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BIANCA GOLD BAND 20

JENNIFER MIKELS

Einmal siebter Himmel und zurück

Am Bettchen seiner Tochter begegnet sie Alex‘ Blick. Und Gillian erfassen Gefühle, die sie vollkommen verwirren: Noch nie hat sie so eine Wärme gespürt – und noch nie so eine Unsicherheit: Jahrelang war Alex nur ihr bester Freund, ihre starke Schulter zum Anlehnen. Kann er auch der Mann sein, für den es sich lohnt, ihr Leben komplett zu ändern ..?

ANNE PETERS

Willst du meinen Daddy küssen?

Was soll Halloran nur tun? Sie fühlt sich hingezogen zu Mike Parker, dem Vater einer Schülerin! Aber obwohl er es wie sie erlebt, wagen sie beide nicht, ihren Gefühlen nachzugeben – denn Mikes Tochter rebelliert. Da schleicht sich ganz unerwartet Hallorans mürrischer Kater, der sonst mit niemandem Freundschaft schließt, in das Herz des Mädchens …

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Geträumt von soviel Glück

Paula sorgt so lieb für ihr gemeinsames Söhnchen Nicky, wie er es sich von einer jungen Mutter und seiner Traumfrau immer gewünscht hat. Dennoch befürchtet Jared, dass es für die neue Sanftheit der attraktiven Schauspielerin einen anderen Grund gibt. Sein Verdacht wird wahr, als Jared herausfindet, dass sie nicht Paula ist, sondern ihre Zwillingsschwester Faith …

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Einmal siebter Himmel und zurück

PROLOG

„Gillian, lieber nicht, du weißt doch, er mag keine Überraschungen.“

Gillian Quinn wechselte den Telefonhörer von einem Ohr zum anderen. Ihre Schwester merkte sich einfach alles. „Rachel, er wird mir helfen, selbst wenn ich ihn nicht vorher anrufe.“ Sie zupfte an einer Locke ihrer schulterlangen roten Haare.

„Ich weiß, er ist ein guter Freund, aber …“

„Mach dir keine Sorgen.“ Gillian schaute auf die Uhr. „Ich verspreche dir, ich rufe ihn noch an, bevor ich losfahre.“

Sie war auf dem Weg nach Hawaii, wo ein neuer Job auf sie wartete. Aber wegen einer Neuigkeit, die ihre Familie betraf, hatte sie ihre Pläne geändert. Deshalb wollte sie vorher noch nach Arizona fahren.

„Bist du sicher, dass Alex dir hilft, sie zu finden?“

Daran zweifelte Gillian nicht. Alex Hunter, Dozent für Archäologie im Norden von Arizona, war zuverlässig und grundsolide. Wann immer Gillian eine Schulter zum Anlehnen brauchte, war er für sie da. Zum Rat geben, zum Trösten bei Liebeskummer … Er war ihr bester Freund. Einer, der sie, neben ihrer Schwester und ihrem Bruder, nie im Stich lassen würde. „Ja, das bin ich.“

Gillian freute sich schon darauf, Alex wieder zu sehen. Und sie freute sich auch auf seine kleine Tochter Shelby. Damals nach seiner Scheidung war Gillian sofort zu ihm nach Colorado geflogen, um ihm beizustehen für den Fall, dass er Trost gebraucht hätte. Aber den brauchte er im Grunde nicht, seine Ehe war schon lange kaputt gewesen.

Das lag fünf Jahre zurück. Inzwischen waren Alex und seine Tochter nach Arizona gezogen. Für einen Alleinerziehenden war es sicher nicht leicht. Gillian hoffte, Alex würde bald wieder eine neue Lebensgefährtin finden.

1. KAPITEL

„Soll ich die Polizei rufen?“ Loretta Yabanski, seine Vermieterin, eilte bereits auf Alex zu, während er noch aus seinem Geländewagen stieg.

Loretta war Witwe und vermietete eine Wohnung in ihrem Haus, um ein Zusatzeinkommen zu haben. Sie war recht mollig, hatte schon etliche graue Strähnen und war sehr nett.

Als Alex’ Vater Joe an der Beifahrerseite ausstieg, wandte Loretta sich an ihn. Sie hatte ein Auge auf ihn geworfen, seitdem er vor einem Monat zu seinem Sohn gezogen war. „Joe, was soll ich tun?“

„Loretta, beruhige dich“, riet Joe mit ernster Stimme, die an seine Jahre beim Militär erinnerte. Er war immer makellos gekleidet und trug sein grauweißes Haar ganz kurz. „Was ist denn los?“

„Im Garten sitzt eine Fremde auf der Schaukel!“

„Kein normaler Mensch setzt sich auf eine Kinderschaukel!“ Joe nahm sein Handy aus der Tasche, um bei der Polizei anzurufen.

„Warte“, bremste Alex ihn.

Unwillig sah sein Vater ihn mit seinen eisblauen Augen an. Alex’ Bedächtigkeit war seine gesamte Jugend über ein Thema zwischen ihnen gewesen. Entscheide dich, Junge! Diese Worte hatte Alex oft genug gehört. Wir könnten schon vom Feind umzingelt sein!

Aber das Leben war kein militärisches Manöver. Als Kind hatte Alex nicht gewagt, etwas zu sagen, auch jetzt schwieg er lieber, um keinen Krach heraufzubeschwören. „Als Erstes sollten wir sie fragen, was sie hier will.“

„Sie ist hier einfach eingedrungen!“, empörte sich Joe.

Loretta nickte und schaute Joe bewundernd an. „Sie trägt eine komische grasgrüne Baseballmütze und Jeans mit Gänseblümchen am Saum, hat grüne Schuhbänder und …“

„Ein Hippie also“, vermutete Joe.

„Das war in den Sechzigern und Siebzigern, Joe“, warf Alex ein. Es wäre ihm nie eingefallen, „Vater“ zu sagen. „Hört sich ganz nach Gillian an. Hat sie rote Haare?“ Alex kannte nur eine Frau, die grüne Schuhbänder tragen würde.

„Ach, er kennt sie?“, fragte Loretta den älteren Mann und ging hinter Alex in Richtung Garten.

„Eine Freundin vom College“, sagte Joe nur.

„Ziemlich schräg!“, fand Loretta.

Gillian und Alex waren sehr unterschiedlich, aber nachdem sie mal zusammen eine archäologische Exkursion nach Utah gemacht hatten, war die anfängliche Antipathie wie weggeblasen. Alex hatte Gillians Engagement erlebt, ihre Disziplin, ihre Bereitschaft, hart zu arbeiten, während die Begeisterung anderer Studenten sich bei der glühenden Hitze schnell gelegt hatte. Und so sah er sie längst nicht mehr als flatterhafte junge Frau.

Die Sonne ließ ihr kupferrotes Haar aufleuchten. Und ihre langen schlanken Beine waren Alex schon immer aufgefallen.

Der gegenseitige Respekt und das Vergnügen an den beruflichen Entdeckungen hatten sie einander näher gebracht und gute Freunde werden lassen.

Schon Gillians Anblick freute Alex. Verträumt schaute sie gerade zu den Bergen hinüber.

Als ein Zweig unter seinem Fuß knackte, schaute sie über die Schulter zurück, sodass ihre roten Locken durcheinanderwirbelten. Ihre grünen Augen funkelten. „Hallo, Alex!“ Sie flog ihm entgegen in die ausgebreiteten Arme.

Erst jetzt wurde Alex bewusst, wie sehr er sie vermisst hatte.

„Schön, dich wieder zu sehen!“ Sie lachte, als er sie an sich drückte.

Als er sie im Arm hielt, hatte Alex plötzlich das Gefühl, Gillian sei nie weg gewesen. Dabei hatten sie sich acht Monate nicht gesehen. Ihm wurde ganz warm. Vermutlich, weil er seit seiner Scheidung keine Frau mehr gehabt hatte.

„Komm mit rein.“

„Wo ist Shelby?“ Gillian legte ihm den Arm um die Taille und ging mit ihm zum Hintereingang. „Ich freue mich darauf, sie wieder zu sehen!“

„Sie ist nach dem Kindergarten zu einer Freundin gegangen. Stell dir vor, in ein paar Tagen kommt sie in die Vorschule.“

„Ach, und …“ Gillian blieb stehen. „Hallo, Joe!“ Sie eilte ihm entgegen. „Schön, dich wieder zu sehen.“ Sie umarmte ihn. „Du siehst gut aus.“

Joe wand sich aus der Umarmung und schaute verlegen zu Loretta.

„Hallo, ich bin Gillian Quinn“, stellte Gillian sich der Vermieterin vor.

Loretta lächelte. „Ihretwegen hätte ich beinahe die Polizei gerufen!“

„Tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe.“ Gillian legte Alex wieder den Arm um die Taille.

„Alex, wartet eine Minute.“ Loretta eilte die Treppe hinauf.

„Wahrscheinlich holt sie etwas zu essen“, vermutete Joe.

„Loretta glaubt, Essen sei immer nützlich“, fügte Alex erklärend hinzu.

„Dann wundere ich mich nur, dass ihr beiden nicht schon wie Hefekuchen aufgegangen seid!“ Gillian pikste Alex scherzhaft in den Bauch.

Der zuckte unwillkürlich zusammen.

„Ich bin froh, dass ihr so diszipliniert seid“, fuhr Gillian fort. „Quält ihr euch noch immer mit nächtlichem Rasenmähen?“

„Tun wir.“

„Joe, bei einem Telefongespräch hat Alex mir erzählt, dass du gelegentlich mit Loretta ausgehst.“

„Stimmt.“

Alex nahm wieder den feinen Duft wahr, den er immer mit Gillian in Verbindung brachte.

„Da bin ich!“ Loretta kam mit einem Auflauf die Treppe herunter. „Ein Begrüßungsessen.“

„Danke, Loretta.“ Joe nahm ihr die Auflaufform aus der Hand. Da Joe strahlte, musste es Lasagne zu sein, sein Lieblingsgericht. „Sag mal, wollen wir heute nicht zusammen ins Kino gehen?“, schlug er vor.

„Ja, gern!“

„Gut. Ich bin gleich zurück.“ Er eilte ins Haus.

Loretta strahlte. „Gute Idee.“

Alex wunderte sich. Joe hatte vorher nichts vom Ausgehen gesagt.

Als er wieder nach unten kam, verschwand er mit Loretta. Alex und Gillian gingen ins Haus.

„Ich habe versucht, dich telefonisch zu erreichen.“ In der Küche stellte Gillian ihre schwere Umhängetasche auf den Boden. „Hoffentlich komme ich nicht ungelegen.“

Alex warf ihr einen beruhigenden Blick zu. Dann bemerkte er das Blinken des Anrufbeantworters und drückte die Taste. „Hier ist deine beste Freundin Gillian“, hörte man ihre Stimme. „Schade, dass du nicht da bist.“

„Eine kurze Nachricht, so wie du es magst“, sagte Gillian. Sie lächelte ihr unverkennbares Lächeln. „Freust du dich über meinen Besuch?“

„Das versteht sich doch von selbst!“ Alex wunderte sich, dass Gillian überhaupt eine Nachricht hinterlassen hatte, anstatt – wie sonst – einfach aufzutauchen. Nachdenklich schaute er sie an.

Gillian fand, dass Alex gut aussah. Wie immer. Groß, breite Schultern, muskulös, selbstbewusst und intelligent, mit braunem Haar, in dem er helle Strähnen hatte, und eisblauen Augen. Kein Wunder, dass ihre Kommilitonen für ihn geschwärmt hatten.

„Ich freue mich, hier zu sein.“ Sie umarmte ihn noch mal, und ihr wurde bewusst, wie sehr sie ihn vermisst hatte.

„Aber irgendwas stimmt nicht“, vermutete er.

Gillian hatte gedacht, ihre gemischte Stimmung besser überspielt zu haben. „Wie kommst du darauf?“

„Weil du vor dem Herkommen erst angerufen hast. Du wirkst irgendwie bedrückt.“

„Kann es nicht sein, dass ich dich einfach sehen wollte?“

„Bei dir ist nichts einfach.“

„Alex, du bist doch derjenige, der alles überdenkt, begründet und plant.“

„Möchtest du etwas trinken?“ Er öffnete die Kühlschranktür und hielt ihr eine Dose Mineralwasser hin.

„Ja, gern.“ Alle Küchenborde waren sorgfältig bestückt. „Sind die Dosen alphabetisch geordnet?“, neckte sie ihn.

„Na ja, man findet alles wieder. Da drüben stehen die Bohnen, hier Erbsen und Mais.“

Gillian lachte. „Siehst du, alphabetisch geordnet.“

Alex schmunzelte.

Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie seine Methodik weniger geschätzt und als pedantisch eingestuft hatte. Inzwischen sah sie das anders. Der Meinungsumschwung hatte bei den Grabungen in Utah stattgefunden. Obgleich abends alle verschwitzt, schmutzig und müde waren, hatte Alex nie geklagt. Als sie eines Tages endlich mit der Säuberung antiker indianischer Holzbögen fertig waren, sanken sie sich erleichtert in die Arme, und Gillian war überrascht, wie angenehm sie das fand. Sie hob das Gesicht und hatte plötzlich Lust, ihn zu küssen. Aber im selben Moment hatten sie sich verlegen voneinander gelöst. Von da an waren sie jedoch befreundet.

Alex war sensibel, ernst und verantwortungsbewusst. Und er war einer der intelligentesten Männer, die Gillian kannte. Gelegentlich bedauerte sie, dass aus der Freundschaft keine Liebschaft geworden war. Aber vermutlich war es so am Besten.

„Nun sag schon, wozu du mich überreden willst.“

„Wieso, habe ich das je getan?“

„Oft genug! Irgendwann hast du mich zum Beispiel dazu gebracht, gefährliche Wasserfälle runterzufahren.“

„Das war nicht schwierig. Du wolltest es ja selbst.“

Er lächelte. „Keineswegs.“

„Ach, und wieso hast du es trotzdem gemacht?“

„Weil ich dich nicht mit dem Führer allein lassen wollte.“

„Mit welchem Führer?“

„Du weißt schon, dieser braun gebrannte, muskulöse Machotyp. Der hatte dich schon die ganze Zeit angestarrt.“

„Alex, warst du etwa eifersüchtig?“, neckte sie ihn, denn sie war überzeugt, dass er nie auch nur einen erotischen Gedanken an sie verschwendet hatte.

„Also, warum brauchst du Hilfe?“, lenkte er ab.

Seitdem ihre Schwester Rachel das Tagebuch ihrer Mutter gefunden hatte, quälte Gillian der Gedanke an ein Familiengeheimnis. „Ich muss jemanden finden.“

„Und die Person lebt hier in Arizona?“

„Vermutlich in der Nähe einer Universität. Das Einzige, was ich weiß, ist ihr Name: Lenore Selton. Sie steht weder im Telefonbuch von Phoenix noch von Tucson.“

„Du meinst also, sie wohnt hier in Flagstaff?“

„Möglich.“

„Ich dachte, du trittst in diesen Tagen deinen Job in Hawaii an. Wieso hast du Zeit, dich darum zu kümmern?“

„Ich muss dort nicht sofort anfangen.“

„Und diese Frau zu finden ist wichtig für dich?“ Alex nahm Kaffeetassen vom Regal.

„Sehr wichtig.“ Gillian schaute ins Wohnzimmer, das vollgestopft war mit Möbeln.

„Ganz schön eng bei uns, wie?“ Alex war ihrem Blick gefolgt.

„Stimmt“, bestätigte Gillian. So wenig Platz zu haben war sicher nicht ganz leicht für ihn.

Alex füllte Kaffee in die Maschine. „Abgesehen von der Küche und dem Wohnzimmer gibt es noch zwei Schlafzimmer und ein winziges Zimmerchen für Shelby.“

„Ist es schwierig, dass Joe zu euch gezogen ist?“

„Na ja, wir leben wie Sardinen in der Dose.“

Als Gillian zwei Wochen zuvor mit Alex gesprochen hatte, erwähnte er, dass Joe nun in Pension wäre und gerade eine schwere Herzoperation hinter sich hätte. Seitdem wohnte er bei seinem Sohn. Für einen Mann, der beim Militär immer das Sagen gehabt hatte, war dieser Umstand sicher auch nicht gerade angenehm. „Und wie soll es weitergehen?“

„Ich bin auf der Suche nach einem Haus. Die Wohnung hier ist nur vorübergehend. Anfangs war es das größte Problem, ein Kindermädchen für Shelby zu finden.“

Seine Tochter kam immer zuerst. „Ich wollte, ich hätte dir helfen können.“

„Du warst ja in Japan. Bei diesem Luftkurierjob.“

Gillian hatte ein schlechtes Gewissen, dass sie nicht da gewesen war, als Alex sie brauchte. „Ihr habt aber das Glück gehabt, Loretta zu finden. Sie scheint nett zu sein.“

„Sie hielt dich für eine aus der Irrenanstalt Entlaufene!“

Gillian lachte. „Mir fiel auf, dass sie mein Outfit misstrauisch beäugte.“

„Das ist für Lorettas Geschmack nicht konservativ genug.“

Für den von Alex sicher auch nicht. Aber in Jeans und seinem grauen Polohemd wirkte er nicht mehr ganz so brav wie mit den zugeknöpften Oberhemden, die er früher immer trug.

Alex zupfte kurz an einer Locke von Gillian, die unter ihrer Baseballkappe hervorlugte. „Ich muss Essen machen, bevor Shelby nach Hause kommt.“

Gab es ein Problem mit der Kleinen? Alex wirkte irgendwie besorgt. Oder ging es um Joes Gesundheitszustand? „Du kannst doch die Lasagne aufwärmen.“

Alex nahm Steaks aus dem Kühlschrank. „Joe würde einen Anfall bekommen, wenn wir die ohne ihn äßen. Er liebt Lorettas Lasagne.“

„Ach, geht die Liebe bei ihm durch den Magen?“

„Wer weiß?“ Er hielt Gillian eine Tüte Tortilla-Chips hin.

„Interessiert er sich ernsthaft für sie?“

„Das würde er nie zugeben.“ Alex stellte ein Glas mit pikanter Soße auf den Tisch. „Aber es stimmt. Könntest du den Käse raspeln?“

„Na klar.“

Ein paar Minuten arbeiteten sie schweigend vor sich hin. Alex gefiel es, eine Frau neben sich zu haben. Er hatte sich schon beinahe daran gewöhnt, immer allein zu sein. Das war für Shelby und ihn sicher nicht das Beste, aber besser, als wenn seine Tochter sich zurückgesetzt fühlte. Er wollte dafür sorgen, dass sie durch keine Beziehung, die er einginge, irgendwie belastet würde.

„Und nun?“ Gillian legte die Käsereibe in die Spüle. „Soll ich den Tisch decken?“ Sie öffnete die Schranktüren. „Wo sind die Teller?“

„Da oben.“ Alex schaute aus dem Fenster auf die dunkle, matt beleuchtete Straße. Gerade wollte er Gillian auf ihr Problem ansprechen, da hörte er eine Autotür.

„Daddy, Daddy, ich bin da!“, rief Shelby von draußen.

„Wer hätte das gedacht“, stellte Alex trocken fest.

Gillian strahlte.

Ihr Lächeln war einfach atemberaubend.

2. KAPITEL

Die kleine Shelby kam hereingetobt. Sie blieb kurz stehen, dann flog sie in Gillians geöffnete Arme. „Gillian, ich habe dich so vermisst!“

Der Babyspeck war verschwunden, und Shelbys dunkles Haar war länger geworden. Gillian drückte sie zärtlich an sich. Wie schön es war, die Kleine im Arm zu halten! „Nicht so wie ich dich!“ Die Ärmchen lagen fest um ihren Hals.

Shelby war fünf Jahre alt, schlank und zierlich, hatte die schwarzen Haare ihrer Mutter und blaue Augen. In zehn Jahren würde sie umwerfend aussehen.

„Ich hab oft an dich gedacht. Bleibst du länger?“ Shelby sah ihren Vater fragend an. „Tut sie das?“

Alex lächelte. „Hol erst mal Luft, Kleines.“

Shelby kicherte. „Was gibt es zu essen?“

„Tacos.“

„Hm, die mag ich.“ Sie schaute Gillian an. „Daddy hat gesagt, er macht heut Abend welche. Magst du Tacos?“

Sie hat sich nicht verändert, dachte Gillian, während Shelby nun von einem verloren gegangenen Hamster erzählte, vom Kindergarten und von einer neuen Freundin.

Sie hielt Gillians Hand ganz fest. „Willst du den Gorilla sehen, den du mir geschickt hast? Er ist in meinem Zimmer.“

Gillian nahm Shelby auf den Arm und warf Alex einen entschuldigenden Blick zu. „Ist es dir recht, wenn ich dich einen Moment allein lasse?“

„Schon gut. Ich kümmere mich inzwischen um dein Gepäck.“

„Alex, lange bleiben kann ich nicht!“

„Natürlich kannst du das. Du schläfst in meinem Zimmer.“

„Nein, ich möchte auf keinen Fall jemanden aus seinem eigenen Bett verdrängen.“

„Das tust du auch gar nicht. Morgen kannst du Joes Zimmer haben. Er fährt für einige Tage weg. Du bist genau richtig gekommen.“

Shelby sah Gillian an. „Heute Nacht kannst du bei mir schlafen. Das geht doch, Daddy, nicht?“

„Aber dann muss Gillian das Gästebett mit all den Plüschtieren teilen.“

„Macht nichts. Bis ich siebzehn war, hatte ich auch einen ganzen Stall davon.“

„Wirklich?“, fragte Shelby. „Und? Hast du sie jetzt nicht mehr?“

„Nein. Als ich das Haus verließ, mochte ich meine Schwester nicht bitten, sie für mich aufzubewahren.“

„Daddy wird meine immer aufbewahren, nicht?“

So wie Alex lächelte, war klar, dass er das tun würde.

„Komm, Shelby, wir beide holen mein Gepäck.“

„Das mache ich“, bot Alex an.

„Nein, du bist beschäftigt“, sagte Gillian auf dem Weg nach draußen.

Gillian war wie ein Wirbelwind, der in sein Leben hinein- und wieder hinauswehte. Immer freute er sich, sie zu sehen. Auch wenn sie manchmal recht anstrengend war.

Er putzte einen Salatkopf und dachte an ihren letzten Besuch. Sie war auf dem Weg nach Alaska gewesen, um das Iditarod-Hundeschlittenrennen zu sehen. Und als sie Wochen später mal wieder anrief, war sie gerade in Japan. Danach auf einem Flug nach San Francisco, wo sie bei einer Friseurmesse als Model auftrat. Dauernd tat sie etwas Neues, war immer unterwegs, so als könnte sie etwas verpassen.

Im Flur hörte man Gelächter. Shelby zog einen Kofferkuli hinter sich her, Gillian folgte ihr mit einem Kleidersack und einer Tasche.

„Gib her“, sagte Alex.

Gillian überließ Alex den Koffer.

„Da ist Daddys Zimmer.“ Shelby wies auf eine Tür.

Es war weiß gestrichen, die Tagesdecke hübsch gemustert, die Möbel waren aus Kirschholz. Über einem antiken Sekretär hing ein Wandbord, auf dem alte Bücher, Keramiken und afrikanische Masken standen.

Gillians Blick glitt vom Buch auf dem Nachttisch zur offenen Kleiderschranktür. Dort hingen die Hemden und Hosen nach Farben geordnet. „Alex, du bist zu methodisch“, bemerkte Gillian etwas spöttisch. Dabei bewunderte sie ihn im Grunde. Sie selbst lebte immer in einem leichten Chaos.

„Und das hier ist mein Zimmer“, verkündete Shelby stolz aus dem Raum nebenan.

Es war nicht sehr groß, aber es standen zwei schmale Betten an den Wänden, mit gemusterten Tagesdecken. Alles war in Hellblau und Weiß gehalten. In der Ecke lag die riesige Plüschtiersammlung, und auf einem Bord standen Dutzende von Büchern. Puppen und Puppenkleider lagen verstreut herum.

„Gefällt es dir?“, wollte Shelby wissen.

„Ja, natürlich!“ Wie ein Prunkstück saß der kindsgroße Gorilla, den Gillian Shelby geschickt hatte, in der Mitte der Plüschtiersammlung.

Alex brachte das Gepäck. Er sagte nichts über die Unordnung. Da er selbst so ordnungsliebend war, fand Gillian, dass er ein Lob für seine elterliche Toleranz verdiente. Sie blieb noch ein paar Minuten bei Shelby. Dann sagte sie: „Ich werde jetzt deinem Dad helfen.“

Aus der Küche erklang Beethovens Fünfte. Alex liebte es, mit irgendeinem Haushaltsgerät Symphonien zu dirigieren.

„Sind noch immer alle davon überzeugt, dass du ein spießiger Professor bist, Maestro?“, fragte sie, sobald sie eintrat.

„Ja, ich glaube schon, aber sag es nicht weiter.“

Gillian wusste, dass es Alex ziemlich egal war, was andere von ihm dachten. „Meinst du, ich würde verraten, dass du Orchester dirigierst, während du kochst, und dass du unter der Dusche Arien singst?“

Er zog eine Braue hoch. „Vergiss, dass du es weißt.“

„Hier“, er hielt ihr eine Gabel hin, „du kannst das Fleisch wenden. Und dabei erzählst du mir, was dich hergeführt hat.“

„Das ist ziemlich kompliziert. Ich versuche … einen Bruder beziehungsweise eine Schwester zu finden.“

„Wie bitte? Du weißt nicht, wo Sean oder Rachel sind?“

„Doch. Aber es gibt noch jemanden.“ Gillian zögerte. „Rachel hat herausgefunden, dass unser Vater noch ein anderes Kind gezeugt hat. Aber wir wissen nicht, ob es ein Bruder oder eine Schwester ist.“

Alex war wie vor den Kopf gestoßen. Gillian und ihre Geschwister mussten schockiert gewesen sein, als sie davon erfahren hatten!

„Es ist ein ziemliches Durcheinander. Rachel wohnt jetzt in Maine, in dem Haus, in dem wir aufgewachsen sind und das nun Kane Riley gehört, ihrem Mann.“

Als Alex an Gillian vorbei griff, um einen Teller aus dem Schrank zu nehmen, war er ihr so nahe, dass sein Atem ihr Gesicht streifte. Er schaute ihr auf den Mund, als wolle er sie küssen. „Du sagtest, sie haben ein Kind?“, fragte er dennoch sachlich.

„Ja. Kanes Nichte. Es ist eine lange Geschichte. Rachel war mit seiner Schwester befreundet, und die starb bei der Geburt des Kindes. Nun sind Rachel und Kane und das Baby eine Familie.“

Alex schnitt eine Zellophanverpackung mit Muscheln auf. Vor einer Minute war er Gillian so nahe gewesen, dass er die goldenen Punkte in ihren Augen hatte sehen können. „Setz dich.“ Er stellte den Herd aus.

„Es ist alles ziemlich verworren. Selbst für uns. Nachdem wir damals wegzogen, kaufte Charlie Greer, ein Fischer, das Haus. Er hat sich nie auf dem Dachboden umgesehen. Und Kane, der es von Charlie erbte, auch nicht.“ Sie hielt inne. „Aber meine Schwester schaute sich dort um und fand in einer Truhe ein Tagebuch unserer Mutter.“

Alex setzte sich auf einen Stuhl.

„Daraus erfuhr Rachel, dass unser Vater eine Affäre mit einer Frau namens Lenore Selton hatte, die schwanger von ihm wurde.“ Gillian hatte das scheinbar beiläufig gesagt, war aber bestimmt zutiefst davon betroffen.

„Es war ein Schock für uns alle! Laut Tagebuch hatte er die Beziehung, als unsere Mutter krank war. Sie hatte nach einer Fehlgeburt einen Nervenzusammenbruch und war fast ein Jahr lang in einer Klinik. Es muss für beide eine schlimme Zeit gewesen sein.“

„Erinnerst du dich daran?“

„Nein.“ Gillian starrte auf die bunten Küchengardinen. „Ich war noch gar nicht geboren. Rachel weiß allerdings noch, dass Mom sehr krank war. Sie half unserem Vater, sich um Sean zu kümmern, der erst fünf Jahre alt war. Aber es geht noch weiter. Rachel fand in unserem Elternhaus Adoptionspapiere.“

„Hm? Wer wurde denn adoptiert?“

Gillian wirkte einen Moment lang sehr angespannt. „Wir dachten alle, ich sei es gewesen.“ Die Falte zwischen ihren Augenbrauen vertiefte sich. Diese Vermutung musste schlimm für sie gewesen sein.

„Im Tagebuch meiner Mutter stand, dass sie planten, Lenores Kind zu adoptieren. Deshalb dachten wir, ich könnte dieses Kind sein.“

Alex nickte. „Aber du glaubst es nicht.“

„Nein. Denn Rachel las im Tagebuch, dass Lenore ihre Meinung geändert habe. Es war also offenbar niemand von uns.“ Gillian knabberte nervös an einem Chip.

„Und das ist die Person, die ihr nun finden wollt.“

„Ja. Wir wissen, dass Lenore Maine verließ und zu ihrer Schwester Edith Selton nach Arizona zog. Edith zu finden ist einer der Gründe für meinen Besuch. Sie war Dozentin, so wie unser Vater und Lenore, und lehrte an einer Universität in Arizona.“

„Habt ihr …“

„Ich habe bei vielen nachgefragt, bin aber bisher nicht fündig geworden.“ Gillian ging zum Fenster. „Ich möchte Lenore finden, die Frau, die offenbar mit unserem Vater liiert war. Und das Kind, das sie hatte.“

Alex trat hinter Gillian. „Guck mich mal an“, bat er. Gillian drehte sich langsam um. In ihrem Blick lagen Zweifel. „Du glaubst nicht, dass die beiden eine Affäre hatten, stimmt’s?“

„Du brauchst immer Beweise, nicht wahr?“

Ihre Frage ließ ihn stutzen. Sie sah ihn anscheinend als zu analytisch, zu vernunftbezogen.

„Ich weiß, was du meinst.“ Gillian lächelte. „Und ich finde es ganz lieb von dir. Aber ich lasse mich nicht nur von Emotionen leiten.“

„Du hast also alles genau durchdacht?“

„Ja.“ Sie seufzte. „Du hast natürlich recht. Ich bin nicht völlig sicher, ob mein Vater eine Beziehung mit Lenore Selton hatte. Wir haben nur Moms Aufzeichnungen als Beweis. Als Rachel mir das Ganze erzählte, hatte ich auch den Gedanken, ob Mom sich das vielleicht alles nur eingebildet hatte.“

„Weil sie krank war?“

„Ja. Sie war sehr verzweifelt über die Fehlgeburt und schrieb, dass sie monatelang nichts von unserem Vater wissen wollte. Fast ein Jahr lang war ihre Ehe keine Ehe mehr. Sie war ihm weder Gefährtin noch Geliebte. Wahrscheinlich hatte Dad zu der Zeit diese Affäre.“ Es schmerzte Gillian, das auszusprechen. „Er war wunderbar, Alex, ein liebevoller, ehrlicher Mann. Ich wollte, du hättest ihn kennengelernt. Er war der beste Vater, den man sich vorstellen kann.“

„Aber wieso sollte deine Mutter so etwas schreiben, wenn es nicht der Wahrheit entsprach?“

„Das kann man nur vermuten. Unser Vater und Lenore waren beide Dozenten und bestimmt Freunde. Vielleicht erfuhr er, dass sie schwanger war. Und meine Mutter trauerte zu der Zeit über das verlorene Baby. Vielleicht schlug er, um Mom zu helfen, damals vor, Lenores Kind zu adoptieren. Es gibt keinen Beweis dafür, dass Lenore von ihm schwanger war.“

„Aber du sagtest doch, deine Mutter wollte das Kind adoptieren, Gillian.“ Alex glaubte nur an Fakten, das hatte er aus seiner Ehe gelernt. „Was dafür spricht, dass er der leibliche Vater war.“

„Es macht trotzdem wenig Sinn. Er hatte keinen Kontakt zu dem Kind. Wenn es seins gewesen wäre, hätte er es doch gesucht, dazu war er viel zu verantwortungsbewusst. Nein, je mehr ich darüber weiß, umso mehr Fragen tun sich auf. Und wenn das alles stimmt, muss ich herausfinden, was für ein Mensch Lenore war.“

„Es könnte schmerzvoll für dich sein, sie kennenzulernen, Gillian.“

„Vielleicht. Aber ich möchte es trotzdem.“

„Daddy!“ Shelby kam herein. „Essen wir jetzt?“

Gillian war dankbar für die Unterbrechung. Sie wollte gern einen Abend lang vergessen, was sie bedrückte. „Hört sich an, als sei da jemand richtig hungrig.“

„Es ist fast fertig.“ Alex stellte einen Teller mit grünem Salat und Tomaten auf den Tisch. „Erzähl Gillian doch mal, als was du an Halloween gehen willst.“

„Lass mich raten – als Prinzessin? Oder eine Ballerina?“

„Als Taco“, scherzte Alex, während er Fleisch auf einen Teller legte.

Shelby reagierte entrüstet. „Ach, Daddy! Das geht doch nicht!“

Alex füllte einen Taco mit Fleisch, Salat und Käse für sie.

„Erst wollte ich als Eisbär gehen, das ist mein Lieblingstier. Aber wir haben kein Kostüm gefunden. Dafür eins für eine Kuh!“ Shelby biss in den Taco. „Und als was gehst du, Gillian?“

„Ich bin dann vielleicht nicht mehr da, Shelby. Ich trete bald meine neue Stellung an.“

Alex goss Fruchtsaft in ein Glas. „Was ist das für ein Job?“

„Das habe ich dir doch schon erzählt. Vor einigen Monaten rief mich Reed Turney an, ein alter Bekannter, und fragte mich, ob ich Lust hätte, bei seinem Lufttaxenservice mitzuarbeiten.“

Reed Turney. So eine Art Himmelscowboy, ein Abenteurer, der absolut der Meinung war, dass er Schlag bei Frauen hatte.

„Erde an Alex!“

Erschrocken fuhr er auf. „Wie?“

„Hm, der Taco schmeckt köstlich“, lobte Gillian. „Wie er schon riecht!“

Alex stellte Shelby ein Glas hin, dann setzte er sich. „Hast du heute überhaupt schon was gegessen, Gillian?“

„Ach, jetzt kommt sicher ein Vortrag darüber, dass ich so unregelmäßig esse, wie?“

Er gab grüne Bohnen auf seinen Teller. „Ich weiß, das wäre Zeitverschwendung. Dieser Turney hat dir also einen Job angeboten, und du nimmst ihn an. Wieso eigentlich? Interessiert er dich?“ Ist er etwa dein Geliebter? fragte er im Stillen weiter.

„Nein, wir sind nur Freunde.“

Gillians Antwort beruhigte Alex nicht. Er dachte an den Schwung ihrer Hüften, an ihren lässigen Gang … Hm. Na ja, alle Männer, die sie sahen, hatten wohl mal solche Gedanken. Sie war hübsch, intelligent und sympathisch, und jeder musste sich in ihrer Gegenwart einfach wohlfühlen.

„Hey, du träumst schon wieder.“

„Entschuldigung.“

„Was ist denn mit dir los?“

„Ich bin vermutlich müde.“

„Oder besorgt?“ Sie legte ihre Hand auf seine. Und es fühlte sich warm und weich und angenehm an.

„Du wolltest doch schon immer nach Hawaii, nicht?“

„Ja, die Möglichkeit, dort zu leben, hat mich stets gereizt. Aber Reed brauchte mich bislang nicht, und ich bekam inzwischen den Model-Job in San Francisco. Das war auch interessant. Die färbten Haare in jeder nur vorstellbaren Nuance. Eine Frau lief zwei Tage lang im Regenbogen-Look herum.“ Ihr Lächeln erstarb. „Genau zu der Zeit fand Rachel alles heraus. Ich rief Reed an und sagte ihm, dass ich noch etwas Aufschub bräuchte.“

„Das verstehe ich nicht. Musst du keinen Umzug arrangieren, oder hast du nicht vor, länger auf Hawaii zu bleiben?“

„Ich habe alles dabei.“

„In drei Gepäckstücken?“

„Ein Nachbar bewahrt meine Bücher und CDs für mich auf. Mein Sofa habe ich jemandem geschenkt, die Stühle sind bei meinem Vermieter gelandet, und den Rest habe ich verkauft.“ Das Angebot auf Hawaii war für Gillian wie ein Geschenk gewesen. „Komm her, sobald du kannst, hat Reed bei unserem letzten Telefonat gesagt.“

Gillian nahm eine Serviette. Sie musste Alex nicht ansehen, um zu wissen, dass er die Stirn runzelte. Während sie Tempowechsel und Spontaneität mochte, hielt er mehr von konkreten Plänen. Er konnte sich nicht vorstellen, alles stehen und liegen zu lassen mit der Aussicht auf einen ungewissen Job auf einer Insel. „Und da ich noch nicht unbedingt gleich hin muss, habe ich Zeit, mich um diese Familiensache zu kümmern.“

„Bist du sicher, dass er dich nicht zu sich holt, um …“

Die Frage überraschte Gillian. „Das hört sich ja richtig prüde an!“

„Ich bin nur realistisch.“

Shelby hüpfte auf ihrem Stuhl auf und ab. „Du hast gesagt, du musst nicht gleich hin, dann kannst du zu Halloween ja auch hier sein!“

„Vielleicht.“

„Wir könnten zu dem großen neuen Laden gehen, wenn du ein Kostüm brauchst. Daddy, können wir da nach einem Eisbärenkostüm gucken?“

„Shelby, ich sagte dir doch schon“, sein geduldiger Ton bewies, dass sie ihn schon mehrfach gedrängt hatte, „wir fahren dorthin.“

Es gefiel Gillian, mit den beiden zusammen zu sein. Man spürte die Liebe, die sie füreinander hatten.

„Und wieso kümmerst du dich um die Sache?“, riss Alex sie aus ihren Träumen.

„Weil ich keine Familie habe und derzeit auch keine Arbeitsverpflichtungen. Lenore Selton war bislang nur ein Name für uns, aber wenn unsere Vermutung stimmt, ändert das unser aller Leben. Es könnte ja“, sie hielt kurz inne, „noch jemanden geben, der mit zu unserer Familie gehört. Und den oder die wollen wir finden.“ Sie schaute auf die Uhr. „Kann ich mal dein Telefon benutzen, um meine Schwester anzurufen?“

„Selbstverständlich.“ Alex nahm ein Bilderbuch vom Tresen. „Shelby und ich müssen inzwischen einen Hasen finden.“ Er drängte Shelby zur Tür. „Grüß Rachel von mir.“

„Mach ich.“ Gillian wusste, dass Alex ihre Geschwister mochte. Er hatte sie kennengelernt und nett mit ihnen geplaudert. Da sie zielbewusst waren wie er, hatte er sich ihnen gleich verbunden gefühlt. Sie wählte die Nummer und wartete. „Ich bin’s“, sagte sie, sobald Rachel sich gemeldet hatte.

„Bist du einfach zu ihm gefahren?“, fragte Rachel streng.

„Ja, aber das war keine Absicht. Ich rief vorher an und hinterließ eine Nachricht auf dem Band, aber die hat er nicht abgehört. Also war er überrascht.“ Sie sagte ihrer besorgten Schwester nicht, dass die Vermieterin ihretwegen beinahe die Polizei gerufen hatte. „Es ist wirklich schön, Alex wieder zu sehen, und die Kleine genauso.“

„Gillian … ich muss dir etwas sagen.“ Die Stimme ihrer Schwester klang plötzlich sehr ernst.

„Über Lenore?“

„Nein, über das Kind.“

„Gillian, Lenores Baby ist gestorben.“

„Wie bitte?“

„Mom schrieb, dass Lenores Baby starb. Ich fand vor ein paar Tagen ein weiteres Tagebuch. Tut mir leid, aber da steht, dass Lenore sie angerufen hatte. Warte, ich lese es dir vor.“ Gillian hörte, wie die Seiten umgeblättert wurden. „Es ist alles so traurig. Lenore rief an und erzählte uns von dem Baby, einem Mädchen, und dass es im Sterben liege. Alan und mir bricht es das Herz.“

Gillian wartete vergeblich, dass Rachel weiterlesen würde. „Ist das alles? Das hört sich irgendwie … ziemlich gefühllos an, gar nicht wie Mom!“

„Das dachte ich anfangs auch, aber es war vielleicht nur Einbildung. Es ist wirklich traurig! Endlich hatte ich die Tatsache akzeptiert und mich beinahe schon darauf gefreut, unsere Stiefschwester kennenzulernen.“

„Mehr hat Mom nicht geschrieben?“

„Doch. Ich glaube deinetwegen, denn ungefähr um die Zeit wurde sie schwanger mit dir. Deshalb ging sie wohl so sachlich mit der Nachricht um. Ich erinnere mich kaum, denn Sean und ich waren zu der Zeit eine Weile bei Tante Cheryl.“

Gillian mochte sich gar nicht ausmalen, was ihre Mutter damals durchgemacht hatte.

„Als wir wieder nach Hause kamen, ging es ihr recht gut.“

Als Gillian Lorettas und Joes Stimmen hörte, drehte sie sich um. „Ich rufe dich nächste Woche wieder an“, versprach sie Rachel, die noch sagte, dass sie ihrem Bruder Sean die Neuigkeit übermitteln wolle.

„Ich habe Joe dazu gebracht, bei der Bäckerei an der Ecke anzuhalten“, verkündete Loretta, als sie hereinkam. „Sie wollten gerade schließen, aber wir bekamen die letzten Eclairs. Einfach köstlich! Ich dachte, das würde Joes Laune verbessern“, meinte sie verschwörerisch, als der gerade den Raum verließ. „Der Film scheint ihm nicht gefallen zu haben.“ Sie seufzte. „Manche Männer haben einfach keinen Sinn für Romantik. Na ja, dafür hat er andere Qualitäten.“

„Sie mögen ihn sehr, nicht wahr?“, fragte Gillian.

„Ja, das tue ich. Obgleich er manchmal etwas ruppig ist, aber das war mein Frankie auch. Raue Schale, weicher Kern, genau wie bei Joe. Und was ist mit Ihnen und Alex?“

„Mit mir und Alex?“, fragte Gillian erstaunt. „Oh, wir sind nur gute Freunde.“ Das klang nicht so nett wie beabsichtigt. Dabei war Alex ihr ja durchaus sehr nahe. „Für eine Liebesbeziehung sind wir zu unterschiedlich.“

„Unterschiedlich zu sein macht es vielleicht interessanter.“

Gillian nahm Tassen aus dem Schrank. „Er braucht eine Frau, aber nicht jemanden wie mich.“ Alex brauchte eine haltbare Beziehung, schon wegen seiner Tochter, Gillian dagegen wollte keine feste Bindung, sie liebte das Unerwartete.

„Joe erzählte, dass ihr euch seit der Zeit auf dem College kennt.“

„Das stimmt.“

„Hat Alex dort auch Shelbys Mutter kennengelernt?“

„Nein. Nach dem Abschluss arbeitete er als Junglehrer in New Mexico und nahm an mehreren archäologischen Ausgrabungen teil. Dann verließ er Colorado, um eine Zusatzausbildung zu machen. Dabei lernte er Nicole kennen.“

„Und Sie haben ebenfalls Archäologie studiert?“

„Ja, aber ich interessiere mich auch für andere Dinge. Zum Beispiel fürs Fliegen. Ich bin jetzt Pilotin für kleine Maschinen. Damals war ich auf der Suche nach mir selbst. Beim Studium habe ich Alex kennengelernt. Anfangs mochten wir uns überhaupt nicht.“

„Ach ja? Wieso?“

Tja, wieso eigentlich. Manchmal fand Gillian Alex noch immer zu ernst, zu abwägend, während sie den Spaß liebte und das Risiko.

„Irgendetwas Wunderbares muss ja passiert sein“, deutete Loretta Gillians Nachdenklichkeit.

„Wir haben großes Vertrauen zueinander.“ Aber das erklärte nicht, was Gillian für ihn empfand. Sie konnte ihm Dinge erzählen, die sie keinem anderen sagen würde, nicht mal ihren Geschwistern.

„Das verstehe ich“, schwatzte Loretta weiter. „So geht es mir auch bei Joe.“

Das war sicher etwas anders, aber Gillian wollte nicht darüber debattieren. Sie mochte Loretta, und es gefiel ihr, dass die sich für Joe interessierte.

„Ich möchte wissen, wo er ist. Ah, Alex“, sagte Loretta, als der in der Tür erschien, „weißt du, wo Joe ist?“

„Er liest Shelby etwas vor.“

„Ach, wie nett. Ich gehe mal zu ihm.

Alex setzte sich.

„Loretta scheint in Joe ganz vernarrt zu sein“, bemerkte Gillian.

„Was mit dir los ist, interessiert mich im Augenblick mehr.“ Alex schaute sie forschend an. „Hat deine Schwester etwas Unangenehmes berichtet?“

„Ja.“ Seit dem Gespräch mit Rachel empfand Gillian ein seltsames Gefühl des Verlustes. „Rachel hat erfahren, dass Lenores Baby gestorben ist.“

Alex runzelte die Stirn. „Woher weiß sie das denn plötzlich?“

„Sie hat ein weiteres Tagebuch entdeckt, in dem das stand.“

„Tut mir leid“, bedauerte Alex. „Das ändert deine Pläne, oder?“

„Nicht unbedingt. Nur, dass ich nicht mehr nach unserer … Schwester suchen werde.“ Sie wussten inzwischen, dass es ein Mädchen gewesen war. „Könntest du dich trotzdem nach dieser Edith Selton erkundigen? Ich hoffe, du findest jemanden, der sie oder Lenore kannte. Auch wenn Rachel meint, sie würden vielleicht nicht gern über die Vergangenheit sprechen.“

Alex nahm ihre Hand.

„Man hört das dauernd in Talkshows. Ich habe mal eine Frau erlebt, die es leugnete, ein Kind zu haben.“ Allein die Idee empörte Gillian. „Ich kann so etwas absolut nicht begreifen.“

„Kannst du dir nicht vorstellen, dass jemand sein Kind nicht haben will?“

Das klang so, dass Gillian sich fragte, ob Alex aus eigener Erfahrung sprach. Sie wusste von ihm nur, dass er in seiner Kindheit dauernd umgezogen und sein Vater so oft weg war, dass sie keine enge Beziehung hatten.

Shelby erschien in der Tür. „Loretta sagt, sie hat uns Dessert mitgebracht.“ Sehnsüchtig schaute sie zu den Eclairs auf dem Tresen. „Hmm, sehen die lecker aus!“

„Dann musst du wohl dringend einen haben“, meinte Gillian. Sie war ganz froh, dass Shelby sie vom Thema abgebracht hatte.

Als das Telefon ging, wollte Alex gerade abnehmen, aber in dem Moment wurde schon woanders abgenommen. Er zog Shelby auf seinen Schoß.

„Der Anruf ist für dich, Alex“, verkündete Joe, der mit dem schnurlosen Telefon hereinkam.

„Eine Dame“, flüsterte Loretta, die dazukam.

„Ah, sicher die zukünftige Frau Professor, oder?“, scherzte Gillian. „Es gibt also doch jemanden!“

Alex setzte Shelby auf einen anderen Stuhl und schob ihr den Teller mit dem Kuchenstück hin. Er verließ die Küche mit dem Telefon.

Gillian und Joe tauschten einen amüsierten Blick aus. „Er sollte sich wieder verheiraten“, meinte Gillian.

„Gute Idee“, fand Joe.

„Er will keine neue Mom und ich auch nicht!“, erklärte Shelby wütend. Sie ließ das Eclair auf den Teller fallen, rutschte vom Stuhl und rannte hinaus.

„Was ist denn mit ihr los?“, fragte Gillian erstaunt.

„Keine Ahnung.“ Auch Joe war ratlos.

Gillian sagte nichts, als Shelby am Rockzipfel von Alex zurückkam. Hatte sie sein Gespräch unterbrochen? Keiner stellte eine Frage, denn im Blick der Kleinen lag tiefer Schmerz. Gillian versuchte abzulenken. „Das sind die leckersten Eclairs, die ich je gegessen habe, Loretta.“

„Ja, die Bäckerei ist wirklich gut“, bestätigte Loretta fröhlich. „Dort gibt es auch saftige Karottentorten, Cremetörtchen und Karamell-Brownies.“ Sie sah bedeutungsvoll zu Shelby hin. „Die mag eine bestimmte junge Dame am liebsten.“

„Oh ja, wir sollten da hingehen, Daddy, Grandpa mag die auch gern!“, rief das Mädchen.

Joe lächelte milde.

„Wie lange wird euer Treffen dauern, Joe?“, wollte Gillian wissen.

„Übers Wochenende. Es wird gut tun, alte Freunde wieder zu sehen. Einige von ihnen wohnen in Kalifornien, die sehe ich natürlich selten.“ Er schaute in seine Kaffeetasse.

Gillian hatte irgendwie das Gefühl, dass zwischen Vater und Sohn einiges unausgesprochen blieb.

„Ich werde dich vermissen“, gestand Loretta.

Sein faltiges Gesicht glättete sich erfreut. Er legte die Hand auf die von Loretta. „Ich rufe dich an“, versprach er. Dann stand er auf und zog Loretta mit sich. „Komm, lass uns einen Spaziergang machen.“

Shelby verschwand im Wohnzimmer, um einen Zeichentrickfilm anzuschauen. Alex verließ ebenfalls die Küche.

Gillian machte sich an den Abwasch. Durch den Model-Job hatte sie im Augenblick keine finanziellen Sorgen. Auch wenn sie Lenore nicht sofort fand, könnte sie es sich leisten, eine Weile zu bleiben.

„Komisch, dass Mädchen so gern Seifenschaum mögen“, wunderte Alex sich, als er zurückkam und Gillian bis zu den Ellenbogen im Spülwasser vorfand.

„Es hat etwas Beruhigendes.“

„Hör mal, du musst hier nicht abwaschen.“

„Alex, lass es gut sein, ich weiß, dass du es nicht ausstehen kannst. War eigentlich irgendwas mit Shelby? Sie reagierte so merkwürdig, als ich die Bemerkung über die ‚Frau Professor‘ machte.“

„Nein, ich glaube, es ist alles in Ordnung.“ Er nahm ein Geschirrtuch. „Sie hat gerade in der Badewanne geplanscht und nicht mal protestiert, als sie den grünen Pyjama mit den Käfern drauf anziehen sollte.“

„Ach, den mag sie nicht?“

„Geht so. Ihr Lieblingspyjama ist rosa mit lauter Bären drauf.“

„Was sagst du zu ihrer Reaktion?“, hakte Gillian nach.

„Die wundert mich nicht. Sie will keine neue Mutter.“

Merkwürdig, schließlich war Shelby noch ein Baby gewesen, als Alex und Nicole sich scheiden ließen. „Wieso nicht? Sie hat Nicole doch gar nicht bewusst erlebt. Oder geht es darum, dass sie niemanden neben sich duldet?“

Alex senkte den Kopf. „Nein, damit hat es nichts zu tun.“

Bevor er es erklären konnte, kam Shelby in die Küche. „Liest du mir die Geschichte mit dem kleinen Hund und dem Pferd vor?“

Alex nahm sie schwungvoll auf den Arm. „Die hat Großvater dir doch vorhin schon vorgelesen.“

„Du sollst es noch mal tun.“

Er küsste ihre Nasenspitze. „Na klar.“ Shelby kicherte, als er sie Huckepack nahm. „Du weißt, wo wir zu finden sind“, sagte er im Hinausgehen zu Gillian.

Gillian lächelte vor sich hin. Alex war seinem Vater viel ähnlicher, als ihm bewusst war. Nach außen, besonders vor den Studenten, der strenge Lehrer, der keine Abweichung duldete, aber innen durchaus weich und voller Wärme. Das merkte man besonders, wenn er über sein Fachgebiet sprach. Am meisten aber im Umgang mit Shelby.

Während er der Kleinen noch vorlas, ging Gillian duschen, zog ihr Nachtzeug an und einen Morgenrock darüber.

Als sie am Kinderzimmer vorbeikam, sah sie Alex an Shelbys Bett sitzen. Er flüsterte nur noch, da das Mädchen die Augen schon geschlossen hatte. Dann klappte er das Buch zu und küsste sie zart. „Sie ist immer schon vorm Ende der Geschichte eingeschlafen“, sagte er leise, als Gillian hereinkam.

„Deshalb möchte sie wohl auch, dass du ihr vorliest.“ Gillian überlegte, wo sie all die Plüschtiere, die auf dem zweiten Bett saßen, hinlegen könnte.

„Einfach auf den Boden“, schlug Alex vor, der ihr helfen wollte. Dabei stießen sie aus Versehen gegeneinander. Ihm wurde ganz heiß. Auch Gillian klopfte das Herz. Sie schaute ihn an. Mit reiner Freundschaft hatte das nichts mehr zu tun …

„Ich sagte ja schon, wir brauchen mehr Platz“, meinte Alex, dessen Blick auf ihren Lippen lag. „Hier kann man sich kaum umdrehen.“

Eine seltsame Sehnsucht war in Gillian erwacht.

Jetzt nahm er das letzte Plüschtier vom Bett. „Brauchst du noch etwas?“

„Nein, danke.“ Plötzlich war etwas anders zwischen ihnen. Gillian verstand nicht, wieso. Trotz der schwachen Beleuchtung im Zimmer hatte in seinem Blick etwas gelegen, was sie bei ihm nicht kannte. Seit Jahren fühlte sie sich ungebunden und hatte sich um niemanden Gedanken gemacht als um sich selbst, ihre Geschwister und um Alex. Er war immer wie ein Bruder für sie gewesen.

Natürlich fand sie Alex attraktiv, das hätte jede Frau getan. Und was da eben passiert war, hatte sicher nichts zu bedeuten. Oder?

Dabei war sie richtig erregt gewesen – nicht gerade ein schwesterliches Gefühl! „Dann bis morgen früh.“ Sie versuchte zu lächeln.

An der Tür schaute er sie noch ein letztes Mal an. Sein Blick blieb wieder an ihren Lippen hängen. „Schön, dass du da bist.“

Nervös strich sie sich das Haar aus dem Gesicht. „Ja, ich freue mich auch.“

Was zum Teufel ist denn das plötzlich? dachte Alex, sobald er gegangen war. Noch nie hatte ihn Gillians Anwesenheit so erotisiert. Als er sie berührt hatte, war es ihm durch und durch gegangen.

Vielleicht lag es daran, dass er seit Langem keine Frau mehr gehabt hatte. Gillian war doch eigentlich nichts als eine gute Freundin!

Mit langsamen Schritten ging er in sein Zimmer. Um sich abzulenken, stellte er den Videorekorder an und schaute sich einen Dokumentarfilm über eine Nilexkursion an. Gleichzeitig setzte er sich auf den Heimtrainer und versuchte, sich auf den Bericht über die ägyptische Landschaft zu konzentrieren.

Aber es half nicht. Er hatte Gillian küssen wollen. Das war ihm vor fünf Jahren mal passiert. In Utah, als er sie bei einem Fest umarmt hatte. Welcher Mann hätte das nicht gewollt? Gillian war schön, warmherzig, lebhaft, hatte blitzende Augen, ein charmantes Lächeln und Humor.

Aber körperliche Anziehungskraft genügte natürlich nicht. Deshalb hatte er sich nicht wirklich um Gillian bemüht. Und nun? War er dabei, einen Fehler zu machen?

3. KAPITEL

Zwei große braune Knopfaugen begrüßten Gillian. Shelby hatte den großen Gorilla neben sie gelegt. „Guten Morgen, Mr Snuggles“, sagte sie, da ihr einfiel, dass Shelby ihn so nannte. Sie streckte sich und schaute zum Fenster, wo man den grauen Himmel sehen konnte.

Im Nebenzimmer hörte sie gedämpft männliche Stimmen. Shelbys Bett war leer. Gillian brauchte einen Moment, sich in der fremden Umgebung zurechtzufinden. Du meine Güte, standen die hier alle um sechs Uhr auf? Alex war ein Morgenmensch, der schon vor sieben Uhr vor sich hin sang.

Sie setzte sich auf, um wach zu werden. Erst mal brauchte sie einen Kaffee. Vielleicht konnte sie sich in die Küche schleichen.

„Gillian, darf ich reinkommen?“

Sie stand auf und zog den Saum nach unten. Das Nachthemd schien plötzlich viel zu kurz zu sein. Sie strich sich das Haar glatt. „Ja, komm rein!“ Es duftete nach Kaffee. Alex hielt eine Tasse in der Hand. Er hatte nicht vergessen, dass Gillian vor dem ersten Kaffee nicht ansprechbar war.

„Bitte.“ Er hielt ihr die Tasse hin.

Gillian nahm einen Schluck und noch einen. „Wunderbar, vielen Dank.“

„Ich wollte dir nur sagen, dass ich weg muss.“ Bei dem Blick, mit dem er sie langsam von oben bis unten betrachtete, wurde sie ganz verlegen. „Ich bringe Joe zum Flughafen.“

„Ach, ja.“ Gillian schwieg. Hatte Alex sie je so angeschaut?

Er wandte den Blick ab. „Shelby bleibt hier. Wenn du keine Lust hast, auf sie aufzupassen, könnte ich Loretta bitten …“

„Nein, ich bin ja da.“

„Danke.“ Er ging zur Tür. „Ich bin in etwa einer Stunde zurück.“

Ich habe sogar den Duft seines Rasierwassers wahrgenommen, dachte sie überrascht. Was ist bloß los mit mir?

Vielleicht lag es daran, dass sie wegen Lenore und dem Kind im Moment ziemlich durcheinander war. In solchen Situationen wandte man sich denen zu, die einem besonders nahe waren. Vermutlich bildete sie sich die veränderten Gefühle für Alex nur ein.

In der Küche goss Gillian sich noch mehr Kaffee ein. Eigentlich sollte sie joggen gehen, das half immer, den Kopf klar zu bekommen.

„Frühstücken wir, Gillian?“

Hoffentlich erwartete Shelby keinen großen Aufwand, Frühstück war nicht Gillians Lieblingsmahlzeit.

„Kann ich Cornflakes haben?“

„Ja, klar.“ Sie selbst hätte gern nur einen Keks gegessen, setzte sich aber zu Shelby an den Tisch.

Am liebsten hätte sie die Kleine wegen ihrer Reaktion vom Vortag befragt, wollte aber nicht mit der Tür ins Haus fallen. Also plauderten sie über alles Mögliche.

Nach dem Frühstück bat Gillian Loretta, kurz auf Shelby aufzupassen, und joggte zu einem Laden in der Nähe, um Bagels zu besorgen. Dort entdeckte sie schokoladenüberzogene Donuts, die – wie sie wusste – Alex gern aß. Sie beschloss, ihn zu fragen, ob sie sich ein paar Tage lang um Shelby kümmern sollte. Das würde Loretta auch entlasten.

Wie versprochen kehrte Alex bald zurück. „Joe ist zusammen mit Freunden geflogen, also musste ich nicht lange am Flughafen bleiben. „Danke, dass du inzwischen auf Shelby aufgepasst hast.“

„Ach, das mache ich doch gern. Vielleicht kann ich heute ein bisschen mit ihr herumfahren.“

„Das würde ihr sicher gefallen.“

Wann immer Alex über seine Tochter sprach, wurde deutlich, wie stolz er auf sie war und wie sehr er sie liebte. Shelby war sein Ein und Alles.

Wenn er seinen Vater erwähnte, spürte man jedoch oft ein gewisses Unbehagen. Zwischen seinen Brauen stand eine tiefe Falte.

„War irgendwas mit Joe?“

„Bevor er sich zu seinen Freunden gesellte, erwähnte er, dass ich nun immerhin drei Babysitter hätte.“ Er goss sich Kaffee ein.

„Hört sich an, als knirschtest du mit den Zähnen.“

„Was geht ihn das an?“, meinte Alex gereizt. „Ich habe es satt, immer wieder zu hören, dass ich dringend eine Frau brauche!“ Er seufzte. „Tut mir leid, ich reagiere oft ziemlich …“

„Übertrieben.“

Er lächelte schief. „Ja, das tue ich wohl. Meine Kollegen überschwemmen mich mit Vorschlägen für Verabredungen und versuchen dauernd, eine Frau für mich zu finden.“

„Und das willst du nicht.“

Er grinste. „Du verstehst mich.“ Plötzlich war er mit den Gedanken woanders. „Ich werde Joes Bett für dich frisch beziehen.“

Gillian hatte den Eindruck, dass er eigentlich etwas anderes vorhatte. „Das kann ich selbst machen, du hast sicher zu tun.“

„Ja, in einer Stunde habe ich ein Treffen.“

„Dann mach dich auf den Weg.“ Manchmal brach Alex unter all seinen Pflichten vermutlich zusammen.

„Danke.“

Er schaute missbilligend zum Tresen hin. Hatte Gillian etwas falsch gemacht? „Habe ich nicht richtig abgetrocknet oder die Servietten nicht ordentlich zusammengelegt?“

„Du hast Donuts gekauft! Weißt du, wie viel Kalorien die haben?“ Aber schon hatte er die Schachtel aufgerissen und sich einen genommen.

„Dreiunddreißig Gramm Fett“, erklärte Gillian trocken.

„Plus all der Dinge, die man nicht mal aussprechen kann.“ Auch wenn Alex versuchte, ernst dreinzuschauen, in seinen Augen lag ein Lächeln. Er legte ihr die Hand auf den Arm. „Danke. Die mag ich sehr.“

„Ich weiß.“ Seinen kurzen Kuss auf die Wange spürte sie noch eine Weile später.

Alex versuchte, vernünftig zu bleiben. Er wusste, dass Gillian nicht perfekt war. Sie ließ ihr tropfnasses Handtuch liegen, aß entsetzlich ungesund zum Frühstück, hinterließ Eselsohren in Büchern und sang beim Abwaschen immer dasselbe Lied, in dem was von „verrückt“ und „melancholisch“ vorkam.

Verrückt kam er sich auch bald vor.

Der flüchtige Kuss, den er ihr gegeben hatte, war ein Versuch gewesen. Er hoffte, nichts dabei zu empfinden, obgleich er seit vierundzwanzig Stunden dauernd an Gillian dachte.

Seitdem er sie morgens in dem kurzen Nachthemd gesehen hatte, dessen weicher Stoff ihre Hüften und Brüste umschmiegt hatte, war er erregt und begann, sinnliche Wünsche zu haben. Zum ersten Mal machte es ihn nervös, sie um sich zu haben.

Nachdem sie das Bett gemacht hatte, spielte Gillian eine Runde „Memory“ mit Shelby. Doch nach einer Viertelstunde erlosch das Interesse der Kleinen, und sie wandte sich ihren Puppen zu.

Um halb zwölf fuhr Gillian sie zum Kindergarten. Da sie nun Zeit für sich hatte, ging sie ins Einkaufscenter, aß in einem kleinen Restaurant einen Salat und ging ins Kino. Aber die romantische Komödie führte nur dazu, dass sie umso mehr an Alex denken musste. Was war bloß mit ihr los?

Als sie Shelby nachmittags vom Kindergarten abholte, erzählte ihr die Kleine, lebhaft wie immer, von Keksen mit Pflaumen drin, die sie nicht ausstehen konnte und die ein anderes Kind mitgebracht hatte. „Die sehen aus, als wären Wanzen drin!“, ekelte sie sich, „igitt!“

„Entsetzlich“, bemerkte Gillian mitfühlend.

„Komme ich zu spät zum Tanzunterricht?“

Gillian schaute auf die Uhr. „Nein, keine Sorge.“

Sie kamen fünf Minuten vor Beginn des Unterrichts an. Shelby zog ihre Steppschuhe an und rannte zu den anderen Mädchen. Gillian setzte sich zu den Eltern, die im Hintergrund des Saals Platz genommen hatten.

„Die machen das schon prima, nicht?“, meinte die junge Frau, die neben Gillian saß, nach ein paar Minuten. „Meine Tochter ist die dritte von rechts.“

Das Mädchen war groß und schlank wie die Mutter und strahlte bei allen Übungen.

„Und welche ist Ihre?“

„Shelby, die kleine Dunkelhaarige.“ Gillian hatte keine Lust zu erklären, dass es nicht ihre Tochter war.

„Ach, ist die süß! Macht sie auch Ballett?“

„Ja“, behauptete Gillian, die sich daran erinnerte, dass Shelby in der Küche eine Pirouette versucht hatte.

„Ich schaue gern zu. Es ist wunderbar zu sehen, welche Fortschritte die Kinder machen.“

Gillian stimmte ihr zu. Es machte ihr regelrecht Spaß, Mutter zu spielen. Sie lächelte.

„Dann bis nächste Woche“, meinte die junge Frau freundlich, als der Unterricht zu Ende war.

„Ja, bis dann.“ Gillian fiel ein, dass das ja ganz unsicher war.

Auf dem Rückweg holten sie sich ein Eis und klapperten eine ganze Reihe Geschäfte ab, um eine singende Puppe zu finden. Völlig erschöpft hatte Gillian beim nach Hause kommen nur noch einen Gedanken: sich endlich hinzusetzen.

Sie zog die Schuhe aus, sank im Wohnzimmer in einen Sessel und stellte sich mit geschlossenen Augen das Meer vor. Ruhig. Schimmernd. Möwen. Weiße Gischt.

„Gillian, es ist jemand an der Tür.“

Sie hörte es klopfen. „Danke, Shelby.“

Gillian stand auf und schaute durch den Spion. So spontan sie oft war, manchmal ließ sie auch Vorsicht walten.

Vor der Tür stand ein großer, schlanker Mann mit braunem Haar und energischem Kinn. Er war nicht schön, wirkte aber sympathisch. „Wer sind Sie?“, rief sie, ohne zu öffnen.

„Ich wollte zu Alex. Mein Name ist Grant …“

Noch bevor er seinen Nachnamen sagen konnte, hatte Gillian die Tür geöffnet, denn sein Name war ihr vertraut. „Er ist zu einem Treffen gefahren, Professor Denton. Ich bin Gillian Quinn.“ Sie streckte ihm die Hand hin. „Freut mich, Sie kennenzulernen.“

„Gillian?“ Er lächelte. „So lernen wir uns endlich kennen. Ich habe schon viel von Ihnen gehört.“

Na ja, Gillian konnte sich gut vorstellen, was Alex über sie gesagt hatte …

„Ich habe ganz vergessen, dass er heute Fakultätssitzungen hat.“

„Hatte“, sagte Alex, der plötzlich in der Tür erschien. „Zwei Sitzungen sind ausgefallen.“

Gillian bot an, Kaffee zu kochen.

„Nein danke, für mich nicht“, lehnte Grant ab. „Alex, ich bin nur gekommen, um …“, er druckste vor Gillian herum, „um dich an heute Abend zu erinnern.“

„Wieso, was ist denn?“

Grant senkte die Stimme. „Wir, haben, äh, doch etwas abgemacht. Hast du das vergessen?“ Sein Blick streifte Gillian. „Allison Granger.“

„Allison … Oh, verdammt, mein Date heute Abend.“ Alex schaute ebenfalls kurz zu Gillian hin.

Ein Date? Gillian empfand tatsächlich so etwas wie Eifersucht.

„Er ist nicht begeistert, wie man sieht“, meinte Grant.

Alex verzog das Gesicht. „Mit einer Unbekannten.“

„Es könnte funktionieren“, meinte Grant. „Ihr habt eine Menge gemeinsam. Wie ich dir sagte, sie ist Paläontologin und gerade zurück aus der Sonora-Wüste, wo es um die fossilen Knochenfragmente eines …“

„Sonorasaurus thompsoni geht“, beendete Alex den Satz für ihn.

„Ja, stimmt.“ Grant verdrehte die Augen. „Alex merkt sich einfach alles“, sagt er zu Gillian gewandt. „Ich glaube, sie reist nächste Woche mit einer Gruppe in die Türkei. Und stellen Sie sich vor, Alex hat es abgelehnt, die Expedition zu leiten, obgleich das Archäologen-Team damit rechnet, Silberstücke aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert zu finden!“

„Stimmt das, Alex?“, fragte Gillian ihn ungläubig.

„Er hat abgelehnt!“, wiederholte Grant.

Dabei liebte Alex wissenschaftliche Feldarbeit. Und eine Expedition zu leiten war immer sein Traum gewesen!

„Gillian ist aus einem ganz bestimmten Grund hier“, erklärte Alex. „Wie lange sie bleibt, hängt eventuell von dir ab, Grant. Wir versuchen, Informationen über eine Person zu bekommen, die vor Jahrzehnten an der Universität gearbeitet hat. Du kennst da mehr Leute als ich. An wen könnte ich mich wenden?“

„Nun, an Jane Endoff, die Bibliothekarin. Ich glaube, die ist seit Ewigkeiten dort und kann euch sicher helfen. Sind Sie auch Dozentin?“, fragte er Gillian.

„Alles andere als das“, antwortete Alex an ihrer Stelle. „Model, Kellnerin, Zimmermädchen, Buchhalterin, Luftkurier und Pilotin für kleine Maschinen. Habe ich was vergessen, Gillian?“

„Na ja, ich bin auch mal als singende Geburtstagstorte aufgetreten“, fügte sie hinzu.

„Wirklich?“, fragte Grant amüsiert.

„Wirklich!“

„Und nun fährt sie nach Hawaii.“

„Dort werde ich bei einem Lufttaxen-Unternehmen arbeiten und Leute von Insel zu Insel transportieren.“

„Immer etwas Neues“, erklärte Alex.

Alex verstand ihre Lust, das Leben voll auszukosten. Als Kind hatte Gillian Herzprobleme gehabt, sodass ihre Aktivitäten lange eingeschränkt waren. Nun hatte sie das Bedürfnis, alles nachzuholen, was sie damals verpasst hatte.

„Wann soll ich Allison treffen?“, fragte Alex.

„Um sieben. Ich muss jetzt gehen. Deanna macht heute Abend Beuf Stroganow, mein Lieblingsessen. Du gehst doch pünktlich zu der Verabredung, Alex?“

„Grant, manchmal nervst du ein bisschen.“

„Das findet Deanna auch“, gestand Grant selbstkritisch.

Alex brachte ihn zur Tür.

Shelby kam aus ihrem Zimmer. „Daddy, darf ich zu Loretta? Sie macht heute Schokokekse, und ich kann welche haben!“

Gillian lachte. „Ich bringe dich zu ihr. Um sicherzugehen, dass sie auch zu Hause ist.“

Dass sie im Haus war merkte man schon an dem köstlichen Backduft im Treppenhaus.

Sobald Shelby in Lorettas Wohnung verschwunden war, ging Gillian wieder nach oben. Alex stand vor der offenen Kühlschranktür.

„Solltest du dich nicht für deine Verabredung fertig machen?“, fragte sie.

„Ich muss noch das Abendessen für Shelby zubereiten.“

„Das kann ich doch machen.“

„Vielen Dank.“ Er stand dicht neben ihr und sah wieder so aus, als wolle er Gillian küssen.

Tu’s doch! hätte sie am liebsten gesagt. Denk nicht so lange darüber nach!

„Sollte Loretta auf Shelby aufpassen?“

„Ja, so war es abgemacht.“

„Ich rufe sie an und sage ihr, dass ich das übernehme. Sie kann ja mit mir zu Abend essen, wenn sie mag.“

„Willst du nicht auch ausgehen? Du bist doch nicht der Typ, der zu Hause bleibt.“

„Alex, das ist Jahre her!“ Und die einzige Person, mit der Gillian Lust gehabt hätte auszugehen, hatte ein Date mit einer anderen. „Vor Scott.“ Scott Olney, ein Name aus der Vergangenheit. Vor Monaten hatten sie sich in gegenseitigem Einverständnis getrennt. Sie waren einfach zu verschieden. An ihn dachte Gillian kaum noch. „Hast du Angst, dass ich eine alte Jungfer werde?“, spottete sie.

„Nein, du kannst gut mit Kindern umgehen und solltest selbst welche haben.“

„Daran, dass ich keine habe, ist der erste Mann schuld, von dem ich glaubte, ich sei in ihn verliebt. Aber er war ein Mistkerl.“

„Inwiefern?“

Damals war Gillian jung und naiv gewesen.

„Er spielte Basketball im Team der Highschool, und ich fand ihn großartig. Er sich ebenfalls.“

„Und dann?“

„Danach wollte ich nie wieder einen Sportler. Der Nächste war ein unscheinbarer Typ im Wissenschaftsclub.“

„So einer wie ich?“

„Na, hör mal, du bist doch nicht unscheinbar!“

„Dachte ich immer.“

„Also, wirklich!“

Ihr Kommentar schien ihn zu freuen.

„Du warst mal im Wissenschaftsclub?“

„Ja, wieso nicht. Dieser Typ war Geologe und redete über nichts anderes als über Felsformationen. Ein Langweiler! Aber ich dachte, er könnte mein geistiges Niveau heben.“

„Und welcher hat dir das Herz gebrochen?“

„Keiner von denen.“

„Der kam später.“ Alex spielte auf Scott an.

„Den habe ich nicht geliebt, das weiß ich jetzt. Es hat nie einen Mann gegeben, der mir wirklich am Herzen gelegen hat.“ Außer dem, der vor ihr stand. „Du musst los, Alex, sonst kommst du zu spät. Und das magst du doch nicht.“

Was Alex noch weniger mochte, war ein Blind Date. Am liebsten wäre er zu Hause geblieben, hätte Popcorn gemacht, hätte sich mit Gillian einen Film angesehen und mit ihr geplaudert. Bald würde sie wieder weit weg sein.

Er zog seine Jacke an. „Welches kulinarische Meisterstück verpasse ich heute Abend?“, fragte er an der Küchentür.

Gillian war dabei, Barbecue-Soße zu machen. „Spare Ribs.“

„Du bist richtig gemein, Quinn, ausgerechnet Spare Ribs!“

„Pech gehabt“, meinte sie fröhlich. „Du musst ja weg.“ Sie stellte den Herd aus. „Ich habe Loretta gefragt. Sie und Shelby mögen es beide, darum gibt es das heute.“

„Viel Spaß“, murmelte er und hörte noch ihr leises Lachen.

Allison Granger war eine große Brünette mit einem breiten Lächeln. Das war Alex lieber als eine missmutige Person. Vermutlich war sie nervös – wer mochte schon Blind Dates –, denn sie plapperte ununterbrochen. Alex verstand nicht, wieso sich Leute auf so etwas einließen. Blind Dates funktionierten doch fast nie! Dieses war schon das fünfte Mal. Er schaffte es einfach nicht, Nein zu sagen, wenn seine Freunde sich so bemühten, ihm eine neue Partnerin zu verschaffen. Hoffentlich war es das letzte Mal.

„Ich fand den Film wirklich gut“, meinte Allison.

Gillian hätte ihn grässlich gefunden, dachte Alex.

Im Wagen spürte er trotz der Dunkelheit Allisons Blick auf sich. „Hat er dir auch gefallen?“

„Nicht besonders. Keiner von denen stand zu seinen Gefühlen.“ Ja, Gillian hätte ihn unmöglich gefunden. Sie war der Meinung, dass man immer die Wahrheit sagen sollte.

„Aber das regt doch mehr zum Nachdenken an.“

Alex hatte keine Lust, die Diskussion zu vertiefen. Den Fehler hatte er schon beim Essen gemacht, als Allison unermüdlich dargelegt hatte, wieso Filme über Dinosaurier so schlecht waren.

„Die haben die Saurier der Jurassic-Periode mit denen der Kreidezeit verwechselt“, entrüstete sie sich, als sei das ein Jahrhundertverbrechen.

Alex war der Meinung, dass manche Filme nur der Unterhaltung dienen sollten. Als er mit Gillian ein paar berühmte alte Streifen angeschaut hatte, gefiel ihm ihre Reaktion auf vieles. Und dass sie in den aufregendsten Momenten die Hand um seinen Arm gekrallt hatte, hatte ihm besonders gefallen. Das war das letzte Mal gewesen, als er einen Film richtig genossen hatte.

Eigentlich war er Allison dafür dankbar, dass sie ohne Unterlass schwatzte, so gab es kein verlegenes Schweigen. Er brachte sie nach Hause, bedankte sich für den Abend und verschwand, bevor sie erwarten konnte, dass er sie zum Abschied küssen würde.

Offenbar war er nicht in der Verfassung für eine Verabredung. Es war unwichtig, dass er seit Längerem allein lebte. Er hatte aufgehört, Nicki zu lieben, schon bevor sie von Scheidung sprachen. Wahrscheinlich erwartete er zu viel von Liebe und Ehe und sah keinen Sinn darin, es wieder zu probieren, nachdem es bereits ein Mal schief gegangen war.

Als er ausstieg, lag das Haus im Dunkeln, nur im Wohnzimmer brannte noch Licht. Vielleicht hatte Gillian es für ihn angelassen.

„Na, wie war dein Date?“, rief sie, sobald er das Wohnzimmer betrat.

Überrascht schloss er die Tür. Sie saß mit untergeschlagenen Beinen auf dem Sofa. „Oh je, habe ich dich erschreckt?“, fragte sie etwas leiser.

„Ich dachte, du schliefest längst.“

„Nein, ich habe gestrickt.“ Sie wies auf ein Knäuel hellblauer Wolle und Stricknadeln.

Alex zog sein Jackett aus. „Uff, ich mag keine Blind Dates.“

„Ich weiß“, sagte sie mitfühlend, „ich auch nicht. Manche Männer sind solche Schwachköpfe.“

„Genau das sagt Allison Granger jetzt sicher gerade über mich.“

Gillian schaute ihn amüsiert an.

Sie hatte ein so schönes Lächeln! Weiße, ebenmäßige Zähne, schöne Lippen. Ob die wohl so weich waren, wie sie aussahen? Alex hatte Gillian schon im Arm gehalten, aber noch nie geküsst.

„Gefiel sie dir nicht?“

„Na ja, sie ist ganz nett.“

„Aha, du fandst sie also langweilig.“

Als er näher trat, nahm er ihren blumigen Duft wahr. „Ich habe sie vermutlich gelangweilt.“

„Im Namen aller Frauen, die je mit unsensiblen Männern zu tun hatten, danke ich dir dafür.“

„Wieso?“

Gillian stand auf und wickelte das Wollknäuel auf. „Dass du dich immer für alles, was schief gelaufen ist, verantwortlich fühlst.“

„Das war ich ja auch.“ Alex widerstand dem Bedürfnis, ihr durch die Haare zu streichen. „Ich wäre lieber woanders gewesen.“ Er schaute sie direkt an. „Ich habe nämlich die ganze Zeit nur an dich gedacht.“ Das platzte ihm einfach so heraus.

„Wie bitte?“

Er beugte sich zu ihr, obgleich er erwartete, dass Gillian ihn abwehren oder lachen würde. Aber sie kam ihm entgegen und schmiegte sich in seine Arme. Alex holte tief Luft. „Ich wäre viel lieber mit dir zusammen gewesen.“

4. KAPITEL

Es gab eine Menge Gründe, wieso Gillian sich hätte zurückhalten sollen. Aber sie tat es nicht. Hatte Alex wirklich sie gemeint? „Mit mir?“, fragte sie erstaunt.

Seit Längerem verfolgte sie der Gedanke, wie es wohl wäre, Alex zu küssen.

Dann waren sie eine Zeit lang merkwürdig spröde miteinander umgegangen. Gillian sah in ihm nur den verknöcherten Bücherwurm, er sie als den unberechenbaren Rotschopf, der kein Bedürfnis nach Kontakt mit ihm hatte. Als sie sich bei der Expedition in Utah dann näherkamen, war es nur Freundschaft gewesen, kein erotisches Gefühl.

Da Gillian derzeit einen festen beruflichen Plan hatte, wollte sie keine Komplikationen in ihrem Leben. Alex war ein Freund, auf den sie sich verlassen konnte, und damit basta. „Ich meine, es wäre ganz natürlich, wenn wir …“

„Sei ruhig neugierig.“ Er legte eine Hand an ihren Rücken.

Sie spürte sein klopfendes Herz. Sein Atem streifte ihr Gesicht. Gillian konnte nicht mehr klar denken. Plötzlich wollte sie nicht mehr weg, wollte bei Alex bleiben, einem Menschen, dem es wichtig war, ob es ihr gut ging.

Er machte eine Bewegung, als wollte er ihr Gesicht berühren, ließ es dann aber. „Es wäre sicher ein Fehler, oder?“

Wäre es das? Woher wollte er das wissen? Oder versuchte er, sich das einzureden?

Er legte seine Stirn an ihre. „Gillian, ich möchte dich als Freundin nicht verlieren.“

Das wollte sie auch nicht. Aber zwischen ihnen gab es auch eine starke körperliche Anziehungskraft, selbst wenn sie die bislang unterdrückt hatten. Ein Kuss konnte doch nicht schaden? Nein, lieber nicht daran denken!

Um die Situation wieder in den Griff zu bekommen, straffte Gillian sich und streckte ihm die Hand hin. „Auf unsere Freundschaft.“

Wie erwartet, ließ Alex sie sofort los. Er lachte verlegen, nahm ihre Hand, zog sie an die Lippen und küsste ihre Handfläche. „Auf ewige Freundschaft.“

Gillian zog ein weites graues Sweatshirt an, eine schwarze Trainingshose und Turnschuhe. Der Morgen war grau und kühl und versprach Regen. Die Situation mit Alex machte sie nervös, deshalb wollte sie sich erst mal durch Laufen abreagieren.

Als sie wieder zurückkam, hatte sie einen Entschluss gefasst. Eine Freundschaft war durch nichts zu ersetzen, und im Augenblick brauchte sie viel dringender einen guten Freund als einen Liebhaber. Mit dem Gedanken lief sie die Treppe zur Wohnung hinauf.

Alex stand am Küchentresen, in grauer Hose mit hellblauem Hemd. Sein dunkelblauer Blazer hing über der Stuhllehne. Der Inbegriff der Seriosität. Vermutlich hatte er ein Treffen mit wichtigen Leuten von der Universität.

Er schaute sie forschend an. „Sehen wir das wirklich richtig?“, fragte er.

Nein, bestimmt nicht, dachte Gillian. Sonst hätte sich ihr Pulsschlag bei seinem Anblick nicht erhöht. „Ja, ich glaube, wir sehen es richtig“, behauptete sie dennoch.

„Richtig genug, dass du mit mir zum Essen ausgehen kannst?“

„Oh, das wäre wunderbar!“ Ihr flatterte der Magen.

„Shelby geht heute nach dem Kindergarten zu Jenna, ihrer Freundin. Jennas Mutter könnte Shelby später zum Restaurant bringen.“ Er ging zur Tür. „Also dann bis später!“

Sie zum Essen einzuladen war vermutlich seine Art, ihr zu sagen, dass sich nichts zwischen ihnen geändert hatte.

Gillian schaute versonnen aus dem Küchenfenster zu den dunklen Kiefern und dem bedeckten Himmel, dann griff sie zum Telefon.

„Du bist spät dran“, staunte Grant, der neben Alex über das Universitätsgelände ging. „Also, wie war dein Date?“

„Allison ist recht sympathisch.“ Alex ging mit langen Schritten auf den Vorlesungssaal zu. Er hasste es, zu spät zu kommen. Noch mehr beunruhigte ihn jedoch, was am Morgen geschehen war. Es hatte ihn Mühe gekostet, die Hände von Gillian zu lassen. Da gab es Wünsche, die er lieber unterdrücken sollte!

„Hat dein Mangel an Begeisterung für Allison etwas mit deinem Gast zu tun?“ Grant zog eine Braue hoch. „Erzähl mir nicht, sie ist bloß eine gute Freundin. Die Frau ist super! Intelligent scheint sie außerdem zu sein.“

„Ist sie auch.“

„Und amüsant.“

Alex verlangsamte den Schritt. Wohin sollte das Gespräch führen?

„Und man kann gut mit ihr reden?“, fragte Grant weiter.

Ja, er konnte Gillian alles sagen. Beinahe alles. „Das kann man.“

Grant hielt Alex am Arm fest. „Wo liegt dann das Pro­blem? Knistert es nicht zwischen euch? Wieso willst du nichts von ihr?“ Sie erreichten die Vorlesungsräume. „Oder tust du es?“

Nach zehn Minuten Vorlesung über das 3. Jahrtausend des vorchristlichen Ägypten war Alex noch immer durch Grants Worte abgelenkt. Er hörte förmlich sein Lachen.

An diesem Tag lief es nicht gut, er war zu irritiert.

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