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BIANCA EXTRA BAND 74

STELLA BAGWELL

Einmal deine Traumfrau sein

Sie kann nicht mal kochen! Rancher Zach Dalton ist überzeugt, dass die Redakteurin Lydia definitiv nicht die Richtige zum Heiraten ist. Aber warum ist er ausgerechnet nach der Falschen so verrückt?

TERESA SOUTHWICK

Tausend gelbe Rosen

Sam kann jede haben, aber neuerdings interessiert ihn nur die Floristin Faith – die seine Masche leider zu gut kennt. Denn sie liefert immer die Abschiedsblumen an seine Ex-Freundinnen in spe …

CARO CARSON

Im zärtlichen Takt der Liebe

Grace braucht dringend den soliden, charmanten Alex. Nicht etwa für sich, sondern für ihre Schwester, eine skandalumwitterte Schauspielerin! Aber wenn sie selbst die Wahl hätte, würde sie Alex nehmen …

MELISSA SENATE

Zwei Babys und eine Blitzhochzeit

Ist eine Vernunftehe die Lösung? Ihre Babys wurden bei der Geburt vertauscht, und verheiratet könnten Liam und Shelby sich gemeinsam um die Kleinen kümmern. Aber zu einer Ehe gehört doch mehr …

Einmal deine Traumfrau sein

1. KAPITEL

Was wollen Sie?“

Zach Dalton schob seinen schwarzen Stetson zurück und beugte sich zu der Frau vor, die auf der anderen Seite des unordentlichen Schreibtischs saß. Braune Locken formten eine Wolke um ihren Kopf. Mit tiefblauen Augen sah sie ihn verwirrt an.

Zach bemühte sich, die Geduld nicht zu verlieren. „Ich möchte eine Anzeige in der Zeitung aufgeben. Im Abschnitt ‚Gesucht wird‘. Oder gehört so was in der Rust Creek Falls Gazette in die Kleinanzeigen?“

„Hören Sie, Mr. … Wie war noch Ihr Name?“, fragte die Frau und hielt den gezückten Bleistift über ihren Notizblock.

„Dalton, Ma’am. Zach Dalton.“

Ihre Lippen rundeten sich zu einem entzückenden Ausdruck des Erstaunens. Aber Zach erlaubte sich nur ein paar Sekunden, ihren Anblick zu bewundern. Er würde sich nicht von seinem Ziel ablenken lassen. Zach hatte eine Mission.

„Dalton? Sind Sie mit den anderen Daltons hier in der Gegend verwandt?“

„Das ist richtig. Wir sind ein ganzer Clan, Ma’am.“

Das Telefon auf ihrem Schreibtisch klingelte. „Entschuldigen Sie mich bitte, Mr. Dalton. Ich bin gleich wieder für Sie da.“

Während sie sich um den Anruf kümmerte, drehte Zach sich um und schaute aus dem Fenster auf die North Street im Zentrum von Rust Creek Falls, Montana. An diesem Morgen fiel warmer Septembersonnenschein auf die sich verfärbenden Blätter der Bäume am Straßenrand. Der langsame Verkehrsfluss auf den beiden Fahrbahnen wurde durch Viehtransporte auf dem Weg nach Kalispell noch mehr behindert. Der Herbst stand bevor, also sonderten die Rancher Vieh aus den Herden aus und verkauften Tiere, um sich auf die Wintermonate vorzubereiten.

Bevor Zach an die Tragödie denken konnte, die sich auf der Ranch seiner Familie in Hardin zugetragen hatte, drang die ungeduldige Stimme der jungen Frau zu ihm durch.

„Nein. Nicht heute Abend. Ich muss jetzt auflegen, Mom. Ich habe einen Kunden. Bye.“

Als er hörte, wie das Telefon aufgelegt wurde, drehte Zach sich um. Die junge Frau, die ungefähr in seinem Alter war, strich sich ein paar Locken aus dem Gesicht. Sie trug ein grünes, weites T-Shirt mit dem Logo einer ihm unbekannten Rockband auf den runden Brüsten. Anscheinend durften sich die Angestellten dieser Zeitung über eine sehr legere Kleiderordnung freuen.

„Tut mir leid“, sagte sie. „Also, wenn Sie mir jetzt erklären, was genau Sie wollen, dann sorge ich dafür, dass Ihre Anzeige in der nächsten Ausgabe erscheint.“

Sein Blick fiel auf das Namensschild, das gefährlich nah an der Kante ihres Schreibtischs stand. „Lydia Grant. Assistant Manager“, las er laut vor. „Sind Sie das?“

Sie nickte. Dadurch fielen ihr wieder mehrere Locken ins Gesicht. „Das bin ich. Assistant Manager ist nur eine meiner Aufgaben hier bei der Gazette. Ich bin das Mädchen für alles. Klempnerarbeiten eingeschlossen. Brauchen Sie einen neuen Wasserhahn?“

„Äh, nein. Ich brauche eine Ehefrau.“

Diese Aussage verblüffte sie offensichtlich. „Ich dachte, ich habe mich vorhin verhört. Anscheinend nicht.“

Er genoss ihre entsetzte Miene und grinste schief. „Nein. Sie haben sich nicht verhört. Ich möchte per Anzeige nach einer Ehefrau suchen.“

Sie rollte den Bleistift zwischen den Handflächen hin und her und musterte ihn mit unverhohlener Neugier.

„Was ist los?“, fragte sie. „Kriegen Sie auf die traditionelle Art und Weise keine ab?“

Als Zach sich entschieden hatte, per Anzeige nach einer Braut zu suchen, hatte er sich auf solche Reaktionen eingestellt. Allerdings nicht von einem völlig Fremden. Noch dazu einer Frau.

„Manchmal ist es gut, mit Traditionen zu brechen. Außerdem hab ich’s eilig.“

So etwas wie Geringschätzung zeigte sich in ihren Augen, bevor sie den Blick auf den Block senkte. „Aha. Sie sind ein Mann, der es eilig hat. Dann sagen Sie mir mal ihren Namen, ihre Adresse und ihre Telefonnummer. Dann helfe ich Ihnen, die Prozedur zu beschleunigen.“

Sie notierte sich seine Angaben. Dann fragte sie: „Wie wollen Sie das formulieren? Ich schätze, Sie haben bestimmte Anforderungen an Ihre … Braut?“

Er zog sich einen Plastikstuhl heran und setzte sich. „Klar. Ein paar.“ Dann legte er seinen Hut über ein Knie und fuhr sich mit einer Hand durchs dichte, schwarze Haar. „Okay. Fangen wir mal mit dem Alter an. Ich möchte, dass sie zwischen zweiundzwanzig und fünfundzwanzig Jahren alt ist.“

„Das grenzt die Sache schon mal ein, nicht wahr?“, sagte sie, während sie sich diese Information vermerkte.

„Also, ich bin siebenundzwanzig. Da wäre es am besten, wenn meine Ehefrau ein paar Jahre jünger wäre als ich.“

„Dann finden Sie ältere Frauen nicht attraktiv?“

Er runzelte die Stirn. „Ich bin noch nie mit einer älteren Frau ausgegangen.“

Sie lächelte hintersinnig. „Zu abenteuerlich für Sie, schätze ich mal.“

Wahrscheinlich sollte er diese Frau darauf aufmerksam machen, dass seine persönlichen Vorlieben sie nichts angingen. Aber sie war so verdammt süß und originell, dass er nicht wie ein Rüpel wirken wollte.

„So was in der Art“, sagte er. „Ansonsten schreiben Sie bitte auf, dass Sie eine ausgezeichnete Köchin und Hausfrau sein sollte. Ich liebe selbst gebackene Kuchen, und ich hasse Unordnung.“

Sie fing wieder an zu schreiben. „Soll der letzte Satz auch in die Anzeige?“

„Äh, nein. Der war nur für Sie. Als Erklärung.“

Sie sah auf, und er bemerkte, dass sie die Mundwinkel zu einem frechen Lächeln verzogen hatte. „Mir müssen Sie nichts erklären, Mr. Dalton. Den Frauen, die auf diese Anzeige antworten, wahrscheinlich schon. Also, gibt es sonst noch irgendwelche Anforderungen, die Sie an die … Bewerberinnen stellen?“

Bei ihr hörte sich das Ganze so berechnend an. Aber das wird es nicht sein, versprach Zach sich. Wenn ich erst mal die richtige Frau gefunden habe, dachte er, wird es genug Gefühle geben.

„Ja, schon. Noch ein paar. Es ist absolut unabdingbar, dass sie Kinder liebt.“

„Kinder“, wiederholte sie. „Dann haben Sie vor, mit der Frau, die allen Punkten auf Ihrer Liste entspricht, Kinder zu haben?“

„Sie wird meine Ehefrau sein. Natürlich plane ich, Kinder mit ihr zu haben. Und zwar mehrere, sollte ich wohl hinzufügen.“ Er zeigte auf ihren Block. „Und Sie können auch gleich dazuschreiben, dass sie mit Hunden und Pferden klarkommen muss. Nein – ändern Sie das. Sie muss Hunde und Pferde lieben. Genau wie Kinder. Ich bin Rancher. Es würde nie funktionieren, wenn die Frau was gegen Tiere hat.“

„Hunde und Pferde. Geht klar.“ Sie richtete ihre strahlend blauen Augen auf ihn. „Sonst noch was? Aussehen? Spielt das eine Rolle?“

Zach verschränkte die Arme. „Da bin ich flexibel. Solange sie groß und gertenschlank mit langen, glatten Haaren ist, bin ich einverstanden.“

„Eines muss man Ihnen lassen, Mr. Dalton. Sie wissen, was Sie wollen.“

„So sehe ich das auch, Ma’am.“

Ein pfiffiges Lächeln umspielte ihre Lippen und Zach fragte sich, wie Lydia Grant wohl aussehen würde, wenn sie sich Mühe gab. Im Morgenlicht konnte er sehen, dass sie keinerlei Make-up benutzt hatte und nicht mal versucht hatte, ihre wilde Lockenmähne zu zähmen. Er fragte sich, ob sie verschlafen hatte. Vielleicht war sie einfach der natürliche Typ.

Egal. Lydia Grant war jedenfalls nicht sein Typ. Er mochte Frauen, die Kleider trugen und sanft und feminin waren. Diese Frau ihm gegenüber sah aus, als ob sie ihm helfen konnte, Zäune zu flicken und Vieh zusammenzutreiben.

Sie riss das Blatt mit den Notizen vom Block ab und legte es neben die Tastatur ihres Computers. „Wenn Sie mir einen Augenblick Zeit geben, um das zusammenzuschreiben, sage ich Ihnen, was das kostet. Wie lange soll die Anzeige laufen? Eine Woche? Zwei?“

Er beugte sich vor und war überrascht, als er einen Hauch Parfüm wahrnahm. Es roch wie eine ganz bestimmte Blume. Den Namen kannte er nicht, aber er erinnerte sich, dass es im Garten seiner Mutter so gerochen hatte.

„Oh. Ich bezweifle, dass eine Woche reicht. Oder zwei. Wäre besser, die Anzeige zu drucken, bis ich um ihre Einstellung bitte. Ich verstehe, dass mich das teurer kommt. Aber auf lange Sicht wird es das wert sein.“

Sie wollte antworten, als das Telefon wieder klingelte. Diesmal stieß sie den Atem aus und drehte ihren Stuhl um, bis sie zu der offenen Tür schaute, die in den hinteren Teil des Gebäudes führte.

„Curtis, kannst du mal rangehen?“, brüllte sie beinahe. „Ich hab einen Kunden.“

Dann drehte sie den Stuhl wieder zum Computer um. Nachdem sie fleißig getippt hatte, spuckte ein Drucker auf einem Tisch in der Nähe ein Stück Papier aus. Als sie aufstand, um es zu holen, bemerkte Zach, dass sie mittelgroß war und dunkelblaue Jeans trug, die wohlgerundete Hüften umschlossen. Bei ihren braunen Stiefeletten handelte es sich um robuste Straßenschuhe und nicht um spitze Damenschuhe mit hohen Absätzen.

„Also gut, Mr. Dalton. Ihre Anzeige wird in jeder Ausgabe der Gazette gedruckt. Ich sorge dafür, dass der Schriftsetzer einen Rahmen darum herum macht, damit sie auch auffällt. Das sind die Kosten für drei Wochen“, sagte sie und schob die Seite über den Schreibtisch. „Wenn Sie wollen, dass die Anzeige länger läuft, kommen Sie einfach vorbei. Passt Ihnen das?“

Er holte seinen Geldbeutel aus der Gesäßtasche seiner Jeans und nahm seine Kreditkarte heraus. „Klingt gut.“

Er ließ seine Karte scannen, und sie gab ihm eine Quittung.

Während Lydia beobachtete, wie er die Karte wieder einsteckte, fiel ihr plötzlich ein, dass sie vergessen hatte, ihn um ein Foto zu bitten.

Sie schnipste mit den Fingern. „Ach, herrje. Das hätte ich jetzt beinahe vergessen! Haben Sie ein Foto dabei, dass wir für die Anzeige verwenden können?“

Seine verblüffte Miene verriet ihr, dass er noch nicht bemerkt hatte, dass er selbst der Gegenstand der Anzeige war.

„Ein Foto? Äh, nein.“ Er runzelte die Stirn. „Meinen Sie, das ist notwendig?“

Lydia bemühte sich, nicht laut zu lachen. „Glauben Sie mir, Mr. Dalton, eine Frau will wissen, worauf sie sich einlässt. Und ein Bild wird ihr das zeigen – zumindest von außen.“ Sie schenkte ihm ein freches Lächeln. „Dann ist es an Ihnen, Ihre inneren Werte zu präsentieren.“

Offensichtlich enttäuscht, antwortete er: „Ich wollte dieses Projekt heute ins Rollen bringen. Ich habe das Foto von meinem Führerschein. Reicht das?“

„Die Dinger sehen doch immer aus wie Verbrecherfotos.“ Sie zog eine Schublade ihres Schreibtischs auf und holte ihre Digitalkamera heraus. „Wenn Ihnen der Hintergrund nicht wichtig ist, kann ich hier ein Foto von Ihnen machen.“

„Hier? Auf diesem Stuhl?“

Lydia konnte ein Kichern nicht unterdrücken. „Ich werde mich auf Ihr Gesicht konzentrieren.“

Er steckte sich das karierte Westernhemd tiefer in die Jeans. Dann zog er sein Bolotie zurecht, bis der Schieber an seinem Kragen saß. Nachdem er sich mit den Fingern durch die schwarzen Haare gefahren war, sagte er: „Okay. Ich schätze, ich bin dann soweit.“

Einen Augenblick lang musterte sie seine kantigen Gesichtszüge. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein. Da fehlt was. Setzen Sie Ihren Hut auf. Ihre potenzielle Ehefrau muss sehen, dass sie einen Cowboy als Mann kriegt. Richtig?“

„Oh, ja. Keine Chance, dass sich das je ändert. Für keine Frau der Welt.“ Er platzierte den schwarzen Hut auf seinem Kopf.

Lydia hob die Kamera und bemühte sich, nicht sehnsüchtig aufzuseufzen, als sie den Sucher auf sein attraktives Gesicht ausrichtete. „Das ist gut. Aber ein Lächeln könnte helfen“, schlug sie vor. „Sie wollen doch nicht wie ein Griesgram aussehen.“

Er verzog die Lippen zu einem strahlenden Lächeln, und Lydia drückte sofort den Auslöser, um den Augenblick einzufangen. Dann drückte sie gleich noch mal ab, um sicherzugehen, dass sie wenigstens ein scharfes Bild für die Zeitung hatte.

„Damit wäre das Foto erledigt. Aber es gibt noch ein Detail zu klären“, sagte sie. „Wollen Sie Ihren Namen in der Anzeige nennen? Und wie sollen diese potenziellen Ehefrauen sich mit Ihnen in Verbindung setzen? Telefon? E-Mail? Per Post?“

„Hmm. Daran habe ich gar nicht gedacht“, gab Zach zu. „Ich habe keinen Computer. Und meine E-Mail würde ich gern nur privat nutzen. Ich bin nicht sicher, ob ich mich Anrufen stellen will, ohne vorher Informationen über die Frau zu haben. Das könnte sonst heikel werden.“

„Ja. ‚Heikel‘ ist möglicherweise das passende Wort“, stimmte sie zu.

Nachdenklich strich er sich mit dem Finger über den Kiefer. „Ich schätze, es ginge per Post. Aber ich teile mir ein Postfach mit anderen Familienmitgliedern. Unter anderem mit meinem Dad. Das könnte auch … äh… unangenehm werden.“

Lydia nickte. „Ich habe keinen Vater – jedenfalls keinen, der der Rede wert ist. Aber ich habe eine Mutter. Und wenn ich auf einmal Post von Männern bekommen würde, dann würde ich nicht wollen, dass sie die zu sehen bekommt. So viel ist sicher.“

Er sah sie an, dann kam ihm noch eine Idee. „Wäre es möglich, dass die Antworten an die Redaktion gehen? Ich wäre gerne bereit, für diesen Service extra zu zahlen.“

Sie musterte ihn nachdenklich. „Mir ist das recht. Aber das kann ich nicht entscheiden. Geben Sie mir eine Minute, und ich frage nach, was mein Boss davon hält.“

„Gerne. Ich hoffe, Sie sind auf meiner Seite?“

Lächelnd reckte sie die Faust. „Ein Hurra für Ihre Ehe! Ich werde mein Bestes tun.“

Vor ein paar Jahren, als das Hochwasser Rust Creek Falls überflutet hatte, war Curtis Randall Nachwuchsreporter bei einer Großstadtzeitung gewesen. Wie viele andere Medienvertreter war er in die Kleinstadt gekommen, um über die tragischen Ereignisse zu berichten. Aus Gründen, die Lydia nie erfahren hatte, war er hiergeblieben und hatte es geschafft, Chefredakteur bei der Gazette zu werden.

Was den Mann selbst anging, wäre er bestimmt ganz süß, wenn er auf die Strickjacke und die Brille mit dem schwarzen Gestell verzichten und sein strohblondes Haar mal ein bisschen zerzaust lassen würde. Aber trotz seines Bücherwurm-Looks funktionierte die Zusammenarbeit mit ihm gut. Und das war für Lydia das Wichtigste.

Sie klopfte an den Rahmen der offenen Tür. „Hast du eine Minute Zeit, Curtis?“

Er blickte auf. „Klar. Was gibt’s?“

Sie ging zu seinem Schreibtisch. „Bei mir im Büro sitzt ein Mann, der per Anzeige eine Ehefrau suchen will. Er will wissen, ob Interessierte ihn über die Redaktion kontaktieren können. Er sagt, dafür würde er extra zahlen.“

Curtis zog die Augenbrauen hoch. „Das ist aber ein ungewöhnliches Anliegen, oder?“

Lydia rollte die Augen. „Um nicht zu sagen, richtig merkwürdig. Aber wir wollen schließlich Geld verdienen.“

„Wohl wahr“, stimmte er zu. „Allerdings könnte das mehr Ärger als Nutzen bedeuten. Ist der Mann von hier? Jemand, den wir kennen?“

„Einer von den Daltons“, erklärte sie. „Ich habe ihn noch nie getroffen. Eine Prophezeiung wage ich jedoch zu machen. Der Typ wird der Zeitung viel Aufmerksamkeit einbringen. Und wir können jede kostenlose Werbung brauchen, die wir kriegen können.“

Von dieser positiven Vorhersage unbeeindruckt, winkte Curtis ab. „Warum denkst du, dass er neue Leser dazu bringen wird, die Zeitung zu kaufen?“

Weil ein Blick auf den Mann das Herz jeder Frau höherschlagen ließ. Wenn die hiesigen Singles erfuhren, dass Zach auf Brautschau war, würde die Hölle los sein.

Zu Curtis sagte sie so unbefangen wie möglich: „Er ist so ein cooler Cowboy. Die Frauen hier stehen auf solche Typen.“

Immer noch stirnrunzelnd lehnte Curtis sich in seinem Chefsessel zurück. „Solche Kerle laufen hier doch überall herum. Aber …“ Als er sah, dass sie protestieren wollte, hielt er eine Hand hoch. „Wenn du dich um die Antworten auf die Anzeige kümmerst, dann ist mir das egal.“

Einerseits wollte Lydia am liebsten einen Jubelschrei ausstoßen. Andererseits fragte sie sich, ob sie sich gerade auf ein riesiges Fiasko einließ. Sie wusste schließlich nicht viel über Zach Dalton. Abgesehen davon, dass sein Lächeln Schneeverwehungen zum Schmelzen bringen konnte. Und dass sie dem Typ Frau, nach dem er in Sachen Ehefrau suchte, kaum weniger entsprechen konnte.

Groß und gertenschlank? Mit gerecktem Kinn und gestrafften Schultern war sie vielleicht mittelgroß. Ihre Figur war eher üppig als schlank. Und was das lange, glatte Haar anging … Ihre Mähne konnte lang sein, wenn sie Stunden damit zubrachte, ihre Locken glatt zu bügeln.

Nein, Zach Dalton würde sie nie als Braut in Erwägung ziehen. Aber vielleicht als Freundin. Als Kumpel. Und weil Lydia eine Frau war, die ihre Grenzen kannte, würde ihr das reichen.

„Danke, Curtis.“ Sie schenkte ihm ein smartes Lächeln. „Du wirst diese Entscheidung nicht bereuen.“

Er schnaubte und griff nach seiner Kaffeetasse. „Das stimmt. Das werde ich nicht. Aber du vielleicht.“

Lydia biss sich auf die Zunge und ging eilig wieder hinaus in die Lobby. Zach Dalton lächelte sie an, noch bevor sie ihm von Curtis’ Entscheidung erzählen konnte. Lydia fragte sich, warum ihn sich noch keine Frau geschnappt hatte. Und was in aller Welt trieb ihn dazu, mit einer Anzeige nach einer Frau zu suchen? Das ergab keinen Sinn. Aber Zach Daltons Liebesleben ging sie ja auch nichts an.

„Gute Neuigkeiten, Mr. Dalton. Curtis ist einverstanden. Also können Sie die Zuschriften hier abholen.“

„Das ist toll. Danke. Und bitte, duzen wir uns doch. Ich heiße Zach. In nächster Zeit sehen wir uns bestimmt öfter.“

„Klar. Und ich bin Lydia.“

Er streckte die Hand aus, und sie nahm sie. Seine Haut war rau und sein Handschlag verriet ihr, dass er für halbe Sachen nicht zu haben war. Der ist kein so weichgespülter Cowboy aus der Fernsehwerbung, dachte sie. Das ist ein Original.

Er ließ ihre Hand los und lehnte sich zurück. „Okay, Lydia. Schön, dich kennenzulernen. Kommst du aus Rust Creek Falls?“

„Jawohl. Ich habe alle meine achtundzwanzig Lebensjahre hier verbracht. Abgesehen von meiner Studienzeit am College in Butte.“

„Dann vermute ich, dass du auch während des Hochwassers hier warst?“

Sie zog wieder einen Bleistift aus der Dose und fing an, ihn hin- und herzudrehen.

„Das war furchtbar“, sagte sie. „Und der Schaden war verheerend. Aber wir haben die Stadt wieder aufgebaut.“

„Ich bin erst im Juli hergezogen. Mit Dad und meinen vier Brüdern. Im Augenblick wohnen wir alle bei Onkel Charles und Tante Rita auf der Circle D Ranch. Und jetzt lerne ich die Leute hier in der Stadt kennen. Heute zum Beispiel dich“, fügte er mit einem Lächeln hinzu.

Sie erwiderte sein Lächeln fröhlich. „Die meisten Menschen hier in Rust Creek Falls sind nett. Also, was hat dich hergeführt, Zach? Haben deine Verwandten dir davon erzählt, wie hier der Heiratsmarkt nach dem Hochwasser floriert hat, weil so viele Damen sich einen Cowboy angeln wollten?“

Ein strahlendes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus und Lydia spürte, wie ihr Herzschlag kurz aussetzte. Seine markanten Gesichtszüge und das dunkle Haar waren genau der Look, nachdem die Damenwelt schmachtete. War der Mann naiv? Wusste er nicht, dass er nur einen Finger krümmen musste, um die Frauen anzulocken? Eine Zeitungsannonce brauchte er wohl kaum.

„Könnte sein“, sagte er. Seine Augen funkelten. „Mir wurde gesagt, dass die Leute hierherkommen, um ihre wahre Liebe zu finden. Wie ich gehört habe, stehen Hochzeiten hier hoch im Kurs in den letzten Jahren.“

Lydia lachte leise. „Das ist wahr. Aber die meisten Leute schreiben die Hochzeitsflut und den Kindersegen dem Selbstgebrannten von Homer Gilmore zu, der damit mal die Bowle aufgepeppt hat. In Folge dieses Fests sind so viele Babys auf die Welt gekommen, dass Ärzte von außerhalb einspringen mussten, um die hiesige Entbindungsstation zu entlasten.“

Er lachte. „Also, ich werde mich nicht darauf verlassen, dass die Bowle wieder verfeinert wird. So wie ich das sehe, hat Rust Creek Falls einfach etwas an sich, dass die Leute dazu bringt, ihre Herzen zu öffnen. Ich bin zuversichtlich, dass ich hier die richtige Frau finden werde.“

Eine Frau, die köstliche Kuchen backen konnte und das Haus tipptopp in Ordnung hielt, während sie eine ganze Rasselbande aufzog. Echt jetzt?

Der Mann wirkt jedenfalls sehr echt, dachte Lydia. Um genau zu sein, sah er aus wie ein moderner Cowboy aus dem Bilderbuch. Aber die Vorstellung, seinen Ansprüchen genügen zu müssen, war schrecklich. Lydia kaufte ihren Kuchen beim Bäcker. Und wenn sie schmutziges Geschirr mal über Nacht stehen ließ, hatte sie kein schlechtes Gewissen. Was ihr Haar anging, also, sie hatte Besseres zu tun, als sich zu bemühen, wie jemand anders auszusehen. Nein, wenn sie je verrückt genug wäre, sich mit einem Mann einzulassen, dann musste er sie so nehmen, wie sie nun mal war.

Sie schenkte ihm das fröhlichste Lächeln, das sie bewerkstelligen konnte. Auch wenn er es völlig verkehrt anstellte, eine Frau zu finden, sie mochte ihn und wünschte ihm viel Glück. „Ich bin sicher, du wirst fündig. Und da morgen eine neue Ausgabe der Zeitung erscheint, vielleicht schon eher, als du denkst.“

Er stand auf. „Danke, Lydia. Ich weiß deine Hilfe zu schätzen.“

„Gern geschehen. Und ich bin sicher, wir sehen uns wieder“, sagte sie. „Wenn du deine Post holen kommst, meine ich.“

„Ach ja, meine Post. Hoffen wir mal, dass ich welche bekomme“, sagte er und zwinkerte ihr zu. „Also auf Wiedersehen, Lydia. Und noch mal danke.“

Mit einem Lächeln verließ er das Büro.

Lydia beobachtete, wie er zur Kreuzung ging. Nachdem er die Straße überquert hatte und hinter einer Reihe von Fahrzeugen verschwunden war, stieß sie einen tiefen Seufzer und dann einen leisen Fluch aus.

Wie dämlich konnte sie noch sein? Wieder und wieder hatte ihre Mutter sie gewarnt, dass eine Ehe die Mühe nicht wert war. Jahrelang hatte sie mit ansehen müssen, wie ihre Mutter sich mit zwei Jobs abgerackert hatte, damit sie ein Dach über dem Kopf und Essen auf dem Tisch hatten. Nein, meine Mutter hat recht, dachte Lydia. Auf einen Mann kann man sich nicht verlassen. Also musste sie damit aufhören, Tagträume über Zach Dalton und seine Suche nach einer Braut zu spinnen. Stattdessen sollte sie dankbar sein, dass sie nicht sein Typ war. Auf lange Sicht würde sie das vor einem gebrochenen Herzen bewahren.

2. KAPITEL

„So was Albernes habe ich noch nie in meinem Leben gesehen! Per Annonce nach einer Frau suchen!“

Phillip Dalton warf die Zeitung beiseite und schaute über den Esstisch. Sein missbilligender Blick traf seinen zweitjüngsten Sohn.

Zach bemühte sich, nicht auf seinem Stuhl herumzurutschen. Nicht, wenn seine vier Brüder, zwei Cousins, seine Tante und sein Onkel zusahen. „Dad, Partnersuche über Anzeige ist kein neues Konzept. Im neunzehnten Jahrhundert, während des Goldrauschs, haben viele Männer diese Methode benutzt.“

Sein Vater schüttelte entgeistert den Kopf. „Aber diese Männer waren viele Meilen von der Zivilisation entfernt. Sie waren verzweifelt!“

Auf der anderen Seite vom Tisch ließ Zachs Bruder Garrett ein selbstgefälliges Lachen ertönen. „Zach ist verzweifelt, Dad!“

Die strenge Miene seines Vaters verdüsterte sich. „Mir ist klar, dass für dich alles nur ein Spiel ist, Garrett. Aber diese Angelegenheit ist nicht zum Spaßen.“

„Oh, lass die Jungs in Ruhe, Phillip. Zach weiß, was er will. Er geht das nur anders an als du und ich.“

Phillip warf seinem Bruder Charles einen genervten Blick zu. „Verdammt richtig. Du und ich haben das ganz normal gemacht. Wir haben uns verliebt.“

Zach nahm einen Bissen Rinderbraten, um sich daran zu hindern, etwas zu seinem Vater zu sagen, was er hinterher bedauern würde.

Neben ihm meldete sich Shawn, der Jüngste der Familie, zu Wort, um ihn zu verteidigen. „Also, ich denke, Zachs Idee ist verdammt gut. So lernt er Frauen kennen, die heiraten wollen. Über die Liebe kann er sich hinterher immer noch Gedanken machen.“

„Danke, Shawn“, sagte Zach.

„Richtig“, fügte Garrett hinzu. „Und vielleicht ist Zach so nett und gibt uns ein paar von den Telefonnummern ab.“

Am Kopfende des Tischs saß ihr Vater mit versteinerter Miene da. Die einzige Frau im Raum räusperte sich nervös und stand auf.

„Ich denke, es ist Zeit für den Nachtisch“, schlug Rita vor. „Apfelpastete. Vielleicht hebt das die Stimmung.“

Später saß Zach in dem Zimmer, das er sich mit seinem älteren Bruder teilte und betrachtete seine Anzeige in der neuen Ausgabe der Gazette. Sein Bild war vermutlich ganz gut. Wenigstens waren seine Augen offen, und er hatte keine Essenreste zwischen den Zähnen. Aber er musste zugeben, dass seine Miene leicht vertrottelt wirkte. Als ob er eine starke Margarita zu viel getrunken hätte.

Vielleicht lag das daran, dass die Begegnung mit Lydia Grant ihn ein wenig verstört hatte. Obwohl die Frau warmherzig und freundlich gewirkt hatte, hatte er den Eindruck gehabt, dass sie seine Heiratsanzeige für albern hielt. Und das hatte ihn getroffen. Er konnte nicht genau sagen, warum. Ihre Meinung sollte keine Rolle spielen.

Warum fragte er sich dann, ob die Frau von der Zeitung verheiratet oder verlobt war? Warum konnte er diesen Wust aus braunen Locken oder das vorwitzige Lächeln nicht vergessen?

„Was ist los? Leidest du an einem Anfall von Kaufreue?“

Sein Bruder Booker kam herein. Zach warf die Zeitung auf seinen Nachttisch.

„Ich kann noch nichts bereuen. Ich habe ja noch nichts gekauft“, erinnerte Zach ihn.

Kopfschüttelnd ließ sich Booker auf dem Bett an der gegenüberliegenden Wand nieder. „Du hast eine Anzeige gekauft. Und du glaubst, dass du damit eine Ehefrau bekommst.“

Stöhnend streckte Zach sich aus und starrte an die Zimmerdecke. „Beim Essen hab ich keinen Ton von dir gehört“, sagte Zach. „Hältst du auch zu Dad?“

Booker bückte sich und machte sich daran, seine Cowboystiefel auszuziehen. „Nicht unbedingt. Du musst zugeben, dass dein Plan ein bisschen unorthodox ist. Aber das ist deine Sache.“

Die faire Einstellung seines Bruders ermutigte ihn. Also setzte Zach sich auf und sah ihn an. „Ich muss sagen, ich war von Dads Reaktion echt überrascht. Sonst ist er doch so aufgeschlossen.“

Booker stellte seine Stiefel beiseite und fing an, sein Hemd aufzuknöpfen. „Das ist was anderes, Zach. Er und Mom waren bis zu ihrem Tod wahnsinnig verliebt. Sie hatten was ganz Besonderes, und er wünscht sich das auch für dich. Für alle von uns.“

Zach schluckte heftig. Seine Mutter war bei dem Buschfeuer ums Leben gekommen, das ihre Ranch in Hardin im Januar heimgesucht hatte. Der Verlust war noch so frisch, dass er den Schmerz kaum ertragen konnte.

„Ja. Also, das ist genau der Grund, warum ich das tue, Booker“, sagte er mit rauer Stimme. „Ich hab mir eine Ewigkeit lang gewünscht, so eine Ehe zu haben wie unsere Eltern. Und genauso lange hab ich’s auf die traditionelle Art versucht: Dating und abwarten und hoffen, dass ich mal eine Frau treffe, in die ich mich verliebe. Aber das ist einfach nicht passiert.“

Booker verschränkte die Hände hinter dem Kopf und streckte sich auf seinem Bett aus. „Ich kann verstehen, dass du heiraten und auf eigenen Füßen stehen willst. Sosehr ich Onkel Charles und Tante Rita mag, das Haus platzt aus allen Nähten. Wir haben praktisch keine Privatsphäre und sie auch nicht.“

Zach seufzte. „Denk daran, warum wir hier sind. Klar, wir haben die Ranch nach dem Feuer wiederaufgebaut. Aber ohne Mom war es einfach nicht dasselbe. Vor allem für Dad. Er hat so furchtbar getrauert, dass ich mir schon Sorgen um seine Gesundheit gemacht habe. Es tut ihm gut, hier bei Onkel Charles und Onkel Ben zu sein.“

„Und er sucht ja schon nach Land, damit wir uns wieder eine eigene Ranch aufbauen können.“

„Richtig“, antwortete Zach. „Ich hoffe nur, dass sein Ärger über die Zeitungsannonce sich legt. Ich hasse es, wenn Dad von mir enttäuscht ist.“

„Ich würde mir da keine Sorgen machen, Zach“, sagte Booker. „Morgen wird Dad sich schon wieder ganz auf das Vieh und das Heu und das Land konzentrieren. Und deine verzweifelte Suche nach einer Ehefrau wird er vergessen haben.“

Zach setzte sich auf. „Verzweifelt? Das hast du falsch verstanden. Ich bin wild entschlossen.“

„So wie ich das sehe“, meinte Booker mit schlaftrunkener Stimme, „lebst du in einer Traumwelt. Aber ich schätze, irgendwo gibt’s eine Frau, die dich wachrütteln wird. Und wenn das passiert, wirst du glauben, du hättest einen Bullen am Schwanz erwischt.“

Lydia saß im Schlafanzug auf dem Sofa und starrte ungläubig ihren Laptop an. Es war nur einen Tag her, seit Zach Dalton seine Heiratsanzeige aufgegeben hatte. Aber die Inbox für ihre E-Mail-Adresse bei der Zeitung wurde bereits von Botschaften für den Mann überschwemmt. Sie hatte so ein Gefühl gehabt, dass die Reaktion auf seine Anzeige lebhaft ausfallen würde. Sie hatte nur nicht geahnt, wie lebhaft.

Lydia scrollte zu der letzten Nachricht, die gerade hereingekommen war.

Lieber Zach,

ich bin zweiundzwanzig Jahre alt, und ich kann einen verdammt guten Apfelkuchen backen. Ich habe einen Deutschen Schäferhund namens Fritz und ein Pferd namens Hula Hoop. Wenn ich mal verheiratet bin, habe ich vor, mehrere Kinder zu haben. Also glaube ich wirklich, dass wir perfekt zu einander passen. Bitte ruf an.

Ein Foto war beigefügt. Als Lydia das hübsche, junge Gesicht anstarrte, wurde ihr übel. Gleichzeitig fühlte sie sich traurig. Kein Zweifel, Zach würde mit dieser Kandidatin zufrieden sein. Sie hatte das glatteste blonde Haar, das Lydia je gesehen hatte. Außerdem einen Schmollmund und große braune Augen. Wie könnte er diese Frau nicht mögen?

Wenn ein Mann Lydia ansah, dann musste er nicht an Babys und Ehe denken. Nein, sie war der Typ Frau, den ein Mann in seinem Softballteam haben wollte. Sie war ein guter Kumpel. Mit ihr konnte man ein Glas Bier trinken gehen, und ihr konnte man das Herz ausschütten, wenn man Probleme mit seiner richtigen Freundin hatte.

Lydia hasste es, so in Selbstmitleid zu zerfließen. Sie ging zu dem ovalen Spiegel an der Wand und starrte ihr blasses Spiegelbild an.

Was würde passieren, wenn sie ihren burschikosen Look aufbrezelte? Wahrscheinlich würden sich alle in Rust Creek Falls kaputtlachen.

Lydia wandte sich vom Spiegel ab, setzte sich wieder aufs Sofa und klappte den Laptop auf. Sie fing an, die schmalzigen Zeilen zu lesen, mit denen Frauen um die Chance bettelten, Zachs Braut zu werden. In dem Augenblick versprach sie sich, dass sie irgendwann einen Mann treffen würde, der sie so liebte, wie sie war, und aus keinem anderen Grund. Und bis zu diesem Tag würde sie sich keine Sorgen um Zach Dalton und seine zahllosen Verehrerinnen machen.

Sobald Zach an diesem Vormittag mit seiner Arbeit fertig war, setzte er sich in seinen Truck und fuhr nach Rust Creek Falls und zur Redaktion der Gazette.

Als er eintrat, klingelte eine Glocke über der Tür. Er sah quer durch den Raum zu Lydia Grants Schreibtisch. Im Augenblick war sie mit einem Kunden beschäftigt. Der große, ältere Mann mit Glatze hatte eine kalte Zigarre im Mundwinkel.

„So, das hätten wir, Mr. Tuttle. Ihr Abonnement ist für zwei Jahre bezahlt und wird ihnen ins Postfach geliefert.“

„Sie haben doch nicht vor, in der Zwischenzeit die Preise zu erhöhen, oder? Ich will nicht zurückkommen und noch mehr bezahlen müssen“, sagte der Mann unverblümt. „Ich bin es leid, dass alle Geschäfte in der Gegend immer teurer werden.“

Zach wusste nicht, wie Lydia es schaffte, aber sie schenkte dem Kunden ein strahlendes Lächeln. „Keine Sorge, Mr. Tuttle. Sobald Sie Ihr Abonnement bezahlt haben, war’s das. Mehr wird Ihnen nicht berechnet.“

„Und das ist auch gut so“, knurrte er. Dann riss er ihr die Quittung aus der Hand.

Als er zur Tür marschierte, rief Lydia ihm fröhlich nach: „Danke, Mr. Tuttle. Und grüßen Sie Ihre Frau.“

Der Kunde würdigte den Gruß mit einem schwachen Knurren, bevor er zur Tür hinausging. Als sie hinter dem Mann zufiel, schlenderte Zach zu Lydias Schreibtisch.

„Was für ein geselliger Zeitgenosse“, sagte er sarkastisch.

Sie lachte. „Wenn er sich über nichts beschweren könnte, würde er gar nichts mehr sagen. Wie seine Frau es mit ihm aushält ist mir ein Rätsel.“ Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Wie geht’s dir heute? Bist du bereit, deine Post in Empfang zu nehmen?“

Zachs Wangen glühten. Obwohl er an seinen Plan glaubte, hatte Lydia etwas an sich, dass ihn dazu brachte, an seiner Strategie zu zweifeln. „Darum bin ich vorbeigekommen. Um zu sehen, ob irgendjemand auf die Anzeige geantwortet hat.“

Sie deutete auf den harten Plastikstuhl vor ihrem Schreibtisch. „Setz dich, und ich hol alles.“

Zach ließ sich auf dem Stuhl nieder und beobachtete, wie sie zu ein paar Aktenschränken ging. Sie trug mehr oder weniger das Gleiche wie am Vortag, bemerkte er, als er den Blick über ihre attraktive Figur gleiten ließ. Der einzige Unterschied war, dass sie heute eine armeegrüne Weste über einem weißen T-Shirt trug.

„Ich habe alle E-Mails ausgedruckt, die bisher reingekommen sind. Du wirst sehen, dass auch ein paar Briefe dabei sind.“ Sie legte einen Stapel Papier vor ihn hin.

Zach war erstaunt. „So viel? Es war doch nur ein Tag! So eine Reaktion habe ich nicht erwartet.“

Ihre blauen Augen funkelten, ungläubig und belustigt zugleich. „Ernsthaft?“

„Wie bitte?“

Sie schüttelte den Kopf. „Tut mir leid. Ich … Also, ich hab so das Gefühl, dass du keine Ahnung hast, worauf du dich eingelassen hast. Wenn es um heiratswillige Junggesellen geht, sind die Frauen hier wie Piranhas.“

Er ließ den Blick auf den Papierstapel sinken. Wie es aussah, könnte Lydia richtig liegen. Aber er war überzeugt davon, dass er mit einem intelligenten Auswahlsystem seine Traumfrau finden würde. „Ich denke, damit komme ich klar.“

Sie wollte etwas sagen, als eine hochgewachsene Rothaarige Anfang dreißig in der Tür zum hinteren Teil des Gebäudes auftauchte.

„Tut mir leid, dass ich ein bisschen spät dran bin, Lydia. Häng einfach zehn Minuten an deine Mittagspause dran. Ich halte hier die Stellung.“

Die Frau nickte Zach zu. Dann schien sie ihn plötzlich zu erkennen, denn sie kam auf ihn zu und bot ihm die Hand an.

„Sie sind das! Der Mann mit der Heiratsanzeige!“

Zach schüttelte ihr die Hand. „Das ist richtig. Ich bin Zach Dalton.“

„Ich bin Jolene Sanders. Ich arbeite im Korrekturbüro. Ich wollte Ihnen nur sagen, wie großartig es ist, mal einen Mann zu sehen, der ehrlich ist in Bezug auf seine Erwartungen, bevor er vor den Traualtar tritt.“

Hinter Jolene konnte er sehen, wie Lydia mit den Augen rollte.

„Sind Sie verheiratet, Ms. Sanders?“

Sie grinste. „Geschieden. Darum gefällt mir Ihr Ansatz. Ich wünschte nur, ich hätte die Vorstellungen meines Ex-Mannes gekannt, bevor ich ihn geheiratet habe. Dann hätte die Hochzeit nie stattgefunden.“

Lydia nahm eine leichte Jacke von einem Garderobenständer.

„Ich bin dann also mal weg“, sagte sie zu Jolene. Dann schenkte sie Zach ein munteres Lächeln. „War schön, dich wiederzusehen, Zach. Viel Glück bei der Jagd.“

Bevor Zach klar wurde, was er vorhatte, schnappte er sich den Papierstapel mit den Zuschriften und rannte ihr nach.

„Lydia! Warte mal!“

Sie blieb stehen. „Brauchst du noch irgendwas?“

Jemanden, der mal nachsah, ob er noch richtig tickte. Den brauchte er. Er ging auf sie zu und bemühte sich, nicht zu stottern. „Äh, also, ich habe zufällig mitbekommen, dass du gesagt hast, du gehst zum Lunch.“

„Das ist richtig. Das mache ich normalerweise um zwölf Uhr.“

Der helle Sonnenschein verlieh ihrer Haut einen goldenen Schimmer und ließ ihre blauen Augen sogar noch mehr strahlen. Der anregende Duft, den er bei ihrem ersten Treffen bemerkt hatte, hüllte ihn ein wie Dunst an einem warmen Tag. Zach wusste nicht warum, aber sie hatte irgendetwas an sich, das ihn ganz automatisch aufmunterte. Und seit dem Feuer und dem Tod seiner Mutter und dem Umzug hierher nach Rust Creek Falls musste er jede kleine Freude genießen, die er kriegen konnte.

„Aha. Also, hättest du gerne ein bisschen Gesellschaft? Ich hab seit heute früh nichts gegessen. Ein Hamburger würde mir jetzt echt guttun.“

Überraschung zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. Dann hakte sie sich zufrieden bei ihm ein. „Ein Burger klingt gut. Gleich um die Ecke ist ein nettes, kleines Lokal“, sagte sie und zeigte auf eine Seitenstraße.

„Klingt gut. Ich leg nur schnell meine Post ins Auto, und wir können los.“

Das Wetter war über Nacht kühler geworden. Als sie losgingen, half Zach Lydia in die Jacke. Die Blätter an den Bäumen waren dabei, sich gelb und rot zu verfärben. In der Ferne waren die Berggipfel immer noch grün, aber es würde nicht lange dauern, bis sie weiß vor Schnee sein würden.

„Heute ist es kühl, aber das Wetter ist wunderschön“, rief sie, während sie dank ihres flotten Tempos mit seinen langen Beinen locker Schritt hielt. „Ich liebe diese Jahreszeit. Ich habe Visionen von heißer Schokolade und Kürbisauflauf. Vielleicht nicht unbedingt zusammen.“

„Bist du eine gute Köchin?“ Sie hielt immer noch seinen Arm, als ob das ganz natürlich wäre. Zach merkte, dass ihm ihre lockere Art gefiel. Für sie muss ein Mann nicht so tun, als ob er perfekt ist, dachte er.

„Soll das ein Vorstellungsgespräch als potenzielle Ehefrau werden?“, fragte sie mit einem frechen Lachen.

Zach spürte, wie er rot wurde. Er hätte Lydia nie als Kandidatin gesehen. Schließlich war sie das genaue Gegenteil von der Art Frau, die er wollte. „Nein. Nur neugierig.“

„Na, okay. Kochen kann ich nicht. Aber Dosen aufmachen und Sachen in die Mikrowelle stecken.“

Offensichtlich trug sie auch kein hübsches Spitzenkleid und hatte auch kein glattes Haar. Aber das spielte für Zach keine Rolle. Denn er ging ja nicht mit ihr einen Hamburger essen, weil er sie heiraten wollte. Er wollte einfach nur Gesellschaft beim Lunch.

„Das ist so ungefähr alles, was ich auch zustande bringe“, sagte er. „Also liegen wir da gleich auf.“

Lachend sagte sie: „Ja, aber sonst haben wir nicht viel gemeinsam. Ehrlich gesagt, ich war noch nie mit jemandem wie dir befreundet.“

Er blickte kurz nach unten und sah sie dann an. „Ich glaube, ich habe überhaupt noch nie jemanden wie dich kennengelernt. Aber wir haben noch etwas gemeinsam, und das ist die Rust Creek Falls Gazette.“

„Hmm. Da hast du recht. Deine Suche nach einer Ehefrau ist etwas, was wir gemeinsam haben. Dann hoffen wir mal, dass wir erfolgreich sind.“

Er grinste sie an. „Im Augenblick wäre ich schon zufrieden damit, einen guten Lunch zu kriegen.“

Sie lachte leise. „Ich kann dir vielleicht keine Ehefrau besorgen oder kochen, aber ich kann dir ein gutes Essen garantieren. Komm mit.“

3. KAPITEL

Ein kurzes Stück die Straße runter führte Lydia ihn zu einem Gebäude aus rotem Backstein. Auf der Glasfront stand: Gold Rush Diner.

„Da sind wir. Klein, aber fein“, versprach sie.

Einige der Sitznischen aus rotem Vinyl waren schon besetzt. Aber sie fanden noch eine freie im hinteren Teil des Gastraums.

Nachdem Lydia sich auf der Bank niedergelassen hatte, merkte sie, wie einige Leute sich nach ihnen umdrehten. Zweifellos hatten sie Zach aus der Zeitung erkannt und waren neugierig. Andere fragten sich wahrscheinlich, wieso eine unscheinbare Frau wie sie mit so einem Traumtypen unterwegs war.

Lydia fragte sich das auch.

Sie stützte die Unterarme auf den Tisch und beugte sich vor. „Also, erzähl mal – was hält deine Familie von der Anzeige?“

Er zuckte mit den Schultern. „Also, nachdem sie mich erst mal gründlich aufgezogen haben, halten meine Brüder die Idee mehr oder weniger für genial. Leider sieht mein Dad das nicht so. Er ist ziemlich enttäuscht.“

Sie sah ihm an, dass die fehlende Unterstützung seines Vaters ihm zusetzte. Lydia dagegen konnte sich kaum vorstellen, wie es war, überhaupt einen Vater zu haben.

„Ich vermute, er wünscht sich, dass du die Sache normal angehst“, vermutete sie.

Er runzelte die Stirn. Lydia ließ den Blick über seine attraktiven Gesichtszüge gleiten. Wahrscheinlich seufzten schon unzählige Frauen sehnsüchtig beim Anblick seines Fotos. Dem armen Kerl stand noch was bevor. Es sei denn, diese Suche nach einer Ehefrau war nur ein Trick, um mehr Verabredungen zu bekommen.

Aber nein. Lydia konnte nicht glauben, dass Zach so berechnend war. Doch wenn man ihrer Mutter glaubte, verfolgten alle Männer nur ihre eigenen, selbstsüchtigen Pläne.

„Richtig“, sagte Zach. „Aber ich bin siebenundzwanzig. Ich gehe seit der Highschool mit Frauen aus, und keine Einzige hat je perfekt zu mir gepasst. Ehrlich gesagt, habe ich die Warterei satt.“

Lydia war ein Jahr älter und immer noch Single. Aber sie geriet deswegen nicht in Panik. Noch nicht, jedenfalls.

Sie wollte gerade sagen, dass es vielleicht nicht klug war, so etwas zu überstürzen. Aber bevor sie sich überlegen konnte, wie man das diplomatisch formulierte, kam eine junge, quirlige Bedienung mit langen, schwarzen Haaren auf ihren Tisch zu.

Die Frau konzentrierte sich voll und ganz auf Zach, als sie zwei Speisekarten auf den Tisch legte. Sie schenkte ihm ein vielsagendes Lächeln. „Hi. Wie geht’s?“

Er lächelte zurück, und Lydia fragte sich, was er von all dem langen, glatten Haar hielt. Vielleicht brachte ihn die eng geschnürte Schürze auf den Gedanken, dass sie großartig kochen konnte. Oder gut im Bett war. Bei beiden Vorstellungen wurde Lydia übel.

„Großartig, sobald wir unseren Lunch haben“, meldete sich Lydia zu Wort.

Die Bedienung warf ihr einen genervten Blick zu, bevor sie Zach wieder verträumt anhimmelte. „Bist du nicht der Typ aus der Zeitung? Bei dem man sich als Ehefrau bewerben kann?“

Zach wurde rot. „Der bin ich“, gab er zu. „Aber so würde ich das nicht unbedingt formulieren.“

„Er nimmt schriftliche Bewerbungen entgegen“, sagte Lydia und hoffte, dass ihr fröhliches Lächeln nicht so falsch aussah, wie es sich anfühlte. „Und die perfekte Kandidatin gewinnt den Hauptpreis.“

„Oh“, murmelte die Bedienung verunsichert. „Ich bin nicht gut bei Bewerbungen.“

Zach warf Lydia einen verärgerten Blick zu. Dann sagte er zur Kellnerin: „Ich versuche nur, eine Frau zu finden, die zu mir passt.“

„Also, das finde ich so toll“, schwärmte die Bedienung. „Das ist ja wie bei dieser Fernsehshow, wo der Junggeselle sich seine große Liebe aus einer Gruppe Frauen aussucht.“

Zach und Lydia sahen sich amüsiert an.

„Wenn man das so sehen will“, sagte Zach peinlich berührt.

Zum Glück erinnerte sich die Bedienung auf einmal daran, warum sie an ihrem Tisch stand und zog einen Block aus der Tasche ihrer Uniform. „Also, was wollt ihr trinken?“

Sie bestellten beide Eistee. Nachdem die junge Frau verschwunden war, schüttelte Lydia den Kopf. „Tut mir leid, Zach. Ich wollte deine … Bemühungen wirklich nicht lächerlich machen. Es war einfach nur, dass sie so …“

Sie brach ab. Mit einem verschmitzten Lächeln beendete Zach den Satz für sie: „... so offensichtlich war?“

Lydia stieß den Atem aus. „Ja. Genau das. Ich hoffe, du bist nicht sauer auf mich.“

Sein Lachen löste Erleichterung bei ihr aus.

„Vergiss es. Ich bin nicht gekränkt. Aber ich bin neugierig. Siehst du mein Vorhaben wirklich so? Dass ich das Ganze wie ein Vorstellungsgespräch für einen Job angehe?“

Jetzt konnte Lydia sich kaum davon abhalten, auf ihrem Platz herumzurutschen. „Also, ehrlich gesagt, es sieht schon so aus. Aber ich habe auch den Eindruck, dass du keine Frau heiraten wirst, in die du nicht wirklich verliebt bist. Und nur das ist wichtig.“

Er verzog die Lippen zu einem ironischen Lächeln und Lydia konnte nicht anders, als sich auf das Grübchen zu konzentrieren, das sich in seiner Wange bildete.

Er wollte gerade antworten, als die Bedienung mit ihren Getränken zurückkam. Als sie ihre Bestellung notierte, fragte Lydia sich, wie die junge Frau noch schreiben konnte – so unverwandt, wie sie Zach anstarrte.

„Ihr Essen kommt gleich, Mr. Dalton.“ Sie kicherte nervös. „Und wenn Sie sonst noch irgendwas brauchen, besorg ich es Ihnen gerne.“

Als die Bedienung weg war, musste Lydia sich auf die Zunge beißen, um nicht laut zu stöhnen. Zach schienen die Bemühungen der Kellnerin, mit ihm zu flirten, kaltgelassen zu haben. Sie fragte sich, ob sie den Mann unterschätzt hatte.

„Also, wo waren wir stehen geblieben?“, fragte er. „Ich glaube, du hast angedeutet, dass ich unsterblich verliebt sein müsste, bevor ich mir eine Frau aussuche. Sag mir, Lydia, warst du schon mal unsterblich verliebt?“

Sie wusste nicht warum, aber bei der Frage glühten ihre Wangen. „Äh, nein. Nicht, dass ich wüsste. Als ich ungefähr zwanzig war, war ich in einen Rodeoreiter verknallt.“

Ihm blieb der Mund offenstehen. „Ein Rodeoreiter? Hätte ich jetzt nicht gedacht, dass so ein Kerl dein Typ wäre.“

Lachend zuckte sie mit den Achseln. „Also, er hatte diesen selbstbewussten Gang und trug sein Haar ein bisschen zu lang. Und Männer mit Sporen sehen einfach sexy aus.“

„Was ist passiert?“

Diesmal war ihr Lachen kurz und trocken. „Nichts. Er hat nie erfahren, dass ich existiere.“

„Hmm. Was ist mit der Highschool? In dem Alter glauben doch alle Mädchen, dass sie verliebt sind, oder etwa nicht?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich nicht. Weißt du, damals war ich mollig und hatte fiese Hautprobleme. Das Einzige, was ich nicht hatte, war eine Zahnspange. Aber das lag nur daran, dass meine Mom sich keine leisten konnte.“ Sie lächelte breit genug, um ihre Zähne zu zeigen. „Siehst du, mein rechter Schneidezahn steht ein bisschen über den linken. Aber mir macht das nichts aus. Niemand ist perfekt, oder?“

„Das macht gar nichts.“ Er beugte sich vor. „Und ich denke zufällig, dass deine Zähne ganz natürlich und sehr hübsch aussehen.“

Sie war ein Idiot, weil sie sich über seine Worte freute. Aber es kam nicht oft vor, dass ein Mann wie Zach Dalton ihr ein Kompliment machte.

„Danke.“

Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas, während sie ihren Strohhalm auswickelte und in ihren Eistee steckte.

„Sag mir, wenn ich zu neugierig bin. Aber willst du mal heiraten? Kinder haben?“

Die Fragen taten weh, auch wenn sie das wirklich nicht sollten. Trotzdem schaffte sie es, unbefangen zu antworten. „Oh, damals mit dem Rodeostar – als ich zwanzig war und das Leben als erwachsene Frau noch neu und wunderbar für mich war –, da hab ich schon davon geträumt, eine Familie zu haben. Ich schätze, das tun die meisten Frauen. Aber irgendwie ist das einfach nie passiert. Jetzt, wo ich älter bin, hab ich aufgehört, viel darüber nachzudenken. Vielleicht finde ich irgendwann den perfekten Mann. Aber bis dahin geht’s mir gut, wenn ich bei der Gazette genug zu tun habe.“

Er musterte sie, und Lydia fragte sich, wie es wohl wäre, wenn er sie liebevoll ansehen würde. Würde sie ein Mann jemals voller Hingabe ansehen? Das wäre dann nur vorgetäuscht. Jedenfalls würde ihre Mutter das sagen.

Zach grinste sie an. „Dann denkst du nicht darüber nach, per Anzeige nach einem Ehemann zu suchen?“

Sie lachte. „Ich denke, ich warte mal ab, wie das bei dir klappt.“

Er lehnte seine breiten Schultern an die Rückenlehne der Bank. „Ich bin mir sicher, du hast davon gehört, dass mein Cousin Travis in dieser Realityshow ist.“

„Na, klar. ‚The Great Roundup‘ ist Stadtgespräch! Ich hab keine Episode verpasst. Es ist so lustig, Leute, die man kennt, im Fernsehen zu sehen.“

„Ich muss zugeben, dass es ein bisschen surreal ist, Travis im Fernsehen zu sehen. Aber bis jetzt macht er sich ja ganz gut im Wettbewerb.“

„Ich bin schon ganz gespannt, wie es weitergeht. Mit ein paar Leuten scheint es ja Spannungen zu geben. Ich hoffe, dass Travis und Brenna die Augen aufhalten, was Saboteure angeht. Ich wäre nicht überrascht, wenn ein paar so weit gehen würden, Sattelgurte durchzuschneiden oder absichtlich Pferde scheu zu machen.“

Er nickte. „Genau das denke ich auch. Letzte Woche ist doch dieser große, kräftige Cowboy mit dem Schnurrbart abgeworfen worden. Da hab ich mich gefragt, ob jemand eine Klette oder so unter die Satteldecke gesteckt hat. Manche Leute würden alles für Geld tun.“

„Traurig, aber wahr“, sagte sie und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Aber Travis ist ein zäher Bursche. Er könnte es schaffen, die Million Dollar nach Hause zu bringen. Und eine Ehefrau. Ich denke, alle hier waren ein bisschen schockiert, als er sich plötzlich mit Brenna O’Reilly verlobt hat.“

Er runzelte die Stirn. „Man sollte sich nicht spontan verloben. Aber Travis war schon immer waghalsig. Ich hoffe nur, dass er nicht auf einen üblen Reinfall zusteuert.“

„Also, nachdem, was ich so bei ‚The Great Roundup‘ mitbekommen habe, ist die Chemie zwischen ihm und Brenna echt. Das ist das Wichtigste.“

„Lust oder Liebe. Bei meinem Cousin, wer weiß das schon? Ich versuche immer noch dahinterzukommen, ob die Verlobung mit Brenna echt oder spontan war.“

Lydia trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte, während sie Zachs Kommentare überdachte. „Dann glaubst du also nicht, dass es auch gewagt ist, eine Frau über eine Anzeige zu suchen?“

Zum Glück war er nicht beleidigt. Stattdessen zeigte sein schwaches Lächeln, dass er amüsiert war. „Ich habe mich noch nicht verlobt. Wenn ich das tue, dann nur wohlüberlegt.“

Zu ihrer Erleichterung tauchte die Bedienung mit ihrem Essen auf. Die Unterbrechung sorgte dafür, dass die Unterhaltung sich von Themen wie Liebe und Ehe abwandte.

„Hmm. Das schmeckt großartig“, rief Zach, nachdem er gekostet hatte. „Den Laden hier muss ich mir merken.“

„Ich freue mich, dass er auf deine Zustimmung stößt. Weil er in der Nähe von der Gazette ist, hab ich es leicht“, meinte Lydia. „Ich kann herlaufen.“

„Wie lange arbeitest du schon für die Zeitung?“

„Ungefähr sechs Jahre. Hauptsächlich mache ich Grafikdesign. Ich zeichne auch Cartoons. Und kümmere mich um alles andere, was erledigt werden muss. Wie Anzeigenannahme, Telefondienst und …“

„Klempnerarbeiten“, beendete er den Satz für sie.

Sie war überrascht, dass er sich daran erinnerte, und lachte. „Das ist richtig. Ich kann mit einem Schraubenschlüssel umgehen.“

Seine Augen funkelten. „Ich werde mich bemühen, daran zu denken, und dich nicht wütend zu machen. Eine Frau, die mit einem Schraubenschlüssel umgehen kann, könnte gefährlich werden.“

Sie lachte leise und tunkte eine Fritte ins Ketchup. „Keine Sorge. Ich schaffe es kaum, einer Fliege was zuleide zu tun.“

Erst spät am Abend hatte Zach endlich die Gelegenheit, sich die Post anzusehen, die er bei der Gazette abgeholt hatte.

Er streckte sich auf seinem Bett aus und ging die ausgedruckten E-Mails und die Briefe durch. Ein paar Frauen fassten sich kurz, um seine Aufmerksamkeit zu erregen, während andere jede Einzelheit schilderten, was ihre Koch- und Putzkünste und ihre Fähigkeiten im Schlafzimmer anbelangte.

Die erotischen Versprechungen sorgten dafür, dass Zach puterrot anlief. Er war froh, dass diese grafischen Darstellungen in verschlossenen Umschlägen gesteckt hatten. Der Gedanke, dass Lydia so etwas gelesen haben könnte, ließ ihn zusammenzucken.

Lydia. Lydia.

Er schaute zum Fenster, wo die offenen Vorhänge ihm den Blick auf den hellen Vollmond boten, der über den Bäumen aufstieg. Ging Lydia heute Abend mit einem Mann im Mondlicht spazieren? Oder war sie allein in ihrem Apartment oder in ihrem Haus und sah fern?

Verdammt, Zach, was ist nur los mit dir? Du hast ein paar Dutzend potenzielle Bräute im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Schoß, und du denkst an eine Frau, die so weit von deinen Idealvorstellungen entfernt ist, dass es nicht mal komisch ist. Klar, man kann sich gut mit Lydia unterhalten. Aber das war’s auch schon. Und zu einer Ehe gehört mehr als Reden. Also schlag dir Lydia Grant aus dem Kopf und konzentrier dich.

Zach nahm einen weiteren Brief in die Hand. Als er das einzelne Blatt Papier herauszog, fiel ein Foto aus dem Umschlag.

Zuerst las er den kurzen Hinweis auf der Rückseite. Zweiundzwanzig Jahre alt. Mit Collegeabschluss. Von Natur aus blond. Die Worte „von Natur aus“ waren umklammert. Blaue Augen. Eins fünfundsiebzig.

Er drehte das Foto um und musterte das Bild der jungen Frau. Durchaus hübsch. Schlank und groß mit einer eleganten Ausstrahlung. Sie trug sogar ein Top mit rosa Spitzenbesatz, und ihr Haar war so glatt wie Stroh. Und doch löste das Bild nicht mal einen Funken Aufregung bei ihm aus.

Er legte sie zu den Kandidatinnen und nahm die nächste Zuschrift in die Hand, als sein Bruder ins Zimmer kam.

„Was für ein Tag“, sagte Booker müde. „Ich glaube, Shawn und ich sind zehn Meilen weit geritten, bevor wir den verdammten Bullen, der heute von der Weide ausgebrochen ist, endlich eingeholt haben. Mein Rücken tut weh.“

Dann kam er herüber und setzte sich ans Fußende von Zachs Bett. Er musterte den Haufen Post. „Was ist das?“

Zach grinste. „Antworten auf meine Anzeige. Schau dir nur diese Fotos an. Hübsch, was?“

Booker hob die Fotos hoch. Als er die Bilder musterte, schüttelte er erstaunt den Kopf. „Hübsch. Sehr hübsch. Was sagt dir das? Nicht viel. Diese Frauen könnten Xanthippen oder verwöhnte Gören sein oder …“

„Darum brauche ich Verabredungen, um das herauszufinden.“

Booker stieß einen leisen Pfiff aus. „Also, so wie’s aussieht, wirst du schwer beschäftigt sein.“ Er warf Zach die Fotos zu. „Weißt du, Dad wird nicht sehr begeistert sein, wenn du deine Zeit damit verplemperst, Frauen nachzujagen, statt hier deine Arbeit zu machen.“

„Ich hab ja nicht vor, mit jeder Frau auszugehen, die auf die Anzeige antwortet. Ich werde sehr wählerisch sein.“ Zach war nicht mehr in der Stimmung weiterzulesen. Also sammelte er die Zuschriften ein und stopfte sie in einen großen Umschlag.

Booker musterte ihn genau. „Du meinst diese Sache mit einer Ehefrau wirklich ernst, oder?“

Zach setzte sich auf und legte den Umschlag in seinen Nachttisch. „Eine Frau und Kinder wünsche ich mir mehr als alles andere“, sagte er. „Ich will, was unsere Eltern hatten. Und ich habe nicht vor aufzugeben, bis ich das geschafft habe.“

Booker gab Zach einen freundschaftlichen Klaps auf die Schultern. „Na, dann viel Glück. Was mich betrifft, ich gehe jetzt duschen und dann ins Bett.“

Eine halbe Stunde später träumte Zach davon, ein eigenes Haus zu haben. Ein großes Haus, mit oberem Stockwerk und Veranda drum herum. Es war leicht, sich die Kinder vorzustellen, die auf dem Rasen spielten. Die Jungen würden mal zu großen, kräftigen Männern heranwachsen und die Mädchen so wunderschön wie ihre verstorbene Großmutter. Was seine Frau anging … Ihr Gesicht konnte Zach sich nicht vorstellen. Aber er konnte ganz deutlich ihren süßen Duft riechen und ihr helles Lachen hören.

Wie war das möglich? Er war seiner Frau doch noch nie begegnet. Er hatte keine Ahnung, wie sie roch oder wie ihr Lachen sich anhörte.

Lydia.

Das war ihr Geruch. Ihr Lachen.

Diese Tatsache brachte Zach dazu, im Bett hochzufahren. Als er dasaß und in die Dunkelheit starrte, war seine Stirn schweißnass, und sein Herz klopfte heftig.

Er packte sein Kopfkissen und schlug frustriert darauf ein.

„Zach? Was ist denn los?“

„Nichts“, sagte Zach und stöhnte. „Schlaf weiter.“

Booker murmelte etwas. Dann drehte er Zach den Rücken zu und schlief wieder ein.

Zach stieß den Atem aus und fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht. Dann zwang er sich, sich wieder hinzulegen. Doch während er sich noch bequem ausstreckte, wusste er bereits, dass es lange dauern würde, bis er nicht mehr an die quirlige Frau von der Zeitung denken musste und wieder einschlafen konnte.

4. KAPITEL

Mittags hatte Zach eine Entscheidung gefällt. Je eher er die Suche nach einer Ehefrau begann, desto schneller würde er Lydia vergessen. Nach einer Verabredung mit einer der hübschen Bewerberinnen würde er bestimmt keine weitere Nacht damit verbringen, von Lydias musikalischem Lachen oder ihrem himmlischen Duft zu träumen. O nein, alle diese Gedanken wären dann durch Visionen einer anderen Frau ausgelöscht.

Nachdem er per Zufall das Foto einer Frau namens Tracy ausgesucht hatte, rief er die Telefonnummer auf der Rückseite an und wurde von einer süßen, freundlichen Stimme begrüßt, die es ihm mehr als leicht machte, eine Verabredung zu treffen.

Abends, als er zu seinem Date nach Kalispell fuhr, erfüllten ihn Nervosität und Vorfreude. Er trug seine besten Jeans und Stiefel und ein Westernhemd, das seine blauen Augen betonte. Oder zumindest hatte das seine Tante Rita gesagt.

Aber jetzt saß Zach mit seiner Verabredung in einem schönen Restaurant und fragte sich, warum die Aufregung so schnell vorbei war wie eine Winterdämmerung. Es war nicht so, als wäre die junge Frau nicht attraktiv. Fast alles an ihr war nahezu perfekt. Mit ihren langen, blonden Haaren und großen, braunen Augen war sie wunderschön. Sie trug sogar die Art Kleidung, die ihm an einer Frau gefiel: ein blassrosa Kleid mit Spitzen, das sowohl feminin, als auch sexy war. Also warum spürte er keine Verbindung zu ihr? Man hätte denken sollen, dass er davon träumen würde, diese vollen Lippen zu küssen. Stattdessen fragte er sich, wie er die Verabredung abkürzen könnte, ohne sie zu beleidigen.

„Lebst du gerne in Rust Creek Falls?“, fragte sie, als sie mit dem Hauptgericht anfingen. „Eine Freundin und ich haben mal einen Ausflug dahin gemacht, und wir fanden es ein bisschen verschlafen.“

Innerlich begehrte Zach auf. „Mir gefällt es sehr gut. Die Leute sind nett. Das ist die Hauptsache.“

Ihr Lächeln war so süß, dass Zach beinahe der Appetit verging.

„Oh, versteh mich nicht falsch, Zach. Ich habe nicht die Leute gemeint. Einfach nur die Stadt. Verglichen mit Kalispell kann man da nicht viel unternehmen. Findest du es nicht langweilig?“

Er fand sie langweilig. Das war es, was er wirklich sagen wollte. Stattdessen nahm er sich vor, bei der nächsten Frau darauf zu achten, dass sie kein Stadtmensch war.

„Nein“, sagte er, als er sein Steak anschnitt. „Ehrlich gesagt, habe ich nicht viel Interesse am Weggehen. Ich möchte eine Frau finden und eine Familie gründen. Kinder haben.“

Sie räusperte sich. „Ja, also, mir ist schon klar, dass in der Anzeige stand, dass das deine Ziele sind. Aber ich hab gedacht …“

„Du hast was gedacht?“, hakte Zach nach.

Sie wirkte schuldbewusst, und auf einmal wurde Zach klar, dass seine Suche nach einer Ehefrau nicht so schnell und so glatt gehen würde, wie er gehofft hatte.

„Dass das nur ein Trick war – um Frauen kennenzulernen.“

Kopfschüttelnd griff Zach nach seinem Weinglas. „Es ist mir ernst damit, Ehemann und Vater zu werden. Meinst du es denn nicht ernst mit dem Heiraten?“

Sie hustete so heftig, dass Zach befürchtete, sie würde ersticken. „Soll das ein Witz sein? Ich bin erst dreiundzwanzig! Es wird noch Jahre dauern, bis ich mich mit einem Ehemann und Kindern belasten will. Tut mir leid, Zach. Ehrlich.“

Er nahm noch einen tiefen Schluck Wein. „Darf ich fragen, warum du mir dann deine Kontaktinformationen geschickt hast?“

Sie wurde rot. „Na ja, ich hab dein Foto gesehen, Zach, und da war ich … äh… neugierig. Ich habe gedacht, es wäre lustig, dieses eine Mal mit einem Cowboy auszugehen.“

Ja, klar. Dieses Mal. Wenn Zachs Brüder davon Wind bekamen, würden sie ihn nie damit in Ruhe lassen. Aber seine Brüder würden das nie erfahren, schwor er. Und auch sonst niemand.

Eine Woche später saß Lydia an ihrem Schreibtisch und versuchte, an dem Cartoon für die nächste Ausgabe zu arbeiten. Aber sie konnte sich nicht konzentrieren. Ihre Gedanken schweiften immer wieder ab. Zu der Zeitung, die auf ihrem Schreibtisch lag. „Zach Daltons Suche: Liebe oder Ehe?“

Die provokante Überschrift der Kolumne „Rust Creek Ramblings“ hatte sofort Lydias Aufmerksamkeit erregt.

Obwohl sie Assistant Manager bei der Gazette war, hatte sie keine Ahnung, wer die anonyme Spalte übernommen hatte, seit Kayla Dalton Trey Strickland geheiratet und ihren Job aufgegeben hatte. Der Autor konnte ein Mann oder eine Frau sein, womöglich ein Kollege aus der Redaktion. Oder jemand von außerhalb. So oder so, er oder sie waren der Meinung, dass Zachs Anzeige clever war, es ihr jedoch an jeglicher Romantik mangelte.

Waren Liebe und Romantik Zach wirklich egal? Lydia wusste nicht, warum ihr die Frage so zusetzte. Wenn er bereit war, sich auf eine lieblose Ehe einzulassen, hatte das nichts mit ihr zu tun. Trotzdem bekam sie bei dem Gedanken schlechte Laune. Zach war viel zu nett und zu warmherzig.

Ein lautes Klopfen an der Bürotür ließ Lydia aufblicken. Sie stöhnte, als sie den Postboten sah, der ihr zuwinkte.

Sie stand auf und ging zur Tür. „Was ist los, Barney?“

„Tut mir leid, Lydia“, entschuldigte sich der Postbote. „Ich hab gedacht, ich frag besser nach, was mit der ganzen Post ist, bevor ich alles reinbringe.“

Sie runzelte die Stirn. „Was meinst du damit?“

„Also, es ist eine ganze Menge“, erklärte er. „Ganze Kisten voll.“

„Dann hat Curtis wohl Vorräte für die Druckerei bestellt.“ Unbekümmert schwenkte sie die Hand. „Bring die Kartons einfach zum Hintereingang. Ein paar von den Mitarbeitern helfen dir dann damit.“

Genervt schüttelte Barney den Kopf. „Das ist keine Lieferung. Das ist alles für diesen Dalton. Den mit der Heiratsanzeige. Was in aller Welt hat sich der Kerl dabei überhaupt gedacht?“

Mit einem Seufzer ging Lydia nach draußen. „Wo ist die Post? Dann helfe ich dir beim Reintragen.“

Barney deutete auf das Postauto. Daneben stand ein Rollwagen mit zwei großen Kartons und einer kleineren Schachtel obendrauf.

„Das soll wohl ein Witz sein!“, rief sie. „Du hast doch gestern schon ein großes Paket für ihn gebracht. Das ist alles heute Morgen gekommen?“

„Ja. Mindestens fünfundzwanzig Kilo. Ich hatte gehofft, die Frauen würden mal eine Pause einlegen, was das Briefeschreiben und Päckchenschicken angeht. Aber statt weniger wird das immer mehr!“

„Das sehe ich“, sagte Lydia und fragte sich, was Curtis denken würde, wenn er den neuen Berg Post sah. Er hatte schon geschimpft, dass der Kram zu viel Platz im Büro und zu viel von ihrer Zeit in Anspruch nahm.

„Na ja, vielleicht verlobt sich der Kerl ja bald, und dann hat der Spuk ein Ende. Hoffe ich jedenfalls“, murmelte Barney.

Zach sollte bald heiraten? Daran wollte Lydia gar nicht denken.

Sie folgte dem Postboten. „Das wäre aber ziemlich hastig, meinst du nicht? Die Anzeige läuft doch erst anderthalb Wochen.“

„Also, an dem Tag, an dem ich meine Frau zum ersten Mal gesehen habe, wusste ich, dass sie die Richtige ist. Seither sind wir glücklich verheiratet. Das war vor zehn Jahren. Siehst du, ich habe weder Homer Gilmores Selbstgebrannten noch eine Zeitungsannonce gebraucht.“

Gut für dich, wollte Lydia sagen. Stattdessen biss sie sich auf die Zunge und half dem Postboten, die Ladung durch die Tür zu manövrieren.

„Stell die Kisten einfach da drüben in die Ecke, Barney. Neben den anderen Karton. Ich kümmere mich dann später darum.“ Was sie damit machen sollte, wusste Lydia nicht. Sie hatte Zach nicht mehr gesehen, seit er sie zum Mittagessen eingeladen hatte. Als sie jetzt die aufgestapelten Kisten betrachtete, fragte sie sich, ob er seine Meinung geändert hatte, was das ganze Vorhaben anging.

Ächzend stellte Barney die Kisten ab und war auf dem Weg nach draußen, als Curtis auftauchte. „Warum steht das Zeug hier?“

Obwohl sie rein gar nichts mit der Flut an Briefen und Geschenken für Zach Dalton zu tun hatte, spürte sie, wie sie trotzdem schuldbewusst rot wurde.

„Zach Dalton. Das sind nur jede Menge Briefe und etwas Gebäck. Anscheinend versuchen die Frauen, ihre Kochkünste zu präsentieren.“ Lydia stellte einen in Folie gepackten Obstkuchen zur Seite und griff nach einem kleinen, durchsichtigen Container aus Plastik. „Oh, hier ist was Interessantes. Ein Paar gestrickte Babyschuhe. Das soll ihn wohl hundertprozentig davon überzeugen, dass sie es ernst meint mit der Mutterschaft, schätze ich.“

Curtis schnaubte. „Lächerlich! Ich habe noch nie erlebt, dass sich so viele Frauen wegen eines Mannes zum Narren machen. Heute Morgen erst, als ich im Gold Rush Frühstück gegessen habe, ist doch glatt eine Frau auf mich zugekommen und hat gefragt, ob ich sie Zach Dalton vorstellen könne. Ich kenne den Kerl doch gar nicht!“

Ihr Boss war kein Mann, der so schnell die Geduld verlor. Aber sein Ton verriet ganz deutlich, dass er kurz davor stand. So besänftigend wie möglich entgegnete sie: „Aber die Leute setzen ihn mit der Zeitung in Verbindung. Das ist doch gut. Oder nicht?“

Curtis hob hilflos die Hände. „Ich gebe zu, dass die Verkaufszahlen hochgegangen sind. Aber das heißt nicht, dass wir das Büro in eine Lagerhalle für seine Post umfunktionieren! Pack den Kram ein und weg damit. Und zwar alles.“

Ihr blieb der Mund offen stehen. „Aber das ist Post. Wir können das doch nicht einfach wegwerfen.“

„Lydia, sei nicht albern. Du wirst die Sachen nicht wegwerfen. Du wirst sie an diesen … diesen Schürzenjäger ausliefern.“

Curtis wollte schon gehen, als Lydia es wagte, ihm nachzurufen. „Aber Zach wohnt draußen auf der Circle D Ranch.“

Er wedelte mit der Hand. „Ist mir egal. Wenn nötig, nimmst du dir eben den Nachmittag frei. Schaff einfach nur den Mist hier weg.“

Curtis ist vielleicht der Meinung, dass die Briefe und Geschenke Mist sind, dachte Lydia. Aber für Zach ist das seine Zukunft.

Als Lydia sich am Morgen für die Arbeit angezogen hatte, war es ziemlich kühl gewesen. Also hatte sie ein langärmeliges Hemd mit Button-down-Kragen statt eines ihrer üblichen T-Shirts angezogen. Jetzt, wo sie Richtung Circle D unterwegs war, fühlte sie sich wegen des hellblauen Oxfordhemds unweigerlich ein wenig befangen. Der Tag war doch noch sommerlich warm geworden. Sie konnte nur hoffen, dass Zach nicht auf die Idee kam, sie hätte sich herausgeputzt, um seine Aufmerksamkeit zu erregen.

Hast du jetzt den Verstand verloren, Lydia? Zach Dalton wird gar nicht bemerken, was du trägst. Nichts an deinem Erscheinungsbild wird ihm auffallen. Willige Frauen schicken ihm massenweise Briefe und Geschenke. Er würde nie auch nur daran denken, mit dir auszugehen. Geschweige denn, dich zu heiraten!

Während Lydia die Landstraße entlangfuhr, tat sie ihr Bestes, diese demoralisierende Stimme aus ihren Gedanken zu verbannen. So ein Gerede hörte sie oft genug von ihrer Mutter. Mehr davon brauchte sie wirklich nicht.

Schließlich passierte Lydia den Torbogen zur Circle D Ranch. Die Straße führte über Weideland. Sie konnte Herden von Black-Angus-Rindern sehen, die auf der Wiese grasten oder im Schatten der Bäume dösten.

Sie fragte sich, wie weit es noch bis zum Ranchhaus war, als sie einen Truck erblickte. Das Fahrzeug stand am Straßenrand und sah dem Ford sehr ähnlich, den Zach in der Nähe der Gazette geparkt hatte, als sie zusammen zu Mittag gegessen hatten.

Als sie die Geschwindigkeit bis auf Schritttempo drosselte, entdeckte sie neben dem Zaun einen Mann mit nacktem Oberkörper. Schweiß glänzte auf seinen breiten Schultern, als er eine Lochschaufel tief in die Erde trieb.

War das Zach? Die Größe und das dunkle Haar sahen ganz nach ihm aus. Aber sie wusste ja nicht, wie Zach halbnackt aussah. Der Mann könnte genauso gut einer der anderen Daltons sein.

Das würde sie nur herausfinden, wenn sie anhielt. Also parkte sie ein paar Meter vom Truck entfernt.

Sobald sie auf den Mann zuging, blickte er über die Schulter und Lydia erkannte Zach. Unvermittelt machte ihr Herz einen Freudensprung.

Sie winkte ihm zu, und er winkte zurück.

„Hi, Zach!“

Als sie auf ihn zukam, rammte Zach die Schaufel in das halb ausgehobene Loch. „Lydia! Was in aller Welt machst du hier draußen?“

Obwohl sie sich im Stillen befahl, den Blick auf sein Gesicht zu richten, starrte sie seinen nackten, muskulösen Oberkörper mit dem Ansatz von dunklem Brusthaar an.

Sie räusperte sich. „Also, äh, mein Chef hat mich hergeschickt.“

Überrascht zog er eine Augenbraue hoch. Dann lüftete er seinen Cowboyhut und fuhr sich mit einer Hand durchs feuchte Haar. „Das klingt ja ominös. Was ist los? Will er meine Anzeige einstellen?“

Lydia spürte, wie ihr Gesicht glühte. Diese Reaktion hatte jedoch nichts mit seinen Fragen zu tun. Sondern nur damit, dass die raue Schönheit des Mannes eine sehr merkwürdige Wirkung auf ihren Körper hatte.

„Nein. Das würde er nie tun.“ Wenigstens glaubte Lydia nicht, dass Curtis so weit gehen würde. „Es ist nur deine Post. Du hast ziemlich viel bekommen, und Curtis war der Meinung, dass sie im Weg liegt.“

„Ist es wirklich so viel? Himmel, das tut mir echt leid, Lydia“, entschuldigte er sich hastig. „Ich wollte in die Stadt kommen und alles abholen, aber im Moment haben wir viel zu tun auf der Ranch.“

Und was war mit all den Frauen, die atemlos darauf hoffen, einen Anruf von ihm zu bekommen? War er schon mit ein paar ausgegangen? Einerseits wollte sie es wissen, andererseits ging es ihr gegen den Strich, irgendwas über Zachs Liebesleben zu erfahren.

„Keine Sorge. Ich habe alles mitgebracht. Aber ich bin sicher, es kommt noch mehr. Falls du das noch nicht weißt, du bist sehr beliebt.“

Statt selbstgefällig oder erfreut zu wirken, blickte Zach reumütig drein. „Hör zu, Lydia, wenn diese Sache dir Schwierigkeiten bereitet, finde ich eine andere Lösung. Ich kann ein eigenes Postfach mieten und …“

„Nein! Nicht nötig“, versicherte sie ihm. Die Post war die einzige Verbindung, die sie zu Zach hatte. Lydia war nicht bereit, ihrem attraktiven neuen Freund Lebewohl zu sagen. Noch nicht. „Keine Sorge, Zach.“

Er lächelte sie an und Lydia hatte das Gefühl dahinzuschmelzen.

„Danke, Lydia. Das ist ein echter Freundschaftsdienst.“

„Gern geschehen“, murmelte sie. „Also, was soll ich mit dem ganzen Kram machen? Ich schätze, ich sollte dich warnen. Es ist wirklich viel. Mein Kofferraum und der Rücksitz sind vollgepackt.“

„Wahnsinn. Wenn das so ist, fährst du besser zum Haus, und ich komme nach.“ Er warf einen Blick auf die Uhr. „Es ist sowieso fast Mittag. Hast du Lust mitzuessen?“

Obwohl seine Einladung nichts weiter zu bedeuten hatte, war Lydia plötzlich aufgeregt. „Bist du sicher, dass ein zusätzlicher Esser nichts ausmacht?“

„Ganz sicher. Je mehr Leute Tante Rita versorgen kann, umso mehr ist sie in ihrem Element.“

Lydia lächelte ihn an. „Dann nehme ich die Einladung an. Danke, Zach.“

„Großartig. Lass mich mein Hemd holen, dann können wir los.“

5. KAPITEL

Fünf Minuten später parkten sie hinter dem großen Ranchhaus, und Lydia half Zach, seine Post durch die Hintertür in einen Nebenraum zu tragen, der als Schmutzschleuse diente.

„Ich stapele erst mal alles hier drüben auf“, schlug Zach vor und ging mit ihr in die hintere Ecke des Raums. „Da ist es nicht im Weg, und ich kann heute Abend alles in mein Zimmer bringen.“

„Okay“, stimmte Lydia zu. „Ich reiche dir die Kartons, und du stapelst alles auf.“

Er schüttelte den Kopf. „Lass mal. Ich mach das schon.“

Lydia verwarf seinen Vorschlag lachend und reichte ihm eine der größeren Schachteln. „Falls es dir nicht aufgefallen ist, ich bin kein zartes Pflänzchen.“

Plötzlich senkte er den Kopf und schnupperte an einer der Schachteln. „Hmm. Täusche ich mich, oder riecht das nach etwas Essbarem?“

„Du täuschst dich nicht. Das Gebäck sollte gegessen oder eingefroren werden, bevor es verdirbt.“

„Gute Idee.“

Lydia reichte ihm die letzte Schachtel. „Oh, und da ist noch etwas dabei, das du vielleicht … äh… nicht unbedingt deiner Familie zeigsen solltest“, warnte Lydia.

Er warf ihr einen besorgten Blick zu. „Ich hoffe inständig, dass du jetzt kein … Aphrodisiakum oder so was in der Art meinst.“

Zach lief knallrot an, und Lydia musste kichern.

„Nein. Nichts dergleichen. Das wäre eher das Endresultat“, sagte sie. „Ein paar handgestrickte Babyschuhe. In Blau. Anscheinend gibt es eine Frau, der es sehr ernst ist mit der Mutterschaft.“

„Himmel!“ Er lachte ebenfalls und nahm dann ihren Arm. „Komm. Lass uns essen gehen. Hoffentlich haben meine Brüder noch was übrig gelassen.“

Nachdem sie sich im Spülbecken die Hände gewaschen hatten, betraten sie eine große Küche. Stimmengewirr, Gelächter und der köstliche Duft von selbst gemachtem Essen erfüllten den Raum.

Lydias Blick wurde sofort von dem langen Holztisch angezogen. Auf beiden Seiten saßen Männer und waren dabei, sich Brathähnchenteile und Biscuits, eine Art amerikanische Semmelknödel, auf die Teller zu laden. Am Kopfende der Tafel erhob sich eine ältere Frau.

„Zach, wir haben gedacht, du bist noch beim Zäuneflicken. Wo hast du so eine hübsche Besucherin gefunden?“

Mit einem strahlenden Lächeln kam die Frau auf sie zu. Gleichzeitig stand ein älterer Mann am anderen Ende des Tischs auf und gesellte sich zu ihnen.

„Oh, ich hab sie am Straßenrand aufgelesen“, antwortete Zach „Da hab ich gedacht, sie könnte was von deinem guten Essen vertragen. Tante Rita, das hier ist Lydia Grant. Sie ist Assistant Manager bei der Gazette in Rust Creek Falls. Lydia, das sind meine Tante Rita und mein Onkel Charles Dalton. Sie waren so großzügig, uns bei sich aufzunehmen.“

Charles und Rita schüttelten ihr beide herzlich die Hand.

„Nett, dich kennenzulernen, Lydia“, sagte Charles. „Setz dich zu uns.“

„Zach, stell ihr den Rest der Familie vor, während ich eure Teller hole“, sagte Rita. „Dein Vater ist leider nicht da.“

Zach führte sie zum Tisch, wo er sie kurz Eli und Derek vorstellte, den Söhnen von Charles und Rita. „Die beiden sind meine unverheirateten Cousins“, erklärte Zach. Dann deutete er auf die restlichen Männer am Tisch. „Die anderen sind meine Brüder. Garret, Shawn, Booker und Cole. Von denen ist auch keiner verheiratet. Aber du siehst wahrscheinlich auf den ersten Blick, woran das liegt“, scherzte Zach.

Als Lydia die Männer betrachtete, die allesamt in robuste Cowboymontur gekleidet waren, kam sie zu dem Schluss, dass sie noch nie eine Gruppe attraktiverer Männer zu Gesicht bekommen hatte. Und ihrer Meinung nach sah Zach am allerbesten aus.

„Komm her, Lydia“, sagte Rita, als sie einen Platz am Ende des Tischs eindeckte. „Du kannst hier neben Cole sitzen. Zach, quetsch dich einfach irgendwo dazwischen.“

„Auf jeden Fall kann Lydia bei mir sitzen“, sagte Cole, während er seinen Bruder Shawn in die Rippen stieß, damit der zur Seite rutschte.

„Ich sollte mich dafür entschuldigen, euer Mittagessen zu unterbrechen“, sagte Lydia.

Mehrere Männer fingen sofort an, ihr zu versichern, dass sie eine sehr willkommene Unterbrechung war.

„Lydia, ich hab dich deutlich lieber neben mir als Zach“, sagte Cole und schenkte ihr ein verführerisches Lächeln. „Er isst mit offenem Mund. Ganz zu schweigen davon, dass er nach Rindermastanlage riecht.“

„Zu schade“, sagte Zach. „Denn ich werde zwischen dir und Lydia sitzen. Sie muss wirklich nicht neben einem Kerl sitzen, der seine lüsternen Hände nicht bei sich behalten kann.“

Cole protestierte lautstark, während die anderen lachten.

„Wenn ich mich nicht täusche“, sagte Charles zu Lydia, „dann hat unsere Tochter Kayla bei der Zeitung mit dir zusammengearbeitet. Ich glaube, dass sie deinen Namen erwähnt hat.“

„Das stimmt“, sagte Lydia, während sie sich aus den Schüsseln bediente, die ihr und Zach gereicht wurden. „Kayla hat als Reporterin bei der Gazette gearbeitet. Daher kenne ich sie gut. Obwohl ich sie nicht mehr gesehen habe, seit sie Trey Strickland geheiratet hat und die beiden nach Thunder Canyon gezogen sind. Ich schätze, ihr kleiner Sohn ist jetzt schon mehr als ein Jahr alt.“

Rita strahlte. „Der kleine Gil ist jetzt siebzehn Monate und ganz schön lebhaft. Leider kriege ich ihn bei Weitem nicht oft genug zu sehen. Ich hoffe, dass sie uns bald mal besuchen kommen.“

„Die Feiertage stehen vor der Tür, ehe du dich versiehst“, meinte Charles. „Kayla will Weihnachten bestimmt hier verbringen.“

„Dann müssen wir zwei in die Baracke ziehen, um Platz für sie und Trey und das Baby zu machen“, sagte Booker.

Garrett schnaubte. „So wie Zach sich ins Zeug legt, ist er bis Weihnachten verheiratet und ausgezogen.“

Lydia sah Zach nicht an. Aber sie konnte nicht anders, als zu bemerken, dass er stumm blieb. Bei seiner Reaktion fragte sie sich, ob seine Hochzeitspläne ein wunder Punkt für ihn waren. Oder ob er Zweifel an der ganzen Sache bekommen hatte.

In der Hoffnung, dass sie nicht der Grund für das Geplänkel war, versuchte sie, die Stimmung zu heben. „Mrs. Dalton, das Essen ist köstlich. Sind Sie hier immer die Köchin?“

„Bitte sag doch Rita“, beharrte Zachs Tante. Dann antwortete sie: „Ja. Bei so einer großen Familie habe ich im Laufe der Jahre viel Übung gehabt. Und du, Lydia? Bist du eine gute Köchin?“

Lydia stieß ein abwertendes Lachen aus. „Überhaupt nicht. Mit Stift und Pinsel komme ich viel besser klar als mit Töpfen und Pfannen.“

„Das ist interessant“, sagte Booker. „Bist du Künstlerin?“

Lydia nickte. „Sozusagen. Ich mache Grafikdesign bei der Zeitung. Und ich zeichne auch die Cartoons.“

Mit einem frechen Lächeln schaute Cole an Zachs Schulter vorbei. „Dann hast du ja noch mal Glück gehabt, Lydia. Du musst dir keine Sorgen machen, dass Zach versucht, sich an dich ranzumachen. Er behauptet ja, dass er versucht, eine Ehefrau zu finden. Aber wir wissen alle, dass er nur eine eigene Köchin sucht.“

Lydia zwang sich, über Coles Witz zu lachen. Aber weder er noch sonst jemand am Tisch konnte ahnen, wie leer sie sich dabei fühlte.

„Ja, da bin ich definitiv außen vor“, sagte sie mit dem fröhlichsten Lächeln, das sie zustande brachte.

„Was ist mit deiner Mutter, Lydia?“, fragte Rita. „Kocht sie viel?“

„Nein. Sie hat nie viel Zeit fürs Kochen gehabt. Mein Dad hat uns verlassen, als ich noch ganz klein war. Also hat Mom Vollzeit gearbeitet, um uns durchzubringen. Ich bin mit Tiefkühlessen und Zeug aus der Dose groß geworden.“

Lydia spürte, wie Zach sie nachdenklich musterte. Anscheinend kamen Familien mit nur einem Elternteil bei den Daltons nicht häufig vor.

„Nun, Kochen ist ja nicht alles“, versicherte ihr Rita mit einem sanften Lächeln. „Ich würde gerne malen können. Vor allem Landschaften. Aber da habe ich zwei linke Hände. Siehst du, wir haben eben alle unsere Talente.“

Nach Ritas freundlichen Worten wandte sich das Gespräch der Ranch zu. Lydia war erleichtert, keine weiteren persönlichen Fragen beantworten zu müssen. Sie hörte lieber den Männern zu, wie sie über Vieh und Pferde und Vorbereitungen für den Winter sprachen.

Nach dem Essen bot Lydia an, Rita beim Saubermachen zu helfen. Aber Zachs Tante bestand darauf, dass sie das allein schaffte.

„Danke, Lydia. Aber das mache ich jetzt schon seit Jahren. Da ist wirklich nichts dabei. Geh nur mit Zach mit und leiste ihm Gesellschaft.“

„Ich äh… ich denke, dass Zach genug zu tun hat, ohne dass ich ihn störe“, erwiderte Lydia. Nachdem sie sich noch mal für das Essen bedankt hatte, ging sie durch das Nebenzimmer, durch das sie hereingekommen waren, hinaus.

Sie hatte schon fast ihr Auto erreicht, als sie hörte, wie jemand ihren Namen rief. Sie drehte sich um und sah, wie Zach hinter ihr her gerannt kam.

„Tut mir leid, Onkel Charles hat mich aufgehalten. Du fährst doch noch nicht zurück in die Stadt, oder?“

Wollte er wirklich, dass sie noch blieb? Nein. Er war einfach nur höflich.

„Ja. Ich sollte wahrscheinlich wieder zurück an die Arbeit.“

„Erwartet dein Boss wirklich, dass du heute Nachmittag noch mal zurückkommst?“

Sie lächelte ihn vorwitzig an. „Also, eigentlich hat er gesagt, dass ich mir den Rest des Tages freinehmen kann, wenn es sein muss.“

„Großartig. Ich habe gedacht, wir könnten einen kleinen Ausritt machen. Ich könnte dir die Ranch zeigen. Kannst du reiten?“

Zach wollte wirklich Zeit mit ihr allein verbringen? Lydia tat ihr Bestes, nichts in diese Idee hineinzuinterpretieren, aber ihr dummes Herz schlug bereits einen Purzelbaum vor Freude.

„Oh, klar. Solange es kein Wildpferd ist, komme ich zurecht.“

Er legte ihr einen Arm um die Schultern. „Großartig. Ich habe das perfekte Pferd für dich.“

Ein paar Minuten später saß Lydia auf einer hübschen, braun-weiß gefleckten Stute namens Peppy Girl. Neben ihr thronte Zach im Sattel eines schwarzen Wallachs namens Switch. Während sie die Pferde in einem flotten Trab vom Stall weg lenkten, versuchte Lydia immer noch darauf zu kommen, warum Zach sie auf diesen Ausritt eingeladen hatte.

Hör auf, da irgendetwas hineinzuinterpretieren, Lydia. Der Mann ist einfach nur nett. Außerdem: Hast du schon die ganzen Frauen vergessen, die bei ihm als Ehefrau vorsprechen wollen?

„Wo hast du reiten gelernt, Lydia? Du hast einen sehr guten Sitz.“

Sein Kompliment unterbrach ihre Grübeleien, und sie schenkte ihm ein dankbares Lächeln. „Danke. Wenn ein Cowboy so etwas sagt, bedeutet das etwas. Als Kind hatte ich Freundinnen, die Pferde hatten. Vor allem eine – Bethann. Die hatte einen ganz tollen Dad, der genug Geduld hatte, mir das Reiten beizubringen.“ Sie seufzte. „Aber dann ist ihr Dad versetzt worden, und sie sind weggezogen. Ich habe sie und ihre Familie furchtbar vermisst.“

„Hast du noch Kontakt zu Bethann?“

Lydia zuckte mit den Schultern. „Hin und wieder höre ich mal von ihr. Sie ist jetzt verheiratet und hat drei Kinder. Ihr Leben sieht ganz anders aus als meins.“

War das Sehnsucht, die aus ihrer Stimme herausklang? Wenn ja, dann hoffte sie, dass Zach nichts davon bemerkte.

„Wie läuft’s bei deiner Brautschau?“

Ein ironisches Lächeln umspielte seine Lippen. „Kein Glück bisher. Aber ich arbeite daran.“

Lydia hatte nur gefragt, um höflich zu sein. Sie war froh, dass er sich nicht weiter über dieses Thema ausließ. Mit Zach unterwegs zu sein, während die Sonne ihnen ins Gesicht schien, das war einfach viel zu perfekt, um den Augenblick mit Details über seine Verabredungen zu verderben.

Sie konzentrierte sich auf den Pfad und fragte: „Also, wo reiten wir hin? Sieht aus, als ob wir uns auf die Berge zu bewegen. Wo die Wasserfälle sind.“

„Das ist richtig. Das Land von Circle D geht fast bis zu den Bergen, wenn auch lange nicht bis zu den Wasserfällen.“

Bisher war Peppy Girl lieb und brav. Lydia war dabei, sich in die Stute zu verlieben. Als die Pferde im Schatten eines Ulmendickichts im Schritt gingen, streichelte sie mit der Hand über Peppy Girls Mähne.

„Als ich mich heute früh für die Arbeit fertig gemacht habe, hätte ich nie gedacht, dass ich heute Nachmittag einen schönen Ausritt machen würde.“

Zach lächelte. „Also, soweit ich das beurteilen kann, könntest du mal eine kleine Pause von der Zeitungsarbeit brauchen.“

„Es kann schon hektisch werden“, gab sie zu. „Aber ich mag meinen Job. Ich habe so viele verschiedene Aufgaben, dass es nie langweilig wird. Wie ist das bei dir? Hast du je was anderes machen wollen als Rancharbeit?“

„Nein. Niemals. Mich um das Vieh und die Pferde und das Land zu kümmern – was anderes kenne ich gar nicht. Mein Dad hat die Rancharbeit im Blut, und ich schätze, das hat er an alle seine Söhne weitergegeben. Wir haben aber schon noch andere Interessen und Hobbys. Cole ist ein ziemlich guter Schreiner, und Garrett kann zaubern, wenn es um die Reparatur von Maschinen geht.“

„Und wofür interessierst du dich noch?“, fragte sie und grinste provokativ. „Oder sagst du das lieber nicht?“

Er lachte leise. „Nein. Frauen sind nicht mein Hobby, falls du das denkst. Als wir noch in Hardin gewohnt haben, habe ich daran gedacht, Teilzeit als Tierarzthelfer zu arbeiten. Aber irgendwie wurde ich immer auf der Ranch gebraucht. Und meine Familie zu unterstützen war schon immer meine oberste Priorität.“

Sie nickte und dachte daran, dass es lange her war, seit sie einen Mann getroffen hatte, für den seine Familie wichtiger war als seine eigenen Interessen. „Dann ist die Ranch für die Daltons ein Familienbetrieb?“

„Immer“, sagte er. Dann zog er herausfordernd die Augenbraue hoch. „Hast du Lust auf einen kleinen Galopp zu den Bäumen dahinten?“

„Liebend gerne.“

Sie presste die Fersen gegen Peppy Girls Rippen und schnalzte der Stute zu. Das Signal ließ das Tier in einen flotten Galopp fallen. Als sie und Zach mit ihren Pferden nebeneinander über die weite Wiese jagten, jauchzte Lydia vor Vergnügen. Der Wind blies ihr ins Gesicht und zerzauste ihre braune Lockenmähne. Sie warf einen Blick in Zachs Richtung und sah, dass er auch lachte. Plötzlich wurde aus einem Augenblick eine Erinnerung, die sie nie wieder vergessen würde.

Als sie die Bäume erreichten, zügelte Zach Switch, und Lydia folgte rasch seinem Beispiel. Während die Pferde tänzelten und nach dem kurzen Rennen heftig schnauften, rief Lydia: „Wow! Das hat Spaß gemacht! Ich hatte fast vergessen, wie berauschend ein schneller Ritt ist.“

„Das war definitiv schnell.“ Zach glitt aus dem Sattel. Mit den Zügeln von Switch sicher in der Hand kam er zu ihr. „Lass mich dir runterhelfen, dann machen wir hier ein paar Minuten Rast.“

Lydia brauchte eigentlich keine Hilfe beim Absitzen, aber sie würde sich nicht weigern. Zachs Hände schlossen sich fest um ihre Taille, als er sie zu Boden gleiten ließ. Das reichte, um sie nach Atem ringen zu lassen.

„Danke“, sagte sie und hoffte, dass er nicht sehen konnte, wie heftig ihr Herz unter dem blauen Hemd klopfte. „Das ist wunderschön. Ist das da drüben ein Bach?“

„Ja. Ich binde nur die Pferde an, dann können wir hinlaufen“, sagte er.

Am Ufer des seichten Wasserlaufs war es im Schatten richtig kühl. Über ihren Köpfen konnte Lydia Vögel zwitschern hören. In der Nähe raschelte der Wind sanft in den Ästen einer Kiefer.

„Zu schade, dass es hier keinen Baumstamm gibt, auf dem wir sitzen können“, sagte Zach, während er sich umsah. „Aber da drüben ist ein großer Felsen.

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