktiv?“

„Mich interessiert aber nicht sein Aussehen, sondern sein Geld.“

„Ich kann noch immer nicht glauben, dass du ihn für einen alten Knacker gehalten hast.“

„Nach deiner Beschreibung …“

„Aber jeder weiß, wie Chase Ryder aussieht. Er ist einer der begehrtesten Junggesellen der Stadt.“ Ally wischte den Tresen ab. „Liest du denn die Klatschspalten nicht?“

„Dazu habe ich keine Zeit.“ Jane fuhr sich nervös durchs Haar.

Ally musterte sie. „Das Treffen nachher bedeutet dir viel, nicht wahr?“

Jane nickte nur.

„Vielleicht solltest du ein bisschen Make-up auflegen und etwas mit deinem Haar machen.“

„Sehe ich so abgearbeitet aus?“

„Nein, Jane. Du siehst frisch und natürlich aus, aber du musst Chase Ryder auf dich aufmerksam machen.“

„Wir werden zusammen essen. Ihm wird nichts anderes übrig bleiben, als mich zu bemerken.“

„Das meine ich nicht.“ Ally nahm eine Tube aus der Hosentasche. „Nimm wenigstens das hier.“

„Lipgloss? Mit Erdbeergeschmack?“

„Wer weiß, vielleicht küsst er dich zum Abschied.“ Ally zog eine Braue hoch. „Ein Mann mit solchen Lippen – das muss ein großartiger Küsser sein.“

„Es ist ein geschäftliches Treffen, kein …“

Vergiss es, dachte sie. Einen Männermagneten wie Ally davon zu überzeugen, dass sie Chase Ryder nur dazu bringen wollte, einen großen Scheck auszustellen, war sinnlos. Jane konzentrierte sich wieder auf die Sandwiches. Sie wollte nicht an Ryders Lippen denken. Schon gar nicht daran, sie zu küssen.

Plötzlich wurde ihr klar, was fehlte.

Knoblauch. In das Pesto musste mehr Knoblauch.

Viel Knoblauch. Sehr viel.

Chase war noch nie im Hearth gewesen. Amanda dagegen war dort Stammgast. Er klemmte den Parkschein unter den Scheibenwischer und ging hinein.

Den Duft, der ihn umfing, kannte er aus anderen Coffeeshops in Portland. Aber in der Luft lag noch etwas anderes. Er schnupperte. Knoblauch und Basilikum.

Die Tische waren fast alle besetzt. Ein Mann arbeitete an seinem Laptop. Eine Frau las ein Buch. Ein Pärchen blätterte in der Zeitung. Ein Angestellter mit Pferdeschwanz räumte Teller und Tassen ab. Die großen, gemütlich wirkenden Sessel am Kamin waren frei.

Als ein Gast sein Getränk vom Tresen abholte, fiel Chase’ Blick auf die Schiefertafel an der Wand dahinter. Jane war nirgends zu sehen, nur eine junge Frau mit langem blondem Haar, einem Diamantstecker in der Nase und Ohrringen.

„Entschuldigung“, sagte er.

Ally – so stand es auf ihrem Namensschild – löffelte Kakaopulver in ein Glas. „Was kann ich für Sie tun?“

„Ich suche Jane Dawson.“

Ally hob so rasch den Kopf, dass sie ein bisschen Kakaopulver verschüttete. „Ich bin gleich zurück.“

Sie verschwand durch eine Schwingtür, und nach einem Moment erschien Jane.

„Hallo, Mr. Ryder. Chase, meine ich.“ Sie klang atemlos. „Danke, dass Sie gekommen sind. Was möchten Sie trinken? Und essen?“

Als er seine Bestellung aufgegeben hatte, verschwand sie, und er setzte sich. Zwei Minuten später kam Jane mit den Getränken. „Die Panini sind gleich fertig.“

„Netter Laden.“ Chase sah sich um. „Bestimmt läuft das Geschäft gut.“

„Wir haben den ganzen Tag lang zu tun, aber morgens ist es am hektischsten.“ Sie spielte mit ihrer Serviette. Es war offensichtlich, dass sie nervös war.

Chase baute ihr eine Brücke: „Auch wenn meine Konkurrenten es behaupten, ich beiße nicht.“

„Sehe ich ängstlich aus?“

„Ein wenig.“

Sie lächelte. „Ich bin sogar ziemlich verängstigt, aber trotzdem danke.“

Ihre Ehrlichkeit fand er erfrischend. „So einschüchternd kann ich doch gar nicht sein.“

„Hier kommt das Essen.“ Ally unterbrach sie genau im richtigen Moment und servierte das Essen. „Lassen Sie es sich schmecken.“

Eine Weile aßen sie in einträchtigem Schweigen, dann bat er Jane: „Erzählen Sie mir von dieser Benefizveranstaltung. Wie sind Sie dazu gekommen, sich so zu engagieren? Und wem wollen Sie helfen?“

Sie tupfte sich den Mund ab. „Bei meinem Vater wurde vor fünf Jahren Leukämie festgestellt.“

„Das tut mir leid. Wie geht …“

„Er ist letztes Jahr gestorben.“

Chase suchte nach den richtigen Worten. „Das muss schwer für Sie gewesen sein.“

Doch Jane wollte nicht über sich sprechen. „Ich habe damals andere betroffene Familien kennengelernt. Mit einer Familie habe ich mich besonders angefreundet. Eine alleinerziehende Mutter namens Michelle und ihre Tochter Emma.“

Er hörte heraus, wie wichtig die beiden ihr waren. „Die beiden stehen Ihnen nahe.“

„Ja. Die beiden sind mir so wichtig, als ob sie meine richtige Familie wären. Wir wohnen … Ich wohne bei ihnen. Ich bin Michelle damals in der Krankenhauskapelle begegnet, und wir sind Freunde geworden. Die besten Freunde. Sie hatte Angst um ihre Tochter, ich um meinen Vater. Vor anderthalb Jahren wurde die Krankheit bei Emma festgestellt. Bei dieser Art Leukämie beträgt die Heilungschance achtzig Prozent, aber die Behandlung ist sehr teuer. Und Michelle ist nicht krankenversichert. Ihre Schulden betragen inzwischen eine Viertelmillion Dollar, und Emmas Heilung wird noch Monate dauern.“

Chase sah ernst aus. „Erzählen Sie mir von der Benefizveranstaltung.“

„Es soll ein süßer Abend werden. Die Gäste bekommen allerlei Desserts serviert, das ist weniger aufwendig als ein ganzes Menü. Und währenddessen werde ich Spenden für Emmas Behandlung sammeln.“

„Eine Viertelmillion Dollar ist eine Menge Geld für einen einzigen Abend.“

„Ich weiß, dass ich nicht die gesamte Summe zusammenbekommen werde“, gab sie zu. „Aber jeder Betrag hilft den beiden.“

Wenigstens war sie realistisch. Chase bewunderte ihre Entschlossenheit. Es gab nicht viele Menschen, die so etwas für einen Freund tun würden. „Wissen Sie schon, wo die Kuchenschlacht stattfinden soll?“

Jane lächelte. „Meine Chefin hat mir angeboten, es hier zu machen. Sie verlangt keine Miete und stiftet die warmen Getränke.“ Sie sah sich um. „Aber möglicherweise ist der Raum hier zu klein.“

Eindeutig zu klein.

„Deshalb suche ich Sponsoren.“ Sie sah ihm direkt in die Augen. „Chase, würde Ihre Stiftung die Veranstaltung finanzieren?“

Er hatte ihr Hoffnung gemacht. Wenn sie nur nicht so nervös gewesen wäre heute Morgen, dann hätte er ihr gleich die Wahrheit gesagt. „Ich habe mit dem Direktor der Stiftung gesprochen. Leider stehen uns vor Januar keine Mittel für eine größere Veranstaltung zur Verfügung.“

Sie blinzelte.

Verdammt. Er wollte nicht, dass sie weinte.

Ihre Unterlippe zitterte. „Trotzdem danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben.“

„Ich bin gern gekommen.“ Chase schaute in ihr hübsches Gesicht. „Auch wenn wir nicht die ganze Veranstaltung finanzieren können, wird die Stiftung auf alle Fälle etwas spenden.“

„Danke. Das ist sehr nett.“

„Und ich …“ Was war nur mit ihm los? Er brauchte nur einen Scheck auszustellen und zu gehen. Robin Hood mit dem Füllfederhalter. Jane Dawson hatte um Geld gebeten, und er würde etwas spenden. So lief es doch immer. Doch genau das war das Problem: Es fühlte sich nicht so an wie „immer“. Er wollte, dass Jane wieder lächelte. Dass ihre Augen wieder leuchteten. „Ich werde die Veranstaltung als Privatmann sponsern.“

2. KAPITEL

Sie wollen die Benefizveranstaltung sponsern?“, fragte Jane und wagte kaum zu atmen.

„Ja“, bestätigte Chase. „Und zwar den gesamten Abend. Sie brauchen keine anderen Sponsoren.“

So etwas geschah nur im Traum. Beinahe hätte Jane sich in den Arm gekniffen. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Außer danke.“

„Danken Sie mir noch nicht. Die Arbeit fängt erst an.“

„Ich verspreche Ihnen, ich werde alles dafür tun, dass es eine unvergessliche Veranstaltung wird. Sie werden es nicht bereuen, Chase.“ Sie konnte gar nicht aufhören zu lächeln. Michelle würde ganz aus dem Häuschen sein, wenn sie davon hörte!

„Jane.“ Er sprach ihren Namen so … vertraulich aus, dass ihr Puls sich wieder beschleunigte. „Ich will nicht nur einen Scheck ausstellen. Ich möchte Ihnen helfen, den Abend zu organisieren. Wir könnten das Ganze zusammen auf die Beine stellen.“

Zusammen? War das ein Scherz? Der Mann leitete einen Konzern und hatte zweifellos unzählige soziale Verpflichtungen. Aber sein Blick … „Sie meinen das ernst, oder?“

„Ja.“

Oh. Chase Ryder, Millionär und Menschenfreund, wollte ihr helfen – bis ihm etwas Wichtigeres dazwischenkam. Und dann würde sie ganz allein vor einem Riesenberg Arbeit stehen. Nein, sie wollte seine Hilfe nicht. Sie hatte unter Schmerzen gelernt, sich von niemandem abhängig zu machen. Nur – wie kam sie aus dieser Situation heraus, ohne ihn gleich ganz zu vergraulen? Sie versuchte es vorsichtig. „Haben Sie keine Sorge, dass wir einander nur auf die Nerven gehen?“

„Ich weiß, dass ich mit Ihnen arbeiten kann.“

„Wir haben uns gerade erst kennengelernt“, entgegnete sie schwach.

„Ich vertraue auf meinen Instinkt, und ich weiß, was ich sehe. Nämlich jemanden, der genug Kraft und Leidenschaft besitzt, aus der Veranstaltung einen großen Erfolg zu machen. Ich höre diese Leidenschaft in Ihrer Stimme und sehe sie in Ihren Augen.“

„Das ist keine Leidenschaft, sondern Panik.“

„Wie auch immer: Sie wissen, was Sie erreichen wollen. Ich habe die Kontakte, die Erfahrung und das Geld, um Ihre Vision zu verwirklichen. Da ist es doch nur sinnvoll, dass wir uns zusammentun.“

Er hatte recht.

Aber was, wenn er es sich mitten in der Vorbereitung anders überlegte? „Haben Sie denn überhaupt genug Zeit? Immerhin führen Sie eine riesige Firma“, wandte sie ein.

„Ich bin der Chef. Ich kann delegieren.“

Warum sagte sie nicht einfach Ja? Schließlich ging es nicht um sie, sondern um Michelle und Emma.

Chase beugte sich vor. „Wollen Sie meine Hilfe überhaupt, Jane?“

Oje. Wenn sie nicht aufpasste, würde sie alles ruinieren. „Ich … will Ihre Hilfe und bin für Ihr Angebot dankbar. Wirklich. Es ist nur …“

„Was?“

Sie befeuchtete ihre Lippen. „Ich habe nicht damit gerechnet.“

„Ich bin auch kein Freund von großen Überraschungen – aber manchmal ist das Unerwartete genau das, was man braucht.“

Wenn sie jetzt zustimmte, hätte sie vielleicht keinen Einfluss mehr. Sie wäre machtlos. Wie gegenüber der Krankheit ihres Vaters. Oder Emmas. Allein der Gedanke daran machte ihr Angst.

„Das ist es nicht. Ich brauche Ihre Hilfe.“ Aber was, wenn es nicht funktionierte? Wenn er es nicht ernst meinte? Wenn … „Ist Ihnen wirklich klar, worauf Sie sich einlassen? Was passiert, wenn es Ihnen doch zu viel wird? Was wird dann aus der Veranstaltung?“

Er drückte sanft ihre Hand. „Ich lasse Sie nicht im Stich, Jane.“

Wie oft hatte sie derlei Versprechen schon gehört?

Sie betrachtete seine Finger, und ihr wurde warm. Die Berührung war … schön. Oh. Hastig zog sie die Hand fort.

„Also, was meinen Sie?“

Was blieb ihr anderes übrig? Sie wollte Emma helfen, und dazu musste der Abend ein Erfolg werden. „Ja.“

„Großartig. Ich weiß nämlich den idealen Ort.“

Jane erstarrte. Sie hätte es wissen müssen. Kaum hatte sie zugestimmt, bestimmte er schon darüber, wo die Veranstaltung stattfinden würde. „Welchen?“

„Mein Weingut in Stafford.“

Oh! Das klang gut. Stafford lag in einer Gegend, wo es nur so von großen Anwesen, Reiterhöfen und Golfplätzen wimmelte. Eine Benefizveranstaltung würde dort auf alle Fälle das Interesse der richtigen Leute wecken.

„Wie viele Gäste können wir dort unterbringen?“, fragte sie geschäftig.

Er zog eine Augenbraue hoch. „So viele Sie einladen wollen. Legen Sie einfach das Datum fest.“

Es klang zu schön, um wahr zu sein. Ohne es zu merken, lächelte sie. „Wann kann ich mir Ihr Weingut ansehen?“

Er warf einen Blick auf die Uhr. Bestimmt musste er zurück ins Büro. „Wie wäre es mit jetzt?“

Sie schluckte. „Gern.“

Auf der Fahrt nach Süden musterte Chase seine Beifahrerin unauffällig. Sie starrte nach vorn, war schweigsam und ernst. Sie versuchte gar nicht erst, ihm zu imponieren oder ihm zu schmeicheln.

Dass sie so still war, erstaunte ihn. Diese Jane war wirklich völlig anders als die meisten Frauen, die er kannte. Sollte sie nicht wenigstens ein bisschen flirten? Immerhin galt er als gute Partie – reich und attraktiv, wenn man den Artikeln über ihn glauben wollte. Vielleicht spielte sie ja auch nur die Unnahbare, um ihn aus der Reserve zu locken.

Fest stand jedenfalls, sie war nicht sein Typ. Wenn er ausging, dann mit Anwältinnen, Topmanagerinnen oder Investorinnen – alles Frauen, die genug eigenes Geld besaßen. Obwohl die meisten von ihnen es auch noch auf seins abgesehen hatten.

„Hübscher Wagen“, sagte sie, nachdem er vom Highway abgebogen war, und strich über die Kante des Ledersitzes. „Er ist bequemer als meine Couch.“

„Typisch Cadillac. Nur im Gelände taugt er nicht so viel.“

„Na ja, das kann man einem Cadillac ja nicht wirklich vorwerfen, oder?“

Er lachte. „Stimmt. Dafür habe ich meinen Geländewagen. Und zwei Motocross-Maschinen.“

„Aha. Das klingt, als ob Sie eine große Garage brauchen. Wie viele Fahrzeuge haben Sie?“

„Sechs, dazu die Motocross-Maschinen, mein Motorrad und die beiden Rennwagen.“

„Sechs.“ Sie klang überhaupt nicht beeindruckt. „Drehen Sie morgens an einem Glücksrad, um zu entscheiden, welchen Wagen Sie nehmen?“

War das sarkastisch gemeint? Chase war nicht sicher. „Nein, ich greife in eine Tasche und hole einen Schlüssel heraus. Was fahren Sie denn für einen Wagen?“

„Bus oder Straßenbahn, je nachdem, wohin ich wann muss.“ Wieder berührte sie das Leder. „Nicht so bequem wie ein Cadillac, aber es bringt mich ans Ziel.“

„Auf Plastiksitzen und mit geschätzten tausend anderen Leuten auf engstem Raum.“

„So voll sind die öffentlichen Verkehrsmittel nicht, aber …“ Sie spitzte die Lippen. „Woher wissen Sie das von den Plastiksitzen?“

Ganz einfach, weil er nicht mit einem Cadillac auf die Welt gekommen war. „Auf dem College hatte ich kein Auto.“

Sie schwieg eine Weile, dann fragte sie: „Was macht Cyberworx eigentlich?“

„Vieles.“ Er liebte es, über seine Firma zu reden. „Unser jüngstes Projekt hat mit Quantenpunkten, photonischen Kristallen und Carbon-Nano-Tubes zu tun.“

„Aha.“

„Tut mir leid.“

„Sie müssen sich nicht entschuldigen“, wehrte sie ab. „Sie können ja nicht wissen, dass ich keine Ahnung von Technik habe. Soll ich Ihnen ein Geheimnis verraten?“

„Gern.“ Ich wüsste sehr gerne, wo du am liebsten geküsst wirst. „Ich verspreche, ich erzähle es niemandem.“

„Ich habe keinen Computer.“

„Okay, das schockiert mich nicht. Nicht jeder Mensch auf Erden hat einen.“ Aber etwas irritierte ihn. Dann fiel es ihm ein. „Haben Sie mir heute Morgen nicht angeboten, Informationen über die Benefizveranstaltung per E-Mail zu schicken?“

„Ich benutze die Computer in der Bibliothek.“

„Für die Planungsphase der Veranstaltung habe ich eine bessere Idee. Sie können sich einen meiner Laptops ausborgen“, schlug er vor.

„Danke, aber … braucht man dafür nicht einen Internetzugang oder so etwas?“

Der besorgte Ausdruck in ihren Augen entging ihm nicht. Kein Auto, kein Computer, kein Geld. So langsam verstand er, warum sie ihm gegenüber so distanziert war. Und das gefiel ihm. „Mit dem Laptop kommen Sie drahtlos ins Netz. Das Gerät funkt sozusagen Ihre Telefonleitung an. Sie brauchen also nicht gleich Ihr Haus umzubauen.“

„Es ist zwar kein Haus, aber eine Telefonleitung habe ich.“

„Na also, dann mailen wir fortan also.“

„Nur wenn es kein Problem ist“, fügte Jane hinzu.

Er bog nach links ab und fuhr an einer Alpakafarm vorbei. „Ist es nicht.“

Und in der Tat: Chase hatte wirklich noch nie zuvor so ein sicheres Gefühl wie bei Jane gehabt, mit jemandem absolut problemlos zusammenarbeiten zu können. Und nie zuvor hatte er sich auch so darauf gefreut.

Während Chase die Zahlenkombination eingab, um das schmiedeeiserne Tor zu öffnen, betrachtete Jane fasziniert die Reben, die in langen Reihen neben der Straße wuchsen. Auf der linken Seite standen einige Gebäude, in denen – wie Chase ihr erklärt hatte – der Wein produziert wurde. Oben auf dem Hügel erhob sich ein imposantes Haus, dessen Kupferdach im Sonnenschein glänzte.

Das Tor schwang auf, und Chase fuhr hindurch.

Jane konnte sich nicht erinnern, jemals auf so einem Anwesen gewesen zu sein. Sie fühlte sich wie Aschenputtel vor dem Ball im Schloss. Aschenputtel? Damit sie hier nicht den Kopf verlor, erinnerte sie sich im selben Moment, dass um Mitternacht alles vorbei sein würde.

Eine gepflasterte Zufahrt schlängelte sich zwischen den Weinbergen nach oben in Richtung Haus. „Ich komme mir vor, als wären wir von Oregon nach Italien oder Frankreich versetzt worden.“

„Sie liegen gar nicht so falsch. Der Architekt hat sich von einem Chateau in der Nähe von Bordeaux inspirieren lassen.“

„Der Mann versteht sein Geschäft.“ Es war wirklich wie im Märchen. Gleich würden wahrscheinlich noch weiße Pferde vorbeigaloppieren. Und auf einem davon saß bestimmt auch ein Prinz. „Es ist wunderschön.“

„Danke“, erwiderte er. „Als ich das Weingut das erste Mal sah, wusste ich, dass ich es haben muss.“

Sie dagegen konnte sich nicht mal eine eigene Wohnung, ein Auto oder neue Kontaktlinsen leisten. „Das muss ein sagenhaftes Leben sein, alles zu bekommen, was man will.“ Sie klang aufrichtig.

Ihre Blicke trafen sich. „Es ist auszuhalten.“

Jane lächelte. „Wenn das hier mir gehören würde, würden mich keine zehn Pferde mehr von hier wegbekommen.“

„Sie waren noch nicht im Haus.“

„Stimmt. Aber ich bin sicher, es ist … auszuhalten.“

Er lächelte. „Ist es. Trotzdem lebe ich nicht hier.“

„Warum nicht?“

„Es wäre zu weit zur Arbeit. Und auf dem Highway ist einfach immer viel zu viel Verkehr.“

„Sie besitzen ein Stück vom Paradies und machen sich Gedanken über den Verkehr?“, fragte sie.

„Ich verschwende ungern Zeit.“ Chase musterte sie. „Sagen Sie bloß, Sie stecken gern im Stau?“

„Ja, irgendwie schon. Für mich heißt Stau, dass ich länger lesen kann.“ Und studieren und die Hausaufgaben machen. „Kommt es Ihnen nicht wie Verschwendung vor, dass ein so schöner Ort unbewohnt ist?“

„Das Personal lebt hier.“ Er parkte. „Hin und wieder verbringe ich ein Wochenende hier. Und meine Familie nutzt es auch.“

Er stieg aus und ging um den Wagen, um Janes Tür zu öffnen.

Da es ein warmer, sonniger Septembertag war, hatte er das Jackett ausgezogen. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Scheune. Dort, dachte ich, könnte die Veranstaltung stattfinden“, sagte er und zeigte auf ein kastenförmiges Gebäude unterhalb des Gutshauses.

Scheune? Sie hätte sich doch gleich denken können, dass die Sache einen Haken hatte. Sollten die Gäste etwa im Stroh hocken? Etwas irritiert folgte Jane Chase über das Kopfsteinpflaster. Sein Haar schimmerte in der Sonne. Sie stellte sich vor, es mit den Fingerspitzen zu berühren, und sofort schlug ihr Herz schneller. Sie musste aufhören, so an ihn zu denken.

Er öffnete eine Holztür. „Willkommen in der Scheune.“

Sie trat ein und blieb wie angewurzelt stehen. Der große Raum hatte einen Parkettboden und eine hohe, gewölbte Decke mit dicken Holzbalken. „Das. Ist. Keine. Scheune.“

„Nein, aber ich nenne den Raum so.“

„Ich würde ihn perfekt nennen.“

Er lachte. „Es wurde genau dafür gebaut. Für Empfänge, Veranstaltungen, eine Hochzeitsfeier … alles, was man sich vorstellen kann.“

Hochzeitsfeier? Jane meinte sich zu erinnern, dass Ally ihr gesagt hatte, Chase sei Single. Aber möglicherweise wussten die Klatschspalten in den Zeitungen eben doch nicht alles so genau. Die Frage war nur, warum ihr Herz für einen Moment stehen geblieben war, als Chase das Wort Hochzeit aussprach.

Er führte sie in einen Nebenraum, der eine professionell eingerichtete Küche war. Zurück im Hauptraum konnte sie nur staunen. Das hier war größer als alles, was sie sich vorgestellt hatte.

„Der Abend für Emma wird die erste Veranstaltung sein, die hier stattfindet.“

Erstaunt sah sie ihn an. „Tatsächlich?“

Er nickte. „Die Neugier dürfte einige Leute anlocken.“

„Dieser Raum ist ideal für eine Party oder einen Empfang. Warum nutzen Sie ihn nicht?“

„Ich lege Wert auf meine Privatsphäre“, erklärte er. „Wenn es regnet, spielen meine Nichten und Neffen hier.“

Jane versuchte, den Chase Ryder, der laut Ally fast jede Woche in den Klatschspalten auftauchte, mit dem Mann vor ihr in Einklang zu bringen. Es gelang ihr nicht. „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich bin einfach überwältigt.“ Sie versuchte sich zu sammeln. „Vielen Dank, dass Sie uns erlauben, Emmas Abend hier auszurichten. Ich … wir fühlen uns geehrt.“

„Möchten Sie sich den Rest des Guts ansehen?“

Und ob sie wollte!

Sie besichtigten die Produktionsanlagen, bekamen jeder ein Glas von dem ausgezeichneten Pinot Noir und nippten daran, während sie über das Gelände spazierten.

Mit dem Glas in der Hand folgte sie ihm durch den kunstvoll angelegten kleinen Park, der das Gutshaus umgab. Die Luft roch nach Lavendel. Gepflegte Hecken säumten die Blumenbeete, die sich zwischen einem Rosengarten und einem Springbrunnen erstreckten.

„Wissen Sie schon, wie der Tischschmuck aussehen soll?“

Daran hatte sie noch nicht gedacht. „Nein.“

„Meine Firma beschäftigt zwei Floristen, aber wenn Sie einen eigenen haben, ist mir das natürlich auch recht.“

Einen eigenen Floristen? Jane verschluckte sich fast. Das letzte Mal hatte sie Blumen bestellt, als ihr Vater gestorben war. „Nehmen Sie Ihre Floristen.“

„Sicher?“

„Ja.“ Mit Chase’ Hilfe würde sie prominente und großzügige Spender einladen können. Im Unterschied zu ihr wusste er genau, wie man mit der High Society umging. Plötzlich wurde ihr bewusst, auf was sie sich da eingelassen hatte. Sie fühlte sich unfähig und unsicher.

Und dieses Gefühl verstärkte sich noch, als er sie durch das geschmackvoll eingerichtete Gutshaus führte. Das hier war wie ein Traum, aus dem sie bald wieder erwachen würde. Und als sie schließlich auf einem der vielen Balkone standen, der einen freien Blick auf den Mount Hood erlaubte, drohten ihre Gefühle sie beinahe zu überwältigen. Am liebsten hätte sie ihr Weinglas in einem Zug geleert, um sich zu betäuben.

Sie lehnte sich gegen das Geländer.

„Ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte Chase besorgt.

Was sollte sie ihm antworten? Er würde sie nicht verstehen. Er konnte es nicht.

„Jane?“

Sie biss sich auf die Lippe, holte tief Luft und atmete langsam aus. „Ich bin ein wenig … überwältigt.“

„Das ist normal.“

Nein, an dieser Situation war gar nichts normal. Sie passte nicht auf dieses Weingut und erst recht nicht in dieses noble Ambiente. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, wie man zahlungskräftige Gäste dazu brachte, einem kleinen, schwer kranken Mädchen zu helfen. Das war ihr gerade eben klar geworden.

Chase und sie lebten in vollkommen verschiedenen Sphären, Lichtjahre voneinander entfernt. Wie, um alles in der Welt, sollte sie es schaffen, mit ihm zusammenzuarbeiten?

3. KAPITEL

Chase nahm Jane das Glas aus der Hand. „Sie zittern ja.“

Tat sie das? Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Es half nicht.

„Gehen wir hinein.“ Er nahm beide Gläser in eine Hand, legte die andere an Janes Rücken und führte sie zur Couch. „Setzen Sie sich.“

Er stellte die Gläser auf den Tisch.

„Äh, sollten Sie nicht lieber Untersetzer nehmen?“

„Machen Sie sich darüber mal keine Sorgen“, erwiderte er lächelnd, bevor er eine Wolldecke von einem Sessel nahm und ihre Beine damit zudeckte. Sie strich über das weiche Material. Vermutlich Kaschmir. Vermutlich? Hundertprozentig Kaschmir!

„Möchten Sie eine Tasse Kaffee oder ein Glas Wasser?“

Sie wollte nicht bedient werden. Sie wollte gehen. Aber sie hatte kein Auto, kein Handy, um Michelle anzurufen, und keine Ahnung, wo sich die nächste Bushaltestelle befand. „Nein, danke.“

Jane starrte auf das Bild über dem Kamin. Sie kannte es, konnte sich jedoch nicht an den Maler oder den Titel erinnern. Aber wahrscheinlich hatte es mehr gekostet, als sie je in ihrem ganzen Leben verdienen würde.

Chase setzte sich neben sie. „Was bedrückt Sie denn so?“

„Es ist nichts, wirklich.“ Seine Nähe machte sie ebenso nervös wie die Frage. Noch ein Grund, so schnell wie möglich von hier zu verschwinden.

„Okay, dann frage ich anders: Was stört Sie?“

Wie konnte sie ihm erklären, dass der Spaziergang über sein Anwesen für sie wie eine kalte Dusche gewesen war? Sie hatte Michelle und Emma helfen wollen und sich etwas vorgenommen, dass sie unmöglich schaffen konnte. Reiche Leute einladen, sie um Spenden zu bitten, nebenher etwas Kuchen und Schokoladenmousse servieren – das war ein Hirngespinst, mehr nicht.

Er wartete. Für einen Mann, der Verkehrsstaus hasste, war er erstaunlich geduldig.

„Wäre es sehr schlimm, wenn ich es mir anders überlege?“, fragte sie leise.

„Sie wollen nicht, dass die Veranstaltung hier stattfindet?“

„Ich bin nicht mal sicher, ob sie überhaupt stattfinden wird.“ Sie schämte sich. Was war los mit ihr? Michelle und Emma verließen sich auf sie, aber ihre Angst war einfach zu groß.

Chase musterte sie. „Vorhin waren Sie noch begeistert.“

Ja, aber vorhin hatte sie sich etwas vorgemacht. Sie hatte ihre Fähigkeiten total überschätzt.

„Fühlen Sie sich von dem allem hier so überwältigt?“

Seine Besorgnis ließ sie schlucken. Jane konnte nur nicken.

„Geben Sie sich doch ein bisschen Zeit. Schlafen Sie in Ruhe darüber. Ich kann verstehen, dass Sie gerade überwältigt sind. Aber morgen sehen Sie das Ganze sicherlich schon wieder ganz anders.“

„Ich glaube nicht“, gestand sie betrübt. Warum reagierte er nicht wütend? Sie wollte den harten, rücksichtslosen Geschäftsmann sehen. Vielleicht würde es ihr dann besser gehen. „Es tut mir leid.“

„Das muss es nicht.“ Er lächelte aufmunternd. „Manchmal fühle selbst ich mich davon überwältigt.“

Chase Ryder? Überwältigt? Wohl kaum. „Sind Sie immer so verständnisvoll?“

„Nein, aber ich habe zwei Schwestern. Als Bruder lernt man, Verständnis zu haben.“ Er griff nach seinem Glas. „Wissen Sie, Sie müssen diese Benefizveranstaltung nicht organisieren. Es zwingt Sie keiner dazu. Ich hätte mich zwar gefreut, wenn wir das zusammen durchgezogen hätten, aber wenn Sie nicht wollen, kann ich das Ganze auch allein …“

„Wie meinen Sie das?“, unterbrach sie ihn.

„Ich werde auch ohne Ihre Hilfe Spenden für Emma sammeln.“

Jetzt verstand sie endgültig die Welt nicht mehr. „Warum?“

„Die Krankenhausrechnungen müssen bezahlt werden, und Emma braucht noch mehr Behandlungen, richtig?“

„Ja, aber …“

„Sie und ihre Mutter schaffen es nicht allein. Wer die Benefizveranstaltung letztlich organisiert, spielt doch keine Rolle.“

Es war ihre Idee gewesen. Und ihre Verantwortung, nicht seine. „Sie müssen nicht …“

„Ich will es aber.“ Er trank einen Schluck Wein. „Je festlicher der Abend wird, desto mehr Geld wird er einbringen. Ich denke da an Smokings und Abendkleider.“

Sie setzte sich auf. „Finden Sie das nicht zu elegant? Es soll doch nur Desserts geben.“

„Was zu überdenken wäre.“

„Wie bitte?“

„Ich würde eher für ein Abendessen plädieren, für fünfhundert Dollar pro Person. In Kombination mit einer Weinprobe.“

Jane traute ihren Ohren nicht. Aber das hier war nicht mehr ihr Problem. Vergiss es einfach, befahl sie sich.

Doch das konnte sie nicht.

„Was ist mit Emma?“, entgegnete sie. „Sie würde sich nicht wohlfühlen, geschweige denn Michelle. Die beiden wollen an dem Abend dabei sein, nicht nur zu Hause sitzen und auf den Spendenscheck warten. Und was ist mit ihren Freunden? Die wollen auch dabei sein, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass da einer dabei ist, der fünfhundert Dollar für ein Abendessen zahlen kann.“

„Das Ziel ist doch, Geld zu sammeln, oder?“, fragte Chase.

„Ja.“ Sie packte die Decke noch fester. „Aber es muss noch einen anderen Weg geben, als Leute, die sich als Pinguine verkleiden, mit foie gras zu füttern.“

„Haben Sie etwas gegen foie gras?“

„Ja. Das ist die Leber von Gänsen, die man auf widerliche Weise stopft. Wenn ich mich recht an mein Schulfranzösisch erinnere, heißt foie gras fette Leber.“

Chase nickte. Und lächelte.

Dass er so entspannt dasaß, großartig aussah und auch noch auf alles eine Antwort hatte, machte sie langsam echt zornig. Ja, sie lebten wirklich auf verschiedenen Planeten. Sie, Jane, hatte eine private und liebevolle Benefizveranstaltung im Sinn gehabt. Er wollte daraus ein Promi-Event machen. Aber nicht mit ihr! „Foie gras würde ich nicht mal meinem Haustier geben, geschweige denn dafür bezahlen, es selbst zu essen.“

„Eine Menge Leute würden es.“

Musste er immerzu so wissend lächeln? „Was ist mit Emma? Es soll ihr Abend sein. Wie passt sie hinein?“

„Sie könnte kurz auftreten. Oder wir hängen ein großes Foto von ihr auf.“

Okay, jetzt war sie definitiv zornig! „Fotos, auf denen Emma blass, erschöpft und krank aussieht, damit die Gäste sie bemitleiden und mehr Geld spenden?“

„Gute Idee.“

„Das … das wäre falsch.“ Sie stand auf, ohne die Decke loszulassen. „Alles, was Sie vorschlagen, ist einfach nur …“

„Was würden Sie tun?“, fragte er leise, aber herausfordernd.

Sie dachte an Emma. Daran, wie sie sich im Wohnzimmer mit einem roten Stoffelefanten namens Baby auf dem Arm drehte.

„Als Erstes würde ich keine fünfhundert Dollar Eintritt verlangen. Und dann die Kleiderordnung. Ich bitte Sie: Das soll eine Benefizveranstaltung sein, kein Opernball. Also keine Smokings, keine Abendkleider. Wer hat denn so was heutzutage noch einfach so im Schrank hängen?“ Ich jedenfalls nicht, dachte sie, während sie auf die andere Seite des Tischs ging und sich vor Chase aufbaute. „Emma ist die Hauptperson des Abends. Was glauben Sie, wie viele Spenden wir bekommen, wenn die Gäste ihr süßes Lächeln sehen, sie lachen hören und erkennen, was für ein lebensfrohes Kind sie ist.“

„Das wäre vermutlich wirksamer als ein Foto.“

„Wesentlich wirksamer.“ Jane legte die Wolldecke zusammen. „Wir könnten eine Diashow oder einen kleinen Film über Emma, Leukämie und ihre Behandlung zusammenstellen.“

„Okay, was noch?“

„Das mit der Weinprobe hingegen gefällt mir. Wir könnten einen speziell für den Abend abgefüllten Wein verschenken oder versteigern. Und jeder Gast erhält ein Weinglas mit dem Namen Ihres Weinguts. Aber ich weiß nicht, wie aufwendig das wäre.“

„Ich finde es heraus“, versprach Chase.

„Angesichts des Ortes wäre ein festliches Abendessen natürlich reizvoll, aber ich glaube, mit einem Kuchen-Büfett und einer Tombola könnten wir einen größeren Kreis ansprechen. Familien, zum Beispiel.“

„Wir?“ Er zog eine Braue hoch. „Ich dachte, Sie wollen aussteigen?“

Das wollte sie. Aber jetzt …

„Ich mache nur ein paar Vorschläge.“

„Das weiß ich zu schätzen“, erwiderte er. „Sie haben wirklich gute Ideen.“

„Danke.“ Sein Kompliment erfreute sie mehr, als es sollte. „Ideen sind eine Sache, sie umzusetzen, ist etwas ganz anderes.“

„Trotzdem würde ich mich über Ihre Hilfe freuen.“

Er kam ihr entgegen, doch ihre Unsicherheit ließ sie zögern.

„Warum versuchen Sie es nicht einfach?“

Wenn er wüsste …

Sollte sie das Wagnis wirklich eingehen? Wenn sie hier versagte, würde sie nicht nur sich selbst schaden. Aber wenn sie Erfolg hatte, könnte sie ein bisschen Wiedergutmachung leisten. Denn für ihren Vater hatte sie nichts tun können.

„Ohne Sie würde ich vielleicht alles verderben“, fügte er hinzu.

Von wegen! Chase Ryder war kein Mann, der irgendetwas verdarb. Er war intelligent, einnehmend und verhandelte so geschickt wie ein Kind, das noch eine Stunde aufbleiben will, bevor es zu Bett muss. „Und zum Beispiel Gänseleber servieren?“

„Unter anderem.“ Sein verlegenes Grinsen machte aus dem glatten Geschäftsmann einen jungenhaften Charmeur. „Machen Sie wieder mit?“

„Ja.“ Michelle und Emma brauchten Hilfe, und sie hatte nur an sich gedacht. An ihre Unsicherheit. Ihre Angst zu scheitern. Was war sie nur für eine Freundin? Jane holte tief Luft. Vielleicht kannte sie sich nicht mit Blumenschmuck und der feinen Gesellschaft aus, aber das brauchte sie auch nicht, denn das konnte Chase übernehmen. „Ich mache wieder mit.“

„Gut.“

„Nein, Sie sind gut.“ Sie warf ihm die Decke zu, und er fing sie auf. „Sie hätten nichts von dem, was Sie vorgeschlagen haben, wirklich umgesetzt.“

„Nein.“ Sein tiefes, herzhaftes Lachen ging ihr unter die Haut. „Aber es hat gewirkt.“

„Woher wussten Sie, dass ich es mir anders überlege?“

„Ich habe zwei Schwestern, erinnern Sie sich?“ Seine Augen funkelten belustigt. „Hätte ich für jedes Mal, als die beiden ihre Meinung geändert haben, fünf Cent bekommen, wäre ich jetzt Milliardär. Außerdem haben die beiden mir ein paar Tricks beigebracht.“

Bei ihr hatten die funktioniert. „Machen Sie so Ihre Geschäfte, Mr. Ryder?“

„Wenn es sein muss.“ Er grinste.

„Ihre Konkurrenten tun mir leid.“ Der Mann konnte sich durchsetzen, das hatte sie schon gemerkt. „Gegen Sie hat wohl keiner eine Chance.“

Sie fröstelte, als ihr bewusst wurde, was sie gerade gesagt hatte.

„Sie sind eine kluge Frau, Jane Dawson.“ Chase hob sein Glas. „Sie und ich werden uns gut verstehen. Wir werden ein tolles Team abgeben.“

Dieses Mal glaubte sie ihm fast.

Chase glaubte es nicht.

In all den Jahren hatte er seinem Instinkt vertraut, denn der hatte ihn nie im Stich gelassen. Bis heute.

Auf der Rückfahrt nach Portland dachte er daran, wie viel zusätzliche Arbeit in den nächsten Wochen auf ihn zukam. Er hatte erwartet, dass er dafür belohnt werden würde … mit Jane. Wenn nicht heute, dann irgendwann.

Jetzt war ihm klar, dass er sich geirrt hatte.

Jane Dawson faszinierte ihn. Sie war nicht sein Typ, aber hinter ihrer Unsicherheit verbarg sich eine Stärke, die ihn in mehr als nur einer Hinsicht reizte. Er schaute zum Beifahrersitz hinüber. Die Frau war hübsch, intelligent und besaß ein Herz aus Gold.

Er hätte gern mit ihr geflirtet oder sich ein Abenteuer gegönnt, aber er konnte es einfach nicht. Denn Jane war keine Frau für ein paar Nächte. Und er wollte ihr nicht wehtun. Sie war so integer, ja fast unschuldig. Wie konnte er da nur eine Sekunde darüber nachdenken, eine Affäre mit ihr zu beginnen, wo er doch wusste, dass er ihr letzten Endes damit das Herz brechen würde.

Denn wenn Chase eins wusste, dann dies: Er war beziehungsunfähig.

„An der nächsten Ampel nach links“, unterbrach sie seine Gedanken. „Und dann auf der rechten Spur bleiben.“

Im Nordosten Portlands gab es ganz unterschiedliche Viertel – von exklusiv und teuer bis schlicht und bodenständig. Der Nordosten war bekannt für einige der besten Restaurants der Stadt, Geschäfte aller Art und gemütliche Kneipen, die ihr eigenes Bier brauten. Doch das Viertel, durch das sie jetzt fuhren, kannte Chase noch nicht. Überall standen Geschäfte leer, die Schaufenster und Hausmauern waren mit Graffiti beschmiert. Zugegeben, er hatte in seinem Leben schon üblere Viertel gesehen, aber hier würde er seine Schwester nicht nachts herumfahren lassen. Die Vorstellung, dass Jane allein zum Bus oder zur Straßenbahn ging, gefiel Chase ganz und gar nicht. Doch sie schien keine Angst zu haben. Oder keine Wahl?

„Das Haus ist auf der rechten Seite“, sagte sie.

Vor dem alten Klinkerbau erstreckte sich ein Parkplatz. Er bog darauf ein und hielt neben einem klapprigen Pick-up.

„Ist die Bushaltestelle in der Nähe?“, fragte er.

„Gleich nebenan, auf der anderen Straßenseite.“

Er fühlte sich schon besser. „Und die Bahn?“

„Einen Block entfernt.“ Sie sah ihn an. „Warum fragen Sie?“

„Ich bin nur neugierig.“

Das stimmte – fast. Er wollte sicher sein, dass ihr nichts zustieß.

Das Haus sah gepflegt aus. Der Rasen war gemäht. In den Blumenbeeten wuchsen bunte Blumen. Und die Fenster im Erdgeschoss waren vergittert.

„Zum Krankenhaus ist es auch nicht weit“, fügte Jane hinzu.

Wieso Krankenhaus? Ach so, wegen Emma. Das kleine Mädchen hatte er ganz vergessen.

„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Außer danke für alles, Chase.“ Ihre Stimme klang plötzlich sehr ernst. Und in diesem Moment wusste er wieder, dass es richtig war, ihr seine Hilfe angeboten zu haben, trotz aller Arbeit, die er allein bei Cyberworx schon hatte. „Ich weiß zu schätzen, wie Sie auf meine Panikattacke reagiert haben. Ihre Schwestern haben Ihnen viel beigebracht.“

„Stimmt.“ Er wollte sich nicht verabschieden. Obwohl er wusste, dass zwischen ihnen beiden nichts laufen würde, hatte er das Bedürfnis, so viel Zeit wie möglich mit Jane zu verbringen. Er stellte den Motor ab.

„Was tun Sie?“, fragte sie erstaunt.

„Ich bringe Sie zu Ihrer Wohnung.“

Sie schnallte sich los. „Das ist nicht nötig.“

„Ich möchte es trotzdem.“ Chase öffnete die Wagentür. Sobald sie sicher in ihren vier Wänden war, konnte er sie vergessen und wieder an die Arbeit gehen. Genau, so einfach.

Sie lachte. Sie sollte häufiger lachen, dachte er. Vielleicht würden ihre Augen dann wieder so bezaubernd funkeln. Oh Himmel, was war nur mit ihm los?

„Stimmt ja“, sagte sie. „Sie sind es gewohnt, Ihren Willen durchzusetzen.“

„Was soll das heißen?“

„Dass Widerstand zwecklos ist?“

Chase folgte ihr ins Haus, und dabei fiel ihm auf, wie anmutig ihr Hüftschwung war. Vor einer Tür mit einem H darauf blieb sie stehen.

„Möchten Sie Emma und Michelle kennenlernen?“

„Sehr gern.“

Jane holte einen Schlüssel, an dem ein Gänseblümchen aus Plastik baumelte, aus ihrer Handtasche. „Emma ist Fremden gegenüber sehr scheu, aber wenn sie Sie mag, haben Sie eine Freundin fürs Leben.“

„Das werde ich mir merken.“

Sie schloss die Tür auf und trat ein.

„Janie, du bist zu Hause“, rief eine helle Kinderstimme.

Ein vierjähriges Mädchen mit kurzen braunen Locken warf sich in Janes ausgebreitete Arme, und sie küsste es auf die Stirn. „Hallo, Prinzessin.“

„Heute bin ich eine Königin“, erwiderte Emma und starrte Chase an. Ihr Lächeln verschwand, und sie schmiegte sich an Janes Bein. Kluges Kind, dachte er, das würde ich auch gern tun.

„Emma, das ist Mr. Ryder“, stellte Jane ihn vor, und ihre Stimme schien Emma zu beruhigen, denn sie lockerte den Griff um das Bein.

„Hi, Emma.“ Abgesehen von der blassen Haut und den dunklen Ringen unter den Augen sah sie gar nicht so krank aus. Nicht, dass er wusste, wie ein krankes Kind aussah. Er ging in die Hocke. „Oder sollte ich sagen, Hi, Euer Majestät?“

Emma strahlte. „Oh ja!“

Chase lächelte stolz.

„Es gibt Spaghetti“, verkündete das Mädchen. „Wollt ihr zum Essen bleiben?“

„Das ist nett von dir, Emma“, sagte Jane. „Aber Chase … Mr. Ryder hat vielleicht schon etwas anderes vor.“

„Leider ja.“ Als er sich erhob, fiel sein Blick in die offene Wohnzimmertür. Er sah die durchgesessene Couch, auf der ein Stofflöwe lag, den zerkratzten Tisch, auf dem Bauklötze verstreut waren, und die Puppe, die in einem abgewetzten Ohrensessel saß. Plötzlich kam er sich nur noch schäbig vor. „Vielleicht ein anderes Mal, Mylady.“

Emma nickte, und die kleine Blechkrone fiel ihr vom Kopf. Chase hob sie auf und setzte sie ihr wieder auf.

„Was war das?“, drang eine Frauenstimme um die Ecke.

„Meine Krone, Mommy“, rief Emma. „Aber der nette Mann hat sie mir wieder aufgesetzt.“

Ein Scheppern ertönte, dann erschien eine Frau mit glattem blondem Haar im Flur. „Welcher … Oh, Jane. Du bist zu Hause.“

Und zwar nicht allein. Die unausgesprochenen Worte hingen in der Luft.

„Michelle Taylor“, stellte Jane sie vor. „Michelle, das ist Chase Ryder. Er wird Emmas Benefizveranstaltung sponsern und sein Weingut dafür zur Verfügung stellen.“

Ein Lächeln erhellte Michelles müdes Gesicht. Chase streckte die Hand aus, doch sie umarmte ihn einfach.

„Danke“, sagte sie. „Sie wissen gar nicht, was uns das bedeutet.“

Er ahnte es. Aber von einer Wildfremden aus Dankbarkeit umarmt zu werden, war … ungewohnt. „Ich freue mich, helfen zu können.“

„Wenn Sie dem Feierabendverkehr entgehen wollen, sollten Sie jetzt fahren“, riet Jane.

Er schaute auf die Uhr. War es schon so spät? „Es war nett, Sie kennenzulernen, Michelle. Und Sie auch, Königin Emma.“

„Kommen Sie wieder?“, fragte das Mädchen.

„Jane und ich organisieren zusammen dein Fest, also komme ich bestimmt bald wieder.“ Er schaute in Emmas unschuldig lächelndes Gesicht, und plötzlich wurde ihm warm. Er warf Jane einen Blick zu, und da war es – das Funkeln in ihren Augen. Am liebsten hätte er ihr Gesicht berührt.

Hastig wandte Chase sich ab. Er gehörte nicht hierher. Er musste weg. Schnell. Bevor er sich zu etwas hinreißen ließ, das er mit Sicherheit bereute.

Ihre Majestät Emma geruhte, die Spaghetti köstlich zu finden. Nach dem Abendessen schaute die Königin mit Michelle ein Video, und Jane wusch das Geschirr ab.

„Emma ist eingeschlafen“, verkündete ihre Mutter kurz darauf. „Zum Glück hat sie schon ihre Medikamente genommen, sonst hätte ich sie wecken müssen.“

In Jane stieg die nur allzu vertraute Angst auf. Sie kannte sie von der Krankheit ihres Vaters. Es war viel zu früh. Sie erstarrte. „Ist Emma …“

„Einfach nur müde.“ Michelle trocknete den Kochtopf ab. „Es war ein anstrengender Tag.“

„Gott sei Dank.“

Ihre Freundin lächelte matt. „Vergiss nicht, wir müssen jeden Tag so nehmen, wie er kommt.“

Das war nicht einfach. Aber Michelle schaffte es, mit ihrer Tochter so normal wie möglich zu leben, ohne sie aber den Gefahren auszusetzen, die zu einer unbeschwerten Kindheit gehörten. Im letzten Monat hatte ein Splitter in Emmas Fuß zu einer Entzündung geführt, und sie hatte vier Tage im Krankenhaus bleiben müssen.

Ja, das müssen wir, dachte Jane und spülte die Pfanne aus.

Michelle stellte den Kochtopf in den Schrank und wandte sich grinsend an Jane. „Und jetzt erzähl mir alles. Lass ja nichts aus.“

Jane erzählte ihr von dem Besuch auf Chase’ Weingut.

„Wenn er sich persönlich engagiert, wird die Veranstaltung mehr Spenden einbringen.“ Sie wollte Michelle Mut machen. Den brauchte sie. „Er kennt die richtigen Leute.“

Ihre Freundin lächelte dankbar. „Das ist gut. Aber du hast das Spannendste ausgelassen. Wie ist er?“

„Chase ist … interessant.“ Jane nahm einen Deckel aus dem Spülwasser. „Nicht so, wie ich ihn mir vorgestellt habe, aber … interessant.“

„Wie hast du ihn dir denn vorgestellt?“

„Na ja, er ist netter, als ich dachte. Er ist freundlich, rücksichtsvoll, der Typ, der anhalten würde, um einer alten Oma über die Straße zu helfen.“

„Wirklich?“

Jane nickte. „Ich wusste aus der Zeitung, dass er als großzügiger Mensch gilt, aber ich hatte keine Ahnung, dass er so freigiebig ist. Wer bietet von sich aus schon einfach so an, eine Veranstaltung zu finanzieren für ein Kind, das er noch nicht einmal kennt? Und er schreibt ja nicht nur einen Scheck aus, sondern engagiert sich auch noch persönlich. Er stellt sein Weingut zur Verfügung. Seinen Privatbesitz.“

„Ja, das ist fast schon unheimlich.“ Michelles Augen glitzerten. „Was noch?“

„Er ist Onkel und scheint gut mit Kindern umgehen zu können. Jedenfalls war das bei Emma so, nicht wahr?“

Michelle nahm ihr die Pfanne ab. „Ein perfekter Mann.“

„Oh, er ist nicht perfekt.“ Jane schrubbte den Deckel. „Er sieht dauernd auf die Uhr. Wahrscheinlich lebt er mit seinem Terminkalender.“

„Er hat dir seinen ganzen Nachmittag geopfert.“

„Stimmt. Aber er kauft große, schöne Häuser, in denen er nicht wohnt. Und er bekommt immer, was er will – jedenfalls behauptet er das. Außerdem hat er sechs Autos. Noch mehr, wenn man die Rennwagen mitzählt.“

„Unglaublich.“

„Finde ich auch.“ Jane spülte den Deckel ab. „Wer braucht sechs Autos? Und mehr als ein Haus?“

„Das hört sich an, als würdest du ihn nicht wirklich sympathisch finden.“

Wenn es doch nur so wäre! „Na ja, vielleicht habe ich ein paar Vorurteile.“

„Die du im Lauf der Zeit ja überprüfen kannst, nicht?“

„Er sponsert die Veranstaltung. Darauf kommt es an. Mehr interessiert mich nicht.“

„Er ist nett anzuschauen.“

Jane lächelte. „Oh ja, das kann man wohl sagen.“

„Gefällt er dir?“, fragte Michelle.

Jane ließ den Deckel fallen, und das Wasser spritzte auf ihre Bluse. „Sei nicht albern! Dieser Mann und ich haben nichts miteinander gemeinsam.“

„Bis auf die Veranstaltung.“

„Wir organisieren sie nur zusammen, das ist …“

„Dabei kann alles passieren.“

„Nein“, widersprach Jane. „Weil wir nicht … weil wir nicht … Er interessiert sich nicht für mich.“

„Natürlich tut er das. Was meinst du, wie viele Benefizveranstaltungen der Mann schon persönlich organisiert hat? Der Mann mag ja ein gutes Herz haben, aber er hat vor allem Augen im Kopf. Du gefällst ihm.“

„Ach was, er will einfach nur helfen.“ Selbst in Janes Ohren klang es nicht sehr überzeugend.

„Er ist ein Mann.“

Kein Zweifel. Chase Ryder war einhundert Prozent männlich. „Ja.“

„Also ist er nicht einfach nur hilfsbereit.“ Michelle lachte. „Sondern auch interessiert.“

„Er lebt in einer anderen Welt.“

„Nicht immer.“

Jane dachte daran, wie er sie umgestimmt hatte, als sie aus der Vorbereitung des Abends für Emma aussteigen wollte. Falls Chase tatsächlich an ihr interessiert war, würde die Sache kompliziert werden. Hatte er nicht behauptet, immer alles zu bekommen, was er wollte? Sie hätte keine Chance. Und ihr Herz auch nicht. Aber es war müßig, sich darüber Gedanken zu machen. Chase Ryder war ein Diamant und sie, Jane, allenfalls ein Kieselstein. Wie sollte er sich da für sie interessieren? „Du liegst falsch.“

„Ich liege richtig.“

Michelle war einfach zu romantisch veranlagt. Obwohl ihr mieser, fauler Exmann sie verlassen hatte, als Emma erkrankte, war sie noch immer ein hoffnungsloser Fall.

„Ich bezweifle, dass ich großen Eindruck auf ihn gemacht habe, verglichen mit den Frauen, mit denen er sich sonst trifft. Und selbst wenn er an mir interessiert wäre – was er nicht ist –, würde es zwischen uns niemals funktionieren.“ Jane spritzte Spülmittel in den Suppentopf. „Wie gesagt, wir leben in verschiedenen Welten. Er ist reich, hat eine hervorragende Ausbildung und reist um die Welt. Ich bin arm, versuche in Abendkursen das College zu absolvieren und hab es in meinem Leben noch nicht einmal bis nach Kanada geschafft.“

„Aschenputtel und ihr Prinz kamen auch aus verschiedenen Welten.“ Michelle klang wehmütig. „Und sie sind trotzdem ein glückliches Paar geworden.“

„Happy Ends gibt es nur im Märchen.“

„Da täuschst du dich“, widersprach Michelle mit trauriger Stimme. „Eines Tages wirst du erkennen, wie sehr, Jane.“

4. KAPITEL

Am nächsten Tag brachte einer von Cyberworx’ Computerspezialisten Jane einen Laptop vorbei und erklärte ihr, wie sie sich in das E-Mail-Programm einwählte. Kurz darauf war bereits eine erste Mail von Chase da, in der er ihr einen Aktionsplan schickte und eine Liste von Partyservice-Firmen, mit denen seine Stiftung gute Erfahrungen gemacht hatte.

Doch danach kam nichts mehr. Zwei Wochen lang.

Jane fühlte sich in ihrem Verdacht bestätigt. Sie hatte geahnt, dass er sie im Stich lassen würde, daher war sie auch nicht enttäuscht. Nur frustriert. Denn sie konnte nichts tun. Was, wenn er mit einer ihrer Entscheidungen nicht einverstanden war?

Als um halb fünf der Wecker schrillte, drückte sie auf die Schlummertaste. Nur einmal ausschlafen können! Doch sie musste um halb sechs im Coffeeshop sein, also nahm sie ihre Brille und setzte sich auf die Bettkante.

Michelle erschien in der Tür und band den Gürtel ihres verblassten gelben Bademantels zu. „Bist du wach?“

„Bin ich.“ Jane gähnte. „Fast.“

„Was Neues von Chase?“

Nur wenn ihre Träume zählten, in denen sie Wein tranken und sich küssten. Verlegen stand sie auf. „Nein.“

„Bestimmt hat er viel zu tun“, tröstete ihre Freundin sie.

„Ich bombardiere den Mann jetzt seit einer Woche mit E-Mails, aber er antwortet nicht. Offensichtlich hat er seine Meinung geändert. Ich warte nur darauf, bis einer seiner Mitarbeiter vor der Tür steht, um mir den Laptop wieder abzunehmen.“

„Unsinn, Chase mag dich. Deshalb sponsert er die Veranstaltung.“

Jane unterdrückte ein Seufzen. „Michelle …“

„Hör auf.“ Michelle hob eine Hand. „Egal, was du sagst, ich glaube fest daran, dass aus euch beiden etwas wird. Er wird sich schon melden.“

„Tja, aber ich habe keine Lust, bis an mein Lebensende auf ein Zeichen von ihm zu warten.“ Jane nahm ihre Hose und Bluse aus dem Schrank. „Ich werde ihn wohl anrufen müssen.“

„Dann tu es heute.“

„Mist, wenn ich nur nicht so stolz wäre!“ So verletzt, um genau zu sein.

„Stolz können wir uns leider nicht leisten.“

Michelle hatte recht. Ob es Jane nun gefiel oder nicht, sie musste Chase Ryder ertragen, bis der Abend für Emma hinter ihnen lag. Sie würde höflich sein und nett und … Sie seufzte. War es zu spät, nach einem anderen Sponsor zu suchen?

Am Mittwoch saß Chase an seinem Schreibtisch. Er war mitten in einer wichtigen Konferenzschaltung mit einem seiner Produktionsbetriebe. Während die zwei Direktoren diskutierten, nahm er die oberste Akte vom Stapel. Er hatte heute eine Menge aufzuholen.

Als es leise klopfte, schaltete er das Telefon stumm.

Amanda reichte ihm eine dicke Akte. „Die hat P. J. geschickt. Falls Sie Fragen haben, sollen Sie sie anrufen.“

Chase legte die Akte auf den Laptopkoffer und notierte sich im Geist, sich bei P. J., der Direktorin der Stiftung, zu bedanken, dass sie ihm unter die Arme griff.

„Sie haben sich noch nie so sehr für die Stiftung interessiert“, bemerkte Amanda, nicht ohne Neugier.

„Stimmt, aber das hier“, er wies auf die Akte, „betrifft die Stiftung nicht direkt.“

„Um was geht es dann?“

Obwohl Chase Amanda unbedingt auf Emmas Benefizveranstaltung dabeihaben wollte, hatte er ihr noch nichts von dem geplanten Abend erzählt. Er kannte seine Assistentin nur zu gut: Ein Blick in Janes große grüne Augen und ihr strahlendes Lächeln, und Amanda wäre überzeugt, die Richtige für ihren Chef gefunden zu haben. „Es geht um eine kleine Veranstaltung auf meinem Weingut. Nichts Pompöses, eher schlicht. Die Gäste bekommen Süßspeisen serviert und sollen dafür eine Spende springen lassen.“

„Aber Sie sagten doch, die Stiftung …“

„Ich organisiere die Veranstaltung selbst.“

Amanda musterte ihn. „Allein?“

„Nein.“

„Wer hilft Ihnen dabei?“

„Jane Dawson.“

„Aha! Ist das nicht die Frau, mit der Sie sich vor zwei Wochen getroffen haben?“ Amandas Blick wurde neugierig. „Die, die dauernd anruft?“

Verdammt. Er hatte vergessen, Jane zurückzurufen. Bei der Fusion mit MRG waren unerwartete Probleme aufgetreten. „Können Sie mich mit ihr verbinden?“

„Jetzt?“

„Ja.“

Amanda zeigte auf sein Telefon. „Was ist mit denen?“

An die Konferenzschaltung hatte er gar nicht mehr gedacht. „Die werden gut genug bezahlt, um ohne mich damit fertig zu werden.“

Seine Assistentin schüttelte den Kopf.

„Was ist?“, fragte Chase.

„Nichts.“ Sie lächelte. „Ich verbinde Sie gerne mit Jane. Nur bräuchte ich dazu ihre Nummer.“

Chase fiel ein, dass er nur ihre Privatnummer hatte. „Schon gut. Ich rufe sie selbst an.“

Am Freitagmorgen bewältigten Jane und ihre Kollegen im Coffeeshop den Ansturm der Frühstücksgäste. Der Duft der frischen Backwaren vermischte sich mit dem würzigen Aroma des Kaffees. Angeregte Gespräche übertönten die leise klassische Musik. Die Schlange reichte bis vor den Eingang, und Jane war begeistert. Sie liebte den Trubel.

„Ein Cappuccino, mittelgroß.“ Sie stellte eine Tasse auf den Tresen. „Wie geht es Ihnen heute Morgen, Ken?“

„Ich bin müde.“ Er nahm sich sein Getränk. „Danke.“

„Zwei doppelte Mokka zum Mitnehmen“, rief Ally an der Kasse.

Jane löffelte den gemahlenen Kaffee in den Filter.

„Wie lange brauchen Sie für jeden Kunden?“

Sie erkannte Chase’ Stimme sofort, und ihr Herz schlug schneller. Okay, jetzt hieß es cool bleiben! „Fünfunddreißig Sekunden.“

„Beeindruckend.“

„Das ist mein Job.“ Sie drückte den Hebel herunter. „Was machen Sie hier?“

„Meine Assistentin mag Ihren Cappuccino. Und ich auch.“

„Also zweimal zum Mitnehmen?“

Chase nickte.

Mit unsicherer Hand schob sie den Filter in die Halterung.

Was war los mit ihr? Normalerweise konnte sie das hier mit geschlossenen Augen. Doch gerade fühlte sie sich wie eine Anfängerin, die zum ersten Mal vor einer Espressomaschine steht. Lächerlich. Sie hatte den Mann seit zwei Wochen nicht mehr gesehen. Sie drückte auf den Knopf.

„Wie geht es Ihnen heute Morgen?“, fragte Chase.

Jane goss kalte Milch in einen Krug und hielt ihn unter die Düse. „Hey, das ist mein Text.“

„Wie meinen Sie das?“

„Wir fragen unsere Kunden jeden Tag, wie es ihnen geht“, erklärte sie. „Viel zu tun, müde, spät dran, das sind die häufigsten Antworten.“

„Und welche trifft auf Sie zu?“

Jane schäumte die Milch auf. Dann goss sie die beiden Espressi in die Becher und gab vorsichtig die aufgeschäumte Milch hinzu. „Viel zu tun.“

„Das gilt auch für mich.“

„Haben Sie meine E-Mail gelesen?“

„Ja. Ich würde vorschlagen, dass wir uns morgen Vormittag im Büro meiner Stiftung treffen. Dann wählen wir einen Catering-Service aus und legen den Termin fest.“

Also hatte er anscheinend doch nicht die Lust an der Sache verloren. Das überraschte sie etwas, denn nachdem er sich in den letzten vierzehn Tagen kein einziges Mal bei ihr gemeldet hatte, war sie – ausgerechnet heute – zu dem Schluss gekommen, dass Chase Ryder ein Mann war, der viel versprach und nichts hielt. Endlich schaute sie ihn an. Großer Fehler. Er trug ein maßgeschneidertes weißes Hemd mit schmalen blauen und gelben Streifen, verblichene Jeans und ein Sakko, dessen hellgraue Farbe das Blau seiner Augen betonte. Durfte ein Mann eigentlich so gut aussehen?

Sie verschloss die beiden Becher. „Bitte sehr, zwei große Cappuccino.“

„Danke, Jane.“ Er griff nach den Bechern. „Soll ich Sie morgen abholen? Was halten Sie von zehn Uhr?“

„Kleiner Cappuccino“, rief Ally.

„Nein, danke.“ Je weniger Zeit sie mit Chase verbrachte, desto besser. Und schon gar nicht wollte sie mit ihm allein sein. In seinem Auto sitzen. Nein, sie musste den Kontakt zu ihm so geschäftlich wie möglich halten. Denn sobald sie anfing, in ihm etwas anderes als den steinreichen Konzernchef zu sehen, wäre es um sie geschehen. Sie nahm eine kleine Tasse. „Ich habe jemanden, der mich fährt.“

Er nahm die beiden Becher. „Dann sehen wir uns morgen“, sagte er und ging davon.

Sie schaute ihm nach.

„Erde an Jane.“

Sie warf ihrer Kollegin einen Blick zu. „Was denn?“

„Kleiner Cappuccino.“

„Entschuldigung.“

Ally lachte. „Dich hat es ganz schön erwischt.“

Noch nicht. Aber sehr bald, wenn sie nicht aufpasste. Chase Ryder war ein gefährlicher Mann.

Im Eingangsbereich seiner Stiftung sah Chase zum wiederholten Mal auf die Uhr. Jane hätte schon vor sieben Minuten hier sein müssen.

Er stand auf und ging zu dem verwaisten Empfang. Am Wochenende arbeitete in der Stiftung niemand. Deshalb hatte er sich hier mit Jane treffen wollen. Zudem lag die Stiftung günstig, ganz in der Nähe gab es mehrere Haltestellen. Er hatte schon geahnt, dass sie sich nicht von ihm hierher chauffieren lassen würde.

Chase starrte nach draußen, wo der Regen ...

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