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BIANCA EXTRA BAND 8

CRYSTAL GREEN

Der Cowboy und das Citygirl

Vom ersten Augenblick an spürt der Cowboy Caleb Granger: Donna ist die Frau seines Lebens. Dumm nur, dass sie anscheinend davon träumt, mit einem Businessman in New York eine Familie zu gründen …

JAN HUDSON

Bleib für immer bei mir

Belle ist Gabe dankbar, dass er sie in der Not bei sich wohnen lässt. Aber von Männern will sie nichts mehr wissen! Ihr Entschluss kommt ins Wanken, als Gabes Nähe ihr Herz immer mehr zum Klingen bringt …

KAREN TEMPLETON

Kann ich dir vertrauen, Geliebter?

Seit dem Moment ihres Wiedersehens knistert es intensiv zwischen Matt Noble und Kelly. Doch dann ist da noch Kellys Ex: Wann wird die schöne Singlemom über die Trennung hinwegkommen?

DONNA ALWARD

Zum Verzweifeln? Zum Verlieben!

Angela ist eine Herausforderung für Sam Diamond. Offensichtlich hat sie beschlossen, ihm gegenüber die Eisprinzessin zu spielen – was ihn erst recht reizt, sie zu heißen Küssen zu verführen …

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Der Cowboy und das Citygirl

1. KAPITEL

„Warten Sie, Lady Byrd, ich helfe Ihnen.“

Donna Byrd hörte zwar die tiefe Stimme hinter sich, aber sie ließ den Schaukelstuhl nicht los, den sie gerade von der Ladefläche des Pick-ups gezerrt hatte.

Als sie das Möbelstück fest im Griff hatte, machte sie den Fehler, einen Blick über die Schulter zu werfen. Prompt war es um ihr Gleichgewicht geschehen.

Grübchen.

Das war das Erste, was ihr auffiel. Als Nächstes sah sie die durchdringenden hellblauen Augen. Und dann traf es sie wie ein Stromschlag. So etwas hatte sie schon seit ziemlich langer Zeit nicht mehr beim Anblick eines Mannes gespürt. Aber dafür hatte sie nun wirklich keine Zeit, denn im Moment war auf der Flying B Ranch ziemlich viel los.

Dem Mann mit den Grübchen schienen Donnas Terminplan und die Skandale der Familie Byrd egal zu sein. Er nahm ihr den Stuhl aus der Hand und hob ihn mühelos auf seine breiten Schultern. Dann schenkte er ihr ein strahlendes Lächeln. „Wo soll der hin?“

„Du kannst mich ruhig Donna nennen“, sagte sie und deutete auf das Haupthaus mit den beiden Seitenflügeln und der großen Veranda. „Wenn es dir nichts ausmacht, könntest du den Stuhl ins Wohnzimmer bringen.“

„Aber gern.“

Er musterte sie genüsslich von der Nasenspitze bis zu den Zehenspitzen. Donna wurde ganz heiß. Als sein glühender Blick wieder nach oben glitt, bekam sie keine Luft mehr.

Sie versuchte, sich einzureden, dass sie keine Ahnung hatte, wer er war. Aber sie erinnerte sich an ihn. Vor einigen Monaten hatte dieser Rancharbeiter ihrer Cousine geholfen, als Tammy sich verletzt hatte.

Doch damals hatte er sie nicht so angelächelt … Oder zumindest glaubte sie das. Andererseits hatte sie damals andere Dinge im Kopf gehabt. Wie zum Beispiel die Idee, aus der Ranch ein Bed and Breakfast zu machen. Donna, ihre Schwester Jenna und ihre Cousine Tammy hatten die Ranch von einem Großvater geerbt, den sie kaum gekannt hatten. Abgesehen davon hatte Donna auch noch jede Menge private Probleme.

Jetzt zwinkerte ihr der Cowboy zu. Dann trug er den Schaukelstuhl die Treppe hoch und ins Haus.

Bevor sie ihm folgte, unterzog sie ihn ihrerseits einer gründlichen Musterung. Abgetragene Jeans schmiegten sich an seinen Po. Sein enges, weißes T-Shirt betonte einen muskulösen Rücken.

Aber Donna war einunddreißig Jahre alt und zu klug, um noch Cowboys nachzusehen. Außerdem wollte sie wieder nach New York ziehen. Wenn das Bed and Breakfast erst mal angelaufen war, konnte sie sich auch von New York aus um das Marketing kümmern. Sie würde sich ein billigeres Apartment suchen. Und dann würde sie da weitermachen, wo sie aufgehört hatte, nachdem sie mit ihrem Onlinemagazin gescheitert war …

Sie betrat das Haus und bemühte sich, nicht an die Finanzkrise zu denken. Als Tex Byrd, ihr Großvater, sie an sein Sterbebett gerufen hatte, war gerade ihre ganze Existenz zusammengebrochen.

Insgeheim bedankte sie sich bei ihrem Großvater, dass er seine Enkelkinder bedacht hatte. Außerdem war es sein Verdienst, dass sie sich kennengelernt hatten. Auch wenn seine Hoffnung auf eine Versöhnung seiner verfeindeten Söhne noch nicht in Erfüllung gegangen war.

Im Wohnzimmer hatte der Rancharbeiter den Schaukelstuhl neben dem Kamin abgestellt.

„Vielen Dank für deine Hilfe“, sagte Donna.

Aber er machte keine Anstalten zu verschwinden. Im Gegenteil. Er beugte sich über den Schaukelstuhl und ließ die Hand über das Mahagoniholz gleiten.

Donna fragte sich, wie es sich anfühlen würde, seine langen Finger auf ihrer nackten Haut zu spüren.

„Wo hast du dieses Prachtstück her?“, wollte er wissen.

Sie räusperte sich und schüttelte den Kopf, um wieder einen klaren Gedanken fassen zu können. „Der war in der leer stehenden Blockhütte.“

„Ich habe schon gehört, dass ihr hier alles auf den Kopf gestellt habt“, sagte er und grinste sie an.

Himmel, diese Grübchen. Der Anblick machte sie wütend, weil er so intensive Gefühle in ihr auslöste. Sie spürte ein Kribbeln im ganzen Körper. „Ich bin ja noch nicht lange wieder da, aber die Veränderungen sind mir schon aufgefallen. Die neue Hollywoodschaukel auf der Veranda und der Springbrunnen hinter dem Haus.“

Der Mann erhob sich. Aber er ließ den Schaukelstuhl nicht los und fuhr sachte mit dem Daumen über die Enten und Schwäne, die in das Holz geschnitzt waren.

Vor vielen Jahren hatte ein Mann diesen Schaukelstuhl für seine Frau geschreinert, damit sie in diesem Stuhl sein Kind in den Schlaf wiegen konnte. Der Gedanke löste bei Donna eine schmerzliche Sehnsucht aus.

Merkwürdig. Sie hatte noch nie daran gedacht, Kinder zu haben. Das war doch nichts für sie, die Karrierefrau.

Der Rancharbeiter streckte die Hand aus. „Ich sollte mich vorstellen“, sagte er. „Caleb Granger.“

Sogar sein Name klang ganz nach Cowboy. Höflich schüttelte sie seine Hand. „Danke für die Hilfe, Caleb.“

Die meisten Leute würden jetzt ihre Hand wieder loslassen. Aber nicht dieser Cowboy. Er hielt sie noch eine Sekunde fest – gerade lange genug, um einen Funken Verlangen zu spüren …

Sie zog die Hand zurück.

„Was für Schätze hast du denn sonst noch in den alten Blockhütten entdeckt?“, fragte er, als ob er den lieben langen Tag Zeit hatte, um mit ihr zu flirten.

Na schön. Vielleicht war es keine schlechte Idee, sich ausnahmsweise auf so ein Gespräch einzulassen. Donna wusste, dass sie oft unnahbar wirkte. Das war ein Wesenszug, den sie nach der Scheidung ihrer Eltern und nach dem Tod ihrer Mutter entwickelt hatte. „Einige hübsche Möbel“, sagte sie. „Beistelltische aus Kirschholz, Truhen aus Zedernholz. Nippes. Die Sachen haben wir aufpoliert und die Gästezimmer damit dekoriert.“

„Ich habe gehört, dass jetzt alle Zimmer Namen haben – Ace High Saloon und so weiter.“

„Aus der Wildwestromantik der Gegend können wir Kapital schlagen. Buckshot Hills hat eine bunte Geschichte.“ Donna sagte nicht, dass die Flying B Ranch auch einige Anekdoten zu bieten hatte. Nur an der Blockhütte, die auch „das Traumhaus“ genannt wurde, hatten Tammy, Jenna und Donna lediglich geringfügige Veränderungen vorgenommen. Vor allem das verzauberte Bett hatten sie nicht angerührt.

Damit hing einfach zu viel Familiengeschichte zusammen.

Der Legende nach wurden die Träume wahr, die man in diesem Bett hatte. Donna hatte kein Wort davon geglaubt. Bis ihre Schwester das am eigenen Leib erfahren hatte. Tammys Traum hatte zu ihrer Verlobung mit Mike Sanchez, dem Hausarzt ihres Großvaters, geführt. Dann war Jenna und ihrem Verlobten J. D. dasselbe auch passiert. Ein Traum hatte die beiden zusammengeführt.

Aber Donna würde dem Traumhaus nicht zu nahe kommen. Denn in dem Zauberbett hatte auch Savannah Jeffries geschlafen. Die Frau, die an dem Streit zwischen Donnas Vater Sam und seinem Zwillingsbruder William schuld war.

Jetzt hatte Donna zu lange geschwiegen. Zum ersten Mal schien Caleb zu bemerken, wie reserviert sie war.

„Also“, sagte er, „wenn du noch mal Hilfe brauchst, um Schaukelstühle durch die Gegend zu schleppen, ruf mich einfach.“

„Okay.“ Gott sei Dank, jetzt war sie ihn gleich los.

Er lüftete den Hut. Dann verließ er den Raum, und Donna atmete tief durch.

Weil sie ganz allein war, wagte sie einen Blick durch die Spitzengardinen und sah Caleb Granger nach.

Donna brauchte einen Augenblick, bis sie bemerkte, wie heftig ihr Herz klopfte. Und dann war da dieses Kribbeln – in ihren Brüsten, in ihrem Bauch …

Aber dieser Caleb Granger war überhaupt nicht ihr Typ.

Sie mochte Männer in Anzügen. Männer mit urbaner Eleganz, die an Schreibtischen arbeiteten und nicht im Stall. Männer, die nach teurem Eau de Toilette dufteten und nicht nach … Sattelseife.

Donna schaute immer noch aus dem Fenster, als sie jemanden hinter sich lachen hörte.

Sie drehte sich um. Ihre Cousine und ihre Schwester standen in der Tür. Tammys lange dunkle Locken verdeckten die Spaghettiträger ihres geblümten Tops. Tammy war immer noch ein richtiges Cowgirl und konnte ebenso gut mit dem Lasso umgehen wie der beste Cowboy von Flying B. Sie war immer etwas burschikos gewesen. Doch dank Jennas Stylinghilfe hatte sie inzwischen ihren eigenen, todschicken Stil entwickelt.

Jenna war so blond wie Donna. Aber ihr Haar war länger und lockiger. Sie war genauso hübsch wie Tammy. Die hellblaue Bluse betonte ihre Augenfarbe, und ihre Jeans und die Stiefel waren gleichzeitig modisch und praktisch.

„Was ist denn so komisch?“, fragte Donna.

„Du.“ Jenna lehnte sich an die Wand. „Wir haben genau gesehen, dass du ein Auge auf ihn geworfen hast.“

Tammy musste sich ganz offensichtlich das Lachen verbeißen.

„Auf den da?“ Donna zeigte aufs Fenster.

„Ich glaube, er mag dich, Donna.“ Jenna konnte es einfach nicht lassen.

„Das glaube ich kaum.“

Jetzt meldete sich Tammy zu Wort. „Das ist Liebe auf den ersten Blick.“

Plötzlich hatte Donna Schmetterlinge im Bauch. Sie rollte die Augen, in der Hoffnung, das Gefühl so zu ersticken. Doch das funktionierte nicht. „Woher willst du das wissen, Tammy? Bei mir hat er keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.“

Nachdem Tammy und Jenna genug gelacht hatten, sagte Tammy: „Wie ich höre, hinterlässt Caleb bei Frauen normalerweise einen bleibenden Eindruck.“

Jenna fügte hinzu: „Und ich habe gehört, dass das für eine ganze Anzahl Frauen gilt.“

Tammy warf Donna einen verschmitzten Blick zu. „Er war übrigens aus rein familiären Gründen in letzter Zeit nicht auf der Ranch – er hat seinem Vater und seiner Tante Rosemary beim Umzug nach Buckshot Hills geholfen.

„J. D. hat für eine Weile seinen Job im Stall übernommen“, meinte Jenna.

Donna hatte mitbekommen, wie Jenna ihren J. D. getroffen hatte. Er war das Opfer eines Überfalls und hatte vorübergehend sein Gedächtnis verloren. Jenna und Tammys Verlobter Mike hatten sich um ihn gekümmert, bis er wieder gesund war.

Jenna zog die Augenbrauen hoch. „Aber jetzt ist Caleb wieder da – und es sieht ganz so aus, als ob er Donna auch aufgefallen ist.“

Tammy lachte, als Donna genervt seufzte. War ja möglich, dass sie ihn bemerkt hatte. Aber das spielte keine Rolle. Jedenfalls nicht, wenn sie noch tausend andere Dinge erledigen musste.

Außerdem wollte sie sowieso nicht mehr lange auf Flying B bleiben.

Caleb verließ das Haupthaus und ging zum Stall. Dort brauchte er nicht lange, um eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Der Vorarbeiter, der alte Hugh, nahm Caleb in seinem Dodge mit.

Das Auto rumpelte die Kiesstraße zur östlichen Grundstücksgrenze entlang. Dort wollten sie heute die Zäune flicken. Der Himmel über den Feldern erinnerte Caleb an Donna Byrds Augen. Caleb war daran gewöhnt, bei Frauen Eindruck zu hinterlassen. Donnas kühle Reaktion verwirrte und elektrisierte ihn.

Donna Byrd würde es ihm nicht leicht machen. Anscheinend war sie alles andere als unkompliziert.

Sie war gebildet, hatte Stil und sie war die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Sie hatte etwas an sich, das Caleb berührte. Eine Seelentiefe. Außerdem eine gewisse Traurigkeit. Auch deswegen war Donna Byrd eine echte Herausforderung – er wollte herausfinden, ob er etwas dagegen unternehmen konnte. Denn der Himmel wusste, dass Caleb sich damit auskannte. „Mir hat Flying B mehr gefehlt, als du dir vorstellen kannst“, sagte Caleb.

„Das war ja auch kein Urlaub für dich.“

„Stimmt.“

Sie fuhren über ein Schlagloch, und die Stoßfedern des Trucks quietschten.

„Wie geht’s deinem Vater?“, fragte Hugh.

Caleb zuckte die Schultern. Das sagte schon alles. Sein Vater litt an Altersdemenz. Sein Zustand verschlechterte sich stetig. An manchen Tagen ging es ihm besser, an anderen nicht so gut. Im vergangenen Monat hatte Caleb eine ganze Menge schlechter Tage durchstehen müssen, während er Rosemary und seinem Vater erst beim Hauskauf und dann beim Umzug von Dallas nach Buckshot Hills geholfen hatte.

Beinahe schien es, als ob Hugh seine Gedanken lesen konnte. „Du weißt, dass du hier auch zur Familie gehörst, Caleb. Das war schon immer so und wird auch so bleiben. Du warst wie ein Sohn für Tex.“

Tex. Beim Klang dieses Namens verkrampfte sich Caleb.

„Hey“, sagte Hugh. „Ich weiß genau, was du jetzt denkst. Aber das ist Blödsinn.“

„Was denn?“

„Du denkst daran, dass du nicht da warst, als Tex gestorben ist. Aber ihm wäre es überhaupt nicht recht gewesen, wenn du deinem Vater nicht geholfen hättest.“

Das lag an der Familienfehde der Byrds, die nun schon so lange anhielt. Der alte Tex hatte zutiefst bedauert, am Leben seiner Söhne und der Kindheit seiner Enkel so wenig Anteil nehmen zu können.

Caleb wollte Tex auf keinen Fall enttäuschen.

Tex hatte ihm einen Brief hinterlassen. Er hatte Caleb geschrieben, wie stolz er auf ihn war. Trotzdem hatte Caleb heftig mit Gefühlen von Verlust und Versagen zu kämpfen.

„Ohne Tex ist Flying B ganz anders.“

„Aber auf eine Art und Weise, die Tex gefallen hätte“, meinte Hugh. „Als er den Mädchen die Ranch vermacht hat und den Jungs das Nachbargrundstück, hat er auch bestimmt, dass sie das Geld aus der restlichen Erbschaft für Flying B verwenden.“

„Finde ich gut, dass sie das tatsächlich machen.“

„Was ich so mitbekommen habe, findest du nicht nur das gut.“

Caleb grinste. „Es ist kein Geheimnis, dass ich etwas für Frauen übrig habe.“

Hugh stieß ein heiseres Lachen aus. „Diese arrogante Großstadtlady hätte ich aber nicht für dich ausgesucht.“

„Donna Byrd ist nicht arrogant. Sie fühlt sich hier nur fehl am Platze.“

„Und du willst dafür sorgen, dass sie sich hier zu Hause fühlt?“

„Warum nicht? Wird doch langsam Zeit für mich.“

Hugh schüttelte den Kopf. Das ärgerte Caleb. Vielleicht war der alte Rancharbeiter der Meinung, dass Caleb Donna nicht das Wasser reichen konnte.

Aber Caleb konnte seinem Freund deswegen keine Vorwürfe machen. Nicht einmal Hugh wusste, dass Tex mehr wie ein Vater für Caleb war als sein richtiger Vater. Tex hatte seine Söhne sehr vermisst. Irgendwie hatte Caleb den Verlust ausgeglichen, wenn er mit Tex nach einem langen Arbeitstag auf der Veranda gesessen hatte. Der alte Mann hatte Caleb nie im Einzelnen erzählt, was seine Beziehung zu seinen Söhnen zerstört hatte.

Caleb hatte die Gerüchte natürlich trotzdem gehört. Savannah Jeffries war die Freundin von William gewesen. Die beiden hatten sich auf dem College kennengelernt. Nachdem er sich bei einem Autounfall das Bein gebrochen hatte, hatte sie ihn in den Sommerferien auf die Ranch begleitet. Aber dann hatte sie sich in Sam, Donnas Vater und Williams Zwillingsbruder, verliebt.

Hugh seufzte, als er den Truck am Straßenrand parkte. „Wenn du meinst, dass Liebe in der Luft liegt, seit die jungen Damen hier wohnen, muss ich dir sagen, dass Donna wahrscheinlich dagegen immun ist.“

„Ich habe schon so manches Herz zum Schmelzen gebracht“, sagte Caleb.

„Das stimmt.“ Hugh packte Caleb am Ärmel, bevor er die Autotür öffnen konnte. „Vergiss nur nicht, dass sie im Moment ziemlich viel um die Ohren hat.“

Obwohl der ältere Mann nicht näher darauf einging, wusste Caleb, dass Hugh ihn nur beschützen wollte. Er versetzte ihm einen freundschaftlichen Schubs.

„Mach dir keine Sorgen wegen mir, Boss.“ Er stieg aus dem Truck und landete mit beiden Beinen fest auf der Erde. Er war auf dem Boden geblieben. Und daran würde sich auch nichts ändern.

Trotzdem war er fest entschlossen, Donna Byrd zu beweisen, dass er mehr war als nur ein verliebter Cowboy.

2. KAPITEL

Donna war bei Tagesanbruch wach. Nachdem sie ihre E-Mails gelesen hatte, klemmte sie ihr Tablet unter den Arm und ging in die Küche. Dort schnappte sie sich einen Schokomuffin und trank eine Tasse Earl-Grey-Tee. Dann entwischte sie durch die Hintertür, bevor das Frühstücksbüfett im Esszimmer eröffnet wurde.

Ich habe ja so viel zu tun, dachte sie, als sie sich auf den Weg zum nächstgelegenen Blockhaus machte. Als Erstes wollte sie heute den Zustand dieser Blockhütte einer genauen Prüfung unterziehen.

Die Hütte war mit rustikalen Möbeln im Westernstil ausgestattet. Repliken von Remington-Skulpturen trugen zum Ambiente der Unterkunft bei. Für den Komfort der Gäste war eine hotelreife Auswahl an Accessoires vorbereitet. Jedenfalls konnte Donna sich vorstellen, dass Caleb Granger den Korb mit Seife, Shampoo und anderen Kleinigkeiten wie Zahnbürsten und sogar Kondomen abschätzig als „hotelreif“ bezeichnen würde. Beim Anblick der Kondome hatte Donna auf einmal Schmetterlinge im Bauch. Sie runzelte die Stirn.

Es war ein Fehler, gleichzeitig an Caleb Granger und Kondome zu denken. Wieder verspürte sie dieses Kribbeln im Magen.

Hastig verdrängte sie diesen Gedanken und tauschte eine Cowboyfigur auf einem Beistelltisch gegen eine Pferdeskulptur aus.

Schließlich begutachtete sie das Ergebnis ihrer Mühen.

Nicht schlecht. Das „Flying B and B“, wie das Bed and Breakfast heißen sollte, würde alle beeindrucken. Sogar den Freund vom College, den sie für das nächste Wochenende eingeladen hatte. Theo Blackwood arbeitete für ein Reisemagazin. Donna hoffte, dass er einen Artikel schreiben würde.

Sie setzte sich aufs Bett und schaltete ihr Tablet ein. Ganz oben auf ihrer Liste stand jeden Tag, das Internet nach Informationen über Savannah Jeffries zu durchsuchen. Jedes Mal hoffte sie, etwas zu entdecken, das dem Privatdetektiv entgangen war.

Leider fand sie nur die gleichen Ergebnisse wie immer.

Donna stieß einen Seufzer aus. Warum war Savannah überhaupt so wichtig für sie? Vielleicht, weil ihr Vater ihr das so beigebracht hatte.

„Du musst deinen Gegner kennen“, hatte er immer zu ihr gesagt.

Aber war Savannah der Gegner? Oder war das ihr Vater, der dem eigenen Bruder die Freundin ausgespannt hatte?

Seit die Sache mit Savannah herausgekommen war, ging Donna ihrem Vater aus dem Weg. Im Augenblick war das auch nicht weiter schwer. Denn er war mit Onkel William unterwegs. Diesmal waren sie im Hill Country auf der Jagd und versuchten so, ihr Verhältnis wieder zu normalisieren.

Donna bemühte sich, alle unangenehmen Gefühle zu verdrängen, und konzentrierte sich auf ihren Computer.

Plötzlich hörte sie draußen ein Geräusch.

Schritte auf der Veranda.

Es klopfte.

Schließlich öffnete jemand die Tür. Morgensonne fiel in den Raum.

„Ist da wer?“, fragte eine inzwischen nur allzu vertraute Stimme.

Caleb Granger.

Sie setzte sich auf. „Ich bin hier.“

Was sollte sie sonst tun? So tun, als ob sie unsichtbar war, nur damit er wegging?

Als er die Tür zum Schlafzimmer aufmachte, klopfte ihr Herz so heftig, dass sie kaum noch atmen konnte.

Als er dann den Cowboyhut zum Gruß lüpfte, fiel ihr sein zerzaustes dunkelblondes Haar auf. Und dann lächelte er sie auch noch so an, dass sie seine Grübchen sehen konnte. Auf einmal war sie sich nicht mehr sicher, ob sie jemals wieder normal atmen könnte.

Die Lichtreflexe in Donna Byrds schulterlangem, blondem Haar und der Anblick ihrer Haut, glatt und cremig weiß, brachten Calebs Puls zum Rasen.

Sie bot wirklich einen atemberaubenden Anblick, wie sie da auf dem Bett saß. Ihr ärmelloses, weißes Top schmiegte sich eng an ihre Figur. Ihre dunkelblauen Shorts betonten ihre weiblichen Hüften.

Sie stand auf. Mit einer Hand strich sie ihre Shorts glatt. Mit der anderen legte sie ihr Tablet auf das Bett.

Caleb bemerkte das schicke Logo auf dem Bildschirm. Dabei fiel ihm ein Gerücht ein, das er gehört hatte. Über ein Magazin in New York, das ihr gehört hatte und pleitegegangen war.

Ehrgeiz und Mut. Donna hatte beides. Außerdem schienen ihr schwierige Zeiten nicht viel anhaben zu können, wenn man bedachte, wie sie die Sache mit dem Bed and Breakfast in Angriff genommen hatte.

„Kann ich etwas für dich tun?“, fragte sie.

Auf diese verfängliche Frage würde er bestimmt nicht eingehen. „Ich habe zufällig mitbekommen, wie du hier hineingegangen bist. Da habe ich mir gedacht, ich sage mal Guten Morgen.“

Zum ersten Mal in seinem Leben sah eine Frau Caleb an, als ob sie nicht verstehen konnte, warum er sich die Mühe machte.

„Vermutlich hatte ich noch einen zweiten Grund, vorbeizuschauen“, sagte er und schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. Es war an der Zeit, deutlicher zu werden.

Sie runzelte die Stirn. „Und der wäre …?“ Jetzt sah sie ihn erwartungsvoll an.

Dieser Blick – und ihre bezaubernden, tiefblauen Augen – spornten Caleb nur noch mehr an. Er hatte noch nie eine Herausforderung gescheut. Damit würde er jetzt bestimmt nicht anfangen. „Wie ich höre, plant ihr dieses Wochenende einen Filmabend“, sagte er.

„Oh ja. Wir wollen eine Leinwand am Stall anbringen und davor Tische und Bänke aufstellen, für alle Mitarbeiter. Genau so, wie wir das für die Gäste geplant haben. Dazu gibt’s ein regionales Menü. Das Ganze ist eine Art Generalprobe.“

„Ein regionales Menü? Du meinst so typische texanische Sachen wie Spare Ribs und Steaks und Maiskolben?“

„Genau das.“ Donna steckte die Hände in die Hosentaschen. „Dieses Wochenende haben wir außerdem einen besonderen Gast. Ein Freund von mir kommt her. Er ist Journalist. Wir hoffen, dass er einen Artikel über das Bed and Breakfast schreiben wird.“

Aber Caleb hörte nur zwei Worte: „Freund“ und „er“.

„Ein Freund, hmm?“, fragte er wie nebenbei.

„Ja, ein …“ Sie kniff die Augen zusammen. „Ist ja auch egal.“

„Nein, nein, Lady Byrd. Ich bin ganz Ohr.“

„Also, erstens heiße ich nicht Lady Byrd.“

Caleb lächelte. „Okay, Donna Byrd.“ Er mochte ihren Namen sowieso lieber. Donna Byrd. Das hörte sich exotisch an. Und das war sie für ihn ja auch. Wie eine Blume, die an heißes Klima und ein geschütztes Gewächshaus gewöhnt war. Außerdem, auch wenn Donna nicht besonders heißblütig wirkte, wäre Caleb bereit, jede Wette einzugehen, dass unter ihrer harten Schale ein weicher Kern verborgen war. Er war fest entschlossen, diesen Kern zu finden.

Die spanische Version seines Wortwitzes schien sie nicht zu amüsieren. „Du wolltest mir gerade erklären, warum du hier bist?“

Ach ja. „Wie gesagt – der Filmabend. Alle sind ganz aufgeregt. Seit dem Tod von Tex hat es keine Party mehr auf der Ranch gegeben.“ Er hatte nicht vorgehabt, seinen Tonfall zu ändern, nachdem er den Namen ausgesprochen hatte. Leise zu sprechen, als Ausdruck seiner Trauer.

Als Donna den Kopf mitfühlend zur Seite neigte, machte er einen Schritt von der Tür weg. Er war nicht hergekommen, um die Stimmung zu verderben.

„Ich habe gehört, dass Tex dir sehr nahegestanden hat“, sagte sie sanft. „Ich habe ihn kaum gekannt. Aber …“ Sie räusperte sich. „Dein Verlust tut mir sehr leid.“

„Dein Verlust tut mir auch leid.“

Sie hielt inne. Dann ging sie um das Bett herum, anscheinend, um die dicke Überdecke zurechtzuziehen. Aber darauf fiel er nicht herein. Sie wollte Abstand gewinnen.

Netter Versuch.

„Was den Filmabend angeht“, sagte er. „Ich habe gedacht, ich könnte eine gute Flasche Wein mitbringen und …“

„Willst du mich etwa zu meiner eigenen Veranstaltung einladen?“

„Sozusagen.“ Er zuckte die Achseln. „Du musst dir doch auch mal einen Abend freinehmen.“

„Du hast vielleicht Nerven.“

„Ich habe auch einen ausgezeichneten Geschmack, was Wein angeht.“

Donna verschränkte die Arme vor der Brust. Das war eine Geste, die sie in seiner Gegenwart oft zeigte. Sie musterte ihn. Anscheinend war ihr ein Cowboy unter Umständen doch einen zweiten Blick wert. „Danke für das Angebot“, sagte sie. „Aber ich fürchte, ich werde keine Zeit dafür haben.“

Caleb ließ die Ausrede gelten. Wenn sie ihre Meinung nicht änderte, würde er eben eine andere Gelegenheit finden, um Zeit mit Donna Byrd zu verbringen.

Bevor er sich wieder auf den Weg machte, wollte er aber die Gelegenheit noch nutzen, um ihr ein Kompliment zu machen. Er sah sich in der Blockhütte um. „Ich finde, du hast hier viel erreicht. Du solltest stolz auf dich sein.“

Bei diesen Worten strahlte sie. „Das ist nett von dir.“

„Eine Blockhütte habt ihr aber ausgelassen. Savannahs Haus.“

Der Name stand zwischen ihnen wie ein Geist.

Aber wenn Caleb Donna Byrd kennenlernen wollte, mussten sie irgendwann über Savannah sprechen.

„Das Bett ist eine Antiquität. Und wir haben die Küche modernisiert. Aber mehr zu verändern, da kamen wir uns einfach komisch vor. Als ob das Unglück bringen würde.“

Das kam jetzt unerwartet. War sie am Ende abergläubisch?

„Du weißt doch Bescheid“, sagte sie. „Tun nicht so, als ob du keine Ahnung hättest.“

„Tex hat mir das eine oder andere erzählt.“ Aber vermutlich nicht alles.

„Ich weiß, dass meine Urgroßmutter das Bett auf die Ranch gebracht hat. Angeblich hatte sie das zweite Gesicht. Und wenn sie in diesem Bett geschlafen hat, dann hat sie von der Zukunft geträumt.“ Donna zögerte. „Ich kenne einige Menschen, die … mit diesem Bett ihre Erfahrungen gemacht haben.“

„Du etwa auch?“

Das war eine gefährliche Frage.

Aber sie lachte nur. „Nein. Aber ich frage mich schon, ob Savannah irgendwelche Träume hatte, als sie hier gewohnt hat.“

„Glaubst du, dass du die Gelegenheit bekommen wirst, sie selbst zu fragen?“

Caleb spürte sofort, dass er zu weit gegangen war, denn sie verspannte sich. „Du arbeitest doch schon eine ganze Weile auf der Ranch, oder?“

„Stimmt.“

„Savannah Jeffries hat damals ja einiges angerichtet. Hat dir niemand davon erzählt?“

„Leider nicht.“

Donna seufzte. „Tammy hat einen alten Kassenzettel in der Blockhütte gefunden. Aus der Zeit, als Savannah hier gelebt hat. Auf der Quittung war ein Schwangerschaftstest aufgeführt.“

Caleb erstarrte. „Willst du damit sagen, dass es irgendwo noch ein weiteres Familienmitglied geben könnte?“

„Möglich wäre das.“

Langsam konnte er Donnas Körpersprache immer besser deuten. Ihrer kühlen Stimme war bereits anzuhören, dass sie ihn jetzt nicht näher an sich heranlassen wollte. Aber Caleb hatte viel Zeit, um Donna zu überzeugen. Langsam ging er zur Tür. „Du solltest dir überlegen, welchen Wein du am liebsten magst, Donna Byrd. Wenn du so weit bist, habe ich eine Flasche für dich.“

Statt einer Antwort bedachte sie ihn mit einem genervten Blick. Doch bevor sie noch eine spitze Bemerkung machen konnte, klingelte ihr Handy.

Sie stand auf, um den Anruf entgegenzunehmen. Caleb lächelte ihr zum Abschied zu.

Als er das Haus verließ, warf er einen Blick zurück. Er bemerkte, dass Donna Byrd ihn beobachtete, während sie telefonierte, und ging lächelnd weiter.

Ein paar Stunden später saß Donna in ihrem Zimmer im Haupthaus der Ranch und rieb sich die Schläfen. Im Augenblick wartete sie darauf, nach unten zu gehen und den anderen von dem Anruf zu erzählen.

Sie war noch ganz durcheinander von den Neuigkeiten, die ihr der Privatdetektiv Roland Walker unterbreitet hatte. Überraschenderweise hielt sie nur der Gedanke an Caleb und seinen Wein noch aufrecht.

Wie merkwürdig, dass ausgerechnet Caleb an diesem Tag der einzige Lichtblick gewesen war. Aber jedes Mal, wenn er ihr in den Sinn kam, musste sie gegen ein Lächeln ankämpfen.

Ihr Wecker zeigte fünf Uhr nachmittags an. Sie holte tief Luft und stand auf. Als sie ins Wohnzimmer kam, warteten schon alle: Jenna saß auf dem neuen Schaukelstuhl neben dem Kamin; und Tammy hatte auf dem Ledersofa in der Mitte von ihren Brüdern Platz genommen.

„Was gibt’s denn so Wichtiges?“, fragte Nathan, der Jüngere der beiden Brüder. Aidan und er wohnten inzwischen nicht nur in einer der Blockhütten, sie führten auch Renovierungsarbeiten auf der Ranch durch – als ob Flying B ein Kunde ihrer Baufirma wäre.

Donna bemühte sich um ein Lächeln. Wenigstens hatte ihr Cousin sich einen Sinn für Humor bewahrt.

Aidan, der ernstere Bruder, wartete ab, was Donna zu sagen hatte.

„Ich habe heute gute Neuigkeiten von Roland Walker erhalten.“ Donna hatte von ihrem Vater gelernt, immer mit etwas Positivem zu beginnen.

Jenna beugte sich vor. „Hat Roland herausgefunden, dass Savannah wirklich ein Kind hatte?“

Donna nickte.

Auf dem Sofa biss Tammy sich heftig auf die Lippe, um nicht zu lächeln. Sie war von allen am neugierigsten. Jenna lehnte sich nachdenklich im Schaukelstuhl zurück. Aidan fuhr sich durchs schwarze Haar und fluchte leise. Dann wechselte er einen Blick mit Nathan, der ebenfalls finster guckte.

„Es ist ein Junge“, sagte Donna. Sie war sich immer noch nicht ganz im Klaren darüber, was sie bei der ganzen Sache empfand. „Sein Name ist James Bowie Jeffries. Irgendwann müssen wir eine Entscheidung fällen. Nicht heute Abend. Aber Roland hat gesagt, er kann James ausfindig machen, wenn wir ihn kennenlernen wollen.“

Jenna stand auf. „Er ist unser Bruder … oder unser Cousin. Ganz egal wie, aber James gehört zu uns.“

„Ich wüsste gern, warum er überhaupt gesucht werden muss“, sagte Aidan. „Roland hat doch schon Savannah aufgespürt. Warum ist James jetzt nicht leichter zu finden?“

„Roland hat mir gesagt“, berichtete Donna, „dass James und Savannah nicht miteinander reden.“

„Warum?“, fragte Tammy.

Donna schüttelte den Kopf. „Das weiß Roland noch nicht. Aber wir könnten ihn bitten, es herauszufinden.“

Jetzt sprang Nathan auf. „Ich finde, wir haben genug über Savannah erfahren.“

Aidan stand auch auf. „Im Augenblick wissen wir nicht, wer der Vater von James ist. Von mir aus kann das auch so bleiben.“

„Warum?“, fragte Tammy vom Sofa aus.

„Weil die Antwort auf diese Frage die Familie völlig entzweien könnte“, sagte Aidan. „Kannst du dir vorstellen, wie wir noch hier auf Flying B zusammenarbeiten sollen, wenn wir die Wahrheit kennen? Tex hat uns sein Land nicht hinterlassen, damit wir es auseinanderreißen. Er hat gewollt, dass wir es gemeinsam erhalten.“

Nathan hob einen Finger. „Wir haben noch nicht mal daran gedacht, wie das unsere Väter gegeneinander aufbringen würde. Ich hoffe, dass dieser Campingtrip, den sie gerade machen, sie endlich wieder zusammenbringt. Und da reden wir darüber, wie wir das alles ruinieren können …“

Donna seufzte. „Es stimmt ja, dass unsere Väter sich in letzter Zeit Mühe gegeben haben, alte Wunden zu heilen. Aber ich frage mich, ob wir nicht alles noch viel schlimmer machen, wenn wir so tun, als ob wir von nichts wissen.“

„Ich sehe das auch so. Wir können die Wahrheit nicht ignorieren“, sagte Tammy. „Wir sollten das ein für alle Mal hinter uns bringen.“

Schweigen herrschte. Bis Jenna tief Luft holte. „Wir sollten uns mit unseren Vätern in Verbindung setzen“, sagte sie. „Und herausfinden, was sie darüber denken.“

Als Donna Jenna einen Blick zuwarf, wusste sie, dass ihre Schwester das übernehmen würde. Sie schenkte ihr ein dankbares Lächeln.

Tammy zog ihr Handy hervor. „Dann rufe ich Dad gleich mal an. Ich habe gestern Abend mit ihm gesprochen, daher weiß ich, dass sie ein Netz haben.“

„Wollen wir ihnen wirklich den Ausflug verderben?“, fragte Nathan.

Tammy fuhr mit dem Daumen über das Touchscreen ihres Smartphones. „Haben wir denn eine Wahl? Die beiden können das dann gleich alles in Ruhe besprechen.“

„Also, ich bin immer noch absolut dagegen, den Privatdetektiv das Kind suchen zu lassen“, sagte Aidan.

Nathan lachte. „Dieses ‚Kind‘ ist nur ein bisschen älter als Donna.“

Das schien ihn auch zu ärgern. Denn dadurch war offensichtlich, dass Sam sich gleich nach der Affäre mit Savannah einer anderen Frau zugewandt hatte – der Mutter von Donna und Jenna. Ehrlich gesagt gefiel das Donna auch nicht. Denn so hatte sie den Eindruck, dass Liebe ihrem Vater nicht viel bedeutete. Obwohl ihre Mutter jetzt schon lange tot war, verspürte Donna das Bedürfnis, sie zu verteidigen.

„Egal“, fügte Nathan hinzu. „Ich bin auch dagegen.“

„Ich bin dafür“, sagte Jenna, „und ich glaube, das gilt auch für Tammy.“

Als Tammy nickte, warf sie Donna einen Blick zu. Niemand musste ihr sagen, dass sie das Zünglein an der Waage sein könnte, je nachdem wie die Entscheidung ihrer Väter ausfiel.

Jenna deutete mit dem Kinn zur Tür. Offensichtlich wollte sie mit ihrer Schwester ein paar Worte unter vier Augen wechseln. Nachdem sie ein paar Schritte den Flur hinunter gegangen waren, zog sie Donna ins Esszimmer. „Du wirkst nicht überzeugt.“

War das so offensichtlich? „Tut mir leid. Aber die Tragweite dieser Entscheidung …“

„… könnte uns vor eine echte Herausforderung stellen? Das schaffen wir schon.“

Zum ersten Mal in ihrem Leben stand Donna ihrer Schwester nahe genug, um sich ihr tatsächlich anzuvertrauen. Als ihr das klar wurde, schnürte es ihr die Kehle zu, und sie hatte Schwierigkeiten, die Worte über die Lippen zu bringen. „Es ist einfach so, dass wir doch gerade erst dabei waren, unser Familienleben auf die Reihe zu bringen.“

„Du bist immer noch sauer auf Dad wegen der Sache mit Savannah, oder? Er wollte sich nicht in sie verlieben, Donna.“

„Er hat sich aber auch nicht zurückgehalten, sondern musste unbedingt mit der Freundin seines Bruders Sex haben.“ Harte Worte. Aber das war nicht der Mann, den Donna als Kind immer verehrt hatte.

„Als ich mit Dad über die ganze Sache gesprochen habe“, sagte Jenna, „habe ich herausgefunden, dass er untröstlich war, als Savannah von der Ranch verschwand. Er ist bei dieser ganzen Geschichte auch nicht ungeschoren davongekommen. Du solltest wirklich mit ihm reden. Wir können ihn anrufen. Am besten gleich jetzt.“

Ihr Magen verkrampfte sich vor Nervosität. „Nein. Was ich ihm zu sagen habe, will ich nicht am Telefon loswerden.“

„Wann denn?“

„Bald.“ Sie ging zur Tür. Dann hielt sie inne. „Danke, dass du die Sache in die Hand nimmst. Das bedeutet mir sehr viel.“

Jenna nickte nur, als Donna die Tür aufmachte und hinter sich wieder schloss. Sie hörte noch, wie ihre Schwester sagte: „Hey, Dad. Ich bin’s, Jenna.“

Als Donna wegging, verfolgte sie das Echo ihrer eigenen Schritte. Das Geräusch schien sie mit jedem schweren Herzschlag zu verspotten.

3. KAPITEL

Mahlzeiten auf der Ranch waren nie langweilig.

An diesem Abend saß Caleb neben Hugh in der Kantine.

Gegenüber von Caleb ließ sich ein junger Rancharbeiter namens Manny auf die Bank fallen. Sobald er saß, schob er seinen Hut in den Nacken und machte sich über sein Maisbrot her.

„Habt ihr auch schon gehört, dass es gestern Abend im Haupthaus hoch hergegangen ist?“, fragte er mit vollem Mund.

Caleb hatte seinen leeren Blechteller schon weggeschoben. Jetzt stützte er die Ellbogen auf den Tisch und war ganz Ohr.

Hugh hielt sich an einer großen Tasse Kaffee fest. „Das ist nicht das erste Mal, seit die Enkelkinder hergezogen sind.“

„Aber letzte Nacht war ein echter Hammer.“ Manny tauchte eine Brotscheibe in sein Chili. „Maria hat mir alles haarklein erzählt.“

Caleb warf Hugh einen Blick zu. Hugh runzelte die Augenbrauen. Mannys Freundin war eine der Hausangestellten. Also hatte sie gestern Abend wahrscheinlich gerade „Staub gewischt“, als es zum Streit unter den Byrds gekommen war. „Wie schlimm ist es denn?“

„Auf einer Skala von leise bis laut war es schon ein echter Brüller. Maria hat gesagt, dass die jungen Byrds sich aufgeführt haben wie in einer dieser Talkshows. Vaterschaftsdiskussion eingeschlossen.“

Caleb erinnerte sich daran, was Donna ihm über Savannahs Schwangerschaftstest erzählt hatte. „Dann gibt es diesen verlorenen Sohn also tatsächlich?“

„Jawohl, ihr Privatdetektiv hat ihn gefunden“, sagte Manny.

„Maria ist wohl aus Versehen mit dem Ohr an der Türklinke hängen geblieben, was?“

„Sehr witzig.“ Manny schaufelte den Rest Chili in sich hinein und stand auf, um sich Nachschlag zu holen. „Ganz egal, wie Maria das alles mitbekommen hat, gefallen haben ihr die Neuigkeiten auch nicht. Seit dem Tod von Tex bricht die Familie auseinander.“

Hugh fuhr sich über das wettergegerbte Gesicht. „Man kann nicht erwarten, dass in so einer Erbengemeinschaft immer alle einer Meinung sind.“

Caleb nahm seinen Teller und stand auf.

„Wo willst du hin?“, fragte Hugh.

„Was denkst du denn?“

„Oh, nein.“ Hugh hob mahnend den Zeigefinger. „Du willst doch nicht etwa zum Haus, oder?“

„Allerdings. Ich werde auf keinen Fall mit ansehen, wie ein zweiter Streit die Familie von Tex zerstört.“

„Was willst du denn machen? Noch einen Schaukelstuhl durch die Gegend schleppen oder Donna eine Moralpredigt halten?“

„Wir müssen ihr und den anderen klarmachen, dass den Arbeitern hier auch etwas am Familienfrieden liegt.“

„Jetzt gehst du aber zu weit.“

Wirklich?

Hätte Tex das auch gesagt?

Caleb wandte sich vom Tisch ab. „Tex würde wollen, dass ich mich einmische.“ Er ließ Hugh sitzen und machte sich auf den Weg zum Haupthaus.

Weil Donna ihre Ruhe haben wollte, war sie nach draußen auf die Veranda gegangen. Dort setzte sie sich auf die neue Hollywoodschaukel.

Bring es einfach hinter dich, sagte sie sich und starrte ihr Mobiltelefon an, das sie in der Hand hielt.

Aber das war nicht so einfach, obwohl ihr Vater und Onkel William sich heute früh gemeldet und eine Entscheidung getroffen hatten. Beide wollten James finden.

Trotzdem schien ihr Handy jetzt eine Tonne zu wiegen.

Aber würde sie sich wirklich von einem Telefongespräch unterkriegen lassen?

Ohne noch mal darüber nachzudenken, wählte sie.

„Walker Investigations“, sagte der Privatdetektiv mit rauer Stimme.

„Guten Abend, Roland. Hier ist Donna Byrd.“

„Miss Byrd – jetzt habe ich doch tatsächlich schon einen ganzen Tag nichts von Ihnen gehört. Ich habe schon befürchtet, dass Sie wie vom Erdboden verschluckt sind.“

„Wir haben nur darauf gewartet, dass unsere Väter sich bei uns melden – wegen der Sache mit Savannah und James.“

„Und?“

Einen Augenblick lang schloss sie die Augen. „Wir möchten, dass Sie mehr über James herausfinden und ein Treffen arrangieren.“

„Wird gemacht.“ Donna konnte hören, wie Roland auf der Tastatur seines Computers tippte. „Und Savannah?“

„Ja, also … Savannah.“ Sie biss sich auf die Unterlippe, bevor sie antwortete. Am Vorabend hatten sie und die anderen auch über die Mutter von James gesprochen. Donna seufzte. „Außerdem kontaktieren Sie bitte Savannah. Wir wollen sie ebenfalls zu einem Treffen einladen.“

Sie konnte nur hoffen, dass es bei diesem Familientreffen nicht zu handgreiflichen Auseinandersetzungen kommen würde. Nachdem sie die Einzelheiten mit Roland besprochen hatte, beendete sie den Anruf. Aber sie blieb auf der Schaukel sitzen.

Verdammt, wie sehr wünschte sie sich, selbst kein persönliches Interesse an Savannah zu haben. Aber sie hatte bei beiden Abstimmungen am Vorabend mit Ja gestimmt. Einerseits, weil sie einfach nicht aufhören konnte, an diese Frau zu denken. Vor allem aber empfand sie Respekt für Savannah, weil sie James ganz allein großgezogen hatte.

Savannah ist in jeder Hinsicht eine unabhängige Frau, dachte sie. Und obwohl sie nie daran gedacht hatte, je selbst eine Familie zu haben …

Da war doch immer eine gewisse Leere in ihrem Inneren. Aber ernsthaft? Sie? Die Geschäftsfrau Donna Byrd? Als Mutter? Die Vorstellung wäre lächerlich, wenn sie in Donna nicht so eine Sehnsucht auslösen würde.

Langsam bewegte sich die Schaukel mit einem Knarren vor und zurück, als Donna bemerkte, dass jemand auf sie zukam.

Und um wen handelte es sich?

Natürlich. Aber anstatt genervt zu reagieren, machte ihr Herz einen Sprung.

Doch merkwürdigerweise war Caleb Grangers Lächeln nicht so unbeschwert und voller Grübchen wie sonst. Dabei hätte sie sein sexy Lächeln jetzt wirklich vertragen können.

Sie sprach ihn an, als er die Verandatreppe heraufkam. „Willst du mir Gute Nacht sagen?“

Er blieb stehen und stemmte die Hände in die Hüften. „Ich habe so was läuten hören, da habe ich gedacht, ich komme mal vorbei, damit du die Gerüchte bestätigen oder dementieren kannst.“

Damit war der friedliche Augenblick vorbei.

„Was für Gerüchte?“, fragte sie angespannt.

„Über das neue Familienmitglied und den Familienstreit deswegen.“

„Wenn wir das nächste Mal eine Privatangelegenheit besprechen“, sagte sie, „sollten wir das wahrscheinlich als Fernsehsendung ausstrahlen, damit das auch wirklich alle auf der Ranch mitbekommen.“

Caleb ignorierte ihren Sarkasmus. „Hör mir nur einen Augenblick zu. Das Leben hier auf der Ranch war viele Jahre lang harmonisch. Tex hat dafür gesorgt, dass alle zufrieden waren. Er hat sich sogar nach Kräften darum bemüht, dass seine Familie wieder zusammenkommt. Es wäre eine gottverdammte Schande, wenn das alles umsonst gewesen sein sollte.“

Zuerst brachte Donna kein Wort heraus. Noch nie hatte ein Mann gewagt, so mit ihr zu reden und sich so unverblümt in ihr Privatleben eingemischt.

Aber … verdammt. Da war noch etwas. Etwas, das ihren Ärger übertönte. Verwirrt setzte sie sich zur Wehr, nur um sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen. „Bist du bald fertig mit deiner Moralpredigt?“, fragte sie. „Ich langweile mich nämlich schon.“

„Du langweilst dich?“

„Ja. Und weißt du auch, warum? Weil ich ungefähr tausend wichtigere Probleme habe.“

Jetzt brauchte er einen Augenblick, um sich zu sammeln. „Ob du es glaubst oder nicht“, sagte er. „Ich will nur Tex verteidigen. Weißt du, wie weh es ihm getan hätte, wenn er euch alle so streiten gehört hätte?“

„Es steht wesentlich mehr auf dem Spiel, als Tex geahnt hat.“

Caleb begegnete ihrem Blick und musterte Donna intensiv. Sie verspannte sich. Gleichzeitig schmolz sie nur so dahin, tief in ihrem Inneren.

Er machte sich Sorgen um sie. Aber sie wollte nicht, dass irgendjemand sich in ihre Angelegenheiten einmischte. „Ich habe das schon mal gesagt – ich weiß, wie nahe du Tex gestanden hast. Aber das heißt noch lange nicht …“

„Manchmal frage ich mich, ob ihr wirklich begreift, was Tex euch hinterlassen hat.“

Donna spürte, wie sie blass wurde.

Mit sanfterem Tonfall fuhr er fort: „Ich will euch doch nur bitten, nicht mehr zu streiten und euch stattdessen darauf zu besinnen, was ihr habt. Das ist alles, was euer Großvater sich gewünscht hätte.“

Das sagte Caleb mit so viel Nachdruck, dass Donna Herzklopfen bekam.

Aber gleichzeitig war sie jetzt wirklich wütend. Ihre Stimme brach, als sie antwortete. „Ich weiß genau, was ich habe. Das kannst du mir glauben.“

Bevor sie nach Flying B gezogen war, hatte ihr Familienleben aus einem Vater bestanden, der das Ganze als eine geschäftliche Angelegenheit betrachtete, und einer Mutter, die schon vor vielen Jahren gestorben war.

Caleb warf ihr einen schuldbewussten Blick zu. „Tut mir leid, dass ich dir so zugesetzt habe“, sagte er. „Mir war nicht klar, wie sehr du dir das alles zu Herzen nimmst.“

„Genau wie du, anscheinend.“ Einfach weiteratmen, sagte sie sich. Weiteratmen.

Aber dann kam er auf sie zu, und die Sache mit dem Atmen war auf einmal alles andere als einfach.

„Versprich mir, dass du mir sagst, wenn du Hilfe brauchst“, sagte er.

„Alles unter Kontrolle.“

Er senkte die Stimme. „Ich meine das ganz ernst. Sag einfach Bescheid. Egal, worum es geht.“

Sie war sich nicht ganz sicher, ob er damit immer noch ihre Familienprobleme meinte. „Danke. Aber nein, danke.“ Sie stand auf.

Als sie zur Tür ging, konnte sie den Geruch von Sattelseife wahrnehmen, der seiner Haut anhaftete. Der Duft stieg ihr zu Kopf. Ihr wurde beinahe schwindlig.

Caleb lachte leise. Sie blieb wie angewurzelt stehen. Als sie einen Blick über die Schulter warf, schüttelte er amüsiert den Kopf. „Du bist wirklich ein heißer Feger.“

„Das bedeutet nur, dass ich dir Feuer unter dem Hintern mache, wenn du dich weiter in meine Angelegenheiten einmischst.“

Jetzt lachte er laut, und seine Grübchen zeigten sich wieder von ihrer schönsten Seite. Der Anblick verursachte Herzklopfen und ein Kribbeln in der Magengegend.

Hastig unterdrückte sie diese lächerlichen Regungen. Der Mann war nicht ihr Typ. Das würde er niemals sein.

Als ob er ihre Gedanken lesen konnte, musterte er sie genüsslich von oben bis unten, bis ihr ganz heiß wurde, nur weil er sie so ansah.

Schließlich sah er ihr in die Augen, und sie hatte das Gefühl, von einem Blitz getroffen zu werden.

„Hast du dir schon einen Wein ausgesucht, Donna Byrd?“

Sie rollte die Augen und ging ins Haus. Als sie sich drinnen mit dem Rücken gegen die geschlossene Tür lehnte, hörte sie sein Lachen.

Und verdammt noch mal, sie konnte einfach nicht anders. Sie musste lächeln.

Am Wochenende herrschte typische Julihitze. Sogar nach Sonnenuntergang war jede körperliche Anstrengung noch eine schweißtreibende Angelegenheit.

Caleb breitete auf dem Rasen eine Picknickdecke aus und stellte einen mit Eis gefüllten Eimer daneben, in dem sich eine Flasche Roséwein befand.

Obwohl mehrere Frauen, die auf der Ranch arbeiteten, Caleb im Vorübergehen auffordernde Blicke schenkten, ließ er sich nicht ablenken. Geduldig wartete er auf Donna. Als sie endlich auftauchte, gingen seine Hormone beinahe mit ihm durch.

Der Anblick von Donna Byrd in ihrem weißen Sommerkleid, den Riemensandalen, dem hochgesteckten blonden Haar und dem nackten Hals brachte ihn beinahe um den Verstand. Wie immer konnte er die Augen nicht von ihr abwenden.

Bis er den Mann in ihrer Begleitung sah.

Caleb hatte das Gefühl, als ob man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen hätte. Ihr „Freund vom College“ sollte doch nur hier sein, um einen Artikel zu schreiben. Und ja, er hatte auch eine teure Kamera dabei, mit der er Fotos machte. Aber als Caleb ihn mit Donna sah, wie die beiden zusammen lachten, fragte er sich, ob er ihre Erklärung, dass es sich um „einen“ Freund handelte, vielleicht anders hätte deuten sollen.

Er warf einen Blick auf die Flasche. Verdammt, warum sollte er einen guten Wein verschwenden?

Schon streckte er die Hand nach dem Eimer aus, als Tina Crandall, die alte Haushälterin, vorbeikam.

Alle wussten, dass Tina einen guten Tropfen zu würdigen wusste. Also stieß Caleb einen lauten Pfiff aus. Als sie sich umdrehte, hielt er ein Glas hoch.

Ihre Augen funkelten. „Du Schurke“, sagte sie. „Was haben wir denn da?“

„Einen Domaine Tempier Rosé.“

Mühsam ließ Tina sich auf der Picknickdecke nieder und strich ihren geblümten Rock über den breiten Hüften glatt. „Das klingt richtig vornehm, Caleb. Daran hätte Tex bestimmt seine Freude gehabt.“

„Dann lass uns auf ihn anstoßen.“

Er schenkte erst ihr und dann sich selbst ein Glas ein. Sie stießen an und tranken auf Tex.

Nach dem ersten Schluck behielt er Donna im Auge. Sie ging gerade mit dem Stadtmenschen am Stall vorbei. Anscheinend unterdrückte sie mühsam ein Niesen. Caleb erinnerte sich daran, dass sie Medikamente nehmen musste, wenn sie auch nur in die Nähe von Heu kam.

Verdammt, heute Abend nahm sie wirklich einiges auf sich.

Caleb hatte keine Lust mehr auf Wein. Er brütete vor sich hin, während Donna und ihr Freund sich umsahen, miteinander lachten und sich am Arm berührten.

Es wurde dunkel. Zeit fürs Open-Air-Kino. Als Donna an Caleb vorbeikam, begegneten sich ihre Blicke. Er prostete ihr zu. Dann schenkte er Tina noch mal nach.

„Sieht so aus, als ob du doch eine Flasche Wein mitgebracht hast“, sagte Donna wie nebenbei. Eine Haarsträhne löste sich aus ihrer Frisur und legte sich sanft um ihren Nacken.

Caleb juckte es in den Fingern, mit seiner Hand das Gleiche zu tun. „Wenn ich noch ein Glas hätte, würde ich es dir ja geben. Aber du bist ja beschäftigt.“

Tina war offensichtlich schon ein bisschen beschwipst. Sie ergriff die Flasche und schenkte sich nach. „Da verpasst du etwas, Donna.“

Donna lächelte die Haushälterin an, als ihr Freund mit seiner Kamera zu ihnen stieß und einen Schnappschuss von Caleb und Tina auf der Picknickdecke machte.

Donna hakte sich bei dem Großstadtcowboy unter. „Theo, das hier sind Tina, unsere Haushälterin. Und Caleb, einer der Rancharbeiter.“

Theo bückte sich, um erst Tina und dann Caleb die Hand zu schütteln. „Sie leisten hier echt gute Arbeit. Mit dem Bed and Breakfast ist Donna und den anderen wirklich der große Wurf gelungen.“

Als er sich aufrichtete und Donna den Arm um die Schultern legte, wäre Caleb am liebsten aufgesprungen.

Donna hakte sich wieder bei ihrem Begleiter unter. „Viel Spaß“, wünschte sie Caleb und Tina. Dann entfernte sie sich mit ihrem Gast im Schlepptau.

Caleb beobachtete die beiden im Schatten seines Cowboyhuts. Vor allem, als Donna ihm noch einen verstohlenen Blick zuwarf.

Was hatte das zu bedeuten? Darüber dachte Caleb immer noch nach, als der Film losging und alle begeistert applaudierten und jubelten.

Als Caleb dann mitbekam, wie Donna Theo einen Ehrenplatz in der Mitte anbot, nur um sich dann zu entschuldigen, konnte er seine Neugier nicht länger bändigen.

Er beugte sich vor. Tina hatte die geleerte Weinflasche im Eiskübel umgedreht. „Bin gleich wieder da.“

„Lass dir ruhig Zeit“, sagte sie fröhlich und wandte ihre Aufmerksamkeit dem Film zu.

Er folgte Donna hinter das Haus, wo der neue Springbrunnen vor sich hin plätscherte.

Dort ließ sie sich auf einen gepolsterten Stuhl fallen, das weiße Kleid wie Flügel um sich herum ausgebreitet.

Sein Herz machte einen Satz, als er sie ansah. Ihm wurde ganz heiß.

Donna. Erschöpft und wunderschön.

Vielleicht war es einfach nur körperliches Verlangen. Aber da war sich Caleb nicht so sicher. Es hatte einfach zwischen ihnen gefunkt, auf eine Art und Weise, die er sich nicht erklären konnte. Er wollte herausfinden, warum er immer wieder auf sie zuging, obwohl die Frauen normalerweise ihm nachliefen.

Er setzte sich auf eine Holzbank in der Nähe und gab sich Mühe, keinen Lärm zu machen, weil er sie nicht erschrecken wollte. Als sie aufsah, schlug sie trotzdem die Hände vor der Brust zusammen, als ob sie ihrem Herzklopfen körperlich Einhalt gebieten musste.

Er fühlte sich wie in dem Moment, als er sie das erste Mal gesehen hatte.

Vielleicht sogar mehr als das.

Warum in aller Welt schlug Donnas Herz immer schneller, wenn Caleb Granger in der Nähe war?

Noch nie hatte ein Mann sie so verwirrt. War es schon dunkel genug, dass man nicht mehr erkennen konnte, wie sehr sie errötete?

Ihr wäre ja schon viel geholfen, wenn er nicht so fantastisch aussehen würde, wie er da auf der Bank saß. Ein Lichtstrahl von der Terrasse ließ seine hellblauen Augen aufleuchten und betonte seine Grübchen und sein verhaltenes Lächeln. Nicht einmal sein Cowboyhut konnte seinen Charme verbergen. „Was machst du denn hier?“, fragte sie.

„Ich wohne hier auf der Ranch, erinnerst du dich noch?“

„Du weißt ganz genau, wie ich das meine.“ Diesmal war er einfach nur in Sichtweite aufgetaucht und schon … was sie ganz, na ja, verwirrt. „Warum siehst du dir nicht wie alle anderen den Film an?“

„Ich stehe nicht so auf Filme.“ Er zuckte die Schultern und lehnte sich zurück. Den Hut schob er nach hinten. „Ich sehe einfach nicht ein, warum ich mir das erfundene Leben anderer Leute ansehen soll, wenn ich doch schon ein eigenes echtes Leben habe.“

Bei diesen Worten fragte sie sich, was Caleb in seiner Freizeit machte. Las er gern? Machte er Computerspiele? Aber wenn sie solche Fragen stellte, hieß das, dass sie sich für ihn interessierte.

Und das tat sie nicht.

„Ich fürchte, mehr Unterhaltung haben wir heute Abend nicht zu bieten“, sagte sie. „Es sei denn, du wolltest auch nur den neuen Brunnen anstarren.“

„Das ist doch ein guter Grund, hier zu sein.“ Caleb betrachtete die wasserüberströmte Statue eines wilden Mustangs. „Es ist sehr friedlich. Darum bist du doch auch hier. Um deine Ruhe zu haben.“

„Es war ein langer Tag.“ Sie seufzte unwillkürlich.

„Noch mehr Familienprobleme?“, fragte er. Sein sanfter Tonfall überraschte sie. Sie hatte nicht mehr das Gefühl, dass er sie verurteilte, so wie er es neulich noch getan hatte.

„Bei der ganzen Familie liegen die Nerven blank.“

„Hat der Privatdetektiv Savannah und James inzwischen um ein Treffen gebeten?“

„Ja. Aber er hat noch keine Antwort bekommen.“ Sie hielt inne. „Das war keine einfache Entscheidung.“

„Ein Treffen mit den beiden wird euer Leben verändern. Ich kann mir vorstellen, dass das nicht leicht war.“ Er verstummte. In der folgenden Stille waren nur noch das Plätschern des Brunnens und die Geräusche einer Sommernacht in Texas zu hören. Grillen und tausend andere Laute, auf die sich ein Stadtmensch wie sie keinen Reim machen konnte.

Es war nett von ihm, dass er so viel Mitgefühl mit ihren Familienproblemen hatte. Aber es gab noch mehr, das Donna im Augenblick zu schaffen machte. Sie hatte an diesem Morgen eine E-Mail von ihrem Finanzberater bekommen. Ihr Aktienportfolio war in einem noch schlechteren Zustand als bei seinem letzten Update.

Caleb rutschte auf der Bank hin und her. Wieder spürte Donna das Kribbeln im Bauch, das sie immer in seiner Nähe überkam.

„Du hast deinen ‚Freund‘ im Stich gelassen“, sagte er.

Sie warf ihm einen Seitenblick zu. „Bist du deswegen hier?“, fragte sie amüsiert. „Damit du mich über Theo ausfragen kannst?“

Er zuckte die Schultern.

War der Cowboy etwa eifersüchtig?

Sie erinnerte sich daran, wie er ihr nachgesehen hatte. Er hatte sie mit einem so glühenden Blick bedacht, dass sie Schmetterlinge im Bauch bekommen hatte. Ihr war überdeutlich bewusst gewesen, dass sie besser daran getan hätte, keinen Blick zurückzuwerfen.

Wollte sie wissen, ob er eifersüchtig auf Theo war?

Caleb schob seinen Hut noch weiter nach hinten, sodass sie sein breites Grinsen sehen konnte. „Dieser Theo ist auf jeden Fall dein Typ.“

„Was meinst du damit?“

„In seinen perfekt gebügelten Jeans und mit dieser Frisur.“

Da musste Donna doch lachen. „Ich habe es dir doch schon gesagt“, wiederholte sie. „Theo ist nur ein Freund vom College. Er hat eine Freundin von mir geheiratet. Das ist jetzt bald acht Jahre her.“

Bei dem Wort „geheiratet“ war Calebs Lächeln plötzlich wieder da.

Dadurch fühlte sich Donna herausgefordert. „Er ist nicht der einzige Mann, den ich aus New York kenne. Und die anderen sind alle Singles.“

Caleb lachte. „Na, dann wartet ja ein schönes Leben auf dich in New York, wenn du hier mit dem Bed and Breakfast fertig bist. Wie ich höre, muss man für Marketing nicht unbedingt vor Ort sein.“

Na also. Jetzt verstand er endlich, worauf sie hinauswollte. „Ein ideales Arrangement.“

„Dann freust du dich also auf den Großstadtverkehr und die Menschenmassen.“

„Ob du es glaubst oder nicht, das ist so normal für mich wie für dich die Ranch.“

„Deine Schwester sieht das ganz anders. Sie ist hier schon richtig zu Hause.“

„Das hört sich so an, als ob du wissen willst, warum ich so aus der Art geschlagen bin.“

Er zog eine Augenbraue hoch.

Donna lief ein überaus angenehmer Schauer den Rücken hinunter. „Jenna wollte schon immer auf dem Land leben. Sie war unglaublich neugierig auf unseren Großvater und den Rest der Familie, weil unser Vater nie über ihn gesprochen hat.“

„Niemals?“

„Nein.“ Donna strich ihren Rock glatt. „Aber du kennst die Geschichte ja. Wie gesagt, Jenna hat sich immer für Tex interessiert. Ich auch. Aber ich habe deswegen nie etwas gesagt oder unternommen. Dad hat so ein Interesse nicht unterstützt, und ich habe ihn als Kind angehimmelt.“

Wieder einmal hatte Caleb sie dazu gebracht, mehr zu sagen, als sie gewollt hatte. Wie machte er das nur?

Er saß still da. Aber sie spürte, dass ihm nicht gefiel, wie ihr Vater sich von ihrem Großvater abgewandt hatte. Sie gab nicht zu, dass sie das genauso sah.

So viel Zeit, einfach verschwendet. So viele Gelegenheiten, einfach verpasst.

„Jenna ist ganz anders als ich“, sagte Donna. „Sie hat sich für die Familientradition der Byrds entschieden. Es hat beinahe den Anschein, als ob sie hier geboren wurde.“

Und ich nicht.

„Darum hast du dich fürs Stadtleben entschieden“, sagte Caleb schließlich. „Weil dein Vater dein Vorbild war.“

„Ja, er war ein wichtiges Vorbild für mich.“ Donna warf einen Blick in Richtung Stall, wo der Film noch lief. Sie konnte die Musik vom Soundtrack hören.

Aber Caleb war noch nicht fertig. „Ich habe auch gehört, dass du eine eigene Zeitschrift herausgegeben hast.“

Donna presste die Lippen zusammen.

„Dazu gehört ganz schön viel Mut, Donna Byrd“, sagte Caleb leise. „So ein Unternehmen zu wagen.“

Seine offensichtliche Bewunderung ließ sie aufhorchen. Als sie bemerkte, dass er sie unverwandt ansah, wurde ihr ganz heiß.

Langsam stand er auf. Wieder verspürte Donna ein Kribbeln im Bauch, das ihren ganzen Körper erfasste.

„Ich weiß, dass du jetzt neue Chancen hast“, sagte er leise. „Du wirst dafür sorgen, dass das Bed and Breakfast ein Riesenerfolg wird. Und du glaubst, dass du danach so schnell wie möglich zurück in die Stadt willst, zu deinem alten Leben.“

„Ich glaube, ich will?“, fragte sie. Aber ihre Stimme war nicht so fest, wie sie gehoffte hatte.

Caleb ging auf sie zu, bis er genau vor ihrem Stuhl stand. „Wenn ich ein Spielertyp wäre, würde ich jede Wette eingehen, dass du hierbleibst.“

„Wieso?“

„Wenn du Flying B nur eine Chance gibst“, sagte er. Seine Stimme war so sanft und sinnlich wie das Plätschern des Brunnens.

Er ließ sich Zeit und beugte sich ganz langsam vor. Mit beiden Händen stützte er sich auf den Armlehnen ihres Gartenstuhls auf. Himmel, er roch so gut – Sattelseife und gerade genug nach Heu, dass Donna beinahe glaubte, vielleicht doch nicht gegen alles auf dieser Ranch allergisch zu sein.

Sie war ganz benommen. Adrenalin rauschte ihr in den Adern, und ihr Herz schlug schneller.

Würde er sie küssen? Dieser Cowboy, der so gar nicht in ihre Lebensplanung passte?

Als er sich noch weiter vorbeugte, schloss sie die Augen. Ihre Lippen kribbelten vor Vorfreude.

Aber im Geist sah sie alles vor sich, was sie sich immer gewünscht hatte: die blinkenden Neonlichter der Großstadt, Gelächter und das Klirren von Champagnergläsern in überfüllten Räumen.

Sie öffnete die Augen und hielt den Atem an, während sie sich unter seinem Arm hindurchduckte und zur Seite trat. Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals.

Caleb warf ihr über die Schulter hinweg einen Blick zu und zog eine Augenbraue hoch. Aber er wirkte eher amüsiert als überrascht. „Du bist ganz schön schnell“, sagte er.

„Das kann man von dir auch behaupten.“

Wieder lachte er leise.

Auch wenn ihr Puls immer noch raste, sodass sie sich ganz atemlos fühlte, wusste sie, dass sie etwas anderes brauchte. Nicht ihn. Es gab Männer in New York, mit denen sie viel mehr gemeinsam hatte – Männer, die zu dem Leben passten, zu dem sie passte. Sie bemühte sich verzweifelt, noch etwas Sinnvolles zu sagen. „Ich gehe gern ins Kino.“

War das besonders eloquent? Wohl kaum. Aber Caleb richtete sich trotzdem langsam wieder auf. „Ich weiß.“

„Du magst Filme nicht so sehr. Ich schon. Das ist nur einer von vielen Unterschieden zwischen uns.“

„Ach so. Du willst mir mein Bedürfnis ausreden, dich zu küssen.“

Super – wenigstens das hatte er geschnallt. „Ich bin übrigens auch eher an Männer gewöhnt, die etwas subtiler vorgehen.“

„Anzugtypen mit Gel im Haar? Das ist nicht subtil. Das ist nur Verkleidung.“

„Was meinst du damit?“

„Ein Mann ist ein Mann. Nur verstecken sich manche von uns nicht hinter schönen Worten.“

Donna verschränkte die Arme vor der Brust. Aber nur, weil sie eine Gänsehaut hatte. Ihr ganzer Körper kribbelte. Obwohl das wirklich das Letzte war, was sie empfinden sollte, verspürte sie Erregung. „Die Männer, mit denen ich normalerweise zu tun habe, kann man auch anders beschreiben“, sagte Donna. „Man könnte sagen, sie haben Manieren. Anstatt nur auf einen Kuss aus zu sein, gehen sie mit Frauen aus und lernen sie bei einem schönen Essen erst mal kennen.“

„Ich wette, dass ich schon mehr über dich weiß als alle diese Schnösel mit ihren feinen Manieren.“

„Das bezweifle ich stark.“ Im selben Augenblick wurde Donna bewusst, dass Caleb vielleicht recht hatte.

Als er endlich etwas sagte, wurde er wieder ernst. „Ich weiß nicht, wie es um meine Manieren bestellt ist. Aber ich glaube, du hast in mancher Hinsicht einen falschen Eindruck von mir.“

„Inwiefern?“

„Wie zum Beispiel, warum ich Zeit mit dir verbringen will. Ist dir nie der Gedanke gekommen, dass ich herausfinden will, warum ich dich so anziehend finde?“

Sie wartete auf den unvermeidbaren Blick auf ihre Brüste und ihre Hüften. Irgendwie war sie schon enttäuscht, dass Caleb auch nicht anders war als alle anderen Männer.

Aber er sah ihr immer noch in die Augen. „Ich habe schon viele schöne Frauen gesehen. Aber du hast etwas an dir, das dich zu etwas ganz Besonderem macht.“

„Das hast du auf den ersten Blick erkannt?“

„Könnte sein.“ Er lächelte. „Vielleicht war mir von Anfang an klar, dass du dir von niemandem etwas sagen lässt. Das hat mir gefallen. Ich habe noch nie eine Frau getroffen, die mich so herausgefordert hat wie du. Und du hast noch viel mehr zu bieten. So viel, dass du es anscheinend niemanden sehen lassen willst.“

Donna versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr er sie mit seinen scharfsinnigen Beobachtungen überrumpelt hatte.

Offensichtlich hatte Caleb gesagt, was er sagen wollte. Auch wenn er keinen Kuss bekommen hatte. Er hob grüßend seinen Hut an und verschwand ohne eine weitere Erklärung.

Sie sah ihm nach und schaffte es nicht, den Blick abzuwenden.

Oder herauszubekommen, warum er anziehender auf sie wirkte als je ein Mann zuvor.

Caleb verbrachte die Nacht damit, die Decke in seiner Blockhütte anzustarren und über Donna Byrd nachzudenken. Sie war für ihn ein Rätsel.

Bis jetzt hatte er nie viel auf die Binsenweisheiten gegeben, die sich um Herzensangelegenheiten rankten. Aber er glaubte daran, dass zwischen zwei Menschen die Chemie einfach stimmen konnte. Und er wusste, dass ihn irgendetwas mit Donna verband. Er hatte das nicht nur so einfach dahingesagt, als er erklärt hatte, dass sie eine Herausforderung für ihn darstellte.

Im vergangenen Jahr hatte Caleb sich immer wieder anhören müssen, wie sein Vater ihm vorhielt, was für ein Nichtsnutz er war. Das war natürlich ein Symptom der Demenz. Aber wahrscheinlich hatte sein Vater das schon jahrelang gedacht und nur nie laut ausgesprochen. Natürlich hatte das Vertrauen, das Tex in ihn gesetzt hatte, Caleb sehr geholfen. Aber tief in seinem Inneren befürchtete Caleb immer noch, dass sein Vater recht hatte.

Wie sollte er eine kluge, weltgewandte Frau wie Donna für sich gewinnen? Aber als er sie an diesem Abend beinahe geküsst hatte, hatte er ganz genau gesehen, wie erregt sie gewesen war. Außerdem hatte er ihre Verletzlichkeit bemerkt.

Chemie, dachte er, bevor er schließlich einschlief. Und das war nur ein Aspekt von all dem, was er sich vorstellen konnte, mit Donna zu teilen …

Am nächsten Morgen wusste Caleb, wie sein nächster Schritt aussehen musste.

Nachdem er einen Tag damit verbracht hatte, Pferde zu waschen und zu striegeln, ging er in seine Blockhütte. Dort duschte er, bevor er der Köchin im Haupthaus ein paar Zutaten abschwatzte. Außerdem nahm er frisches Brot und Apfelkuchen mit. Damit machte er sich zu dem Blockhaus auf, das im Volksmund das „Traumhaus“ genannt wurde. Für seine Pläne an diesem Abend war es ideal.

In der kleinen Küche bereitete er erst mal einen Salat zu. Dann würzte er Pilze und zwei Steaks. Als alles in einer Pfanne vor sich hin brutzelte, schnappte er sich seine Reisetasche und holte seinen besten Anzug heraus. Er zog sich um und band sich sogar eine Krawatte um. Schließlich nahm er sein Mobiltelefon zur Hand und schickte Donna eine SMS. Die Nummer hatte ihm die Köchin verraten.

Im Traumhaus braut sich etwas zusammen. Wenn du nichts anbrennen lassen willst, solltest du mal vorbeischauen.

Donnas Antwort war vorhersehbar.

Wer sagt das?

Caleb antwortete nur mit einem Fragezeichen. Dann legte er sein Handy weg.

Diese Nachricht konnte Donna wohl kaum ignorieren. Vor allem nicht, wenn es um das Traumhaus ging, das für Donnas Familiengeschichte so wichtig war.

Er schätzte, wie lange Donna wohl brauchen würde. Die Zeit nutzte er, um den kleinen Tisch in der winzigen Küche zu decken. Er breitete ein Tischtuch aus, zündete eine Kerze an, richtete das Essen auf den Tellern an und schenkte zwei Gläser Cabernet Sauvignon ein.

Als Donna die Tür aufmachte, blieb sie wie angewurzelt stehen. Caleb bemühte sich, sein Herzklopfen unter Kontrolle zu bekommen. Heute hatte sie ein leichtes Sommerkleid mit Blumenmuster und elegante, flache Riemchensandalen an. Das Haar trug sie hochgesteckt. Diese Frisur betonte ihren Hals. Wie oft hatte er inzwischen davon geträumt, sie genau da zu küssen.

„Was soll das denn?“, fragte sie und musterte die Kerze auf dem Tisch, den Wein und das Essen. Und seinen Anzug.

„Ich lade dich heute Abend zum Essen ein.“

Sie öffnete den Mund. Aber bevor sie etwas erwidern konnte, hob er die Hand.

„Sag jetzt bloß nicht, dass du keinen Wein magst. Ich habe auch noch Steaks gebraten.“

„Ich kann mich nur nicht erinnern, dass wir eine Verabredung haben, Caleb.“

„Haben wir auch nicht.“

„Vor allem nicht hier im Traumhaus.“

„Ich habe gewusst, dass du nie im Leben zu mir nach Hause kommen würdest.“

„Dann …“

Er würde ihr nicht die Chance geben, sich herauszureden. „Gestern Abend hast du gesagt, dass ich anders bin als die Männer, mit denen du normalerweise zu tun hast. Ich glaube nicht, dass das stimmt. Wenn du auf Eleganz stehst, dann kann ich dir auch einen Anzug, Cocktails und ein Candle-Light-Dinner bieten.“

Donna schüttelte den Kopf. Aber sie wirkte nicht so aufgebracht, wie er erwartet hatte. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

„Ein Ja wäre schon genug. Du musst dich nicht mal umziehen. Du bist schon perfekt gekleidet für ein Rendezvous.“

Jetzt wirkte sie überhaupt nicht mehr aufgebracht, sondern nur noch verwirrt. Doch dann lächelte sie widerwillig. „Du hast dir wirklich viel Mühe gemacht.“

„Ich wollte dir einfach nur zeigen, dass …“

„Dass ich mich getäuscht habe. Das ist offensichtlich.“ Sie seufzte. „Und du wirst nicht aufgeben, bis ich nachgebe, oder?“

Da täuschte sie sich. „Nein. Wenn du wirklich gehen willst, solltest du das tun. Aber ich würde mich freuen, wenn du dich setzt. Um festzustellen, ob Buckshot Hills nicht vielleicht doch mehr bieten kann, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.“

Caleb konnte in ihren Augen sehen, wie sie mit sich kämpfte. Das ermutigte ihn.

Dann bestätigte sie seinen Eindruck. „Ich weiß nicht so recht. Ich habe wirklich viel zu tun.“

„Du hast immer Arbeit, die auf dich wartet, Donna.“

Über diese Bemerkung schien sie ernsthaft nachzudenken. Wieder sah Caleb diese Verletzlichkeit – oder vielleicht Einsamkeit? – in ihrem Blick, die ihm schon zuvor aufgefallen war. „Na schön. Aber nur dieses eine Mal.“

„Das reicht mir.“

Langsam ging sie zum Tisch. Caleb zog ihr den Stuhl zurecht, und sie setzte sich. Dann stellte er ihr das gefüllte Weinglas hin.

„Ich habe gar nicht gewusst, dass du kochen kannst“, sagte sie.

„Manchmal ist das sehr praktisch.“ Während seiner Abwesenheit von der Ranch, als er sich um den Umzug seiner Tante und seines Vaters gekümmert hatte, hatte er oft das Kochen übernommen. Rosemary hatte dringend eine Auszeit nötig gehabt.

Aber darüber wollte er jetzt nicht nachdenken – nicht wenn Donna bei ihm war und der Zitronenduft ihres Parfüms seine Nase kitzelte.

Sie trank einen Schluck von ihrem Wein. „Hmm. Der ist gut.“

Er hob sein Glas.

„Ich denke, es ist nur fair, wenn ich ein paar Dinge klarstelle, Caleb. Und zwar ganz klar.“

Er wartete ab, was sie als Nächstes sagen würde.

„Du scheinst zu glauben, dass ich nach etwas suche, das ich überhaupt nicht will.“

„Wie zum Beispiel einen Mann in deinem Leben?“

„Ja, so etwas in der Art.“

Okay, zugegeben, ganz falsch lag Donna damit nicht.

Insgeheim hoffte Caleb, dass er an diesem Abend die Chance bekommen würde, Donna umzustimmen, die offenbar für immer Single bleiben und ihr Glück in der Großstadt suchen wollte.

4. KAPITEL

Bis jetzt war dieses Rendezvous nicht die Katastrophe, die Donna erwartet hatte.

Caleb brach sich ein Stück Brot ab. „Wenn wir schon mal dabei sind, ehrlich zu sein, würde ich gern noch etwas zu unserem Gespräch neulich ergänzen. Du hast mich gefragt, warum ich mich zu dir hingezogen fühle. Und ich hatte das Gefühl, dass du mit meiner Antwort nicht zufrieden warst.“

Er war so direkt wie immer.

Jetzt bestrich er das Brot mit Butter. „Es ist ja kein Geheimnis, dass es Gerüchte gegeben hat, als ihr hier auf der Ranch angekommen seid. Und diese Geschichten haben mein Interesse geweckt. Besonders, was ich über dich gehört habe.“

„Worum ging es denn da? Dass ich eine arrogante Kuh bin?“ Sie lachte. „Ich habe gehört, dass du ein richtiger Playboy bist.“

Er grinste schief.

Sie erwiderte den Blick, und sein Anblick ließ ihr Herz höherschlagen.

Dann sagte er: „Mir hat einfach der Gedanke gefallen, dass du so unabhängig bist. Manche Männer bewundern Frauen, die wissen, was sie wollen.“

Sie schob einen Pilz auf ihrem Teller hin und her. „Ich habe das Gefühl, dass du dir in deiner Fantasie schon ein fertiges Bild von mir gemacht hast.“

„Vielleicht …“ Er legte die Gabel weg. Das Kerzenlicht warf einen flackernden Schein auf seine gebräunte Haut. In seinen hellblauen Augen spiegelte sich die Flamme wider. „Egal. Ich kann einfach nicht genug betonen, wie viel mir Tex und die Ranch bedeuten. Weißt du, ich habe kein besonders gutes Verhältnis zu meinem eigenen Vater.“

„Du hast dir doch seinetwegen Urlaub genommen, oder?“

Er nickte. „Ich bin Einzelkind, und mein Vater leidet an Altersdemenz. Meine Tante Rosemary bemüht sich sehr um ihn, aber auch sie wird älter und stößt langsam an ihre Grenzen.“

„Und deine Mutter?“

„Sie lebt schon lange nicht mehr. Ein Unfall im Haushalt. Kurz nach meinem Schulabschluss, nachdem ich von zu Hause ausgezogen war.“

Vielleicht hatte Donna doch etwas mit Caleb gemeinsam. „Das tut mir leid. Meine Mutter starb, als ich neun war. Ich weiß, wie das ist, ohne Mutter aufzuwachsen.“

„Als ob ein Teil von dir für immer verschwindet, den du nie wieder ersetzen kannst.“

Donna nickte. Sie wollte nicht mehr dazu sagen. Damals hatte sie gelernt, dass es das Leben vereinfachte, innerlich auf Distanz zu gehen, so wie es ihr Vater auch machte. „Wie geht es deinem Vater?“

„Inzwischen erkennt er mich kaum noch. Und wenn er mich doch erkennt, dann lässt er mich wissen, wie froh er ist, dass Rosemary sich um ihn kümmert und nicht sein verantwortungsloser Sohn.“ Er lachte leise. „Wenigstens hat er mir früher nie direkt ins Gesicht gesagt, dass er mich nicht ausstehen kann.“

Donna runzelte die Stirn. „Das ist furchtbar, dass du dir das anhören musst.“

„So ist das eben.“

„Außerdem hörst du dich überhaupt nicht verantwortungslos an. Vielleicht ein bisschen … impulsiv … Aber …“

„Ich hatte schon meine rebellische Phase, das kannst du mir glauben. Und daran erinnert mein Vater sich eben am besten.“

Irgendwie ging das Donna ganz gegen ihren Willen zu Herzen. Sie trank einen Schluck Wein.

Caleb lächelte. „Aber weißt du was? Wenn mein Vater sehen könnte, für was für eine Frau ich mich jetzt interessiere, würde er mich an seinen guten Tagen vielleicht besser behandeln.“

Jetzt zog er sie schon wieder auf. Donna stieß seufzend den Atem aus. Sie brauchte dringend etwas im Magen. Während sie aßen, verfolgte Caleb das Thema nicht weiter. Sie spürte, wie sie sich nach und nach entspannte. Sogar als er sie nach dem Essen hinaus auf die Veranda begleitete.

„Danke“, sagte sie und meinte das ganz ernst. Es war ein wunderbarer Abend gewesen. „Du bist ein guter Gastgeber.“

Er erwiderte nichts, aber er blieb so nahe neben ihr stehen, dass sie sich fragte, ob er wieder versuchen würde, sie zu küssen.

Bevor er dazu kam, lief sie los. Und zwar schnell.

„Ich begleite dich zurück zum Haus“, sagte er.

Während sie dem Pfad von der Blockhütte zum Haupthaus folgte, zwang sie sich, nicht wie am Filmabend zurückzuschauen.

Ermutige ihn nicht.

Ermutige ihn …

Sie warf einen Blick über die Schulter zurück. Um sich keine Blöße zu geben, hob sie die Hand ein letztes Mal, um dem attraktiven Cowboy, der für sie so ein leckeres Candle-Light-Dinner gekocht hatte, ein letztes Mal zuzuwinken.

Caleb hatte einen freien Tag und schlief länger als gewöhnlich. Dann nahm er seinen Kaffee mit nach draußen auf die Veranda.

Für ihn war das gestrige Abendessen ein voller Erfolg gewesen. Langsam war er dabei, Donnas Herz zu erobern. Da war er sich ganz sicher. Es gibt einfach so etwas wie Schicksal, dachte er.

Nach dem Frühstück stieg er in seinen Truck und fuhr zum neuen Haus seines Vaters. Er hatte versprochen, einmal in der Woche vorbeizukommen.

Als er in die mit Sonnenblumen gesäumte Auffahrt einbog, bemerkte er als Erstes Rosemary. Sie saß in der Hollywoodschaukel auf der Veranda. Eine weite rosa Bluse kaschierte, wie dünn sie in letzter Zeit geworden war.

Rosemary bemerkte ihn und erhob sich mühsam.

Caleb winkte. Dann ergriff er die Einkaufstüte mit den Lebensmitteln, die er besorgt hatte, und stieg aus dem Truck. „Wie geht’s uns denn heute?“, fragte er.

Rosemary lächelte. Aber es war ein gezwungenes Lächeln. „Heute ist nicht der beste Tag.“

Calebs gute Laune verflog. Seine Besuche fingen immer mit dieser Frage an. Und Rosemarys Antwort prägte die Stimmung für den Rest des Tages.

Er umarmte seine Tante. Sie führte ihn ins Wohnzimmer. Caleb hatte vor Kurzem ein neues Sofa und passende Sessel für seinen Vater gekauft.

Sein Vater saß in einem Sessel vor dem großen Fernseher und schaute ein Baseballspiel. Er trug eine graue Hose und ein altes weißes T-Shirt mit einem dunklen Fleck. Sein graues Haar war zerzaust.

„Hey, Dad“, sagte Caleb. „Ich habe dir ein paar von den Blaubeermuffins mitgebracht, die du so gern magst.“

„Sei still. Ich sehe gerade das Spiel.“

Oh ja, das war kein guter Tag. Kein Wunder, dass Rosemary draußen gesessen hatte.

Caleb hatte im vergangenen Jahr gelernt, sich an solchen Tagen nicht mit seinem Vater anzulegen. Daher ging er in die Küche. Rosemary folgte ihm.

„Caleb“, flüsterte sie entschuldigend und fing an, die Lebensmittel auszupacken, „gestern ging es ihm prächtig. Aber heute Morgen …“

Sie verstummte. Im Wohnzimmer wurde der Fernseher lauter gestellt. Manchmal war das geringste Geräusch – sei es die Kühlschranktür oder Plastiktütengeraschel – zu viel für Calebs Vater.

„Mach dir keine Gedanken, Rose.“ Caleb gab seiner Tante einen Kuss auf die Stirn. Dann ging er mit ihr in den Flur, wo sie sich unterhalten konnten, ohne gegen den Lärm des Fernsehers ankämpfen zu müssen. „Alles okay?“

„Wir hatten einen schwierigen Morgen. Er wollte unbedingt das verdammte Hemd mit den Soßenflecken anziehen, das ich schon längst entsorgen wollte. Aber er bekommt jedes Mal einen Anfall, wenn ihm auffällt, dass es weg ist.“

Sie stemmte die Hände in die Hüften. Caleb war klar, dass unschöne Worte gefallen sein mussten.

„Man muss wissen, wann es besser ist, klein beizugeben, was?“, sagte Caleb. Obwohl das manchmal unmöglich war, wenn sein Vater in Fahrt war. „Warum unternimmst du nicht etwas Schönes? Geh Freunde besuchen oder Tee trinken.“ Es war wichtig, dass Rosemary mal aus dem Haus kam. Er schob sie in Richtung Schlafzimmer. „Wenn du wieder da bist, können wir noch zusammen essen, okay?“

Sie nahm seine Hand. Obwohl ihre Hand allmählich wie Pergament wirkte, hatte sie noch einen starken Griff.

„Du bist ein guter Sohn“, sagte sie. „Er hat Glück, dass es dich gibt.“ Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange.

Nachdem sie sich auf den Weg gemacht hatte, ging Caleb wieder in die Küche. Dort machte er einen Imbiss für seinen Vater zurecht.

Er stellte das Tablett auf dem Sofatisch ab, reichte seinem Vater ein Glas Tee und wartete darauf, dass er seine Gegenwart zur Kenntnis nehmen würde.

Als sein Vater schließlich reagierte, sah Caleb Verwirrung und Wut in seinen Augen. Der Blick seines Vaters traf ihn wie ein Fausthieb in den Magen.

„Deine Mutter hat doch gesagt, dass du dir die Haare schneiden lassen sollst“, sagte sein Vater. „Bist du schon wieder ungehorsam?“

„Ich kümmere mich darum.“

„Nichtsnutz.“

Caleb biss die Zähne zusammen. Dann setzte er sich aufs Sofa. Es war qualvoll, den früher so vitalen Mann auch nur anzusehen. Die Aussicht, dass ihm selbst das auch passieren könnte, machte Caleb furchtbare Angst.

Während das Baseballspiel lautstark weiterging, fielen seinem Vater die Augen zu. Als sein Vater zu schnarchen begann, schnappte Caleb sich die Fernbedienung und machte den Ton leiser. Es gab eine Chance, dass sein Vater doch noch einen guten Tag haben würde.

Mehr wollte Caleb gar nicht.

Donna würde es nie zugeben, aber seit dem Abendessen mit Caleb hielt sie Ausschau nach ihm.

Sie hoffte, ihn wieder zu treffen. Oder noch mal eine SMS von ihm zu bekommen.

Aber weder das eine noch das andere passierte.

Sie redete sich ein, dass es auch gut so war. Denn sie war schließlich sehr beschäftigt. Trotzdem sehnte sie sich ein bisschen nach Caleb Granger. Und das war nicht nur verwirrend, sondern auch gefährlich. Hormone in Aufruhr. So etwas stürzte einen Menschen nur ins Unglück – siehe das Beispiel von ihrem Vater, William und Savannah. Aber beim Anblick von Calebs Truck vor dem Haupthaus vergaß sie alle guten Vorsätze.

Ohne nachzudenken, verlangsamte sie ihre Schritte. Dann beobachtete sie, wie Caleb aus dem Truck stieg, um noch ein paar Möbel für die Gästezimmer auszuladen. Als er einen Lampenständer packte und die Treppe zum Hauseingang hinauftrug, sah sie das Spiel seiner Armmuskeln. Sie hielt den Atem an.

Die Muskeln hat er sich durch harte Arbeit erworben, dachte sie. Nicht im Fitnessstudio.

Caleb bemerkte sie, als er wieder zur Haustür hinaustrat. Sie wappnete sich gegen seine Grübchen und seinen Charme.

Aber er grüßte sie nur kurz, indem er seinen Hut antippte. „Guten Morgen, Donna“, sagte er. Dann ging er die Stufen hinunter und weiter zu seinem Truck.

„Guten Morgen.“

Würde er jetzt einen Scherz machen? Sie aufziehen, weil sie diesmal ihn gefunden hatte und nicht umgekehrt?

Nein. Er ergriff nur ein kleines Mahagoniregal und ging wieder die Treppe hinauf.

Okay. Sie hatte schon verstanden. Jetzt, wo sie mit ihm zu Abend gegessen hatte, machte er ihr das Leben schwer, damit sie den nächsten Schritt unternahm.

Na, dann viel Glück.

Als er wieder aus dem Haus kam, fiel ihr auf, dass er … geistesabwesend wirkte. Immer noch freundlich, aber nicht derselbe Caleb.

War irgendetwas vorgefallen?

„Caleb?“, fragte sie, als er an ihr vorbeiging.

Er wurde langsamer. Dann drehte er sich um.

„Ist irgendetwas?“

Er zuckte die Schultern – seine lässige Standardreaktion.

„Es ist nur …“, sagte sie. „Du wirkst so geistesabwesend.“

Gerade als er etwas sagen wollte, klingelte ihr verdammtes Handy.

Einerseits war sie neugierig. Sie wartete auf so viele Anrufe. Andererseits wollte sie hören, was Caleb zu sagen hatte. Sie warf einen Blick aufs Display. Eine unbekannte Nummer.

In der Zwischenzeit war Caleb schon wieder auf dem Weg zu seinem Truck. „Dann bis später, Donna.“

Als Caleb den Motor anließ, merkte Donna, dass der Anrufer inzwischen zu ihrer Mailbox umgeleitet worden war. Sobald der Signalton ihr sagte, dass der Anrufer tatsächlich eine Nachricht hinterlassen hatte, rief sie ihre Mailbox ab. Dabei ermahnte sie sich, nicht Caleb nachzuschauen.

Sie blieb wie angewurzelt stehen.

„Hi, Donna. Ich glaube, du erwartest meinen Anruf.“

Eine unangenehme Pause folgte. Gerade lange genug, dass Donna ihren Herzschlag in den Ohren spüren konnte.

„Hier spricht Savannah Carson. Oder Savannah Jeffries. Du kennst wahrscheinlich eher diesen Namen.”

Oh, Gott. Jetzt war es passiert.

Die Nachricht ging weiter. „Euer Privatdetektiv hat mich kontaktiert und … ich habe überlegt, wie ich reagieren soll. Ehrlich gesagt bin ich nicht sehr überrascht, von der Familie Byrd zu hören. Mir war klar, dass irgendwann jemand neugierig werden würde.“

Donnas Puls raste.

„Euer Privatdetektiv hat mir alles erklärt – sogar, dass ihr über James Bescheid wisst. Natürlich weiß James, dass er irgendwo einen Vater hat. Aber James kennt nicht die ganze Geschichte. Das ist etwas, worüber ich nie sprechen wollte … und das ist wahrscheinlich auch der Grund …“

Savannah verstummte. Hatte sie beinahe etwas darüber gesagt, warum sie und ihr Sohn zerstritten waren?

„Wie gesagt“, fuhr sie mit belegter Stimme fort, „James ist ein erwachsener Mann. Mir ist klar geworden, dass ich ihm eine Erklärung schulde. Ich weiß allerdings nicht, wie er auf die Möglichkeit eines Treffens reagieren wird. Und ihr solltet wissen, dass ich niemandem sagen werde, wer der Vater von James ist. Aber wenn ihr bereit seid, diese Bedingungen zu akzeptieren, werde ich mich darauf einlassen.“

Savannah beendete das Gespräch, nachdem sie ihre Telefonnummer genannt hatte.

Donna wusste nicht genau, wie lange sie wie vor den Kopf geschlagen auf dem Rasen stand. Schließlich ging sie zum Traumhaus. Unterwegs rief sie Jenna und Tammy an, damit sie sich ungestört treffen konnten.

Die beiden waren unterwegs, um Reitwege auszukundschaften. Eine Viertelstunde später trafen sie bei der Blockhütte ein. Sie banden ihre Pferde an einem Pfosten an und gingen zu Donna auf die Veranda.

Donna spielte die Nachricht von Savannah noch mal über Lautsprecher ab.

„Himmel und Hölle“, sagte Tammy.

„Also trifft sie sich mit uns?“, fragte Jenna.

„Da bin ich mir nicht ganz sicher“, sagte Donna. „Ich muss sie erst zurückrufen.“

„Wir müssen Aidan und Nathan davon erzählen“, sagte Jenna.

„Das können wir nachher machen. Ich wollte einfach, dass ihr beide das als Erste hört.“

Tammy rieb sich den Nacken unter ihrem dunklen Pferdeschwanz. „Was wird James wohl dazu sagen?“

„Es hat keinen Sinn, darüber zu spekulieren“, sagte Donna brüsk. Doch dann überdachte sie ihre Reaktion noch mal. Sie bemühte sich immer um ein geschäftsmäßiges Auftreten, das manchmal schroff wirkte. So wahrte sie eine gewisse Distanz. Aber Tammy und Jenna hatten etwas anderes verdient. „Tut mir leid, ich wollte nicht so kurz angebunden sein“, sagte sie. „Das war einfach nicht die beste Woche für mich.“

„Wegen Savannah?“, fragte Tammy.

„Nicht nur wegen Savannah.“ Donna erzählte von ihren finanziellen Sorgen. Aber die Abfuhr von Caleb an diesem Morgen erwähnte sie nicht.

Tammy legte ihr freundschaftlich eine Hand auf die Schulter. „Warum machst du dir Sorgen, wenn du schon ein Zuhause hast?“

Jenna stellte sich auf ihre andere Seite. „Du hast doch alles, was du brauchst.“

Die beiden meinten es ja nur gut. Ihr wurde warm ums Herz. Eine Familie, dachte sie. Ich habe wirklich eine Familie. Sie hatte wirklich fast alles, außer …

Die Leere in ihrem Inneren, die sie so oft spürte, schien sich auszudehnen. Aber sie ignorierte das Gefühl. Sie wusste nicht, was es damit auf sich hatte. Nicht einmal, als sie plötzlich an Caleb denken musste.

Jenna neigte den Kopf zur Seite. „Weißt du, was du brauchst?“

Tammy grinste. „Ich weiß genau, was du sagen willst, Jen – die Hälfte der Mitarbeiter geht heute Abend aus. Wir sollten mitgehen. Wenn wir mit meinen Brüdern geredet haben, tanzen wir uns erst mal die Sorgen vom Herzen, bevor wir morgen früh Savannah anrufen.“

Jenna hakte sich bei Donna ein. „Ich höre schon, wie Lone Star Lucy’s nach uns ruft.“

Donna war noch nie in ihrem Leben in einer Honky-Tonk-Bar gewesen. Aber auf einmal hörte sich ein Abend mit Spaß und Party sehr verlockend an.

„Warum nicht?“ Sie zögerte kurz, bevor sie die beiden Frauen, die ihre besten Freundinnen geworden waren, heftig umarmte.

Honky-Tonk könnte schließlich genauso schön sein wie der neueste Club oder die angesagteste Bar. Und vielleicht würde sie ja jemanden treffen, der sie für einen Abend von ihren Problemen ablenken würde.

Jemand, der nicht Caleb hieß.

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