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BIANCA GOLD BAND 30

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Der Schlüssel zum Glück

1. KAPITEL

Jillian Diamond verließ Sacramento um kurz nach zwei an jenem kalten, klaren Sonntag im späten Dezember. Sie hatte die Stadt kaum hinter sich gelassen, da begann der Himmel sich zu verdunkeln.

Im Vorgebirge schneite es. Die dicken Flocken wirbelten im grauen Licht umher und schmolzen, sobald sie die Windschutzscheibe trafen.

Jilly warf einen kurzen Blick zum Beifahrersitz hinüber. „Voilà, Missy. Schnee.“

Missy, eine kleine bunt gescheckte Katze mit einem verstümmelten Ohr und normalerweise umgänglichem Gemüt, funkelte sie durch das Gitter des Transportkorbs hindurch an. Missy reiste nicht gern.

Jilly schaute wieder nach vorn. „Schnee ist gut, weißt du. Schnee gehört zum Plan.“

Der Plan sah so aus: Man nehme eine kreative, zufriedene, alleinstehende Frau, füge Weihnachten in idyllischer Umgebung hinzu, verrühre beides gut und man erhielt … eine Zeitungskolumne. Oder einen Artikel, der sich an ein Hochglanzmagazin verkaufen ließ.

Nein, dies würde kein einsames Single-Weihnachten werden, das Jilly auf einer ziellosen Wanderung durch Bars voller Pärchen verbrachte. Kein Fest, von dem sie sich mit bedeutungslosen Abenteuern ablenkte, mit Typen, die alles hatten – bis auf ein Herz. Genauso eine traurige Reportage hatte Jillys Redakteur bei der Tageszeitung Sacramento Press-Telegram vorgeschwebt.

Jilly hatte ihn zurückgewiesen. „Hör zu, Frank. Das ist mein Leben, und ich werde es nicht vor der ganzen Redaktion und zweihundertfünfzigtausend Lesern ausbreiten.“ Sie machte ihm einen Gegenvorschlag: Stattdessen wollte sie über ein glückliches Single-Weihnachten schreiben. Darüber also, wie sie und ihre Katze und ein Christbaum die Festtage zufrieden an einem ruhigen, malerischen Ort verbrachten.

Frank unterdrückte nur mit Mühe ein Gähnen. „Okay, vergiss es einfach.“

Na schön. Jilly hatte beschlossen, trotzdem etwas zu schreiben und es im nächsten Jahr an eine andere Zeitung oder Zeitschrift zu verkaufen.

Und deshalb waren sie und Missy jetzt unterwegs zu einer alten Berghütte hoch im Sierra-Gebirge auf der östlichen Seite des Lake Tahoe, der Seite, die im Bundesstaat Nevada liegt.

Das Wetter schien mitzuspielen. Denn natürlich gehörte zu einem richtigen Single-Weihnachten Schnee, der vor einem großen Aussichtsfenster seine weiße Pracht entfaltete.

Schade war nur, dass Jilly sich ein wenig kurzfristig zu diesem Projekt entschieden hatte und sich daher mit einem nicht ganz so perfekten Ambiente begnügen musste. Höchstwahrscheinlich würde die Hütte gar kein großes Aussichtsfenster haben. Aber das störte Jilly gar nicht so sehr. Immerhin konnte sie die Berge und Pinien und glitzernden Schneeflocken auch so genießen. Sie schob eine Weihnachts-CD in den Player, drehte die Lautstärke auf und sang zusammen mit Boyz II Me: Let it snow, let it snow, let it snow …

Das tat es auch. Immer stärker. Jilly stellte den Scheibenwischer an und legte eine andere Weihnachts-CD ein.

Als sie Echo Summit, den höchsten Punkt des Highways, erreichte, steckte sie mitten in einem ausgewachsenen Schneesturm. Aber noch standen die Schilder nicht, die Schneeketten vorschrieben. Der Verkehr floss. Und Jillys Wagen hatte Allradantrieb. Es wurde dunkel, und automatisch schalteten sich ihre Scheinwerfer ein.

Erst nachdem sie kurz hinter Tahoe Village den Highway verlassen hatte, wurde es unheimlich. Aber sie verlor nicht die Nerven. Jedenfalls nicht sofort.

Die Hütte, nach der sie suchte, gehörte Caitlin Bravo, der Mutter der drei einst berüchtigten Bravo-Söhne. Caitlin hatte Jilly den Weg genau beschrieben. Es gab eine Reihe von schmalen, kurvenreichen Straßen, die an Berghängen entlangführten, aber eigentlich hätte es ein Kinderspiel sein müssen. Es wäre auch ein Kinderspiel gewesen – bei Tageslicht und ohne den Schneesturm.

Jilly schaltete das Radio ein. Doch beim Versuch, einen Wetterbericht zu finden, wäre sie fast von der Straße abgekommen. Na ja, wozu brauchte sie überhaupt den Wetterbericht? Den hätte sie sich anhören sollen, bevor sie Sacramento verließ. Manchmal vergaß sie vor lauter Begeisterung, sich um wichtige Details zu kümmern.

„Dumm gelaufen“, murmelte Jilly und schaltete das Radio wieder aus, um sich auf die schmale Straße zu konzentrieren, die sich im Licht der Scheinwerfer durch einen dichten Wald aus Pinien und Fichten schlängelte.

Sie verpasste eine Abbiegung und bemerkte es erst fünf oder sechs Meilen später. Jilly wendete vorsichtig und fuhr im Schritttempo zurück. Schließlich fand sie die gesuchte Straße – und verpasste prompt die nächste.

Neben ihr wurde Missy langsam unruhig. Gereiztes Miauen drang aus dem Transportkorb.

„Missy, Honey, ich tue mein Bestes, okay?“

Die Katze schien nicht überzeugt davon zu sein.

„Ich bringe uns schon hin, versprochen. Und dann bekommt meine Lieblingskatze etwas Leckeres zu fressen.“

Kurz nach sechs, eine halbe Stunde später als geplant, entdeckte Jilly den holprigen Weg, der zu ihrem Ziel führte. Ihr Magen knurrte. Sie dachte an die Vorräte im Kofferraum, zu denen auch Zutaten für eine Reihe von Gourmet-Gerichten gehörten.

Leider hatte sie im Moment nur Appetit auf ein kräftiges Chili oder vielleicht eine große Dose …

Mit einem Aufschrei stieg Jilly auf die Bremse, als ein Reh zwischen den Bäumen hervorsprang. Keine zwei Meter vor ihrer Motorhaube stand das Reh wie angewurzelt da und starrte mit großen braunen Augen ins Scheinwerferlicht.

Jilly kurbelte die Seitenscheibe herunter und steckte den Kopf hindurch. „Geh schon! Verschwinde!“

Das Reh blinzelte und verschwand zwischen den kahlen Büschen und den Pinien auf der anderen Seite des Weges. Jilly schloss das Fenster und strich sich den Schnee aus dem Haar. Dann fuhr sie weiter durch den Sturm, der vor ihr wie eine weiße Wand aufragte.

Die Anfahrt war sehr lang. Über das Lenkrad gebeugt, das Gesicht fast an der Frontscheibe, konnte Jilly nur hoffen, dass nicht noch mehr verschrecktes Wild auftauchte.

Okay, wenn sie ehrlich war, machte sie sich langsam Sorgen. Wenn es so weiterging, würde sie bald mitten im Nichts festsitzen, allein mit Missy. „Nicht gut“, murmelte sie. „Absolut nicht gut …“

Wo blieb die Hütte nur? Hatte Jilly sich verfahren? Was wäre, wenn …

Und dann sah sie etwas.

„Danke“, rief sie. „Dem Himmel sei Dank!“

Etwa fünf Meter vor ihr ging der Weg in eine Lichtung über, in deren Mitte Jilly den Umriss der alten Hütte ausmachen konnte. Sie hatte ein hohes, spitzes Dach und zwei lange, breite Veranden. Aus dem Schornstein kam Rauch, und das beleuchtete Fenster erschien ihr wie …

Augenblick mal.

Ein beleuchtetes Fenster?

Die Hütte sollte doch unbewohnt sein.

Jilly fuhr auf die Lichtung und hielt neben dem Wagen, der dort stand. Dann schaltete sie den Motor aus und starrte auf die Hütte, bis der Schnee auf der Scheibe ihr die Sicht nahm. Wer konnte es sein? Was um alles in der Welt ging hier vor?

Sie drehte den Kopf, wischte über das beschlagene Seitenfenster und schaute zu dem anderen Wagen hinüber.

Oh nein.

Dort stand Will Bravos Geländewagen. Ein Mercedes. Silbermetallic.

Jilly fröstelte. Will war Caitlins mittlerer Sohn. Der einzige der drei Bravo-Jungs, der noch Junggeselle war, nachdem die anderen beiden Jillys beste Freundinnen geheiratet hatten. Jane Elliott und Celia Tuttle.

Will Bravos Wagen …

Plötzlich wurde ihr klar, was geschehen war. „Caitlin, wie konntest du nur?“, flüsterte Jilly. Sie fühlte sich verraten. Ausgenutzt. Manipuliert.

Sie riss ihre Tasche aus dem Fußraum vor dem Beifahrersitz und wühlte darin nach dem Handy. Sie hatte Caitlins Nummer gespeichert. Doch als sie es ans Ohr hielt, hörte sie nichts als Rauschen und Knistern.

Wütend starrte Jilly das Mobiltelefon an. Großartig. Ohne Netz war das verdammte Ding nutzlos.

Missy miaute.

Jilly steckte das Handy ein und nahm den Mantel und die Mütze vom Rücksitz. Sie zog sich an, hängte sich die Tasche um, griff nach dem Transportkorb und stieg aus.

2. KAPITEL

Will Bravo wollte sich gerade hinsetzen, um seine Würstchen mit Bohnen zu essen und dabei Schuld und Sühne zu lesen, als jemand an die Küchentür klopfte.

Was zum …

Die Hütte seiner Mutter lag weit abseits der ausgetretenen Pfade. Um sie zu finden, brauchte man eine genaue Wegbeschreibung. Selbst bei gutem Wetter verirrte sich niemand hierher. Genau deshalb war Will hergekommen: Er wollte in Ruhe gelassen werden.

Wer immer dort draußen stand, klopfte noch einmal.

Will ging zur Tür und riss sie auf. Inmitten einer eisigen Wolke aus wirbelndem Schnee wehte Jillian Diamond herein. Sie trug eine rote Wollmütze, einen offenen Lammfellmantel, einen verblichenen Overall, Schnürstiefel und einen rot-grün gestreiften Pullover, auf dessen Rollkragen Rentiere gestickt waren. In der linken Hand hielt sie einen Transportkorb, aus dem verdächtige Laute kamen.

Will konnte es nicht glauben. „Was zum Teufel tun Sie hier?“

Anstatt zu antworten, schloss Jilly die Tür hinter sich, stellte Missys Korb auf den welligen Kunststoffboden und warf die Tasche daneben.

„Ich habe gefragt, was Sie hier tun“, wiederholte Will noch unwirscher.

„Das könnte ich Sie auch fragen“, entgegnete Jilly, weil ihr gerade nichts Besseres einfiel.

Er verschränkte die kräftigen Arme vor der breiten Brust und musterte Jilly abschätzig. „Ich bin jedes Jahr vom zweiundzwanzigsten oder dreiundzwanzigsten Dezember bis zum Tag nach Neujahr hier“, informierte er sie.

Sie nahm die Mütze ab und schlug sie gegen den Oberschenkel, um den Schnee abzuklopfen. „Oh … tut mir leid. Das wusste ich nicht.“

„Das hätte Ihnen aber jeder sagen können“, knurrte er. „Meine Mutter, zum Beispiel.“ Oho, dachte Jilly. Überraschung, Überraschung. „Meine Brüder. Oder Ihre beiden besten Freundinnen.“

„Ach, wirklich?“

„Ja, wirklich.“

„Ehrlich gesagt, ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, irgendjemanden zu fragen, ob Sie hier sein würden.“ Ja, okay. Eigentlich hätte sie draufkommen sollen. Sie kannte Caitlin Bravo und hätte mit so etwas rechnen müssen.

Will starrte sie an, als würde er ihr alles Mögliche zutrauen und ihr kein Wort glauben. Seine Miene war finster, und Jilly hatte keine Lust, ihn anzusehen. Also tat sie es nicht, sondern schaute zum Tisch hinüber. Er war für eine Person gedeckt, und neben dem Besteck lag ein Buch. Aus dem Topf auf dem Herd kam ein äußerst leckerer Duft.

„Beantworten Sie mir doch jetzt bitte meine Frage“, sagte Will scharf. „Was tun Sie hier?“

Missy miaute jämmerlich. „Hören Sie“, seufzte Jilly. „Es tut mir leid, dass ich Sie störe. Ich hatte keine Ahnung, dass Sie hier sein würden.“

Er gab einen spöttischen Laut von sich, und sie las in seinen tiefblauen Augen, was er dachte. Er vermutete, dass sie hinter ihm her war. Dass sie genau gewusst hatte, dass er hier war, und ihm gefolgt war, um etwas mit ihm anzufangen.

„Denken Sie, was Sie wollen“, sagte sie entnervt. „Ich sage es ja nur ungern, aber Tatsache ist, dass ich jetzt hier bin, und angesichts des Wetters werde ich hier wohl übernachten müssen.“

Sein Blick wurde noch zorniger. „Sie haben recht“, gab Will schließlich nach.

Danke, dachte sie. Wirklich sehr großzügig. „Ich muss noch ein paar Sachen aus dem Wagen holen.“ Missy miaute wieder. „Die Katzentoilette und ein paar Dosen Futter, zum Beispiel.“

„Na gut. Das klingt vernünftig.“ Er nahm eine Daunenjacke mit Kapuze vom Haken neben der Tür. „Gehen wir.“

Jilly hätte ihm gern gesagt, dass sie seine Hilfe nicht brauchte. Aber ihr Stolz war eine Sache, die Koffer, das Katzenfutter, die vielen exotischen Salate und Gemüsesorten sowie der Truthahn aus artgerechter Haltung waren eine andere. Und dann war da noch der gute Wein, den sie zum Weihnachtsbraten trinken würde. Und der teure Champagner, mit dem sie das neue Jahr begrüßen wollte. Das alles konnte sie unmöglich im Kofferraum lassen. Allein würde sie mindestens drei Mal zum Wagen gehen müssen. Und es war wirklich kalt draußen.

„Danke“, sagte Jilly und setzte die Mütze wieder auf.

Selbst im Schutz der Veranda war der eisige Wind schneidend. Auf der Lichtung war es noch schlimmer. Die Schneeflocken trafen Jilly wie Hagelkörner im Gesicht, und der kurze Weg zum Wagen kam ihr vor wie hundert Meilen.

Sie kämpfte sich um ihr Auto herum und reichte Will den schweren Beutel Katzenstreu, die Tüte mit dem Futter und die Katzentoilette. Da er danach noch einen Arm frei hatte, gab sie ihm auch noch den kleineren ihrer zwei Koffer, der alles enthielt, was sie für die Nacht brauchen würde. Dann beugte sie sich über die Tüten mit den Lebensmitteln und wühlte darin.

„Was zum Teufel tun Sie da?“, rief Will und übertönte nur mit Mühe den heulenden Sturm.

„Gehen Sie einfach wieder hinein!“, schrie sie zurück.

Doch das tat er natürlich nicht. Warum mussten Männer bloß immer so widerspenstig sein?

„Ich habe gefragt, was Sie da tun!“

„Verderbliche Lebensmittel!“

Danach schwieg er und stand einfach nur da. Die Lippen hatte er zusammengepresst, die Mundwinkel herabgezogen, und Schneeflocken hingen ihm an den bronzefarbenen Brauen.

Jilly sortierte die Vorräte und hob schließlich vier Tragetaschen aus dem Kofferraum.

„Geben Sie sie mir“, rief Will.

„Nein. Ich schaffe das schon. Gehen wir.“

Er warf ihr einen finsteren Blick zu. Was war los mit ihm? War er etwa gekränkt, dass sie ihn nicht alles tragen ließ?

Sie kehrte ihm den Rücken zu und steuerte die Veranda an. Er war hinter ihr, als sie die Haustür erreichte. Dort stellte sie zwei Taschen ab, um nach dem Knauf zu greifen – aber Will kam ihr zuvor und öffnete die Tür. Jilly hob die Taschen auf und ging hinein.

Wenig später stand Missys mit frischer Streu versehene Toilette in einer Ecke des Badezimmers. Jilly ließ die Katze aus dem Korb und gab ihr Wasser und Futter. Als sie in die Küche zurückkehrte, stand Will mit den Einkaufstüten vor dem altmodischen Kühlschrank. „Was macht der Truthahn hier?“, fragte er.

„Rumba tanzen“, erwiderte Jilly fröhlich.

Er begann die Lebensmittel einzuräumen. „Sie wissen genau, was ich meine. Sie hätten ihn auch im Kofferraum lassen können.“

„Niemals. Hätte ich einen tiefgefrorenen Truthahn gewollt, hätte ich einen gekauft. Das hier ist ein frischer Freilandtruthahn, und das wird er auch bleiben.“

Will knurrte etwas, das sie nicht verstand. Sie beschloss, lieber nicht nachzufragen. Er machte Platz für den Truthahn, schob ihn in den Kühlschrank und schloss die Tür. „So. Ihre Katze ist versorgt, die Lebensmittel sind verstaut. Ich werde jetzt essen. Es gibt nur Würstchen mit Bohnen, aber Sie können gern etwas abbekommen.“

Jilly wünschte, sie könnte erhobenen Hauptes ablehnen. Aber sie liebte Würstchen mit Bohnen …

„Wollen Sie nun mitessen oder nicht?“, fragte ihr Gastgeber ungeduldig. Es klang nicht besonders einladend.

„Ja“, sagte sie. „Das will ich.“

Er holte einen Teller und eine Gabel. „Milch?“

„Ja, bitte.“ In einem Hängeschrank fand sie ein Glas und füllte es. Dann setzten sie sich und ließen es sich schmecken.

Es schmeckte himmlisch. Erst jetzt merkte Jilly, wie hungrig sie war. Fast hätte sie ein genießerisches Stöhnen von sich gegeben. In diesem Moment war sie fast froh, dass Will Bravo hier war, dass sie nicht mutterseelenallein und ohne funktionierendes Handy in eine dunkle, kalte und verlassene Hütte gekommen war, während draußen ein Schneesturm tobte.

Doch dann hob sie den Kopf und schaute in sein finsteres Gesicht.

„Jetzt sagen Sie mir endlich, warum Sie hier sind“, forderte er sie auf.

Sie schob sich noch ein paar Bohnen in den Mund, kaute und schluckte. Dann trank sie einen Schluck Milch. Lass ihn warten, dachte sie. Es wird ihn nicht umbringen. Draußen heulte der Wind.

Will runzelte die Stirn.

Du meine Güte, dachte Jilly, habe ich wirklich jemals geglaubt, dass sich zwischen diesem Mann und mir etwas entwickeln könnte?

Ja, das hatte sie – bis vor einigen Wochen sogar. Sie schienen so viel gemeinsam zu haben. Beide stammten sie aus New Venice, Nevada, etwa zwanzig Meilen von dieser Hütte entfernt. Beide lebten sie jetzt in Sacramento. Und schließlich hatten seine Brüder ihre besten Freundinnen geheiratet.

Jilly war ehrlich genug, sich einzugestehen, dass sie sich von einigen Äußerlichkeiten hatte blenden lassen. Will Bravo sah nicht nur gut aus, er konnte auch höchst charmant sein. Okay, im Augenblick war er alles andere als das, aber trotzdem … Außerdem hatte er es zu etwas gebracht und galt als einer der besten Anwälte von Sacramento. Für eine kurze Zeit hatte Jilly sogar gewagt, in ihm den Mann ihrer Träume zu sehen.

Jetzt tat sie das nicht mehr. Der unfreundliche Empfang hatte ihr die Augen geöffnet: Er war ein missmutiger Mann, traurig und allein und offenbar fest entschlossen, es auch zu bleiben.

Sollte er doch. Morgen, wenn der Sturm sich gelegt hatte, würde sie Missy in ihren Korb setzen, mit ihr in den Wagen steigen und nach Hause fahren.

„Jillian“, sagte er mit leiser, warnender Stimme.

Sie stellte das Glas ab und wischte sich mit der Serviette den Mund ab. „Na gut. Es war folgendermaßen: Ich brauchte eine abgelegene Hütte, weil ich über die Feiertage an einem Artikel arbeiten will.“

Will starrte sie an, und wieder wusste sie, was er dachte. Er hielt sie für oberflächlich, ehrgeizig und flatterhaft.

Es lag ihr fern, ihn zu enttäuschen. „Natürlich wollte ich eigentlich eine mit Kabelfernsehen, Zentralheizung und Blick auf den Lake Tahoe.“ Sie wedelte mit der Gabel. „Leider hatte ich in letzter Zeit so viel zu tun, dass ich mich nicht rechtzeitig darum kümmern konnte. Als ich endlich dazu kam, war alles ausgebucht.“

„Also haben Sie meine Mutter angerufen.“

„Nein, zuerst habe ich Celia angerufen.“

Will blinzelte. „Sehr naheliegend“, gab er widerwillig zu.

Das war es tatsächlich. Celia Tuttle, jetzt Celia Bravo, hatte den größten Teil ihres Arbeitslebens als persönliche Assistentin verbracht, zunächst bei einem Talkshow-Gastgeber, dann bei dem Mann, mit dem sie jetzt verheiratet war, Wills Bruder Aaron. Zu Celias Job gehörte es, in kürzester Zeit alles zu organisieren, was gebraucht wurde.

„Celia erinnerte mich an diese Hütte“, erzählte Jilly.

„Und schlug Ihnen vor, meine Mutter anzurufen“, folgerte Will und begriff, dass Jilly an dieser Situation ebenso schuldlos war wie er.

Caitlin Bravos großes Ziel war es immer gewesen, ihre drei Söhne zu verheiraten. Aaron und Cade waren inzwischen tatsächlich brave Ehemänner. Nur Will hatte noch nicht die Richtige gefunden.

Jetzt nickte er müde. „Okay. Sie haben Caitlin angerufen. Und Caitlin hat Ihnen diese Hütte angeboten.“

„Ja. Ihre Mutter war schlau. Sie hat mir erzählt, wie primitiv die Hütte eingerichtet ist, und die alten Geschichten über Ihre Großmutter erwähnt.“ Die Hütte hatte einst Mavis McCormack, Caitlins Mutter, gehört, die in ganz New Venice als die „verrückte Mavis“ bekannt gewesen war. Man munkelte, dass ihr Geist noch heute die Hütte heimsuchte. „Aber irgendwie hat Ihre Mutter wohl vergessen, dass Sie auch hier sein würden. Seltsam, nicht wahr?“

„Keineswegs.“ Will starrte die Frau auf der anderen Seite des Tischs an. Sie hatte mittlerweile den weiten Mantel ausgezogen und die komische Mütze abgenommen, die Ärmel ihres rot-grünen Pullovers hochgeschoben und sich dem Essen zugewandt. Sie hatte wildes braunes Haar mit goldenen Strähnen und funkelnde graublaue Augen unter dichten, geraden, fast schwarzen Brauen.

Fand er sie anziehend? Okay, das tat er. Sie sah gut aus. Wenn man solche Frauen mochte. Sie hatte ihr eigenes Geschäft – Image by Jillian hieß es. Dort half sie karrierebewussten Männern und Frauen bei der Suche nach der richtigen Garderobe. Und sie schrieb eine Ratgeber-Kolumne namens „Fragen Sie Jillian“, die zunächst einmal wöchentlich erschienen war, jetzt jedoch von Montag bis Freitag im Sacramento Press-Telegram die Fragen der Zeitungsleser beantwortete.

Ja, er wusste alles über Jillian Diamond. Dafür hatte seine Mutter gesorgt.

„Ich bin jedes Jahr hier“, verkündete er grimmig. „Und Caitlin weiß das auch.“

„Nun ja, davon hat sie mir aber nichts gesagt“, erwiderte die Frau, die genau das war, was er nicht suchte. „Sonst wäre ich nicht hergekommen, das können Sie mir glauben.“

Wirklich nicht? Als er sie das letzte Mal gesehen hatte, vor zwei Wochen auf einer Party von Jane und Cade, hatte er den Eindruck gehabt, dass sie sich für ihn interessierte. Das Gefühl, dass sie jeden seiner Blicke erwidern würde.

Das Gefühl hatte er jetzt nicht mehr. Dass sie sich ausgerechnet hier wiedersahen, schien sie ebenso wenig zu freuen wie ihn. Und das sollte ihm recht sein.

Plötzlich drang ein eigenartiges Geräusch an sein Ohr, und etwas Pelziges tauchte in seinem Sichtfeld auf. Ihre Katze. Sie saß neben seinem Stuhl und schaute zu ihm hinauf, den Schwanz um die Vorderpfoten gelegt. Das verdammte Tier schnurrte so laut, dass er es sogar über den heulenden Sturm hören konnte.

„Okay, Will“, begann Jilly. „Jetzt sind Sie an der Reihe. Sagen Sie mir, warum Sie hier sind.“

Er nahm den Blick von den bernsteinfarbenen Augen der Katze und beschloss, ehrlich zu sein. „Ich hasse die Feiertage und will nichts damit zu tun haben. Ich habe keinen Christbaum und verschicke keine Karten. Ich verbringe Weihnachten und den Jahreswechsel hier oben in dieser abgelegenen Hütte, ohne Fernseher und Internet, nur mit einem kleinen Radio wegen der Wetterberichte und einem Handy für Notfälle. Ich lese viel und versuche mir einzureden, dass es Weihnachten gar nicht gibt.“

Jilly starrte ihn an, und er wartete darauf, dass sie ihn nach dem Grund fragte. Aber das tat sie nicht. „Na ja, wenn Sie es so mögen“, sagte sie nur.

Wortlos räumten sie den Tisch ab. Sie spülte das Geschirr, und er trocknete es ab.

„Hier unten, neben dem Wohnbereich, gibt es ein Schlafzimmer“, sagte er, während er das Tuch an den Nagel über der Spüle hängte. „Da übernachte ich. Sie haben das Obergeschoss ganz für sich.“ Er zeigte auf eine Tür, die direkt neben der zum Bad lag.

Jilly nahm ihren Koffer und die Tasche und folgte Will über eine schmale Treppe auf den langen, dunklen Dachboden. Will betätigte einen Schalter, und eine nackte Glühbirne erhellte den Raum. Wie in einem Schlafsaal standen drei Betten nebeneinander, das Kopfende unter der Schräge. Irgendjemand hatte sich auch noch die Mühe gemacht, Dachschräge und Wände in Bonbonrosa anzustreichen.

Oh, da kommt Freude auf, dachte Jilly.

„Im anderen Raum steht ein Doppelbett“, sagte Will und zeigte auf einen graublauen Vorhang, der das Dachgeschoss notdürftig in zwei Zimmer unterteilte. „Dort haben Sie es wahrscheinlich bequemer.“

Sie ging hinüber, stellte ihre Sachen ab und schaltete die kleine Lampe neben dem Bett an. Auch hier war die Deckenverkleidung rosa gestrichen. An der Stirnseite befand sich ein kleines Fenster.

Will stand am Vorhang. „Alles okay?“ Er sah nicht aus, als würde ihre Antwort ihn sonderlich interessieren.

„Danke.“

Er ging, und sie hörte seine Schritte auf der knarrenden Treppe.

Als Jilly sich auf das Bett setzte, quietschen die Federn, und die Matratze bog sich durch. Super. Sie sah zum Fenster. Wie eine geisterhafte Erscheinung spiegelte sich ihr Gesicht in der Scheibe. Hier oben, unter dem Dach, war das unheimliche Heulen des Windes noch lauter als unten.

Sie schaute auf die Uhr. Erst halb acht. Es würde eine sehr lange Nacht werden.

Wenn sie erst wieder zu Hause war, würde sie Celia ein paar Fragen stellen. Zum Beispiel, ob sie gewusst hatte, dass Will hier sein würde. Und ob sie etwa mit Caitlin unter einer Decke steckte.

Jilly konnte es sich kaum vorstellen. Sie hatte nie mit ihren Freundinnen darüber gesprochen, dass sie Will attraktiv fand. Und wenn sein Name gefallen war, hatte sie niemals neugierige Fragen gestellt.

Sie wusste von der Tragödie in seinem Leben. Vor einigen Jahren hatte er die Frau verloren, die er wirklich liebte. Ihr Name war Nora gewesen. „Armer Will“, hatte Jane vor etwa einem Monat gesagt. „Er hat sie so sehr geliebt. Wusstest du das? Sie hieß Nora. Cade hat mir erzählt, dass er ihren Tod selbst jetzt, nach fünf Jahren, noch nicht verkraftet hat.“ Und eine Woche später hatte Celia erzählt, dass die beiden hatten heiraten wollen und Nora kurz vor der Hochzeit gestorben war. Aber Jilly kannte keine Einzelheiten. Sie hatte nicht danach gefragt.

Sie holte das Handy heraus, um Caitlin anzurufen. Wieder war nur ein Rauschen zu hören. „Großartig.“ Frustriert warf sie das Telefon aufs Bett.

Sie dachte an die Käsestangen, die sie im Wagen gelassen hatte. Eine oder zwei Tüten würden ihr helfen, die Nacht zu überstehen. Sie könnte auch den Radiorekorder holen und eine CD einlegen. Plötzlich fiel ihr ein, dass sie in letzter Minute auch einige spannende Romane in den Koffer gestopft hatte. Etwas zu knabbern, Musik, ein gutes Buch – so würde es sich hier oben aushalten lassen.

Eigentlich hatte Jilly wenig Lust, sich noch mal durch den eisigen Sturm zum Auto zu kämpfen. Aber wenigstens würde sie nur einmal gehen müssen. Und sie brauchte ihren mürrischen Gastgeber nicht wieder zu bemühen.

Jillys Mantel und Mütze hingen am Haken neben der Haustür. Sie griff danach.

„Was soll das?“, fragte Will.

Sie schlug den Kragen hoch und setzte die Mütze auf. Erst danach drehte sie sich zu ihm um.

Will saß im Sessel, ein dickes Buch aufgeschlagen auf dem Schoß. Aus dem alten Radio, das er irgendwo aufgetrieben haben musste, kamen leise Stimmen. Missy hatte sich zu seinen Füßen zusammengerollt, als wäre sie hier zu Hause. Die Katze schien ihn zu mögen. Jilly warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Ich gehe zum Wagen. Ich habe ein paar Sachen vergessen.“

Er runzelte die Stirn. „Es ist ziemlich wild dort draußen. Sind Sie sicher, dass Sie die Sachen unbedingt brauchen?“

„Bin ich“, erwiderte sie lächelnd.

„Brauchen Sie Hilfe?“, fragte er wenig begeistert.

„Nein, danke. Ich schaffe es allein.“

Achselzuckend griff er nach dem dicken Buch.

Jilly trat in den eisigen Abend hinaus. Ein Windstoß fegte über die Veranda, und sie hatte Mühe, die Tür hinter sich zu schließen. Dann senkte Jilly den Kopf, hielt die Mütze fest und ging zum Wagen.

Der Sturm hatte zugenommen, und der Schnee fiel nicht auf die Erde, sondern wehte quer über die Lichtung. Jede Flocke, die ihr Gesicht traf, fühlte sich an wie ein Nadelstich. Die Bäume schwankten, und die Zweige gaben unheimliche Geräusche von sich, wenn sie sich aneinanderrieben.

Jilly öffnete die Heckklappe ihres Wagens und kroch hinein. Sie nahm den Radiorekorder vom Rücksitz und kletterte nach vorn, um die CDs zu holen. Außerdem griff sie nach einer Tüte Käsestangen. Jilly klemmte sie sich unter einen Arm, nahm die CDs in die eine und den Rekorder in die andere Hand und steuerte die Hütte an. Als sie den großen Ahornbaum erreichte, der zwischen den beiden Wagen und der Veranda aufragte, hörte sie ein lautes Krachen und hob erschrocken den Kopf – gerade noch rechtzeitig, um einen schweren Ast herabstürzen zu sehen.

3. KAPITEL

Jillians Katze stand auf und streckte sich. Sie hatte wieder zu schnurren begonnen. Laut. Eine Minute lang saß sie da, leckte sich die rechte Vorderpfote und strich damit zwei Mal über das verstümmelte Ohr. Und dann sah sie zu Will hoch.

Nach einer Weile ging es ihm auf die Nerven, so angestarrt zu werden. „Verschwinde“, knurrte er.

Die Katze rührte sich aber nicht vom Fleck. Das Schnurren wurde noch lauter. Will hatte nicht vor, sie noch näher an sich heranzulassen. Wenn sie auf die Idee kam, sich an seinem Bein zu reiben, würde er sie treten. Kräftig.

Er mochte keine Katzen. Und Hunde auch nicht. Haustiere ließen ihn kalt. Seltsamerweise schienen die Vierbeiner allerdings ihn zu mögen. Er verstand es nicht, er wollte nur, dass sie ihn in Ruhe ließen.

Die Katze erhob sich und machte einen Schritt auf ihn zu.

„Nicht“, sagte er laut.

Sie setzte sich wieder, hörte jedoch nicht auf, ihn laut schnurrend anzustarren. Will starrte ein, zwei Sekunden zurück und versuchte ihr mit strengem, abweisendem Blick klarzumachen, wie unwillkommen ihm Tiere im Allgemeinen und eine bunt gescheckte Katze mit verstümmeltem Ohr im Besonderen waren. Die Katze blieb, wo sie war. Er beschloss, sich wieder hinter seinem Buch zu verschanzen, und las weiter.

Nach dem ersten Satz hörte er einen extrem heftigen Windstoß über die Lichtung heulen. Es folgte ein Krachen – wie ein weit entfernter Schuss. Er kannte das Geräusch. Ein Baum hatte einen schweren Ast verloren.

Will sah, wie die Katze blinzelte und das gesunde Ohr spitzte. Widerwillig dachte er an Jillian. Konnte es sein, dass sie …

Unsinn. Sie konnte unmöglich in genau dem falschen Moment unter den falschen Baum geraten sein. Will war einfach nur nervös, weil es kurz vor Weihnachten war und er die Erfahrung gemacht hatte, dass zu Weihnachten alles, was schiefgehen konnte, auch schiefging.

Er verdrängte den Gedanken daran und sah wieder in das Buch. Diese dauernden Unterbrechungen waren nicht sehr hilfreich. Der Roman war Dostojewskis Schuld und Sühne, und Will hatte auch so schon Mühe, die vielen russischen Namen auseinanderzuhalten.

Er las weiter. Eine Seite.

Wie lange war Jillian jetzt eigentlich schon draußen? Fünf Minuten? Oder mehr?

Will sah auf und ertappte sich dabei, auf die Tür zu starren und darauf zu warten, dass sie hereinkam, beladen mit den Dingen, ohne die sie die Nacht nicht überstehen würde. Aber sie kam nicht.

Na und, dachte er. Schließlich handelte es sich hier um Jillian Diamond. Wer konnte schon wissen, was in einer Frau wie ihr vorging? Vermutlich wühlte sie gerade wieder in den Einkaufstüten und konnte sich nicht entscheiden, was sie mitnehmen sollte.

Erneut versuchte Will, sich auf die Lektüre zu konzentrieren. Er schaffte es nicht. Jillian war schon zu lange draußen. Fluchend klappte er das Buch zu.

Jilly blinzelte. Aus irgendeinem seltsamen Grund lag sie auf der Erde und schaute durch die kahlen Äste eines Baums zum nächtlichen Himmel hinauf. Der Wind heulte, es schneite heftig, und es war sehr kalt. Und sie hatte Kopfschmerzen.

Stöhnend tastete sie über ihre Stirn und fühlte etwas Warmes und Klebriges. „Au!“

Es war wirklich viel zu kalt, um im Schnee zu liegen. Sie biss die Zähne zusammen und schaffte es, sich auf den Bauch zu drehen und auf die Hände und Knie zu stützen. Obwohl sie ein wenig schwankte, konnte sie den Ast sehen, der auf sie herabgestürzt war. Sie erinnerte sich an den Moment, bevor er sie getroffen hatte. Vermutlich war es ihr Glück gewesen, dass sie nach oben geblickt hatte, denn deshalb war er nicht auf ihrem Kopf gelandet, sondern hatte nur die Stirn gestreift. Jilly berührte die blutende Wunde. Schon bildete sich dort eine Beule. Richtig attraktiv.

Das Haar wehte ihr ins Gesicht und in den halb geöffneten Mund. Was bedeutete, dass sie ihre Mütze nicht mehr trug. Jilly versuchte aufzustehen, um Ausschau danach zu halten.

„Oje“, murmelte sie, als sie merkte, dass es ihr schwerfiel, das Gleichgewicht zu wahren. Schnell stützte sie die Hand wieder auf den gefrierenden Schnee, und die Finger verschwanden darin, bis zum harten, steinigen Boden darunter. Es ist wahrscheinlich doch besser, erst mal auf allen vieren zu bleiben, dachte sie. So kann ich wenigstens nicht umkippen.

Langsam drehte sie den Kopf und sah durch die flatternden Strähnen ihres Haars hindurch eine Tüte Käsestangen und einen Baumstamm. Als sie in die andere Richtung schaute, entdeckte sie den Radiorekorder und ihre CDs und weit dahinter eine alte Hütte.

Ja, jetzt fiel ihr alles wieder ein. Das war das Haus, das einmal Mavis McCormack gehört hatte. Will Bravo saß darin in einem Sessel, las Schuld und Sühne, hörte Radio und würde sich hoffentlich bald fragen, warum sie nicht zurückkam.

Nein. Will konnte sie vergessen. Er mochte sie nicht. Er wollte sie nicht hierhaben. Es wäre ein gewaltiger Fehler, im Schnee liegen zu bleiben und darauf zu warten, dass er sein Buch hinlegte, die Hütte verließ und Jilly rettete. Außerdem war sie eine unabhängige, selbstständige Frau, die auf sich aufpassen konnte. Sie hatte sich diese Situation eingebrockt und würde sich selbst daraus befreien.

Ob sie inzwischen wohl aufstehen konnte? Vorsichtig hob sie eine Hand … und wäre fast zur Seite gekippt. Jilly stützte sich wieder ab.

„Okay“, murmelte sie. „Das war wohl keine so gute Idee.“

Sie warf einen bedauernden Blick auf die Käsestangen. Die konnte sie vorläufig abschreiben – genau wie den Rekorder und die CDs. Sie brauchte beide Hände, um zur Hütte zu kriechen. Eigentlich robbte sie mehr, als dass sie kroch. Wenn sie es bis auf die Veranda schaffte, konnte sie gegen die Wand hämmern, dann würde Will wahrscheinlich herauskommen und ihr hineinhelfen. Er mochte ihr unsympathisch sein, aber er war kein Ungeheuer. Vielleicht konnte sie ihn sogar dazu bewegen, die Käsestangen und die CDs zu holen. Höchst unwahrscheinlich, dachte sie, aber man darf ja wohl noch hoffen.

Jilly hatte ein Viertel des Wegs zurückgelegt, als sie sich fragte, ob sie es noch einmal wagen könnte, sich aufzurichten, ein Stück zu taumeln und weiterzukriechen, wenn sie umfiel. Ja, warum nicht? Ihr war nicht mehr so schwindlig wie eben noch, und bei dieser Eiseskälte zählte jede Sekunde. Langsam stand sie auf.

Und Wunder über Wunder, sie blieb auf den Beinen. Ihr klapperten zwar die Zähne, aber sie fiel nicht um. Mit zitternden Fingern schob sie sich das klitschnasse Haar aus dem Gesicht und wagte den nächsten Schritt. Einen Fuß anheben und …

Doch dann sah sie Will, der durch den Schnee auf sie zu eilte.

„Verdammt, Jilly“, rief er.

He, dachte sie, das ist das erste Mal, dass er mich Jilly genannt hat. War das nun ein Fortschritt oder nur eine Halluzination? Was auch immer. „Wissen Sie, ich bin echt froh, Sie zu sehen“, rief sie ihm zu.

Er antwortete nicht, und sie war nicht sicher, ob sie die Worte wirklich ausgesprochen hatte. Aber das war nicht mehr wichtig, als er in die Knie ging, sie auf seine kräftigen Arme nahm und an die breite, warme Brust drückte. Jilly legte ihm einen Arm um den Hals und den Kopf an seine Schulter. Sie seufzte und vergaß, warum sie ihn nicht mochte.

Hinter ihrer Stirn pochte der Kopfschmerz, doch sie nahm es kaum wahr. Sie war so dankbar, dass Will herausgekommen war und sie gefunden hatte. Sie schmiegte sich an ihn, während er sie in die Hütte trug. Dort, in der Wärme und dem Licht, klopfte er sich den Schnee von den Stiefeln und schloss die Tür mit einem Tritt nach hinten.

Er trug sie zu dem schmalen Eisenbett, das als Sofa diente, und legte sie behutsam darauf ab. Dann schob er ihr Kissen unter den Kopf, strich ihr das feuchte Haar aus dem Gesicht und betrachtete stirnrunzelnd die Schwellung an ihrem Kopf.

„Schaut nicht gut aus, was?“, fragte sie.

„Ich habe schon Schlimmeres gesehen.“ Wie ein Arzt am Krankenbett strich er ihr beruhigend über den Arm. Angesichts seines bisherigen, wenig freundlichen Benehmens überraschte es sie, wie nett er sein konnte.

Die Füße, noch immer in Stiefeln, ließ Jilly über den Rand des Betts baumeln. Will hockte sich davor, schnürte sie auf und zog sie ihr aus. Als er sich aufrichtete, streckte sie sich stöhnend aus.

„Bin gleich zurück“, sagte er. Sie beobachtete, wie er ihre Stiefel neben die Tür stellte und hinter der hüfthohen Abgrenzung verschwand, die den Wohnbereich von der Küche trennte.

Jilly tastete über die Beule, zog die Hand zurück und starrte auf ihre blutverschmierten Finger. Dann sah sie an sich hinab. Abgesehen von ein paar roten Flecken auf dem Mantel schien alles in Ordnung zu sein.

Will kehrte mit einem Eisbeutel und einem feuchten Tuch zurück, setzte sich auf die Bettkante und betupfte Jillys Stirn.

Sie verzog das Gesicht. „Lassen Sie mich …“

Er gab ihr das Tuch, und sie wischte das Blut ab. Dann reichte er ihr den Eisbeutel, und sie presste ihn auf die Schwellung. Die Kälte tat gut.

Will beugte sich über sie und betrachtete sie kritisch. „Wissen Sie, wer ich bin?“

Sie musste lächeln. „Als könnte ich das je vergessen.“

Er lächelte zurück – nun ja, fast. Aber seine Mundwinkel hingen immerhin nicht mehr herab. „Sagen Sie es mir.“

„Ihr Name ist Will Bravo. Danke, übrigens. Dafür, dass Sie mich hereingeholt haben.“

„Kein Problem. Haben Sie sonst noch Schmerzen, abgesehen von der Beule am Kopf?“

„Nein. Alles in Ordnung.“

„Haben Sie das Bewusstsein verloren?“

„Für ein paar Minuten, glaube ich.“

Will ging nach nebenan, kehrte mit einem Handy zurück, drückte auf eine Taste und hielt es sich ans Ohr. Dann schüttelte er den Kopf.

„Funktioniert nicht, was?“, fragte Jilly.

Er legte es hin. „Ich fürchte, Sie haben recht.“

„Meins geht auch nicht.“

„Wahrscheinlich liegt es am Schneesturm – nicht, dass man hier oben sonst eine gute Verbindung bekommt.“

„Sehr beruhigend.“

„Eigentlich wollte ich gerade den Notarzt rufen“, sagte Will und schaute Jilly dabei besorgt an.

„Nicht nötig. Es geht mir gut. Aber eine Kopfschmerztablette wäre nicht schlecht.“

Er runzelte die Stirn. „Besser nicht.“

Sie setzte sich auf. „Warum nicht?“

„Wir sollten lieber erst mal abwarten.“

„Abwarten?“, wiederholte sie.

„Ob Sie Symptome zeigen.“

„Symptome wovon?“

„Hirnverletzung.“

Jilly nahm den Eisbeutel von der Stirn. „Mit meinem Hirn ist alles in Ordnung.“ Sie sah ihn an. „Was sind denn das für Symptome?“

„Übelkeit, Schwindelgefühle, Orientierungslosigkeit, Anfälle, Erbrechen …“

„Und wenn ja?“, fragte sie. „Die Handys funktionieren nicht. Wir stecken in einem Schneesturm und können frühestens morgen aufbrechen.“

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Mit mir ist schon alles in Ordnung. Und könnten Sie mir jetzt zwei Aspirin geben? Bitte!“

Will ging in die Küche und kehrte nach etwa zwei Minuten mit einem Glas Wasser und den erbetenen Tabletten wieder. Jilly nahm alles entgegen. „Danke.“

Er wartete, bis sie das Glas abgestellt hatte. „Wo sind die Sachen, die Sie aus dem Wagen geholt haben?“

„Ich habe sie draußen gelassen. Unter dem Baum.“

„Was sind es für Dinge?“

Sie listete sie auf.

„Alles Sachen, die Sie unbedingt brauchen, ja?“, knurrte Will.

„Okay, ich habe übertrieben. Keine Angst, ich erwarte nicht, dass Sie …“

Aber er war schon auf dem Weg zur Tür. Jilly ließ ihn gehen. Dort draußen, zwischen der Hütte und den beiden Wagen, war es nicht wirklich gefährlich – es sei denn, man hatte das Pech, unter einem Baum zu stehen, der gerade einen schweren Ast verlor. Und dass das ein zweites Mal passieren würde, war höchst unwahrscheinlich, oder?

Na also. Will würde schon nichts zustoßen.

Sie behielt recht. Einige Minuten später war er wieder da, mit ihrem Radiorekorder, den CDs und sogar der Mütze. „Ihre Käsestangen müssen weggeweht sein.“

Es hätte schlimmer kommen können. Jilly bedankte sich.

Er legte die Sachen auf den Küchentisch, und als er sich wieder umdrehte, sah er, dass sie aufstehen wollte. „Bleiben Sie, wo Sie sind.“

Sie verzog das Gesicht, gehorchte jedoch.

Will zog die Outdoor-Jacke aus. „Ruhen Sie sich eine Weile aus.“

„Ich habe Ihnen doch gesagt, ich …“

„Jillian. Tun Sie mir den Gefallen.“ Er hängte die Jacke auf. „Ich möchte, dass Sie etwa eine Stunde lang auf der Couch bleiben, damit ich Sie im Auge behalten kann.“

Ihr gefiel nicht, wie er das sagte. So, als wäre sie ein ungezogenes Kind, das in alle möglichen Schwierigkeiten geriet, wenn man nicht dauernd auf es aufpasste. Natürlich konnte sie ihm nicht verdenken, dass er so dachte. Schließlich hatte sie sich in Gefahr gebracht und Glück gehabt, dass er ihr geholfen hatte. Sicher, sie hätte es auch allein bis in die Hütte geschafft, aber es wäre mühsam gewesen, und der Rekorder und die CDs würden noch immer im Schnee liegen.

Also würde Jilly tun, was er verlangte, zumindest in der nächsten Stunde. Sie schaute auf die Uhr – es war fünf nach acht – und warf ihm einen Blick zu. „Ich bleibe bis fünf nach neun hier liegen, keine Minute länger.“

Will sagte nichts, sondern ging zum Sessel, nahm das Buch, setzte sich und las weiter.

Jilly schob sich die beiden winzigen Kissen unter den Kopf und streckte sich auf dem alten Bettsofa aus. Dann legte sie sich den Eisbeutel so aufs Gesicht, dass er nicht herunterrutschen konnte, faltete die Hände auf dem Bauch und starrte an die Decke.

Während sie den einstmals weißen, von Rissen durchzogenen Anstrich der Täfelung betrachtete, lauschte sie angestrengt. Aber das Radio war so leise, dass sie nicht hören konnte, worüber die beiden Stimmen mit dem britischen Akzent sprachen.

Will blätterte um. Das Propangas-Heizgerät neben dem Durchgang zur Küche sprang an. Draußen heulte der Wind. Seufzend sah Jilly auf die Uhr: siebzehn Minuten nach acht. Diese Warterei war ja kaum auszuhalten!

Ja, Jilly wusste es: Zu ihren Schwächen gehörte auch eine gewisse Rastlosigkeit, die es ihr unmöglich machte, still zu liegen und nichts zu tun – es sei denn, sie schlief. Aber sie würde es schon schaffen. Sie würde die Abmachung einhalten und weitere achtundvierzig Minuten lang an die Decke starren.

Als Missy durch den Spalt im Vorhang aus Wills Schlafzimmer kam, konnte Jilly nicht widerstehen. Sie ließ den linken Arm vom Sofa herabhängen und winkte die Katze zu sich.

Will hob den Kopf. „Gibt’s ein Problem?“

„Nein.“ Jilly legte die Hand wieder auf den Bauch und sah nach oben. Etwa eine Minute später riskierte sie einen Blick in Missys Richtung.

Die Verräterin hockte zu Wills Füßen und schaute zu ihm hoch, als wäre er der größte Katzenfreund auf Erden.

Jilly hob den Eisbeutel an und tastete über die Beule. Die Schwellung schien schon zurückzugehen. Und der Kopfschmerz war fast vollständig verschwunden. Es gab also keinen Grund, länger liegen zu bleiben. Außer dem, dass sie es Will versprochen hatte. Er wollte es so, damit er eingreifen konnte, falls sie Krämpfe bekam oder sich einbildete, Napoleon zu sein. So ein Unsinn!

Er musste ihren wütenden Blick gespürt haben, denn er ließ das Buch sinken. „Was ist?“

„Nichts.“ Vorsichtig legte sie sich den Eisbeutel wieder auf die Stirn und setzte ihr Studium der rissigen Deckenfarbe fort. Jahrzehnte später – um fünf Minuten nach neun – legte sie den Eisbeutel endlich auf den Tisch und schwang die Beine vom Sofa.

Will sah sie an. „Wie fühlen Sie sich?“

„Gut. Sehr gut. Unglaublich gut.“

„Vielleicht sollten Sie …“

Jilly hielt eine Hand hoch. „Halt. Ich habe getan, was Sie wollten. Ich fühle mich großartig. Würden Sie mich jetzt bitte entschuldigen?“

„Na schön, Jillian. Gehen Sie.“

Ich bin entlassen, dachte sie. Endlich. Erleichtert stand sie auf. Sie fühlte ein leichtes Pochen hinter der Stirn, mehr nicht. Also ging sie zu ihrem Mantel.

„Was zum Teufel soll das?“, fragte Will, als sie das Kleidungsstück vom Haken heben wollte.

Himmel, gib mir Kraft, dachte sie. Lass mich diese Nacht überstehen, ohne diesen Mann umzubringen. Sie nahm den Mantel herunter.

„Jillian. Sind Sie komplett verrückt geworden? Sie haben sich heute Abend schon einmal fast umgebracht. Sie wollen es doch wohl nicht wieder versuchen.“

Die herablassende Art, in der er das sagte, brachte Jilly so sehr in Rage, dass sie ihm am liebsten einige unschöne Ausdrücke an den Kopf geworfen hätte. Aber irgendwie gelang es ihr, sich zu beherrschen, während sie ihm den Mantel hinhielt. „Sehen Sie das? Blutflecken? Wenn ich die jetzt nicht auswasche, bekomme ich sie nie wieder heraus.“

Will blinzelte. „Sie gehen also nicht ins Freie.“

„Nein.“

„Sie wollen nur Ihren Mantel auswaschen.“

„Genau das habe ich gesagt.“

„Das ist das Lächerlichste, was ich je gehört habe.“

Die Art, wie er das Wort „Lächerlichste“ aussprach, verriet Jilly, was er damit wirklich meinte. Er hielt sie für eine lächerliche Person.

„Will Bravo. Sie kommandieren mich herum.“

„Hängen Sie einfach den dummen Mantel zurück. Gehen Sie nach oben und legen Sie sich hin.“

„Sie sind wirklich unausstehlich. So verbittert und gemein!“

„Jillian …“

„Ich kann doch nichts dafür, dass mir ein Ast auf den Kopf gefallen ist. Es tut mir sehr leid, dass Sie herauskommen und mich retten mussten.“

„Ich habe doch gar nicht gesagt …“

Jilly machte eine abwehrende Handbewegung. „Mir ist egal, was Sie gesagt haben. Ich wünschte nur, Sie wären mit Ihrem blöden Buch in der Wärme sitzen geblieben. Ich hätte es auch allein hierher geschafft.“

„Sie waren doch kaum bei …“

„Nun hören Sie mir mal zu“, fuhr sie ihn an, bevor er auch nur ein einziges Wort herausbekam. „Es tut mir leid, dass ich hier bin und Sie störe. Ich bin hereingelegt worden. Ich schwöre, wenn ich auch nur den leisesten Verdacht gehabt hätte, dass Sie hier sind, hätte ich mich von dieser Hütte ferngehalten – mindestens hundert Meilen.“

„Es ist mir gleichgültig, was …“

„Ich bin noch nicht fertig. Ich habe noch gar nicht richtig angefangen.“

Will strich sich mit gespreizten Fingern durchs Haar und funkelte sie zornig an.

Und wenn schon. Er hatte sie herumkommandiert, und das ließ sie sich von niemandem bieten. Jilly hatte sich geschworen, es ihm nie zu erzählen, aber jetzt hatte er es sich selber zuzuschreiben. „Ich habe übrigens gehört, was Sie vor zwei Wochen auf der Party bei Jane über mich gesagt haben.“

Er zuckte zusammen. Gut. Er hatte auch jeden Grund dazu.

„Ich stand hinter einer Ecke im Flur, als Ihre Mutter Ihnen vorschlug, doch ‚Hi‘ zu der ‚süßen, kleinen Jillian‘ zu sagen. Na los, Will. Erinnern Sie sich zufällig daran, was Sie ihr geantwortet haben?“

„Jillian, ich …“

„Nein. Bitte. Warten Sie. Sagen Sie es nicht. Lassen Sie mich das wiederholen. Sie haben geantwortet, dass Sie keine Frau suchen, und selbst wenn, dann wäre ich die Allerletzte, die für Sie infrage käme. Weil Sie mich so flatterhaft finden. Ja, genau. Flatterhaft. Flatterhaft und … wie haben Sie sich noch ausgedrückt? Ach, ja. Jetzt fällt es mir wieder ein. Sie sagten, ich sei eine lächerliche Frau mit einem lächerlichen Beruf. Eine Frau ohne jeglichen Tiefgang, eine Sklavin der Mode. Die Art von Frau, die über Leichen gehen würde, nur um die Erste in der Schlange zu sein, wenn eine Luxusboutique ihre Türen zum Ausverkauf öffnet.“

4. KAPITEL

Zufrieden stellte Jilly fest, dass es Will offenbar die Sprache verschlagen hatte.

Erst nach einer ganzen Weile brach er das feindselige Schweigen. „Sind Sie jetzt fertig?“

„Ja. Darf ich mich dann vielleicht um meinen Mantel kümmern?“

„Mein Badezimmer steht Ihnen zur Verfügung.“

Erhobenen Hauptes und mit gestrafften Schultern verschwand Jilly darin und schloss die Tür hinter sich. Was Jilly in dem alten Spiegel sah, der an der Innenseite hing, war nicht gerade ermutigend. Ihr Haar war glanzlos und strähnig. Die Schwellung an der Stirn färbte sich bereits zu einem nicht sehr schmeichelhaften Violett.

Jilly starrte auf ihr mitleiderregendes Spiegelbild und wünschte sich inständig, sie hätte sich bereit erklärt, die Reportage zu schreiben, die Frank haben wollte. Durch die Bars zu ziehen, an Drinks zu nippen und langweilige Männer abblitzen zu lassen konnte kaum schlimmer sein als das hier. Sie wünschte, sie hätte Celia nie angerufen oder wenigstens deren Vorschlag abgelehnt, sich an Caitlin zu wenden.

Jilly konnte es gar nicht abwarten, nach Hause zu fahren und das Fest mit ihrer Familie zu verbringen. Nach dem, was sie hier durchgemacht hatte, freute sie sich geradezu auf die mitfühlenden Blicke ihrer Mutter und ihrer beiden verheirateten Schwestern – sogar darauf, zum wiederholten Mal zu hören, dass Jilly doch endlich auch heiraten, ein Baby bekommen und aus ihrem Leben etwas Sinnvolles machen sollte.

Aber Augenblick mal. Was tat sie denn da gerade?

Es sah nach einem schweren Fall von Selbstmitleid aus. Und obwohl Jillian Diamond eine ganze Reihe von Fehlern hatte – der Hang zum Selbstmitleid hatte noch nie dazugezählt.

Sie strich sich ein paar Strähnen aus der Stirn. Okay, ihre Haare sahen grauenhaft aus. Aber das ließ sich schon wieder in Ordnung bringen. Zu schade, dass ihre Bürste oben war …

Okay, kümmere ich mich eben erst mal um den Mantel, dachte Jilly. Es gab kein Waschbecken aus weißem Porzellan, sondern zwei tiefe aus grauem Beton, in denen man normalerweise Wäsche wusch. Jilly drehte einen Hahn auf und versuchte, die Blutflecken zu entfernen.

„So“, sagte sie nach einem Moment. „Den Rest muss die Reinigung erledigen.“

Sie verließ das Bad und hängte den Mantel wieder neben die Tür, wobei sie darauf achtete, Will keines Blicks zu würdigen. Dann nahm sie das leere Wasserglas, das blutbefleckte Tuch und den Eisbeutel vom kleinen Tisch am Sofa. Sie spülte das Glas, säuberte das Tuch und hängte es über eins der Becken im Bad. Anschließend leerte sie den Eisbeutel, kehrte damit in die Küche zurück und legte ihn zum Trocknen neben das Glas.

Jilly sehnte sich nach einem langen, heißen Bad in der altmodischen Wanne, die sie gesehen hatte. Aber dies war Wills Hütte – mehr oder weniger. Und irgendwie wäre es wohl unhöflich, ihr Badesalz zu holen und die Wanne volllaufen zu lassen, ohne ihn vorher zu fragen. Da sie nicht die geringste Lust hatte, mit ihm auch nur ein einziges Wort zu wechseln, kam ein Bad nicht infrage. Also brachte sie den Radiorekorder und die CDs nach oben und ging mit der Kosmetiktasche wieder nach unten. Sie wusch sich das Gesicht, putzte die Zähne und machte das Beste aus ihrem widerspenstigen Haar.

Danach trug sie die Katzentoilette und den Wassernapf ins Dachgeschoss und machte sich auf die Suche nach Missy. Wie Jilly befürchtet hatte, wollte die Katze sich zunächst nicht von ihrem neuen Freund trennen, aber zum Glück ließ das Tier sich mit ein paar Leckerbissen von Will weglocken und schließlich auf den Arm nehmen. Jilly trug ihren treulosen Vierbeiner nach oben.

Kaum hatte sie Missy dort abgesetzt, raste die Katze die Treppe hinunter. Jilly war schlau genug gewesen, die Tür zur Küche hinter ihnen zu schließen, also holte sie seelenruhig ihren Schlafanzug aus ultraweichem Microfleece heraus und zog ihn an. Am Fuß der Treppe begann Missy kläglich zu miauen.

Pech für dich, dachte Jilly. Du wirst schon darüber hinwegkommen.

Sie schob Ray Charles’ Weihnachts-CD in den Rekorder, stellte die Lautstärke so leise ein, dass ihr unfreundlicher Gastgeber nicht gestört wurde, und holte die drei Romane heraus, die sie mitgebracht hatte.

Es waren zwei heiße Liebesgeschichten und ein fesselnder Thriller. Jilly entschied sich für Letzteren, denn im Moment hatte sie wenig Lust, von Männern und Frauen zu lesen, die ihre Probleme bewältigten, tollen Sex hatten und die Liebe fürs Leben fanden.

Jilly schlüpfte unter die Decke und schlug das Buch auf. Irgendwann verstummte Missy, kam die Treppe herauf, sprang aufs Bett, rollte sich zusammen und schlief ein. Draußen heulte der Wind noch immer, und der Schnee prasselte gegen das Fenster.

Die CD war zu Ende, aber Jilly nahm es kaum wahr. Der Krimi hielt, was der Klappentext versprach. Es ging um einen Serienmörder, der junge Frauen auf grauenhafte Weise umbrachte. Er brach nachts in ihre einsam gelegenen Häuser ein, und ihre Hilfeschreie verhallten ungehört. Vielleicht hätte Jilly doch lieber einen Liebesroman nehmen sollen?

„Du brauchst keine Angst zu haben“, machte sie sich flüsternd Mut, während sie den Thriller zuklappte und zur Seite legte. Sie lag sicher in einem warmen Bett. Draußen trieb sich kein Serienkiller umher – und wenn doch, müsste er längst erfroren sein. Die verrückte Mavis, der die Hütte gehört hatte, war tot, und Jilly glaubte nicht an Gespenster.

Vorsichtshalber ließ sie die Lampe an.

Sie kehrte dem Licht den Rücken zu. Hinter ihr lag Missy und schnurrte. Der Kopfschmerz war verschwunden. Jilly lächelte spöttisch. Siehst du, Will Bravo, dachte sie. Ich habe keinen Hirnschaden.

Sie gähnte. Kurz darauf schlief sie ein.

Einige Zeit später erwachte Jilly. Sie lag auf dem Bauch, das Gesicht im Kissen vergraben.

Sie hob den Kopf und schaute blinzelnd aus dem Fenster. Die Wolken waren verschwunden, der Sturm vorüber. Der Vollmond tauchte das schmale Dachzimmer in silbriges Licht.

Und … Augenblick mal! Die Lampe war aus. Eigenartig. Hatte sie sie denn nicht angelassen? Jilly setzte sich auf, schob sich das zerzauste Haar aus dem Gesicht und nahm ihre Armbanduhr vom Nachttisch.

Mitternacht.

Als sie die Uhr zurücklegte, sah sie Missy. Die Katze saß am Fußende des Bettes. Ihre goldenen Augen leuchteten im Mondschein. Jilly streckte eine Hand aus.

Und Missy verschwand – genauer gesagt, sie verblasste, sie wurde erst durchsichtig, und dann war sie fort. Einfach so. Jilly kniff die Augen zusammen. Seltsam.

Und wer war die magere Frau, die zum Vorschein kam, als die Katze weg war? Die in dem blauen Bademantel, mit einem altmodischen Haarnetz und einem Gesicht, das Caitlin Bravos ähnelte? Die mit Wills tiefblauen Augen?

„Mavis?“

Die Frau nickte. Kaum zu glauben. Erst löste Missy sich buchstäblich in Luft auf, und jetzt stand auch noch die verrückte Mavis McCormack vor ihr.

„Das ist ein Traum, stimmt’s?“

Mavis lächelte. Für eine so alte, faltige Frau hatte sie überraschend weiße, ebenmäßige Zähne. Sie trat vor – durch das Bett hindurch – und hob eine Hand.

„Ich glaube das einfach nicht“, sagte Jilly.

Aber Mavis blieb, wo sie war, von der Hüfte abwärts mit dem Bett verschmolzen, die knochige Hand ausgestreckt, bis Jilly den Blick senkte und sah, dass ihre eigene Hand in Mavis’ lag. Um sie herum schienen die Wände zu schmelzen und das Bett zu verschwinden. Jilly schloss die Augen.

Als sie sie wieder öffnete, hielt Mavis noch immer ihre Hand, aber jetzt standen sie beide nebeneinander. Vor ihnen befand sich ein anderes Bett. Darin lag ein Mann, schlafend, das Gesicht von ihnen abgewandt. Jilly wusste, wer der Mann war, noch bevor sie den Vorhang auf der anderen Seite des Betts wahrnahm – den, hinter dem der Wohnbereich lag.

„Mavis, ich bitte Sie“, wisperte Jilly. „Tun Sie mir das nicht an. Okay, eine Sekunde lang, den Bruchteil einer Sekunde lang, habe ich ihn vielleicht attraktiv gefunden. Aber jetzt nicht mehr. Es ist vorbei. Wirklich. Ich meine, ich will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Ich will vergessen, dass er existiert. Und ich will ganz bestimmt nicht, dass ich von ihm träume.“

Mavis antwortete nicht, und der Blick aus ihren blauen Augen war ein einziger Vorwurf.

„Mavis!“, rief Jilly. „Bringen Sie mich von hier weg!“

Aber Mavis stand einfach nur da … nun ja, eigentlich schwebte sie eher.

Jilly schaute auf den fest schlafenden Will. Ihre laute Stimme hatte ihn nicht geweckt. Seufzend drehte er sich zu ihr um.

Okay. Sie war bereit, es zuzugeben. Wie er so friedlich dalag, mit geschlossenen Augen und zur Abwechslung mal nicht mit gerunzelter Stirn, war Will Bravo ein unverschämt gut aussehender Mann. In ihrem Traum schlief er nackt – jedenfalls von der Taille aufwärts. Er hatte unglaublich breite Schultern, und die muskulösen Arme waren …

„Nein! Nicht! Niemals!“, schrie Jilly und blinzelte heftig, um den allzu verlockenden Anblick zu vertreiben. Es funktionierte nicht.

„Ich bin nicht interessiert. Und ich bin eine Frau, die meint, was sie sagt.“ Sie wirbelte zu Mavis herum. „Bringen Sie mich sofort …“

Aber die alte Frau war fort.

„Jilly“, ertönte eine tiefe Stimme hinter ihr.

„Nein. Vergessen Sie es. Ich werde mich nicht umdrehen.“

„Jilly …“

„Ich werde nicht hinsehen. Ich werde nicht einmal …“ Na ja, vielleicht ein kurzer Blick.

Sie wagte es. Er hatte sich aufgesetzt, streckte ihr eine Hand entgegen und schaute sie zärtlich, fast flehend an. „Jilly.“

Sie gab nach und drehte sich ganz zu ihm um. „Was denn?“

Er wedelte einladend mit den Fingern.

„Das kann doch nicht Ihr Ernst sein.“

Er schaute ihr tief in die Augen, während die Decke wie von selbst an seinem nackten Körper hinabglitt. Jilly senkte den Blick. Wow. Was für ein Traum.

Sie sah ihm wieder ins Gesicht. „Warum nicht?“, fragte eine Stimme an ihrem linken Ohr.

„Warum nicht?“, wiederholte Jilly. „Soll das ein Scherz sein? Er mag mich nicht. Ich mag ihn nicht.“

„Na und?“, erwiderte die Stimme. „Dies ist ein Traum, Jilly. Ob ihr beide euch in Wirklichkeit hasst, spielt hier überhaupt keine Rolle.“

Jilly überlegte. Und während sie das tat, verharrte der Traum-Will reglos in seiner Position, die Hand ausgestreckt, die Bettdecke an den kräftigen Schenkeln. Wie sehr er Jilly begehrte, war nicht zu übersehen.

„Hm“, erwiderte Jilly.

Warum nicht? Schließlich war es nur ein Traum. Sie konnte tun, was sie wollte. Sie konnte ihrer Fantasie freien Lauf lassen, ohne an die Folgen denken zu müssen. In Wahrheit war sie doch gar nicht hier, in Wills Schlafzimmer. Sie lag oben in ihrem Bett und träumte das alles nur.

„Okay“, sagte sie. „Ich bin dabei.“

Niemand antwortete.

Jilly räusperte sich. „Hallo? Will?“

Er saß da wie eine Statue. Sie klatschte in die Hände. Zwei Mal.

Nichts geschah.

Großartig.

Aber Augenblick mal. Dies war ihr Traum. Also führte sie die Regie! Sie legte ihre Hand in seine.

Der Raum verblasste, und sie fand sich mit Will im Bett wieder, in seinen Armen.

„Ich habe auf dich gewartet“, flüsterte er. „So lange schon.“ Jilly fand, dass das selbst für einen Traum etwas zu weit ging, sagte aber nichts weiter dazu.

„Du hilfst mir doch, nicht wahr?“, fragte er.

Sie hob den Kopf, um Will anzusehen. „Dir helfen? Wie?“

„Hilf mir. Ich brauche es so sehr.“

Sie richtete sich noch weiter auf. Sie wollte ihm sagen, dass er schon etwas deutlicher werden musste, wenn sie ihm helfen sollte. Doch bevor sie das tun konnte, spürte sie seinen Mund auf ihrem.

Du meine Güte, was für ein Kuss! Es war, als würden ihre Lippen verbrennen. Als Will sie endlich Luft schnappen ließ, registrierte sie, dass ihr Schlafanzug sich aufgelöst hatte. Sie war jetzt so nackt wie er.

Es ist nur ein Traum, sagte Jilly sich. Nur ein Traum. Genieß ihn, genieß ihn …

Will drückte sie aufs Bett herunter und küsste sie dabei. Irgendwie schien er sie überall zu küssen: ihren Mund, den Hals, die Brüste, den Bauch und noch tiefer …

Seine Lippen waren überall. Gleichzeitig. Und seine Hände. Sie erkundeten ihren Körper und fanden jede Stelle, an der sie sie spüren wollte.

Jilly stöhnte, schrie auf, dann schloss sie die Augen.

Als sie sie wieder öffnete, waren sie vereint. Das Bett und der Raum um sie herum waren verschwunden – alles, bis auf sie beide. Sie bewegten sich miteinander, mitten in einem warmen, weichen Nichts, aneinandergeschmiegt, Arme und Beine verschlungen. Benommen von der Intensität ihrer Empfindungen schloss Jilly erneut die Augen, um die Gefühle ganz auszukosten …

Und dann waren sie plötzlich wieder in Wills Schlafzimmer, erschöpft, Seite an Seite. Er nahm ihre Hand, führte sie an den Mund und küsste sie mit seinen wunderbaren Lippen. Jilly fühlte seinen Atem auf ihrer Haut. Wie von selbst fielen ihre Augen zu.

Und als sie sie dieses Mal aufschlug, lag sie in ihrem eigenen Bett unter dem Dach und hatte den warmen Schlafanzug an. Will war nicht mitgekommen. Die alte Mavis deckte sie zu, beugte sich über sie und lächelte. In den blauen Augen der alten Frau lag ein rätselhafter Blick, der fast ein wenig traurig wirkte.

„Mavis, warum müssen schöne Träume immer enden?“, fragte Jilly enttäuscht.

Zum ersten Mal in Jillys herrlichem, bittersüßem Traum sagte Mavis etwas. „Der Hund hieß Snatch.“

„Wie bitte?“

Aber niemand antwortete. Mavis war fort.

5. KAPITEL

Jilly erwachte, als der Tag anbrach. Sie öffnete die Augen, starrte an die pinkfarben gestrichene Decke und erinnerte sich an den seltsamen, wunderschönen Traum der vergangenen Nacht. Sie stieß einen langen Seufzer aus. Wäre es nicht herrlich, wenn …

Aber nein. Jilly konnte Fantasie und Wirklichkeit noch sehr gut unterscheiden. In der Realität hatte sich zwischen Will Bravo und ihr nichts geändert. Sie konnten sich nicht ausstehen. Keiner von ihnen wäre hergekommen, wenn sie gewusst hätten, dass der andere ebenfalls hier sein würde.

Heute Morgen würde Jilly jedenfalls ihre Sachen zusammenpacken und nach Hause fahren. Sie setzte sich auf und sah Missy genau dort sitzen, wo sie in ihrem Traum gehockt hatte. Doch anders als im Traum machte die Katze keine Anstalten, sich vor Jillys Augen in Luft aufzulösen.

„Miau?“ Missy erhob sich und kam auf sie zu.

Lachend nahm Jilly sie in die Arme. Missy ließ es zu, schnurrte sogar und stieß mit einer Pfote gegen Jillys Nase.

„Hallo, Süße“, begrüßte Jilly sie. „Frohe Weihnachten, und ich habe dich auch lieb. Und ich verzeihe dir sogar deinen Flirt mit unserem Gastgeber. Sag mir einfach nur, dass es vorbei ist.“

Missy schnurrte weiter und sah Jilly aus ihren bernsteinfarbenen Augen an.

„Hör zu. Vergiss ihn, okay? Wir beide verschwinden nämlich von hier, sobald ich unsere Sachen im Wagen verstaut habe.“

Missy hatte genug gehört. Sie begann, unruhig zu werden. Jilly ließ sie gehen und drehte sich zum Fenster.

Der Sturm war zwar vorüber, aber der Himmel war grau und sah nach schlechtem Wetter aus. Jilly kniete sich hin und schaute nach unten. Die Schneedecke schien … dick zu sein. Mindestens einen halben Meter. Vielleicht mehr. Von hier oben konnte sie die Wagen nicht sehen, nur einen Teil des Verandadachs, viele Pinien und die weißen Berghänge.

Jilly ließ sich auf die Matratze sinken und kaute an ihrer Unterlippe. War sie etwa eingeschneit? Das konnte nicht sein. Bestimmt waren die Schneepflüge schon seit Stunden bei der Arbeit. Wenn sie es nur bis zur Straße schaffte, würde sie sich bestimmt auf den Heimweg machen können.

Sie hatte Schneeketten dabei – und wusste, wie man sie anlegte. Auch wenn viele Leute daran zweifelten, war sie eine Frau, die sich aus fast jeder Notlage befreien konnte. Und mit Will Bravo in einer einsamen Berghütte festzusitzen war ohne jeden Zweifel eine echte Notlage. Jilly schlug die Decke zurück. Es war Zeit, aufzustehen und sich auf den Weg zu machen.

„Wie fühlen Sie sich?“, fragte Will, als sie nach unten kam. Er wirkte ziemlich missmutig, als er das fragte, und das gab seiner Besorgnis etwas Unechtes.

„Gut, danke.“

„Es gibt Cornflakes“, sagte er. „Und Pulverkaffee.“

Im Radio lief der Wetterbericht, aber Jilly hörte nicht hin. Die Schachtel auf dem Tisch enthielt keine Cornflakes, sondern Froot Loops, bunte Getreideringe mit Fruchtgeschmack. Beim Pulverkaffee handelte es sich um Cappuccino mit Schokoladenaroma. Dass Will Bravos Gewohnheiten ihren eigenen ähnelten, war Jilly fast so unheimlich wie das, was sie in der Nacht geträumt hatte.

Sie setzten sich an den Küchentisch. Jilly goss Milch über ihre Froot Loops, rührte in ihrer Tasse und nahm sich fest vor, so bald wie möglich aufzubrechen. Verstohlen musterte sie ihren Gastgeber und fragte sich, wie ein Mensch im wahren Leben so unerträglich sein konnte, nachdem er im Traum ein so zärtlicher, einfühlsamer Liebhaber gewesen war.

Ihr Teller war halb leer, als Will die Faust um seinen Löffel ballte und mit dem Ende auf den Tisch klopfte.

Jilly zuckte zusammen und verschluckte sich fast.

„Was ist?“, knurrte er. „Was zum Teufel ist los?“

Sie holte tief Luft. „Was soll denn sein?“

„Sie … sehen mich dauernd an.“ Die Lippen, die sie im Traum so sinnlich gefunden hatte, hatte Will zu einem Strich zusammengepresst.

Am liebsten hätte sie ihm den Cappuccino ins Gesicht gekippt. „Entschuldigen Sie, dass ich atme. Ich wollte Sie nicht …“

„Hören Sie einfach auf damit, okay? Lassen Sie es sein.“

„Schon verstanden. Kein Problem.“ Jilly aß einen Löffel Froot Loops und starrte in ihre Schüssel.

Er knurrte etwas, das sie nicht verstand, und schob seinen Stuhl zurück.

Unglücklicherweise hockte Missy gerade dahinter. Sie jaulte auf, dann fauchte sie und raste davon, so schnell, dass sie gegen eine Wand prallte.

„Sie haben Missy wehgetan!“ Jilly sprang auf. Die Katze verschwand im Wohnbereich. „Wie konnten Sie nur? Die arme Missy.“

Will ging zur Spüle. „Sorgen Sie in Zukunft dafür, dass das Tier mir nicht in den Weg kommt.“

„Ach, halten Sie den Mund“, schrie Jilly ihn an.

Missy hatte sich unter dem Sofa verkrochen. Jilly legte sich davor. „Missy, komm schon. Komm schon, Honey …“

Aber Missy traute sich nicht heraus. Sie kauerte zwischen den Staubflocken und funkelte Jilly an. Sie überlegte, ob sie unter das Sofa kriechen und die Katze einfach packen sollte. Aber das arme Tier war auch so schon völlig verschreckt. Also beschloss sie, der Katze ein wenig Zeit zu lassen und erst ihre Sachen in den Wagen zu laden.

In der Küche wusch Jilly ihre Schüssel und die Tasse ab, ohne Will eines Blicks zu würdigen. Anschließend verbrachte sie fünfzehn Minuten im Badezimmer und nahm zwei Schmerztabletten. Die Beule an ihrer Stirn war zwar nicht größer geworden, aber dahinter pochte es ein wenig. Danach ging Jilly nach oben, packte den Koffer, schnappte sich den Rekorder und die CDs und trug alles nach unten. An der Tür blieb sie stehen, um die Stiefel und den Mantel anzuziehen.

„Was zum Teufel haben Sie vor?“, fragte Will.

„Ich fahre.“

„Jillian.“ Er atmete tief durch. „Sie fahren nirgendwohin.“

„Warten Sie nur ab.“

„Haben Sie den Wetterbericht nicht gehört?“

„Nein.“

„Dann sehen Sie mal nach draußen. Es schneit schon wieder. Es wird den ganzen Tag hindurch schneien. Wahrscheinlich sogar bis übermorgen. Die Highways sind gesperrt. Sämtliche Straßen sind nicht befahrbar.“

„Ich schaffe es schon.“ Jilly nahm den Mantel vom Haken.

Will legte seinen Wälzer zur Seite und erhob sich aus dem Sessel. „Jillian, jetzt hören Sie mir mal zu. Das mit Ihrer Katze tut mir leid.“

„Sagen Sie das lieber Missy. Es ist ihr Schwanz, auf den Sie getreten sind.“

„Kapieren Sie es doch endlich“, sagte Will mit leiser, aber angespannter Stimme. „Wir beide werden mindestens zwei Tage hier verbringen müssen. Allein. Wir werden einen Weg finden müssen, miteinander auszukommen.“

Jilly griff nach ihrer Mütze. „Sie haben eben gesagt, dass Ihnen leidtut, was Sie Missy angetan haben. Stimmt das?“

„Ich wollte dem Tier nicht wehtun.“

„Es tut Ihnen also leid.“

„Das habe ich doch gesagt.“

„Mir tut es auch leid. Aber ich drehe durch, wenn ich noch länger unter einem Dach mit Ihnen bleiben muss.“ Jilly setzte die Mütze auf, klemmte sich den Rekorder und die CDs unter den Arm, nahm den Koffer und marschierte hinaus.

Will verzog das Gesicht, als die Tür hinter ihr zuknallte. Verdammt. Die Frau ertrug die Wahrheit nicht. Na schön. Dann sollte sie es doch versuchen. Es würde nicht lange dauern, bis sie wieder hier war und ihn mit ihrem unaufhörlichen Geschnatter, den heimlichen Blicken und dem erregenden Parfüm um den Verstand brachte. Wenigstens war es draußen nicht dunkel. Und der Wind hatte sich ein wenig gelegt. Also müsste sie es bis zu ihrem Wagen schaffen, ohne sich den Hals zu brechen. Warum sollte er also nicht versuchen, die fünf Minuten Ruhe zu genießen? Er setzte sich wieder und griff nach seinem Buch.

Etwa zehn Sekunden später stürmte Jilly herein, eilte in die Küche und begann am Kühlschrank herumzupoltern. Beladen mit Einkaufstüten verschwand sie wieder. Will hatte gerade mal drei Seiten gelesen, als sie erneut zurückkam. Dieses Mal verließ sie die Hütte mit dem großen Beutel Katzenstreu und einer Tasche, die wer weiß was enthielt.

„Brauchen Sie Hilfe?“, fragte er widerwillig.

„Ich komme schon zurecht, danke.“ Sie stellte den Beutel ab, öffnete die Haustür, nahm den Beutel wieder hoch und ging hinaus. Sekundenlang stand die Tür offen, und der eisige Wind wehte herein, bis Jilly sie endlich schloss.

Eine Minute später flog die Tür wieder auf.

Will fluchte. Ausgiebig. Er stand auf und setzte sich wieder hin. Jilly kam sowieso bestimmt gleich wieder zurück. Sollte sie die dumme Tür doch selbst zumachen. Er las weiter, konzentrierte sich auf die unzähligen russischen Namen und ignorierte tapfer die Kälte, die von draußen in den Raum drang.

Und dann, wie aus dem Nichts, landete ihre Katze auf seinem Schoß, zwischen dem Gürtel und dem Buch.

„Nein!“, rief Will und verpasste dem Tier einen Klaps mit Schuld und Sühne.

Nun ja, vielleicht war es doch mehr als nur ein Klaps, denn die Katze flog durch die Luft. Aber sie landete auf den Pfoten und rannte in die Küche – blitzschnell. Er war sicher, dass er ihr nicht wehgetan hatte, weder dieses Mal noch vorhin, mit dem Stuhl. Ihr Schwanz sah unversehrt aus.

Aber wo zum Teufel steckte das Frauchen des vierbeinigen Quälgeists?

Er hörte einen Motor anspringen. Was hat sie jetzt vor? dachte Will. Sie konnte doch jetzt nicht einfach davonfahren. Ihre Katze war noch hier. Er ging ans Fenster.

Inzwischen schneite es wieder stärker, aber selbst durch den weißen Schleier hindurch waren die Fahrzeuge zu sehen – und Jillian auch. Sie legte gerade ihre Schneeketten an. Zu seinem Erstaunen schien sie genau zu wissen, was sie tat. Sie hatte die Ketten ausgebreitet und stieg gerade ein, um rückwärts hinaufzufahren. Wahrscheinlich würde es ihr sogar gelingen, sie richtig zu verhaken. Aber selbst korrekt angelegte Schneeketten würden sie nicht bis zur Straße bringen. Der Schnee lag einfach zu hoch. Das musste ihr doch klar sein.

Nein, sie war Jillian Diamond. Und wer konnte wissen, was in ihrem Kopf vorging? Und wie lange es dauern würde, bis sie sich mit der Realität abfand und in die Hütte zurückkehrte.

Erneut murmelte Will einige ausgewählte Flüche, dann ging er zur Tür und schloss sie. Schließlich legte er im Küchenofen Holz nach und stellte sich im Wohnzimmer vor den Heizlüfter, bis es in der Hütte wieder warm wurde.

Er hatte sich gerade wieder in den Sessel gesetzt, um weiterzulesen, als Jillian hereinstürmte. Sie postierte sich vor dem Heizlüfter, blieb drei oder vier Minuten lang davor stehen und rieb sich fröstelnd die Hände.

Dann suchte sie nach ihrer Katze. „Missy“, rief sie mit sanfter Stimme. „Komm schon, Süße …“

Zuerst sah sie unter dem alten Eisenbett in der Ecke nach, denn dorthin hatte die Katze sich nach dem brutalen Angriff auf ihren Schwanz geflüchtet. Will hätte Jillian sagen können, dass sie vergeblich dort suchte. Als er das Tier zuletzt gesehen hatte, war es auf dem Weg zur Tür nach oben gewesen. Aber er hielt den Mund, sonst würde Jilly ihn womöglich noch fragen, wieso er, den die Katze nicht interessierte, es überhaupt registriert hatte. Und egal, wie seine Antwort ausfiele, es würde wieder Streit geben. Und er hatte keine Lust, sich erneut von ihr anschreien zu lassen.

Jilly stützte sich auf Hände und Knie, um unter das Bett zu schauen. Als sie wieder stand, räusperte sie sich geräuschvoll.

„Was?“, knurrte Will.

„Hier ist Missy nicht.“

„Und?“

„Gestern Abend habe ich sie aus Ihrem Zimmer kommen sehen. Vielleicht ist sie dort. Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich …“ Sie zeigte auf den Vorhang, der sein Schlafzimmer vom Wohnbereich trennte.

„Gehen Sie nur.“ Will schaute bereits wieder in sein Buch.

Jilly starrte auf seinen gesenkten Kopf. Selbst wenn er nichts tat oder sagte, war er unerträglich. Der Wunsch, ihm etwas sehr Unhöfliches an den Kopf zu werfen, war fast übermächtig, aber irgendwie schaffte sie es, ihn zu unterdrücken. Sie ging an Will vorbei zum Vorhang und schob ihn zur Seite.

Was sie dahinter sah, ließ ihr die Nackenhaare zu Berge stehen. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihr aus.

6. KAPITEL

Das Zimmer war das Zimmer aus ihrem Traum. Alles war so, wie sie es in der letzten Nacht gesehen hatte – vom Schaukelstuhl am Fenster bis zur Kommode an der gegenüberliegenden Wand, der mit der vergilbten Spitzendecke und dem rissigen Spiegel. Jilly sah sich darin. Sie wirkte, als wäre sie einem Gespenst begegnet.

Und vielleicht war sie das sogar.

Ihre Knie waren weich. Vielleicht sollte sie sich lieber erst mal hinsetzen. Das Bett aus ihrem Traum, mit dem Kopfteil aus dunklem Holz und dem verblassten Quilt, war nur zwei Schritte entfernt. Sie ließ sich auf die Kante sinken.

Jilly trug noch immer ihren Mantel und die Mütze. Und das war auch gut so, denn plötzlich fror sie wieder. Sie schlang die Arme um den Oberkörper, zog die Schultern ein und wartete darauf, dass das Frösteln sich legte. Zum Glück geschah das ziemlich schnell. Sie nahm die Mütze ab und zuckte zusammen, als sie dabei die Beule an der Stirn berührte.

Augenblick mal! Vorsichtig tastete sie über die empfindliche Schwellung. Gestern Abend hatte sie das Bewusstsein verloren, und vielleicht hatte das zu einem Gedächtnisverlust geführt. Das kam doch oft vor, oder?

Ja. Natürlich. Das war die einzig logische Erklärung.

Gestern war sie bestimmt irgendwann in dieses Zimmer gegangen, um nach Missy zu suchen. Dann hatte der Ast sie am Kopf getroffen, und sie hatte es einfach vergessen. Im Schlaf war die Erinnerung dann zurückgekehrt und hatte sich in ihren Traum gedrängt. Ja. So musste es gewesen sein.

Jilly setzte sich die Mütze wieder auf. „Missy?“, rief sie. Keine Antwort. Sie sah unter der Kommode nach, unter dem Bett und in dem Schrank, der aus Brettern gezimmert und mit Stoff verhängt war.

Als sie in den Wohnbereich zurückkehrte, hob Will den Kopf.

„Kein Erfolg“, sagte sie. „War ich gestern Abend zufällig in Ihrem Schlafzimmer?“

Er sah sie an, als wären bei ihr gleich mehrere Schrauben locker. Nun ja, daran hatte sie sich inzwischen gewöhnt. „Was hätten Sie in meinem Schlafzimmer zu suchen gehabt, bitte schön?“

„Wissen Sie, genau das habe ich mich auch gefragt.“

„Und was haben Sie sich darauf geantwortet?“

Jilly fragte sich, warum sie überhaupt mit ihm redete. Dabei kam nie etwas Gutes heraus. „Ehrlich gesagt glaube ich, dass das ein Thema ist, das wir besser nicht vertiefen sollten.“

„Warum haben Sie dann überhaupt davon angefangen?“

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