Logo weiterlesen.de
BIANCA GO BAND 36

IMAGE

Küsse, Baby und Familienglück

1. KAPITEL

„Ich habe mir schon gedacht, dass du noch hier steckst.“

Rafferty Evans hob den Kopf vom Computerbildschirm zu seinem Vater, der in der Arbeitszimmertür stand. Der vierundsiebzigjährige Eli Evans hatte sich erst vor Kurzem nach langem Zögern endlich in den Ruhestand zurückgezogen, was jedoch bedeutete, dass er jetzt mehr Zeit hatte, seine Nase in die Angelegenheiten seines Sohnes zu stecken.

Rafferty ahnte schon, warum er gekommen war. „Irgendjemand muss vor dem Zusammentreiben der Herde ja schließlich die Buchhaltung machen“, sagte er irritiert.

Eli setzte sich in einen der ledernen Clubsessel. „Das schlechte Wetter scheint dir offenbar die Laune vermiest zu haben.“

So wie jeden November, dachte Rafferty. Einen Blitz draußen ignorierend, betrachtete er wieder die Zahlen vor ihm. „In den nächsten sechs Wochen ist noch eine Menge zu erledigen.“

Es donnerte ohrenbetäubend. Eli erhob seine Stimme. „Zum Beispiel, eine neue Köchin für die Rancharbeiter zu finden.“

„Die Männer haben die letzten drei Köche mit ihrem ewigen Genörgel vertrieben. Sollen sie doch für sich selbst sorgen, bis ich Ersatz gefunden habe.“

„Du weißt genau, dass sie nicht kochen können.“

„Dann sollten sie dankbar für jeden sein, der zumindest etwas von dem Handwerk versteht.“

Eli öffnete den Mund, um etwas darauf zu entgegnen, besann sich dann jedoch eines Besseren. „Was Weihnachten angeht …“, fuhr er fort.

Rafferty versteifte sich. „Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich mich aus den ganzen Festlichkeiten raushalte.“ Zumindest seit dem Unfall.

Eli runzelte die Stirn. „Das Ganze ist jetzt schon zwei Jahre her.“

Rafferty schob seinen Stuhl zurück, stand auf und schob die Hände in die Jeanstaschen. „Ich weiß selbst, wie lange es her ist, Dad.“ Er ging zum Kamin, nahm den Schürhaken und stocherte in den brennenden Holzscheiten, dass die Funken stoben.

„Das Leben geht schließlich weiter“, fuhr Eli fort.

„Weihnachten ist nur etwas für Kinder.“

Eli schwieg.

Rafferty kniff die Lippen zusammen. Er legte ein Scheit nach, ging zum Fenster und sah hinaus in den Sturm. Regen trommelte auf das Dach, und ein weiterer Blitz durchzuckte den Himmel, gefolgt von lautem Donner. In der Dunkelheit tauchten plötzlich die Lichtkegel zweier Scheinwerfer auf und richteten sich auf das Hauptgatter.

Rafferty zog die Augenbrauen zusammen und warf einen Blick auf die Uhr. Schon Mitternacht. Er drehte sich zu seinem Vater um. „Erwartest du noch Besuch?“

Eli schüttelte den Kopf. „Wahrscheinlich nur Touristen, die sich verfahren haben.“

Rafferty murmelte ein paar Flüche vor sich hin.

Sein Vater stellte sich neben ihn. „Soll ich rausgehen und ihnen den Weg erklären?“

Rafferty schlug Eli kameradschaftlich auf die Schulter und versuchte zu ignorieren, wie zerbrechlich sie sich anfühlte. Nicht auszudenken, wenn er seinen Vater auch noch verlor! Hastig verdrängte er diesen beunruhigenden Gedanken. „Lass nur, ich übernehme das schon“, antwortete er. „Geh ruhig ins Bett“, fügte er fürsorglich hinzu.

„Bist du sicher?“

Rafferty wusste, dass die nasse Kälte draußen die Arthritis seines Vaters verschlimmern würde. „Ich kümmere mich darum, dass der Fahrer zur Hauptstraße zurückfindet.“

„In den Nachrichten haben sie vor Hochwasser am Fluss gewarnt“, sagte Eli.

Rafferty ging in die Diele, nahm seinen Regenmantel und seinen Hut von der Garderobe und zog sich an. Dann öffnete er die Haustür und trat hinaus auf die Veranda. Die kühle Luft und der frische Geruch des Regens waren belebend.

Jacey Lambert hatte heute mit allem gerechnet, aber nicht damit, plötzlich am Ende der Welt festzustecken. Doch genau das war passiert. Nach etlichen Kilometern über eine immer holpriger und schmaler werdende Landstraße stand sie jetzt in der Einfahrt zur Lost Mountain Ranch.

Offensichtlich hatte sie sich total verfahren.

Sie war müde und hungrig, und ihr Tank war so gut wie leer.

Und zu allem Überfluss funktionierte ihr Handy schon seit einigen Kilometern nicht mehr.

Ob es sehr aufdringlich wäre, an die Tür des großen Ranchhauses da vorn zu klopfen?

Noch bevor sie sich zu einer Entscheidung durchgerungen hatte, hörte sie plötzlich das Starten eines Motors.

Sie starrte nach vorn und sah einen Pick-up auf sich zufahren, der kurz vor ihrem Volvo Kombi stehen blieb.

Ein Cowboy mit schwarzem Hut und gelbem Regenmantel kletterte aus dem Wagen und kam direkt auf ihre Fahrertür zu.

Bei seinem Anblick musste Jacey plötzlich schlucken.

Das lag weder an seiner beeindruckenden Körperlänge noch an den breiten Schultern, den langen Beinen oder dem muskulösen Körper. Was ihr den Atem verschlug, war das markante Gesicht unter der breiten Hutkrempe. Mit seinen regelmäßigen Gesichtszügen, der geraden Nase, den leuchtend blauen Augen und dem hellbraunen Haar sah er verdammt gut aus. Und er war glatt rasiert, in ihren Augen ein gewaltiges Plus. Jacey hasste nämlich Männer mit wildem Bartwuchs.

Sie kurbelte die Windschutzscheibe nach unten. Offensichtlich hatte der Mann kurz zuvor etwas gefragt, denn er schien auf eine Antwort zu warten.

Sie schluckte nochmals. „Was haben Sie gesagt?“, fragte sie.

„Das hier ist Privatbesitz. Sie sind nicht befugt, das Gelände zu befahren“, erklärte er, sichtlich alles andere als begeistert davon, im strömenden Regen mit einem Eindringling fertigwerden zu müssen.

So viel zur legendären texanischen Gastfreundschaft, dachte Jacey und seufzte innerlich auf.

Sie zeigte auf die über dem Lenkrad ausgebreitete Straßenkarte, die ihren voluminösen Körperumfang verbarg. „Ich habe mich verfahren.“

Er sah sie aus schmalen Augen an. „Das habe ich mir fast schon gedacht.“

„Ich wollte eigentlich zur Indian Lodge im Davis Mountains State Park.“

Der Cowboy zeigte mit dem Daumen in die entgegengesetzte Richtung. „Sie sind mindestens noch sechzig Meilen davon entfernt“, sagte er mürrisch.

Er hätte genauso gut sechshundert sagen können, so schlecht war die Sicht bei diesem Regen und Nebel. Selbst unter guten Bedingungen lag die Höchstgeschwindigkeit auf diesen gewundenen Bergstraßen bei höchstens fünfunddreißig Meilen pro Stunde.

Das war nicht gut.

Zu allem Überfluss hatte sie Rückenschmerzen. Alles, was sie jetzt wollte, war ein bequemes Bett mit einem weichen Kissen.

Offensichtlich war es keine gute Idee gewesen, sich unterwegs auf dem Weg zu ihrer Schwester in El Paso noch etwas die Gegend ansehen zu wollen. „Wie weit ist das nächste Hotel entfernt?“, fragte Jacey.

„Ungefähr genauso weit“, antwortete er schroff.

Jacey unterdrückte ein Stöhnen. „Können Sie mir den Weg erklären?“

Er schüttelte den Kopf. „Ausgeschlossen, selbst bei gutem Wetter wäre das viel zu kompliziert. Ich bringe Sie lieber zurück zur Hauptstraße und zeige Ihnen von da die richtige Richtung.“

Jacey lächelte dankbar. Sie würde sicher noch eine oder zwei Stunden durchhalten. „Danke.“

Sie faltete ihre Straßenkarte zusammen, während der attraktive Cowboy zurück zu seinem Pick-up marschierte. Er wies sie mit einer Handbewegung an, rückwärts aus der Einfahrt zu fahren, und kletterte in sein Fahrerhäuschen.

Jacey gehorchte. Sie hatte Rückenschmerzen von den unerwartet vielen Stunden im Auto. Jetzt schaltete sie die Scheibenwischer auf Höchstgeschwindigkeit und folgte dem Pick-up vor ihr. Als sie nach etwa zwei Meilen über einen Hügelkuppe fuhren, bremste er plötzlich so abrupt, dass sie fast aufgefahren wäre. Irritiert trat sie auf die Bremse. Was war denn nun passiert?

Sie brauchte nicht lange auf eine Antwort zu warten. Der Cowboy sprang aus dem Pick-up und kam zu ihr rüber. „Die Brücke ist überflutet!“, rief er durch das Fenster.

Jacey konnte die Steinbrücke von ihrem Wagen aus nicht erkennen. „Wie hoch steht das Wasser?“, rief sie zurück.

„Etwa vierzig Zentimeter.“

Jacey fluchte. Wenn sie jetzt weiterfuhr, würde die Strömung sie mit Sicherheit von der Brücke reißen. Nervös sah sie ihn an. „Und was jetzt?“

„Die Straße ist wegen der Straßengräben zu schmal zum Wenden. Sie müssen den Hügel rückwärts zurückfahren.“

Jacey war nicht gut im Rückwärtsfahren. Schon gar nicht unter diesen Bedingungen. „Kann ich nicht stattdessen …“

„Tun Sie einfach, was ich sage!“, befahl er schroff.

„Leichter gesagt als getan“, murmelte Jacey und legte den Rückwärtsgang ein.

Zum einen hatte sie nämlich keine Rückfahrscheinwerfer, was bedeutete, dass sie praktisch ins Nichts fuhr, und zum anderen war die Straße alles andere als gerade. Außerdem war sie körperlich nicht so beweglich wie sonst. Sich umzudrehen, über die Schulter zu gucken und dabei gleichzeitig zu lenken, war für sie in ihrem jetzigen Zustand nicht nur schwierig, sondern praktisch unmöglich.

Es überraschte sie daher nicht, dass die Reifen auf der rechten Seite ihres Kombis plötzlich ins Rutschen kamen. Sie drosselte das Tempo und drehte das Lenkrad in die Gegenrichtung, um wieder auf die Straße zurückzufahren.

Leider vergebens. Da der Regen den Straßenrand total aufgeweicht hatte, sanken die Reifen nur noch tiefer ein.

Jacey bremste unschlüssig.

Der Cowboy stieg wieder aus seinem Truck.

Er warf einen Blick auf ihre Reifen und murmelte etwas vor sich hin, was sie Gott sei Dank nicht verstand. „Festsitzen tun Sie nicht. Zumindest noch nicht“, sagte er.

Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Jacey lächelte schwach.

„Geben Sie einfach nur etwas Gas, und fahren Sie langsam weiter“, befahl er.

Jacey setzte den Fuß auf das Gaspedal und drückte ganz schwach. Der Wagen bewegte sich kein Stück.

Er runzelte die Stirn. „Etwas mehr.“

Jacey verstärkte den Druck. Plötzlich drehten die Reifen durch, und die rechte Seite ihres Wagens sackte noch ein Stück tiefer. Jetzt saß sie doch fest, und zwar am Rande einer einsamen texanischen Landstraße und in Gesellschaft eines schlecht gelaunten Rinderbesitzers, der so aussah, als wolle er überall sein, nur nicht hier.

Sie verstand nur zu gut, wie er sich fühlte.

Schnaubend marschierte er zurück zu ihrem Auto, während über ihm ein Blitz den Himmel durchzuckte. Er stapfte um den Wagen herum, um sich die Reifen näher anzusehen und kam zu ihr zurück. „Vor morgen früh können wir Ihr Fahrzeug nicht holen“, sagte er.

Das hatte Jacey schon befürchtet.

„Sie können in der Arbeiterbaracke übernachten.“

Sie blinzelte. Die Nacht wurde ja immer merkwürdiger. „Zusammen mit … Cowboys?“, fragte sie ungläubig.

„Das Quartier des Kochs ist gerade frei geworden“, sagte er kurz angebunden. „Sie wären dort ungestört.“

Jacey schwankte innerlich. Jemanden nach dem richtigen Weg zu fragen, war eine Sache. Ein Nachtquartier anzunehmen, eine andere. „Ich weiß nicht recht …“

„Sie haben keine andere Wahl, wenn Sie nicht im Wagen übernachten wollen.“

Jeder Idiot konnte auf den ersten Blick erkennen, dass dort zum Schlafen kein Platz war. Ihre Habseligkeiten nahmen jeden freien Zentimeter ein.

Als Jacey nach ihrer Handtasche und ihrer Reisetasche griff, fiel ihr ein, dass sie sich noch gar nicht vorgestellt hatte.

Sie schob sich und ihre Sachen mühsam aus dem Wagen und streckte ihm die Hand entgegen. „Ich bin Jacey Lambert“, sagte sie lächelnd.

Sein Händedruck war warm und fest. Dann fiel sein Blick auf ihren gerundeten Bauch. Sein höfliches, aber reserviertes Lächeln erlosch. „Sie sind ja schwanger!“

„Das merken Sie erst jetzt?“ Der Geburtstermin war in etwa zwei Wochen. Jacey kam sich so voluminös vor wie eine Kuh.

Irritiert presste er die Lippen zusammen. „Ich habe nicht so genau hingesehen.“

„Offensichtlich.“

Sie starrten einander an, während der Regen auf sie hinabströmte.

Er trug einen Regenmantel, sie nicht. Das vom Himmel prasselnde Wasser durchnässte daher in Windeseile ihr Haar und ihre Kleidung.

Als ihm das auch endlich auffiel, legte er einen Arm um ihre Schultern und brachte sie rasch zu seinem Truck.

„Hoffentlich sind Sie besser im Rückwärtsfahren als ich“, witzelte sie, als er sie in das Fahrerhäuschen hob.

Er sah sie nur kühl an. „Ich glaube schon“, entgegnete er und kletterte hinters Steuer.

„Sie haben mir immer noch nicht Ihren Namen genannt“, sagte Jacey, nachdem er seinen Truck sicher an ihrem Auto vorbeigelenkt hatte und sie sich wieder der Lost Mountain Ranch näherten.

„Rafferty Evans.“

„Schön Sie kennenzulernen, Rafferty.“

Er blieb stumm.

Seine Laune hatte sich auch nicht gebessert, als sie vor einem lang gestreckten Lehmgebäude hielten. Sie stiegen aus und legten die kurze Entfernung bis zum Eingang der Arbeiterbaracke im noch immer strömenden Regen zurück – dieses Mal jedoch unter einem großen Regenschirm, den Rafferty Evans hinter dem Beifahrersitz hervorgezogen hatte. Als sie ankamen, schüttelte er den Schirm aus, klappte ihn zu und stellte ihn neben die Tür.

Dann drehte er sich zu ihr um. „Die Arbeiter schlafen schon. Wenn Sie also bitte so leise wie möglich sein würden …“

Jacey nickte. Sie war wahnsinnig erleichtert, endlich wieder in Sicherheit zu sein. Egal, ob dieser gut aussehende Fremde ihr und ihrem ungeborenen Baby hatte helfen wollen oder nicht – Hauptsache, er hatte es getan.

„Kein Problem“, flüsterte sie.

Rafferty hielt ihr die Eingangstür auf und winkte sie herein. Sie betraten einen großen Gemeinschaftsraum mit einem langen Holztisch und Stühlen, einem Steinkamin, in dem das Feuer fast erloschen war, und einer Sitzecke mit Sofa, Polstersesseln und Großbildfernseher. An drei Wänden befanden sich je drei geschlossene Türen, hinter denen wahrscheinlich die privaten Schlafräume lagen. Alles war ruhig.

„Die Küche ist hinten im Haus, falls Sie etwas brauchen. Bedienen Sie sich einfach“, flüsterte Rafferty Evans ihr ins Ohr.

Er griff nach ihrem Ellenbogen und führte sie zu einer Tür. Wie erwartet öffnete sie sich zu einem geräumigen Schlafzimmer mit Kleiderschrank, Lehnstuhl und eigenem Badezimmer. Ein Stapel sauberer Bettwäsche lag am Fußende eines nicht bezogenen Bettes.

„Ich sehe gleich morgen früh noch mal nach Ihnen“, sagte er.

Dann drehte er sich um und ging.

Eli war noch wach, als Rafferty ins Haupthaus zurückkehrte. „Ist alles in Ordnung?“, fragte er.

Rafferty hängte seinen nassen Hut und den Regenmantel auf und ging in die Küche. „Nicht ganz.“ Er nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank und öffnete die Flasche.

Dann trank er einen großen Schluck. „Die Brücke ist überflutet, was wir wegen des Nebels erst im letzten Moment gesehen haben. Beim Rückwärtsfahren ist die Frau im Schlamm stecken geblieben. Wir haben morgen früh also noch reichlich zu tun.“

Eli brauchte ein Weilchen, bis er alles verdaut hatte. „Und wo ist sie jetzt?“, fragte er schließlich.

So weit weg von mir wie unter den gegebenen Umständen nur möglich.

Rafferty trank noch einen Schluck Bier und versuchte zu verdrängen, wie unglaublich schön diese Jacey Lambert war. „In den Unterkünften des Kochs.“

Eli brauchte diesmal noch länger, um zu begreifen. Er musterte seinen Sohn missbilligend. „Du hast eine Lady in der Arbeiterbaracke untergebracht?“

Sogar noch schlimmer, dachte Rafferty. Eine schwangere Lady. Aber das brauchte sein Vater ja noch nicht zu wissen.

Rafferty zuckte die Achseln und ging zurück zum Kühlschrank, um sich etwas zu essen zu holen. Dabei versuchte er, nicht an Jacey Lamberts reife Madonnenfigur in durchnässtem Zustand zu denken.

In der Arbeiterbaracke war es schließlich warm, sie hatte zwei Decken, einen Stapel Laken und Handtücher, die Möglichkeit, warm zu duschen, und eine Reisetasche, in der sich mit Sicherheit trockene Kleidungsstücke befanden. Es ging ihr gut. Und falls nicht, war sie unter Garantie genauso fähig, die Arbeiter um Hilfe zu bitten, wie ihren Wagen in den Graben zu manövrieren. Und jetzt musste er schleunigst sie und alles andere, woran er noch immer nicht denken wollte, aus seinem Kopf verbannen.

„Sie wirkte ganz zufrieden“, sagte Rafferty. Hungrig verschlang er ein Stück Cheddar.

„Trotzdem gehört es sich nicht“, sagte Eli vorwurfsvoll.

Diese Reaktion hatte Rafferty schon erwartet. Dem Blick seines Vaters ausweichend, warf er die leere Bierflasche in den Müll. „Hör mal, sie war todmüde. Wahrscheinlich schläft sie schon. Und ich werde jetzt das Gleiche tun.“

„Wir reden morgen früh weiter“, sagte Eli scharf.

Von ihm aus. Hauptsache nicht jetzt. Nicht, wenn so viele unerwünschte Erinnerungen in ihm hochstiegen.

„Gute Nacht, Dad.“ Rafferty umarmte seinen Vater und ging zu seinem Zimmer.

Erst als er dort ankam, traf ihn der Verlust mit erneuter Wucht.

Doch statt seiner eigenen Familie sah er beim Ausziehen und Zähneputzen nur den weiblichen Eindringling vor seinem inneren Auge.

Sie hatte glänzendes dunkles Haar, eine oder zwei Nuancen dunkler als seines, das ihr sexy über die schlanken Schultern fiel. Leider war das nicht ihr einziger Pluspunkt. Ihre lebhaften Augen mit den vollen Wimpern waren nicht weniger faszinierend.

Gott sei Dank würde sie verschwinden, sobald er ihren Kombi aus dem Schlamm gezogen hatte.

Und je eher das passierte, desto schneller konnte er ihr fröhliches Lächeln und ihre grünen Augen vergessen.

Es musste nur endlich aufhören zu regnen!

2. KAPITEL

Als Jacey am nächsten Morgen aufwachte, hatte sie Schmerzen – wie immer, wenn sie zu lange hinterm Steuer gesessen hatte. Außerdem meldete sich ihr Magen.

Sie schlug die Augen auf und wusste im ersten Moment nicht, wo sie sich befand.

Doch dann brachte ihr der aufs Dach prasselnde Regen das Unwetter der vergangenen Nacht in Erinnerung. Und ihren Retter mit dem schwarzen Hut.

Jacey kniff die Augen zu, um das Bild seines markanten Gesichts und seines durchtrainierten Körpers abzuschütteln.

Sie wusste selbst nicht, was sie an Rafferty Evans so attraktiv fand. Schließlich hatte sie schon jede Menge gut aussehender Männer mit dunklem Haar und leuchtend blauen Augen gesehen. Jedes Detail seines Gesichts für sich genommen war keineswegs bemerkenswert. Und dass jeder Zentimeter von ihm pure Männlichkeit, Kraft und Selbstsicherheit ausstrahlte und seine breiten Schultern so aussahen, als würden sie jede Frau vor dem heftigsten Sturm beschützen, war noch lange kein Grund, dass ihr Körper beim bloßen Gedanken an diesen Mann von Kopf bis Fuß kribbelte.

Aber leider war das ihre Reaktion. Nicht gut.

Ihr Volvo Kombi steckte noch immer im Schlamm fest. Und das in ihr heranwachsende Baby brauchte Nahrung.

Barfuß ging sie ins Badezimmer und zog ihren tannengrünen Umstandsrock und einen cremeweißen Pullover über. Da sie heute besonders gut aussehen wollte, trug sie sorgfältig Make-up auf und band ihr Haar zu einem wippenden Pferdeschwanz.

Sie schlüpfte in ihre braunen Lederschuhe mit Absatz, die in dieser Umgebung völlig fehl am Platze wirkten, und packte ihre Reisetasche. Dann öffnete sie die Tür zum Hauptraum und traute ihren Augen kaum.

Fünf Cowboys unterschiedlicher Größe und Alters starrten sie an. Anscheinend warteten sie auf irgendetwas. „Hi, ich bin Jacey Lambert.“ Verlegen streckte sie die Hand aus.

Der dünnste und längste von ihnen schüttelte ihr zuerst die Hand. „Ich bin Stretch.“

Es war nicht zu übersehen, warum man ihn so nannte.

„Und ich Curly.“ Ein Mann von Mitte zwanzig mit blonden Locken und Schlafzimmerblick folgte Stretchs Beispiel.

Anscheinend ist er der selbst ernannte Ladykiller der Truppe, dachte Jacey, als er ihre Hand etwas zu lange festhielt.

„Alle nennen mich Red“, sagte ein dritter.

Er sah aus wie höchstens neunzehn und hatte leuchtend rotes Haar und Sommersprossen.

„Ich bin Hoss“, sagte ein großer Typ mit rundem Bauch und Halbglatze. Wahrscheinlich hieß er so wegen der verblüffenden Ähnlichkeit mit dem gleichnamigen Charakter der Bonanza-Serie.

„Und ich heiße Gabby“, sagte der letzte.

„Wir freuen uns sehr, dass Sie hier sind“, fuhr er fort und schüttelte enthusiastisch ihre Hand.

„Stimmt. Wir hatten schon gar nicht mehr damit gerechnet, jemand Neues zu bekommen, und wir sind am Verhungern.“

Jacey hatte nicht die geringste Ahnung, wovon sie überhaupt sprachen. „Ehrlich gesagt geht es mir genauso“, sagte sie.

„Wir wissen, dass Sie gerade erst angekommen sind“, sagte Stretch und klopfte seinen vorgewölbten Bauch. „Könnten Sie sich vielleicht trotzdem erbarmen und uns Frühstück machen?“

Jacey blinzelte überrascht. „Jetzt sofort?“

„Ja.“ Die fünf zuckten die Achseln. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht?“

Jacey hielt es nur für angemessen, sich irgendwie für die Gastfreundschaft zu bedanken. „Klar“, antwortete sie lächelnd. „Sehr gern sogar.“

Rafferty entschied sich dagegen, zur Arbeiterbaracke zu fahren – der unerwartete Gast verschlief wahrscheinlich ohnehin den halben Vormittag – und fuhr zunächst zum Fluss. Die Betonbrücke stand komplett unter Wasser, und da der Regen noch immer vom Himmel strömte, war es nicht allzu wahrscheinlich, dass sie bald passierbar sein würde.

Rafferty war sich der Bedeutung dieser Tatsache vollauf bewusst, als er zurück zum Pick-up marschierte. Auf dem Rückweg zur Ranch kam er an dem roten Kombi vorbei, dessen rechte Reifen bis über die Schutzkappen im schlammigen Graben steckten.

Noch dazu schien der Wagen bis obenhin mit Küchenutensilien, einem Kinderwagen und einer Babyschale vollgestopft zu sein. Es würde ein hartes Stück Arbeit werden, den überlasteten Wagen rauszuziehen, aber die Alternative, all diese Habseligkeiten aus- und dann wieder einzuladen, war auch nicht gerade verlockend.

Kurz entschlossen fuhr Rafferty zur Arbeiterbaracke.

Beim Anblick der erleuchteten Fenster hellte seine Stimmung sich etwas auf. Offensichtlich waren die Männer schon auf den Beinen.

Rafferty schüttelte das Wasser vom Regenmantel und trat ein, blieb jedoch angesichts der Szenerie vor sich wie angewurzelt stehen. Stretch deckte gerade den Tisch, Curly schenkte Kaffee ein und Red, Gabby und Hoss stellten Schüsseln mit dampfendem und köstlich duftendem Essen auf den Tisch. So etwas hatten sie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr vorgesetzt bekommen.

Und mittendrin war Jacey Lambert.

Sie sah womöglich noch hübscher aus als in der Nacht zuvor. Ihre Wangen waren gerötet – ob von der Hitze des Herds oder den hingerissenen Blicken der Männer um sie herum, konnte Rafferty nicht erkennen.

„Hey Boss!“, rief Stretch.

„Ich hole dir einen Teller.“ Red eilte davon.

„Mann, riecht das lecker!“ Hoss schob Jacey einen Stuhl zum Kopfende des Tisches.

Noch mehr errötend, murmelte sie einen Dank und setzte sich so anmutig hin, wie ihr Babybauch es erlaubte.

Rafferty spürte, wie sich etwas in ihm regte. Hastig verdrängte er das Gefühl.

„Wir hätten nicht gedacht, so schnell wieder eine Köchin zu bekommen“, sagte Curly und nahm sich eine großzügige Portion Rührei mit Tortillastreifen, Peperoni und Cheddarkäse.

Er reichte die Schüssel an Jacey weiter, während die anderen sich Bratkartoffeln, Kekse und Bratäpfel auf die Teller luden.

Gabby sprach ein kurzes Tischgebet, und dann aßen sie andächtig.

Zu Raffertys Leidwesen war das Essen mindestens genauso lecker, wie es aussah. Er warf Jacey einen neugierigen Blick zu. „Sind Sie etwa Köchin?“

Sie hob die Augen zu ihm und schüttelte den Kopf. „Ich bin eigentlich Immobilienverwalterin. Das heißt … ich war es bis vor Kurzem noch. Kochen macht mir einfach Spaß.“

„Kein Wunder“, sagte Gabby charmant. „Sie sind nämlich verdammt gut.“

„Danke.“

„Und genau deshalb sind wir auch so froh, Sie hier zu haben“, fügte Stretch hinzu.

Rafferty konnte an Jacey Lamberts Lächeln erkennen, dass sie keine Ahnung hatte, wovon die Männer sprachen. Dann musste er jetzt wohl oder übel die unangenehme Aufgabe übernehmen, ihnen ihre Illusionen zu rauben. „Jacey ist nicht die neue Köchin“, sagte er.

Verständnislos starrten die Arbeiter ihn an.

Rafferty stieß einen leisen Fluch aus und versuchte es noch einmal. „Ich habe sie nicht angeheuert. Sie arbeitet hier nicht.“

„Warum schläft sie dann hier?“, fragte Hoss verwirrt.

„Ich bin gestern mit meinem Kombi im Schlamm stecken geblieben“, erklärte Jacey. Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und rieb sich zärtlich den Bauch.

Rafferty riss seinen Blick von der Wölbung los, schob die unerwünschten Erinnerungen beiseite, die der Anblick in ihm wachrief, und sah die Männer an. „Sie ist auf der Durchreise, und zwar zur …“

„… zunächst zur Indian Lodge im Davis Mountains State Park und dann nach El Paso“, erklärte Jacey.

„Sie verlässt uns, sobald das Hochwasser sinkt.“

„Dann lass uns beten, dass es nie sinkt.“ Curly zwinkerte ihr verführerisch zu.

Alle lachten – auch Jacey. Nur Rafferty nicht. Stattdessen richtete er sich auf. Er wollte gerade Anweisungen erteilen, als Jacey einen leisen ängstlichen Schrei ausstieß.

Alle Blicke richteten sich auf sie.

Sie schob den Stuhl zurück und stand unbeholfen auf. Zitternd betrachtete sie die Pfütze auf ihrem Stuhl und flüsterte mit schreckgeweiteten Augen: „Ich glaube, meine Fruchtblase ist gerade geplatzt.“

Das kann doch nicht wahr sein! dachte Jacey. In diesem Augenblick öffnete sich plötzlich die Tür, und ein grauhaariger älterer Mann mit den gleichen markanten Gesichtszügen wie Rafferty Evans trat ins Zimmer. Er nahm seinen durchnässten Hut ab. „Was ist hier los?“, fragte er mit ruhiger Autorität.

Jacey stützte sich mit einer Hand auf dem Tisch ab. „Ich fürchte … ich bekomme mein Baby“, antwortete sie und krümmte sich vor Schmerz.

Unwillkürlich stöhnte sie auf.

Die Knie gaben unter ihr nach.

Sofort war Rafferty an ihrer Seite. Er legte ihr einen Arm unter den Rücken, schob den anderen unter ihre Knie, hob sie hoch und trug sie den kurzen Weg zu ihrem Bett.

Behutsam legte er sie hin.

Jacey schloss die Augen und versuchte, die unerträglichen Schmerzen zu ignorieren.

„Wir müssen Sie ins Krankenhaus bringen“, sagte Rafferty schroff.

Eine weitere, noch heftigere Wehe kam. Jacey packte Raffertys Arm und drückte beim Ansteigen des Schmerzes immer heftiger zu. Panik stieg in ihr auf. Oh Gott! „Ich glaube nicht, dass ich so lange warten kann.“ Sie war froh, endlich zu liegen – bestimmt wäre sie sonst zusammengebrochen. Ihr Atem kam in raschen, abgerissenen Stößen.

Rafferty gefiel das gar nicht. Er starrte auf sie hinunter und wollte am liebsten mit bloßer Willenskraft ihre Wehen stoppen. „Oh doch, Sie können!“

Jacey spürte hysterisches Gelächter in sich aufsteigen. Sie schüttelte den Kopf und krallte sich an seinem Arm fest, damit Rafferty nicht fortging. „Ich spüre, wie das Baby kommt!“

„Das wird noch eine Weile dauern.“

Wirklich? Jacey keuchte und geriet immer mehr in Panik. Sie war doch eigentlich erst in zwei Wochen soweit!

Die anderen Cowboys drängten sich ins Zimmer, zusammen mit dem älteren Rancher. „Ich habe gerade im Krankenhaus angerufen“, erklärte er. „Der Hubschrauber kann nicht starten, bis der Nebel sich aufgelöst hat, was noch mindestens eine halbe Stunde dauern wird. Und da die Brücke überflutet ist … Wenn das Baby es so eilig hat, werden wir es vielleicht selbst zur Welt bringen müssen.“

Bei der nächsten heftigen Wehe stieß Jacey einen Schmerzensschrei aus. Es fühlte sich an wie eine Presswehe.

Nur wie durch einen Nebelschleier hörte sie Rafferty fluchen.

„Seht uns nicht so an!“, sagten die Cowboys und zogen sich mit abwehrend erhobenen Händen zurück. „Wir haben keine Ahnung von Geburten.“

Der Alte drehte sich zu Rafferty um. „Scheint so, als wärst du jetzt gefragt, mein Sohn.“

Rafferty fluchte noch heftiger, was nicht gerade ermutigend war. „Warum ich?“, fragte er.

„Weil du der Einzige von uns bist, der eine Ausbildung zum Tierarzt hat“, sagte Stretch.

Tierarzt? dachte Jacey panisch.

Rafferty sah genauso hilflos aus, wie Jacey sich fühlte. „Ich habe das Studium nicht abgeschlossen“, erklärte er und sah die Hilfsarbeiter wütend an. „Außerdem qualifiziert mich das wohl kaum zum Geburtshelfer.“

„Das vielleicht nicht gerade“, sagte Hoss zögernd. „Aber im Augenblick bist du derjenige, der am meisten Ahnung hat, Boss.“

Von einer weiteren Wehe überwältigt, umklammerte Jacey mit beiden Fäusten die Decke, auf der sie lag. Das war ja eine schöne Bescherung! Erst verirrte sie sich hoffnungslos, was ihr sonst nie passierte, fuhr ihr Auto in den Straßengraben, verbrachte die Nacht in einer Arbeiterbaracke, wurde irrtümlich für die neue Köchin gehalten, zauberte ein Frühstück, das alle begeisterte … und bekam urplötzlich Wehen. Und dann … Von einer neuen Wehe gepackt, stöhnte sie laut auf. „Ich kann nicht fassen, dass ich mein Baby von einem verkrachten Tierarzt zur Welt bringen lassen soll!“

„Aber, aber! Rafferty hat wirklich etwas Ahnung von Geburtshilfe“, beruhigte Curly sie mit einem Augenzwinkern.

„Er bringt alle Pferde und Kühe auf der Ranch zur Welt“, fügte Red hilfsbereit hinzu. „Zumindest die, die seine Hilfe nötig haben.“

„Das ist aber nicht das Gleiche“, protestierte Rafferty.

„Noch nicht einmal annähernd“, stimmte Jacey in dem gleichen humorlosen Tonfall zu.

„Es wird schon ausreichen“, warf der alte Mann ruhig ein. „Die Ärzte im Krankenhaus stehen euch bis zur Ankunft des Hubschraubers telefonisch zur Seite – du brauchst nur anzurufen.“ Er schob das Handy in Raffertys Hand und streckte Jacey dann seine Hand entgegen. „Ich bin übrigens Eli Evans“, sagte er freundlich und sah sie aufmunternd an. „Die Ranch gehört meinem Sohn und mir.“

Eli machte einen sehr sympathischen Eindruck, gastfreundlich und hilfsbereit. Ganz anders als sein Sohn, der Hilfe offensichtlich genauso widerwillig gewährte, wie Jacey sie akzeptierte.

Eine weitere Wehe kam. Jacey hatte Mühe, nicht zu wimmern, als der Schmerz immer unerträglicher wurde. Ihr fiel der Rat der Hebamme ein, sich zu entspannen, und sie begann zu hecheln. „Schön, Sie kennenzulernen, Sir.“

Ihre immer alles besser wissende Schwester hatte mal wieder recht gehabt – Jacey hätte sich auf dem Weg nach El Paso nicht so viel Zeit lassen dürfen.

Sie zwang sich zu einem Lächeln und konzentrierte ihre Aufmerksamkeit auf Eli. „Und danke dafür, dass Sie mich letzte Nacht hier haben schlafen lassen.“

„Gern geschehen.“ Eli drückte ihr beruhigend die Hand und ließ sie los. „Obwohl ich Sie an Raffertys Stelle im Ranchhaus untergebracht hätte“, fügte er hinzu.

„Das Zimmer war völlig in Ordnung.“ Sie hatte gut geschlafen, was von Vorteil war, wenn man bedachte, was jetzt noch vor ihr lag.

„Sie müssen unbedingt das Frühstück probieren, das sie uns gemacht hat“, sagte Stretch zu Eli.

Der hob überrascht die buschigen Augenbrauen. „Haben Sie etwa gekocht?“

Jacey zuckte die Achseln. Ihr ganzer Körper war inzwischen schweißnass. „Es erschien mir nur fair. Außerdem hatten wir alle Hunger.“

Schließlich konnte sie sich nicht länger beherrschen und stieß einen lauten Klagelaut aus.

Alle im Zimmer außer Rafferty traten von ihrem Bett zurück. Jaceys Gesicht war hochrot, und ihre Haare waren schweißnass. Obwohl sie vorschriftsmäßig hechelte, hatte sie das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen.

Vater und Sohn wechselten einen besorgten Blick, den sie lieber übersehen hätte. „Sagen Sie Bescheid, wenn Sie etwas brauchen.“ Eli dirigierte die Cowboys hinaus und schloss die Tür hinter ihnen.

Jacey und Rafferty waren allein. Offensichtlich war er genauso wenig glücklich über diese Situation wie sie.

Er wählte eine Nummer auf dem Handy, erklärte jemandem am anderen Ende der Leitung, dass er derjenige war, der das Baby zur Welt bringen würde, und hörte konzentriert zu. „Ist das Ihr erstes Kind?“, fragte er Jacey.

„Ja.“

„Dann haben wir möglicherweise noch jede Menge Zeit.“

Rafferty hob wieder das Handy zum Ohr und lauschte konzentriert einem ellenlangen Vortrag, vermutlich haufenweise Warnungen, was alles schiefgehen konnte. Er versprach, zurückzurufen, sobald er weiteren Rat brauchte, legte auf und öffnete die Schlafzimmertür. „Bringt mir einen Stapel sauberer Handtücher und etwas, worin ich das Baby einwickeln kann!“, rief er.

Die nervös umherlaufenden Cowboys gehorchten sofort. Schon wenige Sekunden später schob man einen Stapel sauberer Wäsche in Raffertys Arm.

„Kocht eine Schere und ein Stück Seil ab. Beides muss unbedingt steril sein!“, bellte er, bevor er die Tür schloss und wieder zum Bett marschierte. Trotz seines Mangels an Erfahrung strahlte er die Selbstsicherheit eines Revolverhelden aus. Seltsamerweise hätte Jacey ihn gerade deshalb am liebsten vors Schienbein getreten. Es war zwar widersinnig, aber sie wollte, dass er genauso panisch und außer Kontrolle reagierte wie sie. Dann würde sie sich ihm zumindest nicht so verdammt unterlegen fühlen!

Mit einem amüsierten Funkeln in den blauen Augen betrachtete er ihr zerzaustes Haar und ihre roten Wangen. „Wollen Sie eine Patrone, um darauf zu beißen?“

„Sehr witzig!“, keuchte sie.

„Oder vielleicht etwas Whisky, um den Schmerz zu betäuben?“

„Ich lach mich kaputt.“ Tränen strömten ihr über das Gesicht. „Aber ich könnte jetzt etwas von den wundervollen Mitteln vertragen, die sie einem im Kreißsaal geben.“

„Ich bin sicher, dass man Ihnen etwas verabreichen wird, sobald der Hubschrauber hier ist. Bis dahin …“, er zog einen Stuhl zum Bettende, „… müssen wir Sie in eine etwas günstigere Position bringen.“ Er klopfte auf das Fußende der Matratze. „Rutschen Sie bitte mal hierhin.“

Wie bitte? Ihr Körper fühlte sich so an wie in einem Schraubstock! Jacey zitterte plötzlich am ganzen Leib. „Ich glaube nicht, dass ich das kann.“

„Ich helfe Ihnen.“ Behutsam schob er seine warmen Hände unter sie und zog sie zum Fußende. Dann setzte er sich hin, stellte ihre Füße so, dass ihre Knie angewinkelt waren, und hielt mit einer Hand ihr Becken hoch, um zwei Handtücher unter ihr auszubreiten.

Eine weitere schmerzhafte Wehe überwältigte sie. Bildete sie sich das nur ein, oder konnte sie wirklich fühlen, wie ihr Baby tiefer rutschte? „Ich glaube, ich spüre schon den Kopf.“

„Es gibt nur einen Weg, um das herauszufinden.“ Rafferty klang so ruhig und sachlich, als sprachen sie gerade über das Wetter. „Ich sehe mal nach, wie weit der Muttermund schon geöffnet ist.“

„Da macht sich das abgebrochene Studium der Tiermedizin wohl doch noch bezahlt.“

„Wer ist hier nun der Witzbold?“

Jacey lächelte. Anscheinend konnte man sich mit ihm witzige Wortgefechte liefern. Unter anderen Umständen … Sie schnappte nach Luft, als eine weitere Wehe sie überwältigte.

Raffertys Gesichtsausdruck bestätigte ihre schlimmsten Befürchtungen. „Rufen Sie jetzt im Krankenhaus an?“

Er schüttelte den Kopf. „Dazu haben wir keine Zeit mehr.“

Keine Zeit?! Was sollte das denn heißen?

„Bleiben Sie am Ball, Jacey.“ Raffertys Stimme war so warm wie seine Berührung. „Wir schaffen das.“

In seiner Gegenwart hatte Jacey plötzlich tatsächlich das Gefühl, dass sie es schaffen konnte.

Rafferty arbeitete konzentriert. „Ich muss Sie jetzt anfassen“, sagte er. Sanft übte er Gegendruck auf ihren Damm aus und gab ihr so das Gefühl, die Dinge zumindest ein bisschen unter Kontrolle zu haben. „Sie müssen durch die Wehen hecheln oder prusten, aber Sie dürfen nicht pressen. Zumindest noch nicht. Ich sage Bescheid, wann es so weit ist.“

Jacey musste ihre ganze Selbstbeherrschung aufwenden, um gegen den unerträglichen Schmerz anzukämpfen und zu gehorchen.

„Ich kann schon den Kopf sehen. Er kommt raus … schön langsam … so ist es gut. Nur keine Eile. Einen Augenblick noch! Ich muss erst die Nabelschnur vom Hals des Babys wickeln.“

Jacey atmete scharf ein und rührte sich nicht. Sie traute sich kaum zu atmen.

„Gleich haben wir es geschafft“, murmelte Rafferty und schob die Schnur über den Kopf des Babys. „Okay, wir können loslegen“, sagte er lächelnd. Sie spürte seine Handrücken an ihren gespreizten Oberschenkeln, als er den Kopf des Babys in die Hände nahm. „Jetzt pressen! Da ist schon eine Schulter … und ein Oberarm …! Noch eine Schulter und … ein Baby!“, verkündete er triumphierend.

Jacey spürte, wie das Baby aus ihr hinausschlüpfte, gefolgt von einem Schwall Flüssigkeit. Unbeschreiblich glücklich sah sie zu, wie Rafferty den Mund des Babys von Schleim befreite und das zappelnde und schreiende Wesen hochhielt, damit sie es sehen konnte.

Rafferty hatte einen Kloß im Hals, als das Baby einen kräftigen Schrei nach dem anderen ausstieß. Jubelgeschrei erklang auf der anderen Seite der Tür und vereinte sich mit Jaceys entzücktem Aufschrei, als sie ihrer kleinen Tochter zum ersten Mal in die Augen sah. „Hallo Caitlin, mein süßes kleines Mädchen“, flüsterte sie. Freudentränen strömten ihr über das Gesicht.

„Herzlichen Glückwunsch“, sagte Rafferty schroff und verdrängte die Erinnerungen an eine Zeit in seinem Leben, die ihn um eine solche Erfahrung gebracht hatte.

Er wickelte das rosige, schreiende Baby in ein Handtuch und übergab Caitlin ihrer Mutter.

Jacey war so überwältigt, dass sie nur stumm nicken konnte. Zärtlich drückte sie ihr Neugeborenes an die Brust. Rafferty hatte Mühe, seine Gefühle unter Kontrolle zu bringen. Tränen brannten in seinen Augen, als er zum Fußende des Betts zurückkehrte, um seine Aufgabe abzuschließen. „Wollen Sie nicht jemanden informieren?“, fragte er so unpersönlich wie möglich.

Jacey erstarrte. „Falls Sie einen … Ehemann meinen …“

Genau das.

Es widerstrebte ihm zwar, sie sich mit einem anderen Mann vorzustellen, aber dass sie allein sein sollte, fand er auch nicht richtig.

„Ich habe keinen.“

Rafferty hatte sich das fast schon gedacht. Sie wirkte so selbstständig und unabhängig. Er warf einen prüfenden Blick auf die Nachgeburt, die noch immer an der Nabelschnur hing.

Dann ging er zur Tür, ließ sich von den Cowboys auf der anderen Seite die sterilisierte Schere und das Seil geben und schloss die Tür wieder. „Dann eben den Vater des Babys“, sagte er.

Wie verzaubert von dem inzwischen ruhigen Bündel in ihren Armen schüttelte Jacey den Kopf. „Den gibt es ebenfalls nicht“, antwortete sie leise.

Rafferty warf einen Blick auf ihre linke Hand. Kein Ehering.

Was meinte sie damit? Hatte der Vater ihres Babys sie verlassen? War er womöglich gestorben? Oder lebte er noch, wollte aber nichts mit dem Kind zu tun haben? Ihr Gesichtsausdruck war verschlossen. Offensichtlich wollte sie nicht darüber reden.

Das war natürlich ihr gutes Recht. Schließlich redete auch er nicht gern über sein Privatleben. Trotzdem musste es doch jemanden geben, den man informieren konnte.

„Dann eben Familie“, beharrte er. Die Plazenta war inzwischen herausgekommen, sodass er endlich die Nabelschnur durchtrennen konnte. Als er damit fertig war, wickelte er das Handtuch wieder um das Baby, um es warm zu halten.

„Ich habe eine Schwester in El Paso, die mir eigentlich bei der Geburt beistehen wollte. Ich werde sie später vom Krankenhaus aus anrufen.“

Plötzlich hörten sie das Knattern eines sich nähernden Hubschraubers.

„Klingt nach dem Notarzt“, sagte Rafferty. „Endlich.“

In seinen Augen kam er keinen Moment zu früh, angesichts der verstörenden Erinnerungen, die diese Ereignisse in ihm geweckt hatten.

3. KAPITEL

„Ich habe gerade gehört, dass Sie und das Baby bald entlassen werden“, sagte Eli Evans zwei Tage später in der Tür von Jaceys Krankenhauszimmer. Verlegen nestelte er an dem Hut in seiner Hand. „Darf ich reinkommen?“

Jacey lächelte. „Gern. Ich bin Ihnen, Ihrem Sohn und den anderen Männern auf der Ranch unendlich dankbar.“

Von dem Studienabbrecher, der ihr Kind auf die Welt gebracht hatte, hatte sie jedoch noch kein Sterbenswörtchen gehört.

Der attraktive Rancher hatte weder angerufen, noch war er vorbeigekommen oder hatte Blumen geschickt.

Natürlich war er ihr gegenüber zu nichts verpflichtet, aber trotzdem hatte sie insgeheim gehofft, ihn wiederzusehen. Bei Caitlins Geburt hatte sie fast den Eindruck gehabt, dass sich zwischen ihnen etwas Besonderes entwickelte.

Offensichtlich hatte sie sich geirrt.

Rafferty würde sie nicht auf dem Weg in die Mutterschaft begleiten und ihr auch nicht dabei helfen, ihre besitzergreifende ältere Schwester Mindy abzuwimmeln. Leider hatte sie jetzt keine breite Schulter zum Anlehnen. Obwohl sie sich gerade das für einen kurzen unvorsichtigen Moment gewünscht hatte …

Völlig ahnungslos, was gerade in ihr vorging, stellte Eli eine Vase mit Blumen auf ihren Nachttisch.

„Die Männer sehen das ganz anders“, erklärte er. „Sie schwärmen noch immer von Ihrem Frühstück.“

Froh darüber, aus ihren Gedanken gerissen zu werden, winkte Jacey ab. „Das war doch nichts Besonderes.“

„Für Arbeiter, die seit Monaten keine vernünftige Mahlzeit vorgesetzt bekommen haben, schon. Und genau aus diesem Grund bin ich gekommen.“ Eli schwieg für einen Moment, während er wie ein liebevoller Großvater Caitlins Wange berührte. „Ich habe den Männern versprochen, Sie wenigstens zu fragen, ob Sie nicht bei uns als Köchin anfangen wollen.“

Jacey blinzelte überrascht. Wenn das nicht ein Wink des Schicksals war! Sie drückte Caitlin zärtlich an sich und atmete den zarten Babyduft ein. „Meinen Sie das ernst?“

„Selbstverständlich, Miss Lambert. Wir müssen in den nächsten fünf bis sechs Wochen die Herde für den Winter zusammentreiben und haben dafür fünf Arbeiter angeheuert, die drei anständige Mahlzeiten am Tag brauchen. Aber ich könnte es natürlich verstehen, wenn Sie sich nach der Geburt lieber noch ein Weilchen erholen wollen. Vielleicht haben Sie ja auch schon ein anderes Jobangebot.“

Er wusste also schon, dass sie keinen Mann hatte. Rafferty musste es ihm erzählt haben. Dann konnten sich die beiden bestimmt auch denken, dass sie dank ihrer unerwarteten Kündigung nicht allzu viele Optionen hatte.

Sie stand nämlich vor dem Problem, sich kurzfristig einen neuen Job und eine neue Wohnung suchen zu müssen, wenn sie nicht auf Dauer auf ihre Schwester angewiesen sein wollte. Und das kam nicht infrage, denn die überbesorgte Mindy würde sie nicht nur täglich, sondern stündlich mit einer Flut guter Ratschläge überschütten. Elis Jobangebot war also ihre einzige Chance.

„Ich bin tatsächlich gerade auf der Suche nach einem Job und einer Wohnung – zumindest vorübergehend“, antwortete sie erleichtert. Sie konnte sich zwar nicht vorstellen, für immer auf einer so abgeschiedenen Ranch zu leben, aber zumindest konnte sie sich von da aus in aller Ruhe einen neuen Job als Immobilienverwalterin suchen.

Nervös knetete Eli die Krempe seines Stetsons. „Könnten Sie es sich denn vorstellen? Wir würden Sie auch gut bezahlen.“

Zu Jaceys Überraschung bot er ihr ein Gehalt an, das ungefähr dem ihres vorherigen Jobs entsprach. Ein Glücksgefühl durchströmte sie. „Könnte ich Caitlin die ganze Zeit über bei mir haben?“

„Selbstverständlich. Wir werden dafür sorgen, dass Sie beide alles bekommen, was Sie brauchen.“

Wir. Plötzlich fiel Jacey wieder ein, dass die Lost Mountain Ranch nicht nur Eli gehörte. Sie biss sich auf die Unterlippe. „Und was ist mit Ihrem Sohn? Was sagt er zu Ihrem Vorschlag?“

Elis Gesichtsausdruck bestätigte ihren Verdacht – Rafferty war offensichtlich alles andere als begeistert von der Aussicht, sie als Köchin zu beschäftigen.

„Das überlassen Sie ruhig mir“, antwortete Eli.

„Es interessiert mich nicht, wie schicksalhaft das Angebot zu sein scheint! Den Job als Köchin auf der Lost Mountain Ranch anzunehmen, war ein Fehler“, schimpfte Mindy, während Jacey das Baby umzog, damit sie nach Hause fahren konnten. „Du weißt ganz genau, was dann passieren wird.“

Jacey wickelte Caitlin in eine Babydecke. „Ja. Ich werde etwas Geld für einen Neuanfang sparen.“

Genervt schüttelte Mindy sich das kurz geschnittene dunkle Haar aus dem Gesicht und sah Jacey durchbohrend an. „Nein, aber du wirst dich ganz schnell viel zu wohlfühlen. Und dann wirst du dich wieder für die bequemste Lösung entscheiden, anstatt das anzustreben, was du wirklich willst.“

Jacey reichte Caitlin ihrer Schwester, die mit ihrem maßgeschneiderten eleganten Kostüm wie immer perfekt gekleidet war. „Ich weiß, dass du dir Sorgen um mich machst und das Beste für mich willst“, sagte Jacey. Sie wünschte, ihre Schwester wäre etwas weniger fürsorglich. Schließlich waren sie beide längst erwachsen.

Mindy schnaubte verärgert. „Ich spreche nur aus, was Mom dir auch gesagt haben würde, wenn sie noch am Leben wäre.“

Jacey war überzeugt, dass ihre verstorbene Mutter sie verstanden hätte. Schließlich hatte Karol Lambert selbst viele Opfer bringen müssen, um sich und ihre beiden kleinen Töchter nach dem Tod ihres Mannes durchzubringen.

Aber es hatte keinen Zweck, Mindy zu widersprechen. Mindy war neunzehn Jahre alt gewesen, als ihre Mutter starb, und hatte sich von da an zielstrebig auf ihre Karriere konzentriert. Jacey hielt also den Mund und ging ins Badezimmer, um sich umzuziehen.

„Du musst Cash anrufen und ihm von deinen Problemen erzählen“, sagte Mindy.

„Erstens bin ich einunddreißig Jahre alt und kann meine eigenen Entscheidungen treffen, zweitens habe ich keine Ahnung, wo Cash steckt, und drittens weißt du ganz genau, dass er nichts mit dem Baby zu tun hat.“

Mindy runzelte die Stirn. „Caitlin ist seine Tochter!“

Jacey atmete langsam aus und zählte im Stillen von zehn bis eins. „Das spielt in diesem Fall aber keine Rolle“, erklärte sie.

Plötzlich klappte Mindy die Kinnlade nach unten.

Jacey fragte sich, was ihre Schwester derart aus dem Konzept gebracht hatte. Ihre Antwort jedenfalls nicht, denn die hatte Mindy schon in den letzten neun Monaten nicht beeindruckt. Jacey drehte sich daher um und folgte Mindys Blick. Plötzlich war alles klar. Rafferty Evans stand überlebensgroß in der Tür. Schockiert starrte sie ihn an. Er hatte schon die letzten beiden Male gut ausgesehen, aber verglichen mit seinem jetzigen Anblick in dunkelbrauner Lederjacke, hellblauem Hemd und Jeans war das gar nichts.

„Also, das erklärt natürlich so einiges“, sagte Mindy gedehnt.

Da sie ihrer Schwester in Raffertys Gegenwart nur ungern erklären wollte, dass die Situation anders war, als sie aussah, richtete Jacey ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihn, wobei sie sich einzureden versuchte, dass sie gegen seine Gegenwart immun war. „Was wollen Sie hier?“, fragte sie.

Seine hinreißenden blauen Augen verbargen mehr, als sie verrieten. „Man hat mir aufgetragen, Sie zur Ranch zurückzubringen.“

Völlig grundlos begann Jaceys Herz zu klopfen. „Ihr Vater wollte mich doch eigentlich abholen.“

Rafferty schlenderte ins Zimmer, den Geruch von Seife und Mann verströmend. „Das hätte er auch getan, wenn Sie heute Morgen schon entlassen worden wären.“ Lässig lehnte er sich gegen die Wand und zuckte die Achseln. „Aber da Ihre Entlassung sich verzögert hat, musste ich das übernehmen. Mein Vater hat heute Nachmittag einen Termin bei seinem Rheumatologen in Fort Stockton.“

„Oh.“

Mindy gab Jacey ihre Tochter zurück, ging auf Rafferty zu und schüttelte seine Hand in der für sie typischen einschüchternden Art, die Jacey verabscheute. „Ich bin Dr. Mindy Lambert, Jaceys Schwester. Ich arbeite als Psychologin.“

„Gott sei Dank lasse ich sie nicht an mich ran“, sagte Jacey.

Rafferty lachte.

Sein Lachen klang wundervoll, fand Jacey. „Ich rate Ihnen dringend, meinem Beispiel zu folgen“, ergänzte sie trocken.

Rafferty nickte unbeeindruckt. „Wird gemacht.“ Er sah sich im Zimmer um. „Wenn Sie sich noch etwas unterhalten wollen …“

Mindy hob abwehrend die Hand. „Eigentlich muss ich jetzt sowieso zurück nach El Paso. Ich wollte Jacey dazu überreden mitzukommen, aber da sie sich weigert, werde ich sie und Caitlin eben auf andere Weise im Auge behalten müssen.“

Jacey verdrehte die Augen. „Du solltest wirklich mal etwas gegen deine Überfürsorglichkeit tun. Vielleicht brauchst du ja eine Therapie.“

„Haha!“ Mindy sah zu, wie Jacey Caitlin in das Plexiglasbettchen legte.

„Ganz im Ernst, ich bin froh, dass du mich besucht hast.“ Jacey umarmte ihre Schwester zum Abschied. Trotz aller Differenzen liebten sie einander aufrichtig. „Ich weiß, wie schwierig es für dich ist, von zu Hause wegzukommen.“

Mindy erwiderte die Umarmung herzlich. „Ich würde alles für dich tun, das weißt du doch.“ Sie trat einen Schritt zurück und sah Jacey in die Augen. „Du kannst mich jederzeit anrufen. Halt mich auf dem Laufenden, versprochen?“

Jacey nickte. Plötzlich hatte sie einen Kloß im Hals. „Versprochen“, antwortete sie heiser.

Mindy bückte sich, gab ihrer Nichte einen Abschiedskuss und ging hinaus. Jacey war so damit beschäftigt, ihr hinterherzusehen, dass sie Raffertys Anwesenheit für einen Augenblick ganz vergessen hatte.

„Wer ist eigentlich Cash?“, hörte sie plötzlich seine tiefe männliche Stimme hinter sich.

Jacey drehte sich um. Rafferty stand neben dem Fenster, eine Schulter gegen das Glas gelehnt und die Arme vor der Brust verschränkt. Er sah sexy und ungerührt aus. „Haben Sie vorhin etwa gelauscht?“

„Ich habe es zufällig mitangehört.“ Seine Neugier war unverkennbar. „Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet.“

Jacey packte den Rest ihrer Sachen in die Reisetasche. „Er ist ein Freund, der Sperma für meine Tochter gespendet hat.“

Rafferty machte schmale Augen. „Sie meinen, wörtlich?“

„Die Befruchtung wurde in einer Arztpraxis vorgenommen, falls Sie das meinen. Cash und ich waren uns von Anfang an darin einig, dass er keinerlei Verantwortung für das Kind übernehmen muss.“ Es gab sogar einen Vertrag, der das bestätigte.

Rafferty kam näher. Mit noch immer verschränkten Armen betrachtete er die friedlich schlafende Caitlin. „Will er seine Tochter denn gar nicht sehen?“, fragte er erstaunt.

Jacey holte tief Luft. „Irgendwann einmal bestimmt.“

„Und Sie haben nicht die Absicht …“

„Ihn anzurufen? Ich weiß noch nicht einmal, wo er gerade steckt. Zuletzt habe ich gehört, dass er nach Alaska gefahren ist.“

Rafferty betrachtete sie mit einem unergründlichen Gesichtsausdruck.

Das unerwartet persönliche Gespräch hatte sie etwas aus dem Gleichgewicht gebracht. Mit klopfendem Herzen nahm Jacey ihr Baby und drückte es zärtlich an sich. „Offensichtlich passt Ihnen das nicht.“ Er war nicht der Erste und würde ganz bestimmt auch nicht der Letzte sein, der kein Verständnis für sie hatte.

Rafferty sah ihr über den Kopf des Babys hinweg direkt in die Augen. „Glauben Sie wirklich, dass es so einfach ist, wie es sich anhört?“, fragte er schroff. „Sie machen sich doch nur etwas vor.“

„Was hast du mit ihr angestellt, dass sie so wütend ist?“, fragte Eli anderthalb Stunden später.

Rafferty merkte, dass die Arthritis seines Vaters mit dem Nachlassen des Regens besser geworden war. Eli bewegte sich schon wieder viel lockerer. Doch trotz seines körperlichen Gebrechens waren sein Verstand und die Fähigkeit, seine Umgebung genau zu beobachten, noch völlig intakt.

Rafferty machte sich daher innerlich auf eine Strafpredigt gefasst und lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück. „Was meinst du damit?“

„Ich habe Jaceys Gesicht gesehen, als sie reinkam. Gestern im Krankenhaus wirkte sie noch ganz glücklich, aber jetzt sieht sie aus, als wolle sie jemanden schlagen. Wen, wenn nicht dich?“

Rafferty sah die Post durch, warf die Werbung weg und legte den Rest auf einen Stapel. „Sie hat mir erzählt, dass sie ihr Baby durch eine Samenspende bekommen hat.“

Eli setzte sich. „Wie um alles in der Welt hast du das aus ihr rausgekriegt?“

Das war nicht leicht, dachte Rafferty. „Ich habe sie gefragt.“

Eli schnaubte verächtlich. „Seit wann interessierst du dich für das Privatleben anderer Menschen?“

Eigentlich nie, dachte Rafferty. „Ich wollte doch nur Konversation machen“, log er. Doch in Wirklichkeit hatte er die Wahrheit herausfinden wollen. Warum, wusste er selbst nicht so genau. Eigentlich sollte es ihm egal sein, wer Caitlins Vater war, oder ob der Typ Jacey etwas bedeutete.

„Du musst dich bei ihr entschuldigen“, befahl Eli.

Rafferty sah keinen Grund dafür. „Sie hätte es mir ja nicht zu erzählen brauchen“, entgegnete er.

„Aber sie hat es getan.“ Eli schlug mit der flachen Hand auf die Armlehne. „Solange sie hier arbeitet und in diesem Haus wohnt …“

„Das war übrigens deine zweite schlechte Idee“, unterbrach ihn Rafferty.

Eli zog die Augenbrauen zusammen. „Und die erste?“

„Sie anzuheuern“, sagte Rafferty. Es würde ihm auch so schon schwer genug fallen, Jacey Lambert zu vergessen. Aber wie sollte er jetzt bitte schön so tun, als sei sie nur die neue Köchin, nachdem er etwas so Persönliches und Emotionales getan hatte, wie ihr Baby zur Welt zu bringen?

„Sie ist eine ausgezeichnete Köchin, und die Männer mögen sie. Wir können von Glück sagen, dass sie bei uns ist. Und was ihre Unterbringung angeht …“ Eli hob drohend den Zeigefinger. „Auf keinen Fall werde ich eine Frau und ihr Baby in der Arbeiterbaracke wohnen lassen, und damit basta! Du wirst dich also an ihre Gegenwart gewöhnen müssen.“

Rafferty grunzte. „Na schön. Ich werde mich bei ihr dafür entschuldigen, dass ich sie verletzt habe.“

Und das, so schwor er sich, würde vorerst das letzte Mal sein, dass er etwas mit der dunkelhaarigen Schönheit zu tun hatte.

Froh, dass sein Vater wenigstens genug Verstand besessen hatte, Jacey und ihr Baby im entgegengesetzten Flügel von ihm und Eli unterzubringen, begab er sich direkt zu Jaceys Zimmer.

Die Tür war geschlossen.

In der Hoffnung, dass Jacey schon schlief und nicht reagieren würde, klopfte er leise.

„Herein. Die Tür ist nicht abgeschlossen!“, rief sie.

Widerstrebend öffnete Rafferty die Tür … und blieb wie erstarrt stehen.

Jacey saß mit hochgelegten Beinen in einem Schaukelstuhl, den Reißverschluss ihres modischen rosa-grauen Kapuzenshirts weit offen. Das enge T-Shirt darunter war bis zu den Rippen hochgeschoben und enthüllte ein großes Stück heller Haut. Trotz der rosa Babydecke über ihren Schultern war nicht zu übersehen, dass sie stillte.

„Entschuldigung.“ Rafferty ermahnte sich, sofort das Zimmer zu verlassen, stand jedoch wie angewurzelt da. „Ich wollte nicht stören.“

„Kein Problem.“ Jacey wurde neugierig. „Was wollen Sie?“, fragte sie.

Willst du das wirklich wissen? dachte Rafferty. Dich! Dieser spontane Gedanke schockierte ihn genauso wie ihr Anblick. Schon lange hatte er keine Frau mehr so begehrt, wenn überhaupt jemals. Er schluckte. „Ich wollte mich entschuldigen, falls ich Sie verletzt haben sollte.“

Sie lächelte glücklich und zufrieden, was mit Sicherheit nur an dem Baby in ihrem Arm lag.

Ein Baby, das genauso schön und weiblich, zart und süß war wie sie. Ein Baby, das Rafferty am liebsten sofort auf den Arm genommen hätte. Was ihn ebenfalls verwirrte, denn eigentlich war er vor zwei Jahren zu der Erkenntnis gelangt, dass ihm eigene Kinder einfach nicht bestimmt waren.

Jacey sah ihn vom Schaukelstuhl aus an. In dem gedämpften Licht und mit dem offenen Haar auf den Schultern sah sie unglaublich mütterlich aus.

Sie winkte ab, genauso unbefangen wie in der Nacht, als er ihr zum ersten Mal begegnet war. „Ist schon okay“, sagte sie mit jenem liebenswerten, verständnisvollen Lächeln, das er so anziehend fand. „Sie haben ein Recht auf eine eigene Meinung. Und ich eines auf meine Hormone.“ Sie lächelte entschuldigend. „Ich bin zurzeit wohl etwas launisch. Mein Arzt hat gesagt, das geht vorbei, sobald mein Körper sich daran gewöhnt hat, nicht mehr schwanger zu sein.“

Mit dem Babybauch hat sie wunderschön ausgesehen, dachte Rafferty.

Sie gehörte zu den Frauen, die ganz für die Mutterrolle geschaffen waren. Sie sollte heiraten und ein Dutzend Kinder bekommen, anstatt alles allein und mit einem Samenspender zu regeln, dem das Ganze – zumindest ihren eigenen Worten nach zu urteilen – komplett egal war.

Aber das war natürlich nicht Raffertys Angelegenheit.

„Warten Sie einen Augenblick.“ Jacey schob die Decke von dem Baby. Rafferty erspähte eine Brust, bevor ihr T-Shirt wieder über die Rippen nach unten rutschte.

Ohne auch nur im Entferntesten zu ahnen, welche lustvollen Gedanken ihm gerade durch den Kopf schossen, kam Jacey mit der schläfrigen Caitlin im Arm auf ihn zu. Bevor er begriff, was sie vorhatte, legte sie ihm das Baby in die Arme. „Würden Sie dafür sorgen, dass sie ihr Bäuerchen macht, während ich mich wasche?“, fragte sie, als sei dies das natürlichste Anliegen der Welt.

Zu erschrocken, um zu widersprechen, legte Rafferty schützend den Arm um das unglaublich kleine und leichte Baby.

Er widerstand dem Verlangen, das Gesicht in dem weichen dunklen Haar zu vergraben. „Ich weiß nicht, wie … Wie geht das?“, rief er Jacey hinterher, die schon auf dem Weg ins Badezimmer war.

Sie öffnete die Tür einen Spalt und streckte den Kopf heraus. „Klopfen Sie ihr einfach auf den Rücken, und laufen etwas mit ihr herum.“

Im Hintergrund hörte Rafferty das Wasser laufen.

„Und achten Sie darauf, dass Sie ihr Hinterköpfchen mit der Hand abstützen. Sie kann es nämlich noch nicht allein halten.“

Offensichtlich, dachte Rafferty.

Plötzlich konnte er nachvollziehen, was an Babys so faszinierend war – es war irgendwie befriedigend, ein so zartes und schutzbedürftiges Wesen zu halten. Das Leben erschien einem auf einmal so unendlich kostbar. Rafferty runzelte die Stirn, als Caitlins Augen zuklappten. „Hm … ich glaube, sie schläft gerade ein.“

„Klopfen Sie ihr einfach weiter auf den Rücken. Sie müsste jeden Moment ihr Bäuerchen machen.“

Durch die offene Tür konnte Rafferty sehen, wie Jacey sich über das Waschbecken beugte und hörte, wie sie ein Stück Seife zwischen den Händen rieb, vielleicht sogar auf ihren Brüsten … Abrupt drehte er sich um und ging weiter.

Jacey drehte das Wasser ab.

„Sind Sie allmählich fertig?“, fragte er.

„Ich muss mich noch eincremen.“

Rafferty verdrängte die erotische Vorstellung und ging stattdessen mit dem Rücken zur Badezimmertür weiter.

Seine Geduld wurde schließlich belohnt. Caitlin stieß einen lauten Rülpser aus, der eher zu einem betrunkenen Jugendlichen als zu einem winzigen Baby passte.

Lachend kam Jacey aus dem Badezimmer. „Ich lege sie nur rasch schlafen und komme dann sofort wieder“, sagte sie.

Ihre Hände streiften seine Brust, als sie ihm das Baby aus den Armen nahm. Rafferty nahm ihren Duft von Lavendel und Babypuder wahr, und dann war sie fort. Mit leeren Armen stand er da. Plötzlich fühlte er sich seltsam beraubt.

Es brachte Jacey ganz durcheinander, diesen großen attraktiven Rancher beim Stillen in ihrem Schlafzimmer zu haben, aber wahrscheinlich würde sie sich daran gewöhnen müssen.

„Der Stubenwagen und der Schaukelstuhl sind übrigens toll. Es war sehr lieb von Ihrem Vater, die Sachen aus dem Lager zu holen und alles für mich vorzubereiten.“

Rafferty nickte. „Er kann sehr hilfsbereit sein.“

Da sie und Rafferty nun, da sie unter einem Dach wohnten, ihrer Meinung nach ehrlich miteinander umgehen sollten, fuhr sie fort. „Allerdings sollten Sie wissen, dass ich Ihrem Vater gesagt habe, es sei möglicherweise keine gute Idee, mich hier unterzubringen.“

Jacey wusste nicht warum, aber es verletzte ihre Gefühle, dass Rafferty nicht so begeistert über ihre Gegenwart zu sein schien wie die anderen Männer. Man sollte meinen, er wüsste es zu schätzen, dass sie ihm die Sorge über die Verpflegung der Cowboys abnahm.

Aber stattdessen sah er sie ständig so an, als sähe er ein Gespenst. Und zwar ein nicht besonders nettes.

„Würden Sie es vorziehen, dass ich die Ranch wieder verlasse?“, fragte sie, wild entschlossen, sich nicht von seiner Schroffheit einschüchtern zu lassen.

Er winkte ungeduldig ab. „Was ich denke, spielt keine Rolle.“

„Für mich aber schon“, antwortete Jacey stur.

Rafferty runzelte die Stirn und sah sie fragend an. „Warum?“, fragte er ungerührt.

„Darum! Ich versuche gerade herauszufinden, wer Sie sind, Mr. Unverschämt!“

Ein Muskel zuckte in seinem Unterkiefer.

Sie trat einen Schritt näher und ignorierte seine offensichtliche Ungeduld. „Oder sind Sie insgeheim vielleicht doch ein ganz netter Kerl? Sie wirkten gerade eben so liebevoll mit der Kleinen auf dem Arm, dass ich das beinahe annehme.“

Während er sie unverwandt ansah, breitete sich langsam ein umwerfendes Lächeln über sein Gesicht. „Ich dachte, Ihre Schwester ist die Psychologin in der Familie.“

Jacey zuckte die Achseln. „Anscheinend haben ihre ständigen Analysen auf mich abgefärbt.“

Er trat ebenfalls näher und hob herausfordernd die Augenbrauen. „Und was verrät Ihr analytischer Verstand Ihnen noch über mich?“, fragte er sanft.

Jacey spürte, wie das Verlangen in ihr aufstieg. Rafferty kam ihr viel zu nahe, und sie konnte sich nicht von der Stelle rühren. „Ich glaube, Sie sind einfach nur starrköpfig. Insgeheim finden Sie es nämlich gut, dass ich hier bin, wenn auch nur bis nach den Feiertagen.“ Dann wollte sie sich nämlich einen anderen Job suchen.

Rafferty verdrehte die Augen. „Sie träumen wohl.“

„Hören Sie“, sagte Jacey, „ich habe das Kochen vielleicht nicht professionell gelernt, falls Sie sich deswegen Sorgen machen, aber ich koche sehr gut.“

Rafferty schnaubte verächtlich. „Meine Vorbehalte haben nichts mit Ihren Kochkünsten zu tun.“

„Womit dann?“, fragte Jacey und trat noch einen Schritt näher.

„Damit“, sagte er grimmig, nahm sie in die Arme und küsste sie wild und zügellos.

Unfähig, sich gegen ihn zu wehren, gab sie sich ganz ihren sinnlichen Empfindungen hin und verlor sich in einem Kuss, dessen Intensität ihr den Atem verschlug.

Sie war schon früher geküsst worden, aber noch nie so wie jetzt. Völlig neue Gefühle und eine nie gekannte Sehnsucht stiegen in ihr auf.

Bevor ihre Lippen sich berührten, hatte Rafferty für einen Moment lang geglaubt, sie wolle ihm ins Gesicht schlagen. Sein Verstand hatte sich komplett verabschiedet, und an seine Stelle waren Gefühle und Verlangen getreten. Völlig unerwartet hatte Jacey die Arme um seinen Hals geschlungen und seinen Kuss leidenschaftlich erwidert. So leidenschaftlich sogar, dass er sie am liebsten nie wieder loslassen wollte. Er wollte mehr, einen noch heißeren und intimeren Kuss als diesen. Und gnade ihr Gott, wenn es ihr nicht ebenso erging …

Genau deshalb musste er aufhören – jetzt sofort, bevor es endgültig zu spät war. Langsam ließ er sie los. „Jetzt verstehst du vielleicht, warum deine Gegenwart hier keine gute Idee ist“, sagte er.

„Für dich vielleicht“, gab sie zurück und wurde rot. „Weil du weder deine Begierde noch deine Zunge zügeln kannst.“

Rafferty musste ihr recht geben – er hätte sie nicht küssen dürfen, genauso wenig, wie sie seinen Kuss hätte erwidern dürfen. Aber es war nun einmal passiert. Ihre gegenseitige Anziehungskraft war jetzt nicht mehr zu leugnen. „Ich habe anscheinend ein Talent dafür, Frauen zu verstören.“

„Das ist die Untertreibung des Jahres.“

Lässig schlenderte er zur Tür. „Und weil das so ist, solltest du vielleicht doch lieber von hier weggehen.“

4. KAPITEL

„Mann, riecht das gut hier“, sagte Stretch.

„Können wir dir noch irgendwie helfen?“, fragte Curly mit einem verführerischen Lächeln.

Jacey rührte die Soße auf dem Herd um und sah im Ofen nach, ob die Füllung schon fertig war. Die fünf Hilfsarbeiter hingen schon den ganzen Morgen in der Arbeiterbaracke herum und wechselten sich damit ab, Caitlin zu halten und die verschiedenen Thanksgiving-Gerichte zu probieren, die Jacey für alle vorbereitet hatte. „Ihr könntet schon mal den Tisch decken.“

„Für sieben Personen?“, fragte Red.

Jacey überschlug rasch die Personenzahl im Kopf. Fünf Cowboys, Eli und sie selbst machten … „Acht.“

„Kommt Rafferty etwa auch?“

„Ja. Warum?“ Bloß weil Rafferty ihr in den letzten vier Wochen konsequent aus dem Weg gegangen war, hieß das noch lange nicht, dass er beim traditionellen Truthahnessen zu Thanksgiving nicht dabei sein würde.

„Das ist nämlich so …“ Hoss druckste herum. „Rafferty boykottiert grundsätzlich sämtliche Feiertage.“

„Was soll das heißen?“ Jacey schob die Brötchen und die Kasserollen mit Süßkartoffeln und grünen Bohnen in den Ofen.

Gabby übernahm widerwillig das Wort. „Na ja, zumindest seit … du weißt schon, der Sache mit Angelica.“

„Was für eine Sache?“

Stretch fühlte sich offensichtlich unbehaglich. „Jungs, ich denke, wir sollten nichts mehr sagen.“

Gabby nickte. „Es geht uns wirklich nichts an.“

„Tut uns leid, Jacey“, sagte Hoss entschuldigend. „Wir wollen nur nicht, dass du enttäuscht bist, wenn der Boss nicht auftaucht.“

Sie war schon einiges von Rafferty gewohnt. Schließlich hatte er sie geküsst und dann alles daran gesetzt, dass sie ihn nicht wieder zu Gesicht bekam. Was übrigens angesichts der Tatsache, dass sie beide unter einem Dach wohnten, eine beachtliche Leistung war. „Wo steckt er eigentlich?“

„Er arbeitet auf den Weiden“, antwortete Curly.

Red nickte. „Er wollte die Stacheln von den Kakteen brennen.“

„Ausgerechnet heute?“

Die Männer zuckten nur mit den Schultern.

Es war schon fast halb fünf, als der Pick-up seines Vaters über die Sandstraße auf Rafferty zuholperte. Was war denn nun schon wieder los? Er legte den Flammenwerfer hin, schob seinen Hut in den Nacken und wartete, bis der Wagen in Sichtweite war. Als er erkannte, wer hinter dem Steuer saß, stieß er eine Reihe markiger Flüche aus. Jacey hielt mitten auf der Straße an, stieg aus dem Fahrerhaus und marschierte auf ihn zu.

Sie trug einen knielangen Rock, eine dünne Strickjacke, die geradezu danach schrie, aufgeknöpft zu werden, und in dieser Wildnis völlig unpassende sexy Wildlederpumps.

Ihrem wütenden Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war nichts wirklich Dramatisches passiert. Rafferty lehnte sich daher gegen einen entstachelten Kaktus, verschränkte lässig die Arme vor der Brust und wartete.

„Was ist eigentlich los mit dir?“, fragte sie, nachdem sie nahe genug herangekommen war.

„Wieso? Ich arbeite. Und du hast dich anscheinend verfahren.“ Er wies mit dem Daumen in die Richtung, aus der sie gekommen war. „Die Küche befindet sich da hinten.“

Irritiert presste Jacey die Lippen zusammen. „Sehr witzig, Rafferty Evans!“

Er lehnte sich noch entspannter zurück.

Funken sprühten aus ihren grünen Augen. „Du bist wirklich total ungehobelt!“

Rafferty griff nach dem Flammenwerfer, drehte sich um und marschierte durchs Unterholz. „Verschwinde jetzt. Ich muss weiterarbeiten.“

Wie vermutet stürmte sie hinter ihm her. Er hörte sie einen leisen Schrei ausstoßen, als ihr Rock sich am Stachel eines noch unbearbeiteten Kaktus verfing.

Besorgt drehte er sich um. Sie machte sich gerade vorsichtig los. Gott sei Dank schien sie nicht verletzt zu sein. „Brauchst du Hilfe?“

Wütend funkelte sie ihn an. „Was ich brauche, ist, dass du mit mir sprichst. Warum warst du heute nicht beim Thanksgiving-Essen?“

Er musterte sie eingehend. „Solltest du jetzt nicht eigentlich abwaschen oder das Baby stillen?“

Sie ignorierte die Bemerkung. „Die Männer waschen für mich ab – sie haben darauf bestanden, weil sie das Essen, das du verpasst hast, so unglaublich köstlich fanden. Und Caitlin hat gerade getrunken und schläft jetzt.“

Klang irgendwie gemütlich. „Und was hat das mit mir zu tun?“

Mit Tränen in den Augen trat sie näher. „Du hast die Gefühle deines Vaters verletzt.“

„Habe ich nicht.“

„Oh doch, das hast du!“

Rafferty versteifte sich. „Hat er sich etwa beschwert?“

Jacey schob sich durch das Unterholz, ohne auf ihre Kleidung zu achten. „Das war nicht nötig. Ich habe die Enttäuschung auf seinem Gesicht gesehen, als dein Platz am Tisch leer blieb.“

„Du hättest gar nicht erst für mich zu decken brauchen“, sagte Rafferty und legte den Flammenwerfer wieder hin. „Haben die Männer dir das denn nicht gesagt?“

Trotzig hob sie das Kinn. „Doch.“

Rafferty zog die Augenbrauen zusammen. „Und warum hast du nicht auf sie gehört?“

Sie wurde rot. „Weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass du wirklich ein solcher Idiot bist. Aber schließlich … wusste ich bis dahin auch noch nichts von Angelica.“

Wieder einmal hatte sie ihn überrumpelt. Und wieder verdrängte er seine Gefühle. „Die Männer würden es nicht wagen, dir von ihr zu erzählen.“

„Ach wirklich? Und woher kenne ich dann ihren Namen?“

Gute Frage!

Jacey trat noch näher. „Ich vermute, sie hat dir das Herz gebrochen.“

Raffertys Magen schnürte sich zusammen. „Meine Frau ist nicht absichtlich vom Pferd gefallen und hat unser Baby verloren.“

„Du warst verheiratet?“, unterbrach Jacey ihn fassungslos.

„Was soll die Frage? Klar war ich verheiratet“, antwortete Rafferty schroff. „Ich dachte, du weißt schon alles.“ Verdammt! Sie hatte anscheinend nur geblufft, und er war darauf hereingefallen.

„Ich dachte, sie hat dir einfach nur viel bedeutet. Keiner hat gesagt, dass ihr verheiratet wart.“

„Jetzt weißt du es.“ Verheiratet in guten wie in schlechten Zeiten, meistens allerdings schlechten.

Jacey sah ihn verwirrt an. „Sie ist während der Schwangerschaft geritten?“, fragte sie.

Offensichtlich musste er jetzt doch ein paar Fragen beantworten, wenn er seine Ruhe haben wollte. „Sie durfte eigentlich nicht reiten. Aber Angelica gehörte nicht zu den Menschen, die sich etwas sagen lassen.“

„Obwohl sie schwanger war?“

Rafferty zuckte die Achseln. Er hatte es allmählich satt, Angelicas Verhalten zu rechtfertigen. „Sie war eine erfahrene Reiterin. Während der Schwangerschaft hat sie sich öfter mal davongeschlichen, um heimlich auszureiten.“

„Wie ist der Unfall passiert?“

„Sie hatte anscheinend Krämpfe und Blutungen und wollte so schnell wie möglich Hilfe holen. Irgendwie muss sie dabei vom Pferd gefallen oder abgeworfen worden sein. Leider ist das während des Viehtriebs passiert. Bevor überhaupt jemand bemerkt hat, dass sie fort war, vergingen Stunden … und als wir sie dann endlich fanden, war es zu spät. Sie und unser Sohn waren tot.“ Rafferty war elend zumute, aber Jaceys verständnisvoller Blick gab ihm Kraft fortzufahren. „Das einzig Gute war, dass sie beim Sturz auf den Kopf gefallen ist. Die Ärzte haben gesagt, dass sie nicht leiden musste.“

Jacey holte tief Luft. „Das tut mir schrecklich leid.“

Rafferty wollte kein Mitleid, weder von Jacey noch von sonst jemandem. Er hatte die falsche Frau geheiratet und ein Kind mit ihr gezeugt, obwohl sein Instinkt ihm davon abgeraten hatte. Und dafür war er bestraft worden.

„Jetzt kannst du bestimmt verstehen, warum ich keine Lust mehr auf Thanksgiving oder irgendein anderes Fest habe“, sagte er schroff und griff wieder nach dem Flammenwerfer.

Jacey packte ihn am Oberarm. „Das ist doch lächerlich.“

Rafferty blinzelte. „Wie bitte?“

„Dein Verlust tut mir leid, wirklich. Aber das gibt dir nicht das Recht, für den Rest deines Lebens alle anderen Menschen um dich herum vor den Kopf zu stoßen“, sagte sie aufgewühlt. „Dein Vater hat sich nach außen hin vielleicht gleichgültig gegeben, aber im Grunde war er wahnsinnig enttäuscht, dass du heute Mittag nicht zum Essen erschienen bist. Jeder konnte das sehen. Außer dir natürlich.“

Rafferty hatte nicht vor, sich Schuldgefühle einreden zu lassen. „Mein Vater versteht meine Gefühle.“

„Natürlich.“ Jacey nickte. „Aber er hat auch Gefühle. Hast du jemals darüber nachgedacht?“ Jacey warf die Hände in die Luft. „Nein, natürlich nicht! Du bist ja viel zu sehr damit beschäftigt, in Selbstmitleid zu versinken!“

„Du wirst mich nicht dazu bringen, irgendwelche Feiertage mitzumachen!“

Sie hob die Augenbrauen. „Noch nicht einmal Weihnachten?“

„Nein, noch nicht einmal Weihnachten“, antwortete Rafferty brüsk.

„Wollen wir wetten?“, fragte sie herausfordernd.

„Klar, warum nicht? Wenn ich gewinne, musst du die Ranch verlassen und darfst nie mehr zurückkommen“, sagte Rafferty.

„Wie charmant! Und wenn ich gewinne, lässt du von jetzt an keinen einzigen Feiertag mehr aus. Nie mehr!“

„Abgemacht.“ Ein kräftiger Händedruck besiegelte die Wette.

„Kommst du jetzt zurück zum Haus?“, fragte sie.

Rafferty löste seine raue Hand von ihrer zarten. „Ich will meine Wette gewinnen, nicht deine.“

„Es gibt noch Truthahn mit Füllung“, lockte sie.

Und eine hoffnungslos optimistische Frau, die ihn servierte. „Vergiss es!“, antwortete er tonlos.

„Was machst du da eigentlich?“, fragte sie und beugte sich über seine Schulter.

Er stellte den Flammenwerfer an. „Ich entferne die Stacheln an den Kakteen.“

Sie ging etwas auf Abstand und sah ihm fasziniert dabei zu. „Warum?“

„Weil der Kaktus darunter gutes Winterfutter für die Rinder ist, aber die Stacheln würden ihre Därme durchbohren.“

„Igitt.“ Plötzlich sah sie sich verwirrt um. „Was um alles in der Welt riecht da so komisch?“

Es riecht nach Moschus, dachte Jacey.

Kurz darauf sah sie auch, warum. Eine Gruppe furchterregender Wildschweine rannte grunzend und quietschend aus dem Unterholz. Jacey stieß einen schrillen Schrei aus und stolperte rückwärts. Sie wäre zweifellos hingefallen, wenn Rafferty nicht auf die zugestürzt wäre und sie aufgefangen hätte.

Reflexartig schlang sie die Arme um seinen Hals und die Beine um seine Hüften und klammerte sich an ihm fest, während er ruhig von den Schweinen weg zum Truck ging. Dort angekommen, öffnete er die Beifahrertür und versuchte, Jacey hinzusetzen. Doch sie vermochte sich beim besten Willen nicht von ihm zu lösen. „Was zum Teufel war das?“, fragte sie, unkontrolliert zitternd.

„Javelina.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Bianca Gold Band 36" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen