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BIANCA EXTRA BAND 62

LAURIE PAIGE

Der Ort, an dem die Liebe wohnt

Sie zu erobern – das war bestimmt nicht Jonahs Absicht, als er die hübsche Mary auf seiner Ranch eingestellt hat! Was macht sie nur mit ihm? Aber das ist nicht das einzige Rätsel, das Mary ihm aufgibt …

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Süße Nacht mit einem Fremden

Verblüfft sieht Dr. Nick Ciotti die schöne Becca, mit der er vor ein paar Monaten einen One-Night-Stand hatte. Sie erwartet ein Baby! Kann es wirklich sein, dass die Nacht süße Folgen hatte?

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Neuanfang auf der Schmetterlingsfarm

Liebe? Danach sucht Braden nicht, als er Cassie einen Antrag macht. Aber sie wäre eine tolle Mutter für seine kleine Tochter. Dabei sollte er wissen, dass Cassie nur aus einem Grund heiratet: Liebe!

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Bellas dunkles Geheimnis

Hudson kann nicht genau sagen, was ihm an der jungen Erzieherin Bella gefällt: eigentlich alles. Aber warum weist sie ihn beharrlich ab? Eine Herausforderung für den erfolgsverwöhnten Millionär …

Der Ort, an dem die Liebe wohnt

1. KAPITEL

Mary McHale nahm den Zettel mit der Wegbeschreibung zur Hand. Auf der Bleistiftskizze war weder eine Brücke noch ein Fluss zu erkennen.

Sie ließ den Blick über die bewaldeten Hügel schweifen und lauschte dem leise murmelnden Wasser unter der Holzbrücke. Alles zusammen wirkte so friedlich und idyllisch, dass sie gern noch ein wenig geblieben wäre.

Es war ein Ort zum Entspannen, um die Welt hinter sich zu lassen und zu sich selbst zu finden. Doch Mary musste weiter. Sie hatte versprochen, am Nachmittag einzutreffen. Außerdem brauchte Attila sein Futter und einen Trog Wasser.

Seufzend wendete sie ihren alten Jeep mit dem Pferdeanhänger und fuhr den Weg zurück, den sie gekommen war. Irgendwo musste sie falsch abgebogen sein.

Nach etwa fünf Kilometern zweigte eine Schotterstraße ab, die sie zuvor wohl schlicht übersehen hatte. Auf einem handgemalten Wegweiser las sie den Namen des Ortes, zu dem sie unterwegs war, und atmete erleichtert auf.

Kurze Zeit später sah sie einen hölzernen Torbogen vor sich und darüber das Schild Towbridge-Ranch, erbaut 1899. Hinter dem Tor folgte Mary einem Kiesweg, der sich durch einen lichten Wald schlängelte. Zwischen den Nadelbäumen konnte sie Zelte und Wohnwagen erkennen. Grillplätze mit Tischen und Bänken luden zum Picknicken ein.

Endlich stand sie vor einem massiven Blockhaus, offenbar das Hauptgebäude der Ranch. Sie parkte den Wagen abseits neben einem Schuppen und nahm die Postkarte zur Hand, die sie im Touristenbüro in Lost Valley gekauft hatte. Darauf waren die sieben Bergspitzen zu erkennen, die den Gebirgszug The Seven Devils bildeten.

Sie richtete den Blick nach Westen, wo sich Die sieben Teufel bedrohlich erhoben. Hinter dem Gebirgszug ging gerade die Sonne unter – genau wie auf der Ansichtskarte in ihrer Hand. Der Himmel über dem Gebirgszug prangte in Rot- und Goldtönen und warf geheimnisvolle Schatten auf die bewaldeten Hügel. Plötzlich überfiel Mary eine seltsame Schwere – eine Traurigkeit, als ob ein schreckliches Unheil über allem schwebte und als ob sie schon einmal hier gewesen wäre …

Attilas leises Wiehern riss sie aus der beklemmenden Stimmung. Ich sollte mich jetzt lieber um mein Pferd kümmern, statt unsinnigen Gedanken nachzuhängen.

Nachdem sie den Hengst aus dem Anhänger befreit hatte, führte sie ihn zu einer kleinen Wiese neben dem Haus, auf der ein Wassertrog stand. Sie ließ das Pferd trinken und band es dann lose an den Zaun, um ihm genügend Platz zum Grasen zu geben.

Dann ging sie entschlossen auf das Blockhaus zu, um sich ihren neuen Chefs vorzustellen, Keith Towbridge und Jonah Lanigan.

Die Eingangstür stand offen, und Mary trat in eine mit Holz verkleidete Diele. Zur Linken befand sich ein Tresen, offenbar die Rezeption, dahinter war ein kleines Büro zu sehen. In einem Raum daneben waren Regale mit Konserven und Campingbedarf zu erkennen, vermutlich ein kleiner Laden für die Campingplatzgäste.

Ihr Blick schweifte nach rechts in einen großen gemütlichen Aufenthaltsraum mit hoher Decke und einem gemauerten Kamin, vor dem mehrere Sessel und ein Sofa standen. Das übrige Mobiliar bestand aus rustikalem Holz.

Von der Diele aus führte eine Holztreppe in den oberen Stock. Im Gang neben der Treppe befanden sich noch weitere Räume. „Hallo, ist jemand da?“, rief sie.

Es war so still, dass sie ihren eigenen Atem hören konnte. Leichte Panik ergriff sie. „Hallo!“, rief sie lauter.

„Hier in der Küche!“, meldete sich eine männliche Stimme.

Mary ging auf die beiden offenen Türen am Ende des Gangs zu. Hinter der einen befand sich ein Essraum mit mehreren Tischen, gegenüber lag die strapazierfähig eingerichtete Küche.

Ein Mann, dünn und langbeinig wie ein Präriewolf, musterte sie, ohne seine Arbeit am Spülbecken zu unterbrechen. Sein markantes Gesicht wirkte ernst, aber nicht unfreundlich.

Genau wie Mary trug er Jeans und Stiefel und ein weißes T-Shirt, darüber ein offenes Holzfällerhemd. Nur der Hut fehlte – Mary selbst hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, ihr langes Haar unter einem alten grauen Stetson zu verbergen.

„Sind Sie die neue Ranchhelferin?“

„Ja.“

„Ich hoffe, Trek hat den Weg gut beschrieben.“

Trek Lanigan betrieb das Touristenbüro in Lost Valley, in dem er auch indianisches Kunsthandwerk verkaufte. Ein Pferdetrainer, den Mary von früher kannte, hatte zufällig das Stellenangebot in Treks Laden entdeckt und sie gleich angerufen.

„Sie müssen Jonah Lanigan sein. Sie sehen Trek sehr ähnlich.“

„Ja, er ist mein Cousin.“ Er streckte ihr die Hand hin. „Wir haben miteinander telefoniert.“

Er ging zum Herd und schnippelte eine rohe Kartoffel in einen großen Suppentopf, dem ein verlockender Duft entstieg.

„Können Sie kochen?“, fragte er.

„Ja, aber davon stand nichts in der Stellenbeschreibung.“

Ihr Blick fiel in das Esszimmer gegenüber, und sie fragte sich, ob sie mit den Gästen zusammen essen und sich womöglich auch sonst um sie kümmern müsste. Es war nicht unbedingt ihr Ding, den ganzen Tag mit vielen Leuten zusammen zu sein. Sie arbeitete lieber für sich alleine.

„Keith Towbridge, mein Partner, wohnt im alten Farmhaus am anderen Ende der Ranch“, erzählte Jonah Lanigan, während er im Kochtopf rührte. „Er hat das Haus zusammen mit seiner Frau Janis renoviert, als er die Towbridge-Ranch übernommen hat. Die beiden haben einen kleinen Sohn, Keith Junior. Na, Sie werden die drei im Laufe der Woche ja bestimmt noch kennenlernen.“

Er warf ihr einen prüfenden Blick zu. Sein Haar war fast schwarz, seine Augen von einem rauchigen Blaugrau, hinter dem sich jede Regung verbarg. Er war um einiges größer als sie, obwohl sie nicht gerade klein gewachsen war und besonders in ihren Arbeitsstiefeln mit den dicken Sohlen so manchen Mann überragte. Es verunsicherte sie, dass sie zu ihm hochschauen musste.

„Ich … hm … muss mich um mein Pferd kümmern. Es braucht einen Stellplatz.“

„Die Ställe sind hinter dem Haus.“ Er runzelte die Stirn, als würde er überlegen. „Daneben gibt es eine Schlafbaracke, doch wir finden sicher auch ein Zimmer im Haus.“

„Die Baracke ist völlig in Ordnung“, wandte sie rasch ein. „Allerdings hätte ich gern einen eigenen Schlafraum.“

Er schüttelte den Kopf. „Es gibt dort nur ein Zimmer mit vier Stockbetten.“ Er überlegte kurz. „In der oberen Etage haben wir ein Einzelzimmer, das kaum benutzt wird. Stellen Sie Ihre Sachen für den Moment einfach dort ab, dann sehen wir weiter.“

„Okay.“ Sie ging nach draußen und atmete tief durch. Das wäre fürs Erste geschafft.

Attila wieherte, als Mary auf ihn zuging. Sie klopfte ihm beruhigend den Hals, bevor sie die Ställe hinter dem Haus in Augenschein nahm.

Im Pferdestall gab es acht Boxen, die alle leer standen. Offenbar hielten sich die Pferde irgendwo draußen auf. Eine der Boxen schien frei zu sein, denn es lag kein Stroh darin. Mary holte mit der Heugabel Stroh von einem Stapel in der Ecke und verteilte es auf dem Lehmboden. Dann band sie Attila los und führte ihn auf die Koppel neben den Ställen, um ihm noch etwas Auslauf zu gönnen.

Sein graubraunes Fell schimmerte in der Abendsonne. Er schien erschöpft zu sein, denn er hinkte noch stärker als gewöhnlich. Vor drei Jahren hatte sie den Hengst ersteigert. Niemand hatte ihn haben wollen, denn als Rennpferd hatte er versagt, und als Arbeitstier war der temperamentvolle Wallach nicht zu gebrauchen.

Doch Mary hatte sofort gesehen, was in Attila steckte. Sie kannte den Hengst bereits von dem Rennplatz, wo sie als Pferdetrainerin beschäftigt gewesen war, und hatte ihn spontan ins Herz geschlossen.

Neben der Blockhütte mit den Stockbetten, von der Jonah gesprochen hatte, entdeckte sie einen kleinen Anbau und ging neugierig hinein. Die Tür war nicht abgeschlossen, und sie trat ein. Das Innere wirkte sehr anheimelnd, doch es schien länger niemand dort gewohnt zu haben, denn alles war voller Staub und Spinnweben.

Mary fand, dass dieser Anbau genau die richtige Bleibe für sie wäre. Warum hatte ihr Boss ihn nicht erwähnt? Hier hätte sie doch genügend Platz und wäre ungestört. Zufrieden eilte sie zur Lodge zurück, um Jonah zu fragen, ob sie dort wohnen könnte.

Schon von Weitem hörte sie jemanden fluchen, und als sie zur Hintertür kam, sah sie Qualm aus dem Küchenfenster dringen. Gleich darauf kam Jonah aus der Tür. Mit Topfhandschuhen bewaffnet, trug er ein qualmendes Backblech vor sich her, auf dem nur noch schwarze Klumpen zu erkennen waren. Kurzerhand warf er das Blech samt Inhalt wütend auf die Wiese hinter dem Haus.

„Das Gras könnte anfangen zu brennen“, wandte Mary vorsichtig ein.

Er nickte und griff nach dem Wasserschlauch, der an einem Haken an der Hauswand hing. Er drehte den Hahn auf und besprengte das Küchenblech mit Wasser. „Zufrieden?“ Mürrisch stapfte er ins Haus zurück, und Mary folgte ihm.

„Brauchen Sie Hilfe?“, fragte sie vorsichtig, um ihn nicht noch weiter zu reizen.

„Können Sie Plätzchen backen?“

„J-Ja.“ Ihr Blick fiel auf eine Tüte Maismehl. „Oder vielleicht lieber Maisbrot? Das essen die meisten gern zur Suppe.“

„Ganz egal.“ Er lief aus der Küche, denn in seinem Büro klingelte gerade das Telefon.

Mary rührte einen Teig an und formte mehrere kleine Brotlaibe, die sie in den Ofen schob. Dann probierte sie die Suppe. Sie schmeckte nicht schlecht, nur ein wenig salzig. Sie fügte ein paar gelockte Nudeln dazu, um das Salz etwas aufzusaugen, und würzte die Suppe mit Pfeffer, Knoblauch und einer Prise Zucker nach.

Während die Suppe weiterköchelte, holte sie das verkohlte Backblech von der Wiese, schrubbte es mit einem Topfreiniger im Spülbecken sauber, trocknete es und stellte es in das Regal neben den Herd. Dann sah sie sich in der Küche um. Wenn sie hier auch als Köchin und Tellerwäscherin fungieren sollte, und es sah ganz danach aus, dann wäre es gut, sich mit dem Terrain vertraut zu machen.

„Kochen Sie jeden Abend?“, fragte sie, als Jonah zurückkam.

„Nur wenn wir Gäste im Haus haben. Im Moment wohnen hier sechs Geschäftsleute, die mit sportlichen Aktivitäten ihren Teamgeist stärken wollen. Sie reisen morgen früh wieder ab. Danach haben wir keine festen Buchungen, bis im nächsten Monat die Jagdsaison startet. Doch oft melden sich Leute kurzfristig an. Und natürlich haben wir auch immer Campinggäste da, aber die versorgen sich selbst.“

„Haben Sie keinen Koch?“

„Wir hatten eine Haushaltshilfe, aber die hat vor Kurzem gekündigt.“

Aus seiner Stimme klang Verärgerung. „Anscheinend war es ihr hier draußen zu einsam.“

„War sie nett?“

Er runzelte irritiert die Stirn. „Schon, aber nicht, was Sie vielleicht meinen.“

„War nur so eine Frage. Übrigens habe ich mir den Anbau neben der Schlafbaracke und dem Stall angesehen. Mir scheint, diese Hütte wird gar nicht benutzt.“

„Im Moment nicht, die meisten ziehen es vor, hier im Haus zu übernachten.“

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, dann würde ich gern dort wohnen.“

Er schüttelte den Kopf. „Für den Sommer ginge das, aber im Winter ist es zu kalt. Es gibt nur den Holzofen und kein fließendes Wasser.“

„Das macht mir nichts aus.“

„Nein, das ist keine gute Idee. Sie würden viel zu viel Holz brauchen.“

„Ich kann es selbst hacken.“

Er bedachte sie mit einem unwirschen Blick. „Dazu werden Sie keine Zeit haben. Wenn wir Gäste haben, gibt es alle Hände voll zu tun.“ Er wandte sich zum Gehen.

„Also gut, dann eben nicht.“ Sie würde sich wohl oder übel an die neuen Gegebenheiten anpassen müssen.

Noch vor drei Monaten hatte sie hochfliegende Pläne gehabt. Attila war gut im Springreiten, und sie hatte mit ihm für das große Turnier im nächsten Sommer trainieren wollen. In der Vorentscheidung hatten sie schon den zweiten Platz belegt. Doch dann verletzte sich Attila am Fußgelenk, und der Tierarzt verordnete eine mehrmonatige Übungspause.

Ihre feste Stelle auf der Rennbahn hatte sie daraufhin aufgegeben, um sich ganz Attilas Training widmen zu können. Sie brauchte also vorübergehend einen Job, wo sie ihr Pferd mitnehmen konnte. Die Stelle auf der Ferienranch in Idaho erschien ihr als perfekte Lösung.

Der Küchenwecker klingelte. Sie holte die goldbraun gebackenen Maisbrote aus dem Ofen und schob sie zum Abkühlen auf einen Rost. Nachdem sie das Blech gereinigt hatte, überlegte sie, was noch zu tun sei.

Sie erschrak, als sie plötzlich Jonah in der Tür stehen sah. Mit verschränkten Armen lehnte er am Türrahmen und musterte sie, wie sie fand, reichlich unverfroren. Sie versuchte, ruhig zu bleiben, fragte sich aber, wieso dieser Mann sie so nervös machte.

An seinem attraktiven Äußeren konnte es nicht liegen. Beim Rodeo und auf der Rennbahn hatte sie häufig mit gut aussehenden Männern zu tun gehabt. Vielleicht war es der wache, halb spöttische Ausdruck in seinen Augen, als könnte er in sie hineinsehen.

„Und was soll ich jetzt machen?“, fragte sie kühl.

„Gleich kommen die Geschäftsleute von ihrem Reitausflug zurück, dann können Sie sich um die Pferde und die Packesel kümmern. Keith hat gerade angerufen, dass er die Männer kurz vor dem Wald abgesetzt hat.“

Sie nickte und verließ die Küche – froh, seinem irritierenden Blick zu entkommen. Während sie über den Hof ging, sah sie die Männer aus dem Wald kommen. Sie sahen unrasiert und ein wenig abenteuerlich aus, als wären sie längere Zeit unterwegs gewesen.

„Hi, ich bin Mary“, stellte sie sich vor. „Ich kümmere mich um die Pferde. Sie können ruhig schon reingehen, das Essen ist fertig.“

„Das hört sich gut an!“, seufzte einer der Reiter. „Ich kann mich nicht erinnern, jemals so fertig gewesen zu sein.“

„Ja, das war eine ziemliche Gewalttour“, sagte ein anderer.

„Genau richtig zum Stressabbau“, bemerkte ein Dritter und brachte damit die anderen zum Lachen.

„Unser Boss wird sich wundern, wenn wir wieder im Büro sind“, sagte ein anderer und zwinkerte Mary zu.

Sie führte die Arbeitspferde und die Packesel auf die Koppel, nahm ihnen die Sättel ab und ließ sie trinken. Nachdem sie jedes Tier gestriegelt und die Hufe gesäubert hatte, brachte sie die sechs Pferde und die beiden Esel in den Stall und verteilte Futter in den Trögen.

Dabei stellte sie fest, dass mit den acht Tieren nun alle Boxen belegt waren. Sie musste Attila also woanders unterbringen. Unter dem Vordach des Schuppens bereitete sie ihm zwischen zwei Strohballen ein behelfsmäßiges Lager und beschloss, sich am nächsten Tag nach einem besseren Quartier umzusehen.

Ihr Gepäck war noch immer im Jeep. Sie holte die beiden Reisetaschen von der Rückbank und trug sie zum Blockhaus. Als sie die Treppe hochging, hörte sie aus dem Esszimmer die fröhlichen Stimmen der Geschäftsleute. Im Büro nebenan telefonierte Jonah. „Ja, sie ist angekommen.“ Unwillkürlich blieb sie stehen, denn offensichtlich ging es um sie.

„Sie hat sich schon ganz gut mit allem vertraut gemacht. Wusstest du, dass sie ein Pferd hat?“ Sein Gesprächspartner schien sich anerkennend zu äußern. „Ja, und sie kann kochen, stell dir vor“, fügte Jonah hinzu. „Ich weiß nicht, was sie mit der Suppe gemacht hat, aber die schmeckte hervorragend, genau wie ihr Maisbrot. Vielleicht haben wir ja diesmal mehr Glück.“

Mary hatte genug gehört. Ihr Boss hatte sie zwar gelobt, gleichzeitig war seine Skepsis deutlich herauszuhören. Doch wurde man nicht immer zuerst misstrauisch beäugt, wenn man irgendwo neu war?

„Sie ist dünn wie eine Bohnenstange“, hörte sie ihn noch sagen. „Wer weiß, ob sie die schwere Arbeit schafft.“ Ärgerlich stapfte Mary weiter die Treppe hoch.

„Tut mir leid, ich wusste nicht, dass Sie hier sind!“, hörte sie Jonahs Stimme von unten.

Sie blieb stehen und zuckte mit den Achseln. „Die meisten Männer trauen Frauen eben nichts zu. Wir müssen uns immer wieder von Neuem beweisen.“

„Na ja, das ist schon ein besonders hartes Leben hier. Im Winter ist alles zugeschneit, und wir müssen die Wege freischieben. Vorher muss die Herde von der Bergweide heruntergebracht werden, und bald geht es mit den Jagdgesellschaften los.“

„Ich habe keine Angst vor schwerer Arbeit.“

Nur vor Menschen. Aber das verschwieg sie lieber.

„Dann sind Sie hier ja goldrichtig.“

Während sie weiterging, rief er ihr hinterher: „Ihr Maisbrot war übrigens eine Wucht! Die Gäste waren begeistert. Und die Suppe erst. Wie haben Sie die so toll hingekriegt?“

Sie sah ihn über die Schulter an. „Es gibt Gewürze.“

Sein Lächeln traf sie völlig unvorbereitet. „Sie müssen mir mal zeigen, wie Sie das machen.“

Mary spürte plötzlich ein Flattern im Bauch. „Gern“, erwiderte sie.

„Ach, und noch was“, sagte er. „Sie müssten mir noch ein Formular mit Ihren persönlichen Angaben ausfüllen. Ich lege es hier unten auf den Tresen, ja?“

„In Ordnung.“

Ihr Zimmer befand sich am Ende des Gangs, wie Jonah es ihr beschrieben hatte. Sie stellte ihr Gepäck ab und schloss die Tür hinter sich, dann atmete sie tief durch. „Ich schaffe es!“, sagte sie laut zu sich selbst. „Ich bin erwachsen und brauche vor nichts mehr Angst zu haben.“

Doch die Erinnerung ließ sich nicht so einfach zurückdrängen. Sie spürte plötzlich wieder die abgrundtiefe Verlassenheit, die ihr als Kind den Boden unter den Füßen weggezogen hatte. Wie hilflos sie sich den vielen fremden Menschen gegenüber gefühlt hatte, die über sie bestimmten, ohne auf ihre Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen.

Ihr Vater hatte sie in einer Bar in Wyoming einfach sitzen gelassen. Sie hatte damals nur gewusst, dass sie drei Jahre alt war, aber sie hatte keine Ahnung, wo sie wohnte, oder was mit ihrer Mutter passiert war. Und irgendwann war sie ins Waisenhaus gekommen, wo ihr das lockige dunkle Haar nahezu abgeschoren wurde. Danach hatte sie für lange Zeit aufgehört zu sprechen, denn es hatte sich so angefühlt, als hätte man ihr Selbst zerstört.

Ein richtiges Zuhause hatte sie nie kennengelernt, und so hielt sie es auch nie lange an einem Ort aus. Manchmal kam es ihr vor, als suche sie beständig nach dem kleinen Mädchen, das vor der Bar in Wyoming vergeblich auf ihren Vater gewartet hatte …

Seufzend setzte sie sich aufs Bett. Das Zimmer war hübsch eingerichtet und würde ihr für ein paar Monate Zuflucht gewähren – die Möglichkeit, sich von der Welt zurückzuziehen.

Irgendetwas an dieser Gegend ängstigte sie. Im Touristenbüro in Lost Valley hatte sie die indianische Legende von den sieben Teufeln gelesen, die den Fluss durchquert und alle Kinder gefressen hatten, bevor Coyote, der Geist der Nacht, sie in sieben Berggipfel verwandelt hatte. Sie fand die Geschichte gruselig und faszinierend zugleich. Vielleicht rührte das seltsame Gefühl einer drohenden Gefahr von dieser Legende.

Oder hatte es etwas mit dem großen, gut aussehenden Mann zu tun, der mit seinen rätselhaften blaugrauen Augen mehr zu sehen schien, als ihr lieb war?

2. KAPITEL

Jonah fand das ausgefüllte Formular am nächsten Morgen am Empfangstresen. Seine neue Helferin musste es in aller Frühe schon hingelegt haben. Rasch überflog er die Angaben.

Mary McHale war sechsundzwanzig Jahre alt und hatte im März Geburtstag. Als Anschrift hatte sie postlagernd Wyoming angegeben. Aufgewachsen war sie auf einer Ranch und hatte nach der Schule sechs Jahre lang bei Rodeoveranstaltungen Pferde betreut. Während dieser Zeit war sie immer wieder umgezogen. Zuletzt hatte sie zwei Jahre auf einer Pferderennbahn in Kalifornien gearbeitet, aber vor einiger Zeit gekündigt, um ihr Pferd für das nächste große Springreitturnier zu trainieren.

Ganz schön mutig, fand er.

In der Spalte nächste Angehörige hatte sie keine angegeben.

Die Adresse der Ranch, auf der sie aufgewachsen war, kam ihm irgendwie vertraut vor, aber woher? Ah ja, von dort bekam er immer wieder einmal Spendenaufforderungen, denn es handelte sich um ein Waisenhaus. Das erklärte, warum Mary keine Angehörigen angegeben hatte.

Unerwartet überkam ihn Mitleid. Wie einsam und verlassen musste ein Kind sich fühlen, das keine Familie hatte. Er selbst konnte sich das schlecht vorstellen, wenn er an all seine Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins dachte! Sowohl seine Mutter als auch sein Vater hatten einen ganzen Clan hinter sich, mütterlicherseits gab es indianische, väterlicherseits temperamentvolle irische Wurzeln.

Aber eigentlich gingen ihn die Familienverhältnisse seiner neuen Mitarbeiterin gar nichts an. Ihn hatten nur ihre Zeugnisse und ihre beruflichen Fähigkeiten zu interessieren, und bis jetzt arbeitete sie ausgesprochen gut. Bei seinem Rundgang gestern Abend hatte er nichts zu bemängeln gehabt. Er hatte auch ihr Pferd gesehen, dessen Bein bandagiert war. Mit dem Training für das Springreitturnier dürfte es vorerst nichts werden.

Er fragte sich, ob sie womöglich all ihre Hoffnungen auf den Hengst gesetzt hatte – so wie Keith und er Geld und Energien in die alte Ranch investiert hatten, die Keith von seinem Großvater geerbt hatte. Dafür hatte Jonah seinen gut bezahlten Job als Marketingmanager in New York aufgegeben und war nach Idaho zurückgekehrt.

Zehn Jahre lang hatte er in New York gelebt und neben seinem anstrengenden Job sogar noch einen Bestseller über Marketingstrategien veröffentlicht. Doch irgendwann fing ihn seine Arbeit zu langweilen an. Er nahm sich eine Auszeit und zog in die Gegend zurück, wo er aufgewachsen war. Als sein Cousin Keith ihm angeboten hatte, gemeinsam die alte Ranch seines Großvaters wieder auf Vordermann zu bringen, da hatte Jonah spontan zugesagt und seine Stelle in New York gekündigt.

Er gab Marys Daten in den Computer ein, legte ein Gehaltskonto an und füllte die Anmeldung für die Sozialversicherung aus.

Der Duft von Kaffee und frischgebackenen Muffins lockte ihn in die Küche. Er schenkte sich eine große Tasse Kaffee ein, nahm sich einen Muffin und ging nach draußen auf die Veranda. Er sah, dass die Arbeitspferde und die Packesel bereits auf der Koppel standen. Auch der Hengst war dabei.

In diesem Moment kam Mary um die Ecke.

„Guten Morgen“, sagte er, und sie zuckte zusammen.

„Hallo, ich habe Sie gar nicht bemerkt.“

Genau wie bei ihrer Ankunft am Tag zuvor trug sie eine Brille, die sich je nach Sonneneinstrahlung verdunkelte, und ihr Haar war unter dem Hut versteckt.

„Ihre Muffins schmecken köstlich. Wie lange sind Sie denn schon auf?“

Sie zuckte mit den Achseln. „Ich war früh wach.“ Unschlüssig blickte sie auf ihre Stiefel.

„Übrigens sind die beiden Esel gern in einer Box zusammen“, sagte Jonah. „Sie können Ihren Hengst also in der freien Box unterbringen.“

„Danke.“ Sie stieg die Stufen zur Veranda hoch. „Ich frühstücke jetzt erst einmal.“

Er folgte ihr in die Küche. „Haben Sie was dagegen, wenn ich mir ein paar Eier brate?“, fragte sie, während sie sich Kaffee eingoss.

„Nein, fühlen Sie sich wie zu Hause.“

„Möchten Sie vielleicht etwas von meinem Omelett abhaben?“

„Hm, gern“, erwiderte er erfreut.

Sie holte Eier aus dem Kühlschrank, außerdem Butter und Käse. Dann entdeckte sie noch einen halben Räucherschinken und schnitt ein Stück ab. Kurz danach brutzelte ein duftendes Omelett in der Pfanne.

„Sie sind sehr geschickt in der Küche“, sagte er anerkennend und goss sich neuen Kaffee ein.

Es dauerte eine Weile, bevor sie antwortete. „Im letzten Schuljahr habe ich ein Berufspraktikum in einem Restaurant absolviert.“

„Das Waisenhaus wollte wohl sichergehen, dass Sie etwas lernen, bevor Sie auf eigenen Füßen stehen, oder?“

Sie zuckte heftig zusammen. „Woher wissen Sie …“

„Ich kenne die Adresse, die Sie angegeben haben“, erwiderte er bewusst beiläufig. „Von dort bekomme ich öfters Broschüren zugeschickt, worin um Spenden gebeten wird. Mir ist schleierhaft, woher die meine Adresse haben.“

„Sie kaufen Adresslisten“, erwiderte Mary knapp.

Sie legte gebutterten Toast auf zwei Teller und verteilte das Omelett darauf.

„Lassen Sie uns ins Esszimmer gehen, solange es noch frei ist“, schlug er vor und nahm die beiden Teller. „Unsere Gäste kommen sicher erst in einer Stunde herunter.“

Er ging voraus, und sie kam mit zwei Kaffeetassen hinterher.

Er langte herzhaft zu. „Mhm, das schmeckt fantastisch.“

„Danke.“

„Sie reden nicht viel“, stellte er fest.

„Vielleicht habe ich nicht viel zu sagen“, erwiderte sie mit spöttischem Lächeln.

Jonah fand seine neue Ranchhelferin ziemlich reserviert und fragte sich, ob er wohl mit ihr auskommen würde.

Mit der breiten Fensterfront zu drei Seiten bot das Esszimmer atemberaubende Ausblicke. Im Osten stieg gerade die Sonne über die Berggipfel und brachte mit ihrem warmen Glanz Marys Gesicht zum Leuchten.

Zum ersten Mal fielen Jonah ihre strahlend blauen Augen auf, und ihm stockte der Atem. „Sie haben wunderschöne Augen!“, sagte er spontan.

Sie sah ihn verwirrt an und rückte rasch ihre Brille zurecht, die sich durch die Sonneneinstrahlung rasch verdunkelte, sodass er ihre Augen bald nicht mehr erkennen konnte.

Obwohl er ihre Verlegenheit bemerkte, konnte er die Frage nicht lassen. „Warum tragen Sie eigentlich eine Brille? Soweit ich erkenne, ist es nur Fensterglas.“

„Ich habe empfindliche Augen.“ Die Antwort kam sehr schnell, als ob ihr die Frage schon öfters gestellt worden wäre.

„Aha“, murmelte er. „Man kann sich hinter einer Brille auch gut verstecken.“

Sie zuckte mit den Achseln. „Da gibt es nichts zu verstecken.“

Humor hat sie jedenfalls, dachte er.

„In der Nachbarschaft wohnen die Daltons. Die haben auch alle blaue Augen und schwarzes Haar.“

Durch die dunklen Gläser sah er ihren Blick auf sich gerichtet, aber sie zeigte keine Regung. „Das kommt öfters vor, vor allem in Irland“, erwiderte sie und trank von ihrem Kaffee.

„Sind Sie Irin?“

„Ich weiß nichts von meinen Vorfahren.“

„Ihr Name klingt jedenfalls irisch.“

„Den Namen hat man mir im Waisenhaus gegeben.“

„Wie alt waren Sie denn, als Sie dorthin kamen?“

„Ungefähr fünf.“

„Wissen Sie gar nichts von Ihren Eltern?“

Sie schwieg lange. „An meine Mutter kann ich mich nicht erinnern. Mein Vater hat mich verlassen, als ich ungefähr vier war.“

„Und bei wem haben Sie in der Zwischenzeit gelebt?“

„Bei einer alten Frau. Ein Junge aus der Nachbarschaft hat mich zu ihr gebracht, nachdem er mich weinend am Bordstein sitzen gesehen hatte.“ Sie lächelte in der Erinnerung. „Weil die alte Frau immer streunende Katzen und Hunde bei sich aufnahm, fand er wohl, dass sei die richtige Adresse.“

„Und wie ging es dann weiter?“ Er war begierig, ihre Geschichte zu hören. Es klang wie aus einem Film.

„Die alte Frau hat mich mit Essen und Kleidung versorgt und mich impfen lassen. Irgendwann hat sich offenbar ein Nachbar an die Polizei gewandt, weil ich nicht zur Schule gegangen bin. Die Polizei hat daraufhin das Jugendamt eingeschaltet, und so kam ich ins Waisenhaus.“

„Und das war auf einer Ranch?“

„Ja.“

„Sind Sie denn in Wyoming geboren?“

Ihre schön geschwungenen schwarzen Augenbrauen hoben sich verwundert. „Das habe ich immer angenommen, aber so genau weiß das wohl niemand.“

„War es denn schlimm im Waisenhaus? Die Dalton-Geschwister von der Nachbarranch waren auch eine Zeit lang im Waisenhaus, nachdem ihre Eltern verunglückt waren.“

„Nein, eigentlich war es ganz nett.“ Mary lächelte schief. „Schlimm fand ich nur, dass sie mir regelrecht die Haare geschoren haben, als ich dort ankam.“

„Wieso denn das?!“, fragte er entsetzt.

„Aus Angst vor Läusen, das ist anscheinend so üblich.“

Er stieß den Atem aus. „Nach einer glücklichen Kindheit hört sich das nicht an.“

Sie zuckte mit den Achseln und stand auf. „So, was gibt’s denn heute für mich zu tun?“

Von oben waren Schritte zu hören.

„Erst mal können Sie mir helfen, das Frühstücksbüfett für die Gäste herzurichten. Es gibt nur kalte Sachen. Warmes Frühstück machen wir erst, wenn es draußen friert.“

„Hm, scheint wirklich ein hartes Leben zu sein hier draußen.“

Ihr trockener Humor gefiel ihm. Und das war nicht alles. Während er ihr in die Küche folgte, betrachtete er fasziniert ihre langen Beine und ihre anmutige Gestalt mit den sanften Rundungen. Diese Frau könnte ihm definitiv gefährlich werden.

Offenbar war er nicht der Einzige, der Gefallen an ihr fand. Die bewundernden Blicke der Geschäftsleute entgingen ihm nicht, als Mary ihnen Kaffee ausschenkte.

Nachdem alles zum Frühstück bereitstand, ging Mary wieder zu den Ställen hinüber. Zufrieden stellte sie fest, dass Attila sich auf der Koppel mit den anderen Pferden offenbar wohlfühlte.

Sie säuberte die Boxen und breitete frisches Stroh aus, dann machte sie sich daran, Sättel und Zaumzeug abzureiben und zu ölen. Seit Langem schien das niemand mehr getan zu haben.

Nachdem sie es erledigt hatte, kümmerte sie sich um ihre eigenen Sachen. Sie spritzte den Pferdeanhänger aus und legte die Gummimatte zum Trocknen auf die Wiese.

Dabei fiel ihr Blick auf die sieben Berggipfel im Westen, und genau wie am Tag zuvor überkam sie wieder das unbehagliche Gefühl, als ob ihr eine Gefahr drohe. Vielleicht hätte sie die Legende von den sieben Teufeln besser nicht lesen sollen.

Diese dunklen Berge und ihr neuer Boss, beides beunruhigte sie auf unerklärliche Weise. Sie fragte sich, ob sie es auf der Towbridge-Ranch so lange aushalten würde, bis Attilas Fuß ausgeheilt war.

Doch sie brauchte eben das Geld. Und da es hier kaum Gelegenheit gab, es auszugeben, könnte sie einiges ansparen. Damit könnte sie sich über Wasser halten, wenn sie wieder anfing, Attila für das Springreitturnier zu trainieren. Sie hoffte nur, dass dies bald wieder möglich sein würde …

Während sie zum Haus zurückging, fragte sie sich, was ihr Boss wohl als Nächstes mit ihr vorhatte – hoffentlich eine Beschäftigung im Freien, bei der sie in Ruhe gelassen wurde.

An der Tür kam ihr Jonah entgegen. „Können Sie Betten beziehen?“

„Sie meinen, in den Gästezimmern?“

„Ja, die Zimmer müssten auch sauber gemacht werden, Papierkörbe leeren und so weiter.“

Sie sah ihn groß an. Dass sie hier auch die Putzfrau ersetzen sollte, hatte ebenfalls nicht in der Stellenbeschreibung gestanden.

Doch sie zuckte nur mit den Achseln und ging nach oben. Zuerst zog sie alle Betten ab und sammelte die Handtücher ein. Die Waschmaschine hatte sie gestern auf der Suche nach dem Badezimmer in einer Art Abstellkammer entdeckt. Dort befanden sich auch Staubsauger und Putzzeug. Sie stopfte eine Ladung Wäsche in die Maschine, dann machte sie sich daran, die Zimmer zu säubern.

Inzwischen war eine Maschine fertig. Sie gab die Wäsche in den Trockner und startete eine neue Ladung. Dann putzte sie das Gemeinschaftsbad und saugte den Flur. Saubere Bettwäsche und Handtücher befanden sich in einem Wandschrank am Ende des Gangs. Sie bezog die Betten neu und legte frische Handtücher bereit. Anschließend legte sie die fertige Wäsche zusammen und startete noch eine dritte Maschine.

Auf den kleinen Tischen in den Zimmern standen leere Vasen. Sie ging nach draußen, pflückte Gräser und Zweige von wilden Sträuchern und arrangierte alles dekorativ in den Vasen.

„Sehr hübsch“, hörte sie hinter sich eine tiefe Stimme.

Erschrocken drehte sie sich um und sah ihren Boss mit versonnener Miene im Türrahmen stehen. Irgendwie machte dieser Mann sie nervös. Sie fühlte sich von ihm beobachtet. Gleichzeitig fand sie ihn ungemein attraktiv.

„Und was soll ich als Nächstes machen?“, fragte sie betont gleichgültig.

„Mir helfen, die Herde vom Berg herunterzutreiben. Keith und Janis sammeln die Tiere von den verschiedenen Bergwiesen ein, und wir übernehmen sie dann. Die Zuchtkühe behalten wir den Winter über hier, Kälber und Jungtiere werden verkauft.“

Eine Herde zusammenzutreiben, das hatte Mary noch nicht oft gemacht. Auf den Rodeos hatte sie manchmal dabei geholfen, und es hatte ihr großen Spaß gemacht. Ihr Boss brauchte ja nicht zu wissen, dass sie kaum Ahnung davon hatte. Sie würde es schon irgendwie hinkriegen. Jedenfalls fand sie das Ganze äußerst aufregend.

Während Jonah die notwendigen Gerätschaften für den Abtrieb der Herde zusammentrug, fragte er sich, ob seine neue Helferin es im Winter hier aushalten würde. Wenn die Jagdsaison zu Ende war, würde es sehr einsam werden. Sie würden lange Wintertage in der Lodge verbringen müssen, weil alles zugeschneit war.

Vielleicht würde Keith ja wieder für ein paar Wochen mit seiner Familie herunterkommen. Die Lodge mit dem großen Kamin war im Winter wesentlich komfortabler als das alte Farmhaus. Und ab Januar würden dann die Skifahrer und Skiwandergruppen eintreffen, wobei er unsicher war, ob Mary überhaupt gern mit Gästen zu tun hatte.

Ihm war aufgefallen, dass sie offenbar lieber mit Tieren als mit Menschen zusammen war. Sie war definitiv eine besondere Art von Frau – anders als die meisten, die er bisher kennengelernt hatte.

Er musste lächeln. Wenigstens konnte sie kochen.

Als er alles beisammen hatte, sah er Mary schon wartend am Zaun stehen. Sie hatte zwei Arbeitspferde gesattelt und hielt zwei weitere mit der Leine. Die Taschen mit dem Proviant hatte sie hinter den Sätteln festgebunden.

„Sie sind ziemlich tüchtig.“

„Das lernt man mit der Zeit.“

„Im Waisenhaus?“

„Auch, aber vor allem beim Rodeo. Da muss man immer alles für die Wettkämpfe vorbereiten, und Bullen und Pferde sind dabei oft nicht sehr kooperativ.“

Sie lächelte kaum wahrnehmbar, und er war neugierig zu erfahren, was sie schon alles erlebt hatte. Irgendwann würde er sie danach fragen.

„Jonah, Ihre Pferde sind richtig gut trainiert“, bemerkte Mary anerkennend.

„Ja, sie stammen alle von der Dalton-Ranch. Die Daltons sind hervorragende Pferdeausbilder. Diese Pferde hier sind speziell als Cowponys trainiert worden, um große Viehherden zusammenzuhalten. Doch die Daltons sind vor allem dafür bekannt, Turnierpferde auszubilden.“

Mary tätschelte dem Pferd, das sie für sich gesattelt hatte, den Hals.

Jonah bemerkte, dass sie Handschuhe trug, aber keine Beinschützer. „Wir müssen auch durch Unterholz. Ziehen Sie sich lieber Beinschützer an. Im Schuppen hängen welche.“

Sie nickte und lief hinüber zu den Ställen. Als sie zurückkam, hatte sie die Beinschützer schon an. Mit dem ledernen Hosenschutz wirkte Mary irgendwie verwegen – und noch attraktiver.

Nimm dich in Acht, warnte ihn seine innere Stimme, als Mary sich elegant in den Sattel schwang und losritt, das zweite Cowpony im Schlepptau. Sie bewegte ihren schlanken Körper anmutig und lässig, als ob sie sich nirgends wohler fühlte als auf dem Rücken eines Pferdes.

Während er hinter ihr den Waldweg entlangritt, konnte er den Blick nicht von ihr wenden. Noch nie hatte ihn eine Frau derart fasziniert. Mit seinen vierunddreißig Jahren sollte er eigentlich gelernt haben, souverän mit solchen Anwandlungen umzugehen. In New York hatte er schließlich genügend Erfahrungen mit attraktiven Frauen sammeln können. Topmodels, Schauspielerinnen, Geschäftsfrauen – an Gelegenheiten hatte es nicht gemangelt. Den Umgang mit Frauen hatte er immer als unkompliziert empfunden, ob auf beruflicher oder privater Ebene.

Bis jetzt. Diese aufregende Frau vor ihm forderte ihn ganz neu heraus.

Tief atmete Mary die würzige Waldluft ein. Sie hatten gerade eine kleine Pause eingelegt und den mitgebrachten Proviant verzehrt.

„Fertig?“, rief Jonah und erhob sich von dem Felsbrocken, auf dem er gesessen hatte.

„Ja“, erwiderte sie, obwohl sie gern noch länger auf ihrem Baumstamm sitzen geblieben wäre.

„Bleiben Sie mal stehen!“, sagte er plötzlich, und dann spürte sie seine Hand auf ihrem Po.

Sie drehte sich abrupt um. „Was soll denn …?“

„Da war eine Zecke! Man muss hier aufpassen, wenn man sich auf einen Baumstamm setzt. Drehen Sie sich mal um.“

Sie gehorchte, und er untersuchte eingehend die Vorderseite ihrer Beine.

„Okay, ich sehe keine mehr.“

Mary klopfte sich überall ab. „Komisch, plötzlich kribbelt es überall!“ Am liebsten hätte sie noch ihren Hut abgesetzt und ihre Haare geschüttelt.

Als sie wieder den Kopf hob, blickte sie in sein amüsiertes Gesicht. „Sie können ja später noch mal nachsehen, ob sich auch keine festgebissen hat.“

Während sie weiterritten, fragte sich Mary, wann sie wohl endlich da wären. Die Ranch musste ja riesig sein, so lange, wie sie schon unterwegs waren.

Endlich öffnete sich der Waldweg auf eine Wiese voller Wildblumen, auf der eine Herde graste – eine Szene wie aus dem Bilderbuch.

In einiger Entfernung sah Mary einen Cowboy um die Herde herumreiten.

„Ah, da ist Keith!“, sagte Jonah und winkte.

Keith schwenkte zur Begrüßung seinen Hut und dirigierte sein Pferd in ihre Richtung.

Derweil ritt Jonah zu einer Blockhütte am Hang. Er stieg ab und band seine beiden Arbeitspferde an einen Zaun. Mit einer Geste gab er Mary zu verstehen, es ihm gleichzutun.

„Hallo.“ Keith Towbridge kam gerade bei der Hütte an und stieg vom Pferd. „Schön, dass ihr da seid.“ Er lächelte Mary freundlich zu und klopfte Jonah auf die Schulter.

Mary streckte die Hand aus. „Ich bin Mary McHale, die neue Ranchhelferin.“

Er ergriff ihre Hand. „Keith Towbridge, sehr erfreut.“

Zu Jonah gewandt, sagte er: „Hier ist alles ruhig. An der Grenze zu den Daltons treibt sich ein junger Bär herum, aber der scheint harmlos.“

„Irgendwelche Wildkatzen?“, fragte Jonah.

Keith schüttelte den Kopf. „Letzte Woche wurde drüben am Canyon ein Berglöwe gesehen. Er hat ein paar Camper aufgescheucht, war aber nur neugierig.“

„Wie viele haben wir diesmal?“, fragte Jonah.

„Mit den Zuchtkühen sind es hundertvier.“

„Dann haben wir mehr Kälber als letztes Jahr.“ Jonah schien erfreut.

Während Mary zuhörte, musterte sie die beiden Männer. Keith sah nett aus, er dürfte etwa in Jonahs Alter sein.

„Ich muss nach Hause zurück“, sagte Keith. „Morgen bringe ich zusammen mit Janis die andere Hälfte der Herde. Bleibt ihr beide hier?“

Mary machte ein erstauntes Gesicht, und Jonah warf ihr einen amüsierten Blick zu. „Sie bleibt hier. Ich muss zurück und komme morgen Nachmittag wieder. Heute Abend kommen zwei Übernachtungsgäste, und außerdem müssen die Tiere gefüttert werden. Mary wird auf die Herde aufpassen.“ Er sah Mary fragend an. „Das schaffen Sie doch, oder?“

Keith bedachte seinen Partner mit einem undefinierbaren Blick, bevor er sich an Mary wandte. „Ist es für Sie in Ordnung, wenn Sie alleine hierbleiben?“

Mary nickte. Genau genommen war sie erleichtert, aber das behielt sie für sich.

„In der Hütte gibt es Essen und Brennholz. Sie werden ganz ungestört sein.“

„In Ordnung“, erwiderte Mary lächelnd.

„Sie bevorzugt ihre eigene Gesellschaft“, bemerkte Jonah trocken.

Mary ignorierte ihn. „Ich mag einfach die Ruhe“, sagte sie zu Keith.

„Oh, die werden Sie hier haben!“, erwiderte Keith lächelnd. „Bis morgen dann.“ Er schwang sich in den Sattel und ritt davon.

„Gibt es etwas Besonderes, das ich über die Herde wissen müsste?“, fragte Mary.

„Nein, behalten Sie die Tiere einfach im Auge. Die Cowponys werden sich schon bemerkbar machen, wenn sie etwas Auffälliges wittern.“

Jonah nahm seine beiden Pferde am Zügel. „Unten gibt es einen Fluss, da lassen wir sie erst mal trinken. Danach zeige ich Ihnen alles in der Hütte.“

Nachdem die Pferde ihren Durst gelöscht hatten, nahm Jonah sein Pferd mit zur Hütte zurück, während Mary die drei anderen zu den Kühen und Kälbern auf die Weide ließ.

Als sie die Hütte betrat, sah sie, wie Jonah in einer ummauerten Feuerstelle Holz aufschichtete und Tannenzapfen und Scheite darauflegte. Er hielt eine Schachtel Streichhölzer hoch. „Die liegen hier!“ Er legte sie auf ein Regalbrett neben dem Kamin, auf dem auch eine Petroleumlampe stand. Dann deutete er auf den Holzstapel in der Ecke. „Da finden sich auch noch alte Zeitungen, falls das Feuer nicht gleich angeht. Manchmal zieht das Ofenrohr nicht richtig.“

„Die kalte Luft muss sich eben erst erwärmen, bevor der Ofen zieht“, bemerkte sie, um ihm zu verstehen zu geben, dass sie sich mit dem Feuermachen auskannte.

Zwei Stockbetten an zwei gegenüberliegenden Wänden boten Platz für vier Leute, wie sie feststellte.

Jonah öffnete eine Holzkiste. „Hier ist Bettzeug.“ Dann deutete er auf ein Regal in der Ecke. „Da stehen Konserven und Cracker. Wasser gibt es draußen am Brunnen, den haben Sie sicher schon bemerkt.“

Mary nickte.

Er sah sie kurz an. „Moment.“ Er ging nach draußen und kam mit einer Pistole zurück. „Die werden Sie sicher nicht brauchen, aber legen Sie sie vorsichtshalber neben das Bett. Für alle Fälle.“

„Für welche Fälle?“

Leicht ungeduldig zog er die Augenbrauen hoch. „Falls Sie einen neugierigen Bären oder eine Wildkatze verscheuchen müssen. Oder einen Viehdieb.“

Ein Frösteln lief ihr den Rücken herab, doch sie ließ sich nichts anmerken.

„Haben Sie überhaupt schon einmal geschossen?“

„Nein.“

Er seufzte, als hätte er nichts anderes erwartet, dann stellte er sich neben sie und zeigte ihr, wie man die Pistole bedient. „Der Abzug geht schwer, deshalb wird sie nicht von alleine losgehen.“

Unverhofft kam ihr eine Szene aus ihrer frühesten Erinnerung in den Sinn. Da war ein Mann mit einer Pistole gewesen, und ihr Vater sprang in seinen Pick-up und raste los. Der Mann mit der Pistole ging dann ins Haus zurück, während sie sich mucksmäuschenstill an die Wand hinter den Mülltonnen drückte …

„Was haben Sie?“, unterbrach Jonahs Stimme ihre Gedanken.

Sie zuckte zusammen.

„Haben Sie Angst allein hier draußen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich musste nur gerade an etwas denken, was vor langer Zeit passiert ist.“

Als er sie weiter ansah, fügte sie beinahe ärgerlich hinzu: „Sie gucken wie meine Lehrerin früher, wenn ich was ausgefressen hatte.“

Er musste lachen. „Meine hat mich auch immer angesehen, als ob ich was dafür könnte, dass ich indianisches Blut habe.“

„Sind Sie Indianer?“

„Zu einem Achtel. Die Lehrerin hat mich manchmal an den Haaren gezogen, als ob sie mich skalpieren wollte.“

Mary lachte nicht. „So kam ich mir auch vor, als sie mir den Kopf geschoren haben.“

„Ziemlich gemein, Kindern so etwas anzutun.“

„Ja, allerdings.“

Obwohl sein mitfühlender Blick ihr unangenehm war, schaffte sie es nicht, sich abzuwenden.

Er stand dicht vor ihr, und bevor sie reagieren konnte, hatte er ihr den Hut abgesetzt und auf eins der Betten geworfen. Noch immer war sie unfähig, sich zu rühren.

Mit geschickten Fingern löste er das Band, mit dem sie ihr Haar zusammenhielt.

„Bitte nicht“, protestierte sie mit schwacher Stimme.

„Ich tue Ihnen nichts, ich möchte es nur sehen.“

Sie fühlte ihr Haar über ihre Schultern fließen und stand mit klopfendem Herzen da, während er seine Finger durch ihre dunkle Mähne gleiten ließ.

Sie war wie hypnotisiert. Selbst als er ihr die Brille abnahm und auf den Tisch legte, gab sie keinen Laut von sich.

„Wie wunderschön Sie sind!“, sagte er voller Bewunderung.

Plötzlich fühlte sie sich so hilflos wie als Kind, wenn die Erwachsenen sie herablassend behandelten. Und mit diesem Gefühl kam die alte Wut zurück. Sie stieß ihn so heftig von sich, dass er erschrocken zurückwich.

„Tut mir leid“, sagte er zerknirscht. „Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Normalerweise fasse ich keine Frau an, wenn sie es nicht will.“

Sie spürte, dass er wütend auf sich selbst war, und nickte zum Zeichen, dass sie seine Entschuldigung annahm.

Seine gerunzelte Stirn glättete sich. „Allerdings muss ich zugeben, dass mich noch nie zuvor eine Frau so in den Bann geschlagen hat. Dieses schwarze Haar, und Ihre Augen sind wirklich faszinierend blau – einfach überwältigend.“

Sie drehte ihre aufgelösten Locken wieder zu einem Knoten und stülpte ihren Hut darüber. Dann setzte sie ihre Brille wieder auf.

„Ich kann verstehen, dass Sie sich nicht dauernd anstarren lassen wollen.“ Er wandte sich zum Gehen. „Wir sehen uns morgen.“

Mary folgte ihm hinaus und blickte ihm nach, bis er hinter dem Hügel verschwunden war. Allmählich wich die Anspannung aus ihren Schultern.

Sie nahm ihm seine Zudringlichkeit nicht übel. Instinktiv spürte sie, dass sie Jonah vertrauen konnte. Während der Jahre auf Rodeos und Rennplätzen hatte sie sich eine gute Menschenkenntnis erworben. Und sie hatte gelernt, sich gegen plumpe Anmache zu wehren.

Einmal war sie mit einem dieser zwielichtigen Männer aneinandergeraten, die immer bei den Rennen herumhingen und auf eine Gewinnchance warteten. Er hatte sie in eine Pferdebox gedrängt, und sie hatte blitzschnell nach der Mistgabel gegriffen und die scharfen Zacken auf ihn gerichtet. Dabei hatte sie ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie ihm mit Vergnügen die Mistgabel in den Bauch rammen würde. Daraufhin hatte der Mann das Weite gesucht.

Sie setzte sich auf die Stufen vor der Hütte und betrachtete die friedliche Szenerie um sich herum. Unwillkürlich wanderten ihre Gedanken wieder zu ihrem neuen Boss. Mit seinen kräftigen Händen hatte er ihr gezeigt, wie man die Pistole bedient. Aber wie sanft waren seine Hände gewesen, als er ihr Haar durch seine Finger gleiten ließ …

Ihre widerstreitenden Gefühle formten sich zu einem Kloß in ihrem Magen. Spontan sprang sie auf, ging zur Weide hinüber und schwang sich auf eins der Arbeitspferde. Während sie die Herde umkreiste, um sie für die Nacht enger zusammenzutreiben, wurde sie allmählich ruhiger.

Sie würde wachsam bleiben und keine Dummheit begehen. Das hatte sie bisher immer so gehalten und war mit diesem Plan gut gefahren.

Jonah zählte die Bareinnahmen und die Kreditkartenzahlungen zusammen und verglich den Gesamtbetrag mit den ausgestellten Quittungen. Alles stimmte.

Mit einem zufriedenen Gähnen schloss er das Buchhaltungsprogramm und schaltete den Computer aus. Nachdem er den Safe gesichert hatte, verließ er sein Büro, um ins Bett zu gehen. Er hatte sein Schlafzimmer in einem verglasten Anbau eingerichtet – einer Art Wintergarten – und ein kleines Bad einbauen lassen.

Nachdem er ausgiebig geduscht hatte, ließ er sich erschöpft ins Bett sinken. Normalerweise schlief er sofort ein, doch diesmal wanderten seine Gedanken zielstrebig in eine bestimmte Richtung und hielten ihn wach.

Seine neue Mitarbeiterin ging ihm nicht aus dem Kopf – Mary McHale, Pferdetrainerin, Ranchhelferin, Waise, Einzelgängerin und eine der schönsten Frauen, die ihm je begegnet waren.

In ihrer Gegenwart beschleunigte sich sein Puls, und er spürte ein Feuer, das ihm gefährlich werden konnte, wenn er nicht aufpasste, denn er hatte nicht die geringste Absicht, sich mit einer Frau einzulassen. Einmal hatte er es probiert, und das hatte ihm gereicht.

Doch würde er seine guten Vorsätze einhalten können, wenn er den ganzen Winter mit dieser Frau verbringen musste? Es würde eine harte Prüfung werden.

„Haaallo.“

Mary trat vor die Blockhütte und sah Keith Towbridge mit seiner Herde aus dem Wald kommen. An seiner Brust hing ein Baby im Tragebeutel. Hinter der Herde ritt eine junge Frau.

„Hi!“, rief Mary. „Ihr kommt gerade richtig zum Lunch.“

„Na, sehr gut!“, rief die junge Frau lächelnd zurück. „Wir haben einen Riesenhunger.“

Keith öffnete das Gatter, und die Kühe und Kälber liefen zu den anderen Tieren auf der Weide.

„Hi, ich bin Janis“, sagte die junge Frau, als sie und Keith an der Hütte ankamen. „Und du bist bestimmt Mary. Ich darf doch du sagen?“

„Gern.“ Mary blickte lächelnd auf das Baby an Keiths Brust. „Und das ist Keith junior, nehme ich an.“

„Ja, kannst du ihn mal eben halten?“, fragte Keith.

Bevor Mary verstanden hatte, was vorging, hielt sie plötzlich ein Baby im Arm. „Hallo, kleiner Mann“, sagte sie und setzte Keith Junior auf ihre Hüfte. Der steckte sich den Finger in den Mund und sah sie mit großen Augen an.

Im Waisenhaus hatten die älteren Kinder die Jüngeren oft betreuen müssen. Von daher war ihr der unbewegliche Blick von Babys vertraut, mit dem sie einem Menschen bis auf den Grund der Seele zu blicken scheinen. Sie lächelte das Kind an und klackte ihre Zunge an den Gaumen. Daraufhin betatschte der Kleine ihre Wange mit seinen feuchten Fingern.

Janis lachte und stieg vom Pferd. „Das haben ihm die Daltons gezeigt. Die nehmen bei der Begrüßung immer seine Hand und klatschen sie sich ins Gesicht. Meine Schwester Alison ist mit Travis Dalton verheiratet, deshalb sehen wir den ganzen Clan ziemlich oft.“

Mary nickte höflich. Von den Daltons hatte sie nun schon mehrfach gehört.

„Gab es Probleme mit der Herde?“, fragte Keith, nachdem er die beiden Pferde im Schatten eines Baums angebunden hatte.

„Nein, es war alles ruhig.“ Sie deutete auf die Hütte. „Ich mache gerade Suppe warm. Kommt rein.“

Sie reichte den Kleinen an seine Mom zurück und ging zur Feuerstelle, auf der ein gusseiserner Topf stand. Sie rührte die Suppe um, dann öffnete sie zwei Dosen Wiener Würstchen und ließ sie in die Suppe gleiten. Während die Würstchen warm wurden, öffnete sie eine Packung Cracker und zwei Dosen Obstsalat und stellte alles zusammen mit Geschirr und Besteck auf den Tisch.

Keith kam mit einer Wickeltasche herein und tauschte bei seinem kleinen Sohn die Windel, und kurz darauf saßen alle am Tisch. Janis fütterte Keith junior mit Brei aus einem Gläschen und erzählte dabei von ihrem Leben auf der Towbridge-Ranch. Lachend gestand sie, dass sie vorher vom Landleben wenig Ahnung gehabt hatte.

„Und wie schnell du gelernt hast!“ Keith sah seine hübsche Frau so liebevoll an, dass Mary ein Ziehen in der Brust spürte. Noch nie hatte ein Mann sie so angesehen.

„Erzähl Mary mal, wo du gerade herkommst!“, sagte Keith grinsend, und Janis wurde etwas verlegen. Sie hatte grüne Augen und hellbraunes, von der Sonne aufgehelltes Haar.

„Mein Vater ist Senator und kandidiert gerade für den Posten des Gouverneurs von Idaho. Da die Wahl im November stattfindet, ist jetzt die heiße Phase. Man kann ihn jeden Abend in den Nachrichten sehen.“

„Und seine Frau und seine beiden Töchter auch, falls die Reporter es schaffen, sie vor die Linse zu kriegen“, fügte Keith hinzu.

„Meine Mom liebt es, im Wahlkampf mitzumachen. Alison und ich natürlich nicht. Ich habe Keith davor gewarnt, was auf ihn zukommen wird – bevor wir geheiratet haben.“

Er zuckte mit den Achseln. „Mir ist das egal.“ Er lächelte Mary zu. „Aber wundere dich also nicht, wenn du irgendwann eine Kamera vor dem Gesicht hast und ein neugieriger Reporter dich nach uns ausfragt.“

„Wie verhält man sich denn in so einem Fall?“

„Einfach ignorieren“, riet Janis. „Sag ihnen, du bist neu in der Gegend und weißt nichts von deinen Nachbarn. Doch jetzt erzähl mal von dir, woher kommst du?“

Mary gab einen kurzen Abriss ihres bisherigen Lebens, wobei sie den Schwerpunkt auf ihre Arbeit mit Pferden legte und die unangenehmen Dinge ausblendete.

„Die Daltons kennen sich sehr gut mit Pferden aus“, sagte Keith.

„Ja, Jonah hat mir davon erzählt.“

„Das Besondere an den Daltons sind ihre unglaublich blauen Augen“, sagte Janis. „Du hast übrigens genau dieselbe Augenfarbe.“

Leicht erschrocken stellte Mary fest, dass sie ihre Brille nicht auf hatte. „Ja, mein Vater hatte blaue Augen“, erklärte sie, obwohl sie das gar nicht wusste.

„Sie sind wirklich wunderschön“, sagte Janis ohne die geringste Spur von Neid.

Sie gab ihrem Sohn den letzten Löffel Brei. „Mmmfff“, machte der Kleine und gähnte dann ausgiebig.

Janis kitzelte ihn unterm Kinn. „Wir reiten gleich nach Hause, dann kannst du dein Schläfchen machen.“

Mary stand an der Tür und sah den Towbridges nach, während sie wegritten. Eine glückliche Familie, dachte sie und spürte plötzlich eine seltsame Leere.

Nachdem sie in der Hütte aufgeräumt hatte, ritt sie um die Weide herum und zählte die Tiere. Dabei entdeckte sie einen schmalen Bach, der sich durch die Wiesen schlängelte. Spontan folgte sie dem Bachlauf, um zu sehen, wo er entsprang.

Plötzlich sah sie in einiger Entfernung eine Dampfwolke aufsteigen. Neugierig ritt sie näher. Eine heiße Quelle! Das Wasser schwappte über einen Felsenvorsprung, unter dem sich ein natürliches Becken gebildet hatte …

Mary sah sich nach allen Richtungen um und lauschte aufmerksam. Ein paar Kühe muhten, ansonsten war nur das Zwitschern der Vögel zu hören. Sie band ihr Pferd an einen Baum und steckte die Hand ins dampfende Wasser – genau die richtige Temperatur.

Nachdem sie sich nochmals umgesehen hatte, zog sie sich aus und hängte ihre Sachen über einen Strauch. Sie zögerte kurz, doch dann löste sie ihr Haar. Sie hatte es ohnehin waschen wollen, seit Jonah am Tag zuvor die Zecke bei ihr gefunden hatte.

Dann ließ sie sich genüsslich in das Becken gleiten und seufzte vor Wonne. Himmlisch!

Als Jonah am Nachmittag die Hütte erreichte, fand er eine friedlich grasende Herde vor. Von seiner neuen Mitarbeiterin war jedoch nichts zu sehen. Auf der Weide standen nur zwei der Cowponys, sie war also offenbar ausgeritten.

Oben vom Hang war leises Wiehern zu hören. Er stieg ab, band sein Pferd an einen Pflock und ging dem Geräusch nach. Hinter den Büschen entdeckte er Marys Pferd. Dort befand sich die heiße Quelle. War Mary etwa …?

Wie in einer Vision sah er sie plötzlich aus dem Dampf auftauchen und blieb wie angewurzelt stehen. Ihr schwarzes Haar ergoss sich wie ein Umhang über ihren Rücken. Er konnte ihre glatten Schultern sehen und die zarte Rundung ihrer Hüften.

Sein Mund wurde trocken, und der Atem stockte ihm. Als sie Anstalten machte, sich umzudrehen, versteckte er sich blitzschnell hinter einem Wacholderbusch und trat dann den Rückzug an.

Aus einiger Entfernung rief er laut: „Hallo, ist da jemand?“

„Nicht näherkommen!“, rief Mary zurück.

Er lachte. „Sind Sie etwa im heißen Becken?“

„Ähm, ja. Ich … wollte meine Haare waschen. W-wegen der Zecke.“

„Okay, wir sehen uns dann an der Hütte.“

„Ich bin gleich fertig.“

Als sie angeritten kam, hatte sein Puls sich wieder einigermaßen beruhigt.

Wie üblich hatte sie ihr Haar unter dem Hut versteckt und ihre Augen hinter den Brillengläsern. Sie hatte ihr Hemd zugeknöpft, und ihr T-Shirt lag ausgebreitet über dem Sattel. Anscheinend hatte sie es zum Abtrocknen benutzt.

„Alles war ruhig“, erklärte sie beim Absteigen. „Da dachte ich, warum nicht rasch baden? Es war einfach zu verlockend.“

„Ich habe noch niemanden getroffen, der dieser heißen Quelle widerstehen konnte. Alle nennen sie nur Cowboy-Badewanne.“

Er konnte förmlich zusehen, wie ihre Schultern sich entspannten. „Das Wasser ist fantastisch.“

„Lassen Sie Ihr Haar doch lieber in der Sonne trocknen.“ Er stellte sich vor, wie sie mit wehendem Haar vor ihm her reiten würde.

„Das wird auch so trocken.“

Er zuckte mit den Achseln. „Können wir dann zurückreiten?“

„Ja, ich bin fertig. Die Hütte ist sauber, und Sie können abschließen.“ Sie griff in ihre Jeanstasche. „Ach übrigens, hier ist Ihre Pistole. Ich bin zum Glück nicht in die Verlegenheit gekommen, sie zu gebrauchen.“

Er steckte die Pistole in seine Satteltasche. Bevor er die Hütte abschloss, warf er nochmals einen prüfenden Blick hinein. Wie zu erwarten, gab es nichts zu bemängeln.

„Gut, dann lassen wir die Herde jetzt raus.“ Er schwang sich in den Sattel und öffnete das Gatter. Sofort kamen die beiden Arbeitspferde angetrabt, um die Herde in Schach zu halten.

„Ich bilde das Schlusslicht“, sagte Mary und wartete neben dem Gatter, bis alle Tiere draußen waren.

Jonah ritt voran und schwenkte ein aufgerolltes Lasso, um die träge Herde anzutreiben. Sie würden diesmal den längeren Weg am Fluss entlang nehmen. Der Weg über die steilen Höhenzüge wäre mit der großen Herde zu beschwerlich.

Nachdem alle Tiere gemächlich in der Reihe liefen, kam Jonah nach hinten geritten.

„Wie kommen Janis und Keith eigentlich mit dem Auto von der Farm weg?“, fragte Mary.

„Es gibt eine Schotterstraße, die zur Hauptstraße runter führt.“

„Gibt es dort vielleicht eine schmale Holzbrücke?“

„Ja, kennen Sie die?“

„Bei der Brücke habe ich gemerkt, dass ich falsch gefahren bin. Die Brücke war nämlich nicht auf dem Plan eingezeichnet, den Ihr Cousin mir mitgegeben hat.“

„Noch drei Meilen weiter, dann wären Sie am Haus der Towbridges angekommen. Aber die Straße ist schwer zu befahren, da hätten Sie keine Freude gehabt. Sie wird nur selten benutzt, und wir hatten in diesem Jahr keine Zeit, sie zu ebnen.“

Ihre Unterhaltung wurde unterbrochen, denn eine störrische ältere Kuh hatte sich von der Herde entfernt. Mary scheuchte sie mit ihrem Cowpony zurück, während Jonah die Kälber in Schach hielt, damit sie ihr nicht nachliefen. Fasziniert sah er zu, wie lässig Mary die Herde manövrierte. Diese Frau beeindruckte ihn immer wieder von Neuem.

Wenn er daran dachte, wie sie aus dem Becken aufgetaucht war, und glitzernde Tropfen an ihrem schönen Körper herabperlten … In seiner Fantasie drehte sie sich um und streckte einladend die Hand nach ihm aus …

Ihm fiel die Weissagung einer Tante ein, die gerne aus den Karten las. Eines Tages würde er seiner großen Liebe begegnen und sein Leben lang mit ihr zusammenbleiben. Sein Herz begann heftig zu pochen …

Abrupt wurde er aus seinen erregenden Gedanken gerissen. Sein Pferd hatte einen jungen Bullen entdeckt, der aus der Herde ausgebrochen war – eine Aufforderung, sich besser mit den realen Dingen zu beschäftigen, statt Träumen nachzuhängen.

3. KAPITEL

Als Mary die letzten Tiere auf die Weide der Towbridge-Ranch trieb, lag schon tiefe Dämmerung über dem Land.

„Gute Arbeit!“, lobte Jonah sie, während er das Gatter schloss. Er führte die drei Arbeitspferde in den Stall, Mary ritt auf ihrem hinterher. Als sie abstieg, zitterten ihr die Beine. Es war lange her, dass sie so lange im Sattel gesessen hatte. Aber sie hatten es geschafft, die gesamte Herde wohlbehalten zurückzubringen.

Sie würde die Kühe den Winter über versorgen, und der Frühling würde neues Leben bringen. Neue Kälbchen, frisches Gras und Wildblumen. Sicher würde die Landschaft dann traumhaft aussehen.

Jonahs Stimme riss sie aus ihren Gedanken. „Gehen Sie ruhig schon mal rein. Ich kümmere mich um die Pferde.“

Sie wollte protestieren, doch er nahm ihr die Zügel aus den zitternden Händen.„Gönnen Sie sich eine schöne heiße Dusche und ziehen Sie sich was Bequemes an, danach können wir die restliche Suppe essen.“

Sie lächelte ihn dankbar an und ging auf wackligen Beinen zum Haus hinüber.

Unter der Dusche schäumte sie sich von Kopf bis Fuß ein und ließ genüsslich das heiße Wasser über ihren Körper strömen. Dann rubbelte sie sich ab und cremte sich ein. Nachdem sie einen Jogginganzug und dicke Socken anhatte, fühlte sie sich wie neugeboren. Sie föhnte ihr Haar trocken und band es mit einem Haargummi zusammen. Als sie nach ihrer Brille greifen wollte, zögerte sie. Sie ließ sie auf der Kommode liegen und lief die Treppe hinunter.

Unten hörte sie Wasser plätschern, offenbar stand nun Jonah gerade unter der Dusche. Unwillkürlich stellte sie sich vor, wie das Wasser über seinen glatten, muskulösen Körper lief …

Verwirrt schüttelte sie den Kopf. Es war lange her, seit sie sich solche Gedanken erlaubt hatte. Mit achtzehn hatte sie sich unsterblich in einen hübschen Rodeoreiter verliebt und ein Verhältnis mit ihm angefangen. Nach einiger Zeit hatte sie dann erfahren, dass er längst mit einer reichen Farmerstochter verlobt war. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sie ihre Affäre fortgesetzt. Doch sie hatte ihm sofort den Laufpass gegeben, obwohl es ihr das Herz zerriss.

Seitdem hatte sie keinen Mann mehr an sich herangelassen. Die Enttäuschung saß noch immer tief. Sie hatte sich eingestehen müssen, dass Männer offenbar nur an ihrem Aussehen interessiert waren – an ihrem dunklen Haar, den blauen Augen und den Grübchen in ihren Wangen, wenn sie richtig lächelte.

Also hatte sie ihr Haar unter dem Hut versteckt, ihre Augen hinter der Brille, und das Lächeln hatte sie sich richtiggehend abgewöhnt.

Manchmal wünschte sie sich, sie könnte noch einmal von vorne anfangen – mit dem ganzen Überschwang ihrer Jugend, so vertrauensvoll und begierig auf Abenteuer wie ein neugeborenes Lamm.

Sie zuckte mit den Achseln und stellte die Suppe auf den Herd. Dann machte sie sich eine Tasse Kakao und lehnte sich an den Küchentresen. Während sie trank, blickte sie zu den sieben Berggipfeln im Westen hinüber, die nur noch schemenhaft zu erkennen waren.

Als die Suppe zu brodeln anfing, stellte sie den Herd ab. In diesem Moment kam Jonah herein, ebenfalls in Socken und bequemer Kleidung. „Gehen Sie schon mal ins Esszimmer“, sagte er. „Ich bringe alles rüber.“

Mary setzte sich an den Tisch, und bald darauf erschien Jonah mit zwei dampfenden Suppenschalen und zwei dick mit Schinken, Salat und Tomaten belegten Sandwiches.

Sie ließen es sich munden, und Mary lobte den köstlichen Geschmack der Tomaten.

„Die sind aus unserer Gegend. Bald ist die Tomatensaison zu Ende, aber wir fahren in den nächsten Tagen mal in die Stadt und schauen, was es noch so auf dem Bauernmarkt gibt. Der Mais war dieses Jahr auch sehr gut.“

„Lost Valley scheint ein hübsches Städtchen zu sein“, sagte Mary. „Ich habe auf der Herfahrt dort getankt und bin zum Lunch ins Diner gegangen.“

„Das Diner ist neu, und es gibt noch einige andere neue Geschäfte. Die Stadt scheint aufzublühen, was den Bürgermeister freut, aber mich weniger. Ich bin extra zurückgekommen, weil es hier so schön ruhig ist.“

Er zog eine so lustige Grimasse, dass Mary lachen musste. „So bald wird die Stadt wohl nicht an die Grenzen der Ranch stoßen“, bemerkte sie belustigt. Dann fragte sie ihn nach seinem Leben in New York.

Als er mit seinem Bericht fertig war, sagte sie: „Schwer vorstellbar, dass jemand New York und die Madison Avenue für Idaho und die Seven Devils aufgibt.“

Er sah sie prüfend an. „Sie haben ja auch schon viele verschiedene Dinge im Leben gemacht und sind häufig umgezogen. Da sehe ich keinen großen Unterschied.“

Ein Lächeln ging über sein gebräuntes Gesicht. Mary lächelte ebenfalls und dachte dabei, dass sie in den letzten paar Tagen mehr gelächelt und gelacht hatte als in den gesamten Jahren zuvor.

„Das sollten Sie öfters tun“, murmelte er.

„Was denn?“

„Lächeln.“

Bevor sie wieder hinter ihrer schützenden Maske verschwinden konnte, stand er auf und trug das Geschirr in die Küche.

„Bleiben Sie sitzen, ich mache uns noch einen Tee!“, rief er.

Eine seltsame Wärme durchströmte sie. Sie war es nicht gewohnt, bedient zu werden, und sie war sich nicht sicher, ob es ihr gefiel. Womöglich gewöhnte sie sich daran, und dann würde es ihr irgendwann schwerfallen, darauf zu verzichten. Was sie ebenfalls beunruhigte, war das erregende Kribbeln, das sie in Gegenwart von Jonah empfand. Ein Winter mit ihm allein könnte gefährlich werden. Vielleicht sollte sie lieber doch nicht hierbleiben.

Als er mit zwei Tassen Kräutertee zurückkam, musterte sie ihn unauffällig. Sie durfte gar nicht daran denken, dass sie beide nun ganz allein im Haus waren.

„Ich werde mich bestimmt nicht auf Sie stürzen“, sagte er plötzlich, als hätte er ihre Gedanken erraten. „Was nicht heißt, dass ich es nicht gern möchte.“ Er grinste.

Sie starrte ihn mit offenem Mund an.

Er lachte herzlich, und selbst sein Lachen war eine Versuchung. „Trink aus, Cowgirl“, sagte er mit seiner warmen tiefen Stimme. „Und dann marsch ins Bett.“ – „Das ist alles sehr merkwürdig“, sagte sie mehr zu sich selbst.

„Ich finde nicht.“ Seine Augen erforschten ihr Gesicht, als wolle er sich alles genau einprägen. „Sie sind eine wunderschöne Frau, und ich bin auch nur ein Mann.“

Sie versuchte zu lächeln, um ihm zu zeigen, dass sie auf seine Neckerei einging, doch ihre Lippen zitterten.

Dass er offensichtlich von ihr angezogen war, verunsicherte sie weniger als ihre eigene Erregung. In ihrer Fantasie sah sie wieder seinen feucht glänzenden nackten Körper unter der Dusche, und plötzlich sehnte sie sich verzweifelt danach, im Arm gehalten und geküsst zu werden.

Ihr Atem fing an zu flattern, und sie stand rasch auf. Auf keinen Fall durfte er merken, was in ihr vorging. „Gute Nacht“, sagte sie atemlos.

„Süße Träume“, sagte er mit seiner unwiderstehlichen Stimme und stand ebenfalls auf. Plötzlich merkte sie, wie ihre Knie nachgaben, und sie griff schnell nach der Stuhllehne.

Er stützte sie am Arm. „Das war wohl alles ein bisschen viel heute“, sagte er fürsorglich.

Sie konnte nur den Kopf schütteln.

Sein Gesicht kam näher. „Wer bist du?“, fragte er leise. Sie ahnte, was gleich passieren würde, und wusste, dass sie jetzt ganz schnell wegrennen sollte. Doch sie war unfähig, der Versuchung zu widerstehen.

Seine Lippen waren warm und weich und glitten suchend und ganz zart über ihren Mund. Wie von selbst öffneten sich ihre Lippen, und dann spürte sie seine Zunge an ihrer.

Die Lust durchschoss sie wie ein Stromstoß, und sie umklammerte die Stuhllehne fester, während die Welt sich wie ein Karussell um sie zu drehen begann.

Sie küssten sich immer leidenschaftlicher, und als er nach Atem rang, seufzte sie sehnsüchtig und suchte erneut seine Lippen.

„Du gehst jetzt lieber“, flüsterte er heiser.

Ohne ihn noch einmal anzusehen, lief sie hinaus und eilte nach oben in ihr Zimmer.

Im Bett lag sie lange wach und dachte nach. Wie sollte das weitergehen, wenn sie beide nicht voneinander lassen konnten? Bis jetzt hatten sie sich nur geküsst, aber sie sehnte sich nach mehr, nach viel mehr.

Vielleicht war es auch nur eine romantische Anwandlung. Morgen früh würde die Welt schon wieder anders aussehen. Bis dahin hatte sie Zeit, ihren Schutzpanzer wieder anzulegen.

Mary schloss das Gatter der Viehweide. Sie tat es vom Pferderücken aus, wie sie es bei ihrem Boss gesehen hatte. Das ging wesentlich einfacher.

Jonah brachte ihr überhaupt vieles bei, und das gefiel ihr. Wenn nur nicht dieses permanente Knistern zwischen ihnen wäre.

Er hatte ihr heute Morgen aufgetragen, noch eine kleine Rinderherde von der Bergweide herunterzuholen. Keith hatte die Tiere in dem zerklüfteten Gebiet zusammengetrieben und zur Berghütte gebracht. Dort hatte er auf sie gewartet und war dann nach Hause zurückgeritten.

Da sie mit zwei gut trainierten Cowponys unterwegs war, konnte sie die Rinderherde problemlos durch das Tal bis zur Lodge lotsen. Trotzdem war sie froh, es geschafft zu haben. Zufrieden ging sie zum Hauptgebäude der Ferienranch hinüber und freute sich auf eine heiße Dusche.

An der Haustür blieb sie wie angewurzelt stehen. Es hörte sich an, als wäre drinnen eine Party im Gange. Hatte Jonah etwa Gäste eingeladen? Darauf war sie gerade gar nicht eingestellt. Sie musste es irgendwie schaffen, sich unbemerkt die Treppe hochzuschleichen.

„Hi, Mary“, hörte sie Jonahs Stimme. „Kannst du dich mal eben um den Shop kümmern? Ich kann hier im Moment nicht weg.“ Er stand hinter dem Tresen und verteilte Anmeldezettel an eine Gruppe Leute, die offenbar einchecken wollten.

Mary nickte und bahnte sich einen Weg durch das Gedränge vor dem Tresen. Wer hätte gedacht, dass mitten in der Woche so viele Camper kommen würden?

Auch im Laden standen bereits Leute, die darauf warteten, bedient zu werden. Nachdem Mary alle Kunden abgefertigt hatte, atmete sie tief durch. Jetzt könnte sie endlich unter die Dusche gehen.

Doch daraus wurde wieder nichts. „Moment noch, Mary!“, rief Jonah, als sie gerade den Fuß auf die Treppe setzen wollte.

„Bitte nicht schon wieder“, murmelte sie und ging widerstrebend zurück. Er öffnete die Tür des großen Aufenthaltsraums, und ein Stimmengewirr brandete ihr entgegen. „Alle mal herhören!“, rief er, und wie auf Kommando drehten sich alle Köpfe in seine Richtung. Mary starrte in ein Meer von Gesichtern – Männer und Frauen, einige mit langen Zöpfen, zwei der Frauen stillten ihre Babys. Einen der Männer erkannte sie. Es war Trek Lanigan aus dem Touristenbüro von Lost Valley.

„Hi“, sagte Trek und winkte ihr zu.

„Das ist Mary McHale“, sagte Jonah. „Meine neue Ranchhelferin.“ Er legte ihr die Hand auf die Schulter. „Nehmt euch vor ihr in Acht, sie ist tüchtig, und sie kann es mit jedem Mann aufnehmen.“

Mary starrte ihn entgeistert an, und die Gäste brachen in schallendes Gelächter aus.

Er zwinkerte ihr frech zu. „Mary, das ist meine indianische Großfamilie. Mein Großvater, meine Mutter …“ Er fuhr fort, ihr sämtliche entfernten Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen vorzustellen, einschließlich der beiden Babys.

Mary schwirrte der Kopf, aber sie lächelte freundlich und hoffte, jetzt endlich auf ihr Zimmer gehen zu können.

Doch Jonah ließ ihre Schulter nicht los. „Wir feiern heute den Geburtstag meines Großvaters. Das Essen ist in einer Viertelstunde fertig, und du bist herzlich eingeladen.“

„Äh, ich mache mir ein Sandwich und esse in meinem Zimmer.“

„Da werden mein Großvater und meine Mom aber beleidigt sein.“

„Wir würden Sie gern beim Essen dabeihaben, falls Sie nicht zu müde sind“, sagte Jonahs Mutter lächelnd, und der Großvater stimmte ihr zu.

Diese freundliche Aufforderung konnte Mary unmöglich zurückweisen. Als sie nickte, sah Jonah sehr zufrieden aus und ließ endlich ihren Arm los.

Sie lief die Treppe hoch und ging sofort duschen. Genüsslich ließ sie das heiße Wasser über sich strömen, danach föhnte sie sich vor dem Spiegel die Haare.

Sie betrachtete ihren schmalen Körper mit den kleinen Brüsten und versuchte, ihn mit den Augen eines Mannes zu sehen. Sie wusste, dass die meisten Männer Frauen mit großen Brüsten und runden Hüften bevorzugten. Doch Jonah schien eine Ausnahme zu sein, denn offensichtlich gefiel sie ihm.

Und sie wollte ihm auch gefallen. Blitzartig wurde ihr klar, dass sie zum ersten Mal seit Jahren wieder diesen Wunsch verspürte.

Ich muss mit dem Unsinn aufhören, meldete sich ihre innere Stimme, und im Spiegel sah sie, wie sich zwischen ihren Augenbrauen zwei Falten bildeten. Sie würde für ein paar Monate hierbleiben und dann mit Attila woanders hinziehen, um mit ihm für das Turnier zu trainieren. Es gab keinen Grund, ihre Pläne aufzugeben.

Sie zog frische Jeans und eine langärmelige weiße Bluse an, dann flocht sie ihr Haar zu einem Zopf. Zum Schluss trug sie einen zarten Lippenstift auf und zog ihre Traumfänger-Ohrringe an. Sie beschloss, in ihren warmen Socken nach unten zu gehen.

Lautlos lief sie die Treppe hinunter. „Kann ich noch was helfen?“, fragte sie, als sie in die Küche kam. Jonah und seine Mutter waren gerade bei den letzten Vorbereitungen.

„Wir machen ein Büfett im Esszimmer, und jeder bedient sich selbst“, sagte Jonah und ließ den Blick anerkennend über ihren Körper wandern. „Du siehst sehr hübsch aus.“

Seine Mutter hob ein Fladenbrot aus der Pfanne und goss neuen Teig hinein. Ihr unergründlicher Blick ging zwischen Mary und ihrem Sohn hin und her. Sie war eine schöne Frau mit klugen dunklen Augen. Ihre Haut war glatt und gebräunt, und ihr Gesicht schien alterslos. Dabei musste sie mindestens Mitte fünfzig sein.

Mary spürte, wie sie rot wurde, als die Frau ihr zulächelte. Rasch griff sie nach einer Salatschüssel und trug sie ins Esszimmer. Dort waren die Tische für das Büfett zusammengestellt, und darüber war eine Decke mit indianischem Muster ausgebreitet.

Zwei Teenager lächelten Mary schüchtern an. „Hi, ich bin Julianne“, sagte die eine, „und das ist meine Cousine Pam.“

„Freut mich, euch kennenzulernen“, sagte Mary. „Wo soll ich den Salat hinstellen?“

Während sie zusammen mit den Mädchen das Büfett herrichtete, fragte sie die beiden, wo sie wohnten und zur Schule gingen, und was sie in ihrer Freizeit am liebsten machten. Die Mädchen erzählten freimütig und hatten bald ihre Schüchternheit überwunden.

Jonah kam herein und balancierte einen Riesenstapel Fladenbrote vor sich her. Ihm folgten drei Frauen mit prall gefüllten Platten und dampfenden Schüsseln. Den Abschluss bildeten Trek Lanigan und einer der Onkel, die eine verlockend duftende Grillplatte zwischen sich trugen – das Herzstück des Büfetts.

„Onkel Reno ist unser Grillspezialist“, sagte Trek. „Er räuchert das Fleisch mit Holz vom Mesquitebaum und würzt es mit einer speziellen Marinade. Uns verrät er sein Rezept allerdings nicht, doch dir gibt er es bestimmt gern.“

Als Marys Magen laut knurrte, warf Jonah ihr einen belustigten Blick zu und bemerkte trocken: „Wir füttern sie mal lieber, bevor sie uns noch beißt.“ Er reichte ihr einen Teller und nahm sich selbst einen.

Nachdem sie ihre Teller gefüllt hatten, sagte Jonah: „Wir essen drüben im großen Zimmer.“ Er ging voraus und steuerte das Sofa an. „Komm, setz dich neben mich.“

Nach und nach kamen alle mit gefüllten Tellern herein. Die Jüngeren setzten sich auf den Boden, weil nicht genügend Sitzgelegenheiten vorhanden waren. Mary fühlte sich etwas unbehaglich zwischen all den fröhlich schwatzenden Verwandten und beschloss, rasch zu essen und dann auf ihr Zimmer zu gehen.

Es schmeckte allerdings so köstlich, dass sie sich noch einen Nachschlag holte. Als alle fertig waren, sammelte sie mit Jonah die leeren Teller ein und brachte sie in die Küche. „Das Spülen übernehmen Pam und Julianne“, sagte Jonah, als sie gerade damit anfangen wollte.

„Gut, dann gehe ich jetzt nach oben“, sagte Mary. „Danke für die Einladung, das Essen war köstlich.“

Er schüttelte den Kopf. „Großvater wäre absolut gekränkt, wenn du gehst, bevor der Geburtstagskuchen angeschnitten ist. Angeblich bringt das dem Geburtstagskind Unglück.“ Er deutete auf einen großen Blechkuchen mit neun großen Kerzen und einer kleinen in der Mitte. „Mein Großvater ist heute einundneunzig geworden.“

„Oh, ein stolzes Alter. Das sieht man ihm nicht an!“

„Ja, wir haben gute Gene.“ Er zwinkerte ihr zu, und ihr wurde ganz heiß. Unverhofft überkam sie die Lust, ihn zu küssen.

„Du kannst mir helfen, die Kerzen anzuzünden.“ Er reichte ihr ein Päckchen Streichhölzer.

Nachdem die Kerzen brannten, bat Jonah sie, das Blech am anderen Ende zu fassen, und gemeinsam trugen sie den Kuchen ins Wohnzimmer.

Einer machte das Licht aus, und alle sangen „Happy Birthday“. Mary genoss es, zwischen all den singenden Menschen zu stehen, vor allem neben Jonah mit seinem weichen Bariton.

Sie stellten den Kuchen auf den Sofatisch. „Jetzt darfst du dir was wünschen!“, riefen alle.

Der alte Mann überlegte einen Moment, holte tief Luft und pustete dann mit gespitzten Lippen die Kerzen kraftvoll aus. Alle lachten und applaudierten.

Auf Jonahs Bitte schnitt Mary den Geburtstagskuchen an. Die Mädchen holten Teller, und Mary legte auf jeden ein quadratisches Stück des goldgelben Butterkuchens.

Nachdem alle Teller verteilt waren, setzte Mary sich auf den freien Platz zwischen Jonahs Mutter und einer der Tanten. Es entwickelte sich ein angeregtes Gespräch übers Kochen. Erst nach einer Weile fiel Mary auf, dass sie nebenbei eine ganze Menge privater Dinge von sich preisgab. Offenbar waren die Damen sehr geschickt darin, Leute unauffällig auszufragen. Doch seltsamerweise machte es ihr gar nichts aus, denn die beiden erzählten auch von sich.

Es war bereits Mitternacht, als alle aufbrachen. Mary war erstaunt, wie schnell die Zeit vergangen war. Sie ging in die Küche, um eventuell noch beim Aufräumen zu helfen, doch alles war bereits blitzblank. Im Esszimmer standen die Tische und Stühle wieder an ihrem Platz.

Da es nichts mehr für sie zu tun gab, wollte sie die Treppe hochgehen, doch im selben Moment kam Jonah von draußen herein. Er schloss die Haustür hinter sich ab und lächelte Mary an. „Ich fand es schön, dass du dich zwischen meinen Verwandten so wohlgefühlt hast.“

Mary blieb stehen. „Sie sind wirklich sehr nett.“

Er kam im halbdunklen Flur auf sie zu, und ihr Atem stockte, als er ihr über die Wange streichelte.

„Schlaf gut“, sagte er beinahe zärtlich. „Du bist bestimmt müde, es war ein anstrengender Tag für dich.“

Er stand so dicht vor ihr, dass sie seinen Atem spürte, und ein sehnsüchtiges Kribbeln durchlief sie. Als er sich ihrem Gesicht näherte, fingen ihre Lippen vor Verlangen an zu beben. „Noch nie habe ich eine Frau so begehrt wie dich“, flüsterte er.

„Wirklich?“, hauchte sie und wartete auf seinen Kuss.

Doch er berührte nur flüchtig ihre Lippen und trat dann einen Schritt zurück. „Gute Nacht, Mary.“

Sie drehte sich um und lief die Treppe hoch, ohne zurückzublicken.

4. KAPITEL

Am Freitag der folgenden Woche stand Mary am Weidezaun und ließ den Blick über die friedlich grasende Herde schweifen. Sie war schon früh aufgestanden, um mit Attila zu üben, danach hatte sie die morgendlichen Stallarbeiten erledigt.

Gestern hatte sie sich jedes Tier einzeln vorgenommen und genau untersucht. Zum Glück hatte sie bei keinem von ihnen entzündete Augen oder andere Anzeichen von Krankheiten erkennen können. Dann hatte sie die Kälber gezählt, die am Samstag verkauft werden sollten.

Nun war sie frisch geduscht und für die Stadt angezogen und wartete auf Jonah, der noch am Telefonieren war. Sie musste zugeben, dass sie ziemlich aufgeregt war.

„Mary!“

Sie drehte sich um und sah Jonah an der Hintertür stehen. Seit der Geburtstagsfeier vor einer Woche waren sie sich nicht mehr näher gekommen, und das war ihr nur recht.

„Könntest du noch rasch eine Einkaufsliste machen mit den Sachen, die wir für den Shop brauchen?“

Sie nickte und folgte ihm ins Haus. Wie sexy er aussah in seinen engen Jeans und den polierten Stiefeln. Seine Hüften waren schmal, aber muskulös. Er trug ein weißes Hemd mit aufgerollten Ärmeln.

Wenn er sie doch wieder küssen würde … Sie konnte den sehnsüchtigen Wunsch nicht verhindern und ärgerte sich über sich selbst.

Rasch lief sie in den Shop, nahm Notizblock und Stift zur Hand und ging die wenigen Regale durch. Neben dem schmalen Tresen stand ein verglaster Kühlschrank mit Getränken, auf der anderen Seite ein Gestell mit süßen und salzigen Snacks. Es fiel ihr auf, dass es keinerlei alkoholische Getränke gab.

„Fertig?“

„Ja. Meinst du, wir brauchen noch Mückenspray? Es sind nur noch zwei Dosen da.“

„Nein, die Mückensaison ist vorbei. Jetzt brauchen wir warme Einlegesohlen und Lippenbalsam.“

„Erwartest du viele Gäste im Winter?“

„Für die Jagdsaison sind wir bis Ende November ausgebucht. Anfang Januar geht es dann mit den Wintersportlern weiter.“

Sie reichte ihm die Einkaufsliste und folgte ihm zu seinem Pick-up.

Unterwegs fragte Mary: „Wird mein Zimmer eigentlich nicht gebraucht?“

„Im Moment nicht.“ Er sah sie mit seinen dunklen Augen an. „Im letzten Winter bin ich nach oben gezogen, aber unten wird es schon gehen.“

„Aber der Wintergarten hat eine Menge Fenster, und es gibt noch keine Doppelverglasung wie sonst im Haus.“

„Wir haben uns beim Umbau erst einmal auf die Gästezimmer konzentriert, alles andere kommt noch. Ich mache mir inzwischen einfach warme Gedanken.“ Er lachte.

„So sind sie, die rauen Kerle“, bemerkte Mary.

Sie lachten beide, und dass ihre Stimmen so harmonisch klangen, durchrieselte Mary wie ein warmer Strom. Sie betrachtete das Panorama mit den bewaldeten Hügeln, den schroffen Felsen, Bergspitzen und den Tälern mit den kleinen Ansiedlungen.

„Man fühlt sich hier draußen irgendwie eins mit der Natur“, sagte sie.

„Viele Menschen finden es zu einsam, sie haben Angst vor der Weite.“

Mary fühlte sich wohl in dieser Abgeschiedenheit. Hier konnte sie frei atmen und sich entspannen. Sie seufzte leise.

„Was war das für ein Seufzer?“

„Es ist so friedlich hier, das mag ich.“

„Du bist am liebsten allein, oder?“

Sie fühlte sich ertappt. „Ja, mit der Natur und den Tieren komme ich besser zurecht als mit Menschen“, antwortete sie wahrheitsgemäß.

„Die Natur kann auch trügerisch sein. Manchmal ist sie stärker als der Mensch!“

Genau wie bei uns beiden, dachte Mary. Sie kamen auch nicht gegen das Feuer an, das zwischen ihnen knisterte. Noch nie hatte sie so etwas erlebt.

Als Jonah an einer Ampel anhielt, trafen sich ihre Blicke. In seinen Augen sah sie die mühsam gebändigte Leidenschaft, und ihr Herz schlug schneller. Sie war froh, als sie endlich in der Stadt ankamen.

Jonah parkte vor einem Einzelhandelsgeschäft. Nachdem er ein paar Worte mit dem Besitzer gewechselt und Mary kurz vorgestellt hatte, gingen sie gemeinsam durch die Regalreihen und suchten die Dinge auf Marys Liste zusammen.

Sie verstauten die Sachen im Auto und gingen zu Fuß zum nahegelegenen Marktplatz, auf dem der Wochenmarkt stattfand. Dort kauften sie Berge von Gemüse und Obst, Käse und Schinken, alles direkt vom Bauernhof. Mary schwelgte in all den frischen Sachen.

„Und jetzt gehen wir was essen“, sagte Jonah, als sie wieder im Auto saßen. Sie fuhren zu einem großen Blockhaus am See. „Das Grundstück gehört den Daltons. Sie haben das Haus vor wenigen Monaten gebaut, mit Holz aus ihrem eigenen Wald. Viele Feriengäste kommen zum Übernachten hierher in das Ferienresort, und das Restaurant in der Lost Valley Lodge ist hervorragend.“

Sie setzten sich an einen Fenstertisch mit Blick aufs Wasser. „Es ist wunderschön hier“, sagte Mary.

Jonah nahm seinen Stetson ab und legte ihn neben sich. Nach kurzem Zögern tat Mary es ihm nach.

„So ist es besser“, sagte er zufrieden, als Marys dick geflochtener Zopf zum Vorschein kam. „Offen würde es mir allerdings noch besser gefallen“, fügte er mit einem anzüglichen Lächeln hinzu.

Mary ging auf seine Neckerei ein und warf ihm einen gespielt bösen Blick zu.

Von nebenan war Gelächter zu hören, und Jonah fragte die Bedienung, was dort los sei.

„Eine Hochzeitsfeier“, sagte die junge Frau. „Der letzte Dalton-Sohn Trevor hat vor ein paar Wochen Lyric Gibson geheiratet, und zwar in Texas, und das ist die nachträgliche Familienfeier.“ Sie betonte das Wort Texas leicht abschätzig.

Jonah nickte. Er hatte davon gehört.

„Wie viele Dalton-Söhne gibt es denn?“, fragte Mary.

„Fünf. Und eine Tochter. Nick Dalton ist ihr Onkel. Er hat die Kinder adoptiert, nachdem ihre Eltern tödlich verunglückt waren.“

Ein seltsam kalter Schauer überlief Mary. Sie hatte plötzlich das Gefühl, als ob sich der Boden unter ihr öffnete. Als wäre sie mit einem Mal in eine andere Zeit und an einen anderen Ort versetzt …

Ein Kinderlied begann in ihrem Ohr zu klingen. Tinkerbell, Tinkerbell … War das nicht die Fee aus Peter Pan?

Sie saß vollkommen still, während die Melodie schmerzhafte Erinnerungen in ihr wachrief, die sie nicht recht deuten konnte.

„Mary, ist alles in Ordnung?“

Sie zuckte zusammen und sah Jonah erschrocken an. Erst jetzt bemerkte sie, dass die Bedienung noch immer wartend am Tisch stand. „Ja, alles okay“, sagte sie rasch und gab ihre Bestellung auf.

Dann blickte sie wieder gedankenverloren über den See, in dem sich das Blau des Himmels spiegelte. Die Melodie ließ sie nicht los. Vom Waisenhaus kannte sie dieses Lied nicht, das wusste sie genau.

„Ist wirklich alles okay?“, fragte Jonah besorgt.

Sie nickte und presste die Hände fest in ihrem Schoß zusammen aus Angst, die Fassung zu verlieren.

Um sich abzulenken, fragte sie Jonah nach seinen Plänen für die Ranch, und er erzählte bereitwillig. Das Geschäft mit den Feriengästen und den Campern lief gut, und auch mit der Rinderzucht war er zufrieden. Gern würde er das Geschäft noch ausweiten und auch die Herde vergrößern, aber dafür müsste er mehr Leute einstellen, und die waren schwer zu kriegen. Eine andere Idee war, irgendwann ein Ferienlager für sozial schwache Kinder aus der Stadt einzurichten.

„Ich würde gern herausfinden, wie sich wirtschaftliches Denken und gemeinnützige Arbeit miteinander kombinieren lassen, und dann ein Buch darüber schreiben. Ich habe da schon Ideen. Zum Beispiel könnten Industrieunternehmen bevorzugt bedürftige Jugendliche ausbilden oder sie durch Stipendien fördern, und davon könnten sie dann steuerlich profitieren.“

Jonahs Einstellung und seine Initiative imponierten ihr. Sie sagte es ihm und stellte ihm noch weitere Fragen. Als er ihr von seinem Buch erzählte, das vor fünf Jahren ein Bestseller gewesen war, sah sie ihn ungläubig an. „Du bist ja wirklich äußerst vielseitig!“, sagte sie beinahe ehrfurchtsvoll.

„Du doch auch“, erwiderte er ruhig. „Du kannst kochen, Pferde trainieren, eine Rinderherde zusammenhalten und bestimmt noch so einiges, wovon ich nichts weiß.“

Sie lächelte ihn unsicher an, als sei sie nicht ganz überzeugt von ihren Fähigkeiten.

„Manche Menschen stellen ihr Licht gern unter den Scheffel, wie es so schön heißt.“

Sein Lob schmeichelte Mary. Sofort fühlte sie sich besser und vergaß die zuvor erlebte Panik. Als dann ein lecker aussehender Teller vor ihr stand, machte sie sich mit Appetit ans Essen. Sie hatte Forelle bestellt, die direkt aus dem See stammte, dazu einen raffiniert angerichteten Salat, der einem Sternerestaurant Ehre gemacht hätte.

Während des Essens berichtete Jonah weiter von seinen Plänen. „Das Problem ist, geeignete Leute zu finden, um die Kinder und Jugendlichen im Zeltlager zu betreuen.“

„Studenten suchen doch immer Ferienjobs“, schlug Mary vor.

„Nein, an so was dachte ich nicht“, erwiderte er abwehrend.

„Und warum nicht?“

„Letztes Jahr im Sommer habe ich es mit einer Studentin versucht, aber das hat überhaupt nicht funktioniert.“

„Sie hat sich wahrscheinlich in dich verknallt.“

Sein schiefes Grinsen zeigte ihr, dass sie ins Schwarze getroffen hatte.

Sie zuckte mir den Achseln. „Du bist eben ein attraktiver Mann, und wenn man eng zusammenarbeitet, kann schon eine gewisse Intimität entstehen.“

„Hast du das öfters erlebt?“

Sie sah ihn irritiert an. „Natürlich nicht.“ Außer mit dir, fügte sie im Stillen hinzu. „Ich versuche, Arbeit und Privatleben zu trennen.“

„Das habe ich befürchtet“, bemerkte er trocken.

Sie musste lachen, und ihre Blicke trafen sich.

„Es knistert gehörig zwischen uns, Cowgirl, das merkst du so gut wie ich. Sollen wir weiterhin so tun, als ob nichts wäre?“

„Was sonst? Ich lasse mich nicht mit meinem Boss ein.“

„Und auch mit niemand anderem, oder?“

Sie lächelte schief.

„Hast du schlechte Erfahrungen gemacht?“

„Das ist lange her. Er war verlobt, was ihn aber nicht davon abhielt, sich nebenher mit anderen zu vergnügen. Das war eine heilsame Lektion.“

„Und seitdem vertraust du keinem Mann mehr.“

„Keinem attraktiven, charmanten Mann, nein“, korrigierte sie ihn.

„Da du behauptet hast, ich sei attraktiv, gehöre ich wohl zu den moralisch Zweifelhaften?!“

Er machte sich über sie lustig, und das verunsicherte sie. Halb wollte sie lachen, halb war sie verärgert.

„Entschuldige bitte.“ Sie stand auf und ging zur Toilette, um sich etwas Abstand zu verschaffen.

Auf dem Rückweg geriet sie mitten in die feiernde Gesellschaft, die gerade im Aufbruch begriffen war. Ein Mann rempelte sie aus Versehen an, und sie hielt sich instinktiv an ihm fest, um nicht hinzufallen. „Tut mir leid“, murmelte sie.

„Es war meine Schuld! Ich habe Sie einfach übersehen.“

Sie blickte in zwei Augen, die so blau waren wie ihre eigenen. Der Mann hatte grau melierte dunkle Augenbrauen und ebensolches Haar.

Sie lächelte ihn höflich an und wollte weitergehen, doch er hielt sie fest. Instinktiv drückte sie ihn mit beiden Händen weg, und der Mann ließ sie daraufhin los. Doch plötzlich presste er die Hand an seine Brust und stürzte hin, glücklicherweise auf den handgeknüpften indianischen Teppich am Boden. „Sir?“, fragte sie besorgt und kniete neben dem Mann nieder.

„Lassen Sie mich mal, ich bin Arzt!“, sagte einer der umstehenden jungen Männer und beugte sich über den am Boden Liegenden.

Mary stand auf, blieb aber neben dem Ohnmächtigen stehen.

Eine hübsche rothaarige Frau bahnte sich den Weg durch die Gruppe. „Hier ist deine Arzttasche, Beau.“ Sie öffnete die Tasche und reichte dem Arzt das Stethoskop.

Dann kam eine grauhaarige Frau herbeigeeilt und fiel neben dem Mann auf die Knie. Sie nahm seine leblose Hand und hielt sie an ihre Wange.

Seine Frau, vermutete Mary.

Sie blickte zu Mary hoch. „Was ist denn passiert?“

„Wir sind zusammengestoßen, und dann … ich weiß nicht, es ging alles so schnell …“

„Er hat schon öfters einen Herzanfall gehabt“, sagte ein anderer junger Mann zu ihr. Er hatte die gleichen blauen Augen wie der Arzt und der Mann am Boden.

„Onkel Nick!“, sagte der Arzt laut, „wir bringen dich jetzt ins Krankenhaus.“

„Ist es wieder sein Herz?“, fragte die grauhaarige Frau.

„Nein, sein Herz schlägt kräftig und regelmäßig, aber sein Puls ist erhöht. Das Ganze sieht mir eher nach einem Schock aus.“ Er runzelte irritiert die Stirn.

Mary spürte eine Hand auf ihrer Schulter und blickte in Jonahs Gesicht. „Wollen wir gehen?“, fragte er mit sanfter Stimme. „Wir können hier nichts mehr tun.“

„Ich wollte ihm nicht wehtun“, sagte Mary entschuldigend. „Er hat mich festgehalten, und da habe ich ihn weggeschubst …“

„Ich weiß, ich habe alles beobachtet. Es war ein Unfall.“

„Aber wir können nicht einfach gehen, ich möchte erst wissen, ob alles mit ihm in Ordnung ist.“

„Ich werde Beau später fragen, wie es Onkel Nick geht.“

Er führte sie zu seinem Wagen und half ihr auf den Beifahrersitz. Offenbar dachte er, sie hätte Hilfe nötig. Tatsächlich fühlte sie sich vollkommen verunsichert, als hätte sie etwas Schreckliches getan. Als sie den Gurt anlegte, merkte sie, dass ihre Hände zitterten. Sie setzte ihre Brille auf, aber das machte es auch nicht besser.

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