Logo weiterlesen.de
BIANCA GOLD BAND 19

Happy End am Valentinstag

KRISTIN HARDY

Nur du stillst meine Sehnsucht

Jacob ist der faszinierendste Mann, dem Celie je begegnet ist! Die Funken sprühen, auch wenn der reiche Farmer nicht an die Liebe glaubt. Mit den Waffen einer Frau macht sich Celie daran, ihn umzustimmen – und als er sie endlich im romantischen Ahornwald küsst, schwebt sie auf Wolke sieben. Bis sie etwas herausfindet, das sein Leben zerstören könnte …

MARY J. FORBES

Entscheidung am Valentinstag

Verzweifelt kämpft Ella gegen ihre Gefühle: J.D. ist der Mann ihrer Träume – und der Unternehmer, der aus ihrem Krankenhaus eine unpersönliche, profitable Klinik machen will! Sie stellt sich seinen Plänen in den Weg – doch ihre Sehnsucht nach ihm wächst jeden Tag. Am Valentinstag fordert sie eine Entscheidung: Geld oder Liebe – wofür wird sich J.D. entscheiden?

CRYSTAL GREEN

Von Liebe kein einziges Wort?

Glücklich blickt Nick seine Braut an: Endlich gehört Meg ganz ihm! Schon seit seiner Jugend hat er von ihr geträumt, und jetzt ist sie seine Frau. Dass sie seinem Antrag nur zugestimmt hat, damit ihr ungeborenes Baby einen Vater hat, verdrängt Nick. Denn manchmal schaut Meg ihn an, als würde auch sie mehr als Freundschaft empfinden. Viel mehr …

IMAGE

Nur du stillst meine Sehnsucht

PROLOG

Vermont, November 2006

„Was soll ich?“ Entgeistert sah Jacob Trask den Teenager an.

Kelly Christiansen, die im Hofladen der Trask Family Farm an der Kasse aushalf, strich sich eine blonde Haarsträhne hinters Ohr zurück. „Sie wissen schon, Spenden sammeln. Unsere Cheerleader-Gruppe hat sich für den nationalen Wettkampf im Februar qualifiziert, aber wir haben die Reisekosten noch nicht zusammen. Wir brauchen Ihre Hilfe.“

Erleichtert holte Jacob sein Portemonnaie aus der Hosentasche. „Da kann ich sicher …“

„Nein, kein Geld. Es geht um …“ Sie sah kurz zur Decke. „Haben Sie schon mal diese Show im Fernsehen gesehen? Wo fünf Stylisten einen langweiligen Typen aufstylen?“

„Nein.“

„Na ja, wir wollen so was Ähnliches machen. Wir brauchen fünf Kandidaten und lassen alle anderen in der Gegend abstimmen, wer aufgestylt werden soll. Jeder, der abstimmt, muss was spenden.“

Jacob ahnte Schlimmes. „Und?“

„Wir wollen Sie dabeihaben.“

„Ich bin also ein langweiliger Typ?“

Kelly lief dunkelrot an. „Nein …, also, Sie sehen echt gut aus, Mr Trask. Wir dachten nur, es sollte jemand sein, der …“ Sie zeigte auf seinen dichten schwarzen Vollbart und die vollen, kragenlangen Haare. „… der total anders aussieht, wenn man alles abschneidet. Die Lokalzeitung bringt ein Vorher-Nachher-Foto vom Gewinner auf der Titelseite.“

Auch das noch!

Sie war gar nicht mehr verlegen, sondern steigerte sich richtig in die Idee hinein. „Wir stellen Sammelbüchsen mit dem Foto jedes Kandidaten in den Geschäften der Stadt auf. Die Aktion läuft bis zum Neujahrstag, und danach zählen wir das Geld und ermitteln den Gewinner.“

„Und wann ist dieses Aufstylen?“

„Eine Woche später. Keine Sorge, wir machen es nicht selbst. Ein paar Stylistinnen in Montpelier sind bereit, uns einen Gefallen zu tun. Sie werden in guten Händen sein. Das Einzige, was Sie investieren müssen, ist ein wenig Zeit.“

Zeit. Ein kostbares Gut in diesem ersten Jahr nach dem Tod seines Vaters. Jacob trug die Verantwortung für die Zuckerahornfarm allein. „Ich glaube nicht …“

„Wir möchten den Wettkampf nicht verpassen, und dies ist die einzige Möglichkeit, das Geld aufzutreiben. Wollen Sie uns nicht helfen, Mr Trask? Bitte!“ Kelly sah über die Schulter. Die Arme vor der Brust verschränkt, stand Jacobs Mutter Molly am Durchgang zum angrenzenden Café und beobachtete ihren Sohn.

„Kann ich nicht einfach hundert Dollar spenden, und damit ist die Sache erledigt?“

„Oh, mit Ihrer Hilfe könnten wir viel mehr zusammenbekommen. Wir haben die Ladenbesitzer gefragt, wen sie am liebsten aufgestylt sehen möchten, und Ihr Name wurde am häufigsten genannt. Sie werden uns eine Menge Spenden einbringen.“

Und mich zum Gespött der Leute machen.

„Ich finde die Idee ausgezeichnet“, mischte Molly sich ein. „Es ist bestimmt fünfzehn Jahre her, dass ich dein Gesicht das letzte Mal gesehen habe. Das wäre eine echte Abwechslung.“

Er brauchte keine Abwechslung. Ein Leben in geordneten, ruhigen Bahnen, das gefiel ihm. Er hatte genug, worüber er sich Gedanken machen musste.

Er hasste Veränderungen.

1. KAPITEL

Vermont, Januar 2007

Celie Favreau schimpfte leise vor sich hin und fuhr sich mit der Hand durch das kurze braune Haar. Unzählige Bäume erstreckten sich vor ihr: Buchen, Eschen, Birken, gelegentlich eine Kiefer und Zuckerahorn, ganze Wälder Zuckerahorn, das Wahrzeichen des Bundesstaates Vermont.

Sie liebte Ahornbäume. Schade, dass sie nicht im Herbst hier gewesen war, wenn die Bäume ihre berühmte rotgoldene Pracht entfalten. Heute sah sie das blasse Braun und Weiß einer schlafenden Winterlandschaft. Natürlich wusste sie, dass der Schein trog. Ende Januar stand der Frühling in den Startlöchern und ließ in den Bäumen die Säfte steigen. Die Natur erwachte.

Und mit ihr gefräßiges Leben.

Celie schielte auf die Wegbeschreibung in ihrer Hand, sah wieder auf den Kilometerstand. Ein Grund, warum sie Montreal den Rücken gekehrt hatte, um sich mit Forstwissenschaft zu befassen, war die Sehnsucht nach Weite gewesen. Auf Beton und Häuserschluchten konnte sie verzichten.

Auf Straßenschilder nicht, wie sie jetzt feststellte.

Allerdings hätte sie sich inzwischen daran gewöhnen müssen. In den letzten vier Jahren war sie zu Krisenherden in sieben verschiedene Bundesstaaten gereist. Alle paar Monate woanders zu leben, schreckte sie nicht. Im Gegenteil, immer der gleiche Trott, das wäre nichts für sie.

Ein Gebäude kam in Sicht. Ray’s Feed ‚n‘ Read stand auf dem Schild. Ein Landhandel mit Büchern, dachte sie und musste lächeln. Der Laden machte sie neugierig. Und vielleicht konnte ihr jemand den Weg zum Forschungsinstitut erklären.

Bullige Wärme schlug ihr entgegen, als sie die Tür öffnete. Links stand der Verkaufstresen, dahinter an der Wand hingen ein Leuchtreklameschild und ein Kalender, der für Rinderfutter warb. Der glatzköpfige Mann an der Kasse hörte sofort auf zu lächeln, als er sah, dass sie eine Fremde war, und nickte knapp.

„Guten Morgen.“ Celie betrat den sauber gefegten Zementfußboden. In einer Ecke stapelten sich Paletten mit Saatgut. Rechts entdeckte sie die Leseecke mit Bücherregalen und gemütlichen Polstersesseln. Unpassend in dieser Umgebung, aber Celie fühlte sich unwiderstehlich angezogen. „Einen netten Laden haben Sie.“

Der Laut, den er von sich gab, war kaum als Antwort zu bezeichnen.

Celie stellte sich vor die Regale und studierte die Buchtitel. Sie zog einen Krimi heraus und ging zum Tresen. „Was läuft besser – die Futtermittel oder das Lesefutter?“

„Oh, täuschen Sie sich nicht. Die Leute greifen schon mal zum Buch, vor allem im Winter. Wir haben hier sogar einen, der so viele Bücher kauft, dass ich mich frage, wie er es schafft, seine Zuckerahornfarm zu bewirtschaften.“ Er hielt den Scanner auf den Strichcode.

„Vielleicht liest er, um ein besserer Mensch zu werden.“

Der Mann schnaubte. „Jacob würde sagen, er ist gut genug so, wie er ist. Macht sechs Dollar fünfundzwanzig.“ Er ließ das Buch in eine braune Papiertüte gleiten.

Celie legte ihm einen Zwanziger hin. „Vielleicht können Sie mir helfen. Irgendwo hier muss das Woodward Maple Research Institute sein.“

„Ganz in der Nähe.“

„Würden Sie mir verraten, wie nah?“

„Ungefähr zwei Meilen Luftlinie.“

„Leider bin ich kein Vogel. Wie komme ich hin?“ Sie streckte die Hand nach dem Wechselgeld aus.

„Ach, Sie wollen den Weg wissen?“

„Wenn es Ihnen keine Mühe macht.“ Ihr Lächeln entlockte ihm endlich eine freundlichere Miene.

„Sie müssen in die Bixley Road.“ Er stützte sich mit beiden Hände auf dem Tisch ab. „Fahren Sie rechts vom Parkplatz runter, dann die Straße entlang, bis Sie an das Schild der Trask-Farm kommen. Die zweite Abzweigung links ist die Bixley Road. Sie können sie gar nicht verfehlen, sie führt hügelaufwärts. Nach drei Querstraßen ist das Institut ausgeschildert. Wenn Sie die Holzbrücke sehen, sind Sie zu weit gefahren.“

„Vielen herzlichen Dank.“

„Arbeiten Sie am Institut?“

„Kommt darauf an.“

„Worauf?“

Sie grinste. „Ob ich es finde.“

„Jacob Trask, wer hätte gedacht, was für ein hübscher Kerl du unter all den Haaren bist.“ Muriel Anderson, die behäbige Verkäuferin im Washington County Maple Supplies, musterte ihn von oben bis unten. „Fast hätte ich dich nicht erkannt. Diese Mädchen haben wirklich was aus dir gemacht.“

Diese Mädchen hatten ihn, bewaffnet mit Bartschneider, Scheren, Rasierschaum und – klinge, wie fleißige Bienen umschwärmt. Der Schock kam, als er in den Spiegel sehen durfte.

Den Vollbart trug er, seit er zwanzig war. Sein eigenes Gesicht kam ihm fremd vor. In sechzehn Jahren war es kantiger und das Kinn markanter geworden.

Eine Woche, hatte er sich gesagt, in einer Woche müsste ich wieder normal aussehen.

Leider wuchs mit dem neuen Bart auch eine beträchtliche Anzahl grauer Haare, viel mehr als vorher, hatte er den Eindruck. Sein Haupthaar war pechschwarz wie immer. Jacob beschloss, in Zukunft auf den Bart zu verzichten. Auch ein Mann durfte ein bisschen eitel sein, oder?

„Hi, Jacob“, schnurrte Eliza, Muriels zwanzig Jahre alte Tochter, als er an ihr vorbeiging.

Augenblicklich wünschte er sich seinen Bart zurück. Voller Unbehagen ließ Jacob den Sack Kieselmehl von der Schulter auf den Tresen gleiten. In letzter Zeit warfen ihm Frauen ständig Blicke zu. So viel Aufmerksamkeit war er nicht gewohnt.

„Hast du es schon gehört? Drüben im Staat New York haben sie Bockkäferbefall festgestellt.“ Muriel tippte seine Einkäufe ein. „Sie mussten vier Hektar Zuckerahornbäume fällen, um die Biester zu erwischen.“

Vier Hektar? Ein herber finanzieller Schlag, von dem der Betrieb sich erst nach Jahrzehnten erholt haben würde. Zuckerahornbäume brauchten dreißig bis vierzig Jahre, bis sie erntereif waren. „Bist du sicher, dass sie nicht übertreiben?“

„Tom Bollinger hat’s gesagt, und auf den kann man sich verlassen.“ Muriel schüttelte den Kopf. „Du solltest weniger in Rays Büchern schmökern und mehr Zeit hier am Ofen verbringen, hören, was die Leute so erzählen. Du könntest was Nützliches erfahren.“

„Ich höre es lieber von dir.“ Er zwinkerte ihr zu, wie so oft im Lauf der Jahre. Erschrocken sah er, dass sie errötete.

„Ach, du.“ Wieder schüttelte sie den Kopf. „Reden ist längst nicht so anstrengend wie Unterholz hacken.“

Was Jacob betraf, so hackte er lieber Unterholz. Es gab nur eine Hand voll Menschen, in deren Gegenwart ihm das Reden leichtfiel. Muriel zählte dazu.

„Was mir in letzter Zeit zu Ohren kommt, ist nicht gerade beruhigend“, fuhr sie fort. „Vor zwei Wochen haben sich die Jungs vom Forschungsinstitut in Willoughbys Ahornwäldern rumgetrieben, an Bäumen rumgestochert und vor sich hin gemurmelt.“

Das alarmierte ihn. Willoughbys Pflanzungen grenzten direkt an seine eigenen.

„Sind seine Bäume befallen?“

„Keine Ahnung. Jedenfalls haben sie Proben genommen und erklärt, sie würden sich wieder bei ihm melden.“

Gedankenvoll schob er das Wechselgeld in die Hosentasche. „Wenn du ihn siehst, sag ihm, ich wünsche ihm Glück.“

„Du kannst es ihm selbst sagen. Morgen findet das Erzeugertreffen des Landkreises statt.“ Als er einen abfälligen Laut von sich gab, schnalzte sie tadelnd mit der Zunge. „Du solltest dich auf solchen Veranstaltungen blicken lassen, Jacob.“

„Tue ich doch.“

„Hingehen allein reicht nicht. Du musst mit den anderen reden, dich austauschen. Nur so erfährst du wichtige Informationen.“

Es genügte ihm, die Tagesordnung aufmerksam zu verfolgen. Was er sonst wissen wollte, erfuhr er übers Internet. Jacob hatte nie begriffen, warum man endlos lange zusammenstand, um alles Mögliche durchzuhecheln und sich in Spekulationen hierüber und darüber zu ergehen. Seine Arbeit gefiel ihm, er verstand etwas davon. Alles andere war reine Zeitverschwendung.

Feed ‚n‘ Read lag bereits einige Meilen hinter ihr, und Celie wurde das dumme Gefühl nicht los, dass sie eine Abzweigung verpasst hatte. Sie war an mehreren Kieswegen vorbeigekommen, hatte aber keine Straße entdeckt. Jedenfalls nicht das, was sie sich darunter vorstellte – eine Asphaltdecke und von Zeit zu Zeit ein Straßenschild. Vielleicht meinte der Mann im Futterhandel die Kieswege? Oder gehörten sie zu einem Wegesystem im Sugarbush, dem Zuckerahornwald, in dem der Ahornsaft geerntet wurde? Vielleicht führten sie auch zu einem Haus.

Celie blieb zuversichtlich. Wahrscheinlich war dies die Bixley Road. Eine Holzbrücke hatte sie nicht gesehen, also musste das Institut hier irgendwo sein. Soweit sie wusste, lag es mitten in einem Zuckerwald. Er war auffallend gut in Schuss, wie es sich für ein Forschungsinstitut gehörte. Sicher befand sie sich längst auf dem Gelände.

Während sie dahinfuhr, betrachtete sie aus reiner Gewohnheit die Bäume. Plötzlich entdeckte sie etwas, fuhr an den Straßenrand und hielt. Schwache Zeichen nur, aber die Riffelung am Stamm und die leichte Verdickung am Fuß des Baumes alarmierten sie sofort. Das musste sie sich näher ansehen. Hoffentlich war es nicht das, was sie befürchtete.

Sie stellte den Motor ab und holte ihre Arbeitstasche vom Rücksitz. Da sie sich bereits verspätet hatte, kam es auf ein paar Minuten auch nicht mehr an. Und dies hier war eindeutig wichtiger.

Celie trug Wanderschuhe, wie immer, wenn sie unterwegs war. In ihrem Job musste sie jederzeit mit spontanen Ausflügen in unwirtliche Natur rechnen. Auch das gefiel ihr daran. Zugegeben, in Montreal aufzuwachsen war spannend gewesen, aber ihre Kindheit und Jugend war in festen, genau strukturierten Bahnen verlaufen. Geprägt von Cité D’Île, dem Buchladen und ganzen Lebensinhalt ihrer Eltern. Celie dagegen sah ihre Bestimmung nicht in der Welt der Bücher. Sie war ausgezogen, um eine Plage zu bekämpfen, die mächtig genug war, um sämtliche Zuckerahornwälder von Nordamerika zu zerstören.

Sie überquerte einen schmalen Wasserlauf und hielt sich parallel zur Straße. Hier maßen die Bäume vierzig, fünfundvierzig Zentimeter im Durchmesser. Ein stattliches, ordentlich gepflegtes Wäldchen. Keine Frage, sie befand sich auf Institutsgelände. Tut mir leid, Leute, dachte sie, ich werde euch keine guten Nachrichten bringen.

Aufmerksam begutachtete sie die Stämme, kniete an einem Baum nieder, inspizierte ihn, dann den nächsten. Es war nicht einfach, den wiederzufinden, der ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. Nach sechs Versuchen hatte sie ihn. Celie holte ihre Lupe heraus und hockte sich in den Schnee. Konzentriert auf ihre Arbeit, hörte sie die vorbeifahrenden Autos nicht, und sie achtete nicht auf die Kälte, die ihr in die Glieder kroch.

Ja, da waren winzige Löcher, zwar nicht die typischen runden, die auf den Bockkäfer hindeuteten, sondern mit unregelmäßigen Rändern. Käferbefall oder normale Veränderungen der Rinde? Celie öffnete einen Reißverschluss ihrer Tasche und zog einen feinen Metallspatel heraus.

Als sie an einem der Löcher kratzte, förderte sie eine krümelige dunkle Substanz zutage. Verrottete Rinde oder der zerstörerische Pilz, den der Bockkäfer von Baum zu Baum trug? Gedankenverloren rieb sie das Material zwischen den Fingern. Schließlich steckte sie den Spatel in ein Glasröhrchen. Im Labor würde sie mehr herausfinden.

Hundegebell schreckte sie auf, und sie ließ das Röhrchen fallen. Als sie sich umdrehte, vergaß sie einen Moment, Luft zu holen. Ein Mann kam auf sie zu. Mit der Lederfransenjacke und dem fast schulterlangen rabenschwarzen Haar, begleitet von einem schwarzen Hund, sah er aus wie aus einem anderen Jahrhundert. Er kam ihr riesig vor, bestimmt eins neunzig, und er hatte Schultern wie ein Footballspieler. Sein Gesicht war kantig, mit ausgeprägten Wangenknochen. Der dunkle Bartschatten verlieh ihm etwas Verwegenes. Das Auffallendste jedoch waren seine Augen – leuchtend blau und tiefgründig. Jetzt blitzten sie gefährlich.

„Verraten Sie mir mal, was Sie an meinen Bäumen zu suchen haben?“

Für gewöhnlich stieß Jacob nur im Herbst auf Leute, die seinen Besitz unbefugt betraten. Touristen auf der Suche nach dem schönsten Blick auf die bunte Laubfärbung der Ahornwälder. Menschen, die glaubten, überall herumlaufen zu können, solange es keine Zäune gab. Sie stampften mit ihrem Getrampel die Erde zusammen, was den Wurzeln schadete, und beeinträchtigten die Gesundheit der Bäume, wenn sie sie streiften und versehentlich Zweige abbrachen.

Der schäbige, stellenweise rostige Kleintransporter, hinter dem er gehalten hatte, kam nicht von hier. Das verrieten die fremden Nummernschilder. Dass sein Besitzer sich die Bäume nicht nur ansehen wollte, begriff Jacob in dem Moment, als er ihn vor einem Baum hockend fand. Entschlossen, ihn von seinem Anwesen zu vertreiben, marschierte er auf den Jungen zu.

Der Eindringling blickte auf. Überrascht stellte Jacob fest, dass er keinen Teenager, sondern eine zierliche junge Frau mit kurzen dunkelbraunen Locken vor sich hatte.

Murphy bellte, wie es sich für einen furchterregenden Wachhund gehörte – allerdings nur so lange, bis sie auf ihn einsprach und ihn hinter den Ohren kraulte. Sofort wedelte er mit dem Schwanz, der Verräter.

„Hi, Süßer“, schmeichelte sie, „was bist du für ein schöner Hund. Das gefällt dir, was?“ Sie rieb seine Brust, und Murphy ließ sich in den Schnee fallen, rücklings, alle viere von sich gestreckt. Von wegen Wachhund!

Sie schaute auf. Ihr Lächeln war atemberaubend. „Entschuldigen Sie, ich habe Ihr Gelände nicht in böser Absicht betreten. Ich dachte, dieser Wald gehört zum Forschungsinstitut. Ihre Forstmethoden sind spitze, wirklich spitze. Deshalb habe ich die Bäume ja auch für Institutspflanzungen gehalten“, plapperte sie munter drauflos, während sie in Windeseile ihre Arbeitsgeräte verstaute und die Tasche zuzog.

Eine ziemlich professionell aussehende Tasche. Jacob runzelte die Stirn.

„Das hat mich in die Irre geführt“, fuhr sie fort. „Ich hätte nicht erwartet, dass ein Ahornfarmer seinen Wald so gut in …“

„Wer sind Sie?“, unterbrach er sie. „Was machen Sie hier?“

„Ich schaue mir nur die Bäume an. Ein Versehen, mehr nicht.“ Sie stand auf. Eine Hand in die Hüfte gestemmt, schaute sie zu ihm hoch. „Mann, Sie sind ganz schön groß.“

Die Kälte rötete ihre Wangen, in ihren braunen Augen tanzte ein Lachen. Doch sie verrieten noch mehr – Wachsamkeit, einen scharfen Verstand. Sie war bestimmt dreißig Zentimeter kleiner als Jacob und bildete mit ihrem knallroten Parka einen leuchtenden Farbtupfer in der öden Winterlandschaft. Jacob fand ihre dunklen Mandelaugen und den üppigen Mund verlockender, als ihm lieb war.

Sie bückte sich, um Murphy ein letztes Mal zu tätscheln. „Wie gesagt, es tut mir leid. Ich wollte Ihr Land nicht unbefugt betreten.“ Flink ging sie um ihn herum, sprang über den Wassergraben und marschierte auf den zerbeulten roten Wagen zu. „Bäume faszinieren mich, und manchmal denke ich nicht nach, bevor ich sie genauer anschaue. Aber ich verschwinde jetzt.“ Sie öffnete die Tür und stieg ein, ehe ihm klar wurde, dass sie sich tatsächlich davonmachte.

Und dann war sie weg. Nur die schmalen Spuren im Schnee zeigten, dass sie überhaupt hier gewesen war.

Celie hatte immer noch Herzklopfen. Der Mann war umwerfend. Es sollte verboten werden, dass er durch Wälder streifte und sich unbemerkt an Frauen heranschlich! Großer Gott, sie bekam feuchte Hände, wenn sie nur an ihn dachte … Außerdem hatte sie Mist gebaut. Ihr Boss würde ihr die Hölle heißmachen. Institutsmitarbeitern war es streng untersagt, fremdes Eigentum ohne Erlaubnis zu betreten. Ja, Gavin Masterson wäre begeistert, wenn er davon erfuhr!

Vorausgesetzt, er erfuhr überhaupt davon.

Stumm sandte sie ein Stoßgebet zum Himmel, dass der Hüne – und was für ein Hüne! – den Vorfall nicht an die große Glocke hängte.

„Gott sei Dank“, murmelte sie, als das Schild des Woodward Institute auftauchte.

Das Institut war in einem schlichten zweigeschossigen Gebäude mit butterkeksgelben Wänden und einem blassbraunen Dach untergebracht. Dahinter entdeckte sie den hohen, spitz zulaufenden Dampfabzug einer Zuckerhütte. Ahornbäume erstreckten sich in alle Richtungen.

Der Eingangsbereich war leer, eine hüfthohe Holzbalus­trade mit Tür und Glocke trennte ihn von den Arbeitsräumen. Einige Türen standen offen, Wintersonnenstrahlen ergossen sich auf den Flur.

Am Kopiergerät stand ein Bärtiger in Flanellhemd und Jeans. Er sah auf, als sie näher kam. Seine Goldrandbrille reflektierte das Sonnenlicht. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Ich suche Bob Ford.“

„Sie haben ihn soeben gefunden.“ Er sammelte seine Kopien zusammen und zog das Original von der Glasplatte. „Sie sind Celie?“

Sie nickte. „Tut mir leid, dass ich spät dran bin. Es war ziemlich abenteuerlich, den richtigen Weg zu finden.“

„Das überrascht mich nicht. Wir müssen dringend unsere Wegbeschreibung aktualisieren. Hereinspaziert.“ Er öffnete die Holztür und streckte Celie die Hand entgegen. „Freut mich, Sie kennenzulernen. Kommen Sie, mein Büro ist dort hinten.“

Sie folgte ihm den Flur entlang. „Wow!“, stieß sie hervor, als er die Tür öffnete. Eine breite Fensterfront gab den Blick auf den Zuckerwald dahinter frei. „Einen tollen Ausblick haben Sie hier.“

„Ein Eckbüro.“ Weiße Zähne blitzten in dem sorgfältig gestutzten Silberbart. „Der Vorteil der Führungsposition.“

Bob Ford deutete auf einen Sessel, und Celie nahm Platz. „Es ist wunderschön hier.“

„Das finden wir auch. Leider wird es nicht so bleiben, wenn Ihr Käfer ausschwärmt.“

Ihr Käfer. Celie hatte sich noch in der Schule für die spezielle Bockkäferart interessiert, die vor allem Ahornbäume befiel. Horrende Zahlen belegten den Schaden, den das kleine Insekt in Asien angerichtet hatte. Sie machte die Suche nach einer wirksamen Bekämpfungsmethode nicht nur zum Thema ihrer Doktorarbeit, sondern zu einer persönlichen Mission. Als sich herausstellte, dass der Käfer auch die nördlichen Wälder der Vereinigten Staaten bedrohte, wurden sie und ihr Doktorvater Jack Benchley in das wissenschaftliche Beratergremium berufen, das einen Aktionsplan erarbeiten sollte. Von dort war es für sie nur ein kurzer Schritt gewesen, die Leitung des staatlichen Bekämpfungsprogramms zu übernehmen.

„Wie sieht es aus? Haben Sie die Lage in New York unter Kontrolle?“

Gute Frage. „Wir haben eine Menge Bäume fällen müssen. Ob es hilft, weiß ich nicht. Ich schätze, auf unsere Art sind wir genauso zerstörerisch wie der Käfer.“

„Sie vernichten nicht um der Zerstörung willen.“

„Das tut er auch nicht. Er sichert sich die Erhaltung seiner Art, tut, was das Leben ihm vorschreibt.“ Leider gefräßig und unersättlich. „Wissen die Zuckerfarmer, dass man Anzeichen für einen Befall entdeckt hat?“

„Wir haben einige Bestände untersucht, aber nichts verlauten lassen. Ich wollte Ihnen nicht vorgreifen. Morgen Abend treffen sich die Ahornfarmer der Gegend zu einer offiziellen Versammlung. Sie könnten sie mit Einzelheiten vertraut machen und erklären, was sie unter Umständen erwartet.“

Draußen waren Stimmen zu hören. Ford warf einen Blick zur Tür und presste kurz die Lippen zusammen. „Sie sollten wissen“, begann er, „dass ein Vertreter der Forstverwaltung von Vermont das Projekt überwachen wird.“

Ihre Nackenhärchen richteten sich auf. „Überwachen? Es handelt sich um ein Regierungsprogramm. Ich leite es.“

„Nicht in meinem Bundesstaat“, erklang eine Stimme von der Tür her.

Ohne sich umzudrehen, wusste sie, wer hinter ihr stand. Dick Rumson, der Leiter des hiesigen Forstschutzamtes. Unterqualifiziert und aus rein politischen Gründen zum Leiter ernannt, gelang es ihm immer wieder, weitaus fähigere Leute aufgrund seiner Beziehungen auszubooten. Er hatte sich einen Sitz im Beratergremium gesichert und Celies und Benchleys Erkenntnisse halsstarrig angezweifelt. Zum Glück konnten sie jede Aussage hieb- und stichfest belegen. Rumson war der Einzige gewesen, der gegen den Maßnahmenkatalog stimmte. Seiner säuerlichen Miene nach zu urteilen, nahm er ihr die Niederlage immer noch übel.

„Dick“, sagte sie und erhob sich, um ihm die Hand entgegenzustrecken, „schön, Sie wiederzusehen.“

„Wir kommen allein zurecht.“ Rumson ignorierte sie und starrte Bob Ford an. „Wir brauchen hier keine Regierungsvertreter.“

„Für eine solche Einschätzung ist es sicher noch zu früh.“ Celie steckte die Hände in die Jackentaschen. „Die Mitarbeiter des Instituts haben Grund zu der Annahme, dass ein Befall vorliegt, und ich denke, sie könnten recht haben. Aber wir werden mehr wissen, sobald ich ein paar Untersuchungen vorgenommen habe.“ Sie spielte mit der Münze in ihrer Tasche, fand eine Büroklammer – und ein Glasröhrchen. Wann hatte sie das eingesteckt?

„Wir haben bereits Inspektionen durchgeführt und nichts gefunden. Sie verschwenden nur Ihre Zeit.“

„Hören Sie, Dick“, mischte Ford sich ein, „Sie wissen, dass wir …“

„Ihr Akademiker zieht voreilige Schlüsse. Ich habe eine Truppe erfahrener Forstspezialisten. Die haben nichts gefunden.“

Celie erinnerte sich endlich. „Wirklich?“, fragte sie, während sie das Probenröhrchen herausholte. „Können Sie mir dann erklären, was das hier ist?“

Rumson musterte es. „Was soll es denn sein?“

„Die Probe aus einem Bohrloch.“

Der andere schnaubte. „Rinde, mehr nicht.“

„Sehen Sie es sich genau an. Das grünliche Pulver obenauf könnte auf den Pilz hinweisen.“

„Oder von der Rinde stammen.“

„Wollen wir zusammen ins Labor gehen?“

„Dazu habe ich keine Zeit“, fuhr er auf.

„Schön, ich teile Ihnen das Ergebnis gern telefonisch mit“, entgegnete sie liebenswürdig. „Ich tue dies nicht zu meinem Vergnügen, Dick. Wenn dieser Bockkäfer in Ihren Wäldern ist, müssen wir ihn aufspüren und handeln. Es sei denn, Sie verzichten auf die vielen Dollars, die die Herbsttouristen dem Staat einbringen, und sehen zu, wie die gesamte Ahornsirup-Branche den Bach runtergeht. Wie viele Milliarden wären das, summa summarum?“

Rumson lief rot an. „Moment mal! Sie können nicht einfach hier aufkreuzen und hektarweise Wälder abholzen lassen. Wer garantiert denn, dass Sie das Zeug da nicht selbst mitgebracht haben?“

„Vorsicht, Dick.“ Bob Ford blieb ruhig, aber die Warnung war nicht zu überhören.

An Rumsons Kinn zuckte ein Muskel. „Ich will mit Ihrem Vorgesetzten reden.“

„Gern, ich gebe Ihnen seine Nummer. In dieser Angelegenheit müssen wir zusammenarbeiten.“

„Im Gremium habe ich bereits erlebt, was Sie unter Zusammenarbeit verstehen. Ich will, dass mein Team bei allem dabei ist, was Sie tun.“

„Lassen Sie uns noch einen Schritt weiter gehen. Wenn ich Ihre Leute erst instruiert habe, werden sie persönlich an jeder Inspektion beteiligt. Die Zeit rennt uns davon, und wir müssen eine Menge Feldarbeit leisten. Je mehr Augen, desto besser.“

„Wenn Sie denken, dass …“

„Soll ich Ihnen sagen, was ich denke, Dick? Als Leiter des Forstschutzamtes wollen Sie das Beste für Ihre Wälder. Daran habe ich nie gezweifelt. Über die Vorgehensweise werden wir uns im Einzelnen schon noch einig.“ Sie schenkte ihm ein freundliches Lächeln.

Das nahm ihm den Wind aus den Segeln. „Glauben Sie ja nicht, dass es damit getan ist“, sagte er schließlich und wandte sich zur Tür.

Sie grinste. „Sie haben mein Wort, Dick, das ist erst der Anfang.“

2. KAPITEL

„Tut mir leid“, sagte Ford, nachdem Rumson die Tür hinter sich zugeschlagen hatte. „Ich wollte Sie vorwarnen, aber es blieb keine Zeit.“

Celie zuckte mit den Schultern. „Dick und ich kennen uns schon länger, ich hätte mit so etwas rechnen müssen.“

„Meinen Sie, er wird Sie daran hindern, hier Ihren Job zu machen?“

„Er kann lästig werden, aber das ist auch alles.“

„Zeigen Sie mir die Probe.“ Er streckte die Hand aus, und sie reichte ihm das Glasröhrchen.

Ford studierte es eingehend. „Glauben Sie wirklich, es handelt sich um den Pilz?“

„Ich weiß es nicht. Der Belag ist nicht so grün wie sonst, aber die Rinde wies die typische Verdickung auf, und sie hatte Löcher. Sie könnten natürlich von einem Vogel stammen. Schwer zu sagen, ob es der Käfer war oder nicht.“

„Wo haben Sie es gefunden?“

„In einem Zuckerwald auf dem Weg hierher. Genau weiß ich es nicht mehr. Ich bin dem Besitzer begegnet, als ich die Probe nahm – ein Riese von einem Kerl, schwarze Haare.“ Und hinreißende Schultern, aber das wollte Bob Ford sicher nicht hören.

„Jacob Trask. Seine Ahornwälder grenzen ans Institutsland.“ Bob schüttelte den Kopf. „Hoffen wir, dass wirklich nur Rinde dort drin ist. Im letzten Frühjahr hat er seinen Vater verloren. Die Familie braucht nicht noch mehr Kummer.“ Der Institutsleiter gab ihr das Röhrchen zurück und stand auf. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihren Arbeitsraum und das Labor, das Sie benutzen können.“

Der Arbeitsraum war winzig, doch das störte sie nicht. Entscheidend war die Laboreinrichtung. Hier fand die echte Detektivarbeit statt, hier musste sich der Test, den Celie entwickelt hatte, um Käferbefall nachzuweisen, bewähren.

Sie stellte ihre Notebooktasche ab und machte sich daran, den PC anzuschließen.

„Da bist du ja endlich!“

Celie fuhr herum. An der Tür stand eine schmale Blondine. „Marce! Wie schön, dich zu sehen.“ Sie sprang auf und umarmte die Kollegin herzlich.

„Gleichfalls. Ich dachte, du wolltest schon gestern Abend hier sein.“

„Ich habe dir eine Nachricht hinterlassen, weil ich zu spät weggekommen bin. Unterwegs habe ich haltgemacht und bin heute Morgen weitergefahren.“

Marce nahm ihren Arm. „Komm, es ist gleich Feierabend. Lass uns eine Pizza holen, und dann kannst du dich bei mir häuslich niederlassen.“

„Nicht zu fassen. Ich lebe seit drei Jahren hier und bekomme kaum Menschen zu Gesicht. Du hältst im Wald, um dir einen Baum anzusehen, und begegnest einem Gott?“ Marce biss in ein Stück Peperonipizza.

„Er ist nicht vom Himmel gefallen, falls du das meinst. Ehrlich gesagt, er schien ziemlich abgenervt, weil ich auf seinem Grundstück war. Ich wollte nur noch weg.“

„Bevor oder nachdem du beschlossen hattest, dass du von ihm ein Baby willst?“

„Ein Baby? Nicht im Traum!“

„Bist du sicher, dass du nicht geträumt hast? So wie du ihn beschreibst, kenne ich in der Gegend keinen, der so aussieht. Glaub mir, den hätte ich mir gemerkt.“

„Bob Ford sagte, es wäre Jacob Trask.“

„Jacob Trask?“ Marce ließ fast ihre Pizza fallen. „Moment mal, der Jacob Trask, den ich kenne, sieht wie ein Fallensteller zu Zeiten des großen Goldrauschs aus. Ausgeschlossen, dass wir über denselben Mann reden. Schön, er ist ein Hüne, aber …“

„Nun ja, ich habe ihn Bob nicht in allen Einzelheiten beschrieben. Vielleicht irrt er sich.“

„Hoffen wir’s. Jacob Trask ist ein ziemlich mürrischer Kerl, lass dir das gesagt sein. Letztes Jahr musste ich ihm helfen, seinen Zuckerwald auszulichten. Die Sätze, die er von sich gegeben hat, konnte ich an einer Hand abzählen. Obwohl …, für dich dürfte das kein Problem sein.“

Celie setzte ihr Bier ab. „Willst du damit womöglich sagen, ich rede zu viel?“

„Das würde ich nie wagen. Okay, ich benutze Handzeichen, um mich verständlich zu machen, wenn du einmal losgelegt hast. Aber ich bin sicher, es gibt Situationen, in denen du nicht geschwätzig, sondern einfach redegewandt bist.“

„Ich rede nur viel, wenn ich nervös bin!“

„Schätze, dann bist du ständig nervös.“ Marce duckte sich, als Celie die zusammengeknüllte Serviette nach ihr warf.

„Ich sage nie wieder ein Wort“, maulte sie.

„Wer’s glaubt …“

Jacob ging durch den Flur der James-Woodward-Grundschule. Früher war er gerannt, sobald der Pausengong ertönte, nur um so schnell wie möglich nach draußen zu kommen.

Heute war er nicht auf dem Weg in den Klassenraum, sondern zum Farmertreffen, aber an seinem Unbehagen hatte sich nichts geändert. Ein Raum voller Menschen erwartete ihn. Sicher, die Gespräche würden sich größtenteils um die Ahornsirup-Produktion drehen, aber er wäre lieber zu Hause geblieben, hätte gelesen oder Gitarre gespielt, anstatt krampfhaft zu überlegen, was er sagen sollte.

Stimmen schallten ihm entgegen, lauter als gewöhnlich. Als er sah, wie sich die Farmer um die Kaffeemaschine drängten, fragte er sich unwillkürlich, ob eine freundliche Seele einen Imbiss spendiert hatte. Da teilte sich die Menge, und er sah, was die Aufmerksamkeit erregte.

Beziehungsweise wer.

Der Wichtel, den er in seinem Zuckerwald erwischt hatte. Ohne den dicken Parka wirkte sie noch zierlicher. Sie trug eine schmale rote Hose, eine schimmernde weiße Bluse und hatte sich einen schwarz-weiß karierten Pulli über die Schultern gelegt. Damit hob sie sich lebhaft von den gedeckten Farben der Umstehenden ab. Mit der Energie, die sie ausstrahlte, nahm sie mehr Raum ein, als man es ihr aufgrund ihrer Größe zugetraut hätte.

Seit er sie am Tag zuvor in seinem Wald erwischt hatte, war sie ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Immer wieder sah er ihre lachenden Augen vor sich, die weichen, verlockenden Lippen. Und im Schlaf war sie durch seine Träume gegeistert, hatte in ihm eine seltsame Rastlosigkeit hinterlassen, wenn er wieder aufwachte.

Er betrachtete sie, sah, wie sie redete, gestikulierte. Ein bunter Schmetterling. Er hörte sie lachen, perlend, aus dem Bauch heraus und unwiderstehlich ansteckend. Jacob war versucht hinüberzugehen. Nur um herauszufinden, wer sie war, nicht, um sie sich näher anzusehen.

Die Tatsache, dass sie gestern in seinem Wald und heute bei dieser Versammlung war, wies darauf hin, dass sie etwas mit dem Institut zu tun hatte. Also musste er mit ihr reden. Sich nicht von einem hübschen Gesicht und einem erfrischenden Lachen ablenken lassen. Jacob hatte im Internet recherchiert und wusste um die Gefahr, die der Bockkäfer für die Ahornbestände bedeutete. Er musste herausfinden, ob es ihn persönlich betraf.

Bob Ford vom Forschungsinstitut klopfte aufs Mikrofon. „Okay, Leute, lasst uns anfangen. Wir schicken ein paar Formulare rum. Machen Sie bitte Ihre Eintragungen und geben Sie sie uns am Ende nach vorn. Wir müssen das Anschriftenverzeichnis aktualisieren.“

Jemand reichte Jacob ein Klemmbrett. Er zog einen Kugelschreiber hervor und beugte sich über das Blatt, um seine Personalien zu notieren. Als er die Fragen las, runzelte er die Stirn. Anzahl der Zapfstellen? Monokultur oder Mischwald? Was zum Teufel …

Ein Duft stieg ihm in die Nase, zart nur, aber eindeutig weiblich. Irritierend. Jacob sah auf. Sie setzte sich neben ihn.

Seine Sinne traten in Alarmbereitschaft.

„Hi“, flüsterte sie. „Ist der Platz frei?“

Verhalten, ein wenig heiser. So wie sie sich vielleicht bei einem Drink in einer schummrigen Bar anhören würde.

Oder in einem Schlafzimmer, spät in der Nacht.

„Gehört Ihnen“, sagte er, während er mit seiner ausufernden Fantasie kämpfte.

Mit ihrem Lächeln ging die Sonne auf.

Vorn auf dem Podium räusperte sich Ford. „Da ich jeden von Ihnen kenne, kann ich es mir sparen, mich vorzustellen, und komme gleich zur Sache. Wie einige von Ihnen vielleicht gehört haben, wurden im Bundesstaat New York Populationen des Ahorn-Bockkäfers entdeckt. Das bedeutet, dass wir es mit ihm zu tun bekommen könnten. Verstehen Sie mich richtig, dieser Käfer ist in der Lage, ganze Ahornwälder zu vernichten. Ganze Wälder, Leute. Also kein Ahornsirup mehr, keine Bilderbuch-Herbstwälder, keine Touristendollars, nichts mehr. Wir haben Celie Favreau von APHIS, dem Tier- und Pflanzengesundheitsdienst des Landwirtschaftsministeriums, eingeladen, sich in der Gegend umzusehen. Sie wird eine Weile im Woodward Institute arbeiten und Ihnen heute Abend erzählen, was uns bevorsteht. Celie?“

„Wünschen Sie mir Glück“, flüsterte sie, straffte die Schultern und erhob sich, um nach vorn zu gehen. Sie stellte sich nicht hinter das Rednerpult, sondern lehnte sich an den Tisch daneben, das Mikrofon in der Hand. Auf die Entfernung kam sie Jacob noch kleiner vor als in seinem Wald.

„Guten Abend. Ich bin Celie Favreau von APHIS und leite das Programm zur Bekämpfung des Ahorn-Bockkäfers. Wer von Ihnen weiß Näheres über ihn?“ Nur ein paar Hände, da­runter Jacobs, gingen nach oben. Celie nickte. „Schön, lassen Sie mich kurz ein paar Informationen geben. Der Ahorn-Bockkäfer ist ein übler Kunde. Er misst nicht ganz anderthalb Zentimeter und wird oft mit einer harmlosen Borkenkäferart verwechselt. Im Gegensatz zum Borkenkäfer befällt er allerdings lebendes Holz. Zuckerahornbäume sind seine Leib- und Magenspeise.“

Sie blickte in die Runde. „Er bohrt sich durch die Rinde und legt seine Eier dahinter ab. Ein befruchtetes Weibchen kann innerhalb weniger Wochen mehrere Dutzend Eier in die ersten Holzschichten bringen. Sobald die Larven geschlüpft sind, ernähren Sie sich vom Zellgewebe. Ich brauche Ihnen nicht zu erklären, was das heißt.“

Nein, das brauchte sie nicht. Ein paar Dutzend Larven, die sich im lebensspendenden Zellgewebe dick und rund fraßen, nahmen den Baum buchstäblich in den Würgegriff. Die Flüssigkeitsversorgung zwischen Wurzeln und Blättern wurde unterbrochen. Der Baum verdorrte. Jacob nahm die wachsende Unruhe unter den Zuhörern wahr. Für ihn waren es keine Neuigkeiten, aber die Sorge um seine Bäume spürte auch er.

„Leider ist das noch nicht alles. Der Bockkäfer überträgt einen für Zuckerahorn tödlichen Pilz. Jedes Mal, wenn der Käfer sich ins Holz bohrt, streift er Pilzsporen ab. Von dem Zeitpunkt an ist der Baum von zwei Gefahren bedroht – den Larven und dem Pilz. Tests haben ergeben, dass ein geschlechtsreifer Käfer auf der Suche nach einem Wirtsbaum bis zu neunzig Meter fliegt.“

Der Geräuschpegel im Raum stieg. Celie sah die Anwesenden an. „Jetzt wissen Sie, womit wir es zu tun haben. Wir dürfen nicht das geringste Risiko eingehen. Ein Käferweibchen genügt, um in weitem Umkreis neue Populationen anzulegen. Und das bedeutet, wir müssen radikal vorgehen, um die Entwicklung unter Kontrolle zu bekommen.“

Einer der Zuhörer hob den Arm. „Was verstehen Sie unter radikal?“

„Darüber können wir erst reden, wenn wir das Problem genauer untersucht haben. Zusammen mit Spezialisten des Instituts und des Forstschutzamtes werde ich so viel Terrain wie möglich begutachten, bevor die wärmeren Tage einsetzen. Abwarten und Tee trinken wäre die falsche Methode. Der Ahorn-Bockkäfer schlüpft zeitig, also müssen wir den Befall ausmachen und Maßnahmen ergreifen.“

„Welche Maßnahmen?“, wollte der Farmer wissen.

Celie holte tief Luft. „Wir müssen jeden betroffenen Baum fällen und dazu alle in einem Sicherheitsradius von mindestens hundertvierzig Metern. Die gefällten Bäume müssen unverzüglich zersägt und verbrannt, die Stümpfe bis zu einer Tiefe von zwanzig Zentimetern gerodet werden.“

Tumultartiger Lärm erfüllte den Raum. Wütende Rufe wurden laut. „Sie reden von Kahlschlag!“, brüllte ein bulliger Rothaariger.

„Lassen Sie uns nichts überstürzen.“ Sie blieb ruhig. „Noch kennen wir die Fakten nicht. Man hatte mich nach Michigan geholt, aber ich konnte keine Anzeichen für Bockkäferbefall feststellen.“

„Dafür haben Sie in New York den halben Staat abholzen lassen!“, erwiderte ein anderer.

Jacob hatte den Eindruck, dass sie nicht wusste, ob sie seufzen oder lachen sollte. Sie schüttelte den Kopf. „Wir mussten insgesamt zwölfhundert Bäume fällen, verteilt auf drei Zuckerwälder und einen städtischen Wald. Glauben Sie mir, ich nehme solche Rodungen nicht auf die leichte Schulter.“ Ihr Blick wurde eindringlich. „Leider habe ich auch gesehen, wie zerstörerisch der Ahorn-Bockkäfer sein kann, und ich bin hier, um das mit allen Mitteln zu verhindern. Wenn ein Befall vorliegt, sind alle Ihre Bäume gefährdet. Alle“, betonte sie. „Ich hoffe, Sie kooperieren mit mir, um die Plage aufzuhalten.“

„Sie sind nicht zu Ihrem Vergnügen hier. Sie wissen, dass es ein Problem gibt“, schloss der Rotschopf hitzig.

Sie zögerte, sah zu Jacob hinüber. Ihre Blicke trafen sich. Er erinnerte sich, dass er sie an einem seiner Bäume angetroffen hatte. Sein mulmiges Gefühl verstärkte sich. „Ich habe erste Anzeichen entdeckt, die Anlass zu Besorgnis geben könnten. Wenn wir umgehend handeln, bevor das Wetter wärmer wird, haben wir eine Chance. Falls Verzögerungen eintreten …, nun, dann sehen Ihre Zuckerwälder nächstes Jahr um diese Zeit völlig anders aus.“ Sie stieß den Atem aus. „Nächste Frage?“

Eine Stunde später verteilte Celie zum Abschluss Informationsmaterial über den Käfer. Jacob wartete ungeduldig, dass die Versammlung zu Ende ging. Er brauchte weder die Informationen, noch wollte er weitere Fragen zum Thema hören. Ihn interessierte einzig und allein, mit Celie Favreau zu sprechen.

Unter vier Augen.

Nach und nach lichtete sich die Menschentraube um sie herum. Schließlich stand sie mit Bob Ford allein am Podium und ordnete ihr Literaturmaterial.

„Das lief doch ganz gut“, hörte Jacob Bob sagen.

„Jetzt sind die Leute informiert. Wie es weitergeht, hängt davon ab, was wir finden.“

„Und was die Labortests ergeben.“

Labortests? Jacob blieb an den Stufen stehen. „Kann ich Sie kurz sprechen?“

Celie sah ihn an, dann Bob Ford. „Ich übernehme das, Bob.“

„Soll ich das hier ins Institut bringen?“ Er deutete mit dem Kopf auf das Infomaterial.

„Danke, das mache ich schon.“

Er nickte. „Gut. Ich schließe nachher ab. Sorgen Sie nur dafür, dass die Lichter aus sind.“ Bob schüttelte jedem die Hand und verließ den Raum.

Jacob sah Celie an. Ihr Blick hatte etwas Forschendes.

Er nickte in Richtung Karton. „Soll ich Ihnen das tragen?“ Handeln war ihm lieber als herumzustehen. Oder zu reden.

„Danke.“ Sie beobachtete ihn, wie er die Stufen heraufkam und den schweren Karton mühelos hochhob. „Und – was meinen Sie?“

„Wegen der Versammlung?“ Jacob wusste im Moment nur eins – diese zarte Persönlichkeit hatte etwas ausgesprochen Anziehendes, wenn nicht sogar Unwiderstehliches.

Aber deshalb war er nicht hier.

„Sie waren gestern in meinem Wald“, sagte er abrupt. „Haben Sie meine Bäume untersucht?“

Das humorvolle Funkeln in ihren Augen erlosch. „Nicht offiziell. Ich dachte, ich wäre auf Institutsgelände. Mir war etwas aufgefallen, und das wollte ich mir näher ansehen.“

„Was war das?“

Die Pause war zu lang, schürte sein Unbehagen. „Etwas Interessantes am Stamm.“

„Reden Sie nicht um den heißen Brei herum. Sie knieten an meinem Baum, und Sie hatten einen Testkasten dabei. Warum?“

„Beim Vorbeifahren war der Baum mir aufgefallen. Ich hatte keine Ahnung, dass er auf Ihrem Grund und Boden steht.“

„Darum geht es nicht. Ich will wissen, was Sie gesehen haben.“

„Ich bin nicht sicher.“ Sie sah ihn an. „Die Bohrlöcher hatten die richtige Größe, aber die falsche Form. Erst dachte ich, die Probe, die ich entnommen hatte, würde den Pilz enthalten, aber der erste Test war negativ.“

„Negativ?“, fragte er erleichtert nach.

„Morgen teste ich das Material gründlicher. Leider hat Ihr stürmischer Hund das Röhrchen in den Schnee gestoßen, bevor ich es verschließen konnte. Das Testergebnis wird nicht hundertprozentig hieb- und stichfest ausfallen.“

„Murphy übertreibt manchmal.“

„Was Sie nicht sagen. Was ist er? Das Kind der Liebe eines Labradors mit einem Shetlandpony?“

Jacob grinste. „Eine gelungene Mischung aus Labrador, Dänischer Dogge und einem kleinen Jagdhund, sagt mein Tierarzt.“

„Ein spannender Hintergrund macht manchmal mehr her als ein Rassestammbaum.“

„Wir haben hier interessante Typen zu bieten.“

„Das glaube ich Ihnen aufs Wort.“ Was für ein Lächeln, dachte Celie benommen, als sie die Stufen hinabgingen. Wenn er lächelte, erhellte sich sein ernstes Gesicht, als würde die Sonne sich an einer dunklen Wolkenbank hervorschieben. Und sein Mund erst … Sie hätte nichts dagegen, an diesen Lippen zu knabbern …

Außerdem spürte sie eine Stärke an diesem Mann, die über beachtliche Körpergröße und breite Schultern hinausging. Er ruhte in sich. Vielleicht hatte sie das dazu getrieben, sich neben ihm einen Platz zu suchen anstatt neben irgendeinem der anderen Männer, mit denen sie sich unterhalten hatte. Keiner von denen faszinierte sie.

Jacob Trask schon.

Sie ging vor ihm den Mittelgang entlang. „Apropos interessant“, sagte Celie. „Eine Kombination aus Futterhandel und Buchhandlung ist mir hier zum ersten Mal begegnet.“

„Schätze, Sie waren bei Ray. Dort bin ich auch oft. Einer meiner Lieblingsplätze.“

„Das sagte er mir.“

„Wirklich?“ Jacob konnte nicht umhin zu bewundern, wie ihre Hüften in der roten Hose sich bei jedem Schritt bewegten.

„Er hat von Ihnen gesprochen.“

„Wenn Sie Ray zum Reden bringen, sind Sie gut.“ Ihm fiel ein, dass sie auch ihn zum Reden gebracht hatte.

„Ich hatte den Eindruck, er erzählt gern.“

„Nicht bei Fremden. Die knurrt er nur an, falls er überhaupt mit ihnen spricht.“

„Dann muss ich ihn wohl bezaubert haben.“

Wie mich, dachte er. „Ich bin beeindruckt.“

„Und Sie auch. Nach allem, was ich gehört habe, sind Sie nicht leicht zu beeindrucken.“

„Hört sich an, als hätten die Leute zu viel geschwätzt.“

„Keine Bange“, sagte sie, als sie sich der offenen Tür näherten. „Ich bin Forscherin und ziehe es vor, selbst Fakten zu sammeln.“

„Haben Sie vor, über mich Fakten zusammenzutragen?“, fragte er, sichtlich amüsiert.

Lachend warf sie ihm über die Schulter einen Blick zu. „Ich weiß nicht. Hätten Sie was dagegen?“ Celie ging aus der Tür und griff um den Rahmen herum nach dem Lichtschalter.

Ihre Hände landeten gleichzeitig auf dem Schalter.

Eine flüchtige Berührung zweier Hände nur, doch die Wirkung stand in keinem Verhältnis. Jacob hatte das Gefühl, ihre Finger am ganzen Körper zu spüren. Kühl und weich, waren sie für einen Moment mit seinen verschränkt. Celie erstarrte, dann entspannte sie sich wieder. Er brauchte etwas länger, um seine Hand von ihrer zu lösen.

Als er den Schalter kippte, hüllte Dunkelheit sie ein. Hinter Celie spendete die Flurbeleuchtung schwaches Licht. Jacob sah ihr Profil, als sie ihn anblickte, die leichte Stupsnase, den vollen Mund. Ihre Augen lagen im Schatten. „Zeit zu gehen“, sagte sie.

Höchste Zeit, dachte er verwirrt.

3. KAPITEL

Ahornblätter in leuchtenden Herbstfarben zierten das weiße Schild am Straßenrand. Trask Family Farm and Sugarhouse stand in grünen Buchstaben darauf. Das lang gestreckte Gebäude dahinter war sicher der Hofladen, und an seinem Ende verjüngte sich das Schindeldach zum Schornstein des Zuckerhauses.

Celie fuhr auf den Parkplatz. Hierherzufahren war eine spontane Idee gewesen. Sie wollte Jacob Trask wiedersehen.

An der Front des Hauses zog sich eine breite Veranda entlang. Celie stieg die Stufen hinauf und öffnete die Tür. Pinienregale an den Wänden, dazu ein Fußboden aus polierten Hartholzplanken und warme Farbtöne bestimmten das Bild, das dieser liebevoll hergerichtete Souvenirladen bot. Durch einen Türbogen konnte Celie in einen hellen, mit Picknicktischen ausgestatteten Raum blicken. Dort drüben wurden sicher Ahornsirup-Eis und andere Leckereien serviert.

Ein dumpfes Klopfen ließ sie zusammenfahren. Sie sah sich um. Außer ihr war niemand da. „Hallo?“ Celie trat vor und lugte in das Café. Seltsam. Den draußen angeschlagenen Öffnungszeiten nach zu urteilen, musste der Laden zwar eben erst aufgemacht haben, und ihr Wagen war der einzige auf dem Parkplatz, aber trotzdem musste hier doch jemand sein.

Das Pochen wurde lauter. Suchend schaute sie sich ein zweites Mal um und entdeckte eine niedrige Tür, die gerade unter einem erneuten Klopfen erzitterte. Verblüfft verfolgte Celie, wie der Türknauf sich rüttelnd bewegte und leicht drehte. Entweder hatte sie es mit einem Poltergeist zu tun oder …

Eine unverkennbar menschliche Stimme stieß einen knappen Fluch aus. „Wo ist der dritte Arm, wenn man ihn braucht!“

Celie unterdrückte ein Lächeln und griff nach dem Knauf.

Als sie die Tür öffnete, sah sie zuerst nur Kartons und dahinter abwärts führende Stufen. „Sie sind ein Engel“, ertönte eine Frauenstimme, und die Kartons setzten sich in Bewegung. Dabei geriet der Stapel gefährlich ins Wanken.

„Warten Sie, ich helfe Ihnen.“ Sie griff nach den oberen beiden Schachteln – Pappbecher und Servietten, wenn die Aufschrift stimmte –, und wie von Zauberhand kamen Schultern und Kopf einer silberhaarigen Frau zum Vorschein. Ihr Gesicht kam Celie vage bekannt vor.

„Setzen Sie sie einfach auf dem Boden ab.“

„Kommt nicht in Frage. Wo wollen Sie sie hinhaben? Ins Café?“

„Gut beobachtet.“

Celie marschierte in den angrenzenden Raum mit seinen rot-weiß kariert gedeckten Tischen und stellte ihre Fracht auf die Eistheke. „Ist es hier richtig?“

„Großartig. Sie sind ein Schatz.“ Die Frau war ihr gefolgt und lud ihren Stapel ab. „Ich bin Molly Trask.“ Freundlich lächelnd streckte sie ihr die Hand entgegen.

Natürlich. Die Ähnlichkeit war verblüffend. Die gleichen ausgeprägten Wangenknochen, die gleichen strahlend blauen Augen. Nur das Haar war silbrig grau anstelle von schwarz, und sie trug es kinnlang.

„Celie Favreau, zu Ihren Diensten.“

„Sie ahnen nicht, wie sehr. Mit der Tür muss etwas passieren. Sie sollte eigentlich angelehnt bleiben.“

„Wahrscheinlich ist sie zugefallen, als ich hereinkam.“

„Nein, Sie können nichts dafür. Ich sollte endlich lernen, dass man auch zweimal gehen kann. Aber ich hasse Zeitverschwendung.“

„Mir geht es ähnlich. Ich bin berüchtigt dafür, dass ich fünf, sechs Tüten an jede Hand hänge, nur um alle Einkäufe auf einmal ins Haus zu schaffen.“

Molly lachte. „Das könnte mir auch passieren.“ Sie musterte sie. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Dasselbe wollte ich Sie fragen. Brauchen Sie noch etwas aus dem Keller?“

„Das hat Zeit. Wir verlangen von unseren Kunden nicht, dass Sie im Geschäft helfen.“

„Ich bin keine Kundin. Und da ich für die Regierung arbeite, arbeite ich im Grunde für Sie.“

„Aha, Sie sind diejenige, welche.“

Diejenige, welche? „Wie meinen Sie das?“

„Die, die gestern Abend auf der Farmerversammlung gesprochen hat. Jacob hat mir davon erzählt. Allerdings hat er ein paar Dinge ausgelassen.“ Molly Trask betrachtete sie von oben bis unten.

Verlegen sah Celie sie an. Sie hatte das dumme Gefühl, dass Jacobs Mutter nicht vom Ahornschädling sprach. „Nun, ich …, also, ich schicke Ihnen gern die Informationsbroschüren.“

„Offenbar verpasse ich die interessantesten Neuigkeiten bei diesen Treffen.“

Täuschte sie sich, oder lag ein amüsierter Unterton in Mollys Worten?

Bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, ging die Tür zum Zuckerhaus auf. „He, Ma, soll ich dir aus dem Keller noch die …“ Jacob verstummte und starrte Celie an.

Er trug Jeans und ein blau kariertes Hemd offen über einem grauen T-Shirt. Sein Haar war zerzaust. Dunkler Bartschatten bedeckte sein Kinn.

Der Mann sah zum Anbeißen aus!

Celie lächelte ihn an. „Hallo, Jacob.“

Jacob mochte keine Überraschungen. Jetzt musste er verwundert feststellen, dass er sich freute, Celie zu sehen. Er wünschte sich sogar, dass sie nicht gleich wieder verschwinden möge. „Was bringt Sie hierher?“

Sie wühlte in ihrer Tasche. „Ist Ihr Hund in der Nähe?“

„Murphy?“

„Das Shetlandpony, richtig.“

Molly lachte auf.

„Er ist bei mir zu Hause. Wir lassen ihn nicht ins Zuckerhaus, und um diese Jahreszeit ist es zu kalt, als dass er draußen herumstreifen sollte.“

Celie wirkte enttäuscht. „Ich habe ihm ein paar Kekse mitgebracht.“

„Kekse?“

„Hundekekse. Heute Morgen war ich bei Ray im Laden, und er hatte sie im Sonderangebot.“

„Damit sichern Sie sich auf Lebenszeit Murphys Verehrung“, meinte Molly.

Eine Kleinigkeit, albern fast, aber Jacob war gerührt, dass sie seinem Hund etwas mitgebracht hatte.

„Warum nimmst du Celie nicht mit zu dir, damit sie sie Murphy persönlich geben kann?“

Jacob blinzelte. „Was ist mit den Kartons, die ich dir aus dem Keller holen sollte?“

„Oh, die wichtigsten habe ich schon oben. Celie hat mir geholfen.“

Das überraschte ihn nicht. Celie Favreau gehörte zu den Menschen, mit denen man zwei Sekunden nach dem ersten Hallo begeistert Freundschaft schloss.

Die Ladentür öffnete sich, und herein wirbelten schnatternd und lachend drei Frauen. „Okay, raus.“ Molly wedelte mit den Händen, um ihren Sohn hinauszuscheuchen. „Ich habe Kundschaft. Nimm Celie mit zu deinem Pony. Es sei denn, du möchtest mit den Führungen anfangen“, fügte sie nachdrücklich hinzu.

Eine der Frauen wandte sich ihm zu. „Oh, Sie bieten Führungen an?“

„Kommen Sie, wir sagen Murphy Hallo“, sagte er hastig zu Celie.

„Ich hatte mich schon gefragt, wie Sie in den Souvenirladen passen“, meinte Celie, als sie in die kühle Januarluft hinaustraten. Hatte sie tatsächlich, weil sie sich ihn einfach nicht hinter dem Verkaufstresen oder Eis verteilend vorstellen konnte.

„Gar nicht. Das ist Mutters Territorium. Mein Job ist die Siruperzeugung.“

„Topflappen verkaufen ist also nicht Ihr Ding?“

Jacob schlüpfte in seine Lederjacke. „Mit jedem schwatzen, der zur Tür hereinkommt, ist nicht mein Ding.“

„Aha, Ihr Image könnte darunter leiden.“

Das trug ihr einen kritischen Seitenblick ein. „Ich habe kein Image.“

„Natürlich haben Sie. Sie sind der Griesgram der Stadt, erzählt mir hier jeder. Ich glaube, das gefällt Ihnen. Mir kommt es jedoch so vor, als hätten Sie Mühe, das Bild zu wahren. Deshalb glaube ich, dass es nur Fassade ist.“

Er musterte sie finster. „Vielleicht sollte ich Murphy die Kekse selbst geben.“

„Kommt nicht in Frage.“ Sie stopfte die Tüte tief in ihre Tasche. „Ich habe sie gekauft, mir gebührt Hündchens Verehrung. Wo wohnen Sie?“

„Ungefähr eine halbe Meile von hier, dort drüben.“ Er deutete auf einen gewundenen Pfad, der zwischen den Bäumen verschwand. „Wir können zu Fuß hingehen, wenn Ihnen die Kälte nichts ausmacht.“

Celie zog sich ihre Handschuhe an. „Ich bin gern draußen. Außerdem kann ich mir dann die Bäume ansehen.“

„Um nach Anzeichen für den Ahornschädling zu suchen?“

„Nein, ich schaue mir einfach gern Bäume an.“

„Und es wird Ihnen nie langweilig?“

Sie warf ihm einen Blick zu. „Nein. Was ist mit Ihnen?“

„Geht mir genauso“, gab er zu.

Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln. Zuckerahorn, Rotahorn, gelegentlich Eschen, Birken oder Buchen umgaben sie. In der Nacht hatte es leicht geschneit und die Äste und Zweige mit einer glitzernden weißen Schicht eingehüllt.

„Verraten Sie mir, warum Sie allein in den Wäldern leben und nicht in dem großen Farmhaus?“ Sie deutete auf das weiße Schindelhaus.

„Dort bin ich aufgewachsen, aber ich wollte meine eigenen vier Wände.“

„Was ist das – eine Einsiedlerhütte im Unterholz?“

Ein belustigter Blick traf sie. „Sehen Sie, mein Image ist ganz nützlich.“

„Wie ich schon sagte, ich glaube, dass es nur vorgetäuscht ist. Sie wollen sich nicht mit langweiligen Leuten abgeben, also mimen Sie den grantigen Typen. Habe ich recht? Ich sollte hinzufügen, dass ich es Ihnen nicht verdenken kann.“

„Gehöre ich jetzt auf die Couch, Doktor?“

Celie lachte. „Entschuldigen Sie. Ich rede manchmal zu viel. Vor allem nicht immer das, was die Menschen hören wollen.“

„Es ist leicht, das zu sagen, was sie hören wollen. Zu einem offenen Wort gehört mehr.“

„Freut mich, dass Sie das so sehen.“ Sie schürzte die Lippen. „Also, Sie wohnen nicht in einer Einsiedlerhütte. Wo dann?“

„Der Bruder meines Urgroßvaters wollte auch nicht im Farmhaus leben. Er hat sich ein Haus gebaut.“

Verblüfft sah sie ihn an. „Der Bruder Ihres Urgroßvaters? Wie lange lebt Ihre Familie hier denn schon?“

„Seit 1870. Mein Ururgroßvater Hiram Trask kaufte das Land, nachdem er aus dem Bürgerkrieg heimkehrte.“

„Was hat er gemacht, auf dem Weg nach Hause ein paar Souvenirs gesammelt?“

„Er ging für den Sohn eines wohlhabenden Mühlenbesitzers aus Burlington in den Kampf. Dafür bekam er eine nette Summe. Ursprünglich hatte er geplant, mit dem Geld nach Europa zu gehen oder nach Südafrika.“

„Aber er tat es nicht.“

„Erlebnisse wie die Schlacht bei Sharpsburg verändern einen Mann. Hiram kam nach Hause, kaufte so viele Hektar Ahornwald, wie er sich leisten konnte, und versteckte sich einfach. Wahrscheinlich reichte ihm, was er von der Welt gesehen hatte.“

„Das haben Sie wohl von ihm geerbt.“ Celie wanderte an den Wegrand und strich über den glatten, hellen Stamm einer Birke.

„Vermutlich. In jeder Generation gab es einen Trask, der für sich blieb.“

„Woher wissen Sie so viel über Ihre Vorfahren?“

„Sie haben Tagebuch geführt, und die Bücher liegen im Haupthaus. Als ich sechzehn war, habe ich sie gründlich gelesen.“

„Gegen Langeweile in den Sommerferien?“

„Ich fand wohl, ich sollte wissen, woher ich stamme.“

Vielleicht lag darin seine unerschütterliche Selbstgewissheit begründet. „War das Land mit Zuckerahorn bepflanzt, als Hiram es kaufte?“

„Teilweise. Er kaufte zwei, drei Stücke mit unterschiedlichem Zuckerwald und verband sie mit Land, das er selbst bepflanzte. Für ihn wurde es eine Art Lebenswerk.“

Es muss eine Erlösung gewesen sein, dachte sie, sich nach dem blutigen Chaos auf dem Schlachtfeld eine Zuflucht zu schaffen. Geduldig, planvoll, an einem sicheren, geschützten Ort, wo es nicht in jeder Minute ums Überleben ging.

„Die Bäume sehen aus, als hätte jemand genau gewusst, was er tat, als er die Pflanzung anlegte.“

„Hiram hat alles gelesen, was er über die Bewirtschaftung von Zuckerwäldern in die Hände bekam. Er schickte seinen Sohn Ethan sogar deswegen zur Schule.“

„Den, der Ihr Haus gebaut hat?“

„Nein, das war sein Bruder Isaac. Er blieb auf der Farm.“

„Freiwillig oder weil sein Vater es wollte?“

„Sowohl als auch. Bildung kostete damals viel Geld, aber in seinen Tagebüchern klingt durch, dass er mit dem Leben hier glücklich war. Einige Jahre umwarb er eine Frau, aber sie heiratete schließlich einen anderen. In Boston. Die Vorstellung, mitten in der Einöde zu leben, gefiel ihr wohl nicht.“

„Ja, man müsste sich erst daran gewöhnen.“

Er wandte sich ihr zu, blickte sie mit seinen tiefgründigen blauen Augen eindringlich an. „Ich glaube nicht, dass man lernen kann, mit sich selbst zufrieden zu sein. Entweder man ist es, oder man ist es nicht.“

Nach einer letzten Biegung mündete der Weg in eine lange, von mächtigen Eichen gesäumte Allee, an deren Ende Jacobs Haus stand.

Celie hielt den Atem an.

Sie hatte ein mit Schindeln verkleidetes kleines Farmhaus erwartet, nicht einen dreigeschossigen viktorianischen Prachtbau mit Giebelchen, kunstvoll geschnitzten Dachtraufen, Säulen und Geländern. Allein der Anstrich war ein Kunstwerk für sich. Ein halbes Dutzend verschiedener Braun-, Grün- und Goldtöne, durch die das Haus sich von der Landschaft abhob und doch gleichzeitig wundervoll mit ihr harmonierte. „Großer Gott, das hat er selbst gebaut?“

Jacob nickte. „Er brauchte acht Jahre. Verbrachte jede freie Minute damit. Für die Frau, die er heiraten wollte. Sie stammte aus Montpelier.“ Sie gingen die Allee entlang.

„Montpelier? Damals war das eine ganz schöne Entfernung. Wie haben sie sich kennengelernt?“

„Sie kam zum Erntedankfest auf die Farm, und Isaac verliebte sich in sie. Sarah Jane Embree. Sie war fünfzehn, er vierundzwanzig. Ihr Vater war Anwalt, ein angesehener Mann.“

Über ihren Köpfen neigte sich das Astwerk der Eichen zuei­nander. Celie stellte sich vor, wie sie im Sommer ein üppig grünes Blätterdach bildeten. „Isaac hat um sie geworben? Ihr Vater hat sich bestimmt keinen Farmer als Schwiegersohn vorgestellt.“

„Die Trask-Farm war ein florierender Betrieb, und Isaac sollte die Hälfte erben. Embree sicherte sich nach allen Seiten ab. Er erklärte Isaac, dass er Sarah Jane den Hof machen dürfe, wenn er ihr den Lebensstil ermöglichte, der einer Embree würdig war. Den Satz in seinem Tagebuch hat Isaac unterstrichen. Der Lebensstil, der ihrer würdig war. Nur das Beste.“

„Einschließlich einer Villa.“

Er nickte. „Das schreckte ihn nicht ab. Er krempelte die Ärmel hoch und fing an. Gab jeden Penny, den er übrig hatte, für edles Material aus – Marmorwaschbecken, kristallene Türknaufe, kunstvoll gearbeitete Tiffany-Fenster. Er verkaufte sogar einen Teil seines Zuckerwaldes, um den Bau zu finanzieren. Er dachte, wenn er nur hart genug arbeitete, würde er sie für sich gewinnen.“

„Aber daraus wurde nichts.“

„Nein. 1906 war er fast fertig. Die Mahagonimöbel standen an Ort und Stelle, es gab fließend Wasser und sogar Strom von einem Generator hinter dem Haus. Doch Sarah Jane hatte sich bereits verlobt, mit einem Schulfreund ihres Bruders. Mit Beacon Hill konnte ein Haus im Wald nicht konkurrieren. Ich habe noch den Ring, den er für sie gekauft hatte.“

„Er muss am Boden zerstört gewesen sein.“ Celie sah zum Haus, das trotz seiner Pracht verlassen wirkte.

„Ja, er kam nicht darüber hinweg. Hat nie eine andere Frau angesehen.“

„Er war besessen.“

„Er hat sie geliebt“, sagte Jacob ruhig.

Sie fand es unsäglich traurig. „Sie war nicht für ihn bestimmt.“

„Darum ging es nicht. Er hat fest daran geglaubt, dass er ihr nur genug zu bieten bräuchte, damit sie seine Frau würde.“

„Aber mit einem Haus gewinnt man keine Liebe und kein Glück. Dazu braucht es nur den richtigen Menschen, einen, der dich aufrichtig liebt.“ Sie schaute auf. Ihre Blicke trafen sich, verfingen sich. Die Umgebung verschwamm, Celie sah nur noch seine blauen Augen und hatte das Gefühl, in ihnen zu versinken, tiefer und tiefer …

Wütendes Gebell brach den Zauber. Sie schüttelte kurz den Kopf, versuchte, die Benommenheit loszuwerden. Als sie sich umdrehte, preschte Murphy bereits auf sie zu. Erleichtert ging sie in die Hocke, um den Hund zu begrüßen. „Na, wer ist denn da? Wen haben wir denn da?“ Sie kraulte ihn im Nacken, während der Mischling aufgeregt an ihr hochsprang.

„Platz, Murphy“, sagte Jacob, und der Hund gehorchte, wedelte aber heftig mit dem Schwanz.

„Guck mal, Murphy, ich habe dir einen Keks mitgebracht.“ Celie holte die Tüte aus der Jackentasche. „Hier ist ein Keks für den lieben, guten Hund.“ Sie hielt ihn in die Höhe. „Glaubst du, dein Herrchen zeigt mir sein Haus, wenn ich dir diesen Keks gebe?“

Murphy bellte.

Lachend sah sie Jacob an. „Ich würde sagen, das war ein Ja. Was sagt das Herrchen dazu?“

Und der Einzelgänger der jüngsten Trask-Generation nickte nur.

Staunend schaute Celie sich in der herrschaftlichen Eingangshalle um. Der goldbraune Eichenholzboden schimmerte, und die Decke war an die drei Meter hoch. Sonnenlicht strömte durch das geschliffene Glasoval in der Haustür.

„Es ist wundervoll.“

„Isaac zog allein hier ein. Er starb jung, hat sich praktisch zu Tode getrunken.“

Welch eine Tragödie steckte hinter so viel Schönheit … „Unglaublich. Solche Häuser sieht man sonst nur in Newport auf Rhode Island. Sagen Sie nicht, es hat die ganze Zeit leer gestanden?“

„Gelegentlich hat jemand aus der Familie für ein paar Jahre hier gewohnt, aber nie länger. Wir haben versucht, es zu vermieten, ohne großen Erfolg.“

„Und dann?“

„Mein Vater und mein Großvater sorgten dafür, dass es nicht verfiel. Haben Fenster ersetzt und so weiter. Als ich Isaacs Tagebücher las, war ich total fasziniert. Ich reparierte ab und zu etwas, wenn ich Zeit hatte. Mit ernsthaften Restaurierungen habe ich mich erst befasst, als ich einzog.“

„Wann war das?“

„Vor siebzehn Jahren. Meine Eltern gaben ihr Okay erst, als ich achtzehn war, und danach verging ein volles Jahr mit Bauarbeiten. Ein Teil des Bodens war verrottet, und auch die Verandapfosten mussten ersetzt werden. Nachdem ich das erledigt hatte, kamen die Innenarbeiten dran.“

„Die Sie wirklich perfekt ausgeführt haben“, murmelte sie und strich über die glänzenden Rahmen der Doppelglastüren, die zum Wohnzimmer führten. „Darf ich?“

„Natürlich.“

Ein Perserteppich schmückte den Fußboden. Von der Decke, umgeben von einer reich verzierten Gipsrosette, hing die Kette, die den Bronze-Kristalllüster trug. Volle Bücherregale bedeckten fast jede Wand. Einige Bücher hatten einen Ledereinband und stammten sicher aus Isaacs Zeit, aber die meisten waren farbenfrohe Taschenbücher. Von Ray wusste sie, dass Jacob gern las, aber sie hatte keine Ahnung gehabt, wie viel.

„Hatte Isaac die Idee mit den Bücherregalen?“

Jacob wich verlegen ihrem Blick aus. „Nein, ich.“

„Ein Haus wie dieses sollte eine Bibliothek haben.“

„Ja, aber ich habe meine Bücher gern griffbereit.“

Tatsächlich wirkte das Zimmer wie eine Bibliothek mit all den Regalen, den grünen Lampenschirmen und den Ledersofas und – sesseln. Gegenüber dem Kamin stand offenbar Jacobs Lieblingssessel, und an ihm lehnte, neben der Messing-Stehlampe, eine Gitarre.

„Sie spielen Gitarre?“

„Ein bisschen.“

„Seit wann spielen Sie?“

„Ich weiß nicht, seit ich elf war, glaube ich.“

Amüsiert betrachtete sie ihn. „Ein bisschen, sagt er! Und spielt seit fünfundzwanzig Jahren. Was, zum Beispiel?“

„Ach, Verschiedenes“, sagte er und ging zur Tür. „Folk, Country, manchmal Klassisches, manchmal Blues.“

Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, das merkte sie. Jacob Trask, ein Mann wie ein Fels, unerschütterlich und gelassen, wirkte plötzlich verlegen. Celie war plötzlich total angerührt. Leise sagte sie: „Spielen Sie für mich, Jacob.“

Abrupt blieb er stehen und starrte sie an. „Ich spiele nicht für andere.“

„Aber für Ihre Familie müssen Sie doch gespielt haben.“

Wieder bewegte er sich unbehaglich. „Meistens tue ich es für mich.“

„Dann ist Murphy der Einzige, der in den Genuss kommt, Sie spielen zu hören?“

Murphy hob den Kopf und verließ sein Kissen in der Ecke.

Abwesend kraulte Jacob die Ohren seines Hundes. „Wenn ich jemandem vorspiele, ist es anders, als wenn ich alleine bin. Es geht mir nicht darum, Leute zu beeindrucken. Ich spiele gern, das ist alles.“

„Und wenn ich verspreche, mich nicht beeindrucken zu lassen?“

Fast hätte er gelächelt. „Später“, sagte er und ging zur Tür.

„Gibt es denn ein Später?“

Sein Blick trieb ihr das Blut in die Wangen. „Wir werden sehen.“

Das Tageslicht schwand, Dämmerung stahl sich ins Zimmer. Murphy lag auf seinem Kissen. Jacob zupfte eine Country-Melodie auf der Gitarre. Abrupt hörte er auf und runzelte die Stirn. Spielen Sie für mich, hörte er Celie wieder sagen.

Zwei Tage waren erst vergangen, seit er sie in seinem Wald angetroffen hatte. Zwei Tage, in denen sie ihm kaum aus dem Sinn ging. Es kam ihm länger vor. Nicht dass er noch nie mit einer Frau zusammen gewesen wäre. Jacob hatte Leidenschaft erlebt, wusste, wie es war, in den Armen einer Frau zu liegen, die ihm etwas bedeutete.

Und er wusste, wie es war, wenn sie wieder ging. Hier in Eastmont gab es wenig, was eine Frau zum Bleiben bewegen würde. Die meisten Frauen wollten mehr. Mehr, als Jacob zu geben bereit war.

Nachdenklich stimmte er einen Blues an.

Es war Ende Januar, der Beginn einer intensiven Arbeitsperiode. Die Stunden des Tages reichten nicht aus, um die anstehenden Aufgaben zu erledigen. Jacob hatte keine Zeit für einen hübschen Wirbelwind mit blitzenden Augen und dem verwirrenden Talent, ihn zum Reden zu bringen. Sie würde ihn zum Lachen bringen. Sie würde sich in seine Träume schleichen.

Was dann passierte, kannte er. Er ließ sich auf sie ein, verabredete sich ein paarmal, und plötzlich entstanden Verpflichtungen. Irgendwann würde er sein einsiedlerisches Leben verteidigen müssen und die Tatsache, dass er nun mal so war, wie er war. Deshalb lebte er lieber allein. Murphy war ihm Gesellschaft genug.

Vor allem in diesem Jahr konnte er keine Ablenkung gebrauchen. Seit dem Tod seines Vaters spürte er die Verantwortung für die Familienfarm wie ein schweres Gewicht auf seinen Schultern. Er hatte immer geglaubt, sehr belastbar zu sein, aber inzwischen beschlichen ihn ab und zu Zweifel. Und jetzt bedrohte auch noch dieser Ahornschädling seine Existenz. Wer wusste schon, wie die Zukunft aussah?

Ohne es zu merken, wechselte er in einen getragenen Gospel. Als das Telefon läutete, kümmerte er sich nicht darum. Der Anrufbeantworter sprang an, und Jacob hörte sich selbst: „Ich bin’s. Hinterlassen Sie eine Nachricht.“

„Hier ist Gabe. Geh ran“, ertönte die Stimme seines jüngsten Bruders. „Ich weiß, dass du da bist. He, Murphy, hörst du mich?“ Murphy winselte leise. „Nimm den Hörer ab, ja?“

Murphy bellte. Grinsend langte Jacob nach dem Telefon. „Was willst du?“

„Ich wusste, dass du zu Hause bist.“

„Und weshalb nervst du mich?“

„Hab nichts Besseres zu tun.“

„Streite mit Hadley.“

„Ausgeschlossen. Sie betet mich an, ich kann kaum einen Schritt allein …, au!“, beschwerte er sich bei jemandem im Hintergrund. „Das hat wehgetan!“

„Will sie doch streiten?“

„Lass dich nicht täuschen, sie ist verrückt nach mir“, erklärte Gabe. „Was ist los bei euch? Du hattest eine Nachricht hinterlassen.“

Jacob hörte auf zu grinsen. „Ich dachte, du solltest Bescheid wissen. Wir könnten Probleme bekommen.“

„Was für welche?“

„Ein paar Spezialisten vom Landwirtschaftsministerium prüfen die Bäume auf einen Käfer, der Ahornbäume schädigt.“

„Sind unsere Bäume betroffen?“

„Das ist noch nicht erwiesen. Aber sie werden sie überprüfen.“ Er dachte an Celie, runzelte die Stirn. „Falls sie etwas finden, werden sie Bäume fällen müssen.“

„Viele?“

„Einige Hektar.“

Gabe schwieg einen Moment. „Das ist happig. Was passiert mit deinem Einkommen?“

„Rechne es dir aus. Wir haben vierzig Hektar. Zehn Prozent weniger wäre ein empfindlicher Verlust.“

„Würdet ihr trotzdem zurechtkommen, du und Ma?“

„Wahrscheinlich.“ Doch die Ungewissheit nagte an ihm. „Allerdings fallen eure Anteile dann geringer aus.“

Gabe schnaubte. „Na und? Ich habe einen Job, Jacob, und Nick auch. Du bist derjenige, der von morgens bis abends schuftet, um die Farm zu bewirtschaften. Dir sollte der volle Ertrag gehören, dir und Ma.“

„Aber es ist auch dein Land.“

„Solange ich kommen kann, wann ich will, bin ich zufrieden. Machst du dir Sorgen wegen des Schädlings?“

„Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was ich denken soll.“

Eine Pause folgte. „Geht’s dir gut?“

„Ja, sicher. Warum?“

„Weil ich es noch nie erlebt habe, dass du keine Meinung hast. Ich dachte, vielleicht bist du krank oder so.“

„Du bist ein Witzbold, weißt du das?“

„Ja. Aber im Ernst, wie sieht es aus?“

„Das lässt sich noch nicht sagen. Celie kommt am Montag mit ihrem Team raus, um das Gelände zu begutachten. Danach werden wir mehr wissen.“

„Was sagt Ma?“

„Bis jetzt nimmt sie es gelassen. Ich habe ihr nur das Nötigste erzählt, damit sie nicht in Panik gerät. Schließlich ist noch nichts amtlich. Abgesehen davon hat sie im Moment anderes im Kopf.“

„Ich weiß. Es ist bald ein Jahr her.“

„Im übernächsten Monat.“ Vor einem Jahr um diese Zeit war Adam Trask noch da gewesen. Jacob hatte einen Vater und Geschäftspartner, Molly einen Mann gehabt. Eines Morgens, draußen im Zuckerwald, hatte sich alles schlagartig geändert …

„Wie geht es ihr?“

„Sie sieht traurig aus, wenn sie sich unbeobachtet glaubt.“ Er starrte in seinen Kaffee. „Neulich hat sie geweint.“

„Geweint?“ Gabe war beunruhigt.

„Ja.“ Er hatte es kaum ausgehalten und nicht gewusst, was er machen sollte. „Du kennst Ma, zwei Minuten später ist sie wieder okay, aber sie hat es gerade nicht leicht.“

„Sie braucht uns. Hör zu, nächste Woche habe ich in Montpelier zu tun. Ich komme abends vorbei und bleibe zum Essen.“

„Gute Idee. Bring Hadley mit.“

„Das wird kaum möglich sein. Sie fliegt zu einer Firmenkonferenz nach New York und will auch nach ihrem Apartment sehen.“

„Verkauft sie es?“

„Ja. Sie hat hier im Managerhaus des Hotels eine Wohnung.“

„Im selben Managerhaus, in dem du auch wohnst?“

„Glaub nicht, dass wir in wilder Ehe leben. Sie hat ihr Apartment, ich meins.“

Jacob streckte sich. „Wie lange noch, kleiner Bruder?“, fragte er belustigt.

„Ich habe gelernt, mich in Geduld zu üben. Wir werden wissen, wann der richtige Zeitpunkt da ist.“

„Viel Glück.“

„Danke.“ Gabe schwieg kurz. „Und wer ist Celie?“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Bianca Gold Band 19" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen