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BIANCA EXTRA BAND 9

KAITLYN RICE

Was nach dem ertsen Kuss geschah

Alles setzt Gabe daran, seine gute Freundin Josie vor einem bösen Gerücht zu schützen. Doch zu spät: Plötzlich bricht Josies Leben zusammen – und sie braucht Gabe wie nie zuvor, nämlich als Mann …

VICTORIA PADE

Süßer Trost in deinen Armen

Es dauert zwei Sekunden, bis Noah versteht, was er da sieht: Eine wunderschöne Frau steigt aus dem Wagen – Marti. Eine heiße Nacht hat er damals mit ihr verbracht! Und jetzt ist sie schwanger …

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Liebe heißt Verzeihen

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Wenn du bleibst …

Zurück in die Kleinstadt – für City-Girl Holly ein schwerer Gang! Überall sind Erinnerungen: Da hat Cliff sie das erste Mal geküsst, dort hat er ihr seine Liebe gestanden. Und genau hier … sehen sie sich wieder!

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Was nach dem ertsen Kuss geschah

1. KAPITEL

Der Typ im „Wisconsin“-T-Shirt starrte auf Josies Hintern, da war Gabriel Thomas sich ganz sicher. Denn Josie Blume war seine beste Freundin, und er wusste aus jahrelanger Erfahrung, dass alle Männer sie begafften.

Er sah ihr zu, wie sie nach einem der Queues griff, sich um den Billardtisch herumschlängelte und sich einen geeigneten Winkel suchte. Als sie sich über den Tisch beugte und den Queue auf die Kugeln richtete, bemerkte Gabe aus dem Augenwinkel, wie der Blick von „Wisconsin“ zu Josies Ausschnitt wanderte.

Josie war klein und zierlich, mit Rundungen genau an den richtigen Stellen. Außerdem hatte sie einen Mund zum Küssen und die größten haselnussbraunen Augen, die Gabe je gesehen hatte. Ihr dunkles Haar war modisch kurz geschnitten. Oh ja, nicht nur andere Männer waren von ihr entzückt, auch Gabe … Davon hatte Josie allerdings keine Ahnung. Für sie war er der große Bruder, den sie nie gehabt hatte.

Vielleicht war es auch besser so.

Wahrscheinlich hatte sie gar nicht bemerkt, wie der Kerl sie anstarrte, sonst hätte sie längst reagiert. Falls sie Lust auf einen kleinen Mittwochabend-Flirt hätte, würde sie das ihrem Bewunderer direkt zu verstehen geben. Falls nicht, würde sie ihn in die Wüste schicken.

Josie nahm sich, was sie wollte, und sagte, was sie dachte. Weibliche Tricks waren ihr fremd. Wenn jemand Salat zwischen den Zähnen hatte oder sich arrogant aufführte, dann hatte sie kein Problem damit, es ihm zu sagen. Trotz ihrer direkten Art musste man sie einfach mögen, denn sie war fröhlich und warmherzig.

Gabe mischte sich nicht in ihre Liebesangelegenheiten ein, es sei denn, sie würde sich mit irgendeinem Fiesling oder Drogendealer einlassen.

Nachdem Josie ein paar Stöße gemacht hatte, stellte er sich neben sie an den Billardtisch und raunte ihr zu: „Der ist nichts für dich.“

Josie richtete sich auf und blickte sich um. „Wer denn?“

„Wisconsin.“ Gabe nahm sich ebenfalls einen Queue, prüfte die Platzierung der Kugeln und führte einen gezielten Stoß aus. Dann sah er Josie an. „Der Typ hinter uns mit der Baseballmütze. Dem haben’s deine engen Jeans angetan.“ Ihre perplexe Miene amüsierte ihn.

Sie machte einen Schmollmund. „Die sind doch gar nicht eng.“

Er zog vielsagend die Augenbraue hoch und widmete sich wieder dem Spiel. „Übrigens lugt dein Führerschein aus der rechten Tasche heraus.“

„Aha, du hast also auch hingeguckt.“

„Doch nicht so.“

„Das hoffe ich doch.“ Sie blickte ihn strafend an. „Und überhaupt, was hast du dagegen, wenn die Männer mich bemerken?“

„Nichts, aber wie gesagt, der da ist nicht dein Typ.“

Gabe wusste, wie schwer es ihr fiel, sich nicht zu ihrem Verehrer umzudrehen.

„Ich habe keinen bestimmten Typ.“

„Klar hast du. Der ist jedenfalls zu jung.“

Sie schnaubte. „Wenn er in Marys Bar gehen darf, wird er wohl alt genug sein.“

„Da wäre ich mir nicht so sicher. Du bist doch selbst schon mit sechzehn hergekommen.“

„Woher willst du das wissen? Als wir uns kennengelernt haben, war ich schon neunzehn.“

Gabe hatte allerdings schon lange, bevor er Josie kennenlernte, von ihr gehört, denn über ihre Familie war in der Stadt immer viel getratscht worden.

„Wir sind immerhin schon lange befreundet, und du hast mir garantiert irgendwann deine Jugendsünden gebeichtet.“

Josie ging um den Tisch herum, um einen neuen Stoß zu platzieren, und blinkte dabei kurz zu Wisconsin hinüber. „Der ist doch mindestens fünfundzwanzig“, bemerkte sie, während sie eine Kugel einlochte. „Er hat kein Tattoo oder Goldkettchen und ist nicht schwul. Also ist er mein Typ.“

„Wenn du so anspruchslos bist, passe ich ja auch in dein Profil.“

Josie starrte ihn an.

Verflucht, er hatte es schon wieder getan. „Ich meine nur, du hast garantiert mehr Ansprüche, als du denkst.“ Er lachte etwas gezwungen.

Die Vorstellung, mit Josie etwas anzufangen, war für Gabe beängstigend und aufregend zugleich. Sie war etliche Jahre jünger als er, die jüngste der drei Schwestern. Obwohl, seit sie siebenundzwanzig war und er vierunddreißig, erschien ihm der Altersunterschied nicht mehr so groß wie noch vor ein paar Jahren. Aber nein, er würde lieber die Finger von ihr lassen. Womöglich hätte sie ihn bald satt, und was würde dann aus ihrer Freundschaft?

Eine ganze Weile konzentrierte Josie sich auf das Spiel, erst als Gabe an der Reihe war, fragte sie: „Du denkst, du kennst mich durch und durch, oder?“

„Ich weiß ziemlich viel von dir, besonders über dein Liebesleben. Immerhin bin ich meistens dabei, wenn du einen Typen aufgabelst.“

Sie musterte ihn von Kopf bis Fuß. „Okay. Mag ich lieber große dunkelhaarige Männer oder muskulöse blonde?“

„Ich glaube, er muss nur gut aussehen.“

„Stimmt. Und er muss gut im Bett sein und darf nicht klammern. In festen Beziehungen werden die Männer bloß fett und langweilig.“

Darin stimmte Gabe im Großen und Ganzen mit ihr überein. Auch er zog es vor, Single zu bleiben. Er hatte nichts gegen eine feste Bindung, aber die meisten Frauen wollten irgendwann Kinder. Und da sein Vater vor ein paar Jahren an einer Erbkrankheit gestorben war, wollte er nicht riskieren, die Krankheit weiterzuvererben.

„Ich würde sagen, schlichtes Gemüt und fantasielos im Bett“, murmelte Gabe mit Seitenblick auf Wisconsin, der Josie noch immer nicht aus den Augen ließ.

„Sein Lächeln gefällt mir“, bemerkte Josie, während sie ihren Verehrer unter halb geschlossenen Lidern fixierte. „Vielleicht ist er das, was ich brauche, um meine Probleme zu vergessen.“

Gabe sah, wie ihr Blick zur Uhr über der Bar ging. Die Botschaft war klar: „Es ist spät, lass uns aufhören.“

Sofort war ihr Verehrer zur Stelle. Auch bei ihm war die Botschaft angekommen.

Gabe tat, als würde er weiterspielen, während er der kurzen Unterhaltung lauschte.

„Ich studiere in El Dorado. Bin auf dem Weg nach Haus hier vorbeigekommen und …“ Er zuckte die Achseln.

„Nach Wisconsin?“, fragte Josie mit Blick auf die Brust des Mannes.

„Nein, das T-Shirt hab ich im Urlaub gekauft. Ich komme aus Wichita, Willowbend.“

Josie pfiff durch die Zähne. „Vornehme Gegend.“

„Meine Eltern wohnen da“, sagte er mit einem entschuldigenden Grinsen. „Sobald ich mit dem Studium fertig bin und einen Job habe, ziehe ich aus.“

„Arbeitest du überhaupt nicht?“, fragte Josie beinahe entsetzt.

„Klar doch, ich arbeite in einem Imbiss. Aber das Geld reicht gerade, um meine Verpflichtungen zu bezahlen.“

„Was denn für Verpflichtungen?“

„Ich habe einen kleinen Sohn, für den ich Unterhalt zahlen muss.“

Hinter seiner Bierflasche konnte Gabe sich ein triumphierendes Lächeln nicht verkneifen. Zu Josies wichtigsten Kennenlernregeln gehörte, dass sie nichts mit alleinerziehenden Vätern anfing.

„Na, dann viel Glück für die Zukunft. Mein Freund und ich gehen jetzt nach Hause.“

„Dein Freund? Jemand hat gesagt, ihr wärt nur Bekannte.“

„Du hättest besser uns fragen sollen“, mischte Gabe sich ein und legte einen Arm um Josies Taille, wie er es immer tat, wenn sie einen Typen loswerden wollte.

Der Student blinzelte ungläubig und schien zu überlegen, wieso Josie überhaupt Interesse an ihm gezeigt hatte. „Ah, okay. Ich muss morgen sowieso früh raus“, murmelte er und marschierte zum Ausgang.

„Danke“, sagte Josie zu Gabe. Nachdem sie ihre Queues wieder ins Regal zurückgestellt hatten, verließen sie ebenfalls das Lokal.

Auf dem Weg zu Josies Jeep fragte Gabe: „Dann sehen wir uns also auf der Halloweenparty?“

„Auf jeden Fall. Am Wochenende gucke ich mich nach einem Kostüm um. Willst du mitkommen?“

„Nein, ich hab schon eins.“

„Okay.“ Sie legte ihm kurz die Hand auf den Arm. „Dann bis bald. Wenn was ist, ruf mich an.“ Plötzlich verlor ihr Blick sich in der Weite. Gabe kannte diesen Ausdruck an ihr. „Ich hab vor, meinen Vater zu besuchen.“

Okay, das war es also, was sie bedrückte.

Und es war natürlich eine große Sache, denn Josie hatte ihren Vater nie kennengelernt. Er hatte ihre Mutter verlassen, als diese mit Josie schwanger war, und niemand wusste, wohin er gegangen war. In all den Jahren hatte er seinen Kindern nicht mal eine Geburtstagskarte geschickt und sich auch nicht bei ihnen gemeldet, als ihre Mutter starb.

Gabes Theorie war, dass die Zurückweisung durch ihren Vater Josie dazu brachte, sich mit windigen Typen einzulassen.

„Hast du inzwischen herausgefunden, wo er wohnt? Und wissen deine Schwestern davon?“

Sie musterte ihn aus schmalen Augen. „Nein, und verplappere dich bloß nicht!“

Gabe erwiderte ihre Bemerkung nur mit einem vorwurfsvollen Blick.

Sie seufzte. „Callie findet, dass es Lilly auch nicht weiterhilft, wenn wir unseren Vater ausfindig machen. Aber wenn wir mehr von ihm wüssten …“

Lilly war die sechs Monate alte Tochter ihrer älteren Schwester Callie. Das Baby hatte mit vier Monaten einen Fieberkrampf bekommen, der sich vor drei Wochen wiederholt hatte. Die ganze Familie war wegen der neurologischen Untersuchungen in Aufruhr.

„Mom hat uns zwar davor gewarnt, ihn zu suchen, aber wir sind schließlich erwachsene Menschen.“

Wie oft hatte Josie ihm erzählt, dass Ella Blume ihren Mann als schwachsinnigen Trunkenbold bezeichnet hatte, der seinen Töchtern nur zur Last fallen würde! Nach den Gerüchten, die Gabe gehört hatte, teilte er diese Befürchtung. „Josie, ich finde, du solltest dem Beispiel deiner Schwestern folgen und den alten Herrn vergessen.“

„Mach dir keine Sorgen, ich werde ihn heimlich treffen. Erst wenn ich das Gefühl habe, dass er okay ist, werde ich meinen Schwestern davon erzählen. Ich würde meinen Schwestern nie wehtun, das weißt du.“

Ja, das wusste Gabe. Noch nie hatte er Geschwister kennengelernt, die so fest zusammenhielten wie die drei Blume-Schwestern. Nicht mal seine eigenen Zwillingsschwestern. „Ich habe Angst, dass es dir nicht guttut, ihn zu treffen.“

Josie lachte. „Schlimmer als meine Mutter ihn in ihren Erzählungen gemacht hat, kann er gar nicht sein. Von daher habe ich absolut keine hohen Erwartungen.“

„Außer dass du ihn dann real vor dir siehst. Jetzt kannst du dir immer noch sagen, dass deine Mutter mit ihrer hysterischen Art ihn vielleicht schlimmer gemacht hat, als er ist.“

„Wenn sich herausstellt, dass er Epileptiker ist, wüssten wir, woher Lilly ihre Anfälle hat.“ Sie sah ihn mit schiefem Lächeln an. „Wir beide haben irgendwie schon oft über Erbkrankheiten gesprochen, was? Du willst nicht heiraten, weil dein Vater Multiple Sklerose hatte; ich wegen meiner psychisch labilen Mutter.“

Da hatte Josie wieder den Finger in seine Wunde gelegt. Wie oft hatte er sich gewünscht, er könnte ein normales Leben führen und wüsste nichts von seinen verfluchten Genen!

„Aber deine Nichte Lilly ist nun mal auf der Welt, und ich wüsste nicht, was es bringen sollte, eine genetische Veranlagung festzustellen.“

Josie fröstelte. „Mir ist kalt, Gabe. Schade, dass dir meine Idee nicht gefällt.“ Sie kletterte in ihren Jeep.

Gabe stellte sich in die offene Tür. „Wie hast du ihn denn ausfindig gemacht?“

„Na, per Internet. Er wohnt gar nicht so weit weg.“

„Wann fährst du? Wenn du willst, begleite ich dich.“

Sie steckte den Zündschlüssel ins Schloss. „Hast du Angst, mein alter Herr würde mich attackieren?“

Er verdrehte die Augen. „Nein, aber vielleicht würdest du gern mit jemandem drüber reden. Ich sehe ihn bestimmt mit andern Augen als du.“

„Wieso ist dir die Sache so wichtig, Gabe?“

Wenn er ihr von den Gerüchten erzählte, die er gehört hatte, würde er ihr keinen Gefallen tun. „Ich finde, du bürdest dir manchmal zu viel auf.“

„Keine Angst, ich bin ein großes Mädchen. Und du bist nicht mein großer Bruder.“ Sie startete den Motor. „Mach’s gut.“

„Ruf mich an, wenn du hinfährst.“

Auf der Heimfahrt nahm Gabe sich vor, Josie in den nächsten Tagen genau zu beobachten. Das würde nicht so schwierig werden, denn sie waren nicht nur enge Freunde, sondern sie arbeiteten auch in derselben Baufirma.

2. KAPITEL

Josies Jeep zog eine Staubwolke hinter sich her, während sie auf der einsamen Landstraße durch Kansas fuhr. An einem mit dürren Zedern bewachsenen Hang am Ortseingang entdeckte sie neben einem windschiefen Briefkasten die gesuchte Hausnummer. Sie bog in die Einfahrt und manövrierte den Wagen über einen holprigen Feldweg. Vor dem Haus stand ein verrosteter weißer Transporter, hinter dem sie parkte.

Schlagartig verließ sie der Mut. Sie schraubte die Wasserflasche auf, die sie unterwegs gekauft hatte, und trank einen großen Schluck. Das Wasser war inzwischen zu warm geworden, um sie zu erfrischen. Ein kühles Bier wäre ihr jetzt lieber gewesen und hätte sie etwas beruhigt.

Aber allein trinken machte keinen Spaß, und sie würde auch nie damit anfangen. Aus Angst, womöglich den Alkoholismus ihres Vaters geerbt zu haben. Diese Angst hatte sie ihrer Mutter zu verdanken, die den Alkohol und sämtliche anderen Laster immer verteufelt hatte.

Nicht in allem hatte Ella Blume Unrecht gehabt, aber in vielem. Mittlerweile wusste Josie aus eigener Erfahrung, dass nicht alle Männer Nichtsnutze und die Welt kein Sündenpfuhl war. Vielleicht hatte Ella ja auch in Bezug auf Josies Vater unrecht gehabt.

Die Frage allerdings blieb: Wie konnte ein Mann so vollkommen gleichgültig gegenüber seinen Kindern sein? Josie hoffte, ihr Vater könnte diese und andere Fragen halbwegs beantworten. Sie stellte die Flasche in den Halter am Armaturenbrett und betrachtete das verwitterte zweistöckige Haus am Ende des Wegs.

Irgendwie hatte sie sich ihren Vater immer auf einer weitläufigen Ranch vorgestellt. Das bescheidene Haus vor ihr passte so gar nicht in dieses Bild. Josie fragte sich, ob Rick Blume gleich hierhergezogen war, nachdem er ihre Mutter verlassen hatte. Knapp neunzig Meilen von ihrem Zuhause entfernt, also nah genug, um ein, zwei Mal in siebenundzwanzig Jahren vorbeizukommen, um Hallo zu sagen.

Als sie ausstieg, hörte sie Hundegebell. Sie blickte sich um und entdeckte unter den Bäumen ein Maschendrahtgehege, in dem sich fünf oder sechs große Hunde aneinanderdrängten.

Dass ihr Vater Hundebesitzer war, hätte sie nicht vermutet. Ihre Mutter mochte keine Haustiere. Vielleicht hatte der Mann immer einen Hund gewollt, und das war einer der vielen Streitpunkte in der Ehe ihrer Eltern gewesen. Callie war die Einzige, die sich vage an den Vater erinnerte, zum Beispiel an den Besuch eines Rummelplatzes, wo ihr Vater sie auf ein weißes Karussellpferd gehoben hatte.

Ein Mann, der Tiere mochte, würde doch sicher auch Kinder mögen, vor allem seine eigenen. Josie verspürte einen Stich. War sie auch aus eigenem Interesse hergekommen oder nur wegen Lil­ly? Sie fragte sich, ob es nicht besser wäre, umzukehren.

Eine sanfte Brise strich ihr über den Nacken und lenkte sie von ihren Bedenken ab. Das Schlimmste, was ihr passieren konnte, war, dass ihr Vater Ellas Beschreibung entsprach. Wenn es so wäre, würde sie ihn nur fragen, ob er schon mal einen epileptischen Anfall gehabt hätte, und gleich wieder gehen.

Die breite Eingangstür wirkte zumindest einladend. Zu beiden Seiten standen Tontöpfe mit orange blühender Kapuzinerkresse. Während sie die Hand nach der Klingel ausstreckte, bemerkte sie eine Bewegung hinter einem der Fenster und hörte drinnen einen Hund bellen. Aber niemand öffnete die Tür.

Ob jemand, er, sie beobachtete?

Sie trat vor das Fenster und versuchte, einen Blick durch die defekte Jalousie zu werfen. Alles, was sie sah, war eine große schwarze Schnauze und ein wedelnder Schwanz.

Ihr Beobachter war also ein Hund. Die unsinnige Frage kam ihr in den Sinn, wieso dieser Hund das Recht hatte, im Haus zu sein, und die anderen in den Zwinger gesperrt waren.

Vielleicht war gar niemand zu Hause. Warum hatte sie bloß nicht vorher angerufen?

Sie war einfach zu impulsiv. Gabe sagte ihr das oft. Aber wenn sie als Innenarchitektin überleben wollte, musste sie schnell reagieren können, denn die Kunden änderten ihre Meinung ständig. Das erwiderte sie Gabe jedes Mal auf seine Kritik.

Manchmal konnte der Mann einen mit seiner Art zum Wahnsinn treiben. Aber Gabe war neben ihren Schwestern der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Hoffentlich merkte er nie, dass sie ein bisschen in ihn verknallt war.

Ella war übrigens seiner Meinung gewesen, was Josies ungestümes Temperament anbelangte. Ständig hatte sie an ihrer Tochter herumgemeckert, weil die nicht wie ihre Schwestern war: wohlerzogen und ruhig statt laut und rücksichtslos. Ihre Schwestern waren Klassenbeste in Mathe und Naturwissenschaften gewesen, während Josie sich diese Fächer hart erarbeiten musste. Aber wenn im Haus was zu reparieren war, kamen sie alle zu ihr.

Ohnehin kam sie sich in der Familie wie ein bunter Hund vor. Ihre Mutter und ihre Schwestern waren groß, schlank, blond und hellhäutig. Josie war klein, vollbusig und dunkelhaarig. Eher rassig. Kam sie vielleicht nach ihrem Vater? Und war sie auch im Wesen wie er?

Beinahe erleichtert, dass anscheinend niemand zu Hause war, ging sie zu ihrem Jeep zurück. Beim nächsten Versuch, ihren Vater kennenzulernen, würde sie vorher anrufen.

In diesem Moment fingen die Hunde im Zwinger wild zu bellen an und drehten die Köpfe alle in eine Richtung. Unwillkürlich blickte Josie in dieselbe Richtung und sah einen hellroten Pick-up die Einfahrt hochfahren.

Himmel, das wird er sein, dachte sie erschrocken und zog ihre Strickjacke fester um die Brust. Ein besonnen wirkender Mann hob die Hand vom Lenkrad und winkte ihr zu, und seine Beifahrerin tat es ihm nach.

In diesem Moment wurde Josie klar, dass sie den Mann nicht einfach überrumpeln konnte. Sie musste sich einen anderen Namen und eine Geschichte ausdenken, weshalb sie hier war. Dann könnte sie in Ruhe mit ihm reden, und wenn er zugänglich war, würde sie ihm die Wahrheit sagen.

Die Frau stieg zuerst aus. Sie hatte etwa Josies Größe, kupferfarbene Locken und ernste braune Augen.

Als der Mann ausstieg, sah Josie, dass er groß und schlank war.

Er wirkte älter, als sie vermutet hatte. Sie schätzte ihn auf etwa siebzig. Er trug ein blaues Hemd und eine beigefarbene Hose und hatte schütteres graues Haar. Er erinnerte sie an jemand Berühmtes, ja, an Art Garfunkel.

Die beiden blieben vor ihr stehen. Das Herz verkrampfte sich Josie, und sie brauchte einen Moment, um zu begreifen, warum sie so enttäuscht war. Sie hatte gehofft, ihrem Vater ähnlich zu sehen, seine Augen und seine Figur zu haben. Sie hatte davon geträumt, dass ihr Vater sie nur anzusehen bräuchte, um zu wissen, dass sie seine Tochter war, und dass er sie spontan in die Arme nehmen würde.

Josie streckte die Hand aus. „Hi, ich bin Sarah, äh, Thomas.“ Spontan hatte sie ihren zweiten Vornamen und Gabes Nachnamen gewählt. „Wenn Sie Roderick Blume sind, dann bin ich an der richtigen Adresse.“

Seinen Namen auszusprechen fiel ihr schwerer, als ihren eigenen falsch anzugeben.

„Ja, ich bin Rick Blume, und das ist Brenda. Was kann ich für Sie tun?“

„Willst du sie nicht erst mal reinbitten?“, schlug Brenda vor. „Du musst deine Pillen nehmen, und ich will anfangen zu kochen.“ Sie schloss die Haustür auf und redete sanft auf den Hund ein, der sie stürmisch begrüßte.

Der Mann … Rick … ihr Vater – Josie war unsicher, wie sie ihn bezeichnen sollte – zog die Augenbrauen zusammen. „Sie wollen doch hoffentlich nichts verkaufen, oder?“

„Nein, ich …“

„Und Sie sind auch nicht vom Tierschutz? Unsere Hunde werden gut gehalten. Sie bekommen dreimal am Tag frisches Wasser und gutes Futter.“

„Nein, ich bin auch nicht wegen der Hunde hier. Ich komme aus Augusta, ich kenne Ihre Verwandten.“

Der Mann wich einen Schritt zurück, und Josie hatte den Eindruck, er würde lieber mit einem Vertreter oder einem Tierschützer reden als mit jemand, der ihn an seine Vergangenheit erinnerte. „Sie meinen Ella und die Mädchen?“ Er musterte sie aufmerksam. „Die müssten etwa in Ihrem Alter sein.“

„Ein wenig älter.“

Ricks Blick verdunkelte sich, und Josie wartete schweigend, während er offensichtlich mit der unseligen Erinnerung kämpfte.

Nach einer Weile hielt er ihr die Haustür auf. „Runter, Gracie!“, befahl er dem Hund, der an Josie hochspringen wollte. Dann führte er sie ins Wohnzimmer zu einem Sessel neben dem Fenster. „Bitte.“

Etwas befangen nahm sie Platz und legte sich ihre Strickjacke auf den Schoß. Als die Hündin sich zu ihren Füßen setzte, beugte sie sich vor und kraulte ihr das Fell.

Brenda kam mit einem Glas Wasser und einer Handvoll Pillen aus der Küche. Seufzend ließ Rick sich auf dem Sofa nieder und grinste Josie entschuldigend an. „Wenn man alt wird, muss der Apotheker ein wenig nachhelfen.“

Josie nickte mitfühlend.

„Früher war ich stark wie ein Stier. Aber von dem vielen schweren Essen über all die Jahre haben sich meine Adern verengt. Vor ein paar Jahren hatte ich einen Herzinfarkt und muss jetzt einen Haufen Pillen schlucken.“

Von epileptischen Anfällen erwähnte er nichts. Um sicherzugehen, würde sie ihn fragen müssen. Während sie wartete, bis ihr Vater die Tabletten eingenommen hatte, kam ihr der beunruhigende Gedanke, dass es ihn womöglich zu sehr aufregen würde, wenn sie sich zu erkennen gab. Womöglich bekam er einen neuen Herzinfarkt.

„Möchten Sie Kaffee oder Eistee?“, fragte Brenda.

„Nein danke.“

„Wie geht es den Mädchen?“, fragte Rick, als würde es ihn wirklich interessieren.

„Gut, sehr gut.“

Er nickte nachdenklich. „Brendas Cousine aus Kansas hat vor ein paar Jahren Ellas Todesanzeige in der Zeitung gesehen. Damals dachte ich, das wäre eine Gelegenheit, wieder mit den Kindern in Verbindung zu kommen, aber ich ließ es sein. Es war eh zu spät.“

Josie sah ihn abwartend an.

Er lehnte sich zurück und rückte mit zitternder Hand seine Brille zurecht. „Ella wollte nicht, dass ich die Mädchen besuche. Sie hatte Angst, dass ich ihre Pläne durcheinanderbringe.“

Wie der Nichtsnutz, als den Ella ihn beschrieben hatte, kam er Josie absolut nicht vor. Wahrscheinlich war er auch nur ein Opfer der launischen, verbitterten Ella, genau wie Josie und ihre Schwestern.

„Soll ich Ihnen von Ihren Töchtern erzählen?“, fragte Josie.

Er sah sie an und nickte.

Es gab so viel zu erzählen. Josie war sehr stolz auf ihre Schwestern. Sie waren ganz besondere Menschen. Manchmal fragte sie sich, ob sie ihre Kindheit so gut überstanden hätte, wenn Callie und Isabel nicht gewesen wären.

„Callie arbeitet als Naturwissenschaftlerin an einem Forschungsinstitut. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Wichita. Der kleine Luke ist fünf Jahre alt – und die kleine Lil­ly sechs Monate.“

Sichtlich bewegt nahm Rick seine Brille ab und rieb sich die Augen. „Ja, Callie war ein sehr kluges Kind. Schon als sie anfing zu sprechen, habe ich das gemerkt.“

Er lächelte wehmütig. Ohne Brille konnte Josie seine Augenfarbe besser erkennen. Sie war hellgrau, genau wie Callies, und seine Augenbrauen waren genauso schön geschwungen wie die von Isabel.

Ihr fiel ein, dass sie ein kleines Fotoalbum im Auto hatte, das sie immer mit sich herumschleppte. Ob sie es holen sollte? War das der richtige Moment, ihrem Vater die Wahrheit zu sagen.

„Die Jüngste war noch ein Winzling, als ich sie zuletzt gesehen habe.“

Einen Moment lang dachte Josie, er rede von ihr. Sie hatte schon auf der Zunge zu sagen, sie sei doch noch gar nicht geboren gewesen. Doch er sprach gleich weiter. „Sie war ein sonniges Kind mit hübschen blauen Augen und blonden Locken.“

Josie hatte dunkles Haar und braune Augen. Ihr Vater konnte nur Isabel meinen.

„Sie hing ständig am Rockzipfel ihrer Mutter. Wie geht es ihr?“

„Sie meinen Isabel?“

„Ja, genau, Isabel. Den Namen habe ich ausgesucht, weil er mir so gut gefällt.“

„Sie ist mit einem Juraprofessor verheiratet und lebt in Colorado. Die beiden haben eine einjährige Tochter, Darlene. Isabel ist Pädagogin und arbeitet regelmäßig in einem Jugendcamp. Außerdem gibt sie Kunsthandwerkskurse und hat einen Laden.“

„Schwer vorzustellen, dass der Winzling von damals ein eigenes Kind hat.“

Wieso fragt er nicht nach mir? dachte Josie enttäuscht. Plötzlich wünschte sie, sie hätte Gabe mitgenommen. Aber sie konnte ihn doch nicht immer in Anspruch nehmen.

„Glauben Sie, die Mädchen würden mich gern treffen?“

„Callie und Isabel?“, fragte Josie, um sicherzugehen, dass er wirklich nicht sie selbst meinte.

„Ja, sicher. Callie und Isabel, meine Kinder.“

Josie war, als würde ein Stachel sich in ihr Herz bohren. Anscheinend wusste er nichts von ihr, oder er verdrängte die Erinnerung.

Am liebsten würde sie aufstehen und gehen und ihn weiter im Ungewissen lassen. Aber er hatte ihr eine Frage gestellt.

Nein, Josie glaubte nicht, dass ihre Schwestern ihn sehen wollten. Sie waren überzeugt, dass Ella guten Grund gehabt hatte, sie vor ihm zu warnen.

„Ja, vielleicht, ich werde sie fragen.“

„Ja, tun Sie das.“ Er stand auf und ging hinaus. Sie hörte ihn im Flur eine Schublade aufziehen, dann kam er zurück und reichte ihr seine Visitenkarte. „Geben Sie die den Mädchen, äh, Sarah? Sarah Thomas sagten Sie, ja? Ich würde mich freuen, wenn die beiden sich melden.“

Josie starrte ihn verständnislos an, dann nickte sie. „Ja, richtig.“ Sie steckte die Karte in ihre Hosentasche und ließ sich von ihm zur Haustür begleiten. Der Hund war schon vorausgelaufen. Aus dem Wagenfenster winkte sie ihm zu, bevor sie die holprige Einfahrt hinunterfuhr.

Nicht mal Lillys Krankheit hatte sie erwähnt. Es war zwar unwahrscheinlich, dass ihr Vater Epileptiker war, aber sie hätte ihn wenigstens fragen können.

Dafür hatte sie eine Menge anderer Dinge erfahren. Rick Blume war einfach nur ein alter Mann, vielleicht ein wenig vergesslich oder ignorant, was seine Vergangenheit anbelangte. Eher nachdenklich und introvertiert – wie ihre Schwestern.

Josie brauchte Action, Leute, Leben um sich.

Je länger sie sich mit ihrem Vater unterhalten hatte, desto weniger konnte sie ihn mit sich selbst in Verbindung bringen.

Bevor sie ihren Schwestern davon erzählte, musste sie zuerst mit ihren Gefühlen klarkommen. Zu Gabe würde sie vorerst auch nichts sagen; er würde ihr nur gute Ratschläge geben, wie sie es besser hätte machen können und was sie als nächstes tun sollte.

Nein, sie musste das mit sich allein ausmachen. Zu tief war ihre Enttäuschung darüber, dass ihr Vater sie selbst mit keinem Wort erwähnt hatte.

Vielleicht hatte er die Familie verlassen, bevor Ella ihm von ihrer Schwangerschaft erzählt hatte. Vielleicht steckte mehr hinter dieser Geschichte, als Josie und ihre Schwestern ahnten.

Das untrügliche Gefühl ergriff sie, dass ihre Suche nach einer Antwort gerade erst begonnen hatte.

3. KAPITEL

Drei Tage später stand Josie in ihrer Haustür und prustete los, als sie Gabes Gesicht sah.

„Du willst wirklich als Doc Holliday zur Halloweenparty meiner Eltern gehen?“, fragte er überrascht.

Sein Blick verweilte ein wenig zu lang auf ihrem flachgepressten Busen, und er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Gabe! Ich bin ein Revolverheld und keine Frau, also starr nicht so auf meinen Busen.“

„Ich habe mich nur gerade gefragt, wo du das alles hingepackt hast.“

„Tja, das wüsstest du wohl gerne.“

„Bist du dir darüber im Klaren, dass die Party ziemlich lange gehen wird? Meinst du, du hältst es aus, derart eingezwängt zu sein? Nicht, dass du mir umkippst.“ Mit anzüglicher Miene fügte er hinzu: „Aber ich helfe dir gern, das Ganze wieder aufzuschnüren.“

„Gabe!“ Sie tat, als wolle sie ihm die Tür vor der Nase zuschlagen.

„Man wird ja wohl noch mal einen Scherz machen dürfen.“

Er trat über die Schwelle ins Haus.

„Jetzt, wo ich meinen ersten Schock überwunden habe, kannst du dich mal ganz zeigen.“ Er ließ den Zeigefinger kreisen.

Josie sog ihre Wangen ein, um das hohlwangige Gesicht des Wildwesthelden zu imitieren, dann drehte sie sich langsam im Kreis. Im Secondhandladen hatte sie einen langen grauen Mantel und alte Stiefel ergattert. Einen breitrandigen Hut hatte sie nicht gefunden, deshalb hatte sie sich einen Scheitel gezogen und ihr Haar mit Gel zu einer Männerfrisur gestylt, wie man sie vor hundert Jahren getragen hatte. Außerdem hatte sie einen Schnauzbart aufgeklebt.

„Wahnsinn!“, bemerkte Gabe anerkennend. „Du siehst wirklich wie Doc Holliday aus.“

„Und jetzt du.“

Gabe drehte sich ebenfalls im Kreis, wobei er übertrieben gockelhaft stolzierte. So wie er aussah, konnte er sich das leisten. Groß, muskulös und sonnengebräunt und mit einem Gesicht, mit dem er reihenweise die Frauenherzen brach. Er sah einfach unwiderstehlich aus. Der echte Wyatt Earp wäre bei Gabes Anblick vor Neid erblasst.

Aber das war eins der Dinge, die Josie ihm nie erzählen würde.

„Toll! Besonders die Weste und der Pistolenhalfter gefallen mir.“ Sie zupfte an seinem Schnurrbart. „Ist der echt?“

Er gab ihr einen Klaps auf die Hand und drückte das künstliche Ding wieder fest.

„Hätte ja sein können, dass dein Bart so schnell wächst“, feixte sie.

Es wäre bestimmt lustig gewesen, sich als Josephine Sarah Earp zu verkleiden. So hatte die dritte Frau des Revolverhelden geheißen. Sie war seine Lieblingsfrau gewesen, und Josie hatte ihren zweiten Namen in Gedenken an sie bekommen.

Als Ehefrau dieses blendend aussehenden Mannes zur Party zu gehen und in seinen Armen zu tanzen – diese Vorstellung hatte etwas Verlockendes. Aber das ging natürlich nicht. Schließlich war sie als Mann verkleidet.

Außerdem hatte Josie ihre Grundsätze. Ihre längste feste Beziehung hatte gerade mal elf Wochen gehalten, während ihre platonischen Freundschaften mit Männern wesentlich dauerhafter waren. Freundschaften waren ihr viel zu wichtig, um sie für eine Liebesbeziehung aufzugeben. Vor allem Gabe wollte sie auf keinen Fall verlieren.

„Und du dachtest wohl, ich hätte mich als deine Frau verkleidet …?“, fragte sie, während sie ins Wohnzimmer ging.

„Wäre das so schlimm gewesen?“ Er ging ihr nach.

„Ach komm, Gabe. Frauen findest du doch wie Sand am Meer.“

„Ich meine doch nicht in Wirklichkeit. Du weißt, dass ich keine Frau suche. Hab mich nur gewundert, dass du als Mann gehst.“

„Gib’s zu, ich hab dich kalt erwischt“, raunte sie ihm zu.

Er sah sie an, als hätte er einen Banditen vor sich, die Hände am Colt. „Gehen wir?“

Josie unterdrückte ein Grinsen. Als sie Gabe kennengelernt hatte, war sie gerade noch Schülerin gewesen. Am Wochenende hatte sie in einem Baumarkt gejobbt, und er war öfters vorbeigekommen, um irgendwelchen Handwerksbedarf zu kaufen.

Wenn heute in der Baufirma, in der sie beide arbeiteten, Aufträge für die Innenausstattung hereinkamen, dann war das Josies Metier. Die Bauabwicklung übernahm Gabe.

Sie hatte eine Riesenhochachtung vor seinem Können und seiner Zuverlässigkeit. Manchmal war er ihr allerdings zu ernsthaft. Zu logisch. Meistens war er aber eine lockerer Typ und der mit dem besten Humor, den Josie kannte.

Heute Abend wollte Josie sich amüsieren, und wenn sie Gabes unternehmungslustig funkelnde Augen sah, könnte das klappen. Galant reichte er ihr den Ellbogen, und sie hängte sich bei ihm ein.

„Wir nehmen meinen Wagen“, entschied Gabe.

Doch Josie marschierte auf ihren Jeep zu. „Nein, fahr deine Luxuskarosse mal beiseite. Ich fahre.“

Unbeeindruckt lehnte Gabe sich an seine weiße Limousine und schob die Daumen in die Hosentaschen.

Sie seufzte. Männer und ihre Autos. Während Gabe sich jedes Jahr das neueste Modell leistete, fuhr sie ihren Jeep schon zehn Jahre. Sie hing an der alten Karre. Die hatte wenigstens Charakter. Gabes Autos waren einfach nur Statussymbole.

Er blickte stirnrunzelnd an seinem Anzug herunter. „Ich kann nicht mit dir fahren. Die Sachen gehören Nadines Mann.“

Nadine war Gabes sechs Jahre jüngere Schwester. Sie und Livy waren Zwillinge.

„Na und?“, fragte Josie. „Was haben geborgte Klamotten damit zu tun, wer fährt?“

„Ich kann nicht riskieren, dass der Anzug durch Blut oder Glasscherben ruiniert wird“, erwiderte er mit bierernstem Gesicht, ging um das Auto herum und öffnete die Beifahrertür.

Josie wich nicht von der Stelle. „Willst du damit sagen, dass ich nicht Auto fahren kann?“

„Nun ja, sagen wir, du vertraust darauf, dass andere dir nicht in die Quere kommen.“ Er wies einladend auf den Sitz. „Los, steig schon ein.“

„Geht nicht, ich muss vorher bei Callie vorbeifahren.“

„Ich weiß, wo deine Schwester wohnt.“ Er stützte sich mit dem Arm auf die Wagentür. „Komm, Josie, lass dich nicht so bitten. Überleg doch mal, was das für Vorteile hat.“

Daran hatte sie gar nicht gedacht. Ein, zwei Flaschen Bier, und die Party wäre noch mal so lustig. Vielleicht könnte sie sogar für eine Weile den Verdruss mit ihrem Vater vergessen.

„Du kannst dich total volllaufen lassen, wenn du willst“, betonte Gabe.

Sie bedachte ihn mit einem vorwurfsvollen Blick. „Zu deiner Information, ich habe mich noch nie volllaufen lassen. Das weißt du ganz genau.“ Sie stieg in sein Auto und schlug die Tür zu, bevor Gabe es tun konnte.

Der konnte es natürlich nicht lassen, ihren Einwand zu kommentieren. „Du musst bedenken, dass du nur eine halbe Portion bist. Das heißt, du verträgst auch nur die Hälfte.“

„Für eine Frau habe ich Durchschnittsgröße“, konterte sie beleidigt.

Gabe zwinkerte ihr zu.

Dass dieser Mann sie auch immer so in Rage bringen konnte! Sie öffnete den Mund, um ihm ihre Meinung zu sagen, verzichtete aber darauf, als sie seine schelmischen Augen sah.

Mit gerunzelter Stirn blickte er auf ihre Lippen, dann bewegte er den Mund so, dass sein Bart wackelte.

„Gabe, was machst du denn da?“

„Dein Schnurrbart hängt schief.“

„Oh nein!“ Sie befühlte ihren angeklebten Schnurrbart und merkte, dass eine Ecke locker war. Als sie in die Mitte rutschte, um in den Rückspiegel zu sehen, drückte sich ihr Oberschenkel gegen seinen. Das merkte sie aber erst, nachdem sie den Bart wieder befestigt hatte und Gabes leicht verschleierten Blick sah.

„Deiner ist auch wieder lose“, sagte sie, um ihre Verlegenheit zu überspielen. Sie drehte den Spiegel zu ihm hin, damit er hineinsehen konnte.

„Besser?“, fragte er, nachdem er das Ding wieder angedrückt hatte. In seinen Augen war ein hintergründiges Funkeln.

Josies Herz klopfte schneller. Manchmal fragte sie sich, wie es wäre, mit einem Mann wie Gabe zusammen zu sein. Sich voll und ganz auf ihn einzulassen. Manchmal sehnte sie sich nach einer solchen Beziehung.

„Ja, alles okay“, erwiderte sie.

„Gut, dann können wir ja fahren.“

Josie konnte es kaum erwarten, auf die Party zu kommen. Sie wollte sich einfach nur amüsieren und nicht mehr an den einzigen Mann auf der Welt denken, der sie verletzen konnte und es auch getan hatte. Ob willentlich oder nicht.

Dieser Mann war ihr Vater.

Ganz sicher nicht Gabe Thomas.

Während der halbstündigen Fahrt von Augusta nach Wichita stellten Gabe und Josie Vermutungen an, wen sie wohl alles auf der Party treffen würden, die Gabes Mutter und sein Stiefvater jedes Jahr zu Halloween ausrichteten. Meist waren es Fachleute aus der Baustoffindustrie, denn Gabes Eltern waren Besitzer einer großen Holzhandlung am Stadtrand von Wichita.

Wie versprochen, fuhr Gabe noch bei Josies Schwester vorbei. Als sie das Haus erreichten, war es acht Uhr und schon stockdunkel. Trotzdem brannte kein Licht im Haus.

„Anscheinend sind sie gar nicht da“, sagte Josie mit leicht alarmierter Stimme. „Hoffentlich hat Lilly nicht wieder einen Anfall bekommen.“

„Lass uns einfach klingeln“, schlug Gabe vor, während sie zur Haustür gingen. „Vielleicht bringen sie gerade die Kinder ins Bett, oder sie sitzen hinten im Garten. Wissen sie denn, dass du vorbeikommst?“

„Nein. Ethan arbeitet heute Abend, aber Callie und die Kinder müssten eigentlich da sein.“

Auf Josies Klingeln öffnete Callie die Tür. Sie wirkte vollkommen ruhig. „Hallo, ihr beiden“, sagte sie lachend, als sie die Kostümierung sah. „Doc Holliday und Wyatt Earp. Wie passend!“

„Ich hab mir schon Sorgen gemacht, weil kein Licht an ist“, sagte Josie.

Callie bat sie herein. „Das habe ich extra ausgelassen, damit keines von den Nachbarskindern klingelt und Lilly aufweckt.“

Sie gingen in die Küche, wo die kleine Lilly in ihrer Babywippe eingeschlafen war. Der fünfjährige Luke saß am Tisch und wühlte mit dem ganzen Arm in einem riesigen Plastikkürbis. Mit großen braunen Augen musterte er Gabe und Josie, während er einen Lutscher aus dem Kürbis fischte. „Gehen Erwachsene auch Süßigkeiten sammeln?“

„Nein“, erwiderte Josie und setzte sich neben ihren Neffen. „Aber wir gehen auf eine Halloweenparty.“

Callie nahm die kleine Lilly aus ihrer Wippe. „Ich bringe sie mal ins Bett.“

Zärtlich betrachtete Josie ihre süße Nichte. „Ist alles okay?“

„Nein, nicht ganz“, erwiderte Callie. „Sie hatte zwar keinen neuen Anfall, aber wenn sie aufwacht, zuckt sie immer mit den Augen. Ich hab schon einen Termin beim Kinderneurologen.“

„Gut.“

Josie bot Gabe den Platz neben sich an, während ihre Schwester mit dem Baby hinausging.

„Darf ich mit auf die Party?“, fragte Luke seine Tante. „Da gibt’s bestimmt Kekse.“

„Das ist doch eine Erwachsenenparty. Die ist bestimmt langweilig für dich.“

Luke zog die Nase kraus und angelte sich eine neue Süßigkeit aus dem Kürbis. Dann betrachtete er eingehend Gabes Kostüm. „Bist du ein Sheriff?“

„Ja, so was Ähnliches. Das soll Wyatt Earp sein. Hast du schon mal einen Cowboyfilm gesehen?“

„Nein, darf ich nicht.“ Sein Blick wanderte zu Josie. „Und was bist du?“

„Auch so eine Art Westernheld.“

„Aber du bist doch kein Mann!“, entrüstete sich der Kleine.

Gabe lachte leise. „Sie hat sich ja nur als Mann verkleidet, das darf man an Halloween. Sie geht als Doc Holliday, der hat mir, ich meine Wyatt Earp bei einer Schießerei mal das Leben gerettet.“

„Mein Papa ist auch Polizist, und wenn ich mal groß bin, werd ich auch einer.“ Er deutete auf Gabes Pistolengürtel. „Ich will auch so was, aber meine Mom erlaubt es nicht.“

„Wenn du willst, besorge ich dir nächstes Jahr einen Werkzeuggürtel und einen Schutzhelm. Dann kannst du als Bauunternehmer gehen.“

„Nein, ich will Polizist werden, so wie mein Daddy.“

Josie war ganz still geworden und blickte abwesend vor sich hin, die Papiertasche an sich gedrückt. Gabe fragte sich, was wohl mit ihr los war.

Als Callie in die Küche zurückkam, verabschiedeten Gabe und Josie sich. Während sie zum Auto gingen, kamen ihnen fünf gruselig aussehende kleine Gestalten entgegen. Sicher würden sie gleich bei Callie klingeln, um ein paar Süßigkeiten zu ergattern.

Im Auto sprach Josie noch immer kein Wort. Die Papiertasche hatte sie wieder auf dem Schoß. Er hatte gedacht, es sei ein Geschenk für die Kinder. Er fragte sich, wieso sie die Tüte mit hinein und wieder mit heraus gebracht hatte. „Was hast du denn?“

„Was soll ich haben?“

Während sie durch die Stadt zurückfuhren, fragte er: „War bei der Arbeit alles okay diese Woche? Kein Ärger mit Lieferanten?“

„Peter will, dass ich das erste Modellhaus bis Thanksgiving fertig habe.“

Peter Kramer war ein hiesiger Bauunternehmer, der sie beide für sein aktuelles Projekt engagiert hatte. Er war anspruchsvoll, aber fair. „Und, schaffst du das?“

Sie starrte geradeaus. „Sicher. Die Möbel sind schon bestellt, und Montag bestelle ich die Dekostoffe.“

Das schien jedenfalls nicht ihr Problem zu sein.

Er machte einen neuen Versuch, sie zum Reden zu bringen. „Ethan und Callie kriegen das mit Lilly ganz gut hin. Ist doch prima, dass deine Schwester in der Medizinforschung arbeitet.“

„Mhm.“

Mit Lilly schien sie auch nicht beschäftigt zu sein. Aber sie wirkte … besorgt.

„Und wie geht’s Isabel? Gefällt’s ihr noch in Colorado?“

„Sie will gar nicht mehr weg.“

Nachdem wieder eine Weile Schweigen eingetreten war, beschloss Gabe, direkt zu fragen. „Sag schon, was hast du auf dem Herzen, Josie?“

„Nichts.“

„Du bist völlig abwesend.“

„Bin ich nicht.“

„Du hast Luke kaum beachtet.“

„Natürlich. Ich habe doch mit ihm geredet.“

Er ließ sie in Ruhe. In seiner Familie kümmerte jeder sich um den Kram der anderen. Aber Josie war in einer Familie aufgewachsen, wo jeder seine Dinge für sich behielt. Er hoffte, dass sie auf der Party auftauen würde.

Gabe beschloss, sich keine weiteren Sorgen um Josie zu machen. Vielleicht würde er heute Abend nette Frauen kennenlernen und könnte mal wieder ein Date ausmachen. Seine Schwester Nadine hatte erwähnt, dass sie eine alleinstehende Freundin mitbringen würde, eine Lehrerin. Wahrscheinlich hoffte sie, Gabe würde anbeißen.

Er nahm sich jedenfalls vor, die Party zu genießen.

4. KAPITEL

Als Gabe vor dem großen Haus seiner Eltern vorfuhr, standen schon unzählige Autos in der Einfahrt, sodass er weiter unten in der Straße parken musste.

Beim Aussteigen fiel Josies Blick auf die Papiertasche in ihrem Schoß. „Mist! Die wollte ich doch Luke geben.“

„Was ist denn drin?“

„Selbst gebackene Halloweenkekse, mit Gespenstern und Fratzen. Luke ist ganz wild danach.“

Normalerweise hatte sie mit Kochen und Backen nichts am Hut, aber für ihren Neffen war ihr keine Mühe zu viel. „Mach dir keine Gedanken. Ich glaube, der hat seinen Zuckerbedarf heute schon mehrfach überschritten.“

„Wahrscheinlich hast du recht.“ Josie ließ die Tasche auf ihrem Sitz stehen, und dann gingen sie gemeinsam zu der Scheune, in der die Party ausgerichtet war. Normalerweise hätten sie sich angeregt unterhalten, aber Josie war noch immer still.

Gabes Mutter hatte sich mit der Dekoration selbst übertroffen. Eine Seite des riesigen Scheunentors war mit Spinnweben voll grässlicher Spinnen behängt, daneben schien eine lebensgroße Hexe die Scheunenwand zu durchbrechen. Sechs Fackeln warfen ihr düsteres Licht auf das beachtliche Hinterteil, den Besen und die schweren Stiefel, die aus einem schwarz angemalten, zerklüfteten Loch herausragten. Aus der Scheune drang gespensterhafte Musik.

Als Gabe und Josie das Gebäude betraten, sahen sie auf der anderen Seite das Oberteil und die furchterregende Fratze der Hexe, die durch die Mauer zu kommen schien.

Cindy Connolley, Gabes immer noch fantastisch aussehende Mutter, kam im Nixenkostüm herangeschwebt, das Ende ihrer grünen Schwanzflosse graziös über den Arm drapiert. Sie begrüßte die beiden herzlich und sagte: „Da drüben im großen Kessel gibt’s heißen Punsch. Wenn ihr was anderes wollt, meldet euch bei ihm.“ Sie nickte einem zerlumpten Studenten zu, der hinter dem Tresen stand.

„Danke, Cindy.“ Josie ging zu dem Jüngling an der Bar und ließ sich ein Bier geben, dann redete sie noch ein wenig mit ihm.

Gabe war erleichtert, als er Josie wieder lächeln sah. Sie beugte sich zu dem Barmann hinüber und begutachtete sein Kostüm, dann lachte sie über etwas, das er sagte.

Falls Josies Leiden die Einsamkeit war, dann könnte der Typ sie vielleicht kurieren. Obwohl … Er schien ein bisschen zu jung für sie, wobei das bei der gruseligen Maskerade schwer zu sagen war. Auf jeden Fall stierte er mit seinen zwei richtigen und seinen drei künstlichen Augen interessiert Josies plattgedrückten Busen an, als ahnte er, was wirklich unter ihrer Verkleidung steckte.

An seine Mutter gewandt, murmelte Gabe. „Wer ist denn der Typ?“

„Der hinter der Bar? Buchhalter in Kurts Firma. Hat sein BWL-Studium mit Auszeichnung abgeschlossen.“

„Wann – letzte Woche?“

„Nein, vor fünf, sechs Jahren. Er ist um die dreißig.“

„Und wie ist er so? Nett zu seiner Mom? Keine Sexorgien oder Drogen?“

Cindy runzelte die Stirn. „Ich glaube, er ist okay, aber genau weiß man das nie.“ Dann glättete sich ihre Stirn. „Doch, ich habe mal seine Eltern kennengelernt. Er ist völlig in Ordnung.“

Als ob man von den Eltern auf den Sohn schließen könnte. Serienkiller hatten vielleicht auch nette Eltern. „Na, hoffen wir’s mal.“ Gabe wandte seine Aufmerksamkeit der Dekoration zu. „Die Hexe gefällt mir. Hast du toll hingekriegt.“

„Das Talent hast du von mir geerbt“, erwiderte sie und begutachtete seinen Bart. „Josie hat auch so einen. Ihr habt doch nicht etwa euren Freundschaftspakt gebrochen?“

„Nein, wieso denn?“

„Du benimmst dich ein bisschen komisch, mein Sohn. Irgendwie … überfürsorglich. Außerdem seid ihr als Paar verkleidet.“

„Reiner Zufall.“ Gabe bemerkte, dass Josie sich den Weg zur Tanzfläche bahnte. „Wo ist Kurt?“ Er blickte sich suchend um.

„Siehst du den Fischer da drüben, der mit einem von den sexy Bunnys tanzt?“

Gabe folgte dem ausgestreckten Finger seiner Mutter. Kurt Connolley war etwa zehn Jahre älter als sie und etwas beleibt. Er hatte eine riesige Nase und eine Glatze. Hübsch war er nicht gerade, vor allem wenn man ihn mit Gabes verstorbenem Vater verglich, aber es war unschwer zu erkennen, dass seine Mutter ihn liebte.

Kurts Kostüm war nicht sonderlich originell, aber in seinem Netz hing giftgrüner Seetang und ein Paar alte Schlappen. Jedenfalls passte er zu seiner Nixe.

Gabe lachte. „Wow, eure Kostüme sind wirklich unschlagbar!“

Seine Mutter schwebte weg, um ein paar Neuankömmlinge zu begrüßen. Er suchte Josie und fand sie mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einem Heuballen sitzend. Sie trank aus ihrer Bierflasche und beobachtete die tanzenden Paare.

Das war sonst so gar nicht ihre Art.

Er setzte sich neben sie. „Willst du dich nicht unter die Leute mischen?“

„Nein“, seufzte sie.

„Willst du reden?“

„Nein.

„Willst du tanzen?“

„Nein.“

Er nickte verständnisvoll und blieb noch eine Weile sitzen für den Fall, dass sie doch damit herauskam, was ihr auf dem Herzen lag.

„Geh du nur und mach die Runde.“ Sie seufzte. „Wenn ich ausgetrunken habe, komme ich auch.“

Gabe wusste aus Erfahrung – schließlich hatte er zwei Schwestern und eine Mutter –, dass Frauen meist, wenn sie „Lass mich in Ruhe!“ sagten, in Wirklichkeit nur Aufmerksamkeit wollten.

Josie war da allerdings eine Ausnahme. Wenn sie etwas sagte, meinte sie es auch so. Deshalb ließ er sie jetzt auch allein.

„Ich komme bald wieder“, versprach er.

Nachdem er sich an der Bar einen Softdrink geholt hatte, mischte er sich unter die Leute, begrüßte seine Kollegen und bewunderte die Kostüme. Als Josie nach einer halben Stunde noch immer nicht aufgetaucht war, ging er zur Tanzfläche, wo ihn sofort eine Minnie Mouse schnappte, deren Mickey anscheinend nicht tanzen wollte. Er tanzte ein Musikstück mit ihr und ein zweites mit der berühmten Kansas Dorothy. Die hieß im wirklichen Leben Alana Morgan und war eine ältere Freundin seiner Mutter.

Nachdem er noch einen Walzer mit der alten Dame getanzt hatte, erschienen seine Zwillingsschwestern und zogen ihn von der Tanzfläche. Nadine und Livy hatten sich wie immer als Paar verkleidet – diesmal als Salz- und Pfefferstreuer. Mit ihren Hüten aus Alufolie und ihren plastikumhüllten Körpern sahen sie umwerfend aus. Wie alle in der Familie hatten sie blondes Haar und blaue Augen.

„Hast du niemanden mitgebracht?“, fragte er Nadine.

„Nur mich“, erwiderte Livy. „Frank muss die Kinder hüten.“

Wenn die Zwillinge zusammen waren, sprachen sie immer wie eine Person. „In Wirklichkeit mag er keine Partys“, erklärte Nadine.

Gabe hatte eigentlich Nadines Lehrerfreundin gemeint, nicht ihren Mann. Aber das war jetzt unwichtig. Er würde sich nur schuldig fühlen, wenn er mit einer anderen flirtete, während Josie Trübsal blies.

Eigentlich war sie immer energiegeladen. Lebenslustig und unbekümmert. Selbst wenn sie sich über etwas aufregte, machte sie ganz normal weiter und versuchte, das Problem zu verdrängen.

Aber nie ließ sie den Kopf hängen.

Nachdem er mit jeder seiner Schwestern einmal getanzt hatte, ging er zu ihr. Sie saß noch immer auf dem Heuballen. Kurzerhand griff er nach ihrem Arm und zog sie hoch.

„Was machst du da?“, fragte sie leicht unwirsch.

„Ich entführe dich auf die Terrasse.“

„Und wozu?“

„Zum Reden.“

„Hab keine Lust.“

„Doch, hast du.“

Nachdem er sie in einen gepolsterten Gartenstuhl bugsiert hatte, nahm er sich einen Hocker und setzte sich vor sie hin.

Forschend betrachtete er ihr Gesicht. Ihren falschen Bart hatte sie längst abgenommen, und mit ihrem männlich gestylten Haar wirkten ihre braunen Augen noch größer als sonst. Sie sah jung und verletzlich aus. Irgendwie erwachsener.

Plötzlich kam es ihm vor, als ob eine Art Halloweenzauber die Nacht erfüllte und alles veränderte. Glückliche Menschen wurden traurig, freundschaftliche Gefühle verwandelten sich in erotische.

Gabe verspürte den heftigen Wunsch, Josie in die Arme zu nehmen und zu küssen und ihr die Sorgen wegzuflüstern.

Um diese gefährlichen Gedanken zu verscheuchen, stand er auf und drehte das Licht an. Dann setzte er sich wieder auf den Hocker. „So, und jetzt will ich wissen, was mit dir los ist.“

Josie blinzelte ihn an. „Was meinst du denn?“

„Seit wir bei deiner Schwester waren, bist du völlig verändert. Du wirkst abwesend und sitzt trübsinnig herum, statt lustig zu feiern.“

Josie trank einen großen Schluck aus ihrer Bierflasche, wie um sich Mut anzutrinken.

„Vor ein paar Tagen habe ich meinen Vater besucht.“ Ihre Stimme klang rau.

„Du bist also doch allein gefahren“, stellte Gabe kopfschüttelnd fest. „Aber was ist denn passiert, dass du so durcheinander bist?“

„Er hat mich nicht erkannt.“

„Na gut, wie sollte er auch? Aber du hast dich doch sicher vorgestellt.“

Sie holte tief Luft. „Ich habe einen falschen Namen genannt und so getan, als sei ich ein Freund der Blumes. Er wollte alles über meine Schwestern wissen. Von einem dritten Kind hat er kein Wort erwähnt.“

Gabe unterdrückte einen Fluch, dann rückte er näher und streichelte ihr Knie.

Das hatte er schon hundertmal getan, und Josie wusste, dass es nur als freundschaftliche Geste gemeint war. Er konnte ja nicht ahnen, was er damit anrichtete.

„Was haben deine Schwestern denn dazu gesagt? Hast du herausgefunden, ob er auch epileptische Anfälle hatte?“

„Das hab ich nicht gefragt. Und meinen Schwester habe ich noch nichts davon erzählt.“

Gabe sah sie mitfühlend an.

„Er hat nur von einem Herzinfarkt gesprochen und dass er früher wesentlich fitter gewesen sei.“ Sie seufzte. „Jedenfalls muss ich das Ganze erst mal verdauen.“

„Wie ist er denn so?“

Sie blickte sinnierend an Gabe vorbei, während sie sich Rick Blume ins Gedächtnis zurückrief. „Groß und schlank. Schon ein bisschen alt und klapprig. Eher ruhig. Callie und Isabel sehen ihm ähnlich.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Ich nicht. Aber was mich am meisten irritiert hat, ist, dass er anscheinend nichts von meiner Existenz weiß.“

Gabe nahm ihr die Flasche aus der Hand und stellte sie auf den Terrassenboden, dann beugte er sich zu ihr und nahm sie in die Arme. Sofort fing sie an zu schluchzen, und er streichelte ihr beruhigend den Rücken.

Sie wischte sich die Tränen aus den Augen. „Das war ziemlich heftig, von meinen Schwestern zu erzählen und mich selbst dabei auszulassen.“ Ihre Stimme klang dumpf an Gabes Brust. „Er war so stolz über das, was ich ihm erzählt habe.“

„Auf dich sind auch viele stolz, Josie. Du brauchst keine Anerkennung von einem Fremden.“

Wie wohltuend es war, von Gabe getröstet zu werden! Und wie gut sich seine warme Hand auf ihrem Rücken anfühlte!

Viel zu gut.

So gut, dass sie sich vorsichtshalber aus seinem Arm schälte. „Was habe ich schon groß in meinem Leben gemacht? Ich wohne im selben Haus, in dem ich aufgewachsen bin, esse von demselben Geschirr, treffe dieselben Leute.“

„Ist es das, was dich bedrückt? Dass du diesen Mann getroffen hast, der es nie für nötig hielt, dir auch nur eine Geburtstagskarte zu schicken, und dass du ihm nicht genug bieten kannst?“

„Als ich ihm von meinen Schwestern erzählt habe, ist mir klar geworden, wie langweilig mein Leben ist.“

„Wieso denn?“

Sie lachte traurig auf. „Na ja. Callie arbeitet in der Krebsforschung, ist mit einem Piloten verheiratet und hat zwei wunderbare Kinder. Und Isabel fährt jedes Wochenende mit ihrem blendend aussehenden, intelligenten Mann und ihrem süßen Baby zu einem Jugendcamp in die Berge und hat daneben noch einen Kunstgewerbeladen.“

„Mhm. Du kannst stolz auf deine Schwestern sein.“

„Das bin ich auch. Aber ich fühle mich wie eine Dreijährige, die heult, weil ihre Schwestern mehr bekommen haben als sie selbst.“

„Du bist einfach durcheinander.“

„Ich bin halt ein Partygirl, mag Sport und Bier, bin egoistisch und mag meine Gefühle nicht zeigen.“

„Du bist nicht egoistisch. Und du hast bloß Angst vor deinen Gefühlen.“

„Vielleicht.“

„Außerdem bist du eine preisgekrönte Innenarchitektin, und du arbeitest noch ehrenamtlich für wohltätige Zwecke. Die Kunden und Kollegen haben eine hohe Meinung von dir und deiner Arbeit.“

Josie zuckte die Achseln.

„Gibst du die Sache mit deinem Vater jetzt auf?“, fragte Gabe.

„Nein, ich werde noch mal hinfahren und ihn nach seinen Krankheiten fragen.“

„Dann nimm mich aber diesmal mit, damit ich auch einen Eindruck von ihm bekomme.“

„Du darfst aber nur dasitzen und zuhören und mir nicht reinreden“, sagte Josie streng. „Quasi als moralische Unterstützung.“

„Einverstanden.“

„Danke, jetzt geht’s mir besser“, sagte Josie und strich über Gabes Arm. „Komm, lass uns wieder reingehen.“

Sie stand auf und zog ihren falschen Bart aus der Hosentasche. „Hat Nadine eigentlich ihre Freundin mitgebracht, die Lehrerin? Die wollte sie dir doch vorstellen.“

„Nein, die ist krank geworden.“

„Du redest von ihr, als wüsstest du ihren Namen nicht.“ Josie befestigte ihren Bart wieder über der Oberlippe.

Gabe nahm Josies Bierflasche vom Boden. „Sie heißt Miss Roberts.“

„Hat sie keinen Vornamen?“, fragte Josie mit anzüglichem Lächeln.

Gabe seufzte theatralisch. „Nadines Kinder haben von ihr immer nur als Miss Roberts gesprochen. Bestimmt hundert Mal habe ich den Namen gehört, wenn wir alle bei Mom zum Essen waren. Scheint eine ziemlich beliebte Lehrerin zu sein.“ Als Josie nicht aufhörte zu grinsen, fügte er seufzend hinzu: „Ich habe ihren Vornamen und ihre Telefonnummer auf einem Zettel stehen, falls du’s genau wissen willst.“

Sie standen sich so dicht gegenüber, dass sie seinen warmen Atem spürte. Selbst im Halbdunkel war die Maserung seiner Iris zu erkennen. Wie es wohl wäre, Gabe zu küssen? Oft genug hatte sie sich das gefragt, doch irgendwas hielt sie davon ab. Vielleicht die Ahnung, dass ein einziger Kuss von Gabe sie alle anderen Männer vergessen lassen würde.

Gabe fasste sie unter dem Kinn und betrachtete prüfend ihre Lippen, dann rückte er ihren Schnurrbart zurecht.

Eine eher brüderliche Geste. Noch vor fünf Tagen wäre sie sicher gewesen, dass es nur das war und nichts weiter.

Wie kam es, dass sie sich plötzlich mehr von ihm wünschte als brüderliche Zuwendung?

Kaum hatte sie das gedacht, tadelte sie sich selbst. Sie sollte froh sein, dass Gabe nicht ebenfalls auf andere Gedanken kam. Wenigstens einer von ihnen beiden sollte einen kühlen Kopf behalten.

Nachdem Gabe den Schnurrbart zurechtgerückt hatte, strich er wie unabsichtlich über ihre Unterlippe und folgte seinem Finger mit dem Blick, als würde er eine scharlachrote Spur hinterlassen.

Josie war ernst geworden, ebenso wie Gabe. Ihre Lippen brannten von seiner Berührung, und sie verspürte den heftigen Wunsch, Gabe möge sich über sie beugen und sie küssen.

Als hätte auch er die Gefahr erkannt, sagte er in betont fröhlichem Ton: „Wollen wir wieder reingehen?“

„Gern.“

Schweigend schlenderten sie in der Dunkelheit zur Scheune zurück.

„Wann willst du denn zu deinem Vater fahren?“, fragte Gabe.

Zum Glück eine unverfängliche Frage, dachte Josie erleichtert.

„Nächstes Wochenende?“

„Okay.“

Drinnen empfing sie eine ausgelassene Partystimmung. Die Stereoanlage war noch lauter aufgedreht, um den Trubel und das Gelächter zu übertönen.

Normalerweise genoss Josie auf Partys ihr Singledasein. Doch heute Abend sehnte sie sich nach einer Entschuldigung, um früh aufbrechen zu können.

Gemeinsam bahnten sie sich einen Weg durch die Menge, wie sie es schon oft auf Partys getan hatten. Sie begrüßten Kollegen, Freunde und Konkurrenten, und Josie unterhielt sich angeregt, bis sie ganz heiser war vom lauten Sprechen.

Plötzlich fand sie sich mit Gabe am Rand der Tanzfläche, und es war ganz natürlich, dass sie sich unter die kostümierten Paare mischten.

Sie hatten schon oft zusammen getanzt. Wenn keiner von ihnen eine Verabredung hatte, gingen sie meistens zusammen aus. Sie kannte seine Lieblingssongs, und sie wusste, dass er ein geübter Tänzer war.

Trotzdem fühlte es sich diesmal anders an. Sie genoss die Wärme seiner Umarmung und seine beruhigende Stimme.

Irgendetwas hatte sich verändert, aber was?

Josie kam zu dem Schluss, dass sie selbst sich verändert hatte. Sie fühlte sich unsicher, verletzlich, und sie brauchte breite, verlässliche Schultern zum Anlehnen. Da kam Gabe ihr gerade recht.

Mehr war da nicht.

Oder etwa doch?

5. KAPITEL

Mit einer Decke um die Schultern trat Josie auf die Fußmatte vor ihrer Hintertür und hielt Ausschau nach der Tageszeitung. Einer der Vorteile dieses alten Hauses war, dass die nächsten Nachbarn einen halben Kilometer entfernt wohnten. Sie konnte splitterfasernackt im Garten herumhüpfen, ohne gesehen zu werden.

Die Zeitung lag unter der Akazie, ganz am Ende des Gartens. Die neue Zeitungsträgerin hatte anscheinend keine Lust, sie bis zur Terrasse zu bringen.

Leise fluchend ging sie die Verandastufen hinunter und zuckte zusammen, als sie gefrorenen Tau unter den nackten Füßen spürte. Kaum zu glauben, dass das Jahr schon bald wieder um war. Heute Nachmittag würde sie die Gartenschläuche zusammenrollen und im Schuppen verstauen. Vielleicht sollte sie sich auch schon mal Gedanken über das Thanksgiving-Dinner machen. Sie würde Isabel und Callie anrufen und sich mit ihnen beraten. Bei der Gelegenheit würde sie ihren Schwestern auch von dem Besuch bei ihrem Vater erzählen.

Doch vorher würde sie noch ihren Kaffee trinken und die Zeitung lesen. Schnell lief sie über das gefrorene Gras, um die Zeitung zu holen. Im selben Moment, als sie sich danach bückte, hörte sie ein Auto vorfahren. Rasch wickelte sie die Decke fester um sich und spähte durch die Büsche. Sie sah, wie Gabe hinter ihrem Jeep einparkte.

Hatte sie ihm nicht gesagt, sie hätte heute keine Zeit? Schnell ging sie ins Haus, um drinnen zu warten.

Kurz darauf kam er durch die Hintertür. „Was hast du denn da draußen gemacht bei der Kälte, und in diesem Aufzug?“ Er deutete auf ihre nackten Beine.

Sie blickte an sich herunter auf die rot gemusterte Decke, die Isabel ihr letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte. „Ich bin doch warm eingepackt“, rechtfertigte sie sich. „Erzähl mir lieber, was du hier so früh am Morgen machst.“

„Ich wollte sehen, wie’s dir geht. Hast du heute was vor?“

Sie streckte das Kinn vor. „Wie kommst du darauf?“

„Mom hat mir erzählt, dass du bei der Handwerksmesse drüben in Douglass helfen wolltest, aber dann abgesagt hättest, weil du angeblich keine Zeit hast.“

„Hab ich auch nicht.“

„Mir hast du erzählt, du hättest keine Zeit zum Spiel zu kommen, weil du auf der Messe helfen sollst.“

„Glaubst du, ich erzähle dir immer alles, was ich mache?“

Er sah ihr forschend ins Gesicht. „Falls du deinen Vater besuchen willst – du weißt, dass ich gern mitkommen würde.“

„Ja.“ Josie bemerkte, dass Gabes Blick über ihre halb nackte Schulter glitt.

Er hatte sie schon spärlicher bekleidet gesehen. Was war gestern Abend passiert, dass plötzlich alles so anders war? Mit einem Mal kam sie sich in seiner Gegenwart nackt vor. Sie glaubte, in seinen Augen ein Feuer zu erkennen, und ihr Körper reagierte prompt auf diese Fantasie. Sie spürte, wie ihre Brustspitzen zu kribbeln anfingen und es ihr ganz warm zwischen den Beinen wurde.

Sie dachte an Sex. Heißen, leidenschaftlichen, hemmungslosen Sex.

Schnell zog sie sich die Decke bis zum Kinn.

Gabes Augen wurden dunkel. Aus Verlegenheit, wie es schien, drehte er sich um und sah aus dem Fenster.

Sie fühlte sich ziemlich verwirrt. Vielleicht würde der Besuch bei ihrem Vater ihr helfen, wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Aber sie würde lieber allein fahren.

„Gabe, ich finde es sehr nett von dir, dass du mitkommen willst, aber …“

„Aber was?“, unterbrach er sie.

„Ich möchte niemanden dabeihaben.“

„Wieso nicht? Wir hatten doch abgemacht, dass ich mich nicht einmische.“

„Und wenn ich auf halbem Wege beschließe, lieber umzukehren?“

„Du machst, was du für richtig hältst, Josie. Ich biete dir nur meine Unterstützung an.“

„Also gut, dann ziehe ich mich mal an.“

„Ich warte.“ In seiner Stimme war dieser Unterton, den sie so gut kannte, und der bedeutete: Ich habe gewonnen.

Alter Angeber.

Josie holte sich Anziehsachen aus ihrem Schlafzimmer und ging ins Bad. Kurz bevor sie die Tür schloss, fiel ihr noch etwas ein. „Gabe?“, rief sie über den Flur.

„Ja, Josie.“

„Du kannst schon mal dein Auto wegfahren. Wir nehmen meins.“

„Meins hat einen Abstandsregler.“

„Meine Bremsen funktionieren hervorragend.“

„Meins hat eine super Stereoanlage.“ Bevor sie dieses Argument entkräften konnte, fügte er hinzu. „Und ich habe die neue CD von Maroon 5 gekauft.“

„Wirklich? Oh, wow, ich liebe ihren neuesten Song.“ Sie machte eine Pause, bevor sie hinzufügte: „Aber wir nehmen trotzdem meinen Jeep.“

Kichernd schloss sie die Badezimmertür. Es gefiel ihr, dass sie und Gabe zu dem vertrauten Geplänkel zurückgefunden hatten. Gabe mochte die Gruppe Maroon 5 gar nicht besonders. Wahrscheinlich hatte er die CD als Lockmittel gekauft, weil er unbedingt mit zu ihrem Vater fahren wollte.

Während sie unter der Dusche stand, hörte sie die Haustür zufallen und musste von Neuem grinsen. Gabe hatte also beschlossen, nachzugeben und seinen Wagen wegzufahren.

Kurze Zeit später saß Josie hinter dem Lenkrad ihres Jeeps und fuhr über die Autobahn Richtung Woodbine, während Gabe versuchte, einen Radiosender einzustellen. Nachdem sie zwei Stücke angehört hatten, drehte er die Musik wieder aus. „Wie hast du deinem Vater eigentlich erklärt, dass du ihn noch mal besuchen willst?“

„Ich habe Brenda gesagt, ich würde Rick gern Bilder von seinen Enkeln vorbeibringen. Sie meinte, er wäre heute den ganzen Tag zu Hause und würde sich sicher sehr freuen.“

„Das wird er bestimmt.“ Gabe blickte eine Weile schweigend aus dem Fenster, dann fragte er: „Klang dein Vater bei deinem letzten Besuch irgendwie vergesslich oder verwirrt?“

„Nein, er hat auf mich einen ziemlich scharfsinnigen Eindruck gemacht.“

Gabe stellte keine weiteren Fragen mehr, sondern erzählte von einer Ausschreibung, an der er teilnehmen wollte. Es ging um den Umbau einer Großbäckerei in Wichita. Josie stellte interessierte Zwischenfragen, und so verging die Fahrt wie im Flug.

Als sie ankamen, werkelte Rick draußen an den Hundezwingern herum. Er trug einen blauen Parka und eine Arbeitshose.

„Ist er das?“

„Ja.“

„Du hast recht, deine Schwestern haben seine Statur geerbt.“

„Ja, manchmal frage ich mich schon, nach wem ich komme.“ Als sie Gabes alarmierten Blick sah, fügte sie schnell hinzu: „War nur ein Scherz. Ich mache mir in letzter Zeit einfach viele Gedanken. Wer weiß, wie er reagiert!“

„Es wird bestimmt ein gutes Gespräch.“

Josie musterte den leicht gebrechlich aussehenden älteren Mann. Rick Blume wirkte so nett. Keine einzige der drastischen Beschreibungen ihrer Mutter passte auf ihn.

Sie spürte, dass sie ihn mochte, und sie wollte ihm auf keinen Fall wehtun. „Ich habe meine Meinung geändert“, sagte sie zu Gabe gewandt. „Du darfst dich einmischen. Wenn du meinst, ich sollte lieber den Mund halten, dann kick mich ans Schienbein oder so was, ja?“

„Warum solltest du denn den Mund halten?“

„Wenn ich zu viel rede oder das Falsche sage … Mann, bin ich aufgeregt.“

„Das kenne ich gar nicht an dir.“

„Also hilfst du mir?“

„Deshalb bin ich hier.“

Gern hätte sie Gabe noch weitere Instruktionen gegeben, aber da kam ihr Vater schon mit großen Schritten an, um sie zu begrüßen.

Josie stieg aus. „Hallo. Hoffentlich macht es Ihnen nichts aus, dass ich jemanden mitgebracht habe. Das ist Gabe Thomas.“

Die beiden Männer schüttelten sich die Hand. „Thomas?“, fragte er und blickte neugierig von ihm zu Josie. „Ach, Sie heißen auch Thomas. Sind Sie denn der Mann oder der Bruder dieser jungen Dame?“

Verflixt. Schon wieder reingefallen. Wieso hatte sie sich nicht einen anderen Namen ausgedacht? „Hm, ja, er ist mein Mann.“

Gabes Augenbrauen schossen hoch. Josie hatte ihn schon oft als ihren festen Freund ausgegeben, aber noch nie als ihren Mann. Genauso gut hätte sie sagen können, er sei ihr Bruder. Na gut, wenn es sein musste, würde er auch den Ehemann spielen.

Während sie ins Haus gingen, erzählte Rick, dass Brenda mit den Hunden zum Tierarzt gefahren sei, um sie impfen zu lassen.

„Ist Brenda Ihre Frau?“, fragte Gabe auf dem Weg ins Wohnzimmer, woraufhin Josie ihn in die Rippen stieß.

„Sie könnte genauso gut meine Frau sein“, erklärte Rick. „Wir sind seit über fünfundzwanzig Jahren zusammen.“

Sie setzten sich alle aufs Sofa. Josie holte den Umschlag mit den Fotos aus ihrer Handtasche und reichte ihn ihrem Vater. Dann beugte sie sich zu ihm hinüber, um ihm die Fotos mit seinen Enkeln drauf zu erklären.

Während der ganzen Zeit meldete sich laut ihre innere Stimme, doch sie konnte sich nicht dazu überwinden, zu verraten, dass sie die Tante der Kinder war und sein drittes Kind.

Rick hatte sichtlich Freude daran, die Fotos seiner Enkel zu betrachten, und er lachte über Josies kleine Anekdoten. Nachdem er ihr die Fotos zurückgegeben hatte, fragte er: „Wollt ihr einen Kaffee?“

„Nein danke“, sagte Josie und überraschte sich selbst mit einem Anfall von Wagemut. „Ich bin übrigens nicht mit Gabe verheiratet. Wir sind nur Freunde, und er ist heute mitgekommen, um mich zu unterstützen.“

Rick blickte sie fragend an.

„Mein wirklicher Name ist Josie – Josephine Sarah Blume.“ Etwas ängstlich beobachtete sie die wechselnden Gemütsbewegungen im Gesicht ihres Vaters.

Schließlich schüttelte Rick verständnislos den Kopf.

Hilflos blickte Josie zu Gabe, dann holte sie tief Luft. „Ich bin die Schwester von Callie und Isabel. Ellas jüngste Tochter.“

Seine Miene wurde noch verwirrter. „Wirklich?“

„Ich bin am zwölften Oktober vor siebenundzwanzig Jahren geboren.“

„Verstehe.“ Er wirkte aber immer noch irritiert.

„Haben Sie nichts von mir gewusst?“

Er nahm die Brille ab und rieb sie an seinem Hemd. Nachdem er sie wieder aufgesetzt hatte, musterte er Josie mit einem seltsamen Ausdruck. War es Schmerz? Oder Bedauern?

Josie überlegte, ob es besser wäre, ihn jetzt allein zu lassen, damit er die Neuigkeit verdauen konnte. Sie könnte ja ein andermal wiederkommen und wegen Lilly fragen.

„Ich war nicht sicher gewesen, ob Elly wirklich schwanger war, aber es überrascht mich nicht.“ Rick richtete sich im Sessel auf. „Wenn ich gewusst hätte, wer Sie wirklich sind, hätte ich es Ihnen schon letztes Mal sagen können.“

Jetzt war es an Josie, verwirrt zu sein. Was hatte er ihr sagen wollen? Sie hatte das Gefühl, durch einen langen dunklen Tunnel gegangen zu sein, und jetzt war sie zwar auf der anderen Seite, wusste aber nicht, wo sie gelandet war.

Hilflos blickte sie zu Gabe, der ein bisschen näher rutschte. Durch die Delle im Sofa neigte sich ihr Körper von selbst in seine Richtung, und sie überließ sich nur zu gerne seiner tröstenden Nähe.

Beruhigend drückte Gabe ihr die Hand und wandte sich an Rick. „Josie ist nicht hierhergekommen, um Ihnen Vorwürfe zu machen, weil Sie die Familie verlassen haben. Es gibt einen anderen Grund.“

Rick sah ihn interessiert an.

„Ihre kleine Nichte Lilly, Callies Tochter, bekommt ab und zu Krämpfe.“

Der alte Mann machte eine besorgte Miene. „Krämpfe? Was hat sie denn?“

„Wir sind uns nicht sicher. Der Test hat kleine neurologische Störungen gezeigt.“

„Wie schrecklich! Das tut mir sehr leid.“

„Ja, uns auch“, sagte Josie. „Danke für Ihr Mitgefühl.“

„Josie hat sich gefragt“, fuhr Gabe fort, „ob es in Ihrer Familie Fälle von Epilepsie gibt.“

„Soweit ich weiß, nicht.“ Rick überlegte. „Meine Eltern waren bis ins hohe Alter bei bester Gesundheit, und von meinen Großeltern habe ich so etwas auch nie gehört. Aber ich kann versuchen, Näheres herauszufinden.“

„Das wäre sehr nett.“ Josie sah den alten Mann direkt an, aber er mied immer noch ihren Blick. „Ich bin aber auch nicht allein wegen der Krankheitsgeschichte gekommen, sondern ich habe noch eine Menge anderer Fragen. Ich möchte gern verstehen, weshalb Sie weggegangen sind. Mir ist klar, dass es nicht einfach für Sie ist, darüber zu sprechen, und ich kann gern ein andermal wiederkommen.“

Rick stand auf. „Ich brauche jetzt erst mal was zu trinken. Wenn Sie keinen Kaffee wollen, wie wäre es mit einem Tee? Oder lieber was anderes?“

„Ich nehme gern einen Kaffee“, meldete sich Gabe, und Josie sagte im selben Moment, sie hätte gern einen Tee.

Rick ging in die Küche und kam nach einer Weile mit zwei großen dampfenden Tassen zurück. Dann ging er noch mal, um sich ein Glas Wasser zu holen. Nachdem er es zur Hälfte ausgetrunken hatte, setzte er sich wieder auf seinen Platz und wandte sich an Gabe.

„Eine ganze Weile, bevor ich weggegangen bin, sind Ella und ich schon getrennte Wege gegangen.“ Sein Blick schweifte kurz zu Josie, dann blickte er auf seine Knie und schüttelte den Kopf. „Die Entscheidung, sie zu verlassen, ist mir verflucht schwergefallen, weil ich sehr an meinen kleinen Töchtern hing. Außerdem wollte ich mir zuerst woanders eine Arbeit suchen, damit ich unsere Ersparnisse Elly überlassen konnte.“

„Weshalb wollten Sie denn die Mutter Ihrer Kinder überhaupt verlassen?“, fragte Josie direkt.

Rick ließ den Kopf nach vornefallen, was beängstigend aussah. Beinahe so, als sei er ohnmächtig geworden.

Josie machte den Versuch aufzuspringen und verschüttete dabei etwas von ihrem Tee, doch Gabe fasste sie um die Hüfte und drückte sie sanft wieder in ihren Sitz. Dann nahm er ihr die Tasse ab und stellte sie auf den Tisch.

„Ella hat mir immer sehr zugesetzt und mir vorgeworfen, ich sei schwach“, sagte Rick mit leiser Stimme, ohne hochzublicken. „In den letzten paar Wochen hat sie das Wort ‚Schwachkopf‘ so häufig gebraucht, dass ich irgendwann dachte: Ja, sie hat recht, ich bin ein Schwachkopf, sonst wäre ich längst abgehauen.“

Josie nickte mit kreidebleichem Gesicht.

Ella Blume hatte alle Männer verachtet und ihren Mann ganz besonders. Das wusste jeder in Augusta. Gabe war froh, sie nicht mehr kennengelernt zu haben.

„Warum haben Sie die Mädchen nicht mitgenommen? Sie wussten doch, dass Mutter psychisch labil war.“

„Sie war eine starke Frau, spitzzüngig, aber auch sehr clever. Irgendwie hat sie es hingekriegt, mich zu überzeugen, dass sie viel besser geeignet ist, die Kinder großzuziehen.“

Seufzend hob er die Schultern und ließ sie wieder fallen. „Es stimmt, sie hatte psychische Probleme, aber auch gesundheitliche. Ihre Schwangerschaften waren immer riskant, und sie hatte mehrere Fehlgeburten. Aber diese starrköpfige Frau wäre nie zum Arzt gegangen.“

„Ja, das kenne ich, sie ist auch später nie gegangen“, sagte Josie. „Wir wussten bis zum Schluss nicht, dass sie Krebs hat.“

Gabe fand es an der Zeit, sich wieder einzumischen, um die Sache für Josie leichter zu machen. „Josie stellt ihr Licht gern unter den Scheffel, aber sie ist eine bemerkenswerte Frau. Sie ist Innenarchitektin und hat schon mehrere Preise gewonnen.“

Wieder warf Rick einen kurzen Blick auf Josie. „Dann sind Sie anscheinend sehr kreativ. Wie Ihre Mutter.“ Diesmal hielt er den Blickkontakt. „Scheint, ich bin wirklich ein Schwachkopf. Ich habe darauf gewartet, dass Sie diese Dinge ansprechen.“

„Nein, nein, das ist schon in Ordnung“, beteuerte Josie, dann stand sie auf und legte dem alten Mann den Arm um die Schultern.

Die liebevolle Geste kam für Gabe nicht überraschend. Schon häufig hatte er sich gefragt, wie es kam, dass die Blume-Schwestern trotz ihrer schweren Kindheit alle so liebenswert und großherzig geworden waren.

Rick blickte zu Josie hoch und tätschelte ihr den Rücken.

„Danke, dass Sie sich Zeit für mich genommen haben.“ Sie sah Gabe mit einem Blick an, den er zur Genüge kannte. Es war die Aufforderung zum Gehen. Sofort.

„Wir müssen jetzt leider gehen“, sagte er und stand etwas umständlich auf. „Josie und ich haben heute beide noch viel zu tun.“

Rick stand ebenfalls auf und begleitete sie zur Tür. Während Gabe seine Jacke anzog, dachte er an die alten Gerüchte, von denen Josie nichts wusste. Zum Glück hatte Rick nicht davon angefangen. Sie hatte nur erfahren, dass Rick keine Ahnung von einer dritten Tochter gehabt hatte.

Vielleicht stimmten die Gerüchte auch gar nicht, denn andernfalls hätte Rick die bestimmt erwähnt, um sein Fortgehen zu rechtfertigen.

Allerdings hatte Rick sich nicht gerade überschwänglich über seine dritte Tochter gefreut. Gabe hoffte, dass Josie nicht allzu enttäuscht war. Wenigstens hatte sie die gewünschte Information über die Familienkrankheiten bekommen.

Nachdem sie schon zur Tür hinausgegangen waren, drehte Josie sich noch einmal zu Rick um. „In ein paar Wochen kommt Isabel mit ihrer Familie nach Kansas. Wir feiern zusammen Thanksgiving. Das wäre eine Gelegenheit, alle kennenzulernen. Hätten Sie nicht Lust, uns zu besuchen?“

Rick trat einen Schritt zurück, wobei er hinter sich die Tür gegen die Wand stieß. Anscheinend hatte Josies Vorschlag den armen Kerl völlig aus der Fassung gebracht.

Gabe bekam beinahe Mitleid mit ihm, als er anfing, stammelnd zu erklären, dass er und Brenda andere Pläne hätten – und überhaupt: mit den Hunden und bei diesem Wetter.

Doch Josie ließ sich nicht so leicht abwimmeln. „Denken Sie darüber nach, ja? Sie müssen ja nicht direkt zum Fest kommen, vielleicht am Tag danach. Dann sind noch alle da. Natürlich ist Brenda auch eingeladen.“

Ricks Gesicht entspannte sich. Offenbar konnte er sich mit dem Vorschlag, Brenda mitzubringen, eher anfreunden. „Ich werde das mit ihr besprechen.“

Josie nickte. „Gut.“

Bevor sie noch etwas sagen konnte, griff Gabe entschlossen nach ihrer Hand, verabschiedete sich und führte sie zum Auto.

Kaum saßen sie im Wagen, wandte er sich ihr zu. „Sag mal, deine Schwestern kommen zu Thanksgiving, klar. Aber wissen sie denn schon, dass du mit Rick Blume gesprochen hast?“

„Nein“, erwiderte Josie. Dann blickte sie auf das bescheidene Haus von Rick und Brenda und fing an, schallend zu lachen. Es schien, als würde sie ihre ganzen aufgestauten Emotionen herauslachen. „Meine Mutter würde sich im Grab umdrehen.“

„Das glaube ich auch.“

Sie drehte den Zündschlüssel herum. „Komm, sag schon, dass ich zu impulsiv bin.“

„Ja, das bist du.“

„Alles wird gut“, versicherte sie.

Das hoffte er für sie.

„Ich bin pappsatt. Magst du den Rest von meinem Burger?“ Josie steckte sich eine letzte Pommes in den Mund.

„Nein, ich kann auch nicht mehr.“ Gabe trank von seiner Cola und lehnte sich gegen den Pfosten von Josies Veranda.

Nachdem sie wieder in Augusta angekommen waren, hatte Josie darauf bestanden, ihn zum Lunch einzuladen, und sie hatten unterwegs an einem Imbiss gehalten.

Während der Fahrt hatte Gabe keine weiteren Fragen gestellt, sondern Josie ihren Gedanken überlassen. Er war sicher, dass dieser zweite Besuch bei ihrem Vater nicht weniger aufwühlend gewesen war als der erste, wenn auch in anderer Hinsicht.

„Kaum zu glauben, wie warm es heute noch geworden ist.“ Von der Veranda aus konnte man die sonnenbeschienene Wiese überblicken. Keine Spur mehr von dem gefrorenen Morgentau.

„Ja, so ist der November in Kansas.“

Josie packte die Reste ihres Burgers zusammen und steckte sie in die leere Pommestüte. Dann lehnte sie sich ebenfalls an einen Verandapfosten.

Ein Eichhörnchen flitzte in einem Baum von Ast zu Ast, und Josie wünschte, ihr Leben wäre ebenso leicht.

Sie hatte gehofft, ihr Vater würde mehr Bedauern darüber zeigen, dass er all die Jahre seine Kinder vernachlässigt hatte. Und sie hatte gehofft, eine spontane Vertrautheit zu spüren.

Es war gut, dass Gabe mitgekommen war. Seine Nähe hatte sie beruhigt und ermutigt.

„Ich bringe den Müll mal weg“, sagte Gabe und stand auf.

Wie geduldig er gewesen war! Er hatte ihr einfühlsame Fragen gestellt und geschwiegen, wo es notwendig war. Sie hatte das Gefühl, dass er sie besser verstand als irgendjemand sonst auf der Welt.

Ihre Gefühle waren durch den erneuten Besuch bei ihrem Vater noch mehr durcheinandergeraten. Vielleicht deutete sie Ricks zurückhaltende Reaktion auch falsch. Aber sie glaubte es nicht.

„Hast du bemerkt, dass Rick mich kaum angesehen hat?“, fragte sie, als Gabe wieder aus dem Haus kam.

Er setzte sich neben sie auf die Treppe und blickte sie nur wortlos von der Seite an. Er wusste, sie hatte noch mehr auf dem Herzen.

„Er hat dich angesehen, nicht mich. Er hat sich benommen, als hätte er … Angst. Vor mir! Kannst du dir das vorstellen?“ Sie lachte, aber es klang eher verzweifelt.

Gabe konnte sie gut verstehen. Ihr Vater hatte sie von Neuem zurückgewiesen. Dabei machte Rick einen netten, höflichen Eindruck.

Er legte den Arm um Josie und zog sie an sich. „Was soll’s! Wer weiß, was in ihm vorgeht? Vielleicht kann er nur seine Gefühle nicht zeigen.“

Sie lehnte sich an ihn, genoss seine Wärme, seine Stärke. „Erinnerst du dich, als ich ihm den Arm um die Schulter gelegt habe?“

„Mhm.“

„Sein Körper hat sich so knochig, so fremd angefühlt. Ich mag Rick, aber … ich komme nicht an ihn ran.“

Gabe zog sie noch ein wenig fester an sich. „Solche Dinge brauchen Zeit, Josie“, murmelte er zärtlich an ihrem Haar. „Warte ab, bis du ihn besser kennenlernst – und er dich.“

„Welcher Teufel hat mich wieder geritten, ihn zum Essen einzuladen, wo ich doch gar nicht kochen kann?“

„Soll ich auch kommen?“

Sie machte sich los und sah ihn verdutzt an. „Musst du nach dem Feiertag nicht arbeiten?“

„Normalerweise schon, aber ich könnte mir …“

„Nein“, unterbrach Josie ihn. „Diesmal muss ich allein damit klarkommen.“

Von drinnen kam Telefonklingeln. „Ich geh mal eben ran.“

Sie stand auf, ging durch die Schwingtür in die Küche und nahm den Hörer ab.

„Josie?“ Es war Callie. „Hi, Callie, ist alles okay?“

„Wo warst du denn?“ Callies Stimme klang heiser. „Wir haben mehrfach versucht, dich zu erreichen, auch am Handy.“

Josie nahm die Zeitung vom Anrufbeantworter. Wirklich, es waren sechs Anrufe darauf.

„Tut mir leid, Cal. Ich war mit Gabe unterwegs. Was ist denn los?“

„Lilly hatte heute Morgen wieder einen Anfall. Es war schlimm. Eine halbe Stunde hat es diesmal gedauert.“

Josie lehnte sich gegen die Anrichte. „Oh, wie schrecklich!“

„Ich habe sie gebadet und plötzlich hat sie in die Luft gestarrt und angefangen zu krampfen. Wir sind sofort mit ihr ins Krankenhaus gefahren.“

Josie merkte, dass sie zitterte. „Wie geht es ihr jetzt?“

„Sie schläft. Aber sie muss noch im Krankenhaus bleiben. Sie wollen noch ein EEG und andere Tests machen.“

„Die arme Kleine. Wie furchtbar!“

„Ja“, sagte Callie leise.

„Ist Luke auch mit im Krankenhaus?“

„Nein, wir hatten ihn zu dir bringen wollen, aber dann ist die Nachbarin eingesprungen.“

„Ich komme sofort zu euch.“

„Nein, lieber nicht. Es darf sowieso keiner in ihr Zimmer.“

„Dann hole ich wenigstens Luke bei der Nachbarin ab und bleibe mit ihm bei euch zu Hause. Da fühlt er sich bestimmt wohler.“

„Nein, brauchst du nicht. Er spielt mit den Nachbarskindern, das macht er sowieso am Wochenende. Falls wir über Nacht hierbleiben müssen, rufe ich dich an.“

„Weiß Isabel schon Bescheid?“

„Ja.“

Josie fühlte sich nutzlos.

Aber es gab etwas, das sie tun konnte. Ihrer Schwester von Rick erzählen. „Cal, ich muss dir etwas beichten.“

„Was denn, Josie? Mach’s kurz, ich muss gleich wieder zu Lilly.“

„Ich habe unseren Dad besucht.“

„Was hast du?!“

„Gabe ist mit mir hingefahren. Rick Blume wohnt in Woodbine. Ich war schon zum zweiten Mal dort.“ Im Hintergrund war die Sprechanlage des Krankenhauses zu hören. Sie musste sich kurz fassen. „Ich erzähle dir später alles genau. Nur kurz das Wichtigste: Er hat nie epileptische Anfälle gehabt, und es gibt auch in seiner Familie keinen einzigen Fall, soweit er weiß.“

„Danke, dass du das herausgefunden hast.“ Callie zögerte, dann sagte sie: „Ich muss Schluss machen, Ethan winkt mir. Mach dir keine Sorgen.“

Josie legte auf, dann hörte sie die Nachrichten von Callie und Ethan ab. Der erste Anruf war gerade eingegangen, nachdem sie mit Gabe losgefahren war.

Warum war ihr Leben in letzter Zeit bloß so kompliziert geworden?

Sie spürte, dass jemand hinter ihr stand.

„Alles in Ordnung, Kleines?“, fragte Gabe.

„Das war Callie“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. „Lilly hat wieder einen Anfall gehabt. Ich glaube, diesmal noch schlimmer. Sie haben den ganzen Morgen versucht, mich zu erreichen.“ Ihre Stimme zitterte. „Und ich kann nichts tun. Ich komme mir so nutzlos vor.“

Gabe legte ihr von hinten die Arme um die Taille und drückte sie an sich.

Oh, wie gut sich das anfühlte! So geborgen. Und so gar nicht wie bei einem großen Bruder.

„Ich glaube, die Anfälle werden irgendwann nachlassen.“ Sein Mund war an ihrem Haar. „Das kommt bei kleinen Kindern manchmal öfter vor.“

„Hoffentlich hast du recht.“

Er drehte sie zu sich um und legte seine Stirn an ihre. „Du bist eine starke, mutige Frau, Josie“, sagte er lächelnd. „Du wirst das alles schaffen.“ Er küsste sie auf die Schläfe.

Wie sehr sie sich nach einem richtigen Kuss von ihm sehnte! Wie gern würde sie aufhören, sich etwas vorzumachen und ihm endlich gestehen, was sie wirklich für ihn empfand!

Sie sah ihm in die Augen. Vielleicht bemerkte er die Leidenschaft darin.

Gabe erwiderte ihren Blick mit der gleichen Intensität, dann beugte er sich leise seufzend über sie und küsste sie auf den Mund. Nur ganz leicht allerdings, so, wie er sie schon oft flüchtig geküsst hatte. Brüderlich.

Doch statt ihre Lippen wie üblich zu spitzen und ihn schnell zurückzuküssen, ließ Josie ihren Mund weich werden.

Er zuckte kurz zurück und blickte sie fragend an, bevor er von Neuem seine Lippen auf ihre drückte.

Diesmal küsste er sie lange und zärtlich. Sie spürte in seinem Kuss Respekt und Zuneigung, aber auch Verlangen. Der Kuss war süßer, als sie ihn sich je erträumt hatte. Und er offenbarte eine Wahrheit, die keiner von ihnen je auszusprechen gewagt hatte.

Dass sie beide mehr voneinander wollten.

Knapp zwei Wochen später stand Josie wieder an ihrer Anrichte und belud die Spülmaschine, während ihre Familie lebhaft plaudernd um den großen Küchentisch saß. Der fünfjährige Luke aß mit großem Appetit seinen Kirschkuchen, während seine einjährige Cousine Darlene im Hochstuhl neben ihm an einer Salzstange knabberte. Ebenfalls im Hochstuhl saß die kleine Lilly müde vor ihrem Kürbisbrei.

Zwischen den Kindern saßen Callie und Isabel und unterhielten sich über Babykost und neue Babyartikel. Ethan und Trevor saßen mit Rick am Ende des Tischs und diskutierten über Football.

Es sah wie in einer ganz normalen Familie aus.

Josie hatte sich gefreut, dass Rick gekommen war, obwohl Brenda nicht mitkommen konnte. Es war ein fröhliches Essen gewesen. Josies Lasagne war sehr gut angekommen, alle hatten sich angeregt unterhalten und keins der Kinder hatte herumgequengelt.

Hin und wieder mischte Josie sich mit einem Kommentar in das Gespräch der drei Männer ein. Schließlich war sie ebenfalls Footballfan. Allerdings hörte sie den Gesprächen eher zu, um sich von ihrer inneren Erregung abzulenken.

„Rick, wie hast du denn als Kind Thanksgiving gefeiert?“, fragte Callie in einer Gesprächspause. „Gab es bei euch auch ein großes Familienfest?“

Rick wandte sich seiner Tochter zu. „Nein, nicht so wie bei euch. Ich bin auf einer Farm aufgewachsen. Da gab es zwar immer Truthahn zum Essen, aber es waren keine anderen Leute eingeladen, nur meine Eltern und ich. Und heutzutage bleiben Brenda und ich auch unter uns.“

„Schade, dass sie nicht mitkommen konnte“, sagte Isabel.

„Ja, leider. Aber sie konnte ja wirklich nicht weg, da eine unserer Hündinnen heute ihre Jungen bekommen soll.“

Josie fand, dass ihre Schwestern Rick wie einen entfernten Onkel behandelten, höflich und respektvoll, aber nicht wie den Vater, der sie vor siebenundzwanzig Jahren verlassen hatte.

Wieder einmal fühlte sie sich als Außenseiterin; sie war bedrückt und irritiert. Wieso stellte keiner die wirklich wichtigen Fragen? Und wieso machte Rick keine Anstalten, sein Weggehen zu erklären?

Vehement ließ Josie eine Kaffeetasse in das oberste Gestell der Spülmaschine knallen, sodass alle aufblickten. „Ups, jetzt hätte ich beinahe eine dieser wertvollen Kaffeetassen zerdeppert“, sagte sie in zuckersüßem Ton und machte sich daran, die Gabeln mit der Hand zu spülen.

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