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BIANCA EXTRA, BAND 48

BRENDA HARLEN

Schlaflos vor lauter Glück

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Schlaflos vor lauter Glück

1. KAPITEL

Das Schreien des Babys holte Harper Ross unsanft aus dem Schlaf, ihr Herz raste wie wild.

Nach zweieinhalb Wochen hätte sie sich eigentlich an Olivers Heulattacken mitten in der Nacht gewöhnt haben müssen, aber das war nicht der Fall. Sie war auch davon ausgegangen, nach achtzehn Tagen sicherer im Umgang mit dem Kleinen zu sein, und auch daraus war nichts geworden.

Im Job war das ganz anders. Als Produktionsassistentin einer preisgekrönten Fernsehsendung wusste sie genau, was sie tat. Im Studio hatte sie alles unter Kontrolle. Aber wenn sie sich um den kleinen Sohn ihrer tödlich verunglückten besten Freundin kümmerte, kam sie sich vor wie eine totale Versagerin. Sie hatte keine Ahnung, wie sie Oliver helfen und ihn trösten konnte – oder ob sie es überhaupt konnte. Als Ersatzmutter fühlte sie sich völlig hilflos.

Als sie erfahren hatte, dass sie von jetzt an für den sechzehn Monate alten Jungen mit verantwortlich war, geriet sie in Panik. Schließlich kannte sie sich mit Babys nicht aus, wusste nichts über ihre Ess- und Schlafgewohnheiten und auch nicht, wie man Windeln wechselt.

Nur gut, dass sie fürs Erste unzählige Informationen und Videos darüber im Internet gefunden hatte. Aber sie musste noch so viel lernen, weshalb sie jede freie Minute damit verbrachte, Bücher über Kindererziehung und Kinderpsychologie zu lesen.

Das würde ihr auch nichts weiter ausmachen, wenn der zweite Vormund – Ryan Garrett – nicht so mühelos in seine neue Rolle geschlüpft wäre, wodurch ihre eigene Unfähigkeit umso deutlicher wurde.

Normalerweise kümmerte Ryan sich nachts um Oliver, aber heute schien er sich aus irgendeinem Grund nicht für ihn verantwortlich zu fühlen. Sie und Ryan hatten ihre jeweiligen Wohnungen aufgegeben und waren in Melissa und Darren Cannons Haus gezogen, sodass Oliver in seiner vertrauten Umgebung bleiben konnte. Vielleicht tröstete ihn das zumindest etwas über den Verlust seiner Eltern hinweg.

Seufzend schwang Harper die Beine aus dem Bett und schluckte den Kloß hinunter, den sie plötzlich im Hals hatte. Das Baby brauchte so unendlich viel mehr, als sie ihm geben konnte, obwohl sie ihr Bestes versuchte. Vermutlich hätte sie mehr Erfolg, wenn sie nachts mehr als immer nur zwei Stunden am Stück schlafen würde, aber davon konnte sie zurzeit nur träumen.

Denn Oliver, der eigentlich schon mit fünf Monaten durchgeschlafen hatte, wachte seit dem tödlichen Unfall seiner Eltern nachts wieder ständig auf. Laut Ryans Mom, an die Harper und Ryan sich bei allen Fragen zur Kindererziehung wandten, war das unter den gegebenen Umständen völlig normal und nicht weiter besorgniserregend. Er sei einfach nur traurig und verwirrt, weil seine Eltern plötzlich nicht mehr da waren. Auch wenn Harper das verstehen konnte, machte es sie fertig.

Als sie das Baby herzzerreißend Ma-ma-ma-ma-ma rufen hörte, wäre sie am liebsten ebenfalls in Tränen ausgebrochen. Sie ging raus in den Flur.

Abgesehen von dem aus dem Kinderzimmer dringenden Schein des Schlaflichts war es dort komplett dunkel. Sie hatte keine Ahnung, wie spät es war, wie lange sie geschlafen hatte und …

Sie wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen, als sie gegen eine Wand prallte.

Okay, keine echte Wand, sondern Ryan Garretts Brust.

Seine harte, muskulöse und nackte Brust.

Die ganz nass war.

Er hielt Harper an den Hüften fest, damit sie nicht stolperte. Seine Hände fühlten sich fest und warm an. Sie konnte jeden einzelnen Finger durch den hauchdünnen Baumwollstoff ihrer Boxershorts spüren und bekam prompt eine Gänsehaut. Ihr Puls begann auf eine Art zu rasen, die sie schon lange nicht mehr erlebt hatte – und die noch dazu in diesem Fall völlig unpassend war.

Als sie scharf einatmete, stieg ihr Ryans frischer männlicher Duft in die Nase. Anscheinend kam er gerade aus der Dusche. Was zwar erklärte, warum er ganz nass war, aber nicht, warum er halb nackt im Haus herumlief.

„Ich hatte gerade das Wasser abgedreht, als ich Oliver gehört habe“, beantwortete er ihre unausgesprochene Frage. „Ich wollte ihn beruhigen, bevor er dich weckt.“

„Zu spät.“ Sie verzog das Gesicht, als das Weinen des Babys lauter wurde. „Vielleicht solltest du dich erst mal anziehen?“

Ihr Tonfall klang schärfer als beabsichtigt, aber sie hatte keine Lust, sich dafür zu entschuldigen. Sie wusste zwar, dass Ryan nichts dafürkonnte, dass sie wach geworden war, aber sie hatte selbst nicht viel an, und Ryans nackter Oberkörper rief Reaktionen an Stellen hervor, die sie gerade lieber nicht spüren wollte. Ihr war daher nicht danach zumute, fair zu sein.

„Ich habe eine Hose an“, protestierte er, als er Harper ins Kinderzimmer folgte. Obwohl es zu dunkel war, um sein sexy Grinsen zu erkennen, konnte Harper es an seiner Stimme hören. „Ich habe sie extra deinetwegen angezogen.“

Als ob man eine tief auf den Hüften sitzende Boxershorts als richtige Hose bezeichnen konnte!

Der Mann wusste genau, wie attraktiv er war. Er war schließlich ein Garrett, und die waren alle eine Augenweide. Ryan als groß, dunkel und gut aussehend zu beschreiben, wäre daher völlig unzureichend und würde ihm noch nicht mal ansatzweise gerecht.

Er war fast ein Meter neunzig groß und überragte Harper sogar dann, wenn sie hohe Absätze trug. Er hatte volles, weiches kaffeebraunes Haar und Augen, die in seinem Führerschein vermutlich als haselnussbraun bezeichnet wurden, in Wirklichkeit aber moosgrün mit goldenen Sprenkeln waren. Sein kräftiges, markantes Kinn war oft mit Bartstoppeln bedeckt. Normalerweise stand Harper nicht auf Dreitagebärte, aber sie konnte nicht leugnen, dass der Look Ryan stand und seine Anziehungskraft eher noch steigerte.

Doch da Harper von schönen Menschen umgeben aufgewachsen war, ließ sie sich nicht so schnell von einem attraktiven Gesicht oder einem tollen Körper beeindrucken – und Ryan Garrett hatte beides. Nein, wirklich gefährlich wurden ihr sein scharfer Verstand und sein schelmisches Grinsen. Und als ob das noch nicht genug wäre, war er obendrein noch freundlich, charmant und aufmerksam.

Wäre sie jetzt einigermaßen wach und denkfähig, würde sie sofort umkehren und zurück ins Bett gehen. Doch sie ging einfach weiter.

Sie knipste die Lampe neben dem Schaukelstuhl an, während Ryan direkt auf das Gitterbettchen zusteuerte und Oliver auf den Arm nahm. Das herzzerreißende Weinen wurde sofort zu einem zittrigen Schluchzen, als sich das Baby an Ryans breite Brust schmiegte.

Harper blieb unschlüssig stehen. Sie kam sich mal wieder völlig nutzlos und unfähig vor, als sie Ryan beim Trösten des verstörten Kindes beobachtete und seinem beruhigenden Murmeln lauschte. Das tiefe, sexy Timbre seiner Stimme genügte, um ihr Blut wieder in Wallung zu bringen.

Sie wusste allzu gut, wie es sich anfühlte, in Ryans starken Armen zu liegen und seinem Herzschlag zuzuhören. Und zwar deshalb, weil sie vier Jahre zuvor eine unglaubliche, geradezu magische Nacht mit ihm verbracht hatte – doch am nächsten Morgen, als die Sonne aufging, war sie wieder in der harten Realität gelandet.

„Was ist los, mein Kleiner?“, flüsterte Ryan Oliver ins Ohr. „Hast du Hunger? Oder eine volle Windel?“ Er tätschelte dem Baby sanft den Po. „Oh ja, die müssen wir unbedingt wechseln.“

Harper beobachtete Ryan. Er legte Oliver geschickt eine Hand auf den Bauch, während er aus dem unteren Fach der Wickelkommode eine saubere Windel nahm. Bei ihm sah es total einfach aus, während ihr jedes Mal der Schweiß ausbrach, weil sie ständig Angst hatte, dass der lebhafte Kleine runterfiel … auch wenn sie ihm zugegebenermaßen nicht oft die Windeln wechselte.

Im Laufe der letzten zweieinhalb Wochen hatte sich zwischen Ryan und ihr eine gewisse Routine eingespielt. Ryan kümmerte sich vormittags um Oliver, während Harper bei der Arbeit war, und wenn sie vom Fernsehstudio nach Hause kam, fuhr er für ein paar Stunden in sein Büro.

Sie hatten noch keinen Plan für den Einkauf oder die Wäsche festgelegt, doch Harper hatte den Eindruck, dass Ryan auch von diesen Aufgaben den Großteil übernahm. Im Gegenzug bereitete sie das Abendessen vor, bevor er nach Hause kam, und anschließend räumten sie zusammen die Küche auf und badeten Oliver.

Wenn es jedoch darum ging, schlafen zu gehen, bevorzugte der Kleine eindeutig Harpers Arme.

Ryan streifte sie mit einem Blick, während er die Windel zuklebte. „Geh doch zurück ins Bett, Harper. Ich kümmere mich um Oliver.“

Da Harpers Wecker schon um Viertel vor fünf klingelte, hätte sie nichts lieber getan als das. Nach der Beerdigung hatte Ryan ihr freundlicherweise angeboten, nachts aufzustehen, damit sie wenigstens durchschlafen konnte. Es war nicht seine Schuld, dass sie von jedem Geräusch wach wurde, das aus Olivers Zimmer drang.

Gut, dass sie nur hinter den Kulissen von Coffee Time with Caroline arbeitete, Charismas beliebtester Frühstücksfernsehsendung. Harpers dunkle Augenringe störten daher nicht so wie der Nebel, der ihr Gehirn in letzter Zeit zu umwabern schien.

„Soll ich ihm was zu trinken holen?“, fragte sie, als Ryan den Reißverschluss von Olivers Strampler zuzog.

„Das übernehme ich“, sagte Ryan. „Versuch, noch etwas Schlaf zu kriegen.“

Als Harper beschloss, genau das zu tun, streckte Oliver vom Wickeltisch aus seine Ärmchen nach ihr aus. „Arm!“

Ryan nahm ihn hoch. „Ich habe dich schon, Kumpel.“

Kopfschüttelnd zeigte der Kleine auf Harper. „Arm!“

„Harper muss jetzt genauso in die Heia wie du.“

„Arm!!“, beharrte Oliver.

Ryan sah Harper unschlüssig an.

Sie zuckte die Achseln. „Ich habe Brüste.“

Sie hatte das ganz automatisch gesagt, da ihr Gehirn noch im Halbschlafmodus war und sie daher nicht bedacht hatte, mit wem sie sprach oder wie ihr Gegenüber darauf reagieren würde.

Und natürlich reagierte Ryan wie jeder gesunde heterosexuelle Mann – er ließ den Blick zu ihren Brüsten gleiten und lächelte anzüglich. „Stimmt. Ist mir auch schon aufgefallen.“

Ihre Wagen brannten, als sie spürte, dass sich ihre Knospen unter dem dünnen Baumwollstoff ihres Tank Tops verräterisch abzeichneten. Hastig nahm sie ihm das Baby ab, um sie zu bedecken. „Ich habe nur gemeint, dass er zum Kuscheln eine weiche Brust bevorzugt.“

„Kann ich ihm nicht verdenken“, sagte Ryan trocken.

Oliver schmiegte den Kopf an ihre Schulter und schob ihr eine Hand in den Ausschnitt.

„Geschickter Move“, stellte Ryan grinsend fest.

Harper schoss wieder das Blut ins Gesicht. Sie ging zum Schaukelstuhl und setzte sich. „Er sucht nur Trost“, erklärte sie schaukelnd, ohne auf Ryans Worte einzugehen.

„Vielleicht brauche ich den ja auch“, zog Ryan sie auf.

Sie verdrehte genervt die Augen. „Dann solltest du vielleicht Brittney anrufen.“

Verständnislos sah er sie an. „Wen?“

„Na, die Frau, mit der du zusammen warst, als ich dich angerufen und dir von Melissas und Darrens Unfall erzählt habe.“

Allmählich schien ihm zu dämmern, wen sie meinte. „Ach so. Du meinst Bethany.“

„Ich werde mir die Namen deiner Freundinnen notieren müssen, um sie nicht alle durcheinanderzubringen.“

„Das wird nicht nötig sein. Weil du ihnen ganz bestimmt nicht über den Weg laufen wirst.“

„Einverstanden“, entgegnete sie. „Solange du um halb sechs Uhr morgens wieder hier bist, sodass ich zur Arbeit kann. Ansonsten interessiert es mich nicht, wo du schläfst.“

„So früh gehst du aus dem Haus? Um halb sechs?“

Sie nickte.

Da Oliver zurzeit nachts so oft wach wurde, schlief Ryan um diese Uhrzeit normalerweise noch wie ein Toter. Er hatte zwar gewusst, dass Harpers Arbeitstag früh begann, aber nicht, wie früh. „Das ist ja Wahnsinn!“

„Sieh es doch mal positiv. Das erspart dir den peinlichen Abschied am Morgen danach.“

Harper hatte vom Anfang ihrer Bekanntschaft an keinen Zweifel daran gelassen, dass sie nicht viel von Ryan hielt. Damals war sie erst einundzwanzig und hatte noch nicht mal ihr Diplom von der New York University in der Tasche gehabt, sie war jedoch voller ehrgeiziger Pläne gewesen.

Ryan hingegen stand kurz vor seinem Abschluss in BWL an der Columbia University und bereitete sich auf seinen ersten Job bei Garrett Furniture vor. Obwohl es damals heftig zwischen ihm und Harper gefunkt hatte, hatte sie ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass ein Mann, der sich mit einem Verkaufsjob begnügte, nicht ihren Erwartungen entsprach. Seinen Einwand, dass das nur ein Einstieg sei, hatte sie völlig ignoriert.

Es hatte sie auch nicht beeindruckt, als sie später erfahren hatte, dass seiner Familie die millionenschwere Firma gehörte. Stattdessen hatte sie ihm vorgeworfen, sich ins gemachte Nest zu setzen, und da war vielleicht sogar etwas Wahres dran. Doch Ryan hatte nie ein Workaholic werden wollen wie sein Vater und hatte sich daher früh vorgenommen, nicht nur für seinen Beruf zu leben. Und er hatte nicht die Absicht, sich deswegen zu entschuldigen.

Genauso wenig für sein Privatleben.

„Den einzigen peinlichen Abschied hatte ich bei dir“, erwiderte er.

Harper funkelte ihn über den Kopf des Babys hinweg verärgert an. „Wir haben uns doch darauf geeinigt, nie über diese Nacht zu reden.“

„Ich habe gar nichts“, widersprach er. „Du hast das einfach so beschlossen, und ich habe mich gefügt.“

Sie senkte den Blick zu Oliver, der trotz des hitzigen Wortgefechts sofort wieder eingeschlafen war. „Und warum fängst du ausgerechnet jetzt damit an?“

Gute Frage. Ryan wusste selbst nicht, was ihn geritten hatte. Denn obwohl ihre gemeinsame Nacht für ihn kein Tabuthema war, hatte er bisher immer so getan, als sei nie etwas zwischen ihnen passiert. Dabei hatte er diese Nacht nie vergessen, so sehr er es auch versucht hatte – schließlich war es ziemlich demütigend, wenn die Frau, mit der man gerade tollen Sex gehabt hatte, einen hinterher wissen ließ, dass es kein zweites Mal geben würde.

„Weil es nun mal passiert ist“, sagte er. „Selbst wenn wir nicht darüber reden – es steht einfach zwischen uns.“

„Es ist vier Jahre her“, protestierte sie. „Eine Ewigkeit.“

„Wenn es so lange her ist und so unbedeutend war, warum hast du Melissa dann nie davon erzählt?“

„Was?“

„Du hast immer gesagt, dass ihr beide euch absolut alles anvertraut. Warum hast du unsere gemeinsame Nacht ihr gegenüber nie erwähnt?“

„Weil ich nicht wollte, dass es zwischen uns peinlich wird.“

„Wen meinst du mit uns? Dich und Melissa? Oder dich und mich?“

„Uns alle.“ Sie hielt den Blick hartnäckig auf das schlafende Baby gerichtet. „Hätte ich Melissa davon erzählt, hätte sie es Darren weitererzählt, und dann wäre jedes Treffen mit ihnen irgendwie unangenehm und komisch gewesen.“

„War es denn nicht auch so schon unangenehm und komisch genug?“

„Überhaupt nicht!“

„Du empfindest also noch nicht mal mehr einen winzigen Rest körperlicher Anziehung, wenn wir zusammen sind?“

„Wie kommst du denn darauf?“

Ihr verächtlicher Tonfall kränkte Ryan, aber ihm entging nicht, dass sie seinem Blick immer noch auswich. Stattdessen richtete sie ihren auf seinen nackten Oberkörper. Und zwar mit Wohlgefallen, wie Ryan sogar bei der schwachen Beleuchtung erkennen konnte. „Du bist doch eine kluge Frau, Harper.“

Nur mühsam wandte sie sich von seiner nackten Brust ab. „Ach ja?“, fragte sie misstrauisch.

„Dir muss doch bewusst sein, wie viele Männer deine Bemerkung als Herausforderung betrachten würden.“

„Ich habe lediglich eine Tatsache festgestellt.“

Er brummte abfällig.

Harper stand mit dem schlafenden Baby auf. „Ich lege Oliver jetzt hin und gehe zurück in mein Zimmer.“

Ryan konnte nicht widerstehen, sie noch weiter zu provozieren. Nur ein bisschen. „Ist das jetzt eine Einladung?“

„Ist die Hölle inzwischen zugefroren?“, gab sie wie aus der Pistole geschossen zurück.

Lächelnd beobachtete er, wie sie Oliver behutsam hinlegte. Was hatte diese Frau nur an sich, dass er sie auch dann noch für ihren scharfen Verstand und ihre Schlagfertigkeit bewunderte, wenn sie ihn total wütend machte?

Er begleitete sie zur Tür. „Gib es doch zu, du willst mich immer noch.“

„Du solltest dringend mal etwas gegen dein aufgeblasenes Ego unternehmen, bevor …“

Er berührte ihre Lippen mit einem Finger und brachte sie damit zum Verstummen. „Du willst mich immer noch“, beharrte er. „Genauso wie ich dich.“

Er zeichnete die Umrisse ihrer Lippen mit der Fingerspitze nach. Sogar nach vier Jahren erinnerte er sich noch an Harpers weichen Mund, ihre zärtlichen Küsse. An ihre Leidenschaft und das Gefühl ihrer Hände auf seinem Körper.

Ihr Blick verdunkelte sich und ihr schneller werdender Puls verriet ihm, dass auch sie an damals denken musste.

Blinzelnd trat sie einen Schritt zurück. „Machst du mich etwa gerade an – keine drei Wochen nach der Beerdigung unserer besten Freunde?“

„Ich habe lediglich eine Tatsache festgestellt.“

„Du meinst wohl deine völlig verblendete Wahrnehmung dieser Tatsache“, erwiderte sie schnippisch.

Er stützte eine Hand gegen den Türrahmen und versperrte ihr so den Weg. „Du hast kein Recht, mir Verblendung zu unterstellen, wenn du selbst nicht zu deinen Gefühlen stehst.“

Sie verdrehte genervt die Augen. „Na klar doch! Ich verdränge meine Gefühle, nur weil ich dich nicht in mein Bett zerre?“

„Das wäre gar nicht nötig. Ich würde vielleicht sogar freiwillig mitkommen, wenn du mich ganz lieb darum bittest.“

„Darauf kannst du lange warten!“

„… freien Termine nächsten Monat.“

Die Worte drangen wie aus weiter Ferne in Harpers Bewusstsein.

Sie erkannte die Stimme ihrer Assistentin, wusste jedoch nicht, ob Diya gerade mit ihr sprach, aber sie hatte nicht genug Energie, um zu fragen.

„Hast du mich gehört?“ Diyas Stimme klang schärfer, näher. „Harper?“

Harper hob blinzelnd den Kopf. „Ja, natürlich.“

Diya sah sie besorgt an. „Alles okay mit dir?“

„Klar.“ Harper griff nach dem Kaffeebecher neben sich und trank einen Schluck. Angeekelt verzog sie das Gesicht, als ihr die kalte Flüssigkeit die Kehle hinunterfloss. Offensichtlich hatte sie mehr als nur ein paar Minuten geschlafen, wenn der Kaffee, den sie sich doch gerade erst eingeschenkt hatte, schon kalt war.

Daran war nur dieser dämliche Ryan schuld! Nachdem sie Oliver wieder hingelegt hatte und selbst ins Bett gegangen war, lag sie nämlich noch lange wach und dachte über seine Worte nach – und verwünschte ihn insgeheim, weil er recht hatte.

Sie wollte ihn tatsächlich. Schon allein seine Nähe brachte ihr Blut in Wallung und beschleunigte ihren Herzschlag. Und als er die Umrisse ihrer Lippen mit der Fingerspitze nachzeichnete, hatte sie sich für einen Moment wirklich gewünscht, er würde endlich ernst machen und sie küssen. Sie hatte sich danach gesehnt, ihn zu berühren, die Hände über seinen Waschbrettbauch und seine muskulöse Brust gleiten zu lassen. Und ja, verdammt, sie hatte ihn tatsächlich in ihr Zimmer zerren und mit ihm schlafen wollen.

Aber diese Wirkung hatte er vermutlich auf fast alle Frauen. Wie sollte man auch dem intensiven Blick aus grün-goldenen Augen widerstehen, mit dem Ryan einem das Gefühl gab, die einzige Frau auf der Welt zu sein? Wie konnte sie sich der Faszination seines sexy Grinsens entziehen, das ihr alle möglichen Sinnesfreuden versprach? Sie war schließlich auch nur ein Mensch.

Harper wusste, dass Männer, denen sich die Frauen förmlich zu Füßen warfen, oft selbstsüchtige Liebhaber und nur auf ihre eigene Befriedigung aus waren. Aber leider wusste sie auch, dass Ryan Garrett definitiv nicht zu diesen Männern gehörte.

Wie dem auch sei, eine tolle Liebesnacht vor vier Jahren hatte nichts an der unumstößlichen Tatsache geändert, dass sie absolut nicht zusammenpassten. Ryan war wie ihre Lieblingsschokolade mit gesalzenem Karamell: verlockend und köstlich, aber wenn man der Versuchung nachgab, bereute man es hinterher unweigerlich. Nur diese Erkenntnis hatte ihr die Kraft gegeben, sich von ihm fernzuhalten.

Leider hatte seine Berührung die Erinnerungen an ihre so lange zurückliegende gemeinsame Nacht wieder wachgerufen und Harper bis in die frühen Morgenstunden nicht schlafen lassen. Dass sie sich auch nach vier Jahren noch lebhaft an jedes Detail erinnern konnte, sagte viel aus über ihr Liebesleben.

Als sie den Kopf schüttelte, um die unwillkommenen Erinnerungen loszuwerden, fiel ihr auf, dass ihre Assistentin den kalt gewordenen Kaffee mitgenommen hatte und mit frischem, dampfendem zurückkehrte.

„Danke“, sagte Harper erleichtert.

Diya zeigte auf ihre rechte Wange. „Du hast da Knitterfältchen im Gesicht.“

So viel zu Harpers Versuch, den Eindruck zu erwecken, dass sie an ihrem Schreibtisch hart arbeitete. „Ich bin anscheinend kurz eingenickt“, gestand sie.

„Warum gehst du nicht nach Hause und schläfst dich richtig aus?“

„Weil ich Babydienst habe, sobald ich nach Hause komme.“

„Babys schlafen zwischendurch. Man muss sich nur angewöhnen, sich dann ebenfalls hinzulegen.“

Dieser Rat stand auch in zahlreichen Erziehungsratgebern, aber wenn Oliver ein Nickerchen machte, hatte sie immer noch jede Menge anderer Dinge zu erledigen, die sie vom Schlafen abhielten. „Klingt vernünftig“, stimmte sie zu. „Aber wenn ich mich hinlege, kriege ich kein Auge zu.“

„Und am Schreibtisch schon?“

Harper lächelte schuldbewusst. „Anscheinend.“

Diya schüttelte belustigt den Kopf. „Woran arbeitest du gerade?“

Harper musste einen Blick auf ihren Computerbildschirm werfen, damit es ihr wieder einfiel. „Ich vervollständige die Einkaufsliste für Kanes Kochbeitrag morgen früh.“

„Kane.“ Harpers Assistentin seufzte schwärmerisch. „Der Mann ist genauso zum Anbeißen wie alles, was er kocht.“

„Und ein totaler Tyrann, wenn es um die Zutaten dafür geht. Drei der Sachen, die er für morgen haben will, kriegt man nur in einem Spezialgeschäft in Raleigh.“

„Leite mir die Liste auf mein Handy weiter. Ich übernehme das.“

„Wirklich?“

„Klar. Meine Schwester Esha wohnt in Raleigh, und ich wollte sie diese Woche sowieso besuchen.“

„Das wäre mir eine große Hilfe, danke.“

„Ich bin die Assistentin der Produktionsassistentin. Helfen ist mein Job“, rief Diya ihr ins Gedächtnis.

„Na ja, ich weiß es jedenfalls zu schätzen, dass du mir den Abstecher auf dem Heimweg ersparst.“

„Gern geschehen.“

Doch als Harper auf dem Weg zu ihrem Wagen war, bekam sie eine Nachricht auf ihr Handy:

bringst du für oliver milch mit

So wie es aussah, würde Harper jetzt doch noch einen Abstecher machen müssen.

2. KAPITEL

Noch vor ein paar Wochen hätte Ryan seinen Bruder Justin aufgefordert, zum Baseballabend vor dem Fernseher Bier mitzubringen. Heute bat er die Frau, mit der er zusammenwohnte, Milch für das Baby zu besorgen.

Kein Zweifel, sein Leben hatte sich radikal verändert, vor allem seit er mit Harper Ross Vater, Mutter, Kind spielte. Mit einer schönen, klugen, sexy und sehr anstrengenden Harper Ross.

Früher mal hatte er sich ebenfalls für klug gehalten, doch seine nicht nachlassenden Gefühle für seine Mitbewohnerin ließen auf das Gegenteil schließen. Natürlich hatte er sich auch zu anderen Frauen hingezogen gefühlt – zu vielen anderen Frauen sogar, und er hatte mit nicht wenigen davon geschlafen. Doch jede dieser Beziehungen war spätestens nach ein paar Monaten ausgelaufen – in der Regel in beiderseitigem Einverständnis.

Seiner Meinung nach war das Problem bei Harper, dass ihre Beziehung kein natürliches Ende gefunden hatte. Eine Nacht mit ihr war ihm nicht genug gewesen, noch nicht mal ansatzweise. Leider hatte sie ihm nach dieser einen Nacht klargemacht, dass es keine zweite geben würde.

Und er hatte diese Entscheidung akzeptiert und nicht versucht, ihre Meinung zu ändern. Es gab schließlich jede Menge anderer Frauen, die ihn wollten. Zu blöd nur, dass die Nächte mit besagten anderen Frauen sein Verlangen nach Harper nicht gedämpft hatten. Er begehrte sie immer noch, sehnte sich danach, sie zu küssen und ihre Leidenschaft zu wecken. Er hatte gehofft, dass seine Sehnsucht im Laufe der Zeit und mit etwas räumlichem Abstand nachlassen würde.

Ihre gegenwärtigen Lebensumstände waren da leider nicht hilfreich.

Als er die Nudeln in den Topf mit kochendem Wasser schüttete, lauschte er mit einem Ohr dem Babyfon, ob Oliver schon aufgewacht war. Doch noch schlummerte der Kleine friedlich und war sich der Tatsache nicht bewusst, dass „mama“ und „dada“, nach denen er immer noch rief, nie wieder nach Hause zurückkehren würden. Ryan versuchte, nicht allzu viel darüber nachzudenken, aber manchmal – vor allem wenn er am wenigsten damit rechnete – traf ihn sein eigener Schmerz mit voller Wucht.

Er vermisste seinen Freund und fand es schrecklich, dass dessen Leben auf so tragische Weise kurz nach dem dreißigsten Geburtstag hatte enden müssen. Manchmal war Ryan auch wütend, dass er jetzt für Darrens und Melissas Kind mit verantwortlich war, auch wenn er das natürlich nie laut sagen würde.

Diese Momente hielten jedoch nur so lange an, bis sie von Schuldgefühlen verdrängt wurden – und das dauerte höchstens ein paar Sekunden. Denn wie konnte Ryan wütend auf seinen Freund sein, der alles verloren hatte? Wie konnte er es ihm übel nehmen, sich um Oliver kümmern zu müssen, wo der Kleine doch bereits sein Herz erobert hatte?

Ryan hatte bisher nie wirklich darüber nachgedacht, ob er selbst Kinder wollte oder nicht, aber Darren war überglücklich gewesen, als Melissa ihm eröffnet hatte, dass sie ihr erstes Kind erwarteten. Ihn hatte noch nicht mal die Aussicht gestört, seinen Sportwagen gegen einen Van eintauschen zu müssen. Er hatte sich aufrichtig darauf gefreut, mit seinem Sohn Fußball zu spielen und das zu machen, was die meisten Väter mit ihren Sprösslingen unternahmen.

Doch diese Chance hatte er nie bekommen, weshalb Ryan jetzt für ihn einsprang. Ryan würde sogar besagten Van kaufen, wenn es sein musste – auch wenn das hoffentlich nicht nötig werden würde. Ein Jeep wäre vielleicht eine Idee. Ja, ein Jeep hatte genug Sitzplätze, um mehrere Kinder durch die Gegend zu kutschieren, und noch dazu jede Menge Stauraum …

Die Zeitschaltuhr am Herd summte. Als Ryan gerade den Topf vom Herd nahm und die Makkaroni abgoss, kam Harper mit der Milch für die Käsesoße durch die Hintertür.

Ihre auf den Fliesen klackernden Absätze lenkten seine Aufmerksamkeit auf die sexy Sandalen an ihren Füßen. Er ließ den Blick an ihren Waden zum Saum ihres knieumspielenden Rocks höhergleiten und …

„Schläft Oliver noch?“

Nur mühsam wandte er sich von Harpers Beinen ab. „Ja, aber er regt sich schon, also wird er wahrscheinlich gleich wach.“ Ryan schüttete die Pasta zurück in den Topf und griff nach der Milch. Stirnrunzelnd betrachtete er das Etikett. „Die ist ja fettarm.“

„Ja und?“ Harper streifte ihre Schuhe ab und legte ihre Handtasche auf den Tresen.

„Die darf Oliver nicht trinken.“

„Warum nicht?“

„Weil Babys Vollmilch brauchen, bis sie zwei Jahre alt sind. Das ist wichtig für die Entwicklung ihres Gehirns.“

Harper schnaubte ungeduldig. „Du hast nichts von Vollmilch geschrieben.“

„Ich habe gedacht, du wüsstest das.“

„Offensichtlich hast du dich da geirrt“, erwiderte sie schnippisch, schlüpfte wieder in ihre Schuhe und griff nach ihrer Handtasche.

„Wo willst du hin?“

„Vollmilch holen.“

Anscheinend hatte er mal wieder alles falsch gemacht. „Lass nur“, beschwichtigte er sie. „Die hier ist okay für die Soße. Ich gehe später noch mal los und …“

„Du hast mich doch gebeten, Milch mitzubringen, oder nicht?“, rief sie ihm ins Gedächtnis und streckte eine Hand nach der Tür aus.

Wie schon in der Nacht versperrte Ryan ihr den Weg, indem er eine Hand gegen den Türrahmen stützte. „Vergiss es. So schlimm ist es nun auch wieder nicht.“

Doch er sah an den Tränen in ihren Augen, dass es schlimm war – für sie zumindest. Wie hatte er es nur geschafft, sie binnen weniger Sekunden dazu zu bringen, fast in Tränen auszubrechen – und noch dazu aus Gründen, die ihm völlig schleierhaft waren?

„Hast du schon mal von der Redewendung gehört, dass man wegen verschütteter Milch nicht weinen soll?“, fragte er betont locker, um die Situation zu entschärfen. „Also, ich glaube, das gilt auch für fettarme Milch.“

„Ich weine nicht.“

Sie weinte vielleicht nicht wirklich, aber sie schniefte eindeutig. „Willst du mir nicht sagen, was dein eigentliches Problem ist?“, fragte er sanft.

Abwehrend schüttelte sie den Kopf. „Ich bin einfach nur erledigt.“

Kein Wunder, wenn man ihre Arbeitszeiten im Studio bedachte – und auch die Stunden, die sie nachts wach war. „Es ist fast Wochenende – du kannst den ganzen Samstag schlafen, wenn du willst.“

„Ich meine nicht körperlich, obwohl das auch zutrifft“, gab sie zu. „Nein, ich habe es satt, ständig so zu tun als ob.“

Verwirrt sah er sie an. „Wie meinst du das?“

Sie holte tief Luft und hob den Blick zu ihm. „So zu tun, als wüsste ich, was ich hier mache, und die Mommy zu spielen, obwohl ich in Wirklichkeit keine Ahnung von Kindern habe.“

Er strich ihr das Haar hinter ein Ohr und zog sanft ihren Kopf an seine Schulter. „Du schlägst dich doch ganz wacker. Wir beide tun das.“

Sie entzog sich ihm nicht, schüttelte jedoch den Kopf. „Du übernimmst schon jetzt viel mehr Aufgaben als ich, und wenn du mich dann mal bittest, eine Kleinigkeit zu erledigen, dann mache ich auch noch alles falsch.“

„Niemand rechnet hier irgendwas gegeneinander auf, Harper.“

„Na falls doch, würdest du alle Punkte gutgeschrieben bekommen.“

„Das stimmt nicht. Du würdest auch einen kriegen. Für deine Brüste“, witzelte er.

Diese Bemerkung trug ihm endlich ein Lächeln ein, wenn auch eins unter Tränen. „Warum holst du nicht schon mal Oliver, während ich die Käsemakkaroni mache?“, schlug er vor. „Es ist auch genug für dich da, falls du Hunger hast.“

„Mal sehen. Aber nur, wenn du die Soße mit Magermilch machst“, witzelte sie zurück, um zu zeigen, dass sie ihren Sinn für Humor noch nicht verloren hatte.

Harper aß jedoch nichts von der Pasta. Stattdessen machte sie sich einen Salat, während Oliver sich ganze Hände voll Makkaroni in den Mund schob und dabei Käsesoße im ganzen Gesicht bis zu den Haaren verschmierte.

Ryan hatte seinen Teller wegen einer Telefonkonferenz mit seiner Firma mit ins Wohnzimmer genommen. Früher hatte sie ihn für seinen Job im Familienunternehmen verachtet. Inzwischen war sie jedoch dankbar, dass er seine Arbeitszeit so flexibel gestalten konnte.

Nicht nur weil sie sich so besser um Oliver kümmern konnten, sondern weil ihre unterschiedlichen Arbeitszeiten es auch erlaubten, einander gut aus dem Weg zu gehen. Ihr nächtlicher Zusammenstoß hatte Harper nämlich allzu bewusst gemacht, wie gefährlich Ryan Garretts Nähe für sie war.

„Mehr!“, rief Oliver und klopfte mit seinem leeren Plastikschälchen auf das Tischchen seines Hochstuhls.

„Bitte“, sagte Harper automatisch.

„Mehr!“, wiederholte er.

Sie stand auf, füllte ein paar Makkaroni in sein Schüsselchen und stellte es kopfschüttelnd vor ihn hin. „Du siehst aus wie ein Ferkel.“

„Fekel“, echote er grinsend und zeigte dabei seine acht winzigen perlweißen Zähnchen.

Lächelnd zauste sie ihm die langen weichen Locken.

Er brauchte dringend einen Haarschnitt – seinen ersten. Vor ein paar Monaten hatte Melissa ihr erzählt, dass Darren sie ständig drängte, mit Oliver zum Friseur zu gehen, weil er es satthatte, dass Fremde ihren Sohn sogar dann für ein Mädchen hielten, wenn er blau angezogen war. Melissa hatte gezögert, da sie Angst gehabt hatte, dass Olivers Locken dann für immer verschwunden sein würden. Vorsorglich hatte sie eine abgeschnitten und mit einem Stück Klarsichtfolie in sein Babybuch geklebt.

Melissa hatte es in der obersten Schublade von Olivers Kommode aufbewahrt, damit sie die Meilensteine seiner Entwicklung immer spontan festhalten konnte. Sie hatte dort alles von Geburtsgewicht und – größe über den Tag von Olivers Heimkehr aus dem Krankenhaus, sein erstes Lächeln, Händeklatschen und Winken bis hin zu seinem ersten Zahn und ersten Schritt notiert.

Es war nicht nur eine lückenlose Dokumentation seiner Entwicklung, sondern auch ihrer Liebe zu ihrem Sohn, und Harper wusste nicht, ob sie das Buch weiterführen oder ob es bleiben sollte, wie Melissa es hinterlassen hatte. Doch so oder so, sie musste mit Ryan über einen Friseurtermin sprechen.

Je eher, desto besser, so verschmiert wie Olivers Haar jetzt war.

„Ich glaube, du hast genug gegessen“, sagte sie zu ihm.

„Mehr!“

Sie schüttelte den Kopf. „Heute nicht.“

„Kee.“

Sie begann allmählich, seine Babysprache zu verstehen, und dieses Wort gehörte zu seinen Lieblingswörtern. „Zuerst machen wir dich sauber. Danach kriegst du einen Keks.“ Sie wischte ihm die Hände und das Gesicht – und das Haar – mit einem feuchten Lappen ab. „So, fertig, Süßer.“

Sein Lächeln brachte ihr Herz zum Schmelzen. „Kee?“

Sie lachte. „Ich hol dir einen.“

Während er an seinem Vollkornkeks knabberte, räumte sie die Küche auf. „Und was machen wir heute Nachmittag?“, fragte sie ihn, als sie damit fertig war.

Er schlug mit den Händen aufs Tischchen. „Bababa.“

„Dafür brauche ich eine Übersetzung.“ Sie schnallte ihn von seinem Hochstuhl ab. „Meinst du Ball spielen, oder willst du so tun, als wärst du ein Schaf?“

„Bababa!“

„Er meint seine Bauklötze“, sagte Ryan von der Tür aus.

Harper blickte hoch, während sie den Kleinen absetzte. Oliver stürzte auf Ryan zu, der ihn auf den Arm nahm. „Willst du mit deinen Bauklötzen spielen?“

„Bababa!“

Stirnrunzelnd folgte sie Ryan ins Wohnzimmer. „Glaubst du, sein Sprechvermögen ist verzögert?“

„Nein, ich glaube, er ist nur ein sechzehn Monate altes Kind mit dem begrenzten Vokabular eines sechzehn Monate alten Kindes.“

Ryan hatte vermutlich recht, aber Harper nahm sich trotzdem vor, in einem ihrer Bücher nachzuschlagen. „Schon fertig mit deiner Telefonkonferenz?“

Er nickte. „Mir war klar, dass es nicht lange dauern würde.“

Harper stellte den Eimer mit den Bauklötzen auf den Teppich und setzte sich hin, um mit Oliver zu spielen. Der Kleine kippte den Eimer sofort aus. „Fährst du jetzt ins Büro?“

„Nein, heute nicht.“

Harper begann, das Fundament für einen Turm zu legen. „Warum nicht?“

„Ich dachte, ich verbringe heute Nachmittag lieber etwas Zeit mit Oliver.“

„Da“, sagte Oliver und gab ihr einen blauen Klotz.

„Er will, dass du den Turm größer machst“, sagte Ryan und hockte sich hin, um mehr Klötze zum Fundament hinzuzufügen.

„In Wirklichkeit willst du doch nur spielen“, zog sie ihn auf.

Er stritt das nicht ab. „Hast du ein Problem damit?“

„Du hast dich schon den ganzen Vormittag um Oliver gekümmert. Jetzt hat meine Schicht angefangen.“

„Wir rechnen nicht nur nichts gegeneinander auf, wir haben auch keine Stechuhr“, sagte er milde. „Falls du also etwas anderes vorhast, dann nur zu.“

Sie zögerte, innerlich hin- und hergerissen zwischen der Versuchung, sein Angebot anzunehmen, und Schuldgefühlen, weil er ohnehin schon so viel mehr tat als sie. „Ich müsste noch ein paar Notizen für Carolines nächste Sendung machen.“

Er zuckte die Achseln. „Oder du legst dich hin, damit du morgen nicht wieder schlechte Laune hast.“

„Ich habe doch keine schlechte Laune“, widersprach sie empört.

Er hob nur vielsagend eine Augenbraue.

Seufzend stand sie auf und verließ das Zimmer.

Harper hatte eigentlich nicht vorgehabt zu schlafen, sondern wollte sich nur aufs Bett legen, um ein Kapitel in einem Ratgeber über Kleinkinder zu lesen. Doch schon nach vier Seiten fielen ihr die Augen zu.

Als sie aufwachte, war es schon fast fünf Uhr, und ihr knurrender Magen erinnerte sie daran, dass sie noch keine Vorbereitungen für das Abendessen getroffen hatte. Nach einem raschen Abstecher ins Bad ging sie in die Küche, um nachzusehen, was es im Kühlschrank gab.

Doch Ryan war ihr zuvorgekommen, denn er schälte gerade Kartoffeln in der Spüle. Oliver saß auf dem Fußboden und spielte mit ein paar Plastikdeckeln. Sie blickten beide auf, als Harper reinkam.

„Ich sollte wohl ‚Tut mir leid‘ und ‚Danke‘ sagen.“

„Warum?“

„Tut mir leid, dass ich vorhin so müde und schlecht gelaunt war, und danke, dass du mich hast schlafen lassen und jetzt das Abendessen vorbereitest.“

„Kein Problem.“

„Was gibt’s denn?“

„Steak Pie mit Kartoffelbrei und Mais.“

„Soll ich die Kartoffeln zu Ende schälen?“

„Isst du denn überhaupt welche?“

„Wahrscheinlich nicht.“

„Dann mach dir doch deinen Salat“, schlug er vor.

Harper nahm die Zutaten aus dem Kühlschrank und machte sich an die Arbeit.

Eine halbe Stunde später setzten sie sich gemeinsam an den Tisch. Wie eine ganz normale Familie, dachte Harper. Obwohl sie bisher ehrlich gesagt keine Erfahrungen mit einem normalen Familienleben hatte.

Sie war in New York aufgewachsen, wo ihr Vater als Schauspieler arbeitete und ihre Mutter als Künstleragentin. Seit Harper denken konnte, waren ihre Eltern ständig bei Vorsprechen, Meetings und Events gewesen. Manchmal hatten sie sie und ihren Bruder Spencer mitgenommen, aber meistens hatten sie sie zu Hause bei einer Nanny gelassen.

Melissa war ähnlich unkonventionell aufgewachsen wie Harper. Die Eltern ihrer Freundin hatten sich schon früh getrennt, und danach war Melissas Mutter so oft umgezogen, dass Melissa nie das Gefühl gehabt hatte, irgendwo Wurzeln zu schlagen. Sie hatte sich daher vorgenommen, ihre Kinder ganz anders großzuziehen – in einem normalen Zuhause, wo es selbstverständlich war, dass die Kinder zusammen mit ihren Eltern aßen. Harper war zwar nicht sicher, was „normal“ war, aber sie wollte es zumindest versuchen – Oliver zuliebe.

„Mm, lecker“, sagte sie, nachdem sie etwas von dem Pie probiert hatte.

Oliver war offensichtlich ganz ihrer Meinung, denn es gelang ihm tatsächlich, mehr Fleisch und Soße in seinen Mund zu befördern als auf sein Gesicht.

„Das ist eine der Spezialitäten meiner Tante Susan“, erklärte Ryan. „Ich habe sie nur aufgewärmt.“

„Dank deiner Mutter, Tanten und Cousinen haben wir inzwischen genug Pies, Aufläufe und Pasta, um uns bis Weihnachten über Wasser zu halten.“

„Meine Familie war immer schon davon überzeugt, dass man mit Essen jede Krise lösen kann.“

„Mit den Vorräten könnte man das Hungerproblem in einem Dritte-Welt-Land bewältigen.“

„Meine Mutter weiß, dass mir sogar Toast verbrennt“, sagte Ryan. „Und bei dir wusste sie nicht so recht.“

„Ich koche ganz gut, wenn ich Zeit und die richtigen Zutaten habe.“

„Echt? Ich habe dich bisher nie etwas anderes als Salat essen sehen“, zog er sie auf.

„Das stimmt doch gar nicht!“

„Du hast recht – Salat und einen Happen von was auch immer sonst auf dem Tisch steht.“

Da das der Wahrheit schon näherkam, verkniff Harper sich eine Antwort. „Deine Familie ist toll, vom Essen mal ganz abgesehen. Sie sind so zahlreich auf der Beerdigung erschienen, dass ich mich gar nicht mehr an alle Namen erinnern kann.“

„Beim nächsten Familientreffen mach ich ihnen Namensschilder, damit du es leichter hast“, witzelte er.

„Das wäre jedenfalls hilfreich.“

Er grinste. „Und was ist mit deiner Familie?“

„Die ist nur klein. Mein Dad hat eine Schwester, die für eine Versicherung in Wyoming arbeitet, aber sie hat nie geheiratet und hat keine Kinder. Seine Mutter lebt in Florida, aber ich habe sie seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen. Meine Mom war ein Einzelkind, also gibt es nur meine Eltern, mich und meinen Bruder.“

Und niemand von ihnen war zur Beerdigung gekommen, obwohl Melissa seit dem College ihre beste Freundin gewesen war.

Gayle Everton-Ross hatte zwar ihr Beileid ausgedrückt, als ihre Tochter angerufen und ihr von dem tragischen Heliskiing-Unfall erzählt hatte, bei dem Melissa und Darren ums Leben gekommen waren, aber sie hatte das Telefonat rasch wieder beendet, da sie gerade auf dem Weg zu einem Meeting war. Peter Ross war mit den Dreharbeiten zu seiner Seifenoper beschäftigt, während Spencer, ein Unterwäsche-Model und Möchtegern-Schauspieler, bei einer Off-Off-Broadway-Produktion mitspielte.

„Steht ihr euch nahe?“, fragte Ryan.

Harper schüttelte den Kopf. „Nein, mit Melissa war das Verhältnis viel enger.“

„Ich habe jede Menge Brüder, Cousins und Cousinen, aber Darren hat für mich ebenfalls zur Familie gehört.“

„Ich weiß.“

Schweigend beendeten sie ihre Mahlzeit. Sogar Oliver sagte eine Weile nichts, so konzentriert aß er.

Während Harper ihren Salat kaute, ließ sie ihre Gedanken schweifen. Sie hatte Ryan vor über sechs Jahren über Melissa und Darren kennengelernt, konnte jedoch nicht behaupten, dass sie ihn gut kannte. Sie gingen freundschaftlich miteinander um, aber sie waren nicht wirklich Freunde – dafür waren sie viel zu unterschiedlich.

Ab und zu hatten sie mal was zusammen unternommen, in der Regel immer mit Melissa und Darren, aber sie hatten so wenig gemeinsam, dass sich nie mehr zwischen ihnen entwickelt hatte. Sogar als Melissa und Darren sich verlobt und Harper und Ryan gebeten hatten, Trauzeugen zu sein, waren sie einander nicht nähergekommen. Er war ihr viel zu lässig gewesen und sie ihm zu verkrampft, obwohl es ihnen gelungen war, ihre persönlichen Differenzen ihren Freunden zuliebe beiseitezuschieben.

Und dann war Melissas und Darrens Hochzeit gekommen – und Harper in der Nacht in Ryans Bett gelandet. Am nächsten Morgen hatten sie sich darauf geeinigt, dass es ein Fehler gewesen war, und danach nie jemandem auch nur ein Sterbenswort davon erzählt.

Nach Olivers Geburt hatten die stolzen Eltern sich wieder an ihre besten Freunde gewandt und sie gebeten, Paten zu werden. Sowohl Ryan als auch Harper sagten Ja, da der Wunsch ihrer Freunde ihnen wichtiger war als ihre persönlichen Animositäten. Natürlich hatte damals keiner von ihnen geahnt, dass sie je die gemeinsame Vormundschaft für Oliver würden übernehmen müssen.

Doch jetzt, ein paar Monate später, waren sie dazu gezwungen, dem Kleinen zuliebe irgendwie miteinander auszukommen, weil es sonst niemanden gab, der sich um Oliver kümmern konnte. Harper wusste das deshalb so genau, weil sie nach Melissas und Darrens Tod fast verzweifelt nach anderen Optionen gesucht hatte.

Celeste Trivitt, seine Großmutter mütterlicherseits, lebte mit ihrem Mann, einem Investmentbanker, in Frankreich. Sie war nach dem tödlichen Unfall ihrer Tochter zwar am Boden zerstört gewesen und sofort zur Beerdigung gekommen, hatte jedoch deutlich gemacht, dass ihre Heimat inzwischen in Europa war und ihr Enkel sich glücklich schätzen konnte, Ryan und Harper zu haben.

Quentin Trivitt, Olivers Großvater mütterlicherseits und Celestes Exmann, war mit seiner vierunddreißigjährigen – und schwangeren – Frau im Schlepptau bei der Beerdigung erschienen. Sie hatten großes Mitgefühl für den „armen Kleinen“ und seine Situation zum Ausdruck gebracht, aber keinen Zweifel daran gelassen, dass sie sich ausschließlich auf ihr noch ungeborenes Kind konzentrieren wollten und keinen Enkel gebrauchen konnten.

Olivers Großeltern väterlicherseits wiederum wohnten beide in einer betreuten Wohneinrichtung in Greensboro. Darren hatte zwar noch eine Schwester, doch weder Ryan noch Harper waren ihr je begegnet, und niemand hatte gewusst, wie man sie erreichen und über den Tod ihres Bruders informieren konnte. Melissa hatte Harper mal erzählt, dass Darren und seine Schwester schon lange keinen Kontakt mehr miteinander hatten.

Harper stand auf und trug ihren Teller zur Spüle. „Hast du dich eigentlich je gefragt …?“ Sie stockte.

Ryan räumte das restliche Geschirr ab. „Was?“

Harper zögerte. Sie wollte nicht illoyal wirken. „Ob Melissa und Darren sich nicht jemand anderen hätten aussuchen sollen, der sich um Oliver kümmert?“

„Ständig“, gab er zu.

„Echt?“

Ryan nickte. „Aber ich nehme an, sie hatten ihre Gründe.“

„Mag sein. Ich bin mir nur nicht sicher, dass ich die Richtige bin.“

„Ich habe auch meine Zweifel, was mich angeht“, gestand er zu ihrer Überraschung. „Aber ich werde nicht aufgeben, bevor ich nicht alles versucht habe.“

Sie gab einen Spritzer Geschirrspülmittel in das Becken und füllte es mit Wasser. „Du denkst, ich gebe auf?“

„Ich weiß nicht. Ist es so?“

Sie dachte einen Moment nach, den Blick auf die sich füllende Spüle gerichtet. „Ehrlich gesagt“, gestand sie schließlich, „möchte ich manchmal am liebsten alles hinschmeißen.“

„Und unehrlich gesagt?“

Harper begann, die Töpfe abzuwaschen. „Ich habe lange mit Melissa geredet, als sie mich gebeten hat, Vormund zu werden“, sagte sie. „Damals war sie noch schwanger und Oliver nur ‚das Baby‘. Ich habe es damals seltsam gefunden, dass sie sich schon vor der Geburt Gedanken über solche Dinge macht, aber Melissa hatte noch nie gern etwas dem Zufall überlassen.“

„Gott sei Dank. Darren war nämlich der reinste Chaot.“

Harper musste lächeln. „Das stimmt. Wie dem auch sei, ich habe sie gefragt, wie sie ausgerechnet auf mich kommt. Wieso sie glaubt, dass ich ihr Kind großziehen könnte.“

Harper erinnerte sich noch sehr gut an dieses Gespräch. So gut, dass sie fast das Gefühl hatte, die Stimme ihrer Freundin zu hören. Ihr schossen die Tränen in die Augen.

„Was hat sie geantwortet?“, fragte Ryan sanft.

„Dass ihre Wahl auf mich gefallen ist, weil sie davon überzeugt war, dass ich ihr Kind genauso lieben werde wie sie, sollte ihr jemals etwas zustoßen. Und deshalb gebe ich auch nicht auf – weil ich immer noch Melissas Bitte im Ohr habe, ihren Sohn an ihrer Stelle zu lieben. Und weißt du was? Ich habe ihn schon so ins Herz geschlossen.“

Ryan legte ihr eine Hand auf eine Schulter. „Dann würde ich sagen, sie hat die richtige Wahl getroffen.“

3. KAPITEL

Ryan betrachtete es als gewissen Fortschritt, dass es ihm und Harper tatsächlich gelungen war, sich eine Viertelstunde lang zu unterhalten, ohne sich gegenseitig anzugiften. Das war zwar noch lange nicht genug, wenn sie Oliver gute Ersatzeltern sein wollten, aber zumindest war es ein Schritt in die richtige Richtung.

Ihm fiel auf, dass er sie gar nicht richtig kannte, obwohl ihre erste Begegnung schon eine Ewigkeit her war. Vielleicht lag das an ihm. Er hatte sich nie große Mühe gegeben, ihr näherzukommen, weil sie ihm einfach zu anstrengend war.

Dabei war er anfangs noch für alles offen, auch wenn Darren ihm vor dem ersten Vierertreffen versichert hatte, dass er ihn nicht mit der besten Freundin seiner Freundin verkuppeln wollte, sondern Melissa sich nur wünschte, dass sie beide sich kennenlernten. Und da Ryan Melissa mochte, war er davon ausgegangen, dass ihre Freundin ihm ebenfalls gefallen würde.

Und das hatte sie auch. Er hatte sie unglaublich attraktiv gefunden – mehr als erhofft. Sie war ihm vielleicht ein bisschen zu dünn gewesen, aber ihr Mund … er hatte förmlich an ihren sinnlichen Lippen gehangen.

Bis sie sich übers Studium unterhielten. Sie hatte damals in New York Journalismus studiert und auf einen Job beim Fernsehen gehofft, während er in seinem Abschlussjahr an der Columbia University war. Als sie ihn nach seinen Zukunftsplänen fragte und er ihr erzählte, dass er noch nicht wusste, was er wollte, hatte sie plötzlich dichtgemacht.

Obwohl er da nicht ganz die Wahrheit gesagt hatte. Er wusste schon damals, dass er bei Garrett Furniture anfangen würde, hatte sich jedoch angewöhnt, nicht zu offen über seine familiäre Verbindung zu der Firma zu reden. Zu viele Frauen interessierten sich nämlich nur deshalb für ihn, weil er ein Garrett war und eines Tages Miterbe eines großen Unternehmens sein würde.

Harper war so zu dem Schluss gekommen, dass ihm der nötige Ehrgeiz fehlte. Und als sie dann später herausgefunden hatte, dass er einer der Garretts und ins Möbelimperium der Familie eingestiegen war, hatte das ihre schlechte Meinung über ihn nur gefestigt. Für sie war seine Berufswahl der beste Beweis dafür, dass er zu faul war, sich aus eigener Kraft eine Karriere aufzubauen.

Ihre Meinung war ihm egal gewesen. Er mochte seinen Job, und er fand es sehr befriedigend, zum Erfolg der Firma beizutragen, die sein Großvater gegründet hatte.

Doch trotz dieser Schwierigkeiten knisterte es von Anfang an zwischen Harper und ihm, und daran hatte sich auch nie etwas geändert, noch nicht mal, als sie mit anderen Partnern liiert waren. Ryan hatte dieses Phänomen so verblüffend wie faszinierend gefunden, auch wenn es nie seine Absicht war, etwas mit ihr anzufangen. Zumal ihre Fass-mich-nicht-an-Signale unmissverständlich gewesen waren … bis zu jener Nacht, in der sie ganz andere Signale sendete.

Aber das gehörte eindeutig nicht zu den Dingen, an die er gerade denken sollte.

Wenn sie Fortschritte machen wollten, musste er sich auf Oliver konzentrieren und durfte sich nicht von der Erinnerung an Harpers warmen nackten Körper ablenken lassen.

„Ich finde, du machst das ganz toll mit Oliver“, sagte er, während er ihr half, den Geschirrspüler einzuräumen. „Aber es ist auch nicht zu übersehen, dass du erschöpft bist.“

„Ich fühle mich ja so geschmeichelt, dass dir das aufgefallen ist“, sagte sie ironisch.

Er hob die Augenbrauen. „Ich bin auch ziemlich erledigt, und dabei arbeite ich nur halbtags.“

„Halbtags zu arbeiten ist für mich keine Option.“

„Dann solltest du vielleicht mal Urlaub nehmen.“

„Das geht nicht. Ich würde ja gern, aber im Studio ist einfach zu viel zu tun. Morgen muss ich zum Beispiel anderthalb Stunden früher hin.“

„Kannst du dafür früher gehen?“

„Ich werde es versuchen, aber auf dem Rückweg wollte ich mir noch ein paar Kindergärten ansehen.“

Ryan runzelte die Stirn. „Du willst Oliver in den Kindergarten stecken?“

„Uns bleibt doch keine andere Wahl.“ Sie faltete das Küchenhandtuch ordentlich zusammen und hängte es über die dafür vorgesehene Stange im Schrank.

„Findest du nicht, dass wir das gemeinsam besprechen sollten? Um Himmels willen, Harper, der Kleine hat gerade erst seine Eltern verloren, und du willst ihn Wildfremden überlassen?“

„Es geht nicht um das, was ich will, sondern was die Situation erfordert.“ Sie lehnte sich gegen den Küchentresen und sah ihn an. „Ich habe nun mal nicht den Luxus, in einer Firma zu arbeiten, die meiner Familie gehört. Wenn ich nicht arbeite, kriege ich kein Geld, so einfach ist das.“

„Wenn es nur um das Geld geht, kann ich …“

„Nein“, fiel sie ihm ungeduldig ins Wort. „Es geht nicht nur um das Geld.“

„Ich weiß, wie wichtig dir deine Karriere ist.“

Harper bezweifelte das. Denn ihre Karriere war ihr mehr als nur wichtig – sie war ihr Leben.

Sie hatte gleich nach dem College bei WNCC-TV als Assistentin in der Requisite angefangen und sich nach oben gearbeitet, bis sie Produktionsassistentin bei der Frühstücksfernsehsendung Coffee Time with Caroline geworden war. Und auf dem Weg dahin hatte sie zahlreiche Wochenenden und Urlaube geopfert, Treffen mit Freunden verpasst, viele Männer abgewimmelt und mehrere Dates vorzeitig abgebrochen.

Ryan jedoch war ein Garrett. Er hatte für seinen Job nie irgendwelche Opfer bringen müssen. Er hatte vielleicht nicht als Vertriebsmanager angefangen, aber bestimmt hatte er nie irgendwelche Hindernisse überwinden müssen. Er konnte auch jederzeit Urlaub nehmen, ohne gleich seinen Job aufs Spiel zu setzen. Für Harper war das nicht so einfach. Auch eine kurze Abwesenheit im Sender konnte das Ende ihrer Karriere bedeuten.

„Ich finde einfach nur, dass wir nichts überstürzen sollten“, fuhr er etwas versöhnlicher fort.

Harper wusste jedoch aus Erfahrung, dass man früh die Initiative ergreifen musste, wenn sich etwas ändern sollte. „Und wie lange willst du warten?“, fragte sie spitz. „Noch ein paar Wochen? Ein paar Monate?“

„Jedenfalls länger als nur drei Wochen.“

Sie zwang sich, tief durchzuatmen, um nicht zu explodieren. „Ich habe bisher nur ein paar Erkundigungen eingezogen und rumtelefoniert. Wir müssen ihn ja nicht gleich morgen früh abliefern.“

Ryan nickte langsam, während er Olivers Hände und Gesicht abwischte. „An welche Kindergärten hast du denn gedacht?“

Dass er sich danach erkundigte, war vielleicht ein Zeichen, dass er sich umstimmen lassen würde, und da sie seine Kooperation brauchte, beschloss sie, seine Frage freundlich zu beantworten. „First Steps und Wee Watch sind in der engeren Auswahl. Little Hands macht auch einen guten Eindruck, ist aber von der Lage her für uns beide ungünstig.“

„Die Tochter meines Cousins Andrew war bei Wee Watch.“

„Dann würdest du den Kindergarten also empfehlen?“

„Ich würde eher versuchen, unsere Arbeitszeiten so aufzuteilen, dass Oliver gar nicht erst außer Haus betreut werden muss.“

Harper verschränkte die Arme vor der Brust. „Tja, ich arbeite jeden Tag von sechs bis zwölf und habe hinterher oft Meetings. Schaffst du es, deine Arbeitszeiten entsprechend anzupassen?“

„Schon mal etwas von dem Wörtchen ‚Kompromiss‘ gehört?“

„Klar habe ich das. Aber was meinen Job angeht, bin ich nicht zu Kompromissen bereit.“

„Darum bitte ich dich auch gar nicht. Ich bitte dich nur, dir vorübergehend eine Auszeit zu nehmen, um uns allen – und vor allem Oliver – Zeit zu geben, das, was passiert ist, zu verarbeiten.“

„Das klingt in der Theorie ganz wundervoll, aber die letzten drei Wochen waren das reinste Chaos, und ich muss mein Leben endlich wieder in den Griff kriegen.“

„Glaubst du allen Ernstes, irgendjemand bei deiner Arbeit braucht dich mehr als dieser kleine Junge hier?“ Ryan nahm Oliver aus dem Hochstuhl.

„Nein, aber im Studio weiß ich wenigstens, was ich mache“, platzte sie heraus.

Sie hatte das eigentlich nicht sagen wollen, schon gar nicht Ryan gegenüber. Doch nach drei Wochen stand für sie fest, dass Ryan besser mit Oliver zurechtkam und ein viel besseres Gespür für dessen Bedürfnisse hatte als sie, was ihr das unangenehme Gefühl gab, nicht nur unfähig, sondern zu allem Überfluss auch noch abhängig von ihm zu sein.

Und genau deshalb musste sie sich wieder auf ihre Arbeit konzentrieren: Weil sie nur dort kompetent und selbstsicher war. Wenn sie mit Oliver und Ryan zusammen war, fühlte sie sich eher überfordert und hilflos … und hatte noch dazu jede Menge anderer Gefühle, die sie lieber verdrängen oder gar nicht erst benennen wollte.

Ryan musste am nächsten Tag länger arbeiten. Als er nach Hause kam, bereitete Harper bereits Olivers Abendsnack aus Haferbrei und Banane zu.

Sie plauderten eine Weile über ihren Tag – er erzählte ihr von den Plänen der Firma für das jährliche Sommerpicknick und sie ihm von ihrer zufälligen Begegnung mit Kenna, der Frau seines Cousins Daniel, mit der Harper sich auf Anhieb gut verstanden hatte. Trotz der lockeren Unterhaltung hatte Ryan den Eindruck, dass ein unterkühlter Unterton in Harpers Stimme mitschwang – und kurz darauf wusste er auch, wieso.

„Deine Reinigungsquittung liegt auf dem Tresen“, sagte sie etwas spitz, während sie Oliver in seinen Hochstuhl setzte. „Zusammen mit dem Zettel von Nadine Deacon, der in dem Jackett war, das du zur Beerdigung getragen hast.“

Ryan hatte diesen Zettel schon ganz vergessen – wahrscheinlich keine zwei Sekunden, nachdem Nadine ihn in seine Tasche gesteckt hatte.

„Vielleicht sollte mich das nicht überraschen, aber ich dachte tatsächlich, du würdest wenigstens auf der Beerdigung deines besten Freundes keine Frauen angraben.“

Harpers Bemerkung saß, was sie zweifellos auch beabsichtigt hatte. Ryan ärgerte sich darüber. Es war kein Geheimnis, dass er gern mit schönen Frauen ausging, aber deswegen war er noch lange kein zügelloser Frauenheld. „Ich habe sie nicht um ihre Nummer gebeten. Sie hat sie mir gegeben und mir angeboten, sie anzurufen, falls ich Hilfe brauche.“

„Ach so, das ist natürlich etwas ganz anderes“, entgegnete Harper sarkastisch. „Obwohl Brittney das vermutlich nicht so sehen würde.“

„Bethany“, rief er ihr ins Gedächtnis.

Oliver prustete und spuckte dabei Bananenbrei. Harper wischte ihm das Kinn ab und bot ihm noch einen Löffel an.

„Außerdem hast du gut reden. Schließlich hast du dich selbst prächtig mit dem langhaarigen Typen mit den glänzenden Schuhen unterhalten.“

„Simon Moore ist der Makler, der Melissa und Darren dieses Haus verkauft hat. Er hat ihnen nur die letzte Ehre erwiesen.“

„Dann hat er dir also nicht seine Nummer gegeben?“

„Nein, nur seine Visitenkarte. Falls wir das Haus verkaufen wollen.“

„Wir verkaufen es nicht.“

Sie kratzte den Rest Brei aus dem Schälchen. „Das ist eine sehr emotionale Reaktion, keine rationale.“

„Wie willst du das denn beurteilen?“

Sie versteifte sich. „Was soll das heißen?“

„Ich kenne dich gar nicht anders als rational. Manchmal frage ich mich schon, ob du überhaupt Gefühle hast.“

„Jede Menge. Ich halte es nur nicht für angebracht, sie ständig allen anderen mitzuteilen.“

„Ich bin nicht alle anderen, sondern der Mann, mit dem du ein Kind zusammen großziehst“, gab Ryan enttäuscht zurück.

„In meinem Elternhaus haben sich jede Menge emotionale Dramen abgespielt, und was ich nicht dort mitbekam, erfuhr ich aus den Schlagzeilen der Klatschmagazine, also verzeih mir bitte, wenn ich das Oliver ersparen will!“

Ryan hatte von Darren und Melissa von den Eheproblemen ihrer Eltern erfahren und auch ein paar jener Schlagzeilen gelesen, aber er hatte bisher nie den Eindruck gehabt, dass sie unter den sehr öffentlichen Trennungen und Versöhnungen ihrer Eltern gelitten hatte. Anscheinend hatte er sich geirrt. „Wir leben in Charisma. Hier lauern keine Paparazzi in den Hecken.“

Sie lehnte sich seufzend in ihrem Stuhl zurück. „Das ist mir bewusst, zumindest vom Kopf her. Aber ich muss immer wieder an den Reporter denken, der mich eines Tages nach der Schule abgefangen hat und fragte, was für ein Gefühl es ist, dass Peter Ross behauptet, nicht mein Vater zu sein.“

„Oh Gott, Harper … das tut mir leid.“

Sie zuckte die Achseln. „Anscheinend fördert das tränenüberströmte Gesicht einer Zehnjährigen die Verkaufszahlen. Ein Test hat schließlich bewiesen, dass er wirklich mein Vater ist, aber das war dann natürlich keine Zeile wert.“

Kein Wunder, dass Harper so ungern über ihre Gefühle sprach.

Ryan war wütend auf den Reporter, der sie für seine Zwecke missbraucht hatte. Zugleich tat ihm das Mädchen leid, das sie gewesen war, und er war frustriert, weil die Frau, zu der sie sich entwickelt hatte, ihn ständig auf Distanz hielt.

Er konnte jetzt zwar besser nachvollziehen, warum sie ihre Gefühle so unter Verschluss hielt, aber sie musste begreifen, dass sie ein Team waren und Oliver zuliebe gemeinsame Absprachen treffen mussten. Was viel leichter wäre, wenn er nicht ständig gegen die von ihr errichtete Mauer stoßen würde. Doch dass sie ihm diese Geschichte aus ihrer Vergangenheit erzählte, machte ihm Hoffnung, dass sie sich ihm gegenüber vielleicht doch allmählich öffnete … ein bisschen zumindest.

Oliver war inzwischen fertig mit seinem Brei, und Harper reichte ihm seine Babytasse. Oliver packte einen der seitlichen Griffe und kippte seine Milch runter wie ein Mann ein Glas Bier.

Ryan musste bei dem Anblick grinsen. Er dachte an die unzähligen Biere, die er im Laufe der Jahre mit Darren getrunken hatte. „Ganz der Vater“, sagte er.

Harpers Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, doch dann begannen sie zu zittern, und sie wandte den Blick ab.

Ryan konnte sich gut vorstellen, was ihr gerade durch den Kopf schoss, denn ihm ging es genauso. Seine Bemerkung erinnerte sie daran, dass der Kleine nie wieder die Chance haben würde, etwas von seinen Eltern zu lernen.

Als er spürte, wie die Trauer ihn überwältigte, sah er die Tränen in Harpers Augen.

Ach, verdammt!

Er hatte quasi von ihr verlangt, Gefühle zu zeigen, und jetzt, wo sie den Tränen nahe war, wusste er nicht, wie er darauf reagieren sollte. Er war den Umgang mit emotionalen Frauen einfach nicht gewohnt, seine Beziehungen waren nur selten so weit gegangen, dass die Frauen sich hemmungslos an seiner Schulter ausgeweint hatten.

Aber diese Situation hier war anders, und Harpers Schmerz dürfte ihn eigentlich nicht überraschen – die letzten Wochen waren für sie beide die Hölle gewesen. Ehrlich gesagt wunderte es ihn eher, dass sie nicht schon viel früher zusammengebrochen war.

Nicht dass sie jetzt wirklich zusammenbrach. Trotz ihrer feuchten Augen und ihres zitternden Kinns riss sie sich tapfer zusammen. Offensichtlich wollte sie genauso wenig in seiner Gegenwart in Tränen ausbrechen wie er Zeuge davon sein.

Blind vor Tränen schnallte sie Oliver ab und nahm ihn aus seinem Hochstuhl.

„Harper …“ Hilflos berührte Ryan sie an einer Schulter, weil er nicht wusste, was er sonst sagen oder tun sollte.

Sie schüttelte seine Hand ab. „Bitte nicht.“

„Was nicht?“

„Sei nicht so lieb zu mir“, sagte sie fast flehentlich. „Meine Selbstbeherrschung hängt am seidenen Faden, und wenn du weiterhin so mitleidig und verständnisvoll reagierst, werfe ich mich noch heulend in deine Arme.“ Sie drückte ihm stattdessen Oliver in die Arme und floh aus der Küche.

Ryan stand eine Weile lang ratlos da.

„Bad“, sagte Oliver irgendwann.

Ryan gab sich einen Ruck. „Du hast recht.“ Er setzte sich den Kleinen auf eine Hüfte und ging zur Treppe, dankbar für eine Aufgabe, der er sich gewachsen fühlte. „Wir gehen jetzt ins Bad und machen dich fertig für die Heia.“

Ein paar Tage, nachdem Harper um ein Haar in Ryans Gegenwart in Tränen ausgebrochen wäre, fühlte sie sich wieder etwas stabiler. Und auch mit Oliver lief es besser.

Sie schnitt ihm gerade ein Käsesandwich in mundgerechte Stückchen, als ihr Handy klingelte.

Ein rascher Blick auf das Display verriet ihr, dass der Anrufer Adam McCready war – der Produzent von Coffee Time. Sie ignorierte den Anruf. So dringend würde es schon nicht sein.

Als sie Olivers Babytasse aus dem Schrank holte, zupfte er sie am Rock und zeigte auf das Glas mit den Keksen auf dem Tresen. „Kee! Kee!“

„Du kriegst nach deinem Sandwich einen“, versprach sie und goss ihm Milch ein.

„Kee!“, beharrte er.

Sie setzte ihn in seinen Hochstuhl und schnallte ihn fest, bevor sie ihm Teller und Tasse hinstellte. „Hier, Käsesandwich“, sagte sie. „Mm, lecker.“

Er streckte die Ärmchen nach dem Keksglas aus. „Mm! Kee!“

Harpers Handy hatte aufgehört zu klingeln, aber dafür blinkte jetzt ihre Nachrichtenanzeige. Sie wollte sie genauso ignorieren wie das Klingeln – bis sie sah, dass es eine SMS von Diya war.

HD hat für morgen abgesagt. Adam flippt aus. Weißt du eine Alternative?

HD war Holden Durrant – ihr Stargast, den sie schon die ganze Woche angekündigt hatten.

Harper rief sofort dessen Agentin an und erfuhr, dass der Schauspieler Magen-Darm-Grippe hatte und sich in seiner Penthouse-Suite im Courtland-Hotel die Seele aus dem Leib kübelte. Harper vereinbarte einen neuen Termin für die darauffolgende Woche und kontaktierte Elaine Hiller – eine aufstrebende ortsansässige Künstlerin, die gerade eine Ausstellung in Asheville hatte und die Durrant am nächsten Tag ersetzen sollte. Danach informierte sie Diya.

Als das erledigt war, hatte Oliver sein Sandwich aufgegessen und wollte aus dem Hochstuhl. Harper wischte ihm Gesicht und Hände ab und setzte ihn runter, damit er mit seinen Plastikdeckeln spielen konnte, während sie Adam anrief, um ihm persönlich zu versichern, dass die Krise abgewendet war.

Natürlich gab es kein Lob dafür, dass sie die Situation gerettet hatte. Stattdessen wollte er wissen, wann sie endlich die Schwiegertochter seines Schwagers in die Sendung holen würden, deren Kinderbuch gerade veröffentlicht wurde. Genervt ging Harper ins Arbeitszimmer, um in ihrem Tablet nachzusehen.

Sie hatte gerade den Terminkalender geöffnet, als sie ein lautes Klirren und einen Schrei hörte. Ihr schoss nur ein Gedanke durch den Kopf: Oliver!

Sie ließ das Tablet auf den Schreibtisch fallen und rannte zurück in die Küche. Der kleine Junge saß inmitten von Scherben und zerbrochenen Keksen neben einem umgekippten Stuhl auf dem Fußboden, das Gesichtchen blut- und tränenüberströmt.

4. KAPITEL

„Ach, Schätzchen!“ Harper bahnte sich vorsichtig den Weg durch die Scherben und hob Oliver auf den Arm.

„Kee?“, fragte er mit zitternder Unterlippe.

Tränen schossen ihr in die Augen. „Es tut mir so leid.“ Mit einer Hand nahm sie ihre Handtasche, stopfte sie in Olivers Wickeltasche, hängte sie sich über eine Schulter und trug Oliver zu ihrem Wagen.

Sie schnallte ihn in seinen Kindersitz und tupfte ihm mit einem Taschentuch das Blut von der Wange, wobei sie die Wunde aussparte, falls noch eine Scherbe drinsteckte. Zwölf Minuten später kam sie in der Notaufnahme des Mercy-Hospitals an. Olivers Weinen – vermutlich eher vor Schreck als vor Schmerzen – war inzwischen verstummt, und seine Tränen waren fast versiegt.

Sie nannte der Krankenschwester am Empfang ihre Versicherungsnummer und Olivers Geburtsdatum. Nein, sie war nicht seine Mutter – seine Eltern waren tot. Ja, sie war sein gesetzlicher Vormund. Nein, sie hatte keinen Nachweis dabei. Ja, sie war allmählich genervt von diesen endlosen Fragen, weil immer noch weit und breit kein Arzt zu sehen war.

„Ich bin krankenversichert, und ich habe Kreditkarten dabei. Ich will nur, dass ein Arzt ihn untersucht.“

„Bitte nehmen Sie im Warteraum Platz, bis man Sie aufruft.“

Harper unterdrückte ein ungeduldiges Seufzen. „Wie lange werden wir warten müssen?“

„Es dürfte nicht lange dauern.“

Frustriert wandte Harper sich vom Tresen ab, Tränen der Hilflosigkeit in den Augen.

„Harper?“

Blinzelnd blickte sie zu der verschwommenen Gestalt in weißem Kittel hoch. Es dauerte nicht lange, bis sie den Mann erkannte. Es war Justin Garrett – Ryans Bruder.

„Was ist passiert?“, fragte er.

Sie öffnete den Mund, brachte jedoch kein Wort heraus.

Gott sei Dank schien Justin keine Antwort zu erwarten. „Ich bringe die beiden in Zimmer vier“, erklärte er der Krankenschwester, führte Harper ins Untersuchungszimmer und zeigte auf die Liege. Sie setzte sich hin und hielt Oliver so auf ihrem Schoß, dass der Arzt ihn untersuchen konnte.

Justin schien es jedoch nicht eilig zu haben, denn er streifte sich entspannt ein Paar Latexhandschuhe über. „Weiß Ryan schon, dass ihr hier seid?“

Harper schüttelte den Kopf. Ihr Magen verkrampfte sich schmerzlich bei der Vorstellung, Ryan den Unfall beichten zu müssen. „Ich bin noch nicht dazu gekommen, ihn anzurufen.“

„Dann hol das doch jetzt nach“, schlug Justin vor, während er ein Päckchen mit einem Mulltupfer aufriss und das Blut von Olivers Wange wischte.

„Er hat heute ein Meeting in der Firma – ich sollte ihn vielleicht nicht stören.“

Justin hörte auf zu tupfen und sah Harper an. „Glaubst du nicht, er würde es wissen wollen?“

„Doch, natürlich“, antwortete sie hastig. Sie hatte insgeheim gehofft, dass Ryan nichts von ihrer Nachlässigkeit mitbekommen würde, aber daraus würde wohl nichts werden.

Während Justin Olivers Wunde säuberte, zog sie widerstrebend ihr Handy aus der Tasche und schickte Ryan eine kurze Nachricht. Wenn er ihr schon Vorwürfe machen würde, dann lieber per SMS und nicht am Telefon.

„Was genau ist eigentlich passiert?“, fragte Justin, als sie ihr Handy wieder einsteckte.

„Oliver ist auf einen Stuhl geklettert, um sich einen Keks zu holen, und hat dabei das Glas vom Tresen gefegt.“

„Hat er seinen Keks bekommen?“

„Nein. Das Glas ist in tausend Scherben zersprungen.“

„Er weint wahrscheinlich eher vor Enttäuschung als wegen der Wunde.“ Justin grinste, als Oliver seine Vermutung mit einem hoffnungsvollen „Kee?“ bestätigte.

„Muss die Wunde genäht werden?“, fragte Harper besorgt.

Justin schüttelte den Kopf. „Nein, sie ist nicht sehr tief.“

„Aber sie hat so stark geblutet.“

„Das heilt ganz schnell wieder“, versicherte er ihr.

Doch Harper war nicht so leicht zu beruhigen. „Wird er eine Narbe zurückbehalten?“

„Eine ganz kleine unauffällige vielleicht.“

„Eine unauffällige Narbe ist trotzdem eine Narbe.“

„Du bist praktisch eine frischgebackene Mutter, da ist es normal, sich wegen jeder Kleinigkeit Sorgen zu machen, aber wenn ich in der Notaufnahme eins gelernt habe, dann, dass Beulen, Blutergüsse und sogar Knochenbrüche ständig vorkommen. Das hier wird nicht dein letzter Krankenhausbesuch sein. Und …“, Justin wartete, bis Harper ihn ansah, „… es war nicht deine Schuld.“

Sie sah das zwar anders, nickte jedoch gehorsam.

Oliver steckte sich einen Daumen in den Mund und kuschelte sich an ihre Brust.

„Siehst du? Sogar er weiß das.“

Bevor Harper etwas darauf erwidern konnte, klopfte es an der Tür, und Ryan betrat das Untersuchungszimmer. Bei seinem Anblick setzte Oliver sich sofort auf und streckte strahlend die Ärmchen nach ihm aus.

„Hi, Großer! Ich habe ja gar nicht gewusst, dass du heute einen Ausflug in die Notaufnahme geplant hattest“, sagte er betont locker, warf seinem Bruder jedoch einen besorgten Blick zu.

„Es geht ihm gut“, versicherte Justin ihm. „Er hat nur einen kleinen Schnitt, aber den haben wir schon geklebt. In einer Woche müsste die Wunde verheilt sein.“

„Wenn du nach Hause kommst, musst du unbedingt in seinem Babybuch nachsehen, ob es dort eine Seite für den ersten Besuch im Krankenhaus gibt“, sagte Ryan zu Harper.

Sie wusste, dass er sie nur aufzog – hoffentlich. Aber seine Worte lösten einen völlig unerwarteten Ansturm von Gefühlen in ihr aus – Trauer, weil ihre Freundin diese erste Erfahrung mit ihrem Sohn nie machen würde, und Schuldgefühle, weil sie sich, obwohl Justin ihr das Gegenteil versichert hatte, verantwortlich für Olivers Verletzung fühlte. Als ihr diesmal die Tränen in die Augen schossen, war es mit ihrer Selbstbeherrschung vorbei.

Ryan sah seinen Bruder erschrocken an.

„Ich gehe mal mit Oliver in die Cafeteria und besorge ihm den Keks, den er noch nicht bekommen hat“, erklärte Justin.

„Kee!“, stimmte der Kleine begeistert zu.

Der Arzt nahm Harper das Baby ab und trug Oliver aus dem Zimmer.

Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, aber sie wollten einfach nicht aufhören zu fließen.

„Willst du mir nicht verraten, warum du so weinst?“, fragte Ryan, als sie allein waren.

Kopfschüttelnd nahm Harper ein Tuch aus der Box auf dem Tisch.

„Willst du es mir nicht sagen, oder geht das nicht, weil du nicht gleichzeitig weinen und reden kannst?“

Sie nickte.

„Okay.“ Ryan zögerte einen Moment, weil er nicht wusste, wie er sie trösten sollte – und ob sie das überhaupt zulassen würde. Er setzte sich neben sie, legte ihr einen Arm um die Schultern und zog sie sanft an sich. „Lass es einfach raus.“

Harper verkrampfte sich für einen Moment, schmiegte sich dann jedoch an seine Schulter und schluchzte, als hätte sie ihre beste Freundin verloren.

Was ja auch stimmte.

Melissa und Darren waren schon einen knappen Monat tot, doch Ryan hatte Harper in der ganzen Zeit keine einzige Träne vergießen sehen. Stattdessen hatte sie sich auf das konzentriert, was erledigt werden musste. Er war schon drauf und dran gewesen, sie für ziemlich gefühllos zu halten, aber offensichtlich hatte er sich geirrt. Sie hatte ihre Gefühle nur verdrängt, und jetzt brach mit einem Mal alles aus ihr heraus.

Als ihre Tränen versiegten, hob er ihr Kinn und sah ihr in die immer noch tränennassen Augen. Ihre Wimpern waren verklebt, und ihr Make-up hatte sich aufgelöst, aber er fand Harper in ihrer Natürlichkeit so schön, dass er instinktiv den Kopf senkte und sie küsste.

Harper erstarrte, als sie Ryans warme Lippen auf ihren spürte. Doch da sie sich ihm nicht entzog, küsste er sie weiter und vertiefte den Kuss allmählich. Fast zögernd legte sie die Hände auf seine Schultern und öffnete die Lippen.

Ihr Mund schmeckte süß und heiß und verlockend vertraut. Er hatte sie schon mal geküsst … und mehr als das. Und obwohl ihre einzige Liebesnacht schon vier Jahre zurücklag, war mit einem Schlag wieder alles präsent.

Sie hatte diese Nacht am darauffolgenden Morgen als Fehler bezeichnet, doch Ryan konnte sie nicht bereuen. Er bedauerte nur, dass ihre damalige Nähe hinterher irgendwie eine noch größere Distanz zwischen ihnen geschaffen hatte. Vor vier Jahren waren sie jedoch nur Bekannte mit gemeinsamen Freunden gewesen, jetzt hingegen wohnten sie plötzlich zusammen und hatten das gemeinsame Sorgerecht für einen kleinen Jungen, der auf sie beide angewiesen war. Ryan konnte es sich daher nicht erlauben, Mist zu bauen.

Langsam und widerstrebend löste er die Lippen von ihrem Mund.

Harper seufzte und blinzelte benommen. „Das kam etwas … überraschend.“

„Stimmt. Es war vielleicht unklug, aber ich kann dir leider nicht versprechen, dass es nicht wieder vorkommen wird.“

Sie öffnete den Mund, als wolle sie etwas erwidern, klappte ihn jedoch wieder zu.

„Spuck’s ruhig aus.“

„Ich gehe jetzt Oliver holen. Es wird Zeit für seinen Mittagsschlaf.“

Typisch Harper. Anstatt sich ihren Gefühlen zu stellen, ignorierte sie sie lieber.

Doch inzwischen konnte Ryan sie besser einschätzen und wusste, dass hinter ihrer kühlen, beherrschten Fassade eine warmherzige, leidenschaftliche und emotionale Frau steckte. Weshalb es ihm umso schwerer fiel, sie jetzt gehen zu lassen.

Aber das musste er – zumindest vorerst. Sie brauchten beide Zeit, um über das nachzudenken, was zwischen ihnen passiert war, und sich zu überlegen, wie es jetzt weitergehen sollte. „Okay. Wir sehen uns nachher zu Hause.“

Harper blieb noch eine Weile sitzen, um ihren Herzschlag und ihre zitternden Beine zu beruhigen.

Sie hätte das eben gern als „nur einen Kuss“ abgetan, aber sie wusste, dass es nicht „nur ein Kuss“ gewesen war. Ryan hatte sie in einem Untersuchungszimmer in der Notaufnahme geküsst, und sie hatte seinen Kuss erwidert wie eine Ertrinkende.

Fassungslos über ihre Reaktion schüttelte sie den Kopf. Der Mann brauchte sie nur zu berühren, und sie schmolz förmlich dahin. Und das wusste er anscheinend auch ganz genau, der Idiot!

Irgendwie hatte sie sich schon immer zu ihm hingezogen gefühlt, aber meistens war es ihr gelungen, das zu verdrängen. Was natürlich viel einfacher war, wenn man sich nur ein paarmal im Jahr sah. Wenn man zusammenwohnte, war das schon erheblich schwieriger.

Sie beschloss, ihm gegenüber in Zukunft so zu tun, als sei nie etwas passiert. Leider schaffte sie das nur, bis Oliver abends im Bett lag. Sie saß gerade mit ihrem Tablet auf dem Sofa und machte sich Notizen für den nächsten Arbeitstag, als Ryan sich neben sie setzte, sich auf die Armlehne stützte und fragte: „Wollen wir darüber reden?“

Sie rang nach einer Antwort, während sie so tat, als sei sie in ihre Liste vertieft. „Worüber? Über meine Nachlässigkeit mit Oliver oder den Kuss?“

„Den Kuss. Aber erst wollte ich dir noch versichern, dass Olivers Unfall nichts über deine erzieherischen Fähigkeiten aussagt.“

„Wie kannst du so etwas sagen?“

„Weil es stimmt. Es hätte genauso gut in meiner Anwesenheit passieren können – oder wenn wir beide da gewesen wären.“

„Aber es ist bei mir passiert“, widersprach sie geknickt.

„Okay, ich stell dir jetzt mal eine Frage: Hältst du meine Mom für eine gute Mutter?“

„Klar, sie ist toll.“

„Dann würdest du ihre Fähigkeiten als Mutter also nicht infrage stellen?“

„Natürlich nicht.“

„Aber sie war noch vor meinem ersten Geburtstag drei Mal mit mir im Krankenhaus.“

Harper beäugte ihn skeptisch. „Echt?“

„Ja. Das erste Mal war ich erst sieben Monate alt. Justin hat mich mit einem Plastikschläger am Auge getroffen.“ Er zeigte auf seine rechte Augenbraue. „Genau hier. Vier Stiche.“

Sie beugte sich vor und betrachtete die kaum sichtbare Narbe.

„Als ich zehn Monate alt war, habe ich eine von Bradens Murmeln verschluckt, weil er behauptet hatte, es wäre ein Bonbon. Und keinen Monat später bin ich die Treppe runtergefallen und hatte eine Gehirnerschütterung. Diesmal haben sie mich über Nacht im Krankenhaus behalten.“

„Deine Mutter war keine schlechte Mutter – sie hatte einfach nur schreckliche Kinder.“

Ryan lachte. „Da könnte was Wahres dran sein. Jedenfalls haben wir sie mit unseren unzähligen Schnitten, Beulen und blauen Flecken gewaltig auf Trab gehalten. Sie hatte ständig Angst, dass eines Tages das Jugendamt vor der Tür steht.“

Harpers Herzschlag beschleunigte sich. Auf diese Idee war sie noch gar nicht gekommen. Klar, sie hätte besser auf Oliver aufpassen müssen, aber es war doch nur ein Unfall gewesen!

Ryan schien ihr ihre Panik anzumerken. „Niemand wird das Jugendamt anrufen, nur weil Oliver das Keksglas vom Tresen gestoßen hat.“

Sie nickte tapfer.

„So, und jetzt lass uns über das reden, was danach passiert ist.“

„Du hast mich geküsst“, sagte sie, fest entschlossen, kein großes Ding daraus zu machen.

„Und du hast meinen Kuss erwidert.“

Sie konnte das nicht bestreiten, also beschloss sie, eine möglichst unverfängliche Erklärung dafür zu liefern. „Ich war völlig durch den Wind. Ich habe mir solche Sorgen um Oliver gemacht und mich schuldig gefühlt, und du warst da, also … danke.“

Seine Mundwinkel zuckten belustigt. „Gern geschehen.“

Sie errötete. „Ehrlich gesagt, es wäre vielleicht besser, wir einigen uns darauf, dass es nicht wieder vorkommen wird. Unsere Situation ist auch so schon kompliziert genug.“

„Sehe ich genauso. Aber ich glaube, der heutige Kuss ist ein Hinweis, dass die Anziehungskraft zwischen uns stärker ist als dein Vorsatz, sie zu ignorieren.“

Aubrey Renforth hatte in ihrem Leben schon viele Fehler gemacht, doch keinen davon bereute sie mehr, als den Kontakt zu ihrer Familie abgebrochen zu haben.

Lange hatte sie ihre Eltern und ihren Bruder für diese Entfremdung verantwortlich gemacht. Schließlich waren sie diejenigen gewesen, die sich geweigert hatten, zu ihrer Hochzeit zu kommen, und darauf beharrten, dass sie zu jung zum Heiraten – und Jeremy zu alt für sie war.

Also hatte sie mit ihrem Mann ein neues Leben begonnen und sich eingeredet, dass das ihre Bestimmung war. Ihre einzige Verbindung zu ihrem früheren Leben war Tracy Blaine, ihre beste Freundin seit der sechsten Klasse. Insgeheim hatte Aubrey sich immer auf Tracys Mails gefreut, die ihr einen Einblick in das Leben in der Stadt verschafften, die mal ihr Zuhause gewesen war.

Es war Tracy, die ihr von Darrens Hochzeit mit Melissa berichtet hatte und ein Jahr später vom Herzinfarkt ihres Vaters und der anschließenden Entscheidung ihrer Mutter, mit ihm in eine betreute Wohneinrichtung zu ziehen. Zwei Jahre danach hatte Tracy ihr einen Link zur Online-Ausgabe der Lokalzeitung mit Olivers Geburtsanzeige gemailt. Aubrey hatte sie ausgedruckt und in ihrem Schmuckkästchen aufbewahrt.

In all den Jahren war Aubrey nicht ein einziges Mal nach Charisma zurückgekehrt. Sie hatte einfach nicht das Bedürfnis gehabt. Dass ihre Eltern alt wurden, war natürlich traurig, aber unvermeidlich, und der Tod ihres Bruders und seiner Frau war ein Schock gewesen, doch erst die Sorge um das Kind – den Neffen, dem sie nie begegnet war – hatte sie wachgerüttelt und sie dorthin geführt, wo sie jetzt war.

24 Springhill Garden.

Sie verglich die Hausnummer mit der auf dem Zettel in ihrer Hand, steckte ihn zurück in ihre Tasche und drückte auf die Klingel.

Die brünette Frau, die die Tür öffnete, war jünger, als Aubrey erwartet hatte, und sehr attraktiv.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie freundlich.

Aubrey streckte eine Hand aus. „Ich bin Aubrey Renforth – Darrens Schwester.“

„Ach.“ Harpers Augen weiteten sich überrascht, aber sie schüttelte Aubrey die Hand. „Ich bin Harper Ross – eine Freundin von Darren und Melissa. Sind Sie … ich meine … wissen Sie von dem Unfall?“

„Ich war ein paar Wochen verreist, bin aber sofort aufgebrochen, als ich davon erfahren habe.“

„Und ich nehme an, Sie sind nicht vorbeigekommen, um auf der Veranda zu stehen, oder?“, witzelte Harper und trat zur Seite, damit Aubrey die großzügige Eingangsdiele betreten konnte. „Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“, fragte Harper auf dem Weg in die Küche. Sie öffnete den Kühlschrank. „Wir haben Limonade und Eistee.“

„Nein danke.“

„Tut mir leid, dass Sie nicht über die Beerdigung informiert wurden“, sagte Harper entschuldigend. Sie setzte sich an die Kücheninsel und zeigte auf einen leeren Hocker. „Leider wusste niemand, wie Sie zu erreichen sind.“

Aubrey senkte den Blick. „Mein Bruder und ich hatten seit Jahren keinen Kontakt mehr.“

„Ihr Verlust tut mir sehr leid.“

Aubrey nickte. „Aber trotz allem, was passiert ist – Blut ist immer dicker als Wasser, nicht wahr?“

Harper wusste nicht, was sie von dieser Bemerkung halten sollte. „Sind Sie hier, um Oliver zu besuchen?“

„Das wäre schon mal ein Anfang.“

Harper fand auch diese Bemerkung sehr kryptisch. Doch ob blutsverwandt oder nicht – sie wollte ein bisschen mehr über die Frau erfahren, bevor sie sie mit Oliver bekannt machte. Sie nahm zwei Gläser aus dem Schrank und füllte sie mit Eistee, um Zeit zu gewinnen.

„Wo ist mein Neffe?“, fragte die Besucherin eifrig. Sie konnte es offensichtlich nicht erwarten, Oliver zu sehen.

„Er hält gerade Mittagsschlaf.“

„Ach so.“ Aubrey verschränkte die Hände auf dem Tresen.

Harper fielen die Ringe an ihrem Finger auf: ein breiter goldener Ehering und ein Verlobungsring mit mehreren Diamanten. Ihre Finger waren dünn und zart, und ihre Haut war so hell, dass die Venen durchschimmerten.

Darren war groß gewachsen und kräftig gewesen. Auf den ersten Blick konnte Harper keine Ähnlichkeit mit der zarten Aubrey feststellen, aber dafür eine gewisse Ähnlichkeit mit Oliver.

„Sie verstehen doch bestimmt, dass das hier eine sehr schwierige Zeit für Oliver ist. Für uns alle.“

„Ich trauere ebenfalls“, erwiderte Aubrey.

„Ich weiß. Aber ich muss Sie fragen – wann haben Sie Ihren Bruder zuletzt gesehen?“

Die andere Frau senkte wieder den Blick. „Vor achtzehn Jahren“, gestand sie leise. „Ich war selbst erst achtzehn, als ich Charisma verlassen habe, um aufs Presbyterian College in South Carolina zu gehen. Dort bin ich Jeremy begegnet, und wir haben uns ineinander verliebt. Ich habe ihn zu Thanksgiving mit nach Hause gebracht, aber er war älter – und geschieden –, und meine Eltern waren gegen die Beziehung.“

„Ein paar Wochen nach Neujahr hat Jeremy einen Job in Washington gekriegt und mich gefragt, ob ich mitkommen wollte. Meine Eltern haben mir das verboten, aber ich war volljährig und auf ihre Erlaubnis nicht angewiesen, was ich ihnen auch gesagt habe. Meine Mutter war der Meinung, wenn ich trotzdem mit ihm mitgehen würde, bräuchte ich nie wieder zurückzukommen. Und daran habe ich mich gehalten.“

Harper trank einen Schluck Tee. „Achtzehn Jahre sind eine lange Zeit.“

„Das stimmt.“ Aubrey klang, als bedaure sie die Funkstille aufrichtig. „Es war nie meine Absicht, mich so lange nicht zu melden, aber die Jahre sind so schnell vergangen.“

„Leben Sie immer noch in Washington?“

„Nein, wir sind vor fünf Jahren nach Virginia gezogen. Wir wohnen jetzt in der Nähe von Martinsville.“

Harper fragte sich, warum diese Frau keine hundert Meilen entfernt lebte, es aber nie geschafft hatte, ihren Bruder und seine Familie zu besuchen. Doch noch beunruhigender war die Tatsache, dass sie sich jetzt die Mühe machte.

Aubrey wischte das Kondenswasser von ihrem Glas. „Wann kann ich ihn … Oliver sehen?“

„Er wacht bestimmt bald auf.“

Wie auf ein Stichwort hörte Harper durch das Babyfon, dass Oliver sich regte.

„Das ist er, oder?“, fragte Aubrey erfreut.

Harper wusste, dass sie weder einen Grund noch das Recht hatte, der anderen Frau den Zugang zu ihrem Neffen zu verwehren, aber irgendwie hatte sie ein mulmiges Gefühl. Nur widerstrebend führte sie Aubrey in Olivers Zimmer, wo der Kleine fröhlich vor sich hin brabbelte. Als sie durch die Tür spähte, zog er sich an den Gitterstäben hoch und hüpfte auf und ab. „Arm, Arm, Arm!“, rief er.

Harper lächelte. „Ich hole dich ja schon.“

Sein Blick wanderte an ihr vorbei zu Aubrey, und sein Lächeln erlosch.

„Das ist deine Tante Aubrey“, erklärte Harper. „Daddys Schwester.“

Olivers Lächeln kehrte zurück. „Da-da-da.“

Harper strich ihm zärtlich eine Locke aus der Stirn. „Du bist ein kluger Junge, nicht wahr?“

„Da-da-da“, wiederholte er.

„Darf ich?“, fragte Aubrey und streckte die Arme nach ihm aus.

Da Oliver eher neugierig als verunsichert wirkte, zuckte Harper nur die Achseln und trat einen Schritt zur Seite. „Klar.“

„Hallo, Oliver.“ Tränen schimmerten in den Augen der anderen Frau, als sie langsam auf das Baby zuging. „Hast du gut geschlafen?“

„Arm!“, verlangte Oliver.

Lächelnd hob Aubrey ihn aus dem Bettchen. „Du bist ja schon ein richtig großer Junge. Ganz wie dein Daddy.“

„Da-da-da.“

Seine Tante legte eine Hand unter seinen Po. „Ich glaube, er braucht eine frische Windel.“

„Kann gut sein.“ Harper streckte die Arme nach dem Baby aus.

„Ich mach das gern.“ Aubrey ging schon Richtung Wickeltisch.

„Okay“, stimmte ihr Harper wohl oder übel zu.

Unschlüssig blieb sie hinter Aubrey stehen, die das Baby sanft auf die Wickelunterlage legte. Sie schien sich gut mit Babys auszukennen, doch irgendwie widerstrebte Harper ihr besitzergreifendes Verhalten.

Aubrey wechselte die Windel rasch und geschickt. Sie dachte sogar daran, den Kleinen zuzudecken, damit die kühle Luft keinen Reflex auslöste. Harper hatte eine Ewigkeit gebraucht, um sich das zu merken.

„Sie haben anscheinend viel Erfahrung“, sagte sie.

„Ich liebe Babys.“

„Haben Sie eigene Kinder?“

Olivers Tante schüttelte den Kopf und warf die schmutzige Windel in den Eimer neben dem Wickeltisch. „Jeremy – mein Mann – hat vier Kinder aus erster Ehe, aber wir haben keine gemeinsamen.“

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