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ROMANA EXTRA BAND 7

SHERI WHITEFEATHER

Ich weiß nur eins: Ich liebe dich!

„Wer sind Sie?“ John Doe, wie der Fremde sich spontan nennt, kann Jennas Frage nicht beantworten. Er hat sein Gedächtnis verloren – und weiß nur eins: Jenna weckt unglaubliche Leidenschaft in ihm!

JAN HUDSON

Verlieb dich nicht in einen Cop

Was für eine Frau! Mit ihren blitzenden grünen Augen und der roten Lockenmähne ist Kelly einfach atemberaubend. Doch Cole sollte besser realistisch bleiben. Was kann er ihr auf Dauer schon bieten?

KATHLEEN EAGLE

Zwei einsame Herzen …

Ein hübsches Gesicht, eine sanfte Stimme und einem herausforderndes Lächeln … Bei Lily stimmt einfach alles, muss Jack McKenzie sich eingestehen. Wie soll er es da schaffen, sie auf Abstand zu halten?

LYNNE MARSHALL

Mit einem Kuss fängt alles an

Verführerisch – und verboten: Sosehr es zwischen Jocelyn und ihm knistert, muss Lucas sich zurückhalten. Sie ist seine beste Freundin – und zudem kann er sowieso gerade keine Beziehung eingehen … oder?

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Ich weiß nur eins: Ich liebe dich!

1. KAPITEL

„Was in aller …?“

Jenna Byrd war mit ihrem Truck zur Flying B Ranch unterwegs, als sie einen fremden Mann bemerkte, der den Weg zur Ranch entlangstolperte. Er trug staubige Jeans, ein weißes T-Shirt und abgestoßene Stiefel. Ganz typisch für einen Mann in einer Kleinstadt in Texas. Aber er hatte keinen Hut auf, und sein kurzes, dunkles Haar war zerzaust.

Jenna runzelte die Stirn. Mit Sicherheit war der Mann betrunken. Und das mittags. Cowboys konnten es manchmal echt übertreiben. Nur gut, dass sie sich nicht mit solchen Typen einließ. Oh nein, jetzt kam er auch noch auf ihren Pick-up zu.

Lieber Himmel. Bis zur Ranch waren es fünf Meilen. In seinem Zustand würde er diesen Weg nie bewältigen. Außerdem hatte sie keine Ahnung, warum er überhaupt nach Flying B wollte.

Seufzend hielt sie an. Sie wusste, dass er nicht auf der Ranch arbeitete. Jenna war es wichtig, alle Angestellten zu kennen. Schließlich war sie Miteigentümerin. Ihre Schwester, ihre Cousine und sie hatten Flying B zu gleichen Anteilen geerbt. Jetzt waren sie dabei, die Ranch in ein Bed and Breakfast umzuwandeln.

Sie ließ das Fenster herunter. „Was machen Sie denn hier draußen?“

Mit glasigen, dunkelbraunen Augen starrte er sie an. Er antwortete nicht.

Sie wiederholte die Frage.

Er blinzelte. Vermutlich war er in ihrem Alter, so um die dreißig. Mit seinem dunklen Teint und den markanten Gesichtszügen sah er sogar in volltrunkenem Zustand unglaublich gut aus.

Vielleicht war er ein Alkoholiker und per Anhalter unterwegs. Oder er arbeitete auf einer anderen Ranch in der Gegend und hatte im Rausch die falsche Abzweigung erwischt. Es musste schließlich eine Erklärung für sein ramponiertes Erscheinungsbild geben.

Um der Sache auf den Grund zu gehen, fragte Jenna: „Wer sind Sie?“

„Wer sind Sie?“, erwiderte er.

Das führte doch zu nichts. „Sie haben zu viel getrunken.“

Er kniff die Augen zusammen. „Ich habe zu viel getrunken?“

„Ja.“

„Das glaube ich nicht.“

Aber sicher doch. Er war sogar zu betrunken, um es zu merken. Als sie überlegte, was sie jetzt tun sollte, stolperte er noch heftiger.

„Ich fühle mich ganz komisch“, sagte er. „Ich habe Kopfschmerzen.“ Er rieb sich den Hinterkopf. Als er die Hand hochhielt, waren seine Fingerspitzen rot.

Ihr Puls beschleunigte sich. Der Mann blutete.

Jenna stellte den Motor ab und sprang aus dem Truck. War er in eine Schlägerei verwickelt gewesen? Bei Betrunkenen kam das vor. Egal. Seine Verletzung musste versorgt werden.

„Der Verlobte meiner Cousine ist Arzt. Er lebt mit auf unserer Ranch. Ich glaube, er ist heute zu Hause. Wenn nicht, dann bringe ich Sie in seine Praxis.“

„Nein.“ Er wischte sich die Hände an der Hose ab. „Mir geht’s schon wieder besser.“

Ganz offensichtlich war das nicht der Fall. Sie legte einen Arm um seinen Rücken. Dabei fiel ihr auf, dass er nicht nach Alkohol roch. Dann war sein Zustand jedoch noch viel besorgniserregender. Wahrscheinlich war er wegen der Verletzung so benommen.

„Kommen Sie. Steigen Sie erst mal in den Truck.“

Es war gar nicht so einfach, ihn in den Wagen zu schaffen. Er war über eins achtzig, schlank und muskulös. Jenna war einen Kopf kleiner und zierlich.

Als sie ihn schließlich auf den Beifahrersitz bugsiert hatte, setzte sie sich wieder ans Lenkrad, griff nach ihrem Handy und rief Mike Sanchez an – den „Doc“, wie ihn alle nannten. Er war zum Glück auf der Ranch. Jenna bat ihn, ins Haupthaus zu kommen, weil sie einen verletzten Mann dabeihatte.

„Er hat eine Platzwunde am Hinterkopf. Ich kenne mich mit Verletzungen ja nicht aus, aber ich glaube, er hat eine Gehirnerschütterung. Ich habe ihn am Straßenrand gefunden.“

„Mach dir keine Sorgen, Jenna“, antwortete der Doc. „Bleib einfach ruhig und bring ihn her.“

„Schon unterwegs.“ Sie legte auf und fuhr los.

Der Cowboy sah sie an. „Hatten wir ein Date?“

Himmel, er war wirklich nicht ganz bei sich. „Ich bringe Sie zum Arzt. Schon vergessen?“

„Sie haben sehr schönes Haar.“ Er streckte die Hand aus, als ob er ihre blonden Locken anfassen wollte.

Jenna bekam Herzklopfen, doch er berührte sie nicht. Aber sie konnte sich vorstellen, wie sich das angefühlt hätte.

Beinahe. Sie konzentrierte sich auf die Straße.

„Sehr schönes Haar“, wiederholte er.

Um ihn davon abzuhalten, wieder nach ihrem Haar zu greifen, versuchte sie, ihn mit Fragen abzulenken. „Wie heißen Sie?“

Er runzelte die Stirn. Anscheinend wusste er seinen eigenen Namen nicht.

„Schon gut“, sagte sie. „Darum bringe ich Sie ja zum Arzt.“ Außerdem mussten sie nur einen Blick auf seinen Ausweis werfen, um herauszufinden, wer der Mann war. Trotzdem war es kein gutes Zeichen, dass er sich nicht an den eigenen Namen erinnern konnte.

Er lehnte sich an die Fensterscheibe und schloss die Augen. Sie hoffte, dass er nicht ohnmächtig wurde. Das wäre auch kein gutes Zeichen.

Endlich war das Haus in Sichtweite. Sie stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

Der Doc, ein attraktiver, junger Arzt, wartete schon auf der Veranda auf sie. Ihre bildhübsche Cousine Tammy war auch da. Wegen einer Familienfehde hatte Jenna ihre Cousine erst vor Kurzem kennengelernt. Ihr Großvater hatte die ganze Familie an seinem Sterbebett zur Versöhnung aufgerufen.

Jenna hielt an. Der Doc führte seinen Patienten ins Haus, um den Fremden zu untersuchen.

„Erkennst du ihn?“, fragte Jenna ihre Cousine.

„Nein.“

„Ich auch nicht.“ Sie musste an seinen zaghaften Versuch denken, sie zu streicheln.

Der Doc erklärte gerade seinem Patienten, dass die Wunde genäht werden musste. Der Schnitt an sich war jedoch nicht weiter schlimm. Was den Doc jedoch beunruhigte, waren die anderen Symptome.

Anscheinend hatte Jenna recht. Der Mann hatte tatsächlich eine Gehirnerschütterung.

Damit wussten sie aber immer noch nicht, wer er war. Er hatte keinen Ausweis und auch sonst nichts Persönliches bei sich.

„Was passiert jetzt wohl?“, fragte Jenna Tammy leise.

„Keine Ahnung.“

Nachdem er die Schnittwunde gesäubert und genäht hatte, veranlasste der Doc, dass der Mann im nächsten Krankenhaus untersucht werden würde.

„Ich lasse ein CT machen“, sagte er. „Im Augenblick kann ich nicht einschätzen, wie schwer die Verletzung wirklich ist.“

„Was wäre das Schlimmste, das passieren könnte?“, fragte sie so leise, dass der Fremde nichts davon mitbekam.

„Eine Blutung im Gehirn. Aber wir wollen nichts überstürzen“, fügte der Doc hinzu. „Erst mal brauchen wir eine genaue Diagnose.“

„Ich will ihn ins Krankenhaus begleiten.“ Jenna konnte den Gedanken nicht ertragen, den Fremden im Stich zu lassen.

„Gut. Wir müssen auch einen Bericht für die Polizei schreiben, weil wir nicht wissen, wer er ist und wie er verletzt worden ist. Man wird ihn als John Doe aufnehmen – so werden hier Patienten unbekannter Herkunft genannt.“

Jenna gefiel nicht, wie unpersönlich das war. Die ganze Geschichte bereitete ihr Unbehagen. Sie bevorzugte geordnete Verhältnisse. Genaue Planung. Egal, worum es ging. Auch in Liebes­angelegenheiten ging sie nüchtern und strategisch vor. Sie hatte sogar eine Liste mit den Eigenschaften verfasst, die ihr zukünftiger Ehemann haben musste. Ein Mann, der ganz anders sein würde als ihr Vater. Sie war zwar daran gewöhnt, von ihrem Vater enttäuscht zu werden. Aber zurzeit schämte sie sich sogar für ihn. Denn er hatte ein richtig unangenehmes Geheimnis.

Sie musterte den Fremden forschend. Hatte er auch solche Geheimnisse? Aber das war nicht ihr Problem. Sie wollte ihm nur aus seiner Notlage helfen.

Der Doc und Tammy brachten den Unbekannten ins Krankenhaus.

Jenna fuhr im eigenen Auto hinterher.

Während der Fremde die Computertomografie über sich ergehen ließ, saß sie mit Tammy im Wartezimmer. „Danke, dass du mir Gesellschaft leistest.“

„Das dauert bestimmt nicht lange. Mike will sich die Scans mit dem Radiologen selbst ansehen, anstatt auf einen schriftlichen Bericht zu warten.“

„Es ist schon praktisch, einen Arzt in der Familie zu haben.“

Tammy lächelte. „Absolut.“ Sie stand auf. „Willst du auch einen Kaffee?“

„Klar.“

Jenna beobachtete, wie ihre Cousine zum Automaten ging. Tammy war eine zierliche Frau mit braunen Locken. Außerdem war sie frisch verliebt. Das sah man ihr an, denn sie strahlte unentwegt. Sie hatte sich mit Jenna angefreundet, als sie Stylingtipps gebraucht hatte, um den Doc auf sich aufmerksam zu machen.

Inzwischen hatte Tammy sich vom Cowgirl zur Lady gemausert. Sie konnte immer noch besser reiten und mit dem Lasso umgehen als die meisten Männer. Aber im Minikleid und mit Make-up machte sie auch eine blendende Figur. Außerdem war sie eine Spitzenköchin. Im Bed and Breakfast würde Tammy die Küche übernehmen.

Tammy kam mit zwei Bechern zurück. Der Kaffee war besser als erwartet.

„Ich frage mich, wer er ist“, sagte Jenna.

„Hoffentlich erinnert er sich bald wieder an alles.“

„Ich hoffe nur, dass bei dem CT nichts weiter herauskommt.“

Jenna nickte. Dann schwiegen sie. Die Zeit verging.

Schließlich blickte Tammy auf. „Da kommt Mike.“

Jenna stand auf, Tammy folgte ihr auf dem Fuße.

„Alles okay“, erklärte der Doc. „Aber wir behalten ihn zur Beobachtung über Nacht da.“

„Meinst du, dass er sich morgen wieder an alles erinnert?“

„Möglich ist das. Ein Gedächtnisverlust hält oft nur ein oder zwei Tage an. Es kann aber auch noch eine Weile dauern.“

„Darf ich ihn sehen?“

„Sobald er ein Zimmer hat, kannst du ihn besuchen.“

Als es so weit war, schlief der Unbekannte bereits. Der Doc und Tammy fuhren nach Hause. Aber Jenna setzte sich noch auf den Plastikstuhl neben seinem Bett. Sie nutzte die Gelegenheit, ihn einer gründlichen Musterung zu unterziehen: dunkle Augenbrauen, eine markante Nase, Wangenknochen wie bei einem Model, ein Mund, der traurig wirkte.

Das wiederum brachte sie dazu, über sein Lächeln nachzudenken. War es ein strahlendes Lächeln? Ein schiefes? Grüblerisch? Sie stellte fest, dass er inzwischen richtig unrasiert aussah. Das war nicht nur sexy, sondern ließ ihn noch mehr wie der raubeinige Cowboy wirken, der er wahrscheinlich auch war.

Das Krankenhausnachthemd passte da weniger ins Bild.

Er bewegte sich im Schlaf, und sie runzelte die Stirn. Die Versuchung war groß, seine Wangen zu berühren, um die Wärme seiner Haut zu spüren. Jenna faltete die Hände im Schoß. Bei ihm zu bleiben, während er schlief, war keine gute Idee. Sie sollte nach Hause fahren. Aber sie blieb sitzen, solange es erlaubt war. Und sie konnte es schon nicht mehr abwarten, am nächsten Tag wiederzukommen.

Am nächsten Morgen frühstückte Jenna mit ihrer Schwester in der altmodischen Küche im Haupthaus. Leider war es noch zu früh, um ins Krankenhaus zu fahren.

In der Nacht hatte sie kaum geschlafen. Die ganze Zeit hatte sie sich gefragt, ob der Fremde sich heute wieder an alles erinnern würde.

Sie warf Donna einen Blick zu. Aber ihre Schwester schaute nicht auf. Sie war zu beschäftigt damit, SMS zu verschicken, ihren Kaffee zu trinken und ein spanisches Omelett zu essen.

Donna und Jenna waren schon immer grundverschieden gewesen. Jenna war Reitlehrerin. Sie liebte das Landleben. Donna war Journalistin und Marketingexpertin – und ein Stadtmensch durch und durch. Sobald das Bed and Breakfast einigermaßen lief, würde sie nach New York zurückkehren. Jenna hatte vor, auf der Ranch zu bleiben und sich mit Tammy um das Bed and Breakfast zu kümmern.

Endlich blickte Donna auf. „Was ist los?“

„Ich habe nur gerade daran gedacht, wie verschieden wir sind.“

„Wir sind bloß Schwestern, keine Klons.“

„Ja. Aber man sollte doch meinen, dass wir mehr Gemeinsamkeiten hätten oder uns zumindest ähnlicher sehen würden.“ Sie waren zwar beide blond. Aber Donna war nicht nur ein Jahr älter und fast zehn Zentimeter größer, sie hatte auch eine fantastische, sehr weibliche Figur. Jenna dagegen war zierlich und schmal.

Donna zuckte die Schultern und konzentrierte sich auf ihr Handy.

Tammy kam herein. Jenna begrüßte sie sofort mit einem freundlichen „Hi“.

„Selber hallo.“ Ihre Cousine setzte sich und wünschte auch Donna einen guten Morgen. Dann wandte sie sich an Jenna. „Mike ist vor ein paar Stunden losgefahren, um nach unserem Patienten zu sehen.“

Ihr Magen machte einen Satz. „Und? Gibt es irgendwelche Neuigkeiten?“

„Ich bin sicher, dass er anruft, sobald er kann.“

Donna legte das Handy weg. „Welcher Patient? Wer ist krank?“

„Ich habe gestern einen Mann gefunden“, antwortete Jenna und berichtete alle Einzelheiten. „Hoffentlich geht es ihm heute besser.“

„Wow“, sagte Donna. „Kannst du dir vorstellen, dein Gedächtnis zu verlieren?“

Nein. Allerdings würde Jenna gern vergessen, was ihr Vater vor einigen Jahrzehnten für einen Mist gebaut hatte.

Nachdenklich betrachtete sie Donna. Bevor die ganze Sache mit ihrem Vater herausgekommen war, hatte Donna ihn vergöttert. Er war ihr großes Vorbild gewesen. Auch sie war ein Workaholic und setzte Leben mit Karriere gleich.

Jenna zwang sich, nicht mehr an die ganze Misere zu denken. Zu Tammy sagte sie: „Ich hatte vor, später ins Krankenhaus zu fahren. Aber vielleicht sollte ich Mikes Anruf abwarten.“

„Das kann eine Weile dauern“, antwortete ihre Cousine. „Heute hat er viele Patienten. Warum fährst du nicht einfach gleich rüber? Ich merke doch, dass du dir immer noch Sorgen machst.“

Als es Zeit wurde, sich fertig zu machen, entschied Jenna sich für klassischen Westernstil: einen langen Rock, eine feminine Bluse und schicke Stiefel. Sie frischte ihr Make-up auf und machte ihr Haar.

Punkt zwölf Uhr mittags erreichte sie das Krankenhaus. Dort wandte sie sich als Erstes an die Krankenschwestern und erkundigte sich nach dem Zustand des Patienten. Man teilte ihr mit, dass der Mann wach und bei klarem Verstand war. Sobald die Formalitäten erledigt waren, würde Dr. Sanchez ihn entlassen.

Sie bedankte sich für die Auskunft und ging den Gang hinunter. Dann betrat sie das Krankenzimmer und ließ den anderen Patienten, der in eine Fernsehserie aus den Siebzigern vertieft war, links liegen.

Noch ein paar Schritte, und sie stand dem Unbekannten gegenüber. Er saß aufrecht im Bett. Als er sie ansah, schlug ihr Herz schneller.

„Guten Morgen“, sagte sie und bemühte sich, ruhig zu klingen.

„Sie sind die junge Frau von gestern.“

„Ja.“

„Die Blondine, die ich für meine Freundin gehalten habe. Das tut mir leid.“

„Schon gut. Sie waren ziemlich benommen.“

Er nickte, und sie setzte sich wieder auf den Stuhl neben seinem Bett. „Sie sehen schon viel besser aus.“ Insgeheim dachte sie, dass er immer noch erschöpft wirkte. „Ich habe gehört, dass der Doc Sie heute entlässt.“

„Ja, aber ich soll mich noch schonen.“

„Dann dürfen Sie also noch nicht die Nächte durchfeiern?“

„Nein. Noch nicht.“ Er lächelte verhalten.

So ein verführerisch schiefes Lächeln. Ihr Herzklopfen wurde wieder heftiger. „Ich bin übrigens Jenna. Jenna Byrd.“

„Danke für alles, was Sie für mich getan haben. Jenna“, sagte er leise.

„Ich bin froh, dass ich helfen konnte.“ Sie rutschte auf dem Stuhl nach vorne. „Wie heißen Sie?“

Er runzelte die dunklen Augenbrauen. „Keine Ahnung. Ich kann mich nach wie vor an nichts erinnern.“

Sie starrte ihn an. „Ist Ihre Erinnerung nicht zurückgekehrt? Aber warum entlässt der Doc Sie dann?“

„Weil ansonsten alles mit mir in Ordnung ist. Was ich habe, nennt man ‚retrograde Amnesie‘. Aber deswegen kann man mich nicht hierbehalten. Angeblich kehrt mein Gedächtnis von allein zurück. Fragt sich nur, wann.“

Jenna wusste nicht, was sie sagen sollte. Er war immer noch ein Unbekannter.

„Der Sheriff war vorhin da“, sagte er, „für einen Bericht. Und um mir Fingerabdrücke abzunehmen.“ Er hielt die Hände hoch und betrachtete sie. „Wenn ich polizeilich erfasst bin, können sie mich so identifizieren.“

Ist er etwa ein Krimineller? Das war kein beruhigender Gedanke. „Glauben Sie, dass Sie das sind?“

„Ich weiß es nicht.“ Er ließ die Hände sinken. „Aber der Sheriff will, dass Dr. Sanchez mich erst entlässt, wenn die Ergebnisse seiner Anfrage da sind. Darauf warten wir im Augenblick. Vermutlich will die Polizei sichergehen, dass ich nicht auf der Fahndungsliste stehe, bevor man mich laufen lässt.“

„Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich hier warte, bis Sie Bescheid bekommen?“

„Warum wollen Sie das tun?“

Weil Jenna sich immer noch für ihn verantwortlich fühlte. Oder weil sie sich so unglaublich zu ihm hingezogen fühlte? Das war auch kein beruhigender Gedanke. „Ich möchte einfach wissen, wer Sie sind.“

„Im Augenblick bin ich niemand.“

„Das stimmt nicht. Jeder ist jemand.“

Er schaute weg. Sie wollte ihn beruhigen. Aber wie konnte sie das? Vor allem, wenn er vielleicht von der Polizei gesucht wurde?

In diesem Augenblick hörte sie Schritte. Jenna drehte sich um.

Es handelte sich um den Doc und um einen Polizisten.

Anspannung lag in der Luft. Der Fremde warf Jenna einen Blick zu.

Der Moment der Wahrheit war gekommen.

In der plötzlichen Stille begegnete der Doc Jennas Blick. Er nickte ihr zu. Vielleicht gab es gar keinen Grund zur Sorge.

Der Polizist war nicht so geduldig. „Ich bin Deputy Tobbs. Der Sheriff hat mir Ihren Fall übertragen.“

„Habe ich eine Polizeiakte?“, fragte der Fremde geradeheraus.

„Nein, haben Sie nicht. Ich werde mich bemühen, Ihre Identität festzustellen und herauszufinden, was mit Ihnen passiert ist. Vermutlich sind Sie überfallen und ausgeraubt worden. Vielleicht ein Autodiebstahl. Das würde erklären, warum Sie zu Fuß unterwegs waren.“

Der Fremde fuhr sich durchs Haar. „Es hätte wohl auch schlimmer kommen können.“ Er wandte sich an den Doc. „Unterschreiben Sie meine Entlassungspapiere jetzt?“

„Ja. Aber erst müssen wir uns überlegen, wo Sie bleiben sollen.“

„Gibt es hier in der Gegend ein Obdachlosenasyl?“

Der Polizist antwortete: „Ja, im nächsten County.“

„Wenn man mich dort aufnimmt, muss das wohl reichen.“

„Ich kann ja mal anrufen“, bot der Deputy an.

Auf keinen Fall, dachte Jenna. Sie konnte ihn nicht einfach so gehen lassen. Andererseits, welches Recht hatte sie, sich einzumischen? Trotzdem. Sie konnte einfach nicht anders.

Und so sagte sie: „Sie können auf Flying B bleiben, bis Sie Ihr Gedächtnis wiederhaben oder Deputy Tobbs herausfindet, wer Sie sind. Wir sind gerade dabei, die Ranch in ein Bed and Breakfast umzuwandeln, und haben genügend Unterkünfte auf dem Gelände.“

„Das geht nicht.“

Jenna gab nicht so einfach auf. „Warum denn nicht?“

„Ich kann nicht.“

„Aber sicher können Sie das“, sagte der Doc. „Das ist genau der richtige Ort für Sie, um sich zu erholen.“

„Ich weiß nicht so recht.“

„Betrachten Sie es einfach als Teil Ihrer Therapie“, sagte der Doc. „Ich kann ein Auge auf Sie haben, und auf der Ranch an der frischen Luft wird es Ihnen viel besser gehen als in einem Obdachlosenheim.“

„Das hört sich an, als ob alles geregelt sei“, sagte der Polizist zufrieden. „Dann verabschiede ich mich jetzt.“ Er legte seine Visitenkarte auf den Rollcontainer neben dem Bett. „Rufen Sie mich an, wenn Sie irgendwelche Fragen haben.“ Der Deputy wandte sich an Jenna. „Sie sollten ihn allen Rancharbeitern vorstellen. Vielleicht erkennt ihn ja jemand.“

„Das mache ich.“

Deputy Tobbs verabschiedete sich. Als er weg war, herrschte Schweigen.

„Auf jeden Fall brauchen Sie einen anderen Namen“, sagte Jenna schließlich. „Sie können doch nicht John Doe heißen.“

Er richtete seine dunklen Augen auf sie. „Es gibt aber Menschen, die so heißen.“

„Ich weiß. Aber ich glaube nicht, dass das Ihr Name ist.“

„Dann müssen Sie einen für mich aussuchen. Und mich duzen.“

„Sie – du willst, dass ich dir einen Namen gebe?“

„Irgendjemand muss das tun.“

Nervös verschränkte sie die Arme vor der Brust. Es hatte ihr von Anfang an nicht gefallen, dass ein Mensch mit so einem Kunstnamen abgefertigt wurde. Aber jetzt fühlte sie sich unter Druck gesetzt.

„Bist du sicher, dass du dir nicht lieber selbst einen Namen ausdenken willst?“, fragte sie.

„Ganz sicher.“

Er hörte sich an, als ob das Ganze keine Rolle spielte. Egal, ob er einen erfundenen Namen hatte oder nicht, er würde sich trotzdem wie ein Niemand fühlen.

Das führte Jenna vor Augen, wie verloren der Unbekannte wirklich war.

Während der Mann darauf wartete, worauf das Ganze hinauslaufen würde, dachte er, wie unwirklich die ganze Situation war. Seine Erinnerungen hingen irgendwo in seinem Inneren fest und wollten einfach nicht heraus.

Sein einziger Rettungsanker waren die hübsche Blondine an seiner Seite und der Arzt, der sie beide beobachtete.

„Was hältst du von J. D.?“, fragte Jenna.

„Die ersten Buchstaben von John Doe? Als Abkürzung?“

Sie nickte. „Ich habe schon immer gedacht, dass es irgendwie sexy ist, die ersten Buchstaben von zwei Vornamen als Spitznamen zu verwenden.“

„Sexy?“

Sie errötete. „So war das nicht gemeint.“

Fasziniert neigte er den Kopf zur Seite. Zuerst hatte sie beinahe aggressiv reagiert. Jetzt zeigte sie sich schüchtern. „Wie denn?“

„Na ja, das klingt eben geheimnisvoll. Rätselhaft.“

„Dann passt das wohl zu mir.“ Im Augenblick war wirklich alles ein Rätsel für ihn. Einschließlich der Tatsache, warum er sie für seine Freundin gehalten hatte. War sie sein Typ? Die Art Frau, mit der er in der Vergangenheit Verabredungen gehabt hatte?„Dann soll ich dich ab jetzt J. D. nennen?“, fragte sie. „Und du bleibst erst mal auf Flying B?“

Er nickte, obwohl er sich bei dem Gedanken unbehaglich fühlte.

„Als ich dich das erste Mal sah, dachte ich, dass du ein Cowboy bist. Vielleicht ein Rancharbeiter aus der Nachbarschaft.“ Sie warf einen Blick auf seine Kleidung, die neben dem Bett an einem Haken an der Wand hing. „Auf jeden Fall kleidest du dich wie ein Cowboy.“

Er folgte ihrem Blick. An das T-Shirt, die Jeans und die abgetragenen Stiefel konnte er sich ebenso wenig erinnern wie an seinen Geburtstag.

„Die Stiefel haben bestimmt ganz schön viele Meilen hinter sich.“

„Ich muss sie wohl für bequem halten.“ Die Stiefelspitzen wölbten sich jedenfalls schon nach oben.

„Dann kümmere ich mich um den Papierkram, J. D.“, sagte der Doc und betonte seinen neuen Namen. „Jenna kann mich begleiten und wiederkommen, wenn du so weit bist.“

Es war völlig unangebracht, aber auf einmal hätte J. D. Jenna am liebsten gebeten, ihm beim Anziehen zu helfen. Er stellte sich sogar vor, wie sich ihre Hand an seinem Reißverschluss anfühlen würde.

Hm, Jennas Gesellschaft war eindeutig nicht gut für ihn.

Nachdem sie den Vorhang um sein Bett zugezogen hatten, gingen Jenna und der Doc hinaus.

J. D. stand auf. Dann zog er sich das Krankenhausnachthemd aus und seine eigenen Sachen an. Neugierig betrachtete er sich im Spiegel. Er erkannte sein Spiegelbild und seine Kleidung nicht.

Seufzend ging er wieder ins Krankenzimmer und zog den Vorhang zurück, um Jenna Bescheid zu sagen, dass sie wiederkommen konnte.

Fünf Minuten später war sie wieder da und hatte zwei Becher Kaffee dabei. „Nur aus dem Automaten“, sagte sie. „Ist aber nicht schlecht.“ Sie reichte ihm einen Becher. „Mit Milch und Zucker. Ich hoffe, das ist okay.“

„Absolut. Danke. Ich habe keine Vorlieben. Oder zumindest kann ich mich an keine erinnern.“ Er setzte sich auf die Bettkante und bot ihr wieder den Stuhl an. „Du hast ziemlich viel Zeit damit verbracht, hier herumzuhängen. Und das für einen Mann, den du kaum kennst.“

„Ich bin dabei, dich kennenzulernen.“ Sie lächelte. „Offensichtlich magst du Kaffee.“

„Sieht fast so aus.“ Er trank den Becher in einem Zug aus. „Zum Frühstück gab es nur Orangensaft. Das hier ist besser.“

„In den Blockhäusern haben wir Luxuskaffeemaschinen. Morgen früh kannst du dir richtig guten Kaffee machen.“

„Das klingt toll. Aber vielleicht ist es doch keine so gute Idee, auf der Ranch zu bleiben. Du solltest dich nicht mit einem Kerl wie mir belasten.“

„Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Du hast schon Ja gesagt. Außerdem will es der Doc so.“

Ja, aber wenn J. D. sich erholen sollte, konnte er die Gefühle überhaupt nicht brauchen, die Jenna in ihm auslöste. Sogar in diesem Augenblick wünschte er sich, sie wieder erröten zu sehen. Ihre Schüchternheit gefiel ihm. „Wenn das alles vorbei ist, werde ich mich für deine Gastfreundlichkeit erkenntlich zeigen“, versprach er.

„Werd einfach wieder ganz gesund, okay? Das reicht mir vollkommen.“

„Du bist wirklich sehr nett, Jenna.“

„Du auch.“

„Zuerst hast du gedacht, dass ich völlig betrunken bin, als ich die Straße entlanggestolpert bin, oder?“

„Das habe ich sofort zurückgenommen, als ich sah, dass du eine Platzwunde hattest. Wie geht es deinem Kopf eigentlich?“

„Tut immer noch ein bisschen weh.“

„Und deine Füße?“

Er kniff die Augen zusammen. „Meine Füße sind nicht verletzt.“

„Ich meine die Stiefel. Wie fühlen die sich an?“

Ach ja. Die Stiefel. Er warf einen Blick auf das abgenutzte Leder. „Gut.“ Er deutete auf ihre. „Deine sind richtig schick.“

„Ja, das sind die für besondere Gelegenheiten. Zum Tanzen und so.“

„Ich habe keine Ahnung, ob ich tanzen kann.“

„Das können wir ja mal ausprobieren.“

„Jetzt gleich?“, scherzte er. „Den Gang entlang?“

Sie lachte. „Später, du Spaßvogel, wenn du dem gewachsen bist.“

Flirtete sie etwa mit ihm? Auf jeden Fall kam ihm das so vor.

Aber J. D. würde nichts anfangen, was er nicht beenden konnte. So dumm war er nicht.

Als eine energische Krankenschwester J. D. im Rollstuhl zu Jennas Truck schob, beschwerte er sich. „Ich möchte lieber laufen.“

„So sind nun mal die Regeln“, sagte die Frau fröhlich. „Hier kommt man nur im Rollstuhl raus.“

Er schnitt eine Grimasse. Jenna lächelte. Machos. Er benahm sich wie ein richtiger Cowboy.

Dann hörte sie auf zu lächeln. Sie würde diesen Mann mit nach Hause nehmen, und sie wusste, dass er sich genauso sehr zu ihr hingezogen fühlte wie sie sich zu ihm.

Aber sie waren beide zu vorsichtig, um sich in ein Abenteuer zu stürzen. J. D. war nur ein Gast und ein Patient vom Doc, der sich auf der Ranch erholen sollte. Mehr nicht.

Schließlich erreichten sie den Privatweg zur Ranch. „Ich frage mich, ob ich dich in unserem Traumhaus unterbringen soll“, sagte sie.

„Haben die Blockhütten hier alle Namen?“

„Normalerweise nicht. Aber das Traumhaus ist etwas Besonderes. Da steht ein altes Bett von unserer Ururgroßmutter drin. Sie hatte das zweite Gesicht. Ihre Visionen hatte sie immer in Form von Träumen, wenn sie in diesem Bett geschlafen hat.“

„Interessante Familiengeschichte.“

„Andere Leute haben auch schon prophetische Träume in dem Bett gehabt. Tammy hat vom Doc geträumt. Und er hat einen entsprechenden Traum von ihr gehabt.“

„Vielleicht sollte ich dann lieber nicht in dem Haus wohnen.“

„Warum? Willst du denn nicht, dass deine Träume in Erfüllung gehen?“

Allmählich wurde die Unterhaltung unangenehm. „Ich weiß nicht, wozu das gut sein soll, wenn ich in diesem Bett schlafe.“

„Du könntest einen Traum haben, der dir hilft, dein Gedächtnis wiederzufinden.“

„Das kann ich mir nicht vorstellen.“

Auch noch ein Skeptiker. Jenna hielt vor dem Haupthaus an. „Du musst dich einfach erholen. Alles andere kommt dann ganz von allein.“

Er antwortete nicht. Daher brachte sie ihn einfach zu der Blockhütte. Dort zeigte Tammy ihm alles. Auch das Schlafzimmer. Das Bett bildete den Blickfang in der Mitte des Raumes. Mit einem Überwurf aus einer schokoladenbraunen Patchworkdecke und einem Schaffell wirkte es gemütlich und einladend.

Er streichelte den Schafspelz. „Hast du schon mal hier geschlafen?“

Ein Schauer lief ihr den Rücken hinunter. Plötzlich stellte sie sich vor, mit ihm in diesem Bett zu liegen. „Nein.“

„Warum nicht, wenn du an den Zauber glaubst?“

„Ich habe nicht das Bedürfnis, von irgendetwas zu träumen. Außerdem gibt es da noch so eine Geschichte. Über jemanden, der hier mal gewohnt hat. Und diese Sache setzt mir zu.“

Er runzelte die Stirn. „Wer denn?“

Jenna zuckte unbehaglich die Schultern. Warum hatte sie nicht den Mund halten können? „Eine Frau namens Savannah Jeffries. Vor vielen Jahren war sie die Freundin meines Onkels.“ Und die Frau, mit der ihr Vater ein skandalöses Verhältnis angefangen hatte.

„Hatte sie irgendwelche Träume, während sie hier gewohnt hat?“

„Das weiß ich nicht. Aber Tammy hat herausgefunden, dass Savannah ein Geheimnis hatte. Jetzt überlegen wir, ob wir einen Privatdetektiv anheuern sollen, um sie zu suchen.“

„Warum? Ist sie verschwunden? Geht es um ein Verbrechen?“

„Nein. Sie hat die Stadt freiwillig verlassen. Und wir haben versucht, sie übers Internet zu suchen. Aber ohne Erfolg.“

„Das hört sich an, als ob du sie finden willst.“

„Ich bin neugierig, ja. Aber ich will auch keine schlafenden Hunde wecken.“ Dann wechselte sie das Thema. „Der Doc macht mir die Hölle heiß, wenn ich nicht dafür sorge, dass du dich ausruhst. Deshalb mache ich mich jetzt lieber auf den Weg. Ich komme später noch mal vorbei und bringe dir etwas zu essen. Und ich werde sehen, ob ich noch etwas zum Anziehen für dich auftreiben kann.“ Sie deutete auf seine abgetragenen Sachen. „Du brauchst mehr als ein Hemd und ein Paar Jeans.“

„Nur keine Umstände.“

„Ich will, dass du wieder gesund wirst.“ Jenna legte einen Zettel mit ihrer Handynummer auf den Schreibtisch. „Ruf mich an, wenn du was brauchst.“

„Wie lange wirst du unterwegs sein?“

„Ein paar Stunden. Du solltest dich hinlegen, während ich weg bin.“ Sie ging zur Tür und warf ihm über die Schulter hinweg einen Blick zu.

Er stand ganz verloren neben dem Bett und sah aus wie ein Mann, der Magie bitter nötig hatte.

2. KAPITEL

Nachdem Jenna weg war, wusste J. D. nichts mit sich anzufangen. Er wollte eigentlich nicht schlafen, auch wenn er sich ausruhen sollte.

Dann setzte er sich doch aufs Bett und lehnte sich zurück. Das Bett war auf jeden Fall bequem.

J. D. konnte sich an nichts Persönliches erinnern. Aber er wusste, welches Jahr gerade war und wie der Präsident hieß.

Er schloss die Augen und döste ein.

Ein paar Stunden später wachte er wieder auf. Er hatte nicht geträumt.

Er stand auf und wartete darauf, dass Jenna zurückkam.

Als sie schließlich klopfte, öffnete er erwartungsvoll die Tür. Mit Einkaufstüten bepackt stand sie vor ihm.

„Die nehme ich.“ Er nahm ihr die Tüten ab und trug alles in die Küche.

Sie ging noch mal zum Truck und brachte Behälter mit Brathähnchen und Kartoffelbrei zurück. „Ich bin keine gute Köchin“, sagte sie. „Das Essen ist aus dem Diner.“

„Ich hoffe, du leistest mir Gesellschaft. Sieht aus, als ob genug für uns beide da ist.“

„Klar, gern.“ Sie ging ins Esszimmer, um den Tisch zu decken.

Dann holte sie die restlichen Sachen, die sie ihm versprochen hatte. „Die Kleidung ist von einem Rancharbeiter, der ungefähr deine Größe hat. Außerdem habe ich Toilettenartikel dabei. Meine Schwester Donna hat Necessaires für die Gäste vorbereitet. Sie kümmert sich ums Marketing und um die Renovierungsarbeiten.“

Weil J. D. sich mit ihr unterhalten wollte, verstaute er die vollen Einkaufstüten im Kühlschrank. „Was machst du beruflich?“

„Ich bin Reitlehrerin. Das Landleben war schon immer mein Traum, auch als ich noch in der Stadt gewohnt habe. Ich bin in Houston aufgewachsen.“

„Ich habe gedacht, dass du aus dieser Gegend kommst.“

„Nein. Tammy, Donna und ich haben die Ranch von unserem Großvater geerbt. Tammys Brüder haben ein unerschlossenes Grundstück westlich von der Ranch bekommen. Wir Frauen sollen die Ranch weiterführen. Darum haben wir uns überlegt, ein Bed and Breakfast daraus zu machen. Das gehört zu dem Vermächtnis, das unser Großvater uns hinterlassen hat. Leider haben wir ihn erst auf seinem Sterbebett kennengelernt. Unsere Familie war völlig zerstritten.“

Sie setzten sich an den Tisch. Neugierig fragte er: „Wer war warum zerstritten?“

„Unsere Väter. Obwohl sie Zwillingsbrüder sind, haben sie weder miteinander noch mit unserem Großvater ein Wort geredet, seit …“ Sie sprach nicht weiter.

J. D. fragte sich, ob die Familienfehde etwas mit dieser Savannah Jeffries zu tun hatte. „Wer weiß, was für eine Familie ich habe. Oder ob ich überhaupt Familie habe.“

„Jeder hat eine Familie.“

„Ja, aber ich habe sie vergessen. Wie wichtig kann sie mir dann schon sein?“

„Du hast eine Kopfverletzung. Das ist nicht deine Schuld.“

„So fühlt es sich aber an.“ Er öffnete eine Limodose. „Ich habe übrigens geschlafen, während du unterwegs warst.“

Ihre Augen weiteten sich. „Hast du einen Traum gehabt?“

„Nein.“

Sie wirkte enttäuscht. „Vielleicht träumst du ja heute Nacht etwas.“

Er antwortete nicht.

Nach dem Essen gingen Jenna und J. D. ins Wohnzimmer. Dort setzten sie sich aufs Sofa, und er nahm die Kleidung unter die Lupe. Es handelte sich um ein paar Hemden und mehrere Jeans. Außerdem entdeckte er eine Packung Boxershorts. „Wo kommen die denn her?“

„Aus dem Einkaufszentrum. Ich habe mir vorgestellt, dass du Boxershorts trägst.“ Sie hielt inne und sah ihn schüchtern an. Richtig entzückend. „Ich hoffe, damit bin ich nicht zu weit gegangen.“ Hastig fügte sie hinzu: „Ich habe dir auch Socken gekauft. Hast du die schon gesehen?“

„Ja. Danke.“ Aber Socken waren lange nicht so intim wie Boxershorts. „Ich weiß das wirklich zu schätzen. Wie heißt der Arbeiter, der mir die Sachen geliehen hat?“

„Caleb Granger. Der weiß allerdings nichts von seinem Glück. Er ist im Augenblick nicht da. Irgendwelche Familienangelegenheiten.“

„Du hast dir die Kleidung geborgt, ohne ihn zu fragen?“

„Nein. Das war der Vorarbeiter. Ich hätte das nie getan. Dafür kenne ich Caleb nicht gut genug.“

„Du weißt aber, wie er gebaut ist.“

„Er ist groß und kräftig, ähnlich wie du. So etwas fällt Frauen auf.“

Jetzt war er neugierig. „Willst du ihn denn besser kennenlernen?“

„Oh, lieber Himmel, nein. Soweit ich weiß, hat er ein Auge auf meine Schwester geworfen. Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass Donna eine Beziehung mit einem Rancharbeiter anfängt. Sie ist eine echte Großstadtpflanze. Nicht, dass ich das Recht hätte, sie da zu kritisieren.“

„Warum? Bist du auch so anspruchsvoll?“

Sie schaute weg und zupfte nervös an ihrem Haar. Anscheinend hatte er einen Nerv getroffen.

„Komm schon, Jenna. Gib es doch zu.“

„Da gibt es nichts zuzugeben.“

Auf einmal befürchtete er, dass sie schlechte Erfahrungen gemacht hatte. „Hat dich jemand verletzt?“

„Oh, nein. Nichts dergleichen.“

Sofort fühlte er sich besser. Er wollte sich nicht vorstellen müssen, dass jemand sie schlecht behandelt hatte. „Was ist es dann?“

„Du denkst wahrscheinlich, das ist total dämlich.“ Sie seufzte. „Ich habe eine Liste aufgestellt. Mit allen Eigenschaften, die mein Traummann haben muss. Und ich halte mich genau daran.“

Das hatte J. D. nicht erwartet. „Vielleicht kannst du mir die Liste ja mal zeigen.“

„Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.“

Er legte Calebs Sachen beiseite und nahm den Beutel mit Toilettenartikeln zur Hand. „Ist da ein Rasierer drin?“

„Keine Ahnung. Aber Donna ist wirklich gründlich.“

Er öffnete den Beutel und zählte auf, was er vorfand. „Seife. Shampoo. Conditioner. Lotion. Zahnpasta und Mundwasser. Und jawohl, Rasiercreme und Einwegrasierer.“

„Donna hat wirklich an alles gedacht.“

„Ja, das hat sie.“ Er griff noch mal in die Tüte. „Da ist noch was drin. Ganz unten.“ Sobald er die Packung herausgezogen hatte, wollte er sie wieder verschwinden lassen.

Kondome.

Jenna starrte ihn an. J. D. hatte anscheinend keine Ahnung, was er sagen sollte. Sie auch nicht.

Jenna hätte sich am liebsten selbst geohrfeigt, weil sie nicht vorher nachgesehen hatte, was in dem Beutel war. Bevor das Schweigen richtig peinlich wurde, schaffte sie es, sich eine lahme Bemerkung abzuringen: „Offenbar hat meine Schwester wirklich an alles gedacht.“

„Das hat sie.“ Er lächelte sogar.

Jenna musste darum kämpfen, sein Lächeln zu erwidern. Ihr Herz klopfte immer noch heftig.

Er legte die Kondome neben den Rasierer. „Steht ihr beide euch nahe?“

„Wie bitte?“

„Du und deine Schwester?“

Komisch, dass er diese Frage stellte. „Nein. Darüber habe ich erst heute Morgen mit ihr gesprochen. Wie unterschiedlich wir sind. Und dass wir keinen besonders guten Draht zueinander haben.“

„Habt ihr auch darüber gesprochen, woran das liegt?“

„Nein. Aber daran ist einfach unsere Familiengeschichte schuld. Unsere Eltern ließen sich scheiden, als wir noch sehr klein waren. Wir haben bei unserer Mutter gelebt. Aber als ich acht war und Donna neun, starb unsere Mutter an Krebs, und wir sind zu unserem Vater gezogen. Er hat viel gearbeitet, und wir mussten auf uns selbst aufpassen. Ich war immer auf meinen Großvater und die Ranch neugierig, aber ich wusste, dass Dad mit seiner Familie zerstritten war. Ich habe nie nachgefragt, denn er ist kein Mensch, der so leicht über Gefühle spricht.“

„Du bist da ganz anders.“

Sie spürte, wie ihre Wangen glühten. „Ehrlich?“

„Ich würde dir alles über mich erzählen, wenn ich nur wüsste, wer ich bin.“

„Obwohl ich dich so zutexte? Irgendwie kann ich das nicht ganz glauben.“

„Das machst du doch gar nicht. Du beantwortest doch nur meine Fragen.“

Viel zu langatmig, dachte sie. Aber es tat gut, sich mal auszusprechen. „An meiner Familie ist der amerikanische Traum jedenfalls spurlos vorbeigegangen.“

„Wie viele Leute führen denn schon so ein Leben?“

„Keine Ahnung. Aber ich will mal eine Familie haben, die zusammenhält.“

„Vater, Mutter, Kinder, mit allem Drum und Dran?“

Sie nickte. „Ich will einen Mann, der das Landleben so liebt wie ich. Die Ranch bedeutet mir alles.“

„Das kann ich verstehen.“ Er schwieg einen Augenblick. „Was war dein Großvater für ein Mensch?“

„Sein Spitzname war Tex. Er war ein ziemlich mürrischer alter Knabe. Aber er konnte auch sehr charmant sein. Ich bedaure sehr, dass ich ihn erst kurz vor seinem Tod zum ersten Mal gesehen habe.“ Sie dachte an alles, was in letzter Zeit passiert war. „Der Doc war sein Hausarzt. So sind Tammy und er sich begegnet.“

„Und dann haben sie voneinander geträumt, und diese Träume sind in Erfüllung gegangen?“ J. D. warf einen Blick in Richtung Schlafzimmer. „Darf ich fragen, wovon die beiden geträumt haben?“

Das hatte sie eigentlich nicht erwähnen wollen. Aber der Doc und Tammy sprachen immer offen über ihre Erlebnisse. „Tammy hat geträumt, dass sie mit dem Doc einen romantischen Abend hier verbringt, bevor es passiert.“

Davon war J. D. nicht sehr beeindruckt. „Na ja.“

„Tammy hat sich alle Mühe gegeben, um dem Doc aufzufallen. Ich habe ihr mit Modetipps aushelfen müssen. Sie war ein richtiges Cowgirl und hatte keine Ahnung, wie sie sich stylen sollte.“

„Der Doc wirkt nicht, als ob er von hier kommt.“

„Das tut er auch nicht. Ursprünglich ist er aus Philadelphia.“ Jenna lehnte sich auf dem Sofa zurück. „Er hatte die Arztpraxis nur als Vertretung übernommen. Eigentlich wollte er wieder in die Großstadt zurückkehren. Doch dann hat er sich in Tammy verliebt. Er hat geträumt, dass sie glücklich verheiratet sein werden und drei gemeinsame Kinder haben.“

Er runzelte die Stirn. „Das ist noch keine Zauberei.“

„Aber sie haben beide von demselben kleinen Mädchen geträumt.“

„Ehrlich?“ Jetzt wirkte er doch überrascht.

„Ja. Und irgendwann wird das ihre Tochter sein.“ Da war sich Jenna ganz sicher.

J. D. antwortete nicht.

„Du solltest dich jetzt wahrscheinlich wieder etwas ausruhen.“

„Ich kann jetzt bestimmt nicht schlafen.“ Er stand auf und ging ans Fenster. „Wie lange hast du deine Liste jetzt schon?“

Verdammt. Jetzt musste er wieder darauf herumreiten. „Eine Weile.“

„Wie lange ist das?“

„Seit meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag. Jetzt bin ich dreißig.“

„Also fünf Jahre? Hast du die Liste inzwischen weiterentwickelt?“

„Ich habe ein paar Sachen ergänzt, seit ich hierhergekommen bin.“

„Zum Beispiel, dass dein Zukünftiger die Ranch lieben muss?“

„Ja. Aber ansonsten ist die Liste mehr oder weniger unverändert.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, so eine Liste zu machen. Ich weiß ja nicht mal, was ich von mir selbst erwarte.“

„Wenn du dein Gedächtnis zurückhast, wirst du das alles wieder wissen.“ Jenna steckte die Toilettenartikel wieder in den Beutel. Als Erstes ließ sie die Kondome verschwinden. Aus den Augen, aus dem Sinn. „Ich räume nur schnell die ganzen Sachen auf.“

„Danke.“ Er lächelte verhalten. „Ich hätte das jetzt einfach stehen und liegen lassen, bis ich es brauche.“

So viel zum Thema „aus den Augen, aus dem Sinn“, was die Kondome anging. Die würde er ja wohl nicht brauchen, solange er auf Flying B war, oder? Es sei denn, er fing hier eine Affäre an, wenn es ihm erst mal besser ging.

Jenna runzelte die Stirn und ging ins Schlafzimmer.

Er folgte ihr. „Was ist denn los?“

„Nichts.“ Es gefiel ihr einfach nicht, sich J. D. mit einer anderen Frau vorzustellen.

Anstatt mit ihr? Nein, ermahnte sie sich. An so was sollte ich gar nicht erst denken.

Das Problem war nur, dass er äußerlich genau dem Anforderungsprofil auf ihrer Liste entsprach. Aber das reichte natürlich nicht. Für eine Beziehung mussten die anderen Faktoren auch stimmen.

Mit diesem Gedanken legte sie die Kleidungsstücke in die Kommode, während er sich aufs Bett setzte.

„Du solltest hier in der Blockhütte schlafen, wenn ich wieder weg bin“, sagte er.

Ihr Puls raste. „Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich keine Träume brauche.“

„Ich finde es interessant, dass du glaubst, nichts zu haben, wovon du träumen kannst.“

Sie sah ihn wieder an. „Was meinst du damit?“

„Ich hätte gedacht, dass du von dem Mann träumen willst, den du mal heiraten möchtest.“

„Ich muss nicht von ihm träumen. Wenn ich ihm begegne, merke ich das schon.“

„Wegen der Liste? Das muss ja eine merkwürdige Liste sein.“

„Du hältst mich wohl für sehr seltsam.“ Jenna ging ins Bad und verstaute die Toilettenartikel.

Es dauerte nicht lange, da spürte sie J. D. hinter sich. Aber sie ignorierte ihn. Als Letztes verstaute sie die Kondome in dem Schränkchen unter dem Waschbecken. Dann richtete sie sich auf und drehte sich zu ihm um.

„Ich halte dich nicht für seltsam“, sagte er. „Ich denke, dass du süß und schön und einzigartig bist.“

Am liebsten hätte sie ihn umarmt. „Danke. Nett von dir, so etwas zu sagen.“

„Das meine ich ganz ernst. Jedes Wort.“

„Ich sollte mich jetzt auf den Weg machen“, sagte sie.

„Meinetwegen musst du nicht gehen.“

Sie warf einen Blick auf die Uhr. „Es wird langsam spät.“

„Aber ich möchte, dass du bleibst.“ Er blieb in der Tür stehen.

Verzweifelt versuchte J. D., sich einen Grund auszudenken, warum Jenna noch bleiben musste. „Ich brauche deine Hilfe, um die ganzen Einkäufe zu verstauen.“

„Das hast du doch schon erledigt.“

„Ich habe die Tüten einfach nur in den Kühlschrank gestopft. Ausgepackt habe ich sie noch nicht.“

„Ach, du lieber Himmel. Da sind aber Tiefkühlprodukte dabei und Konserven und …“ Sie schüttelte den Kopf. „Na, dann komm. Lass uns aufräumen.“

Als Jenna an ihm vorbeiging, spürte er auf einmal ein merkwürdiges Ziehen im Magen.

J. D. holte tief Luft und folgte ihr in die Küche. Dabei beobachtete er sie. Sie war schlank und wirkte durchtrainiert. Hatte er schon immer etwas für zierliche Frauen übrig gehabt?

Sie nahm die Einkaufstüten aus dem Kühlschrank. Gemeinsam packten sie alles aus. Sie hatte ihm eine reichhaltige Auswahl an Lebensmitteln besorgt: Tiefkühlpizza, frisches Obst, fertige Salate, Makkaroni mit Käse, Zutaten für Sandwiches, Pudding, Müsli und Milch.

Essen für Junggesellen, dachte er. „Nochmals vielen Dank. Ich habe wirklich vor, alles zurückzuzahlen.“

„Ich will nur, dass es dir besser geht“, erklärte sie. „Das reicht mir schon.“

Nachdem sie fertig waren, fragte er: „Setzt du dich noch ein bisschen mit mir auf die Veranda, bevor du aufbrichst?“ Die Blockhütte hatte eine altmodische, kleine Veranda. Ein paar Stühle, die nicht zusammenpassten, sorgten für eine gemütliche Atmosphäre. „Wir könnten einen Pudding essen.“

Jenna nahm die Einladung an. Während er das Dessert löffelte, betrachtete er Jenna. Die untergehende Sonne ließ ihr Haar leuchten und noch blonder wirken. Er konnte sich nicht erklären, warum er so fasziniert von ihrem Haar war. Vielleicht, weil sein Haar so dunkel war? Sein Teint war auch deutlich dunkler.

„Ich wünschte, ich könnte kochen“, sagte sie. In Gedanken war sie offensichtlich noch in der Küche.

„Das könntest du doch lernen, oder?“

„Ich weiß nicht. Jedes Mal, wenn ich es versucht habe, war das Ergebnis schrecklich. Vielleicht sollte ich Tammy um Hilfe bitten.“

„Ich stehe dir gern als Versuchskaninchen zur Verfügung.“

„Fürs Kochen?“

Oder zum Küssen, dachte er. „Ja, klar.“

„Du leidest schon an einer Kopfverletzung. Da will ich dich nicht auch noch vergiften.“

„Ich bin sicher, dass ich das überleben würde.“

„Das Risiko möchte ich lieber nicht eingehen.“

„Wahrscheinlich bin ich ja auch gar nicht lange genug hier.“ Nicht lange genug, um sich an ihren Kochkünsten zu vergiften. Oder an ihren sanften, süßen, gefährlichen Küssen. J. D. musste aufhören, darüber nachzudenken, wie verführerisch sie war.

„Es ist schön, hier so mit dir zu sitzen“, sagte sie.

„Danke. Finde ich auch.“ Dann fragte er: „Wie heißt die Stadt hier eigentlich?“

„Buckshot Hills. Ich wundere mich nur, dass dir das noch keiner gesagt hat.“

„Das haben sie wahrscheinlich vergessen.“

„Sobald es dir besser geht, zeige ich dir die ganze Ranch. Dann kann ich dich auch den Leuten vorstellen, die hier auf Flying B arbeiten.“

„Wäre das nicht Ironie des Schicksals, wenn ich nach Flying B unterwegs gewesen wäre, als ich mir die Verletzung zugezogen habe?“

„Auf jeden Fall wäre damit das Rätsel gelöst. Und zwar ziemlich schnell.“

J. D. wünschte sich beinahe, dass er auf dem Weg zu Jenna gewesen war. Er befürchtete, dass er in der Nacht von ihr träumen würde, Zauberbett hin oder her.

Aber zu seiner Überraschung träumte er nicht von ihr, sondern von sich selbst, von seiner Kindheit.

3. KAPITEL

Jenna warf Donna einen Blick zu. Sie saßen mal wieder zusammen am Frühstückstisch. Heute blätterte Donna dabei Tapetenmuster durch.

Seit dem Tod ihrer Mutter aßen sie selten zusammen. Eigentlich hatten sie auch früher nicht sehr oft zusammen gegessen, als ihre Mutter noch gelebt hatte. Zuerst hatte ihre Mutter wegen der Scheidung mit Depressionen zu kämpfen gehabt. Dann war sie krank geworden.

„Unsere Kindheit war alles andere als unbeschwert“, sagte Jenna und sprach damit ihre Gedanken laut aus.

Donna verzog das Gesicht. „Darüber sollten wir nicht reden.“

„Warum nicht?“

„Weil das nichts ändert. Wir müssen uns auf das Bed and Breakfast konzentrieren. Wie wir erfolgreich werden.“

Donnas Rücklagen und ihr Selbstbewusstsein hatten nach einem geschäftlichen Misserfolg erheblich gelitten. Ihr luxuriöses Stadtleben stand auf der Kippe. Das Bed and Breakfast war ihre Chance, alles auszugleichen. Sie hielt ein Stück Tapete mit Paisleymuster hoch. „Was meinst du, passt die zu dem Zimmer, das nach hinten zum Garten rausgeht?“

„Zu welchem Garten?“

„Dem Garten, den ich gerade zusammen mit dem Landschaftsgestalter entwerfe. Einen Garten mit Pavillon und vielen blühenden Büschen. Das wird der perfekte Rahmen für Hochzeiten und Feiern.“

„Klingt toll. Und die Tapete ist auch richtig hübsch. Ich habe schon immer deinen stilsicheren Geschmack bewundert.“ Jenna hatte in dieser Hinsicht keine besondere Begabung. „In Modefragen habe ich viel von dir gelernt.“

„Ehrlich?“ Donna wirkte überrascht. „Du hast doch wahre Wunder gewirkt, als du Tammy bei ihrem neuen Look beraten hast. Sie sieht jetzt umwerfend aus.“

„Das war ein Riesenspaß. Und sie hat sogar den Hauptpreis beim Kostümwettbewerb gewonnen.“

„Die Hand des Prinzen, beziehungsweise des Doktors? Also, für mich wäre das nichts, die Cinderella zu spielen.“

Einen Augenblick lang war Jenna drauf und dran, Donna zu erzählen, dass Caleb sich für sie interessierte. Aber dann entschied sie sich dagegen. Daraus würde sowieso nichts werden. „Ich habe J. D. eines von den Necessaires gegeben, die du für die Gäste zurechtgemacht hast.“

„Wer ist J. D.?“

„Der Mann ohne Gedächtnis. Ich habe ihm angeboten, dass er auf der Ranch bleiben kann, bis seine Erinnerung zurückgekehrt ist oder die Polizei seine Identität festgestellt hat. Ich habe ihn im Traumhaus einquartiert.“

„Gefällt ihm die Auswahl an Toilettenartikeln? Ich habe ewig überlegt, was ich bestellen soll.“

„Sicher findet er alles ganz toll. Aber warum in aller Welt hast du auch noch Kondome in deine Wundertüte gepackt? Ich habe beinahe einen Herzschlag bekommen, als J. D. die Kondome aus der Tüte holte.“

Donna runzelte die akkurat gezupften Brauen. „Sag jetzt bloß nicht, dass du dich in den Kerl verguckt hast.“

„Was?“

„Warum sollte dir eine Packung Kondome sonst peinlich sein?“

„Weil ich ihn kaum kenne.“

„Bist du sicher, dass da nicht mehr dahintersteckt?“

„Ja.“

„Gut. Denn hier auf Flying B sind Schwierigkeiten bei Liebesaffären ja anscheinend vorprogrammiert.“

„Das ist aber nicht sehr nett von dir, so was zu sagen. Denk mal an Tammy und den Doc.“

„An die beiden habe ich auch nicht gedacht.“

„Dann hast du wohl Savannah Jeffries gemeint? Vielleicht sollten wir uns alle noch mal ausführlich darüber unterhalten.“

„Lieber nicht.“ Obwohl die Ablehnung deutlich aus Donnas Stimme herauszuhören war, spürte Jenna auch, wie verletzlich ihre Schwester war. „Das hat nichts mit unserer Zukunft hier zu tun.“

Da war sich Jenna nicht so sicher. Die Angelegenheit schlug doch bereits Wellen. „Wir können die Geschichte nicht für immer ignorieren. Sollten wir nicht doch einen Privatdetektiv anheuern?“

Plötzlich klingelte ihr Handy. Sie warf einen Blick aufs Display. Die Festnetznummer vom Traumhaus wurde angezeigt. Jenna stand auf und nahm den Anruf entgegen. „J. D.?“, meldete sie sich.

„Ich hoffe, ich störe dich nicht.“

„Nein, überhaupt nicht. Wie geht es dir?“

„Ich bin fix und fertig. Das Bett hat funktioniert, Jenna. Ich habe letzte Nacht von mir geträumt! Eine Erinnerung. Kannst du vorbeikommen, damit ich dir alles erzählen kann?“

Ihr Herz klopfte wie wild. „Ja, natürlich. Bin schon unterwegs.“

Er legte auf.

„Ich muss los“, erklärte sie Donna.

Ihre Schwester drehte sich um. „Alles in Ordnung?“

„Ja.“ Zumindest hoffte sie das. J. D. hatte nicht gesagt, ob es ein schöner oder ein schlechter Traum gewesen war.

Sie ging aus dem Haus und stieg in den Truck. Das Blockhaus war zwar in Laufweite, aber sie hatte es eilig.

Ein paar Minuten später erreichte sie ihr Ziel. J. D. wartete schon auf der Veranda.

Er hatte sich rasiert. Ohne Dreitagebart wirkten seine scharf geschnittenen Gesichtszüge noch markanter.

Das Hemd – eines von Caleb – hatte er nicht zugeknöpft. Die Jeans gehörten auch Caleb und waren enger als seine eigenen.

„Sollen wir uns hier unterhalten oder lieber ins Haus gehen?“

„Wie du willst.“ Wo sie das Gespräch führten, spielte keine Rolle. Er machte sie nervös. Seine Bauchmuskeln, sein Nabel, der ausgefranste Bund der Jeans. Sogar seine nackten Füße wirkten sexy.

„Lass uns draußen bleiben“, schlug er vor.

Statt auf einem der Stühle ließ er sich auf der obersten Stufe der Verandatreppe nieder.

Jenna hatte keine andere Wahl, als sich neben ihn zu setzen. Viel näher, als ihr lieb war. „War es ein schöner Traum?“, fragte sie hastig.

„Ja. Aber auch beunruhigend. Ich habe mich selbst gesehen, als ich ein kleiner Junge war. Ich war in einem Stall und habe eine Fuchsstute gestriegelt. Ich bin mit Pferden aufgewachsen, Jenna. Das habe ich im Traum ganz deutlich gespürt.“

„Was ist daran beunruhigend?“ Jenna hatte ihn von Anfang an für einen Cowboy gehalten.

„Ich war ganz allein in diesem Traum. Da war keine Familie. Was weiß ich, vielleicht war ich ein Pflegekind, das schon zu alt war, um noch Adoptiveltern zu finden.“

Was für eine merkwürdige Vorstellung. Handelte es sich dabei um eine Erinnerung? „Warst du denn traurig in dem Traum?“

„Nein. Das Pferd hat mich glücklich gemacht.“

Das war Jenna mit Pferden auch schon immer so gegangen. Doch über seine Kindheit sagte das nicht viel aus. Aber seine Bemerkung über Pflegefamilien war zu konkret, um darüber hinwegzugehen. „Erzähl mir mehr über diesen Traum“, bat sie. „Warst du in Texas? Bist du hier aufgewachsen?“

„Ich weiß es nicht. Von der Umgebung habe ich nicht viel mitbekommen.“

„Aber du hast den Eindruck, dass du mit Pferden aufgewachsen bist?“

„Ja.“

„Falls du tatsächlich ein Pflegekind warst, dann hätten alle Familien, bei denen du gelebt hast, Pferde haben müssen. Wie wahrscheinlich ist das?“

„Keine Ahnung.“ Er wechselte das Thema. „Warum erzählst du mir nicht mehr von den Pferden hier auf Flying B?“

„Wie du möchtest. Wir haben eine ganze Reihe richtig guter Trekkingpferde. Ich bin momentan noch dabei, mich nach Schulpferden umzusehen.“

„Für Reitstunden?“

Sie nickte. „Genau. Pferde, die mit jedem Reiter zurechtkommen. Bei der Auswahl bin ich sehr anspruchsvoll. Bis jetzt habe ich erst zwei Wallache gefunden. Aber das sind auch wirkliche Prachttiere.“

„Darf ich sie mir mal ansehen? Ich will herausfinden, wie ich mich fühle, wenn ich mit Pferden zu tun habe. Bei der Gelegenheit kannst du mich auch den Arbeitern vorstellen. Dann finden wir heraus, ob mich jemand erkennt.“

„Lass uns lieber noch mal den Doc fragen. Du bist erst gestern aus dem Krankenhaus gekommen.“ Sie nahm ihr Handy aus der Handtasche und rief beim Doc an, erreichte aber nur seinen Rückrufservice. „Er ruft zurück.“

J. D. stand auf. „Dann mache ich mich jetzt fertig.“

Er verschwand im Blockhaus. Als er zurückkam, hatte er Strümpfe und Stiefel dabei und den Gürtel halb durch die Gürtelschlaufen gezogen.

Jenna konnte den Blick einfach nicht von ihm abwenden.

Bleib vernünftig, ermahnte sie sich und rief sich ihre Liste in Erinnerung. J. D. war attraktiv, und er mochte Pferde. Abgesehen davon entsprach er überhaupt nicht ihren Erwartungen, die sie auf ihrer Liste notiert hatte. Am wichtigsten war für sie, dass ein Mann an die Ehe glaubte. So wie sie. Und J. D. wirkte nicht wie ein treuer Ehemann.

Er setzte sich wieder neben sie. Dadurch machte er alle ihre vernünftigen Überlegungen zunichte und entfachte ein wahres Feuerwerk der Gefühle in ihr.

Bevor das Schweigen unangenehm werden konnte, meinte sie: „Wenn du mit Pferden aufgewachsen bist, dann bist du bestimmt ein guter Reiter.“

Er warf ihr ein beinahe verwegenes Lächeln zu. „Lass mich einfach auf einen wilden Mustang los. Dann werden wir ja sehen.“

Sie lachte. „Das fehlt mir noch, dass du abgeworfen wirst und noch mal auf dem Kopf landest.“

Dann rief der Doc endlich zurück und gab sein Okay. „Wenn du nicht zu lange unterwegs bist und dich nicht verausgabst“, erklärte Jenna, nachdem sie das Gespräch beendet hatte.

Als sie in den Truck stiegen, drehte J. D. sich zu ihr um. „Danke, Jenna.“

„Wofür denn?“

„Dass du dir so viel Zeit für mich nimmst.“

„Schon gut. Denk einfach nur an die Fortschritte, die du schon gemacht hast.“

„Das habe ich nur dir und deiner Familie zu verdanken. Wenn ich weg bin, solltest du wirklich mal in der Blockhütte übernachten. Wenigstens für eine Nacht.“

„Das Bett in meinem Zimmer reicht mir völlig.“

„Aber das schenkt dir keine Zauberträume.“

Jenna wiederholte, was sie ihm schon mal erklärt hatte: „Ich muss mich nicht auf Magie verlassen. Das passiert alles zur rechten Zeit ganz von allein.“

„Aber du wirkst so angespannt.“

Sie ließ den Motor an und fuhr zu den Ställen. „Momentan ist einfach viel los.“

„Wenn du jemanden zum Zuhören brauchst, bin ich dein Mann.“

Am liebsten hätte Jenna ihm die ganze verworrene Geschichte erzählt und sich an seiner starken Schulter ausgeweint. Aber das war keine Lösung.

Sie parkte gleich neben dem Stall. Als Erstes stellte sie J. D. allen Arbeitern vor, die gerade in der Nähe waren. Niemand erkannte ihn.

Dann führte sie ihn in den Stall, in dem die Schulpferde untergebracht waren.

„Das hier ist Pedros Pride“, sagte sie, als ein geschecktes Pferd ihnen den Kopf wie zur Begrüßung entgegenstreckte. „Aber ich nenne ihn einfach nur Pedro.“

J. D. ging auf das Pferd zu. Es war Liebe auf den ersten Blick. Jenna blieb im Hintergrund und freute sich über den Anblick.

„Er ist groß und elegant“, meinte J. D. „Und Manieren hat er auch.“

Während er mit beiden Händen über den kräftigen Rumpf des Wallachs fuhr, stand das Pferd geduldig still.

„Wie ich sehe, bist du ganz in deinem Element“, stellte Jenna fest.

„Das bin ich. Das fühlt sich richtig an.“ Er legte kurz die Hand aufs Herz. „Hier. Wo es am wichtigsten ist.“

Im Herzen, dachte sie. „So fühle ich mich auch immer, wenn ich hier bin.“

„Du hast wirklich Glück, dass das hier dein Beruf ist.“

„Deiner wahrscheinlich auch. Du erinnerst dich nur nicht an die Details.“

J. D. blieb neben dem Wallach stehen. „Wie lange ist dieser Caleb noch unterwegs?“

„Ich glaube, er soll irgendwann nächsten Monat wiederkommen. Warum?“

„Wenn du jemanden brauchst, der für ihn einspringt, könntest du mich anheuern. So kann ich mich für deine Freundlichkeit erkenntlich zeigen.“

Unter diesen Umständen leuchtete sein Angebot ein. „Darüber muss ich erst mal mit unserem Vorarbeiter Hugh reden. Und natürlich auch mit dem Doc.“ Dann fügte sie hinzu: „Aber du bekommst den gleichen Lohn wie alle anderen. Nur weil du dich revanchieren willst, heißt das noch lange nicht, dass du für umsonst arbeitest.“

„Ich werde euch nicht enttäuschen.“

„Da bin ich mir ganz sicher.“ Aber nur vorübergehend, ermahnte sie sich.

J. D. würde nicht für immer auf Flying B bleiben.

J. D. warf erst Pedro, dann Jenna einen Blick zu. In Gesellschaft des Pferdes fühlte er sich wohl. Aber in Gegenwart der Frau? Nicht wirklich. Die Leidenschaft, die er zwischen sich und Jenna verspürte, machte ihn wahnsinnig.

Er wollte sich erkenntlich zeigen, auf der Ranch arbeiten und sich nützlich machen. Noch lieber aber wollte er Buckshot Hills so schnell und so weit wie möglich hinter sich lassen.

Sie gingen weiter, und Jenna stellte ihm Duke vor, das andere Reitschulpferd. Bei diesem Pferd handelte es sich um einen freundlichen Fuchs mit weißer Blesse und drei weißen Fesseln.

„Er sieht der Stute aus meinem Traum ähnlich. Vom Fell her.“ Bei dem Anblick fühlte sich J. D. wie der kleine Junge von damals. „Wenn ich Zuckerwürfel dabeihätte, würde ich ihm welche geben.“

„Nächstes Mal.“

„Ich wünschte, ich könnte ihn reiten.“

„Nächstes Mal“, wiederholte sie.

„Wie alt warst du, als du angefangen hast zu reiten?“, fragte er.

„Zehn.“

„So alt war ich in meinem Traum.“

„Zwei Jahre nach dem Tod meiner Mutter habe ich Dad gefragt, ob ich Reitstunden bekommen kann“, erzählte Jenna. „Das hat er erlaubt. Aktiv unterstützt hat er mich aber nicht. Als ich alt genug war, habe ich fast meine ganze Freizeit auf dem Reiterhof verbracht. Es war eine richtig gute Reitschule. Wie ein zweites Zuhause für mich.“

J. D. dachte über seine unbekannte Familie nach. „Meinst du, dass ich ein Pflegekind war?“

„Ich weiß es nicht. Aber was du über das Alter von Pflegekindern gesagt hast – das hat mich schon stutzig gemacht.“

Genauso ging es ihm auch dabei. „Die meisten Leute wollen Babys oder Kleinkinder.“ Er runzelte die Stirn. „Stimmt doch, oder?“

„Keine Ahnung.“

Er begegnete ihrem Blick. „Käme es für dich jemals infrage, ein fremdes Kind großzuziehen?“

„Ehrlich gesagt habe ich mich noch nie mit dem Thema beschäftigt. Aber ich liebe Kinder. Wenn das meinem Mann wichtig wäre, würde ich auf jeden Fall darüber nachdenken. Und du?“

„Ich?“ Unbehaglich wich er einen Schritt zurück. „Ich glaube nicht, dass ich einen guten Vater abgeben würde. Ich habe doch schon genug Schwierigkeiten, mit mir selbst klarzukommen.“

„Mein zukünftiger Ehemann wird auf jeden Fall ein guter Vater sein. Das ist einer der wichtigsten Punkte auf meiner Liste. Ich will, dass er unseren Kindern Gutenachtgeschichten vorliest. Und sich als Weihnachtsmann verkleidet.“

„Das wäre nichts für mich.“ Allein der Gedanke versetzte ihn beinahe in Panik. „Ehe, Babys, Kindergeburtstage, Weihnachten.“

„Ich wollte damit nicht sagen, dass du all das tun sollst. Und sobald du dich daran erinnerst, wer du bist, kannst du wieder zu dem Leben zurückkehren, das dir gefällt.“

J. D. nickte. Ja, das würde er tun. Aber das tröstete ihn nicht. Es tat weh, nicht gut genug für Jenna zu sein.

Warum das so war, konnte er nicht einmal ansatzweise nachvollziehen.

4. KAPITEL

Eine Woche verging, ohne dass J. D. irgendwelche Träume oder die Polizei neue Informationen über seine Identität hatte. Wenigstens hatte er sich genug erholt, um zu arbeiten.

Heute war er damit beschäftigt, die Pferdeställe auszumisten, während Jenna die Sattelkammer aufräumte. Wenn er im Vorübergehen einen kurzen Blick auf sie warf, klopfte sein Herz so heftig, dass er den Puls noch in der Magengrube spüren konnte.

„J. D.?“

Er drehte sich um. Manny, einer der Rancharbeiter, kam auf ihn zu. Er war gerade erst zweiundzwanzig Jahre alt und ein richtiger Draufgänger. J. D. wünschte sich, so durchs Leben gehen zu können. Aber je mehr Zeit verging, desto deutlicher wurde ihm bewusst, dass er schon lange vor seiner Verletzung Probleme gehabt haben musste.

„Ein paar Leute von uns wollen heute Abend in die Stadt. Ins Lone Star Lucy’s“, sagte Manny. „Du solltest mitkommen, J. D.. Es würde dir guttun, mal rauszukommen.“

„Klar.“ Er hatte nichts Besseres zu tun.

Manny grinste. „Ein paar von den Hausangestellten sind mit von der Partie.“

J. D. rang sich ein Lächeln ab. „Ich nehme an, auch die Frau, auf die du stehst?“

„Oh ja. Und ich werde sie nicht aus den Augen lassen. Wart’s ab.“

„Da habe ich keinen Zweifel. Kommen die Byrds auch?“ Er wünschte sich, dass Jenna mit dabei sein würde.

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Wahrscheinlich hat einfach niemand daran gedacht, sie einzuladen. Wenn es nicht um die Ranch geht, haben wir nicht viel mit denen zu tun.“

„Dann ist das vielleicht die Gelegenheit, das zu ändern.“

„Du kannst sie ja fragen, wenn dir danach ist.“ Manny lachte.

„Es wäre bestimmt nett mit dem Doc und mit Tammy“, sagte J. D.

„Ja, Tammy ist ein echtes Cowgirl. Und der Doc gewöhnt sich langsam ans Landleben. Und du darfst Jenna nicht vergessen, nach allem, was sie für dich getan hat. Du solltest sie auf einen Drink einladen.“

„Wenn sie die Einladung annimmt, mache ich das.“ J. D. versuchte, möglichst lässig zu klingen. „Sie hat gesagt, dass sie gern tanzt. Vielleicht fordere ich sie mal auf.“ Er wusste nicht, ob er ein guter Tänzer war. Aber er war bereit, es herauszufinden.

„Super. Du kannst bei mir mitfahren. Sagen wir um acht?“

„In Ordnung. Bis dann.“

Manny ging wieder an die Arbeit. J. D. stellte den Rechen weg und ging zu Jenna. Als er die Sattelkammer betrat, hängte sie gerade ein Zaumzeug an einen Haken.

Er kam gleich auf den Punkt. „Manny hat mich gefragt, ob ich heute Abend mit ihm und ein paar anderen ins Lucy’s gehe. Es wäre schön, wenn ihr auch kommt, Tammy, der Doc, Donna und du.“

„Da würde Donna nie hingehen.“

„Aber wie steht es mit dir?“

„Ich weiß auch nicht so recht, ob es mir da gefallen wird. Was ich so höre, geht es da ziemlich verrückt zu.“

Weil er hoffte, ihre Bedenken zu zerstreuen, versprach er: „Ich beschütze dich vor allen Verrückten.“

„Ach ja?“ Sie lachte leise. „Und wer beschützt mich vor dir?“

„Wenn der Doc und Tammy mitkommen, kann der Doc mir ein Schlafmittel verpassen, falls ich frech werde.“

Sie lachte. „Dann sorge ich wohl besser dafür, dass die beiden uns begleiten.“

Verdammt, er mochte sie viel zu sehr. „Ich habe gedacht, wir könnten tanzen. Zumindest würde ich das gern versuchen.“

„Das hört sich gut an.“

„Wir fahren um acht los“, sagte er. „Also, dann muss ich mal wieder zurück an die Arbeit.“

„Ich auch.“ Sie schwenkte das Zaumzeug.

„Bis dann, Jenna.“

„Bis später.“

Er wollte nicht daran denken, dass er sich schon bald für immer von ihr verabschieden musste. Wenigstens hatte er jetzt die Chance, sie beim Tanzen im Arm zu halten.

Als Jenna das Lone Star Lucy’s betrat, war der Laden schon ziemlich voll. Der Doc und Tammy hatten es nicht geschafft, mitzukommen. Also hatte sie sich ganz allein hergewagt.

Sie hatte keine Ahnung, wo J. D. und die anderen Leute von Flying B steckten. Bei der schlechten Beleuchtung konnte sie nicht viel erkennen. Die Männer flirteten aufdringlich mit ihr. Sie hatten die Cowboyhüte tief ins Gesicht gezogen. Dafür hielten sie die Bierflaschen umso höher. Die Frauen waren zu stark geschminkt, hatten das Haar zu Riesenmähnen toupiert und sich in viel zu enge Jeans gezwängt.

Als Jenna weiterging, fiel ihr die Tanzfläche auf. Eine digitale Jukebox sorgte für die Musik. Im hinteren Teil des Raumes entdeckte sie ein paar Billardtische.

J. D. hatte ihr versprochen, sie zu beschützen. Aber dazu war es bereits zu spät.

Ein betrunkener Cowboy beugte sich vor und hielt sie fest. „Wieso hast du es denn so eilig, Schätzchen?“

Sie zog ihren Arm weg. „Ich suche nur jemanden.“

„Du hast mich doch schon gefunden.“

Höchste Zeit, von hier zu verschwinden, dachte sie. Sie drehte sich um und stieß prompt mit J. D. zusammen.

„Nervt dich der Kerl?“

Ihr Puls beschleunigte sich. „Ja, aber jetzt ist alles okay.“

Der betrunkene Cowboy hatte sich auch schon wieder seinem Bier zugewandt.

„Wo sind denn der Doc und Tammy?“, fragte J. D.

„Die hatten noch was vor.“

„Also, ich freue mich jedenfalls, dass du da bist. Du siehst verdammt gut aus, Jenna.“

„Danke.“ Ihre Stiefeljeans waren so eng wie die der anderen Cowgirls in der Kneipe. Aber abgesehen vom scharlachroten Lippenstift, der zu ihrer schicken Seidenbluse passte, hatte sie nur einen Hauch Make-up aufgelegt. Auch mit der Frisur hatte sie es nicht übertrieben, sondern trug das Haar einfach offen.

J. D. musterte Jenna anerkennend. Als er ihrem Blick begegnete, sah sie ihn mit verführerischem Augenaufschlag an. Sie hatte vorgehabt, ihn zu beeindrucken. Das war ihr auch gelungen.

„Komm“, sagte er, „ich zeige dir, wo wir sitzen.“

Sanft legte er ihr den Arm um den Rücken. Dann schoben sie sich an den anderen Gästen vorbei. Die leichte Berührung verstärkte nur noch den Einfluss, den er auf sie ausübte.

Schließlich wies er mit der freien Hand in eine Ecke. „Da drüben sitzen wir.“

Sie entdeckte die Gruppe von Flying B.

Insgesamt waren sie zu neunt.

Jenna begrüßte die anderen. Die Frauen waren Teilzeitkräfte, die im Haus arbeiteten. Celia, Joy und Maria sahen hier in der Kneipe ganz anders aus als bei der Arbeit. Celias Oberweite sprengte beinahe ihr knallenges Top. Joy hatte die Augen dick geschminkt. Und Marias Kleid klebte geradezu an ihrer Figur. Sie rochen alle drei nach demselben Blumenduft. Wahrscheinlich hatten sie sich gemeinsam für den Abend zurechtgemacht und das Parfüm geteilt. Alle drei wirkten sehr nett. Drei Frauen, die einen Abend lang Spaß haben wollten.

J. D. wandte sich an Jenna. „Möchtest du etwas trinken? Ich lade dich ein.“

„Du sollst kein Geld für mich ausgeben.“ Sie wusste, dass er einen Vorschuss erhalten hatte. Aber viel war das nicht.

„Soll das ein Witz sein? Ich schulde dir viel mehr als nur einen Drink.“

Sie schenkte ihm ein Lächeln. „Auf jeden Fall einen Tanz.“

Er erwiderte ihr Lächeln. „Erst trinken wir etwas.“

Zuerst dachte sie an ein Glas Weißwein, doch dann änderte sie ihre Meinung. „Ich nehme ein Bier.“

„Wird sofort besorgt.“ Bevor er aufstand, trank er sein Bier aus.

Sie beobachtete J. D. auf dem Weg zur Bar. Er hatte einen richtig knackigen Po. Bevor ihr Interesse jemandem auffallen konnte, wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder den anderen zu. Dabei bemerkte sie, dass Manny ein Auge auf Maria geworfen hatte. Maria schien die Aufmerksamkeit zu gefallen, denn sie lehnte sich an ihn, wenn er mit ihr sprach, und lachte, wenn er etwas Lustiges sagte. Jetzt begriff Jenna, warum Manny den Abend organisiert hatte. Er wollte Maria näherkommen.

J. D. kam mit Jennas Bier zurück. Sie bedankte sich und bemerkte, dass er sich selbst auch noch eine Flasche geholt hatte.

„Wir sollten einen Toast ausbringen“, sagte er.

„Auf was denn?“

„Auf diese Nacht.“

Sie blinzelte und spürte, wie sie errötete. Hitze wallte in ihr auf. „Auf diesen Abend“, berichtigte sie ihn. „Nicht Nacht.“

„Sage ich doch.“

„Du hast Nacht gesagt.“

„Ehrlich? Bist du sicher?“

Sie nickte.

„Es ist ziemlich laut hier. Vielleicht hast du dich verhört.“

„Du hast dich versprochen, J. D.“ Das war ein freudscher Versprecher – oder wie auch immer man das nannte.

„Tut mir leid. Ich …“ Er spielte an seiner Bierflasche herum.

Jetzt wünschte sie sich, dass sie nichts gesagt hätte. „Mir auch.“

Sie wechselten das Thema. Aber ein gewisses Unbehagen blieb zurück.

Als sie dachte, dass es nicht noch schlimmer kommen könnte, warf Manny ihnen einen Blick zu und fragte: „Wann legt ihr denn eine flotte Sohle aufs Parkett?“

„Später“, antwortete J. D.

„Wir wollen auch tanzen“, sagte Manny und rutschte noch ein bisschen näher auf Maria zu. „Wir warten nur noch auf die Songs, die wir uns ausgesucht haben.“

Er drehte sich wieder zu den anderen um und überließ J. D. und Jenna ihrem Schicksal. Lieber Himmel. Sie wollte ja die Nacht mit J. D. verbringen. Sie wollte mit ihm Sex haben und dann im Zauberbett neben ihm einschlafen. Aber sie wusste, das würde nur in einem Gefühlschaos enden. Mit einem Mann etwas anzufangen, der unweigerlich wieder aus ihrem Leben verschwinden würde, passte nicht in ihre Lebensplanung.

„Sollen wir uns auch ein paar Songs aussuchen?“, fragte er. „Das hilft uns vielleicht, locker zu werden.“

„Klar. Einen Versuch ist das wert.“

Er stand auf. Ganz Gentleman, zog er für sie den Stuhl zurück. Höflichkeit war auch ein Punkt auf ihrer Liste. Jenna runzelte die Stirn.

Sie gingen zur Jukebox. Als sie endlich an der Reihe waren, sagte er: „Die alten Modelle haben mir besser gefallen.“

„Mir auch. Aber wir leben eben im Internetzeitalter.“

„Manche Dinge sollten so bleiben wie früher.“

Wie echte Kavaliere, dachte sie und unterdrückte ein neuerliches Stirnrunzeln. Ganz besonders an diesem Abend sollte sie nicht an ihre Liste denken.

Er überflog die Liste der Songtitel. „Die Jukebox ist vielleicht neu, aber die Musik ist es nicht.“

Sie stellte sich neben ihn. „Oh, diesen Song liebe ich.“

„Sehr romantisch.“

„Ich habe ja nicht gesagt, dass wir dazu tanzen müssen. Ich habe nur gesagt, dass mir der Titel gefällt.“

„Magst du den hier auch?“ Er deutete auf ein Duett. „Let’s Make Love“ hieß der Titel. Er schenkte ihr ein verwegenes Lächeln. „Bist du so mutig, dazu mit mir zu tanzen?“

Warum nicht? dachte sie. In diesem Augenblick kam es ihr vernünftiger vor, zuzugeben, dass sie sich zu J. D. hingezogen fühlte, als das zu leugnen. „Na klar. Mach schon. Und dann rocken wir so ab, dass das Parkett Feuer fängt.“

„Wenn ich dir nicht alle Hühneraugen platt trete.“ Er wählte den Song aus. „Noch einen?“

„Ich glaube, unter diesen Umständen reicht einer, oder?“

„Ja, wir sollten uns wahrscheinlich nicht übernehmen.“ Sie wandten sich von der Jukebox ab. „Hast du gewusst, dass Manny sich für Maria interessiert?“, fragte er.

Jenna warf einen Blick zur anderen Seite des Raumes. „Ja, das ist mir aufgefallen. Sie scheint ihn auch zu mögen.“

„Da wäre Manny überglücklich. Aber wer weiß, wie lange das hält?“

„Die beiden sind jung. Sie haben noch viel Zeit, den Richtigen oder die Richtige zu finden.“

„Glaubst du, dass alle Menschen so jemanden haben?“

„Nein. Aber nur weil es Leute gibt, die lieber allein bleiben.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, verheiratet zu sein. Allein der Gedanke daran versetzt mich in Panik.“

Das war ein weiterer Beweis, dass sie beide jedenfalls nicht füreinander bestimmt waren. „Auf mich wirkt diese Vorstellung ganz anders. Beruhigend.“

„Hast du deine Hochzeit schon genau geplant? Das Kleid und alles?“

„Nein. Das mache ich ganz bewusst nicht. Denn dann wäre die Hochzeit wichtiger als die Ehe.“

„Eine sehr vernünftige Einstellung.“

Das Lob tat ihr gut. „Danke.“

„Ich finde aber immer noch, dass deine Liste albern ist.“

„Du bist doch nur beleidigt, weil ich sie dir nicht zeige.“

„Du kannst mir doch nicht übel nehmen, dass ich die Liste sehen will! Wie soll ich Flying B verlassen, ohne zu wissen, was für einen Typ Mann Jenna Byrd mal heiraten will?“

„Du kannst ja irgendwann wiederkommen und meinen Mann kennenlernen.“

„Und ihm erzählen, dass wir zu ‚Let’s Make Love‘ getanzt haben? Du solltest den Song für den ersten Tanz auf deiner Hochzeit nehmen.“

„Ha, ha. Sehr witzig. Außerdem haben wir noch nicht getanzt.“

„Aber das werden wir. Wenn ich ein richtig mieser Tänzer bin, verderbe ich dir den Song für immer.“

Das wäre vielleicht besser als das Gegenteil, dachte sie.

J. D. deutete auf den Tisch ihrer Gruppe. „Hey, Manny und Maria wagen es.“

Sie folgte seinem Blick. Tatsächlich, das Pärchen bahnte sich den Weg zur Tanzfläche.

Jenna beobachtete die beiden. Sie schienen sich prächtig zu amüsieren.

„Sollen wir zurück zum Tisch gehen?“, fragte J. D.

Jenna nickte, und sie setzten sich wieder. Dann beugte sich J. D. zu ihr und fragte leise: „Ist es offensichtlich, dass wir uns zueinander hingezogen fühlen?“

„Für wen?“

„Die anderen.“

Sie sah sich um. „Wenn wir tanzen, auf jeden Fall. Das Parkett soll doch Feuer fangen.“

„Wenn ich mich nicht zu blöd anstelle.“

„Das wirst du schon nicht.“

„Man wird über uns reden.“

„Na und?“ Anstatt sich wegen der Neugier anderer Sorgen zu machen, fragte sich Jenna, wie berechtigt der Klatsch sein würde. „Wir flirten ein bisschen. Da ist doch nichts dabei. Schließlich verbringen wir nicht die Nacht zusammen.“

Er sagte nichts mehr. Die Warterei, bis ihr Song endlich drankam, war fast zu viel für ihre Nerven.

Ungefähr fünfzehn Minuten später war es endlich so weit. Die ersten Takte von „Let’s Make Love“ ertönten.

J. D. und Jenna sahen sich tief in die Augen.

Das war ihr Tanz.

J. D. nahm Jennas Hand. „Wollen wir?“

„Ja.“ Zusammen gingen sie zur Tanzfläche.

Er nahm sie in den Arm. Plötzlich wusste er nicht weiter. Er wusste immer noch nicht, ob er tanzen konnte. Also blieb er einfach wie erstarrt stehen.

„Alles in Ordnung?“, fragte sie.

„Ich bin nervöser, als ich dachte.“

„Sollen wir es lieber lassen?“

„Nein. Ich will es versuchen.“ J. D. lauschte der Melodie, dem Text, der Stimme des Sängers. Davon ließ er sich leiten. Langsam entspannte er sich und begann mit Jenna zu tanzen.

Himmel, sie bewegten sich gut zusammen. Mehr als nur gut. Unvorstellbar gut. Und sie schauten sich die ganze Zeit tief in die Augen.

„Du weißt ganz genau, wie man tanzt“, sagte sie.

Sie auch. Aber natürlich waren ihre Tanzkünste nie infrage gestellt worden.

Während sie tanzten, schienen weder die anderen Tänzer noch die Kneipe zu existieren. Die Welt um sie herum verschwamm und bestand nur noch aus bunten Farben und Lichtreflexen.

J. D. hatte nur Augen für Jenna. Er zog sie enger an sich. „Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, dir begegnet zu sein. Ich bin sogar dankbar, dass ich mein Gedächtnis verloren habe.“

„Ich freue mich auch, dass wir uns kennengelernt haben. Aber das mit dem Gedächtnisverlust solltest du nicht sagen.“

„So habe ich die Gelegenheit, noch mal von vorne anzufangen.“

„Du fängst aber nicht von vorne an, J. D. Das ist nur eine Pause für dein anderes Leben.“

„Mein anderes Leben ist mir egal.“

„Das darfst du auch nicht sagen. Wer du bist, sollte dir wichtig sein.“

Wie denn, wenn er sich nicht daran erinnern konnte?

Dann schwiegen sie. Und er war dankbar dafür. Er lebte diesen Augenblick. Ganz und gar ging er im Hier und Jetzt auf.

Diese Erinnerung würde er nie vergessen.

Als der Song vorbei war, kam J. D. wieder zu sich. Aber deswegen fühlte er sich noch lange nicht, als ob er festen Boden unter den Füßen hatte. Er sehnte sich danach, Jenna zu küssen. Ihre rubinroten Lippen zu kosten.

„Ich brauche frische Luft“, sagte er. „Wie sieht es mit dir aus?“

„Auf jeden Fall.“ Sie wirkte genauso benommen, wie er sich fühlte.

Er führte sie nach draußen. Dort waren sie aber nicht allein. Andere Besucher waren zum Rauchen nach draußen gegangen. Die Zigarettenglut leuchtete im Dunkeln.

Was Glut anging …

J. D. spürte immer noch, wie sehr es zwischen ihm und Jenna gefunkt hatte. Anscheinend ging es Jenna genauso. Ihre Stimme zitterte. „Ich habe doch gesagt, dass das Parkett Feuer fangen wird. So habe ich noch nie in meinem Leben getanzt.“

„Ich auch nicht, glaube ich.“ Er bemühte sich verzweifelt, alles in Perspektive zu sehen. „Wie lang war der Song eigentlich?“

„Drei oder vier Minuten.“

„So kurz?“

„Ich weiß. Aber es war wunderschön.“ Sie schloss die Augen.

„Vielleicht solltest du den Titel wirklich als Hochzeitssong nehmen.“

Sie machte die Augen wieder auf. „Niemals. Nicht nach diesem Tanz mit dir. Das wäre meinem Mann gegenüber nicht fair.“

„Wäre es fair, wenn ich für eine Weile dein Liebhaber wäre?“ J. D. konnte einfach nicht anders, als diese Frage zu stellen.

„Das wäre sehr verlockend.“ Jenna verschränkte die Arme vor der Brust. Eine Abwehrhaltung, die sie unglaublich verletzlich wirken ließ. „Aber wenn wir miteinander schlafen, wird alles noch viel schwieriger. Ich mag dich jetzt schon viel zu sehr. Und wenn du weg bist, würde ich dich noch mehr vermissen.“

J. D. bekam Gewissensbisse. Aber er wollte immer noch mit Jenna zusammen sein. Trotzdem sagte er: „Du hast recht. Das würde nicht funktionieren. Wir sollten einfach nur Freunde sein.“

Sie nickte. Aber sie rührte sich nicht. Und sie sah immer noch viel zu verletzlich aus. Er wollte sie festhalten. Aber er hielt sich zurück und berührte sie nicht. Für diesen Abend hatte er schon genug angerichtet.

„Ich hatte noch nie eine Affäre“, sagte sie unvermittelt.

Eine solche Erklärung hatte er nicht erwartet.

Sie fuhr fort: „Ich hatte bisher zwei Liebhaber. Mit beiden hatte ich eine feste Beziehung. Aber keiner von ihnen war der Richtige.“

„Nicht tauglich als Ehemann?“

„Ich habe mich in ihnen getäuscht. Darum habe ich die Liste überhaupt angelegt. Ich habe einfach so etwas wie einen Leitfaden gebraucht. Schwarz auf weiß.“

Er dachte über den zeitlichen Ablauf nach. Sie hatte ihm gesagt, dass sie mit der Liste begonnen hatte, als sie fünfundzwanzig war. Jetzt war sie dreißig. „Dann hast du seitdem keine Beziehung mehr gehabt?“

„Ich bin ein paarmal ausgegangen. Mehr nicht. Ich warte lieber auf den richtigen Mann. Außerdem habe ich mich bis jetzt zu niemandem besonders hingezogen gefühlt …“

Sollte er es wagen, das laut auszusprechen? „Bis ich aufgetaucht bin?“

„Ja.“

Er stieß heftig den Atem aus.

Jenna holte auch tief Luft.

Dann folgte unbehagliches Schweigen.

Die Raucher traten ihre Kippen aus und gingen wieder in den Club. Dadurch war es noch stiller als vorher.

„Vielleicht sollten wir auch wieder reingehen“, sagte er.

Eine Haarsträhne fiel ihr ins Gesicht, und Jenna strich sie zurück. „Ich glaube, ich sollte nach Hause fahren, J. D.“

Damit du die Leidenschaft zwischen uns nicht mehr spüren musst, dachte er. „Ich begleite dich zu deinem Truck.“

„Danke.“ Sie ging voraus.

Als sie ihren Pick-up erreicht hatten, stellte sie das Offensichtliche fest. „Da sind wir.“

Wenn das ein Date wäre, würde er sie jetzt küssen.

J. D. achtete darauf, ihr nicht zu nahezukommen. „Komm gut nach Hause.“

Sie stieg in den Truck und ließ den Motor an.

Als sie wegfuhr, starrte er in die Dunkelheit und fühlte sich viel zu einsam.

Jenna lief in ihrem Zimmer auf und ab. Schließlich hatte sie genug und ging in die Küche. Dort bereitete sie sich warme Milch zu. Als sie klein war, hatte ihre Mutter ihr oft warme Milch gemacht. Auch heute war das immer noch eine Wohltat für sie.

Sie kippte die Milch in eine große Kaffeetasse und ging wieder Richtung Schlafzimmer. Es war nach Mitternacht. Also erwartete sie nicht, noch jemandem zu begegnen.

Doch sie hatte sich getäuscht. Sie bemerkte, dass die Tür zu einem leeren Gästezimmer offen war und Licht in dem Raum brannte. Neugierig steckte sie den Kopf durch die Tür und erblickte ihre Schwester. „Was machst du denn hier?“

Donna fuhr herum und presste sich die Hand aufs Herz. „Jetzt hast du mich zu Tode erschreckt!“

„Tut mir leid. Du siehst aber noch ganz lebendig aus.“ Das war vermutlich ziemlich dämlich, weil offensichtlich. Aber na ja.

Nach einem kurzen Schweigen antwortete Donna auf ihre ursprüngliche Frage. „Ich kann nicht schlafen und mache mir immer noch Gedanken, welche Tapete die richtige ist.“

„Ich bin heute Abend ausgegangen“, sagte Jenna.

„Wohin denn?“

„Lone Star Lucy’s.“

Donna zog die Nase kraus. „Diese Cowboy-Bar? Wieso das denn?“

„Einige Rancharbeiter und Hausangestellte haben sich da getroffen. J. D. hat mich eingeladen. Uns alle. Dich, mich, Tammy und den Doc. Aber ich war die Einzige, die hingegangen ist.“

„Mir hat niemand etwas von der Einladung erzählt.“

„Wärst du denn mitgekommen?“

„Auf keinen Fall.“

„Warum hätten wir dir dann etwas davon sagen sollen?“

„Aus Höflichkeit. Dann hätte ich die Einladung selbst ablehnen können.“ Donna setzte sich auf den Stuhl neben dem Fenster. „Und, entspricht die Kneipe ihrem Ruf?“

Jenna setzte sich auf die Bettkante. „Als ich dort war, war es nicht weiter wild.“ Abgesehen davon, was sie mit J. D. erlebt hatte. „Aber ich bin auch früh gegangen.“

„Dann hast du dich also nicht amüsiert.“

„Doch.“ Viel zu sehr.

„Warum bist du dann nicht länger geblieben?“

„Weil ich mit J. D. getanzt habe und er mir danach vorgeschlagen hat, mit ihm eine Affäre anzufangen.“

„Du hast doch gesagt, dass du nicht in ihn verliebt bist.“

„Ich werde nicht mit ihm ins Bett gehen“, sagte Jenna.

„Wer’s glaubt.“

„Ich habe dankend abgelehnt. Das schwöre ich.“ Sie hatte sich Donna in diesen Dingen noch nie anvertraut. Frauengespräche gab es zwischen ihnen nicht. Aber sie fuhr fort, weil sie hoffte, dass es einfacher werden würde. „Ich habe ihm erklärt, dass das keine gute Idee ist. Da hat er zugestimmt. Und wir haben beschlossen, dass wir es lieber lassen sollten.“

„Ich wette, das hat er nur gesagt, weil du ihn abgewiesen hast. Wenn du Ja gesagt hättest, wärt ihr jetzt zusammen im Bett. Sei ehrlich, Jenna.“

„Natürlich. Aber ich bin klug genug, lieber meinen Schlafanzug anzubehalten.“

„Der ist übrigens sehr hübsch. Seide und Spitze.“

Jenna hielt sich an ihrer Tasse fest. Sie hatte den Verdacht, dass Donna noch mehr über ihren Pyjama zu sagen hatte.

Tatsache. Ihre ältere Schwester fuhr fort: „So hübsch, dass man darin doch glatt zu J. D.s Blockhütte laufen und diese Kondome ausprobieren könnte, mit denen ich euch zufälligerweise versorgt habe.“

„Du sollst ihn mir ausreden und mich nicht ermuntern.“

„Das habe ich doch schon getan. Aber du wolltest ja nicht hören. Du bist mit ihm tanzen gegangen. Und das hat dazu geführt, dass er eine Affäre mit dir anfangen will.“

„Das hat er wieder zurückgenommen.“

„Ja, klar. Dann besuch ihn doch mal in seiner Hütte, um zu sehen, wie lange er braucht, um dich ins Bett zu zerren.“

Jenna warf Donna einen bösen Blick zu. Frauengespräche mit ihrer besserwisserischen Schwester nervten. „Ich gehe wieder ins Bett.“

„Allein?“

„Jawohl. Allein.“ Jenna stand auf.

Donna verdrehte die Augen. „Du warst schon immer ziemlich melodramatisch.“

„So in der Art?“ Jenna streckte ihr die Zunge raus.

Donna schüttelte den Kopf, und sie lachten beide. Jenna wurde auf einmal ganz warm ums Herz. Das war die Nähe, die ihr all die Jahre gefehlt hatte.

Aber bevor sie das Gefühl genießen konnte, war der Augenblick vorbei. Donna wirkte wieder ganz distanziert.

Jenna ging in ihr Zimmer. Es war ein Ding der Unmöglichkeit, aus Donna schlau zu werden.

Sie ließ die Milch stehen, legte sich ins Bett und zog sich die Decke bis zum Kinn hoch. Nein, sie würde nicht zu J. D. gehen.

Am nächsten Morgen hatte Jenna etwas in der Scheune zu erledigen. Aber J. D. lief sie nicht über den Weg. Sie konnte ihn nirgends entdecken. Neugierig warf sie einen Blick auf den Arbeitsplan und entdeckte, dass J. D. freihatte. Sie schaute auf die Uhr und beschloss, auf Pedro einen Ausritt zu unternehmen. Wenn sie J. D. mitnahm, könnte er Duke reiten. Beide Pferde brauchten Bewegung. Das wäre eine gute Gelegenheit.

Oder war das nur eine Entschuldigung, um J. D. zu sehen?

Als sie zu seinem Blockhaus ging, bekam sie Herzklopfen. Genau wie am Vortag, als sie mit ihm getanzt hatte. Wenn sie sich nur nicht so zu ihm hingezogen fühlte. Aber wenigstens hatte sie so viel Verstand, sein Angebot abzulehnen, mit ihr eine Affäre anzufangen.

Als sie die Blockhütte erreichte, stand J. D. in der Tür und sah sie an.

„Hi“, sagte sie und kam sich albern vor. „Was machst du gerade?“

„Ich wollte spazieren gehen.“

„Würdest du vielleicht stattdessen lieber mit mir ausreiten?“, fragte sie. „Ich kann Pedro nehmen und du Duke. Wir können zum Fluss reiten.“

„Ehrlich? Das wäre toll. Wann denn?“

„Jetzt gleich. Wir könnten unterwegs ein Picknick machen.

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