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Bianca Gold BAND 33

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Eine perfekte Familie?

1. KAPITEL

Anchovis, Pfefferkäse, Cracker, Dörrfleisch, Mixed Pickles, Orangen und Tacos: Sawyer Abbott verglich die Liste mit den Lebensmitteln in seinem Wagen. So schlimm ist Einkaufen gar nicht, dachte er, als er den letzten Eintrag abgehakt hatte.

Er schob den Wagen durch die engen Gänge des urigen kleinen Lebensmittelladens, der sich in den letzten hundertfünfzig Jahren wahrscheinlich kein bisschen verändert hatte. Mit seinem altmodischen Charme kam er gerade bei den Touristen gut an. Am Bücher- und Zeitschriftenständer blieb Sawyer stehen und ging in die Hocke, um nach der Tageszeitung zu suchen.

„Hallo, Mister!“ Die hohe Kinderstimme klang eindringlich. Als er aufschaute, blickte er in das Gesicht eines etwa achtjährigen schmalen Jungen mit zerzaustem Haar. Er wirkte sehr aufgeregt, offenbar hatte er vor irgendetwas Angst. Neben dem Jungen stand ein etwas jüngeres Mädchen. Mit den dunklen Augen und dem wirren Lockenkopf sah die Kleine dem Jungen sehr ähnlich, und auch sie wirkte verängstigt. Beide hatten schmutzige Gesichter und Hände.

„Was ist denn los?“, erkundigte sich Sawyer und legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter.

„Können Sie uns bitte helfen?“ Der Junge sah ihn mit großen Augen an, dann spähte er vorsichtig am Zeitschriftenständer vorbei.

„Was ist passiert?“

„Wir sind entführt worden“, erwiderte der Junge und duckte sich schnell. „Bitte helfen Sie uns!“

Fassungslos starrte Sawyer ihn an. „Entführt? Von wem?“

Das kleine Mädchen zeigte auf eine Frau, die gerade einen Einkaufswagen den Gang entlangschob. Sie trug ein weißes Oberteil und dazu Dreiviertel-Jeans. Das dunkle Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. In diesem Moment blieb sie stehen und untersuchte eine Wassermelone.

Hastig verschwand Sawyer hinter den Zeitungen und betrachtete das kleine Mädchen.

„Sie hat uns in Florida unserer Mutter weggenommen“, erklärte die Kleine mit zitternder Unterlippe.

„Wann war das?“ Eigentlich spielte das keine Rolle, aber Sawyer konnte in dieser Situation nicht klar denken.

„Vor drei Tagen“, antwortete der Junge. „Wir haben seitdem fast nichts gegessen. Und die ganze Fahrt von Florida hierher mussten wir auf dem Rücksitz unter einer Decke liegen.“

Vorsichtig lugte Sawyer ein weiteres Mal hinter dem Zeitschriftenständer hervor. Die Frau war hübsch und wirkte gleichzeitig müde und abgespannt. Gut möglich, dass sie eine mehrtägige Autofahrt hinter sich hatte. Plötzlich blickte sie sich um. „Eddie!“, rief sie. „Emma!“

Rasch versteckte Sawyer sich wieder hinter den Illustrierten, holte sein Handy heraus und wählte die Nummer der Polizei. Erneut spähte er an der Auslage vorbei: Die Frau kam geradewegs auf ihn zu. Er nahm das kleine Mädchen an die Hand und gab dem Jungen mit einer Kopfbewegung zu verstehen, dass er mitkommen solle.

Die Notrufzentrale meldete sich. Sawyer schilderte der Frau am Telefon die Lage, während er die Kinder durch das Geschäft und schließlich hinter die Fleischtheke schob. Er selbst stellte sich in den engen Durchgang zwischen der Fleischtheke und dem Kühltresen mit den Salaten. Als Nächstes gab er eine genaue Beschreibung der Entführerin durch und nannte deutlich seinen Namen und seine Handynummer.

„Ich schicke sofort jemanden vorbei“, versprach die Frau am Telefon.

Im Hintergrund rief die Entführerin weiter nach den Kindern. Ihre Stimme klang mal lauter und mal leiser – offenbar lief sie durch die verschiedenen Gänge. Als sie plötzlich vor seinen Augen auftauchte, wirkte sie ziemlich verzweifelt. Kein Wunder: Schließlich ging ihr eine Menge Lösegeld durch die Lappen, wenn sie die Kinder nicht wiederfand. Es sei denn, sie hatte sie aus einem anderen Grund gekidnappt – etwa aus einem fehlgeleiteten Bedürfnis, ihre Muttergefühle auszuleben.

Den Begriff „Kidnapping“ kannte Sawyer leider nicht nur aus schrecklichen Berichten in Tageszeitungen und Nachrichtensendungen, sondern aus erster Hand. Seine Schwester war als Kleinkind entführt worden und seitdem verschwunden. Das Verbrechen hatte sein Familienleben für immer verändert, und er würde alles dafür tun, um andere Leute vor so etwas zu schützen.

„Hey“, raunte der Junge. „Sind Sie nicht dieser Stuntman?“

Sawyer nickte und legte sich einen Finger auf die Lippen.

„Haben Sie Kinder?“, versuchte das Mädchen zu flüstern, doch konnte seine Stimme kaum dämpfen.

Gerade wollte er auch ihr signalisieren, sich möglichst leise zu verhalten. Da schaltete sich schon wieder der Junge ein: „Mensch, bist du blöd, natürlich nicht! Er ist nicht mal verheiratet!“

„Na und?“ In der Stimme des Mädchens schwang ein triumphierender Unterton mit. „Unsere Mom ist auch nicht verheiratet, und sie hat trotzdem Kinder. Uns nämlich.“

„Pscht!“, zischte Sawyer den beiden zu. Die Frau näherte sich der Fleischtheke und rief die Namen der Kinder.

Entschlossen baute er sich vor ihr auf. Am liebsten hätte er ihr ins Gesicht gesagt, was er von Leuten wie ihr hielt. Aber das wäre unklug gewesen: Womöglich würde sie Reißaus nehmen, bevor die Polizei kam.

„Entschuldigen Sie bitte“, sprach sie ihn zögerlich an. „Sie haben nicht zufällig zwei kleine Kinder gesehen? Einen Jungen und ein Mädchen, ungefähr so groß?“ Sie hielt die Hand erst auf Taillenhöhe, dann ein Stück höher. „Große dunkle Augen, braunes Wuschelhaar – so wie ich, nur jünger?“

Nicht schlecht geschauspielert, dachte er. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich ihr die Rolle der besorgten Mutter glatt abnehmen.

Als er ihr ins Gesicht blickte, fiel ihm auf, dass sie den Kindern wirklich sehr ähnlich sah: Sie hatte die gleichen großen dunklen Augen und ebenfalls dickes lockiges Haar, das allerdings rötlich schimmerte. Und sie hatte ein Grübchen in der rechten Wange, genau wie der kleine Junge.

Auf einmal kam ihm ein schrecklicher Verdacht.

Andererseits: Selbst wenn sie die leibliche Mutter der Kinder war, befand sie sich dadurch noch lange nicht im Recht. Schließlich passierte es ständig, dass Frauen die eigenen Kinder entführten, die das Jugendamt aus gutem Grund Pflegeeltern zugewiesen hatte. Dann müssten die Kinder jedoch wissen, dass diese Frau ihre echte Mutter war – oder nicht?

„Ich verstehe das nicht“, sagte die Frau mit zitternder Stimme. „Die beiden sind sonst so …“

Bevor sie ihren Satz beenden konnte, betraten zwei Polizisten den Laden. Sawyer winkte sie zu sich.

Die Frau hielt inne und drehte sich um. Als sie die Männer entdeckte, zuckte sie zusammen und wandte sich wieder Sawyer zu. Am anderen Ende des Gangs versammelten sich bereits die ersten Schaulustigen.

Einen der Polizisten kannte Sawyer: David Draper, ein großer, kräftiger Mann in den Vierzigern mit markanten Gesichtszügen. Mit ihm zusammen hatte Sawyer schon einige Spendenaktionen für wohltätige Zwecke auf die Beine gestellt.

Draper kam auf sie zu, blieb allerdings auf halbem Weg stehen. Sein jüngerer Begleiter, den Sawyer noch nie gesehen hatte, tat es ihm gleich.

Kopfschüttelnd näherte Draper sich. „Ist das hier Ihre Entführerin?“, erkundigte er sich und wies mit dem Kopf auf die Frau mit dem Einkaufswagen.

Sawyer nickte. „Vor drei Tagen hat sie die Kinder irgendwo in Florida ins Auto gezerrt und ihnen seitdem nichts zu essen gegeben. Und sie mussten während der gesamten Fahrt unter einer Decke liegen.“

Die Frau stieß einen spitzen Schrei aus und schlug sich die Hände vors Gesicht.

Tja, zu spät, dachte Sawyer. Jetzt haben wir dich.

„Die Dame ist mir bekannt“, bemerkte Draper. „Verdammt harte Nuss. Sophie Foster nennt sie sich. Krankenschwester in der Notaufnahme des Losthampton Hospital, singt im Kirchenchor und arbeitet ehrenamtlich im Frauenhaus. So weit, so gut. Aber mit Kindern hat sie ein echtes Problem.“

„Hat sie schon öfter welche entführt?“, erkundigte sich Sawyer verwirrt.

„Nein, sie hat ja nicht mal ihre eigenen im Griff. Die haben es nämlich faustdick hinter den Ohren. Könnte ich mir die beiden … entführten Kinder wohl mal ansehen?“

Oha, dachte Sawyer. Sieht wirklich nicht gut aus für mich. Warum kann ich mich nicht schnell unsichtbar machen?

Stattdessen griff er hinter sich und zog den kleinen Jungen hinter dem Verkaufstresen hervor. Seltsamerweise grinste er über das ganze Gesicht.

„Ich hab ihn gefunden, Mom!“, rief er. „Er ist mutig und hilfsbereit, und verheiratet ist er auch nicht! Er passt also perfekt zu uns!“

Die Frau stöhnte. Dann wandte sie sich an Sawyer und sagte mit bemerkenswert ruhiger Stimme: „Wissen Sie was, Mr. …“

„Abbott“, half Draper ihr weiter, bevor Sawyer den Mund öffnen konnte.

Sie zog die Brauen hoch. „Einer von den Abbotts, denen dieses riesige Anwesen Shepherd’s Knoll gehört?“, wollte sie von Draper wissen.

„Ja, der zweitälteste Sohn.“

„Ach so.“ Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Sawyer.

Er rechnete fest damit, dass sie ihn lange und interessiert mustern und ihn bewundernd anlächeln würde – wie die meisten anderen Frauen. Andererseits hatte er dieser speziellen Frau soeben die Polizei auf den Hals gehetzt. Da brauchte er sich nicht darüber zu wundern, dass sie ihn nur müde ansah.

„Wissen Sie was, Mr. Abbott Nummer zwei? Wenn Ihnen so viel an den beiden hier liegt – warum behalten Sie sie dann nicht einfach? Ich verlange auch absolut nichts dafür.“ Zu Draper sagte sie: „Rein rechtlich ist das doch in Ordnung, oder? Ich verkaufe die Kinder ja nicht, ich überlasse sie ihm nur.“

Eddie lachte Sawyer an. „Sie macht nur Spaß, wissen Sie. Eigentlich hat sie uns nämlich ganz schrecklich lieb.“

„Natürlich hab ich euch schrecklich lieb“, erwiderte sie. „Aber so langsam frage ich mich, ob ihr mich auch gernhabt. Sonst würdet ihr bestimmt nicht so gemein sein und diesem Mann erzählen, ich hätte euch entführt.“

Da stürzte das kleine Mädchen hinter der Theke hervor und schlang ihrer Mutter die Arme um die Hüften. „Wir wollten nicht gemein zu dir sein! Wir haben das nur getan, weil wir einen Daddy für uns finden wollten. Allein schaffst du das doch nicht!“

In diesem Augenblick hätte Sophie sich am liebsten in Luft aufgelöst, um auf der anderen Erdhalbkugel wieder aufzutauchen: ohne Kinder, ohne ihren Job, ohne ihr winziges Haus und ohne ihre wenigen Habseligkeiten. Noch einmal unter völlig neuen Umständen ganz von vorn anzufangen, das wäre bestimmt einfacher als so weiterzumachen wie bisher: Als alleinerziehende Mutter musste sie ständig gegen ihre schrecklichen Erinnerungen ankämpfen. Beinahe glaubte sie, dass sie in einer Welt lebte, in der sich alle zurechtfanden – nur sie nicht.

Jahrelang war sie von ihrem Exmann Bill misshandelt worden, und jetzt konnte sie es nicht mehr aushalten, wenn ein Mann sie bloß sanft berührte. Und trotzdem sehnte sie sich geradezu verzweifelt danach.

Ihr blieb bloß die Hoffnung, dass es irgendwann besser werden würde – obwohl nichts darauf hindeutete. Dazu kam, dass ihre beiden jüngsten Kinder sich von ganzem Herzen einen Vater wünschten. Als Bill noch bei ihnen gewohnt hatte, waren Emma und Eddie sehr klein gewesen. Die beiden hatten seine Wutausbrüche nicht so deutlich mitbekommen wie ihre ältere Schwester, die zehnjährige Gracie. Und für die kam es gar nicht infrage, dass je wieder ein Mann bei ihnen einzog.

„Das tut mir furchtbar leid“, sagte der zweite Abbott-Sohn jetzt, während Draper über Funk Entwarnung gab. „Aber die beiden haben so verängstigt gewirkt und sind auch noch ziemlich schmutzig. Und Sie kamen mir auf den ersten Blick so vor …“ Er zögerte, als wäre es ihm unangenehm, den Gedanken auszusprechen.

Sophie ließ ihn einen Augenblick lang zappeln. Das hatte er verdient, nach allem, was sie seinetwegen durchmachen musste. „Wie eine Kriminelle? Oder eine Psychopathin?“

Schuldbewusst schüttelte er den Kopf. „Nein, Sie haben auf mich sehr müde gewirkt. Und etwas gestresst.“ Vorsichtig legte er Eddie eine Hand auf den Kopf und lächelte. „Inzwischen ist mir auch klar, warum. Normalerweise habe ich nicht viel mit Kindern zu tun. Ich wäre nie darauf gekommen, dass die zwei sich das alles nur ausgedacht haben.“

Das klang glaubwürdig. „Tja, in dem Alter sind Kinder eigentlich immer schmutzig und haben eine blühende Fantasie. Die beiden haben vorhin im Garten gespielt, ich habe sie einfach ins Auto gepackt und bin mit ihnen einkaufen gefahren. Vielleicht hätte ich sie vorher schnell waschen sollen.“

Zum ersten Mal betrachtete Sophie den Mann genauer, der ihr gegenüberstand: Auf seine herbe männliche Art sah er sehr gut aus. Er war bestimmt ein richtiger Frauenschwarm. Das dunkelblonde Haar war zerzaust und stand ihm vom Kopf ab, wodurch er jugendlich und irgendwie lässig wirkte. Dafür blickte er sie sehr wach, intelligent und gleichzeitig sanft aus tiefblauen Augen an. Seine Gesichtszüge waren markant, aber weder grob noch kantig.

Er war groß und durchtrainiert, trug eine schlichte Baumwollhose und dazu ein dunkelblaues Hemd.

Am liebsten hätte sie nichts weiter zu der Lügengeschichte ihrer Kinder gesagt. Andererseits hatte sie den Eindruck, ihm eine Erklärung zu schulden.

„Die beiden wünschen sich einen Vater“, seufzte sie. „Aber ich will auf keinen Fall noch mal heiraten. Dass die zwei die Sache selbst in die Hand nehmen würden, hätte ich nie gedacht.“

„Hm, Sie wollen nicht noch mal heiraten … Heißt das, dass Sie schon verheiratet sind?“

„Ich war verheiratet.“

„Unser Dad ist jetzt im Himmel“, rief Emma so laut, dass das halbe Geschäft mithören konnte.

Sophie beruhigte es, dass ihre jüngste Tochter davon überzeugt war. Sie selbst war sich da nicht so sicher, behielt ihre Zweifel aber für sich.

„Ich hab Sie in der Zeitung gesehen“, meinte Eddie zu Sawyer Abbott und setzte eine triumphierende Miene auf. „Sie sind auf Skiern über Fässer gesprungen, das war richtig gefährlich. Und Sie verschenken immer ganz viel Geld, um damit Kindern zu helfen. Deswegen haben wir Sie auch ausgesucht.“

Sawyer hockte sich vor dem Jungen hin. „Das finde ich sehr schmeichelhaft. Trotzdem war das eurer Mom gegenüber gar nicht nett. Ihr habt Glück, dass Mr. Draper sie so gut kennt. Ein anderer Polizist hätte euch erst mal geglaubt und sie vielleicht ins Gefängnis gesteckt.“

Entsetzt starrte Eddie ihn an. Daran hatte er offenbar nicht gedacht.

„Ich wollte doch bloß rausfinden, ob Sie uns helfen würden“, erklärte der Junge. „Bei einem richtig schwierigen Problem. Viele Dads helfen einem nämlich nicht bei den ganz schwierigen Sachen.“

Offensichtlich hatte Sawyer Abbott wirklich kaum Erfahrung mit Kindern – sicher würde er sich sonst nicht so leicht um den Finger wickeln lassen wie jetzt von Eddie. Als Emma ihm einen Arm um den Nacken legte, erkannte Sophie sofort an Sawyers Gesichtsausdruck, wie gerührt er war.

„Okay, genug jetzt.“ Sie zog beide Kinder von ihm weg. „Wir müssen wahrscheinlich erst mal mit Officer Draper zur Wache. Mr. Abbott darf bestimmt nach Hause, denn er hat ja nichts Schlimmes getan. Er hat es vermutlich ziemlich eil…“

„Ich fürchte, Sie müssen mitkommen, Mr. Abbott“, unterbrach Draper sie und steckte sein Funkgerät weg. „Der Chief will nämlich auch mit Ihnen sprechen.“

„Er hat doch nur …“, setzte Sophie an.

„Ja, ich weiß, aber wir müssen seine Aussage trotzdem aufnehmen.“ Draper sah bedeutungsvoll zu den beiden Kindern hinüber.

„Das tut mir echt leid“, seufzte Sophie.

Sawyer lächelte, und Sophie bewunderte ihn insgeheim. Diesen Mann konnte offenbar nichts aus der Ruhe bringen.

„Kein Problem“, sagte er zu ihr und wandte sich dann an Draper: „Wir sehen uns auf der Wache.“

2. KAPITEL

Vor der kleinen Polizeiwache parkte Sawyer seinen Wagen direkt neben einer der kugelrunden Laternen, die noch aus dem späten neunzehnten Jahrhundert stammten. Auch Sophie Foster war gerade erst eingetroffen: Hinter ihren Kindern und den beiden Polizisten ging sie die Treppe zum Eingang hinauf. Sawyer lief zu ihr und nahm ihren Ellbogen. Wahrscheinlich war sie mit den Nerven am Ende.

Sie zuckte zusammen und riss ihm den Arm weg. „Nicht!“ Ihre Pupillen waren vor Angst geweitet, die Lippen kniff sie fest zusammen.

Bestürzt ließ er die Hand sinken. Soweit er sich erinnern konnte, hatte er noch nie jemandem Angst eingejagt.

„Hey, tut mir leid“, sagte er schnell. „Ich wollte Sie nicht erschrecken.“

Sie atmete hörbar aus und wirkte sofort entspannter. „Schon gut“, gab sie zurück und klang, als hätte sie ein schlechtes Gewissen. „Ich lasse mich nur nicht so gern … anfassen.“

Er nickte. „Und ich wollte bloß den Gentleman spielen und Ihnen die Stufen hinaufhelfen. Meine Stiefmutter kommt nämlich aus Frankreich und hat viel Wert auf höfliches Benehmen gelegt. Sie hat meinen Brüdern und mir beigebracht, dass man einer Dame die Tür aufhält, immer auf der Straßenseite des Bürgersteiges geht und einer Frau auf der Treppe den Arm reicht.“

Versonnen lächelte Sophie vor sich hin – wahrscheinlich fand sie so etwas reichlich seltsam. „Das ist zwar sehr nett“, erwiderte sie, „aber ich bin noch ziemlich fit und brauche keine Gehhilfe.“

„Prima, dann denke ich in Zukunft daran.“

„Es tut mir wirklich leid, dass wir Sie hier aufhalten und Sie nicht gleich nach Hause zu Ihrer Familie können.“

Er lächelte. „Kein Problem, ich habe angerufen und Bescheid gesagt. Komisch übrigens, dass wir zwei uns nie begegnet sind. Ich bin nämlich ständig in dem Krankenhaus, in dem Sie arbeiten. Sind Sie vielleicht erst vor Kurzem hierher nach Losthampton gezogen?“

„Hm … vor ein paar Monaten.“ Sie musterte ihn skeptisch. „Und zuerst bin ich nur hin und wieder für jemanden eingesprungen. Zum Glück ist meine Nachbarin jederzeit bereit, auf die Kinder aufzupassen. Und Sie? Sind Sie Dauerpatient im Krankenhaus, oder schauen Sie dort aus einem anderen Grund so oft vorbei?“

„Na ja, ich bin schon manchmal als Patient da.“ Er lachte leise. „Ich bin sozusagen der Superstuntman von Long Island. Meine Brüder nennen mich auch den ‚abschreckenden Abbott‘.“

Sophie Foster lachte und zeigte dabei ihre strahlend weißen Zähne. Ihm fiel auf, dass der linke untere Schneidezahn ein Stück weiter vorstand als sein rechter Nachbar. Die junge Frau wirkte freundlich und warmherzig, trotzdem hatte Sawyer den Eindruck, als würde sie nicht sehr häufig lächeln.

„Der abschreckende Abbott“, wiederholte sie. „Kein guter Beiname für eine Berühmtheit.“

Schließlich führte Draper sie in ein Wartezimmer. Sophie setzte sich auf einen der Holzstühle, Eddie und Emma nahmen neben ihr Platz.

Aufmerksam musterte Sawyer sie. Bis eben hatte er den Zwischenfall als willkommene Abwechslung an einem eher langweiligen Nachmittag empfunden. Gut, die zwei Kids hatten Sophie einen ziemlichen Schrecken eingejagt und ihn bis auf die Knochen blamiert, aber das war zu verkraften. Er mochte Kinder, und er hatte auch gern mit attraktiven Frauen zu tun – hin und wieder und ohne Verpflichtungen. Eine feste Beziehung wollte er nicht eingehen, denn dafür müsste er auf zu vieles verzichten.

Im Moment war es ihm am wichtigsten, sich mit gemeinnütziger Arbeit zu beschäftigen: Zum Familienunternehmen, der Modefirma Abbott Mills, gehörte eine Stiftung. Außerdem ging es auf dem Privatanwesen Shepherd’s Knoll gerade drunter und drüber. Allein im letzten Monat waren viele einschneidende Dinge passiert: Sein Bruder Killian hatte seine Frau nach einer dreimonatigen Trennung zurückerobert. Sawyer selbst hatte sich mehrere Rippen gebrochen, als er für einen Stunt trainiert hatte, dessen Erlös krebskranken Kindern zugutekommen sollte. Und als wäre das nicht genug, war am Tag des Unfalls auch noch China Grant aufgetaucht: Sie behauptete, Sawyers Halbschwester Abigail zu sein, die vor zwanzig Jahren entführt worden war.

Kurz: In Sawyers Familie war so viel los, dass er kaum klar denken konnte. Trotzdem versuchte er sich in diesem Moment auf Sophie und ihre Kinder zu konzentrieren. Sie war eine außerordentlich hübsche Frau und wirkte so zart und zerbrechlich. Gleichzeitig sah sie aus, als hätte sie eine harte Zeit hinter sich.

In diesem Augenblick ging eine Bürotür auf, und der Chief erschien im Rahmen. Seine ernste Miene entspannte sich, als er die Kinder entdeckte. „Edward und Emmaline Foster?“, erkundigte er sich mit ruhiger fester Stimme.

Eddie hob die Hand.

„Kommt bitte rein“, forderte er die beiden auf. „Eure Mutter und Mr. Abbott sollen euch begleiten.“

Chief Albert Weston war ein mittelgroßer, kräftiger Mann mit Halbglatze, der seinen Job hervorragend ausübte. Er schob vier Stühle vor seinem Schreibtisch zurecht und bedeutete den Kindern, sich auf die mittleren beiden zu setzen. Bisher war Eddie bei allem fröhlich und unbeschwert gewesen. Jetzt bekam er es offenbar doch mit der Angst zu tun. Emma kletterte schnell auf Sophies Schoß.

„Wisst ihr“, begann Weston und blätterte einen Stapel Papiere durch, „meine Leute haben immer eine Menge zu tun. Allein heute haben die sechs Polizisten, die hier ihren Dienst leisten, dreiundsechzig Fälle bearbeitet. Das macht wie viele Fälle pro Person, Eddie?“

Eddie richtete sich kerzengerade auf. „Ähm … zehn“, gab er zurück, „und drei bleiben übrig.“

Der Chief versuchte, ein Lächeln zu verbergen. „Ganz genau. Wir hatten einen Autodiebstahl dabei, einen Touristen, der auf einer Klippe festsaß, zwei Verkehrsunfälle, einen Herzinfarkt, einen Fall von häuslicher Gewal…“ Der Chief unterbrach sich. „Na, das sagt euch wohl nichts. Jedenfalls sind das alles wichtige Aufgaben, die sehr viel Zeit …“

„Ich weiß, was häusliche Gewalt ist“, fiel Eddie ihm ins Wort. „Das ist, wenn ein Dad eine Mom schlägt. Das hatten wir zu Hause auch ein paarmal.“ Besorgt schaute er zu Sophie, als befürchtete er, etwas Schlimmes gesagt zu haben.

Sie wurde kreidebleich. Dann atmete sie tief durch und legte Eddie eine Hand auf die Schulter. „Schon gut. Du sollst Chief Weston ja die Wahrheit sagen. Er wollte euch eben nur erklären, dass die Polizei unheimlich viel zu tun hat und ihr sie nicht mit euren Spielchen von den wirklich wichtigen Dingen abhalten sollt.“

In Sawyers Gedanken wiederholten sich die Worte des kleinen Jungen. Sie machten ihn wütend und gleichzeitig sehr traurig. Auch der Chief wirkte erschrocken.

Eddie nickte. „Darüber habe ich nicht nachgedacht, als ich Sawyer im Supermarkt gesehen habe. Da dachte ich nur, dass du einen Mann haben sollst, der einfach nett zu dir ist und kein bisschen gemein, Mom. Und dass Emma und ich so gern einen Dad hätten, der uns richtig mag. Also haben wir ihn getestet.“

Ein Schimmern trat in Sophies Augen. Sawyer reichte ihr sein blütenweißes Leinentaschentuch mit dem grauen Monogramm. Kaum hatte sie es genommen, lief ihr bereits die erste Träne über die Wange.

„Ihr habt ihn … getestet?“, hakte der Chief nach.

„Klar. Unser Dad hat immer nur rumgeschrien. Als mein Fahrrad kaputt war, hat Mom es repariert. Und als Emma weg war, hat Mom sie gesucht. Und als Gracie Probleme in der Schule hatte …“

Sophie legte ihm eine Hand aufs Knie. „Chief Weston weiß, was du meinst, Eddie.“

„Wer ist denn Gracie?“, erkundigte sich Weston.

„Unsere große Schwester“, antwortete Eddie. „Die ist schon zehn. Und sie ist nicht mitgekommen, weil sie bei ihrer Freundin Kayla Spoonby Fernsehen guckt. Die wohnt bei uns gegenüber. Da läuft so eine Sendung mit Jennifer Lopez.“

Der Chief nickte. „Verstehe. Und für euren Test musstet ihr Mr. Abbott erzählen, ihr wärt entführt worden?“

„Ja. Ich hab nämlich mal gehört, dass Mom zu Grandma Berry gesagt hat, sie will nie wieder heiraten. Nur wenn sie jemanden findet, der wirklich für die Kinder sorgt. Also wollten wir rausfinden, ob Mr. Abbott sich Sorgen um uns macht, wenn er denkt, dass wir in Gefahr sind.“

Weston öffnete den Mund, schloss ihn jedoch sofort wieder. Offenbar hatte der Junge das Gehörte völlig missverstanden und seine eigenen Schlüsse daraus gezogen.

Leise stöhnte Sophie auf und drückte sich weiterhin Sawyers Taschentuch gegen die Augen. Dann nahm sie die Hand ihres Sohnes. „Ich meinte das etwas anders“, erklärte sie ihm. „Ich meinte damit, dass ihr vielleicht jemanden braucht, der für euch sorgt. Jemand, der mit dir zu Baseballspielen geht, der Emma huckepack nimmt und Gracie sagt, dass sie wunderschön ist.“

„Sie ist aber hässlich“, sagte Eddie mit ernster Stimme.

Als Sophie lachte, entspannte sich die Atmosphäre.

Sogar der Chief wirkte erleichtert. Er räusperte sich. „Tja. Jetzt verstehe ich, warum ihr das alles gemacht habt. Trotzdem müsst ihr mir etwas versprechen: Wenn ihr das nächste Mal so eine Idee habt, überlegt euch das Ganze lieber zweimal. Versteht ihr, wie ich das meine?“

„Ich glaube schon“, entgegnete Eddie und zog die Stirn kraus. „Wenn wir nämlich zweimal hintereinander über das Gleiche nachdenken … merken wir auf jeden Fall, wenn etwas nicht stimmt.“

„Ja, genauso habe ich das gemeint“, lobte der Chief ihn. „Eure Mom hat schon genug Sorgen. Da dürft ihr euch nicht Geschichten ausdenken, die ihr noch mehr Angst machen. Versteht ihr?“

„Klar“, sagte Eddie.

Jetzt betrachtete Weston Emma. „Du auch, Emmaline?“

Sie nickte. „Wir wollen Mommy keine Angst mehr machen.“

„Also gut.“ Der Chief stand auf und schüttelte seinen Besuchern die Hände. „Dann lasse ich Sie jetzt von einem meiner Leute zu Ihrem Auto fahren.“

„Wir sind zu Fuß zum Supermarkt gegangen“, erklärte Sophie. „Könnte uns vielleicht jemand nach Hause fahren?“

„Das tue ich gern“, bot Sawyer an. „Ich wollte später sowieso noch bei meinem Bruder vorbeifahren.“

„Mr. Abbott, ich glaube, es ist besser …“ Weiter kam sie nicht. Die Kinder waren schon begeistert aufgesprungen und liefen hinter ihm aus dem Büro. Sophie blieb nichts anderes übrig, als sich ihnen anzuschließen.

„Wollen wir vorher irgendwo Pizza essen? Oder Burger?“, schlug Sawyer im Wagen vor. „Es ist nach sieben, und Sie wollen bestimmt nicht mehr kochen, oder?“

„Oh, ja! Bitte, Mommy, bitte, bitte, bitte“, sangen Eddie und Emma im Chor.

Sawyer hätten sie damit sofort rumgekriegt, doch Sophie war offenbar härter im Nehmen.

„Vielen Dank für das Angebot, aber wir müssen jetzt wirklich nach Hause“, erwiderte sie. „Gracie ist noch bei den Nachbarn, und …“

„Sie kann doch mitkommen. Wir können sie kurz abholen“, schlug Sawyer vor.

„Vielen Dank, aber das möchte ich nicht.“

Eddie und Emma quittierten die Entscheidung mit einem lauten Stöhnen. „Mom! Nie dürfen wir so was Tolles machen! Nie gehen wir essen! Nie erlaubst du uns …“

„Hey!“, unterbrach sie die beiden. „Ihr wisst genau, dass dieses Gejammer bei mir keinen Zweck hat.“

„Okay, wo geht’s lang?“, erkundigte Sawyer sich, als sie die Hauptverkehrsstraße erreichten, die mitten durch Losthampton führte.

Komisch, genau das frage ich mich schon seit Jahren, dachte Sophie.

Damals mit Bill war es ihr so vorgekommen, als käme sie nicht von der Stelle. Immer wieder hatte sie sich darum bemüht, dass alles wieder so würde wie am Anfang – bevor er sich mit kriminellen Polizeikollegen eingelassen hatte. Von da an war es stetig bergab gegangen, bis ihr der Mann, den sie damals geheiratet hatte, vollkommen fremd geworden war.

„Sophie“, unterbrach Sawyer ihre Gedanken. „Wie muss ich fahren?“

Es klang seltsam, wie er ihren Namen aussprach: ganz ruhig und sanft. Zuletzt hatte Bill ihn nur noch geschrien, und immer war etwas Bedrohliches mitgeschwungen.

„Wir wohnen in der Blueberry Road“, sagte sie schließlich. „In dem kleinen alten Häuschen ganz am Ende der Straße.“

„Ach so.“ Sawyer setzte den Blinker. „Ich hab gehört, dass da jemand Neues eingezogen ist.“ Er lächelte schief. „Tja, in einer Kleinstadt wie dieser spricht sich so etwas schnell rum.“

„Kann ich mir vorstellen. Na ja, ich habe jedenfalls zuerst das Wohnzimmer hergerichtet und die Kinder da einquartiert, bis ihre Zimmer fertig gewesen sind. Jetzt renoviere ich nach und nach die anderen Räume.“

„Das ist sicher eine Menge Arbeit“, erwiderte Sawyer, „aber es lohnt sich bestimmt. Ich finde alte Häuser toll. Unseres steht schon seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Es hat der Familie meiner Mutter gehört.“

„Dann ist Ihre Mutter hier geboren?“

„Nein, eigentlich kommt sie aus einer alteingesessenen texanischen Familie. Ihr Urgroßvater hat Shepherd’s Knoll als Sommerwohnsitz bauen lassen. Als meine Mutter mit dem Chauffeur durchgebrannt ist, hat sie meinem Vater das Anwesen überschrieben. Ich schätze, dass sie sich schuldig gefühlt hat.“

„Wie alt waren Sie damals?“

„Hm … drei Jahre. Und mein Bruder Killian war fünf. Mein Vater hat danach eine Designerin geheiratet, die für sein Modeunternehmen gearbeitet hat. Die beiden haben noch zwei Kinder bekommen.“

„Ist Killian der Bruder, mit dem Sie sich heute Abend noch treffen wollen?“

„Nein, Killian befindet sich zurzeit mit seiner Frau in Europa. Die zwei gönnen sich dort so eine Art zweite Flitterwochen. Heute Abend treffe ich mich mit Brian Girard. Meine Mutter war mit ihm schwanger, als sie uns verlassen hat.“

„Dann ist er also der Sohn des Chauffeurs?“

„Nein. Er stammt aus einem Verhältnis mit unserem Nachbarn.“

„Ach, du meine Güte!“ Sophie schlug sich eine Hand vor den Mund und versuchte, ein Lachen zu unterdrücken. „Entschuldigen Sie bitte. Ich weiß natürlich, dass das nicht witzig ist, weil Sie ja damit leben müssen. Aber das Ganze klingt irgendwie so sehr nach einer dieser Vorabendserien. Sie wissen schon: wenn noch mal alle Register gezogen werden, damit die Leute nach der Sommerpause wieder einschalten.“

„Das ist längst nicht alles“, fuhr Sawyer fort. „Als meine Halbschwester Abby vierzehn Monate alt war, ist sie entführt worden. Wir haben nie mehr etwas von ihr gehört, bis vor zwei Wochen eine junge Frau namens China bei uns aufgetaucht ist, die glaubt, Abby zu sein.“

„Ich fass es nicht!“

„Es ist aber so. Sie hat genau die gleichen dunklen Haare wie mein jüngerer Halbbruder Campbell – Abbys richtiger Bruder. Außerdem streiten sich die beiden wie echte Geschwister, also finde ich das Ganze gar nicht so unwahrscheinlich.“

„So etwas kann man doch heutzutage durch eine DNA-Analyse überprüfen lassen.“

Sawyer nickte. „Das haben wir auch vor. Allerdings ist meine Stiefmutter Chloe im Moment noch in Frankreich, um ihre kranke Tante zu pflegen. Wir wollten sie nicht zusätzlich aufregen und haben ihr deswegen nichts erzählt. Auch mit dem Test wollen wir warten, bis sie wieder zu Hause ist. Bis dahin wohnt China bei uns und kümmert sich mit Campbell zusammen um das Anwesen.“

„Es muss toll sein, in einem Haus zu leben, das schon so lange in Familienbesitz ist“, seufzte Sophie. „Ich weiß nur, dass meine Urgroßeltern aus Vermont stammten. Meine Familie wohnt immer noch da.“

„Und wie sind Sie nach Losthampton gekommen?“

„Ich habe davor zehn Jahre mit meinem Exmann in Boston gelebt, das ist ja nicht so weit weg. Hier haben wir mal einen Sommerurlaub verbracht, und ich fand es einfach wunderschön.“

Bisher hatte sie den Leuten nur erzählt, sie sei Witwe und wolle in Losthampton einen Neuanfang starten. Sawyer gegenüber musste sie etwas mehr preisgeben, denn immerhin hatte er Eddies Bemerkung auf der Polizeiwache mitgehört. Weiteres würde sie ihm jedoch nicht verraten. „Wir fangen hier noch mal von vorn an“, sagte sie und war erleichtert, als er in ihre Straße bog.

„Kann ich noch irgendetwas für Sie tun?“, erkundigte er sich, während sie die schnurgerade Straße entlangfuhren.

„Vielen Dank für das Angebot, aber wir haben alles.“

„Haben wir nicht“, warf Emma mürrisch ein. „Wir haben meine Kekse im Supermarkt liegen lassen.“

Sophie stöhnte auf. „Oje, stimmt ja, unsere Einkäufe!“ Ob der Einkaufswagen wohl noch voll bepackt im Gang stand? „Tja, heute gibt’s eben nur Obst zum Nachtisch, tut mir leid“, sagte sie zu ihrer Tochter. „Die Sachen müssen wir morgen holen. Und wenn ihr nicht wieder einem wildfremden Menschen eine Entführungsgeschichte erzählt, können wir unsere Einkäufe diesmal sogar mit nach Hause nehmen.“

„Das ist kein wildfremder Mensch“, protestierte Eddie. „Das ist der einzig Richtige.“

Oje, wie sollte sich Sophie bloß bei Sawyer für das Benehmen ihrer Kinder entschuldigen? Als zweiter Sohn der ebenso berühmten wie wohlhabenden Abbott-Familie war er mit Sicherheit anderes gewohnt.

Sawyer lachte. „Hey, das kann ich bei meinem nächsten Stunt gleich als neuen Beinamen einführen: Sawyer Abbott – der einzig Richtige!“ Schwungvoll bog er in die Auffahrt ein. Die Jahre waren dem kleinen Haus anzusehen, doch gleichzeitig wirkte es durchaus ansprechend.

Die weiße Farbe blätterte von den Außenwänden, und ein grauer Fensterladen hing schief in einer einzigen Angel. Aber Sophie hatte sich in die breite Veranda verliebt und die Blumenkästen am Fenster mit gelben und violetten Stiefmütterchen bepflanzt. Immer, wenn sie die Blumen sah, hellte sich ihre Stimmung auf.

Bevor sie sich bei Sawyer bedanken und schnell aussteigen konnte, war er aus dem Wagen gesprungen und öffnete den Kindern die Türen.

„Mom, wer ist das?“, fragte Sophies älteste Tochter Gracie, die mit ihrer besten Freundin Kayla Spoonby vor dem Haus stand. Kaylas Vater war Leiter der Krankenhausverwaltung, ihre Mutter arbeitete als Lehrerin.

Sophie erzählte Gracie und Kayla, was beim Einkaufen passiert war, und Gracie beobachtete Sawyer dabei kritisch. „Die beiden sind echt bescheuert“, urteilte sie über ihre jüngeren Geschwister. „Wir brauchen keinen neuen Dad.“

„Ich find’s schön, einen Dad zu haben“, setzte Kayla dagegen. Sie war klein und eher rundlich, hatte rotes Haar und viel Temperament. Optisch war sie das genaue Gegenstück zur großen, schlanken Gracie. Sophies Tochter hatte das ansprechende Äußere ihres Vaters geerbt, ähnelte vom Auftreten her allerdings mehr der schüchternen Sophie.

„Jedenfalls ist Sawyer echt cool“, fuhr Kayla fort. „Und er ist mit meinem Dad befreundet. Hi Sawyer!“ Sie lief um das Auto herum.

Weil Eddie immer noch nicht von seiner Seite weichen wollte, hatte Sawyer nur einen Arm frei, um Kayla zur Begrüßung zu umarmen.

Gracie blieb auf der anderen Wagenseite stehen und winkte Sawyer nur kurz zu, als Kayla sie ihm vorstellen wollte. Er machte einen Schritt in ihre Richtung, hielt jedoch sofort inne, als er merkte, dass sie zurückzuckte.

„Vielen herzlichen Dank“, sagte Sophie und löste sanft, aber bestimmt die Kinder von ihm. „Es ist wirklich nett von Ihnen, dass Sie das alles so geduldig mitgemacht haben. Die beiden haben Ihnen ja den ganzen Abend verdorben. So, Eddie, und was sagen wir jetzt zu Mr. Abbott?“

„Dass er der einzig Richtige ist“, antwortete der Junge wie aus der Pistole geschossen.

Na, das hätte sie sich ja denken können! „Wie bitte? Was sagst du zu ihm?“

„Sie sind der …“, setzte er erneut an.

„Eddie!“

Der Kleine streckte seine schmale Hand aus. „Danke schön“, murmelte er schuldbewusst.

„Und …?“, hakte Sophie nach.

„Und … es tut mir leid?“ Unsicher sah ihr Sohn sie an.

Sie nickte.

„Ich finde, wir sollten ihn fragen, ob er noch mit uns zu Abend essen will“, schlug Eddie vor.

„Tja, wenn wir etwas Vernünftiges zu essen im Haus hätten, könnten wir das tun“, bemerkte Sophie. „Unsere Einkäufe sind nur leider im Supermarkt geblieben.“ Insgeheim war sie dankbar für die Ausrede.

„Vielleicht macht ihm das nichts aus“, meldete sich Emma zu Wort und schaute zu dem großen Mann hoch. „Wenn wir nichts anderes dahaben, essen wir immer Brot mit Ei. Mögen Sie so was?“

Zum Glück kam Sawyer Sophie zu Hilfe. Er ging vor dem Mädchen in die Hocke und nahm dabei ihre kleine Hand in seine. „Vielen, vielen Dank für die Einladung“, erklärte er mit ernster Stimme. „Aber ich wollte heute meinen Bruder besuchen und bin schon ein bisschen spät dran. Wenn ihr mich ein anderes Mal einladen wollt, sage ich gern Ja.“

„Wie wär’s mit Morgen?“, schlug Eddie sofort vor.

Sawyer lächelte Sophie zu. „Ich glaube, wir überlassen das lieber eurer Mom. Sie kann mich ja anrufen, wenn es gerade gut passt. Okay?“

„Das macht sie bestimmt nicht“, meinte Emma und warf ihrer Mutter einen ärgerlichen Blick zu. „Sie sagt immer ‚ein andermal‘, aber daraus wird nie was.“

„Dann muss ich mich wohl darauf verlassen, dass ihr sie daran erinnert, okay?“

„Okay“, gaben die beiden wie aus einem Mund zurück. Eddie schlug bei ihm ein, und Emma schlang die Arme fest um ihn.

Sawyer winkte Gracie noch einmal zu, verabschiedete sich von Sophie und stieg in sein Auto.

Ihr fiel ein ganzer Felsbrocken vom Herzen, als der Wagen vom Grundstück fuhr. Als er aus ihrem Blickfeld verschwand, breitete sich eine seltsame Enttäuschung in ihr aus. Sie hatte sich vorgenommen, sich nie mehr auf jemanden einzulassen. Und Sawyer Abbott war genau der Typ Mann, der ihren Vorsatz gehörig ins Wanken bringen konnte. Allerdings konnte er ihn eben auch nur ins Wanken bringen: Nach der Zeit mit Bill war sie felsenfest davon überzeugt, dass sie nie mehr mit einem Mann glücklich sein konnte.

3. KAPITEL

Als Sawyer nach dem Besuch bei Brian nach Hause kam, hörte er, dass im Wohnzimmer ein Streit im Gange war. Deutlich nahm er eine wütende Frauen- und eine ebenso aufgebrachte Männerstimme wahr: China und Campbell.

Am liebsten hätte Sawyer die beiden sich selbst überlassen. Andererseits: Was, wenn China Grant tatsächlich seine seit über zwanzig Jahren verschollene Schwester Abigail war? Dann hatte sie wirklich einen herzlicheren Empfang verdient. Und selbst wenn sie es nicht war, hatte Sawyer Mitgefühl mit ihr.

Campbell war als Einziger dagegen gewesen, China bis zu Chloes Rückkehr aus Frankreich in Shepherd’s Knoll unterzubringen. Er war sich sicher, dass China aus irgendwelchen undurchsichtigen Motiven lauter Lügengeschichten erzählte. Allerdings hatten Sawyer und Killian ihn als die Älteren überstimmt – wie so oft. Vielleicht lag es an den unterschiedlichen Müttern, dass die Brüder charakterlich so grundverschieden waren.

Als Sawyer die Wohnzimmertür öffnete, standen sich China und Campbell mitten im Raum gegenüber. Campbell war groß und hatte dunkles Haar. Er hatte Chloes schokoladenbraune Augen und ihre feinen Züge geerbt, was ihm im Gegensatz zu Killian und Sawyer ein aristokratisches Aussehen verlieh. Dazu kamen sein düsterer, gedankenverlorener Blick und seine schwer voraussehbaren Stimmungsschwankungen. Insgesamt wirkte er beinahe wie ein Romanheld aus dem neunzehnten Jahrhundert.

China dagegen entsprach eher dem fröhlichen, zupackenden Typ und reagierte meist ungeduldig auf seine dramatischen Anwandlungen. Sie war mittelgroß, schlank und anmutig. Optisch erinnerte sie Sawyer stark an Chloe – möglicherweise auch nur deshalb, weil beide sehr weiblich wirkten. Das lange Haar hatte sie im Nacken mit einem Clip zusammengefasst.

„Ich hab überhaupt nicht vergessen, die Nachricht weiterzuleiten“, fauchte sie Campbell gerade an, als Sawyer ins Zimmer kam. „Das habe ich doch eben schon gesagt. Ich habe alles ganz genau aufgeschrieben und den Zettel dann auf deinen Poststapel im Eingangsbereich gelegt. Wenn er dir irgendwo runtergefallen ist, ist das nicht meine Schuld.“

Auf den ersten Blick wirkte Campbell völlig ruhig. Doch auch Sawyer hatte sich oft mit ihm gestritten, und er bemerkte sofort, wie angespannt sein jüngerer Bruder war. „Wenn du das gemacht hättest“, sagte er, „hätte ich den Zettel gesehen, als ich die Post mitgenommen habe.“

„Wenn du etwas früher nach Hause gekommen wärst“, gab China zurück, „statt bis morgens zu feiern, dann wäre er auf jeden Fall da gewesen. Wahrscheinlich ist er runtergeflattert, als jemand die Tür aufgemacht hat.“

„Das wäre nicht passiert, wenn du ihn mir persönlich gegeben und ihn nicht einfach lose auf den Poststapel gelegt hättest“, erwiderte er düster. „Dabei habe ich jedem erzählt, dass ich einen dringenden Anruf erwarte.“

„Tja, bloß war ich leider nicht in deiner Nähe, als du das erwähnt hast. In deiner Nähe kann ich es nämlich kaum aushalten.“

„Hoppla, Moment mal!“ Sawyer hielt China am Arm zurück, als sie aus dem Zimmer stürzen wollte. „Rein zufällig weiß ich, dass Kezia dir den Zettel auf die Tastatur deines Computers gelegt hat“, erklärte er Campbell. Kezia war die Haushälterin der Abbotts. „Sie wusste ja, wie wichtig dir der Anruf war. Allerdings war der Zettel dort nicht vor Versace sicher.“

Versace war der dicke graue Kater von Killians Ehefrau Cordie. Seit seine Besitzerin mit Killian in die zweiten Flitterwochen gereist war, blockierte Versace mit seinem langen flauschigen Fell am liebsten die Hollywoodschaukel auf der Veranda. „Das Viech schläft doch ständig auf deinem Schreibtisch, weil du nie die Tür zumachst“, fuhr Sawyer fort. „Wahrscheinlich hat er den Zettel runtergerissen. Guck mal auf dem Fußboden nach.“

„Danke“, brummte Campbell.

„Keine Ursache.“

Schließlich wandte Campbell sich an China, atmete tief durch und straffte die Schultern. Offenbar musste er für die nächsten Worte seine ganze Willenskraft aufbringen: „Tut mir leid.“

„Tut es eben nicht“, erwiderte sie trotzig. „Ich rede ruhig und höflich mit dir, aber du zeigst mir jedes Mal deutlich, dass du mich nicht ausstehen kannst. Also ich finde den Gedanken, dass ich mit dir verwandt sein könnte, inzwischen nicht mehr so toll.“

Campbell schüttelte den Kopf und warf Sawyer einen vielsagenden Blick zu. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das unsere verschollene kleine Schwester ist.“

Unwillkürlich musste Sawyer lächeln. „Beziehungen zu jüngeren Geschwistern sind eben nicht unbedingt harmonisch. Normalerweise gibt’s da immer Ärger – so wie zwischen euch beiden gerade.“

„Herrgott im Himmel!“, seufzte Campbell.

„Ich glaube, deinen Ansprechpartner findest du in der entgegengesetzten Richtung“, konterte China. „Gute Nacht, Sawyer.“ Damit verließ sie den Raum.

„Am liebsten würde ich ihr jetzt mit meinem roten Spielzeuglaster eins überziehen“, stieß Campbell hervor.

Sehr interessant, dachte Sawyer. Am Tag, an dem Abigail verschwunden war, hatte sie sich nämlich mit Campbell um genau diesen Laster gestritten.

Damals war Abby zu ihm ins Kinderzimmer gekrabbelt. Campbell hatte seine kleine Schwester immer sehr gemocht, doch an diesem Tag war er schlecht gelaunt gewesen. Er hatte ihr den Laster weggerissen, als sie damit spielen wollte.

„Du bist aber nicht mehr fünfeinhalb“, erinnerte Sawyer ihn nun. „Und du machst es ihr wirklich nicht leicht, höflich zu dir zu sein, wenn du ihr ständig vermittelst, wie sehr du sie hasst.“

„Ich hasse sie nicht“, widersprach Campbell ihm schnell. „Ich … mag sie nur nicht besonders.“

„Und warum nicht?“

„Ich traue ihr nicht über den Weg. Sie ist eben nicht Abby.“

„Woher weißt du das?“, hakte Sawyer nach.

Campbell sah zur Treppe hinüber, die China eben hochgelaufen war. „Wenn sie Abby wäre … dann würde sie mich nicht hassen.“

Diese Art von Logik war typisch für Campbell. Erwartete er ernsthaft, dass eine sechsundzwanzigjährige Frau sich ihm gegenüber genauso verhielt, wie sie es als Kleinkind getan hatte? Offenbar schon.

„Ich will endlich diese DNA-Analyse machen lassen“, sagte er. „Dann haben wir’s hinter uns.“

„Hey, das können wir Mom nicht antun.“

„Und wenn sich rausstellt, dass diese Frau nicht Abby ist? So könnten wir sie rausschmeißen, bevor Mom irgendetwas von der ganzen Sache mitkriegen muss.“

„Wenn der Test aber beweist, dass sie doch Abby ist“, gab Sawyer zu bedenken, „verpasst Mom einen entscheidenden Moment. Überleg doch mal: All die Jahre hat China geglaubt, sie sei adoptiert worden. Und eines Tages hat sie auf dem Dachboden ihrer Eltern diesen Karton mit Babysachen von Abbott Mills gefunden. Wie willst du Mom das erklären?“

Campbell seufzte. „Keine Ahnung. Ich versuche mich die ganze Zeit an die Nacht zu erinnern, in der sie verschwunden ist. Aber ich weiß nur noch, dass die Nanny geschrien und Mom schrecklich geweint hat. Dass Dad tagelang mit niemandem geredet hat.“ Nach einer kurzen Pause räusperte er sich und rieb sich die Augen, als würde er aus einem schlimmen Traum in die Wirklichkeit zurückkehren. „Ich guck mal, ob der Zettel mit der Nachricht auf den Fußboden gefallen ist.“

„Glaubst du, du hast den Job?“, fragte Sawyer.

Campbell bewarb sich ständig als Verwalter auf anderen Anwesen. Offenbar wollte er sich beweisen, dass er auch ohne seine großen Brüder Killian und Sawyer sehr gut zurechtkam – vielleicht sogar besser.

„Weiß ich nicht.“ Er gähnte. „Bei diesen Vorstellungsgesprächen kann ich mich eigentlich ganz gut verkaufen. Bloß wenn die Leute wissen wollen, warum ich von Shepherd’s Knoll weg will, wird’s schwierig. Das kann ich schlecht erklären, ohne sehr persönliche Dinge über mich zu erzählen. Und wenn ich dann anfange, rumzudrucksen, denken die Leute schnell, mit mir stimmt etwas nicht.“

„Damit haben sie gar nicht so unrecht“, erwiderte Sawyer.

„Danke, das hab ich jetzt gebraucht.“ Campbell wollte weggehen, drehte sich aber noch mal zu seinem älteren Bruder um. „Hast du mitgekriegt, dass deine Inlineskates inzwischen angekommen sind? Was für einen waghalsigen Auftritt hast du denn damit vor?“

Sawyer lächelte breit. „Ist alles noch in der Planung. Wo liegen sie?“

„Auf dem Tischchen im Eingangsbereich, gleich neben der Post. Es sei denn, Versace hat sie auch verschleppt.“

„Hey, wie wär’s, wenn wir Sawyer für morgen zum Abendessen einladen?“, schlug Eddie seiner Mutter vor. Er bemühte sich offenbar darum, spontan zu klingen, als wäre er eben erst auf diese Idee gekommen. Dabei hatte er ihr die gleiche Frage gestern schon mehrmals gestellt und außerdem heute Morgen, bevor Sophie zur Arbeit gegangen war.

„Mom muss morgen Abend arbeiten“, erwiderte Gracie, als sie mit Kayla in die Küche kam. Kayla sollte heute bei den Fosters übernachten, weil ihre Eltern sich in New York City ein Theaterstück ansahen. „Und wir brauchen keinen Vater, also hör endlich auf mit dem Quatsch.“

„Er muss ja nicht gleich unser Dad werden“, warf Eddie ein. „Er kann doch einfach Mommys Freund sein. Rusty Martins Mom hat viele Männer als Freunde.“

„Rusty Martins Mom ist ja auch eine …“, setzte Kayla an.

„… sehr nette Frau“, unterbrach Sophie ihre Tochter schnell. „Sie hat ihren Mann und Rustys kleine Schwester durch einen Autounfall verloren. Das war nicht leicht für sie. Da finde ich es nicht richtig, wenn wir jetzt ein Urteil über sie fällen.“

„Was heißt das, ein Urteil fällen?“, hakte Eddie nach.

„Ein Urteil fällt man, wenn man sagt, ob etwas gut oder schlecht ist“, erklärte Sophie. „Aber das ist nicht so einfach. Manchmal macht jemand nämlich etwas, das auf den ersten Blick schlecht aussieht … nur weil er verwirrt ist … oder sehr einsam.“

Gracie und Kayla musterten sie kritisch. Es war in der ganzen Gegend bekannt, dass Sherri Martin die Männer wechselte wie ihre Unterhosen. Sophie wusste jedoch aus eigener Erfahrung, dass Außenstehende die Dinge oft ganz anders wahrnahmen als derjenige, der mittendrin steckte.

Obwohl sie von Bill misshandelt worden war, hatte Sophie sich nicht von ihm getrennt. Einige Freundinnen hatten das mitbekommen – und hatten sich von ihr zurückgezogen. Diese Freundinnen hatten kein Verständnis dafür gehabt, dass es ihr trotz allem schwergefallen war, den Glauben an den Mann aufzugeben, der Bill einmal gewesen war.

Zum Glück schaltete sich Emma in diesem Moment ein und wechselte das Thema: „Wieso musst du morgen arbeiten, Mommy?“

„Weil die Krankenschwester, die eigentlich Dienst hätte, sich das Bein gebrochen hat und sie noch keine feste Vertretung gefunden haben. Also springe ich ein.“

„Können wir weiter über die Sache mit dem Freund reden?“, beharrte Eddie.

„Mom will auch keinen Freund“, sagte Gracie und schaute ihre Mutter fragend an.

Eigentlich waren die beiden sich auf dem Gebiet immer einig gewesen. Jetzt hatte Sophie zum ersten Mal ihre Zweifel und schwieg zunächst.

Gracie bemerkte das sofort und reagierte entsetzt. „Mom, du hast damals versprochen, dass niemand bei uns einzieht, der gemein zu uns sein kann. Weder als Dad noch als Freund.“

Die Kinder standen sich gegenüber und funkelten sich an: Eddie und Emma auf der einen Seite des Küchentisches, Gracie auf der anderen. Kayla hatte mit der ganzen Sache zwar nichts zu tun, blieb jedoch neben ihrer besten Freundin stehen.

„Tja, es steht zwei zu eins“, verkündete Eddie. „Emma und ich wollen nämlich einen Dad haben.“

„Es gibt richtig tolle Dads“, warf Kayla ein.

„Ja, und es gibt richtig fiese“, gab Gracie zurück. „Solche, die laut werden und einem Angst machen und mit den Türen schlagen.“

So etwas hatte Kayla offenbar nie erleben müssen. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich weiß. Doch die meisten Dads sind nicht so. Manche beachten ihre Kinder vielleicht nicht großartig, würden ihnen aber nie wehtun. Und manche arbeiten den ganzen Tag, sind allerdings richtig nett, wenn sie mal da sind. Und dann gibt es noch Dads, die so sind wie meiner. Die einen schrecklich lieb haben. Er ist zwar auch ab und zu wütend auf mich, wenn ich etwas angestellt habe, aber er wird dabei nie gemein. Und er ist wirklich gern mit mir zusammen.“

„Sawyer wäre bestimmt auch so“, meinte Eddie.

Plötzlich wirkte Gracie nicht mehr wütend, sondern traurig und nachdenklich. „Ja“, murmelte sie. „So war unser Dad am Anfang auch. Und dann ist er ganz anders geworden. Woher weiß man, dass sich jemand nicht auf einmal verändert?“

Kayla war sprachlos – was vollkommen untypisch für sie war.

Also wandte Gracie sich an Sophie: „Woher weiß man, ob sich jemand verändert?“

„Sicher sein kann man sich da nie“, gab sie zu. Dennoch wollte sie das nicht so stehen lassen: Immerhin würde ihre Tochter bald zu einer jungen Frau heranwachsen, die trotz allem offen und positiv durchs Leben gehen sollte. „Ich glaube, man muss den Leuten manchmal vertrauen. Bis es einen guten Grund gibt, der dagegen spricht. Also muss man immer sehr, sehr aufmerksam sein.“

Gracie hatte Tränen in den Augen. „Als ich noch klein war, ist Daddy aber immer lieb zu mir gewesen.“

Sophie ging um den Tisch herum. In diesem Moment wollte sie ihre Tochter unbedingt in den Arm nehmen. „Er hat euch alle sehr geliebt, immer.“

„Er hat mich weggestoßen, als ich dir helfen wollte.“ Eine Träne nach der anderen kullerte Gracie über die Wange.

Sophie legte ihr einen Arm um die Schulter. „Das hat er bestimmt nicht gewollt. Eigentlich war er nämlich wütend auf mich. Er wollte nicht, dass dir etwas passiert, und hat dich deshalb weggeschubst.“

Gracie schüttelte den Kopf. Offenbar ließ sie die Erinnerung an den schrecklichen Abend nicht los.

Bill hatte Sophie damals angeschrien, weil sie seiner Meinung nach zu viel für Schulkleidung ausgegeben hatte. Zu dem Zeitpunkt hatte er sich schon seit einem Jahr mit anderen Polizisten zusammengetan: Bei Drogenrazzien hatten sie heimlich das gefundene Bargeld eingestrichen und außerdem Schutzgelder von Zuhältern und flüchtigen Kriminellen erpresst. Sophie hatte davon noch nichts gewusst, aber bereits seit Längerem geahnt, dass irgendetwas im Busch gewesen war.

Schließlich hatte eine Sozialarbeiterin, die im Krankenhaus mit Missbrauchsopfern gearbeitet hatte, Sophie angesprochen. Die Frau hatte ihr geraten, so schnell wie möglich mit den Kindern auszuziehen.

An dem Tag ließ Sophie sich beim Einkaufen hundert Dollar zusätzlich auszahlen, um für die Flucht mit den Kindern etwas Geld bei sich zu haben. Bill regte sich über ihre hohen Ausgaben auf, es kam zu einem heftigen Streit, und am Ende schlug er sie. Als Gracie sie beschützen wollte, stieß er seine Tochter weg.

Dabei stolperte das Mädchen gegen den Beistelltisch und schrammte sich den Arm an einer spitzen Ecke auf. Bill reagierte entsetzt. Obwohl er sich Sophie gegenüber schon lange gewalttätig verhielt, hatte er die Kinder nie angerührt, sie allerhöchstens angeschrien.

Dass Gracie ihn in dem Moment erschrocken und fassungslos ansah, konnte er wohl nicht ertragen: Er stürzte aus dem Haus. Sofort rief Sophie die Sozialarbeiterin an, und eine Stunde später saß sie mit ihren Kindern im Auto.

Ein ganzes Jahr lang hatten sie sich vor ihm in einem Frauenhaus versteckt. Dann, in einer nassen Aprilnacht, war Bills Streifenwagen bei einer Verfolgungsjagd von einem Laster gerammt worden. Er und sein Partner waren sofort tot gewesen.

Sophie war außer sich gewesen vor Verzweiflung und Trauer um die Liebe, die es zwischen ihnen einmal gegeben hatte. Plötzlich war ihre Ehe für immer vorbei gewesen. Zwar hatte sie nie ernsthaft an eine zweite Chance geglaubt, aber eine leise Hoffnung hatte es trotzdem immer gegeben.

„Ich finde es am besten, wenn wir es mit einem anderen Mann gar nicht erst ausprobieren“, meldete Gracie sich jetzt zu Wort. „Dann sind wir auf jeden Fall sicher.“

Eine gewisse Logik hatte diese Sichtweise natürlich.

„Es ist gut möglich, dass ich Sawyer Abbott nie wiedersehe“, sagte sie zu Gracie, küsste ihre Tochter auf die Stirn und zog ein paar Tischsets aus einer Schublade. „Also kein Grund zur Sorge. Kümmern wir uns lieber ums Abendessen. Eddie, holst Du bitte Butter und Ketchup aus dem Kühlschrank?“

Sophies Bemerkung, Sawyer Abbott wahrscheinlich nie wiederzusehen, wurde gleich am nächsten Tag widerlegt: Drei Jugendliche, die T-Shirts und Shorts trugen, aber mit Fahrradhelmen und Knieschützern ausgestattet waren, brachten ihn nämlich in die Notaufnahme. Es war kurz nach neun Uhr abends, und sie machte gerade ein paar Einträge für die nächste Schicht.

Sogleich erkannte sie Sawyers Stimme. „Es ist alles in Ordnung“, meinte er zu den beiden Jungen, die ihn links und rechts stützten. „Ich war nur ganz kurz bewusstlos.“

„Mein Vater ist Arzt“, warf der dritte Junge ein. Er hielt etwas in der Hand, das so aussah, als wäre es einmal Sawyers Helm gewesen. „Und er sagt immer, dass eine Gehirnerschütterung auf jeden Fall beobachtet werden muss.“

„Pah!“, gab Sawyer zurück. „Damit willst du doch bloß den schlauen Mann markieren.“

„Das hat damit nichts zu tun, denn ich bin wirklich schlau. Schließlich habe ich mich beim Skaten nicht auf die Nase gelegt.“

Als Sophie auf die kleine Gruppe zukam, sprach der Junge mit dem Helm sie sofort an: „Auf der Glasgow Coma Scale erreicht er fünfzehn Punkte“, sagte er mit ernster Stimme. „Das ist ja schon mal gut, aber ich dachte, wir bringen ihn vorsichtshalber vorbei.“

Sie war überrascht, dass er diese Skala kannte, mit der Ärzte den Grad einer Bewusstseinsstörung einschätzten. Noch dazu konnte er sie fachmännisch anwenden: Offenbar wusste er, dass fünfzehn Punkte für ein sehr leichtes Trauma standen.

Als sie ihn verwundert ansah, stellte er sich vor: „Ich bin Henry Brown, mein Vater ist Dr. Brown.“

„Ach so“, erwiderte Sophie. Dr. Brown arbeitete auch in der Notaufnahme. „Dann überprüfe ich das mal. Am besten setzen wir Mr. Abbott auf das Bett hier.“ Sie klappte die Rückenlehne hoch.

Es wirkte ganz so, als würde Sawyer Abbott sich darüber freuen, sie wiederzusehen. Zumindest glänzten seine Augen. Oder war das der Schock?

„Mrs. Foster“, sagte er. „Allein dafür hat sich die Einlieferung ins Krankenhaus gelohnt. Aber was hat es mit dieser Glasgow-Geschichte auf sich? Kann man damit feststellen, wie viel schottisches Blut ich in mir habe?“

Sophie ignorierte seine Witzeleien einfach und tastete nach seinem Puls. „Können Sie mir Ihren Namen nennen?“

„Alistair MacDougal.“

Als sie die Stirn runzelte, lächelte er und fragte: „Krieg ich jetzt hundert Punkte auf dieser schottischen Skala?“

Unbeirrt konzentrierte Sophie sich weiter auf seinen Pulsschlag und schwieg.

Sawyer seufzte. „Okay, ich heiße Sawyer Jacob Abbott“, antwortete er schließlich. „Und ich bin gerade im Krankenhaus von Losthampton. Ich bin fünfunddreißig Jahre alt und wohne in der …“

Es schien alles in Ordnung zu sein: Sein Pulsschlag war kräftig und regelmäßig, seine Pupillen reagierten sofort auf Veränderungen der Lichtverhältnisse. Als sie sich das Stethoskop aufsetzen wollte, sagte er plötzlich: „… und Ihre Telefonnummer lautet …“

Sie sah ihn fassungslos an.

„Tja, ich wollte Sie fragen, ob Sie mit mir am Wochenende ins Kino gehen“, erklärte er und lächelte sie so charmant an, dass jede andere Frau sofort dahingeschmolzen wäre. „Vielleicht sogar auf Rezept. In meinem Zustand muss ich bestimmt unter Beobachtung bleiben, oder?“

„Meinten Sie nicht eben, es wäre alles in Ordnung?“

„Da wusste ich nicht, dass Sie heute Dienst haben.“

„Ja, aber nur noch eine Stunde“, erwiderte sie. „Also muss Sie wohl jemand anders beobachten.“

„Okay, dann geht’s mir doch wieder gut. Wollen wir nachher einen Kaffee trinken gehen?“

„Mannomann!“, mischte sich einer der Teenager ein. „Das ist so was von lahm, damit kommen Sie nicht weiter.“

Sawyer warf dem Jungen einen finsteren Blick zu und wandte sich erneut an Sophie. „Gibt’s kein Mittelchen, mit dem man die drei unsichtbar machen kann? Kaum lässt man sich von denen das Inlineskaten beibringen, werden sie schon übermütig.“ Er verstellte seine Stimme und ahmte den Tonfall der Jungen nach: „‚Sie müssen in die Knie gehen und sich dabei zur Seite drehen. Vermutlich sind Sie einfach schon zu alt für so was!‘ Dabei führt ihr euch selbst wie drei alte Weiber auf, wisst ihr das?“

Die Teenager zeigten sich unbeeindruckt. „Er ist wirklich zu alt für so was“, sagte einer von ihnen zu Sophie. „Er kann nämlich nicht tief genug in die Knie gehen, um richtig Fahrt aufzunehmen und dann einen Salto zu springen.“ Aufmerksam musterte er sie, und sein Blick blieb an ihrem Namensschild hängen. „S. Foster“, las er laut. „Sie sind Sophie! Sie haben meiner Mom, meiner Schwester und mir geholfen, als wir im Frauenhaus waren. Ich bin Jeff Howard, wissen Sie noch?“

„Stimmt!“ Sie hatte schon überlegt, warum ihr der Junge so bekannt vorkam. Als sie ihn kennengelernt hatte, war er sehr ruhig und verbittert gewesen. Sie hatte seiner Mutter empfohlen, ihn im Boys Bunker anzumelden: Das war eine Art Sportverein mit sozialpädagogischer Begleitung, der sich regelmäßig in einer alten Turnhalle versammelte, um Basketball oder Volleyball zu spielen. „Als wir uns zuletzt gesehen haben, warst du noch einen halben Kopf kleiner, kann das sein?“

Jeff grinste stolz. „Schon. Mir kommt’s auch so vor, als würden alle um mich herum schrumpfen.“ Er lachte Sawyer zu. „Besonders der alte Mann hier. Wir kennen uns vom Bunker, da hilft er manchmal ein bisschen mit. Vor Kurzem hat er Stretch, Henry und mich gefragt, ob wir ihm einen Salto auf Inlineskates beibringen können. Aber ich glaube, das Geld, das er uns dafür gegeben hat, reicht bei Weitem nicht.“

Sawyer stöhnte. „Darf er überhaupt so mit mir sprechen? Ich bin immerhin verletzt.“

Sanft, aber bestimmt schob Sophie die Jungen in Richtung Warteraum. „Die Cafeteria hat schon geschlossen. Draußen neben der Eingangstür findet ihr einen Getränke- und einen Süßigkeitenautomat. Es wäre nett, wenn ihr mich mit dem alten Herrn ein bisschen allein lasst. Ich muss ihn noch genauer untersuchen.“

Lachend verschwanden die drei.

„Mit den Jungs haben Sie also bereits Freundschaft geschlossen“, bemerkte Sophie, während sie Sawyer eine Manschette zum Blutdruckmessen um den Arm legte. „Wie haben Sie das geschafft? Haben Sie deren Eltern etwa auch von der Polizei abführen lassen?“

„Was muss ich eigentlich tun, damit Sie ein bisschen Mitleid mit mir haben?“

Kommentarlos pumpte Sophie die Armmanschette auf.

„Sie würden mir das Ding am liebsten um den Hals legen, stimmt’s?“, vermutete er.

„Pscht“, machte sie und las die Anzeige. Seine Blutdruckwerte waren besser als die mancher Spitzensportler.

„Und? Überlebe ich? Kann ich den Jungs noch beweisen, dass ich mit fünfunddreißig sehr wohl einen Salto springen kann?“

„Sieht ganz so aus“, erwiderte Sophie. „Aber vorher muss Dr. Brown Sie untersuchen.“ Damit verließ sie das Zimmer.

In ihrer blauen OP-Kluft mit dem Veilchenmuster auf dem Oberteil sah Sophie sehr hübsch aus. Von hinten wirkte sie wie neunzehn, und ihr brauner Pferdeschwanz schwang hin und her, während sie den Gang hinunterging. Kaum zu glauben, dass sie schon drei Kinder bekommen und eine schreckliche Ehe mit einem gewalttätigen Mann hinter sich gebracht hatte.

In diesem Moment betrat ein Arzt den Raum. Er war nicht viel älter als Sawyer, trug eine Brille und hatte einen dicken Bauch. Erst untersuchte er Sawyer gründlich, dann schickte er ihn zum Röntgen. „Sieht gut aus“, erklärte er später mit einem Blick auf das Bild. „Ich bin übrigens Henrys Vater. Er meinte noch, ich solle mich gut um Sie kümmern.“

„Ist ein netter Junge“, erwiderte Sawyer, während der Arzt ein paar Bemerkungen in die Krankenakte schrieb. „Im Bunker ist er eine große Unterstützung. Er ist immer sofort zur Stelle, wenn wir etwas auf- oder abbauen oder wenn einer der Jungs Hilfe braucht.“

Der Arzt schüttelte den Kopf. „Das kann ich zwar kaum glauben, aber das freut mich zu hören. Zu Hause kriegt er seinen Hintern nämlich nie hoch.“

„So ist das wahrscheinlich meistens.“

„Hm. Jedenfalls bin ich froh, dass es den Bunker für die Jungs gibt. Dadurch weiß ich, dass er eine Anlaufstelle hat, wenn ich nicht da bin. Ich bin ja ständig hier im Krankenhaus, und seine Mutter ist schon seit zwei Jahren nicht mehr bei uns.“

„Ja, der Bunker ist toll. Da sind die Jungs gut aufgehoben.“

„Jetzt müssen wir nur noch dafür sorgen, dass Sie gut aufgehoben sind und sich nicht gleich wieder alle Knochen brechen. Schwester Foster hat mir eben Ihre Akte gezeigt: Sie haben ja eine beeindruckende Krankengeschichte! Sie lieben die Gefahr, was?“

Darüber musste Sawyer ein bisschen nachdenken. „Na ja, ich mache diese ganzen Stunts für den guten Zweck. Das bringt eine Menge …“

„Ich weiß“, unterbrach der Arzt ihn. „Die Leute finden es am spannendsten, wenn’s gefährlich wird. Trotzdem: Sie setzen dabei Ihr Leben aufs Spiel, Mr. Abbott. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Organisationen, die davon profitieren, dieses Risiko eingehen wollen.“

Sawyer wollte etwas erwidern, aber der Arzt ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Es geht mich natürlich nichts an“, fuhr er fort. „Aber vielleicht sollten Sie sich mal überlegen, warum Sie das eigentlich tun.“ Er stand auf und gab Sawyer die Hand. „Mit Ihnen ist alles in Ordnung, soweit ich das beurteilen kann. Wenn Sie später schlimme Kopfschmerzen kriegen oder alles doppelt sehen, kommen Sie bitte sofort her.“

„Alles klar.“ Sawyer war erleichtert, dass die Untersuchung vorbei war.

„Schwester Foster meinte, sie würde Sie nach Hause fahren“, fügte Dr. Brown hinzu.

Sawyer stutzte. „Wie bitte?“

„Schwester Foster“, wiederholte der Arzt. „Die Schwester, die Sie zuerst untersucht hat. Gleich hat sie Dienstschluss. Sie hat mir gesagt, dass sie Sie heimfahren würde. Ich weiß, Sie sind mit Stretch hergekommen. Allerdings brauchte seine Mutter schnell den Wagen zurück. Darum ist er schon losgefahren und hat Henry und Jeff gleich mitgenommen.“

Sawyer nickte. Unglaublich, dass dieser Unglückstag am Ende eine gute Wendung nahm. „In Ordnung. Das ist ja … schön.“

„Sie kennen sich doch, oder?“, fragte der Arzt, als Sophie den Raum betrat. Sie hatte sich bereits umgezogen und trug eine große braune Umhängetasche über der Schulter. In scherzhaftem Ton fuhr Dr. Brown fort: „Oder soll hier etwa gerade ein Patient entführt werden?“

Sophie tat, als müsse sie kurz darüber nachdenken. „Hm, keine schlechte Idee. Sie bringen bestimmt eine Menge Lösegeld, Mr. Abbott.“

Er stand auf und nahm sein Sweatshirt von der Stuhllehne. „Im Moment eher nicht: Meine Mutter befindet sich gerade in Europa, und meine Brüder würden mich nicht sehr vermissen.“

Sophie lächelte und verabschiedete sich von dem Arzt.

Gemeinsam gingen sie durch die Glastür zum Parkplatz. Die Nacht war sternenklar, und eine kühle Brise trug den Duft von Blumen und Salzwasser herüber. Sawyer zog sich das Sweatshirt über. Er freute sich über die Gelegenheit, sich mit Sophie zu unterhalten. Warum eigentlich? Wahrscheinlich glaubte er einfach, dass sie jemanden gebrauchen konnte, der ihr zuhörte und ihr Gesellschaft leistete. Einen Freund.

„Wie wär’s, wenn wir irgendwo noch einen Kaffee trinken?“, schlug er vor.

„Es ist besser, wenn ich Sie direkt nach Hause fahre.“ Sophie lief zu einem weinroten Viertürer.

„Der Arzt meinte doch, mit mir sei alles in Ordnung.“

„Bei einem Schädel-Hirn-Trauma machen sich die Komplikationen häufig erst später bemerkbar.“

„Ja, aber bei mir zu Hause gehen alle früh schlafen. Dort könnte mir sowieso niemand helfen. Bei Ihnen bin ich sicherer: Sie sind schließlich Krankenschwester.“

Sophie öffnete die Zentralverriegelung. „Ich fahre Sie jetzt nach Hause“, sagte sie mit fester Stimme.

„Haben Sie etwa Angst?“

Sie runzelte die Stirn. „Angst hatte ich früher“, gab sie ernst zurück. „Und zwar die ganze Zeit. Aber das ist vorbei. Bitte steigen Sie ein.“

Seine unbedachte Bemerkung tat ihm sofort leid. „Entschuldigung“, sagte er und nahm auf dem Beifahrersitz Platz. „Da habe ich eben nicht richtig nachgedacht. Dabei möchte ich Sie doch nur besser kennenlernen. Und ich dachte, dass Sie mich vielleicht auch kennenlernen wollen.“

„Mr. Abbott.“ Nachdem sie den Schlüssel ins Zündschloss gesteckt hatte, blickte sie ihm direkt in die Augen. Sie sah ziemlich erschöpft aus – und gleichzeitig wunderschön. „Ich finde es sehr schmeichelhaft, dass Sie sich für mich interessieren. Erst recht, weil ich eine alleinerziehende Mutter mit immerhin drei Kindern bin. Aber leider bin ich nicht beziehungstauglich, das müssen Sie mir bitte glauben.“ Damit legte sie den Sicherheitsgurt an und startete den Wagen.

„So ein Quatsch, jeder ist beziehungstauglich“, widersprach er und ließ ebenfalls seinen Gurt einrasten. „Irgendwo gibt es für jeden Topf den passenden Deckel – sagt man das nicht so?“

„Kann sein. Allerdings bin ich sicher nicht die passende Partnerin für Sie.“

„Wie können Sie das beurteilen, wenn Sie mich gar nicht kennen?“

Langsam lenkte sie das Auto über den großen Parkplatz. Kurz vor der Straße hielt sie an. Als sie ihn erneut anschaute, wirkte sie ungeduldig. „Ich will Sie gar nicht näher kennenlernen“, sagte sie bestimmt. „Tut mir leid, wenn das hart klingt, aber eine andere Sprache verstehen Sie anscheinend nicht. Ich weiß genau, was ich tue.“

„Okay. Wie können Sie das wissen, wenn Sie mich nicht kennen?“

„Dafür kenne ich mich selbst umso besser!“, schrie sie. Erschrocken schlug sie sich eine Hand vors Gesicht und stöhnte. Schließlich sah sie ihn wieder an. „Entschuldigen Sie bitte, ich werde sonst nie laut. Das finde ich eigentlich ganz schrecklich“, murmelte sie. „Ganz ehrlich: Ich weiß sehr gut, was am besten ist.“

Sawyer wusste, dass ihr seine nächsten Worte ganz und gar nicht gefallen würden. Dennoch sprach er sie ruhig und langsam aus: „Ja, aber … es geht hier gerade um uns beide. Da müsste ich doch ein Mitspracherecht haben, oder?“

„Okay, jetzt langt’s.“ Sophie schaute nach links und nach rechts. Dann trat sie aufs Gaspedal und brauste die Straße hinunter.

4. KAPITEL

Ich hab’s vergeigt, dachte Sawyer.

Als Nächstes bog sie allerdings nicht etwa zum Skaterpark ab, sondern in Richtung Highway. Und die letzte Station vor der Auffahrt war das Night Owl Diner. Dieser Laden hatte die ganze Nacht geöffnet. „Tja, was soll ich machen?“, meinte Sophie. „Ich erkläre Ihnen jetzt klar und deutlich, warum das mit uns nie funktionieren kann. Dann werden Sie sich wahrscheinlich wünschen, Sie hätten gleich auf mich gehört.“

„Klingt fair“, erwiderte Sawyer.

Ohne den Blick von der Straße zu nehmen, tastete Sophie nach ihrer Handtasche und zog ein Handy heraus. Sie drückte zwei Tasten und hielt sich das Gerät ans Ohr. „Hi Molly, ich bin’s, Sophie. Ja. Ich komme heute ein bisschen später nach Hause. Nein, alles in Ordnung. Ich wollte nur kurz einen Kaffee trinken gehen.“

Sawyer hörte die Frauenstimme, die am anderen Ende der Leitung lebhaft auf Sophie einredete.

„Molly … ganz ruhig bleiben“, gab Sophie zurück. „Wir trinken bloß einen Kaffee. Geht’s den Kindern gut? In einer halben Stunde bin ich zu Hause. Doch, natürlich reicht das. Danke, Molly.“

„Ist Molly Kaylas Mutter?“, erkundigte sich Sawyer.

Als Sophie das Telefon wieder blind in die Handtasche zurückstecken wollte, fand sie die Öffnung nicht gleich. Sawyer fasste sie am Handgelenk, um sie in die richtige Richtung zu dirigieren. Bei der Berührung zuckte sie jedoch so heftig zurück, dass die Tasche quer durchs Auto segelte und zwischen ihr und der Tür landete. Der Wagen machte einen gefährlichen Schlenker. Geistesgegenwärtig brachte sie ihn rasch wieder auf die richtige Spur.

„Entschuldigung“, sagte Sawyer.

„Meine Schuld.“ Sie seufzte laut. „Ja, Molly ist Kaylas Mutter. Sie passt heute auf die Kinder auf.“

In einiger Entfernung tauchte das riesige, blinkende Neonschild des Night Owl Diner auf: Es zeigte eine Eule mit großen Augen, die auf einem Zweig saß. Sophie fuhr auf den halb vollen Parkplatz und hielt in der Nähe des Diners, das im Western-Stil gestaltet war. Zielstrebig lief sie zum Eingang. Offenbar wollte sie das Gespräch so schnell wie möglich hinter sich bringen.

Im Lokal selbst behielt Sophie ihr Schritttempo bei und steuerte eine Sitzecke ganz am Ende des Restaurants an. In den engen Jeans wirkte sie sogar noch attraktiver als vorhin in der OP-Kleidung. Sie hatte einen zierlichen Körper mit sanften Rundungen an genau den richtigen Stellen.

Sofort erschien eine Kellnerin am Tisch. „Kaffee?“, fragte sie und schenkte ihnen im selben Augenblick schon ein.

„Möchten Sie ein Stück Kuchen dazu?“, schlug Sawyer vor, als er die Speisekarte überflog.

„Nein, danke.“

„Pommes frites vielleicht? Oder eine Suppe?“

„Nein. Wirklich nicht.“

Er klappte die Karte zu. „Sie haben sich ganz fest vorgenommen, unser Treffen kein bisschen zu genießen, stimmt’s?“

„Wir sitzen hier nicht zum Vergnügen“, erwiderte sie höflich. „Es geht um harte Fakten.“

Als die Kellnerin mit ihrem Notizblock auftauchte, bestellte Sawyer Zwiebelringe mit Ranch-Dressing.

Das schien immerhin Sophies Interesse zu wecken. Sie fragte: „Sie dippen Ihre Zwiebelringe in Ranch-Dressing?“

„Ja, das passt viel besser als Ketchup. Mögen Sie Zwiebelringe?“

„Ich liebe Zwiebelringe. Aber nur mit Ketchup.“

Spontan winkte Sawyer die Bedienung zurück, bevor sie die Bestellung weitergeben konnte. „Könnten wir bitte eine ganze frittierte Zwiebel haben?“, erkundigte er sich bei ihr. „Ich höre gerade, dass die Lady hier auch gern Zwiebeln isst.“

„Nein, ich …“, setzte Sophie an.

Zu spät: Die Kellnerin notierte die Änderung. „Das ist ja romantisch“, bemerkte sie grinsend und war schon wieder verschwunden.

„Ich möchte nicht …“, begann Sophie.

„Wenn Ihnen das Ranch-Dressing dazu nicht schmeckt“, erklärte Sawyer und stellte Sophie die Ketchupflasche vor die Nase, „dann kippen Sie eben etwas Ketchup auf den Teller. Oder auf mich. Ganz wie Sie mögen.“

Einen Augenblick lang starrte sie ihn entgeistert an. Dann verschränkte sie die Arme und stützte sich auf die Tischplatte. „Also gut“, sagte sie und sah ihm in die Augen. „Es ist unmöglich, Ihnen irgendwas durch die Blume mitzuteilen. Also muss ich brutal direkt werden.“

Jetzt war er aber gespannt. Offensichtlich dachte Sophie angestrengt darüber nach, wie sie ihm die nackte Wahrheit beibringen sollte. Dreimal hintereinander öffnete sie den Mund, schloss ihn jedoch gleich wieder.

Sawyer wartete.

Plötzlich schossen ihr Tränen in die Augen. Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sagte: „Ich bin frigide.“

Sophie konnte kaum glauben, was sie da eben gesagt hatte. Mit angehaltenem Atem wartete sie auf Sawyers Reaktion: Entsetzen, Empörung, Mitleid?

Aber Sawyer blieb ganz ruhig und runzelte bloß die Stirn. „Wurde das mal ärztlich untersucht?“

„Nein“, antwortete sie. „Ich will einfach nicht mehr mit einem Mann … zusammen sein … in sexueller Hinsicht.“ Für einen Moment kam es ihr so vor, als wäre sie gar nicht mehr in ihrem Körper – so als würde sie die ganze Situation von außen beobachten. Nicht zu fassen, wie beiläufig sie mit einem fast wildfremden Mann über so etwas Intimes sprach. „Ich meine, irgendwie ja schon, aber ich bin viel zu …“ Sie konnte es nicht erklären. „Jedenfalls will ich mich nicht weiter damit auseinandersetzen.“

„Jetzt sind Sie nicht ganz ehrlich, oder?“, hakte er sanft nach. „Als Sie meinten, Sie wären frigide, haben Sie mir nämlich noch in die Augen gesehen. Gerade eben haben Sie allerdings weggeguckt.“

Beängstigend, wie er mit ihr umging. So … liebevoll. Am liebsten würde sie sich fallen lassen und sich ihm uneingeschränkt öffnen. Aber das war natürlich unmöglich.

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