Logo weiterlesen.de
BIANCA EXTRA BAND 58

AMY WOODS

Hoffnung auf ein zweites Glück?

Nur um eine Klinik zu bauen, ist Ryan in Peach Leaf – und nicht, um mit Katie wieder heiß zu flirten! Immerhin erwartet sie das Baby eines anderen. Aber warum kreisen seine Gedanken dann nur noch um sie?

TERESA SOUTHWICK

Ein unmöglicher Liebesdeal

Feste Beziehungen? Sind für Alex tabu. Doch als er Architektin Ellie mit auf sein Boot nimmt, erliegt er ihrem Charme komplett. Sein Deal: eine Affäre, nur so lang wie ihr gemeinsames Bauprojekt …

LAURIE PAIGE

Schicksal, Wahrheit, Leidenschaft

Dr. Beau Dalton kennt keine Probleme – bis Shelby in sein Leben platzt. Die aparte Krankenschwester hilft ihm in seiner Praxis, und er fühlt es jeden Tag: Shelby verbirgt ein dunkles Geheimnis …

BRENDA HARLEN

Verliebt in einen Playboy-Daddy

„Du hast eine Tochter!“ – Jackson bebt vor Wut: Kelly, die er nie vergessen konnte, hat ihm sein Kind vorenthalten. Um ihr zu zeigen, was sie verpasst hat, küsst er sie. Hat er wirklich nur Rachegelüste?

Hoffnung auf ein zweites Glück?

1. KAPITEL

Ryan Ford setzte den Blinker und bog von der Hauptstraße auf den Parkplatz des Jenkins’ ab. Der Pub war bekannt für seine gesellige Atmosphäre, und viele Bewohner von Peach Leaf trafen sich dort zum Mittagessen oder nach der Arbeit. Früher war das Jenkins’ Ryans Stammlokal gewesen, denn dort gab es die besten Chicken Wings von ganz Texas.

Als er den Pub betrat, fühlte es sich an wie ein Schritt zurück in die Vergangenheit. Es war noch immer derselbe köstliche Duft von gegrillten Steaks und Hähnchen, der ihn empfing, und noch immer stand die alte Jukebox in der Ecke, aus der laute Countrymusik dröhnte.

Vielleicht war der alte Dielenboden noch etwas abgetretener als früher, aber ansonsten schien sich nichts verändert zu haben. Selbst die alten Barhocker standen noch um die Theke herum. Der Wirt hatte sie vor zwanzig Jahren aus Bäumen zimmern lassen, die bei einem schweren Sturm gefällt worden waren. Der Schreiner durfte seiner Fantasie freien Lauf lassen und hatte lustige Tierfiguren in die Rückenlehnen geschnitzt.

Was fehlte, war der Zigarettenqualm. Ryan konnte sich gut vorstellen, was die Stammgäste für ein Theater gemacht hatten, als ihnen im Lokal plötzlich das Rauchen verboten worden war.

An der Wand hingen noch immer die Fotos von irgendwelchen Berühmtheiten, die zufällig im Jenkins’ vorbeigekommen waren und sich Arm in Arm mit der beleibten Wirtin Maude und ihrem spindeldürren Ehemann Jimmy ablichten ließen. Das Paar strahlte auf jedem der Fotos, auch auf dem Foto von Ryan mit seinem Football-Team.

Ein paar der Fotos waren neueren Datums, wie an den etwas älter gewordenen Wirtsleuten zu erkennen war. Ryan mochte die beiden sehr und freute sich, dass es ihnen offenbar noch gut ging.

„Ich werd’ verrückt.“ Eine tiefe, verrauchte Stimme riss Ryan aus seinen Gedanken. Er drehte sich um und fand sich prompt in Maudes kräftigen Armen wieder. „Wo hast du denn die ganze Zeit gesteckt, mein Junge? Warte mal, wann haben wir dich hier zuletzt gesehen? Mir kommt es vor wie Jahrzehnte.“

Ryan drückte Maude an sich. Ihr warmer, vertrauter Geruch – eine seltsam tröstliche Mischung aus Essen und herber Seife – brachte die Erinnerung an die Freitagabende nach den Turnieren zurück, wenn alle herkamen, um ihren Erfolg zu feiern oder sich über ihren Misserfolg hinwegzutrösten.

„Hallo, Mrs. Jenkins. Wie geht’s denn?“

Maude hielt ihn von sich weg, um ihn genauer betrachten zu können. „Mir geht es gut, sehr gut“, sagte sie mit breitem Lächeln. „Aber wie ist es dir ergangen?“ Wieder drückte sie ihn an sich und tätschelte ihm den Rücken.

„Mir geht’s auch gut.“ Viel mehr wollte er eigentlich nicht von sich preisgeben, vor allem nicht den Grund für sein Hiersein.

Ryan und sein Vater hatten ein Treffen mit dem hiesigen Museumsdirektor und der Stadtverwaltung vereinbart, um über die Pläne für den Neubau eines Krebszentrums zu sprechen.

Dafür musste das Siedlungsmuseum weichen, das Herzstück von Peach Leaf und eine wahre Fundgrube, was die Geschichte von Westtexas anging. Ryans Architekturbüro war mit der Konzeption des Krebszentrums beauftragt worden, und die Baufirma seines Vaters würde den Bau ausführen. Ryan respektierte zwar die Gründe der Besitzerin Mrs. Wallace, ihr Grundstück zu verkaufen, doch in der Stadt war man verständlicherweise sehr aufgebracht darüber.

Da das Museumsgebäude unter Denkmalschutz stand, sollten Teile davon in die neue Klinik integriert werden. Das war in Ryans Plänen bereits vorgesehen. Die zum Museum gehörenden alten Siedlerhäuser aus dem achtzehnten Jahrhundert würden abgetragen und auf dem Gelände eines Freilichtmuseums außerhalb von Dallas wieder aufgebaut werden. Hierfür hatte Ryans Vater bereits eine Spezialfirma beauftragt.

Ryan fand es schade, dass die alten Häuser nicht an ihrem ursprünglichen Platz stehenbleiben konnten, aber Mrs. Wallace hatte darauf hingewiesen, dass die Gebäude ohnehin dringend restauriert werden müssten. Jahrelang hatte ihre Familie den Museumsbesuchern erlaubt, sich frei in den Häusern zu bewegen, was erheblich zu deren Abnutzung beigetragen hatte. Ryans Vater hatte sich sehr für den Erhalt der alten Siedlerhäuser eingesetzt, und dafür verdiente er Hochachtung, wie Ryan fand – auch wenn sein Dad in seinem Leben so manchen Fehler begangen haben mochte.

Für die Unterbringung der Museumsstücke war ebenfalls bereits Vorsorge getroffen worden. Die Universität von Austin würde die kleineren Exponate übernehmen, alles andere würde in dem Freilichtmuseum von Dallas seinen Platz finden.

Alles in allem war es eine gute Lösung, doch in der Stadt würde man das garantiert anders sehen. Zwar dürfte den Bewohnern von Peach Leaf klar sein, welche Vorteile der Bau eines Krebszentrums der Stadt bringen würde – bessere medizinische Versorgung, dringend benötigte neue Arbeitsplätze, mehr Gewerbesteuereinnahmen.

Doch die Leute würden sicherlich nicht verstehen, weshalb sie dafür einen Teil ihrer Geschichte aufgeben sollten. Schließlich wäre es durchaus möglich gewesen, das Museum zu erhalten und das Klinikum auf einem anderen Gelände zu errichten. Aber Mrs. Wallace hatte ihr Grundstück nun einmal an den Klinikbetreiber verkauft. Und die Stadt hätte nicht die nötigen Mittel für den Kauf des Grundstücks und die Restaurierung der Gebäude aufbringen können.

All diese Überlegungen hätten Ryan eigentlich nicht kümmern müssen. Schließlich wohnte er nicht mehr in Peach Leaf, und sobald die Pläne für den Neubau fertig waren, war seine Arbeit hier erledigt. Mit allem anderen müsste sein Vater klarkommen.

Maude ließ ihm jetzt ohnehin keine Zeit für weitere Grübeleien. Sie zog ihn an die Bar, drückte ihn auf einen der Hocker und machte sich in der Küche ans Kochen. Es dauerte nicht lange, da stand ein köstlich duftender, prall gefüllter Teller vor ihm, und er langte mit Appetit zu.

Maude unterhielt ihn beim Essen mit Neuigkeiten aus der Kleinstadt. Da es noch früh am Abend und das Lokal fast leer war, hatte sie genügend Zeit zum Plaudern. Ryan hörte interessiert zu, während er sich das Essen schmecken ließ.

Vermutlich hätte er nicht einmal bemerkt, wenn der Präsident der Vereinigten Staaten plötzlich das Lokal betreten hätte – doch die Person, die plötzlich aus der Küche kam, ließ ihn völlig perplex die Gabel beiseitelegen …

Wenn es etwas gab, was noch schlimmer war, als einen geliebten Job zu verlieren, dann war es, seinen früheren Arbeitgeber zu fragen, ob man eventuell seinen alten Job wiederhaben könnte.

Damals war es gar nicht so übel gewesen, nach der Highschool ein paar Monate für die Jenkins zu arbeiten. Maude und Jimmy waren wunderbare Menschen, und Katie hatte viel von ihnen gelernt. Mit dem verdienten Geld konnte sie eine Zeit lang ihr Studium am College in Austin finanzieren. Dann hatte sie die Stellenanzeige für das Siedlungsmuseum entdeckt und sich kurzerhand beworben. Ohnehin war sie es mittlerweile leid gewesen, sich ständig Sorgen zu machen, wie sie die teure Miete und die Studiengebühren aufbringen sollte.

Tatsächlich bekam sie die Stelle und war überglücklich. Jeden Morgen freute sie sich, zur Arbeit zu gehen, und bedauerte die Menschen, die den Tag in einem langweiligen Büro verbringen mussten. Sie selbst konnte sich morgens einen Rüschenrock anziehen und ihr langes dunkles Haar zu einem romantischen Dutt hochstecken, wie es im späten neunzehnten Jahrhundert Mode gewesen war. Sie konnte sich keine Arbeit vorstellen, die sie lieber gemacht hätte.

Sie liebte es, Kindern die Geschichte ihrer Heimatstadt näherzubringen, ihnen zu zeigen, wie ihre Vorfahren ihre Kleidung gewebt und ihr Brot gebacken hatten. Den Erwachsenen gab sie die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen und sich in eine Zeit zurückzuversetzen, in der die Menschen noch mit den Händen gearbeitet und ihr eigenes Gemüse angebaut hatten …

Doch nun würde sie ihre geliebte Stelle verlieren, das hatte der Museumsdirektor ihr und ihren Kollegen heute Morgen eröffnet. Für Katie war diese Nachricht doppelt schlimm, denn wie sollte sie ohne einen Job das kleine Wesen großziehen, das in ihr wuchs? Ohnehin war sie gedanklich die meiste Zeit mit dem Baby und ihrer neuen Situation beschäftigt. Nun kam der Verlust ihrer Arbeitsstelle hinzu, und sie fragte sich, wie sie das alles alleine schaffen sollte.

Vor drei Monaten, kurz nachdem ihre Schwangerschaft festgestellt worden war, hatte ihr inzwischen Exverlobter Bradley ihr eröffnet, dass er sich ein Leben als Familienvater nicht vorstellen könne. Eigentlich wolle er überhaupt keine Kinder. Katie war am Boden zerstört … und unglaublich wütend. Zwar hatten sie nie über das Thema Kinder gesprochen, und die Schwangerschaft war nicht geplant gewesen, aber mit einer solchen Reaktion hatte sie nicht gerechnet. Immerhin hatte Bradley mal behauptet, sie zu lieben.

Nachdem sie ein Jahr zusammengelebt und sich gut verstanden hatten, war Katie davon ausgegangen, dass er sich über die unverhoffte Schwangerschaft genauso freuen würde wie sie selbst. Schließlich konnten sie beide nichts dafür, dass Katie trotz Verhütung schwanger geworden war. Es war doch allgemein bekannt, dass keines der gängigen Verhütungsmittel absolut sicher war.

Als ob seine ablehnende Haltung nicht schon erbärmlich genug gewesen wäre, hatte er sie allen Ernstes gefragt, ob sie das Kind behalten wolle. Damit hatte er endgültig bei ihr verspielt. Mit diesem Mistkerl wollte sie nichts mehr zu tun haben. Noch am selben Tag war sie aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Sie würde es schon schaffen, ihr Kind alleine großzuziehen. Auf keinen Fall würde sie finanzielle Unterstützung von ihm annehmen.

Katie war furchtbar enttäuscht und ärgerte sich über sich selbst, dass sie sich in einen solchen Mann verlieben konnte. Wie hatte sie sich dermaßen in einem Menschen täuschen können?

Ihre beste Freundin June hatte ihr spontan angeboten, bei ihr zu wohnen, und so war sie mit zwei Koffern in Junes hübsches Cottage gezogen. Ihre wenigen Möbelstücke aus Bradleys Wohnung hatte sie vorerst im Haus ihrer Eltern deponiert.

Katie wusste, dass sie sich auf ihre Familie und auf June immer verlassen konnte. Sie würde also in ihrer Schwangerschaft und später als alleinerziehende Mutter jede Menge Unterstützung haben. Ihre Eltern waren die nettesten Menschen der Welt und freuten sich riesig auf ihr Enkelkind. Trotzdem wollte Katie die Hilfe dieser Menschen nicht zu sehr in Anspruch nehmen, sondern in der Lage sein, ihr Kind alleine großzuziehen.

Alles wäre in bester Ordnung, wenn sie ihren geliebten Job behalten könnte.

Ihr Chef hatte ihr und ihren Kollegen mitgeteilt, dass das Museum an einen unbekannten Käufer verkauft worden sei, der den Abriss plante. Anstelle des Museums würde ein hochmodernes Krebszentrum entstehen. Die Museumsstücke und ein paar der historischen Gebäude würden in andere Museen verlagert, doch das Haus selbst und alles, was dazugehörte, würde nicht weiter bestehen bleiben. Er bedaure das sehr, aber natürlich hätten weder die Stadt noch der Geschichtsverein von Peach Leaf, der das Museum verwaltete, die nötigen Mittel, den Grund selbst zu erwerben.

Seit sie diese schlimme Nachricht erhalten hatte, machte Katie sich Sorgen um ihre Zukunft. Sie bezweifelte, jemals wieder eine so anspruchsvolle Stelle zu finden. Immerhin hatte sie sich in fünf Jahren eine Karriere aufgebaut, die nun beendet war. Insgeheim hatte sie schon darauf gehofft, vielleicht Direktorin zu werden, wenn ihr Chef in ein paar Jahren in Rente ging und ihr Baby aus dem Gröbsten heraus gewesen wäre.

Es tat ihr weh, dass das Museum aus rein finanziellen Gründen verkauft worden war. Was war mit den ideellen Werten – der Freude, die das Museum den Menschen brachte? Was würde aus den vielen Aktivitäten werden, den Lernangeboten für Kinder, der Arbeit mit Senioren? All das war durch die Einnahmen des Museums ermöglicht worden, und wie viel Spaß hatten die Teilnehmer, und vor allem Katie selbst, dabei gehabt.

Doch sie wollte sich nicht länger mit solch trüben Gedanken aufhalten. Noch stand das Museum, und für eine Weile würde sie dort noch weiterarbeiten können.

Trotz der Abrisspläne würde am kommenden Wochenende das berühmte Kürbisfest stattfinden. Wie in all den Jahren zuvor wurde es auch diesmal vom Museum veranstaltet, und Katie hatte zusammen mit ihren Kollegen wieder ein buntes Programm vorbereitet. Sie konnte es kaum erwarten, dass es endlich losging mit der Heuwagenfahrt, den Spielen und dem Lagerfeuer.

Alle Kinder würden mit ihren Familien zum Gelände des früheren Siedlerdorfs fahren, wo vor einigen Jahren ein Feriencamp errichtet worden war. Noch standen die alten Siedlerhäuser, die bald abgetragen werden würden, und auch der alte Traktoranhänger war noch da. Der wurde nämlich für die Heuwagenfahrt gebraucht.

Katie freute sich schon riesig auf das Fest. Man konnte reiten und schwimmen, abends gab es ein Lagerfeuer, und die Kinder durften an langen Stöcken Marshmallows und Schokokekse rösten. Katie sorgte immer für die süßen Extras, die so gar nicht dem authentischen Siedleressen entsprachen. Unweigerlich würden ihre Kollegen wieder scherzhafte Bemerkungen machen, wenn sie ihre süßen Mitbringsel auspackte.

Aber sie fand es so schön, die leuchtenden Kinderaugen zu sehen. Außerdem sorgte sie immer dafür, dass sie selbst auch etwas von den Leckereien abbekam. Sie musste lächeln bei dem Gedanken, dass sie in diesem Jahr eine gute Entschuldigung hatte, in den klebrigen Naschereien zu schwelgen. Einer Schwangeren gestand man den Heißhunger auf Süßes doch gerne zu.

Trotz aller Vorfreude empfand sie Wehmut, denn das diesjährige Kürbisfest würde wohl das letzte seiner Art sein.

Ihre Eltern waren mit ihr jedes Jahr zum Kürbisfest gegangen, seit sie kurz nach Katies sechstem Geburtstag nach Peach Leaf gezogen waren. Auch die Nachbarsfamilien waren zum Fest gegangen, und diese fröhlichen Zusammenkünfte gehörten zu Katies schönsten Erinnerungen. Deshalb hatte sie sich umso mehr gefreut, die Stelle im Museum zu bekommen.

Gleich nachdem sie mit ihren Eltern in das neue Haus gezogen war, hatte sie sich mit dem Nachbarsjungen Ryan angefreundet, der zwei Jahre älter war als sie und ebenfalls keine Geschwister hatte.

Katie atmete tief durch, während ihre alten Gefühle wieder aufflammten. Ryan war ihr bester Freund gewesen, mit dem sie jede freie Minute verbracht hatte. Gemeinsam hatten sie ihre Kinderabenteuer erlebt und sich als Teenager ihre Probleme von der Seele geredet – bis sie ihn an ein anderes Mädchen verlor, kurz nachdem ihr bewusst geworden war, dass er ihr mehr bedeutete.

Sie hatte gerade noch Gelegenheit gehabt, ihm ihre Liebe zu gestehen, doch Sarah war ihr schon zuvorgekommen.

Katie schüttelte den Kopf, um Ryan Ford aus ihrer Erinnerung zu vertreiben.

Sie seufzte. Schweren Herzens war sie am Nachmittag auf dem Heimweg vom Museum im Jenkins’ vorbeigegangen, um zu fragen, ob sie dort eventuell wieder arbeiten könnte. Als sie zu Jimmy in die Küche kam, tat er so, als ob er ihr gerundetes Bäuchlein nicht bemerken würde. Er freute sich sehr, sie zu sehen und versicherte ihr, dass sie jederzeit wieder bei ihm anfangen könne, selbst wenn es nicht genug Arbeit im Pub für sie gäbe. Er gab ihr sogar gleich ein Jenkins’-T-Shirt mit, das sie anziehen könnte, falls sie sich entschloss, wieder für ihn zu arbeiten.

Katie hatte nicht gewusst, ob sie lachen oder weinen sollte.

Und dann, als sie durch die Schwingtür aus der Küche kam, hatte es sie wie der Blitz getroffen. Vor ihr an der Bar saß Ryan Ford und ließ sich seine Chicken Wings schmecken, als wäre es die normalste Sache der Welt. Als wäre er nie weg gewesen.

Einen Moment lang glaubte Katie, sich zu irren. Vielleicht spielten nur ihre Nerven verrückt, denn schließlich hatte sie einen anstrengenden Tag hinter sich. „Ryan?“, fragte sie mit zittriger Stimme, und als er sie ansah, erkannte sie ihn genau.

Unvergesslich, dieses Gesicht, das sie immer geliebt und zum Schluss gehasst hatte. Mein Ryan, dachte sie, bevor sie sich korrigierte. Er war niemals mein Ryan.

Ihre Gefühle für Ryan Ford waren mit den Jahren derart verworren geworden, dass sie gar nicht wusste, wie sie ihm gegenübertreten sollte.

Er blinzelte ungläubig, und einen Moment, der ewig zu dauern schien, saß er stocksteif da. Dann legte er seine Gabel beiseite und sagte: „Katie.“ Diese zwei Silben aus seinem Mund genügten, um längst vergrabene Gefühle wieder aufzuwühlen. Sie bekam weiche Knie und musste sich am Türrahmen festhalten.

Im nächsten Moment kam er auf sie zu, blieb aber in einigem Abstand stehen, als ob er unsicher sei, was er sagen sollte. Sie schlug die Augen nieder, weil sie ihn nicht ansehen wollte, doch der kurze Blick zuvor hatte genügt. Ryan Ford hatte schon immer fantastisch ausgesehen, und alle Mädchen waren in ihn verliebt gewesen. Aber der Mann, der jetzt vor ihr stand, war einfach … unwiderstehlich.

Seine Augen waren haselnussbraun, und sein rotbraunes Haar war wellig und noch genauso unbändig wie früher. Und seine Lippen … die Unterlippe voller als die Oberlippe – Lippen, die Katie nur einmal geküsst hatte und seitdem nie vergessen konnte.

Er war mindestens einen Kopf größer als sie, und während sie mit gesenktem Blick vor ihm stand, spielten ihre Gefühle verrückt. Sie hätte auf ihn einschlagen und ihn gleichzeitig umarmen wollen – ihn anschreien, er solle gefälligst wieder abhauen, und sich gleichzeitig in seine Arme schmiegen. Ihn ans Schienbein treten und gleichzeitig seinen Mund auf ihrem spüren wollen.

Völlig verwirrt stand sie da und bekam Angst, gleich etwas ganz Dummes zu tun, falls er noch lange so vor ihr stehenbleiben würde. Warum sagte er nichts?

Katie nahm all ihre Kraft zusammen, atmete tief durch und tat genau das, was er damals getan hatte.

Sie ließ ihn stehen und lief weg.

2. KAPITEL

Auf dem Weg zu ihrem Auto schwirrten ihr jede Menge Fragen durch den Kopf, die sie ihm gern gestellt hätte. Warum hatte er sie damals verlassen und nie wieder Kontakt mit ihr aufgenommen? Warum war er ohne einen Blick zurück in seinem verrosteten alten Truck losgefahren? Sie war noch dabei gewesen, als er die Schrottkiste kurz zuvor eigenhändig repariert hatte – zu stolz, von seinem Vater Geld anzunehmen.

Vor allem hätte sie gern gewusst, warum er ihr damals keine Antwort gegeben hatte. Am Abend nach der Feier zu seinem Highschool-Abschluss hatte sie ihm schüchtern ihre Liebe gestanden, aber er hatte nur verlegen herumgedruckst und gesagt, er wäre jetzt mit Sarah zusammen.

Warum hatte er sie einfach fallengelassen, als ob ihm ihre Freundschaft gar nichts bedeutete?

Hinter ihr knirschten plötzlich Schritte im Kies. War das etwa Ryan, der ihr folgte?

Wollte sie überhaupt, dass er ihr folgte?

Früher hätte sie laut Ja gerufen. Aber jetzt?

Vielleicht war alles, was ihr gerade passierte, ein einziger Alptraum. Konnte ihr Leben nicht einfach so weiterlaufen wie all die Jahre zuvor?

Als ob sie nicht schon genug Probleme am Hals hätte, musste nun zu allem Überfluss noch Ryan Ford auftauchen. Nachdem sie acht Jahre lang versucht hatte, ihn zu vergessen, stand er plötzlich wieder vor ihr, als sei nichts gewesen.

Sie war sicher, dass er es war, doch sie ging trotzdem weiter, weil sie einfach nicht wusste, wie sie ihm gegenübertreten sollte. Sie kramte nach ihrem Autoschlüssel.

„Katie, warte doch!“ Ryans Stimme hörte sich fordernd und gleichzeitig liebevoll an. Der Klang überrieselte sie wie ein warmer Regenguss.

Sie blieb stehen und drehte sich langsam zu ihm um. Ihr Puls raste.

Wie oft hatte sie sich diesen Moment vorgestellt, irgendwann ihrer Jugendliebe wieder gegenüberzustehen.

All die Jahre, in denen sie eine erwachsene Frau geworden war, mit einem Beruf, den sie liebte, und in dem sie viel erreicht hatte, eine Frau, die nun bald Mutter werden würde – all das spielte plötzlich keine Rolle mehr. Sie war wieder der verliebte Teenager, der beim bloßen Klang von Ryans Stimme nichts anderes mehr wollte, als sich in seine Arme zu schmiegen.

Sie atmete tief durch. Nein, sie würde ihm nicht zeigen, wie es in ihr aussah.

„Was um alles in der Welt tust du hier, Ryan?“, fragte sie mit herausforderndem Blick.

Bittersüß fühlte sich der Name auf ihrer Zunge an, und ihre Stimme klang heiser.

Er stand ein paar Schritte von ihr entfernt. So lange er da stehen blieb und ihr nicht wieder so nahe kam wie eben an der Bar, konnte sie mit der Situation umgehen. Solange sie nicht den Duft der Zitrone-Minze-Seife riechen musste, die er offenbar noch immer benutzte. Solange sie nicht seine Wärme spürte.

„Ich freue mich so, dich zu sehen …“ Er machte einen Schritt auf sie zu, und sie wich unwillkürlich zurück. „Du freust dich anscheinend nicht, aber ich finde es schön.“

Katie begegnete seinem Blick und sah, wie seine Augen sich weiteten, als er ihren kleinen Bauch bemerkte. Kurz presste er die Lippen zusammen, doch als er ihr wieder ins Gesicht sah, war sein Blick sanft, beinahe zärtlich.

Ihr wurde klar, dass sich seit damals nichts an ihren Gefühlen geändert hatte.

Er war ihre große Liebe und würde es bleiben. Und wenn sie noch so sehr versucht hatte, ihn durch andere Männer zu ersetzen.

Damals war sie so naiv gewesen zu glauben, dass er selbstverständlich ihre Gefühle erwiderte. Doch sie musste erfahren, dass es eine andere Person gab – Sarah, die ein Baby von ihm erwartete.

Nie würde sie seinen Blick vergessen, als er ihr sagte, er müsse weggehen und zu seiner Verantwortung Sarah gegenüber stehen. Er hatte beteuert, dass es genau das sei, was er wollte, doch sein Blick hatte etwas anderes gesagt. In seinem Blick hatte sie genau das gelesen, was sie instinktiv schon immer gespürt hatte: Er liebte sie genauso wie sie ihn.

Ohne ein weiteres Wort war er an dem Abend weggegangen, und der traurige und doch entschlossene Ausdruck in seinen Augen hatte ihr das Herz zerrissen.

Ein Teil von ihr war mit ihm gegangen, als er mit Sarah und dem wenigen Gepäck, das die beiden mitnahmen, losgefahren war.

Zwei Tage lang hatte sie sich in ihrem Zimmer eingeschlossen, sich in Ryans Lieblings-Sweatshirt gewickelt und sich das Herz aus dem Leib geweint. Als die Tränen versiegten, nahm sie sich fest vor, ihn zu vergessen. Er war ein wunderbarer Kinder- und Jugendfreund gewesen, aber sie würde nun ihr eigenes Leben beginnen. Sie würde ihr Glück auch ohne ihn finden.

Katie stieß den Atem aus, den sie die ganze Zeit angehalten hatte.

Tatsächlich war sie ohne ihn auch ganz glücklich gewesen. Dass sie nun ohne Mann und ohne Vater für ihr Kind dastand, war natürlich in ihrem Plan nicht vorgesehen gewesen. Viel lieber würde sie eine genauso fröhliche Familie haben, wie sie selbst sie in ihrer Kindheit erlebt hatte. Aber sie konnte warten. Irgendwann würde sich dieser Wunsch erfüllen, da war sie ganz zuversichtlich.

Ryans plötzliches Erscheinen brachte ihren Optimismus allerdings ins Wanken.

„Ryan, ich …“, sie räusperte sich, „… ich hatte nicht erwartet, dich jemals wiederzusehen.“

Er nickte und ließ die Schultern sinken. Mit traurigen braunen Augen sah er sie an, und Katie spürte, wie sie sich in seinem Blick verlor.

„Auch für mich kommt es überraschend, dass wir uns so unverhofft getroffen haben. Ich wusste gar nicht, dass du noch immer in Peach Leaf wohnst. Es tut mir immer noch furchtbar leid, Katie, dass ich dich damals so hängengelassen habe. Das habe ich nicht gewollt, aber ich konnte nicht anders.“

Katie fühlte sich ein wenig beschämt von seinen offenen Worten. Plötzlich kam es ihr sehr unhöflich vor, dass sie ihn an der Bar einfach stehen gelassen hatte und rausgerannt war. Sie hätte ihn wenigstens freundlich begrüßen können. Warum sollte er nicht das Recht haben, seine Heimatstadt zu besuchen?

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, das ist doch alles Vergangenheit. Im Moment bin ich diejenige, die sich entschuldigen muss, weil ich dich einfach so stehen gelassen habe. Aber ich war so … überrascht, dich zu sehen …“ Eine Strähne hatte sich aus ihrer Hochfrisur gelöst, und sie steckte sie wieder fest.

Himmel, sie hatte die Haare noch immer so altmodisch hochgesteckt, wie sie es im Museum immer tat! Was würde er von ihr denken?

Seltsam, dass sie sich darüber Gedanken machte. Es war doch Ryan, der vor ihr stand. Ryan, mit dem sie früher so vertraut gewesen war wie mit niemand anders auf der Welt. Der seine Zeit am liebsten bei ihr zu Hause verbracht hatte, weil es ihm da besser gefiel als in seinem eigenen Elternhaus, wo die Atmosphäre immer angespannt war. Der süße Ryan, der sie manchmal Katydid nannte – Laubheuschrecke –, nachdem sie eines der kleinen Insekten im Garten gefunden hatten. Niemand hatte sie seither bei diesem Kosenamen genannt.

Ryan, den sie so sehr geliebt hatte, wie sie nie wieder einen anderen Mann lieben könnte. Plötzlich machte sich Wut in ihr breit, und Katie war dankbar für diese Gefühlswallung, denn es war wesentlich leichter, mit ihrer Wut klarzukommen als mit ihren anderen verworrenen Gefühlen.

„Hör zu, Katie, ich …“

Sie wehrte ab. „Du brauchst nichts weiter zu erklären.“

Plötzlich stand er vor ihr, und bevor sie sich wappnen konnte, hatte er sie in den Arm genommen. Eine Weile hielt er sie fest, und sie verspürte nicht den geringsten Drang, sich aus seiner Umarmung zu befreien.

Sein vertrauter Duft brachte eine Welle von glücklichen Erinnerungen mit sich. Die Empfindung war so überwältigend, dass Katie all ihren Widerstand aufbringen musste, um sich nicht gegen seine breite Brust zu lehnen und alle Einwände fallenzulassen.

Er musste ihre Anspannung gespürt haben, denn er ließ sie abrupt los und steckte die Hände in die Jackentaschen, als müsse er sie unter Kontrolle halten. Sie sahen sich an, und die Luft schien zu vibrieren von all den Dingen, die unausgesprochen zwischen ihnen standen.

Aber was hätte es genutzt, sie auszusprechen? Die Wahrheit war, dass er sie im Stich gelassen hatte, und dass sie ihm nicht mehr vertrauen konnte.

„Ich kann vollkommen verstehen, dass du nichts mehr mit mir zu tun haben willst. Aber du sollst wissen, dass es bei mir anders ist.“

Sie blickte zu Boden und wieder hoch. Er stand noch immer da.

„Ich muss jetzt nach Hause“, sagte sie, obwohl sie eigentlich nirgends hingehen wollte, am allerwenigsten nach Hause, wo sie nur wieder über ihren verlorenen Job und ihre Zukunft nachgrübeln würde.

Eigentlich würde sie sich viel lieber mit Ryan unterhalten. Sie würde gern wissen, wie es ihm in den letzten acht Jahren ergangen war, was für ein Leben er in der Stadt führte, und was aus Sarah und dem Baby geworden war.

Ryan war sichtlich enttäuscht, doch er nickte. „Ja, okay. Ich muss auch … in mein Hotel zurück und ein paar Anrufe erledigen.“

„Wohnst du nicht bei deinen Eltern?“, fragte sie. Sie hatte angenommen, dass er bei ihnen zu Besuch war. Warum sonst sollte er hergekommen sein?

Sein Blick verdunkelte sich. „Nein“, sagte er in seltsamem Ton. „Ich habe kaum Kontakt zu ihnen, zumindest nicht zu meinem Dad.“

Offenbar war sie nicht die Einzige, mit der er keinen Kontakt mehr hatte.

„Also dann …“

„Es war schön, dich zu treffen, Katie. Ich hoffe, es ist nicht das letzte Mal.“

Sie bemühte sich, ein ausdrucksloses Gesicht zu machen, war jedoch sicher, dass ihr das nicht ganz gelang. Denn es war schon ein merkwürdiger Satz, den er da von sich gegeben hatte. Aber war nicht ihre ganze Unterhaltung, ja bereits der ganze Tag, seltsam genug gewesen?

Sie lächelte ihn schief an und hob kurz die Hand, bevor sie zu ihrem Wagen ging. Sie merkte, dass ihre Hand zitterte, als sie die Tür öffnete. Rasch stieg sie ein und schlug die Tür hinter sich zu. Dann legte sie den Kopf auf das Lenkrad und wartete, bis sie sich etwas beruhigt hatte.

Als sie den Schlüssel ins Zündschloss steckte und drehte, kam nur ein Stottern aus dem Motor. Sie versuchte es noch mehrmals, doch der Wagen sprang nicht an. Das hatte ihr gerade noch gefehlt.

„Komm schon, altes Mädchen, tu mir das nicht an. Nicht heute.“

Hoffnungsvoll drehte sie den Schlüssel, doch der Motor hatte kein Einsehen. Vielleicht sollte sie es in sanfterem Ton probieren. „Bitte, liebes Auto, lass mich jetzt nicht im Stich.“ Doch all ihre Beschwörungsversuche waren vergeblich.

Schließlich stöhnte sie laut auf und hämmerte mit der Faust auf das Armaturenbrett. So machten es kleine Kinder, wenn sie einen Trotzanfall bekamen, ging es ihr durch den Kopf.

Gerade wollte sie es noch einmal ganz in Ruhe probieren, als jemand an die Scheibe klopfte.

Ryan.

Dass sie jetzt zu allem Überfluss noch seine Hilfe in Anspruch nehmen musste, war einfach zu viel. Der heutige Tag war wirklich eine einzige Katastrophe. Dabei war er noch nicht zu Ende.

Ryan machte ihr ein Zeichen, die Scheibe herunterzulassen. Aber das funktionierte in ihrem alten Auto schon seit einem Jahr nicht mehr. Sie gab ihm zu verstehen, dass er beiseitetreten sollte, und öffnete die Tür.

„Kann ich dir helfen?“, fragte er.

„Vielleicht … ach, ich weiß nicht.“ Sie warf hilflos die Arme hoch.

Wieso machte er ein so zufriedenes Gesicht? Als er sie charmant anlächelte, hätte sie ihm am liebsten eine Ohrfeige verpasst.

„Steig aus und lass mich mal nachsehen.“

Widerstrebend gehorchte sie. Mit dem Gehorchen musste es schleunigst wieder ein Ende haben, denn er hatte es wahrlich nicht verdient, dass sie immer tat, was er sagte.

Als sie draußen stand, griff Ryan unters Lenkrad und löste den Hebel für die Kühlerhaube. Dann ging er um den Wagen herum, öffnete die Kühlerhaube und beugte sich über den Motorraum.

Das hätte er besser nicht tun sollen, denn Katies Blick wanderte unwillkürlich zu seinem Po, der noch knackiger aussah als früher.

Ryan brauchte nicht lange zu suchen. Nach ein paar Minuten kam er wieder unter der Motorhaube hervor. Seine Hände waren ein wenig ölverschmiert, und er zog ein Papiertaschentuch aus der Jackentasche, um sie sauber zu wischen. „Die Kolbenringe sind abgenutzt“, sagte er und wirkte dabei entschieden zu selbstzufrieden. „Wir müssen neue besorgen.“

Katie fuhr sich mit der Hand durch ihre Hochsteckfrisur, die mittlerweile wahrscheinlich aussah wie eine Klobürste. „Und wie lange dauert so etwas?“ Morgen früh musste sie wieder zur Arbeit ins Museum fahren. Es gab noch viel für das Kürbisfest vorzubereiten. Auch wenn es die letzten Tage in ihrem Job waren, das Fest musste gelingen. Außerdem musste sie einkaufen und … Oh, Mist! Sie würde den Truck brauchen, um den Heuwagen zu fahren.

„Kommt ganz drauf an, Katydid.“

Sie tat, als ob sie ihren Kosenamen nicht gehört hätte. Ryan hatte ja keine Ahnung, was er damit angerichtet hatte.

„Worauf denn?“, fragte sie und versuchte, sich ihre Verwirrung nicht anmerken zu lassen.

„Ob sie in dieser alten Klitsche auf der Hauptstraße die richtige Ringgröße vorrätig haben.“

Sie warf ihm einen Blick zu. Peach Leaf war schon immer zu klein für Ryan Ford gewesen. Darüber hatte sie sich oft aufgeregt, denn sie selbst hätte nirgendwo anders leben wollen.

Seit sie Kinder waren, hatte er davon geschwärmt, später in die Großstadt zu ziehen. Und ihr war immer klar gewesen, dass er es irgendwann tun würde. Früher oder später wären sie getrennte Wege gegangen, auch ohne Sarah und ihre Schwangerschaft.

Es wäre gut, das im Sinn zu behalten für den Fall, dass er sich wieder einmal über ihren Motor beugte und ihr seinen Allerwertesten zeigte.

„Dann rufe ich dort doch gleich mal an.“ Sie holte ihre Handtasche aus dem Wagen und kramte nach ihrem Handy. „Wenn sie die Dinger haben, kann vielleicht gleich jemand damit herkommen.“

„Unsinn.“

„Wie bitte!?“

Ryan verdrehte die Augen. „Willst du etwa so lange hier warten? Nein, wir fahren hin, und wenn sie die richtigen Ringe haben, baue ich sie dir gleich ein. Hast du Werkzeug im Wagen?“

Sie nickte und sah ihn zweifelnd an. „Ich weiß zwar nicht, weshalb du hierhergekommen bist, aber bestimmt nicht dafür, mein Auto zu reparieren.“

Ryan lächelte. „Ja, ich erinnere mich. Du hattest schon immer Probleme damit, Hilfe anzunehmen.“

„Und du hattest Probleme damit, hierzubleiben“, rutschte es ihr heraus. Sie schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund.

Ganz offensichtlich hatte sie ihn damit getroffen, doch er tat, als mache es ihm nichts aus. Nur sein Tonfall war plötzlich kühl geworden. „Komm, wir fahren zu dem Laden, und ich bringe dein Auto in Ordnung. Danach lasse ich dich in Ruhe.“

Das war im Grunde in Ordnung, und eigentlich konnte es ihr nur recht sein, wenn ihre Wege sich wieder trennten. Obwohl sie natürlich gern noch mehr von ihm erfahren würde. War er noch mit Sarah zusammen? Einen Ehering trug er jedenfalls nicht. Und was war aus dem Baby geworden? Immerhin sah er blendend aus und war offensichtlich auch ohne sie sehr gut zurechtgekommen. Ganz bestimmt war er das, denn sonst hätte er doch sicher versucht, mit ihr Kontakt aufzunehmen.

Woher kam dann diese plötzliche Sehnsucht, ihn noch etwas länger um sich zu haben? Sie ertappte sich dabei, dass sie nach einem Vorwand suchte. „Und wenn sie die Ringe nicht haben?“, fragte sie spontan. Keine besonders kluge Frage, wenn sie gerade dabei war, ihn endgültig loszulassen.

Sie schloss ihren Wagen ab und folgte Ryan zu seinem Jeep. Es war noch derselbe, mit dem er damals losgefahren war. Allerdings war der Wagen nun in sehr gutem Zustand. Ryan musste viel Zeit und Geld hineingesteckt haben. Das hatte Katie immer an Ryan geliebt. Er hatte immer gewusst, was er wollte, und alles dafür getan, es zu bekommen.

Schade, dass er mich nicht wollte.

Er öffnete die Beifahrertür und ließ sie einsteigen.

„Dann müssen sie bestellt werden.“

Er klappte die Tür zu und ging zur Fahrerseite. Als er neben ihr im Auto saß, lächelte er sie an. „Das kann natürlich etwas dauern.“

„Das ist ja gerade das Problem. Ich brauche meinen Truck für das Kürbisfest in zwei Tagen.“

Ryans Augen leuchteten kurz auf. Katie wusste, dass er dieses Fest immer geliebt hatte.

„Ich habe versprochen, den Heuwagen zu fahren, und auf dem Weg zum alten Siedlerdorf muss ich ein Kind mitnehmen, das keine andere Möglichkeit hat, hinzukommen.“

Sie bemerkte, wie ein Schatten über sein Gesicht huschte. Gerade schien er sich doch noch auf das bevorstehende Kürbisfest gefreut zu haben. Hatte sie etwas gesagt, das ihn bekümmerte?

„Mach dir keine Sorgen“, sagte er ruhig. „Wenn dein Auto nicht rechtzeitig fertig wird, kann ich dich und das Kind hinbringen, und ich fahre auch gerne den Heuwagen.“

Ohne ihre Antwort abzuwarten, startete er den Motor und fuhr mit unbeweglicher Miene los. Als hätte er ihr nicht gerade einen Riesenlast von der Schulter genommen. Katie war froh, dass er nicht mehr zu ihr herübersah, denn sonst hätte er ihr erleichtertes Lächeln bemerkt.

3. KAPITEL

„Wie lange dauert das denn mit den Ersatzteilen?“, fragte Katie mit energischem Gesichtsausdruck und lehnte sich über die Ladentheke, als könnte sie dadurch die Sache beschleunigen. Der Junge hinter dem Tresen wich erschrocken zurück, und Ryan musste ein Lachen unterdrücken.

Noch immer dieselbe ungestüme Katie.

Natürlich hatte sie sich in mancher Hinsicht verändert. Zum Positiven, wie er fand. Sie war noch viel schöner geworden.

Offensichtlich trug sie ihr schönes dunkles Haar noch immer lang, auch wenn man das bei der lustigen Hochsteckfrisur nicht so genau erkennen konnte. Ihre dunkelbraunen Augen konnten, wie er wusste, rabenschwarz werden, wenn sie wütend oder auf andere Weise erregt war. Aber ihre Figur war definitiv weiblicher geworden, was sicher nicht nur ihrer Schwangerschaft zu verdanken war. Er fand sie einfach hinreißend.

„Verstehen Sie doch, Miss Bloom“, sagte der Junge mit gequälter Miene. „Auch wenn Ihnen das nicht passt, es ist nicht so einfach, Ersatzteile für so ein al… für ein Auto dieses Baujahrs zu finden.“

Katie stemmte die Hände in die Hüften, wodurch ihr kleiner Bauch sich deutlich vorwölbte. Jedes Mal, wenn Ryan wieder an ihre Schwangerschaft erinnert wurde, versetzte es ihm einen Stich.

„Billy Greene, willst du damit etwa andeuten, dass mein Wagen zu alt ist?“

Billy schluckte, sah Katie aber tapfer in die Augen.

Ryan wechselte einen verständnisinnigen Blick mit dem Jungen, dessen Namensschild verriet, dass er Billy hieß. Es war ganz schön schwer für ihn, die aufgebrachte Frau zu beruhigen.

Hoffentlich sah Katie bald ein, dass es sinnlos war zu protestieren. Dann könnten sie endlich das Geschäft verlassen. Ihm knurrte nämlich schon wieder der Magen, weil er Maudes schönen Grillteller halbvoll stehengelassen hatte, als Katie aufgetaucht war.

„Miss Bloom“, sagte Billy. „Ich kann Ihnen versichern, dass es uns Kindern immer großen Spaß gemacht hat, in Ihrem Auto zum Kürbisfest zu fahren …“

Katie schien sich ein wenig zu entspannen.

„… aber ich kann nun mal nicht zaubern“, fuhr der Junge fort. „So leid es mir tut, Sie werden warten müssen.“

„Okay, ich habe verstanden.“ Sie seufzte, während Billys Schultern sich erleichtert senkten.

Draußen holte Katie ihr Smartphone aus der Tasche und tippte etwas ein. Ryan nahm an, dass sie einigen Leuten mitteilen wollte, dass ihr Auto kaputt war.

Während er sie beobachtete, fragte er sich, ob sie wohl verlobt oder verheiratet war. Einen Ring trug sie nicht, aber vielleicht hatte sie ihn nur vorübergehend abgelegt. Er wusste, dass bei Schwangeren manchmal die Finger anschwollen. Und von wem sie wohl schwanger war?

Katie war eine erwachsene Frau und durchaus fähig, sich alleine um ihr Baby zu kümmern. Daran zweifelte er nicht im Geringsten. Trotzdem tat ihm der Gedanke weh, dass sie womöglich ungewollt in diese Situation geraten war.

Sie gingen zu seinem Wagen zurück, und er half ihr auf den Beifahrersitz.

Irgendwie hatte er das Gefühl, Katie umsorgen zu müssen. Auch wenn sie übertrieben auf ihrer Selbstständigkeit beharrte. So ganz konnte er seine fürsorglichen Anwandlungen nicht einordnen. War es nur wegen ihrer Schwangerschaft?

Als sie sich anschnallte, fiel sein Blick wieder auf ihren gerundeten Bauch. Ihm lagen so viele Fragen auf der Zunge, doch er scheute sich davor, alte Wunden aufzureißen.

Während sie durch die Stadt fuhren, blickte Katie gedankenverloren aus dem Fenster.

Ohne, dass es seine Absicht war, hörte er sich plötzlich fragen: „Wann ist es denn so weit?“

Katie zuckte zusammen, offenbar hatte er sie aus ihren Gedanken gerissen. Doch gleich darauf formte sich ihr schöner Mund zu einem süßen Lächeln. „Das hängt ganz von dem Winzling da drin ab.“ Sie legte die Hände auf ihren Bauch und lächelte Ryan von der Seite an. „Wenn alles gut geht, kommt er oder sie in einundzwanzig Wochen.“

Ryan nickte. Vorerst genügte ihm diese Information. Es täte zu weh, länger bei diesem Thema zu verweilen. Ohnehin war der Schmerz darüber, dass sein eigenes Baby tot geboren war, sein ständiger Begleiter. Sobald von Babys die Rede war, hatte er das Gefühl, ein Messer würde in seiner Wunde bohren. Obwohl inzwischen acht Jahre vergangen waren, hatte er den Verlust seines Babys noch nicht verwunden.

Um seine gescheiterte Ehe trauerte er nicht mehr, doch er fragte sich, ob er sich jemals wieder auf eine neue Liebe einlassen könnte. Könnte er jemals wieder ein eigenes Kind haben? Oder würde er sein Leben lang um sein totes Baby trauern und beim Anblick einer Schwangeren jedes Mal diesen schmerzhaften Stich verspüren?

Bei Katie war es am schlimmsten. Dabei müsste er sich eigentlich für sie freuen, denn sie war offenkundig sehr glücklich über ihre Schwangerschaft. Er fragte sich, ob dabei auch ein wenig Eifersucht im Spiel war. Es tat ihm weh, dass er keinen Anteil an dem neuen Leben hatte, das sie in sich trug. Er hatte das Gefühl, seine erste und vielleicht einzige große Liebe nun endgültig verloren zu haben.

Wie hatte er nur auf die Idee kommen können, sie und einen Haufen Kinder ein Wochenende lang herumzukutschieren? Er würde sich vorkommen wie ein trockener Alkoholiker, den man zwei Tage in einer Bar einsperrte.

Er konnte sich noch gut an seine Aufbruchsstimmung erinnern, damals bei der Schulabschlussfeier. Er konnte es kaum erwarten, mit fliegenden Fahnen die Stadt zu verlassen und nach Seattle zu gehen, wo er ein Stipendium am College bekommen hatte. Kurz zuvor hatte Sarah ihm mitgeteilt, dass sie schwanger war. Die ganze Stadt war in heller Aufregung, als am Tag nach der Abschlussfeier im Rathaus eine Blitzhochzeit stattfand. Gleich danach waren Sarah und er ins Auto gestiegen und losgefahren.

Damals war er vollkommen euphorisch gewesen. Ein neues, aufregendes Leben lag vor ihm, und er war sicher, alles richtig gemacht zu haben. Eine Weile waren er und Sarah glücklich gewesen, doch bald begannen die Probleme. Plötzlich bekam er schreckliche Angst davor, so jung schon Vater zu werden. Hinzu kamen die finanziellen Sorgen. Er würde neben dem Studium noch mehr arbeiten müssen, um seine Familie zu versorgen. Wie sollte er es schaffen, Studium, Arbeit und Baby unter einen Hut zu bringen?

Ryan verscheuchte seine unliebsamen Erinnerungen. Allerdings war die Gegenwart im Moment genauso aufwühlend. Denn neben ihm saß Katie, und jedes Mal, wenn er sie ansah, stockte ihm der Atem, so schön war sie.

Neben seiner besten Freundin aus Kinder- und Jugendtagen zu sitzen, brachte ebenfalls eine Flut von Erinnerungen mit sich. Doch es waren ausnahmslos schöne Erinnerungen.

Vom ersten Moment an, als sie mit ihren Eltern ins Nachbarhaus einzog, war er von dem süßen, quirligen kleinen Mädchen verzaubert gewesen. Wie gern war er zu den Blooms hinübergegangen, bei denen es immer so fröhlich zuging. Ganz anders als in seinem eigenen Elternhaus. Und wie herrlich es war, mit Katie zu spielen und sich lustige Streiche auszudenken.

Seine Gefühle für sie waren noch immer dieselben, auch wenn sie viele Jahre voneinander getrennt waren. Ein Teil von ihm würde immer Katie Bloom gehören, auch wenn sie nun vielleicht einem anderen gehörte.

Es drängte ihn, sie danach zu fragen, auch wenn es wehtat.

„Bestimmt bist du ganz aufgeregt vor Vorfreude“, brachte er mühsam heraus.

Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie Katies Miene sich kurz verdüsterte. Doch dann sagte sie mit fester, klarer Stimme: „Ja, ich freue mich riesig …“

„Aber?“, warf Ryan wider besseres Wissen ein, als er den leisen Zweifel in ihrer Stimme bemerkte.

Sie warf ihm einen Seitenblick zu. „Es gibt kein Aber.“ Nach einer Weile fügte sie zögernd hinzu: „Es ist nur … na ja, die Umstände sind nicht gerade ideal. Ich hatte mir immer vorgestellt, wenn ich ein Baby bekäme, wäre alles perfekt vorbereitet und geregelt …“ Sie drehte den Kopf weg und blickte aus dem Fenster. „Aber es ist alles anders gekommen.“

Plötzlich zog sie die Stirn kraus. „Sag mal, wohin fahren wir eigentlich?“

„Zum Abendessen“, erwiderte er, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt. So hatten sie es doch früher immer gemacht.

Katie lachte. Allein ihr Lachen brachte schon eine Fülle von Erinnerungen zurück. Wie sie im Kino verschwörerisch kicherten und dabei gemeinsam in die Popcorntüte griffen. Wie er sie an den Füßen kitzelte, nur um ihr ausgelassenes Lachen zu hören.

„Was ist denn so lustig?“

„Weil ich auch gerade daran dachte, dass ich Hunger habe. June hat heute ihren freien Abend und wollte was kochen. Wenn du magst, kannst du mitkommen. Du erinnerst dich doch an June, oder?“

„Ja, klar, und ich komme gern mit. Aber vielleicht solltest du sie vorher fragen.“

„Ach was, June ist unkompliziert, und außerdem kocht sie sowieso immer Riesenmengen. Sie ist eine fantastische Köchin.“

„Dann lädt sie dich bestimmt öfters zum Essen ein.“

„Klar, ich wohne ja bei ihr.“

Ryan sah sie erstaunt von der Seite an. Das bedeutete ja, sie wohnte nicht mit dem Vater des Kindes zusammen. Sein Herz klopfte schneller.

„Fahr einfach weiter geradeaus, an der nächsten Kreuzung geht es dann rechts ab.“

Ryan nickte.

Katie deutete nach vorne. „Jetzt nach rechts in die kleine Straße.“

Ryan setzte den Blinker und bog ab. Die hübschen Häuser mit den blühenden Vorgärten kamen ihm vertraut vor. Er könnte noch viele der Bewohner beim Namen nennen, sofern sie noch hier wohnten – sein Lehrer, die Bibliothekarin, Schulfreunde. In einigen Gärten standen Schaukeln und Spielgeräte, offenbar lebten dort jetzt junge Familien.

Wieder spürte er den vertrauten Stich. Er brauchte das Wort Familie nur zu denken, und schon passierte es. Am liebsten wäre er wieder umgekehrt und in sein Hotel gefahren, wo er sich mit einem Sandwich in sein Zimmer zurückziehen könnte. Doch es wäre unhöflich, die Einladung abzulehnen.

Während er vor dem blau gestrichenen, gemütlich aussehenden Cottage anhielt, fiel ihm ein, dass er das ganze kommende Wochenende mit Katie verbringen würde. Da wäre es gut, beim Abendessen schon mal zu üben, ob er es emotional aushalten könnte, länger mit ihr zusammen zu sein.

Als er die Termine in Peach Leaf vereinbart hatte, war er davon ausgegangen, dass er sich für zwei, drei Tage rein geschäftlich in seiner Heimatstadt aufhalten würde. Keinen Moment war es ihm in den Sinn gekommen, dass er wieder derart in seine Vergangenheit hineingezogen würde. Dass er auf Katie treffen würde, die das Kind eines anderen erwartete.

Wie hatte er sie geliebt, und wie hatte es ihm trotz seiner Aufbruchsstimmung das Herz zerrissen, als er sie verlassen musste. Und er würde sie wieder verlassen müssen, denn bald würde er nach Seattle zurückkehren.

Bis zum Wochenende würde er zum Glück kaum Gelegenheit haben, sich in Grübeleien zu ergehen. Es würde viel Zeit in Anspruch nehmen, mit seinem Vater die Baupläne durchzugehen und sich auf die gefürchtete Gemeinderatssitzung vorzubereiten. Gleich am Montag müssten sie dann den Stadtverordneten Rede und Antwort stehen. Bestimmt würden viele Einwände kommen und Änderungswünsche vorgebracht werden.

Doch wenn alles vorbei war, könnte er wieder zu seinem normalen Leben in Seattle zurückkehren – einem Leben, das er sich so vielleicht nicht vorgestellt hatte, das er aber als angenehm und unkompliziert empfand.

Frei von Problemen, die mit Liebe, Babys und speziell Katie Bloom einhergingen.

„Ich kann’s noch immer nicht glauben, dass Ryan Ford da draußen auf unserer Veranda sitzt“, flüsterte June.

Katie kam sich vor wie früher, wenn June und sie ihre Geheimnisse ausgetauscht hatten. Sie verdrehte die Augen. Aber so war June nun einmal – schnell begeistert, temperamentvoll und kompromisslos romantisch –, und so liebte Katie ihre Freundin.

Wie oft hatte June in den letzten Jahren laut darüber nachgedacht, wie wunderbar es doch wäre, wenn Katies bester Freund Ryan – der doch inzwischen bestimmt geschieden war und um seine verlorene Liebste trauerte – zurückkäme, um sie neu zu erobern.

Katie hatte es längst aufgegeben, dagegen zu protestieren. Mittlerweile dachte sie nur noch: Träum weiter. Sie selbst zog es vor, realistisch zu bleiben. Mit dem kleinen Wesen in ihrem Bauch war es definitiv besser, konkrete Pläne zu schmieden statt romantischen Fantasien nachzuhängen.

Wenn sie allerdings mit Ryan zusammen war, wurde ihr Realitätssinn auf eine harte Probe gestellt. Da konnte es schon mal passieren, dass ihre Fantasie verrücktspielte.

June füllte eine Karaffe mit frisch gepresstem Orangensaft, während Katie das Brot schnitt. Die gemütliche, französisch wirkende Küche gefiel Katie, doch sie war eindeutig Junes Reich. In der Küche fühlte June sich in ihrem Element. Gleich nach der Highschool hatte sie in der örtlichen Pizzeria angefangen zu arbeiten und war bis zur Geschäftsführerin avanciert. June liebte ihre Arbeit, doch gleichzeitig träumte sie davon, irgendwann ihr eigenes kleines Restaurant zu eröffnen. Katie hoffte, dass ihre Freundin bald genügend Geld zusammengespart hätte …

Mit Schrecken fiel ihr ein, dass sie June noch gar nicht erzählt hatte, dass sie ihre Stelle im Museum verlieren würde. Sie hoffte, June weiterhin die Miete zahlen zu können.

Sie atmete tief durch und hörte kaum zu, während June unablässig plapperte. „Siehst du, ich hab es doch immer gesagt. Eines Tages kommt er zurück.“

„Aber doch nicht meinetwegen“, wandte Katie ein. „Wir haben uns zufällig getroffen. Also hör auf, deine Fantasien zu spinnen.“

June klappte die Backofentür auf und holte einen duftenden Pfirsich-Vanille-Auflauf heraus – der krönende Abschluss eines köstlichen Menüs aus Zitrone-Rosmarin-Hühnchen, Ofenkartoffeln und frischem Salat.

„Das sind keine Fantasien. Bei euch ist alles noch wie früher, das sieht doch ein Blinder.“ June musterte ihre Freundin herausfordernd.

Katie zuckte mit den Achseln, obwohl ein erregender Schauer sie bei Junes Worten durchlief. Rasch drehte sie sich um und holte die Dessertteller aus dem Schrank über der Anrichte.

June warf einen Blick darauf und fing an zu lachen. „Ist es nicht lustig, dass wir sie jetzt mit Ryan zusammen benutzen?“

Die Ironie darin war Katie auch schon aufgefallen. June hatte ihr das wertvolle Porzellangeschirr geschenkt, als sie mit Bradley zusammengezogen war. Bei ihrem Auszug hatte Katie es in Junes Cottage zurückgebracht.

„Erlaubst du mir noch eine Bemerkung? Und dann sage ich kein Wort mehr über ihn, versprochen.“

Katie warf ihrer Freundin einen skeptischen Blick zu. „Versprich nichts, was du nicht halten kannst.“

June streckte ihr die Zunge heraus. „Also gut, dann ist es halt das vorletzte Mal.“

„Haha.“

„Ich wollte nur noch sagen … Er ist ganz schön sexy.“ Junes Augen blitzten übermütig. „Ich wette, das ist dir nicht entgangen.“

Katie musste unwillkürlich lachen. „Ich glaube, ich betrachte ihn immer noch als Kinderfreund. Was haben wir für verrückte Sachen gemacht. Wir haben uns mit Wasserbomben beworfen und im Schwimmbad gegenseitig untergetaucht und all so was. Da hatten romantische Gefühle keinen Platz.“ Sie verteilte den Nachtisch auf die drei Teller.

June sah sie zweifelnd an.

„Okay“, gab Katie zu, während sie die Teller auf ein Tablett stellte. „Ich hab schon gemerkt, dass er gut aussieht.“

„Meinst du den Nachtisch?“

Katie zuckte zusammen, als ihr Ryans dunkle, vertraute Stimme ins Ohr drang, doch sie fasste sich rasch wieder. „Ja … ja genau. Ist June nicht eine tolle Köchin?“ Sie hielt das Tablett hoch. „So was findest du in ganz Texas nicht.“ Sie zwinkerte June zu, die ein wenig zu selbstzufrieden wirkte. Als June ein anzügliches Grinsen aufsetzte, warf Katie ihr einen warnenden Blick zu.

„Was denn?“, formte June mit den Lippen, während Katie eine strenge Miene aufsetzte.

„Vielleicht, weil mir das Kochen und Backen so großen Spaß macht“, erklärte June. „Ich liebe all die süßen Früchte und die knackigen Gemüsesorten, die bei mir im Garten wachsen, besonders die prallen saftigen Pfirsiche.“ Sie zwinkerte Katie zu.

Die verdrehte nur die Augen. Ihre Freundin konnte manchmal eine echte Nervensäge sein.

Ryan schien von dem zweideutigen Geplänkel der beiden Freundinnen gar nichts mitzubekommen. Er rieb sich die Hände. „Sieht gut aus und riecht köstlich. Darf ich das Tablett rausbringen?“

Katie nickte. „Gern.“ Sie reichte es ihm.

Die beiden Freundinnen folgten Ryan auf die von Windlichtern beleuchtete Veranda. Er stellte das Tablett auf den türkis gestrichenen Gartentisch und setzte sich auf die Holzbank dahinter, während Katie und June wieder ihre Plätze ihm gegenüber einnahmen. Den freien Platz neben Ryan hatte bereits Junes Kater Harold belegt.

„Er mag dich“, sagte June lächelnd. „Normalerweise ist er nicht so anhänglich, vor allem nicht bei Männern.“

„Sie meint damit“, erklärte Katie, während sie die Teller verteilte, „dass er ein launisches Monster ist.“

June tat, als wäre sie beleidigt, aber sie wusste, dass Katie ihren Kater genauso vergötterte wie sie selbst. „Er ist eben ein bisschen … speziell.“

„Sehr speziell.“ Katie nahm einen Bissen von ihrem Dessert. „Als ich hier eingezogen bin, hat er meinen Koffer als Katzenklo benutzt. Ich hatte am nächsten Morgen nichts anzuziehen.“

„Das war eben seine Art der Begrüßung“, erwiderte June grinsend, woraufhin Katie so lachen musste, dass sie sich beinahe verschluckte.

Ryan lachte mit, und so saßen die drei fröhlich plaudernd am Tisch und verspeisten das köstliche Dessert, während eine milde Oktoberbrise über die Veranda wehte und die Kerzen in den Windlichtern zum Flackern brachte.

Eine viel zu romantische Szenerie, fand Katie. Sie fühlte Ryans Blick auf sich ruhen und sah von ihrem Teller hoch. Sein Lächeln war unbefangen und erinnerte sie an Lagerfeuer und andere Kindheitsabenteuer. Manchmal hatten sie sich abends fortgeschlichen, um im nahegelegenen Teich zu baden. Schon damals hatte Katies Haut gekribbelt, wenn sie sich beim Schwimmen zufällig berührten.

Wie unverhofft sich alles ändern konnte. Wie die Vergangenheit plötzlich in die Gegenwart einbrach … wie ein Zukunftsversprechen. Ihr wurde heiß bei diesem Gedanken, und sie senkte verlegen den Blick.

Ryan ist Vergangenheit, einzig und allein Vergangenheit, rief sie sich vehement in Erinnerung.

Es würde nur neue Probleme mit sich bringen, wenn sie sich wieder Hoffnungen machte.

Dennoch bereute sie es nicht, ihn zum Dinner eingeladen zu haben. Die Atmosphäre war überraschend entspannt, und alle drei genossen den schönen Abend.

Katie dachte an das bevorstehende Kürbisfest. Ein ganzes Wochenende mit Ryan zu verbringen, erschien ihr viel zu gefährlich. Wenn er den Heuwagen fahren wollte, müsste er über Nacht bleiben. Sie würde versuchen, jemand anders zu finden, der mit seinem Truck den Heuwagen ziehen könnte. Sie würde ihm sagen, dass er sie und das kleine Mädchen, zusammen mit dem Proviant, nur ins Siedlerdorf zu bringen bräuchte. Danach könnte er gleich wieder zurückfahren.

Sie würde sich von ihm verabschieden und ihn hoffentlich nie wiedersehen. Für die Heimfahrt würde sich bestimmt eine andere Fahrgelegenheit ergeben.

Sie schloss die Augen. Der Gedanke, ihn wieder zu verlieren, tat ihr weh. Doch es ist besser so.

4. KAPITEL

Am nächsten Vormittag betrat Ryan Barb’s Diner. Ihm war ein bisschen Angst gewesen vor den vielen neugierigen Gesichtern, doch die meisten hoben nur kurz den Kopf, grüßten ihn freundlich und unterhielten sich dann weiter. Barb, der Besitzer, freute sich ganz offensichtlich, Ryan wiederzusehen. Er führte ihn zu der Nische, in der bereits sein Vater saß.

Genau an diesem Tisch hatte er nach der Schule oft mit Katie gesessen. Es war eigentümlich, seinen Vater nun auf Katies Platz zu sehen. Ryans Gefühle seinem Vater gegenüber waren immer ambivalent gewesen, und ihm war ein bisschen mulmig vor dem Gespräch.

Zwar liebte Ryan seinen Dad, wie ein Sohn eben seinen Vater liebt. Doch zu seiner Mom hatte er ein viel innigeres Verhältnis. Seinem Vater gegenüber spürte Ryan vor allem Verachtung. Angefangen hatte es, als er ungefähr zehn Jahre alt war und mitbekam, dass sein Vater seine Mom betrog. Es war für Ryan eine unerträgliche Situation gewesen, denn er musste seinem Vater versprechen, seiner Mom nichts davon zu erzählen.

Er hatte die angespannte Atmosphäre in seiner Familie kaum noch ausgehalten. Schon allein deshalb hatte er es kaum erwarten können, die Schule hinter sich zu bringen und schnellstmöglich sein Elternhaus zu verlassen.

Alle möglichen Ressentiments gegen seinen Vater überkamen ihn, als er zögernd die ausgestreckte Hand ergriff. Ein positives Gefühl konnte er nicht aufbringen, selbst als er die Bitte um Verzeihung in den Augen des älteren Mannes las. Er wollte auch gar nicht wissen, wie es seinem Vater ging, der ihm erschreckend gealtert vorkam.

„Hallo Dad“, sagte er, entschlossen, keine Gefühlsregung zuzulassen. Hier ging es um eine rein geschäftliche Unterredung, wie Ryan sie in seinem Architekturbüro schon hunderte Male geführt hatte. Seine Arbeit hatte ihm schon über so viele Krisen hinweggeholfen, dagegen war das kurze Treffen mit George Ford nahezu ein Kinderspiel.

„Schön, dich zu sehen, mein Junge“, sagte George mit unverkennbar feuchten Augen.

Ryan ignorierte das kurze Ziehen in seiner Brust und vertiefte sich in die Speisekarte. Die war genauso unverändert geblieben wie der gelbe Anstrich an den Wänden. Ebenso wie im Jenkins’ fühlte Ryan sich wie in einer Zeitreise in seine Jugend zurückversetzt.

Ihm wäre wohler gewesen, wenn sich sein Vater seitdem auch nicht verändert hätte, dann wäre es für ihn leichter gewesen, die alten Ressentiments beizubehalten. Er bemerkte jedoch, wie die früher so kräftigen Hände seines Vaters unmerklich zitterten, sein ehemals gebräuntes Gesicht sah aschfahl aus, die Haare waren grau und schütter.

„Ich bin froh, dass du nach Hause gekommen bist“, sagte George gerührt.

Ryan legte die Speisekarte beiseite und beschloss, nur etwas zu trinken. Umso schneller wäre das Gespräch beendet. Allerdings handelte es sich nur um die Vorbesprechung. Er würde mit seinem Dad noch stundenlang zusammensitzen müssen, um detailliert die Baupläne für das Krebszentrum durchzugehen.

„Wie gesagt, Dad … George …, ich bin nicht nach Hause gekommen, wie du es nennst. Ich bin aus rein geschäftlichen Gründen hier, und sobald alles geregelt ist, werde ich wieder abreisen.“

Er freute sich darauf, in sein Büro zurückzukommen und zusammen mit seinen Mitarbeitern die Konstruktionspläne fertig auszuarbeiten. Das Projekt würde den Fortbestand seiner Firma für die nächsten Jahre sichern, und er könnte seinen Mitarbeitern weiterhin ein ordentliches Gehalt zahlen. Für Ryan waren seine Angestellten wie eine Familie, für die er sorgen musste. Das Gefühl, ihnen und ihren Familien gegenüber eine Verantwortung zu haben, füllte ein wenig die Leere, die er in sich spürte.

Es gab allerdings einen Grund, warum er nicht ganz so gerne zurückreisen würde. Katie. Davon brauchte sein Vater jedoch nichts zu wissen.

George räusperte sich und trank einen Schluck Kaffee. „Du gehörst nach Peach Leaf, mein Junge. Hier ist dein Zuhause.“

Ryan biss sich auf die Zunge, um nicht allzu unfreundlich zu antworten. „Mein Zuhause ist in Seattle, bei meiner Firma.“ Er sah seinen Vater durchdringend an. „Noch einmal: Ich bin geschäftlich hier, und es wäre gut, wenn wir beide das beherzigen.“

Die Bedienung kam und stellte einen Teller mit Schinken und Eiern vor George hin. Ryan bestellte sich nur Kaffee und Orangensaft.

In einer halben Stunde hatten sie alles Wichtige besprochen, und Ryan ließ die Rechnung kommen. Ohne auf den Einwand seines Vaters zu achten, legte er das Geld auf den Tisch und wollte aufstehen, als sein Vater ihn am Handgelenk festhielt.

„Setz dich wieder, mein Junge. Ich muss dir noch etwas sagen.“

Beinahe ärgerlich schüttelte Ryan die Hand seines Vaters ab. „Du weißt, dass ich nicht hergekommen bin, um Small Talk zu machen.“

George schloss ergeben die Augen und nickte. „Ja, das hast du mir deutlich zu verstehen gegeben. Aber es geht nicht um mich und auch nicht um dich.“

Widerstrebend nahm Ryan wieder Platz und sah auf die Uhr. „Ich habe nicht mehr viel Zeit.“

George blickte in seine Kaffeetasse. „Es geht um Annabelle.“

Als Ryan den Namen seiner Mutter hörte, war er ganz Ohr. Seit er von zu Hause weggezogen war, telefonierten sie einmal die Woche, und einmal im Jahr fuhren sie zusammen in Urlaub. Für Ryan waren die Reisen mit seiner Mom die schönste Zeit des Jahres. Diesen Sommer waren sie in Griechenland gewesen und hatten zwei wunderschöne Wochen verlebt.

Seine Mutter war ihm unternehmungslustig wie immer vorgekommen, abgesehen von der unterschwelligen Traurigkeit, die manchmal bei ihr zu spüren war. Nie erwähnte sie den Bruch zwischen Vater und Sohn, und Ryan war ihr dankbar dafür. Doch er ahnte, dass sie sich nichts sehnlicher wünschte, als dass Ryan sich mit seinem Vater versöhnte. Sie behauptete, ihrem Mann schon lange verziehen zu haben, und Ryan glaubte ihr.

An seiner ablehnenden Haltung seinem Vater gegenüber änderte es jedoch nichts. Für ihn war Georges Affäre von damals unentschuldbar. Fast seine ganze Kindheit hatte er darunter gelitten, und er hatte sich schon früh vorgenommen, einmal ein besserer Ehemann und Vater zu werden. Deshalb hatte er auch Sarah sofort geheiratet, als er von ihrer Schwangerschaft erfuhr …

Er schob seine unangenehmen Erinnerungen beiseite. In diesem Moment ging es nur um seine Mom, die er von Herzen liebte.

„Sie ist krank, Ryan. Sie hat Krebs. Schon eine ganze Weile.“

Ryan presste die Augen zusammen, um seine Tränen zu unterdrücken. Ein paar Mal atmete er tief durch, um nicht mitten im Lokal die Fassung zu verlieren. Er wollte nicht, dass die Leute aufmerksam wurden.

Er merkte, wie sein Vater ihn mitfühlend ansah. Sein Blick zeigte deutlich, dass er selbst schon reichlich Tränen vergossen hatte.

„Warum erzählst du mir das hier? Und warum erfahre ich das erst jetzt?“, fragte Ryan und bedauerte sofort seine Reaktion. Als ob Zeit und Ort wichtig wären, wenn es ihm das Herz zerriss.

Aber George antwortete ganz geduldig. „Ich hätte es dir früher gesagt, aber jedes Mal, wenn du angerufen hast, wolltest du sofort deine Mutter sprechen. Ich habe versucht, das zu respektieren, auch wenn es mir schwerfiel. Und du hast selbst gemerkt, wie schwierig es war, jetzt davon anzufangen.“

„Und warum hat Mom es mir nicht selbst gesagt?“

Immer gab es Geheimnisse in seiner Familie.

Wieder traf ihn der mitfühlende Blick seines Vaters, der ihm irgendwie viel zu nahe ging.

„Sie hat es schon bei unserer letzten Reise gewusst, oder?“ Seine Stimme klang wie die eines ängstlichen kleinen Jungen.

George nickte.

Ryan merkte, wie er wütend wurde, vielleicht eine Abwehr gegen seine Verzweiflung. „Warum hat sie nichts gesagt? Ich hätte doch besser auf sie aufgepasst, ihr mehr Erholung gegönnt.“ Er schüttelte den Kopf. „Da sind wir stundenlang durch das chaotische Athen gelaufen und haben anstrengende Touren unternommen. Und sie hat kein Wort gesagt.“ Vor allem war er wütend auf sich selbst, weil er nicht feinfühlig genug gewesen war, ihre Krankheit zu bemerken.

„Sie wollte nicht, dass du sie wie ein zartes Pflänzchen behandelst. Sie wollte die Reise mit dir genießen wie eine gesunde Frau.“

„Aber sie ist nicht gesund!“, sagte Ryan mit erstickter Stimme. Er spürte, wie die Tränen mit Macht aus ihm herausdrängten. Es wurde immer schwerer, sie zurückzuhalten.

„Trotzdem ist ihr Leben noch nicht zu Ende, mein Junge.“ Er legte seine Hand auf die seines Sohnes, und Ryan ließ es zu. „Sie wird weiter behandelt, und vielleicht gibt es ja noch eine Chance. Das Beste, was wir für sie tun können ist, ihr zu helfen, die Zeit zu genießen, die ihr noch bleibt. Und das wird hoffentlich noch sehr lange sein. Auf jeden Fall will sie kämpfen.“

Plötzlich musste Ryan trotz seiner Trauer lächeln. „Das sieht Mom ähnlich.“

George lachte leise. „Ja, das ist unsere Annabelle.“

Ryan betrachtete seinen Vater, der gedankenverloren dasaß. Trotz seiner zuversichtlichen Worte schien er todunglücklich zu sein. In diesem Moment spürte Ryan keine Wut mehr auf ihn, sondern nur tiefes Bedauern über all die verlorenen Jahre, in denen er seine Frau betrogen und die Familie vernachlässigt hatte. Bedauern auch über seine eigene unglückliche Entscheidung, Sarah zu heiraten, obwohl sie beide wussten, dass es nicht gut gehen würde. Und vor allem Bedauern wegen des kleinen Mädchens, dem er nie ein Vater hatte sein dürfen.

Sein vergangenes Leben war voller Traurigkeit und Bedauern gewesen, aber musste deshalb seine Zukunft genauso aussehen? Wenn Annabelle Ford gegen ihren Krebs kämpfen konnte, was hielt ihn davon ab, genauso mutig in die Zukunft zu blicken?

Er konnte es plötzlich kaum erwarten, Katie wiederzusehen.

„Katie, wach auf!“ An diesem Samstagmorgen war es Junes aufgeregte Stimme und nicht der Wecker, der Katie aus dem Schlaf riss. Sie setzte sich im Bett auf und rieb sich die Augen.

„Ryan will in zwanzig Minuten hier sein, er hat gerade angerufen. Ich hab schon ein paar Mal an deiner Tür gehorcht, weil ich mich gefragt habe, warum du nicht aufstehst. Also beeil dich, sonst kommt ihr zu spät.“

Katie blinzelte gegen das helle Tageslicht. „Anscheinend habe ich gestern Abend den Wecker vergessen zu stellen. Aber normalerweise kommt doch Harold herein, weil er sein Frühstück will.“

June kicherte. „Heute ist er zu mir gekommen und hat vehement sein Frühstück verlangt. Wundert mich, dass du den Radau nicht gehört hast.“ Sie lief zur Tür. „Das Bad ist frei, und der Kaffee ist fertig.“

Der Gedanke an Kaffee machte Katie gleich ein bisschen wacher. Sie checkte ihr Smartphone und stellte fest, dass sie tatsächlich vergessen hatte, den Alarm einzustellen.

Normalerweise brauchte sie am Samstag keinen Wecker, aber dies war schließlich kein gewöhnlicher Samstag. Am Nachmittag fing das Kürbisfest an, und sie wollte ein bisschen früher dort sein, um sicherzugehen, dass alles vorbereitet war. Aus Erfahrung wusste sie, dass trotz minutiöser Planung manchmal unverhofft Probleme auftauchen konnten.

Katie musste lachen, als ihr auf dem Weg ins Badezimmer einfiel, dass ihr Chef einmal vergessen hatte, beim Bauern Heu zu bestellen. Sie hatten stattdessen Kissen und Decken auf den Anhänger gepackt, auf denen die Kinder sitzen konnten. Und es war dann trotzdem sehr lustig geworden. Einmal hatte Katie vergessen, feste Schuhe mitzunehmen, und musste die ganze Zeit in ihren Flipflops auf dem unwegsamen Gelände herumlaufen. Garantiert vergaß auch immer mindestens ein Kind seine Zahnbürste.

So musste manchmal ein wenig improvisiert werden, aber es war immer alles gut gegangen. Das liebte sie an dem Leben in einer Kleinstadt wie Peach Leaf. Alle fühlten sich als Gemeinschaft und halfen einander. Auf diese Weise wurde bisher jede Krise gemeistert.

Während die warme Dusche über sie rieselte, biss sie sich auf die Lippen. Sie hoffte, dass die positive Haltung der Leute auch die Schließung des Museums überstehen würde. Es würde nicht einfach werden, diesen wichtigen Teil der Tradition aufzugeben, zumal auch die Tourismuseinnahmen davon abhingen. Die meisten Touristen kamen nur deshalb nach Peach Leaf, um die texanische Geschichte hautnah erleben zu können.

Doch es brachte nichts, sich zu beklagen. Zumindest dieses Wochenende würde sie sich ganz auf das Fest einlassen und den Kindern und ihren Familien zu einem unvergesslichen Erlebnis verhelfen.

Sie trocknete sich ab und zog sich an, dann ging sie nach unten in die Küche. June goss für beide Kaffee ein, und sie setzten sich an den Tisch. Genüsslich schlürfte Katie das heiße aromatische Getränk. Seit sie schwanger war, gab es zwar nur koffeinfreien Kaffee, aber daran hatte sie sich inzwischen gewöhnt.

„Wetten, dass du wieder mit Ryan zusammen bist, wenn das Wochenende vorbei ist“, frotzelte June.

Katie verschluckte sich beinahe. „Dazu sage ich nichts mehr.“

June verzog das Gesicht. „Komm schon, Katie, lass mir doch meinen Spaß.“

„Ich weiß nicht, was du im Sinn hast, und will es auch gar nicht wissen. Die Antwort ist jedenfalls Nein.“ Sie nahm sich einen Toast und strich Butter darauf.

Ihre Mitbewohnerin machte ein enttäuschtes Gesicht, und Katie fühlte sich in die Situation zurückversetzt, als sie ihrer Mom erklären musste, dass Ryan Ford niemals ihr Schwiegersohn werden würde. Es gab nichts mehr zu sagen, und der Gedanke an ihn machte sie nur nervös – ein Zustand, den sie verabscheute.

Normalerweise wäre sie jetzt ganz aufgeregt vor Erwartung und wäre schon vor dem Weckerklingeln aufgestanden, um nur möglichst schnell zu einem Wochenende voller Spaß aufzubrechen. Aber dieses Jahr dämpfte der Gedanke an Ryan ihre Vorfreude, weil sie nur an ihn denken konnte.

Warum musste ihr dämlicher alter Truck auch ausgerechnet dann den Geist aufgeben, wenn sie ihn am dringendsten brauchte? Dass sie nun von Ryan abhängig war, gefiel ihr gar nicht. Sicher hätte sie auch noch jemand anders gefunden, der einspringen könnte. June musste zwar arbeiten, und ihre Eltern waren zur Feier ihres Hochzeitstags verreist. Doch es gab noch genug Familien, die mit ihren Autos zum Fest fuhren.

Dummerweise war Ryan direkt dabei gewesen, als ihr Auto nicht ansprang. Und sie hatte sein Angebot spontan angenommen, ohne groß zu überlegen.

June legte ihre Hand sanft auf Katies Arm. „Aber eins musst du mir versprechen.“ Junes Blick war warm und ungewöhnlich ernst.

„Kommt drauf an, was es ist“, erwiderte Katie und erwartete eine lustige Bemerkung.

„Vergiss nicht, dass Ryan sich verändert hat. Er ist nicht mehr der Junge, der damals aus der Stadt abgehauen ist und dich fallengelassen hat. Genau wie du nicht mehr dasselbe Mädchen bist. Menschen ändern sich, Katie.“

Nachdenklich blickte Katie in ihre Kaffeetasse. „Ich weiß. Bei Bradley ging das mit dem Ändern von einem Moment zum andern.“

„Ryan ist nicht Bradley, aber wer weiß, was er alles erlebt hat, seit er weggegangen ist. Beim Abendessen vor ein paar Tagen war er zwar fröhlich und locker, aber du brauchst ihm nur in die Augen zu sehen, um die Traurigkeit dahinter zu bemerken.“

Katie nickte. „Ja, er lässt sich nicht anmerken, was in ihm vorgeht. So war das früher schon.“

Ihr war auch schon aufgefallen, wie bedrückt er manchmal wirkte. Besonders wenn sein Blick auf ihren Bauch fiel. Plötzlich schämte sie sich, dass sie ihn nicht nach seinem Kind gefragt hatte, als die Rede auf ihre Schwangerschaft kam. Aber warum hatte er selbst kein einziges Mal Sarah oder sein Kind erwähnt?

Wollte er Katie schonen, weil er wusste, wie verletzt sie damals gewesen war? Es stimmte, dass die alte Wunde wieder aufbrechen würde, wenn er davon anfinge. Und deshalb scheute sie selbst auch davor zurück, ihn danach zu fragen.

Konnte sein trauriger Blick, wenn er ihren Bauch betrachtete, auch bedeuten, dass er ein wenig eifersüchtig war? Sie verwarf den Gedanken sofort. Das waren die Fantasien eines unreifen Teenagers.

Es hatte keinen Sinn, ständig über Ryan nachzugrübeln. Nur ihr Kind war wichtig. Falls sie sich jemals wieder auf einen Mann einlassen sollte, müsste er zuallererst beweisen, dass er ein guter Vater wäre. Er müsste ihr Kind genauso lieben wie er sie selbst liebte. Das war viel verlangt und möglicherweise schwer zu finden.

Ryan jedenfalls könnte es ganz sicher nicht sein. Nach seinem rücksichtslosen Verhalten von damals könnte sie ihm nie wieder vertrauen.

Katie trank den letzten Schluck Kaffee und sah ihre Freundin an. „Egal wie, hör auf mit deinen Hirngespinsten. Zwischen mir und Ryan wird nichts passieren.“

June zog eine Grimasse und räumte den Tisch ab. „Glaub nur ja nicht, dass ich mir von meiner besten Freundin verbieten lasse, meinen romantischen Ideen nachzuhängen.“

Katie stand auf und ging die Treppe hoch, um ihre Reisetasche zu holen.

„Und ich habe bei solchen Sachen meistens recht!“, rief June ihr hinterher.

Während Ryan auf Junes Haustür zuging, spielten seine Nerven verrückt. Schon morgens hatte es angefangen. Viel zu früh war er in seinem Hotelbett aufgewacht und hatte sorgenvoll darüber nachgedacht, was wohl heute alles von ihm erwartet würde. Dann hatte er ungewöhnlich lange vor dem Spiegel gestanden und überlegt, ob er passend angezogen war, und ob sein Haar ordentlich genug aussah. Er ärgerte sich, dass er es vor seiner Abreise nicht noch hatte schneiden lassen.

Gleichzeitig kam er sich lächerlich vor. Er benahm sich ja wie ein junges Mädchen vor seinem ersten Ball.

Kurzerhand hatte er seine Lieblingsjeans und ein kariertes Hemd angezogen. So sah er auch immer aus, wenn er den Rasen vor seinem Reihenhaus in Seattle mähte. Schließlich war er ein erwachsener Mann und konnte anziehen, was er wollte. Bei anderen Frauen hatte er sich nie solche Gedanken gemacht. Warum benahm er sich ausgerechnet bei seiner alten Jugendfreundin so idiotisch?

Die Antwort lag auf der Hand – weil sie nicht mehr seine kleine Jugendfreundin war. Es hatte sich etwas verändert. Es war nicht zu leugnen, dass es gewaltig zwischen ihnen knisterte. Er fühlte sich wie berauscht, wenn er mit Katie zusammen war, und hatte Angst davor, ihrer Anziehungskraft zu erliegen.

So sehr er sich nach ihr sehnte, es war unmöglich, die Uhr zurückzudrehen. Zu viel war passiert, seit sie sich getrennt hatten.

Wenn Katie ihm nachtrug, dass er sie damals schnöde verlassen hatte, dann könnte er sie auch fragen, weshalb sie ihm erst bei der Abschlussfeier ihre Liebe gestanden hatte. Natürlich war er genauso dumm gewesen. Er hatte es ja ebenfalls nicht geschafft, ihr seine Gefühle zu offenbaren. Dabei war ihm schon lange klar gewesen, dass ihre Freundschaft sich in Liebe verwandelt hatte.

Trotzdem hatte er sich mit Sarah eingelassen, wie man eben als Heranwachsender die Liebe ausprobiert. Und bevor er Sarah sagen konnte, dass er nur eine liebte, nämlich Katie, hatte Sarah ihm gestanden, dass sie schwanger war.

Katie und er hatten einfach den richtigen Moment verpasst. Das war die traurige Wahrheit.

Alles was er noch tun konnte, war Katie dafür um Entschuldigung zu bitten, dass er ihr wehgetan hatte. Vielleicht könnten sie einen Rest ihrer Freundschaft retten. Schon deshalb, weil sie sich in Zukunft sicher öfters begegnen würden, denn er hatte vor, seine Mom regelmäßig zu besuchen.

Jedes Mal, wenn er daran dachte, dass sie vielleicht nicht mehr allzu viel Zeit miteinander verbringen konnten, verspürte er einen schmerzhaften Stich.

Ein Gedanke formte sich in seinem Kopf, während er auf die Klingel drückte. Vielleicht wäre es gut, vorübergehend nach Peach Leaf zurückzuziehen, um seiner Mom nahe zu sein. Seine Firma könnte er auch aus der Ferne leiten.

Nach diesem Wochenende musste er seine Mom unbedingt besuchen.

Ryan strich sein Hemd glatt, bevor er den Türklopfer betätigte. Während er wartete, wurde er immer nervöser. Endlich wurde die Tür aufgerissen, und June begrüßte ihn strahlend, wobei sie mit dem Fuß den wuseligen Kater zurückhielt, der an ihr vorbeischlüpfen wollte.

„Wenn wir ihn vorne rauslassen, haut er jedes Mal ab“, erklärte sie und begrüßte Ryan mit zwei Wangenküsschen. „Komm rein. Katie ist gleich fertig.“ Sie schloss die Tür hinter ihm. „Magst du noch einen Kaffee?“

Ryan hörte zwar Junes Frage, doch sein Blick war auf Katie gerichtet, die gerade mit ihrem Rollköfferchen ins Wohnzimmer kam. Als sie Ryan sah, leuchteten ihre dunklen Augen auf, und ein warmes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Sie trug ausgebleichte Jeans und ein orangefarbenes T-Shirt, das den gebräunten Schimmer ihres Teints unterstrich. Die langen dunklen Haare hatte sie zu einem seitlichen Zopf geflochten. Er fand sie zum Anbeißen verführerisch.

Ohne sich bewusst zu sein, was er tat, ging er ihr entgegen und umarmte sie.

Ein Spruch seiner Mutter kam ihm in den Sinn: Manchmal ist das Herz klüger als der Kopf. Bereits bei ihrem ersten Treffen vor ein paar Tagen hatte er sie spontan umarmt. Er konnte ihr einfach nicht widerstehen, obwohl er sich noch am Morgen vor dem Spiegel fest vorgenommen hatte, nicht schwach zu werden.

Abrupt machte sie sich los und sah ihn verwirrt an.

„Ist alles klar bei dir, Ryan?“, fragte sie und lachte unsicher. June hatte sich wohlweislich in die Küche verzogen.

Als er nickte, sagte sie: „Dann können wir ja gehen.“ Sie griff nach ihrem Rollkoffer, nahm noch ein paar Kissen und eine Decke vom Sofa und packte sie obendrauf.

Ihr Panzer, dachte er unwillkürlich. Um mich abzuwehren.

Aber was hatte er denn erwartet nach all den Jahren?

Er sah es in ihren Augen, dass sie ihm noch immer nicht verziehen hatte.

Sie schien sein Unbehagen zu spüren, denn sie fing an zu plaudern und geschäftig herumzulaufen. Sie holte noch zwei Wasserflaschen und packte sie in die Provianttasche, dann hielt sie Ryan wortlos die Tasche hin, während sie nach ihrem Rollkoffer griff. „Also dann“, sagte sie betont fröhlich.

Ryan winkte June zu, die gerade aus der Küche kam, dann folgte er Katie nach draußen. Er hoffte inständig, dieses Wochenende einigermaßen unbeschadet zu überstehen.

5. KAPITEL

Als sie in Ryans Truck saßen und aus der Einfahrt fuhren, räusperte Katie sich. Sie wusste nicht, wie sie anfangen sollte. Sicher würde sich Ryans Miene gleich wieder verfinstern, wie vor ein paar Tagen, als sie es erwähnt hatte.

„Ryan …?“, begann sie und blickte in ihren Schoß, damit sie sein Gesicht nicht zu sehen brauchte. „Ich hatte ja vor ein paar Tagen schon erwähnt, dass wir noch ein Kind mitnehmen müssen.“

Angespannt wartete sie auf seine Reaktion, während sie beobachtete, wie ihre Nachbarin den Hauseingang mit Kürbissen und Herbstkränzen dekorierte. Auf der Gartenschaukel saßen bereits zwei mit alten Klamotten behängte Strohpuppen.

„Kein Problem“, sagte er zu ihrer Überraschung und warf ihr ein Lächeln zu, bei dem ihr Herz dahinschmolz wie Butter in der Sonne. „Wer ist es denn?“

„Ein kleines Mädchen namens Shelby. Sie wohnt in dem Kinderheim, wo meine Grandma arbeitet.“

„Sag mir nur, wie ich fahren muss.“

Beinahe hätte sie einen erleichterten Seufzer ausgestoßen.

Sie dirigierte ihn in den Norden der Stadt zu dem Flachbau, in dem das Kinderheim untergebracht war.

Als sie vor dem fröhlich bunt gestrichenen Haus anhielten, sah sie, wie Ryan stirnrunzelnd das Schild neben dem Eingang studierte. Bevor sie ihn darauf ansprechen konnte, war er schon ausgestiegen.

Sie löste ihren Gurt und wollte gerade die Beifahrertür öffnen, doch wie bei den anderen Malen, als sie mit ihm gefahren war, kam er ihr zuvor. Er hielt ihr die Hand hin und half ihr beim Aussteigen. Beim ersten Mal hatte sie gesagt: „Das hätte ich auch alleine geschafft, ganz so unförmig bin ich ja noch nicht.“ Doch in Wahrheit genoss sie es, sich ein wenig von ihm verwöhnen zu lassen. Schon immer hatte sie seine höflichen Manieren bewundert, auch wenn sie ihn manchmal damit aufgezogen hatte.

„Danke“, sagte sie, und ihre Blicke trafen sich. Gleichzeitig spürte sie seine warme Hand, und ein wohliger Schauer durchströmte sie.

Er hielt ihre Hand fest, während sie auf die Eingangstür zugingen, und Katie fühlte sich plötzlich seltsam geborgen. Als würde neben ihr der Mann gehen, der zu ihr gehörte. Nur widerstrebend ließ sie seine Hand los und drückte auf die Klingel.

Vielleicht war es ein trügerisches Gefühl, weil sie sich nach einem Mann sehnte, der zu ihr gehörte. Sie durfte sich nicht von Ryans Anziehungskraft blenden lassen, sonst würde sie womöglich ein zweites Mal enttäuscht.

Die Tür ging auf, und Ava Bloom, Katies Grandma, stand vor ihnen. Freundlich lächelnd und mit rosigen Wangen wie eh und je. Aus dem Haus wehte ihnen der verlockende Duft von Apfelkuchen entgegen.

„Hi, Grandma“, sagte Katie und schmiegte sich in die ausgebreiteten Arme ihrer Großmutter.

Schon vor Katies Geburt hatte die alte Dame als Köchin im Kinderheim von Peach Leaf gearbeitet und bisher keine Anstalten gemacht aufzuhören. Die Kinder liebten sie, und Avas mütterliche Art trug sicher wesentlich dazu bei, dass die Kinder sich im Heim wohlfühlten. Auch wenn es niemals ein Ersatz für ein richtiges Zuhause sein würde.

Ava streckte die Arme nach Ryan aus, und er ließ sich ebenfalls von ihr umarmen. „Ryan Ford, ich kann’s nicht glauben!“, sagte sie und presste ihn herzhaft an sich.

Während die beiden miteinander scherzten, ging Katie in die Küche – enttäuscht, dass der Apfelkuchen noch nicht fertig gebacken war. Sie hatte heute Morgen kaum etwas gegessen, und der Duft von Butter und Zimt und warmen Äpfeln ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen.

„Lass bloß meinen Apfelkuchen in Ruhe!“, rief ihre Großmutter ihr hinterher. „Der ist für die Kinder.“

„Was hältst du von mir, ich würde doch den Kindern ihren Kuchen nicht wegessen“, rief Katie zurück.

Kurz darauf kamen Ava und Ryan in die Küche. Katie fiel auf, dass Ryan plötzlich zufrieden, beinahe glücklich aussah. Hatten die beiden etwa über sie gesprochen? Ihre Großmutter war dafür bekannt, dass sie kein Blatt vor den Mund nahm, und ebenso wie Katies Mom hatte sie sich immer gewünscht, dass Ryan und sie zusammen kämen.

Ava wandte sich an Ryan. „Ich kenne niemanden, der so wild auf meinen Apfelkuchen ist wie Katie. Wenn sie als Kind manchmal am Wochenende hier war, hat sie morgens, mittags und abends nichts anderes gegessen.“ Lächelnd fügte sie hinzu: „Und jetzt hat sie wahrscheinlich noch mehr Appetit, wo sie für zwei essen muss.“

„Ist ja schon gut, Grandma“, wehrte Katie ab.

Plötzlich wurde Ava ernst. „Bist du gekommen, um Shelby abzuholen?“

„Ja, das haben wir doch letzte Woche ausgemacht.“

Die ältere Frau machte ein besorgtes Gesicht.

„Will sie etwa doch nicht mitkommen?“, fragte Katie mit bangem Blick.

„Nein, das ist es nicht, Schätzchen, mach dir keine Sorgen.“

„Was ist es denn?“

Katies Großmutter strich sich über ihre Schürze. „Unsere Shelby hat leider eine schwere Woche hinter sich.“ Umständlich ging sie zum Backofen und sah nach dem Apfelkuchen. „Wollt ihr beide einen Tee?“

„Nein, danke“, erwiderten Ryan und Katie unisono.

Ava spielte mit ihrer Lesebrille, die an einem Band um ihren Hals hing. Katie fand, dass sie müde aussah. Dieses Wort war eigentlich zur Beschreibung ihrer Großmutter völlig ungeeignet. Vor siebzig Jahren war die alte Dame als Kleinkind mit ihrer Familie aus Deutschland emigriert und hatte seither so einiges an Höhen und Tiefen erlebt. Dennoch schien ihre Energie unerschöpflich zu sein.

Katie griff nach der Hand ihrer Großmutter. „Was ist denn passiert?“

Sie wusste, dass die Heimkinder oft schlimme Erfahrungen hinter sich hatten. Es erforderte viel Geduld und Zuwendung, damit sie sich öffneten. Katies Großmutter hing sehr an den Kindern und wollte ihnen so viel Wärme und Geborgenheit geben, wie es ihr möglich war. Sie selbst hatte mit ihrer Familie, ihren Kindern und Enkeln so viel Glück erfahren, dass sie gerne etwas davon weitergeben wollte.

Ava holte tief Luft. „Diese Woche war wieder eine Familie hier gewesen, aber es hat wieder nicht geklappt.“

Seit einem Jahr wohnte Shelby im Kinderheim, und wenn Katie ihre Grandma besuchte, spielte sie immer eine Weile mit dem süßen kleinen Mädchen. Von Anfang an hatte sie das schüchterne Kind ins Herz geschlossen und inzwischen sein Vertrauen gewonnen. Zwar wünschte sie der Kleinen, dass sie bald in eine nette Familie käme, doch andererseits würde es ihr leid tun, sie nicht mehr zu sehen.

„Das ist sicher schlimm für das Kind“, bemerkte Ryan mit leiser Stimme. Katie warf ihm einen Seitenblick zu und sah sein betroffenes Gesicht. Sie nahm sich fest vor, ihn bald nach seinem eigenen Kind zu fragen. Irgendetwas bedrückte ihn.

Ava setzte ihre Brille ab und rieb sich über die Augen. „Sie ist traurig, aber sie wird es verkraften. Ich würde mir mehr Sorgen machen, wenn es ihr irgendwann egal wäre.“

„Können wir etwas tun, Grandma, um Shelby aufzuheitern?“, fragte Katie. Es hatte einiger Überredungskunst bedurft, bis das kleine Mädchen einverstanden war, mit zum Kürbisfest zu kommen. Verständlicherweise hatte Shelby Angst davor, ein ganzes Wochenende mit fremden Kindern zu verbringen.

„Gib ihr nur eine Extraportion Zuwendung und zeig ihr, dass du sie magst, und dass sie nicht alleine ist.“

„Das machen wir“, erklärte Ryan mit fester Stimme.

Katie nickte und überlegte nicht zum ersten Mal, Shelby selbst zu sich zu nehmen.

Ava lächelte zufrieden, dann holte sie den Apfelkuchen aus dem Ofen.

Während sie den Kuchen zum Abkühlen auf einen Rost schob, erzählte Katie ihr von der bevorstehenden Schließung des Museums. Ihre Großmutter machte ein besorgtes Gesicht, beruhigte ihre Enkelin aber mit der Zusicherung, dass es auf jeden Fall im Kinderheim Arbeit für sie gäbe, falls sich nichts anderes fände.

Ryan war unerwartet still geworden, als Katie von dem Museum erzählte, und wieder fragte Katie sich, was ihn bedrückte.

„Da ist ja unsere Shelby!“, rief Ava.

Katie drehte sich um und betrachtete liebevoll das blondgelockte kleine Mädchen, das mit Linda hereinkam, einer der netten Betreuerinnen.

Bei Katies Anblick leuchteten Shelbys blaue Augen auf, und sie lief auf ihre ältere Freundin zu.

„Hallo, mein Schatz“, sagte Katie, hob die Sechsjährige hoch und schwenkte sie herum. Noch war die Kleine leicht genug, dass Katie sie auch im schwangeren Zustand hochheben konnte. Shelby lachte fröhlich, und Katie gab ihr einen Kuss.

Als Shelby wieder auf dem Boden stand, bedachte sie Ryan mit einem schüchternen Blick.

Katie nahm sie an der Hand. „Shelby, das ist mein Freund Ryan. Magst du ihm Hallo sagen?“

Ryan ging vor Shelby in die Hocke und sah das Kind freundlich an. „Hallo Shelby.“

Katie fürchtete schon, die Kleine würde sich hinter ihrer Betreuerin verstecken, doch sie blieb stehen und musterte Ryan aufmerksam. Ryan sagte währenddessen nichts, sondern lächelte nur liebevoll.

Unvermittelt streckte Shelby Ryan die Hand hin. „Hi, Mr. Ryan. Kommst du auch mit uns zum Camp?“

Katie und Ava wechselten einen freudigen Blick.

„Auf jeden Fall“, versicherte Ryan und schenkte Shelby ein breites Lächeln.

Katie ging das Herz auf, als sie die beiden betrachtete. Sie musste daran denken, wie sie selbst als kleines Mädchen sofort Ryans Zauber verfallen war.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Bianca Extra Band 58" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen