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BIANCA EXTRA BAND 53

TRACY MADISON

Rückkehr aus Liebe?

Ein Blick in Daisys grüne Augen, und Bergretter Reid Foster fühlt sofort: Er liebt seine Exverlobte immer noch! Doch den Rotschopf erneut zu erobern, fordert ihn mehr heraus als die höchsten Gipfel …

GINA WILKINS

Nachbar, Daddy, Bräutigam

Als seine Nachbarin Stevie in Not gerät, bietet Cole selbstlos Hilfe an. Als Ehemann – aber rein platonisch! Nur hat er eins übersehen: Stevie weckt in ihm viel mehr als freundschaftliche Gefühle …

KAREN TEMPLETON

Verrückt nach Mr. Perfect!

Familie? Kinder? Für Journalist Colin kein Thema. Er braucht seine Freiheit! Doch als er nach Jahren auf die Ranch seines Vaters zurückkehrt, stellt ihn die hinreißende Emily vor eine ganz andere Wahl …

AMY WOODS

Auf kleinen Pfoten ins Wintermärchen

Dr. Ethan Singh ist von den zwei Welpen ebenso verzaubert wie von ihrer reizenden Retterin June. Und als es draußen stürmt, gehört ihm eine Nacht mit ihr. Aber warum will er sie danach nicht gehen lassen?

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Rückkehr aus Liebe?

PROLOG

Weniger als zwei Stunden waren vergangen, seit Daisy Lennox am Fenster ihres Zimmers gestanden und den herrlichen Blumenduft, der aus dem Garten ihrer Mutter zu ihr hoch drang, genossen hatte. Eine sanfte Frühlingsbrise kündigte einen schönen Tag in Steamboat Springs, Colorado, an. Einen perfekten Tag für eine Hochzeit.

Für ihre Hochzeit.

Voller Vorfreude und Aufregung hatte sie die Augen geschlossen und sich der wundervollen Gewissheit hingegeben, am Abend Mrs. Reid Foster zu sein. Endlich war es so weit. Endlich würden ihre Träume in Erfüllung gehen.

Es war so einfach gewesen, sich in Reid zu verlieben. So mühelos. Er war schon lange ein Teil ihres Lebens gewesen, auch wenn er absurd lange dafür gebraucht hatte, etwas anderes in ihr zu sehen als die kleine Schwester seines besten Freundes.

Doch als sie endlich zueinandergefunden hatten, war ihre Verbindung so selbstverständlich, als habe sie schon immer existiert. Deshalb hatte Daisy auch sofort Ja gesagt, als Reid ihr letztes Jahr nach ihrer Abschlussfeier an der University of Colorado einen Heiratsantrag gemacht hatte. Sie konnte sich ein Leben ohne ihn einfach nicht mehr vorstellen.

Erst mit Reid fühlte sie sich komplett. Reids Liebe vertrieb das vage Gefühl, irgendwie nicht dazuzugehören – eine Art Fremdkörper zu sein. Dieses seltsame Gefühl, das sie schon seit ihrer Kindheit quälte.

Ja, Daisy hatte absolut keinen Grund gehabt, daran zu zweifeln, dass ihr eine wundervolle Zukunft bestimmt war.

Doch das Schicksal hatte leider andere Pläne mit ihr.

Das Geständnis ihrer Mutter änderte alles. Das, was Clara Lennox ihr gerade erzählt hatte, war eher Stoff für eine trashige Seifenoper und nicht für das Leben einer Frau, die gleich heiraten wollte.

Daisy konnte es immer noch nicht fassen. Aber es war … die Realität.

Eine innere Leere breitete sich in ihr aus und verdrängte ihre Vorfreude. Zitternd versuchte sie, das Unvorstellbare zu begreifen.

„Ich weiß, dass es ein Schock für dich ist“, sagte ihre Mutter. Sie legte Daisy einen Arm um die Schultern. „Alles okay mit dir?“

Okay?! Nein, nichts war okay! Daisy schüttelte ihre Mutter ab und griff blind nach dem Hochzeitskleid, das sie kurz zuvor noch so glücklich auf ihrem Bett ausgebreitet hatte. Sie grub ihre Finger in den glänzenden Stoff und rief sich Reids Gesicht ins Gedächtnis, seine Stimme, seine bloße Gegenwart. Seine Liebe für sie und ihre für ihn.

„Entschuldige, die Frage war ungeschickt von mir. Natürlich geht es dir nicht gut. Wie auch? Aber … wenn das alles erst mal ein bisschen gesackt ist …“

„Gesackt? Wie soll so etwas so schnell sacken?“ Oder überhaupt jemals?

„Es tut mir so schrecklich leid.“

Daisy sah in die hellblauen, vom Weinen verquollenen Augen ihrer Mutter und hob das Kinn. „Warum ausgerechnet heute? Warum nicht gestern oder vor einem halben Jahr oder als ich zehn war?“, stieß sie hervor. „Warum hast du ausgerechnet bis zum glücklichsten Tag meines Lebens gewartet, um mir zu sagen, dass … dass …“, sie schluckte ihre Tränen runter, „… ich nicht der Mensch bin, für den ich mich immer gehalten habe?“

Seufzend rieb Clara sich das Gesicht. „Du bist genau der Mensch, der du immer warst. Aber du hast recht, ich hätte nicht so lange warten sollen. Ich hätte …“ Sie stockte. „Ich wollte es dir wirklich eher sagen, Liebling. Aber ich schien einfach nie die richten Worte zu finden oder … Ich habe immer gehofft, dein Vater würde …“

Wut stieg in Daisy auf. „Welchen Vater meinst du? Den Mann, der mich großgezogen hat, oder den Mann, von dessen Existenz ich bis vor ein paar Minuten keine Ahnung hatte?“

Clara prallte zurück, als habe Daisy ihr eine Ohrfeige verpasst. „Charles Lennox natürlich. Der Mann, der dich akzeptiert hat, als ich ihm meinen Fehler gestand.“

„Er hat mich nie akzeptiert“, flüsterte Daisy mit erstickter Stimme. „Aber jetzt weiß ich wenigstens, warum.“

„Du irrst dich. Er liebt dich.“

„Und warum ist er dann nicht hier?“

„Weil er … Weil wir entschieden haben, dass ich diejenige sein sollte, die es dir sagt.“

Das war nicht besonders überraschend für Daisy. Wenn sie eines über ihren Vater wusste, dann, dass er emotionale Szenen hasste. Trotzdem wünschte sie, er wäre hier, um ihr seine Unterstützung anzubieten und ihr zu versichern, dass er sie liebte. Dass er sie als seine Tochter betrachtete. Doch wozu sich etwas vormachen? Was Charles Lennox bisher nicht fertiggebracht hatte, würde er ganz bestimmt jetzt auch nicht schaffen.

Sie hatte sich immer nach einer besseren Beziehung zu ihrem Vater gesehnt – einer, wie ihr älterer Bruder Parker sie hatte. Im Laufe der Jahre war sie jedoch zu dem Schluss gekommen, dass er einfach mehr Gemeinsamkeiten mit seinem Sohn hatte als mit ihr. Manche Männer kamen eben besser mit Söhnen als mit Töchtern zurecht, wie auch ihre Mutter ihr immer wieder versichert hatte. Diese Erklärung war zwar schmerzhaft, aber auch eine Erleichterung gewesen.

Doch die Beichte ihrer Mutter ließ alles plötzlich in völlig neuem Licht erscheinen. Es war total verstörend. Sie war also nicht Charles Lennox’ Tochter, sondern nur das Resultat einer Affäre. Kein Wunder, dass sie ihm völlig egal war. Für ihn war sie vermutlich nichts weiter als der lebende Beweis für den Betrug seiner Frau.

Mit herzzerreißender Klarheit fügten sich die Puzzleteilchen auf einmal zu einem Gesamtbild zusammen. Plötzlich verstand sie seine distanzierte Art, seine unbeholfenen Umarmungen und warum er nie mit Stolz oder Freude auf ihre Erfolge reagiert hatte. Mehr noch – es erklärte, warum ihr Vater sie nie so geliebt hatte, wie er Parker liebte.

Und Daisy wusste noch nicht mal, ob sie ihm einen Vorwurf daraus machen konnte!

Sie schloss die Augen und versuchte, ihre Emotionen unter Kontrolle zu bringen. „Wer ist mein Vater?“

Clara seufzte tief. „Ist das denn so wichtig?“

„Weiß er von mir?“

„Nein. Wir hatten nie eine echte Beziehung. Ich kannte ihn noch von der Uni, und er … war auf der Durchreise. Dein Vat… Charles war damals oft geschäftlich unterwegs, und dein Bruder war noch klein. Ich war einsam, Daisy. Nur deshalb habe ich den Fehler gemacht.“

Die Worte ihrer Mutter versetzten Daisy einen schmerzhaften Stich. Sie war der Fehler. Nicht die falsche Entscheidung, die ihre Mutter in einem Augenblick der Leidenschaft getroffen hatte, nicht der One-Night-Stand selbst, sondern Daisys bloße Existenz – ein schrecklicher Fehler, der nie wiedergutzumachen war.

„Danke“, sagte sie steif zu ihrer Mutter. „Ich will jetzt allein sein. Ich muss nachdenken und … Geh jetzt einfach. Bitte.“

Nachdem Clara das Zimmer verlassen hatte, rollte Daisy sich auf dem Bett zusammen und brach in Tränen aus. Als sie versiegt waren, blieb sie reglos liegen und versuchte, den Sinn dessen zu begreifen, was sie gerade gehört hatte. Aber sie fand keinen – nichts, woran sie sich festklammern konnte.

Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so allein gefühlt. Sie dachte an Reid und seine Liebe, die ihr bisher immer Halt gegeben hatte … ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit. Schon allein seine Nähe hatte eine beruhigende Wirkung auf sie. In seiner Gegenwart fühlte sie sich echt.

Gott, wie sehr sie ihn liebte! Aber ihre Welt war plötzlich zusammengebrochen. Die Welt, wie sie sie bisher gekannt hatte, existierte nicht mehr – eine Erkenntnis, die ihr die Luft abschnürte. Was sollte sie jetzt nur tun?

Sie verspürte den fast verzweifelten Wunsch zu fliehen – irgendwohin, wo sie frei atmen konnte. Nein, nein, nein! Das ging nicht … Sie konnte Reid nicht zurücklassen … oder das Leben, nach dem sie sich so lange gesehnt hatte. Wie auch? Wer war sie schon ohne Reid?

Von dem Moment an, als sie ein Paar geworden waren, hatte sie alles getan, um ihm zu beweisen, dass sie genauso war, wie er sie haben wollte. Und anders als bei ihrem Vater hatte sie bei Reid Erfolg gehabt. Um seine Zuneigung und Anerkennung hatte sie nie kämpfen müssen. Oder um seine Liebe.

Ja, sie hatte nur dem Weg folgen müssen, den er ihr vorzeichnete, egal worum es ging – ihr College, der Zeitpunkt ihrer Verlobung, ihr Hochzeitsdatum und sogar die Organisation der Feier. Sie hatte zu allem Ja und Amen gesagt. Mit Reid war alles so einfach gewesen. Er wusste genau, was er wollte, und Daisy liebte ihn, also wollte sie das Gleiche.

Oder nicht? So war es doch, oder? Natürlich war es so.

Oh Gott, nein. Nein!

Eine Erinnerung nach der nächsten stieg in ihr auf und zwang sie, der Realität ins Auge zu sehen. Dass sie im Grunde genommen gar nicht wusste, was sie wollte oder wer sie war. Sie war die Frau, die Reid Foster liebte, und nur das definierte sie. Nur das gab ihr eine Identität. Sie war seine Freundin, seine Verlobte und bald … seine Frau. Und in ein paar Jahren vielleicht die Mutter seiner Kinder.

Was für ein Mensch wäre wohl aus ihr geworden, wenn sie sich nicht immer angepasst hätte – erst ihrem Vater und dann Reid? Würde Reid sie auch lieben, wenn sie sie selbst wäre?

Daisy fröstelte. Sie wusste die Antworten auf diese Fragen nicht, konnte sich nicht vorstellen, anders zu sein, als Reid sie haben wollte.

Aber wäre es nicht besser, sie selbst zu sein? Sollte sie nicht wissen, wer sie war, ganz egal ob Charles Lennox ihr Vater war oder nicht? Ob sie Reids Frau war oder nicht? Sollte sie nicht aus sich selbst Kraft und Sicherheit und Selbstvertrauen schöpfen?

Die Antwort war so schlicht wie traurig. Ja.

Daisy setzte sich auf und betrachtete wieder ihr Hochzeitskleid. Sie konnte selbst kaum glauben, dass sie drauf und dran war, etwas so Schreckliches zu tun, aber so war es. Im Grunde genommen hatte sie sich bereits entschieden.

Sie brach erneut in Tränen aus. Oh Gott … so war es.

Sie holte tief Luft, wischte sich die Tränen von den Wangen und spürte, wie sich eine tiefe innere Ruhe in ihr ausbreitete. Ja, sie hatte ihre Entscheidung getroffen: Es würde keine Hochzeit geben.

Daisy griff nach dem Telefon, um Reid herzubitten und es ihm von Angesicht zu Angesicht mitzuteilen, zögerte dann jedoch. Ihm jetzt gegenüberzutreten, wo sie sich einsamer fühlte als je zuvor in ihrem Leben, wäre zu gefährlich. Sie würde es dann vielleicht nicht übers Herz bringen, die Hochzeit abzusagen oder Steamboat Springs zu verlassen. Abschied zu nehmen.

Reids starke Persönlichkeit, seine Liebe und seine absolute Überzeugung, dass sie zusammengehörten, würden alles andere überlagern. Wie viel einfacher und weniger schmerzhaft wäre es, weiterhin in seinem Windschatten zu segeln und seine Frau zu werden, anstatt das zu tun, was sie tun musste, und … zu gehen. Von vorn anzufangen. Sich selbst zu finden, ohne ihre Familie. Ohne Reid.

Noch während sie den Brief schrieb und die Seiten mit den Spuren ihrer Tränen sorgfältig zusammenfaltete und ihren Verlobungsring abnahm, noch während sie ihren Koffer packte und leise aus dem Haus schlüpfte, in dem sie aufgewachsen war, wartete sie auf eine innere Stimme, ein Zeichen, irgendetwas, was sie umstimmte. Etwas, was sie davon abhalten würde, den Mann zu verlassen, den sie liebte.

Aber nichts passierte.

Lieber Reid,

seit heute Morgen ist mein Leben nicht mehr das, was es war, denn wie sich herausgestellt hat, ist mein Vater nicht mein leiblicher Vater. Ich weiß nicht, ob du das verstehen kannst, aber diese Neuigkeit hat mich so erschüttert, dass ich herausfinden muss, wer ich eigentlich bin.

Ich kann selbst kaum fassen, dass ich eine solche Entscheidung treffe und dass sie sich richtig anfühlt, aber so ist es. Es tut mir leid, dass ich nicht die Kraft oder den Mut aufbringe, es dir persönlich zu sagen, aber ich muss gehen. Es liegt an mir, nicht an dir. Ich weiß, wie klischeehaft das klingt, aber in diesem Fall ist es die reine Wahrheit.

Ich liebe dich immer noch. Ich glaube sogar, dass ich dich immer lieben werde, und selbst beim Schreiben dieser Zeilen will ich dich noch heiraten … nur nicht heute. Vielleicht, wenn das Schicksal uns gnädig ist und es dir gelingt, mir zu verzeihen, haben wir ja irgendwann noch eine zweite Chance auf ein gemeinsames Glück.

Eines Tages.

Bitte verzeih mir. Bitte!

Alles Liebe

Daisy

1. KAPITEL

Dicke Schneeflocken wirbelten durch die Luft und hüllten die Welt – oder zumindest diesen Teil der Welt – in eine kalte weiße Schicht.

War ja klar, dass Steamboat Springs bei der Rückkehr der entflohenen Braut von einem heftigen Schneesturm heimgesucht wurde! Alles andere wäre ja auch unpassend. Auf den letzten Meilen zum Haus ihres Bruders konnte Daisy kaum etwas durch das dichte Schneetreiben erkennen.

Sie hatte ihr Zuhause in Los Angeles schon bei Tagesanbruch verlassen und war anfangs gut vorangekommen, abgesehen von ein paar kurzen Pausen, in denen sie mit ihrem Hund spazieren gegangen war. In Grand Junction hatte sie daher beschlossen, die restlichen vier Stunden einfach durchzufahren, anstatt Zeit mit einer Übernachtung zu verlieren.

Aus diesen vier Stunden waren inzwischen leider mehr als sechs geworden. Seufzend bremste sie an einem Stoppschild und versuchte, das lächerliche Gefühl abzuschütteln, dass Mutter Natur sie mit diesem Sturm von ihrer Heimatstadt fernhalten wollte, weil sie dort nach acht Jahren Abwesenheit einfach nicht mehr willkommen war.

Völlig absurd!

Es war Ende Februar, verdammt noch mal, und Schneestürme waren um diese Jahreszeit in Colorado eher die Regel als die Ausnahme. Doch leider vermochte dieses sachliche Argument ihre Nervosität nicht zu vertreiben. Sie folgte den Anweisungen ihres Navis und bog nach rechts ab. Kaum jemand würde sich in Steamboat Springs noch an ihren Namen erinnern, geschweige denn an ihre überstürzte Flucht unmittelbar vor ihrer Hochzeit.

Doch auch dieses Argument war keine Beruhigung. Sie wusste genau, warum sie so nervös war: wegen Reid Foster.

Wegen des Mannes, den sie damals sitzen gelassen hatte.

Sie zitterte schon jetzt bei der Vorstellung, ihn wiederzusehen. Seitdem hatten sie kein Wort miteinander gewechselt, obwohl sie ihm so gern hatte erklären wollen, warum sie zu feige gewesen war, ihm persönlich gegenüberzutreten. Doch sie hatte nie den Mut dazu aufgebracht.

Jetzt war es vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis sie einander über den Weg liefen. Wenn nicht irgendwo zufällig auf der Straße, dann spätestens im Krankenhaus, wo Parker sich gerade von einem schlimmen Skiunfall erholte. Die beiden waren immer noch enge Freunde.

Schon schräg, dass sich die letzten acht Jahre in mancher Hinsicht wie ein ganzes Leben anfühlten, während in anderer Hinsicht kaum mehr als ein paar Sekunden vergangen zu sein schienen.

Sie hatte sich ein eigenes Leben aufgebaut, Freundschaften geschlossen und einen Job gefunden. Sie hatte sogar ihren leiblichen Vater ausfindig gemacht, doch der Kontakt mit ihm hatte ihr auch keine Antworten gegeben. Die musste sie ganz allein finden. Und zum größten Teil war es ihr auch gelungen.

Sie wusste inzwischen, wer sie war und was sie tun musste, um sich treu zu bleiben. Reid wiederzusehen würde das vielleicht zunichtemachen.

Als eine heftige Windbö ihren Wagen erfasste und ins Schlingern brachte, nahm sie fluchend den Fuß vom Gaspedal und konzentrierte sich wieder auf die Straße. Es spielte gerade keine Rolle, was in den nächsten Tagen passieren würde oder was nicht. Hauptsache, sie kam endlich bei Parkers Haus an.

Er hatte sie erst eine knappe Woche nach seinem Unfall angerufen, um sie um Hilfe zu bitten. Das hatte sie nicht weiter überrascht, da sie kaum noch Kontakt zu ihrer Familie hatte. Überraschend war eher, dass er sich überhaupt meldete.

Ihre Schwägerin – Parkers Frau Bridget – war vor drei Jahren an Krebs gestorben, und Daisy und Parkers Eltern lebten inzwischen in Florida. Da Charles sich gerade von einer Hüft-OP erholte, konnten sie sich nicht um ihre Enkeltöchter kümmern. Also war die Wahl auf Daisy gefallen, und natürlich hatte sie sofort Ja gesagt.

Die Vorstellung, die nächsten Wochen allein für Parkers Töchter verantwortlich sein zu müssen, war nicht gerade beruhigend. Sie hatte die beiden erst zwei Mal bei Familienfeiern gesehen und kannte sie daher kaum. Wie sollte sie ihnen den Halt und die Stabilität geben, die sie jetzt brauchten?

Na ja, irgendwie würde sie das schon hinkriegen.

„Ich schaff das schon“, versuchte sie, sich gut zuzureden. „Parker wird wieder vollständig gesund, und die Mädchen werden mich lieben. Ich bin schließlich ihre Tante. Und Reid wiederzusehen wird zwar nicht leicht, aber ich werde es schon überleben.“

Ihr Hund, ein weiß-beige-grauer Whippet, winselte klagend auf dem Rücksitz.

„Gleich, Jinx“, sagte Daisy sanft. „Wir haben es fast geschafft.“

Das Navi verkündete, dass sie an ihrem Zielort angekommen war. Daisy drosselte das Tempo, spähte aus dem Fenster, bis sie die richtige Hausnummer gefunden hatte, und parkte den Wagen so weit am Straßenrand wie möglich. Tief Luft holend betrachtete sie das Haus ihres Bruders. Wegen der Dunkelheit und des Schneetreibens konnte sie nicht viel erkennen, aber die Außenbeleuchtung brannte hell und freundlich. Hier würde sie in Sicherheit sein.

Zumindest vorerst.

Parker hatte ihr erzählt, dass seine Nachbarn die Mädchen bis zu Daisys Ankunft betreuten. Vermutlich schliefen die beiden gerade in einem der anderen Häuser in der Straße. Das Wiedersehen hatte bis morgen Zeit. Und da der Schlüssel unter der Fußmatte lag, würde sie problemlos ins Haus kommen.

„So, Jinx, wir sind da.“

Daisy leinte ihren Hund an, nahm ihre Reisetasche mit dem Nötigsten für eine Nacht – der Rest ihres Gepäcks konnte bis morgen warten – und stapfte durch das heftige Schneetreiben auf das einladende Licht zu.

Erschöpft lehnte Reid sich gegen die Wand im oberen Flur des Lennox-Hauses und hoffte, dass die Mädchen jetzt endlich schliefen und nicht mehr ständig um etwas zu trinken oder eine Umarmung baten. Er beschloss, noch ein bisschen zu warten, bevor er runterging. Nur für alle Fälle.

Erin und Megan hatten Angst, und das zu Recht. Sie hatten vor drei Jahren ihre Mutter verloren und daher schon einmal die bittere Erfahrung machen müssen, dass auch Eltern krank werden und plötzlich nicht mehr da sein konnten. Und jetzt lag ihr Vater in der Klinik. Für Reid war es daher selbstverständlich, sich um die beiden zu kümmern. Was hieß, dass er sie jeden Abend nach der Arbeit bei ihren Nachbarn abholte und sie anschließend in ihrer vertrauten Umgebung betreute.

Aber das schlauchte ganz schön! Während der Wintermonate musste er bei seinem Job bei der Ski-Patrouille ohnehin oft Überstunden machen. Sich noch dazu um zwei verängstigte Kinder zu kümmern und Parker so oft wie möglich im Krankenhaus zu besuchen, war eine enorme Zusatzbelastung.

Der heutige Abend war besonders schlimm gewesen. Wegen des draußen tobenden Schneesturms hatte er früh aufstehen müssen und erst spät Feierabend machen können. Als er die Mädchen dann endlich bei Parkers Nachbarn abgeholt hatte, war ihm sofort aufgefallen, dass sie noch aufgekratzter als sonst waren, und er hatte von ihnen erfahren, dass sie einen ergreifenden Film über ein paar Kinder gesehen hatten, deren Eltern plötzlich gestorben waren. Die nächsten anderthalb Stunden hatten sie ihn mit einer Frage nach der anderen gelöchert.

Die siebenjährige Erin, ein Ebenbild ihrer Tante Daisy, wollte wissen, wer sich um sie und ihre Schwester Megan kümmern würde, wenn ihr Daddy jetzt auch starb. Reid wusste erst nicht, was er darauf antworten sollte, entschloss sich dann aber für die Wahrheit und erklärte, dass Parker aller Wahrscheinlichkeit nach wieder ganz gesund werden würde. Doch Erin hatte nur das Kinn gereckt – eine Angewohnheit, die ihn ebenfalls an Daisy erinnerte – und ihre Frage wiederholt. „Ich will nicht zu Pflegeeltern!“

Dieser verdammte Film! „Schatz, so weit wird es nie kommen“, hatte Reid geantwortet, obwohl er in Wirklichkeit nicht wusste, welche Vorkehrungen Parker für einen solchen Fall getroffen hatte. Er konnte nur die wahrscheinlichen Kandidaten nennen: Parkers Eltern Charles und Clara Lennox, die vor ein paar Jahren nach Florida gezogen waren. Doch Erin war noch nicht zufrieden mit dieser Antwort. „Und wenn die nicht können? Wer kümmert sich dann um uns?“

Reid hatte eine Sekunde gezögert, bevor er ihre Tante Daisy erwähnte, obwohl er es für unwahrscheinlich hielt, dass Parker seine Töchter jemandem anvertrauen würde, den sie praktisch nicht kannten.

Daisys Namen laut auszusprechen – etwas, was er nur selten tat – hatte noch dazu viele alte Gefühle in ihm geweckt: Trauer, Verwirrung und eine gute Portion Wut.

Auf Daisy, weil sie ihnen keine Chance gegeben hatte, bevor sie gegangen war. Und auf sich selbst, weil er gewusst hatte, dass Charles Lennox nicht Daisys leiblicher Vater war, und es für sich behielt. Weil er mit dieser Neuigkeit warten wollte, bis sie verheiratet waren.

Reid hatte niemandem – noch nicht mal Parker – erzählt, dass er eine Woche vor der Hochzeit zufällig einen Streit zwischen Clara und Charles Lennox mit angehört hatte. Hätte er Daisy davon berichtet und sie schonend auf die Wahrheit vorbereitet, vielleicht hätte sie sie dann genug Vertrauen zu ihm und ihrer Beziehung gehabt, um nicht einfach zu verschwinden und sich nie wieder zu melden. Aber sie hatte keine Ahnung, dass er sie vor dem zu einem völlig falschen Zeitpunkt abgelegten Geständnis ihrer Mutter hätte bewahren können.

Ein Geheimnis, das er bis heute hütete.

Klar machte er sich deswegen immer noch Vorwürfe, aber leider ließ sich seine damalige Fehlentscheidung nicht mehr rückgängig machen. Und Daisy hatte ihn ohne ein Wort verlassen. Also war keiner von ihnen unschuldig an der Situation.

Nachdem Reid zu dem Schluss gekommen war, dass die Mädchen tatsächlich schliefen, stieß er sich gähnend von der Wand ab. Er musste jetzt nur noch die Küche aufräumen und duschen. Vielleicht schaffte er es sogar noch, die Nachrichten zu sehen. Oder er verschob das alles einfach auf den nächsten Tag, ging sofort ins Bett und …

Aus dem Wohnzimmer im Erdgeschoss hörte er gedämpfte Geräusche. Hundegebell? Im Haus? Hatte vielleicht eins der Mädchen unbemerkt den Fernseher angestellt? Reid hatte keine andere Erklärung, da er die Haustür abgeschlossen hatte. Vorsichtig ging er die Treppe hinunter … und blieb beim Klang einer weiblichen Stimme aus dem Wohnzimmer wie angewurzelt stehen.

Er bekam sofort eine Gänsehaut am ganzen Körper. Ganz egal, wie viele Jahre vergangen waren, diese Stimme hatte sich ihm so unauslöschlich eingeprägt, dass er sie nie vergessen würde. Daisy Lennox – die Frau, mit der er früher einmal den Rest seines Lebens hatte verbringen wollen – war nach Steamboat Springs zurückgekehrt.

Reid war von ihrer unerwarteten Ankunft so überrumpelt, dass er sich nicht von der Stelle rühren konnte. Die Sinne bis aufs Äußerste geschärft, lauschte er, wie sie dem Hund etwas zu fressen und zu trinken versprach. Sein Gefühlschaos kehrte mit voller Wucht zurück.

Sein erster Impuls war, ins Wohnzimmer zu gehen, Daisy in die Arme zu nehmen und dort weiterzumachen, wo sie aufgehört hatten – dicht gefolgt von dem Wunsch, nach oben zurückzuschleichen und unbemerkt aus einem der Schlafzimmerfenster zu klettern.

Die erste Idee war natürlich absolut lächerlich, die zweite feige und genauso inakzeptabel. Doch selbst wenn Reid ein Feigling wäre, würde er nie einfach verschwinden, während die Mädchen schliefen. Er würde sie nicht im Stich lassen.

Mit oder ohne Brief.

Leider ließ ihm das nur eine Option: sich zusammenzureißen und sich bemerkbar zu machen. Und dabei völlig gelassen und höflich zu bleiben.

Und innerlich total distanziert.

Wie zu erwarten lösten sich seine guten Vorsätze schlagartig in Luft auf, als er das Wohnzimmer betrat und die Frau sah, die er nie hatte vergessen können. Sie war immer noch wunderschön. Immer noch … Daisy.

Bei seinem Anblick schrie sie erschrocken auf. Für eine Weile sagte niemand von ihnen ein Wort.

Irgendwann im Laufe der letzten Jahre hatte sie sich die langen, kupferroten Haare abschneiden lassen. Der Kurzhaarschnitt betonte ihre faszinierenden grünblauen Augen und ihre zarten Gesichtszüge. Für Februar war sie ziemlich unpassend gekleidet: Sie trug nur eine leichte Jacke über einem sommerlich wirkenden Kleid und ein paar … Clogs?! Ja, Clogs. Die Frau war eindeutig verrückt.

Aber leider auch so schmerzhaft vertraut. Schon die Daisy, in die er sich damals verliebt hatte, hatte in ihrer eigenen Welt gelebt und nur selten auf so etwas Gewöhnliches wie das Wetter geachtet. Manche Dinge änderten sich anscheinend nie.

Erinnerungen überwältigten ihn. Für den Bruchteil einer Sekunde durchlebte er wieder den schlimmsten Augenblick seines Lebens – den Moment, als er ihren verdammten Brief las und ihm bewusst wurde, dass sie ihn verlassen hatte. Und die gleiche Mischung aus Wut, Trauer und Selbstvorwürfen stieg in ihm auf.

„Hallo, Schatz“, sagte er gedehnt. „Wenn meine Berechnung stimmt, kommst du etwa sieben Jahre und neun Monate zu spät zu unserer Hochzeit.“

„Sieben Jahre, neun Monate und vier Tage“, korrigierte Daisy ihn sanft. Das Schicksal hatte offensichtlich keine Zeit verschwendet, ihr Reid über den Weg zu schicken. „Ich kann dir auch noch die Stunden und Minuten nennen, wenn du willst.“

„Nicht nötig.“ Reid lehnte sich irritierend lässig gegen den Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Die grobe Zeitangabe reicht mir völlig.“

Daisy wusste nicht, was sie sagen sollte. Aber wie sollte sie mit diesem Mann auch ein normales Gespräch führen? Sie konnte gerade keinen klaren Gedanken fassen.

Oder aufhören, ihn anzustarren.

Er sah so gut aus wie eh und je mit seiner dunkelblauen Jeans und seinem dicken, grün-blau karierten Flanellhemd. Seine dunklen Haare waren wie damals kurz geschnitten, und er war immer noch schlank und sehnig … und hatte immer noch dieselbe starke und bezwingende Ausstrahlung.

Er war ganz der Alte … und dann doch wieder nicht. Er strahlte eine gewisse Härte aus, die er früher nicht hatte. War sie dafür verantwortlich? Gut möglich.

Schuldgefühle stiegen in ihr auf und gesellten sich zu ihrem übrigen Gefühlschaos. Warum war sie nicht über Nacht in Grand Junction geblieben?

„Ich … äh … habe nicht damit gerechnet, jemanden hier anzutreffen.“ Die Erinnerungen kehrten mit voller Wucht zurück. Atme! „Ich habe gedacht, die Mädchen sind bei Nachbarn.“

„Dort sind sie auch, aber nur, während ich arbeite“, erklärte Reid so lässig, als ließe ihr Wiedersehen ihn völlig unbeeindruckt. Der Glückliche. „Die übrige Zeit sind sie bei mir.“

Natürlich! Warum war sie nicht eher darauf gekommen, dass Reid sich um Erin und Megan kümmerte? Er war ein enger Freund von Parker und immer für die Menschen da, die ihm etwas bedeuteten.

„Das ist sehr … nett von dir“, sagte sie möglichst ungezwungen. „Aber jetzt bin ich ja hier, um dich abzulösen. Erschöpft zwar nach der langen Fahrt, aber immerhin.“

Etwas, was sie nicht deuten konnte, verdunkelte Reids Blick. Er musterte sie kalt. „So, du bist also hier, um mich abzulösen.“

„Genau.“ Reids seltsamer Blick machte sie ganz nervös. Um das unbehagliche Schweigen zu überbrücken, sagte Daisy das Erste, was ihr in den Sinn kam. „Und? Wie läuft das Leben so? Ich meine … geht es dir gut?“

„Oh ja, fantastisch“, sagte Reid triefend vor Sarkasmus. „Mein Leben ist traumhaft.“

„Freut mich zu hören.“

„Und du, Daisy? Wie ist es dir so ergangen, seitdem ich dich das letzte Mal gesehen habe.“ Er zog konzentriert die Stirn in Falten. „Lass mich überlegen … ich hab’s! Das muss bei der Probe zu unserer Hochzeit gewesen sein. Am Abend, bevor du abgehauen bist.“

Und schon war das Thema auf dem Tisch. „Ja, das entspricht in etwa den Tatsachen“, gab sie genauso sarkastisch zurück wie er. „Es geht mir ganz hervorragend, danke!“

Wieder breitete sich ein spannungsgeladenes Schweigen zwischen ihnen aus. Jede Menge unausgesprochene Fragen und Antworten hingen in der Luft. Sie alle hatten mit der Vergangenheit zu tun – mit der Entscheidung, die Daisy an jenem Tag getroffen hatte. Natürlich schuldete sie Reid eine Erklärung – die war längst überfällig –, aber nicht jetzt. Das wäre viel zu schmerzhaft.

Ob richtig oder falsch, fair oder unfair – sie war einfach noch nicht so weit.

Gott sei Dank nutzte Jinx genau diesen Augenblick, um sich bemerkbar zu machen. Winselnd zog sie an ihrer Leine. Sie war zwar nur ein Leichtgewicht, konnte aber ziemlich willensstark sein.

Froh über die Ablenkung löste Daisy die Hundeleine vom Halsband. „Nur zu, Süße. Erkunde das Haus nach Herzenslust.“

Ohne zu zögern, begann Jinx, auf dem Holzfußboden herumzuschnüffeln. Daisy sah ihr eine Weile zu, während sie versuchte, ihr inneres Gleichgewicht wiederzufinden.

Ihr Blick fiel auf ein leuchtend rotes Sofa vor dem Erkerfenster, auf dessen Fensterbank jede Menge Selbstgebasteltes lag. Neben dem Sofa stand ein sonnengelber Sessel, der groß genug für zwei Erwachsene oder einen Erwachsenen mit zwei Kindern war. Er sah herrlich bequem aus.

Es gab noch einen Fernseher, zwei niedrige Regale voller Kinderbücher und einen Couchtisch, der perfekt für Spielerunden, zum Basteln oder für einen Filmabend mit Pizza war. Daisy konnte sich in dieser fröhlichen Umgebung gut zwei kleine Mädchen vorstellen. Irgendwie gab ihr das Mut.

Sie war aus einem ganz bestimmten Grund hier. Einem Grund, der absolut nichts mit Reid Foster zu tun hatte. Das hier war jetzt ihr Revier!

Doch bevor sie etwas sagen konnte, hörte sie Jinx hinter sich und drehte sich innerlich grinsend um. Ja, es war genauso wie vermutet.

Jinx hatte die Zähne in Reids Hosenbein gegraben und versuchte mit gekrümmtem Rücken, ihn Richtung Tür zu zerren – offensichtlich, um ihn aus dem Haus zu schaffen. Whippets waren gutmütige und gehorsame Hunde. Wenn es jedoch um Männer ging, war Jinx die Ausnahme von der Regel.

Sie konnte Männer nicht ausstehen. Und zwar überhaupt keinen Mann.

Das Tierheim hatte Daisy keine Erklärung für diese seltsame Eigenart nennen können – nur, dass sie ihr nicht abzutrainieren war. Deshalb war Jinx’ Verhalten Reid gegenüber auch keine Überraschung für Daisy.

Ihr Timing allerdings schon.

Sie unterdrückte ein Lachen. „Jinx! Hör auf, den armen Mann zu belästigen.“

Der Hund zerrte noch angestrengter. Genug, um Reid etwas aus dem Gleichgewicht zu bringen und ihn dazu zu zwingen, seine lässige Haltung aufzugeben.

Einen Fuß in den Boden gestemmt hob er den Blick von Jinx zu Daisy. „Sag jetzt lieber nichts.“

„Nimm es nicht persönlich“, sagte Daisy amüsiert. „Sie steht einfach nicht auf Männer. Außerdem neigt sie dazu, meine Befehle zu ignorieren, wenn ein Kerl in der Nähe ist.“

„Du hast einen männerhassenden Hund?“ Reid schüttelte sanft das Bein, um Jinx dazu zu bringen, von ihm abzulassen. Vergeblich. „War sie immer schon so, oder hast du ihr das beigebracht?“

„Letzteres natürlich“, antwortete Daisy, ohne eine Miene zu verziehen. „Schließlich muss eine alleinstehende Frau in L. A. sich irgendwie schützen.“

Reids Lippen zuckten belustigt. Für einen Moment schien seine Anspannung von ihm abzufallen. Vielleicht hatte Jinx ja das Eis gebrochen.

Schön wär’s.

„Ich weiß nicht recht. Wenn du dich schützen willst, hättest du dir vielleicht einen größeren und furchteinflößenderen Hund zulegen sollen.“

„Ach, Jinx kompensiert ihre fehlende Größe locker. Sie hat dich schließlich fest im Griff, oder?“

„Ich lasse sie zumindest in dem Glauben“, erwiderte Reid trocken. „Bis sie das Interesse an mir verliert.“

„Da kannst du lange warten.“

„Ich halte ja wohl länger durch als ein Hund!“

„Versuch’s, aber solange du hier bist, wird sie nicht aufgeben.“

Daisy zögerte einen Moment. Sie beschloss, die lockere Stimmung dafür zu nutzen zu sagen, was sie zu sagen hatte. „Pass auf, dass du sie nicht aus Versehen rauslässt, wenn du gehst. Sie ist blitzschnell. Ich habe keine Lust, ihr in diesem Schnee hinterherzulaufen.“

„Gut zu wissen.“ Reid schüttelte sein Bein stärker, doch Jinx verdoppelte nur ihre Anstrengungen – und ihre Lautstärke. „Aber ich gehe nirgendwohin.“

„Oh doch“, sagte Daisy möglichst bestimmt. „Du gehst jetzt nach Hause.“

Gereizt sah er sie aus dunklen Augen an. „Und warum sollte ich das tun?“

„Ganz einfach. Weil ich jetzt hier bin.“

Er musterte sie ungläubig. Und eine Spur genervt. „So einfach ist das nicht, Daisy.“

„Das sehe ich anders. Die Mädchen brauchen nicht zwei Aufpasser, und da ich jetzt hier bin, gibt es für dich keinen Grund mehr zu bleiben.“

„Es gibt jede Menge Gründe. Ich war die ganze Zeit hier, du nicht. Die Mädchen kennen mich, dich nicht. Und in Anbetracht der Tatsache, welche Angst sie zurzeit um ihren Vater haben, können sie gerade keine weitere Überraschung gebrauchen.“

Alles gute Argumente. Daisy war im Grunde seiner Meinung. Natürlich wollte auch sie das Leben ihrer Nichten nicht noch mehr durcheinanderbringen. Aber was sie noch viel weniger wollte, war Reid in ihrer Nähe. „Zugegeben, ich habe noch nicht viel Zeit mit Erin und Megan verbracht, aber wir telefonieren ab und zu, und ich schicke ihnen Geschenke. Ich bin keine Fremde für sie.“

„Mag sein, aber sie kennen dich nicht gut genug, um sich in deiner Gegenwart wohlzufühlen. Verdammt, du kennst die beiden doch genauso wenig wie sie dich! Was weißt du schon von ihnen?“

Gekränkt zog Daisy sich ihren nassen Mantel aus und schlüpfte aus ihren Schuhen. Nein, sie kannte ihre Nichten nicht, und sie fand es sehr bedauerlich, dass erst der Unfall ihres Bruders etwas daran änderte. Aber jetzt war sie hier. „Sie werden sich schon an mich gewöhnen. Ich bin schließlich ihre Tante, Reid. Familie.“

„Definitionssache. Familie besteht aus Menschen, die füreinen da sind, wenn man sie braucht.“ Reid schüttelte wieder sein Bein, diesmal etwas stärker als vorher. Doch Jinx, Gott segne sie, ließ nicht locker. „Ich glaube kaum, dass das auf dich zutrifft.“

Wow. Einfach nur … wow. Daisy verspürte den Impuls, sich zu rechtfertigen, aber wozu die Mühe? Ja, sie hatte sich von ihrer Familie ferngehalten, doch Parker und ihre Eltern hatten genauso wenig Kontakt zu ihr gesucht. Die Schuld lag also nicht bei ihr allein – zumindest nicht in dieser Hinsicht. „Da ich mich in diesem Augenblick im Haus meines Bruders befinde, trifft deine Definition sehr wohl auf mich zu“, erwiderte sie, ihren Ärger nur mühsam unterdrückend. „Ich weiß ja nicht, was du von mir erwartest, aber …“

„Ich erwarte, dass du deinen Bruder besuchst, dich vergewisserst, dass es ihm gut geht, ein bisschen Zeit mit deinen Nichten verbringst und wieder nach Hause fährst“, fiel Reid ihr ins Wort. „Das müsste etwa zwei Tage dauern, vielleicht auch drei. Höchstens vier.“

„Wie bitte? Du bittest mich zu gehen?!“ Daisy trat einen Schritt vor und stützte die Hände in die Hüften. „Oder ist das etwa ein Befehl?“

„Weder noch.“ Frustriert sah er sie an. „Ich will wirklich nicht unhöflich sein, aber kein Mensch will dich hier. Es gibt keinen Grund für dich zu bleiben.“

Autsch! „Weißt du was, Reid? Ich lasse mich nicht von dir vertreiben wie eine lästige Fliege.“ Tränen schossen ihr in die Augen. „Außerdem hat Parker mich gebeten zu kommen, also bin ich hier durchaus erwünscht!“

„Parker?“ Reid schüttelte den Kopf. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass dein Bruder dich jemals um Hilfe bitten würde.“

„Aber genau das hat er getan. Ich bin meinem Bruder und meinen Nichten zuliebe hier, und ich will nicht …“

„Versetz dich doch mal in ihre Lage, falls du überhaupt dazu fähig bist“, unterbrach Reid sie verärgert. „Versuche dir vorzustellen, wie sie sich fühlen, wenn sie morgen früh aufwachen und dich hier vorfinden und nicht mich. Ohne jede Vorwarnung oder Erklärung.“ Reid schnippte mit den Fingern. „Einfach so.“

Daisy keuchte entsetzt auf, als ihr bewusst wurde, worauf Reid gerade anspielte. Er sprach nicht nur von Erins und Megans Gefühlen, sondern auch von seinen, als er ihren Abschiedsbrief las. Doch es hatte keinen Zweck, dieses Thema ausgerechnet jetzt zur Sprache zu bringen. Nicht wenn die Emotionen gerade so hochkochten.

Es war wichtiger, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren – wer bei den Mädchen blieb und wer nicht. Nur ein Mensch hatte die Autorität, das zu entscheiden. Und das war nicht Reid, ob ihm das passte oder nicht.

Trotzig hob sie das Kinn. „Ich gehe nirgendwohin! Ich bleibe so lange wie nötig. Bis Parker etwas anderes sagt.“

„Ist das so?“

„Ja, das ist so.“ Sie hob das Kinn noch ein Stück höher. „Du wirst dich also mit meiner Anwesenheit abfinden müssen. Von jetzt an werde ich mich um die Mädchen kümmern.“

„Oh, deine Anwesenheit ist nicht das Problem, Schätzchen.“ Reid hatte allmählich die Nase voll von Jinx’ Mätzchen. Er bückte sich, pflückte den Hund von seiner Jeans und nahm ihn auf die Arme. „Benimm dich“, murmelte er. An Daisy gewandt fügte er hinzu: „Aber du wirst mich hier nicht ablösen, und ich werde ganz sicher nicht gehen.“

„Wir können schließlich nicht alle beide bleiben. Das würde ja heißen …“

„Ganz genau. Dass wir von jetzt an zusammenleben.“ Reid drückte ihr Jinx in die Arme. „Das wird total nett, meinst du nicht auch? Wie eine große glückliche Familie.“

Oh Gott, nein! „Du bist ja verrückt. Das funktioniert nie im Leben.“

„Glaub mir, ich bin auch nicht gerade begeistert von der Idee, aber sie ist die einzige Lösung für unser Problem.“

„Nein. Du gehst. Ich bleibe. Problem gelöst.“

„Auf keinen Fall. Wenn ihr drei euch erst mal besser kennt, können wir weiterreden. Aber vorerst sitzen wir hier fest.“

Verdammt! Er hatte recht. Mal wieder.

Hier stand sie, fast acht Jahre später, und ließ sich schon wieder von Reid Fosters unbestechlichen Argumenten überwältigen. Sie wusste nicht, wie sie sich dagegen wehren sollte. Es gab anscheinend keinen Ausweg aus dieser lächerlichen Situation … außer auf dem Absatz kehrtzumachen, sich in ihren Wagen zu setzen und nach Hause zurückzufahren.

Und das kam nicht infrage. „Also gut“, sagte sie so würdevoll wie möglich. „Lass uns die Details morgen besprechen. Ich bin müde. Gibt es hier ein Gästezimmer?“

Reid rieb sich mit gespielter Nachdenklichkeit das Kinn. „Gute Frage. Es gibt nur zwei Schlafzimmer. Eins für die Mädchen und eins für Parker. In dem habe ich bisher geschlafen. Ich würde ja aufs Sofa umziehen, aber …“

„Aber?“

„Die Mädchen kommen manchmal nachts zu mir, wenn sie einen Albtraum haben oder vor mir aufwachen. Wenn du dann anstelle von mir im Bett liegst, wird sie das ganz schön verwirren.“

Wie immer klangen seine Argumente überzeugend … Trotzdem war hier etwas faul. Das lag vielleicht an Reids plötzlich gesenkter Stimme oder seinem gedehnten Tonfall oder sogar an seiner Nähe, aber plötzlich knisterte es gewaltig zwischen ihnen. Nicht vor Wut oder wegen der vielen unausgesprochenen Fragen, sondern vor … Erotik. „Ich schlafe auf dem Sofa“, sagte sie hastig, bevor er sein Spielchen noch weitertreiben konnte. „Kein Problem für mich, wirklich nicht.“

„Das wäre die eine Option.“ Augenzwinkernd trat er noch einen Schritt auf sie zu. „Oder … wir schlafen in einem Bett. Natürlich nur zum Übernachten, versteht sich.“

Oh ja, sie verstand durchaus! Für einen flüchtigen Moment fragte sie sich, wie er wohl reagieren würde, wenn sie sein Angebot annahm. Hm, vielleicht sollte sie das tatsächlich tun. Warum das Feuer nicht ein bisschen schüren, mit dem er spielte? „Weißt du, das ist eine tolle Idee. Solange es nicht zu unangenehm für dich wird.“

„Was ist an Schlafen unangenehm?“, fragte er ganz unschuldig. „Es sei denn, du meinst etwas anderes?“

„Ja, das tue ich.“ Diesmal war sie diejenige, die einen Schritt auf ihn zuging, sodass nur noch der Hund auf ihrem Arm sie trennte. Theoretisch könnten sie sich jetzt küssen … natürlich nur rein hypothetisch. „Die Sache ist die: Ich habe seit einiger Zeit diese kleine … Eigenheit. Und ich möchte auf gar keinen Fall missverständlich rüberkommen.“

Eine Mischung aus Neugier, Amüsement und Verlangen flackerte in seinem Blick auf. „Sprich weiter“, sagte er. „Ich kann kaum erwarten zu hören, was es ist.“

„Es ist nur so, dass ich Kleidung irgendwie als einengend empfinde.“ Daisy klimperte verführerisch mit den Wimpern und sah ihm direkt in seine unglaublich sexy Augen. „Ich kann einfach nicht einschlafen, wenn ich etwas anhabe“, gurrte sie. „Aber wenn das für dich kein Problem ist …“

Reid blinzelte erschrocken. „Du schläfst … nackt?!“

„Jede Nacht.“ Da es ihm die Sprache verschlagen zu haben schien, half sie ihm etwas auf die Sprünge, nett und hilfsbereit, wie sie war. „Ich glaube, das Sofa ist daher die bessere Option für mich, findest du nicht auch?“

„Klar“, stammelte er. „Das Sofa.“

„Obwohl ich ein Kissen und eine Decke gebrauchen könnte.“

„Klar“, wiederholte Reid. „Ich … äh … hol dir was.“

„Danke“, antwortete sie zuckersüß. „Das wäre ganz reizend.“

Abrupt blieb er stehen und verengte die Augen zu Schlitzen. „Toller Schachzug, Daisy. Fast wäre ich drauf reingefallen.“ Ohne ein weiteres Wort verließ er das Zimmer.

Daisy wartete eine ganze Minute, bevor sie sich aufs Sofa fallen ließ. Ihr war schlecht, und sie zitterte von Kopf bis Fuß. Wie sollte sie die nächsten Tage nur überstehen?

Sie hatte die erste Runde zwar gewonnen, aber nur, weil sie ihn überrumpelt hatte. Das würde ihr bestimmt nicht noch mal gelingen. Das nächste Mal würde Reid vorbereitet sein.

„Ich habe echt ein Problem, Jinx“, flüsterte sie. Ihr Hund spitzte die Ohren und stieß mit der Schnauze gegen ihre Hand. „Und zwar ein ganz gewaltiges.“

Sie würde von Glück sagen können, wenn sie mit heiler Haut davonkam. Denn ihr Problem war Reid Foster!

Der Mann, den sie seit Jahren zu vergessen versuchte. Der Mann, dem immer noch ein Teil ihres Herzens gehörte. Sie durfte sich nicht wieder auf ihn einlassen, durfte nicht ihre Unabhängigkeit aufgeben, die sie sich so hart erkämpft hatte.

Oh ja, sie steckte in der Patsche. Gründlich!

2. KAPITEL

Als Reid am nächsten Morgen einen Blick auf den Wecker warf, war es immer noch viel zu früh zum Aufstehen. Vermutlich hatte es keinen Zweck, noch mal einzuschlafen zu wollen, obwohl das vernünftiger wäre. Der Tag versprach in jeder Hinsicht eine Herausforderung zu werden, aber er bezweifelte, dass er jetzt noch ein Auge zubekommen würde.

Eine gewisse rothaarige Frau hatte die ganze Nacht seine Gedanken beherrscht, zusammen mit sehr lebhaften – und nicht erwünschten – Fantasien von ihr nackt auf dem Wohnzimmersofa. Natürlich wusste er, dass sie gelogen hatte, doch das hatte ihm auch nicht weitergeholfen.

Er konnte sich nämlich noch allzu gut an ihren nackten Körper erinnern.

Stöhnend schlug er ins Kissen. Warum zum Teufel hatte er darauf bestanden zu bleiben? Es gab schließlich andere Optionen. Er musste nicht zwangsläufig hier schlafen. Es würde völlig reichen, nach der Arbeit vorbeizukommen und nach Hause zu fahren, sobald die Mädchen im Bett waren. Aber nein, er hatte darauf bestanden, mit Daisy unter einem Dach zu wohnen, und jetzt konnte er keinen Rückzieher mehr machen. Er hatte sein Revier klar abgesteckt.

Was hieß, dass er sich in den nächsten Tagen in Acht nehmen musste. Er war längst nicht so immun gegen Daisy wie gedacht. Sie hatte immer noch Macht über ihn, und das war beängstigend. Und faszinierend zugleich.

Wenn es ihr gelang, sich wieder in sein Herz zu stehlen – wenn er den Riesenfehler machte, sich wieder in sie zu verlieben –, würde er sich bestimmt nie mehr von dem Schlag erholen, wenn sie ihn ein weiteres Mal verließ. Das erste Mal hatte ihn fast zerstört. Er hatte viel zu lange gebraucht, um halbwegs über sie hinwegzukommen.

Die Vorstellung, das noch mal durchmachen zu müssen, war unerträglich.

Frustriert versuchte er, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wegen des schlechten Wetters hatte es keinen Zweck, aus dem Haus zu gehen, um die Skipisten zu kontrollieren. Die würden sowieso sofort wieder zugeweht werden. Erst wenn der Schneesturm aufhörte, würden er und seine Kollegen den Schaden begutachten können.

Also blieb ihm genug Zeit, die Mädchen mit ihrer Tante bekannt zu machen.

Seufzend versuchte er, sich doch noch etwas zu entspannen. Wenn er jetzt wegdöste, würde er noch eine Stunde Schlaf bekommen, bevor die Mädchen aufwachten und der Tag begann. Er stellte sich den Gipfel eines Berges bei perfektem Skiwetter vor. Die Sonne schien, der Himmel war azurblau und der Pulverschnee wie Champagner.

In seiner Fantasie atmete er die kalte frische Luft ein, spürte den Wind auf seinem Gesicht und bereitete sich innerlich auf die Abfahrt vor. Er war nur noch wenige Sekunden davon entfernt, sich abzustoßen und den Berg hinabzuwedeln, doch plötzlich löste sich die Szene auf, und vor seinem inneren Auge tauchte Daisy auf.

Eine nackte Daisy, die auf dem Wohnzimmersofa lag, das rote Haar im Kontrast zu ihrer hellen warmen Haut. Sie sah ihn voller Liebe, Sehnsucht und Verlangen aus ihren blaugrünen Augen an und lächelte dabei verführerisch.

Himmel! Dieser Blick, dieses Lächeln, hatte ihm schon immer den Rest gegeben.

Er gab es auf, einschlafen zu wollen, und beschloss, stattdessen kalt zu duschen, einen Becher heißen, starken Kaffee zu trinken und Frühstück zu machen. Und danach … Na ja, das würde sich schon irgendwie ergeben.

Er suchte saubere Kleidungsstücke zusammen und öffnete seine Schlafzimmertür, um ins Bad zu gehen. Kaum hatte er den Flur betreten, schoss ein knurrendes Fellknäuel auf ihn zu. „Im Ernst?“, fragte er, als Jinx sich wieder an seinen Knöcheln zu schaffen machte. Nackten Knöcheln wohlgemerkt, denn er trug nur eine Boxershorts. „So läuft das jetzt also? Jedes Mal, wenn du mich siehst?“

Der Hund knurrte nur tief zur Antwort und biss überraschend sanft zu – ohne ihn zu verletzen.

Eher belustigt als genervt beobachtete Reid die Hündin bei ihren Bemühungen, bevor er sie kopfschüttelnd hochhob. Jinx wand sich unter seinem Griff und begann so ausdrucksvoll zu knurren, als wolle sie ihm etwas mitteilen. Lächerliche Vorstellung. Musste an seinem Schlafmangel liegen.

Er hob den Hund hoch, bis er auf Augenhöhe mit ihm war. „Jetzt hör mir mal gut zu! Wir können es uns leicht machen und Freunde werden, oder du kannst dich weiterhin so anstellen. Ersteres wird unter Garantie angenehmer für dich. Ich steck dir dann sogar ab und an was zu und kraule dir den Bauch. Die Wahl liegt ganz bei dir.“

Reid hätte schwören können, dass die Hündin ihn aus schmalen Augen fixierte. Was natürlich Unsinn war, aber … es sah verdammt noch mal danach aus.

„Ganz genau, denk erst mal in Ruhe darüber nach.“ Er tätschelte Jinx und setzte sie wieder auf den Boden. „So, und jetzt suche dir eine andere Beschäftigung. Oder weck Daisy, und sag ihr, sie soll Frühstück machen. Und Kaffee. Starken Kaffee.“

Er ging weiter ins Bad. Als er dreißig Minuten später vorsichtig aus der Tür spähte, war die Luft rein. Keine Jinx weit und breit.

Verdammt, wenn er eine männerhassende irrationale Hündin dazu bringen konnte, ihn in Ruhe zu lassen, würde er es ja wohl schaffen, mit Daisy unter einem Dach zu leben, ohne in alte Muster zu fallen! Gestern war er nur überrumpelt von ihrem Auftauchen gewesen, das war alles. Kein Wunder, dass er etwas überreagiert hatte.

Heute war das anders. Sie würde ihm nicht so unter die Haut gehen. Außerdem war sie nicht mehr das junge Mädchen von damals, sondern eine Frau. Sie hatte sich in den letzten acht Jahren unter Garantie sehr verändert, genauso wie er.

Plötzlich ging es ihm schon viel besser. Vielleicht sollte er diesen ganzen Wahnsinn als Segen betrachten. Jetzt konnten sie endlich das Gespräch führen, das schon längst fällig war. Sie würde seine Fragen beantworten und ihm selbst welche stellen, wenn er ihr gestand, dass er schon vor ihr wusste, dass Charles nicht ihr Vater war.

Er würde nichts zurückhalten. Weder den zufällig mit angehörten Streit noch seine Entscheidung, das, was er erfahren hatte, bis nach der Hochzeit für sich zu behalten. Ihr zuliebe. Damit sie zumindest die Hochzeit und die Flitterwochen noch unbeschwert genießen konnte.

Alles gute Gründe für sein damaliges Verhalten. Aber etwas gut meinen hieß noch lange nicht, dass es auch richtig war. Oder ehrenhaft. Außerdem hatte er ihr damit überhaupt nichts erspart, verdammt noch mal!

Sie würde vermutlich stinksauer sein, aber das hatte er auch verdient. Aber auch er musste noch einiges loswerden, so wie sie ihre Beziehung beendet hatte. Sie war einfach … in den Sonnenuntergang geritten. Ohne ihn. Oh ja, er hatte eine Menge zu sagen!

Dieses Gespräch würde für sie beide nicht einfach werden, dafür vielleicht ganz heilsam, wer weiß?

Mit neuem Selbstvertrauen ging er weiter. Er war immun gegen Daisy. Sein Herz war in Sicherheit.

Gott sei Dank!

Erfüllt von dieser Gewissheit betrat er die Küche. Und sah Daisy am Küchentresen sitzen, in einem übergroßen langen Flanellnachthemd, die Ellenbogen aufgestützt und das Kinn auf den Händen liegend, während sie die Kaffeemaschine fixierte. Und wieder blieb er bei ihrem Anblick wie angewurzelt stehen.

Es war eine ganz schlichte Szene. Nichts war sexy oder auch nur ansatzweise außergewöhnlich. Doch sein Herz setzte einen Schlag aus, und er konnte plötzlich nicht weiteratmen. Er war unfähig, sich zu rühren. Er stand da wie gebannt, eine lebende Statue.

Seine gerade beschworene Gewissheit löste sich in Luft auf. Wurde völlig nichtig, nur Schall und Rauch. Nichts weiter als die letzten verzweifelten Zuckungen eines Mannes, der eine Niederlage einstecken musste, aber noch nicht bereit war, sie sich einzugestehen.

In diesem Augenblick wurde Reid bewusst, dass er keine Wahl hatte und auch nie eine gehabt hatte. Er konnte nur eines tun: von jetzt an alles in seiner Macht Stehende zu unternehmen, um diese Szene – Daisy schlaftrunken und zerzaust – jeden Morgen zu sehen.

Oh verdammt!

Er schüttelte den Kopf und unterdrückte ein Stöhnen. Nein, er brauchte sich keine Sorgen zu machen, sich wieder in Daisy zu verlieben. Das war gar nicht möglich.

Weil er nämlich nie aufgehört hatte, sie zu lieben.

Es gab Männer, die ein Zimmer betreten konnten, ohne ein Wort zu sagen oder etwas zu tun, und alle Anwesenden drehten sich nach ihnen um. Reid Foster gehörte zu diesen Männern. Er hatte diese Gabe schon immer gehabt, diese … charismatische und magnetische Ausstrahlung. Sogar, als er noch ein Junge war.

Trotz ihrer Müdigkeit oder der Tatsache, dass sie nicht in seine Richtung sah, spürte Daisy Reids Gegenwart, kaum dass er die Küche betreten hatte. Sie ließ sich nur nichts anmerken. Stattdessen wartete sie.

Auf den Kaffee, den sie dringend benötigte. Und darauf, dass Reid etwas sagte und damit die Stimmung für den Tag vorgab. Resignierte Akzeptanz oder verhüllte Feindseligkeit? Sexuelle Anspielungen oder neutrale Höflichkeit? Hoffentlich Letzteres. Hoffentlich würden sie es Parker und seinen Töchtern zuliebe schaffen, ein Team zu bilden.

Aber große Hoffnung machte sie sich nicht.

„Schätzchen, du musst Hellseherin sein. Oder ein guter Geist“, sagte Reid mit warmer und leicht belustigter Stimme. „Wenn gerade jemand eine Tasse Kaffee nötig hat, dann ich.“

„Sorry, da muss ich dich enttäuschen“, antwortete sie möglichst locker, obwohl sie innerlich total verwirrt war. Dieser liebenswürdige Mann hier hatte keine Ähnlichkeit mit dem Mann vom Abend zuvor. Die Frage war nur, warum nicht? „Jinx hat mir mitgeteilt, dass du dringend Koffein brauchst.“

„Dein Hund hat dir das mitgeteilt?“

Daisy erschauerte. Sie umschlang mit den Armen ihren Oberkörper, um Reid den Eindruck zu vermitteln, dass ihr nur kalt war und ihre Reaktion absolut nichts mit seiner Nähe zu tun hatte. Zu blöd nur, dass sie sich das selbst nicht abnahm. „Jinx und ich haben eine Art zu kommunizieren, die sich jeder Logik entzieht.“

„Aha! Warum hasst sie dann immer noch Männer?“ Suchend sah er sich um. „Wo steckt sie eigentlich? Lauert sie mir irgendwo auf, um mich hinterrücks anzufallen?“

„Nein, sie schläft im Wohnzimmer. Anscheinend hat sie ihr Abstecher nach draußen vorhin erschöpft.“ Oder ihr kleiner Zusammenstoß mit dem Herrn des Hauses. Daisy konnte sich selbst noch gut an ein paar Zusammenstöße mit Reid erinnern, die sie auch ganz schön geschafft hatten … Auf die angenehme Art. „Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich sie darauf trainiert habe, mir Männer vom Leib zu halten.“

„Klar doch“, sagte er trocken. „Als Singlefrau in L. A.“

„Weißt du, man kann nie vorsichtig genug sein.“ Komm schon, Kaffee, dachte Daisy und starrte auf das lächerlich dünne Rinnsal, das in die Kanne tropfte. Sie brauchte die Ablenkung genauso wie das Koffein. „Und was ist mit dir? Hast du einen frauenhassenden Hund, der dich vor unerwünschten weiblichen Avancen schützt?“

„Nee.“ Reid grinste lässig … und ganz schön sexy. Daisy konnte die Wirkung dieses Grinsens bis in die Zehenspitzen spüren. Nicht gut. Gar nicht gut. „Das wäre auch völlig unnötig.“

Weil er weibliche Avancen begrüßte oder …? Daisy rückte ein Stück zur Seite, um freier atmen zu können. „Wann wachen die Mädchen normalerweise auf? Das Frühstück steht schon fertig im Ofen. French Toast mit Zimt. Ich hoffe, sie mögen Zimt.“

„Es müsste jeden Moment so weit sein. Vielleicht sollten wir kurz besprechen, wie wir ihnen deine Anwesenheit hier erklären.“

„Klar.“ Daisy war erleichtert über den Themenwechsel. „Das sollte nicht allzu schwierig werden. Ich bin ihre Tante und bleibe bei ihnen, während ihr Vater sich im Krankenhaus erholt. Aber du bleibst auch noch hier, damit sie nicht zu viele Veränderungen verkraften müssen. Es sei denn, du hast deine Meinung geändert, was deinen Aufenthalt angeht?“

„Nein, habe ich nicht.“ Reid griff nach der Kanne und schenkte ihnen Kaffee ein. „Ich dachte, wir könnten uns vielleicht in Ruhe unterhalten, wenn die Mädchen in der Schule sind. Heute fällt die Schule allerdings aus, also …“

„Heute ist keine Schule?“, hörten sie eine zögerliche Stimme von der Tür aus. „Und du bist meine Tante Daisy? Echt?“

„Hey, Kleine“, sagte Reid. „Und Ja zu beiden Fragen.“

Daisy drehte sich zu ihrer jüngeren Nichte Megan um und betrachtete sie neugierig. Mit ihren rehbraunen Augen und dem hellblonden Haar erinnerte die Kleine sie an die Mutter der Mädchen. Süß und zerbrechlich und unglaublich unschuldig.

„Guten Morgen, Megan“, sagte sie freundlich. „Ja, ich bin deine Tante Daisy.“

„Ich kann mich gar nicht an dich erinnern.“ Megan senkte scheu den Blick. „Aber ich nehme immer die Puppe mit ins Bett, die du mir zu Weihnachten geschenkt hast. Ich habe sie Holly genannt.“

„Holly ist ein toller Name. Freut mich, dass sie dir gefällt.“ Daisy durchquerte die Küche, kniete sich vor das kleine Mädchen und unterdrückte den fast unwiderstehlichen Impuls, es an sich zu drücken. „Kein Wunder, dass du dich nicht an mich erinnerst. Du warst erst zwei, als ich dich das letzte Mal gesehen habe. Aber ich freue mich, dass wir von jetzt an mehr Zeit miteinander verbringen werden. Wir werden bestimmt viel Spaß haben.“

Megan blinzelte langsam und hob wieder den Blick zu Daisy. Sie lächelte scheu. „Ich habe gern Spaß. Erin auch.“ Nach kurzem Nachdenken fügte sie hinzu: „Erin ist meine Schwester. Sie ist sieben, und ich bin fünf. Und ihr Haar sieht aus wie deines.“

„Ja.“ Daisy wusste das, weil Parker ihr jedes Jahr zu Weihnachten eine Karte mit einem Foto der Mädchen schickte. „Sie hat ihr rotes Haar von deiner Großmutter geerbt. Meiner Mutter – und der deines Daddys. So wie du dein blondes Haar von …“

Oje. War es tabu, Bridget zu erwähnen? Verunsichert drehte sie sich zu Reid um, doch dessen Aufmerksamkeit lag auf Megan.

„Das habe ich von meiner Mommy“, erklärte Megan mit einer Spur Stolz. Und Trauer, aber das war nicht anders zu erwarten. „Ich kann mich nicht gut an sie erinnern. Aber Daddy sagt das mit dem Haar auch immer.“

Daisy hatte plötzlich einen Kloß im Hals. „Er hat recht. Du erinnerst mich auch an deine Mommy. Magst du was essen?“

„Lauf doch schon mal nach oben, und hol deine Schwester, während deine Tante und ich den Frühstückstisch decken, okay?“, schaltete Reid sich ein.

„Mach ich!“ Megan schoss aus der Küche.

Daisy drehte sich erleichtert zu Reid um. „Das lief ja ganz gut. Sie ist sehr umgänglich, oder?“

„Ja, das ist sie.“

Während Reid den Tisch deckte, nahm Daisy den French Toast aus dem Ofen. Dabei schwiegen sie … durchaus einvernehmlich.

„Also, ich habe eine Entscheidung getroffen“, brach Reid irgendwann das Schweigen. „Und ich glaube, es ist nur fair, wenn ich sie dir mitteile.“

„Hm.“ Daisy bekam ein ungutes Gefühl. „Was für eine Entscheidung?“

„Die Sache ist die: Als ich eben hier reingekommen bin, war ich fest entschlossen, das Beste aus einer sehr unangenehmen Situation zu machen, doch dann hast du in diesem Nachthemd dagesessen, den Blick auf die Kaffeemaschine gerichtet. Und plötzlich ist mir eine wichtige Erkenntnis gekommen.“

Ihr mulmiges Gefühl wurde immer stärker. „Erkenntnis?“

„Ja.“ Reid hob ihr Kinn, sodass ihr nichts anderes übrig blieb, als ihm in die Augen zu sehen. „Zumindest für mich.“

Oje, mir schwant nichts Gutes. „Meinst du den Kaffee?“, fragte sie nervös. „Ich stimme ja zu, dass die erste Tasse am Tag wichtig ist, aber …“

„Nein, mein Liebling. Ich meine nicht den Kaffee.“ Sanft zeichnete er ihre Lippen mit den Fingern nach und jagte Daisy damit weitere Schauer über den Rücken. „Es geht um uns, Daisy. Dich und mich.“

Wie meint er das? „Meinst du unsere Vergangenheit? Darüber können wir reden. Aber vielleicht nicht jetzt, wo die Mädchen hier sind und wir gleich frühstücken und …“

„Wir werden reden. Aber du hast recht, es ist nicht der passende Zeitpunkt“, pflichtete Reid ihr bei. Er klang unglaublich selbstsicher. „Ich rede von jetzt, nicht von der Vergangenheit. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass wir beide – ich meine dich und mich – noch lange nicht fertig miteinander sind.“

„Ist das wieder eines deiner Spielchen?“ Schluckend trat sie einen Schritt zurück. „Falls ja, habe ich keine Lust darauf, Reid. Ich habe dir gestern schon gesagt, dass ich wegen Parker und meiner Nichten hier bin und nicht … nicht aus irgendwelchen anderen Gründen.“

„Ich spiele keine Spielchen mit dir.“

„Worum geht es dir dann?“ Das Herz schlug ihr bis zum Hals.

Ein charmantes Lächeln breitete sich über sein Gesicht aus. „Ich kann dir gern verraten, worauf ich hinauswill.“

„Auf was denn?“

„Auf das Gleiche wie vor sieben Jahren und neun Monaten. Du hast doch in deinem Abschiedsbrief geschrieben, dass du mich immer noch heiraten willst, nur nicht an dem Tag.“

Sie verstand nur Bahnhof. „Ich dachte, wir haben uns gerade darauf geeinigt, dass das hier nicht der richtige Zeitpunkt für dieses Gespräch ist, aber mag sein, dass ich so etwas in der Art geschrieben habe.“

„Gut. Dann erinnerst du dich also noch daran.“ Er nickte zufrieden und lehnte sich gegen den Küchentresen. „Du hast auch geschrieben, dass du auf eine zweite Chance für uns hoffst, falls das Schicksal uns gnädig ist“, fuhr er fort. „Erinnerst du dich auch noch daran?“

„Na ja … ich … Schon, aber …“ Sie war immer noch völlig verwirrt. „Warum fragst du mich das alles eigentlich?“

„Weil dieser Brief bindend ist. Eine Art Vertrag. Oder zumindest ein Versprechen an mich.“ In seinem Gesichtsausdruck blitzte ein gewisses Vergnügen auf. „Du schuldest mir eine Hochzeit, Daisy. Und ich habe beschlossen, deine Schulden einzutreiben.“

„W…was?!“ Oh nein! Sie musste ihn missverstanden haben. „Was schulde ich dir?“

„Eine Hochzeit, Daisy. Unsere Hochzeit.“

„Soll das ein Witz sein? Das ist ein Witz, oder? Kein Mann würde eine Frau heiraten wollen, die er seit acht Jahren nicht mehr gesehen hat!“ Geschweige denn eine Frau, die ihn vorm Altar hat stehen lassen.

„Nein, das ist kein Witz.“ Reid schlenderte entspannt zum großen Wandkalender. „Was sagst du zu April?“ Er blätterte die Seiten durch. „Obwohl … Das passt nicht. Cole und Rachel heiraten am neunzehnten. Wäre März zu früh? Vermutlich. Ich hätte Parker gern dabei. Wir könnten auch wieder im Mai heiraten, aber …“

„Ist das eine perverse Art, sich an mir zu rächen?“ Als er nichts darauf erwiderte, sondern sie einfach nur ansah, begannen ihre Knie so heftig zu zittern, dass sie sich auf einen Stuhl sinken ließ. „Wo ist die Pointe, Reid?“

„Liebe“, antwortete er schlicht.

„Merkst du eigentlich, wie durchgeknallt du klingst?“

„Ehe.“

„Und völlig verblendet. Nie im Leben kaufe ich dir ab …“

„Vielleicht auch ein paar Kinder.“ Er ließ den Kalender los und setzte sich neben Daisy. „Ich wollte immer drei. Drei ist eine gute Zahl, findest du nicht?“

Liebe. Ehe. Kinder. Alles, was sie sich früher mit diesem Mann gewünscht hatte. Alles, wovor sie davongelaufen war. Und was sie nie bekommen würde, davon war sie fest überzeugt.

„Du kannst doch nicht wirklich von mir erwarten, diesen Schwachsinn ernst zu nehmen! Das ist nicht witzig“, fügte sie langsam und deutlich hinzu, damit er es endlich in seinen Dickschädel bekam. „Das kann doch nur irgendein dämliches Spielchen sein. Oder eine Art Rache. Oder …“

„Es ist nichts dergleichen“, widersprach Reid. „Mein Entschluss steht fest, Daisy. Finde dich einfach damit ab.“

Daisy hatte noch eine Menge dazu zu sagen. Unendlich viel, aber das Auftauchen von Erin und Megan machte eine Fortsetzung des Gesprächs unmöglich.

3. KAPITEL

Reid war längst nicht so schockiert über seinen plötzlichen Stimmungswandel, wie er es vermutlich sein sollte. Was zwar ziemlich schräg war, aber sein plötzlicher Entschluss, Daisy zu heiraten, kam ihm unvermeidlich vor. Schicksalhaft geradezu. Obwohl er sich die ganze Nacht gegen diese Erkenntnis gesträubt hatte.

Eigentlich hatte er seine Absichten gar nicht so klar und deutlich offenlegen, sondern ihr lediglich sein Interesse signalisieren und sie dann umwerben wollen. Bis ihm ihr Brief wieder eingefallen war. Sie war diejenige, die damals geschrieben hatte, dass sie ihn vermutlich immer lieben würde. Sie hatte etwas von einer zweiten Chance erwähnt. Ihre Worte, nicht seine.

Erst in diesem Augenblick war er auf die Idee mit der Hochzeit gekommen. Eine grandiose Idee seiner Meinung nach. War das verrückt? Allerdings. Riskant? Ja, auch das. Daisy würde vielleicht trotzdem nach Kalifornien zurückkehren – diesmal sogar ohne auch nur einen Abschiedsbrief zu hinterlassen. Und ja, es würde hart sein, das alles noch mal durchzumachen.

Doch Tatsache war, dass er lieber alles auf eine Karte setzte, als es gar nicht erst zu versuchen. Er wollte diese zweite Chance. Denn sein Bauchgefühl sagte ihm, dass Daisy und er zusammengehörten. Und je unmissverständlicher er ihr das klarmachte, desto eher kam er zum Ziel.

Daisy würde schließlich nicht ewig bei Parker wohnen. Und so wie er sie von früher kannte, kam man bei ihr mit Anspielungen und subtilen Hinweisen nicht weiter. An einer Hochzeit hingegen war nichts subtil. Und damit es dazu kam, würde er sämtliche Hindernisse aus dem Weg räumen, die ihnen noch im Weg standen.

Reid trank einen Schluck Kaffee, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und zwinkerte Daisy anzüglich zu, die sich gerade mit den Mädchen unterhielt.

Sie verstummte für einen Moment und funkelte ihn misstrauisch an, bevor sie weitersprach. „Ich dachte, wir können ein paar Spiele spielen. Was sagt ihr dazu?“

Megan nickte begeistert, während Erin abwehrend den Kopf schüttelte. „Keine Lust.“

„Kein Problem, wir können auch was anderes machen. Vielleicht … Bilder für euren Dad malen?“

„Er mag unsere Bilder“, sagte Megan. „Er sagt immer, wir seien kleine Künstlerinnen.“

„Nein. Wir haben schon gestern Bilder für Daddy gemalt.“ Erin pikste ein Stück French Toast auf. „Oder?“, fragte sie an Reid gewandt.

„Stimmt, aber euer Vater hätte bestimmt nichts gegen ein paar mehr einzuwenden.“ Er wunderte sich über Erins abweisendes Verhalten. „Worauf hast du denn heute Lust, Schatz?“

„Ich will einen Schneemann bauen“, antwortete sie wie aus der Pistole geschossen. „Mit dir.“

Also nicht mit Daisy. Hm. „Draußen stürmt es gerade zu stark. Wir müssen uns leider drinnen beschäftigen.“

„Dann lies uns ein Buch vor“, sagte Erin, ohne Daisy anzusehen. „Oder … oder …“

„Ich will mit Tante Daisy spielen!“, widersprach Megan. „Und Bücher sind was für die Schlafenszeit.“

„Nicht immer“, sagte Daisy freundlich. „Bücher kann man jederzeit lesen – oder hören. Wie wär’s, wenn Reid Erin etwas vorliest, während du und ich etwas anderes machen?“

„Nein!“ Erin schob schmollend die Lippen vor. „Megan und ich spielen immer zusammen.“

„Das stimmt doch gar nicht!“, protestierte Megan.

„Doch, fast immer!“ Erin sprang von ihrem Stuhl hoch. „Ich bin älter als du, und Daddy ist nicht hier, also bestimme ich. Reid liest uns eine Geschichte vor, und die da kann was anderes machen!“

„Nun mal langsam“, unterbrach Reid sie. Erins Vehemenz erschreckte ihn. „Erstens kannst du Megan nicht vorschreiben, was sie zu tun hat, und zweitens ist es nicht richtig, unhöflich zu sein. Bitte entschuldige dich.“

Erin senkte den Blick. „Sorry, Megan.“

„Willst du deiner Tante nicht auch etwas sagen?“

„Nicht wirklich.“ Erin klang so aufmüpfig wie ein Teenager und nicht wie eine Siebenjährige. „Ich will einfach nicht mit ihr spielen.“

„Du weißt, dass ich etwas anderes meine“, sagte Reid. „Bitte entschuldige dich bei deiner Tante.“

„Reid“, schaltete Daisy sich verlegen ein. „Sie braucht sich nicht zu …“

„Doch, Daisy. Parker mag gerade nicht hier sein, aber seine Regeln gelten trotzdem.“ Es fiel Reid nicht leicht, Grenzen zu setzen und trotzdem Verständnis zu zeigen. „Was würde dein Dad sagen, wenn er jetzt hier wäre, Erin?“

Erins Unterlippe zitterte. „Dass es okay ist, seine Gefühle zu zeigen, aber nicht, unhöflich zu sein oder andere Leute zu verletzen.“

„Richtig. Und was glaubst du, würde er sich von dir wünschen?“

Das Mädchen blinzelte gegen ihre Tränen an. „Tut mir l…leid, dass ich so unhöflich war“, sagte es mit erstickter Stimme.

„Ist schon okay, Erin. Diese Situation ist neu für dich“, sagte Daisy sanft. Sie sah aus, als würde sie selbst jeden Moment in Tränen ausbrechen. „Danke für die Entschuldigung. Und … Ich hoffe, wir können später etwas Zeit miteinander verbringen. Falls du Lust hast, natürlich.“

Erin zuckte nur die Achseln und floh aus der Küche, Megan dicht auf den Fersen.

Seufzend fuhr Reid sich mit einer Hand durch das Haar. Am liebsten wäre er Erin hinterhergegangen, um ihr zu versichern, dass alles wieder gut werden würde. Aber sie musste sich erst mal beruhigen, bevor er sie fragen konnte, was ihr so zu schaffen machte.

Er beschloss, ein paar Minuten zu warten.

„Sie ist sonst nicht so, Daisy“, sagte er entschuldigend. „Ich werde gleich mal mit ihr reden und versuchen herauszufinden, wo ihr Problem liegt. Sie wird sich schon noch an dich gewöhnen. Gib ihr einfach etwas Zeit.“

Daisy nickte und räumte den Tisch ab. „Sehe ich genauso. Außerdem erkenne ich mich irgendwie selbst in ihr.“

„Das überrascht mich nicht. Ihr habt tatsächlich gewisse Ähnlichkeiten miteinander.“

„Das Haar, ja. Aber sie hat die Augen ihrer Mutter.“ Daisy begann, das Geschirr abzuspülen. „Ich rede nicht nur von Äußerlichkeiten. Sie hatte gerade einen Blick, der mir bekannt vorkam.“

Reid war überrascht, dass Daisy nicht auf seine Hochzeitspläne einging. Was jetzt? Sollte er direkt drauflospreschen oder es behutsam angehen? „Ihr habt ähnliche Angewohnheiten und die Neigung, euch von den meisten Menschen zu distanzieren.“

Daisy warf ihm einen gereizten Seitenblick zu. „Willst du damit etwa sagen, dass meine Nichte und ich total ichbezogen sind?“

„Nur auf die denkbar positivste Art.“

„Ich bezweifle, dass man auf eine positive Art ichbezogen sein kann!“

„Vielleicht träfe es ‚wählerisch‘ besser“, lenkte er ein und begann, die benutzten Gläser in die Spülmaschine zu räumen. „Daran ist nichts verkehrt.“

Das stimmte. Daisy war bewusst, dass sie sich anderen Menschen gegenüber nur langsam öffnete. Erin war vermutlich genauso.

„Ehrlich gesagt habe ich eher den Eindruck, dass sie beschlossen hat, mich nicht zu mögen.“ Daisys Augen verdunkelten sich und wurden dabei blau. „Ich hätte mir früher mehr Mühe geben sollen.“

„Sie hat sich noch keine Meinung über dich gebildet.“ Auf den Rest ging Reid nicht ein. Er musste nicht noch zusätzlich Salz in die Wunde streuen. Das hatte er gestern Abend schon zur Genüge getan. „Aber jetzt bist du ja hier. Es ist nicht zu spät, eine Beziehung zu ihr aufzubauen.“

„Vielleicht, aber es scheint ein hartes Stück Arbeit zu werden.“ Daisy machte einen Bogen um Reid, wischte den Tisch ab und stellte die Stühle richtig hin. Als sie fertig war, drehte sie sich zu ihm um und hob eine Augenbraue. „Und nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen – glaub ja nicht, dass ich mich auf irgendwelche dämlichen Spielchen einlasse. Ich schulde dir keine Hochzeit. Ende der Diskussion.“

Also die direkte Tour. „Doch, tust du. Und diese Diskussion ist noch lange nicht vorbei.“

„Hör auf!“ Sie hob das Kinn und funkelte ihn wütend an. „Dieses Hochzeitsgequatsche ist doch total schwachsinnig. Ich muss ein Verhältnis zu meinen Nichten aufbauen. Ich habe keine Zeit für … für was auch immer du hier beweisen willst.“

Reid ignorierte ihren Einwand. „Unsere letzte Hochzeitsplanung hat fast ein Jahr gedauert. Wenn wir im Mai heiraten, bleiben uns nur zwei Monate für die Planung.“

„Es gibt nichts zu planen!“ Inzwischen überwog das Grün in Daisys Augen. Weil sie wütend war vermutlich, aber Verlangen hatte den gleichen Effekt, wie er noch von früher wusste. „Es wird nämlich keine Hochzeit stattfinden!“

„Das sehe ich anders. Du hast mir ein Versprechen gegeben, Daisy.“ Er zuckte die Achseln. „Nachdem du dein erstes gebrochen hast.“

„Willst du jetzt darüber reden? Nur zu, fangen wir an. Falls nicht, musst du deinen Anspruch zurückziehen.“

„Sorry.“ Sanft ließ er einen Daumen über ihr Gesicht gleiten. „Aber genau das werde ich nicht tun.“

Ihr wurde ganz heiß unter seiner Berührung. Gereizt schlug sie seine Hand weg. „Mal angenommen, ich lasse mich auf deine unglaublich miese Argumentation ein“, sagte sie. „Ich schulde dir trotzdem nichts. Ich habe dir den Ring zurückgegeben und damit unseren sogenannten Vertrag gekündigt. Und selbst wenn nicht – inzwischen wäre die Frist längst abgelaufen.“

„Ich bezweifle, dass es bei Herzensangelegenheiten Verjährungsfristen gibt. Liebe verfällt nicht. Sie ist für immer.“ Reid schob ihr eine Hand ins Haar und bog sanft ihren Kopf zurück. „Weißt du, was ich gerade denke?“

Sie fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen – eine kleine Angewohnheit, die ihm fast den Rest gab. „Keine Ahnung. Dass du dringend einen Therapeuten brauchst?“

„Für eine voreheliche Beratung?“

„Nein, um dich zu vergewissern, dass du noch alle Tassen im Schrank hast!“

„Ich denke daran, dich zu küssen“, sagte er, um ihr die Gelegenheit zu geben, ihn wegzuschieben. Oder ihn zu ohrfeigen. Oder ihn zu treten. Oder es einfach zuzulassen. „Wenn du so dicht vor mir stehst, kann ich nicht widerstehen.“

„Warum willst du mich küssen?“ Weder ihre Stimme noch ihre Lider zitterten, doch ihre Augen wurden noch grüner. Vor Wut oder vor Verlangen? „Und warum ausgerechnet jetzt?“

„Ich kann mich an keinen Augenblick erinnern, an dem ich dich nicht küssen wollte. Willst du auch wissen, warum? Weil du mich dazu bringst, dich zu lieben, Daisy. Das war immer schon so und wird vermutlich immer so bleiben. Ich habe es satt, gegen das Unvermeidliche anzukämpfen.“

„Dein Süßholzraspeln bringt dir jetzt gar nichts. Es beweist nur, dass du tatsächlich den Verstand verloren hast.“

„Schon möglich.“

„Endlich sind wir uns mal einig!“ Wütend trat sie einen Schritt zurück. „Kannst du dich eigentlich mal entscheiden, was du willst? Gestern Abend konntest du es kaum erwarten, mich loszuwerden, und jetzt … jetzt …“

„Küss mich, Daisy.“

Sie errötete. „Du willst einen Kuss?“

„Ja.“

Fassungslos starrte sie ihn an. Er starrte zurück. Die Daisy, die vor ihm stand, war anders als die Daisy von früher, aber das war ihm nur recht. Auch er war nicht mehr derselbe. Er fand es faszinierend, ihre Reaktionen nicht mehr genau vorhersagen zu können.

„Okay, wie du willst. Aber nur, wenn du mir versprichst, dich nicht von der Stelle zu rühren. Keinen Zentimeter.“

Das konnte jetzt interessant werden. „Gut. Ich rühr mich nicht vom Fleck.“

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf das Kinn – sanft und verführerisch und trotzdem sehr wirkungsvoll. So wirkungsvoll, dass er seine ganze Selbstbeherrschung brauchte, um nicht die Kontrolle zu übernehmen.

Als er ihren warmen Atem auf seiner Haut und ihre festen Brüste an seinem Brustkorb spürte, unterdrückte er ein lustvolles Stöhnen. Ihre Hände lagen auf seinen Unterarmen, und ihr Haar duftete herrlich. Sein ganzer Körper schien in Flammen zu stehen, als sie die Lippen sanft auf seine Wangen und dann auf seine Ohren presste.

Jede Berührung, jeder Körperkontakt war wunderschön und qualvoll zugleich. Ja, diese Frau gehörte zu ihm und er zu ihr, und nichts würde je etwas daran ändern. Und wenn er den Mond vom Himmel holen musste, um sie davon zu überzeugen.

Seufzend ließ Daisy ihn los und ging auf Abstand – viel zu weit weg für seinen Geschmack. „So. Da hast du deinen Kuss. Mehrere sogar. Können wir jetzt mit diesem albernen Spiel aufhören?“

„Ich wiederhole es noch mal: Das ist kein Spiel.“ Reid zögerte einen Moment. „Hör mal, das hier kommt auch für mich überraschend. Als ich dich gestern Abend im Wohnzimmer sah, wollte ich nichts für dich empfinden. Ich wollte in der Lage sein, dich wegzuschicken.“

„Kann ich verstehen.“ Sie seufzte. „Aber wenn das hier wirklich kein Trick ist, um mich zu vertreiben, weiß ich erst recht nicht, was ich davon halten soll.“

„Es ist ganz einfach.“ Er würde jetzt alles auf eine Karte setzen. „Ich dachte, ich sei über dich hinweg und hätte dich längst überwunden, aber die Wahrheit ist, dass ich dich immer noch liebe, Daisy. Heute genauso wie damals. Und ich werde dich immer lieben.“

Mit einem erschrockenen Aufschrei schüttelte sie den Kopf. Okay, das war nicht gerade die Reaktion, die ein Mann sich erhofft, wenn er einer Frau eine Liebeserklärung macht, aber er konnte ihre Abwehr gut nachvollziehen. Er konnte es ja selbst kaum glauben.

„Du liebst mich nicht, Reid.“

„Doch, das tue ich.“

„Das kannst du gar nicht.“ Sie war ganz blass geworden. „Du hast keine Ahnung, wer ich eigentlich bin. Du hast es auch früher nicht gewusst. Wie auch, wenn ich mich selbst nicht gekannt habe? Ich bezweifle, dass du mich je geliebt hast. Deshalb ist es umso unlogischer, dass du mich jetzt liebst.“

„Genau das dachte ich auch gestern.“ Reid war kein Idiot. Ihm war bewusst, dass er sich anhören musste wie ein Irrer. Wie sollte er Daisy etwas erklären, was er selbst kaum verstand? Aber er wusste es einfach. „Mag sein, dass ich keine Ahnung habe, wie du deine Freitagabende verbringst oder ob du immer noch fluchst, wenn du Auto fährst, aber ich weiß genau, wer du bist.“

„Du hast einfach noch nicht genug Abstand, das ist alles.“ Sie senkte den Kopf und starrte auf den Fliesenfußboden. „Meine Erinnerungen sind auch noch sehr lebendig, und unser Wiedersehen war heftig. Für uns beide. Ich glaube, du hast immer noch nicht mit dem abgeschlossen, was du – was wir beide früher mal wollten.“

Schon möglich, aber Reid wusste es besser. Oder vielmehr verriet ihm das sein Bauchgefühl, und er hatte sich angewöhnt, auf seinen Bauch zu hören. Sein Instinkt hatte ihn schon öfter gerettet – oder ihm im Job dabei geholfen, andere Menschen zu retten.

Nicht jeder traf Entscheidungen so wie Reid und seine Familie. Die Fosters verließen sich auf ihren Instinkt. Sie hörten auf das, was ihr Herz ihnen sagte, handelten dementsprechend und gingen dabei auch große Risiken ein. Sie legten nicht einfach müßig die Hände in den Schoß.

Obwohl Reid genau das getan hatte.

Vor sieben Jahren und neun Monaten hatte er sein Bauchgefühl ignoriert und Daisy gehen lassen, ohne um sie zu kämpfen. Aus Schuldgefühlen heraus und weil er wütend auf sich selbst gewesen war. Aus Stolz. Aus Frustration und Verzweiflung, weil sie ihm nicht genug vertraut hatte oder vielmehr ihrer Beziehung. Nein, damals hatte er nicht auf seinen Instinkt gehört, aber diesen Fehler würde er nicht noch mal machen.

„Tut mir leid, dass du mir noch nicht glaubst, aber ich weiß genau, was ich will. Und ich werde nicht aufgeben, bis ich mein Ziel erreicht habe. Was heißt, dass ich ab sofort unsere Hochzeit planen werde“, fügte er entschieden hinzu.

„Du bist ja verrückt“, murmelte sie. „Völlig durchgeknallt.“

„Mag sein. Aber das bringt mich nicht von meinem Vorsatz ab.“

„Willst du mich etwa an den Haaren zum Altar schleifen? Oder habe ich auch ein Wörtchen bei deinem Schwachsinnsplan mitzureden?“

„Die Entscheidung, ob du auftauchst oder nicht, liegt natürlich ganz bei dir“, sagte er liebenswürdig. „Und selbstverständlich darfst du mitreden, was die Planung angeht. Bei den Details bin ich flexibel. Was auch immer du willst – ich bin einverstanden.“

„Flexibel? Was auch immer ich will?!“

„Wir können auch nach Las Vegas durchbrennen, wenn dir das lieber ist.“

Vernichtend sah sie ihn an. „Nur zu, Reid. Vergeude deine Zeit und dein Geld, und plane deine dämliche Hochzeit bis ins letzte Detail – am Schluss wird dir das Wichtigste fehlen: die Braut!“

Reid war sich des Risikos durchaus bewusst, aber er ließ es sich nicht anmerken. „Ich bin zuversichtlich, dass du deine Meinung noch ändern wirst“, sagte er achselzuckend.

„Wow! Bist du wirklich so überzeugt von dir selbst?“

„Überzeugt genug.“ Reid nahm den Kalender von der Wand und blätterte die Seiten durch. „So. Fragt sich nur noch, wann wir heiraten. Oder soll ich einfach das Datum bestimmen?“

„Das kann ja wohl nicht wahr …“ Wutentbrannt riss sie ihm den Kalender aus den Händen und blätterte rasch bis Mai. „Wenn du diesen Schwachsinn wirklich durchziehen willst, dann wenigstens richtig. Lass uns den sechsten Mai nehmen.“

Sechster Mai. Ihr ursprüngliches Hochzeitsdatum. „Wie romantisch.“

„Nicht wahr?“ Sie warf ihm den Kalender zu. Er fing ihn auf. „Kommt dir das irgendwie bekannt vor? Zwei Hochzeiten, das gleiche Datum und beide Male keine Braut?“

„Oder du heiratest mich, und wir leben glücklich bis ans Ende unserer Tage.“ Er warf einen Blick in den Kalender. „Wir haben nur ein Problem. Der sechste Mai fällt dieses Jahr auf einen Dienstag. Glaubst du, unsere Gäste schaffen das?“

Ungeduldig klopfte sie mit einem Fuß auf den Boden. „Ich glaube, ‚unsere‘ Gäste werden diese Hochzeitsfarce sowieso nicht ernst nehmen, Wochentag oder nicht.“

„Hm.“ Reid tat so, als denke er darüber nach. „Es ist schließlich der wichtigste Tag in unserem Leben. Wenn du unbedingt am Sechsten heiraten willst, dann heiraten wir eben am Sechsten.“

Daisy hatte das Gefühl, gleich durchzudrehen. „Reid?“, fragte sie so beherrscht wie möglich.

„Ja, mein Schatz?“

„Tu das nicht. Warum eine ohnehin schon komplizierte Situation noch weiter verkomplizieren?“

„Ich soll nicht … Ach, du meinst, das ist dir zu früh?“ Mit gespielter Unschuld kratzte er sich am Kinn. „Willst du lieber später heiraten? Ich habe gehört, Juni ist der beliebteste Monat für Hochzeiten.“

„Du bist wirklich unverbesserlich!“ Sie funkelte ihn ein letztes Mal erbost an und stapfte aus der Küche. Ein paar Sekunden später hörte er die Badezimmertür zuknallen und dann Wasser durch die Rohre rauschen.

Pfeifend hängte er den Kalender zurück an die Wand. Die meisten Menschen hätten jetzt ernsthafte Zweifel. Doch trotz Daisys Widerstand fühlte er sich glücklicher, leichter und hoffnungsvoller als seit Jahren.

Ja, sie hatte sich aufgeplustert und ein Riesentheater gemacht – wer hätte das nicht an ihrer Stelle? –, und vielleicht hatte sie recht damit, dass er verrückt war. Was sie jedoch nicht gesagt hatte, war, dass sie ihn nicht mehr liebte. Und das … Na ja, er war sich fast hundertprozentig sicher, dass Daisy ihm das nicht verschweigen würde, wenn es so wäre.

Also bestand durchaus Hoffnung, und das war Reid vorerst genug. Schließlich war alles möglich, solange es Hoffnung gab. Sogar eine Hochzeit, von der die Braut nichts wissen wollte.

4. KAPITEL

Oh, dieser …! Wie hatte sie nur vergessen können, dass Reid grundsätzlich seinen Willen durchsetzte? Früher hatte sie immer nachgegeben. Jedes Mal.

Aber diesmal nicht!

Daisy kramte den Föhn aus ihrem Kulturbeutel und schloss ihn an der Steckdose an. Für wen hielt er sich eigentlich? Einfach so – ohne ihre Zustimmung – eine Hochzeit zu planen, ohne ihr auch nur einen Heiratsantrag gemacht zu haben, und ihr dann auch noch seine unsterbliche Liebe zu gestehen?!

Okay. Sie konnte nicht abstreiten, dass sie das total süß von ihm gefunden hatte und ihr bei seinen Worten ganz warm ums Herz geworden war. Aber süß oder nicht, das hieß noch lange nicht, dass sie ihm sein Geschwafel abnahm. Das tat sie nämlich nicht. Niemals! Sie … Verdammt, wieso war er nur so?

Sie schaltete den Föhn ein und versuchte, das Unbehagen, das ihr den Magen zuschnürte, loszuwerden. Wenn Reid sich wirklich nicht an ihr rächen wollte und kein Spielchen mit ihr trieb – was sie sich auch nicht mehr vorstellen konnte –, was wollte er dann von ihr? Vermutlich war es reine Energieverschwendung, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

Außerdem gab es Wichtigeres zu tun. Das, was sie überhaupt erst hierhergeführt hatte. Und sie durfte nicht zulassen, dass sie das wegen Reid – oder allem, was mit ihm zusammenhing – aus den Augen verlor.

Ihr fiel nur eine Lösung ein. Wenn sie schon keinen Einfluss auf seine Aktionen hatte, konnte sie zumindest ihre Reaktionen steuern. Ganz egal was er sich einfallen ließ – sie würde innerlich distanziert bleiben und darauf bauen, dass er wieder zur Vernunft kam.

Und das würde passieren. Es musste passieren. Denn wenn nicht – wenn er so weitermachte wie bisher –, würde sie womöglich doch noch schwach werden. Und anfangen zu glauben. An eine Zukunft mit ihm. An alles.

Und das durfte sie unter keinen Umständen zulassen.

Sie war auch so schon verwirrt genug von all den Erinnerungen und Gefühlen, die Chaos in ihrem Kopf anrichteten. Auch wenn sie nach einer schlaflosen Nacht zu dem Schluss gekommen war, dass diese Gefühle und die starke Anziehungskraft zwischen ihnen in ihrer gemeinsamen Vergangenheit begründet waren und nichts mit der Gegenwart zu tun hatten.

Zumindest hoffte sie das! Denn wenn nicht, hatte sie ein ernsthaftes Problem.

Nach Reid hatte sie mehrere Beziehungen gehabt – alle mit dem gleichen katastrophalen Ausgang. Natürlich hatte sie sich nie wieder so heftig in einen anderen Mann verliebt wie in ihn, aber diese Männer hatten ihr etwas bedeutet. Genug, um es ihnen immer recht machen zu wollen. Deren Bedürfnisse über ihre eigenen zu stellen.

Im Grunde war das nichts Schlechtes. Gute und liebevolle Beziehungen zeichneten sich durch gegenseitiges Geben und Nehmen aus. Doch Daisy gab jedes Mal zu viel, weil sie sich den Erwartungen des anderen anpasste.

Bis sie fast vergaß, wer sie eigentlich war.

Auch die Erkenntnis, dass die Ursache in ihrer Kindheit lag – in der sie immer vergeblich versucht hatte, die Liebe ihres Vaters zu gewinnen –, änderte nichts daran. Und deshalb hatte sie vor einiger Zeit beschlossen, Single zu bleiben.

Unwillkürlich berührte sie ihre Lippen und dachte an die Küsse, die sie Reid gegeben hatte. Sie hatte sich unglaublich stark zu ihm hingezogen gefühlt, hatte körperlich wieder mit ihm verschmelzen, sich wieder so komplett fühlen wollen wie damals. Eine sehr verlockende, aber letztlich trügerische Vorstellung, die mehr mit ihrer mangelnden emotionalen Stabilität zu tun hatte als mit der Realität.

Nein, sie würde nicht noch mal in diese Falle tappen. Sie durfte einfach nicht.

In einer Woche oder zwei würde sie sich an Reids Gegenwart gewöhnt haben, und er würde von ihr ablassen. Und wenn sie dann nach Kalifornien zurückkehrte, würde sie völlig im Reinen mit sich sein. Ohne jede Reue.

Sie musste nur eine klare Grenze ziehen und auf ihrer Seite bleiben. Solange sie Reid gar nicht erst an sich heranließ, würde sie das alles schon irgendwie überstehen.

In der Küche sah es fast so weiß aus wie draußen. Daisy und Megan hatten es tatsächlich geschafft, den Tisch und einen Großteil des Fußbodens mit Mehl zu bestäuben, sogar ihre Haare und ihre Kleidung.

Ein zauberhafter Anblick.

„Wie geht es Erin?“, fragte Daisy, als sie ihn in der Tür stehen sah. „Besser?“

Trotz Reids Bemühungen hatte die Kleine ihm nicht anvertraut, was ihr so zu schaffen machte, aber vermutlich hatte das plötzliche Auftauchen von Daisy sie einfach überfordert. Sie brauchte nur etwas Zeit. „Ja. Nicht zuletzt wegen deines durchgeknallten Hundes.“

Daisy hatte Jinx vorhin ins Kinderzimmer gebracht, wo die Hündin sich neben Erin auf dem Bett zusammengerollt hatte – trotz Reids Anwesenheit. Das kleine Wesen hatte tatsächlich die Frechheit besessen, ihn anzuknurren, als er Erin zum Abschied auf eine Wange geküsst hatte. Aber irgendwie würden er und der Hund sich schon noch anfreunden. „Lass uns heute Nachmittag darüber reden, bevor ich losmuss.“

Daisy nickte. Sie schob ein mit Keksteig belegtes Blech in den Ofen und stellte den Timer. Megan stand auf einem Stuhl und löffelte Teig auf ein weiteres Backblech. Anders als Erin schien Daisys Ankunft ihr nicht das Geringste auszumachen.

Reid schob seine Sorgen um Erin vorerst beiseite. „Mm, sieht lecker aus.“ Er betrat die Küche, doch bevor er wusste, wie ihm geschah, warfen Daisy und Megan ihm eine Handvoll Mehl ins Gesicht, sodass er niesen musste.

Jetzt wusste er auch, warum es hier so aussah!

Er wischte sich das Gesicht mit einem Ärmel ab und warf ihnen seinen strengsten und missbilligendsten Blick zu. Aber keine nahm ihn ernst. Megan brach in fast hysterisches Gelächter aus, während Daisy nur schadenfroh grinste. Ihm blieben jetzt nur zwei Optionen: Rache … oder ein Kuss.

Letzteres musste leider warten, bis er mit Daisy allein war. Dann also Rache. Achselzuckend ging Reid zur Spüle. „Wie lange habt ihr das schon geplant?“

„Das war meine Idee!“, gestand Megan kichernd. „Ich habe erst Tante Daisy beworfen und dann sie mich; und dann ich wieder sie, und dann habe ich gesagt, wir sollten dich auch bewerfen.“

„Ach ja?“ Er wirbelte herum und hob Megan hoch. Ihr Kichern wurde immer ...

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