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BIANCA GOLD BAND 17

Mit dir für immer glücklich

JOAN ELLITOT PICKART

Sag doch bitte Ja

Für den Unternehmer Mark Chandler ist Cedar ein Geschenk des Himmels! Die Kinderpsychologin befreit nicht nur seinen kleinen Neffen Joey von allem Kummer, sie ist zudem Marks absolute Traumfrau! Er muss sie erobern – und tut es mit sinnlichen Küssen … Aber da zieht sie sich zurück. Kann Mark sie doch noch von einer wundervollen gemeinsamen Zukunft überzeugen?

SHERRYL WOODS

Endlich verheiratet?

Höchste Zeit, dass ihr Neffe Richard heiratet, findet Destiny und schickt dem überzeugten Junggesellen die bildhübsche PR-Beraterin Melanie ins Haus. Der Plan zeigt Erfolg: Richard stellt die hinreißende Frau tatsächlich ein! Doch dabei soll es bleiben. Selbst noch, als der Schnee die beiden in seinem Ferienhaus einschließt und sie sich gefährlich nahe kommen …

ANNE MCALLISTER

Drei Worte, die das Glück bedeuten

Erins Herz rast: Deke Malone ist zurück! Schon auf der High School liebte sie ihn abgöttisch. Damals waren sie nur Freunde, heute aber verraten die Blicke des attraktiven Fotografen echtes Begehren. Erins Träume erfüllen sich endgültig, als Deke ihr einen Heiratsantrag macht! Oder braucht der wundervolle Mann sie etwa nur als Mutter für sein süßes Kind?

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Sag doch bitte Ja

1. KAPITEL

Gereizt blickte Cedar Kennedy auf ihre Armbanduhr. Ihr neuer Patient, der um siebzehn Uhr hätte eintreffen sollen, war bereits zehn Minuten zu spät. Da ihre Sprechstundenhilfe Bethany heute früher gegangen war, nahm Cedar die bearbeiteten Vorgänge und brachte sie ins Vorzimmer, um sie ihr in den Posteingangskorb zu legen.

Sie setzte sich an Bethanys Schreibtisch und studierte gerade den Terminkalender für den folgenden Tag, da wurde die Tür zu ihrer Praxis geöffnet, und ein Mann kam herein. Cedar betrachtete ihn von oben bis unten. Er war groß und so breitschultrig, dass sich sein verblasstes Hemd bedenklich spannte. Seine Jeans war mit Staub bedeckt, er trug schwere Arbeitsstiefel, und sein Gesicht … liebe Güte … es hätte nicht männlicher sein können. Er war unrasiert, und sein volles schwarzes Haar war ein deutliches Stück zu lang. Dann fielen ihr seine außergewöhnlich dunklen Augen auf, als er seinen Blick durch das Vorzimmer schweifen ließ und sich dem Schreibtisch näherte.

Cedar fand den Mann wirklich ungeheuer attraktiv. Was aber nichts daran änderte, dass er zu spät war und dass sie ihm klarmachen musste, wie wichtig es war, zu einem vereinbarten Termin pünktlich zu erscheinen.

„Mr Chandler?“, fragte sie und stand auf.

„Ja, ich bin Mark Chandler.“

Eine tiefe Stimme, stellte Cedar fest. Eine Stimme, die zu einem Mann von dieser Statur perfekt passte.

Mark Chandler sah zur Tür, die ins Sprechzimmer führte, und fragte mit gedämpfter Stimme: „Ich bin ein paar Minuten zu spät dran. Legt Ihre Chefin sehr großen Wert auf Pünktlichkeit?“ Sein Blick wanderte kurz zu dem Namensschild auf dem Schreibtisch. „Ich möchte sie nicht unbedingt auf dem falschen Fuß erwischen, Bethany … Sie verstehen, wie ich das meine? Wissen Sie, ich weiß selbst nicht mehr weiter, und ich brauche wirklich die Hilfe Ihrer Chefin.“ Er wischte über die Hosenbeine. „Ich hoffe, sie hat nichts gegen Baustellenstaub. Aber mir blieb einfach keine Zeit, um erst noch nach Hause zu fahren und mich umzuziehen.“

Cedar musste sich zwingen, nicht länger auf seine Beine zu starren, doch der Blick in seine dunklen Augen war auch nicht dazu angetan, sie auf andere Gedanken zu bringen. „Ich …“, begann sie, musste sich aber erst einmal räuspern, da ihre Stimme ihr den Dienst versagte.

„Ich war noch nie in einem solchen Laden wie dem hier“, fuhr Mark fort, ohne ihre Antwort abzuwarten. „Wie ist Ihre Chefin denn so? Ist sie so spießig und förmlich, wie man das über diese Leute immer hört? Wissen Sie, ich fühle mich hier eigentlich völlig fehl am Platz, aber ich weiß einfach nicht mehr weiter. Was sollte ich am besten tun, damit Dr. Kennedy vergisst, dass ich zu spät gekommen bin?“

„Hmmm“, entgegnete Cedar und sah ihn einige Augenblicke lang nachdenklich an. „Also ich finde nicht, dass Dr. Kennedy spießig ist, Mr Chandler. Meiner Meinung nach sollten Sie sich einfach entschuldigen und ihr versprechen, bei zukünftigen Terminen nicht mehr zu spät zu kommen.“

„Das kriege ich bestimmt hin. Also gut, dann sagen Sie der Seelenklempnerin mal, dass ich da bin.“

„Seelenklempnerin?“, wiederholte Cedar ziemlich verblüfft. „Dr. Kennedy ist Psychologin, Mr Chandler.“

„Ja, ja“, meinte er beiläufig und seufzte. „Ich fühle mich wie erschlagen. Das war ein harter Tag, ich bin müde und hungrig, und ich könnte eine Dusche gebrauchen. Also bringen wir die Aktion hinter uns.“

„Aber selbstverständlich“, gab Cedar zurück und stand auf. „Wir wollen Sie doch ganz bestimmt nicht warten lassen, nachdem Sie jetzt so gnädig sind, uns mit Ihrer Anwesenheit zu beehren. Pünktlichkeit ist eine Tugend, Mr Chandler. Es wäre gut, wenn Sie sich das merken würden.“

„Oh, hatten Sie auch einen harten Tag? Sie sind ja nicht gerade die Freundlichkeit in Person, Bethany. Ich muss sagen, Sie sind eine attraktive Frau, aber wenn Sie mal lächeln würden, sähen Sie ganz bestimmt noch viel schöner aus.“

„Wenn Sie mir dann folgen würden“, sagte sie nur und ging an Mark vorbei in ihr Büro.

„Mit dem größten Vergnügen“, erwiderte Mark, zuckte aber leicht zusammen, als die Frau ihm über die Schulter einen eisigen Blick zuwarf.

Wirklich nett, dachte Mark, als sie vor ihm her durch den Raum ging. Sie hatte lockiges rötlich braunes Haar, das ihr über die Schultern fiel. Ihre Gesichtszüge waren fein geschnitten, und ihre Augen hatten einen ganz außergewöhnlichen Blauton. Die dunkelblaue Hose und der hellblaue Pullover betonten ihre Augenfarbe und ihre wohlgeformten Kurven. Ja, sie war tatsächlich ansprechend, wenn sie bloß nicht so mürrisch gewesen wäre.

Sie führte ihn ins Sprechzimmer und deutete auf die beiden Sessel vor dem großen Mahagonischreibtisch. Kaum hatte Mark sich hingesetzt, ging sie um den Tisch herum und nahm ebenfalls Platz.

„Mr Chandler“, sagte sie und legte die Hände gefaltet auf die Akte, die vor ihr lag. „Ich bin Dr. Cedar Kennedy. Erscheinen Sie bitte bei künftigen Terminen nicht zu spät. Wenn ich deswegen spießig auf Sie wirke, kann ich es auch nicht ändern.“

„Ooooh, verdammt“, stöhnte Mark und schloss kurz die Augen. „Sie sind gar nicht die Empfangsdame?“

„Nein.“

„Das hätten Sie mir auch sagen können, bevor ich mich vollkommen zum Affen gemacht habe.“

„Sie waren so gut darin, da wollte ich Sie nicht unterbrechen.“

„Ja, schon verstanden“, gab Mark zurück und hob beschwichtigend die Hände. „Können wir noch mal ganz von vorn anfangen? Es tut mir leid, dass ich mich verspätet habe. Das wird nicht wieder vorkommen. Und es tut mir auch leid, dass ich den Staub von der Baustelle in Ihr Sprechzimmer trage. Allerdings wird das wahrscheinlich wieder vorkommen. Hören Sie, Sie müssen mir helfen, und mein Hausarzt – Dr. Gibson – sagt, Sie seien für diese Art von Problemen die Beste. Werden Sie mir helfen? Bitte?“

Cedar ließ sich in ihrem Sessel nach hinten sinken und lächelte Mark Chandler an. „Ich werde es auf jeden Fall versuchen“, erwiderte sie. „Am besten erzählen Sie mir, weshalb Sie hergekommen sind. Reden Sie einfach drauflos, ich werde mir gleichzeitig Notizen machen. Auf diese Weise kann ich … Stimmt etwas nicht? Sie sehen mich so … so eindringlich an.“

„Wie? Oh, entschuldigen Sie. Das war mir nicht bewusst gewesen, aber … wie ich vorhin sagte, würden Sie noch hübscher aussehen, wenn Sie lächeln würden. Doch jetzt sehe ich, dass das stark untertrieben war. Seit Sie tatsächlich lächeln, hat sich Ihre Miene richtiggehend aufgehellt, und Ihre Augen funkeln. So ein Funkeln habe ich noch nie beobachtet. Tragen Sie Kontaktlinsen?“

„Nein.“ Cedar spürte, dass ihre Wangen rot wurden, während sie über Marks Komplimente nachdachte.

Das kann nicht funktionieren, ermahnte sie sich. Dieser Mann mit seinem verdammt guten Aussehen brachte sie völlig aus dem Konzept, was überhaupt nicht zu ihr passte. Sie musste die Situation wieder in den Griff bekommen und die Oberhand gewinnen – und zwar auf der Stelle. Ihre Reaktion auf Mark spielte sich auf einer persönlichen, nicht auf einer beruflichen Ebene ab, und das war völlig unprofessionell.

„Mr Chandler“, erklärte sie kühl. „Die Uhr läuft, und wir vergeuden wertvolle Minuten mit Dingen, die nichts mit dem Grund zu tun haben dürften, der Sie hergeführt hat. Können wir jetzt zum eigentlichen Thema kommen?“

„Sie sind sauer“, sagte er. „Gibt es irgendeine Vorschrift, die verbietet, einer Seelenklempnerin zu sagen, dass sie schön ist? Sie wissen ja, ich hatte noch nie mit einer Seelenkl… entschuldigen Sie … mit einer Psychologin zu tun. Könnten Sie da nicht etwas weniger streng mit mir sein?“

„Einverstanden“, gab Cedar zurück. „Dann erzählen Sie mir jetzt aber bitte, weshalb Sie hier sind.“

Nach einem niedergeschlagen klingenden Seufzer, der von Herzen zu kommen schien, begann er schließlich zu reden. „Ich bin wegen Joey hier. Er ist so schrecklich traurig, und ich kann nicht zu ihm durchdringen, ganz egal, was ich versuche. Er hat sich völlig zurückgezogen, aber es kann nicht so weitergehen.“

Cedar schlug die Unterlagen auf und notierte den Namen Joey, während sie sich fragte, wer wohl dieser Joey sein mochte. Nach Marks Tonfall zu urteilen, musste er ihm sehr viel bedeuten. Da Dr. Gibson ihn zu ihr geschickt hatte, gab es zwar eine naheliegende Erklärung, aber sie wollte nicht auf gut Glück raten.

Sie räusperte sich. „Mr Chandler, ich bin Ihnen gegenüber ein wenig im Nachteil. Normalerweise lässt Bethany jeden neuen Patienten einen Fragebogen ausfüllen, aus dem hervorgehen würde, wer Joey ist. Sie musste aber früher gehen, und ich habe nicht an den Bogen gedacht. Ich werde ihn Ihnen nachher noch geben, allerdings müssen Sie bis dahin Ihre Situation etwas ausführlicher erklären. Sind Sie verheiratet? Ist Joey Ihr Sohn?“

„Nein, ich bin nicht verheiratet. War ich auch nie. Joey ist mein Neffe.“

Hurra, Mark Chandler ist ledig! Cedar musste schlucken, als ihr bewusst wurde, welcher Gedanke ihr da gerade eben gekommen war. Wie konnte ihr nur etwas so Unprofessionelles passieren? Ganz zu schweigen davon, dass es für sie völlig untypisch war, sich mit dem Aussehen und dem Familienstand eines Mannes zu befassen, den sie erst seit wenigen Minuten kannte. Das war total absurd. Sie war müde, weil sie einen langen und anstrengenden Tag hinter sich hatte. Das war die einzige Erklärung dafür, dass ihr solche Gedanken durch den Kopf gingen.

„Aha, also Ihr Neffe“, wiederholte sie rasch und machte eine Notiz. „Wie alt ist er?“

„Sieben.“

„Erzählen Sie mir mehr über Joey.“

Wieder ein Seufzer. „Er ist der Sohn meiner Schwester Mary. Sie und ihr Mann John kamen vor zwei Monaten bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Joey war zu der Zeit bei einem Freund.“

Cedar nickte und machte weiter Notizen.

„Ich flog nach New York, um die Beerdigung zu regeln, und war etwa drei Wochen dort, um alles Notwendige zu erledigen. Joey verbrachte die meiste Zeit bei den Nachbarn, da ich zu viel zu tun hatte. Anschließend habe ich ihn hierher nach Phoenix mitgebracht. Ich bin sein Vormund, müssen Sie wissen.“

„Wie hat er auf diese Ereignisse reagiert?“

Mark zuckte mit den Schultern. „Eigentlich gar nicht. Er kommt mir vor wie ein Zombie. Er redet kaum ein Wort, bleibt die meiste Zeit allein in seinem Zimmer und scheint sich in seiner eigenen kleinen Welt zu bewegen, in die er niemanden hereinlässt. Ich habe ihn in der Schule angemeldet, aber von seiner Lehrerin muss ich hören, dass er im Unterricht einfach nur dasitzt und nichts tut. Ich nahm ihn auch mit zu Dr. Gibson, um sicherzugehen, dass er gesund ist … tja, und jetzt bin ich bei Ihnen gelandet.“

„Wie gut kennt Joey Sie, Mr Chandler?“

„Sagen Sie doch bitte Mark. Mit meiner Schwester habe ich mich gut verstanden, wir haben mindestens einmal in der Woche telefoniert. Durch meine Arbeit hatte ich nicht oft Zeit, nach New York zu reisen. Letzte Weihnachten war ich ein paar Tage bei ihnen, aber … Joey weiß, wer ich bin, doch wie gut er mich kennt? Ich würde sagen, er kennt mich sicher nicht gut genug, um sich in meiner Gegenwart wohlzufühlen oder um mir zu vertrauen. Ich bin für ihn nur sein Onkel, den er hin und wieder gesehen hat.“

„Fühlen Sie sich in seiner Gegenwart wohl?“

„Nicht wirklich“, gestand er nach kurzem Zögern ein. „Ich habe keine Ahnung, was ich ihm über seine Eltern erzählen soll. Ich weiß ja nicht mal, was ich am besten sage, um von ihm zu erfahren, wie sein Tag war. Beim Abendessen frage ich ihn, wie es in der Schule war, und er antwortet: ‚War okay.‘ Und das war es dann. Nach dem Essen verschwindet er auf sein Zimmer, bis ich ihm sage, dass es Zeit wird, ins Bett zu gehen.“

„Klingt so, als würde Joey alle seine Gefühle unter Verschluss halten“, meinte Cedar.

„Das ist eine gute Formulierung“, stimmte Mark ihr zu und lächelte flüchtig. „Mir ist klar, dass ich so nicht weitermachen kann, weil das Joey nicht hilft. Ich brauche unbedingt Hilfe, und außerdem ist es schon November, und wenn Joey nicht bald die Schule in den Griff bekommt, wird er die zweite Klasse nicht schaffen. Die Stimmung bei uns zu Hause ist auf dem Nullpunkt.“

„Ich verstehe“, erwiderte Cedar. „Ich habe jetzt alle Informationen, die nötig sind, damit ich mit Joey arbeiten kann. Den Fragebogen müssen Sie aber trotzdem ausfüllen. In der ersten Zeit möchte ich ihn dreimal in der Woche sehen. Hat er nach der Schule Zeit?“

„Eigentlich nicht. Von der Schule wird er mit dem Bus in eine Tagesstätte gebracht, wo ich ihn dann gegen sechs Uhr abhole, kurz bevor die schließen.“

„Für einen Jungen in dem Alter ist das ein langer Tag“, merkte Cedar an.

„Ich weiß, aber ich bin der Chef von Chandler Construction und habe den Tag über sehr viel zu tun.“

„Mit dem Problem können wir uns später auseinandersetzen“, sagte sie. „Es sieht so aus, Mr … Mark. Ich werde mal nur mit Ihnen, mal mit Ihnen und Joey und auch mal mit Joey allein reden wollen. Außerdem arbeite ich etwas anders als die meisten Kinderpsychologen. Auf ein Kind kann eine Praxis eine einschüchternde Wirkung haben, deshalb werde ich auch mal zu Ihnen nach Hause kommen. Oder ich gehe mit Joey spazieren, oder wir setzen uns alle zusammen irgendwohin und essen eine Pizza. Wir werden das im Einzelfall kurzfristig absprechen.“

„Sie sind der Doc.“

„Nun zu Joeys Terminen. Es geht nicht, dass Sie ihn erst herbringen, wenn Sie Feierabend machen. Er ist dann müde und hungrig, deshalb müssen Sie ihn dreimal in der Woche gleich nach der Schule zu mir bringen.“

„Oh Mann“, meinte Mark und rieb sich das Genick. „Ja, okay, ich werde mir da irgendetwas überlegen müssen.“

„Gut.“ Cedar stand auf. „Kommen Sie mit nach vorn, dann können wir die Termine festlegen.“

„Da ist übrigens noch etwas, was Sie wissen sollten“, erwiderte er, während er ihr folgte.

„Und zwar?“

„Joey hat nicht geweint.“

„Was?“

„Er hat noch nicht ein einziges Mal geweint.“

„Sind Sie sich da ganz sicher?“, fragte sie. „Auch nicht, als er in New York bei diesen Nachbarn untergebracht war?“

Mark schüttelte den Kopf. „Die Nachbarin, Maggie, hat mir jeden Abend sehr genau geschildert, wie sich Joey benommen hatte. Er wollte nicht über seine Eltern reden, sobald sie oder ihre Kinder darauf zu sprechen kamen. Er hat weder bei der Beerdigung geweint noch später, als ich mit ihm herkam, Dr. Kennedy.“

„Sagen Sie ruhig Cedar. Ich lege keinen Wert auf eine formelle Anrede. Aber Joey muss sich mit seinem Schmerz auseinandersetzen. Er darf seine Gefühle nicht unter Verschluss halten. Wenn ein Siebenjähriger nicht weint, nachdem seine ganze Welt zerstört worden ist, dann sagt das einiges über seine psychische Verfassung aus.“

„Wenn ich Sie so reden höre, dann … dann habe ich das Gefühl, dass Ihnen Joey jetzt schon am Herzen liegt, obwohl Sie ihn noch gar nicht kennengelernt haben.“

„Er ist ein Kind, das in einer Krise steckt, Mark. Deshalb liegt er mir am Herzen.“

„Haben Sie selbst auch Kinder?“

„Nein“, antwortete sie leise. „Meine Patienten sind meine Familie. Und natürlich meine verwöhnte Katze Oreo.“

„Sie haben keinen Mann und keine Kinder, und trotzdem helfen Sie fremden Kindern, die Probleme haben. Das ist bewundernswert, aber fühlen Sie sich nicht manchmal einsam?“

„Fühlen Sie sich einsam?“, gab sie zurück und ging dann zur Tür.

„Ha!“, machte Mark, der ihr folgte. „Das war jetzt das typische Manöver, das alle Seelenklempner beherrschen. Sie beantworten eine Frage mit einer Gegenfrage.“

„Natürlich“, sagte Cedar lachend. „Das bekommen wir auf dem College in der ersten Unterrichtsstunde beigebracht.“

„Wow“, ließ er verlauten, als sie ins Vorzimmer kamen. „Ich dachte, Ihr Lächeln hat schon was Besonderes, aber Ihr Lachen … das ist … das ist … okay, auch wenn’s kitschig klingt, aber es hört sich an wie ein Glockenspiel im Wind. Wirklich toll.“

„Danke“, erwiderte sie leise und sah auf die Uhr. „Wir sollten uns besser ein wenig beeilen. Füllen Sie schon mal das Formular aus, während ich Ihnen Joeys erste Termine aufschreibe. Sonst kommen Sie zu spät, um ihn von der Tagesstätte abzuholen. Kochen Sie für Joey zu Abend?“

„Kann man so sagen. Meistens gibt es Rührei, weil meine Kochkünste für mehr nicht taugen. Manchmal holen wir unterwegs etwas zu essen oder lassen es uns nach Hause liefern.“

„Mmm.“ Cedar schüttelte nachdenklich den Kopf. „Darüber werden wir uns später auch noch unterhalten müssen.“

Sie notierte Termine für die nächsten zwei Wochen und gab Mark den Zettel, der inzwischen das Formular ausgefüllt hatte. „Es war schön, Sie kennenzulernen“, sagte sie. „Ich freue mich schon darauf, mit Joey zu sprechen.“

Mark nahm ihre Hand. „Ich weiß das sehr zu schätzen, dass Sie sich um Joey kümmern wollen.“

Erschrocken nahm Cedar wahr, dass ihr heiß wurde, als sie seine Hand schüttelte. Seine Berührung löste in ihr ein seltsames und beunruhigendes Gefühl aus.

„Darf ich meine Hand jetzt wiederhaben?“, sagte sie rasch.

„Oh ja, sicher“, erwiderte Mark und ließ sie langsam los. „Nochmals danke … Cedar.“

„Gern geschehen … Mark.“

Als die Tür zu ihrer Praxis hinter Mark Chandler zufiel, ließ sich Cedar auf den Stuhl am Empfang sinken, stützte sich mit den Ellbogen auf und drückte die Hände auf ihre glühend heißen Wangen.

Dieser Mann war gefährlich. Mit seinem lässigen Gang strahlte er bereits etwas Sinnliches aus, wenn er nur einen Raum betrat. Dazu seine Statur und seine Gesichtszüge … Dieser Mann musste sich vermutlich ständig gegen Frauen zur Wehr setzen, weil sie ihre Finger nicht von ihm lassen konnten.

Immerhin war sie jetzt vorgewarnt und würde sich nicht noch einmal von ihm verwirren lassen. Es würde gar nicht erst so weit kommen, und dazu musste sie nur etwas wachsamer sein als im Umgang mit anderen Männern.

Ihre ganze Aufmerksamkeit hatte Joey zu gelten.

Dem armen, traurigen Joey, der endlich lernen musste zu weinen.

2. KAPITEL

Als Cedar nach Hause kam, wurde ihr bewusst, dass sie auf dem Heimweg immerzu an Mark Chandler und Joey gedacht hatte. Aber das war nur verständlich, immerhin hatte sie zuletzt mit Mark gesprochen, ehe sie die Praxis verließ, und außerdem den Fragebogen durchgelesen.

Sie wusste nun, dass Joey, von seinem Onkel abgesehen, keinen lebenden Verwandten mehr hatte. Und ausgerechnet mit ihm verstand er sich offenbar überhaupt nicht.

Während sie die Tür hinter sich schloss, ermahnte sie sich, ihre Gedanken nicht länger um Mark und dessen Neffen Joey kreisen zu lassen. Kaum war ihr das gelungen, musste sie an etwas anderes denken, was ihr seit geraumer Zeit zu schaffen machte.

Ein gutes Jahr war es jetzt her, dass sie das alte viktorianische Haus gekauft hatte, das ihr damals so idyllisch vorgekommen war. Diese Idylle jedoch war längst in ihr Gegenteil verkehrt worden, seit eine Reparatur nach der anderen anfiel, die an ihren Ersparnissen zehrten.

Am liebsten hätte sie das Haus umgehend wieder verkauft, doch der gute Ruf ihrer Praxis sprach sich immer schneller in Phoenix herum, und mit jedem neuen Patienten, den sie bekam, fand sie immer weniger die Zeit, um sich auf dem Immobilienmarkt nach einem neuen Zuhause umzusehen.

Außerdem war der Gedanke unerträglich, alles einzupacken und in ein anderes Haus umzuziehen. Solange sie nicht von hier fortkam, konnte sie nur auf ein baldiges Ende ihrer Pechsträhne hoffen.

„Oreo, ich bin zu Hause. Komm zu mir und zeig mir, wie sehr du dich freust, dass ich wieder da bin.“

Eine große, schwarz-weiße Katze kam mit bedächtigen Schritten ins Zimmer und strich Cedar um die Beine, wobei sie laut miaute.

Ist das nicht jämmerlich? fragte sie sich. Würde sie mit ihren zweiunddreißig Jahren als alte Jungfer enden, die zu Hause nur von einer wohlgenährten Katze begrüßt wurde?

Fühlen Sie sich nicht manchmal einsam?

Als sie an Marks Worte dachte, bekam sie eine Gänsehaut. Rasch bückte sie sich und nahm Oreo hoch.

„Hallo, meine Süße“, sagte Cedar. „Wir beide sind doch ein gutes Team, richtig? Wir brauchen niemanden sonst hier im Haus, und wir fühlen uns auch nicht einsam.“

Oreo wand sich in ihren Armen, bis sie loslassen musste. Die Katze sprang zu Boden und eilte in die Küche davon.

„Fragt sich nur“, rief Cedar ihr nach, „ob du mich liebst oder ob du mich nur tolerierst, weil ich den Dosenöffner bedienen kann. Hm, will ich die Antwort darauf wirklich wissen? Nein, eigentlich nicht.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ist das nicht großartig? Jetzt führe ich schon Selbstgespräche.“

Sie ging nach oben und zog sich um, dann begab sie sich in die Küche und fütterte Oreo, die sich bereits lautstark beklagte. Anschließend warf sie einen Blick in den Kühlschrank, um zu überlegen, was sie zu Abend essen sollte.

Unwillkürlich dachte sie daran, dass Mark nur Rührei zubereiten konnte. Warum gaben sich Männer bloß immer so schnell geschlagen, nur weil sie nicht von Geburt an vollendete Chefköche waren? Warum machten sie sich nicht einfach die Mühe, kochen zu lernen? Es war eine überkommene Ansicht, Kochen sei nur etwas für Frauen. Außerdem würde es einige Probleme lösen, wenn Mark zusammen mit Joey das Essen zubereitete. Sie würde mit ihm darüber reden müssen und …

„Nein, jetzt reicht’s“, ermahnte sie sich, während sie Salat und eine Tomate aus dem Kühlschrank nahm. „Ich habe Feierabend, mit meinen Patienten kann ich mich morgen früh wieder beschäftigen.“

Doch Mark Chandler wollte sich nicht aus ihrem Kopf vertreiben lassen, sondern klammerte sich hartnäckig am Rand ihres Bewusstseins fest, als Cedar eine Portion Nudeln mit einer scharfen Soße, einen gemischten Salat und zwei Scheiben Knoblauchbrot zubereitete.

Er war noch immer da, nachdem sie längst gegessen und sich mit einem Buch auf die Couch zurückgezogen hatte. Als ihr nach drei Absätzen bewusst wurde, dass sie nicht wusste, was sie da eigentlich las, schlug sie irritiert das Buch zu.

Was war bloß mit ihr los? Vor einem Monat war sie mit einem Zahnarzt ausgegangen, doch den hatte sie bereits vergessen, noch bevor sie an dem Abend zu Hause ankam. Warum musste sie dann aber immer noch an Mark Chandler denken, der durch seine Verbindung zu Joey quasi auch ein Patient war und damit überhaupt nicht für irgendeine Art von privater Beziehung infrage kam? Er erschien ihr so präsent, als könnte sie die Hand ausstrecken und ihn berühren.

Mark zu berühren hatte etwas Verlockendes. Cedar konnte sich gut vorstellen, wie sich sein muskulöser Oberkörper anfühlte, wie es sein würde, durch sein dichtes Haar zu fahren, seine Lippen …

„Aaaah!“, schrie sie auf, da Oreo ihr plötzlich auf den Schoß sprang und sie aus ihren Träumen riss. „Meine Güte, willst du, dass mir das Herz stehen bleibt? Aber vermutlich hab ich das auch verdient. Schließlich mache ich mir hier Gedanken, die ich besser … ach, Oreo, sag es mir ganz schonungslos. Verliere ich den Verstand?“

Sie sah ihre Katze an und fuhr fort: „So etwas ist mir noch nie passiert, und es irritiert mich. Mark Chandler ist nicht mal mein Typ, verstehst du? Ich habe es mehr mit Männern, die Anzug und Krawatte tragen, aber doch nicht mit … mit Bauarbeitern. Warum verwirrt Mark mich dann aber so?“

Mit einem Satz war Oreo wieder von ihrem Schoß gesprungen und lief aus dem Zimmer.

„Na, wunderbar“, seufzte Cedar. „Das Ganze ist so lächerlich, dass mir nicht mal meine eigene Katze zuhören will. Also gut, dann bin ich tatsächlich auf mich allein gestellt. Heute ist Donnerstag, und Mark sehe ich am Montag wieder, wenn er Joey in die Praxis bringt. Bis dahin habe ich das in den Griff bekommen, dann ist mit dem Unfug Schluss. Ja, ich werde das schaffen, weil ich eine Frau bin und weil ich mich unter Kontrolle habe.“

Cedar schlug das Buch wieder auf und las noch einmal die letzten Absätze, froh darüber, dass niemand sie später abfragen würde, um festzustellen, ob sie wirklich auch nur ein einziges Wort bewusst wahrgenommen hatte.

Mark legte die Decke über den schlafenden Joey und kehrte ins Wohnzimmer zurück, wo er sich in seinem ramponierten Lieblingssessel niederließ, der längst einen neuen Bezug verdient hätte. Doch Mark wollte ihn so belassen, wie er war.

Er griff nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein, machte ihn aber sofort wieder aus, als ihm Gelächter aus der Konserve entgegenschlug.

Wieder war ein Abend in seinem Haus in fast völligem Schweigen verstrichen. Ganz gleich, wie geschwätzig er seine Fragen formulierte, Joey reagierte fast nur mit einsilbigen Antworten und sah ihn dabei mit großen, dunklen Augen an, die unendlich traurig wirkten. Schließlich gab Mark es auf und ließ den Jungen seine Portion Rührei essen, obwohl die Stille erdrückend war.

„Ach, verdammt“, murmelte er. Mary hatte ihm ihren Sohn anvertraut, Mary, seine Schwester, die ihm so sehr fehlte. Manchmal ertappte er sich dabei, wie er nach dem Telefon griff, um sie anzurufen und ihre fröhliche Stimme zu hören. Mary wäre sicher am Boden zerstört, wenn sie wüsste, wie unglücklich Joey darüber war, bei seinem Onkel leben zu müssen. Und sie wäre wahrscheinlich enttäuscht, dass sich ihr Bruder als ein so schlechter Vater entpuppt hatte.

„Verdammt“, sagte er wieder.

Er wusste nicht mehr, wie viele Abende er damit verbracht hatte, sich im Geiste dafür zu ohrfeigen, weil es ihm nicht gelingen wollte, in irgendeiner Weise auf den traurigen kleinen Jungen einzuwirken. Doch das würde sich jetzt ändern. Indem er zu Cedar Kennedy gegangen war, hatte er einen ersten Schritt in die richtige Richtung unternommen.

Cedar.

Der Name gefiel ihm. Er hatte ihn noch nie gehört, und er besaß einen angenehmen Klang. Außerdem mochte er Cedars Lächeln und ihr kraftvolles, glockenhelles Lachen. Ihr lockiges Haar war schön, es rahmte in sanften Wellen ihr zartes Gesicht ein, das … Wieso war eine Frau wie sie nicht verheiratet? wunderte er sich auf einmal. Wie blind mussten die Männer in Phoenix sein, wenn sie sie nicht bemerkten?

Aber vielleicht war sie auch zu sehr mit ihrer Karriere beschäftigt und hatte keine Zeit für eine tiefergehende Beziehung. Das klang nach einer vernünftigen Erklärung. Er hatte sie gefragt, ob sie sich manchmal einsam fühlte, und sie hatte ihm den Ball sofort wieder zugespielt.

Fühlte er sich einsam?

Aber selbst wenn, konnte er daran doch nichts ändern. Der Tag war nicht lang genug, um alles zu erledigen, was bei Chandler Construction anfiel. Und nun musste er auch noch Vater für einen kleinen Jungen spielen, der so traurig war, dass es Mark das Herz brach.

Ab Montag würde sich das ändern, dann kümmerte sich Cedar um ihn. Mark selbst nahm sich vor, alles zu tun, was sie empfahl. Fast alles, korrigierte er sich. Er wusste nicht, warum sie sich mit ihm über seine Kochkünste unterhalten wollte. Eier waren für ein Kind gesund, und Hamburger und Pizza hatten noch niemandem geschadet.

Er freute sich darauf, Cedar am Montag wiederzusehen. Seine Hoffnung war, dass sie die Mauer durchbrechen konnte, die Joey um sich herum errichtet hatte. Er erwartete nicht, privat irgendwas mit Cedar zu tun zu haben, ganz gleich, wie gut sie aussah. Oder wie unbeschreiblich hübsch sie wurde, sobald sie lächelte.

„Schluss jetzt“, ermahnte er sich und schaltete den Fernseher erneut ein. „Sieh dir die Nachrichten an, Chandler, und hör auf zu denken.“

„Ich möchte wetten, Sie wollen auch, dass ich mein Baby zur Adoption freigebe, aber das mache ich nicht. Mir ist egal, was Sie sagen, ich mach’s nicht.“

Cedar betrachtete die finster dreinblickende Fünfzehnjährige, die vor ihr am Schreibtisch saß. „Ich habe nichts in der Art angedeutet“, erklärte sie ruhig. „Ich möchte nur wissen, wie du für dein Kind sorgen willst, Cindy.“

„Krieg ich schon hin“, gab Cindy zurück und begann, an ihren Fingernägeln zu kauen.

„Und was sagst du dazu, dass sich der Vater abgesetzt hat, nachdem du ihm von der Schwangerschaft erzählt hast?“

„Den brauch ich nicht“, erklärte sie trotzig und legte eine Hand auf ihren Bauch. „Ich dachte, er liebt mich. Da hab ich mich geirrt, aber das ist nicht so wild. Er wär sowieso ein mieser Vater gewesen.“

„Aber du irrst dich ganz sicher nicht, wenn du sagst, dass du ganz allein ein Kind großziehen kannst, obwohl du noch nicht mal die High School abgeschlossen hast?“, fragte Cedar behutsam.

„Nein. Ich find schon ’nen Job. Vielleicht als Serviererin oder so. Da bekommt man viel Trinkgeld, wenn man zu den Leuten nett ist. Ich nehm mir ’n kleines Apartment und richte es schön ein. Ich hab viel Babysitting gemacht, ich weiß, wie ich mit ’nem Baby umgehen muss. Ich hab mir das gut überlegt, ich weiß, was ich mache.“

Cedar nickte. „Okay, ich werde dir eine Aufgabe mitgeben, die du bis nächsten Montag erledigen musst.“

„Uh, ich krieg das große Zittern“, gab Cindy zurück und verdrehte die Augen. „Was denn?“

„Ich möchte, dass du die Kleinanzeigen für Apartments liest und bei den Leuten anrufst und fragst, wie viel Geld du brauchst, um in eine eigene Wohnung ziehen zu können. Einschließlich Kaution. Danach fragst du herum, was man derzeit als Kellnerin verdient. Und ruf bei Kindertagesstätten an, damit sie dir sagen, was es kostet, wenn du dein Kind den Tag über dort abgibst. Danach rechnen wir zusammen aus, wie viel du für Babynahrung, Windeln, Kleidung, Fahrkarten und alles andere brauchst. Und bevor du jetzt etwas dagegen sagen willst, denk daran, dass du eine Erklärung unterschrieben hast, ohne irgendwelche Vorbehalte mit mir zusammenzuarbeiten.“

„Ja, schon kapiert“, murmelte sie.

„Gut. Unsere Zeit ist um, ich nehme an, deine Pflegemutter wartet draußen bereits auf dich“, sagte Cedar und stand auf. „Wir sehen uns nächste Woche hier wieder. In Zukunft könnten wir uns auch im Park oder in einem Café treffen.“

„Meinetwegen“, erwiderte Cindy nur, stürmte aus dem Sprechzimmer und warf die Tür mit lautem Knall hinter sich zu.

„Oh Cindy“, sagte Cedar leise zu sich selbst. „Es tut mir leid, aber ich werde dir deine Illusionen rauben müssen.“

Sie nahm sich Cindys Unterlagen vor und machte sich Notizen, während ihre Gedanken zu Mark Chandler abschweiften, der jetzt bereits mit Joey im Wartezimmer sitzen sollte. Das ganze Wochenende hatte sie immer an ihn denken müssen.

Cedar legte Cindys Akte zur Seite und griff nach der, die sie für Joey angelegt hatte. Sie zog an ihrem dunkelblauen Blazer, den sie zu einer roten Bluse und einer weißen Hose trug, dann durchquerte sie langsam das Zimmer. An der Tür angekommen, atmete sie erst einmal tief durch, ehe sie sie öffnete.

Als sie Mark auf dem Sofa sitzen sah, versuchte sie zu ignorieren, dass ihr Puls schneller wurde. Ihr Blick wanderte zu dem kleinen Jungen neben ihm, und ihr Herz machte prompt einen Satz.

Das war also Joey. Mit dem zerzausten schwarzen Haar und den großen dunklen Augen hätte er auch als Marks Sohn durchgehen können. Für sein Alter wirkte er etwas klein, seine Füße baumelten ein Stück über dem Boden.

„Hallo, Mark“, begrüßte sie ihn, nachdem sie zu den beiden gegangen war. „Und du musst Joey sein. Ich freue mich, dich kennenzulernen.“

Joey sah sie kurz an, richtete dann aber den Blick sofort wieder auf seine Hände, die er gefaltet auf dem Schoß liegen hatte.

„Sag hallo, Joey“, forderte Mark ihn auf.

„Hallo“, murmelte er.

„Ich würde mich gern ein bisschen mit dir unterhalten, Joey“, erklärte Cedar und streckte dem Jungen eine Hand hin. „Sollen wir in mein Büro gehen? Dein Onkel kann solange hier warten und seine Zeitschrift lesen.“

„Nee“, gab Joey zurück.

„Hey, Buddy, darüber haben wir aber gesprochen“, sagte Mark. „Ich warte hier auf dich, versprochen. Und du gehst mit Dr. Kennedy.“

„Du kannst ruhig Cedar zu mir sagen“, meinte sie.

Er sah auf und zog die Augenbrauen zusammen. „Ist das ’n komischer Name!“

„Nein, Joey“, warf Mark kopfschüttelnd ein. „Man sagt anderen Leuten nicht, dass sie einen komischen Namen haben.“

„Er ist aber komisch“, beharrte Joey.

Cedar lachte. „Er ist auf jeden Fall ungewöhnlich. Es ist der Mädchenname meiner Mutter, und sie gab ihn mir, weil sie fand, dass er uns dann auf eine besondere Weise verbindet.“

„Ist deine Mom tot?“

„Nein, sie lebt mit meinem Vater in Florida. Die beiden fehlen mir sehr.“

Joey verschränkte die Arme vor der Brust. „Wenn sie tot wären, würden sie dir noch viel mehr fehlen. Dann kannst du sie nämlich nicht anrufen und gar nichts. Echt gar nichts.“

„Daran habe ich noch gar nicht gedacht“, erwiderte sie. „Pass auf, du kommst mit in mein Büro, und da kannst du mir das dann genauer erklären, okay?“

Der Junge rutschte vom Sofa, ignorierte aber Cedars ausgestreckte Hand. Sie lächelte Mark an, der nur wieder den Kopf schütteln konnte.

Im Sprechzimmer ließ sie Joey in einem der Sessel vor dem Schreibtisch Platz nehmen und setzte sich dann neben ihn.

„Warum sitzt du nicht hinter dem Tisch?“, wunderte sich Joey. „Der Rektor in meiner Schule sitzt immer da.“

„Ich sitze lieber hier, wenn ich einen neuen Freund kennenlerne.“ Cedar machte eine kurze Pause. „Joey, möchtest du mir noch etwas darüber erzählen, dass du nicht mit deinen Eltern telefonieren kannst?“

„Nee.“

„Okay. Dann erzähl doch mal, ob du die Lehrer an deiner Schule magst.“

Joey zuckte mit den Schultern.

„Hast du dich schon mit jemandem angefreundet?“

Wieder ein Schulterzucken.

„Verstehst du dich gut mit deinem Onkel?“

Ein weiteres Schulterzucken.

„Magst du eigentlich noch Rührei?“

Abrupt sah der Junge auf. „Rührei ist eklig. Onkel Mark macht es nie richtig. Manchmal ist alles noch ganz flüssig, manchmal ist alles steinhart. Ich hasse das Rührei, das er macht. Es ist sooo eklig.“

Cedar nickte. „Das kann ich mir vorstellen. Hast du ihm gesagt, dass du kein Rührei mehr magst?“

„Nee, ich weiß nicht … vielleicht ist er dann böse auf mich und schickt mich fort. Aber ich kann doch nirgendwo mehr hin, weil … weil ich nirgendwo hin kann.“

„Du meinst, weil deine Eltern bei einem Unfall umgekommen sind?“, erwiderte Cedar vorsichtig.

„Das geht dich gar nichts an“, brüllte Joey sie plötzlich an.

„Okay, dann reden wir doch noch mal über das eklige Rührei. Ich mache dir einen Vorschlag.“

Er betrachtete sie argwöhnisch. „Was?“

„Ich sage deinem Onkel, dass du kein Rührei mehr magst, und ich garantiere dir, dass er nicht böse auf dich sein wird.“

„Wird er aber sein. Er ist immer sauer.“

„Das werden wir schon sehen“, sagte Cedar. „Ich tue dir den Gefallen, aber dafür musst du mir auch einen Gefallen tun. So läuft das nämlich hier.“

„Was muss ich denn tun?“

„Wenn du kein ekliges Rührei mehr willst, müssen wir uns überlegen, was du stattdessen möchtest, und dann müssen wir deinem Onkel beibringen, wie er das zubereiten soll. Du lädst mich zu euch nach Hause ein, und dann bekommt er Kochunterricht. Das ist der Gefallen, den du mir tun musst. Wie klingt das? Also, was möchtest du denn lieber essen?“

Joey zuckte mit den Schultern.

„Tja, dann wirst du wohl weiter Rührei essen müssen.“

„Nein, nein“, rief er sofort. „Ich mag Hühnchen mit Barbecuesoße. Das mag ich echt. Aber Onkel Mark weiß nicht, wie er das machen soll. Einmal hat er ein großes Hühnchen geholt und in den Ofen getan, aber alles ohne Soße und so. Einfach nur das Hühnchen. Und wir haben total lange gewartet, wann es endlich fertig ist. Ich hatte solchen Hunger, und auf einmal hat Onkel Mark gemerkt, dass der Ofen nicht richtig an war. Das doofe Hühnchen war total kalt, und das fand ich richtig blöd.“

Unwillkürlich musste Cedar lachen. „Und was habt ihr stattdessen gegessen? Nein, warte, lass mich raten. Ekliges Rührei?“

Für einen kurzen Augenblick huschte ein Lächeln über Joeys Gesicht. „Ja, ekliges Rührei.“

„Okay, dann sind wir uns ja einig. Ich besorge alles, was man für ein Hühnchen mit Barbecuesoße braucht, und bringe es mit zu euch nach Hause. Dann zeige ich deinem Onkel Mark, wie man das zubereitet.“

„Das macht er nie“, widersprach Joey.

„Das werden wir ja sehen“, sagte Cedar und stand auf. „Ich hole ihn rein.“

„Er wird total sauer sein“, meinte Joey und stieß einen leisen Seufzer aus.

Cedar öffnete die Tür und rief: „Mark, würden Sie bitte mal herkommen?“

„Ja, sicher“, entgegnete er und eilte durch das Wartezimmer. „Wie läuft es?“

„Joey und ich möchten etwas Wichtiges mit Ihnen besprechen.“

„Jetzt schon?“ Er sah sie erstaunt an. „Das ist ja großartig.“

„Joey und ich haben uns ausführlich unterhalten“, fuhr sie fort, „und ich habe mich einverstanden erklärt, als Sprecherin für ihn aufzutreten.“ Sie machte eine kurze Pause. „Mark, Ihr Rührei ist eklig.“

„Mein … was?“

„Ja, es ist total eklig. Joey möchte es nicht wieder essen, niemals wieder, um es genau zu sagen.“

„Was?“, brachte Mark nur wieder heraus.

„Darum werden Joey und ich Ihnen zeigen, wie Sie etwas zubereiten können, das er wirklich essen möchte. Hühnchen mit Barbecuesoße.“

Das ist die wichtige Sache, die Sie mit mir besprechen wollten?“, rief Mark aus.

„Da, da“, sagte Joey erschrocken. „Jetzt ist er sauer! Siehst du?“

„Ich bin nicht sauer“, widersprach Mark und räusperte sich. „Ich … ich bin nur erstaunt. Mein Rührei ist eklig, Joey?“

„Total eklig“, bestätigte der Junge.

„Ich dachte, so schlimm wäre es nicht“, sagte Mark nachdenklich. „Klar, einen Preis würde ich damit bestimmt nicht gewinnen, aber … du willst Hühnchen mit Barbecuesoße? Weißt du noch, was ich mit dem letzten Hühnchen angestellt habe?“

„Ja, aber diesmal zeigt dir Cedar, wie es richtig geht, und ich helfe ihr“, entgegnete Joey. „Dann weißt du, wie das geht, und dann musst du nie wieder Rührei machen.“

„Ja, ich verstehe.“ Marks Gesichtsausdruck verriet, wie verwirrt er war.

„Welcher Abend würde Ihnen denn in dieser Woche passen?“, fragte Cedar und blätterte in ihrem Terminkalender. „Den Termin am Mittwochmittag streichen wir, frei bin ich am Donnerstag und am Freitag.“

„Entscheiden Sie“, antwortete Mark.

„Freitag“, sagte sie und notierte den Termin. „Ich werde um halb sechs bei Ihnen sein.“

„Aber ich arbeite bis …“ Mark zögerte. „Halb sechs ist gut.“

„Bestens.“ Sie legte den Stift zur Seite. „Joey, es war schön, dich kennenzulernen. Ich freue mich schon auf Freitag und auf das Hühnchen. Du kannst dir vorn bei Bethany etwas Süßes abholen, ich muss noch mit deinem Onkel reden.“

„Okay“, sagte Joey und ging aus dem Sprechzimmer.

Cedar beugte sich vor und verschränkte die Hände auf dem Schreibtisch. „Mark, ich muss Ihnen sagen, ich bin sehr zufrieden über die Fortschritte, die wir heute gemacht haben.“

„Tatsächlich?“, erwiderte er. „Verzeihen Sie, wenn ich etwas durcheinander bin, aber ich dachte, Sie würden mit ihm über seine Eltern reden. Stattdessen reden Sie mit ihm über mein ekliges Rührei. Und das macht Sie zufrieden?“

„Ja, weil sich Joey mir geöffnet hat. Er hat sich so wohlgefühlt, dass er mir sagen konnte, warum er kein Rührei mehr essen will.“

„Und warum sagt er das nicht mir?“

„Mark, Sie müssen verstehen, dass Sie der einzige Mensch sind, der für ihn sorgt. Er hat Angst, Sie könnten ihn nicht mehr bei sich haben wollen, wenn er etwas sagt, was Sie womöglich verärgert.“

„Das ist ja lachhaft“, gab Mark lautstark zurück.

„Sprechen Sie bitte etwas leiser“, ermahnte sie ihn. „Ich möchte nicht, dass Joey davon etwas mitbekommt. Er vertraut mir bereits im Ansatz, aber seine Probleme lassen sich nicht von einem Tag auf den nächsten lösen. Über seine Eltern wollte er nicht mit mir reden, und ich habe ihn auch nicht bedrängt. Ich muss ihn erst noch dazu bringen, mir viel stärker zu vertrauen. Und … nun, Sie müssen mir auch vertrauen.“

Mark sah Cedar lange an. „Beruht das nicht auf Gegenseitigkeit? Müssen Sie nicht auch mir vertrauen?“

„Ich verstehe nicht.“

„Sie werden zu mir nach Hause kommen, und wir sollen uns auch zu dritt woanders treffen. Außerdem wird es Gespräche unter vier Augen geben, so wie gerade jetzt, um über die Fortschritte zu reden. Was ich meine, ist, Sie müssen mir als Mann vertrauen, nicht nur als Joeys Vormund. Also? Vertrauen Sie mir als Mann?“

„Ich …“, begann sie.

Was sollte das? Sie wollte ihn nicht als Mann sehen, sondern nur als Joeys Vormund, als die Person, die für den Jungen jetzt die Vaterfigur war. Ihre Beziehung hatte nichts damit zu tun, ob Cedar ihm als Mann vertraute.

Mark Chandler brachte sie aus der Ruhe und sorgte dafür, dass sie ihre eigene Weiblichkeit genauso bewusst wahrnahm wie seine Männlichkeit. Ob sie ihm vertraute, wusste sie nicht. Sie hatte genug damit zu tun, nicht auf seine sinnliche Ausstrahlung zu reagieren, wenn sie sich in seiner Nähe aufhielt.

„Ihre Frage ist nicht von Bedeutung, Mark“, sagte sie ausweichend und sah zur Seite.

„Das sehe ich anders“, hielt er dagegen. „Wie soll Joey entspannt sein, wenn er merkt, dass das Verhältnis zwischen uns angespannt ist? Wie soll er mir vertrauen, wenn ihm bewusst wird, dass Sie es nicht tun? Denken Sie mal darüber nach.“

„Ich …“

„Meine Adresse haben Sie ja von dem Formular, das ich ausfüllen musste. Joey und ich werden Freitagabend da sein, und dann kochen wir gemeinsam das Abendessen, als wären wir eine Familie, richtig? Richtig.“ Er nickte nachdrücklich. „Bis dann.“

Als er gegangen war, ließ sich Cedar in einen der Sessel sinken, da ihre Beine sie nicht länger tragen wollten. Das war gar nicht gut verlaufen, und vor allem hatte Mark auch noch recht. Joey würde sich ihr nicht weiter öffnen, wenn er merkte, dass sie seinem Onkel nicht vertraute.

Sie musste bis Freitag ihre Emotionen in den Griff bekommen, wenn sie Erfolg haben wollte. Sie würde sich auf Joey konzentrieren müssen und Mark als den Vormund ihres jungen Patienten betrachten, aber nicht als einen attraktiven Mann.

Das sollte doch eigentlich möglich sein.

Oder etwa nicht?

3. KAPITEL

Am Freitag kurz vor dem Termin mit Cedar stand Mark im Wohnzimmer und sah sich zufrieden um. Im Kamin brannte ein Feuer, die Holzscheite knisterten und knackten in der Hitze der Flammen.

Sein Haus war in Fountain Valley am nördlichen Rand von Phoenix gelegen und wies mehr Luxus auf, als er eigentlich benötigte. Neben vier Schlafzimmern, einem Wohnzimmer mit einem tiefer liegenden Bereich für die Sitzgruppe und dem Kamin, einem Esszimmer sowie der Küche mit integrierter Essecke gab es auch noch eine Bibliothek, einen Swimmingpool und einen Jacuzzi.

Er hatte einen Innenarchitekten die Einrichtung übernehmen lassen, dessen Entscheidung für Möbelstücke in grauen und weinroten Farbtönen gefallen war. Der Gesamteindruck vermittelte ein Gefühl von schlichter Eleganz.

Das Haus war für einen alleinstehenden Mann entschieden zu groß ausgefallen, und bis Joey zu ihm gekommen war, hatten drei der vier Schlafzimmer leer gestanden. Gemeinsam waren sie losgezogen, um das Zimmer des Jungen einzurichten, was sich für Mark jedoch als frustrierende Erfahrung entpuppt hatte. Joey äußerte zu keinem Möbelstück seine Meinung, und die meisten Fragen waren von ihm mit einem notorischen Schulterzucken beantwortet worden.

Da er wollte, dass es seinem Neffen an nichts fehlte, ließ Mark alle Kleidung, alles Spielzeug und sämtliche Bücher von New York nach Phoenix bringen. Alles, was sich ein Junge in seinem Alter wünschen konnte, fand sich in diesem Haus wieder, und doch war Joey ein zutiefst unglückliches Kind.

Die einfachste Lösung war die, alles auf den Tod seiner Eltern zu schieben, doch Cedar war diejenige, die das hätte bestätigen oder widerlegen können. Allerdings wusste Mark, es lag zum Teil auch an ihm, weil er als Vater ein völliger Versager war.

Was wusste er auch schon darüber, was es hieß, ein Dad zu sein? Gar nichts, weil er selbst nie ein Vorbild gehabt hatte, an dem er sich nun orientieren konnte. Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, Cedar das wissen zu lassen, damit sie verstand, warum er in seiner Rolle so kläglich gescheitert war. Aber er sträubte sich, einer Frau gegenüber, die er kaum kannte, sein Herz auszuschütten.

Die Türglocke ging und riss ihn aus seinen Grübeleien. Er wollte gerade zur Tür gehen, da sah er, wie Joey durch den Flur gelaufen und ins Wohnzimmer kam.

„Cedar ist da“, rief er und eilte weiter zur Tür, die er aufriss, noch bevor Mark ihn erreicht hatte. „Hi, Cedar“, sagte er. „Hast du das Hühnchen und alles dabei?“

„Aber sicher“, erwiderte sie lächelnd. „Und du bist bereit, Koch zu spielen?“

„Oh ja“, meinte der Junge begeistert. „Cool.“

„Joey“, warf Mark ein. „Wie wäre es, wenn du Cedar erst mal ins Haus bittest?“

„Wie?“ Joey sah ihn an, dann verstand er. „Oh! Komm rein, Cedar.“

„Danke, gerne“, sagte sie lachend. Sie trat ins Wohnzimmer ein und ließ den Blick durch den weitläufigen Raum schweifen. „Ein schönes Zuhause“, stellte sie dann fest. „Oh, und im Kamin brennt ein Feuer. Das ist perfekt.“ Wieder sah sie zu Joey. „Würdest du mir eine der Einkaufstüten abnehmen?“

„Ja klar.“ Joey warf die Tür hinter ihr zu, dann packte er sich einen der Beutel.

„Hallo, Cedar“, mischte sich Mark ein, der sich insgeheim darüber ärgerte, dass sie ihn die ganze Zeit über zu ignorieren schien.

Sehr, sehr langsam drehte sie sich um und sah ihm in die Augen. „Hallo, Mark“, erwiderte sie.

„Ich trage die andere Tasche.“

„Ach, das geht schon“, lehnte sie ab.

„Ich bestehe darauf“, erklärte er und griff so umständlich nach dem Beutel, dass er mit dem Handrücken leicht ihren Busen berührte. „Oh, Entschuldigung“, sagte er. „Ich wollte nicht, ich … es tut mir leid.“

„Entschuldigung angenommen“, entgegnete Cedar. „Und jetzt auf in die Küche, Gentlemen.“

Vorausgesetzt, ihre Beine trugen sie noch so weit, denn nach der zufälligen Berührung kam es ihr eher so vor, als würde ihr Körper verrücktspielen. Schlimmer noch war aber, dass ihre Wangen gerötet waren. Sie musste nicht in einen Spiegel schauen, um es zu wissen, sie merkte es auch so. Dieser Abend begann gar nicht gut.

„Kommst du?“, hörte sie Joey rufen.

„Wie? Oh ja. Natürlich.“

In der Küche angekommen, lobte Cedar die Einrichtung und äußerte sich begeistert über den großzügig gestalteten Raum, bis ihr bewusst wurde, dass sie nur aus Nervosität so unentwegt redete.

„Okay“, stoppte sie sich selbst und holte tief Luft. „Zuerst waschen wir uns die Hände.“

Sie merkte, dass Mark dicht hinter ihr war, und beeilte sich mit dem Händewaschen, um wieder auf Abstand zu ihm gehen zu können. Dann holte sie aus einer der mitgebrachten Taschen etwas heraus und hielt es Joey hin.

„Das ist deine Küchenschürze“, erklärte sie. „Alle berühmten Köche tragen eine Schürze.“ Sie faltete sie auseinander, damit er den aufgedruckten Cartoon-Kater Garfield erkennen konnte. „Wie gefällt sie dir?“

„Cool“, erwiderte Joey, während sie sie ihm umhängte und auf dem Rücken mit einer Schleife zuband.

„Ich will aber nicht, dass da was draufkommt“, rief er.

„Dafür sind Schürzen da“, sagte Cedar. „Es ist nicht schlimm, wenn etwas draufkommt.“

„Doch, das ist schlimm!“ Joey schrie seine Antwort fast heraus. „Wenn was draufkommt, dann sagst du bestimmt, dass ich sie wegwerfen soll oder so. Und dann hab ich sie nicht mehr, und dann kriege ich sie auch nicht mehr wieder.“

„Hey, Buddy“, mischte sich Mark ein. „Keine Panik, du kannst die Schürze auch behalten, wenn sie Flecken abbekommt.“

„Ehrlich?“

„Ja, ehrlich.“

„Hmm … okay“, sagte Joey nach kurzem Zögern.

Cedar erkannte an seiner Reaktion einmal mehr, wie zerbrechlich der Junge war. Er hatte seine Eltern verloren, und ihm machte der Gedanke entsetzliche Angst, noch irgendetwas zu verlieren, selbst wenn es sich nur um eine simple Schürze handelte.

Über seinen Kopf hinweg sah sie zu Mark. Ihre Blicke trafen sich, und sein Ausdruck machte klar, dass er den Grund für Joeys lautstarke Äußerung verstand.

„Es gibt noch viel zu tun“, meinte sie.

„Das glaube ich auch“, erwiderte Mark nachdenklich.

„Genau, wir müssen nämlich das Essen machen“, warf Joey ein. „Schreibst du dir alles auf, was du tun musst, Onkel Joey?“

„Was?“, erwiderte er. „Oh … ja, klar.“

Während er damit beschäftigt war, alles über die Zubereitung des Hühnchens zu notieren, erfuhr Cedar in einer scheinbar beiläufigen Unterhaltung einiges über Joey. Er hasste Mathematik, an manchen Tagen war das Essen in der Schulcafeteria ganz okay, an anderen einfach nur eklig. Mädchen fand er irgendwie komisch, aber es gab einen Jungen namens Benny, der vielleicht sein Freund werden könnte.

„Benny hat seine Mom, aber keinen Dad“, berichtete er, als er die Servietten faltete. „Letztes Jahr hat sein Dad gesagt, dass er eine andere Frau mehr mag als Bennys Mom, und jetzt lebt er ganz weit weg. Einmal hat er Benny eine Karte geschickt und fünf Dollar reingelegt.“

„Ist Benny traurig, dass sein Dad nicht mehr da ist?“, fragte Cedar, die das Besteck zum Tisch brachte.

„Manchmal glaub ich schon. Aber ich hab ihm gesagt, dass es besser ist, wenn sein Dad weit weg wohnt, als wenn er tot ist.“

Mark lauschte Joeys Ausführungen. Ein siebenjähriger Junge sollte sich nicht über solche Dinge Gedanken machen, aber wenigstens redete er. In der kurzen Zeit, in der sie das Essen vorbereiteten, hatte Cedar mehr über ihn erfahren als Mark in all den Wochen, die der Junge nun schon bei ihm lebte. Offensichtlich war Cedar Kennedy auf ihrem Fachgebiet sehr gut.

Sie war allerdings auch sehr gut darin, Marks Gedanken um das Thema Sex kreisen zu lassen, obwohl sie nichts weiter tat, als anwesend zu sein. Er wusste, sie wollte ihn gar nicht zu einer Reaktion herausfordern, und doch reagierte er auf sie, weil … weil sie einfach nur Cedar war.

„Ich finde, du bist für Benny ein guter Freund“, sagte sie.

„Vielleicht ist er ja auch mein Freund“, räumte Joey ein. „Aber Freunde sollten immer Freunde sein. Ich will nur nicht, dass Benny mir das verspricht, weil … ich will es eben nicht.“

„Warum bist du nicht einfach immer nur von einem Tag auf den nächsten sein Freund?“, schlug sie vor. „Hab Spaß mit deinem Freund, und alles andere ergibt sich, wenn die Zeit gekommen ist. Wie klingt das?“

„Ja, vielleicht.“

„Dann wollen wir jetzt mal nach dem Hühnchen sehen“, sagte Cedar und fuhr ihm durchs Haar.

„Hast du auch ein Kind?“, fragte Joey eine Weile später, als sie beim Essen zusammensaßen.

„Hey, Buddy“, warf Mark ein. „Das ist aber eine ziemlich persönliche Frage.“

„Das ist schon okay, Mark“, erwiderte sie. „Nein, Joey, ich habe kein Kind. Ich war mal verheiratet, aber jetzt nicht mehr.“

„Wieso?“

Mark wurde bewusst, dass ihn die Antwort womöglich noch mehr interessierte als Joey.

„Weißt du, manchmal wollen wir, dass etwas immer so bleibt, wie es ist, aber es klappt einfach nicht“, antwortete sie leise. „Wenn so was geschieht, sind wir sehr traurig, doch dann müssen wir lernen, wieder zu lächeln und uns auf all die Abenteuer zu freuen, die vor uns liegen. Verstehst du das?“

Joey zuckte mit den Schultern.

„Ich habe viel geweint, als ich verstand, dass meine Ehe nicht für immer halten würde“, fuhr sie fort. „Das hört sich vielleicht seltsam an, Joey, aber wenn man traurig ist, dann kann es einem tatsächlich helfen, dass man sich wieder besser fühlt.“

Wieder reagierte er mit einem Schulterzucken.

„Hast du in deinem Magen noch Platz für ein Stück Hühnchen, Joey?“, wechselte sie das Thema. „Oder möchtest du lieber noch Platz für das Schokoladeneis lassen, das ich mitgebracht habe?“

„Bist du gern ganz allein zu Hause?“, wollte Joey wissen.

„Ich bin nicht ganz allein, ich habe eine Katze namens Oreo. Ich habe sie so genannt, weil sie so schwarz und weiß ist wie die Kekssorte.“

„Katzen sind cool“, befand Joey und nickte nachdrücklich.

„Ich bin auch viel lieber hier im Haus, seit du bei mir lebst, Joey“, warf Mark ein. „Das ist viel, viel besser, als allein hier zu leben.“

„Ehrlich?“ Joey sah ihn mit großen Augen an.

„Na klar. Ich wünschte nur, du würdest mehr mit mir reden.“

„Kann ich ja vielleicht machen“, sagte der Junge leise. „Vielleicht.“

„Das wäre toll.“

„Cedar könnte auch hier leben, dann kann sie ihre Katze mitbringen“, rief Joey. „Vielleicht will ich ja nicht so viel mit dir reden, Onkel Mark.“

Mark hielt das für einen interessanten Gedanken, der ihn zwang, ein Grinsen zu unterdrücken. Er war gespannt, wie sich Cedar aus der Affäre ziehen würde.

„Wie sieht’s aus, Joey? Hast du noch Platz im Magen für das Eis?“, fragte sie rasch und warf Mark einen verärgerten Blick zu, als der zu lachen anfing.

Nach dem Essen zog sich Joey mit der Schürze in sein Zimmer zurück, die er wie einen wertvollen Schatz in seinen Armen hielt. Cedar ging aus der Küche ins Wohnzimmer, gefolgt von Mark, der ihr zusah, wie sie sich auf dem Sofa vor dem Kamin niederließ.

Er legte einen Holzscheit nach, dann lehnte er sich gegen den Kaminsims und betrachtete Cedar. „Ich habe keine Ahnung, ob dieser Abend gut verläuft oder nicht. Joey hat Ihnen mehr erzählt als mir, aber … ist das jetzt Grund zur Freude oder zur Besorgnis?“

„Weder noch“, erwiderte sie lächelnd. „Ich sammele nur Informationen.“

„Sie haben einige schwierige Themen angefangen, aber dann gleich wieder einen Rückzieher gemacht. Wieso?“

„Ich will sehen, ob sich Joey Gedanken über die Dinge macht, die ich angesprochen habe. In gewisser Weise ist das bereits geschehen, als er mich gefragt hat, ob ich gern allein zu Hause bin. Es war übrigens sehr gut von Ihnen, ihm in dem Moment zu sagen, dass Sie ihn gern hier bei sich haben.“

Sie seufzte. „Joey ist sehr verängstigt. Er hat sogar Angst, sich mit Benny anzufreunden, weil für ihn eine Freundschaft für alle Zeit bestehen muss. Joey vertraut aber nicht mehr darauf, dass etwas für alle Zeit ist. Wir haben mit ihm noch einen langen Weg vor uns.“

„Und was ist mit Ihnen, Cedar?“, fragte Mark. „Haben Sie nach Ihrer gescheiterten Ehe wieder gelernt, auf ein ‚für immer‘ zu vertrauen?“

„Ich bin jetzt völlig auf meine Karriere konzentriert“, erwiderte sie und drehte sich so, dass sie in die Flammen sehen konnte. „Ich habe keine Zeit für eine Beziehung. Das dürften Sie wohl nachvollziehen können, immerhin investieren Sie auch viel Zeit in Ihr Bauunternehmen.“

„Stimmt, aber wenn ich irgendwann meine Ziele erreicht habe, möchte ich Frau und Kinder haben. Allerdings wird das noch eine Weile dauern. Den Sohn habe ich zumindest schon, auch wenn Joey davon nicht so begeistert ist.“

„Ich hoffe, Ihre Ziele sind klar definiert“, erwiderte Cedar und sah ihn an, „damit Sie wissen, wenn Sie sie erreicht haben. Ich dagegen bin so auf meine Karriere konzentriert, dass ich mir keine Gedanken darüber machen muss, wann es Zeit wird, einen Gang zurückzuschalten.“

„Dann glauben Sie also nicht mehr daran, dass Sie etwas finden werden, was für alle Zeit hält?“

„Das habe ich damit nicht gesagt“, gab sie zurück. „Ich habe mich entschieden, was ich mit meinem Leben anfangen möchte, und ich bin sehr zufrieden damit.“

„Wollen Sie schon gehen?“, fragte er, als Cedar auf einmal aufstand. „Es ist doch noch früh am Abend.“ Er zögerte kurz. „Ich weiß, Sie waren heute Abend wegen Joey hier, aber … Sie sollen wissen, dass ich Ihre Gesellschaft sehr genossen habe.“

„Danke, Mark“, erwiderte sie. „Ich fand den Abend ebenfalls sehr angenehm, auch wenn es eigentlich Arbeit war. Aber … na ja, ich werde mich jetzt von Joey verabschieden, und dann muss ich gehen. Ich will zu Hause Joeys Akte ergänzen, solange die Eindrücke noch frisch sind. Meine Arbeit ist für heute noch nicht getan.“

„Sie arbeiten mehr als ich, und mich nennt man einen Workaholic.“

„Ich liebe meine Arbeit.“

„Aber bietet diese Arbeit für Sie als Frau die gleiche Erfüllung wie für die Psychologin in Ihnen?“

„Mark, dieses Thema hatten wir bereits“, wich sie aus. „Ich bin auf meine Karriere konzentriert. Und jetzt werde ich mich von Joey verabschieden.“

Einige Minuten lang war Mark allein, und als Cedar zurück ins Wohnzimmer kam, um ihre Handtasche zu holen, war sie so in Gedanken versunken, dass sie zunächst nicht merkte, wie dicht er neben ihr stand.

Schließlich sah sie ihn nachdenklich an und sagte: „Ich würde Ihnen gern eine persönliche Frage stellen, die Sie nicht beantworten müssen, wenn Sie nicht wollen.“

„Klingt unheilvoll, aber fragen Sie ruhig.“

„Als Sie hörten, dass Ihre Schwester und Ihr Schwager umgekommen waren, haben Sie geweint?“

Mark runzelte die Stirn. „Warum wollen Sie denn das wissen?“

„Weil Sie dann bei einer entsprechenden Gelegenheit Joey sagen könnten, dass nichts verkehrt daran ist, wenn ein Mann weint, weil er traurig ist. Vielleicht hat Joeys Vater ihm eingebläut, Männer würden nicht weinen. Dann wäre es einleuchtend, warum sich Joey so beharrlich weigert, seinen Tränen freien Lauf zu lassen.“

„Ach so.“ Er steckte einen Moment lang die Hände in die Hosentaschen, dann sah er zur Decke, ließ den Blick durch das Zimmer schweifen – nur um Cedar nicht in die Augen schauen zu müssen. „Na ja, ich … also … ich habe geweint, weil mich das sehr getroffen hat. Aber ich wüsste nicht, wie es Joey helfen soll, wenn ich ihm das erzähle.“

Sie legte eine Hand auf seinen Oberarm. „Aber natürlich würde es ihm helfen. Und es wäre viel besser, wenn er von Ihnen, einem Mann, hört, dass es völlig in Ordnung ist, traurig zu sein.“

„Nein, Sie verstehen nicht. Es war für mich überhaupt nicht leicht, es überhaupt so weit kommen zu lassen. Ich schätze, ich bin schon als Kind dahintergekommen, dass Weinen auch nichts an dem Mist ändern konnte, mit dem ich damals zu tun hatte. Warum also sollte ich weinen?“

„Mist?“

Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das ist heute nicht mehr wichtig“, entgegnete er. „Wir reden jetzt über Joeys Probleme, nicht über meine. Was ich sagen will … ich konnte erst um Mary und John weinen, als ich … als ich stockbetrunken war. Sie wollen bestimmt nicht, dass ich Joey ein Glas Whiskey einflöße, damit er sein kleines Herz ausschüttet.“

„Sie mussten sich erst betrinken …“ Cedar schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid, dass Sie offenbar keine schöne Kindheit hatten, und es tut mir leid, dass Sie erst weinen konnten, als Sie betrunken waren.“

„Hören Sie auf, Cedar, ich will nicht darüber reden“, sagte Mark. Nach einer kurzen Pause fragte er: „Sie finden, ein Mann sollte seine Gefühle zeigen?“

„Ja, auf jeden Fall.“

„Gut, sehr gut sogar. Weil ich nämlich dieses drängende Gefühl habe, Sie küssen zu müssen.“ Er legte die Hände um ihr Gesicht und senkte den Kopf, um ihren Lippen näher zu sein.

Nein, nein, nein! dachte Cedar. Das hatte sie nicht damit gemeint, als sie sagte … was hatte sie überhaupt gesagt? Ach, wen kümmerte es, was sie gesagt hatte, denn dieser Kuss … oh, dieser Kuss …

Ihre Handtasche fiel zu Boden, während Cedar die Hände auf seine Schultern legte und den Kuss erwiderte, der unendlich sanft war. Oh, Mark, ja, dachte sie. Doch fast gleichzeitig meldete sich eine zweite Stimme in ihrem Kopf und sagte ihr, es sei verkehrt, was sie da mache, völlig verkehrt.

Sie stemmte sich energisch genug gegen Marks Brust, damit er seine Lippen von ihren löste. Während er die Arme sinken ließ, sah er sie fragend an.

„Das ist verkehrt“, sagte sie hastig und schnappte nach Luft. „Das hätte nicht geschehen dürfen.“

„Warum nicht? Dir hat der Kuss genauso gefallen wie mir, und das weißt du ganz genau. Es war ein sensationeller Kuss, das kannst du nicht leugnen. Es gibt keinen Grund zu sagen, dass es verkehrt war. Warum sagst du dann so etwas?“

„Weil ich normalerweise meine Patienten nicht küsse, was Grund genug sein dürfte.“ Sie bückte sich rasch und hob ihre Handtasche auf.

„Erzähl mir doch nichts“, entgegnete er. „Das war ein Kuss zwischen einem Mann und einer Frau, es hat nichts damit zu tun, dass wir Arzt und Patient sind. Das war eine Sache zwischen uns, Cedar, und es war unglaublich.“

„Ja, unglaublich war es, aber darum geht es nicht“, erklärte sie. „Du sollst nur verstehen, dass sich das nicht wiederholen darf und auch nicht wiederholen wird.“

„Das werden wir ja sehen“, meinte Mark lächelnd.

„Gute Nacht, Mark“, sagte sie nur und sah ihn aufgebracht an.

„Gute Nacht, Cedar“, erwiderte er und lächelte immer noch. „Träum was Schönes.“

4. KAPITEL

Den ganzen Samstag über sorgte Cedar dafür, dass sie unablässig etwas zu tun hatte. Sie hoffte, am Abend erschöpft genug ins Bett zu fallen, um nicht an Mark denken zu müssen. Der Plan war ein völliger Fehlschlag, weil sie die ganze Nacht immer wieder von ihm träumte.

Der Sonntagmorgen brachte Abwechslung, allerdings von der unerfreulichen Art, als sie feststellen musste, dass der Durchlauferhitzer im Badezimmer ausgefallen war. Sie griff nach dem Telefonbuch, um einen Klempner zu suchen, der auch am Sonntag vorbeikommen würde, doch jeder ihrer Anrufe landete auf einem Anrufbeantworter mit der Ansage, sie solle es am Montag wieder versuchen.

Dass sie kein heißes Wasser hatte, war ihre geringste Sorge. Vielmehr fürchtete sie, das Gerät könnte lecken und ihre Wohnung bis zum nächsten Tag überschwemmen.

„Augenblick mal“, sagte sie plötzlich und setzte sich gerade hin.

Mark Chandler war doch in der Baubranche, er musste jemanden kennen, der auch am Sonntag arbeitete. Sie würde ihn anrufen und fragen, ob …

„Nein“, unterbrach sie ihren Gedankengang. „Das ist keine gute Idee.“

Es war schon schwierig genug, mit ihm umzugehen, wenn es ihr Beruf erforderte. Da musste sie ihn nicht noch in einer privaten Angelegenheit behelligen.

Ihr Vorsatz wurde jedoch hinfällig, als sie feststellte, dass der Boiler bereits so viel Wasser verlor, dass es unter der Tür hindurch in den Flur lief. Mark war der Einzige, den sie jetzt überhaupt noch anrufen konnte.

Sie griff zum Telefon und wählte seine Nummer. Es klingelte einmal, zweimal …

„Hallo?“

„Mark? Hier ist Cedar, Cedar Kennedy.“

„Guten Morgen, Cedar Kennedy. Du hättest deinen Namen nicht extra nennen müssen, ich habe deine Stimme auch so erkannt.“

„Wirklich?“ Unwillkürlich musste sie lächeln. „Das muss man sich mal vorstellen.“ Sie räusperte sich. „Es tut mir leid, wenn ich am Sonntagmorgen störe, zumal es nichts Berufliches ist, sondern etwas Privates. Ich habe da ein Problem, musst du wissen, und ich habe jeden Klempner im Branchenbuch angerufen, aber keiner von ihnen arbeitet heute, und jetzt hoffe ich, dass du vielleicht weißt, was …“

„Langsam, langsam“, unterbrach Mark sie. „Erzähl mir doch erst mal, um welches Problem es sich handelt.“

Sie schilderte ihm, was geschehen war, dann fragte sie, ob er jemanden wisse, der ihr am Sonntag helfen würde.

„Okay, jetzt weiß ich, was los ist“, sagte er schließlich. „Rühr dich nicht von der Stelle.“

„Ich …“, begann Cedar, merkte dann aber, dass die Verbindung unterbrochen worden war. Sie beschloss, Marks Anweisung zu befolgen, da er ganz offensichtlich jemanden zu ihr schicken würde, der ihr helfen konnte.

Zwei Stunden vergingen, als plötzlich jemand an der Tür klingelte. Sie öffnete und sah Mark und Joey auf der Veranda stehen.

„Hi“, begrüßte Mark sie und drehte sich zu jemandem um, der sich außerhalb ihres Blickfelds befand. „Joey und ich gehen von Haus zu Haus und verkaufen Durchlauferhitzer. Vielleicht kannst du ja einen gebrauchen.“

„Oh, danke, vielen Dank“, erwiderte Cedar. „Du bist unglaublich. Das ist einfach fantastisch, Mark, ich …“

„Kann ich deine Katze sehen?“, fiel Joey ihr ins Wort.

„Was? Ach so, aber sicher. Kommt doch herein.“

„Gibt es noch eine Hintertür, durch die man günstiger an das alte Gerät kommt?“, fragte Mark. „Moose hat den neuen Erhitzer zwar abgeladen, aber es wäre für den Teppich nicht so gut, wenn er die Sackkarre von hier aus durchs Haus schiebt.“

„Moose?“, wiederholte Cedar.

„Er ist unglaublich groß“, erklärte Joey mit ehrfürchtigem Tonfall. „So groß wie ein richtiger Riese.“

Sie warf einen Blick aus der Tür und riss die Augen auf. „Meine Güte, du hast recht. Aber er ist ein netter Riese, wenn er am Sonntag arbeitet.“

„Er ist ein Kumpel von mir“, sagte Mark lächelnd. „Wie sieht’s mit der Hintertür aus?“

„Ähm, ja … vom Hinterhof aus durch die Küchentür.“

„Alles klar. Du passt auf Joey auf, Moose und ich erledigen den Rest.“

Ein paar Minuten später zeigte Cedar ihren drei Besuchern, wo sich der alte Durchlauferhitzer befand.

„Der ist hinüber“, stellte Moose nach kurzer Begutachtung fest. „Aber das ist halb so wild. Wir tauschen ihn einfach gegen den neuen aus. Ist eine Kleinigkeit.“

„Danke“, sagte Cedar. „Tausend Dank, ich …“

Mark musste lachen. „Hör lieber auf, dich immer wieder zu bedanken. Du und Joey, ihr beide lasst uns einfach in Ruhe arbeiten, und … oh, hallo, Katze. Du musst Oreo sein. Du musst auch weg hier. Joey, schnapp dir die Katze.“

Oreo ließ sich anstandslos von dem Jungen hochnehmen, dann gingen die beiden mit Cedar ins Wohnzimmer.

„Coole Katze“, meinte Joey und streichelte das Tier, das es sich auf seinem Schoß bequem gemacht hatte. „Ich hätte auch gern eine Katze. Oder einen Hund. Oder irgendein Tier, das mir gehört.“

„Oreo mag dich ganz eindeutig“, stellte Cedar fest und fuhr dem Jungen durchs Haar. „Ich hoffe, es war nicht schlimm, dass ich heute Morgen bei euch angerufen habe.“

„Nee“, meinte Joey. „Onkel Mark hat gesagt, dass es toll ist, dass wir dir helfen können, weil du uns auch hilfst.“

„Das war sehr nett von ihm“, erwiderte Cedar, die spürte, wie sich bei Joeys Worten ein wohliges Gefühl in ihr regte. „Ich bin froh, Freunde wie dich und deinen Onkel Mark zu haben.“

„Echt?“ Seine Miene hellte sich auf, als er sie ansah.

„Ja, echt“, bestätigte sie.

Auf einmal wurde Joey wieder ernst, sah zu Oreo und streichelte weiter die Katze. „Freunde sollen für immer da sein“, sagte er leise. „Und andere Dinge sollen auch für immer da sein, aber dann sind sie das doch nicht und …“ Er hielt mitten im Satz inne.

„Das stimmt, trotzdem kann man ruhig weiter daran glauben, dass es Dinge gibt, die für immer da sein werden“, gab sie zu bedenken und legte einen Arm um seine Schultern. „Manchmal wird ein Versprechen gebrochen, aber es kommt auch vor, dass niemand daran schuld ist.“

Joey rutschte zur Seite und machte deutlich, dass ihm die Berührung nicht gefiel. Die plötzliche Bewegung erschreckte die Katze, die prompt von seinem Schoß sprang und aus dem Zimmer lief.

„Oreo“, rief Cedar ihr nach. „Oreo, komm zurück, mein Mädchen. Joey will mit dir spielen.“

„Nein, will ich nicht“, widersprach er und drückte den Kopf nach unten, bis das Kinn seine Brust berührte. „Ist mir egal, dass sie weggelaufen ist. Ich mag sie sowieso nicht. Sie ist nur eine dumme Katze, und sie hat einen dummen Namen. Kekse heißen so, aber keine Katzen. Aber sie ist kein Keks, sondern eine dumme Katze.“

„Na ja, wenn du das so siehst“, sagte Cedar ruhig. „Aber für mich ist Oreo eine ganz besondere Katze. Wenn ihr etwas zustoßen würde, wäre ich sehr traurig und würde um sie weinen. Wenn ich nach Hause komme, begrüßt sie mich. Und wenn ich abends allein hier sitze, legt sie sich zu mir. Es tut mir gut, wenn ich weiß, dass sie bei mir sein will. So wie dein Onkel Mark bei dir sein will.“

„Er will gar nicht bei mir sein. Er muss bei mir sein“, gab Joey zurück. „Sonst kommt die Polizei und bringt ihn ins Gefängnis. Benny hat mir gesagt, dass Leute, die ihre Kinder allein lassen, von der Polizei abgeholt werden, und dann lässt sie sie nie wieder nach Hause zurück.“

Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Onkel Mark hat nicht mal ein Bett für mich gehabt, als ich mit ihm hergekommen bin. Er will nämlich gar keine Kinder, darum sind alle Zimmer leer gewesen. Aber dann musste er mir ein Bett kaufen und einen Schrank und ganz viele andere Sachen. Er ist immer noch sauer, weil das so teuer war. Wenn du ihn fragst, wird er dir ganz bestimmt sagen, dass er noch immer sauer ist auf mich.“

„Nein, das ist er ganz sicher nicht“, sagte Cedar entschieden. „Er wollte, dass du ein Zimmer bekommst, in dem du dich wohlfühlst. Das Geld ist ihm nicht wichtig, Joey, sondern du bist ihm wichtig.“

„Er hat mir auch einen Gameboy gekauft, aber ich hab den nicht ausgepackt.“

„Warum nicht?“

„Weil er sich das bestimmt anders überlegt und den Gameboy ins Geschäft zurückbringen will. Er hat mir nicht gesagt, dass ich ihn für immer behalten darf, darum …“ Mit einem Schulterzucken verstummte er.

„Selbst wenn er es gesagt hätte, würdest du wohl nicht damit spielen, stimmt’s? Schließlich glaubst du ja nicht daran, dass etwas für immer sein könnte, oder?“

„Bei einem Gameboy schon“, sagte Joey rasch.

„Wirklich?“

„Ja, ganz ehrlich.“

„Wir sind so weit, Cedar“, rief Mark, der in diesem Moment mit dem hünenhaften Moose ins Wohnzimmer kam.

„Den alten Durchlauferhitzer habe ich zu meinem Truck gebracht“, informierte Moose sie. „Den wollen Sie bestimmt nicht mehr haben. Oder wollten Sie ein Kunstwerk daraus machen?“

„Nein, ganz sicher nicht“, gab sie amüsiert zurück.

Moose hielt ihr ein Klemmbrett hin. „Wenn Sie das hier unterschreiben, kann ich es abschicken. Sonst tritt die Garantie nicht in Kraft.“

Sie nahm das Klemmbrett, überflog die Rechnung und stutzte dann. „Moment, hier steht nur der Preis für das Gerät, aber Ihre Arbeitsstunden fehlen, Moose.“

„Nicht nötig“, erwiderte der Mann. „Mark sagt, Sie seien eine ganz besondere Lady, und wenn er das sagt, glaube ich ihm. Außerdem hat er mir mal bei meinem Haus geholfen und hatte sowieso noch was bei mir gut.“

„Aber …“

„Unterschreib einfach“, sagte Mark. „Moose muss nach Hause und die Regenrinnen säubern, sonst macht seine Frau ihm die Hölle heiß – auch wenn sie nur eins fünfzig groß ist.“

Moose lachte. „Da hat er recht. Ich liebe sie von Herzen, aber ich möchte mich nie mit ihr anlegen.“

„Das ist wirklich sehr großzügig“, erklärte Cedar. „Ich stecke am laufenden Band Geld in dieses Haus, aber die Reparaturen wollen kein Ende nehmen. Ich werde es verkaufen, damit ich endlich meine Ruhe habe.“

Joey sprang auf und ballte die Fäuste. „Du gehst weg von hier?“, brüllte er los. „Du verkaufst dein Haus und gehst weg von hier? Ich dachte, wir sind Freunde! Freunde machen so was nicht! Nein, nein, nein!“

„Es reicht, Joey“, fuhr Mark ihn an. „Du redest mit Cedar nicht in diesem Ton, das gehört sich nicht.“

„Hör zu, Joey“, sagte Cedar und fasste ihn an den Schultern. „Ich will nur in ein anderes Haus hier in Phoenix ziehen. Ich werde nicht von hier weggehen. Es war ein Fehler, dieses Haus zu kaufen, weil ständig etwas anderes kaputt ist. Ich brauche ein neueres Haus, in dem das nicht passiert. Wir werden Freunde bleiben, daran wird sich nichts ändern.“

„Ach so“, meinte Joey kleinlaut.

„Wie wäre es, wenn du dich bei Cedar entschuldigst?“, fügte Mark an.

„Tut mir leid“, murmelte der Junge.

„Ähm … ich muss dann los“, warf Moose rasch ein und verließ das Haus.

Nachdem er gegangen war, sagte Cedar: „Das Mindeste, was ich meinen Rettern anbieten kann, ist etwas zu essen. Wie wäre es mit Käsetoast und Gemüsesuppe?“

„Bist du mir nicht böse wegen eben?“ Joey hatte den Blick starr auf die Spitzen seiner Sportschuhe gerichtet.

„Nein, Joey“, erwiderte Cedar. „Ich bin dir nicht böse. Du hast mich nur falsch verstanden. Vielleicht sollte ich mich besser bei dir entschuldigen, weil ich mich nicht klar ausgedrückt habe. Das tut mir leid.“

„Okay“, meinte Joey, sah sie aber nach wie vor nicht an.

„Schon schade, dass du dieses Haus nicht behalten kannst“, äußerte Mark. „Aber ich kann deine Einstellung gut verstehen. Wenn man selbst keine Reparaturen vornehmen kann, ist das ein Fass ohne Boden.“

Cedar musste lachen. „Mein Vater hat mich gewarnt, aber ich wollte nicht auf ihn hören, weil mir das Haus so gut gefiel. Tja, jetzt werde ich mir von ihm wohl anhören müssen, dass er es ja gleich gesagt hat. Geschieht mir recht.“

„Onkel Mark kann doch alles reparieren, was kaputtgeht“, schlug Joey vor. „Dann kannst du hierbleiben und musst nicht traurig sein, weil du nicht in ein anderes Haus ziehen musst.“

„Ich werde nicht traurig sein, Schatz“, erwiderte Cedar lächelnd. „Wohl eher … enttäuscht, würde ich sagen. Aber wenn das vorbei ist, kann ich mich auf ein neues, besseres Haus freuen, in dem nicht ständig irgendetwas kaputt ist. Es ist besser, wenn man nach vorn schaut, anstatt nur zurückzublicken, verstehst du, Joey?“

Er zuckte wieder mit den Schultern, da kam Oreo zurück ins Zimmer.

„Sieh mal, Oreo ist wieder da“, sagte sie. „Joey, in dem kleinen Korb dort drüben sind ein paar von Oreos Spielsachen. Warum versuchst du nicht, ob sie mit dir spielen will? Ich rufe dich dann, wenn das Essen fertig ist.“

„Okay.“ Joey wandte sich um und lief ausgelassen zum Korb. „Komm her, Oreo, ich spiele mit dir.“

Während die Katze versuchte, eines der Spielzeuge zu fangen, das an einer langen Schnur festgemacht war, begann Joey fröhlich zu lachen.

„Er lacht“, flüsterte Mark und sah Cedar ungläubig an. „Er spielt, und er lacht tatsächlich.“

„Na bitte, es geht doch“, meinte sie lächelnd. „Komm, wir lassen ihn allein, damit er sich nicht beobachtet fühlt. Du kannst mir lieber zusehen, wie ich das Essen zubereite.“

In der Küche erklärte sich Mark bereit, den Tisch zu decken.

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