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BIANCA EXTRA BAND 5

PATRICIA THAYER

Geheime Gefühle für dich

Noah Cooper darf sich auf keinen Fall durch Lillys weibliche Reize von seiner Aufgabe ablenken lassen! Er hat einen Job in Kerry Springs zu erledigen – für Gefühle ist da absolut kein Platz … oder?

PATRICIA THAYER

Und diesmal ist es für immer

Matt Rafferty weiß, dass er mit dem Feuer spielt, wenn er sich noch einmal mit der bezaubernden Alisa trifft: Er kann ihr nicht widerstehen! Doch anders als sie hat er nicht vor sich zu binden …

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Man küsst sich immer zweimal

Geht Eve ihm etwa aus dem Weg? Seit dieser Party, auf der Derek seine bezaubernde Nachbarin spontan geküsst hat, hofft er vergeblich auf ein Date. Da kommt ihm überraschend das Schicksal zur Hilfe …

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Stadt, Land … Liebe?

Prinzessin Sophie will sich nur vorübergehend auf Carters Ranch vor den Paparazzi verstecken. Doch dann verliebt sie sich in ihn – in diesen raubeinigen Cowboy, der so gar nicht in ihre Welt passt!

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Geheime Gefühle für dich

1. KAPITEL

Noah Cooper konnte sein Glück kaum fassen.

Er lenkte den Wagen in die Maple Street und fuhr langsam die Straße hinunter. Schon von Weitem konnte er das „Zu vermieten“-Schild sehen, das im Hof eines großen dreistöckigen Hauses im viktorianischen Stil prangte.

Er parkte am Straßenrand und stieg aus. Aufmerksam betrachtete er die Tafel. Ein Pfeil deutete zum Rasen. „Gepflegtes kleines Ferien­haus. Komplett ausgestattet“, stand in kleineren Buchstaben da­runter. Noah vermutete, dass es sich hinter dem Haupthaus befand.

Er atmete tief durch. Das war die Chance. Sein neuer Job fing schon mal gut an. Jetzt musste er nur noch als Mietinteressent überzeugend wirken.

Die Steinplatten zum Haus waren verwittert und lose. Auch die breite Veranda, die um das ganze Haus herumführte, hatte schon bessere Zeiten gesehen, und die Farbe blätterte von der Fassade.

Trotzdem hatte sich jemand viel Mühe gegeben, dem Haus eine einladende Note zu verleihen. Blumen blühten in großen Töpfen auf der Veranda und im Hof, und der Rasen war gerade erst gemäht worden.

Er betrat die Veranda und drückte auf den Klingelknopf. Nichts regte sich. Er ging um das Haus. Dann sah er das mit Schindeln gedeckte Ferienhaus.

Für seinen Geschmack hatten die Blumenkästen und die kleinen Gardinen eine unverkennbar weibliche Note – doch er hätte keinen idealeren Ort finden können.

Die Tür des Häuschens stand einen Spalt offen. Noah lugte hinein. In diesem Moment hörte er die Musik. Neugierig spähte er durch den Türspalt. Man konnte in das Wohnzimmer sehen, wo es einen kleinen Kamin, zwei Sessel und einen niedrigen Tisch gab. An der gegenüberliegenden Wand befanden sich mehrere kleine Schränkchen und Vitrinen mit antiquiertem Haushaltsgerät.

Na schön, das Haus war komplett eingerichtet – aber aus welcher Epoche?

Er schob die Tür ein Stück weiter auf. Da entdeckte er die Frau auf dem Fußboden. Auf Händen und Knien schrubbte sie den Boden und wandte ihm den Rücken zu. Ihre Hüften bewegten sich im Rhythmus zu dem Countrysong, der aus einem altmodischen Radio klang.

Sein Blick glitt über ihre Hüften und den runden Po. Sie trug ein schmales Trägerhemd und Shorts, die viel von ihren hübschen Beinen enthüllten. Ihr langes helles Haar war zu einem Knoten gedreht, doch einige Strähnen hatten sich gelöst und fielen ihr auf die Schultern.

Noah spürte, wie sich etwas in ihm regte. In seinem Job kam das nicht oft vor. Ganz gleich, mit welchen Menschen er es zu tun hatte, er ließ sich von nichts und niemandem ablenken. „Entschuldigen Sie, Ma’am!“, rief er über die Musik hinweg.

Lilly wirbelte erschrocken herum. Beim Anblick des Fremden im Türrahmen sprang sie auf und stieß mit dem Kopf schmerzhaft gegen die Lampe.

Der Mann machte besorgt einen Schritt auf sie zu, doch sie hob die Hand und hielt ihn auf Abstand.

„Geht es Ihnen gut?“

Lilly nickte. Sie schaltete das Radio aus und musterte den Eindringling.

Er war ziemlich groß und muskulös. Er hatte dichtes, fast schwarzes Haar und hellbraune Augen. An seiner Kleidung war nichts Auffälliges: Er trug verwaschene, aber saubere Jeans, Stiefel und ein kurzärmeliges Shirt. So lief hier fast jeder herum, doch die vergangenen Jahre hatten Lilly misstrauisch gemacht.

„Wer sind Sie?“, fragte sie barsch.

„Ihr neuer Mieter, hoffe ich.“ Er deutete hinaus. „Ich habe das Schild gesehen. Mein Name ist Noah Cooper.“

„Lilly Perry. Ich bin allerdings nicht die Vermieterin. Das ist meine Mutter, Beth Staley.“ Ihrer Mutter gehörte auch das Haupthaus. Sie hatte beschlossen, das Ferienhaus zu vermieten – doch Lilly rechnete nicht damit, dass sie es einem Fremden überlassen würde.

„Dann werde ich wohl warten müssen, bis Ihre Mutter wieder zu Hause ist.“

„Um ehrlich zu sein, Mr Cooper …“

„Coop“, unterbrach er sie. „Alle nennen mich Coop.“

„Coop“, wiederholte sie zögernd. „Ich fürchte, das Haus ist schon jemand anderem versprochen.“

Er zeigte nach draußen. „Das Schild hängt noch da.“

Erwischt. „Nun ja, es ist noch nicht offiziell. Aber machen Sie sich nicht allzu große Hoffnungen.“

„Es ist wohl besser, wenn ich mit Mrs Staley persönlich spreche. Wann kommt sie zurück?“

„Schwer zu sagen. Sie ist gerade beim Nähen mit ihren Freundinnen. Das kann Stunden dauern.“

Die Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. „In Ordnung. Dann muss ich wohl warten.“ Er drehte sich um.

In diesem Augenblick hörten sie jemanden rufen. „Mom! Wo bist du?“

„Ich bin hier, Robbie.“ Lilly ging zur Tür.

Ein kleiner Junge stürmte herein. „Mom! Colin und Cody wollen schwimmen gehen. Sie haben mich gefragt, ob ich mitkommen will. Darf ich? Bitte.“

„Nun mal langsam.“ Lilly strich ihrem Sohn das blonde Haar aus der Stirn. Mit großen Augen sah er sie an. Sie waren so blau wie die seines Vaters. Des Vaters, der Robbie niemals aufwachsen sehen würde.

Lillys Magen zog sich schmerzhaft zusammen.

„Aber Codys Mom hat gesagt, dass ich mitkommen darf. Sie hat gesagt, dass ich dir dann nicht bei der Arbeit im Weg bin.“

Lilly verkniff sich ein Lächeln. Als Robbie ein Jahr alt war, hatte er mit dem Sprechen begonnen – und seitdem redete er wie ein Wasserfall.

„Du könntest mir ja auch helfen, anstatt im Weg zu stehen.“

Der kleine Junge kräuselte unwillig die Nase. „Ich bin doch erst sechs. Außerdem sind Sommerferien.“ Dann fiel sein Blick auf Mr Cooper. „Hi. Ich bin Robbie Perry. Und wer bist du?“

„Das ist Mr Cooper.“ Lilly legte ihrem Sohn schützend die Hände auf die Schultern.

„Aber du kannst mich Coop nennen.“ Er zwinkerte dem Kleinen zu.

Robbie sah ihn argwöhnisch an. „Und was machst du hier?“

„Robbie.“ Lillys Ton war schärfer als beabsichtigt.

Coop hob die Hände. „Schon gut. Ich möchte euer Ferienhaus mieten. Aber deine Mom sagt, dass schon jemand anderes daran interessiert ist.“

Der kleine Junge sah seine Mutter fragend an. „Wirklich? Wer denn, Mom?“

Lilly errötete. Wenn sie Robbie nicht zum Schweigen brachte, würde ihre kleine Notlüge noch auffliegen. „Warum holst du nicht deine Schwimmsachen, Robbie?“

Der Junge machte einen kleinen Luftsprung. „Darf ich gehen?“

„Sicher. Aber vergiss dein Handtuch nicht.“

Außer sich vor Freude rannte der Kleine hinaus.

„Ein lebhafter Junge“, bemerkte Coop.

„Oh ja. Ich wünschte, ich hätte seine Energie.“

Eine unangenehme Pause entstand.

Coop räusperte sich. „Nun, ich gehe wohl besser. Vielen Dank, Mrs Perry.“

„Tut mir leid, dass ich nicht mehr für Sie tun kann. Ich hoffe, Sie finden eine Bleibe.“ Lilly zögerte. „Arbeiten Sie hier in der Gegend?“ Warum wollte sie das überhaupt wissen? „Wenn Sie einen Job suchen, können Sie es auf einer Ranch probieren. Ich meine, wenn Sie Erfahrung in so etwas haben.“ Sie biss sich auf die Lippen.

Coop entging nicht Lillys Misstrauen. Aber nach allem, was ihr in den vergangenen Jahren widerfahren war, wunderte es ihn überhaupt nicht, dass sie Fremden gegenüber vorsichtig war. „Ich habe zwar Erfahrung, aber deswegen bin ich nicht hier. Ich helfe beim Bau der neuen Siedlung im Westen der Stadt.“

Das schien sie zu überraschen. „Für AC Construction? Sie arbeiten für Alex Casali?“

„Ja, Ma’am. Ich bin gelernter Zimmermann.“ Das entsprach sogar der Wahrheit. „Dann werde ich mal weitersuchen. Auf Wiedersehen.“

Coop trat hinaus und ging über den Rasen. Die Tür des Haupthauses flog auf, und Robbie sprang mit zwei großen Sätzen die Verandastufen hinunter. Sein Gesicht glühte.

„Hey, Robbie!“, rief Coop. Vielleicht würde der Junge ihm mehr verraten. „Weißt du vielleicht, wo ich deine Großmutter finden kann?“

Der Kleine nickte. „Klar. Sie ist mit ihren Freundinnen im Blind Stitch Quilt Shop.“ Er verdrehte die Augen. „Das ist so langweilig. Sie zerschneiden alte Shirts und nähen daraus Decken. Meine Schwester hat auch damit angefangen.“

Coop lächelte. „Das ist doch gut. Denn dann kannst du in aller Ruhe Dinge tun, die nur Jungs machen.“

Robbie verzog das Gesicht. „Schon, aber ich habe niemanden. Mein Dad ist gestorben.“

„Das tut mir leid.“ Coop wusste nicht, was er sagen sollte. In diesem Moment hielt ein Wagen vor dem Haus und befreite ihn aus seiner misslichen Lage. „Viel Spaß beim Schwimmen.“

Robbie eilte zum Auto und fuhr mit seinen Freunden davon.

Coop sah ihm nach. Im Stillen verfluchte er den Vater des Kindes. Michael Perry hatte alles verspielt. Er hatte das Leben mit seiner hübschen Frau und den Kindern weggeworfen – doch wofür?

Das war Coops Aufgabe. Er musste herausfinden, warum Perry gestorben war. War er der Informant, der in jener folgenschweren Nacht nicht aufgetaucht war?

Coop würde es herausfinden.

Eine halbe Stunde später entdeckte Coop den Blind Stitch Quilt Shop und parkte am Straßenrand. Nicht, dass es schwierig gewesen wäre, den Laden zu finden. Die kleine texanische Stadt Kerry Springs zählte gerade einmal zehntausend Einwohner – doch Coop wusste aus Erfahrung, dass es selbst an einem friedlichen Ort wie diesem nicht nur gute Menschen gab.

Er betrachtete die Auslage des Shops mit den unzähligen leuchtenden Flickendecken. Na schön, das hier war nicht gerade sein Spezialgebiet. In einer düsteren Bar in El Paso hätte er sich wohler­gefühlt als zwischen diesen farbenfrohen handgenähten Quilts. Doch das gehörte nun einmal zu seinem Job.

Er betrat den Laden und sah sich aufmerksam um. In der Mitte stand ein großer Schneidetisch. Einige Frauen drängten sich darum und diskutierten die verschiedenen Stoffmuster. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich ein breiter Durchgang, durch den man in einen weiteren Raum gelangte.

Coop machte einen Schritt darauf zu, als eine attraktive blonde Frau auf ihn aufmerksam wurde. Sie war hochschwanger. Lächelnd kam sie ihm entgegen. „Hallo, ich bin Jenny Rafferty. Kann ich etwas für Sie tun?“

„Man hat mir gesagt, dass ich hier Beth Staley finden kann.“

Jennys Lächeln wurde eine Spur strahlender. „Das stimmt, Beth ist hier.“ Sie deutete in den Nebenraum. „Sie sitzt drüben am Tisch der Quilter’s Corner. Gehen Sie ruhig rein.“

„Vielen Dank, Ma’am.“

Sechs Frauen verschiedenen Alters saßen um den runden Tisch und waren in ein lebhaftes Gespräch vertieft. Coop nahm den Hut ab und trat an den Tisch. „Entschuldigen Sie“, sagte er höflich. „Ich möchte Sie nicht stören, aber ich suche Beth Staley.“

„Das bin ich.“ Eine zierliche Frau Ende fünfzig hob die Hand. „Obwohl ich mir kaum vorstellen kann, warum ein attraktiver junger Mann nach mir suchen sollte.“ Die Frauen lachten.

Coop begann sich zu entspannen. „Ich komme wegen des Hauses, das Sie vermieten. Das Ferienhaus.“

Beth lächelte. Coop erkannte die Ähnlichkeit zwischen Mutter und Tochter. Beide hatten das gleiche ebenmäßige Gesicht und die leuchtenden grünen Augen. „Ja, das Haus ist zu vermieten.“

„Ich bin sehr interessiert daran, aber ich fürchte, ich bin zu spät.“

Mrs Staley sah ihn verwundert an. „Aber warum denn?“

„Ihre Tochter hat mir erzählt, dass es bereits einen Interessenten gibt.“

Beth stutzte. Sie warf einen raschen Blick zu ihren Freundinnen, dann zurück zu Coop. „Nun, es gab jemanden. Aber das hat sich erledigt. Wissen Sie, junger Mann …“

„Oh, Verzeihung. Mein Name ist Noah Cooper. Aber nennen Sie mich doch bitte Coop.“

„Und ich bin Beth. Das sind meine Freundinnen Liz, Lisa, Millie, Louisa und Caitlin.“

„Ich freue mich sehr, Sie alle kennenzulernen, meine Damen.“

Die Damen betrachteten wohlwollend Coops attraktive Erscheinung.

Beth führte Coop in eine ruhige Ecke. „So, Mr Cooper. Wenn es Ihnen wirklich ernst ist, dann benötige ich noch ein paar Unterlagen. Sie wissen ja, wie das ist. Empfehlungsschreiben, Arbeitszeugnisse. Und ich nehme eine Kaution für das Haus.“

Coop nickte zustimmend. „Kein Problem. Ich habe gerade einen Job bei AC Construction angenommen. Aber ich kann Ihnen Empfehlungsschreiben meiner früheren Arbeitgeber vorlegen.“ Seine Vorgesetzten würden mit Sicherheit keine Schwierigkeiten haben, ihm entsprechende Zeugnisse zu besorgen.

„Sie arbeiten für Alex Casali?“

„Ja, Ma’am. Ich bin gelernter Zimmermann. Und ich möchte die nächsten sechs bis acht Monate möglichst nicht in einem Motel verbringen. Ihr Haus wäre ideal. Ich habe es durch Zufall entdeckt und mich gleich wohlgefühlt.“ Wenn er erfolgreich sein wollte, musste er sich einschmeicheln. „In der Vergangenheit habe ich schon viele Häuser renoviert, und es würde mir nichts ausmachen, an Ihrem schönen Haus ein paar Reparaturen vorzunehmen.“

„Leider wurde es in den vergangenen Jahren sträflich vernachlässigt. Früher hat mein Mann die Reparaturen ausgeführt.“ Sie musterte ihn. „Hätten Sie denn Zeit für so etwas, wenn Sie eigentlich für Alex arbeiten?“

„Nun, mein neuer Job beginnt erst in ein paar Wochen. Aber ich würde gern schon jetzt einziehen – es sei denn, Sie möchten warten, bis meine Arbeitszeugnisse vorliegen.“

„Das wird nicht nötig sein. Wer für Alex Casali arbeitet, hat eine fleckenlose Vergangenheit. Seiner Frau Allison gehört übrigens dieser Laden.“

Dann wandte sie sich an ihre Freundinnen. „Hört mal her! Noah Cooper wird mein neuer Mieter.“

„Mom?“

Alle sahen zur Tür.

Lilly Perry hatte sich frisch gemacht und umgezogen. Sie trug nun kakifarbene Shorts und ein pinkfarbenes T-Shirt, und das lange hellbraune Haar fiel ihr in sanften Wellen über den Rücken. Mit forschen Schritten kam sie herein.

Coop wäre niemals darauf gekommen, dass sie schon Mitte dreißig war – und Mutter von zwei Kindern.

„Mom, was geht hier vor?“

„Gut, dass du da bist, Lilly. Ich würde dich gern Mr Cooper vorstellen.“

„Wir haben uns bereits kennengelernt.“ Lilly sah nicht sonderlich glücklich aus. „Woher wussten Sie, dass Sie meine Mutter hier finden würden?“

„Ihr Sohn hat es mir erzählt. Ich dachte, ich frage gleich nach, ob der andere Mieter noch Interesse hat.“

„Der andere Mieter?“ Beth hob die Braue.

Lilly legte ihr rasch die Hand auf den Arm. „Entschuldigen Sie uns einen Moment, Mr Cooper.“ Sie führte ihre Mutter in den Nebenraum.

„Mom, du kannst diesem Mann doch nicht einfach das Haus geben. Er ist nicht von hier. Du hast ja nicht einmal seine Referenzen überprüft.“ Sie schüttelte den Kopf. „Und außerdem dachte ich, dass wir an eine Frau vermieten wollen.“

„Das war deine Idee. Ich habe genug Menschenkenntnis, um mich auf meinen Instinkt zu verlassen, und ich sehe keinen Grund, warum wir nicht an Mr Cooper vermieten sollten. Sei nicht so misstrauisch, Lilly. Dein Pech mit Michael darf nicht für den Rest deines Lebens dein Urteilsvermögen trüben.“

„Michael hat mich und die Kinder auf die Straße gesetzt und das ganze Geld genommen“, sagte Lilly gereizt. „Außerdem hat er mich gedemütigt.“

Beths Gesichtsausdruck wurde sanft. „Ich weiß. Aber es wird Zeit, sich von der Vergangenheit zu lösen und ein neues Leben zu beginnen.“

Lilly schwieg. Sie hatte nicht vor, ihre Probleme hier im Laden aufzurollen. Unauffällig spähte sie in Noah Coopers Richtung. Er scherzte mit den Frauen der Quilter’s Corner und machte einen sehr charmanten Eindruck. Genau das war das Problem.

Michael hatte auch sehr charmant sein können, wenn er wollte. Dreizehn Jahre war Lilly mit ihm verheiratet gewesen, und ganz plötzlich hatten sich die Dinge geändert. Praktisch über Nacht war er ein anderer Mensch geworden, und er hatte sie und die Kinder einfach verlassen.

Plötzlich ertönte ein leises Stöhnen. Alle sahen zu Jenny. Sie krümmte sich zusammen und hielt sich mit beiden Händen den Bauch. Erschrocken starrte sie auf den Boden zwischen ihren Füßen, wo sich eine kleine Pfütze gebildet hatte. Sie errötete. „Die Fruchtblase ist geplatzt. Mein Baby kommt!“ Sie rang nach Luft. „Ich muss Evan anrufen.“

„Das mache ich“, bestimmte Liz. „Du setzt dich hin.“

Jenny schüttelte den Kopf. „Nein, ich muss in Bewegung bleiben. Bitte ruft Jade an und fragt sie, ob sie heute Dienst hat. Ich will, dass sie im Kreißsaal dabei ist.“

Lilly beobachtete die kleine Gruppe. Jenny gab leise Anweisungen, doch ihre Stimme ging in dem allgemeinen Durcheinander einfach unter. Die Frauen redeten aufgeregt durcheinander und benahmen sich wie aufgescheuchte Hühner.

Das reichte.

Lilly stieß einen lauten Pfiff aus. Sofort herrschte Ruhe. „So, jetzt wollen wir die Sache mal vernünftig angehen. Liz, du rufst Evan an und sagst ihm, dass er direkt zum Krankenhaus kommen soll. Millie, du versuchst Jade zu erreichen. Dann nimmst du Jennys Handy und rufst ihren Arzt an. Er soll wissen, dass wir auf dem Weg sind.“

Sie sah sich um. „Wer hat einen Wagen und kann zum Krankenhaus fahren?“

Noah Cooper meldete sich. „Ich bin mit dem Truck hier und kann vier Personen mitnehmen.“

Jenny stöhnte auf und krümmte sich erneut.

„Gut, Mr Cooper.“ Lilly sah ihn an. „Dann sind Sie unser Taxifahrer. Los geht’s.“

Lilly und Liz griffen Jenny unter die Arme und brachten sie hinaus. Beth und Coop folgten ihnen zur Tür. „Meine Tochter ist Schulleiterin“, erklärte Beth. „Sie nimmt die Zügel in die Hand, wenn es darauf ankommt.“

Coop war beeindruckt von ihrer Tatkraft. Er eilte zu seinem Truck und öffnete die Beifahrertür. Bevor Jenny sich setzte, breitete Millie umsichtig ein Handtuch auf dem Sitz aus.

Jenny wollte sich bei Coop entschuldigen, doch er schob ihre Bedenken mit einer lockeren Geste beiseite. „Machen Sie sich keine Gedanken, Ma’am.“

Nachdem er ihr in den Wagen geholfen hatte, sprang er auf den Fahrersitz. Lilly und Beth kletterten auf die Rückbank und wiesen Coop den Weg zum Krankenhaus.

Lilly war froh, dass sie die Verantwortung abgeben konnte, sobald sie dort waren. Und so, wie Mr Cooper den Truck durch die Stadt jagte, würde das schon sehr bald sein. Eines musste man diesem Mann lassen: Er rannte nicht davon, wenn es brenzlig wurde.

Das sprach auf jeden Fall für ihn.

Mehr aber auch nicht.

Zwei Stunden später saß Coop im Aufenthaltsraum und wartete. Er trank schon den zweiten Becher schalen Krankenhauskaffee. Das Baby ließ sich Zeit.

Inzwischen war Jennys Mann Evan angekommen. Coop hätte nun gehen können, aber er war sich nicht sicher, ob die anderen Frauen eine Mitfahrgelegenheit brauchten. Außerdem war das eine gute Gelegenheit, etwas über die Bewohner von Kerry Springs herauszufinden.

Er lehnte sich an die Wand und beobachtete das rege Treiben. Während der vergangenen zwei Stunden waren viele Menschen ein – und ausgegangen, um sich nach Jenny zu erkundigen. Offensichtlich war sie ziemlich beliebt.

Von Beth wusste er, dass Evan eine Ranch gehörte. Außerdem war er der Besitzer eines Weinbergs und hatte gerade eine eigene Weinsorte kreiert. Sein Vater Sean Rafferty war auch ins Krankenhaus gekommen. Er hatte Evans kleine Tochter Gracie mitgebracht und schien mindestens ebenso aufgeregt zu sein wie sie. Beth hatte erzählt, dass Jenny Gracies Stiefmutter war.

Und so, wie sie von Sean Rafferty gesprochen hatte, wurde deutlich, dass der attraktive ältere Gentleman ein Frauenschwarm war. Auch jetzt war er von einigen Frauen umringt.

Coops Aufmerksamkeit richtete sich auf Lilly. Sie war nach draußen gegangen, um ihre Kinder anzurufen.

Sie war eine energische Frau und hatte ihn ziemlich beeindruckt. Ob sie tatsächlich nichts von den Machenschaften gewusst hatte, in die ihr Mann verwickelt worden war? Oder hatte sie es gewusst – und sich deswegen von ihm getrennt?

So oder so: Sie war eine bemerkenswerte Frau. Eine Frau, von der sich kein Mann trennen würde, der noch bei Verstand war.

In diesem Moment betrat ein weiteres Paar den Warteraum. Coop erkannte sofort seinen neuen Arbeitgeber Alex Casali. An seiner Seite war eine schmale, attraktive Frau mit langem mahagonifarbenem Haar. Das musste Allison sein.

Alex entdeckte Coop und entschuldigte sich bei seiner Frau. Er ging auf ihn zu und schüttelte ihm herzlich die Hand. „Coop, was führt dich denn hierher?“

„Ich war einfach zur rechten Zeit am rechten Ort. Ich habe die Lady ins Krankenhaus gebracht.“

Casali lächelte. „Willkommen in der Kleinstadt.“

2. KAPITEL

„Es ist ein Junge!“

Lilly sah auf. Evan stand im Türrahmen. Er trug einen Krankenhauskittel und hatte ein strahlendes Lächeln im Gesicht. Sofort wurde er von der kleinen Gruppe der Wartenden umringt und nahm ihre Glückwünsche entgegen. Sean umarmte seinen Sohn.

„Das ist wunderbar, Evan. Ich freue mich für dich.“ Lilly schüttelte seine Hand.

Der gut aussehende Vater nickte stolz. „Danke, Lilly. Natürlich hätte ich mich auch gefreut, wenn ich noch ein Mädchen bekommen hätte. Aber nun können wir die Familiennamen weitergeben. Er soll Sean Michael heißen.“

„Ist das wahr?“ Der stattliche Mann hatte Tränen der Rührung in den Augen.

Evan nickte. „Jenny möchte das Familienerbe bewahren und an deine irische Herkunft erinnern. Also haben wir Sean Michael nach dir und deinem Vater benannt.“

Lilly kämpfte nun selbst mit den Tränen. Sie erinnerte sich, wie ihre Kinder zur Welt gekommen waren. Es waren die schönste Momente ihres Lebens gewesen. „Wie geht es Jenny?“

„Gut. Jade war die ganze Zeit über bei ihr. Sie hat uns sehr geholfen.“

Jade war eine gute Freundin von ihnen. Vor einiger Zeit war die Krankenschwester nach Kerry Springs gezogen und hatte kürzlich Sloan Merrick geheiratet, den smarten Sohn des ehemaligen Senators Clay Merrick.

„Daddy!“ Die kleine Gracie zupfte an Evans Hand. „Können wir jetzt reingehen? Schließlich ist das mein Bruder!“

Die Gruppe lachte.

Lilly beneidete die kleine Familie. Ihre Kinder mussten ohne Vater aufwachsen. Monatelang hatte sie sich vergeblich den Kopf zerbrochen, was zwischen ihr und Michael schiefgegangen war.

Als sie sich umdrehte, entdeckte sie Noah Cooper. Warum war er noch immer hier?

Er kam auf sie zu.

Sie sah ihn an. Seien Augen faszinierten sie. „Sie hätten nicht bleiben müssen, Mr Cooper“, sagte sie fest.

„Kein Problem. Ich wollte ohnehin noch fragen, wann ich einziehen kann.“

Der Gedanke, dass ein Fremder in dem Häuschen wohnen würde, gefiel ihr nicht. „Da müssen Sie meine Mutter fragen.“

„Das habe ich schon getan. Sie meinte, das hängt davon ab, wann Sie mit der Reinigung fertig sind. Aber das kann ich auch selbst erledigen.“

„Eigentlich wollte ich noch die Teppiche sauber machen. Niemand hat mehr in dem Haus gewohnt, seit mein Onkel vor ein paar Jahren zu Besuch war.“ Coop stand so nah bei ihr, dass sie einen Hauch seines Dufts wahrnahm. Rasch trat sie einen Schritt zurück. „Oh, und es stehen noch ein paar Kartons im Haus, die eigentlich in die Garage gehören. Ich habe das Bett noch nicht gemacht, und es gibt keine Handtücher …“

„Die Kartons überlassen Sie ruhig mir. Ein Bett kann ich auch machen. Außerdem habe ich ein paar Handtücher in meinem Rucksack. Und wenn Sie mir verraten, wo es den nächsten Supermarkt gibt, decke ich mich schon mal mit dem Wichtigsten ein. Also, wann kann ich einziehen?“

Niemals! hätte Lilly am liebsten ausgerufen. Andererseits brauchte sie das Geld. Und nur dank ihrer Mutter hatten sie und die Kinder wenigstens ein Dach über dem Kopf. „Na schön. Von mir aus heute noch.“

Schweigend fuhren Coop und Lilly zurück nach Hause.

Er wollte sie auf keinen Fall bedrängen. Ihr Misstrauen war ihm nicht entgangen, und sie würde ihn sicher beim kleinsten Anlass hinauswerfen.

Doch er musste bleiben. Es war der ideale Ort, um mehr über Delgado in Erfahrung zu bringen.

Lilly wies ihm einen Platz in der Garage zu. Er bedankte sich, nahm die große Reisetasche von der Ladefläche und folgte ihr zum Haus.

Lilly zog einen Schlüsselbund aus ihrer Handtasche.

„Ich dachte, die Menschen in Kleinstädten schließen niemals die Türen ab.“

Sie zuckte zusammen. „Nun, die Zeiten ändern sich, Mr Cooper.“

Aus dem Bericht über Michael Perry wusste Coop, dass zwei Mal in sein Haus eingebrochen worden war. Kurz darauf hatte Lilly ihr Haus an die Kreditgeber verloren und war mit ihren Kindern zurück zu ihrer Mutter gezogen. Vermutlich war sie hier sicher. Andererseits war Delgado noch immer auf freiem Fuß. Er konnte sich überall aufhalten.

Lilly zeigte ihm sein neues Reich. Das Häuschen war klein, aber sehr wohnlich. Coop legte die Reisetasche auf das Bett und warf einen kurzen Blick ins Badezimmer. „Es ist alles da, was ich brauche.“

„Wir haben auch einen Fernseher, aber wir bekommen nicht alle Sender.“

„Das stört mich überhaupt nicht.“

„Erzählen Sie das mal meinen Kindern. Ihrer Meinung nach sind wir total rückständig.“

Coop sah sie an. „Ich finde, mit Ihnen als Mutter und Beth als Großmutter sollten sie mehr als zufrieden sein. Nicht jeder hat so ein Glück.“

Seine Worte schienen Lilly zu verwirren. „Na ja, wer eine Schulleiterin als Mutter hat, ist nicht gerade beliebt.“

Besser als eine Mutter, die selbst nach zwei gescheiterten Ehen bloß an den nächsten Liebhaber denkt. Cindy Morales hatte ihre beiden Söhne im Stich gelassen. „Sie werden es überleben.“

Lilly musste lachen. „Na schön, dann lasse ich Sie jetzt in Ruhe auspacken. Wenn Sie noch etwas brauchen, rufen Sie.“

„Warten Sie.“ Er nahm seinen Geldbeutel heraus und zählte fünf Einhundertdollarscheine ab. „Das ist ein Teil der Kaution. Sagen Sie Ihrer Mutter, dass ich ihr morgen den Rest bringe.“

Sie nahm die Scheine und ging zur Tür. Coop wollte, dass sie blieb. Das war gar kein gutes Zeichen. Er hatte hier einen Job zu erledigen – für Gefühle war da kein Platz. „Ich würde gern ein paar Reparaturen an Ihrem Haus vornehmen, wenn ich darf.“

„Das müssen Sie nicht.“

„Ich habe reichlich Zeit, bevor mein neuer Job beginnt. Außerdem sind alte Häuser sozusagen mein Hobby. Ich mag viktorianische Gebäude.“

„Nun, meine Mutter könnte ein bisschen Hilfe gebrauchen. Seit dem Tod meines Vaters hat sie sich ganz allein um das Haus gekümmert. Eigentlich ist es viel zu groß, aber sie würde niemals wegziehen.“

„Es ist ein fantastisches Haus. Und groß genug für Sie und die Kinder. Ich bin sicher, dass Ihre Mutter Sie gern um sich hat.“

Lilly verzog den Mund. „Sie hatte keine Wahl. Wir konnten nirgendwo anders hin.“ Sie wandte sich ab. „Auf Wiedersehen, Mr … Coop.“

Dieses Mal versuchte er nicht, sie aufzuhalten. Wenn er an Informationen gelangen wollte, durfte er jetzt nichts überstürzen.

Sein Handy klingelte. Es war sein Vorgesetzter.

„Wie läuft es?“, fragte Ben Collier.

„Gut. Gestern habe ich mich bei Casali wegen des Jobs gemeldet. Es gab keine Probleme.“ Natürlich nicht. Kerry Springs’ Sheriff hatte Coop auf Anweisung von oben empfohlen. „Außerdem habe ich eine Unterkunft direkt bei Mrs Staley bekommen.“

„Sehr gut.“ Es entstand eine Pause. „Du weißt, was du zu tun hast. Aber sieh dich vor. Wenn Delgado bemerkt, dass ihm jemand auf die Füße treten will, könnte das gefährlich werden – für alle Beteiligten.“

Coops Sorge galt sofort Lilly und den Kindern. „Hey, ich bin gut in meinem Job.“

„Niemand bezweifelt das, aber dieses Mal bist du persönlich betroffen.“

Coops Brust zog sich schmerzhaft zusammen, als er an seinen Halbbruder Devin Morales dachte. „Wir müssen Delgado aus dem Verkehr ziehen. Und zwar so schnell wie möglich.“

„Das werden wir. Pass auf dich auf, Coop.“

Coop dachte an Raul Delgado. Sie waren ihm schon seit Jahren auf der Spur. Delgado war in Waffenhandel und Drogenschmuggel entlang der mexikanischen Grenze verwickelt, doch noch gab es keine Beweise, dass er etwas mit den Mordfällen zu tun hatte. Nicht einmal die Unmengen von illegalen Drogen, die durch seine Hand in die Staaten kamen, konnte man ihm bisher nachweisen.

Bis zu der Nacht, in der ein Polizist bei dem Versuch, einen Drogendeal auffliegen zu lassen, umkam. Der Mann war Coops jüngerer Bruder Devin gewesen. Sein Leben wurde gewaltsam beendet, bevor es richtig begonnen hatte. Es gab keine Zeugen.

Danach war Delgado von der Bildfläche verschwunden. Angeblich hatte er seine Aktivitäten von El Paso nach Laredo verlegt.

Im vergangenen Jahr hatten sie ihn schließlich in Kerry Springs aufgespürt. Die Bundesbeamten hatten einen anonymen Hinweis bekommen, der sie zu Perry’s Gartenbau geführt hatte.

Daraufhin hatten sie ein Treffen mit dem namenlosen Informanten geplant. Es sollte etwas außerhalb von Kerry Springs stattfinden, doch der Informant war nicht aufgetaucht. Der seltsame Zufall hatte sich einige Tage später ereignet: Mike Perry, Besitzer von Perry’s Gartenbau, nahm sich das Leben und hinterließ Frau und Kinder.

Coop war sich fast sicher, dass jemand nachgeholfen hatte. Doch noch gab es keine Beweise. Es stand nicht einmal fest, dass Perry der besagte Informant war.

Coop dachte an Lilly. Ob sie eine Ahnung hatte, auf was sich ihr Mann eingelassen hatte?

Doch aus ihrer Akte war hervorgegangen, dass sie und Mike zu diesem Zeitpunkt bereits ein Jahr geschieden waren. Könnte es sein, dass Delgado ein Grund für die Scheidung war?

Er musste es herausfinden.

Es gab nur zwei Anhaltspunkte. Da war Lillys Schwägerin Stephanie Perry, die mit einem Mann namens Rey Santos liiert war. Dieser Mann war Raul Delgado auffallend ähnlich. Und der geheime Informant hatte bei den Bundesbeamten anklingen lassen, dass er Beweise für Delgados illegale Geschäfte hatte.

Coop wollte das Versprechen halten, dass er am Grab seines Bruders gegeben hatte: Er würde diesen Bastard jagen und stellen. Während seiner Suche musste er lediglich darauf achten, dass seine Identität als verdeckter Ermittler nicht aufflog.

„Mom! Robbie nervt mal wieder!“, beschwerte sich die dreizehnjährige Kasey.

Lilly seufzte. Der Tag war schon anstrengend genug gewesen. Sie hatte nicht einmal Zeit, die Einkaufstüten abzusetzen, bevor sie von ihren Kindern überfallen wurde. „Wascht euch die Hände!“, rief sie nach oben. „Wir wollen essen.“

Oben erhob sich ein wildes Geschrei. Lilly ging in die Küche, um die Einkäufe auszupacken. Am Küchentisch saß ihre Mutter und trank eine Tasse Kaffee.

Die Küche war der Mittelpunkt des Hauses. Hier wurde gekocht, gegessen und gelacht. Heute war Lilly an der Reihe, für die Familie zu kochen.

Allerdings war sie schon viel zu spät dran. „Gib mir noch ein paar Minuten.“

„Nur keine Eile“, beschwichtigte Beth. „Es reicht, wenn du einen Salat machst. Der Rest wird geliefert.“

„Aber Mom.“ Lilly warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. „Darüber haben wir doch schon gesprochen. Ich dachte, die Mieteinnahmen wären dazu da, die Rechnungen zu bezahlen.“

„Sind sie ja auch. Ich habe keinen Cent für das Abendessen ausgegeben.“ Sie lächelte. „Ich hole Kasey und Robbie.“ Es klopfte an die Hintertür. „Willst du nicht aufmachen?“

Unwillig setzte Lilly die Einkaufstaschen ab und öffnete.

Vor ihr stand ihr neuer Mieter und hielt drei Pizzakartons in den Händen. „Ich dachte, da ich früher einziehen durfte als geplant, revanchiere ich mich mit einem Abendessen. Hoffentlich haben Sie Hunger.“

„Das wäre aber nicht nötig gewesen. Ich wollte gerade anfangen zu kochen.“

Coop stellte die Kartons auf die Anrichte und stemmte die Hände in die Hüften. Das marineblaue Hemd spannte sich über die breite Brust und den flachen Bauch. Lilly fiel auf, dass er frisch rasiert war.

„Ich kann den Salat machen.“ Er trat an die Küchenzeile. „Wo finde ich eine Schüssel?“ Schon hatte er den Salatkopf in der Hand und hielt ihn unter den Wasserhahn.

Fühl dich ganz wie zu Hause, dachte Lilly grimmig.

Wenige Minuten später war der Tisch gedeckt. Coop stellte gerade die Salatschüssel ab, als Kasey und Robbie hereinkamen.

„Hey, ich kenne dich doch“, sagte Robbie. „Warum bist du schon wieder hier?“

„Robbie“, warnte Lilly streng. „Mr Cooper hat uns Abendessen mitgebracht.“

„Wie wäre es mit Peperonipizza?“ Coop zwinkerte dem Jungen zu.

Robbies Augen begannen zu leuchten. „Die mag ich am liebsten!“

„Ich mag keine Peperoni“, erklärte Kasey verächtlich.

Es gibt nichts, was sie in letzter Zeit mag, dachte Lilly. Und mich schon gar nicht.

„Dann ist es ja gut, dass ich auch eine vegetarische Pizza mitgebracht habe.“

„Die mag ich am liebsten“, warf Lilly ein.

Kasey verzog den Mund. „Ich habe keinen Hunger.“

Lilly errötete. „Du wirst dich jetzt benehmen und mit uns essen.“ Sie deutete auf Coop. „Kasey, das ist Mr Cooper, unser neuer Mieter. Coop, das ist meine Tochter Kasey.“

„Schön, dich kennenzulernen, Kasey.“

Das Mädchen nickte langsam, doch ihr Blick war misstrauisch. „Danke für die Pizza.“

Lilly atmete erleichtert auf, als Beth endlich die Küche betrat. Sie fing den entnervten Blick ihrer Tochter ein und legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm. „Keine Sorge. Du wirst es überleben. Immerhin warst du auch mal ein Teenager.“

Sie setzten sich an den Tisch. Lilly war kein bisschen überrascht, dass Kasey ihren Appetit schnell wiederfand.

Nach dem Essen durften Kasey und Robbie oben fernsehen. Am liebsten wäre Lilly ebenfalls gegangen, doch sie wollte nicht so unhöflich wirken wie ihre pubertierende Tochter. Stattdessen bot sie Coop einen Kaffee an.

Als er die Tasse in der Hand hielt, lenkte er das Gespräch wieder auf die Reparatur des Hauses.

„Ich lebe hier schon, seit ich ein kleines Mädchen war“, erzählte Beth. „Nach dem Tod meiner Eltern habe ich es geerbt. Zusammen mit meinem Mann Charles habe ich hier Lilly großgezogen. Und ich möchte, dass es einmal ihr gehört.“ Sie wirkte bedrückt. „Aber mit den vielen Reparaturen werde ich wirklich nicht allein fertig.“

Coop nickte. „Das Haus ist solide gebaut. Man müsste ein paar Bretter in der Veranda auswechseln und die Betonstufen ausbessern. Sie sind ziemlich marode und fangen schon an zu bröckeln.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir das leisten kann.“

Coop lächelte breit. „Das ist kein Problem. Wenn Sie das Material besorgen, erledige ich den Rest gratis.“

Beth wollte widersprechen, doch Coop fiel ihr ins Wort. „Es macht mir wirklich nichts aus. Aber ich würde mich freuen, wenn ich dafür hin und wieder mit Ihnen essen dürfte.“

Lilly missfiel der Gedanke. Sie brauchte keinen Mann im Haus, sondern wollte Ruhe und Frieden. „Ich glaube nicht, dass Sie Ihre freien Abende mit zwei zankenden Kindern verbringen möchten.“

„Damit kann ich umgehen“, versicherte er.

Sie betrachtete den attraktiven Mann an ihrem Küchentisch.

Das wurden ganz sicher keine ruhigen Sommerferien.

3. KAPITEL

Lilly versuchte mit aller Macht, ihn zu ignorieren. Aber es war schwer, den halb nackten Mann vor dem Küchenfenster zu übersehen.

Es war gerade einmal acht Uhr morgens, und Noah Cooper stand auf einer Leiter und kratzte mit einem Spachtel die abblätternde Farbe von der Hauswand.

Lilly gab auf. Als Coop sich bückte, bewunderte sie seine breiten Schultern.

Ihr wurde heiß. Was war nur los mit ihr? Sie hatte schließlich Besseres zu tun, als hier zu stehen und einen gut aussehenden Mann in ihrem Garten anzuhimmeln. Noch dazu einen Mann, den sie erst seit zwei Tagen kannte.

Außerdem hatte sie von allen Männern genug. Nach dem Desaster mit Michael war es besser, sich und die Kinder vor weiteren Katastrophen zu bewahren.

Michael – der Mann, den sie vor so vielen Jahren kennen und lieben gelernt hatte – hatte sich über Nacht verändert. Lilly konnte es noch immer kaum glauben. Sie waren zusammen zur Grundschule gegangen. Sie hatten dieselbe Highschool besucht und waren anschließend auf dasselbe College gegangen. Und sie hatten geheiratet, als Lilly zwanzig Jahre alt war. Es hatte nie einen anderen Mann in ihrem Leben gegeben.

Doch plötzlich hatte er Geheimnisse vor ihr. Er war abwesend und distanziert und kam Lilly vor wie ein Fremder. Dann hatte er sie und die Kinder ohne eine plausible Erklärung verlassen.

Doch was sie am meisten bestürzt hatte, war, wie er nach der Scheidung mit den Kindern umgegangen war. Er hatte Lilly das volle Sorgerecht überlassen und weigerte sich, Kasey und Robbie zu besuchen.

Anfangs zahlte er anstandslos den Unterhalt für die Kinder, aber Lilly hatte bald herausgefunden, dass er eine Hypothek auf ihr gemeinsames Haus aufgenommen hatte – aller Wahrscheinlichkeit nach für die Firma, die offensichtlich nicht so gut lief wie gedacht.

Vor allem Kasey hatte unter der Trennung gelitten. Zwei Jahre lang hatte Lilly vergeblich gewartet, dass Michael sich melden würde. Und dann hatte sie vor ein paar Monaten von seinem Tod erfahren.

Der Sheriff war in Beths Haus gekommen und hatte ihr erzählt, dass es sich um einen Selbstmord handelte.

An diesem Tag war auch etwas in Lilly gestorben. „Was ist damals bloß passiert?“, murmelte Lilly. „Warum hast du aufgehört, uns zu lieben, Michael?“

Sie spähte aus dem Fenster. Coop schien völlig in seiner Arbeit versunken zu sein.

Warum fühlte sie sich zu ihm hingezogen? Lag es nur daran, dass sie sich nach so langer Zeit wieder nach der Aufmerksamkeit eines Mannes sehnte?

Zugegeben, er war ein bemerkenswerter Mann – einer, der anpackte, wenn es darauf ankam.

In diesem Augenblick stieg er von der Leiter und griff nach dem Wasserschlauch.

Lilly hielt den Atem an.

Er drehte den Hahn auf, hielt den Schlauch über seinen Kopf und ließ das Wasser über seinen erhitzten Körper fließen.

„Oh“, entfuhr es Lilly. Sie beobachtete, wie das Wasser über seine breite Brust perlte und auf seine Jeans tropfte. Die Sonne hatte seine Haut gebräunt. Lilly betrachtete das kleine Tattoo auf seiner Schulter.

In diesem Moment ertönte hinter ihr eine Stimme. „Was gibt es denn da draußen so Interessantes?“

Sie zuckte erschrocken zusammen und sah ihre Mutter, die neugierig auf sie zukam.

Beth lachte. „Aha. Das sind ja schöne Aussichten.“ Sie seufzte. „Man müsste noch einmal jung sein.“

Lilly griff kopfschüttelnd nach ihrer Kaffeetasse. „Mom, und das in deinem Alter …“

„In jedem Alter“, erwiderte Beth. „Es ist doch nichts dabei, sich einen attraktiven Mann anzusehen. Du solltest es genießen, Lilly. Du bist eine gesunde, junge Frau.“

„Ja, und obendrein Mutter von zwei Kindern und Leiterin einer Schule. Ich sollte ein Vorbild sein.“

„Eben. Zeig deinen Kindern, dass du noch am Leben bist.“

Doch bevor Lilly etwas erwidern konnte, wurde die Hintertür geöffnet, und Mr Sexy kam herein. Immerhin hatte er sich ein Hemd übergezogen.

Er nickte ihnen zu. „Morgen, Ladies.“

Beth lächelte. „Guten Morgen, Coop. Sie sind ja früh auf den Beinen.“

„Ich wollte anfangen, bevor es zu heiß wird“, erklärte er und goss Kaffee in einen Becher.

„Ja, gegen Mittag ist die Sonne kaum auszuhalten.“ Beth wandte sich an Lilly. „Warum frühstückt ihr nicht gemeinsam? Du könntest Coop ein paar Eier braten. Ich muss leider weg. Ich habe versprochen, für Jenny im Laden einzuspringen.“

Lilly verzog das Gesicht. „Sicher“, sagte sie knapp.

„Ich bin zum Mittagessen zurück. Wenn euch etwas fehlt, könnt ihr mich im Blind Stitch erreichen. Bis später.“

„Bis später.“ Lilly nahm eine Pfanne aus dem Schrank und schaltete den Herd ein. „Wie möchten Sie die Eier?“ Sie sah ihn nicht an.

„Mir ist alles recht.“ Coop beobachtete sie.

Unwillig nahm sie den Schinken aus dem Kühlschrank und gab etwas Fett in die Pfanne.

Coop deckte den Tisch, holte Lebensmittel aus dem Schrank und nahm ihr die Pfanne ab. „Das müssen Sie nicht machen. Schließlich gilt der Deal nur zwischen mir und Ihrer Mutter, und Sie haben Ferien.“

Sie sah ihn herausfordernd an. „Ich habe zwei Kinder, Mr Cooper. Da hat man niemals Ferien.“ Sie wandte sich ab.

Coop betrachtete sie aufmerksam. „Warum wollen Sie mich nicht hier haben?“

Lilly zögerte. „Ich weiß nichts über Sie. Und ich muss meine Familie beschützen.“

„Ich bin nur hier, um einen Job zu machen. Das ist alles. Ich würde euch niemals wehtun.“

Lilly starrte unverwandt auf den Herd. „Die letzten Jahre waren nicht leicht für uns. Ich habe gelernt, vorsichtig zu sein. Die Kinder sind von ihrem Vater verlassen worden. Er hat sich nie mehr gemeldet. Ich will nicht, dass sie sich an jemanden gewöhnen, der uns bald wieder verlässt. Und Robbie ist leicht zu beeinflussen.“

„Das ist verständlich. Aber Sie können Ihren Sohn nicht davon abhalten, sich mit anderen anzufreunden. Das würde ihm genauso schaden.“

Lilly nahm die Pfanne vom Herd, gab Eier und Schinken auf zwei Teller und stellte sie auf den Tisch. Coop reichte ihr die Kaffeetasse und nahm zwei Servietten aus dem Spender. Schweigend setzten sie sich an den Tisch. Lilly wich seinem Blick aus.

„Wäre es Ihnen lieber, wenn ich wieder ausziehe?“

Lilly ließ die Gabel sinken. „Das würden Sie tun?“

„Wenn Sie mir nicht vertrauen können, ja. Ich kann auch in einem Motel unterkommen.“

Coop hatte plötzlich keinen Appetit mehr. Er hasste den Gedanken, dass Lilly ihn für einen schlechten Menschen halten könnte.

„Das kann ich nicht verlangen. Außerdem wäre es gegen den Wunsch meiner Mutter.“ Lilly legte die Gabel beiseite. „Sie haben recht, Mr Cooper. Sie haben mir keinerlei Anlass gegeben, Sie so unhöflich zu behandeln. Bitte nehmen Sie meine Entschuldigung an.“

„Aber nur unter einer Bedingung.“

Lilly hob die Braue.

„Mein Name ist Coop. Wenn das so weitergeht, sage ich nur noch Direktorin Perry.“

Sie konnte ihr Lächeln nicht verbergen. „Einverstanden, Coop. Wo kommst du her?“

„Ich wurde in El Paso geboren, in Texas. Dort bin ich auch aufgewachsen.“

„Lebt deine Familie noch dort?“

Er schüttelte den Kopf. „Mein Vater hat sich kurz nach meiner Geburt davongemacht, und meine Mutter hat uns vor vielen Jahren verlassen. Ich hatte einen Halbbruder, aber er wurde erschossen. Er hatte Frau und Kinder.“ Und diese waren ein Grund, warum er Delgado fassen musste. Koste es, was es wolle. „Zu ihnen habe ich noch Kontakt.“

Lilly sah ihn mitfühlend an. „Das tut mir leid. Wie ist dein Bruder gestorben?“

„Er wurde im Dienst erschossen. Er war Polizist.“ Coop schob den Teller von sich und stand auf. „Ich sollte besser wieder an die Arbeit gehen.“

Lilly streckte die Hand aus und berührte seinen Arm.

Coop hielt inne. Die sanfte Berührung sandte ihm einen Schauer über den Rücken. Sein Mund wurde trocken. Plötzlich war er von heftigem Verlangen erfüllt. Ein Verlangen, das er schon seit langer Zeit nicht mehr gespürt hatte.

„Gibt es irgendetwas, das ich für dich tun kann?“

In Sekundenbruchteilen spielten sich ungewollte Szenen vor seinem inneren Auge ab. Bevor er Lilly Perry getroffen hatte, wäre ihm niemals in den Sinn gekommen, dass eine Schulleiterin so attraktiv sein konnte.

„Ich hätte nichts gegen einen schönen kalten Eistee.“

„Ist das alles?“

Oh, das war noch lange nicht alles. Aber wenn sie wüsste, was er am liebsten mit ihr gemacht hätte, würde sie ihn sofort auf die Straße setzen.

Zwei Stunden später verlegte Coop seinen Arbeitsplatz auf die schattige Veranda, um nicht von der Mittagssonne verbrannt zu werden. Allerdings war es hier auch nicht viel kühler.

Eine Kinderstimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Was machst du da?“

Coop sah über seine Schulter. Robbie stand hinter ihm und blickte ihn mit großen, neugierigen Augen an.

„Ich will das Haus streichen.“

„Oh. Das Haus gehört Grandma.“ Robbie deutete auf die Tür. „Hat sie dir das erlaubt?“

Coop unterdrückte ein Lächeln. „Ja. Sie freut sich sogar darüber.“

Der Junge kickte einen Kiesel von der Veranda. „Darf ich helfen?“

Coop stieg von der schmalen Trittleiter. „Das kommt darauf an, wie hart du arbeiten kannst. Ich mag keine Drückeberger.“

„Ich bin kein Drückeberger.“

„Das ist gut, denn ich bezahle gutes Geld, und dafür will ich vollen Einsatz.“

Robbie machte große Augen. „Du würdest mich bezahlen?“

„Sicher.“ Coop sah sich um. „Ich könnte jemanden brauchen, der die Späne zusammenkehrt.“

„Das kann ich“, verkündete der Junge stolz.

„Schön. Hinter dem Haus habe ich einen Besen und einen Eimer abgestellt.“

„Bin schon unterwegs!“ Wie der Blitz fegte Robbie die Stufen hinunter und hinter das Haus.

Coop sah ihm lächelnd nach. Doch gleich darauf verschwand das Lächeln. Coop beobachtete, wie ein Wagen vor dem Haus hielt. Der Transporter wurde von einem breiten Truck gezogen, auf dessen Seitentür das Firmenlogo prangte. Coop straffte sich. Perry’s Gartenbau stand in leuchtenden Lettern auf der Tür.

Sein Herz begann schneller zu schlagen. „Jetzt beginnt der richtige Job“, murmelte er.

Zwei Männer stiegen aus dem Truck. Ihr dunkler Teint verriet ihre lateinamerikanische Herkunft. Sie gingen um den Anhänger herum und hoben einen Rasenmäher von der Ladefläche. Dann wurde die Fahrertür geöffnet.

Der Mann, der nun auf das Haus zukam, war groß und schlank. Er hatte ebenfalls dunkle Haut und dichtes schwarzes Haar. Er wirkte stolz und gepflegt, und obwohl er die gleiche grobe Arbeitskleidung trug wie die beiden anderen Männer, bezweifelte Coop, dass er ein einfacher Hilfsarbeiter war.

Sein Gang und seine Erscheinung kamen Coop sofort bekannt vor. Er hätte Delgados Zwillingsbruder sein können.

Und er kam direkt auf Coop zu. „Hey, Kumpel, willst du das Haus streichen?“

„Sieht so aus.“

Er musterte Coop aufmerksam. „Rey Santos“, stellte er sich vor.

„Noah Cooper.“

„Wo ist dein Team?“

„Du stehst direkt vor ihm.“

Santos runzelte die Stirn. „Brauchst du Helfer? Ich könnte dir Arbeiter besorgen. Zu einem guten Preis.“

„Nein danke. Ich arbeite immer allein.“

Die beiden Männer starrten sich an, als Robbie um die Haus­ecke kam. Er hielt Besen und Eimer in den Händen und sprang fröhlich auf die Veranda. Doch sobald er Santos sah, hielt er inne. Sein Gesicht wurde ernst.

Coop deutete auf den Jungen. „Dieser kleine Kerl hier ist alle Hilfe, die ich brauche.“

Santos sah nicht im Mindesten überzeugt aus. „Ist Mrs Perry da?“

„Nein!“, platzte Robbie heraus. „Sie musste weg.“

Coop entging nicht der ängstliche Ton in Robbies Stimme. Was war geschehen? Hatte Santos die Familie belästigt?

„Dann spreche ich sie später.“

Robbie wartete, bis der Mann die Veranda wieder verlassen hatte und bei seinem Truck war. Dann fragte er Coop: „Was macht der denn hier?“

„Eigentlich dachte ich, er will sich um euren Garten kümmern.“ Coop kniete sich vor den Jungen, um ihm auf Augenhöhe zu begegnen. „Stimmt was nicht, Robbie? Hat dir dieser Mann etwas getan?“

Der Junge schüttelte den Kopf. „Nein. Aber er hat mal meine Mom angeschrien. Sie hat ihm gesagt, dass er gehen soll. Und vor langer Zeit hat er mit meinem Dad gearbeitet. Er ist wütend geworden, weil ich einmal dabei war, wie er mit meinem Vater geredet hat.“

Coop horchte den Jungen ungern aus, aber er hatte keine Wahl. „Warum? Hatten sie ein Geheimnis?“

„Ich glaub schon. Ich musste meinem Dad versprechen, dass ich es niemandem sage.“

„Was sagen?“

Der Junge zögerte und machte ein ängstliches Gesicht.

„Ist schon okay, Robbie.“ Coop legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. „Du wirst jetzt keinen Ärger mehr bekommen.“

Robbie nickte langsam. „Einmal war ich mit Kasey allein zu Hause. Sie wurde wütend auf mich und wollte, dass ich in mein Zimmer gehe. Eigentlich sollten wir zu Hause bleiben. Aber ich habe mich rausgeschlichen. Ich wollte meinen Dad sehen.“

Bingo.

Der Junge sah ihn flehend an. „Sag es nicht meiner Mom. Sie würde nur wieder traurig werden.“

Coop ergriff Robbies Schultern. „Wir wollen sie ganz bestimmt nicht traurig machen. Aber eines ist wichtig, Robbie: Hat Santos dich gesehen, als du bei deinem Dad warst?“

„Nein. Dad wollte, dass ich mich verstecke, als der Mann hereinkam. Sie haben sich angebrüllt. Irgendwann ist der Mann wieder gegangen. Mein Dad hat gesagt, dass es keine gute Idee ist, wenn ich ihn wieder bei der Arbeit besuche.“ Robbie schluckte. „Und dann ist er gestorben.“

Seine Tränen versetzten Coop einen Stich in die Brust. „Ich weiß, wie schlimm es ist, jemanden zu verlieren. Ich habe meinen Bruder verloren.“

Robbies Lippen zitterten. „Hast du geweint?“

„Ja. Ich habe viel geweint. Und weißt du was?“ Coop zeigte auf sein Herz. „Es hilft, wenn du dich an die guten Zeiten erinnerst und sie in deinem Herzen aufbewahrst. Denk an die vielen schönen Momente, die du mit deinem Dad hattest.“

Nachdenklich sah Robbie zu Boden. „Mein Dad mochte Erdnüsse. Er hat sie immer in einem Glas versteckt, weil Mom meinte, dass er nicht zu viele essen soll. Aber mit mir hat er sie geteilt.“

Coops Brust zog sich zusammen. Michael Perry war offensichtlich ein anständiger Mann gewesen. Was war mit ihm passiert? „Ja, das ist eine gute Erinnerung. Und ich erinnere mich daran, wie ich mit meinem Bruder Baseball-Sammelkarten getauscht habe. Ich war wütend auf ihn, weil er meine Karten geknickt und schmutzig gemacht hat. Aber ein paar Jahre später hat mir Devin zum Geburtstag eine Karte von Nolan Ryan geschenkt.“

Der Junge grinste. „Den mochte mein Dad auch.“

„Nun … vielleicht können wir uns irgendwann gemeinsam ein Spiel ansehen“, schlug Coop vor. „Aber jetzt sollten wir uns wieder an die Arbeit machen.“

Lilly hatte die Haustür geschlossen, um den Lärm des Rasenmähers zu dämpfen. Und um Santos fernzuhalten. Doch auf dem Weg durch den Flur hatte sie durch das angelehnte Fenster Coops und Robbies Stimmen gehört.

Sie hatte nicht vorgehabt zu lauschen, doch als Robbie seinen Vater erwähnt hatte, war sie stutzig geworden. Seit Michaels Tod hatten weder Kasey noch ihr Bruder über ihn gesprochen. Es war unglaublich, zu hören, wie ihr Sohn sich nun diesem fremden Mann anvertraute. Und es war ein Schock, zu erfahren, dass Robbie seinen Vater mit Santos gesehen hatte. Doch im Grunde hatte Lilly es schon lange geahnt: Michael hatte sich mit Santos auf irgendein zwielichtiges Geschäft eingelassen.

Sie versuchte, den Gedanken zu verdrängen. Michael war tot. Für sie zählte nur, sich und die Kinder über die Runden zu bringen.

Es gefiel ihr, wie behutsam Coop mit ihrem Sohn umging. Mit seiner umsichtigen Art schien er zu Robbie durchzudringen. Und indem er ihm etwas über sein eigenes Leben erzählte, stärkte er das Selbstbewusstsein des Jungen. Er zeigte ihm, dass er ihm vertraute – und der Verlust geliebter Menschen schien sie miteinander zu verbinden.

Plötzlich fiel Lilly das Atmen schwer. Nicht nur sie hatte in den vergangenen Jahren gelitten. Vielleicht hatte sie Noah Cooper unrecht getan. Schließlich konnte sie ihren Ärger und ihre Enttäuschung nicht auf alle anderen Männer übertragen. Wenn die Dinge damals doch anders gelaufen wären. Dank Michael hatte die ganze Stadt von ihrer Scheidung erfahren. Und von dem Selbstmord.

Lilly schüttelte den Kopf. Entschlossen ging sie zur Tür und trat auf die Veranda.

„Mom! Ich arbeite jetzt für Coop. Er will mich sogar bezahlen!“

„Das ist schön. Warum gehst du nicht rein und holst dir und deinem neuen Boss Mineralwasser? Ihr seid bestimmt durstig.“

„Mach ich!“ Robbie ließ den Besen fallen und rannte hinein.

Lilly sah Coop an. „Danke, dass du dich um Robbie kümmerst. Er hat so selten die Gelegenheit, etwas mit einem Mann zu unternehmen.“

„Kein Problem. Er ist ein toller Junge. Ich vermute, er hat nicht viel Zeit mit seinem Vater verbracht.“

Lilly schüttelte schweigend den Kopf. Ihr Blick schweifte in die Ferne.

Coop räusperte sich. „Entschuldigung. Ich wollte nicht neugierig sein.“

„Nein, schon gut. Es stimmt. Robbie und Kasey haben ihren Vater in den letzten Jahren kaum gesehen.“

Eine steile Sorgenfalte zeigte sich auf ihrer hübschen Stirn. „Ich hätte es Michael nach der Scheidung nicht so schwer machen dürfen. Aber ich war so wütend …“ Sie verstummte.

„Wurden ihm denn keine Besuchszeiten eingeräumt?“

„Doch, schon. Aber er hat sie selten genutzt. Eigentlich fast nie.“

Plötzlich bekamen sie Gesellschaft. Rey Santos bog um die Ecke des Hauses. Sein öliges Lächeln sandte Lilly einen unangenehmen Schauer über den Rücken. „Mrs Perry“, begrüßte er sie. „Ich würde gern mit Ihnen reden.“

„Ich habe gerade keine Zeit.“

„Es dauert nur eine Minute. Stephanie würde gern wissen, ob Sie Mikes Sachen schon durchgesehen haben.“

Lilly stieß hörbar den Atem aus. „Sagen Sie meiner Schwägerin, dass ich nichts mitgenommen habe. Mikes Sachen sind noch immer in seinem Haus.“

Santos machte ein säuerliches Gesicht und ging einen Schritt auf sie zu. „Stephanie hat ein Recht auf die Sachen. Vor allem, wenn es um Geschäftspapiere geht.“

Auf einmal wurde Lilly bewusst, dass Coop ihr schützend zur Seite stand. Seine Präsenz war stark und vertrauenerweckend. Ohne ihn hätte sie vor Santos womöglich Angst bekommen. „Am besten redet Stephanie mit dem Sheriff. Er hat fast alles mitgenommen – als Beweismaterial.“ Dieser Teil der Geschichte war erfunden.

„Na schön. Ich werde es ihr sagen.“ Santos sah sie grimmig an.

„Und sagen Sie ihr, dass ich Ihren Gartendienst nicht länger brauche. Ich kann es mir nicht leisten.“

Santos’ Augen funkelten. Es wirkte fast ein bisschen bedrohlich. „Sí, señora, ich werde es ihr ausrichten.“

Er gab seinen Männern ein paar Anweisungen auf Spanisch. Sie packten das Gartengerät ein und fuhren davon.

Lilly atmete auf und lehnte sich für einen Augenblick an Coop.

„Willst du darüber reden?“, fragte er.

Lilly schüttelte den Kopf. Sie durfte ihn nicht in diese Sache hineinziehen.

Und vor allem durfte sie nicht die Gefühle zulassen, die er in ihr weckte. „Alles, was es zu wissen gibt, war monatelang Stadtgespräch. Du kannst jeden in Kerry Springs fragen.“

Seine dunklen Augen hielten ihren Blick fest. „Vielleicht will ich nur deine Version der Geschichte hören.“

„Ich wünschte, das wäre so einfach. Das meiste davon habe ich nämlich bis heute nicht verstanden.“

4. KAPITEL

Am späten Nachmittag wählte Lilly zum wiederholten Mal Kaseys Nummer. Zunächst war sie ärgerlich, dass der Teenager sich nicht meldete, doch langsam begann Lilly sich Sorgen zu machen. „Kasey, wo steckst du bloß?“

Auch Robbie wusste nicht, wo seine Schwester so lange blieb. Allerdings hatte er auch ganz andere Dinge im Kopf. Stolz hatte er seiner Mutter die fünf Dollar gezeigt, die er von Coop für seine Arbeit bekommen hatte.

Ein Lächeln huschte über Lillys Gesicht. Doch auch Robbies Begeisterung konnte ihr die Angst um Kasey nicht lange nehmen.

In diesem Moment wurde die Küchentür geöffnet.

Lilly wirbelte herum, doch auf der Schwelle stand nicht Kasey, sondern Coop. „Entschuldigung, ich wollte dich nicht erschrecken. Ich wollte nur fragen, ob Robbie morgen wieder beim Putzen helfen darf. Er ist so fleißig und …“ Coop sah Lillys besorgte Miene. „Stimmt etwas nicht?“

„Kasey ist noch nicht nach Hause gekommen. Sie wollte vorhin ihre Freundin Jody besuchen, aber dort geht niemand ans Telefon. Sie müsste längst zurück sein. Und an ihr Handy geht sie auch nicht.“

Coops Gegenwart hatte etwas Beruhigendes, und Lilly fühlte sich getröstet. „Mach dir keine Sorgen, Lilly. Wir werden sie finden.“

Coop nahm Lilly und Robbie in seinem Truck mit.

Eine halbe Stunde lang fuhren sie herum, klapperten die Nachbarschaft ab und klingelten bei Jodys Eltern. Dort war niemand zu Hause.

Schließlich fuhren sie in die Stadt. Der Junge der Eisdiele hatte die beiden Mädchen gesehen, doch das war vor drei Stunden gewesen.

Lilly war kurz davor, in Panik zu geraten. Coop parkte vor dem Blind Stitch Quilt Shop und hielt Lilly und Robbie die Tür auf.

Beth blickte überrascht auf. „Kasey? Sie war hier. Etwa vor einer halben Stunde.“ Sie hob die Hände. „Ich dachte, sie geht direkt nach Hause.“

„Wir suchen weiter“, schaltete sich Coop ein. „Auf der anderen Straßenseite habe ich eine Spielhalle gesehen. Kann es sein, dass Kasey sich dort manchmal mit Freunden trifft?“

Lilly zögerte. „Eigentlich nicht. Sie weiß, dass ich strikt gegen diese furchtbar hektischen Videospiele bin. Außerdem gibt es Gerüchte, dass dort Drogengeschäfte gemacht werden. Die Bürger von Kerry Springs haben versucht, den Laden schließen zu lassen.“ Sie seufzte. „Andererseits tut Kasey zurzeit viele Dinge, die ich nie von ihr erwartet hätte. Und sie spricht ja kaum noch mit mir.“

Coop nickte. Dass das Mädchen seinen eigenen Kopf hatte, war ihm bereits aufgefallen. Aber hatten nicht alle Teenager ihre rebellische Phase? Er nahm Lillys Hand. „Ihr bleibt hier. Ich sehe mich mal in der Spielhalle um.“

Während er die Straße überquerte, dachte er an all die Fälle von vermissten Kindern, die ihm während seiner Dienstzeit untergekommen waren. Manche waren gut ausgegangen – manche nicht. Er betete, dass sich dieser Fall schnell lösen und zum Guten wenden würde.

Das Dark Moon war tatsächlich kein einladender Ort. Im Inneren herrschte eine düstere Atmosphäre. Die Wände waren schwarz gestrichen und schluckten das zuckende Stroboskoplicht. Auch die glitzernde Discokugel an der Decke konnte nicht darüber hinwegtäuschen, wie schmuddelig und schmutzig der Laden war.

Coop sah sich aufmerksam um. Jugendliche und Erwachsene hockten vor den blinkenden, sirrenden Automaten und fütterten die Maschinen mit Dollarscheinen. Viele Spieler hatten einen hungrigen Glanz in den Augen, der Coop nur allzu bekannt war. Sie füllten ihre innere Leere mit den flirrenden Bildschirmen und dem Geklacker der Flipperautomaten.

Doch manchen reichte das nicht aus. Sie brauchten mehr – und Drogen lagen in solchen Fällen sehr nahe.

Coop ging an den langen Reihen der Maschinen entlang. Er wollte die Suche schon aufgeben, als er in einer Ecke des Raumes ein blondes Mädchen entdeckte. Sie trug einen Minirock und ein enges kurzes T-Shirt, das mehr von ihrem jungen Körper preisgab, als gut für sie war. Und sie war nicht allein.

Coop straffte sich. Zwei Jungen standen bei ihr. Sie waren mindestens drei Jahre älter als Kasey und betrachteten das Mädchen mit unverhohlener Neugier. Ein Junge legte den Arm um sie. Das war nicht gut.

„Kasey Perry!“, rief er über den Lärm der Automaten hinweg. „So ein Zufall!“

Kaseys Lächeln erstarb. „Oh, Mr Cooper.“ Sie trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. „Was machen Sie hier?“

„Ach, nichts Besonderes. Ich dachte, ich sehe mir mal an, wie man sich in dieser Stadt so die Zeit vertreibt.“

Coop musterte abschätzend die beiden Jungen. Sie waren schlaksig und schmächtig, doch fast so groß gewachsen wie Coop selbst. „Sind das deine Freunde?“, fragte er Kasey.

Die Jungs runzelten skeptisch die Stirn und sahen Kasey fragend an.

„J…ja. Das sind Randy und Jake. Und das ist Mr Cooper. Er wohnt im Haus meiner Großmutter.“

Coop schüttelte ihre Hände. „Schön, euch kennenzulernen. Wollt ihr den ganzen Sommer hier abhängen?“

„Wir warten darauf, dass das Footballcamp beginnt“, erklärte Jake. „Wir spielen in der ersten Schulmannschaft.“

„Hey, das ist spitze.“ Coop verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe früher auch Football gespielt.“ Er warf einen Blick in die Runde. „Wenn es euch hier zu langweilig wird, habe ich einen Tipp für euch. Alex Casali sucht noch Helfer bei dem neuen Hausprojekt. Ihr könnt bestimmt hart anpacken. Wenn ihr euch etwas dazuverdienen wollte, fragt ihn nach einem Job. Sagt ihm einfach, Noah Cooper hat euch geschickt.“

Bei der Aussicht auf einen gut bezahlten Ferienjob leuchteten ihre Augen auf. „Oh, danke. Das werden wir machen.“

Plötzlich hatten sie es sehr eilig, sich zu verabschieden.

Zufrieden wandte sich Coop an das Mädchen. „Du solltest besser deine Mutter anrufen. Sie hat sich große Sorgen gemacht.“

Kasey rührte sich nicht. „Und wenn ich nicht will?“

Coop zuckte die Schultern. „Weißt du, Kasey, ich habe dich für ein kluges Mädchen gehalten. Aber offensichtlich habe ich mich geirrt. Ich habe schon mitbekommen, dass du wütend auf deine Mutter bist. Aber sich so zu benehmen, macht es auch nicht besser.“

Kaseys Miene veränderte sich. Der trotzige Ausdruck wich einem hilflosen Blick. „Sie ist immer so streng“, brachte sie kläglich hervor. „Ich darf nie irgendwohin gehen.“

„Vertrauen muss man sich verdienen“, erklärte Coop. „Wenn du willst, dass deine Mutter dir mehr vertraut, dann darfst du dich auch nicht so unreif verhalten.“

Kasey sah ihn verächtlich an. „Das geht Sie überhaupt nichts an.“

„Na schön. Dann will ich dir mal etwas über die echte Welt erzählen, Kasey. Diese beiden Jungs, die du so süß findest, hatten noch eine Menge mehr mit dir vor, als ein paar Videospiele zu spielen. Mit Sicherheit mehr, als dir lieb wäre.“ Er deutete zum Ausgang. „Und es geht mich sehr wohl etwas an, wenn deine Mutter mich um Hilfe bittet. Sie war ganz krank vor Sorge. Deshalb wirst du jetzt mitkommen.“

Es war nach zehn Uhr, als die Kinder endlich im Bett waren und Lilly sich mit einem Glas Wein auf die Veranda setzte.

Alle Versuche, mit Kasey über den Tag zu sprechen, waren gescheitert. Das Mädchen schien überhaupt nicht einzusehen, wie wichtig es für Lilly war, dass sie erreichbar blieb und an ihr Handy ging, wenn sie unterwegs war. Schließlich hatte Lilly ihr eine Woche lang Hausarrest und absolutes Computerverbot erteilt.

Seufzend ließ Lilly sich auf die Treppenstufen zum Garten nieder. Sie hatte das Gefühl, heute um Jahre gealtert zu sein.

Die vergangenen zwei Jahre waren die Hölle gewesen. Sie hatte sich mit Schuldgefühlen gequält und sich andauernd gefragt, warum sie als Ehefrau versagt hatte. Und nun, nur wenige Monate nach Mikes Tod, versagte sie auch als Mutter.

Plötzlich klappte eine Tür. Lilly sah auf und entdeckte Coop. Er trat aus seinem Haus und kam über den Rasen auf sie zu.

Eigentlich war Lilly nicht nach Reden zumute, doch nach allem, was er heute für sie getan hatte, schuldete sie ihm mehr als einen knappen Dank.

Vor der Treppe blieb Coop stehen. Er hielt eine Flasche Bier hoch und deutete auf den Platz neben Lilly. „Darf ich mich setzen?“

Warum war er bloß immer so rücksichtsvoll? Seine umsichtige Art machte es ihr schwer, ihn auf Abstand zu halten. Sie nickte. „Sicher.“

Als er sich neben sie setzte, musterte sie ihn verstohlen. Er trug Jeans und ein sauberes schwarzes T-Shirt.

„Wie hat Kasey reagiert?“

„Nicht gut. Für sie bin ich schon von Berufs wegen ein Spaßverderber.“

Coop lehnte sich an das Geländer. „Sie kann froh sein, dass sie ihrer Mutter so viel bedeutet.“ Er trank einen Schluck. „Und wie geht es dir, Lilly? Das war ein harter Tag für dich.“

Lillys Magen zog sich zusammen. Sie wünschte sich fast, dass Coop weniger liebenswürdig wäre. „Ja, der Tag war furchtbar. Aber du hast mir sehr geholfen, und ich bin dir wirklich dankbar.“ Sie machte eine kurze Pause. „Du musst wissen, dass Kasey ganz vernarrt in ihren Vater war. Er war der einzige Mensch, der mit ihren Launen umgehen konnte. Wahrscheinlich gibt sie mir die Schuld an seinem Tod.“

„Irgendjemand muss immer die Schuld haben, das macht es leichter. Und du bist diejenige, die ihr am nächsten steht. Bei dir kann sie sicher sein, geliebt zu werden – ganz egal, wie sie sich verhält.“

Die Dunkelheit machte es Lilly leichter, über diese Dinge zu sprechen. Sie trank einen Schluck Wein. „Das trifft es wohl ziemlich genau. Warst du in einem anderen Leben etwa Psychologe?“

„Nein. Aber ich habe es meiner Mutter auch nicht gerade leicht gemacht, als ich jung war.“ Er seufzte. „Ich wünschte, ich wäre ein besserer Sohn gewesen. Aber jetzt ist es zu spät.“

Ihre Neugier siegte über ihr Formgefühl. „Und was ist mit deinem Vater?“

„Er gehörte nie zu meinem Leben.“ Er hob die Schultern. „Ich weiß nicht einmal genau, wie er aussah.“

„Das heißt, seit dem Tod deines Bruders bist du ganz allein.“

Coop schwieg für einen Moment. Er hatte nicht vorgehabt, Lilly in seine Familiengeschichte einzuweihen. „Da gibt es noch meine Schwägerin und meine Nichte. Ich sollte mich öfter bei ihnen melden.“ Allerdings nicht, solange er als verdeckter Ermittler arbeitete.

„Ja, das solltest du.“ Lilly fuhr sich durch das Haar und lächelte. „Und du solltest nicht auf eine Frau hören, die nachts auf ihrer Veranda sitzt und in ihr Weinglas weint.“

„Niemand zwingt mich dazu. Ich bezweifle, dass du dich oft beschwerst, Lilly.“ Wenn er sich jetzt nicht bremste, würde er dieser Frau noch viel mehr Komplimente machen. „Ich würde dir gern sagen, dass alles gut wird, Lilly. Aber das kann ich nicht. Ich kann dir nur sagen, dass du zwei tolle Kinder hast. Halte einfach weiterhin durch.“

Sie sah ihn an.

Das Mondlicht spiegelte sich in ihren großen Augen und malte weiche Schatten in ihr Gesicht.

Nimm dich zusammen! „Was ist eigentlich mit ihrer Tante?“, wechselte er das Thema. „Hilft sie dir nicht?“

„Stephanie? Die hat von Anfang an nur Ärger gemacht. Sie ist wesentlich jünger als Michael. Er hat sie praktisch großgezogen und nach dem Tod ihrer Eltern in das Familienunternehmen eingewiesen.“

Coop brauchte mehr Informationen. „Hat sie das Geschäft übernommen?“

Lilly wurde ernst. „Vielleicht ist es nur ein Zufall, aber die Probleme zwischen mir und Michael begannen ab dem Zeitpunkt, als sie in die Firma eingestiegen ist.“

Vorsicht jetzt. „Aber dein Mann hat doch sicher damals das Geschäft geleitet, oder?“

„Er war für die Buchhaltung verantwortlich. Die alltäglichen Verhandlungen mit den Arbeitern hat Stephanie geführt. Und eine Zeit lang hat das Ganze funktioniert. Sie haben gutes Geld verdient. Michael hat unglaublich viel Zeit in der Firma verbracht. Aber dann kam Rey Santos und hat die verschiedenen Teams geleitet.“

Sie zog die Stirn kraus. „Ich dachte, das würde Mike vielleicht endlich ein bisschen Arbeit abnehmen. Aber dann haben Santos und Stephanie angefangen, miteinander auszugehen.“

Lilly fröstelte. „Und auf einmal begann es in unserer Ehe zu kriseln. Von einem Tag auf den anderen ist Michael ausgezogen.“ Sie starrte in den Nachthimmel. „Irgendwann kamen die Scheidungspapiere ins Haus. Ich hätte bloß nie gedacht, dass er sich auch von den Kindern scheiden lassen würde. Und dann sein Selbstmord …“ Ihre Stimme erstarb.

Coop widerstand dem Impuls, sie in die Arme zu nehmen. Er wagte nicht, noch weitere Fragen zu stellen. Für heute hatte er sein Glück bereits genug herausgefordert.

Grimmig dachte er an Michael Perry. War der Mann ein Idiot gewesen, der Frau und Kinder sitzen ließ – oder war er der geheime Informant, der seine Familie beschützen wollte?

Coop verbrachte den nächsten Morgen damit, den Gehweg vor dem Haus auszubessern. Robbie half ihm dabei. Der Junge war Feuer und Flamme und wich Coop kaum noch von der Seite. Schließlich schickte er den Jungen zum Schwimmen mit seinen Freunden. Er hatte vor, bei Alex Casali auf der Baustelle vorbeizuschauen.

Schon von Weitem konnte man die Fortschritte auf dem Bauplatz sehen. Coop parkte den Truck neben einem der Baustellenwohnwagen und sah sich um. Fünfundzwanzig neue Häuser waren hier geplant, von denen sechs bereits bis zum September fertiggestellt werden würden.

Casali plante solide zweistöckige Wohnhäuser zu erschwing­lichen Preisen, die sich auch Familien mit niedrigem Einkommen leisten konnten. Es sah so aus, als ob der millionenschwere Rancher der Gemeinde etwas von seinem Glück zurückzahlen wollte.

Mit dem Projekt Vista Verde hatte er sich jedenfalls in die Herzen der Bewohner von Kerry Springs katapultiert. Darüber hinaus hatte der smarte Rancher ein Dutzend Energiesparhäuser in Auftrag gegeben – angeschlossen an einen kleinen Park und einen Gemeindepool – und schon jetzt gab es eine Warteliste für die preisgünstigen Wohnungen.

Coop klopfte an die Tür des Bauwagens und trat ein. Es war ein geräumiger Trailer, doch mit Alex, seiner Frau Allison und den Zwillingen, die fröhlich auf dem Boden herumtobten, war er ziemlich voll.

Alex winkte Coop heran. Der große Mann mit dem braunen Haar und den grauen Augen war eine beeindruckende Erscheinung.

Allison wandte sich an Coop. „Schön, Sie wiederzusehen. Sie kommen gerade richtig. Ich möchte alle Arbeiter von Vista Verde am kommenden Wochenende zu einem Barbecue einladen. Bitte sagen Sie auch Beth, Lilly und den Kindern Bescheid. Es soll eine Art Gemeindepicknick werden.“

Coop nickte. „Vielen Dank, Mrs Casali. Ich komme gern.“

„Nennen Sie mich Allison.“ Die hübsche Brünette gab ihrem Mann einen Kuss auf die Wange und nahm die Zwillinge an die Hand. „Wir sehen uns später, Schatz. Bis Samstag, Noah.“

Alex sah ihnen nach, wie sie den Bauwagen verließen. Coop beobachtete ihn dabei. Er ertappte sich bei dem Gedanken, dass er neidisch auf Alex Casalis Familienglück war. „Ich wollte mich mal blicken lassen und fragen, wann ich Montag anfangen soll. Vielleicht darf ich mich ja schon mal ein bisschen umsehen.“

Alex lächelte. „Natürlich.“ Er führte ihn auf eine kleine Anhöhe, von wo aus man die Baustelle überblicken konnte. Er deutete auf verschiedene Bereiche und erklärte Coop den Tagesablauf auf der Baustelle. „Charlie Reed ist dein Vorarbeiter.“ Alex sah sein Gegenüber aufmerksam an. „Ich habe keine Bedenken, dass du einen guten Job machst, Coop. Aber vermutlich gibt es einen Grund, warum Sheriff Bradshaw mich gebeten hat, dich anzustellen.“ Er hob die Hand. „Keine Angst, ich werde keine Fragen stellen. Ich möchte nur sicher sein, dass meine Familie und Freunde nicht in Gefahr sind.“

„Es gibt keinen Grund zur Sorge. Das hat nichts mit deiner Familie zu tun, Alex.“

„Gut. Trotzdem habe ich Sicherheitsleute angestellt, die die Baustelle im Auge behalten. Man kann nie wissen.“

Coop nickte. „Das ist vernünftig. So große Baugelände werden oftmals zur Zielscheibe von Vandalismus.“ Er spürte, dass er dem Unternehmer nichts vormachen konnte. Rasch wechselte er das Thema und berichtete von Kaseys Ausflug in das Dark Moon. „Ein ziemlich zwielichtiger Laden, was?“

„Das kannst du laut sagen. Wir versuchen schon lange, den Laden dichtzumachen. Ich habe sogar angeboten, ihn zu kaufen, aber der Besitzer weigert sich partout.“ Alex musterte Coop. „Sieht so aus, als wärst du seit deiner Ankunft in Kerry Springs schon in einige Dinge verwickelt worden.“

Coop zuckte die Schultern. „Offensichtlich. So ist das in der Kleinstadt.“

Alex nickte. „Versteh mich nicht falsch, Coop. Ich weiß das sehr zu schätzen. Auch, dass du Lilly und Beth beim Renovieren hilfst. Lilly ist eine gute Freundin von uns.“ Er seufzte. „Vielleicht ist es an der Zeit, dem Sheriff einen Tipp zu geben. Das Dark Moon war mir schon immer verdächtig. Es kann nicht schaden, ein Auge auf den Laden zu haben.“

Coop nickte. Mittlerweile hatte er nicht mehr das Gefühl, dass Lilly und die Kinder sicher waren. Mikes Nachlass wurde zum Problem. Wenn der Mann irgendwo Informationen über Santos hinterlassen hatte, wurde es gefährlich. Und Stephanie und Rey waren auffällig interessiert an Mikes Papieren.

Wie weit würden sie gehen, um die Unterlagen zu bekommen?

5. KAPITEL

Zwei Tage später stand Lilly am Küchenfenster und beobachtete, wie Coop mit Robbies Hilfe den neuen Plattenweg im Garten fertigstellte.

Selbst von hier aus konnte Lilly das strahlende Gesicht ihres Sohnes sehen. Coop hatte ihn auf die Idee gebracht, seine Initialen in den frisch gegossenen Beton zu zeichnen. Mittlerweile war Coop eine Art Held für ihren Sohn geworden – und sie hatte ihn schon lange nicht mehr so glücklich erlebt.

Auch Lilly selbst ertappte sich öfter dabei, wie sie lächelte, wenn Coop in der Nähe war. Der Mann weckte Gefühle in ihr, die sie schon lange für vergessen gehalten hatte.

Nur Kasey spielte weiterhin die Beleidigte. Sie verbrachte den ganzen Tag in ihrem Zimmer und hörte so laut Musik, dass das ganze Haus erschüttert wurde. Es war ihre Art, alle wissen zu lassen, dass sie nach wie vor auf ihre Mutter wütend war.

Seufzend drehte Lilly sich um. Sie war gerade dabei, das Mittagessen vorzubereiten. Als sie den Kühlschrank öffnete und etwas aus dem unteren Schubfach nehmen wollte, wurde die Küchentür geöffnet.

„Hey.“ Coop blieb stehen und betrachtete Lillys Po. Ihre Beine waren lang und schlank, und die ebenmäßige Haut war leicht gebräunt.

Lilly bemerkte seinen Blick. Ihr wurde heiß. „Hey.“ Sie richtete sich langsam auf und genoss seine offensichtliche Faszination.

Lass das. Du spielst mit dem Feuer.

In diesem Moment polterte es auf der Treppe. Dann stürmte Robbie in die Küche. Er hatte etwas aus seinem Zimmer geholt und reichte es Coop. „Sieh mal, das habe ich von meinem Dad bekommen. Er war auch ein Fan von Nolan Ryan!“

Coop nahm ihm behutsam die Box aus der Hand. Ein signierter Baseball war in die durchsichtige Plastikverpackung eingeschweißt. „Toll. Ich habe früher auch gern Baseball gespielt.“

Robbies Strahlen verschwand. „Ich kann nicht mal gut fangen. Niemand spielt mit mir.“

Coop sah ihn mitfühlend an. Er dachte an seine Kindheit zurück, als Sport das einzige Mittel gewesen war, das ihn und seinen Bruder von einem Leben auf der Straße abgehalten und vor Dummheiten bewahrt hatte. „Ich könnte es dir beibringen“, schlug er vor. „Hast du noch einen Ball? Und einen Handschuh?“

„Klar! Ich hole ihn!“

„Warte!“, rief ihn Lilly zurück. „Zuerst wird gegessen. Die Suppe und die Sandwiches sind gleich fertig. Bitte ruf deine Schwester, Robbie.“

Der Junge sah enttäuscht aus, doch er widersprach Lilly nicht.

Nachdem er die Küche verlassen hatte, stellte Lilly den Topf auf den Tisch. Sorgenvoll betrachtete sie die Plastikbox mit dem Ball.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte Coop.

Lilly zögerte. „Ich weiß es sehr zu schätzen, dass du dich mit Robbie beschäftigst“, erklärte sie schließlich. „Ich habe nur Angst davor, was passiert, wenn du wieder gehst.“ Sie sah ihn direkt an. „Robbie hat seinen Vater verloren, Coop. Und zum ersten Mal bekommt er die Aufmerksamkeit von einem anderen Mann. Ich will nicht, dass ihm noch einmal wehgetan wird.“

„Du kannst deine Kinder nicht vor allem bewahren, Lilly. Sie müssen ihre eigenen Erfahrungen machen.“

„Aber Robbie ist erst sechs Jahre alt.“

„Das stimmt, und trotzdem musste er mit dem Tod seines Vaters klarkommen. Du bist erwachsen, Lilly, und du konntest dich nicht einmal selbst vor dem Schmerz schützen.“

Nach dem Essen verließ Lilly fluchtartig das Haus.

Sie brauchte unbedingt etwas Abstand zu Noah Cooper. Es war, als könnte dieser Mann ihre Gefühle besser verstehen als sie selbst. Womöglich lag es daran, dass auch er geliebte Menschen verloren hatte.

Doch bevor sie sich weiterhin mit der Vergangenheit quälte, ging sie lieber in den Blind Stitch Quilt Shop.

Sie ließ Kasey in ihrem Zimmer schmollen, brachte Robbie zur Kinderlesestunde in die Bibliothek und fuhr in den Laden.

Beth sah überrascht auf, als sie eintrat. „Das ist aber eine Überraschung! Ist alles in Ordnung?“

Lilly nickte. „Auch wenn das eher gegen mich spricht – ich musste unbedingt mal raus. Kaseys miese Laune ist nicht auszuhalten.“

Beth lächelte. „Diese Hormonschwankungen haben wir alle überlebt.“ Sie führte ihre Tochter in den Nebenraum, wo sie von Beths Freundinnen herzlich begrüßt wurde.

Liz und Louisa Merrick waren in Beths Alter, während Caitlin und Lisa nur wenige Jahre älter waren als Lilly selbst.

Louisa zwinkerte Lilly zu. „Keine Sorge, Kindchen. Auch die Pubertät geht irgendwann vorbei.“ Die gepflegte Dame um die sechzig wirkte gesund und munter. Obwohl sie im vergangenen Jahr einen Schlaganfall erlitten hatte, war sie wieder vollständig genesen.

„Du hast gut reden“, schaltete sich Liz ein. „Du benimmst dich ja selbst wieder wie ein Teenager, seit dein Mann sich aus der Politik zurückgezogen hat. Ständig führt er dich an irgendwelche romantische Plätze.“

Louisa strich sich mädchenhaft übers Haar. „Es kann nicht schaden, sich wieder ein bisschen jung zu fühlen.“ Dann senkte sie die Stimme. „Und unsere Lilly braucht nur einen Blick aus dem Fenster zu werfen, um sich einen attraktiven Mann anzuschauen.“

Lilly protestierte. „Mr Cooper ist schließlich unser Mieter. Es ist schwer, ihn zu ignorieren.“

„Das kann man laut sagen“, erklärte Caitlin. „Gestern bin ich an deinem Haus vorbeigefahren und habe ihn gesehen – halb nackt. Ich hätte fast einen Unfall gebaut.“

Lilly fiel in das Gelächter ein. Sie hatte diese unbeschwerten Gespräche vermisst – auch wenn darin gerade mehr Wahrheit lag, als ihr lieb war.

Nach dem Mittagessen hatte sich Coop in sein Haus zurückgezogen. Er wollte in aller Ruhe den nächsten Schritt überdenken. Es hieß, dass Delgado dabei war, sein Aktionsfeld zu verlagern, weil El Paso ein zu heißes Pflaster wurde. Und warum nicht nach Kerry Springs?

Coop wusste aus Erfahrung, dass man überall Drogen verkaufen konnte – auch in einem friedlichen Nest wie diesem. Abnehmer gab es an jedem Ort.

Die Frage war lediglich, wie Delgado vorgehen würde. Ob er sein Quartier in Perry’s Gartenbau eingerichtet hatte? Delgado war niemand, der sich auf der Straße herumtrieb und Drogengeschäfte in dunklen Ecken abwickelte. Es war wahrscheinlicher, dass er sich zunächst einen Ort wie das Dark Moon vornehmen würde.

Langsam wurde Coop kribbelig. Er musste Delgado so schnell wie möglich dingfest machen. Je eher es ihm gelang, desto eher waren Lilly und die Kinder in Sicherheit. Danach würde er gehen – und versuchen, sie zu vergessen. Die Arbeit als verdeckter Ermittler erlaubte keine Rückkehr.

In diesem Moment klopfte es. Coop klappte sein Notizbuch zu und öffnete die Tür.

Lilly stand vor ihm.

Sie trug eine hübsche blaue Bluse, die ihre schmale Taille zur Geltung brachte. Ihr Haar duftete nach Blumen. „Kann ich dich einen Moment sprechen?“

„Sicher.“ Er trat zur Seite. „Ist etwas passiert?“

„Nun … nicht direkt. Ich wollte mich entschuldigen, weil ich vorhin so kurz angebunden war. Ich habe nachgedacht, und … du hast recht. Ich bin überängstlich, wenn es um meine Kinder geht. Seit Michaels Tod bin ich eine richtige Glucke geworden.“

Coop hob abwehrend die Hände. „Ich muss mich auch entschuldigen, Lilly. Ich hatte kein Recht, so mit dir zu reden. Was weiß ich schon über Kindererziehung? Ich habe ja keine Kinder.“

„Das kann man kaum glauben – so, wie du mit Robbie umgehst. Ich fände es wirklich schön, wenn du ihm Baseball beibringen würdest.“

„Es wäre mir eine Freude, Lilly.“

„Darf ich dich um noch einen Gefallen bitten?“, fragte sie schüchtern.

Coops Herz machte einen Sprung. „Sicher.“

„Würdest du mit uns Eis essen gehen? Ich würde dich gern einladen.“ Sie wusste, dass das eine verrückte Idee war. Sie benahm sich wie ein Schulmädchen – aber die Gefühle, die Coop in ihr wachrief, kamen so unerwartet und überwältigend, dass sie sich nicht dagegen wehren konnte.

Coop lächelte. „Gern. Mit ein paar Kugeln Schokoladeneis kann eine Frau sofort mein Herz gewinnen. Vor allem, wenn sie so hübsch ist wie du.“

Lilly errötete.

Oje. Jetzt steckte sie wirklich in Schwierigkeiten. „Ich werde die Kinder rufen.“ Zu ihrer großen Verwunderung erschienen die beiden schon nach dem ersten Ruf im Garten. Kasey murrte, weil sie bei der Hitze in die Stadt laufen mussten, anstatt den Wagen zu nehmen. Doch Lilly bestand darauf, dass ihnen der Spaziergang guttun würde, und die Aussicht auf ein kühles Eis ließ den Teenager schließlich verstummen.

Demonstrativ löste sie sich von den anderen und ging einige Meter vor ihnen her. Robbie gesellte sich zu ihr.

Coop warf Lilly einen Blick zu. „Kasey ist noch immer wütend auf dich, was?“

„Sieht so aus. Vielleicht bin ich ja wirklich zu streng mit ihr.“

„In diesem Fall sicher nicht. Das Dark Moon ist weiß Gott kein Ort für ein Mädchen in ihrem Alter.“

Lilly zog die Stirn kraus. „Gibt es da etwas, das ich nicht weiß? Ist im Dark Moon etwas passiert?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Es ist einfach nur eine miese kleine Spielhalle.“

Coop warf im Vorbeigehen einen Blick in die gepflegten Vorgärten. Alles sah sauber aus, wie ein idealer Ort, um eine Familie zu haben und Kinder großzuziehen. Aber der Schein konnte trügen. „In diesem Alter hält man sich für unbesiegbar. Man glaubt, nichts und niemand könne einem Schaden zufügen.“

Lilly sah ihn nachdenklich an. „Das stimmt. Aber das ist Kerry Springs, keine Großstadt. Die Menschen hier achten aufeinander. Und jeder kennt jeden.“

Wie zur Bestätigung rief ihnen in diesem Augenblick eine Nachbarin zu und winkte freundlich.

Sie winkten zurück.

Doch Coop hatte ein ungutes Gefühl, wenn er an das Dark Moon dachte.

Shaffer’s Eisdiele war für Coop das Gegenteil von den Spelunken, wo er sich in seiner eigenen Jugend herumgetrieben hatte.

Im Gegensatz zu dem Laden im Stil der Fünfzigerjahre mit pastellfarbenen Wänden, glänzenden Chromoberflächen und hohen Stühlen an einer blitzsauberen Bar hatte er als Junge nur muffige Kneipen und Spielhallen gekannt, wo er für ein paar Dollar sauber gemacht hatte. Kasey und Robbie hatten Glück, in dieser heilen Kleinstadt aufzuwachsen.

Robbie hatte bereits aus der riesigen, kitschig bunten Eiskarte gewählt. „Ich möchte den Schokoladen- und Keksbecher“, erklärte er dem Servicejungen. Der Junge war nur wenige Jahre älter als Kasey und warf ihr einen verstohlenen Blick zu. „Und was möchtest du?“

„Vanille“, entgegnete das Mädchen knapp.

„Nur Vanille?“ Coop runzelte die Stirn. „Das ist eine ziemlich langweilige Wahl für jemanden, der so furchtlos und abenteuerlustig ist wie du.“

Obwohl Kasey es nicht zeigen wollte, gefiel ihr das Kompliment. „Eigentlich mag ich auch lieber Himbeersorbet.“

Coop nickte. „Himbeersorbet ist bestimmt die bessere Wahl.“

„Und ich möchte Pfefferminzschokolade“, erklärte Lilly gut gelaunt.

„Was willst du, Coop?“, fragte Robbie.

„Dunkle Schokolade mit Karamellsoße.“

Während sie auf ihre Bestellung warteten, klingelte das Glöckchen über der Tür. Coop warf einen Blick über die Schulter.

Die dunkelhaarige Frau, die den Laden betrat, kam ihm sofort bekannt vor. Er hatte ihr Bild in den Akten über den Fall Michael Perry gesehen. Es war seine Schwester Stephanie.

Sie war Mitte zwanzig und groß gewachsen. Sie trug eine Jeans, die mindestens eine Nummer zu klein war und ihre ausladenden Hüften betonte. Sie hätte eine attraktive Frau sein können, wenn sie ihr Gesicht nicht unter einer dicken Schicht Make-up verborgen hätte, das ihr einen unnatürlichen, harten Ausdruck verlieh.

Mit forschen Schritten ging sie auf die Bar zu. „Lilly, ich muss mit dir reden.“ Ihre Stimme war heiser und klang nach zu vielen Zigaretten.

Lilly drehte sich auf dem Barhocker herum und sah die junge Frau misstrauisch an. „Jetzt willst du plötzlich mit mir reden. Nein, Stephanie, es gibt nichts mehr zu sagen.“

„Doch. Zum Beispiel, wo Michaels Sachen geblieben sind. Ich will sie zurückhaben.“

Lilly hatte nicht vor, dieses unangenehme Gespräch vor ihren Kindern oder den neugierigen Ohren der anderen Kunden zu führen. Sie deutete auf eine leere Sitzgruppe in einer abgelegenen Nische des Restaurants. Stephanie folgte ihr. „Du kannst hier nicht einfach so hereinplatzen und mich angreifen. Schon gar nicht vor den Augen meiner Kinder.“

„Dann gib mir Mikes Sachen“, sagte Stephanie trotzig.

„Zum letzten Mal: Ich habe seine Sachen nicht. Als er damals auszog, hat er nicht viel zurückgelassen. Und als ich später ausgezogen bin, habe ich nur meine persönlichen Dinge mitgenommen. Wonach suchst du denn?“

Mikes Schwester wich Lillys Blick aus. „Es geht um Papiere. Geschäftspapiere. Uns steht eine Finanzprüfung bevor, und wir müssen alle Steuerunterlagen der letzten sieben Jahre vorlegen.“

Lilly war sich nicht sicher, ob sie Stephanie die Geschichte abkaufen sollte.

„Sie müssen in seinem Büro bei euch gewesen sein“,

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